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-The Project Gutenberg EBook of Das Paradies, by Francis Jammes
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Das Paradies
- Geschichten und Betrachtungen
-
-Author: Francis Jammes
-
-Translator: Emil Alphons Rheinhardt
-
-Release Date: April 26, 2016 [EBook #51871]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PARADIES ***
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-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Das Paradies
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- Geschichten und Betrachtungen
- von
- Francis Jammes
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- Kurt Wolff Verlag / Leipzig
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- Bücherei »_Der jüngste Tag_«, Bd. 58/59
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- Gedruckt bei E. Haberland, Leipzig
-
- Berechtigte Übertragung von E. A. Rheinhardt
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- DAS PARADIES
-
-
-Der Dichter sah seine Freunde an, die Anverwandten, den Priester, den
-Arzt und den kleinen Hund, alle, die in seinem Zimmer versammelt waren
--- und starb. Auf ein Stück Papier wurde sein Name geschrieben und sein
-Alter: er war achtzehn Jahre alt.
-
-Da ihn die Freunde und Anverwandten auf die Stirne küßten, fühlten sie,
-daß er kalt geworden war. Er aber empfand ihre Lippen nicht mehr, denn
-er war im Himmel. Und nun fragte er sich auch nicht mehr, wie er es auf
-Erden immer getan hatte, wie denn dieser Himmel eigentlich sei. Da er
-darinnen war, verlangte es ihn nach nichts anderem mehr. Seine Eltern,
-die vielleicht (wer weiß das?) vor ihm gestorben waren, kamen ihm
-entgegen. Sie weinten nicht, und auch er weinte nicht, denn sie hatten,
-alle drei, einander niemals verlassen.
-
-Seine Mutter sagte ihm: »Geh, kühl den Wein ein! Wir werden dann gleich
-in der Laube des Paradiesgartens mit dem lieben Gott zum Mittagessen
-gehn.«
-
-Sein Vater sagte ihm: »Geh dort unten Obst pflücken! Hier gibt es keine
-giftigen Früchte. Und die Bäume reichen dir gern ihre Früchte. Ihre
-Blätter und Zweige leiden nicht unter deinem Pflücken, denn sie sind
-unerschöpflich.«
-
-Der Dichter wurde von Freude erfüllt, da er nun wieder seinen Eltern
-gehorchen konnte. Als er aus dem Obstgarten zurückkam und die Weinkrüge
-in das Wasser gestellt hatte, erblickte er seine alte Hündin, die vor
-ihm gestorben war. Zärtlich schweifwedelnd lief sie herbei und leckte
-ihm die Hände und er streichelte sie. Und mit ihr waren alle Tiere da,
-die ihm auf Erden die liebsten gewesen waren: ein kleiner rothaariger
-Kater, zwei junge graue Kater, zwei schneeweiße Kätzchen, ein Gimpel und
-zwei Goldfische.
-
-Er sah den Tisch gedeckt und an ihm sitzend den lieben Gott, den Vater
-und die Mutter und neben ihnen ein schönes junges Mädchen, das er unten
-auf der Erde liebgehabt hatte, und das ihm in den Himmel gefolgt war,
-obwohl es nicht gestorben war. Und nun erkannte er mit einem Male, daß
-der Paradiesgarten der Garten seines irdischen Vaterhauses sei, in dem
-wie ehdem und immer die Lilien und Granatbäume blühten und der Kohl
-wuchs.
-
-Der liebe Gott hatte seinen Stock und seinen Hut auf den Boden gelegt.
-Er war angetan wie die Armen der großen Landstraßen, die einen Wecken
-Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingängen
-der Städte anhalten und ins Gefängnis werfen läßt, weil sie nichts
-haben, was für sie bürgt. Seine Haare und sein Bart waren weiß wie das
-große Licht des Tages und seine Augen tief und dunkel wie die Nacht.
-
-Er sprach -- und seine Stimme war sanft --: »Die Engel sollen kommen und
-uns bedienen, denn es ist ihr Glück, zu dienen.« Da kamen auch schon auf
-allen Wegen des himmlischen Gartens die Heerscharen herangeeilt. Und das
-waren die treuen Dienstboten, die im irdischen Leben den Dichter und
-seine Familie geliebt hatten. Da kam nun der alte Johann, der ertrunken
-war, als er einen kleinen Jungen retten wollte, die alte Marie, die an
-einem Sonnenstiche gestorben war, da war der humpelnde Peter, Johanna
-war da und noch eine andere Johanna. Und der Dichter erhob sich von
-seinem Sitze, um ihnen die Ehre zu erweisen, und er sprach zu ihnen:
-»Setzt euch auf meinen Platz, denn ihr müßt neben Gott sitzen.« Gott
-lächelte, da er ihre Antwort schon wußte, noch ehe sie geredet hatten.
-Sie aber sagten: »Unser Glück ist, zu dienen. Und so sind wir bei Gott.
-Dienst du selber nicht auch deinem Vater und deiner Mutter? Und dienen
-sie wiederum nicht IHM, der uns dient?«
-
-Mit einem Male sah er nun den Tisch anwachsen und neue Gäste sich daran
-niederlassen. Das waren Vater und Mutter seines Vaters und seiner Mutter
-und die Geschlechter alle, die ihnen vorangegangen waren.
-
-Es wurde Abend. Die Ältesten schliefen ein. Der Dichter und seine
-Freundin hatten einander lieb. Und Gott, den sie empfangen hatten, ging
-seiner Wege, gleich jenen Armen der großen Landstraßen, die einen Wecken
-Brotes in ihrem Quersacke tragen und die die Obrigkeit an den Eingängen
-der großen Städte anhalten und ins Gefängnis werfen läßt, weil sie
-nichts haben, das für sie bürgt.
-
-
-
-
- DAS PARADIES DER TIERE
-
-
-Ein armes altes Pferd stand mit seinem Wagen träumend vor der Tür eines
-elenden Wirtshauses, in dem Weiber kreischten und Männer gröhlten. Es
-regnete, Mitternacht war nahe. Das arme dürre Pferd wartete nun hier
-todtraurig mit herabgesunkenem Kopfe und schwachen Beinen, daß ihm das
-Vergnügen der wüsten Menschen da drinnen endlich erlauben möchte, in
-seinen elenden stinkenden Stall zurückzukommen. Schreiende Zoten von
-Männern und Weibern klangen ihm in seinen halben Schlaf. Mit Mühe hatte
-es sich in der langen Zeit daran gewöhnt und verstand nun mit seinem
-armen Hirn, daß der Schrei der Dirnen nichts Bedeutsameres sei als der
-ewig gleiche Lärm des Rades, das sich dreht.
-
-Diese Nacht nun träumte ihm verschwommen von einem kleinen Füllen, das
-es einmal gewesen war, von einer Wiese, auf der es, noch ganz rosig,
-seine Sprünge gemacht hatte, und von seiner Mutter, die ihm zu trinken
-gegeben hatte. Da stürzte das alte Pferd plötzlich tot hin auf das
-schmutzige Pflaster.
-
-Das Pferd kam an das Tor des Himmels. Ein großer Weiser stand davor und
-wartete, daß Sankt Petrus käme und ihm öffne. Er sagte zu dem Pferde:
-»Was willst du denn hier? Du hast kein Recht, in den Himmel zu kommen.
-Ich habe das Recht, denn ich bin von einer Frau geboren worden.« Das
-alte Pferd erwiderte ihm: »Meine Mutter war eine liebe Stute. Sie war
-alt und ausgesogen von den Blutsaugern, als sie starb. Ich komme jetzt,
-um den lieben Gott zu fragen, ob sie hier ist.« Da öffnete das Tor des
-Himmels seine beiden Flügel den Einlaßheischenden und das Paradies der
-Tiere lag vor ihnen. Das alte Pferd erkannte sogleich seine Mutter, und
-auch diese erkannte es, und sie begrüßten einander wiehernd. Da sie nun
-beide auf der großen himmlischen Wiese standen, hatte das Pferd eine
-große Freude, denn es erblickte alle seine Gefährten aus dem einstigen
-Elend wieder und es sah, daß sie für immer glücklich waren. Alle waren
-da: die, die ausgleitend und stolpernd einst auf dem Pflaster der Städte
-Steine geschleppt hatten und lahmgeschlagen vor den Lastwagen
-zusammengebrochen waren. Die waren da, die mit verbundenen Augen zehn
-Stunden im Tage im Karussell die Holzpferde gedreht hatten, und die
-Stuten, die bei den Stierkämpfen an den jungen Mädchen vorbeigerast
-waren, die rosig vor Freude sahen, wie die Leidenskreaturen ihre
-Eingeweide durch den glühenden Sand der Arena schleiften. Und viele,
-viele andere noch waren da. Und alle gingen nun in Ewigkeit über das
-große Gefilde der göttlichen Stille.
-
-Alle Tiere waren glücklich. Zierlich und geheimnisvoll. Selbst dem
-lieben Gott, der ihnen lächelnd zusah, ungehorsam, spielten die Katzen
-mit einem Knäuel Bindfaden, den sie mit leichter Pfote weiterrollten,
-voll des Gefühles geheimer Wichtigkeit, die sie nicht mitteilen wollten.
