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-The Project Gutenberg EBook of Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der
-Poesie., by Wilhelm Bölsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie.
- Prolegomena einer realistischen Aesthetik
-
-Author: Wilhelm Bölsche
-
-Release Date: April 22, 2016 [EBook #51835]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTLICHEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
-
- Im Original kursiver Text ist _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-
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-
- Die naturwissenschaftlichen
-
- Grundlagen der Poesie.
-
- Prolegomena
-
- einer realistischen Aesthetik
-
- von
-
- Wilhelm Bölsche.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig,
- Verlag von Carl Reissner.
- 1887.
-
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-Vorwort.
-
-
-Die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien behandeln in
-selbstständiger Abrundung das, was nach meiner Ueberzeugung im
-ersten Buche jeder neuen, unserm modernen Streben gerecht werdenden
-Aesthetik seine Stelle finden müsste. Realistisch nenne ich diese
-Aesthetik, weil sie unserm gegenwärtigen Denken entsprechend nicht vom
-metaphysischen Standpuncte, sondern vom realen, durch vorurtheilsfreie
-Forschung bezeichneten ausgehen soll. Wie ich mir die Rolle des
-besonnenen Realismus in unserer Literatur denke, ist im ersten Capitel
-ausführlich entwickelt; die übrigen behandeln einzelne Probleme, an
-denen der Naturforscher und der Dichter gleich grossen Antheil nehmen.
-Zurückweisen muss ich im Voraus alle Uebertreibungen, die man von
-unberufener Seite an das Wort Realismus geknüpft hat. Der Realismus
-ist nicht gekommen, die bestehende Literatur in wüster Revolution zu
-zerstören, sondern er bedeutet das einfache Resultat einer langsamen
-Fortentwickelung, wie die gewaltige Machtstellung der modernen
-Naturwissenschaften es nicht mehr und nicht minder ist. Jene Utopien
-von einer Literatur der Kraft und der Leidenschaft, die in jähem
-Anprall unsere Literatur der Convenienz und der sanften Bemäntelung
-wegfegen soll, bedeuten mir gar nichts; was ich von dem aufwachsenden
-Dichtergeschlecht fordere und hoffe, ist eine geschickte Bethätigung
-besseren Wissens auf psychologischem Gebiete, besserer Beobachtung,
-gesunderen Empfindens, und die Grundlage dazu ist Fühlung mit den
-Naturwissenschaften. Leichte Plaudereien, wie sie der Spalte eines
-Feuilletons ziemen, wird der Leser vergebens auf diesen Blättern
-suchen, weder unfeines Schmähen noch kritiklose Verhimmelung rechne ich
-unter die nothwendigen Requisiten der neuen Sache. Die jungen Kräfte,
-die jetzt so viel Lärm machen, werden schon allein ihren Weg gehen;
-ich aber möchte durch eine anständige Polemik sowohl wie durch einen
-anständigen Vortrag überhaupt auch zu denen reden, die im Banne älterer
-Anschauungen jede Form realistischen Fortschritts mit zweifelndem Auge
-betrachten.
-
- +Berlin+, im Winter 1886.
-
- =Wilhelm Bölsche.=
-
-
-
-
-Erstes Capitel.
-
-Die versöhnende Tendenz des Realismus.
-
-
-Durch die gesammte -- und nicht zum Wenigsten die deutsche -- Literatur
-geht seit einiger Zeit eine lebhafte Bewegung. Die Schaufenster
-der Buchhandlungen wie die Spalten der Journale sind überfüllt mit
-Streitschriften und Streitartikeln, die bereits durch die Kühnheit
-der Titel von der Hitze der Kämpfenden Zeugniss ablegen. Aber auch
-abgesehen von diesen Kundgebungen der eigentlichen Ritter des Tourniers
-fühlt sich jeder Einzelne im grossen Publicum mehr oder weniger
-berufen, seinen Wahlzettel in die Urne zu werfen. Denn das Wort ist
-gefunden, welches in neun Buchstaben die Loosung des Ganzen enthüllen
-soll. Dieses schicksalsschwere Wort heisst Realismus.
-
-Für die eine Partei ein goldenes Wort, eins aus jener Reihe
-unvergänglicher Schlagwörter, die mit ihrer prächtigen Kürze gleichsam
-die Stenographie der Culturgeschichte darstellen, -- ist es der andern
-ein Gräuel, ein Hemmniss aller Fortentwicklung, der Name einer bösen,
-wenn auch glücklicherweise vergänglichen Krankheit.
-
-Revolution der Literatur für jene, Aufdämmern eines neuen Tages, weit
-heller und strahlender noch als der junge Morgen, der sich einst in dem
-klaren Auge Lessing's spiegelte und durch dessen weichende Frühnebel
-der rasselnde Schritt des eisernen Ritters von Berlichingen erklang,
-ist dieser die gleiche Erscheinung, die hässliche Brandröthe eines
-Zerstörungskampfes, das Blutmal am Himmel, das über der Stätte des
-Mordens und Brennens plündernder Vandalenhorden loht, es fehlt nicht an
-alten Fritzen, die im Sanssouci ihrer unerschütterlichen Kunsttheorieen
-zweifelnd die schönen, geraden Terrassen und Orangerieen abschreiten
-und sich kopfschüttelnd fragen: Was soll der Lärm?
-
-Verbrüderung aller nationalen Literaturen durch die Blutsgemeinschaft
-gleicher Methode für die Schwärmer, erscheint den Skeptikern der ganze
-Aufstand bei uns in Deutschland nur als der feige Abklatsch einer
-widerwärtigen Krankheitserscheinung im schlechteren, in alter Sünde
-absterbenden oder in unwissender Roheit der Halbbildung haltlos hin
-und her schwankenden Nachbarlande, und, dem Franzosen gleich, der das
-deutsche Bier als fremdes Gift verbannen möchte, wäre ihnen nichts
-lieber, als eine literarische Grenzsperre für alle fremden Einflüsse.
-
-Und endlich, was das Seltsamste ist: während die Einen glauben, der
-Reinheit ihrer Gesinnung und dem Genius poetischer Sittlichkeit nicht
-besser dienen zu können, als in dem Gewande der neuen Ritterschaft,
-meinen die Andern das Schwert gegen diese erheben zu müssen zum Schutze
-der unschuldigen Gemüther in der Welt, zum Schutze ihrer Söhne und
-Töchter, denen der weihende Tempel des dichterischen Ideals kein
-Sündenhaus werden soll und keine Schnapsschenke.
-
-Jeder Vernünftige sieht, dass unter dem einen Worte Realismus
-thatsächlich nicht immer das Gleiche verstanden wird und dass sich hier
-Begriffe mischen, die strenge Sonderung fordern. Es fehlt denn auch
-nicht an besonneneren Stimmen, die sich bemühen, Realismus in einer
-Weise zu definiren, die jeden gröberen Irrthum ausschliesst.
-
-Ich gebe diese Definition zunächst in möglichst allgemeiner Fassung
-wieder, um später den speciellen Punct herauszugreifen, dem ich eine
-eingehendere Betrachtung zu widmen gedenke.
-
-Die Basis unseres gesammten modernen Denkens bilden die
-Naturwissenschaften. Wir hören täglich mehr auf, die Welt und die
-Menschen nach metaphysischen Gesichtspuncten zu betrachten, die
-Erscheinungen der Natur selbst haben uns allmählich das Bild einer
-unerschütterlichen Gesetzmässigkeit alles kosmischen Geschehens
-eingeprägt, dessen letzte Gründe wir nicht kennen, von dessen
-lebendiger Bethätigung wir aber unausgesetzt Zeuge sind. Das vornehmste
-Object naturwissenschaftlicher Forschung ist dabei selbstverständlich
-der Mensch geblieben, und es ist der fortschreitenden Wissenschaft
-gelungen, über das Wesen seiner geistigen und körperlichen Existenz
-ein ausserordentlich grosses Thatsachenmaterial festzustellen, das
-noch mit jeder Stunde wächst, aber bereits jetzt von einer derartigen
-beweisenden Kraft ist, dass die gesammten älteren Vorstellungen,
-die sich die Menschheit von ihrer eigenen Natur auf Grund weniger
-exacter Forschung gebildet, in den entscheidendsten Puncten über
-den Haufen geworfen werden. Da, wo diese ältern Ansichten sich
-während der Dauer ihrer langen Alleinherrschaft mit andern Gebieten
-menschlicher Geistesthätigkeit eng verknotet hatten, bedeutete dieser
-Sturz nothwendig eine gänzliche Umbildung und Neugestaltung auch
-auf diesen verwandten Gebieten. Das bekannteste Beispiel hierfür
-ist die Religion, deren einseitig dogmatischer Theil durch die
-Naturwissenschaften zersetzt und zu völliger Umwandlung gezwungen
-wurde. Ein zweites Gebiet aber, das auch wesentlich in Frage kommt,
-ist die Poesie. Welche besondern Zwecke diese auch immer verfolgen
-mag und wie sehr sie in ihrem innersten Wesen sich von den exacten
-Naturwissenschaften unterscheiden mag, -- eine Sonderung, die wir so
-wenig, wie die Sonderstellung einer vernünftigen Religion, antasten, --
-ganz unbezweifelbar hat sie unausgesetzt, um zu ihren besondern Zielen
-zu gelangen, mit Menschen und Naturerscheinungen zu thun und zwar, so
-fern sie im Geringsten gewissenhafte Poesie, also Poesie im echten und
-edeln Sinne und nicht ein Fabuliren für Kinder sein will, mit eben
-denselben Menschen und Naturerscheinungen, von denen die Wissenschaft
-uns gegenwärtig jenen Schatz sicherer Erkenntnisse darbietet.
-Nothwendig muss sie auch von letzteren Notiz nehmen und frühere irrige
-Grundanschauungen fahren lassen. Es kann ihr, was Jedermann einsieht,
-von dem Puncte ab, wo das Dasein von Gespenstern wissenschaftlich
-widerlegt ist, nicht mehr gestattet werden, dass sie zum Zwecke
-irgend welcher Aufklärung einen Geist aus dem Jenseits erscheinen
-lässt, weil sie sich sonst durchaus lächerlich und verächtlich machen
-würde. Es kann ihr, was zwar nicht so bekannt, aber ebenso wahr ist,
-auch nicht mehr ungerügt hingehen, wenn sie eine Psychologie bei
-den lebendigen Figuren ihrer Erzeugnisse verwerthet, die durch die
-Fortschritte der modernen wissenschaftlichen Psychologie entschieden
-als falsch dargethan ist. Eine Anpassung an die neuen Resultate der
-Forschung ist durchweg das Einfachste, was man verlangen kann. Der
-gesunde Realismus ermöglicht diese Anpassung. Indem er einerseits die
-hohen Güter der Poesie wahrt, ersetzt er andererseits die veralteten
-Grundanschauungen in geschicktem Umtausch durch neue, der exacten
-Wissenschaft entsprechende. Mit Genugthuung gewahrt er dabei, dass
-die neuen Stützen nicht nur relativ, sondern auch absolut besser
-sind, als die alten, und dass er bei Gelegenheit dieser Anpassung
-der Poesie ein frisches Lebensprincip zuführt, das nach vollkommener
-Eingewöhnung höchstwahrscheinlich ganz neue Blüthen am edeln Stamme
-des dichterischen Schaffens zeitigen wird, die vormals Niemand ahnen
-konnte. Das ist in abstracter Kürze die eigentlich verstandesgemässe
-Definition des Realismus.
-
-So rund ausgesprochen, hat die Forderung, die darin liegt, alle
-Eigenschaften, um den Kritiker oder Dichter, dem die Poesie als ein
-leuchtendes Palladium der Menschheit, das jede Zeit auf den höchsten
-Platz ihres intellectuellen Könnens zu stellen verpflichtet sein soll,
-eine wahre Herzenssache ist, zu ernstem, wohlwollendem Nachdenken zu
-zwingen.
-
-Angesichts der gestellten Wahl muss er die ganze, schwere Verantwortung
-empfinden, die in einem leichtsinnig heraufbeschworenen Streite
-zwischen Poesie und Naturwissenschaften läge. Er wird sich nicht stören
-an die werthlose Phrase, dass ein solcher Conflict nothwendig im
-Wesen der beiden Geistesgebiete begründet sei. Er wird vielmehr den
-Blick haften lassen auf den starken Meistern der Vergangenheit, auf
-dem heldenkühnen Ringen Schiller's, die Wahrheiten der Philosophie,
-die doch in der speciellen Form auch mit dem Wissen zusammen fiel, dem
-poetischen Ideal zu vermählen, auf dem unablässigen Forschen Göthe's,
-der in den Wahlverwandtschaften -- fehlerhaft vielleicht, aber doch
-in sicherem Ahnen der Methode -- die Arbeit des Forschers auf dem
-Gebiete der Seelenkunde im Dichterwerke zu verwerthen suchte, auf dem
-lichten Bau der physischen Weltbeschreibung des greisen Alexander von
-Humboldt, in deren kosmischem Rahmen unter der Form der dichterischen
-Naturanschauung die ganze Poesie mit Leichtigkeit eine Stelle gefunden
-hätte. Dürfen wir stehen bleiben, wo jene, denen die ganze Fülle
-unserer Offenbarung im Naturgebiete noch versagt war, unentwegt den
-Wanderstab zum Vorwärtsschreiten ansetzten? Gewiss steckt in den
-erhitzten Parteien des Tages die lebhafteste Neigung zu schwerem
-Kampfe; sollen wir die einzige noch mögliche Gelegenheit zur Versöhnung
-zurückweisen, -- zu einer Versöhnung, die vielleicht zugleich einen
-Fortschritt für die Poesie bedeutet?
-
-Ich meine, so, wie die Frage gestellt ist, giebt es nur eine Antwort.
-Es handelt sich nicht um Namen, um Nationalitäten, um Meister und
-Jünger einer Schule, sondern um zwei Dinge, die vor aller Augen sind:
-eine Wissenschaft, die energisch vorgeht und neue Begriffe schafft,
-und eine Literatur, die zurückbleibt, und mit Begriffen arbeitet, die
-keinen Sinn und Verstand mehr haben. Thatsächlich hat denn auch ein
-beträchtlicher Theil unserer modernen Dichter die richtige Antwort
-gefunden, und es kommt hier nicht darauf an, ob Dieser ernste und
-wohlüberlegte Entschlüsse daran angeknüpft oder Jener bloss in
-kindlicher Freude ein polizeiwidrig lautes Jubelgeschrei über sein
-findiges Genie dazu ausgestossen hat. Man hat sich geeinigt über den
-Satz: Wir müssen uns dem Naturforscher nähern, müssen unsere Ideen auf
-Grund seiner Resultate durchsehen und das Veraltete ausmerzen.
-
-Das Erste, worauf man im Verfolgen dieses Gedankens kam, war ein Satz,
-der ebenso einfach und selbstverständlich war, wie er paradox klang.
-Jede poetische Schöpfung, die sich bemüht, die Linien des Natürlichen
-und Möglichen nicht zu überschreiten und die Dinge logisch sich
-entwickeln zu lassen, ist vom Standpuncte der Wissenschaft betrachtet
-nichts mehr und nichts minder als ein einfaches, in der Phantasie
-durchgeführtes Experiment, das Wort Experiment im buchstäblichen,
-wissenschaftlichen Sinne genommen.
-
-Daher der Name »Experimental-Roman«, und daher eine ungeheuerliche
-Begriffsverwirrung bei allen Kritikern und Poeten, die weder wussten,
-was man unter einem wissenschaftlichen Experimente, noch was man unter
-dichterischer Thätigkeit verstand. Der Mann, der das Wort populär
-gemacht hat, Zola, ist selbst unschuldig an der Verwirrung der Geister.
