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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. - Prolegomena einer realistischen Aesthetik - -Author: Wilhelm Bölsche - -Release Date: April 22, 2016 [EBook #51835] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTLICHEN *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=. - - Im Original kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Die naturwissenschaftlichen - - Grundlagen der Poesie. - - Prolegomena - - einer realistischen Aesthetik - - von - - Wilhelm Bölsche. - - [Illustration] - - Leipzig, - Verlag von Carl Reissner. - 1887. - - - - -Vorwort. - - -Die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien behandeln in -selbstständiger Abrundung das, was nach meiner Ueberzeugung im -ersten Buche jeder neuen, unserm modernen Streben gerecht werdenden -Aesthetik seine Stelle finden müsste. Realistisch nenne ich diese -Aesthetik, weil sie unserm gegenwärtigen Denken entsprechend nicht vom -metaphysischen Standpuncte, sondern vom realen, durch vorurtheilsfreie -Forschung bezeichneten ausgehen soll. Wie ich mir die Rolle des -besonnenen Realismus in unserer Literatur denke, ist im ersten Capitel -ausführlich entwickelt; die übrigen behandeln einzelne Probleme, an -denen der Naturforscher und der Dichter gleich grossen Antheil nehmen. -Zurückweisen muss ich im Voraus alle Uebertreibungen, die man von -unberufener Seite an das Wort Realismus geknüpft hat. Der Realismus -ist nicht gekommen, die bestehende Literatur in wüster Revolution zu -zerstören, sondern er bedeutet das einfache Resultat einer langsamen -Fortentwickelung, wie die gewaltige Machtstellung der modernen -Naturwissenschaften es nicht mehr und nicht minder ist. Jene Utopien -von einer Literatur der Kraft und der Leidenschaft, die in jähem -Anprall unsere Literatur der Convenienz und der sanften Bemäntelung -wegfegen soll, bedeuten mir gar nichts; was ich von dem aufwachsenden -Dichtergeschlecht fordere und hoffe, ist eine geschickte Bethätigung -besseren Wissens auf psychologischem Gebiete, besserer Beobachtung, -gesunderen Empfindens, und die Grundlage dazu ist Fühlung mit den -Naturwissenschaften. Leichte Plaudereien, wie sie der Spalte eines -Feuilletons ziemen, wird der Leser vergebens auf diesen Blättern -suchen, weder unfeines Schmähen noch kritiklose Verhimmelung rechne ich -unter die nothwendigen Requisiten der neuen Sache. Die jungen Kräfte, -die jetzt so viel Lärm machen, werden schon allein ihren Weg gehen; -ich aber möchte durch eine anständige Polemik sowohl wie durch einen -anständigen Vortrag überhaupt auch zu denen reden, die im Banne älterer -Anschauungen jede Form realistischen Fortschritts mit zweifelndem Auge -betrachten. - - +Berlin+, im Winter 1886. - - =Wilhelm Bölsche.= - - - - -Erstes Capitel. - -Die versöhnende Tendenz des Realismus. - - -Durch die gesammte -- und nicht zum Wenigsten die deutsche -- Literatur -geht seit einiger Zeit eine lebhafte Bewegung. Die Schaufenster -der Buchhandlungen wie die Spalten der Journale sind überfüllt mit -Streitschriften und Streitartikeln, die bereits durch die Kühnheit -der Titel von der Hitze der Kämpfenden Zeugniss ablegen. Aber auch -abgesehen von diesen Kundgebungen der eigentlichen Ritter des Tourniers -fühlt sich jeder Einzelne im grossen Publicum mehr oder weniger -berufen, seinen Wahlzettel in die Urne zu werfen. Denn das Wort ist -gefunden, welches in neun Buchstaben die Loosung des Ganzen enthüllen -soll. Dieses schicksalsschwere Wort heisst Realismus. - -Für die eine Partei ein goldenes Wort, eins aus jener Reihe -unvergänglicher Schlagwörter, die mit ihrer prächtigen Kürze gleichsam -die Stenographie der Culturgeschichte darstellen, -- ist es der andern -ein Gräuel, ein Hemmniss aller Fortentwicklung, der Name einer bösen, -wenn auch glücklicherweise vergänglichen Krankheit. - -Revolution der Literatur für jene, Aufdämmern eines neuen Tages, weit -heller und strahlender noch als der junge Morgen, der sich einst in dem -klaren Auge Lessing's spiegelte und durch dessen weichende Frühnebel -der rasselnde Schritt des eisernen Ritters von Berlichingen erklang, -ist dieser die gleiche Erscheinung, die hässliche Brandröthe eines -Zerstörungskampfes, das Blutmal am Himmel, das über der Stätte des -Mordens und Brennens plündernder Vandalenhorden loht, es fehlt nicht an -alten Fritzen, die im Sanssouci ihrer unerschütterlichen Kunsttheorieen -zweifelnd die schönen, geraden Terrassen und Orangerieen abschreiten -und sich kopfschüttelnd fragen: Was soll der Lärm? - -Verbrüderung aller nationalen Literaturen durch die Blutsgemeinschaft -gleicher Methode für die Schwärmer, erscheint den Skeptikern der ganze -Aufstand bei uns in Deutschland nur als der feige Abklatsch einer -widerwärtigen Krankheitserscheinung im schlechteren, in alter Sünde -absterbenden oder in unwissender Roheit der Halbbildung haltlos hin -und her schwankenden Nachbarlande, und, dem Franzosen gleich, der das -deutsche Bier als fremdes Gift verbannen möchte, wäre ihnen nichts -lieber, als eine literarische Grenzsperre für alle fremden Einflüsse. - -Und endlich, was das Seltsamste ist: während die Einen glauben, der -Reinheit ihrer Gesinnung und dem Genius poetischer Sittlichkeit nicht -besser dienen zu können, als in dem Gewande der neuen Ritterschaft, -meinen die Andern das Schwert gegen diese erheben zu müssen zum Schutze -der unschuldigen Gemüther in der Welt, zum Schutze ihrer Söhne und -Töchter, denen der weihende Tempel des dichterischen Ideals kein -Sündenhaus werden soll und keine Schnapsschenke. - -Jeder Vernünftige sieht, dass unter dem einen Worte Realismus -thatsächlich nicht immer das Gleiche verstanden wird und dass sich hier -Begriffe mischen, die strenge Sonderung fordern. Es fehlt denn auch -nicht an besonneneren Stimmen, die sich bemühen, Realismus in einer -Weise zu definiren, die jeden gröberen Irrthum ausschliesst. - -Ich gebe diese Definition zunächst in möglichst allgemeiner Fassung -wieder, um später den speciellen Punct herauszugreifen, dem ich eine -eingehendere Betrachtung zu widmen gedenke. - -Die Basis unseres gesammten modernen Denkens bilden die -Naturwissenschaften. Wir hören täglich mehr auf, die Welt und die -Menschen nach metaphysischen Gesichtspuncten zu betrachten, die -Erscheinungen der Natur selbst haben uns allmählich das Bild einer -unerschütterlichen Gesetzmässigkeit alles kosmischen Geschehens -eingeprägt, dessen letzte Gründe wir nicht kennen, von dessen -lebendiger Bethätigung wir aber unausgesetzt Zeuge sind. Das vornehmste -Object naturwissenschaftlicher Forschung ist dabei selbstverständlich -der Mensch geblieben, und es ist der fortschreitenden Wissenschaft -gelungen, über das Wesen seiner geistigen und körperlichen Existenz -ein ausserordentlich grosses Thatsachenmaterial festzustellen, das -noch mit jeder Stunde wächst, aber bereits jetzt von einer derartigen -beweisenden Kraft ist, dass die gesammten älteren Vorstellungen, -die sich die Menschheit von ihrer eigenen Natur auf Grund weniger -exacter Forschung gebildet, in den entscheidendsten Puncten über -den Haufen geworfen werden. Da, wo diese ältern Ansichten sich -während der Dauer ihrer langen Alleinherrschaft mit andern Gebieten -menschlicher Geistesthätigkeit eng verknotet hatten, bedeutete dieser -Sturz nothwendig eine gänzliche Umbildung und Neugestaltung auch -auf diesen verwandten Gebieten. Das bekannteste Beispiel hierfür -ist die Religion, deren einseitig dogmatischer Theil durch die -Naturwissenschaften zersetzt und zu völliger Umwandlung gezwungen -wurde. Ein zweites Gebiet aber, das auch wesentlich in Frage kommt, -ist die Poesie. Welche besondern Zwecke diese auch immer verfolgen -mag und wie sehr sie in ihrem innersten Wesen sich von den exacten -Naturwissenschaften unterscheiden mag, -- eine Sonderung, die wir so -wenig, wie die Sonderstellung einer vernünftigen Religion, antasten, -- -ganz unbezweifelbar hat sie unausgesetzt, um zu ihren besondern Zielen -zu gelangen, mit Menschen und Naturerscheinungen zu thun und zwar, so -fern sie im Geringsten gewissenhafte Poesie, also Poesie im echten und -edeln Sinne und nicht ein Fabuliren für Kinder sein will, mit eben -denselben Menschen und Naturerscheinungen, von denen die Wissenschaft -uns gegenwärtig jenen Schatz sicherer Erkenntnisse darbietet. -Nothwendig muss sie auch von letzteren Notiz nehmen und frühere irrige -Grundanschauungen fahren lassen. Es kann ihr, was Jedermann einsieht, -von dem Puncte ab, wo das Dasein von Gespenstern wissenschaftlich -widerlegt ist, nicht mehr gestattet werden, dass sie zum Zwecke -irgend welcher Aufklärung einen Geist aus dem Jenseits erscheinen -lässt, weil sie sich sonst durchaus lächerlich und verächtlich machen -würde. Es kann ihr, was zwar nicht so bekannt, aber ebenso wahr ist, -auch nicht mehr ungerügt hingehen, wenn sie eine Psychologie bei -den lebendigen Figuren ihrer Erzeugnisse verwerthet, die durch die -Fortschritte der modernen wissenschaftlichen Psychologie entschieden -als falsch dargethan ist. Eine Anpassung an die neuen Resultate der -Forschung ist durchweg das Einfachste, was man verlangen kann. Der -gesunde Realismus ermöglicht diese Anpassung. Indem er einerseits die -hohen Güter der Poesie wahrt, ersetzt er andererseits die veralteten -Grundanschauungen in geschicktem Umtausch durch neue, der exacten -Wissenschaft entsprechende. Mit Genugthuung gewahrt er dabei, dass -die neuen Stützen nicht nur relativ, sondern auch absolut besser -sind, als die alten, und dass er bei Gelegenheit dieser Anpassung -der Poesie ein frisches Lebensprincip zuführt, das nach vollkommener -Eingewöhnung höchstwahrscheinlich ganz neue Blüthen am edeln Stamme -des dichterischen Schaffens zeitigen wird, die vormals Niemand ahnen -konnte. Das ist in abstracter Kürze die eigentlich verstandesgemässe -Definition des Realismus. - -So rund ausgesprochen, hat die Forderung, die darin liegt, alle -Eigenschaften, um den Kritiker oder Dichter, dem die Poesie als ein -leuchtendes Palladium der Menschheit, das jede Zeit auf den höchsten -Platz ihres intellectuellen Könnens zu stellen verpflichtet sein soll, -eine wahre Herzenssache ist, zu ernstem, wohlwollendem Nachdenken zu -zwingen. - -Angesichts der gestellten Wahl muss er die ganze, schwere Verantwortung -empfinden, die in einem leichtsinnig heraufbeschworenen Streite -zwischen Poesie und Naturwissenschaften läge. Er wird sich nicht stören -an die werthlose Phrase, dass ein solcher Conflict nothwendig im -Wesen der beiden Geistesgebiete begründet sei. Er wird vielmehr den -Blick haften lassen auf den starken Meistern der Vergangenheit, auf -dem heldenkühnen Ringen Schiller's, die Wahrheiten der Philosophie, -die doch in der speciellen Form auch mit dem Wissen zusammen fiel, dem -poetischen Ideal zu vermählen, auf dem unablässigen Forschen Göthe's, -der in den Wahlverwandtschaften -- fehlerhaft vielleicht, aber doch -in sicherem Ahnen der Methode -- die Arbeit des Forschers auf dem -Gebiete der Seelenkunde im Dichterwerke zu verwerthen suchte, auf dem -lichten Bau der physischen Weltbeschreibung des greisen Alexander von -Humboldt, in deren kosmischem Rahmen unter der Form der dichterischen -Naturanschauung die ganze Poesie mit Leichtigkeit eine Stelle gefunden -hätte. Dürfen wir stehen bleiben, wo jene, denen die ganze Fülle -unserer Offenbarung im Naturgebiete noch versagt war, unentwegt den -Wanderstab zum Vorwärtsschreiten ansetzten? Gewiss steckt in den -erhitzten Parteien des Tages die lebhafteste Neigung zu schwerem -Kampfe; sollen wir die einzige noch mögliche Gelegenheit zur Versöhnung -zurückweisen, -- zu einer Versöhnung, die vielleicht zugleich einen -Fortschritt für die Poesie bedeutet? - -Ich meine, so, wie die Frage gestellt ist, giebt es nur eine Antwort. -Es handelt sich nicht um Namen, um Nationalitäten, um Meister und -Jünger einer Schule, sondern um zwei Dinge, die vor aller Augen sind: -eine Wissenschaft, die energisch vorgeht und neue Begriffe schafft, -und eine Literatur, die zurückbleibt, und mit Begriffen arbeitet, die -keinen Sinn und Verstand mehr haben. Thatsächlich hat denn auch ein -beträchtlicher Theil unserer modernen Dichter die richtige Antwort -gefunden, und es kommt hier nicht darauf an, ob Dieser ernste und -wohlüberlegte Entschlüsse daran angeknüpft oder Jener bloss in -kindlicher Freude ein polizeiwidrig lautes Jubelgeschrei über sein -findiges Genie dazu ausgestossen hat. Man hat sich geeinigt über den -Satz: Wir müssen uns dem Naturforscher nähern, müssen unsere Ideen auf -Grund seiner Resultate durchsehen und das Veraltete ausmerzen. - -Das Erste, worauf man im Verfolgen dieses Gedankens kam, war ein Satz, -der ebenso einfach und selbstverständlich war, wie er paradox klang. -Jede poetische Schöpfung, die sich bemüht, die Linien des Natürlichen -und Möglichen nicht zu überschreiten und die Dinge logisch sich -entwickeln zu lassen, ist vom Standpuncte der Wissenschaft betrachtet -nichts mehr und nichts minder als ein einfaches, in der Phantasie -durchgeführtes Experiment, das Wort Experiment im buchstäblichen, -wissenschaftlichen Sinne genommen. - -Daher der Name »Experimental-Roman«, und daher eine ungeheuerliche -Begriffsverwirrung bei allen Kritikern und Poeten, die weder wussten, -was man unter einem wissenschaftlichen Experimente, noch was man unter -dichterischer Thätigkeit verstand. Der Mann, der das Wort populär -gemacht hat, Zola, ist selbst unschuldig an der Verwirrung der Geister. -Nur hat auch er den Fehler nebenher begangen, die Definition eines -Kunstwerks als Experiment nicht einzuschränken durch die Worte »vom -wissenschaftlichen Standpuncte aus«, womit alles klarer und einfacher -wird. Vom moralischen Standpuncte beispielsweise will die Definition -gar nichts besagen, denn was ist moralisch ein »Experiment«? Aber -wissenschaftlich passt die Sache. Sehen wir das unheimliche Wort näher -an. - -Der Dichter, der Menschen, deren Eigenschaften er sich möglichst genau -ausmalt, durch die Macht der Umstände in alle möglichen Conflicte -gerathen und unter Bethätigung jener Eigenschaften als Sieger oder -Besiegte, umwandelnd oder umgewandelt, daraus hervorgehen oder darin -untergehen lässt, ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der -Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade -bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen -vor sich, keine Chemikalien. Aber, wie oben ausgesprochen ist, auch -diese Menschen fallen in's Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre -Leidenschaften, ihr Reagiren gegen äussere Umstände, das ganze Spiel -ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet -hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten -hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen werthlosen -Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen -muss, ehe er an's Werk geht und Stoffe combinirt. - -Wer sich die Mühe nehmen will, einen ganz flüchtigen Blick auf das -Beste zu werfen, was Shakespeare oder Schiller oder Göthe geschaffen, -der wird den Faden des psychologischen Experiments in jeder dieser -Dichtungen klar durchschimmern sehen. Bloss jene Voraussetzungen -waren vielfach etwas andere, und hier ist denn eben der Punct, wo der -Einfluss der modernen Wissenschaft sich als ein neues Element geltend -machen und der Realismus, dessen Theorie wir zugegeben haben, practisch -werden soll. Es gilt, neue Prämissen für die weitern Experimente, -die wir machen wollen, aufzustellen oder besser, sie uns von der -Naturwissenschaft aufstellen zu lassen. Hier aber, beim Eintritt in -die Praxis, wird die ganze Sache sehr schwierig. Wir haben bisheran -einer allgemeinen Erörterung Raum gegeben. Der allgemeine Zustand -des Denkens in unserer Zeit und des Verhältnisses von Poesie und -Forschung zu einander hat uns ein Geständniss abgezwungen, indem er -uns ein Dilemma zeigte, aus dem es nur einen Ausweg gab. Wir haben uns -einverstanden erklärt mit der versöhnlichen Richtung eines gesunden -Realismus und sind vorgedrungen bis an den Fleck, wo die Berührung der -exacten Wissenschaften mit derjenigen Definition der Poesie, die von -allen am wissenschaftlichsten klingt, endlich stattfinden soll. Alle -Vorfragen sind damit erledigt, und ich trete jetzt an das heran, was -eigentlich den Kern des Ganzen ausmacht und zugleich ein solches Gewebe -ernster Schwierigkeiten aufweist, dass ich eine eingehende Betrachtung -derselben für die nothwendige Basis jeder realistischen Dichtung -sowohl, wie jeder realistischen Aesthetik halte. - -Die Prämissen des poetischen Experiments: das sagt in einem Worte -alles. Hier verknoten sich Naturwissenschaft und Poesie. - -Wohlverstanden: diese Prämissen umschliessen nicht die Naturgeschichte -des poetischen Genius selbst, eine Sache, die ja auch in die Aesthetik -hineingehört, die aber mit dem, was ich meine, direct nichts zu -schaffen hat. Geniale Anlage muss der Mensch besitzen, um überhaupt als -Dichter auftreten zu können, und zwar eine ganz bestimmte Form genialer -Anlage, die sich von der für andere Geistesgebiete individuell -unterscheidet. Jene andern Prämissen, die erworbenes Wissen darstellen, -verhelfen ihm bloss in zweiter Instanz dazu, sein schöpferisches Wollen -nach vernünftigen Gesetzen zu regeln und auch andern, nicht dichterisch -Beanlagten durch das Medium der Logik einigermassen verständlich zu -machen. Aber auch wenn wir alle Missverständnisse ausschliessen, -bleibt die Sache immer noch sehr schwierig. Es mangelt zunächst -gänzlich an brauchbaren Büchern, die dem Dichter einen vollkommenen -Einblick in das verschaffen könnten, was ihm aus dem ungeheuren -Bereiche der wissenschaftlichen Forschung über den Menschen zu wissen -Noth thut. Die in ihren Resultaten so sehr werthvolle psychologische -und physiologische Fachliteratur zeigt den Bestand des Materials nur -in seiner äussersten Zersplitterung. Weit entfernt, die Arbeit des -einsichtigen Dichters unter der Rubrik des psychologischen Experimentes -entsprechend zu