-Die Hündinnen, die guten Mütter, verbrachten ihre Zeit damit, ihre
-winzigen Jungen zu säugen. Die Fische schwammen ohne Angst vor dem
-Fischer dahin. Der Vogel flog, ohne den Jäger zu fürchten. Und so war
-alles. Und nicht einen Menschen gab es in diesem Paradiese.
-
-
-
-
- DIE GÜTE DES LIEBEN GOTTES
-
-
-Sie war ein hübsches und zartes kleines Geschöpf und arbeitete in einem
-Laden. Sie war nicht sehr klug, wenn man das so sagen will, aber sie
-hatte dunkle Augen voll Sanftheit, die einen ein bißchen traurig
-anschauten und sich dann gleich senkten. Viel Zärtlichkeit war in ihr
-und jene schlichte Alltäglichkeit, die nur die Dichter verstehn können,
-und die einzig das Reinsein von allem Hasse mit sich bringt.
-
-Sie sah so einfach aus wie das bescheidene Zimmer, darin sie mit ihrer
-kleinen Katze, die ihr jemand geschenkt hatte, wohnte. Jeden Morgen,
-bevor sie zu ihrer Arbeit ging, ließ sie ein Näpfchen Milch für die
-Katze zurück. Diese hatte ebenso wie ihre Herrin gute, traurige Augen.
-Sie wärmte sich in der Sonne auf dem Fensterbrette, auf dem ein
-Basiliumstöckchen stand, oder sie leckte sich ihre kleinen Pfoten wie
-einen Pinsel glatt und kraute sich die kurzen Kopfhaare, oder sie hielt
-eine Maus vor sich fest.
-
-Eines Tages waren Katze und Herrin schwanger, die eine von einem schönen
-Herrn, der sie verlassen hatte, die andere von einem schönen Kater, der
-sich nicht mehr sehen ließ. Der Unterschied war nur, daß das arme
-Mädchen krank und kränker wurde und schluchzend seine Zeit hinbrachte,
-während die Katze sich in der Sonne mit allerlei fröhlichen Drehungen
-und Wendungen vergnügte und ihr weißer, spaßhaft aufgetriebener Bauch
-schimmerte. Die Katze hatte ihre Liebeszeit nach der des Mädchens
-gehabt, was die Dinge so gestaltete, daß beide um den gleichen Zeitpunkt
-ihre Niederkunft zu erwarten hatten.
-
-Die kleine Arbeiterin erhielt nun in diesen Tagen einen Brief von dem
-schönen Herrn, der sie verlassen hatte. Er sandte ihr fünfundzwanzig
-Franken und erzählte ihr dazu, wie herrlich großmütig er sei. Sie kaufte
-ein Kohlenbecken, Kohlen, für einen Sou Zündhölzer -- und tötete sich.
-
-Als sie im Himmel ankam, in den einzutreten sie erst ein junger Priester
-hatte hindern wollen, zitterte das hübsche zarte kleine Geschöpf zuerst
-in dem Gedanken, daß sie schwanger sei und Gott sie verdammen könne.
-Aber der liebe Gott sprach zu ihr: »Meine Freundin, ich habe dir ein
-hübsches Zimmer vorbereitet. Geh hin und bring darin dein Kindlein zur
-himmlischen Welt! Hier im Himmel geht alles gut vorüber, und du wirst
-nicht mehr sterben müssen. Ich liebe die Kinder -- lasset sie zu mir
-kommen!«
-
-Als sie das Zimmerchen betrat, das sie im Hause der himmlischen Güte
-erwartete, sah sie, daß ihr der liebe Gott eine Überraschung bereitet
-hatte.
-
-Er hatte ihr in einem schönen Körbchen die Katze, die sie liebte, dahin
-bringen lassen. Und auf dem Fensterbrette stand ein Basiliumstöckchen.
-Sie ging zu Bett. Und sie bekam ein schönes blondes kleines Mädchen und
-die Katze bekam vier schöne schwarze köstliche kleine Kater.
-
-
-
-
- DER WEG DES LEBENS
-
-
-Ein Dichter setzte sich eines Tages an seinen Tisch, um eine Geschichte
-zu schreiben. Aber es wollte ihm kein einziger Einfall kommen. Dennoch
-war ihm fröhlich zumute, denn die Sonne überglänzte den Geraniumstock
-auf seinem Fensterbrette und inmitten des offenen blauen Fensters flog
-surrend eine Fliege auf und nieder. Und da sah er mit einem Male sein
-Leben vor sich. Es war eine weite weiße Straße, die, ausgehend von einem
-dunklen Haine, darin die Wasser murmelten, bis an einen kleinen stillen
-Grabhügel führte, den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten.
-In dem dunklen Wäldchen erblickte er den Schutzengel seiner Kindheit.
-Der hatte goldene Flügel wie eine Wespe, blondes Haar und ein Antlitz so
-still wie das Wasser eines Brunnens an einem Sommertage.
-
-Der Schutzengel sprach zu dem Dichter: »Erinnerst du dich der Zeit, da
-du noch klein warst? Du kamst mit deinem Vater und deiner Mutter, die
-hier angeln wollten, hierher. Die Wiese da war heiß, viele Blumen gab es
-und Heuschrecken. Weißt du noch, daß die Heuschrecken aussahen wie
-abgebrochene Halme, die sich bewegten? Mein Freund, willst du den Ort
-wiedersehen?« Der Dichter sagte: »Ja.« Und sie gelangten zusammen an das
-blaue Ufer, darüber blau der Himmel und schwarz die Haselnußsträucher
-hingen. »Sieh deine Kindheit!« sprach der Engel. Der Dichter sah auf das
-Wasser nieder, weinte und sagte: »Ich sehe nicht mehr die sanften
-Gesichter meiner Mutter und meines Vaters sich hier spiegeln. Hier haben
-sie sich immer ans Ufer gesetzt. O, sie waren still, gütig und
-glücklich! Ich trug eine weiße Schürze, die ich immer schmutzig machte
-und die mir die Mutter dann mit dem Taschentuche sauber rieb. Lieber
-Engel, sag mir, wo sind die Spiegelbilder ihrer sanften Gesichter? Ich
-sehe sie nicht mehr, ich sehe sie nicht mehr!« In diesem Augenblicke
-löste sich ein schönes Sträußchen Haselnüsse von einem der Sträucher,
-schwamm und wurde von der Strömung davongetragen. Da sprach der Engel zu
-dem Dichter: »Das Spiegelbild deines Vaters und deiner Mutter ist von
-der Strömung des Wassers davongetragen worden wie dieses Sträußchen
-Früchte. Denn alles geht dahin, die Dinge und die Erscheinungen. Das
-Bildnis deiner Eltern ist im Wasser vergangen, und was davon übrig
-blieb, heißt Erinnerung. Besinne dich und bete, und du wirst die
-geliebten Bilder wiederfinden!« Als in diesem Augenblicke ein azurblauer
-Eisvogel über das Schilf dahinflog, schrie der Dichter auf: »O Engel,
-sehe ich nicht in den blauen Flügeln dieses Vogels die Augen meiner
-Mutter wieder!« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist es. Doch sieh
-weiter!« Und aus dem Wipfel eines Baumes, auf dem eine Turteltaube ihr
-Nest gebaut hatte, flatterte eine Feder leicht und weiß, sich drehend,
-zur Erde nieder. Und der Dichter schrie auf: »Ist dieser weiße Flaum
-nicht die reine Sanftheit meiner Mutter?« Und das himmlische Wesen
-sagte: »So ist es!« Ein leichter Hauch kräuselte das Wasser und rauschte
-durch das Laub. Und der Dichter fragte: »Höre ich nicht die milde und
-dunkle Stimme meines Vaters?« Und das himmlische Wesen sagte: »So ist
-es!«
-
-Sie gingen zusammen weiter auf dem Wege, der aus dem Wäldchen kam und
-das Ufer entlang führte. Mit einem Male wurde unter der Sonne die weite
-Straße blendend weiß. Sie war nun wie das Linnen auf dem heiligen
-Abendmahlstische. Und zur Rechten und zur Linken klangen verborgene
-Wasser wie heilige Glocken. Da fragte der Engel: »Kennst du diese Stelle
-deines Lebens?« »Hier ist«, sagte der Dichter, »der Tag meiner ersten
-Kommunion. Ich denke an die Kirche, an die glücklichen Gesichter meiner
-Mutter und meiner Großmutter. O, ich war traurig und glücklich zugleich.
-Wie glühend habe ich mich hingekniet! Schauer liefen mir über die Haut
-des Kopfes. Abends beim Familienmahle küßten sie mich und sagten: Du
-warst der Schönste!« In dieser Erinnerung verging der Dichter
-aufschluchzend. Und also weinend war er schön wie am Tage der heiligen
-Feier, und seine Tränen fielen auf seine Hände wie Weihwasser. Und sie
-gingen zusammen die Straße weiter.
-
-Der Tag neigte sich schon. Die hohen Pappeln am Straßenrande bogen sich
-sacht. Eine von ihnen, die ferne inmitten einer Wiese stand, glich einem
-großen jungen Mädchen. Und der Himmel war nun so wunderbar in Blässe und
-Blau getönt, daß er aussah wie die Schläfe einer Jungfrau. Der Dichter
-gedachte der ersten Frau, die er geliebt hatte. Und der Schutzengel
-sprach zu ihm: »Diese Liebe war so rein und so voll der Schmerzen, daß
-sie mich nicht betrübt.« Indes sie nun weiterschritten, wuchs sanfter
-Schatten um sie und eine Herde Lämmer zog an ihnen vorbei. Da das
-himmlische Wesen das Leiden des Dichters sah, hatte es ein Lächeln auf
-seinem Antlitze, schwer und süß wie das Lächeln einer kranken Mutter.