-Nur hat auch er den Fehler nebenher begangen, die Definition eines
-Kunstwerks als Experiment nicht einzuschränken durch die Worte »vom
-wissenschaftlichen Standpuncte aus«, womit alles klarer und einfacher
-wird. Vom moralischen Standpuncte beispielsweise will die Definition
-gar nichts besagen, denn was ist moralisch ein »Experiment«? Aber
-wissenschaftlich passt die Sache. Sehen wir das unheimliche Wort näher
-an.
-
-Der Dichter, der Menschen, deren Eigenschaften er sich möglichst genau
-ausmalt, durch die Macht der Umstände in alle möglichen Conflicte
-gerathen und unter Bethätigung jener Eigenschaften als Sieger oder
-Besiegte, umwandelnd oder umgewandelt, daraus hervorgehen oder darin
-untergehen lässt, ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der
-Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade
-bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen
-vor sich, keine Chemikalien. Aber, wie oben ausgesprochen ist, auch
-diese Menschen fallen in's Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre
-Leidenschaften, ihr Reagiren gegen äussere Umstände, das ganze Spiel
-ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet
-hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten
-hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen werthlosen
-Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen
-muss, ehe er an's Werk geht und Stoffe combinirt.
-
-Wer sich die Mühe nehmen will, einen ganz flüchtigen Blick auf das
-Beste zu werfen, was Shakespeare oder Schiller oder Göthe geschaffen,
-der wird den Faden des psychologischen Experiments in jeder dieser
-Dichtungen klar durchschimmern sehen. Bloss jene Voraussetzungen
-waren vielfach etwas andere, und hier ist denn eben der Punct, wo der
-Einfluss der modernen Wissenschaft sich als ein neues Element geltend
-machen und der Realismus, dessen Theorie wir zugegeben haben, practisch
-werden soll. Es gilt, neue Prämissen für die weitern Experimente,
-die wir machen wollen, aufzustellen oder besser, sie uns von der
-Naturwissenschaft aufstellen zu lassen. Hier aber, beim Eintritt in
-die Praxis, wird die ganze Sache sehr schwierig. Wir haben bisheran
-einer allgemeinen Erörterung Raum gegeben. Der allgemeine Zustand
-des Denkens in unserer Zeit und des Verhältnisses von Poesie und
-Forschung zu einander hat uns ein Geständniss abgezwungen, indem er
-uns ein Dilemma zeigte, aus dem es nur einen Ausweg gab. Wir haben uns
-einverstanden erklärt mit der versöhnlichen Richtung eines gesunden
-Realismus und sind vorgedrungen bis an den Fleck, wo die Berührung der
-exacten Wissenschaften mit derjenigen Definition der Poesie, die von
-allen am wissenschaftlichsten klingt, endlich stattfinden soll. Alle
-Vorfragen sind damit erledigt, und ich trete jetzt an das heran, was
-eigentlich den Kern des Ganzen ausmacht und zugleich ein solches Gewebe
-ernster Schwierigkeiten aufweist, dass ich eine eingehende Betrachtung
-derselben für die nothwendige Basis jeder realistischen Dichtung
-sowohl, wie jeder realistischen Aesthetik halte.
-
-Die Prämissen des poetischen Experiments: das sagt in einem Worte
-alles. Hier verknoten sich Naturwissenschaft und Poesie.
-
-Wohlverstanden: diese Prämissen umschliessen nicht die Naturgeschichte
-des poetischen Genius selbst, eine Sache, die ja auch in die Aesthetik
-hineingehört, die aber mit dem, was ich meine, direct nichts zu
-schaffen hat. Geniale Anlage muss der Mensch besitzen, um überhaupt als
-Dichter auftreten zu können, und zwar eine ganz bestimmte Form genialer
-Anlage, die sich von der für andere Geistesgebiete individuell
-unterscheidet. Jene andern Prämissen, die erworbenes Wissen darstellen,
-verhelfen ihm bloss in zweiter Instanz dazu, sein schöpferisches Wollen
-nach vernünftigen Gesetzen zu regeln und auch andern, nicht dichterisch
-Beanlagten durch das Medium der Logik einigermassen verständlich zu
-machen. Aber auch wenn wir alle Missverständnisse ausschliessen,
-bleibt die Sache immer noch sehr schwierig. Es mangelt zunächst
-gänzlich an brauchbaren Büchern, die dem Dichter einen vollkommenen
-Einblick in das verschaffen könnten, was ihm aus dem ungeheuren
-Bereiche der wissenschaftlichen Forschung über den Menschen zu wissen
-Noth thut. Die in ihren Resultaten so sehr werthvolle psychologische
-und physiologische Fachliteratur zeigt den Bestand des Materials nur
-in seiner äussersten Zersplitterung. Weit entfernt, die Arbeit des
-einsichtigen Dichters unter der Rubrik des psychologischen Experimentes
-entsprechend zu würdigen, zieht sich die Fachwissenschaft in den
-allermeisten Fällen vornehm zurück und überlässt die Verarbeitung ihres
-Materials für poetische Zwecke dem Philosophen, der unter zehn Fällen
-neunmal die Thatsachen unter dem Vorwande der Ordnung einfach fälscht.
-Statt der Wissenschaft Rechnung zu tragen, suchen schaffende Poesie wie
-Aesthetik dann ihre Prämissen durch Studium philosophischer Systeme zu
-gewinnen, und der Erfolg ist, dass wir unter dem Vorwande realistischer
-Annäherung an die Resultate der Forschung allenthalben einer
-Verherrlichung Hegel'scher Phrasen, Schopenhauer'scher Verbohrtheiten
-oder Hartmann'scher Willkür begegnen, die mit echter Wissensbasis wenig
-mehr zu schaffen haben, als die alten religiösen Ideen, so geistvoll
-sie auch im Einzelnen ersonnen sein mögen.
-
-Eine Anzahl vorsichtiger Geister, besonders ausübender Poeten,
-verschmäht mit Recht diese schwankende Brücke und stürzt sich kühn
-in die Detailmasse des exacten Fachwissens. Der Erfolg zeigt eine
-ernstliche Gefahr auch bei diesem Unterfangen. Die wissenschaftliche
-Psychologie und Physiologie sind durch Gründe, die Jedermann kennt,
-gezwungen, ihre Studien überwiegend am erkrankten Organismus zu machen,
-sie decken sich fast durchweg mit Psychiatrie und Pathologie. Der
-Dichter nun, der sich in berechtigtem Wissensdrange bei ihnen direct
-unterrichten will, sieht sich ohne sein Zuthun in die Atmosphäre der
-Clinic hineingezogen, er beginnt sein Augenmerk mehr und mehr von
-seinem eigentlichen Gegenstande, dem Gesunden, allgemein Menschlichen
-hinweg dem Abnormen zuzuwenden, und unversehends füllt er im Bestreben,
-die Prämissen seiner realistischen Kunst zu beachten, die Seiten seiner
-Werke mit den Prämissen dieser Prämissen, mit dem Beobachtungsmateriale
-selbst, aus dem er Schlüsse ziehen sollte, -- es entsteht jene
-Literatur des kranken Menschen, der Geistesstörungen, der schwierigen
-Entbindungen, der Gichtkranken, -- kurz, das, was eine nicht kleine
-Zahl unwissender Leute sich überhaupt unter Realismus vorstellt.
-
-Ich habe den Weg gezeigt, wie klar denkende Dichter auf diese Linie
-gerathen können, und bin weit davon entfernt, das blöde Gelächter
-der Menge bei Beurtheilung derselben zu theilen. Es sind keineswegs
-die kleinen, rasch zufriedenen Geister, die in solche heroischen
-Irrthümer verfallen, und der still vergnügte Poet, der im einsamen
-Kämmerlein von Sinnen und Minnen träumt, hat für gewöhnlich nur sehr
-problematische Kenntniss davon, welcher Riesenarbeit sich gerade der
-dichtende Genius unterzieht, der im treibenden Banne seiner Gedanken
-bis zum Unschönsten, was die Welt im gebräuchlichen Sinne hat, dem
-Krankensaale, vordringt. Ein Irrthum bleibt die Einseitigkeit darum
-doch. Die Krankheit kann nicht verlangen, den Raum der Gesundheit für
-sich in Anspruch nehmen zu wollen, das unausgesetzte Experimentiren mit
-dem Pathologischen, also dem ganz ausschliesslich Individuellen, das
-eine Ausnahme vom normalen Allgemeinzustande bildet, nimmt der Poesie
-ihren eigentlichsten Charakter und verführt den Leser zu Irrthümern
-aller Art, die hinterher den ganzen Realismus treffen.
-
-Ich halte es angesichts all' dieser Gefahren für durchaus an der Zeit,
-in einer übersichtlichen Darstellung diejenigen Puncte herauszuheben,
-die eigentlich in der Gesammtfülle des modernen naturwissenschaftlichen
-Materials als wahre Prämissen seiner Kunst den Dichter unmittelbar
-angehen. Ich möchte dabei ebensoweit von philosophischer Verwässerung
-wie von fachwissenschaftlicher Detailüberlastung entfernt bleiben.
-Was sich als Resultat der bisherigen objectiven Forschung ergiebt,
-möchte ich unter dem beständig beibehaltenen Gesichtspuncte der
-dichterischen Verwerthung klar darlegen. Das Metaphysische kann ich
-dabei nur streifen als nothwendigen Grenzbegriff des Physischen. Die
-Erkenntnisslehren der modernen Naturwissenschaft sind, wie schon
-gesagt, bisher in die weiten Kreise fast stets als Beiwerk in gewissen
-Systemen, als Stütze materialistischer oder pessimistischer oder sonst
-irgendwie auf einen Glauben getaufter Weltanschauungen verbreitet
-worden. All' diesen Bestrebungen stehe ich durchaus fern. Was der
-Poet sich über das innerste Wesen der kosmischen Erscheinungen denkt,
-ist seine Sache. Die Puncte, um die es sich für mich handelt, sind
-als Wissensgrundlagen massgebend für Alle, so gut wie das Wasser das
-Product zweier Elemente, des Wasserstoffs und des Sauerstoffs, für
-jeden vernünftigen Menschen bleibt, mag er nun im Puncte des Gemüthes
-Christ oder Jude oder Mohammedaner sein oder die heilige Materie
-anbeten.
-
-Es giebt Dinge darunter, die den Dichter stärker machen werden, als
-seine Vorgänger waren, wenn er sie in der rechten Weise beachtet.
-Es giebt auch Dinge, die ein zweischneidiges Schwert sind und mit
-aller Vorsicht behandelt werden wollen. Im Grossen und Ganzen kann
-ich nur sagen: eine echte realistische Dichtung ist kein leichter
-Scherz, es ist eine harte Arbeit. Die grossen Dichter vor uns haben
-das sämmtlich empfunden, die kommende Generation wird es möglicher
-Weise noch mehr fühlen. Einen Menschen bauen, der naturgeschichtlich
-echt ausschaut und doch sich so zum Typischen, zum Allgemeinen,
-zum Idealen erhebt, dass er im Stande ist, uns zu interessiren aus
-mehr als einem Gesichtspuncte, -- das ist zugleich das Höchste und
-das Schwerste, was der Genius schaffen kann. Wie so der Mensch Gott
-wird, ist darin enthalten, -- aber es wird jederzeit auch darin sich
-offenbaren, wie so er Gottes Knecht ist. Das Erhebendste dabei ist
-der Gedanke, dass die Kunst mit der Wissenschaft empor steigt. Wenn
-das nicht werden sollte, wenn diese Beiden fortan im Kampfe beharren
-sollten, wenn Ideal und Wirklichkeit sich gegenseitig ermatten sollten
-in hoffnungslosem, versöhnungslosem Zwiste: dann wären die Gegenwart,
-wie die Zukunft ein ödes Revier und die Mystiker hätten Recht, die
-vom Aufleben der Vergangenheit träumen. Es ist in Wahrheit nicht so.
-Ein gesunder Realismus genügt zur Versöhnung, und er erwächst uns von
-selbst aus dem Nebeneinanderschreiten der beiden grossen menschlichen
-Geistesgebiete. Dichtung um Dichtung, ästhetische Arbeit um ästhetische
-Arbeit, alle nach derselben Richtung gestimmt, müssen den Sieg
-anbahnen. Die rohe Brutalität, von der hitzige Köpfe träumen, wollen
-wir dabei gern entbehren, -- ich meine, die Wissenschaft ist dazu viel
-zu ernst und die Kunst viel zu sehr der Liebe und des klaren, blauen,
-herzerwärmenden Frühlingshimmels bedürftig.
-
-
-
-
-Zweites Capitel.
-
-Willensfreiheit.
-
-
-Ich will als Dichter einen Menschen, den ich in eine bestimmte Lage des
-Lebens gebracht habe, eine Handlung begehen lassen und zwar diejenige,
-welche ein wirklicher Mensch in gleicher Lage wahrscheinlich oder sogar
-sicher begehen würde.
-
-Ich will als Kritiker einer Dichtung beurtheilen, ob eine bestimmte
-Handlung, die ein bestimmter Held dieser Dichtung unter bestimmten
-Umständen begeht, wirklich richtig, das heisst den Gesetzen der
-Wirklichkeit entsprechend, erfunden ist.
-
-In beiden Fällen werde ich beim geringsten Nachdenken auf die
-allgemeine Frage der Willensfreiheit geführt.
-
-Diese Frage aber ist weder eine dichterische, noch eine philosophische,
-sondern eine naturwissenschaftliche. In ihr kreuzen sich die
-sämmtlichen Grundfragen der wissenschaftlichen Psychologie, und sie ist
-meiner Ansicht nach die erste und wichtigste Frage, mit der sich die
-Prämissen der realistischen Poesie und Aesthetik zu befassen haben.
-
-Die oberflächlichste Anschauung der wahren Dinge in der Welt lehrt,
-dass die menschliche Willensfreiheit nicht ist, was das Wort nahe
-legt: eine absolute Freiheit. Wir sehen nicht nur die Macht des
-Willens physikalisch beschränkt, sondern gewahren auch in dem
-eigenthümlichen Gefüge und Bau der Gedanken, die den Willen zu irgend
-etwas schliesslich als äussern Act entstehen lassen, beständig sehr
-eigenthümliche, subjective Factoren, die in uns sofort das Gefühl
-eines eingeschränkten Laufes der Gedankenketten entstehen lassen.
-Genau dieselbe Thatsache erweckt im Geiste verschiedener Menschen
-verschiedene Gedankenreihen, die oft den genau entgegengesetzten
-Willen hervorrufen. Eine unbewacht gelassene Casse ruft in einem
-Gewohnheitsdiebe den Gedanken und in directer Fortsetzung die Handlung
-des Stehlens, in einem seiner bisherigen Lebensbahn nach durchaus
-rechtlich gesinnten Menschen höchstens den Gedanken an eine Sicherung
-und Bewachung zur Verhütung eines Diebstahls hervor. Eine grosse Anzahl
-von Menschen ist zwar geneigt, gerade den Umstand hier für allgemeine
-Freiheit zu halten, dass der Eine so, der Andere anders handelt. Der
-Naturforscher wird sich sagen müssen, dass die gleiche äussere Sache
-nur einen verschiedenen innern Effect haben kann, weil sie offenbar
-in dem Innern der beiden geistigen Individuen auf eine ungleiche
-Disposition trifft, etwa wie in der Physik derselbe Funke, je nachdem
-er in eine Pulvertonne oder in ein Wasserfass fällt, sehr verschiedene
-Kräfte auslöst.