würdigen, zieht sich die Fachwissenschaft in den -allermeisten Fällen vornehm zurück und überlässt die Verarbeitung ihres -Materials für poetische Zwecke dem Philosophen, der unter zehn Fällen -neunmal die Thatsachen unter dem Vorwande der Ordnung einfach fälscht. -Statt der Wissenschaft Rechnung zu tragen, suchen schaffende Poesie wie -Aesthetik dann ihre Prämissen durch Studium philosophischer Systeme zu -gewinnen, und der Erfolg ist, dass wir unter dem Vorwande realistischer -Annäherung an die Resultate der Forschung allenthalben einer -Verherrlichung Hegel'scher Phrasen, Schopenhauer'scher Verbohrtheiten -oder Hartmann'scher Willkür begegnen, die mit echter Wissensbasis wenig -mehr zu schaffen haben, als die alten religiösen Ideen, so geistvoll -sie auch im Einzelnen ersonnen sein mögen. - -Eine Anzahl vorsichtiger Geister, besonders ausübender Poeten, -verschmäht mit Recht diese schwankende Brücke und stürzt sich kühn -in die Detailmasse des exacten Fachwissens. Der Erfolg zeigt eine -ernstliche Gefahr auch bei diesem Unterfangen. Die wissenschaftliche -Psychologie und Physiologie sind durch Gründe, die Jedermann kennt, -gezwungen, ihre Studien überwiegend am erkrankten Organismus zu machen, -sie decken sich fast durchweg mit Psychiatrie und Pathologie. Der -Dichter nun, der sich in berechtigtem Wissensdrange bei ihnen direct -unterrichten will, sieht sich ohne sein Zuthun in die Atmosphäre der -Clinic hineingezogen, er beginnt sein Augenmerk mehr und mehr von -seinem eigentlichen Gegenstande, dem Gesunden, allgemein Menschlichen -hinweg dem Abnormen zuzuwenden, und unversehends füllt er im Bestreben, -die Prämissen seiner realistischen Kunst zu beachten, die Seiten seiner -Werke mit den Prämissen dieser Prämissen, mit dem Beobachtungsmateriale -selbst, aus dem er Schlüsse ziehen sollte, -- es entsteht jene -Literatur des kranken Menschen, der Geistesstörungen, der schwierigen -Entbindungen, der Gichtkranken, -- kurz, das, was eine nicht kleine -Zahl unwissender Leute sich überhaupt unter Realismus vorstellt. - -Ich habe den Weg gezeigt, wie klar denkende Dichter auf diese Linie -gerathen können, und bin weit davon entfernt, das blöde Gelächter -der Menge bei Beurtheilung derselben zu theilen. Es sind keineswegs -die kleinen, rasch zufriedenen Geister, die in solche heroischen -Irrthümer verfallen, und der still vergnügte Poet, der im einsamen -Kämmerlein von Sinnen und Minnen träumt, hat für gewöhnlich nur sehr -problematische Kenntniss davon, welcher Riesenarbeit sich gerade der -dichtende Genius unterzieht, der im treibenden Banne seiner Gedanken -bis zum Unschönsten, was die Welt im gebräuchlichen Sinne hat, dem -Krankensaale, vordringt. Ein Irrthum bleibt die Einseitigkeit darum -doch. Die Krankheit kann nicht verlangen, den Raum der Gesundheit für -sich in Anspruch nehmen zu wollen, das unausgesetzte Experimentiren mit -dem Pathologischen, also dem ganz ausschliesslich Individuellen, das -eine Ausnahme vom normalen Allgemeinzustande bildet, nimmt der Poesie -ihren eigentlichsten Charakter und verführt den Leser zu Irrthümern -aller Art, die hinterher den ganzen Realismus treffen. - -Ich halte es angesichts all' dieser Gefahren für durchaus an der Zeit, -in einer übersichtlichen Darstellung diejenigen Puncte herauszuheben, -die eigentlich in der Gesammtfülle des modernen naturwissenschaftlichen -Materials als wahre Prämissen seiner Kunst den Dichter unmittelbar -angehen. Ich möchte dabei ebensoweit von philosophischer Verwässerung -wie von fachwissenschaftlicher Detailüberlastung entfernt bleiben. -Was sich als Resultat der bisherigen objectiven Forschung ergiebt, -möchte ich unter dem beständig beibehaltenen Gesichtspuncte der -dichterischen Verwerthung klar darlegen. Das Metaphysische kann ich -dabei nur streifen als nothwendigen Grenzbegriff des Physischen. Die -Erkenntnisslehren der modernen Naturwissenschaft sind, wie schon -gesagt, bisher in die weiten Kreise fast stets als Beiwerk in gewissen -Systemen, als Stütze materialistischer oder pessimistischer oder sonst -irgendwie auf einen Glauben getaufter Weltanschauungen verbreitet -worden. All' diesen Bestrebungen stehe ich durchaus fern. Was der -Poet sich über das innerste Wesen der kosmischen Erscheinungen denkt, -ist seine Sache. Die Puncte, um die es sich für mich handelt, sind -als Wissensgrundlagen massgebend für Alle, so gut wie das Wasser das -Product zweier Elemente, des Wasserstoffs und des Sauerstoffs, für -jeden vernünftigen Menschen bleibt, mag er nun im Puncte des Gemüthes -Christ oder Jude oder Mohammedaner sein oder die heilige Materie -anbeten. - -Es giebt Dinge darunter, die den Dichter stärker machen werden, als -seine Vorgänger waren, wenn er sie in der rechten Weise beachtet. -Es giebt auch Dinge, die ein zweischneidiges Schwert sind und mit -aller Vorsicht behandelt werden wollen. Im Grossen und Ganzen kann -ich nur sagen: eine echte realistische Dichtung ist kein leichter -Scherz, es ist eine harte Arbeit. Die grossen Dichter vor uns haben -das sämmtlich empfunden, die kommende Generation wird es möglicher -Weise noch mehr fühlen. Einen Menschen bauen, der naturgeschichtlich -echt ausschaut und doch sich so zum Typischen, zum Allgemeinen, -zum Idealen erhebt, dass er im Stande ist, uns zu interessiren aus -mehr als einem Gesichtspuncte, -- das ist zugleich das Höchste und -das Schwerste, was der Genius schaffen kann. Wie so der Mensch Gott -wird, ist darin enthalten, -- aber es wird jederzeit auch darin sich -offenbaren, wie so er Gottes Knecht ist. Das Erhebendste dabei ist -der Gedanke, dass die Kunst mit der Wissenschaft empor steigt. Wenn -das nicht werden sollte, wenn diese Beiden fortan im Kampfe beharren -sollten, wenn Ideal und Wirklichkeit sich gegenseitig ermatten sollten -in hoffnungslosem, versöhnungslosem Zwiste: dann wären die Gegenwart, -wie die Zukunft ein ödes Revier und die Mystiker hätten Recht, die -vom Aufleben der Vergangenheit träumen. Es ist in Wahrheit nicht so. -Ein gesunder Realismus genügt zur Versöhnung, und er erwächst uns von -selbst aus dem Nebeneinanderschreiten der beiden grossen menschlichen -Geistesgebiete. Dichtung um Dichtung, ästhetische Arbeit um ästhetische -Arbeit, alle nach derselben Richtung gestimmt, müssen den Sieg -anbahnen. Die rohe Brutalität, von der hitzige Köpfe träumen, wollen -wir dabei gern entbehren, -- ich meine, die Wissenschaft ist dazu viel -zu ernst und die Kunst viel zu sehr der Liebe und des klaren, blauen, -herzerwärmenden Frühlingshimmels bedürftig. - - - - -Zweites Capitel. - -Willensfreiheit. - - -Ich will als Dichter einen Menschen, den ich in eine bestimmte Lage des -Lebens gebracht habe, eine Handlung begehen lassen und zwar diejenige, -welche ein wirklicher Mensch in gleicher Lage wahrscheinlich oder sogar -sicher begehen würde. - -Ich will als Kritiker einer Dichtung beurtheilen, ob eine bestimmte -Handlung, die ein bestimmter Held dieser Dichtung unter bestimmten -Umständen begeht, wirklich richtig, das heisst den Gesetzen der -Wirklichkeit entsprechend, erfunden ist. - -In beiden Fällen werde ich beim geringsten Nachdenken auf die -allgemeine Frage der Willensfreiheit geführt. - -Diese Frage aber ist weder eine dichterische, noch eine philosophische, -sondern eine naturwissenschaftliche. In ihr kreuzen sich die -sämmtlichen Grundfragen der wissenschaftlichen Psychologie, und sie ist -meiner Ansicht nach die erste und wichtigste Frage, mit der sich die -Prämissen der realistischen Poesie und Aesthetik zu befassen haben. - -Die oberflächlichste Anschauung der wahren Dinge in der Welt lehrt, -dass die menschliche Willensfreiheit nicht ist, was das Wort nahe -legt: eine absolute Freiheit. Wir sehen nicht nur die Macht des -Willens physikalisch beschränkt, sondern gewahren auch in dem -eigenthümlichen Gefüge und Bau der Gedanken, die den Willen zu irgend -etwas schliesslich als äussern Act entstehen lassen, beständig sehr -eigenthümliche, subjective Factoren, die in uns sofort das Gefühl -eines eingeschränkten Laufes der Gedankenketten entstehen lassen. -Genau dieselbe Thatsache erweckt im Geiste verschiedener Menschen -verschiedene Gedankenreihen, die oft den genau entgegengesetzten -Willen hervorrufen. Eine unbewacht gelassene Casse ruft in einem -Gewohnheitsdiebe den Gedanken und in directer Fortsetzung die Handlung -des Stehlens, in einem seiner bisherigen Lebensbahn nach durchaus -rechtlich gesinnten Menschen höchstens den Gedanken an eine Sicherung -und Bewachung zur Verhütung eines Diebstahls hervor. Eine grosse Anzahl -von Menschen ist zwar geneigt, gerade den Umstand hier für allgemeine -Freiheit zu halten, dass der Eine so, der Andere anders handelt. Der -Naturforscher wird sich sagen müssen, dass die gleiche äussere Sache -nur einen verschiedenen innern Effect haben kann, weil sie offenbar -in dem Innern der beiden geistigen Individuen auf eine ungleiche -Disposition trifft, etwa wie in der Physik derselbe Funke, je nachdem -er in eine Pulvertonne oder in ein Wasserfass fällt, sehr verschiedene -Kräfte auslöst. - -Damit ist ein erster, roher Anhaltspunct für die Auffassung -psychologischer Vorgänge gewonnen. Wenn ich als Dichter Menschen in -Berührung mit äusseren Erscheinungen bringe, so wechselt nicht nur -der Wille in den Handlungen der Person je nach den äusser'n Impulsen, -sondern er ist auch subjectiv bei den Einzelnen verschieden je nach der -Disposition des Geistes, die der Impuls bei Jedem findet. - -Die Physiologie giebt uns nun als nächsten Fortschritt über diesen -ersten Punct weg die Thatsache an die Hand, dass jede Disposition des -Geistes zugleich eine Disposition des stofflichen Untergrundes, des -Gehirns, bedeutet. - -Die Frage, in welchem Causalitätsverhältniss diese Doppelerscheinungen -der geistigen und stofflichen Disposition unter sich wohl stehen -möchten, ob der Geist als solcher existire oder bloss eine subjective -Rückansicht desselben Dinges sei, das wir äusserlich als Stoff, -respective mechanische Kraft uns gegenüber stellen, geht uns hier als -eine erkenntniss-theoretische, wissenschaftlich nicht lösbare gar -nichts an. Was wir mit Händen greifen können, ist das Zusammenfallen -jeder psychischen Erscheinung mit einer molecularen, jedes Gedankens -mit einem ganz bestimmten physiologischen Ereignisse innerhalb -des nervösen Centralorgans. Dieses leugnen, hiesse rundweg das -Gehirn leugnen und die ganze überwältigende Masse künstlicher wie -unfreiwilliger Beeinflussungen des psychischen Apparats, die man bei -vivisecirten Thieren und verwundeten oder gehirnkranken Menschen -durch stoffliche Umwandlungen in der Gehirnmasse hat entstehen sehen. -Die Thatsache steht also unbezweifelbar fest: wir können behaupten, -wenn bei einer bestimmten Person ein bestimmter äusserer Impuls eine -bestimmte Disposition im Gedankengange des Betreffenden vorfindet, so -ist diese Disposition zugleich etwas Stoffliches, eine Curve, Furche, -reihenweise Gruppirung kleiner Theilchen, Schwingung der Molecüle -nach einer bestimmten Richtung oder was man sich sonst denken will in -der greifbaren Masse des Gehirns. Das oben gebrauchte Beispiel mag -das zur Deutlichkeit nochmals illustriren. Gleicher äusserer Impuls: -eine offene Casse. Erfolg bei dem einen Menschen unmittelbar und ohne -Wahl eine moralisch verwerfliche Gedankenkette, die endigt mit der -Handlung des Stehlens, bei dem andern ebenso unmittelbar eine gute, -die ausläuft in die Handlung des Bewachens. Grund: der erste Mensch -ist gewöhnt, schlecht zu handeln, seine Gedankenkette schlägt sofort -eine bestimmte Richtung ein, die körperlich einem durch Gewohnheit tief -ausgefahrenen Geleise entspricht, in das ein neu ankommender Wagen -stets mit mechanischer Nothwendigkeit wieder hineinrollt; umgekehrt bei -dem gewohnheitsmässig moralischen Menschen geräth die Ideenverbindung -unmittelbar in eine ganz entgegengesetzte Linie, die schliesslich den -umgekehrten Effect auslöst. - -Ich habe das Beispiel so nackt gewählt, wie möglich, -- ohne jeden -Conflict, was nicht ausschliesst, dass es täglich so vorkäme. Wer oft -gestohlen hat, stiehlt wieder; wer in moralischem Denken aufgewachsen -ist, kommt für gewöhnlich gar nicht auf den Gedanken, zu stehlen; -die Ideenkette lenkt ohne Ablenkungen besonderer Art, die ich hier -vernachlässige, stets in dieselben Geleise ein. Das Wort Geleise -dürfen wir unbedenklich anwenden, da ja ein stofflicher Vorgang stets -mit unterläuft. Geschaffen hat die Geleise, wie sich Jeder schon zur -einfachsten Erläuterung dazu sagt: die Gewohnheit. Jede Minute unseres -Lebens bringt uns Beweise dafür, -- das Wort Gewohnheit, das uns -beständig auf der Zunge schwebt, ist eben nur der Ausdruck des Factums, -dass die mehrmals aufgestellten Gedankenketten sich ein derartig -festes Bett in unserm Denkorgane graben, dass gewisse, nur entfernt -daran gemahnende Impulse sie jedesmal mit zwingender Nothwendigkeit -wieder hervorrufen und dieselbe Handlung als schliesslichen Effect -daraus entstehen lassen. Je ausgefahrener die Geleise nach und nach -werden, desto rascher und damit dem Bewusstsein desto undeutlicher -saust der Gedanke hindurch, desto unmittelbarer lösen sich Impuls und -Willenseffect ab, bis schliesslich der Gedanke gar nicht mehr bewusst -wahrgenommen wird und die Handlung sich als rein mechanischer Reflex -des Impulses darstellt, -- Erscheinungen, die wir täglich am Menschen -beobachten können und die beim Thiere, dem die wenigen Eindrücke seines -Lebens durch ihre regelmässige Wiederkehr fast alle in der genannten -Weise constant und zur Quelle reiner Reflexhandlungen werden, die Regel -bilden. - -Wenn es auf Grund eines ungeheuren Fortschrittes mikroskopischer -Forschung möglich wäre, ein vollkommenes Bild eines beliebigen -menschlichen Gehirns, das zu seinen Lebzeiten Gedanken gehegt hat, zu -entwerfen, so würde man, wie immer das wahre Antlitz der Sache sich -gestaltete, stets auf das schematische Bild einer Ebene kommen, die von -Linien ungleicher Dicke durchkreuzt wird, von denen eine Anzahl nur -matt angedeutet und halbverwischt, eine gewisse Zahl dagegen äusserst -scharf und deutlich erschiene, und der Beschauer würde unmittelbar das -Gefühl haben, dass es sich hier um ein Strassensystem handle, bei dem -dasselbe obgewaltet, wie bei menschlichen Verkehrswegen: irgend ein -äusserer Umstand hat mehrmals die Verkehrenden auf dieselbe Strasse -geführt und, einmal ausgetreten, hat diese nun Alle, die nur entfernt -nach derselben Richtung wollten, veranlasst, ihrer Linie und keiner -andern zu folgen. - -Thatsächlich sind wir ja so weit nicht. Das Gehirn, welches wir kennen, -bietet uns, was das unmittelbare Sehen anbelangt, ungefähr so viel -Anhaltspuncte zur Kenntniss seiner innern Processe, wie dem Astronomen -die Oberfläche des Planeten Mars. Wir erkennen auf dieser Länder -und Meere, Canäle, die das Festland durchschneiden, atmosphärische -Vorgänge, Wolken, Schnee, Eismassen am Pol; das Alles aber kommt so -wenig über den groben Umriss hinaus, dass Objecte von der Grösse der -Victoria-Nyanza noch gerade als Puncte wahrnehmbar sind. - -Unsere Anschauungen vom Wesen der ganzen Gedankenthätigkeit müssen -wir, unfähig, die Maschine in ihre Rädchen auseinander zu nehmen -und im todten Material zu studiren, abstrahiren aus dem Erfolge, -aus der regelmässigen, positiv zu beobachtenden Wiederkehr gewisser -gewohnheitsmässiger Gedankenreihen in uns selbst und den Handlungen, -die wir täglich bei uns als Folgen dieser zwangsweisen Ideenketten -wahrnehmen und bei Andern als solche voraussetzen dürfen. Immerhin ist -diese Art der Beobachtung ein vollkommen guter Ersatz für jene. - -Für die Freiheit des Willens, von der wir ausgegangen sind, ist -jedenfalls -- mögen wir nun physiologisch oder psychologisch zu unsern -Resultaten gekommen sein -- in dem Bestehen der durch Gewohnheit -gegrabenen Gedankenstrassen ein bedenkliches Hinderniss gegeben. Der -Wille ist Endergebniss eines nicht gestörten, bis zu einer gewissen -Intensität angeschwollenen Gedankens, -- wenn der Gedanke aber in -seinem Flusse sich in den meisten Fällen einem gegrabenen Bette -anschmiegen muss, so kann in allen diesen von einer Freiheit des -endlichen Willens keine Rede mehr sein, und man braucht noch gar nicht -auf jene oben erwähnten, ganz reflectorisch gewordenen Willensacte -zurückzugehen, um auf Schritt und Tritt diesen einfacheren hemmenden -Einflüssen zu begegnen. - -Die wichtigste Frage scheint also, um hier Klarheit zu schaffen, die -nach der Natur der Gewohnheit zu sein. Es gilt festzustellen, was sich -unter diesem Begriffe, der die Willensfreiheit in so frappanter Weise -bedroht, für einzelne Factoren verstecken und ob in dem einen Worte, -das der Gebrauch selbst geschaffen, nicht Verschiedenartiges sich -birgt. Gewohnheit ist, so haben wir physiologisch definirt, langsame -Einprägung einer bestimmten Furche (psychologisch: Denkrichtung) im -Gehirn, die durch eine längere Folge gleichartiger Wahrnehmungen -erzeugt wird. Woher kommt eine derartige Gleichartigkeit der -Wahrnehmungen? Zunächst aus der Einrichtung der Natur, die uns trotz -der unendlichen Fülle ihrer Erscheinungen doch gewisse Phänomene in -ewiger Regelmässigkeit wiederkehren lässt, die beständig gleiche -Wahrnehmungen in uns hervorrufen. In zweiter Linie aber aus einem -Umstande, der den Culturmenschen mit verschwindenden Ausnahmen fest -und unerbittlich umklammert hält: der Erziehung. Wir sind nicht -neu geschaffene Wesen, die bloss die Natur sich gegenüber haben. -Wir gehören einer Gesellschaft an, die ebenfalls aus Menschen mit -einem, dem unsern ähnlichen Denkapparate besteht. Wir sind jung, -die Tafel unseres Gehirnes ist noch kaum beschrieben. Jene Menschen, -die vielleicht unsere Erzeuger, jedenfalls als Erwachsene unsere -Meister sind, sind in ihrem Denken bereits erfüllt mit jenen festen -Linien, jenen Geleisen des Gewohnten, und sie fühlen sich wohl dabei. -Ihr Bemühen geht dahin, in unser Gehirn dieselben Linien zu prägen. -Unfähig, unmittelbar zu wirken, beschreiten sie den Umweg durch die -wiederholten Wahrnehmungen, aber in der Weise, dass sie bestimmte -Wahrnehmungen -- eben jene, die ihren Gedankenlinien die bequemen -sind -- auswählen und uns so lange einseitig vorführen, bis sich in -unserm Gehirn die gleiche Linie, wie bei ihnen, gebildet hat und wir -ihre wahren geistigen Kinder sind. Mit andern Worten heisst das: wir -erhalten die grosse Masse unserer gewohnheitsmässigen Gedanken durch -Unterricht, durch Schulung. Der Werth dessen, was uns vermittelst -derselben im Gehirn eingeritzt wird, ist dabei ganz gleichgiltig, es -kann die höchste Moral oder die äusserste Unmoral sein: von einem -gewissen Puncte ab ist die Gedankenübertragung gelungen, die Linie -angelegt, und es bedarf fortan nur der leisesten Aehnlichkeit in einer -Wahrnehmung mit jenen früheren, um sofort den ganzen Gedankenapparat -nach der eingeprägten Richtung hin in Thätigkeit zu setzen.