-Und seine goldenen Flügel verwehten den schauernden Hauch von Abend.
-
-Bald entzündeten sich die Sterne hoch oben im Schweigen. Da glich der
-Himmel dem Totenbette eines Vaters, umgeben von Kerzen und stummer
-Klage. Und die Nacht war wie eine große Witwe, die auf der Erde kniet.
-»Erkennst du das?« fragte der Engel. Der Dichter redete nicht und kniete
-nieder.
-
-Endlich gelangten sie dahin, wo die Straße bei dem kleinen Grabhügel,
-den Dornsträucher, Nesseln und Seifwurz überwucherten, zu Ende ging. Und
-der Engel sprach zu dem Dichter: »Ich wollte dir deinen Weg zeigen: hier
-ist der Ort, an dem du ruhen wirst, hier, nicht ferne den Wassern. Sie
-werden dir Tag um Tag das Bild deiner Erinnerungen bringen, das azurne
-Blau des Eisvogels, das den Augen deiner Mutter gleicht, den weißen
-Flaum der Turteltaube, der sanft ist wie sie, das Rauschen des Laubes,
-das wie die milde und dunkle Stimme deines Vaters ist, das Leuchten der
-Straße, weiß wie deine erste Kommunion, und die pappelschlanke Gestalt
-der ersten Frau, die du geliebt hast. Und endlich werden dir die Wasser
-die große leuchtende Nacht bringen.«
-
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-
- DIE KLEINE NEGERIN
-
-
-Manchmal haftet mein Gedanke an dem Vergilben der alten Seekarten und
-ich höre das Brausen der Monsune im Fieber meines Hirns. Aber wie? Muß
-ich denn, um für dieses Leben etwas übrig zu haben, auch jenes
-heraufholen, das ich vielleicht vor meiner Geburt zwischen zweien
-schwarzen Sonnen geführt habe? Die ungewisse Landschaft rollte Sterne
-dahin in das zerrissene Stöhnen eines Ozeans ...
-
-Jemand kratzte an meiner Tür. Ich rief: »Herein!« Es war eine junge
-Negerin in einem blauen Überwurfe, der bis zur Hälfte der Schenkel
-reichte. Sie setzte sich auf den Boden und streckte ihre gefalteten
-Hände gegen mich; und ich sah, daß auf ihren nackten Armen
-Peitschenstriemen waren. »Wer hat dir das getan?« fragte ich sie. Sie
-antwortete nicht und zitterte an allen Gliedern. Sie verstand mich nicht
-und fragte sich vielleicht, ob auch ich sie mißhandeln wolle.
-
-Ganz sachte schob ich ihr Kleid zur Seite und sah, daß auch ihr Rücken
-wund war. Ich wusch sie. Aber sie flüchtete, entsetzt von dieser Güte,
-unter den Tisch meiner Hütte. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich
-versuchte, sie zu rufen. Aber ihre Blicke, wie die einer geschlagenen
-Hündin, flohen mich. Ich hatte da ein paar Kartoffeln und ein wenig
-Butter. Ich zerdrückte sie mit einem Holzlöffel in einem Napfe, machte
-eine Brühe davon und stellte sie in einiger Entfernung von der
-Hingekauerten auf den Boden hin. Dann zündete ich meine Pfeife an. Aber
-wie groß war mein Erstaunen, als sie plötzlich auf allen Vieren zu einer
-Ecke der Stube kroch, wo ich ein paar Blumen liegen gelassen hatte. Sie
-richtete sich jäh auf und griff mit einer lebhaften Bewegung danach.
-
-Seit jenem Abenteuer mochten etwa hundertfünfzig Jahre vergangen sein,
-als ich ihr von neuem begegnete. Ich wenigstens war davon überzeugt, daß
-sie es war. Es war im peruanischen Speisehause in Bordeaux. Sie wischte
-hier an dem Glase eines mürrischen Studenten, der gefunden hatte, es sei
-nicht sauber genug.
-
-
-
-
- RONSARD
-
-
-Meine Mutter hat ein altes Glas bekommen, ein Glas, wie das gewesen sein
-muß, aus dem Ronsard dem Jean Brinon einen Trunk geboten hat. Wie mag
-Ronsard gewesen sein? Sicherlich hat er ein Gewand aus Hermelin
-getragen. Und während die großen Regen der alten Zeiten die
-Haselnußsträucher am Loir peitschten, saß er mit einem dicken alten
-Folianten in der Kaminecke seines Schlosses. Es muß ein
-Sonntagnachmittag um drei Uhr gewesen sein. Ein Frosch quakte in seiner
-Lache, in die die Lanzen des Regens splitterndes Licht spritzten. Marie
-oder Genoveva oder eine andere betrat das Gemach und setzte sich zu ihm.
-Und er legte, ohne das Buch zu schließen, sanft seine freie Hand auf das
-Knie der Geliebten. Und er lächelte. Er dachte an Odysseus, der über die
-grauen Meere irrt, an Helena, an das Urteil des Paris, an Troja und an
-die Bogenschützen, die nackt und helmtragend an der Mauerbrüstung knien
-und den Bogen auf antikische Art spannen.
-
-Wenn die Wasser der Pyrenäenbäche meinen Namen in die Nachwelt tragen
-wie die Wasser der Vendôme den des Ronsard, wenn je ein Jüngling, dem
-das Herz schwer und beklommen ist vom Dufte der Nelken, die ein
-Schulmädel an der Brust trägt, sich fragen sollte, wie ich gewesen sein
-mag, möge er sich antworten: »An diesem regengrauen Allerheiligentage
-hatte Francis Jammes sein Herz gar nicht schwer und beklommen vom Dufte
-der Nelken, die ein Schulmädchen an der Brust trägt. (Übrigens gibt es
-ja im Herbste keine Nelken!) Er rauchte vielmehr seine Pfeife und
-pflanzte Sauerklee in einen Blumentopf, um den Schlaf der Pflanzen zu
-studieren.« An der einen Wand seines Zimmers hing ein Epinaler
-Bilderbogen, der das »einzige wahrhaftige Bild des ewigen Juden«
-darstellte. Er zeigte den ewigen Juden mit einem wunderlichen Hute,
-einem Mantel, in blauen Pantoffeln, und einem roten Gewande, wie ihm
-gerade Brabanter Bürger einen Krug schäumenden Bieres reichen. Das
-Wirtshaus darauf ist wirklich poetisch; Reben ranken daran empor und
-große Rosen beugen sich zum Erdboden nieder -- -- wie die Armen, die
-Bettellieder singen und sich zur Erde beugen. Und das alles ist im
-Lichte des Abendrotes gegen Ende des friedlichen Sommers dargestellt.
-
-An diesem Tage nun warf Francis Jammes einen kurzen Blick auf seinen
-Ruhm. Dieser ganze Ruhm lag auf seinem Tische und bestand in dem
-Umschlag eines Briefes, den ihm ein Mönch aus Deutschland geschrieben
-hatte, aus dem Briefe eines ihm unbekannten Holländers, der Walch hieß,
-und dem Briefe eines jungen Mädchens. Francis Jammes lächelte. Dann
-klopfte er an seinem Finger die Asche aus der Pfeife -- -- -- und war
-entschlossen, den Toten Ehre zu erweisen.
-
-
-
-
- ROBINSON CRUSOE
-
-
-Ich setze diese Verse hierher; sie sind aus einem Gedichte, das ich in
-Holland geschrieben habe:
-
- Robinson Crusoe hat (so glaub ich), da er heimfuhr
- Von seinem grünen schattigen Eiland, das
- Voll frischer Kokosnüsse war, auch Amsterdam berührt.
- Wie hat es ihn gepackt, als er die ungeheuren
- Tore mit ihren wuchtigen Klopfern schimmern sah!
- Stand er voll Neugier hier vor den Gewölben,
- In denen Schreiber über Rechnungsbüchern saßen?
- Mußte er weinen, da sein lieber Papagei
- Ihm einfiel und der plumpe Sonnenschirm,
- Der Schutz war auf dem milden traurigen Eiland?
-
- »Gepriesen seist du, ewiger Gott!« so rief er,
- Als er die tulpenübermalten Truhen sah.
- Allein sein Herz, betrübt in Heimkehrfreude,
- Sehnte sich nach dem Lama, das allein im Weinberg
- Des Eilandes zurückgeblieben, das vielleicht gestorben war.