-
-Damit ist ein erster, roher Anhaltspunct für die Auffassung
-psychologischer Vorgänge gewonnen. Wenn ich als Dichter Menschen in
-Berührung mit äusseren Erscheinungen bringe, so wechselt nicht nur
-der Wille in den Handlungen der Person je nach den äusser'n Impulsen,
-sondern er ist auch subjectiv bei den Einzelnen verschieden je nach der
-Disposition des Geistes, die der Impuls bei Jedem findet.
-
-Die Physiologie giebt uns nun als nächsten Fortschritt über diesen
-ersten Punct weg die Thatsache an die Hand, dass jede Disposition des
-Geistes zugleich eine Disposition des stofflichen Untergrundes, des
-Gehirns, bedeutet.
-
-Die Frage, in welchem Causalitätsverhältniss diese Doppelerscheinungen
-der geistigen und stofflichen Disposition unter sich wohl stehen
-möchten, ob der Geist als solcher existire oder bloss eine subjective
-Rückansicht desselben Dinges sei, das wir äusserlich als Stoff,
-respective mechanische Kraft uns gegenüber stellen, geht uns hier als
-eine erkenntniss-theoretische, wissenschaftlich nicht lösbare gar
-nichts an. Was wir mit Händen greifen können, ist das Zusammenfallen
-jeder psychischen Erscheinung mit einer molecularen, jedes Gedankens
-mit einem ganz bestimmten physiologischen Ereignisse innerhalb
-des nervösen Centralorgans. Dieses leugnen, hiesse rundweg das
-Gehirn leugnen und die ganze überwältigende Masse künstlicher wie
-unfreiwilliger Beeinflussungen des psychischen Apparats, die man bei
-vivisecirten Thieren und verwundeten oder gehirnkranken Menschen
-durch stoffliche Umwandlungen in der Gehirnmasse hat entstehen sehen.
-Die Thatsache steht also unbezweifelbar fest: wir können behaupten,
-wenn bei einer bestimmten Person ein bestimmter äusserer Impuls eine
-bestimmte Disposition im Gedankengange des Betreffenden vorfindet, so
-ist diese Disposition zugleich etwas Stoffliches, eine Curve, Furche,
-reihenweise Gruppirung kleiner Theilchen, Schwingung der Molecüle
-nach einer bestimmten Richtung oder was man sich sonst denken will in
-der greifbaren Masse des Gehirns. Das oben gebrauchte Beispiel mag
-das zur Deutlichkeit nochmals illustriren. Gleicher äusserer Impuls:
-eine offene Casse. Erfolg bei dem einen Menschen unmittelbar und ohne
-Wahl eine moralisch verwerfliche Gedankenkette, die endigt mit der
-Handlung des Stehlens, bei dem andern ebenso unmittelbar eine gute,
-die ausläuft in die Handlung des Bewachens. Grund: der erste Mensch
-ist gewöhnt, schlecht zu handeln, seine Gedankenkette schlägt sofort
-eine bestimmte Richtung ein, die körperlich einem durch Gewohnheit tief
-ausgefahrenen Geleise entspricht, in das ein neu ankommender Wagen
-stets mit mechanischer Nothwendigkeit wieder hineinrollt; umgekehrt bei
-dem gewohnheitsmässig moralischen Menschen geräth die Ideenverbindung
-unmittelbar in eine ganz entgegengesetzte Linie, die schliesslich den
-umgekehrten Effect auslöst.
-
-Ich habe das Beispiel so nackt gewählt, wie möglich, -- ohne jeden
-Conflict, was nicht ausschliesst, dass es täglich so vorkäme. Wer oft
-gestohlen hat, stiehlt wieder; wer in moralischem Denken aufgewachsen
-ist, kommt für gewöhnlich gar nicht auf den Gedanken, zu stehlen;
-die Ideenkette lenkt ohne Ablenkungen besonderer Art, die ich hier
-vernachlässige, stets in dieselben Geleise ein. Das Wort Geleise
-dürfen wir unbedenklich anwenden, da ja ein stofflicher Vorgang stets
-mit unterläuft. Geschaffen hat die Geleise, wie sich Jeder schon zur
-einfachsten Erläuterung dazu sagt: die Gewohnheit. Jede Minute unseres
-Lebens bringt uns Beweise dafür, -- das Wort Gewohnheit, das uns
-beständig auf der Zunge schwebt, ist eben nur der Ausdruck des Factums,
-dass die mehrmals aufgestellten Gedankenketten sich ein derartig
-festes Bett in unserm Denkorgane graben, dass gewisse, nur entfernt
-daran gemahnende Impulse sie jedesmal mit zwingender Nothwendigkeit
-wieder hervorrufen und dieselbe Handlung als schliesslichen Effect
-daraus entstehen lassen. Je ausgefahrener die Geleise nach und nach
-werden, desto rascher und damit dem Bewusstsein desto undeutlicher
-saust der Gedanke hindurch, desto unmittelbarer lösen sich Impuls und
-Willenseffect ab, bis schliesslich der Gedanke gar nicht mehr bewusst
-wahrgenommen wird und die Handlung sich als rein mechanischer Reflex
-des Impulses darstellt, -- Erscheinungen, die wir täglich am Menschen
-beobachten können und die beim Thiere, dem die wenigen Eindrücke seines
-Lebens durch ihre regelmässige Wiederkehr fast alle in der genannten
-Weise constant und zur Quelle reiner Reflexhandlungen werden, die Regel
-bilden.
-
-Wenn es auf Grund eines ungeheuren Fortschrittes mikroskopischer
-Forschung möglich wäre, ein vollkommenes Bild eines beliebigen
-menschlichen Gehirns, das zu seinen Lebzeiten Gedanken gehegt hat, zu
-entwerfen, so würde man, wie immer das wahre Antlitz der Sache sich
-gestaltete, stets auf das schematische Bild einer Ebene kommen, die von
-Linien ungleicher Dicke durchkreuzt wird, von denen eine Anzahl nur
-matt angedeutet und halbverwischt, eine gewisse Zahl dagegen äusserst
-scharf und deutlich erschiene, und der Beschauer würde unmittelbar das
-Gefühl haben, dass es sich hier um ein Strassensystem handle, bei dem
-dasselbe obgewaltet, wie bei menschlichen Verkehrswegen: irgend ein
-äusserer Umstand hat mehrmals die Verkehrenden auf dieselbe Strasse
-geführt und, einmal ausgetreten, hat diese nun Alle, die nur entfernt
-nach derselben Richtung wollten, veranlasst, ihrer Linie und keiner
-andern zu folgen.
-
-Thatsächlich sind wir ja so weit nicht. Das Gehirn, welches wir kennen,
-bietet uns, was das unmittelbare Sehen anbelangt, ungefähr so viel
-Anhaltspuncte zur Kenntniss seiner innern Processe, wie dem Astronomen
-die Oberfläche des Planeten Mars. Wir erkennen auf dieser Länder
-und Meere, Canäle, die das Festland durchschneiden, atmosphärische
-Vorgänge, Wolken, Schnee, Eismassen am Pol; das Alles aber kommt so
-wenig über den groben Umriss hinaus, dass Objecte von der Grösse der
-Victoria-Nyanza noch gerade als Puncte wahrnehmbar sind.
-
-Unsere Anschauungen vom Wesen der ganzen Gedankenthätigkeit müssen
-wir, unfähig, die Maschine in ihre Rädchen auseinander zu nehmen
-und im todten Material zu studiren, abstrahiren aus dem Erfolge,
-aus der regelmässigen, positiv zu beobachtenden Wiederkehr gewisser
-gewohnheitsmässiger Gedankenreihen in uns selbst und den Handlungen,
-die wir täglich bei uns als Folgen dieser zwangsweisen Ideenketten
-wahrnehmen und bei Andern als solche voraussetzen dürfen. Immerhin ist
-diese Art der Beobachtung ein vollkommen guter Ersatz für jene.
-
-Für die Freiheit des Willens, von der wir ausgegangen sind, ist
-jedenfalls -- mögen wir nun physiologisch oder psychologisch zu unsern
-Resultaten gekommen sein -- in dem Bestehen der durch Gewohnheit
-gegrabenen Gedankenstrassen ein bedenkliches Hinderniss gegeben. Der
-Wille ist Endergebniss eines nicht gestörten, bis zu einer gewissen
-Intensität angeschwollenen Gedankens, -- wenn der Gedanke aber in
-seinem Flusse sich in den meisten Fällen einem gegrabenen Bette
-anschmiegen muss, so kann in allen diesen von einer Freiheit des
-endlichen Willens keine Rede mehr sein, und man braucht noch gar nicht
-auf jene oben erwähnten, ganz reflectorisch gewordenen Willensacte
-zurückzugehen, um auf Schritt und Tritt diesen einfacheren hemmenden
-Einflüssen zu begegnen.
-
-Die wichtigste Frage scheint also, um hier Klarheit zu schaffen, die
-nach der Natur der Gewohnheit zu sein. Es gilt festzustellen, was sich
-unter diesem Begriffe, der die Willensfreiheit in so frappanter Weise
-bedroht, für einzelne Factoren verstecken und ob in dem einen Worte,
-das der Gebrauch selbst geschaffen, nicht Verschiedenartiges sich
-birgt. Gewohnheit ist, so haben wir physiologisch definirt, langsame
-Einprägung einer bestimmten Furche (psychologisch: Denkrichtung) im
-Gehirn, die durch eine längere Folge gleichartiger Wahrnehmungen
-erzeugt wird. Woher kommt eine derartige Gleichartigkeit der
-Wahrnehmungen? Zunächst aus der Einrichtung der Natur, die uns trotz
-der unendlichen Fülle ihrer Erscheinungen doch gewisse Phänomene in
-ewiger Regelmässigkeit wiederkehren lässt, die beständig gleiche
-Wahrnehmungen in uns hervorrufen. In zweiter Linie aber aus einem
-Umstande, der den Culturmenschen mit verschwindenden Ausnahmen fest
-und unerbittlich umklammert hält: der Erziehung. Wir sind nicht
-neu geschaffene Wesen, die bloss die Natur sich gegenüber haben.
-Wir gehören einer Gesellschaft an, die ebenfalls aus Menschen mit
-einem, dem unsern ähnlichen Denkapparate besteht. Wir sind jung,
-die Tafel unseres Gehirnes ist noch kaum beschrieben. Jene Menschen,
-die vielleicht unsere Erzeuger, jedenfalls als Erwachsene unsere
-Meister sind, sind in ihrem Denken bereits erfüllt mit jenen festen
-Linien, jenen Geleisen des Gewohnten, und sie fühlen sich wohl dabei.
-Ihr Bemühen geht dahin, in unser Gehirn dieselben Linien zu prägen.
-Unfähig, unmittelbar zu wirken, beschreiten sie den Umweg durch die
-wiederholten Wahrnehmungen, aber in der Weise, dass sie bestimmte
-Wahrnehmungen -- eben jene, die ihren Gedankenlinien die bequemen
-sind -- auswählen und uns so lange einseitig vorführen, bis sich in
-unserm Gehirn die gleiche Linie, wie bei ihnen, gebildet hat und wir
-ihre wahren geistigen Kinder sind. Mit andern Worten heisst das: wir
-erhalten die grosse Masse unserer gewohnheitsmässigen Gedanken durch
-Unterricht, durch Schulung. Der Werth dessen, was uns vermittelst
-derselben im Gehirn eingeritzt wird, ist dabei ganz gleichgiltig, es
-kann die höchste Moral oder die äusserste Unmoral sein: von einem
-gewissen Puncte ab ist die Gedankenübertragung gelungen, die Linie
-angelegt, und es bedarf fortan nur der leisesten Aehnlichkeit in einer
-Wahrnehmung mit jenen früheren, um sofort den ganzen Gedankenapparat
-nach der eingeprägten Richtung hin in Thätigkeit zu setzen.[1]
-
- [1] Sehr lehrreich für das ganze Gebiet der Gedankenübertragung
- sind die _hypnotischen_ Experimente, die gewiss auch für
- den Dichter ein gewisses Interesse haben müssen. Ganz
- energisch aber ist zu verlangen, dass jeder Verwerthung
- derartiger Erscheinungen ein kritisches Verständniss und
- Studium vorausgehe. Es handelt sich hier durchaus nicht um
- ein Stück jener behaglichen Mystik, bei der alle Menschen,
- denen einmal etwas Unerklärliches vorgekommen, den Beruf
- fühlen, mitzusprechen, sondern um exacte wissenschaftliche
- Gegenstände, die, eben weil sie von der grössten Tragweite
- sind, auch die vorsichtigste Behandlung erfordern. Wen der
- Schleier des Unbegreiflichen allein verlocken sollte, der
- wird bei sorgfältiger Kenntnissnahme dann schon von selbst
- merken, wie wenig seine Neugier belohnt wird.
-
-Je tiefer diese Schulung geht, je reflectorischer die Ideenlinien
-arbeiten, desto mehr scheinen sie später ursprünglich mit dem
-Individuellen verwachsen und erlangen in Wörtern, wie Gewissen, Tact
-und ähnlichen, Bezeichnungen, die uns im Leben sehr oft geneigt machen,
-sie angeborene zu nennen, obwohl sie allem Anscheine nach durchweg
-erworbene, von aussen eingeprägte sind.
-
-Das Adjectivum »angeboren« aber, welches sich uns hier zwanglos in die
-Erörterung einmischt, führt uns unwillkürlich auf ein Zweites, das im
-Begriffe der Gewohnheit, wenn auch wahrscheinlich nicht dort, wo man es
-vermuthete, so doch anderswo steckt.
-
-Ein Vogel, den man im Zimmer fern von Seinesgleichen aufgezogen, zeigt
-bei nahendem Winter ein Bestreben, zu wandern. Hier kann nicht mehr
-von individueller Aneignung, von einer durch Gewohnheit erzielten
-Gedankenlinie, in die jedesmal beim Anblick fallenden Laubes oder
-sonstiger Erscheinungen des Wechsels der Jahreszeiten der Gedanke
-einlenkt, um schliesslich den Willen des Wanderns auszulösen, die
-Rede sein. Eben haben wir gesehen, dass die Function, das beständige
-Wahrnehmen gleicher Dinge allmählich eine körperliche und geistige
-Disposition, ein Geleise gewissermassen, schafft, das dann beim
-Nachfolgenden wie ein Organ die Function bestimmt; bei diesem geborenen
-Zugvogel ist offenbar die Umwandlung einer bestimmten Stelle des
-Denkapparates schon bei der Geburt mit allen andern Organen, die im
-embryonalen Leben nicht durch, sondern für die Function entstehen,
-angelegt worden und tritt jetzt beim geringsten dahin zielenden Impuls
-mit voller Kraft in Thätigkeit, indem sie den Vogel zwingt, beim ersten
-Anzeichen des Herbstes -- und sei es auch sein allererster, den er im
-individuellen Leben mitmacht -- eine Gedankenreihe zu verfolgen, die
-ihm bei menschlich klarem Bewusstsein wie eine Vision vorkommen würde,
-indem er Bilder von einem warmen Lande, wohin er wandern soll, denkt,
-die keine eigene Erfahrung ihm eingeben kann.