[1] - - [1] Sehr lehrreich für das ganze Gebiet der Gedankenübertragung - sind die _hypnotischen_ Experimente, die gewiss auch für - den Dichter ein gewisses Interesse haben müssen. Ganz - energisch aber ist zu verlangen, dass jeder Verwerthung - derartiger Erscheinungen ein kritisches Verständniss und - Studium vorausgehe. Es handelt sich hier durchaus nicht um - ein Stück jener behaglichen Mystik, bei der alle Menschen, - denen einmal etwas Unerklärliches vorgekommen, den Beruf - fühlen, mitzusprechen, sondern um exacte wissenschaftliche - Gegenstände, die, eben weil sie von der grössten Tragweite - sind, auch die vorsichtigste Behandlung erfordern. Wen der - Schleier des Unbegreiflichen allein verlocken sollte, der - wird bei sorgfältiger Kenntnissnahme dann schon von selbst - merken, wie wenig seine Neugier belohnt wird. - -Je tiefer diese Schulung geht, je reflectorischer die Ideenlinien -arbeiten, desto mehr scheinen sie später ursprünglich mit dem -Individuellen verwachsen und erlangen in Wörtern, wie Gewissen, Tact -und ähnlichen, Bezeichnungen, die uns im Leben sehr oft geneigt machen, -sie angeborene zu nennen, obwohl sie allem Anscheine nach durchweg -erworbene, von aussen eingeprägte sind. - -Das Adjectivum »angeboren« aber, welches sich uns hier zwanglos in die -Erörterung einmischt, führt uns unwillkürlich auf ein Zweites, das im -Begriffe der Gewohnheit, wenn auch wahrscheinlich nicht dort, wo man es -vermuthete, so doch anderswo steckt. - -Ein Vogel, den man im Zimmer fern von Seinesgleichen aufgezogen, zeigt -bei nahendem Winter ein Bestreben, zu wandern. Hier kann nicht mehr -von individueller Aneignung, von einer durch Gewohnheit erzielten -Gedankenlinie, in die jedesmal beim Anblick fallenden Laubes oder -sonstiger Erscheinungen des Wechsels der Jahreszeiten der Gedanke -einlenkt, um schliesslich den Willen des Wanderns auszulösen, die -Rede sein. Eben haben wir gesehen, dass die Function, das beständige -Wahrnehmen gleicher Dinge allmählich eine körperliche und geistige -Disposition, ein Geleise gewissermassen, schafft, das dann beim -Nachfolgenden wie ein Organ die Function bestimmt; bei diesem geborenen -Zugvogel ist offenbar die Umwandlung einer bestimmten Stelle des -Denkapparates schon bei der Geburt mit allen andern Organen, die im -embryonalen Leben nicht durch, sondern für die Function entstehen, -angelegt worden und tritt jetzt beim geringsten dahin zielenden Impuls -mit voller Kraft in Thätigkeit, indem sie den Vogel zwingt, beim ersten -Anzeichen des Herbstes -- und sei es auch sein allererster, den er im -individuellen Leben mitmacht -- eine Gedankenreihe zu verfolgen, die -ihm bei menschlich klarem Bewusstsein wie eine Vision vorkommen würde, -indem er Bilder von einem warmen Lande, wohin er wandern soll, denkt, -die keine eigene Erfahrung ihm eingeben kann. - -Wir haben es hier mit einer Gewohnheit secundärer Art zu thun: -- -mit vererbten geistigen Linien. Jede geistige Gewohnheit bedingt -etwas körperliches, einerlei, ob als Ursache oder als unvermeidliche -Parallelerscheinung; dass körperliche Veränderungen sich vererben, -wissen wir alle; es kann in Fällen wie dem genannten nicht anders -sein, als dass sich hier eine Structurverschiebung des Gehirns, eine -moleculare Disposition vererbt hat, deren unzertrennliche Begleiterin -die psychische Erscheinung ist, die wir sehen. Zwischen dem Gehirn -jenes Vogels und dem gewaltigen Verstandesapparate des Menschen aber -besteht physiologisch wie psychologisch lediglich ein Unterschied des -Grades, nicht der Art, -- es fragt sich: spielen auch beim Menschen -ererbte Gedankenreihen eine Rolle, die sich unter dem allgemeinen -Worte »Gewohnheit des Denkens« verbirgt? Bei der ungeheuren Masse -von Eindrücken, die der Mensch im Gegensatz zu den meisten Thieren -während der Dauer seiner individuellen Existenz empfängt und die trotz -aller Macht der Gewohnheit gerade auf den höheren geistigen Gebieten -durchweg nicht reflectorisch werden, nicht ganz aus dem Bewusstsein -verschwinden, scheint es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass -hier sehr viel vererbt werden sollte. Jedenfalls bestätigt die -Erfahrung, dass Vererbung überwiegend dann stattfindet, wenn gewisse -Gedankenketten über das gewöhnliche Mass hinaus sich eingebohrt -haben, also beispielsweise bei einseitigem Genie, bei krankhaft -eingewurzelten fixen Ideen, also fast oder ganz abnormen Zuständen, --- und es scheint selbst hier, als vererbten sich nicht eigentliche -Gedankenlinien, sondern nur gewisse Stimmungen des Untergrundes, wenn -ich so sagen soll, gewisse Weichheiten oder Härten der Fläche, die den -später durch Erziehung herantretenden Geleisen einen ungewöhnlichen -Widerstand oder ein ungewöhnliches Entgegenkommen bewiesen. In der -Empfänglichkeit des Gehirns für einzugrabende Linien überhaupt liegt -ganz unbezweifelbar die eigentliche grosse Erbschaft, die der Mensch, -der als solcher geboren wird, vor dem Thiere voraus hat; wer das exact -beobachten will, vergleiche ein lernendes Kind mit einem lernenden -Papageien. Wahrscheinlich ist dem Vogel der absolute Fortschritt gerade -deshalb so erschwert, weil sein Gehirn von Jugend auf mit einer Reihe -ererbter Linien (Instincte nennt es ein geläufiges Wort) durchsetzt -ist, die den Boden hart gemacht haben für alles Neue; die wenigen -ererbten Geisteslinien des Menschen, der Mangel an Instincten, wäre im -Lichte dieser Anschauung dann vielleicht die Wiege seiner geistigen -Entwicklungsfähigkeit, indem es ihm die Tafel für das Lernen frei -hielte. Dass darum gewisse Instincte, ganz oder beinah reflectorische -Geisteslinien, auch beim Menschen und zwar bei allen ohne Ausnahme -als Erbe früherer, mehr thierischer Verhältnisse sich -- wenn auch -bisweilen gleichsam verschüttet und von den tausend Erziehungslinien -überdeckt -- vorfinden, ist nicht zu leugnen. Stark erregte Momente, -Revolutionen, Hungersnoth, beständiger Anblick von Blut, sexuelle -Ueberreizung lassen diese Instincte gelegentlich in roher und -erschreckender Weise durchbrechen, und der Mensch handelt in solchen -Momenten im Banne einer dämonischen Gehirnmacht, einer entfesselten -psychisch-molecularen Bewegungswelle, die unvergleichlich mächtiger -fortreisst, als alle individuell durch Erziehung erworbenen Moral- -oder Unmorallinien, er handelt mit dem Instincte von Thierformen, die -weit unten an der Schwelle des Menschlichen stehen und für uns nur -noch in analogen Erscheinungen der jetzigen höheren Säugethierwelt zu -studiren sind. Der Dichter, wie der Historiker müssen gerade diesen -geheimnissvollen Vererbungslinien, deren Rolle im einzelnen Leben wie -in der Geschichte sehr gross ist, mit Interesse nachgehen. Wünschen -möchte man, dass gewisse dauernde Errungenschaften der menschlichen -Cultur -- beispielsweise die Basis der Moral, das Mitleid -- mit der -Zeit bereits reine Instincte geworden wären, die der Einzelne mit auf -die Welt brächte. Man ist mitunter versucht, dergleichen zu glauben. -Wenn ein Mensch, ohne eine Secunde zu zögern, einem Kinde, das in's -Wasser gefallen ist, nachspringt und es rettet, so scheint hier eine -Geisteskette vorzuliegen, die bereits ganz reflectorisch wirkt und wohl -als solche vererbt werden könnte. - -Die Erfahrungen, die man andererseits an Kindern macht, die aus besten -Bildungskreisen entspringen und doch, ehe sie durch Zucht selbst -gebildet sind, nichts bethätigen als die alten thierischen Instincte, -die mit ihrem roheren Egoismus dem Mitleid gerade zuwider laufen, -verhindern alle derartigen optimistisch gefärbten Schlüsse. - -Beschränkt, wie unsere Kenntnisse von dem ganzen Gewebe der -Vererbungsfragen gegenwärtig noch sind, müssen sie dem Dichter, der in -ihnen das Material tragischer oder versöhnender Verknotungen sucht, -eine starke Resignation und scharfe Kritik als Grundbedingung an's Herz -legen. Rechnen soll er mit der Vererbungsfrage als Ganzem, das ist -sicher. Aber er soll nicht spielen damit, sich nicht muthwillig auf -Gebiete begeben, die der Fackel des Forschers selbst noch verschlossen -sind. Die Zukunft wird erst zeigen können, wie eigentlich diese Dinge -eingreifen in's Leben des Einzelnen, wie die Sünden und Vorzüge der -Ahnen sich unmittelbar im Gehirne des Enkels rächen. Immerhin mag heute -schon der grandiose Romancyklus von Zola eine durchdachte Vorahnung -für das Kommende darstellen. Wenn man sich aber vergegenwärtigen will, -welche zahllosen dichterischen Vorwürfe in dem Spiel der Ideenketten, -an die Schule und erste Bildung uns schmieden, enthalten sind, -so kann man im Grunde nur warnen vor dem einseitigen Betonen der -Vererbungsconflicte, so lange die Physiologie noch nicht in festen -Gesetzen die nöthigen Prämissen aufgestellt. Man soll sie beachten, -wo man durch den Stoff nothwendig auf sie geführt wird, aber sie noch -nicht in den Vordergrund drängen, wo es nicht durchaus nöthig ist. - -Die indirecte Vererbung, das unbrauchbare Alte, das uns in unserer -Bildung, durch unsere Umgebung allenthalben belastend in's Gehirn -gegraben wird, tausend begabte Köpfe im Kampfe mit dem lebendigen -Neuen zu Tode hetzt, uns als unechte Religion, veraltete Moral, -conventioneller Humbug, historische Entartung und was sonst noch -alles, den Geist trübt und für die Ziele der Gegenwart blind macht: -das ist durchschnittlich weit gefährlicher, als die dunklen chemischen -und physikalischen Mächte, die hier oder dort eine Familie in allen -Phasen des Wahnsinns untergehen lassen oder an den geschlechtlichen -Fähigkeiten eines unschuldigen Nachkommen die sexuellen Verrücktheiten -des Urgrossvaters rächen. Es sind harte, unerbittliche Gesetze im -Einen, wie im Andern, aber im letztern Falle haben sie mehr von jener -dunklen Tragic, die allem Geschehen der Natur geheimnissvoll zu Grunde -liegt, im ersteren sehen wir den Kampf menschlich lebhafter und näher -vor Augen, wir fühlen die Schmerzen, wie die Triumphe innerlich -blutiger und siegesstolzer mit, weil wir mehr verstehen und stärker -durchfühlen, dass die Sache auch einmal anders werden könnte durch -unser Zuthun. - -Ich kehre zur eigentlichen Frage zurück. Gewohnheit umschliesst, so -haben wir jetzt gesehen, zweierlei: Ererbtes und Erworbenes. Da das -Letztere wenigstens beim normalen Culturmenschen mit zunehmendem Alter -unausgesetzt wächst, so gleicht das Gehirn dieses Menschen schliesslich -einer über und über beschriebenen Tafel, auf der sich gewisse Striche -mehr und mehr verdickt haben, und die am Ende gar nichts ganz Neues -mehr aufzunehmen im Stande ist, so dass der Geist wie ein geschickter -Seiltänzer mehr oder weniger nur noch die vorgeschriebenen Stangen -abklettert, je nachdem dieser oder jener äussere Anlass bei einer der -ewig bereiten Endstationen anklopft. - -Eigentliches Leben in dieses an und für sich sehr einfache -Gedankenspiel bringt aber nun eine Thatsache, die ich bisheran -absichtlich vernachlässigt habe. Was wir durch Unterricht (sei es nun -unmittelbarer durch das Leben oder mittelbarer in der Schule) an festen -Gedankenlinien eingeprägt bekommen, steht weder immer im Einklange -untereinander, noch mit dem, was durch die Vererbung an allgemeinen -Instincten oder individuellen Neigungen in uns bereits bei der Geburt -befestigt ist. Mit andern Worten: jene constanten Linien im Denkorgan -kreuzen, hemmen, verwickeln sich vielfach, wodurch die einfachen -Denkprocesse, die durch die Möglichkeit des Eingrabens fester Linien -so bequem und bis zur Grenze des Reflectorischen glatt gemacht wurden, -wiederum recht erschwert werden. Ich sehe ab von ganz krankhaften -Erscheinungen. Man hat Fälle, wo eine Gedankenlinie eines Menschen -von einem gewissen Puncte ab, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, -in eine ganz andere überging, so dass beim Versuche, den Gedankengang -wieder zu geben, von einer Ecke ab jedesmal die Begriffe wie vertauscht -waren. Hier waren offenbar zwei Linien in abnormer Weise verschmolzen, -ein hochinteressanter, aber lediglich psychiatrischer Fall. - -Ich will jetzt versuchen, an einem consequent durchgeführten Beispiele -genau den normalen Fall von sich widersprechenden Gedankenlinien -aufzudecken. Es ist das um so wichtiger, als man gerade hier, im -Widerstreite der Gedankenlinien, den schärfsten Beweis für eine -metaphysisch beeinflusste Willensfreiheit zu finden geglaubt hat. - -Ich nehme an, einen Menschen trifft ein äusserer Sinneseindruck, -- -etwa der Anblick einer schönen Frau, die das Weib eines Andern ist, -also ein Sinneseindruck, den das Auge in's Gehirn übermittelt, der dort -zur geistigen Wahrnehmung wird und als solche gewisse Gedanken erregen -muss, deren Lauf durch die vorhandenen Gewohnheitslinien bestimmt -wird und deren endliches Resultat bei genügend starker Erregung ein -Willensact, eine Handlung ist. Der Anblick einer körperlich reizenden -Frau erweckt im Manne nothwendig zunächst die Gedankenketten, -die um das Geschlechtliche gelagert sind. Diese können aber sehr -verschiedener Art sein, von dem einen örtlichen Centrum können Furchen -ganz entgegengesetzter Richtung und Tiefe ausstrahlen. Nehmen wir den -Fall eines Menschen, der gar keine Bildung genossen hat, aber auch, -vielleicht weil er eben erst geschlechtsreif geworden ist, im Bezug -auf das Geschlechtliche noch durchaus keine feste Gewohnheitsfurche im -Gehirn trägt. Bei ihm wird der erste Gedanke höchstwahrscheinlich die -Vererbungsfurche, die den instinctiven Fortpflanzungstrieb als uraltes -Erbe stets neu zeitigt, einschlagen, ein Kampf ist ausgeschlossen, da -nur diese einzige Linie vorhanden ist, aber der aus der angeregten -Gedankenkette hervorgehende Wille wird etwas Unklares, Reflectorisches -haben, das sich dämonisch Bahn bricht, aber dem Bewusstsein selbst fast -ganz entzogen ist. - -Zweiter Fall: der Mensch ist ein geübter und geriebener Don Juan. Im -Worte liegt schon enthalten, dass bei diesem Typus sich in der für -das Geschlechtliche reservirten Gegend des Gehirns nicht bloss die -instinctive Vererbungs-Furche, sondern daneben noch eine sehr tief -ausgefahrene Aneignungs-Furche, ein durch Gewohnheit individuell -scharf eingepflügtes Geleise findet, das beim Anblick des schönen -Weibes eine grosse, aber dem Bewusstsein noch durchweg zugängliche -Gedankenkette durchpassiren lässt, als deren Resultat ein sicherer, -auf hundert Erfahrungen gestützter Wille entsteht, -- der Wille zur -Verführung, der Wille zum geschlechtlichen Genuss, -- im Princip -derselbe Wille, wie bei dem ersten Menschen, nur unendlich bewusster -und dauernder. Ein Conflict findet -- moralische Bildung bei dem Typus -des Don Juan ausgeschlossen -- auch hier nicht statt, die Wahrnehmung -erregt nur eine einzige Ideenkette, die als Endresultat nur einen -Willen kennt. - -Der dritte Fall aber, an den ich jetzt herantrete, ist der weitaus -interessanteste, dichterisch jedenfalls der werthvollste. Ein Mensch -soll eine ordentliche moralische Bildung genossen haben, dabei aber -dem Geschlechtlichen nicht so fern geblieben sein, dass es nicht -auch, abgesehen von der stets vorhandenen ererbten Linie, eine -gewisse Spur in seinem Gehirn zurückgelassen hätte, die im Stande -wäre, den Gedanken bei völliger Unbeeinflussung in Don Juanartige -Gelüste zu treiben. Eine Disposition, wie diese, ist unter allen die -verbreitetste. Ihr Ergebniss ist im vorliegenden Falle ein innerer -Kampf. Die Wahrnehmung erweckt zwei Gedankenlinien, die moralische und -die schlechthin sexuelle, von denen die eine als Endergebniss einen -Willen erzeugen muss, der dem der andern durchaus entgegengesetzt ist. -Die Moral verbietet, was die geschlechtliche Neigung verlangt. Beide -Gedankenketten erscheinen vor dem Bewusstsein, -- eine freie Wahl ist -diesem aber absolut versagt; es steht als indifferenter Zuschauer -vor dem Kampfe der Gedanken um den Willen. Nur ein Wille kann als -Endresultat hervortreten. So lange beide Ideenketten vollkommen gleich -stark sind, heben sie sich gegenseitig im Puncte des Willens auf wie -Plus und Minus. Rollt der eine Gedankenzug glatt durch sein Geleise -bis zur Willensstation, so ist inzwischen der andere ebenso glatt dort -angekommen und die Beiden verschliessen sich gegenseitig den Ausgang. -Die Entscheidung, welche Linie siegt, kann sehr lange ausstehen. Ueber -ihre Veranlassung herrschen vielfach die irrigsten Vorstellungen. -Man denkt sich unwillkürlich, das Bewusstsein selbst, welches doch -keinerlei mechanische Macht besitzt, könne durch einen metaphysischen -Druck diesen oder jenen Willen zum Durchschlag bringen. Das wäre -die reinste Hexerei. Die Entscheidung kommt vielmehr daher, von wo -überhaupt alles Motorische nur kommen kann: von aussen, durch neue -Wahrnehmungen, die während der Hemmung jener beiden Ketten in's Gehirn -eintreten. Es fragt sich bei diesen, in welche der beiden Linien sie -einlenken. Sind es zufällig sexuelle Eindrücke, die mit dem Streite -sonst nichts zu schaffen haben, aber nothwendig in die geschlechtliche -Linie gerathen, so graben sie dort die Furche ebenso nothwendig ein -Minimum tiefer, und dieses Minimum genügt, grob sinnlich gesprochen, um -dem sexuellen