-
-Was aus den Worten und Bildern dieses Buches seit der Kindheit am
-lebendigsten vor mir steht, das ist nicht die Schönheit der Weinreben,
-die so tiefen Schatten gaben, noch ist es der Fisch, den er mit einer
-Schnur und einem Haken daran gefangen hat, nicht die einsame Kokospalme
-in der blauen Glut des Morgens ist es, noch auch sind es die rosigen und
-purpurnen Flecken der Meeresküste bei Ebbe, voll des Seegetiers, nicht
-das gebratene Zicklein, das er mit Salz aus einer Felsmulde gesalzen
-hat, ist es, was mich so ganz ergriffen hat; auch die Eier der
-schläfrigen Schildkröten sind es nicht. Noch ist es die Fieberkrankheit,
-die der Trunk Wassers, darein er Rum getan hatte, allmählich gelindert
-hat, weder der Papagei ist es, noch die Freundschaft mit dem Hund und
-der Katze, nicht der verzweifelte Glanz der Sonne, die er auf den Kompaß
-gemalt hatte, und nicht die Quelle süßen Wassers ist es, es sind auch
-nicht die Speisen, die er sich so kunstlos bereitet hat (obwohl ich mich
-gerade ihrer vielleicht am häufigsten erinnert habe!), all das hat mich
-nicht so erschüttert wie Robinson Crusoes Alter.
-
-Immer wieder muß ich an die Zeit seines Lebens denken, da er wieder in
-der Menge verschwunden war und dann, zweiundsiebzig Jahre alt geworden,
-einsamer ist, als er es je zuvor war. In einem Gewande aus
-blumendurchwirktem Sammet saß er in seinem düsteren kleinen Gemache in
-London, das eine unendliche Güte gleich dem matten Licht in Sturmwettern
-erfüllte, und wußte nichts mehr zu erwarten als den Frieden des Todes.
-
-Ich grüße dich, mein Bruder Crusoe! Auch mich haben die Orkane des
-Lebens auf eine wüste Insel geworfen; und nun, wohin immer ich schaue,
-gewahre ich nichts mehr als das betäubende und eintönige Wasser.
-Zuweilen trägt es mir treibende Trümmer zu, die ich dann einen
-Augenblick lang schweigend betrachte. Bald aber ergreift mich mein
-Träumen wieder, das nun seinen Frieden gemacht hat mit dem großen
-Dröhnen des unendlichen Meeres, und manchmal schon findet sich ein
-Lächeln in mein Gesicht. Wie der Zyklon still wird!
-
-O mögen in meinem Alter Gottes Palmen mein Herz wie die friedliche
-Weinlaube deines Eilandes überschatten!
-
-
-
-
- DAS GRABMAL DES DICHTERS
-
-
-Wenn ich an meiner Dichtung mit derselben Sorgfalt gearbeitet habe wie
-ein ordentlicher Schuster an seinem Stücke Leder, dann betrachte ich den
-schönen Baum im Garten des Hauses, in dem Alfred de Vigny gewohnt hat,
-als er in Orthez Soldat war. Der Handlungsreisende, der seinen
-Musterkoffer in die Apotheke oder den Buchladen trägt, weiß so wenig,
-daß hier der Dichter Alfred de Vigny gewohnt hat, wie das Rind, das zur
-Weide trottet, oder der Distelfink, der an seinen Futterhalmen pickt.
-
-Diese Unwissenheit der Städte in allem, was ihre großen Männer angeht,
-hat ihren guten Grund. Sie bewahren von ihnen nur das in ihrer
-Erinnerung, was im Einklange mit ihrem eigenen Wesen stand. Wenn nur
-Cervantes, der groß ist wie Homer, einmal wiederkehren wollte in die
-Francosgasse zu Madrid, in der er gestorben ist, und den Schatten seiner
-dereinstigen Hauswirtin fragte: »Habt Ihr einen Dichter des Namens
-Miguel Cervantes de Saavedra gekannt, der den Don Quichote geschrieben
-hat?« Er bekäme zweifellos zur Antwort: »Wenn Ihr einen Einarmigen
-meint, den hab' ich gekannt, aber einen Dichter nicht.«
-
-Fordert nicht Gott selber durch diese Unwissenheit, daß man die Toten
-ruhen lasse in Frieden und ihnen nicht allerorten marmorne Denksteine
-errichte? Stolzer ist kein Denkmal der Toten als das, das sich
-tagtäglich rings um uns erhebt. Ein jeder Pfirsichbaum, der in der Blüte
-steht oder die Last seiner Früchte trägt, ist Denkmal eines Dichters so
-wie jeder Sperling und jede Ameise. Daß im Garten des Dichters des Eloah
-der Tulpenbaum golden aufglänzt, daß dort bei den Akazien, wo der
-Brunnen fließt, die Ziegen den Schatten der Mauer entlang gehen, ist das
-rechte Grabmal.
-
-Ich weiß bestimmt, daß die, die (wie Valéry Larbaud, André Gide und
-Guillaumin) sich um das Andenken eines Dichters wie Charles Louis
-Philippe mühen, nur den edelsten Gefühlen gehorchen. Aber sie sollten
-doch nicht die Büste, die Bourdelle dem Dichter gemeißelt hat, dem
-Denkmale gegenüberstehen lassen, das Gott selbst ihm in Cérilly
-errichtet hat: der Werkstattbude (die wie der Himmel nur eine Türe hat),
-darin ein Handwerker Holzschuhe macht. Ich weiß wohl, daß das Erz
-widerstandskräftig ist, wie die zähe Unbeirrbarkeit des Dichters, dessen
-Beruf es ist (in diesem Sinne gleicht er dem des Fliegers),
-niederzustürzen aus höchster Höhe und sich, wenn er den Sturz überlebt,
-noch höher zu erheben. Aber das Erz, das unser Gedenken weiterleben
-sieht, wird von der Zeit versehrt. Dreihundert Jahre werden hingehn;
-diese Bergketten werden nicht mehr sein und für ihr einstiges Dasein
-wird nur mehr die menschliche Logik Zeugnis ablegen, denn sie werden
-abgetragen und in die Winde verweht sein -- und wie sie wird auch die
-Büste aus Erz dem Erdboden gleich geworden sein. Dableiben aber wird der
-Geruch des Buchen- oder Nußholzes, eine alte Frau wird da sein, eine
-kleine Katze, die sich in der Sonne wärmt, eine abgetretene Türschwelle
-und der Azur des Himmels, und all das Bleibende wird Zeugnis ablegen für
-Charles Louis Philippe wie dieser Tulpenbaum hier für Alfred de Vigny.
-Und der Wanderer künftiger Jahrhunderte, der die feierlichen Rhythmen
-des Einen oder das schlichte Wort des Anderen im Herzen trägt, wird,
-wenn sein Weg Orthez oder Cérilly berührt, auch nicht einmal mehr daran
-denken, daß es je eine Büste des Einen oder Anderen habe geben können.
-Aber mit einem Male werden die beiden Dichter ihm erscheinen: Vigny in
-einem goldenen Baume, wie ein Römer im Sturme sprechend, Philippe in
-einer kleinen Werkstatt, die nach Suppe riecht, und deren Tür kreischt,
-wenn sie sich öffnet.
-
-
-
-
- VON DER BARMHERZIGKEIT GEGEN DIE TIERE
-
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-Tief im Blicke der Tiere leuchtet ein Licht sanfter Traurigkeit, das
-mich mit solcher Liebe erfüllt, daß mein Herz sich als ein Hospiz auftut
-allem Leiden der Kreatur.
-
-Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem
-Kopfe vor einem Kaffeehause schläft, der Todeskampf der von einem Wagen
-zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloche
-Zuflucht sucht -- all diese Leidenden haben für immer in meinem Herzen
-ihre Stätte. Verböte das nicht die Achtung für den Menschen, ich kniete
-nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt
-mir, daß ein Glorienschein über dem Haupte einer jeden dieser
-Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, groß wie das
-All, den Gott über sie ausgegossen hat.
-
-Gestern sah ich auf dem Jahrmarkte zu, wie die hölzernen Tiere im
-Karussell sich drehten. Unter ihnen gab es auch einen Esel. Als ich ihn
-erblickte, habe ich weinen müssen, weil er mich an seine lebendigen
-Brüder, die gemartert werden, erinnerte. Und ich mußte beten: »Kleiner
-Esel, du bist mein Bruder! Sie nennen dich dumm, weil du nicht imstande
-bist, Böses zu tun. Du gehst mit so kleinen Schritten, und du siehst
-aus, als ob du im Gehen dächtest: »Schaut mich doch an, ich kann ja
-nicht schneller gehen ... Meine Dienste brauchen die Armen, weil sie mir
-nicht viel zu essen geben müssen.« Mit dem Dornstocke wirst du
-geschlagen, kleiner Esel! Du beeilst dich ein bißchen, aber nicht viel,
-du kannst ja nicht schneller .. Und manchmal stürzest du hin. Dann
-schlagen sie auf dich los und zerren so fest an dem Leitseile, daß deine
-Lefzen sich aufheben und deine armseligen gelben Zähne zeigen.«
-
-Auf demselben Jahrmarkte hörte ich einen schreienden Dudelsack. Mein
-Freund fragte mich: »Erinnert er dich nicht an afrikanische Musik?«
-»Ja,« antwortete ich ihm, »in Tuggurt näseln die Dudelsäcke so. Das muß
-ein Araber sein, der hier bläst.« »Gehen wir doch hinein in die Bude,«
-sagte mein Freund, »es sind Dromedare zu sehen.«
-
-Zusammengepreßt wie Sardinen in der Schachtel drehten sich hier ein
-Dutzend kleiner Kamele in einer Art Grube. Sie, die ich wie Wellen
-dahinziehen gesehen habe inmitten der Sahara, da es um sie nichts
-anderes gab als Gott und den Tod, mußte ich nun hier finden, o Elend
-meines Herzens! Sie drehten sich, drehten sich immerzu in dem würgenden
-Raume, und der Jammer, der von ihnen ausging, war wie ein Erbrechen über
-die Menschen. Sie gingen, gingen immerzu, stolz wie arme Schwäne und in
-einer Glorie der Verzweiflung, mit grotesken Negerlappen bedeckt,
-verhöhnt von den Weibern, die hier tanzten, und hoben ihren armen
-Wurmhals empor, Gott und den wunderbaren Blättern einer Oase des
-Wahnsinns entgegen.