-
-Wir haben es hier mit einer Gewohnheit secundärer Art zu thun: --
-mit vererbten geistigen Linien. Jede geistige Gewohnheit bedingt
-etwas körperliches, einerlei, ob als Ursache oder als unvermeidliche
-Parallelerscheinung; dass körperliche Veränderungen sich vererben,
-wissen wir alle; es kann in Fällen wie dem genannten nicht anders
-sein, als dass sich hier eine Structurverschiebung des Gehirns, eine
-moleculare Disposition vererbt hat, deren unzertrennliche Begleiterin
-die psychische Erscheinung ist, die wir sehen. Zwischen dem Gehirn
-jenes Vogels und dem gewaltigen Verstandesapparate des Menschen aber
-besteht physiologisch wie psychologisch lediglich ein Unterschied des
-Grades, nicht der Art, -- es fragt sich: spielen auch beim Menschen
-ererbte Gedankenreihen eine Rolle, die sich unter dem allgemeinen
-Worte »Gewohnheit des Denkens« verbirgt? Bei der ungeheuren Masse
-von Eindrücken, die der Mensch im Gegensatz zu den meisten Thieren
-während der Dauer seiner individuellen Existenz empfängt und die trotz
-aller Macht der Gewohnheit gerade auf den höheren geistigen Gebieten
-durchweg nicht reflectorisch werden, nicht ganz aus dem Bewusstsein
-verschwinden, scheint es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass
-hier sehr viel vererbt werden sollte. Jedenfalls bestätigt die
-Erfahrung, dass Vererbung überwiegend dann stattfindet, wenn gewisse
-Gedankenketten über das gewöhnliche Mass hinaus sich eingebohrt
-haben, also beispielsweise bei einseitigem Genie, bei krankhaft
-eingewurzelten fixen Ideen, also fast oder ganz abnormen Zuständen,
--- und es scheint selbst hier, als vererbten sich nicht eigentliche
-Gedankenlinien, sondern nur gewisse Stimmungen des Untergrundes, wenn
-ich so sagen soll, gewisse Weichheiten oder Härten der Fläche, die den
-später durch Erziehung herantretenden Geleisen einen ungewöhnlichen
-Widerstand oder ein ungewöhnliches Entgegenkommen bewiesen. In der
-Empfänglichkeit des Gehirns für einzugrabende Linien überhaupt liegt
-ganz unbezweifelbar die eigentliche grosse Erbschaft, die der Mensch,
-der als solcher geboren wird, vor dem Thiere voraus hat; wer das exact
-beobachten will, vergleiche ein lernendes Kind mit einem lernenden
-Papageien. Wahrscheinlich ist dem Vogel der absolute Fortschritt gerade
-deshalb so erschwert, weil sein Gehirn von Jugend auf mit einer Reihe
-ererbter Linien (Instincte nennt es ein geläufiges Wort) durchsetzt
-ist, die den Boden hart gemacht haben für alles Neue; die wenigen
-ererbten Geisteslinien des Menschen, der Mangel an Instincten, wäre im
-Lichte dieser Anschauung dann vielleicht die Wiege seiner geistigen
-Entwicklungsfähigkeit, indem es ihm die Tafel für das Lernen frei
-hielte. Dass darum gewisse Instincte, ganz oder beinah reflectorische
-Geisteslinien, auch beim Menschen und zwar bei allen ohne Ausnahme
-als Erbe früherer, mehr thierischer Verhältnisse sich -- wenn auch
-bisweilen gleichsam verschüttet und von den tausend Erziehungslinien
-überdeckt -- vorfinden, ist nicht zu leugnen. Stark erregte Momente,
-Revolutionen, Hungersnoth, beständiger Anblick von Blut, sexuelle
-Ueberreizung lassen diese Instincte gelegentlich in roher und
-erschreckender Weise durchbrechen, und der Mensch handelt in solchen
-Momenten im Banne einer dämonischen Gehirnmacht, einer entfesselten
-psychisch-molecularen Bewegungswelle, die unvergleichlich mächtiger
-fortreisst, als alle individuell durch Erziehung erworbenen Moral-
-oder Unmorallinien, er handelt mit dem Instincte von Thierformen, die
-weit unten an der Schwelle des Menschlichen stehen und für uns nur
-noch in analogen Erscheinungen der jetzigen höheren Säugethierwelt zu
-studiren sind. Der Dichter, wie der Historiker müssen gerade diesen
-geheimnissvollen Vererbungslinien, deren Rolle im einzelnen Leben wie
-in der Geschichte sehr gross ist, mit Interesse nachgehen. Wünschen
-möchte man, dass gewisse dauernde Errungenschaften der menschlichen
-Cultur -- beispielsweise die Basis der Moral, das Mitleid -- mit der
-Zeit bereits reine Instincte geworden wären, die der Einzelne mit auf
-die Welt brächte. Man ist mitunter versucht, dergleichen zu glauben.
-Wenn ein Mensch, ohne eine Secunde zu zögern, einem Kinde, das in's
-Wasser gefallen ist, nachspringt und es rettet, so scheint hier eine
-Geisteskette vorzuliegen, die bereits ganz reflectorisch wirkt und wohl
-als solche vererbt werden könnte.
-
-Die Erfahrungen, die man andererseits an Kindern macht, die aus besten
-Bildungskreisen entspringen und doch, ehe sie durch Zucht selbst
-gebildet sind, nichts bethätigen als die alten thierischen Instincte,
-die mit ihrem roheren Egoismus dem Mitleid gerade zuwider laufen,
-verhindern alle derartigen optimistisch gefärbten Schlüsse.
-
-Beschränkt, wie unsere Kenntnisse von dem ganzen Gewebe der
-Vererbungsfragen gegenwärtig noch sind, müssen sie dem Dichter, der in
-ihnen das Material tragischer oder versöhnender Verknotungen sucht,
-eine starke Resignation und scharfe Kritik als Grundbedingung an's Herz
-legen. Rechnen soll er mit der Vererbungsfrage als Ganzem, das ist
-sicher. Aber er soll nicht spielen damit, sich nicht muthwillig auf
-Gebiete begeben, die der Fackel des Forschers selbst noch verschlossen
-sind. Die Zukunft wird erst zeigen können, wie eigentlich diese Dinge
-eingreifen in's Leben des Einzelnen, wie die Sünden und Vorzüge der
-Ahnen sich unmittelbar im Gehirne des Enkels rächen. Immerhin mag heute
-schon der grandiose Romancyklus von Zola eine durchdachte Vorahnung
-für das Kommende darstellen. Wenn man sich aber vergegenwärtigen will,
-welche zahllosen dichterischen Vorwürfe in dem Spiel der Ideenketten,
-an die Schule und erste Bildung uns schmieden, enthalten sind,
-so kann man im Grunde nur warnen vor dem einseitigen Betonen der
-Vererbungsconflicte, so lange die Physiologie noch nicht in festen
-Gesetzen die nöthigen Prämissen aufgestellt. Man soll sie beachten,
-wo man durch den Stoff nothwendig auf sie geführt wird, aber sie noch
-nicht in den Vordergrund drängen, wo es nicht durchaus nöthig ist.
-
-Die indirecte Vererbung, das unbrauchbare Alte, das uns in unserer
-Bildung, durch unsere Umgebung allenthalben belastend in's Gehirn
-gegraben wird, tausend begabte Köpfe im Kampfe mit dem lebendigen
-Neuen zu Tode hetzt, uns als unechte Religion, veraltete Moral,
-conventioneller Humbug, historische Entartung und was sonst noch
-alles, den Geist trübt und für die Ziele der Gegenwart blind macht:
-das ist durchschnittlich weit gefährlicher, als die dunklen chemischen
-und physikalischen Mächte, die hier oder dort eine Familie in allen
-Phasen des Wahnsinns untergehen lassen oder an den geschlechtlichen
-Fähigkeiten eines unschuldigen Nachkommen die sexuellen Verrücktheiten
-des Urgrossvaters rächen. Es sind harte, unerbittliche Gesetze im
-Einen, wie im Andern, aber im letztern Falle haben sie mehr von jener
-dunklen Tragic, die allem Geschehen der Natur geheimnissvoll zu Grunde
-liegt, im ersteren sehen wir den Kampf menschlich lebhafter und näher
-vor Augen, wir fühlen die Schmerzen, wie die Triumphe innerlich
-blutiger und siegesstolzer mit, weil wir mehr verstehen und stärker
-durchfühlen, dass die Sache auch einmal anders werden könnte durch
-unser Zuthun.
-
-Ich kehre zur eigentlichen Frage zurück. Gewohnheit umschliesst, so
-haben wir jetzt gesehen, zweierlei: Ererbtes und Erworbenes. Da das
-Letztere wenigstens beim normalen Culturmenschen mit zunehmendem Alter
-unausgesetzt wächst, so gleicht das Gehirn dieses Menschen schliesslich
-einer über und über beschriebenen Tafel, auf der sich gewisse Striche
-mehr und mehr verdickt haben, und die am Ende gar nichts ganz Neues
-mehr aufzunehmen im Stande ist, so dass der Geist wie ein geschickter
-Seiltänzer mehr oder weniger nur noch die vorgeschriebenen Stangen
-abklettert, je nachdem dieser oder jener äussere Anlass bei einer der
-ewig bereiten Endstationen anklopft.
-
-Eigentliches Leben in dieses an und für sich sehr einfache
-Gedankenspiel bringt aber nun eine Thatsache, die ich bisheran
-absichtlich vernachlässigt habe. Was wir durch Unterricht (sei es nun
-unmittelbarer durch das Leben oder mittelbarer in der Schule) an festen
-Gedankenlinien eingeprägt bekommen, steht weder immer im Einklange
-untereinander, noch mit dem, was durch die Vererbung an allgemeinen
-Instincten oder individuellen Neigungen in uns bereits bei der Geburt
-befestigt ist. Mit andern Worten: jene constanten Linien im Denkorgan
-kreuzen, hemmen, verwickeln sich vielfach, wodurch die einfachen
-Denkprocesse, die durch die Möglichkeit des Eingrabens fester Linien
-so bequem und bis zur Grenze des Reflectorischen glatt gemacht wurden,
-wiederum recht erschwert werden. Ich sehe ab von ganz krankhaften
-Erscheinungen. Man hat Fälle, wo eine Gedankenlinie eines Menschen
-von einem gewissen Puncte ab, ohne dass er sich dessen bewusst wurde,
-in eine ganz andere überging, so dass beim Versuche, den Gedankengang
-wieder zu geben, von einer Ecke ab jedesmal die Begriffe wie vertauscht
-waren. Hier waren offenbar zwei Linien in abnormer Weise verschmolzen,
-ein hochinteressanter, aber lediglich psychiatrischer Fall.
-
-Ich will jetzt versuchen, an einem consequent durchgeführten Beispiele
-genau den normalen Fall von sich widersprechenden Gedankenlinien
-aufzudecken. Es ist das um so wichtiger, als man gerade hier, im
-Widerstreite der Gedankenlinien, den schärfsten Beweis für eine
-metaphysisch beeinflusste Willensfreiheit zu finden geglaubt hat.
-
-Ich nehme an, einen Menschen trifft ein äusserer Sinneseindruck, --
-etwa der Anblick einer schönen Frau, die das Weib eines Andern ist,
-also ein Sinneseindruck, den das Auge in's Gehirn übermittelt, der dort
-zur geistigen Wahrnehmung wird und als solche gewisse Gedanken erregen
-muss, deren Lauf durch die vorhandenen Gewohnheitslinien bestimmt
-wird und deren endliches Resultat bei genügend starker Erregung ein
-Willensact, eine Handlung ist. Der Anblick einer körperlich reizenden
-Frau erweckt im Manne nothwendig zunächst die Gedankenketten,
-die um das Geschlechtliche gelagert sind. Diese können aber sehr
-verschiedener Art sein, von dem einen örtlichen Centrum können Furchen
-ganz entgegengesetzter Richtung und Tiefe ausstrahlen. Nehmen wir den
-Fall eines Menschen, der gar keine Bildung genossen hat, aber auch,
-vielleicht weil er eben erst geschlechtsreif geworden ist, im Bezug
-auf das Geschlechtliche noch durchaus keine feste Gewohnheitsfurche im
-Gehirn trägt. Bei ihm wird der erste Gedanke höchstwahrscheinlich die
-Vererbungsfurche, die den instinctiven Fortpflanzungstrieb als uraltes
-Erbe stets neu zeitigt, einschlagen, ein Kampf ist ausgeschlossen, da
-nur diese einzige Linie vorhanden ist, aber der aus der angeregten
-Gedankenkette hervorgehende Wille wird etwas Unklares, Reflectorisches
-haben, das sich dämonisch Bahn bricht, aber dem Bewusstsein selbst fast
-ganz entzogen ist.
-
-Zweiter Fall: der Mensch ist ein geübter und geriebener Don Juan. Im
-Worte liegt schon enthalten, dass bei diesem Typus sich in der für
-das Geschlechtliche reservirten Gegend des Gehirns nicht bloss die
-instinctive Vererbungs-Furche, sondern daneben noch eine sehr tief
-ausgefahrene Aneignungs-Furche, ein durch Gewohnheit individuell
-scharf eingepflügtes Geleise findet, das beim Anblick des schönen
-Weibes eine grosse, aber dem Bewusstsein noch durchweg zugängliche
-Gedankenkette durchpassiren lässt, als deren Resultat ein sicherer,
-auf hundert Erfahrungen gestützter Wille entsteht, -- der Wille zur
-Verführung, der Wille zum geschlechtlichen Genuss, -- im Princip
-derselbe Wille, wie bei dem ersten Menschen, nur unendlich bewusster
-und dauernder. Ein Conflict findet -- moralische Bildung bei dem Typus
-des Don Juan ausgeschlossen -- auch hier nicht statt, die Wahrnehmung
-erregt nur eine einzige Ideenkette, die als Endresultat nur einen
-Willen kennt.
-
-Der dritte Fall aber, an den ich jetzt herantrete, ist der weitaus
-interessanteste, dichterisch jedenfalls der werthvollste. Ein Mensch
-soll eine ordentliche moralische Bildung genossen haben, dabei aber
-dem Geschlechtlichen nicht so fern geblieben sein, dass es nicht
-auch, abgesehen von der stets vorhandenen ererbten Linie, eine
-gewisse Spur in seinem Gehirn zurückgelassen hätte, die im Stande
-wäre, den Gedanken bei völliger Unbeeinflussung in Don Juanartige
-Gelüste zu treiben. Eine Disposition, wie diese, ist unter allen die
-verbreitetste. Ihr Ergebniss ist im vorliegenden Falle ein innerer
-Kampf. Die Wahrnehmung erweckt zwei Gedankenlinien, die moralische und
-die schlechthin sexuelle, von denen die eine als Endergebniss einen
-Willen erzeugen muss, der dem der andern durchaus entgegengesetzt ist.
-Die Moral verbietet, was die geschlechtliche Neigung verlangt. Beide
-Gedankenketten erscheinen vor dem Bewusstsein, -- eine freie Wahl ist
-diesem aber absolut versagt; es steht als indifferenter Zuschauer
-vor dem Kampfe der Gedanken um den Willen. Nur ein Wille kann als
-Endresultat hervortreten. So lange beide Ideenketten vollkommen gleich
-stark sind, heben sie sich gegenseitig im Puncte des Willens auf wie
-Plus und Minus. Rollt der eine Gedankenzug glatt durch sein Geleise
-bis zur Willensstation, so ist inzwischen der andere ebenso glatt dort
-angekommen und die Beiden verschliessen sich gegenseitig den Ausgang.
-Die Entscheidung, welche Linie siegt, kann sehr lange ausstehen. Ueber
-ihre Veranlassung herrschen vielfach die irrigsten Vorstellungen.