Gedankenzuge im Wettlaufe zum Willensziel einen Vorsprung -zu geben und damit das Resultat zu entscheiden. Umgekehrt: nahen sich -zufällig bei schwebendem Streite neue, moralische Wahrnehmungen, so -siegt die Moral auch in jenem offenen Falle. Unendlich geringe Factoren -haben hier die weittragendste Bedeutung. Ein zufälliges Wort, ein -lebhaftes Erinnerungsbild, der Anblick irgend einer Situation, die -unmittelbar alle nicht das Mindeste mit dem obwaltenden Gedankenzwist -in der kritischen Sache zu thun haben, entscheidet mit mathematischer -Gewissheit über den Sieg. In mancher bedeutenden Dichtung will es -uns bei oberflächlicher Betrachtung fast störend und unlogisch -erscheinen, dass lange Seelenkämpfe plötzlich durch einen vielleicht -sehr geringfügigen äusserlichen Umstand zur jähen Entscheidung -gebracht werden. Wer sicherer beobachtet hat, sieht gerade hierin den -echten Spiegel des Wahren, und er wird in der Wahl jenes scheinbar -geringfügigen Umstandes bei schärferem Hinblick stets etwas entdecken, -was indirect einem der streitenden Gedanken des Helden nicht zufällig, -sondern nothwendig den Sieg verleihen musste, selbst wenn es gar -nicht direct an die Objecte des Seelenkampfes heranreichte. Es ist -nichts weiter als der Tropfen Oel, der die eine Wagenaxe in der Arena -geschmeidiger macht; aber dieser Tropfen ist die weihende Spende der -Nike. - -Von diesem dritten Menschen giebt es tausend und abertausend Varianten. -Die gegenseitige Hemmung und Beeinflussung der Gedankenketten ist es, -die uns erst eigentlich das geistige Werden unserer Handlungen zum -Bewusstsein bringt und verhindert, dass Impuls und Effect sich bloss -reflectorisch auslösen. Man kann sagen, dass wir unserer Gedanken erst -recht bewusst werden, wenn sie gehemmt sind und einander bekämpfen, -etwa so, wie die Meeresfläche uns erst charakteristische Form gewinnt, -wenn wir sie uns als ein Spiel sich brechender Wogen denken. Von einer -freien Beeinflussung des Willens aber durch das Bewusstsein kann im -buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Wir erhalten äussere Eindrücke, -wir denken in gewissen vorgezogenen Linien, dieses Denken wird uns -unter gewissen Bedingungen durch einen Act, dessen innerste Natur wir -nicht ergründen können, bewusst: das ist alles. In diesen Verhältnissen -liegen die Wurzeln unseres Glückes und unserer Schmerzen, unserer -Fortschritte und unserer Rückschritte. Naturwissenschaftlich sind wir -als ehrliche Beobachter gezwungen, die Bedingtheit aller menschlichen -Willensacte der Art des geistigen Apparates gemäss als eine Thatsache -auszusprechen, die weder juristische noch theologische Forderungen -irgendwie erschüttern können. - -Diese Forderungen müssen sich mit der Thatsache abfinden. Die Genesis -seiner Gedanken und Handlungen zugestanden, bleibt ja praktisch der -Mensch mit lauter Gedankenketten, die im Verbrechen gipfeln, schlecht -und strafbar und der Mensch, der durch den Zwang seiner Gehirnfurchen -zu moralischem Denken und Thun gezwungen wird, gut. - -Für den Dichter aber scheint mir in der Thatsache der Willensunfreiheit -der höchste Gewinn zu liegen. Ich wage es auszusprechen: wenn sie nicht -bestände, wäre eine wahre realistische Dichtung überhaupt unmöglich. -Erst indem wir uns dazu aufschwingen, im menschlichen Denken Gesetze -zu ergründen, erst indem wir einsehen, dass eine menschliche Handlung, -wie immer sie beschaffen sei, das restlose Ergebniss gewisser Factoren, -einer äussern Veranlassung und einer innern Disposition, sein müsse und -dass auch diese Disposition sich aus gegebenen Grössen ableiten lasse, --- erst so können wir hoffen, jemals zu einer wahren mathematischen -Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und -Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie -die Natur. - -Im Angesicht von Gesetzen können wir die Frage aufwerfen: Wie wird -der Held meiner Dichtung unter diesen oder jenen Umständen handeln? -Wir fragen zuerst: Wie wird er denken? Hier habe ich die äussere -Ursache: was findet sie in ihm vor? Was liegt als Erbe in seinem -Geistesapparate, was hat die Bildung und Uebung des Lebens darin -angebahnt, welche fertigen Gedankenlinien wird jene äussere Thatsache -erregen, wie werden diese sich hemmen oder befördern, welche wird -siegen und den Willen schaffen, der die Handlung macht? Ich habe das -Wort »mathematisch« gebraucht. Ja, eine derartige Dichtung wäre in der -That eine Art von Mathematik, und indem sie es wäre, hätte sie ein -Recht, ihr Phantasiewerk mit dem stolzen Namen eines psychologischen -Experimentes zu bezeichnen. - -Ich glaube gezeigt zu haben, wie gross unsere Unkenntniss im Einzelnen -besonders bei der Vererbungsfrage noch ist. Jene Dichtung, von der ich -rede, ist in ihrer Vollendung noch ein Traum. Aber das soll uns nicht -hindern, rüstig am grossen Bau mitzuschaffen. Einstweilen möge sich vor -allem die Klarheit über die Hauptprobleme Bahn brechen. Der Dichter -soll anfangen, sich bei der Unzahl von Phrasen etwas zu denken, die -auf seinem Gebiete umherschwirren, die Sätze wie: »Es lag in ihm so zu -handeln«, »Die Natur brach sich gewaltsam Bahn«, »Er fühlte etwas, was -seinen Gedanken blitzschnell eine andere Richtung gab« und ähnliches, -sollen ihm einen Inhalt bekommen, er soll einsehen, dass es im Geiste -so wenig Sprünge giebt, wie bei einem festen Verkehrsnetz, wo jede -alte Strasse so lange wie möglich benutzt wird und eine neue nicht -von heute auf morgen gebaut wird, er soll endlich alle die grossen -Namen: Schicksal, Erbsünde, Zufall und wie sie heissen mögen, im -Einzelnen neu prüfen und auf die Principien hin modificiren, wo es Noth -thut. Ich gebe hier keine Aesthetik, sondern beschränke mich auf die -naturwissenschaftlichen Grundlagen, es liegt mir fern, in jene Fragen -näher einzutreten, die sich daran anknüpfen. Man sagt wohl, die Poesie -werde roh und alltäglich, wenn sie sich an die Fragen der Physiologie -um Auskunft wende. Wenn ich die Probleme überblicke, auf die der Gang -dieser Studie mich geführt hat, so weiss ich nicht, was das heissen -soll. Diese Probleme sind die höchsten, die ich mir denken kann. Wir -stehen dicht vor der Schwelle des Ewigen, des Unerreichten, und wandeln -doch noch auf dem sicheren Boden der Wirklichkeit. Giebt es einen -höheren Genuss? - - - - -Drittes Capitel. - -Unsterblichkeit. - - -Geheimnissvolles Wort, -- Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der -Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume, -ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an -dieses Wort. - -Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im -Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: -- die uralten Phantasieen -des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine -dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen -vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten -durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser, -freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der -helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir -noch kein Ende sehen, -- und doch -- und doch. Das Wort Unsterblichkeit -ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller -Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit -einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer -Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller -Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen -des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen -sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder -emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten. -Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen, -ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre -Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie -scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht -von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine -einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von -voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren -physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma -aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt -unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich, --- -- oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder -Bedeutung, -- wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt -wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite -als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler -liegt in dem »entweder -- oder«. Ich will versuchen, das exact zu -entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst -allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein -will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit -sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend -wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen, -ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir -unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge -finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch -eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass, -wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt -habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den -molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare -Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch -werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und -Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier -vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich -der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur -ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe, -bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten -Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene -Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher -Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in -ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die -erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je -geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach -einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine. -Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die -sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung -für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente -des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes -verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze -auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist -vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes: -Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das -Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss -sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes. -Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass -noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische -Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind, -und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt -mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie -es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt -wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem -Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten -Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen -versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was -in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört, -kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der -Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich -bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen, -die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte -Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im -Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten -schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen -des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.« -Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und -geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als -Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts -besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die -nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen -möchte. - -Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht -nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den -Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht -der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den -Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das -ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher -machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die -Vergangenheit ist. - -Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich -kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form -gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten, -an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden -ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen -können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre -damit ein Ziel gesetzt. - -Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der -Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen -Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen -Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die -Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen, -wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch -dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die -psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der -physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim -Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne. - -Mit Entschiedenheit muss ich mich nun aber gegen die zweite Hälfte -jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode -ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe -Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines -Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch -lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles« -wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen -Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz -scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische -Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die -sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist -ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane -und sein Gehirn ihm das erlauben -- nicht mehr. Die schärfsten -Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm -nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und -es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass -sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht -ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden -Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum -Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass -die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck -ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen, -dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm -subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit -überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat -mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst -verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird -für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht -unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta -der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich -nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen, -sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit -vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres -Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen, -zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester -Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem -und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede -gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts -schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so -ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl -und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren. -Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse -dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so -verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch -offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir -können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich -gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass -jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss -des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist -nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach -nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr -vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig -nichts an. - -Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres -Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes -sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen, -sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern, -dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt -an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt, -sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich -die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein -isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist -eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist -das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar -hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines, -getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir, -die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem -innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir -von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende, -Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste -ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in -einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll -unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir -sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile -Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie, -etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist -das nicht. - -Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen -sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an -ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es -keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses -Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich -Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes -Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem -Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst -etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle -irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann -uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu -sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts, -als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben -wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt. -Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere -des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen -Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das -enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten -der Sonne. +Alles+ ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen -Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der -Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in -Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch -die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume -sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss -er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen. - -Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht -das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur -ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl -mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde, -kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern -Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in -unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den -Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der -menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das -wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären; -überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die -ewige Schranke. - -Gleichwohl -- selbst mit all' diesem Vorbehalt -- scheint mir -der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des -Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das -Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter -der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist, -ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten -auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter -liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung -einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen, -physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend, -sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese -Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen -der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange -fester Ursachen schafft, darstellen -- nur dann kann sie mit gutem -Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein -weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch -mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke -»Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss -unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest -ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem -Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!« - - - - -Viertes Capitel. - -Liebe. - - -Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens, -die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der -molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem -Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten -Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort -Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer -wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu -jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe, -und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen, -bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine -durchaus irdische Erscheinung. - -Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss -verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der -Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die -Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend -die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen -Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges -Wesen, nicht Thier noch Pflanze -- einen Crystall aus gleichem Stoffe -geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die -Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen -nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend -einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch -starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein -bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine -bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen, -und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an, -wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand -der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher -einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens -durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung -unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer, -kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu -sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie -unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern -Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen -entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach, -wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung -zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt -bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen, -die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von -der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch -und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus -zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten -nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen -Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend -Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen, -konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen -ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die -Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes -in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden. -Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft -- der -Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein -Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit, -sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun. -Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch -die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf -Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige -wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der -Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven -Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen -Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss -noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv -betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein -höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr -in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein -einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie -wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen? -Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle. -Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung -ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese -zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen -entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen -Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt -und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist -jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr -Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe -erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden, -die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich, -dass zwei dieser Sprösslinge -- zwei von verschiedenen Gemeinden -- auf -einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich, -durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben -der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt -starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil -nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile -der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle -sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem -künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die -Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es -folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus -entstehen kann. - -Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat -die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten -colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus -Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten -Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle -wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung -mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude -aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen: -die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von -einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich -oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie -einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit, -von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten, -so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten -- nicht um ganz -zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst -günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie -treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine -Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern -des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern -verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus -in's Freie treten zu lassen. - -Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der -Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung -schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind -wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste -Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der -eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern, -vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer -Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des -weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht -der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem -bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich -hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details -geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester -Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen -des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der -Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen -Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder -angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt, -durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe -in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur -sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen -Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der -Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird -der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer -so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir -vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes -und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops -erschienen wären. - -Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es -hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus -des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das -Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der -Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen -äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen -Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark -vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und -Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden -und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des -Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu -geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses -eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell -Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker -als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen -des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für -Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln -Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne, -die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in -ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen -beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und -Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den -verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten -Triumphe zu feiern. - -Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals -gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem -und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz -aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem -der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten -Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun -haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise -die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit -der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende -Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig. -Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf -dem Satze: die Liebe +muss+ auf enge geschlechtliche Vereinigung -als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll -- -und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur -Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine -Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er -tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders -handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die -Wahrheit auf. - -Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber -weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die -einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber -vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe, -die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der -geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe -bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach -und nach ganz eigenthümliche geworden. - -Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel -für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter -dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die -erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere -erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich, -wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke -bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's -Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen -Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube -mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer -Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu -verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin, -der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar -in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem -Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht -eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den -Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf. - -Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine -Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte, -die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu -den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich -durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes -darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu -Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden -und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der -neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes -aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches, -wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein -Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger. -Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige -nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener -Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend -feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen -von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie -bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller -Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch -sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden. - -Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der -letztern Sorte für Narren erklären. - -Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die -das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben, -aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht -opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von -allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen, -die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll -etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That, -auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als -das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige -Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat, -doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz -so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem -Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten. -Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die -mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser -Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des -sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns -in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst -werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches -zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied -der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle -Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die -Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die -geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem -zweiten Wesen des andern Geschlechtes. - -Gegen diese einfache, dem Thatsächlichen Rechnung tragende Auffassung -der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem -Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt -sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort -»die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch -etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht -näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen« -gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr -leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein -»göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein -Stück Metaphysik -- das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende -Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie. -Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten -Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen -Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die -Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine -Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder --- Oder finden: die Liebe ist von Gott -- die Liebe ist Wahnsinn. -Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden, -dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die -ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen -Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für -diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit -und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der -auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für -gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen -will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer -grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter -das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das -eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung -der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das -hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer -physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit -nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt -umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner -Schönheit, die den Mann reizt -- die Liebe, mit der die Gatten einander -begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort -gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe -schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als -Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das -Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken, -das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann -vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem -Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede -Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut -wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl -für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und -Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng -zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane. -Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen -des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung -bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich -als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der -abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag -verfolgen -- eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker -sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und -wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra -durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind; -dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie, -bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig -durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch -die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht. -Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser -Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen -irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des -nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr -grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können, -äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher -Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung. - -Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange -nicht die Krankhaftigkeit +aller+ Liebeserscheinungen. Die Liebe soll -ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele -knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum. -Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten, -erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine -unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern -Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir -von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele, -die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht -haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und -glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl -von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als -bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet -wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von -der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's -Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit. - -Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten -oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig -von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors -seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist -- jene ganze -Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen -Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen -mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem -Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf -kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht -wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine -Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der -sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in -lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das -Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger, -der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat, -unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im -Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der -junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren -durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln, -sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche -Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn -herauszuschaffen -- ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht -mehr gelingt -- so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt -hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss -einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen -Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt, -muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden. -Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte -von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem -natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige -Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die -mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den -krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben -oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen -stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken -Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden. -Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder -weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch -den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst -unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber -welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein, -wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten -- dem schneidig -scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun -haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der -Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und -Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern -Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen, -bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in -das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer -Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete -verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren -anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste -zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit -walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils -mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe -schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie -- -wenigstens die unbefangene -- hilft zwar das Gift weiterverbreiten, -aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine -ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle, -moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag -hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein -anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere -Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben, -weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde -Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber -ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen -blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische. -Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift -allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern, -in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den -Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission -der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem -Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie -kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich -an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die -wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend -zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an -den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität -und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas -überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass -sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige -Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen -mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen -Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für -die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den -realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen -Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung -der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen -Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an -dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren -von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei -auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade -wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert. -Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern -bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten; -denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat -- es ist alles harmlos -gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von -Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen -Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme -keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende -dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und -Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts -bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten -Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und -tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den -Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen -plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das -Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze -nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die -natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus -mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte -Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich -ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf -das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat -mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen -Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser -gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende -auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen -Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das -Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt, -wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie. -Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der -Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über -eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine -unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen -- eine Literatur -voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen. - -Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in -entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und -niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe -Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse -der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig -fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in -Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden -Ritterromane zum Flammentode verdammen liess. - -Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren -gefährlichen Lieblingen erlösen? - - - - -Fünftes Capitel. - -Das realistische Ideal. - - -Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den -beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal? -Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen -realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch -hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden -Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden -mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr -kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten -Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe? - -Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst -aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte -näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt. -Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die -Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr -und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich -innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer -mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein. - -Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens -liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal, -so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein -Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in -uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen -von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen -unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das -natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen -Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem -Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen, -unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts -besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde -Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist, -das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der -Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen, -die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der -Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen, -was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm -darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde, -über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser -wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles -strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden -Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit. -Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber -es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt, -aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur -einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale -schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der -Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach -Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt -nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde -liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen -den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf -Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den -geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts -anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang -mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst -erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle -Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung -an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit, -an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze -Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere -Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach -allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale -überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem -verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem -ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt, -von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die -weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle -als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne -eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe -- -ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische -Bewegung -- das alles geht mich hierbei herzlich wenig an. - -Ich wahre durchaus den Standpunct des Naturforschers. Wenn aber ein -derartiges ideales Princip sich von diesem aus für die ganze sichtbare -Welt ergiebt, so hat auch der realistische Dichter ein Recht, sich -seiner zu bemächtigen, es als »Tendenz« in seinen Dichtungen erscheinen -zu lassen. Tendenz zum Harmonischen, Gesunden, Glücklichen: -- -- -- -was will man mehr von der Kunst? Giebt es einen besseren Boden für -die Aesthetik, um ihren menschlichen Begriff des Schönen darauf zu -bauen? Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu zeigen, wie dieser Begriff -des Schönen selbst sich im Einzelnen aus dem Begriffe des Normalen, -Gesunden entwickelt, ich beschränke mich auf die Grundlagen. Es wird -nicht Wenigen so vorkommen, als sinke die realistische Dichtung -durch Anerkennung jener Tendenz von ihrer hohen Sonderstellung jäh -wieder herab zum Gewöhnlichen. Wenn die Tendenz zum Glücke wieder -oben anstehen soll, so hat ja auch der billigste Liebesroman, dessen -einziges Ziel ist, dass »sie sich bekommen«, das Recht der Existenz -damit zurück erhalten. In Wahrheit will das nichts heissen. Der -realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist. Im Leben -waltet die Tendenz zum Glück, zur Gesundheit als Wunsch, nicht als -absolute Erfüllung. Das wird der Dichter durchaus anerkennen müssen. -Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt -als ein heiteres Theater darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten -auslaufen. Eine unerbittliche Nothwendigkeit wird ihn zu den schärfsten -Consequenzen zwingen, und wenn er, was nicht zu vermeiden, das -Ungesunde in sein Experiment hineinzieht, so ist er verpflichtet, es in -seinem ganzen Umfange zur folgerichtigen Entwicklung zu bringen. Seiner -Tendenz dient er dann eben bloss im Negativen, im Contraste. - -Im Allgemeinen kann ich auch hier nur wiederholen, was bereits -öfter gesagt ist: der Realismus hat gar kein Interesse daran, -allenthalben mit der Prätention des durchaus »Neuen« aufzutreten. Seine -wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie -keine principiellen Gegner zu sein brauchen. Das kann aber ebenso -gut geschehen, indem wir wissenschaftlichen Factoren in der Dichtung -zu ihrem Rechte verhelfen, wie gelegentlichen Falles auch, indem wir -einen Zug zum Idealen in der Wissenschaft nachweisen. Nur allein das -Metaphysische muss uns fern bleiben. Das Streben nach harmonischem -Ausgleich der Kräfte, nach dauerndem Glück ist in jeder Faser etwas -Irdisches. Hier auf Erden ringt der Einzelne nach Seligkeit, hier -auf Erden pflanzen wir in heiterem Bewusstsein Keime zum Segen der -kommenden Geschlechter. Die dunkle Welt des Metaphysischen sagt hier -nichts, hilft nichts, hindert nichts; sie kann, wie ich das ausgeführt -habe, einen tröstenden Gedanken abgeben beim Tode; an Glück und Unglück -im Leben ändert sie nichts. - -Jene Schule des Realismus, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt, -hat uns mit beharrlichem Bemühen in einer langen Reihe von -psychologischen Gemälden mit dem traurigen Bankerotte des menschlichen -Glücksgefühls in Folge krankhafter Verbildung bekannt zu machen -gesucht. Ich erwarte eine neue Literatur, die uns mit derselben Schärfe -das Gegenstück, den Sieg des Glückes in Folge wachsender, durch -Generationen vererbter Gesundheit, in Folge fördernder Verknüpfung des -schwachen Individuellen mit einem starken Allgemeinen in Vergangenheit -und Gegenwart vorführen soll. Auch dafür giebt es Stoff genug in der -Welt, und zwar ist das gerade der Stoff, der in eminentem Sinne das -Ideale in der natürlichen Entwickelung darlegen wird. Das Ideale, von -dem wir nach Vernichtung so vieler Illusionen noch zu reden wagen, -liegt nicht hinter uns wie das Paradies der Christen, nicht nach -unserer individuellen Existenz in einer persönlichen Fortdauer im -Sinne der Jünger Mohammeds, nicht ganz ausserhalb des practischen -Lebens in den Träumen des Genies, des Poeten: es liegt vor uns in der -Weise, dass wir selbst unablässig danach streben und in diesem Streben -zugleich das Wohl unserer Nachkommen, die Erfüllung derselben im -Ideale anbahnen helfen. Das soll uns die Dichtung zeigen. Idealisiren -muss für sie nicht heissen, die realen Dinge versetzen mit einem -Phantasiestoffe, einem narkotischen Mittel, das Alles rosig macht, aber -in seinen schliesslichen Folgen unabänderlich ein Gift bleibt, das -den normalen Körper zerstört -- sondern es muss heissen, den idealen -Faden, den fortwirkenden Hang zum Glücke und zur Gesundheit, der an -allem Vorhandenen haftet, durch eine gewisse geschickte Behandlung -deutlicher herausleuchten zu lassen, ungefähr wie ein Docent bei -einem Experimente sehr wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine -bestimmte Seite desselben lenken kann, ohne darum den natürlichen -Lauf zu verfälschen. Die oberste Pflicht des Dichters hierbei muss -freilich allezeit Entsagung sein. Wie schon betont: das Wollen, das wir -in der Natur sehen, ist selbst noch keine Erfüllung. Je gesunder der -Poet selbst ist, desto eher wird er in die Gefahr gerathen, einerseits -das Ungesunde zu grell zu malen, andererseits seine Welt gewaltsam -als ein Reich der Gesundheit ausmalen zu wollen. Das Wirkliche muss -hier als ewiger Corrector die Auswüchse beseitigen. Für den Standpunct -des natürlichen Ideals in der allgemeinen Werthschätzung ist es -schliesslich immer noch besser, man lässt es zu schwach durchschimmern -im Gange der geschilderten Begebenheiten, als man profanirt es in der -Weise des alten metaphysischen Ideals durch künstliches Auffärben. - -Eine realistische Dichtung aber ganz ohne Ideal -- -- -- das ist mir -etwas Unverständliches. Im Märchen mag gelegentlich alles schwarz -sein. Im Leben giebt es dunkle Sterne und dunkle Menschenherzen. Aber -um den finstern Bruder, mit dem ihn am Himmel das Gesetz der Schwere -verkettet, kreist der helle Sirius -- neben den kranken Seelen wandeln -gesunde. Wer die Welt schildern will, wie sie ist, wird sich dem nicht -verschliessen dürfen. - - - - -Sechstes Capitel. - -Darwin in der Poesie. - - -Es giebt ein psychologisches Gebiet, das wie kein anderes geschaffen -ist, den Blick des Dichters, der in die Tiefen der menschlichen -Tragödie einzudringen sucht, mit magischem Banne zu fesseln. Es -ist die Erscheinung des bahnbrechenden Genies, des Entdeckers, -Erfinders, Reformators auf irgend einem Boden, den noch keiner -bebaut hat. Wechselnde Bilder ziehen bei dem einfachen Worte durch -den Vorstellungskreis des Gebildeten. Ein Hauch des Einsamen, -Weltentrückten, der menschenleeren Wüste streift seine Stirn, durch -sein geistiges Auge zittert der verlorene Schein des Lämpchens in der -Zelle des verlassenen Grüblers, ein Rauschen von Wogen berührt sein -Ohr, über denen schwere Nebelmassen die Fernsicht nach jungfräulichem -Inselboden für den Blick der Welt verhüllen. Christus, der dem -Zwiegespräch der Geister in der Einöde lauscht, Gutenberg, der im -stillen Gemache seine Lettern fügt, Columbus, der die Wellen eines -neuen Meeres an sein Steuer branden lässt, treten aus dem Schatten -der Geschichte hervor. Aber aus dem Strahlenkreise der Vision -steigt auch das blutige Kreuz von Golgatha, klirrt die Kette an den -Armen des hispanischen Admirals, tönt der Seufzer des sterbenden -Buchdruckermeisters von Mainz, den sie um die Früchte seiner Arbeit -betrogen. Der prüfende Geist öffnet sich der Frage: Was für ein -Phänomen der irdischen Entwickelungslinie wandelt in diesen Bildern der -Einsamkeit, der Grösse und des Martyriums an uns vorüber? Wieder, wie -bei den grossen Problemen, die ich früher gestreift, steht die Antwort -in erster Linie dem Naturforscher zu. - -Um was es sich handelt, das ist nichts Wichtigeres und nichts -Geringeres, als die Bildung einer neuen Art. - -Die Zeit ist noch nicht allzu fern, wo der Naturforscher sich bei -diesem Begriffe nicht viel denken konnte. Heute ist das anders. Die -gesammte Formenwelt des Organischen hat sich herausgestellt als eine -mächtige, in tausend und tausend Adern zerspaltene Entwickelungswelle, -in der das Geschlecht des Menschen nur einen einzigen Ast bildet. - -Tief an der Wurzel schon zertheilt in die Doppellinie des Pflanzlichen -und des Thierischen, reicht diese Welle aus uralten Zeiten herauf -bis zum heutigen Tage. Hervorgegangen aus sehr einfachen Urformen, -hat sich innerhalb des Ganzen allmählich eine Fülle verschiedener -Typen ausgebildet, die theils nebeneinander fortbestanden, theils -ausstarben und Neuem Platz machten. Darwin hat zuerst in der -allgemein bekannten einfachen Weise gezeigt, wie in Folge der -äussern, örtlichen Bedingungen, in die das organische Leben auf der -Erde bei fortschreitender Vermehrung versetzt war, die Bildung der -Arten aus gleicher Urform sich annähernd logisch erklären lässt. -Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, die uns noch auf Schritt -und Tritt hier begegnen. Aber sie sind gerade für den Punct, auf -den ich für die Betrachtung des menschlichen Entdeckergenies hinaus -will, nebensächlicher Natur. Für gewöhnlich giebt es ein organisches -Vererbungsgesetz, welches vorschreibt, dass die Nachkommen eines -bestimmten Mitgliedes einer Thier- oder Pflanzenart durchaus den Eltern -gleichen, also wiederum den Arttypus rein darstellen müssen. Indessen, -dieses Gesetz erleidet Störungen, die an sich zwar so geringfügiger -Natur sind, wie die unablässigen kleinen Störungen der Planetenbahnen. - -Chemische und physikalische Einflüsse machen sich hier geltend, die wir -im Detail noch nicht verfolgen können. Das Resultat sind unablässige -individuelle Abneigungen der Jungen von den Eltern, meist zu klein, um -als wahre pathologische Abnormitäten zu gelten, aber doch stark genug, -eine gewisse Rolle im Leben des Individuums zu spielen; von einem Wurf -junger Katzen können alle drei gesund sein, wenn auch jede anders -gefärbt ist, und es muss schon eine sechs Beine haben oder zeitlebens -blind bleiben, um pathologisch als Abnormität aufgefasst zu werden. - -Diese anscheinend zwecklosen Varietäten innerhalb des Normalen -werden aber von Wichtigkeit, wenn die äussern Existenzbedingungen -der ganzen Art sich in Folge klimatischer oder sonstiger Umwälzungen -verändern. Wenn ein Land plötzlich kältere Winter bekommt, kann der -sonst werthlose Umstand, dass eine Katze vermöge kleiner individueller -Abweichung doppelt so dichtes Haar besitzt als die übrigen, von -entscheidender Wichtigkeit werden, kann sogar bewirken, dass sie allein -mit denjenigen ihrer Jungen, die das starke Kleid geerbt haben, alle -andern überdauert und Stammmutter einer neuen Spielart mit wolligerem -Pelze wird. Das Ueberdauern der Andern bezeichnet dabei ein Schlagwort -als: Sieg im Kampfe um's Dasein. - -Innerhalb des Thierischen ist die als Beispiel gewählte Katze ein -Genie. Es ist ihr etwas vererbt, etwas in ihr gegeben, das mit Hilfe -des zufälligen Zusammentreffens der vorhandenen Gabe und des äussern -Bedürfnisses zu einer Erfindung, einem Fortschritte wird. Dieses Genie -wird, schematisch gesprochen, geboren als eine willkürliche, ziellose -Linie, die aber im Leben plötzlich in's Herz einer Scheibe trifft und -ihren Entsender zum Schützenkönige macht. Und die Art, wie dieses Genie -sich auf die Nachkommen überträgt, wo es normale Gabe aller wird, ist -die directe der körperlichen Vererbung. - -Stellen wir jetzt daneben das menschliche Genie. Zunächst handelt es -sich hier um etwas weit Feineres, nämlich einen Gehirnprocess. Ein -Mensch wird geboren, dessen Art zu denken, Vorstellungen zu verknüpfen, -eine gewisse individuelle Besonderheit aufweist, die, ohne pathologisch -zu werden, doch innerhalb des Spielraums des Normalen ihre Eigenart -wahrt. Die Linie, von der ich eben sprach, ist damit gegeben, aber -sie ist noch völlig ziellos. Tausend Genies bleiben einfach unter -der Masse verborgen, weil ihre Linie nie das Centrum einer Scheibe -trifft. Dieses Treffen hängt von bestimmten Möglichkeiten ab. Es muss -irgendwo in der Nähe eine Zielscheibe stehen, ein Stoff sich finden, -an dem das Genie sich bewähren kann. Solche Stoffe liegen zu gewissen -Zeiten in der Luft. Man denke an die Entdeckungen, die von drei oder -vier Menschen fast zu gleicher Zeit gemacht wurden. Man denke daran, -was Luther oder Copernicus oder Columbus bereits vorfanden. Wir -nehmen an, das Genie ist geboren, der Stoff, an dem es sich bewähren -kann, ist auch gegeben. Der betreffende Mensch besitzt jetzt etwas, -eine Idee, ein geistiges Plus, das ihn von allen seinen Mitmenschen -zugleich scheidet und fördernd heraushebt. So weit ist der Process -gänzlich dem oben skizzirten bei der Neubildung einer zoologischen -oder botanischen Spielart analog. Durchaus anders aber gestaltet sich -der weitere Verlauf im Kampfe um's Dasein. Das doppelte Wollhaar -des Raubthiers war etwas vom Individuellen Untrennbares. Es haftete -an der Person, es schützte diese Person im Kampfe um's Dasein, und -es übertrug sich von ihr zu neuen Personen auf dem Wege physischer -Vererbung im Zeugungsprocess. Anders bei der menschlichen Idee, die -das Genie durch Zusammenstoss mit einem äussern Zündstoffe entfesselt. -In den allermeisten Fällen emancipirt diese sich sehr schnell vom -Individuellen, dem eine körperliche Uebertragung durch Vererbung doch -nicht gegeben ist, dessen einzelne Person also weiterhin nebensächlich -ist. Die Idee überträgt sich von Gehirn zu Gehirn, kämpft vermöge ihrer -bessern Kraft sich durch im Kampfe um's Dasein mit andern Ideen und -befestigt sich schliesslich als eiserner Bestand im Denkapparate der -ganzen Culturmenschheit. In dieser Loslösung der Idee von ihrem Urheber -liegt das tragische Schicksal des Genies als Person; die Idee, indem -sie als Macht im Kampfe um's Dasein auftritt, kämpft für sich, nicht -für ihren Urheber. Die Tragik ist bitter, darüber kann kein Zweifel -bestehen. Man fühlt sich manchmal berufen, die Natur grausam zu nennen -wegen der groben Mittel, die sie im Daseinskampfe zur Schöpfung einer -neuen Thier- oder Pflanzenart anwendet; die Wiege des Fortschritts, -des Neuen im Geistesleben der Menschheit ist in dem Sinne das ärgste -Procrustesbett, das überhaupt denkbar ist; das Individuum gilt hier -gar nichts mehr. Aber eine vernünftige Lebensphilosophie muss sich in -diese Thatsachen zu finden wissen. Jene Idee, die unter dem Nebel all' -des mystischen Beiwerks doch immer die Herzen der Menschen am meisten -im Christenthum angesprochen hat: die stille Resignation, dass der -Einzelne am Kreuze sterben müsse, damit sein Werk ein beglückendes -Evangelium für viele Tausende werde -- sie wird bleiben, auch wenn -kein Wort mehr von aller christlichen Metaphysik Gläubige finden -sollte -- weil sie eine tiefe Wahrheit enthält. Nicht der Mensch siegt -im Kampfe um's Dasein, sondern die Idee: so lautet derselbe Satz in -wissenschaftlicher Form. Er enthält zugleich eine Formel für die -Thatsache und einen Trost. Denn schliesslich, wenn der Mensch auch -nicht, wie das bevorzugte Thier in jenem Beispiele von dem doppelten -Wollpelze, am eigenen Leibe die Segnungen dessen fühlt, was sein Gehirn -in dunkler Mission ausgestreut, so sieht er doch als bewusstes Wesen -die Siegesbahn seiner Idee auch noch in ihrer Trennung von seinem -Selbst und empfindet ihren Glanz als versöhnende Wärme. - -Ich habe das erfinderische Genie mit Absicht aus der reichen Fülle -der Erscheinungen im menschlichen Dasein herausgegriffen, die man im -engern Sinne als darwinistische Probleme auffassen kann. Ich denke, -dass schon dieses eine Beispiel genügt, um zu zeigen, wie sehr man sich -hier vor willkürlicher Uebertragung einfacher biologischer Gesetze auf -die complicirten Phänomene des menschlichen Geisteslebens hüten muss. -Die Anlage, die Zielscheibe, der Kampf um's Dasein: alles spielt auch -hier seine Rolle. Aber der Verlauf ist gerade in wesentlichen Puncten -ein anderer. Unendlicher Stoff für den Dichter liegt allerdings auf -diesen Gebieten. Sowohl das Aufstreben des Neuen wie das Absterben des -Veralteten, die geheimnissvollen Processe, wie das Gesunde verdrängt -wird durch ein Gesunderes, wie es zum Ungesunden herabsinkt durch -haltlose Opposition gegen das bessere Neue, ohne selbst das alles -begreifen zu können -- sie sind seit alten Tagen die Domäne der -Poesie, ohne dass man sich in der rechten Weise über die eigentlichen -Gesetze, die darin walten, und ihre Beziehungen zu den Darwin'schen -Gedanken hat klar werden wollen. Man kann wohl verlangen, dass ein -realistischer Dichter +nach+ Darwin kein Bedenken mehr trägt, die Dinge -beim rechten Namen zu nennen. Aber es gehört dazu in erster Linie ein -ernstes Studium. Allgemeine Schlagwörter beweisen nichts. Man mache -sich daran und entwickele uns zunächst, was noch nicht ordentlich -versucht worden ist, die darwinistischen Linien in der Geschichte; -man prüfe die Werke ausgezeichneter Beobachter wie Shakespeare -im Einzelnen auf das ganze Princip. Dann wird man dahin kommen, -Sätze aufstellen zu können, die den Schlagwörtern einen lebendigen -Zusammenhang mit der ganzen Wissenschaft geben. Zahllose Puncte sind -dabei im Auge zu behalten. Die einfache Zuchtwahl durch persönliches -Emporkämpfen und dadurch ermöglichte Gründung einer Familie, die mit -jener Ideenneuerung im Genie nichts zu schaffen hat, bei der neben den -geistigen vor allen auch die körperlichen Fähigkeiten, Arbeitskraft, -weibliche wie männliche Schönheit und anderes, mitspielen, ist beim -Menschen natürlich nicht erloschen und wahrt ihre alte Rolle. Das -ganze sociale Leben mit all' seinen Klippen und Irrthümern, seinen -Triumphen und Fortschritten fordert die Beleuchtung vom Darwin'schen -Gesichtspuncte aus. Aber was schon im eng beschränkten Thier- und -Pflanzenleben seine ernsten Schwierigkeiten bietet, wird hier vollends -zu einem fast unentwirrbaren Gewebe. Körperliche Gesundheit als -Vortheil im Daseinskampfe findet ihr Aequivalent in Geldmitteln, -die Kraft der Sehnen wird gleichwerthig ersetzt durch die bessere -Molecularconstruction des Gehirns, die unerbittliche Strenge des -Gesetzes vom Recht der Stärkern sieht sich seltsam durchkreuzt von -einem bereits gewaltig angesammelten Fond humaner Anschauungen, die -wieder von einer das Gesetz überbietenden Brutalität auf der andern -Seite paralysirt werden. Der Dichter, der sich mit Muth der Aufgabe -unterzieht, in jeder einzelnen Thatsache hierbei ein Glied grosser -Ketten nachzuweisen, sieht sich