-
-O Erniedrigung der Geschöpfe Gottes! In der Nähe der Kamele gab es
-Kaninchen in Käfigen, daneben, als Lotteriegewinste zur Schau gestellt,
-schwammen Goldfische in Glasballons mit so engem Halse, daß mein Freund
-mich fragte: »Wie hat man sie nur da hineinbringen können?« »Indem man
-sie ein bißchen zusammengedrückt hat,« antwortete ich ihm. Anderswo
-wieder wurden lebende Hühner, gleichfalls Lotteriegewinste, vom Kreisen
-einer Drehscheibe mitgeschleppt. In ihrer Mitte lag, von grauenhafter
-Angst gepackt, ein kleines Milchschweinchen auf dem Bauche. Schwindel
-befiel die Hühner und Hähne, sie schrien und hackten in ihrem Wahnsinn
-aufeinander los. Nun machte mich mein Begleiter darauf aufmerksam, daß
-tote und gerupfte Hühner inmitten ihrer lebendigen Schwestern aufgehängt
-waren.
-
-Mein Herz wallt heiß auf in diesen Erinnerungen und unendliches Mitleid
-ergreift mich.
-
-O Dichter, nimm die gequälten Tiere in dein Herz auf, laß sie darin
-wieder erwarmen und leben in ewigem Glücke! Geh hin und künde das
-schlichte Wort, das die Unwissenden die Güte lehrt!
-
-
-
-
- BETRACHTUNG ÜBER DIE DINGE
-
-
-Ich trete in ein großes Viereck sich bewegenden Schattens ein. Ein Mann
-sitzt hier und klopft beim Licht einer bunten Kerze Nägel in eine
-Schuhsohle. Zwei Kinder strecken die Hände gegen den Herd aus. Eine
-Amsel schläft in dem Rohrkäfige. Das Wasser brodelt im irdenen
-rauchschwarzen Topfe, aus dem ein Geruch von ranziger Suppe steigt und
-sich mit dem nach Gerberlohe und Leder mengt. Ein Hund sitzt vor dem
-Herde und starrt in die Glut.
-
-Diese Wesen und Dinge tragen in all ihrer Armseligkeit eine solche
-Sanftmut in sich, daß ich mich gar nicht frage, ob ihr Dasein einen
-anderen Sinn habe als eben diese Sanftmut, noch, ob ich mir ihre
-Dürftigkeit mit irgendeiner Schönheit schmücken solle.
-
-Hier wacht der Gott der Armen, der schlichte Gott, an den ich glaube.
-Er, der aus einem Körnlein eine Ähre werden läßt, der das Wasser vom
-Lande scheidet, das Land von der Luft, die Luft vom Feuer und das Feuer
-von der Nacht; der die Leiber beseelt, der das Laub macht, Blatt um
-Blatt, wie wir es nie werden machen können, worein wir aber unser
-Vertrauen setzen wie in die Arbeit eines vorzüglichen Arbeiters.
-
-Ohne Sehnsucht nach Menschenwissen denke ich nach; und so kann es
-geschehen, daß Gott sich mir offenbart. In der Hütte des Schuhflickers
-öffnen sich mir die Augen so einfach wie dem Hunde, der da sitzt. Und
-nun sehe ich, sehe in Wahrheit, was wenige sehen werden: das Bewußtsein
-der Dinge, zum Beispiel die Opferwilligkeit dieses rauchenden Lichtes,
-ohne das der Hammer des Arbeiters kein Brot schaffen könnte.
-
-Fast während all unserer Zeit nahen wir uns leichtfertig den Dingen, die
-doch gleich uns leiden und glücklich sind. Wenn ich eine kranke Ähre
-unter den gesunden erblicke, wenn ich die fahlen Flecken an ihren
-Körnern gesehen habe, dann schaue ich sehr klar den Schmerz dieses
-Dinges. Und in mir selber fühle ich das Leiden der Pflanzenzellen
-wieder. Ich verstehe, wie schwer sie es haben, auf dem Flecke, der ihnen
-zugewiesen ist, zu wachsen, ohne einander zu erdrücken, und mich erfaßt
-heiß der Wunsch, mein Taschentuch zu zerreißen und daraus einen Verband
-für die kranke Ähre zu machen. Dann denke ich freilich, daß das kein
-rechtes Heilmittel für eine bloße Kornähre sei, und daß eine solche
-Behandlung in den Augen der Menschen, denen ich schon sonderbar genug
-vorkomme mit meinen Fürsorgen für einen Vogel oder eine Grille, eine
-arge Narretei sein müßte. Doch von dem Leiden dieser Körner habe ich
-Gewißheit, denn ich fühle es mit.
-
-Eine schöne Rose wiederum flößt mir ihre Lebensfreude ein. Ich fühle,
-wie glücklich sie an ihrem Stiele ist. Wenn jemand einfach die Worte:
-»Es ist schade, sie zu brechen!« ausspricht, bekennt er damit, daß er
-das Glück der Blume mitempfindet, und daß er es ihr bewahren will.
-
-Ich erinnere mich noch ganz genau, wie sich mir zum ersten Male das
-Leiden eines Dinges geoffenbart hat. Ich war drei Jahre alt. In meinem
-Heimatsdorfe fiel ein kleiner Junge beim Spielen auf einen Glasscherben
-und starb an seiner Wunde. Wenige Tage später kam ich in das Haus, in
-dem das Kind gewohnt hatte. Seine Mutter weinte in der Küche. Auf dem
-Kamine lag ein armseliges kleines Spielzeug. Ich sehe deutlich vor mir,
-daß es ein kleines Pferd aus Zinn oder Blei, vor ein Blechfäßchen auf
-Rädern gespannt, war. Die Mutter sagte mir: »Dieser Wagen hat meinem
-armen kleinen Louis gehört, der tot ist. Soll ich dir ihn schenken?« Da
-ging eine Flut von Zärtlichkeit über mein Herz. Ich fühlte, daß dieses
-Ding seinen Freund, seinen Herrn nicht mehr hatte, und daß es daran
-litt. Ich nahm das Spielzeug und empfand solches Mitleid mit ihm, daß
-ich schluchzte, während ich es nach Hause trug. Ich weiß es noch ganz
-bestimmt, daß ich weder ein Gefühl für den Tod des kleinen Jungen noch
-für die Verzweiflung der Mutter hatte, wozu ich wohl noch zu jung war.
-Ich hatte nur Mitleid mit dem bleiernen Tiere, das mir dort auf dem
-Kamin ganz verzweifelt erschien und für immer ausgeschlossen aus dem
-Leben, da es den verloren hatte, den es liebte. Ich erinnere mich an all
-das, als ob es gestern geschehen wäre, und kann als sicher behaupten,
-daß der Wunsch, das Spielzeug zu besitzen, um mich damit zu vergnügen,
-mir gar nicht gekommen ist. Das ist gewiß wahr, denn ich habe, als ich
-weinend heimkam, das Pferd mit dem kleinen Fasse meiner Mutter gegeben,
-die übrigens das Ganze vergessen hat.
-
-Die Gewißheit von der Beseeltheit der Dinge lebt in den Kindern, den
-Tieren und den schlichten Herzen. Ich habe erlebt, daß Kinder ein rohes
-Stück Holz oder einen Stein so sehr mit allen Eigenschaften lebender
-Wesen begabt glaubten, daß sie ihnen eine Handvoll Gras brachten, und
-dann, nachdem ich das Gras heimlich weggenommen hatte, nicht daran
-zweifelten, daß das Holz oder der Stein das Gras aufgegessen hätten. Die
-Tiere machen keinen Unterschied in dem, was ihnen geschieht. Ich habe
-Katzen gesehen, die lange Zeit hindurch etwas, das ihnen zu heiß gewesen
-war, zerkratzten. Das spricht dafür, daß die Tiere eine Vorstellung vom
-Kampf gegen die Dinge haben und für sie die Möglichkeit sehen,
-nachzugeben -- und vielleicht auch zu sterben.
-
-Ich meine, daß nur die Erziehung durch eine falsche Eitelkeit es mit
-sich bringt, daß der Mensch sich solch eines Glaubens beraubt.
-
-Für mich unterscheidet sich die Handlung des Kindes, das einem Stück
-Holze zu essen gibt, gar nicht von gewissen Opferbräuchen der
-Urreligionen. Und schließlich bedeutet der Glaube, daß Bäume, die an dem
-Tage, an dem Kinder geboren wurden, gepflanzt worden sind, siechen und
-vertrocknen, wenn die Kinder kränkeln und sterben, nichts anderes, als
-daß man Bäumen ein tieferes Verbundensein mit uns als mit dem Leben
-zuschreibt.