-Man denkt sich unwillkürlich, das Bewusstsein selbst, welches doch
-keinerlei mechanische Macht besitzt, könne durch einen metaphysischen
-Druck diesen oder jenen Willen zum Durchschlag bringen. Das wäre
-die reinste Hexerei. Die Entscheidung kommt vielmehr daher, von wo
-überhaupt alles Motorische nur kommen kann: von aussen, durch neue
-Wahrnehmungen, die während der Hemmung jener beiden Ketten in's Gehirn
-eintreten. Es fragt sich bei diesen, in welche der beiden Linien sie
-einlenken. Sind es zufällig sexuelle Eindrücke, die mit dem Streite
-sonst nichts zu schaffen haben, aber nothwendig in die geschlechtliche
-Linie gerathen, so graben sie dort die Furche ebenso nothwendig ein
-Minimum tiefer, und dieses Minimum genügt, grob sinnlich gesprochen, um
-dem sexuellen Gedankenzuge im Wettlaufe zum Willensziel einen Vorsprung
-zu geben und damit das Resultat zu entscheiden. Umgekehrt: nahen sich
-zufällig bei schwebendem Streite neue, moralische Wahrnehmungen, so
-siegt die Moral auch in jenem offenen Falle. Unendlich geringe Factoren
-haben hier die weittragendste Bedeutung. Ein zufälliges Wort, ein
-lebhaftes Erinnerungsbild, der Anblick irgend einer Situation, die
-unmittelbar alle nicht das Mindeste mit dem obwaltenden Gedankenzwist
-in der kritischen Sache zu thun haben, entscheidet mit mathematischer
-Gewissheit über den Sieg. In mancher bedeutenden Dichtung will es
-uns bei oberflächlicher Betrachtung fast störend und unlogisch
-erscheinen, dass lange Seelenkämpfe plötzlich durch einen vielleicht
-sehr geringfügigen äusserlichen Umstand zur jähen Entscheidung
-gebracht werden. Wer sicherer beobachtet hat, sieht gerade hierin den
-echten Spiegel des Wahren, und er wird in der Wahl jenes scheinbar
-geringfügigen Umstandes bei schärferem Hinblick stets etwas entdecken,
-was indirect einem der streitenden Gedanken des Helden nicht zufällig,
-sondern nothwendig den Sieg verleihen musste, selbst wenn es gar
-nicht direct an die Objecte des Seelenkampfes heranreichte. Es ist
-nichts weiter als der Tropfen Oel, der die eine Wagenaxe in der Arena
-geschmeidiger macht; aber dieser Tropfen ist die weihende Spende der
-Nike.
-
-Von diesem dritten Menschen giebt es tausend und abertausend Varianten.
-Die gegenseitige Hemmung und Beeinflussung der Gedankenketten ist es,
-die uns erst eigentlich das geistige Werden unserer Handlungen zum
-Bewusstsein bringt und verhindert, dass Impuls und Effect sich bloss
-reflectorisch auslösen. Man kann sagen, dass wir unserer Gedanken erst
-recht bewusst werden, wenn sie gehemmt sind und einander bekämpfen,
-etwa so, wie die Meeresfläche uns erst charakteristische Form gewinnt,
-wenn wir sie uns als ein Spiel sich brechender Wogen denken. Von einer
-freien Beeinflussung des Willens aber durch das Bewusstsein kann im
-buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Wir erhalten äussere Eindrücke,
-wir denken in gewissen vorgezogenen Linien, dieses Denken wird uns
-unter gewissen Bedingungen durch einen Act, dessen innerste Natur wir
-nicht ergründen können, bewusst: das ist alles. In diesen Verhältnissen
-liegen die Wurzeln unseres Glückes und unserer Schmerzen, unserer
-Fortschritte und unserer Rückschritte. Naturwissenschaftlich sind wir
-als ehrliche Beobachter gezwungen, die Bedingtheit aller menschlichen
-Willensacte der Art des geistigen Apparates gemäss als eine Thatsache
-auszusprechen, die weder juristische noch theologische Forderungen
-irgendwie erschüttern können.
-
-Diese Forderungen müssen sich mit der Thatsache abfinden. Die Genesis
-seiner Gedanken und Handlungen zugestanden, bleibt ja praktisch der
-Mensch mit lauter Gedankenketten, die im Verbrechen gipfeln, schlecht
-und strafbar und der Mensch, der durch den Zwang seiner Gehirnfurchen
-zu moralischem Denken und Thun gezwungen wird, gut.
-
-Für den Dichter aber scheint mir in der Thatsache der Willensunfreiheit
-der höchste Gewinn zu liegen. Ich wage es auszusprechen: wenn sie nicht
-bestände, wäre eine wahre realistische Dichtung überhaupt unmöglich.
-Erst indem wir uns dazu aufschwingen, im menschlichen Denken Gesetze
-zu ergründen, erst indem wir einsehen, dass eine menschliche Handlung,
-wie immer sie beschaffen sei, das restlose Ergebniss gewisser Factoren,
-einer äussern Veranlassung und einer innern Disposition, sein müsse und
-dass auch diese Disposition sich aus gegebenen Grössen ableiten lasse,
--- erst so können wir hoffen, jemals zu einer wahren mathematischen
-Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und
-Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie
-die Natur.
-
-Im Angesicht von Gesetzen können wir die Frage aufwerfen: Wie wird
-der Held meiner Dichtung unter diesen oder jenen Umständen handeln?
-Wir fragen zuerst: Wie wird er denken? Hier habe ich die äussere
-Ursache: was findet sie in ihm vor? Was liegt als Erbe in seinem
-Geistesapparate, was hat die Bildung und Uebung des Lebens darin
-angebahnt, welche fertigen Gedankenlinien wird jene äussere Thatsache
-erregen, wie werden diese sich hemmen oder befördern, welche wird
-siegen und den Willen schaffen, der die Handlung macht? Ich habe das
-Wort »mathematisch« gebraucht. Ja, eine derartige Dichtung wäre in der
-That eine Art von Mathematik, und indem sie es wäre, hätte sie ein
-Recht, ihr Phantasiewerk mit dem stolzen Namen eines psychologischen
-Experimentes zu bezeichnen.
-
-Ich glaube gezeigt zu haben, wie gross unsere Unkenntniss im Einzelnen
-besonders bei der Vererbungsfrage noch ist. Jene Dichtung, von der ich
-rede, ist in ihrer Vollendung noch ein Traum. Aber das soll uns nicht
-hindern, rüstig am grossen Bau mitzuschaffen. Einstweilen möge sich vor
-allem die Klarheit über die Hauptprobleme Bahn brechen. Der Dichter
-soll anfangen, sich bei der Unzahl von Phrasen etwas zu denken, die
-auf seinem Gebiete umherschwirren, die Sätze wie: »Es lag in ihm so zu
-handeln«, »Die Natur brach sich gewaltsam Bahn«, »Er fühlte etwas, was
-seinen Gedanken blitzschnell eine andere Richtung gab« und ähnliches,
-sollen ihm einen Inhalt bekommen, er soll einsehen, dass es im Geiste
-so wenig Sprünge giebt, wie bei einem festen Verkehrsnetz, wo jede
-alte Strasse so lange wie möglich benutzt wird und eine neue nicht
-von heute auf morgen gebaut wird, er soll endlich alle die grossen
-Namen: Schicksal, Erbsünde, Zufall und wie sie heissen mögen, im
-Einzelnen neu prüfen und auf die Principien hin modificiren, wo es Noth
-thut. Ich gebe hier keine Aesthetik, sondern beschränke mich auf die
-naturwissenschaftlichen Grundlagen, es liegt mir fern, in jene Fragen
-näher einzutreten, die sich daran anknüpfen. Man sagt wohl, die Poesie
-werde roh und alltäglich, wenn sie sich an die Fragen der Physiologie
-um Auskunft wende. Wenn ich die Probleme überblicke, auf die der Gang
-dieser Studie mich geführt hat, so weiss ich nicht, was das heissen
-soll. Diese Probleme sind die höchsten, die ich mir denken kann. Wir
-stehen dicht vor der Schwelle des Ewigen, des Unerreichten, und wandeln
-doch noch auf dem sicheren Boden der Wirklichkeit. Giebt es einen
-höheren Genuss?
-
-
-
-
-Drittes Capitel.
-
-Unsterblichkeit.
-
-
-Geheimnissvolles Wort, -- Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der
-Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume,
-ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an
-dieses Wort.
-
-Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im
-Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: -- die uralten Phantasieen
-des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine
-dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen
-vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten
-durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser,
-freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der
-helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir
-noch kein Ende sehen, -- und doch -- und doch. Das Wort Unsterblichkeit
-ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller
-Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit
-einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer
-Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller
-Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen
-des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen
-sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder
-emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten.
-Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen,
-ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre
-Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie
-scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht
-von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine
-einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von
-voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren
-physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma
-aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt
-unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich,
--- -- oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder
-Bedeutung, -- wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt
-wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite
-als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler
-liegt in dem »entweder -- oder«. Ich will versuchen, das exact zu
-entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst
-allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein
-will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit
-sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend
-wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen,
-ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir
-unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge
-finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch
-eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass,
-wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt
-habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den
-molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare
-Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch
-werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und
-Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier
-vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich
-der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur
-ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe,
-bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten
-Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene
-Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher
-Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in
-ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die
-erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je
-geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach
-einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine.
-Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die
-sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung
-für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente
-des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes
-verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze
-auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist
-vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes:
-Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das
-Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss
-sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes.
-Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass
-noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische
-Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind,
-und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt
-mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie
-es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt
-wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem
-Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten
-Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen
-versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was
-in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört,
-kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der
-Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich
-bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen,
-die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte
-Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im
-Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten
-schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen
-des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.«
-Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und
-geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als
-Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts
-besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die
-nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen
-möchte.
-
-Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht
-nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den
-Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht
-der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den
-Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das
-ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher
-machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die
-Vergangenheit ist.
-
-Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich
-kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form
-gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten,
-an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden
-ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen
-können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre
-damit ein Ziel gesetzt.
-
-Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der
-Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen
-Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen
-Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die
-Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen,
-wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch
-dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die
-psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der
-physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim
-Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne.
-
-Mit Entschiedenheit muss ich mich nun aber gegen die zweite Hälfte
-jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode
-ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe
-Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines
-Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch
-lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles«
-wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen
-Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz
-scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische
-Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die
-sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist
-ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane
-und sein Gehirn ihm das erlauben -- nicht mehr. Die schärfsten
-Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm
-nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und
-es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass
-sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht
-ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden
-Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum
-Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass
-die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck
-ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen,
-dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm
-subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit
-überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat
-mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst
-verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird
-für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht
-unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta
-der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich
-nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen,
-sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit
-vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres
-Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen,
-zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester
-Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem
-und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede
-gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts
-schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so
-ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl
-und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren.
-Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse
-dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so
-verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch
-offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir
-können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich
-gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass
-jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss
-des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist
-nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach
-nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr
-vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig
-nichts an.
-
-Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres
-Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes
-sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen,
-sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern,
-dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt
-an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt,
-sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich
-die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein
-isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist
-eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist
-das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar
-hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines,
-getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir,
-die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem
-innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir
-von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende,
-Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste
-ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in
-einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll
-unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir
-sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile
-Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie,
-etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist
-das nicht.
-
-Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen
-sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an
-ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es
-keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses
-Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich
-Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes
-Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem
-Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst
-etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle
-irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann
-uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu
-sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts,
-als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben
-wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt.
-Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere
-des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen
-Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das
-enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten
-der Sonne. +Alles+ ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen
-Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der
-Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in
-Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch
-die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume
-sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss
-er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen.
-
-Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht
-das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur
-ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl
-mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde,
-kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern
-Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in
-unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den
-Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der
-menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das
-wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären;
-überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die
-ewige Schranke.
-
-Gleichwohl -- selbst mit all' diesem Vorbehalt -- scheint mir
-der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des
-Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das
-Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter
-der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist,
-ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten
-auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter
-liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung
-einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen,
-physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend,
-sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese
-Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen
-der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange
-fester Ursachen schafft, darstellen -- nur dann kann sie mit gutem
-Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein
-weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch
-mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke
-»Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss
-unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest
-ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem
-Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!«
-
-
-
-
-Viertes Capitel.
-
-Liebe.
-
-
-Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens,
-die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der
-molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem
-Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten
-Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort
-Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer
-wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu
-jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe,
-und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen,
-bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine
-durchaus irdische Erscheinung.
-
-Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss
-verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der
-Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die
-Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend
-die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen
-Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges
-Wesen, nicht Thier noch Pflanze -- einen Crystall aus gleichem Stoffe
-geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die
-Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen
-nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend
-einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch
-starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein
-bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine
-bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen,
-und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an,
-wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand
-der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher
-einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens
-durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung
-unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer,
-kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu
-sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie
-unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern
-Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen
-entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach,
-wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung
-zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt
-bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen,
-die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von
-der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch
-und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus
-zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten
-nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen
-Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend
-Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen,
-konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen
-ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die
-Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes
-in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden.
-Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft -- der
-Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein
-Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit,
-sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun.
-Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch
-die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf
-Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige
-wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der
-Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven
-Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen
-Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss
-noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv
-betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein
-höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr
-in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein
-einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie
-wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen?
-Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle.
-Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung
-ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese
-zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen
-entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen
-Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt
-und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist
-jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr
-Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe
-erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden,
-die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich,
-dass zwei dieser Sprösslinge -- zwei von verschiedenen Gemeinden -- auf
-einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich,
-durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben
-der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt
-starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil
-nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile
-der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle
-sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem
-künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die
-Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es
-folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus
-entstehen kann.
-
-Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat
-die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten
-colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus
-Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten
-Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle
-wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung
-mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude
-aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen:
-die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von
-einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich
-oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie
-einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit,
-von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten,
-so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten -- nicht um ganz
-zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst
-günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie
-treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine
-Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern
-des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern
-verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus
-in's Freie treten zu lassen.
-
-Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der
-Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung
-schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind
-wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste
-Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der
-eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern,
-vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer
-Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des
-weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht
-der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem
-bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich
-hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details
-geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester
-Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen
-des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der
-Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen
-Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder
-angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt,
-durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe
-in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur
-sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen
-Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der
-Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird
-der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer
-so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir
-vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes
-und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops
-erschienen wären.
-
-Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es
-hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus
-des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das
-Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der
-Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen
-äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen
-Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark
-vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und
-Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden
-und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des
-Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu
-geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses
-eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell
-Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker
-als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen
-des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für
-Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln
-Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne,
-die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in
-ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen
-beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und
-Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den
-verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten
-Triumphe zu feiern.
-
-Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals
-gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem
-und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz
-aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem
-der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten
-Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun
-haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise
-die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit
-der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende
-Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig.
-Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf
-dem Satze: die Liebe +muss+ auf enge geschlechtliche Vereinigung
-als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll --
-und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur
-Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine
-Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er
-tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders
-handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die
-Wahrheit auf.
-
-Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber
-weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die
-einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber
-vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe,
-die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der
-geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe
-bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach
-und nach ganz eigenthümliche geworden.
-
-Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel
-für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter
-dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die
-erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere
-erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich,
-wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke
-bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's
-Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen
-Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube
-mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer
-Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu
-verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin,
-der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar
-in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem
-Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht
-eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den
-Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf.
-
-Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine
-Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte,
-die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu
-den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich
-durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes
-darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu
-Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden
-und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der
-neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes
-aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches,
-wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein
-Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger.
-Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige
-nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener
-Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend
-feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen
-von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie
-bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller
-Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch
-sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden.