allerdings auch darin belohnt, dass er -jede, auch die geringfügigste Erscheinung, so fern sie nur echt dem -Leben entspricht, zum Gegenstande höchst interessanter Darstellungen -machen kann. Im Lichte grosser, allgemeiner Gesetze kann die an und für -sich nicht sehr poetische Chronik eines Krämerviertels, das ein grosses -Magazin im modernsten Stile nach und nach vollkommen todt macht, von -höchster dramatischer Wirkung werden, ein Motiv, das Zola in einem -seiner besten Romane bereits mit Geschick durchgeführt hat. Die kleinen -Thatsachen in dieses Licht des Allgemeinen, Gesetzlichen, höheren -Zielen Zustrebenden heraufrücken: das ist ja eben die idealisirende -Macht, die der Dichter hat. Das werthlose Gezänk über Werth und -Grenzen der Detailmalerei kann hier keine Geltung beanspruchen. Gerade -das Studium der biologischen Phänomene der Artumwandlung, wie es -Darwin angebahnt, führt von selbst darauf, dass wir uns gewöhnen, den -kleinsten Ursachen, den winzigsten Fortschritten und Störungen unter -Umständen die allergrösste Wichtigkeit beizulegen. Der Dichter, der nur -Einiges von Darwin gelesen, wird mit ganz anderer Werthschätzung an die -Dinge des täglichen Lebens herangehen und sich sagen, dass nicht das -Ungeheuere, Welterschütternde allein die geistige Durchdringung durch -die dichterische Anschauung ermögliche, sondern auch das Kleine -- -wofern nur der Poet den nöthigen hellen Kopf mitbringt. Denn hohe Ideen -aus der Sonne zu lesen ist unverhältnissmässig viel leichter, als aus -einem Sandkorn. - -Eine andere Bereicherung als Frucht darwinistischer Studien erblicke -ich in dem verschärften Verständniss des Dichters für die längere -Zeitdauer, die jeder Entwickelungsprocess auch im Menschenleben in -Anspruch nimmt. Wie die Welt nicht in sieben Tagen geschaffen ist, so -schafft sich auch keine psychologische Thatsache von heute auf morgen. -Unsere Bücher sind zwar voll von einer Liebe, einem Hass, die sich -einer geschleuderten Dynamitbombe gleich ohne alle Prämissen entladen; -der naturwissenschaftlich gebildete Dichter wird hier sceptischer zu -Werke gehen. - -Unsere älteren grossen Meister -- Shakespeare, der Zeitgenosse Bakons, -und Göthe, der unmittelbare Vorgänger Darwin's -- bleiben dabei nach -wie vor unsere Führer und Lehrer. Gerade auf dem darwinistischen -Gebiete scheint mir der allgemeine Werth der Methode die Hauptsache, -die den Dichter fördern muss -- viel mehr noch als das nähere -Eingehen auf Fragen der Zuchtwahl. Ich will, um noch einen dritten -dahin gehörigen Punct herauszugreifen, auch Gewicht legen auf die -Rolle des oft verkannten Wortes Zufall in der Dichtung. Was ist -naturwissenschaftlich gesprochen -- Zufall? - -Nicht Wenige, die sich im Allgemeinen an das Causalprincip gewöhnt -haben, wie es die logische Wissenschaft lehrt, meinen in Folge -dessen jeden Zufall, der als Factor in einer Dichtung auftritt, -schlechtweg als unerlaubten deus ex machina verwerfen zu müssen. -Im letzten Grunde der Erscheinungen hängt ja Alles zusammen, das -ist richtig. Trotzdem bietet die Welt von einem Standpuncte wie -unserm menschlichen, der gewissermassen sehr weit ab in der grossen -Kette liegt, das schematische Bild einer unendlichen Menge in sich -geschlossener Linien dar, innerhalb deren alles causal verknüpft ist -und ohne fremde Beihilfe weiterläuft. Jede Kreuzung zweier dieser -Linien erscheint vom Standpuncte der beiden einzelnen wie ein in -keinem ihrer eigenen Richtungsgesetze begründeter grober Stoss von -aussen. Diesen jedesmaligen Kreuzungsstoss nennen wir Zufall. Vom -hypothetischen Standpuncte einer Kenntniss sämmtlicher anfänglicher -Richtungsverhältnisse aller causalen Sonderlinien zueinander, -also einer mathematisch exacten Vorstellung von der anfänglichen -Atomlagerung der irdischen Welt aus hörten die Empfindungen dieses -unerwarteten Stosses und damit der Zufall als Sonderbegriff auf -zu existiren. Der menschliche Standpunct den Dingen gegenüber ist -hiervon noch sehr weit entfernt. Wenn ich in einer Weltstadt von zwei -Millionen Einwohnern an einem Tage mit meiner individuellen Linie -ohne jede bewusste Abneigung zu einer zweiten hin vier Mal auf diese -zweite treffe, also einem und demselben Bekannten vier Mal an vier -verschiedenen Orten, die wir beide ohne Kenntniss von der Anwesenheit -des andern aufsuchten, begegne, so bleibt mir das, aller atomistischen -Nothwendigkeit unbeschadet, persönlich ein vierfacher Zufall. Oder im -oben gewählten Beispiele von der neu entstehenden Raubthierart: wenn -dort die in sich geschlossene Causalitätsreihe innerhalb des doppelt -behaarten Individuums mit der absolut unabhängigen klimatischen -Causalitätsreihe, die den strengeren Winter bewirkt, zusammenstösst, -so ist dieser Zusammenstoss Zufall. Das Weitere nicht mehr; denn die -Erhaltung jenes Individuums und die folgende Ausbildung einer neuen -Rasse sind von da ab logische Consequenzen des Zufalls, der als solcher -den Ausgangspunct einer neuen, selbstständigen Causalitätslinie -bildet. Vom Dichter verlangen, dass er diesen Erscheinungen gegenüber -seinen menschlichen Betrachtungsstandpunct aufgeben und uns nur noch -überall geschlossene Linien vorführen sollte, hiesse denn doch gerade -die Wirklichkeit in seinen Bildern antasten. Wir wissen physikalisch -sehr gut, dass unsere Auffassung beispielsweise von der Farbe der -Gegenstände eine illusorische ist, indem wir die Farbe an den Dingen -haftend glauben, während sie in unserm Auge liegt; soll etwa deswegen -der Dichter nicht mehr von rothen Rosen oder blauem Himmel sprechen? -Ja, man kann geradezu sagen, dass eine schärfere Beachtung des Zufalls -in seiner thatsächlichen Erscheinung den Dichter eher darauf führen -wird, ihm eine mehr, als eine weniger wichtige Rolle zuzuertheilen. -Man führe -- was fachwissenschaftlich bei Gelegenheit angeblicher -mystischer Phänomene, zweitem Gesicht, Prophezeiungen und Aehnlichem -fast zur Pflicht wird -- nur eine kurze Zeit seines Lebens einmal Buch -über die Zufälle, denen man begegnet, vor allem die mehrfachen in -derselben Sache. Man wird selbst staunen, welche Resultate man erhält, -wie merkwürdig unwahrscheinlich das alltäglichste Leben im Grunde -genommen ist! Hier und da, an einer Spielbank zum Beispiel, sind die -tollsten Beobachtungen dieser Art in einem einzigen Tage zusammen zu -bringen. In diesem Puncte aber ist das ganze Leben ein ununterbrochenes -blindes Glücksspiel. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit -- und hier -liegt der Knoten -- der Begriff, den wir in jedem prüfenden Augenblicke -hineinschmuggeln, ist eben in Wahrheit nichts Reales. Für unsern -Standpunct ist es, wenn wir einen Würfel fallen lassen, selbst wenn -er fünf leere Seiten hat, positiv nicht wahrscheinlicher, dass eine -der leeren, als dass die einzige bezeichnete Seite nach oben zu liegen -kommt. Jede Wahrscheinlichkeit hört der freien Macht des Zufalls in -der Welt gegenüber auf, gerade weil der Zufall im letzten Ende auch -ein Nothwendiges, uns aber völlig Verhülltes einschliesst. Ich weiss -recht wohl, dass sich das ganze Innere des logisch denkenden Kritikers -auflehnt, wenn ein Poet uns eine Liebesgeschichte erzählt, die auf -fünf oder sechs groben Zufällen, wie ungewolltes Begegnen, aufgebaut -ist. Und doch spreche ich es rund als meine Ueberzeugung aus, dass -man Bände füllen könnte mit der einfachen Aufzählung der grossen und -kleinen Zufälle, die bei einer nicht annähernd gleich verwickelten -Geschichte im wahren Leben bei peinlicher Beobachtung sich ergeben -würden, denn mit jedem Schritt, den wir thun, kreuzen wir fremde -ungeahnte Causalitätsreihen, die in Folge der neuen Reihe, die aus dem -Contact hervorgeht, eine Macht innerhalb unserer eigenen Linie werden. -Ein ganzes Menschenleben bis in dieses feine Gewebe seines Schicksals -hinein zu zergliedern: das wäre ein Kunstwerk, wie wir es noch nicht -einmal ahnen. In Wahrheit giebt es wenige Puncte, die dem Beobachter so -schmerzlich nahe legen, wie weit unsere Kunst in all' ihrer Erfassung -des Menschlichen noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht. - -Das Wort des alten Malers bei Zola muss uns trösten: »Arbeiten wir!« -Arbeit steckt auch in all' diesen darwinistischen Problemen, Arbeit -nicht bloss für den Naturforscher, sondern auch für den Dichter. -Sagen wir uns unablässig, dass die Arbeit, das harte, mit dem Leben -ringende Künstlerstreben, unser wahres Erbe von den grossen Geistern -der Vergangenheit her ist, nicht das unklare Träumen. Genialität wird -geboren; aber das Ausleben der Genialität ist unablässige Durchdringung -des Stoffes, ist ewiges Studium; wenn sie das nicht ist, so ist sie -eine Krankheit, für die der schonungslose Kampf um's Dasein die ideale -Nemesis wird, indem er sie ausrottet. - - - - -Siebentes Capitel. - -Eine Schlussbetrachtung. - - -In dem Augenblicke, wo ich diese Studie abschliesse, hat die -realistische Bewegung bei uns in Deutschland eine Form angenommen, -die es mehr und mehr wünschenswerth erscheinen lässt, das Wort zu -friedlicher Verständigung zu ergreifen. Während in Russland und -Frankreich muthige Werkmeister sich in harter Arbeit um die neuen -Stoffe der Dichtung mühen und, bald mit falschen, bald mit treffenden -Schlägen, doch unablässig das Rohmaterial gefügig machen und das -Instrument üben, vernimmt man bei uns viel Lärm und sieht wenig -Früchte. Man ist allerdings bisweilen geneigt, das laute Geschrei -bloss für das harmlose Jauchzen von Schulknaben zu halten, die einen -freien Tag haben, weil ihre Lehrer zu stiller, ernster Conferenz über -die wichtigsten Fragen des Unterrichts zusammengetreten sind. Werden -wir erleben, dass auch die Stimme der Meister einmal laut wird und uns -in anderer Weise, als das Gezwitscher der Jungen es vermochte, von -der Bedeutung der Stunde Rechenschaft ablegt? Wir haben es schon oft -gesehen, dass der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone -aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwickelung -heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen. Ich bin -auf diesen Blättern wiederholt gezwungen gewesen, den Namen Zola zu -nennen, und ich kann es als meine ruhige Ueberzeugung auch hier noch -einmal aussprechen, dass mir Zola in vielen Puncten sehr hoch steht, -sowohl in seinem Können, wie in der Ehrlichkeit seines Wollens. -Aber ich möchte diese fragmentarische Behandlung des realistischen -Problems nicht schliessen, ohne vorher noch mit ein paar Worten auch -dem deutschen Antheil an der Entstehung jener ganzen Richtung -- -wie immer unsere Besten im Augenblick sich zu ihr stellen mögen -- -gerecht geworden zu sein. Wenn die Literaturgeschichte dereinst mit -dem Werkzeuge einer geläuterten darwinistischen Methode die Wurzeln -dessen aufdecken wird, was wir jetzt Realismus in der Poesie nennen, -so wird der Hass der gereizten Parteien sich versöhnen müssen in -der Erkenntniss ihres gemeinsamen Ursprungs. Einseitige Beurtheiler -schmähen heute in Zola das Stück Victor Hugo, das unbezweifelbar -in ihm steckt; die einsichtigere Zukunft wird sich mit Ruhe sagen -dürfen, dass es sich hier einfach um eine Entwickelung handelt, -dass der Zola'sche Realismus sich folgerichtig als zweite Stufe des -bessern Theils in Victor Hugo aus dem Hugo'schen Idealismus ergeben -musste. Nicht anders ergeht es uns in Deutschland. Indem wir scheinbar -neue Wege wandeln werden, werden wir unbewusst doch nur das bessere -Theil unserer grossen literarischen Vergangenheit ausbauen. Welch' -himmelweite Kluft trennt scheinbar eine deutsche Dichtung, die sich in -dem von mir im Vorstehenden ausgeführten Sinne mit den Principien der -Naturwissenschaft in Einklang setzt, von einem Freytag'schen Romane! -Und doch ist das alles nur scheinbar. Als Freytag den tiefen Ausspruch -Julian Schmidt's zum Motto machte: »Die Dichtung soll das Volk bei der -Arbeit aufsuchen«, war er nach den Träumen der Romantik im Grunde der -Begründer des Realismus. Anderes hat dann, sollte man glauben, die -Linie abgelenkt, die Richtung auf das Historische hat den Roman wieder -auf ein neues Gebiet gedrängt. In schärferer Beleuchtung erscheint -auch das als ein realistisches Symptom. Man wollte die Ahnen in der -Dichtung sehen, um die Enkel in ihrer Arbeit zu begreifen. Leichter -Sinn sieht in diesen krausen Gängen, die das Princip gewandelt, eine -Modekrankheit. Das heisst nichts. Krankhaft war allerdings und ist hier -mancher Detailzug geblieben, wie ich das in dem Capitel über die Liebe -vielleicht schroff, aber als volle Ueberzeugung ausgesprochen. Doch -selbst dieser Tadel trifft kaum die Bessern, fast nur die Kleinen. Die -historische Dichtung als Ganzes war eine berechtigte Pionierarbeit -- -grösser und glänzender als sie, folgt ihr freilich jetzt die Aufgabe, -das Geschichtliche nicht darzustellen in künstlich belebten Bildern des -Vergangenen, sondern in seiner lebendigen Bethätigung mitten unter uns, -in seinen fortschwirrenden Fäden, in seiner Macht über die Gegenwart. - -Von diesem freien Standpuncte aus verliert der Kampf um den Realismus -seine Bitterkeit. Die grosse Literatur, auf die wir stolz sind, -erscheint wieder als Ganzes, wo jeder Bedeutende sein Recht erhält. -Und am Ende, wenn auch bei uns in Deutschland der Realismus im neuen -Sinne einmal seine grossen Vertreter gefunden hat, wird als Summe -sich ergeben, dass wir, die wir auf einer stofflich reicheren und -tieferen Literatur fussen, als die Nachbarländer, auch nun in jenem -Gebiete fester und sicherer uns ergehen werden, als die Franzosen -und Engländer oder die Russen und Skandinavier. Gerade den Jüngeren, -die jetzt so viel Lärm schlagen, kann nicht genug an's Herz gelegt -werden, dass Realisten sein nicht heissen darf, die Fühlung mit -den grossen Traditionen unserer Literatur verlieren. Studirt Zola, -achtet ihn, helft die Kurzsichtigen im Publicum aufklären, die keinen -Dichter vertragen können, der im Dienste einer Idee selbst das Extreme -nicht scheut; aber gebt euch nicht blind für Schüler Zola's aus, als -wenn in Paris ein Messias erstanden sei, der alle alten und neuen -Testamente auflösen sollte. Studirt, was Zola sich zu thun ehrlich -bemüht hat, Naturwissenschaften, beobachtet, wendet Gesetze auf das -menschliche Leben an, das ist alles schwere Arbeit, aber es bringt -uns vorwärts. Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen -Literatur angehört, dass hinter euch Göthe und Schiller stehen und -dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbstständig neben -den Schüler Balzac's und Nachfolger Victor Hugo's zu stellen, was -die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft. Die -Wissenschaft ist internationales Gut, Jeder kann sie sich aneignen, -der sich der Mühe unterzieht. Aber bildet euch nicht ein, das leere -Poltern und Schreien hülfe irgend etwas. Ihr habt jetzt nach Kräften -auf den historischen Roman gescholten, obwohl darin doch wenigstens -ordentliche Arbeit, ordentliches Studium steckte. Ich will glauben, -dass das Schelten begründet war, wenn ihr zeigt, dass ihr mehr könnt, -dass ihr das unendlich viel erhabenere Problem zu lösen wisst, wie die -Fäden der Geschichte sich verknoten im socialen und ethischen Leben -der Gegenwart, wie man historische Dichtungen schreibt, die gestern -und heute spielen. Ihr habt die weiche, tändelnde Lyrik ausgepfiffen -auf allen Gassen. Auch das soll gut und recht sein, wenn ihr mir eine -neue Lyrik zeigt, die an Göthe und Heine organisch anknüpft und doch -selbstständig das Herzensglück und Herzensweh des modernen Menschen zum -Ausdruck bringt. Macht der Welt klar, dass der Realismus in Wahrheit -der höchste, der vollkommene Idealismus ist, indem er auch das Kleinste -hinaufrückt in's Licht des grossen Ganzen, in's Licht der Idee. Dann -werden die Missverständnisse aufhören. Der Leser wird nicht mehr der -Ansicht huldigen, wenn er eine realistische Dichtung aufschlüge, so -umgellte ihn das Gelächter von Idioten und Cocotten, und wenn man, -was überhaupt recht rathsam wäre, sich bloss genöthigt sähe, das -Romanlesen bei unreifen Mädchen etwas mehr einzuschränken in Folge des -Ueberwiegens der realistischen Richtung, so sollte das unser geringster -Schmerz sein. Freilich wird es auch ohne Missverständnisse noch manchen -harten Kampf kosten, bis die Mehrzahl der geniessenden Leser sich an -das schärfere Instrument des Beobachters gewöhnt haben wird. Das kommt -nicht von heute auf morgen. Zunächst muss das Vertrauen in der Menge -für den realistischen Dichter gewonnen werden, und wir werden gut thun, -die Schauerscenen nach Kräften zu vermeiden, so lange die Vorurtheile -noch so sehr gross sind. Auch werden die Lyrik und das Drama, die ja -immer mehr zum Herzen sprechen, den harten Tritt des Romanes dämpfen -helfen, wenn sie erst einmal zur Stelle sind. Am Ende wird auch die -Masse des Volkes besser sehen lernen, und das ist für alle Fälle ein -Gewinn. Die Poesie wahrt so nur ihre alte Rolle als Erzieherin des -Menschengeschlechtes, und indem sie es thut, darf sie hoffen, auf -freundlichem Boden sich mit der Naturwissenschaft zu begegnen. Beide -reichen sich dann die Hand in dem Bestreben, den Menschen gesund zu -machen. - -[Illustration: FINIS] - - - - -C. G. Röder, Leipzig. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. Alte und unterschiedliche Schreibweisen wurden - beibehalten. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 12: Methaphysische → Metaphysische - Das {Metaphysische} kann ich dabei nur streifen - - S. 53: uud → und - {und} indem der wachsende Embryo - - S. 57: letztere → letzteres - {letzteres} etwas Geistiges - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die naturwissenschaftlichen Grundlagen -der Poesie., by Wilhelm Bölsche - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATURWISSENSCHAFTLICHEN *** - -***** This file should be named 51835-0.txt or 51835-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/1/8/3/51835/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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