-
-Ich habe leidende Dinge gekannt, und ich weiß von solchen, die an ihrem
-Leiden gestorben sind. Das traurige Kleiderwerk, das von unseren
-Abgeschiedenen zurückbleibt, verfällt rasch. Oftmals hat es die
-Krankheiten, an denen die litten, die es getragen haben; denn es hat
-seine Sympathien. Oft habe ich Gegenstände in ihrem Zugrundegehen
-betrachtet. Ihre Auflösung gleicht völlig der unseren. Auch sie haben
-ihren Knochenfraß, ihre Geschwülste und ihre Wahnsinne. Ein
-wurmzerfressenes Möbelstück, ein Gewehr mit gebrochenem Verschlusse,
-eine Lade, die sich wirft, eine Geige, die ihre Stimme verloren hat,
-sehe ich an Krankheiten leiden, vor denen ich erschüttert stehe.
-
-Warum sollen wir glauben, daß nur wir Dinge lieb haben können und den
-Dingen die Liebe zu uns absprechen? Wer bürgt denn dafür, daß die Dinge
-der Liebe nicht fähig sind, wer zeugt dafür, daß sie kein Bewußtsein
-haben?
-
-Hatte der Bildhauer nicht recht, der sich mit einem Klumpen Ton in den
-Händen begraben ließ, von jenem Ton, der seinen Träumen so gehorsam
-gewesen war. Dieser Ton hatte ihm doch immer die Aufopferung eines guten
-Dieners, wie wir sie am meisten bewundern, bewiesen: sich schweigend
-darzubringen, ohne etwas dafür zu erwarten, hingegeben gläubig. Voll
-Glanz und Erhabenheit ist ein solches Bild, das dem Menschen also dient,
-wie der Mensch Gott dient. Jener Künstler wußte nicht mehr als sein Ton
-davon, welchem Geheiße er untertan war. Von dem Augenblicke an, da sie
-beide die gleiche Erleuchtung empfangen hatten, glaube ich auf gleiche
-Weise an ihr Bewußtsein und liebe sie beide mit derselben Liebe.
-
-Unendlich ist die Traurigkeit in den Dingen, die keinem Gebrauche mehr
-dienen. Auf dem Dachboden dieses Hauses, dessen Bewohner ich nicht
-gekannt habe, liegt das Kleid eines kleinen Mädchens und eine Puppe, der
-Verzweiflung verfallen. Vor der jahrealten Einsamkeit der Dinge hier
-fühle ich die Gewißheit, daß der eisenbeschlagene Stock dort, der einst
-fest in die Erde der grünen Hügel gebissen hat, ebenso glücklich wäre,
-wenn er noch einmal die kühle Frische von Moos empfinden dürfte wie der
-Sommerhut, der nun trüb erleuchtet vom armen Lichte einer Dachluke
-daliegt, wenn er noch einmal einen Sommerhimmel sehen dürfte.
-
-Die Dinge aber, die wir liebevoll bewahren, erhalten uns ihre
-Dankbarkeit und sind immer bereit, uns ihre Seele darzubringen, auf daß
-sie sich an uns verjünge. Sie sind wie die Rosen in sandigem Grunde, die
-unendlich erblühen, wenn nur ein wenig Wasser sie der Azure ihrer
-verlorenen Brunnen gemahnt.
-
-In meinem bescheidenen Wohnzimmer habe ich einen Kindersessel stehen.
-Auf ihm saß mein Vater und spielte, als er in seinem siebenten Jahre die
-Überfahrt von Guadeloupe nach Frankreich machte. Er erinnerte sich noch
-gut daran, wie er auf ihm im Schiffssalon saß und die Bilder ansah, die
-ihm der Kapitän geliehen hatte. Das Holz von jenen Inseln muß sehr fest
-sein, denn es hat den Spielen eines kleinen Jungen standgehalten. Dieses
-kleine Möbelstück, das in meinem Wohnzimmer einen Hafen gefunden hat,
-schlief hier lange fast vergessen. In langen Jahren hat es seine Seele
-nicht geoffenbart, denn das Kind, dem es gedient hatte, gab es nun nicht
-mehr, und andere Kinder kamen nicht, um sich wie Vögel daraufzusetzen.
-Doch neuerdings ist das Haus fröhlich geworden; meine kleine Nichte ist
-da, die eben sieben Jahre alt wurde. Sie hat sich auf meinem
-Arbeitstische eines alten botanischen Atlas bemächtigt. Und da ich in
-das Wohnzimmer komme, finde ich sie im Lampenlichte auf dem kleinen
-Sessel sitzen und, wie dereinst ihr seliger Großvater, die schönen
-sanften Bilder anschauen. Da sagte ich mir, daß einzig dieses kleine
-Mädchen den Sessel habe neu beleben können, und daß seine dienensfrohe
-Seele sachte das arglose Kind dazu gelockt habe. Zwischen dem Kinde und
-dem Dinge war ein geheimnisvolles Spiel von Anziehungskräften am Werke:
-das Mädchen hätte es nicht vermocht, nicht zu dem Sessel zu gehen, der
-einzig dadurch hatte wieder zu Leben kommen können.
-
-Die Dinge sind sanft. Aus eigenem Antriebe tun sie niemals Böses. Sie
-sind die Geschwister der Geister. Sie nehmen uns in sich auf, und wir
-bringen ihnen unsere Gedanken, die Sehnsucht nach ihnen haben wie die
-Düfte nach den Blumen, zu denen sie gehören.
-
-Der Gefangene, den keine Menschenseele trösten kommt, muß seine
-Zärtlichkeit zu seiner Pritsche und zu seinem irdenen Kruge tragen. Da
-ihm von seinesgleichen alles versagt wird, schenkt ihm sein armes Lager
-den Schlaf und stillt ihm sein Krug den Durst. Und selbst die nackten
-Mauern, die ihn doch von der ganzen Welt trennen, werden ihm lieb, weil
-sie zwischen ihm und seinen Peinigern stehen.
-
-Das gezüchtigte Kind liebt den Polster, auf dem es weint. Da an einem
-solchen Abende alles ihm gegrollt und wehgetan hat, tröstet es die
-schweigende Seele des Federkissens wie ein Freund, der mit seinem
-Schweigen dem Freunde Ruhe schenken möchte.
-
-Doch nicht allein ihr Stummsein ist es, das uns ihre Zuneigung empfinden
-läßt. Sie klingen in so verschwiegenen Akkorden, mögen sie nun in dem
-Forste klagen, den René mit seiner gewitternden Seele erfüllt, oder sie
-hinsingen über den See, an dem ein anderer Dichter in Betrachtungen
-versunken ist. Es gibt Stunden und Zeiten, in denen manche dieser
-Akkorde ein stärkeres Leben haben, in denen die tausend Stimmen der
-Dinge lauter zu hören sind. Zwei oder dreimal in meinem Leben habe ich
-den Ruf dieser Geheimniswelt vernommen.
-
-Gegen Ende August um Mitternacht nach einem sehr heißen Tage geht über
-die hingeknieten Dörfer ein ungewisses Raunen. Es klingt anders als das
-der Bäche und Quellen oder das des Windes, anders ist es als das
-Geräusch, mit dem die Tiere das Gras zermalmen oder das ihrer Ketten, an
-denen sie über den Krippen zerren, anders ist es als die Laute der
-unruhigen Wachhunde, der Vögel oder der Schiffchen an den Webstühlen. So
-mild sind diese Klänge dem Ohre, wie dem Auge der Schimmer der
-Morgenröte ist. Nun regt sich eine ungeheure und sanfte Welt; die
-Grashalme lehnen sich bis zum Morgen aneinander, unhörbar rauscht der
-Tau, und mit jedem Sekundenschlage ändert das große Keimen völlig das
-Antlitz der Gefilde. Nur die Seele kann diese Seelen erfassen, den
-Blütenstaub in der Glückseligkeit der Blumenkronen ahnen und die Rufe
-und das Schweigen vernehmen, darin das göttliche Unbekannte sich
-vollzieht. Es ist so, als ob man sich mit einem Male in einem völlig
-fremden Lande befände und hier von der sehnsüchtigen Schwermut der
-Sprache zart ergriffen würde, ohne doch genau zu verstehen, was sie
-ausdrückt.
-
-Aber ich kann doch tiefer in den Sinn des Raunens der Dinge eindringen
-als in den einer Menschensprache, die mir unbekannt ist. Ich fühle, daß
-ich verstehe, und daß es dazu gar keiner großen Anstrengung bedarf.
-Vielleicht ist mein Dichten manchmal so weit, den Willen dieser
-verborgenen Seelen zu übersetzen und einige ihrer Lebensäußerungen auf
-eine faßliche Art aufzuzeichnen. Ich verstehe es schon, diesem
-unbestimmten Raunen innerlich Antwort zu geben, wie ich es verstehe, mit
-Schweigen verständlich die Fragen einer Freundin zu beantworten.
-
-Aber diese Sprache der Dinge ist nicht völlig und einzig mit dem Ohre
-vernehmbar. Sie bedient sich auch anderer Zeichen, die blaß über unsere
-Seele hinhuschen und sich allzu schwach noch einprägen, die aber
-vielleicht deutlicher wiederkommen werden, wenn wir bereiter sind, Gott
-in uns aufzunehmen.