-
-Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der
-letztern Sorte für Narren erklären.
-
-Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die
-das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben,
-aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht
-opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von
-allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen,
-die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll
-etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That,
-auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als
-das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige
-Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat,
-doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz
-so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem
-Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten.
-Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die
-mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser
-Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des
-sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns
-in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst
-werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches
-zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied
-der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle
-Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die
-Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die
-geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem
-zweiten Wesen des andern Geschlechtes.
-
-Gegen diese einfache, dem Thatsächlichen Rechnung tragende Auffassung
-der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem
-Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt
-sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort
-»die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch
-etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht
-näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen«
-gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr
-leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein
-»göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein
-Stück Metaphysik -- das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende
-Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie.
-Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten
-Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen
-Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die
-Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine
-Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder
--- Oder finden: die Liebe ist von Gott -- die Liebe ist Wahnsinn.
-Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden,
-dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die
-ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen
-Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für
-diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit
-und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der
-auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für
-gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen
-will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer
-grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter
-das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das
-eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung
-der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das
-hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer
-physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit
-nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt
-umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner
-Schönheit, die den Mann reizt -- die Liebe, mit der die Gatten einander
-begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort
-gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe
-schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als
-Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das
-Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken,
-das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann
-vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem
-Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede
-Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut
-wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl
-für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und
-Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng
-zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane.
-Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen
-des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung
-bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich
-als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der
-abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag
-verfolgen -- eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker
-sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und
-wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra
-durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind;
-dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie,
-bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig
-durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch
-die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht.
-Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser
-Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen
-irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des
-nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr
-grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können,
-äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher
-Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung.
-
-Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange
-nicht die Krankhaftigkeit +aller+ Liebeserscheinungen. Die Liebe soll
-ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele
-knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum.
-Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten,
-erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine
-unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern
-Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir
-von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele,
-die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht
-haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und
-glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl
-von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als
-bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet
-wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von
-der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's
-Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit.
-
-Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten
-oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig
-von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors
-seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist -- jene ganze
-Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen
-Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen
-mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem
-Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf
-kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht
-wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine
-Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der
-sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in
-lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das
-Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger,
-der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat,
-unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im
-Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der
-junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren
-durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln,
-sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche
-Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn
-herauszuschaffen -- ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht
-mehr gelingt -- so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt
-hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss
-einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen
-Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt,
-muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden.
-Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte
-von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem
-natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige
-Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die
-mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den
-krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben
-oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen
-stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken
-Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden.
-Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder
-weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch
-den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst
-unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber
-welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein,
-wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten -- dem schneidig
-scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun
-haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der
-Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und
-Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern
-Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen,
-bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in
-das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer
-Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete
-verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren
-anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste
-zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit
-walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils
-mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe
-schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie --
-wenigstens die unbefangene -- hilft zwar das Gift weiterverbreiten,
-aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine
-ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle,
-moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag
-hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein
-anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere
-Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben,
-weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde
-Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber
-ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen
-blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische.
-Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift
-allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern,
-in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den
-Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission
-der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem
-Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie
-kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich
-an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die
-wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend
-zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an
-den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität
-und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas
-überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass
-sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige
-Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen
-mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen
-Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für
-die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den
-realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen
-Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung
-der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen
-Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an
-dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren
-von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei
-auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade
-wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert.
-Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern
-bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten;
-denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat -- es ist alles harmlos
-gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von
-Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen
-Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme
-keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende
-dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und
-Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts
-bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten
-Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und
-tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den
-Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen
-plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das
-Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze
-nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die
-natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus
-mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte
-Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich
-ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf
-das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat
-mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen
-Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser
-gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende
-auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen
-Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das
-Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt,
-wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie.
-Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der
-Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über
-eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine
-unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen -- eine Literatur
-voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen.
-
-Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in
-entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und
-niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe
-Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse
-der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig
-fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in
-Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden
-Ritterromane zum Flammentode verdammen liess.
-
-Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren
-gefährlichen Lieblingen erlösen?
-
-
-
-
-Fünftes Capitel.
-
-Das realistische Ideal.
-
-
-Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den
-beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal?
-Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen
-realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch
-hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden
-Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden
-mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr
-kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten
-Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe?
-
-Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst
-aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte
-näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt.
-Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die
-Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr
-und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich
-innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer
-mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein.
-
-Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens
-liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal,
-so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein
-Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in
-uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen
-von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen
-unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das
-natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen
-Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem
-Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen,
-unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts
-besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde
-Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist,
-das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der
-Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen,
-die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der
-Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen,
-was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm
-darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde,
-über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser
-wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles
-strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden
-Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit.
-Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber
-es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt,
-aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur
-einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale
-schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der
-Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach
-Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt
-nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde
-liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen
-den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf
-Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den
-geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts
-anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang
-mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst
-erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle
-Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung
-an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit,
-an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze
-Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere
-Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach
-allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale
-überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem
-verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem
-ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt,
-von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die
-weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle
-als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne
-eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe --
-ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische
-Bewegung -- das alles geht mich hierbei herzlich wenig an.
-
-Ich wahre durchaus den Standpunct des Naturforschers. Wenn aber ein
-derartiges ideales Princip sich von diesem aus für die ganze sichtbare
-Welt ergiebt, so hat auch der realistische Dichter ein Recht, sich
-seiner zu bemächtigen, es als »Tendenz« in seinen Dichtungen erscheinen
-zu lassen. Tendenz zum Harmonischen, Gesunden, Glücklichen: -- -- --
-was will man mehr von der Kunst? Giebt es einen besseren Boden für
-die Aesthetik, um ihren menschlichen Begriff des Schönen darauf zu
-bauen? Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu zeigen, wie dieser Begriff
-des Schönen selbst sich im Einzelnen aus dem Begriffe des Normalen,
-Gesunden entwickelt, ich beschränke mich auf die Grundlagen. Es wird
-nicht Wenigen so vorkommen, als sinke die realistische Dichtung
-durch Anerkennung jener Tendenz von ihrer hohen Sonderstellung jäh
-wieder herab zum Gewöhnlichen. Wenn die Tendenz zum Glücke wieder
-oben anstehen soll, so hat ja auch der billigste Liebesroman, dessen
-einziges Ziel ist, dass »sie sich bekommen«, das Recht der Existenz
-damit zurück erhalten. In Wahrheit will das nichts heissen. Der
-realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist. Im Leben
-waltet die Tendenz zum Glück, zur Gesundheit als Wunsch, nicht als
-absolute Erfüllung. Das wird der Dichter durchaus anerkennen müssen.
-Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt
-als ein heiteres Theater darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten
-auslaufen. Eine unerbittliche Nothwendigkeit wird ihn zu den schärfsten
-Consequenzen zwingen, und wenn er, was nicht zu vermeiden, das
-Ungesunde in sein Experiment hineinzieht, so ist er verpflichtet, es in
-seinem ganzen Umfange zur folgerichtigen Entwicklung zu bringen. Seiner
-Tendenz dient er dann eben bloss im Negativen, im Contraste.
-
-Im Allgemeinen kann ich auch hier nur wiederholen, was bereits
-öfter gesagt ist: der Realismus hat gar kein Interesse daran,
-allenthalben mit der Prätention des durchaus »Neuen« aufzutreten. Seine
-wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie
-keine principiellen Gegner zu sein brauchen. Das kann aber ebenso
-gut geschehen, indem wir wissenschaftlichen Factoren in der Dichtung
-zu ihrem Rechte verhelfen, wie gelegentlichen Falles auch, indem wir
-einen Zug zum Idealen in der Wissenschaft nachweisen. Nur allein das
-Metaphysische muss uns fern bleiben. Das Streben nach harmonischem
-Ausgleich der Kräfte, nach dauerndem Glück ist in jeder Faser etwas
-Irdisches. Hier auf Erden ringt der Einzelne nach Seligkeit, hier
-auf Erden pflanzen wir in heiterem Bewusstsein Keime zum Segen der
-kommenden Geschlechter. Die dunkle Welt des Metaphysischen sagt hier
-nichts, hilft nichts, hindert nichts; sie kann, wie ich das ausgeführt
-habe, einen tröstenden Gedanken abgeben beim Tode; an Glück und Unglück
-im Leben ändert sie nichts.
-
-Jene Schule des Realismus, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt,
-hat uns mit beharrlichem Bemühen in einer langen Reihe von
-psychologischen Gemälden mit dem traurigen Bankerotte des menschlichen
-Glücksgefühls in Folge krankhafter Verbildung bekannt zu machen
-gesucht. Ich erwarte eine neue Literatur, die uns mit derselben Schärfe
-das Gegenstück, den Sieg des Glückes in Folge wachsender, durch
-Generationen vererbter Gesundheit, in Folge fördernder Verknüpfung des
-schwachen Individuellen mit einem starken Allgemeinen in Vergangenheit
-und Gegenwart vorführen soll. Auch dafür giebt es Stoff genug in der
-Welt, und zwar ist das gerade der Stoff, der in eminentem Sinne das
-Ideale in der natürlichen Entwickelung darlegen wird. Das Ideale, von
-dem wir nach Vernichtung so vieler Illusionen noch zu reden wagen,
-liegt nicht hinter uns wie das Paradies der Christen, nicht nach
-unserer individuellen Existenz in einer persönlichen Fortdauer im
-Sinne der Jünger Mohammeds, nicht ganz ausserhalb des practischen
-Lebens in den Träumen des Genies, des Poeten: es liegt vor uns in der
-Weise, dass wir selbst unablässig danach streben und in diesem Streben
-zugleich das Wohl unserer Nachkommen, die Erfüllung derselben im
-Ideale anbahnen helfen. Das soll uns die Dichtung zeigen. Idealisiren
-muss für sie nicht heissen, die realen Dinge versetzen mit einem
-Phantasiestoffe, einem narkotischen Mittel, das Alles rosig macht, aber
-in seinen schliesslichen Folgen unabänderlich ein Gift bleibt, das
-den normalen Körper zerstört -- sondern es muss heissen, den idealen
-Faden, den fortwirkenden Hang zum Glücke und zur Gesundheit, der an
-allem Vorhandenen haftet, durch eine gewisse geschickte Behandlung
-deutlicher herausleuchten zu lassen, ungefähr wie ein Docent bei
-einem Experimente sehr wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine
-bestimmte Seite desselben lenken kann, ohne darum den natürlichen
-Lauf zu verfälschen. Die oberste Pflicht des Dichters hierbei muss
-freilich allezeit Entsagung sein. Wie schon betont: das Wollen, das wir
-in der Natur sehen, ist selbst noch keine Erfüllung. Je gesunder der
-Poet selbst ist, desto eher wird er in die Gefahr gerathen, einerseits
-das Ungesunde zu grell zu malen, andererseits seine Welt gewaltsam
-als ein Reich der Gesundheit ausmalen zu wollen. Das Wirkliche muss
-hier als ewiger Corrector die Auswüchse beseitigen. Für den Standpunct
-des natürlichen Ideals in der allgemeinen Werthschätzung ist es
-schliesslich immer noch besser, man lässt es zu schwach durchschimmern
-im Gange der geschilderten Begebenheiten, als man profanirt es in der
-Weise des alten metaphysischen Ideals durch künstliches Auffärben.
-
-Eine realistische Dichtung aber ganz ohne Ideal -- -- -- das ist mir
-etwas Unverständliches. Im Märchen mag gelegentlich alles schwarz
-sein. Im Leben giebt es dunkle Sterne und dunkle Menschenherzen. Aber
-um den finstern Bruder, mit dem ihn am Himmel das Gesetz der Schwere
-verkettet, kreist der helle Sirius -- neben den kranken Seelen wandeln
-gesunde. Wer die Welt schildern will, wie sie ist, wird sich dem nicht
-verschliessen dürfen.
-
-
-
-
-Sechstes Capitel.
-
-Darwin in der Poesie.
-
-
-Es giebt ein psychologisches Gebiet, das wie kein anderes geschaffen
-ist, den Blick des Dichters, der in die Tiefen der menschlichen
-Tragödie einzudringen sucht, mit magischem Banne zu fesseln. Es
-ist die Erscheinung des bahnbrechenden Genies, des Entdeckers,
-Erfinders, Reformators auf irgend einem Boden, den noch keiner
-bebaut hat. Wechselnde Bilder ziehen bei dem einfachen Worte durch
-den Vorstellungskreis des Gebildeten. Ein Hauch des Einsamen,
-Weltentrückten, der menschenleeren Wüste streift seine Stirn, durch
-sein geistiges Auge zittert der verlorene Schein des Lämpchens in der
-Zelle des verlassenen Grüblers, ein Rauschen von Wogen berührt sein
-Ohr, über denen schwere Nebelmassen die Fernsicht nach jungfräulichem
-Inselboden für den Blick der Welt verhüllen. Christus, der dem
-Zwiegespräch der Geister in der Einöde lauscht, Gutenberg, der im
-stillen Gemache seine Lettern fügt, Columbus, der die Wellen eines
-neuen Meeres an sein Steuer branden lässt, treten aus dem Schatten
-der Geschichte hervor. Aber aus dem Strahlenkreise der Vision
-steigt auch das blutige Kreuz von Golgatha, klirrt die Kette an den
-Armen des hispanischen Admirals, tönt der Seufzer des sterbenden
-Buchdruckermeisters von Mainz, den sie um die Früchte seiner Arbeit
-betrogen. Der prüfende Geist öffnet sich der Frage: Was für ein
-Phänomen der irdischen Entwickelungslinie wandelt in diesen Bildern der
-Einsamkeit, der Grösse und des Martyriums an uns vorüber? Wieder, wie
-bei den grossen Problemen, die ich früher gestreift, steht die Antwort
-in erster Linie dem Naturforscher zu.
-
-Um was es sich handelt, das ist nichts Wichtigeres und nichts
-Geringeres, als die Bildung einer neuen Art.
-
-Die Zeit ist noch nicht allzu fern, wo der Naturforscher sich bei
-diesem Begriffe nicht viel denken konnte. Heute ist das anders. Die
-gesammte Formenwelt des Organischen hat sich herausgestellt als eine
-mächtige, in tausend und tausend Adern zerspaltene Entwickelungswelle,
-in der das Geschlecht des Menschen nur einen einzigen Ast bildet.
-
-Tief an der Wurzel schon zertheilt in die Doppellinie des Pflanzlichen
-und des Thierischen, reicht diese Welle aus uralten Zeiten herauf
-bis zum heutigen Tage. Hervorgegangen aus sehr einfachen Urformen,
-hat sich innerhalb des Ganzen allmählich eine Fülle verschiedener
-Typen ausgebildet, die theils nebeneinander fortbestanden, theils
-ausstarben und Neuem Platz machten. Darwin hat zuerst in der
-allgemein bekannten einfachen Weise gezeigt, wie in Folge der
-äussern, örtlichen Bedingungen, in die das organische Leben auf der
-Erde bei fortschreitender Vermehrung versetzt war, die Bildung der
-Arten aus gleicher Urform sich annähernd logisch erklären lässt.
-Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, die uns noch auf Schritt
-und Tritt hier begegnen. Aber sie sind gerade für den Punct, auf
-den ich für die Betrachtung des menschlichen Entdeckergenies hinaus
-will, nebensächlicher Natur. Für gewöhnlich giebt es ein organisches
-Vererbungsgesetz, welches vorschreibt, dass die Nachkommen eines
-bestimmten Mitgliedes einer Thier- oder Pflanzenart durchaus den Eltern
-gleichen, also wiederum den Arttypus rein darstellen müssen. Indessen,
-dieses Gesetz erleidet Störungen, die an sich zwar so geringfügiger
-Natur sind, wie die unablässigen kleinen Störungen der Planetenbahnen.