-
-Es gibt Dinge, die mich in den wehevollsten Umständen meines Lebens
-getröstet haben. Etliche unter ihnen zogen in solchen Zeiten auf
-sonderbare Art meine Blicke auf sich. Und ich, der ich mich nie vor den
-Menschen beugen konnte, habe mich demütig diesen Dingen hingegeben. Da
-brach ein Strahlen aus ihnen -- doch nicht nur aus den Erinnerungen, die
-mich mit ihnen verknüpfen -- und durchdrang mich wie Schauer der
-Freundschaft.
-
-Ich fühlte sie und fühle sie rings um mich leben, leben in meinem
-verborgenen Reiche, und ich bin ihnen verantwortlich wie einem älteren
-Bruder. Im Augenblicke, da ich dies schreibe, empfinde ich, daß voll
-Liebe und Vertrauen die Seelen dieser göttlichen Schwestern auf mir
-ruhn. Der Sessel da, der Schrank, die Feder, sie sind mit mir. Ich
-glaube an sie über alle Systeme hinaus, über alles Verstehen und jede
-Deutung hinaus glaube ich an sie. Sie geben mir eine Überzeugung, wie
-kein Genie sie mir geben könnte. Jedes System wird eitel sein und alle
-Deutung Irrtum in dem Augenblicke, in dem ich in meiner Seele die
-Gewißheit dieser Seelen leben fühle.
-
-Als ich bei dem Schuhflicker eintrat, habe ich mich, mit den Kindern und
-dem Hunde beim Herde sitzend, unvermittelt aufgenommen gefühlt und habe
-meine Seele den tausend unbekannten Stimmen der Dinge aufgetan. In
-dieser andächtigen Besinnung wurde aus dem Niederfall einer
-halbverwelkten Ranke, aus dem Knirschen des Schürhakens, aus dem Schlage
-des Hammers und dem Flackern der Kerze, wurde aus dem schwarzen
-geblähten Flecke, als den ich die eingeschlafene Amsel sah, und aus dem
-Auf- und Niedergehen des Deckels auf dem Kochtopfe eine geheiligte
-Sprache, die meinem Lauschen verständlicher war als die Rede der meisten
-Menschen. Diese Laute und Farben waren nichts anderes als die Gebärde
-der Gegenstände, deren sie sich als Ausdrucksweise bedienen wie wir der
-Stimme und der Blicke. Brüderlich fühlte ich mich diesen demütigen
-Dingen verbunden. Und ich erkannte, wie armselig es sei, die Reiche der
-Natur voneinander zu scheiden, da es doch nur das eine Reich Gottes
-gibt.
-
-Wie darf man behaupten, daß die Dinge uns niemals Zeichen ihrer
-Zuneigung geben? Rostet nicht das Werkzeug, dessen sich die Hand des
-Arbeiters nicht mehr bedient, ebenso wie der Mann, der das Werkzeug
-feiern läßt?
-
-Ich habe einen Schmied gekannt; er war fröhlich in den Zeiten seiner
-Kraft, und der blaue Himmel leuchtete an strahlenden Mittagen in seine
-schwarze Schmiede. Lustig gab der Amboß seinem Hammer Antwort. Der
-Hammer, den der Meister von Herzen schwang, war das Herz des Amboß. Wenn
-die Nacht hereinbrach, erhellte er die Schmiede mit seinem bloßen
-Schimmer und dem Blicke seiner Augen, die unter dem ledernen Blasbalge
-als Kohlenglut glommen. Eine erhabene Liebe verband die Seele dieses
-Mannes mit der Seele seiner Dinge. Wenn er sich an den heiligen Tagen
-zur Andacht sammelte, betete die Schmiede, die er schon am Abende vorher
-gesäubert hatte, schweigend mit ihm. Dieser Schmied war mein Freund. Oft
-stand ich an der schwarzen Schwelle und rief ihm eine Frage zu -- und
-die ganze Schmiede gab mir Antwort. Die Funken lachten über die Kohlen
-hin, und metallen klingende Silben wurden zu einer tiefen und
-geheimnisvollen Sprache, die mich ergriff wie Worte von Pflicht. Hier
-widerfuhr mir fast das Gleiche wie bei dem armen Flickschuster.
-
-Eines Tages wurde der Schmied krank. Sein Atem ging kurz; wenn er jetzt
-an der Kette des Blasbalges, der vordem so stark gewesen war, zog,
-merkte ich deutlich, daß dieser keuchte und allmählich von der Krankheit
-seines Herrn befallen wurde. Sprungweise und ungleich ging nun das Herz
-des Mannes, und auch der Hammer, den er über dem Amboße schwang, fiel
-verstört auf das Eisen nieder. Und im gleichen Maße, wie das Licht in
-den Menschenaugen abnahm, leuchtete auch das Feuer in der Esse weniger
-und weniger. Abends flackerte sie dann noch weiter, und an den Wänden
-und der Decke erblich lange das Zucken ihres Vergehens.
-
-Eines Tages fühlte der Schmied bei der Arbeit seine Hände und Füße kalt
-werden, und am Abend starb er.
-
-Ich betrat die Schmiede; sie war kalt wie ein Körper ohne Leben. Ein
-bißchen Glut nur fand ich im Kamine als eine armselige Totenwache neben
-dem Sterbebette glimmen, an dem zwei Frauen beteten.
-
-Drei Monate nachher kam ich wieder in die verlassene Werkstätte, um an
-der Schätzung ihrer geringen Einrichtung teilzunehmen. Alles war feucht
-und schwarz wie in einem Grabe. Das Leder des Blasbalges war angefault
-und löchrig geworden und löste sich, da jemand an der Kette ziehen
-wollte, von seinem Holzrahmen los.
-
-Die einfachen Leute, die mit mir die Schätzung vornahmen, erklärten:
-»Der Amboß und der Hammer haben ausgedient. Sie haben mit ihrem Meister
-zu leben aufgehört.«
-
-Ich stand erschüttert. Denn ich hörte den geheimen Sinn dieser Worte.
-
-
-
-
- LOB DER STEINE
-
-
-Strahlende Schwestern der Bergströme, denen ich am Ufer des Alpensees
-begegnet bin: Steine, Geliebte der Iris und des kalten Azurs, ihr, auf
-die sich das Salz niederschlägt, das die Lämmer auflecken; ihr Spiegel
-voll Helle, schillernd wie der Hals der Taube, ihr, die ihr mehr Augen
-habt als der Pfau! Im großen Feuer seid ihr Kristalle geworden, und eure
-schneeigen Adern sind ewig, ihr Gefährten der Urzeitfluten; seit
-Anbeginn hat die Meerflut euch gebadet und gewiegt bis zu der Stunde, in
-der die Taube aus der Arche voll Liebe aufgurrte, da sie euch erblickte.
-
-Bald ist das leuchtende Korn eures Fleisches blaugeädert weiß wie eine
-Kinderfaust, bald schimmert es kupfergolden wie die Hüfte einer schönen
-schwerblütigen Frau; zuweilen blinkt der Glimmer darin silbrig wie eine
-Wange in der Sonne, dann wieder ist es bräunlich wie die Haut der
-Frauen, der das goldene Rot der Mandarine und das stumpfe Blond des
-Tabaks die Farbe gab.
-
-Ihre Steine, aus dem Herzen des Bergstroms gebrochen,
-gegeneinandergeschmettert, dahingerissen durch den Seidelbast der
-Schluchten, gepeitscht von den Rauhfrostwettern, von den Lawinen
-begraben, von der Sonne wieder ans Licht geholt, vom Fuße der Gemse
-losgebrochen: ihr seid kühl und schön -- und ihr seid, über all das
-hinaus, rein.
-
-Ich kenne eure Schwestern in Indien wenig; es gibt solche unter ihnen,
-deren Klarheit mit dem Wasser, das aus dem Marmor quillt, wettstreitet,
-andere, die mich an das leuchtende Grün der Wiesen in den Talen meiner
-Heimat denken machen, welche wieder, die wie erstarrte Tropfen Blutes
-sind, und endlich die, die Kristall gewordenes Sonnenlicht sind.
-
-Aber ich ziehe euch diesen vor, obwohl ihr nicht so kostbar seid, ihr,
-die ihr zuweilen die Balken der Strohdächer tragen müßt und so das
-Sprühen der Sterne spiegeln könnt, und ihr anderen, auf die sich der
-Schäferhund hinstreckt und traurig nun über seine Herde wacht.
-
-Empfanget tief im Äther, wo ihr auf den Gipfeln ruht, weiter die
-reinliche Nahrung, die eurem friedlichen Reiche zugemessen ist. Das
-Licht möge eure unbekannten Zellen durchdringen, und die leichten
-wirbelnden Flocken sollen sie tränken. Das Schwirren der Winde mache sie
-erklingen, und endlich mögen sie jene vollkommene Nahrung empfangen, von
-der einst Maria Magdalena in einer Felshöhle gestillt worden ist. Rings
-um euch werden eure Freunde blühen, die reinsten Blütenkronen dieses
-Gestirns: aber auch sie werden nicht so keusch sein wie ihr, denn sie
-duften nach Schnee.