-
-Chemische und physikalische Einflüsse machen sich hier geltend, die wir
-im Detail noch nicht verfolgen können. Das Resultat sind unablässige
-individuelle Abneigungen der Jungen von den Eltern, meist zu klein, um
-als wahre pathologische Abnormitäten zu gelten, aber doch stark genug,
-eine gewisse Rolle im Leben des Individuums zu spielen; von einem Wurf
-junger Katzen können alle drei gesund sein, wenn auch jede anders
-gefärbt ist, und es muss schon eine sechs Beine haben oder zeitlebens
-blind bleiben, um pathologisch als Abnormität aufgefasst zu werden.
-
-Diese anscheinend zwecklosen Varietäten innerhalb des Normalen
-werden aber von Wichtigkeit, wenn die äussern Existenzbedingungen
-der ganzen Art sich in Folge klimatischer oder sonstiger Umwälzungen
-verändern. Wenn ein Land plötzlich kältere Winter bekommt, kann der
-sonst werthlose Umstand, dass eine Katze vermöge kleiner individueller
-Abweichung doppelt so dichtes Haar besitzt als die übrigen, von
-entscheidender Wichtigkeit werden, kann sogar bewirken, dass sie allein
-mit denjenigen ihrer Jungen, die das starke Kleid geerbt haben, alle
-andern überdauert und Stammmutter einer neuen Spielart mit wolligerem
-Pelze wird. Das Ueberdauern der Andern bezeichnet dabei ein Schlagwort
-als: Sieg im Kampfe um's Dasein.
-
-Innerhalb des Thierischen ist die als Beispiel gewählte Katze ein
-Genie. Es ist ihr etwas vererbt, etwas in ihr gegeben, das mit Hilfe
-des zufälligen Zusammentreffens der vorhandenen Gabe und des äussern
-Bedürfnisses zu einer Erfindung, einem Fortschritte wird. Dieses Genie
-wird, schematisch gesprochen, geboren als eine willkürliche, ziellose
-Linie, die aber im Leben plötzlich in's Herz einer Scheibe trifft und
-ihren Entsender zum Schützenkönige macht. Und die Art, wie dieses Genie
-sich auf die Nachkommen überträgt, wo es normale Gabe aller wird, ist
-die directe der körperlichen Vererbung.
-
-Stellen wir jetzt daneben das menschliche Genie. Zunächst handelt es
-sich hier um etwas weit Feineres, nämlich einen Gehirnprocess. Ein
-Mensch wird geboren, dessen Art zu denken, Vorstellungen zu verknüpfen,
-eine gewisse individuelle Besonderheit aufweist, die, ohne pathologisch
-zu werden, doch innerhalb des Spielraums des Normalen ihre Eigenart
-wahrt. Die Linie, von der ich eben sprach, ist damit gegeben, aber
-sie ist noch völlig ziellos. Tausend Genies bleiben einfach unter
-der Masse verborgen, weil ihre Linie nie das Centrum einer Scheibe
-trifft. Dieses Treffen hängt von bestimmten Möglichkeiten ab. Es muss
-irgendwo in der Nähe eine Zielscheibe stehen, ein Stoff sich finden,
-an dem das Genie sich bewähren kann. Solche Stoffe liegen zu gewissen
-Zeiten in der Luft. Man denke an die Entdeckungen, die von drei oder
-vier Menschen fast zu gleicher Zeit gemacht wurden. Man denke daran,
-was Luther oder Copernicus oder Columbus bereits vorfanden. Wir
-nehmen an, das Genie ist geboren, der Stoff, an dem es sich bewähren
-kann, ist auch gegeben. Der betreffende Mensch besitzt jetzt etwas,
-eine Idee, ein geistiges Plus, das ihn von allen seinen Mitmenschen
-zugleich scheidet und fördernd heraushebt. So weit ist der Process
-gänzlich dem oben skizzirten bei der Neubildung einer zoologischen
-oder botanischen Spielart analog. Durchaus anders aber gestaltet sich
-der weitere Verlauf im Kampfe um's Dasein. Das doppelte Wollhaar
-des Raubthiers war etwas vom Individuellen Untrennbares. Es haftete
-an der Person, es schützte diese Person im Kampfe um's Dasein, und
-es übertrug sich von ihr zu neuen Personen auf dem Wege physischer
-Vererbung im Zeugungsprocess. Anders bei der menschlichen Idee, die
-das Genie durch Zusammenstoss mit einem äussern Zündstoffe entfesselt.
-In den allermeisten Fällen emancipirt diese sich sehr schnell vom
-Individuellen, dem eine körperliche Uebertragung durch Vererbung doch
-nicht gegeben ist, dessen einzelne Person also weiterhin nebensächlich
-ist. Die Idee überträgt sich von Gehirn zu Gehirn, kämpft vermöge ihrer
-bessern Kraft sich durch im Kampfe um's Dasein mit andern Ideen und
-befestigt sich schliesslich als eiserner Bestand im Denkapparate der
-ganzen Culturmenschheit. In dieser Loslösung der Idee von ihrem Urheber
-liegt das tragische Schicksal des Genies als Person; die Idee, indem
-sie als Macht im Kampfe um's Dasein auftritt, kämpft für sich, nicht
-für ihren Urheber. Die Tragik ist bitter, darüber kann kein Zweifel
-bestehen. Man fühlt sich manchmal berufen, die Natur grausam zu nennen
-wegen der groben Mittel, die sie im Daseinskampfe zur Schöpfung einer
-neuen Thier- oder Pflanzenart anwendet; die Wiege des Fortschritts,
-des Neuen im Geistesleben der Menschheit ist in dem Sinne das ärgste
-Procrustesbett, das überhaupt denkbar ist; das Individuum gilt hier
-gar nichts mehr. Aber eine vernünftige Lebensphilosophie muss sich in
-diese Thatsachen zu finden wissen. Jene Idee, die unter dem Nebel all'
-des mystischen Beiwerks doch immer die Herzen der Menschen am meisten
-im Christenthum angesprochen hat: die stille Resignation, dass der
-Einzelne am Kreuze sterben müsse, damit sein Werk ein beglückendes
-Evangelium für viele Tausende werde -- sie wird bleiben, auch wenn
-kein Wort mehr von aller christlichen Metaphysik Gläubige finden
-sollte -- weil sie eine tiefe Wahrheit enthält. Nicht der Mensch siegt
-im Kampfe um's Dasein, sondern die Idee: so lautet derselbe Satz in
-wissenschaftlicher Form. Er enthält zugleich eine Formel für die
-Thatsache und einen Trost. Denn schliesslich, wenn der Mensch auch
-nicht, wie das bevorzugte Thier in jenem Beispiele von dem doppelten
-Wollpelze, am eigenen Leibe die Segnungen dessen fühlt, was sein Gehirn
-in dunkler Mission ausgestreut, so sieht er doch als bewusstes Wesen
-die Siegesbahn seiner Idee auch noch in ihrer Trennung von seinem
-Selbst und empfindet ihren Glanz als versöhnende Wärme.
-
-Ich habe das erfinderische Genie mit Absicht aus der reichen Fülle
-der Erscheinungen im menschlichen Dasein herausgegriffen, die man im
-engern Sinne als darwinistische Probleme auffassen kann. Ich denke,
-dass schon dieses eine Beispiel genügt, um zu zeigen, wie sehr man sich
-hier vor willkürlicher Uebertragung einfacher biologischer Gesetze auf
-die complicirten Phänomene des menschlichen Geisteslebens hüten muss.
-Die Anlage, die Zielscheibe, der Kampf um's Dasein: alles spielt auch
-hier seine Rolle. Aber der Verlauf ist gerade in wesentlichen Puncten
-ein anderer. Unendlicher Stoff für den Dichter liegt allerdings auf
-diesen Gebieten. Sowohl das Aufstreben des Neuen wie das Absterben des
-Veralteten, die geheimnissvollen Processe, wie das Gesunde verdrängt
-wird durch ein Gesunderes, wie es zum Ungesunden herabsinkt durch
-haltlose Opposition gegen das bessere Neue, ohne selbst das alles
-begreifen zu können -- sie sind seit alten Tagen die Domäne der
-Poesie, ohne dass man sich in der rechten Weise über die eigentlichen
-Gesetze, die darin walten, und ihre Beziehungen zu den Darwin'schen
-Gedanken hat klar werden wollen. Man kann wohl verlangen, dass ein
-realistischer Dichter +nach+ Darwin kein Bedenken mehr trägt, die Dinge
-beim rechten Namen zu nennen. Aber es gehört dazu in erster Linie ein
-ernstes Studium. Allgemeine Schlagwörter beweisen nichts. Man mache
-sich daran und entwickele uns zunächst, was noch nicht ordentlich
-versucht worden ist, die darwinistischen Linien in der Geschichte;
-man prüfe die Werke ausgezeichneter Beobachter wie Shakespeare
-im Einzelnen auf das ganze Princip. Dann wird man dahin kommen,
-Sätze aufstellen zu können, die den Schlagwörtern einen lebendigen
-Zusammenhang mit der ganzen Wissenschaft geben. Zahllose Puncte sind
-dabei im Auge zu behalten. Die einfache Zuchtwahl durch persönliches
-Emporkämpfen und dadurch ermöglichte Gründung einer Familie, die mit
-jener Ideenneuerung im Genie nichts zu schaffen hat, bei der neben den
-geistigen vor allen auch die körperlichen Fähigkeiten, Arbeitskraft,
-weibliche wie männliche Schönheit und anderes, mitspielen, ist beim
-Menschen natürlich nicht erloschen und wahrt ihre alte Rolle. Das
-ganze sociale Leben mit all' seinen Klippen und Irrthümern, seinen
-Triumphen und Fortschritten fordert die Beleuchtung vom Darwin'schen
-Gesichtspuncte aus. Aber was schon im eng beschränkten Thier- und
-Pflanzenleben seine ernsten Schwierigkeiten bietet, wird hier vollends
-zu einem fast unentwirrbaren Gewebe. Körperliche Gesundheit als
-Vortheil im Daseinskampfe findet ihr Aequivalent in Geldmitteln,
-die Kraft der Sehnen wird gleichwerthig ersetzt durch die bessere
-Molecularconstruction des Gehirns, die unerbittliche Strenge des
-Gesetzes vom Recht der Stärkern sieht sich seltsam durchkreuzt von
-einem bereits gewaltig angesammelten Fond humaner Anschauungen, die
-wieder von einer das Gesetz überbietenden Brutalität auf der andern
-Seite paralysirt werden. Der Dichter, der sich mit Muth der Aufgabe
-unterzieht, in jeder einzelnen Thatsache hierbei ein Glied grosser
-Ketten nachzuweisen, sieht sich allerdings auch darin belohnt, dass er
-jede, auch die geringfügigste Erscheinung, so fern sie nur echt dem
-Leben entspricht, zum Gegenstande höchst interessanter Darstellungen
-machen kann. Im Lichte grosser, allgemeiner Gesetze kann die an und für
-sich nicht sehr poetische Chronik eines Krämerviertels, das ein grosses
-Magazin im modernsten Stile nach und nach vollkommen todt macht, von
-höchster dramatischer Wirkung werden, ein Motiv, das Zola in einem
-seiner besten Romane bereits mit Geschick durchgeführt hat. Die kleinen
-Thatsachen in dieses Licht des Allgemeinen, Gesetzlichen, höheren
-Zielen Zustrebenden heraufrücken: das ist ja eben die idealisirende
-Macht, die der Dichter hat. Das werthlose Gezänk über Werth und
-Grenzen der Detailmalerei kann hier keine Geltung beanspruchen. Gerade
-das Studium der biologischen Phänomene der Artumwandlung, wie es
-Darwin angebahnt, führt von selbst darauf, dass wir uns gewöhnen, den
-kleinsten Ursachen, den winzigsten Fortschritten und Störungen unter
-Umständen die allergrösste Wichtigkeit beizulegen. Der Dichter, der nur
-Einiges von Darwin gelesen, wird mit ganz anderer Werthschätzung an die
-Dinge des täglichen Lebens herangehen und sich sagen, dass nicht das
-Ungeheuere, Welterschütternde allein die geistige Durchdringung durch
-die dichterische Anschauung ermögliche, sondern auch das Kleine --
-wofern nur der Poet den nöthigen hellen Kopf mitbringt. Denn hohe Ideen
-aus der Sonne zu lesen ist unverhältnissmässig viel leichter, als aus
-einem Sandkorn.
-
-Eine andere Bereicherung als Frucht darwinistischer Studien erblicke
-ich in dem verschärften Verständniss des Dichters für die längere
-Zeitdauer, die jeder Entwickelungsprocess auch im Menschenleben in
-Anspruch nimmt. Wie die Welt nicht in sieben Tagen geschaffen ist, so
-schafft sich auch keine psychologische Thatsache von heute auf morgen.
-Unsere Bücher sind zwar voll von einer Liebe, einem Hass, die sich
-einer geschleuderten Dynamitbombe gleich ohne alle Prämissen entladen;
-der naturwissenschaftlich gebildete Dichter wird hier sceptischer zu
-Werke gehen.
-
-Unsere älteren grossen Meister -- Shakespeare, der Zeitgenosse Bakons,
-und Göthe, der unmittelbare Vorgänger Darwin's -- bleiben dabei nach
-wie vor unsere Führer und Lehrer. Gerade auf dem darwinistischen
-Gebiete scheint mir der allgemeine Werth der Methode die Hauptsache,
-die den Dichter fördern muss -- viel mehr noch als das nähere
-Eingehen auf Fragen der Zuchtwahl. Ich will, um noch einen dritten
-dahin gehörigen Punct herauszugreifen, auch Gewicht legen auf die
-Rolle des oft verkannten Wortes Zufall in der Dichtung. Was ist
-naturwissenschaftlich gesprochen -- Zufall?
-
-Nicht Wenige, die sich im Allgemeinen an das Causalprincip gewöhnt
-haben, wie es die logische Wissenschaft lehrt, meinen in Folge
-dessen jeden Zufall, der als Factor in einer Dichtung auftritt,
-schlechtweg als unerlaubten deus ex machina verwerfen zu müssen.
-Im letzten Grunde der Erscheinungen hängt ja Alles zusammen, das
-ist richtig. Trotzdem bietet die Welt von einem Standpuncte wie
-unserm menschlichen, der gewissermassen sehr weit ab in der grossen
-Kette liegt, das schematische Bild einer unendlichen Menge in sich
-geschlossener Linien dar, innerhalb deren alles causal verknüpft ist
-und ohne fremde Beihilfe weiterläuft. Jede Kreuzung zweier dieser
-Linien erscheint vom Standpuncte der beiden einzelnen wie ein in
-keinem ihrer eigenen Richtungsgesetze begründeter grober Stoss von
-aussen. Diesen jedesmaligen Kreuzungsstoss nennen wir Zufall. Vom
-hypothetischen Standpuncte einer Kenntniss sämmtlicher anfänglicher
-Richtungsverhältnisse aller causalen Sonderlinien zueinander,
-also einer mathematisch exacten Vorstellung von der anfänglichen
-Atomlagerung der irdischen Welt aus hörten die Empfindungen dieses
-unerwarteten Stosses und damit der Zufall als Sonderbegriff auf
-zu existiren. Der menschliche Standpunct den Dingen gegenüber ist
-hiervon noch sehr weit entfernt. Wenn ich in einer Weltstadt von zwei
-Millionen Einwohnern an einem Tage mit meiner individuellen Linie
-ohne jede bewusste Abneigung zu einer zweiten hin vier Mal auf diese
-zweite treffe, also einem und demselben Bekannten vier Mal an vier
-verschiedenen Orten, die wir beide ohne Kenntniss von der Anwesenheit
-des andern aufsuchten, begegne, so bleibt mir das, aller atomistischen
-Nothwendigkeit unbeschadet, persönlich ein vierfacher Zufall. Oder im
-oben gewählten Beispiele von der neu entstehenden Raubthierart: wenn
-dort die in sich geschlossene Causalitätsreihe innerhalb des doppelt
-behaarten Individuums mit der absolut unabhängigen klimatischen
-Causalitätsreihe, die den strengeren Winter bewirkt, zusammenstösst,
-so ist dieser Zusammenstoss Zufall. Das Weitere nicht mehr; denn die
-Erhaltung jenes Individuums und die folgende Ausbildung einer neuen
-Rasse sind von da ab logische Consequenzen des Zufalls, der als solcher
-den Ausgangspunct einer neuen, selbstständigen Causalitätslinie
-bildet. Vom Dichter verlangen, dass er diesen Erscheinungen gegenüber
-seinen menschlichen Betrachtungsstandpunct aufgeben und uns nur noch
-überall geschlossene Linien vorführen sollte, hiesse denn doch gerade
-die Wirklichkeit in seinen Bildern antasten. Wir wissen physikalisch
-sehr gut, dass unsere Auffassung beispielsweise von der Farbe der
-Gegenstände eine illusorische ist, indem wir die Farbe an den Dingen
-haftend glauben, während sie in unserm Auge liegt; soll etwa deswegen
-der Dichter nicht mehr von rothen Rosen oder blauem Himmel sprechen?
-Ja, man kann geradezu sagen, dass eine schärfere Beachtung des Zufalls
-in seiner thatsächlichen Erscheinung den Dichter eher darauf führen
-wird, ihm eine mehr, als eine weniger wichtige Rolle zuzuertheilen.
-Man führe -- was fachwissenschaftlich bei Gelegenheit angeblicher
-mystischer Phänomene, zweitem Gesicht, Prophezeiungen und Aehnlichem
-fast zur Pflicht wird -- nur eine kurze Zeit seines Lebens einmal Buch
-über die Zufälle, denen man begegnet, vor allem die mehrfachen in
-derselben Sache. Man wird selbst staunen, welche Resultate man erhält,
-wie merkwürdig unwahrscheinlich das alltäglichste Leben im Grunde
-genommen ist! Hier und da, an einer Spielbank zum Beispiel, sind die
-tollsten Beobachtungen dieser Art in einem einzigen Tage zusammen zu
-bringen. In diesem Puncte aber ist das ganze Leben ein ununterbrochenes
-blindes Glücksspiel. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit -- und hier
-liegt der Knoten -- der Begriff, den wir in jedem prüfenden Augenblicke
-hineinschmuggeln, ist eben in Wahrheit nichts Reales. Für unsern
-Standpunct ist es, wenn wir einen Würfel fallen lassen, selbst wenn
-er fünf leere Seiten hat, positiv nicht wahrscheinlicher, dass eine
-der leeren, als dass die einzige bezeichnete Seite nach oben zu liegen
-kommt. Jede Wahrscheinlichkeit hört der freien Macht des Zufalls in
-der Welt gegenüber auf, gerade weil der Zufall im letzten Ende auch
-ein Nothwendiges, uns aber völlig Verhülltes einschliesst. Ich weiss
-recht wohl, dass sich das ganze Innere des logisch denkenden Kritikers
-auflehnt, wenn ein Poet uns eine Liebesgeschichte erzählt, die auf
-fünf oder sechs groben Zufällen, wie ungewolltes Begegnen, aufgebaut
-ist. Und doch spreche ich es rund als meine Ueberzeugung aus, dass
-man Bände füllen könnte mit der einfachen Aufzählung der grossen und
-kleinen Zufälle, die bei einer nicht annähernd gleich verwickelten
-Geschichte im wahren Leben bei peinlicher Beobachtung sich ergeben
-würden, denn mit jedem Schritt, den wir thun, kreuzen wir fremde
-ungeahnte Causalitätsreihen, die in Folge der neuen Reihe, die aus dem
-Contact hervorgeht, eine Macht innerhalb unserer eigenen Linie werden.
-Ein ganzes Menschenleben bis in dieses feine Gewebe seines Schicksals
-hinein zu zergliedern: das wäre ein Kunstwerk, wie wir es noch nicht
-einmal ahnen. In Wahrheit giebt es wenige Puncte, die dem Beobachter so
-schmerzlich nahe legen, wie weit unsere Kunst in all' ihrer Erfassung
-des Menschlichen noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht.
-
-Das Wort des alten Malers bei Zola muss uns trösten: »Arbeiten wir!«
-Arbeit steckt auch in all' diesen darwinistischen Problemen, Arbeit
-nicht bloss für den Naturforscher, sondern auch für den Dichter.
-Sagen wir uns unablässig, dass die Arbeit, das harte, mit dem Leben
-ringende Künstlerstreben, unser wahres Erbe von den grossen Geistern
-der Vergangenheit her ist, nicht das unklare Träumen. Genialität wird
-geboren; aber das Ausleben der Genialität ist unablässige Durchdringung
-des Stoffes, ist ewiges Studium; wenn sie das nicht ist, so ist sie
-eine Krankheit, für die der schonungslose Kampf um's Dasein die ideale
-Nemesis wird, indem er sie ausrottet.
-
-
-
-
-Siebentes Capitel.
-
-Eine Schlussbetrachtung.
-
-
-In dem Augenblicke, wo ich diese Studie abschliesse, hat die
-realistische Bewegung bei uns in Deutschland eine Form angenommen,
-die es mehr und mehr wünschenswerth erscheinen lässt, das Wort zu
-friedlicher Verständigung zu ergreifen. Während in Russland und
-Frankreich muthige Werkmeister sich in harter Arbeit um die neuen
-Stoffe der Dichtung mühen und, bald mit falschen, bald mit treffenden
-Schlägen, doch unablässig das Rohmaterial gefügig machen und das
-Instrument üben, vernimmt man bei uns viel Lärm und sieht wenig
-Früchte. Man ist allerdings bisweilen geneigt, das laute Geschrei
-bloss für das harmlose Jauchzen von Schulknaben zu halten, die einen
-freien Tag haben, weil ihre Lehrer zu stiller, ernster Conferenz über
-die wichtigsten Fragen des Unterrichts zusammengetreten sind. Werden
-wir erleben, dass auch die Stimme der Meister einmal laut wird und uns
-in anderer Weise, als das Gezwitscher der Jungen es vermochte, von
-der Bedeutung der Stunde Rechenschaft ablegt? Wir haben es schon oft
-gesehen, dass der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone
-aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwickelung
-heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen. Ich bin
-auf diesen Blättern wiederholt gezwungen gewesen, den Namen Zola zu
-nennen, und ich kann es als meine ruhige Ueberzeugung auch hier noch
-einmal aussprechen, dass mir Zola in vielen Puncten sehr hoch steht,
-sowohl in seinem Können, wie in der Ehrlichkeit seines Wollens.
-Aber ich möchte diese fragmentarische Behandlung des realistischen
-Problems nicht schliessen, ohne vorher noch mit ein paar Worten auch
-dem deutschen Antheil an der Entstehung jener ganzen Richtung --
-wie immer unsere Besten im Augenblick sich zu ihr stellen mögen --
-gerecht geworden zu sein. Wenn die Literaturgeschichte dereinst mit
-dem Werkzeuge einer geläuterten darwinistischen Methode die Wurzeln
-dessen aufdecken wird, was wir jetzt Realismus in der Poesie nennen,
-so wird der Hass der gereizten Parteien sich versöhnen müssen in
-der Erkenntniss ihres gemeinsamen Ursprungs. Einseitige Beurtheiler
-schmähen heute in Zola das Stück Victor Hugo, das unbezweifelbar
-in ihm steckt; die einsichtigere Zukunft wird sich mit Ruhe sagen
-dürfen, dass es sich hier einfach um eine Entwickelung handelt,
-dass der Zola'sche Realismus sich folgerichtig als zweite Stufe des
-bessern Theils in Victor Hugo aus dem Hugo'schen Idealismus ergeben
-musste. Nicht anders ergeht es uns in Deutschland. Indem wir scheinbar
-neue Wege wandeln werden, werden wir unbewusst doch nur das bessere
-Theil unserer grossen literarischen Vergangenheit ausbauen. Welch'
-himmelweite Kluft trennt scheinbar eine deutsche Dichtung, die sich in
-dem von mir im Vorstehenden ausgeführten Sinne mit den Principien der
-Naturwissenschaft in Einklang setzt, von einem Freytag'schen Romane!
-Und doch ist das alles nur scheinbar. Als Freytag den tiefen Ausspruch
-Julian Schmidt's zum Motto machte: »Die Dichtung soll das Volk bei der
-Arbeit aufsuchen«, war er nach den Träumen der Romantik im Grunde der
-Begründer des Realismus. Anderes hat dann, sollte man glauben, die
-Linie abgelenkt, die Richtung auf das Historische hat den Roman wieder
-auf ein neues Gebiet gedrängt. In schärferer Beleuchtung erscheint
-auch das als ein realistisches Symptom. Man wollte die Ahnen in der
-Dichtung sehen, um die Enkel in ihrer Arbeit zu begreifen. Leichter
-Sinn sieht in diesen krausen Gängen, die das Princip gewandelt, eine
-Modekrankheit. Das heisst nichts. Krankhaft war allerdings und ist hier
-mancher Detailzug geblieben, wie ich das in dem Capitel über die Liebe
-vielleicht schroff, aber als volle Ueberzeugung ausgesprochen. Doch
-selbst dieser Tadel trifft kaum die Bessern, fast nur die Kleinen. Die
-historische Dichtung als Ganzes war eine berechtigte Pionierarbeit --
-grösser und glänzender als sie, folgt ihr freilich jetzt die Aufgabe,
-das Geschichtliche nicht darzustellen in künstlich belebten Bildern des
-Vergangenen, sondern in seiner lebendigen Bethätigung mitten unter uns,
-in seinen fortschwirrenden Fäden, in seiner Macht über die Gegenwart.
-
-Von diesem freien Standpuncte aus verliert der Kampf um den Realismus
-seine Bitterkeit. Die grosse Literatur, auf die wir stolz sind,
-erscheint wieder als Ganzes, wo jeder Bedeutende sein Recht erhält.
-Und am Ende, wenn auch bei uns in Deutschland der Realismus im neuen
-Sinne einmal seine grossen Vertreter gefunden hat, wird als Summe
-sich ergeben, dass wir, die wir auf einer stofflich reicheren und
-tieferen Literatur fussen, als die Nachbarländer, auch nun in jenem
-Gebiete fester und sicherer uns ergehen werden, als die Franzosen
-und Engländer oder die Russen und Skandinavier. Gerade den Jüngeren,
-die jetzt so viel Lärm schlagen, kann nicht genug an's Herz gelegt
-werden, dass Realisten sein nicht heissen darf, die Fühlung mit
-den grossen Traditionen unserer Literatur verlieren. Studirt Zola,
-achtet ihn, helft die Kurzsichtigen im Publicum aufklären, die keinen
-Dichter vertragen können, der im Dienste einer Idee selbst das Extreme
-nicht scheut; aber gebt euch nicht blind für Schüler Zola's aus, als
-wenn in Paris ein Messias erstanden sei, der alle alten und neuen
-Testamente auflösen sollte. Studirt, was Zola sich zu thun ehrlich
-bemüht hat, Naturwissenschaften, beobachtet, wendet Gesetze auf das
-menschliche Leben an, das ist alles schwere Arbeit, aber es bringt
-uns vorwärts. Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen
-Literatur angehört, dass hinter euch Göthe und Schiller stehen und
-dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbstständig neben
-den Schüler Balzac's und Nachfolger Victor Hugo's zu stellen, was
-die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft. Die
-Wissenschaft ist internationales Gut, Jeder kann sie sich aneignen,
-der sich der Mühe unterzieht. Aber bildet euch nicht ein, das leere
-Poltern und Schreien hülfe irgend etwas. Ihr habt jetzt nach Kräften
-auf den historischen Roman gescholten, obwohl darin doch wenigstens
-ordentliche Arbeit, ordentliches Studium steckte. Ich will glauben,
-dass das Schelten begründet war, wenn ihr zeigt, dass ihr mehr könnt,
-dass ihr das unendlich viel erhabenere Problem zu lösen wisst, wie die
-Fäden der Geschichte sich verknoten im socialen und ethischen Leben
-der Gegenwart, wie man historische Dichtungen schreibt, die gestern
-und heute spielen. Ihr habt die weiche, tändelnde Lyrik ausgepfiffen
-auf allen Gassen. Auch das soll gut und recht sein, wenn ihr mir eine
-neue Lyrik zeigt, die an Göthe und Heine organisch anknüpft und doch
-selbstständig das Herzensglück und Herzensweh des modernen Menschen zum
-Ausdruck bringt. Macht der Welt klar, dass der Realismus in Wahrheit
-der höchste, der vollkommene Idealismus ist, indem er auch das Kleinste
-hinaufrückt in's Licht des grossen Ganzen, in's Licht der Idee. Dann
-werden die Missverständnisse aufhören. Der Leser wird nicht mehr der
-Ansicht huldigen, wenn er eine realistische Dichtung aufschlüge, so
-umgellte ihn das Gelächter von Idioten und Cocotten, und wenn man,
-was überhaupt recht rathsam wäre, sich bloss genöthigt sähe, das
-Romanlesen bei unreifen Mädchen etwas mehr einzuschränken in Folge des
-Ueberwiegens der realistischen Richtung, so sollte das unser geringster
-Schmerz sein. Freilich wird es auch ohne Missverständnisse noch manchen
-harten Kampf kosten, bis die Mehrzahl der geniessenden Leser sich an
-das schärfere Instrument des Beobachters gewöhnt haben wird. Das kommt
-nicht von heute auf morgen. Zunächst muss das Vertrauen in der Menge
-für den realistischen Dichter gewonnen werden, und wir werden gut thun,
-die Schauerscenen nach Kräften zu vermeiden, so lange die Vorurtheile
-noch so sehr gross sind. Auch werden die Lyrik und das Drama, die ja
-immer mehr zum Herzen sprechen, den harten Tritt des Romanes dämpfen
-helfen, wenn sie erst einmal zur Stelle sind. Am Ende wird auch die
-Masse des Volkes besser sehen lernen, und das ist für alle Fälle ein
-Gewinn. Die Poesie wahrt so nur ihre alte Rolle als Erzieherin des
-Menschengeschlechtes, und indem sie es thut, darf sie hoffen, auf
-freundlichem Boden sich mit der Naturwissenschaft zu begegnen. Beide
-reichen sich dann die Hand in dem Bestreben, den Menschen gesund zu
-machen.
-
-[Illustration: FINIS]
-
-
-
-
-C. G. Röder, Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Alte und unterschiedliche Schreibweisen wurden
- beibehalten.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 12: Methaphysische → Metaphysische
- Das {Metaphysische} kann ich dabei nur streifen
-
- S. 53: uud → und
- {und} indem der wachsende Embryo
-
- S. 57: letztere → letzteres
- {letzteres} etwas Geistiges
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die naturwissenschaftlichen Grundlagen
-der Poesie., by Wilhelm Bölsche
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTLICHEN ***
-
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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