-
-Arme graue Schwestern in den Rinnsalen, denen ich in den Ebenen begegnet
-bin, traurige Steine ohne Glanz, ihr, die ihr den Regen sammelt, auf daß
-der Sperling zu trinken habe; ihr, über die die Füße der Eselin
-stolpern, ihr armseligen Wächter, die ihr die elenden Gärten umfriedet,
-die ihr die hohlgetretenen Schwellen seid und die Brunnengeländer,
-glattgerieben von der Eimerkette, ihr Bettler, blank wie das Eisen der
-Ackergeräte! Ihr werdet heiß gemacht im Armenherde, auf daß ihr die Füße
-der Großeltern erwärmet, ihr werdet ausgehöhlt für die niedrigsten
-Verrichtungen, und ihr müßt in eurer Armseligkeit Tisch sein für den
-Hund und das Schwein. Durchbohrt werdet ihr und müßt, zu Mühlsteinen
-geworden, das knirschende Korn mahlen. O ihr, die ihr fortgeholt werdet,
-und ihr, die ihr liegen bleibt: o ihr, auf denen der Irrgegangene
-schlafen wird -- o ihr, unter denen ich schlafen werde!
-
-Ihr habt euch nicht wie eure Gefährten in den großen Gebirgen eure
-Freiheit wahren können, aber ich achte euch darob nicht geringer, ihr
-meine Freunde. Ihr seid schön wie alle Dinge, die im Schatten sind.
-
-
-
-
- BETRACHTUNG ÜBER EINE SCHNEPFE
-
-
-»Ich bin eine Schnepfe. Um die Zeit, in der der herbstliche Ozean
-fürchterlich wird und die Schiffe im gelben und schwarzen Himmel tanzen,
-wohne ich hier, denn ich mische mich nicht ein in die verschiedenen
-großen Angelegenheiten der Natur, ich Schnepfe, die ich nicht weiß, daß
-tausend und tausend Kreolenjungfrauen jetzt verblüht sind wie feurige
-Rosen im zerstörenden Hauche eines Vulkans. Hier wohne ich, zwischen den
-Binsen und einer Lache, in der Gleichförmigkeit von Tag um Tag. Mein Tal
-zieht von Norden nach Süden, es ist morastig, waldverwachsen und
-traurig. Aber es stimmt recht hübsch überein mit meinem Kleide, das wie
-ein totes Blatt gefärbt ist, und man könnte mich schon für eine Dame
-nehmen, wenn ich da mit meinem Stocke, der mein Schnabel ist,
-spazierengehe ... Man weiß von mir auch, daß ich die schönsten Augen auf
-der Welt habe, und daß von ihnen die Sage geht, sie weinten, bevor ich
-sterbe.«
-
-»Kommen Sie und sehen sie mich in meinem Salon an! Wissen Sie denn, wie
-der Salon einer Schnepfe aussieht? Die Jäger mögen Ihnen davon erzählt
-haben. Haben Sie Ihnen aber auch gesagt, was ein Schnepfenspiegel ist?
-Das ist nämlich etwas, das ein bißchen schwierig zu erklären ist. Meine
-Spiegel sind aus blankem Silber und haben einen dunklen Punkt in der
-Mitte .... sie sind das, was ich hinter mir fallen lasse. Mein Parfüm
-ist das frischgeschlagene Holz. Lieben Sie den Geruch von Heu? O, in der
-Natur sind alle Gerüche vereinigt. Würziger aber riecht doch nichts als
-der Saft der Erle, den der Holzhauer abzapft. Das ist ein Geruch, der
-schön ist, während doch Gerüche für gewöhnlich nur gut sind. Aber dieser
-Duft ist schön wie das Blut, das in der stillen Stunde aufsteigt in die
-Wangen des Heidekrautes, wenn die Sonne müde ihre Haare auflöst und sich
-lang über den Hügel hinstreckt. Wenn ich meine Füße auf das setzte, was
-von einem Erlenstamme am Erdboden übrigbleibt, kommt es mir vor, als ob
-ich auf duftenden Purpur trete und ich die Königin von Saba bin.«
-
-»Die Wohnung, die ich habe, ist gottlob recht brauchbar. Ein paar
-Verbesserungen täten ihr freilich schon not: der Wind hat nämlich die
-Dachschindel aus Blättern, die mir der Dachdecker Frühling darauf gelegt
-hat, schon wieder zerblasen. Der Herr Herbst hat sie durch
-Klematisfrüchte ersetzt -- aber die saugen mit ihrem Flaum den Regen aus
-der Luft.«
-
-»Ich habe nur ein Erdgeschoß. Der Flur ist ein Wassergraben, dunkel
-genug, daß ich darin ordentlich sehe. Man weiß ja, daß meine Augen das
-grelle Licht schlecht vertragen. Mir ist auch ein einfacher Stern lieber
-als die beste Kerze. Der Herr hat mir gesagt: >Geh, kleine Schnepfe. Ich
-schenke dir alle Sterne des Himmels, daß sie dir leuchten.<«
-
-»Mein Park ist unermeßlich, er schließt die ganze Welt in sich. Aber ich
-gehe doch erst in die Berge, mir kleine Eisstückchen zu holen, wenn die
-große Hitze kommt. Denn man muß es verstehen, seine Wünsche
-einzuschränken -- sonst muß man die Geschichte vom Weinberge des Naboth
-wieder von frischem beginnen. Ich wohne also hier, sage ich Ihnen,
-zwischen diesen Binsen und der Lache, und ich komme auch kaum fort von
-meinem runden moosigen Platze da und von der Quelle, deren Wasser ein
-Hirt in einen Dachziegel geleitet hat, von dem jetzt, durch einen Stein
-festgehalten, ein Kastanienblatt herunterhängt. Man darf aber nicht
-vielleicht glauben, daß es da weiter unten nicht eine herrliche
-Landschaft gibt: die Ufer und Inseln des Wildbaches, wo inmitten von
-rosa Nebeln der Herr Reiher auftaucht und wieder verschwindet, je
-nachdem der Nebel sich hebt oder sich ausbreitet. Und in einiger
-Entfernung von ihm unter dem silbernen Himmel schnellen über das
-silberne Wasser die Silberfische, auf die er lauert, empor.«
-
-»Ich wünsche mir, glücklich und verborgen wie ein Veilchen zu leben.
-Eine Schnecke in der Schale genügt für mein erstes Frühstück,
-währenddessen ich entzückt bin von all dem Nebel, der von jedem Zweige
-fällt wie ein Hagelschauer aus lauter Regenbogen. Was brauche ich auch
-Luxus und Eitelkeit? Wenn ich doch lieber das große Buch der Natur lesen
-könnte, das Buch, von dem ich selber ein bescheidenes Exemplar bin.
-Sehen nicht wirklich meine Rückenfedern aus wie der Ledereinband eines
-ganz alten Folianten -- und die Federn auf meiner Brust wie seine bunten
-Ränder? Ja, ich lese in mir selber, in dem wirklichen Buche, das ich
-bin, und ich muß nicht meine Zuflucht zu all den Mitteln nehmen, deren
-sich die unwissenden Dichter bedienen. Was ich weiß, weiß ich
-ordentlich, weil ich es mir nicht nur vorstelle, sondern es mit dem
-Schnabel und den Füßen angreifen kann, und weil es doch die Frucht
-meiner Erfahrungen und meiner Weisheit ist.«
-
-»Was ich weiß? Ich weiß, daß ich gerade vor mich hinmarschiere, die Füße
-auf der Erde und den Kopf im Himmel. Ich weiß, daß es ganz gewöhnliche
-Sachen gibt, über die man sich doch sehr wundern muß. Und ich weiß, daß
-die Welt zusammengesetzt ist aus lauter Schnepfen, die gar keine
-Schnepfen sind. Ich weiß, daß ich leide, wenn man mir Blei in meine
-Flügel schießt. Ich weiß, daß ich glücklich bin, wenn ich im Mondschein
-durch das sanfte Gras der Waldränder irre, mit gezählten Schritten, den
-Kopf nach rechts und links drehend und bereit, mit der Spitze des
-Schnabels die Würmer aufzupicken. O, von was für wunderbaren Nächten
-habe ich nicht schon die Quellen singen gehört, wenn ich mir in ihnen
-säuberlich die Füße wasche! O das fließende Blau, das die Schatten des
-Gebüsches liebkost, bis sie zittern und den ersten Himmelschlüsseln
-weichen!«
-
-»Ich weiß, daß >es muß sein< ein großes Wort ist, und daß danach mein
-ganzes armes Tierleben abgewandelt wird. Es muß sein, daß ich, wenn es
-April wird, diese wunderbaren Täler verlasse und es meinem Fluge
-anheimgebe, dahin zu fliegen, wohin er fühlt, daß nun geflogen werden
-muß. Das habe ich verstehen gelernt, daß so einfach dahinzureisen besser
-ist, als sich abzuquälen mit Landkarten, Kompaß und Sextant, mit alldem,
-wodurch die Menschen Schiffbruch leiden. Es muß sein, sage ich, ist ein
-großes Wort! Darum habe ich Schnepfe mir auch nicht mein Dasein durch
-Weltkarten, Luftballons, Dampfmaschinen und Theorien verwirrt, denn es
-mußte sein, daß ich Flügel habe. Und so ist meine ganze Wissenschaft
-ganz einfach die, daß ich mich auf meinen Schnabel, meine einzige
-Bussole, verlassen kann, um inmitten der Schneefelder (die die
-Orangenblütenhaine des Gebirges sind) die süßeste Braut wiederzufinden.«
-
-So spricht die kleine Schnepfe. Und ich beneide die kleine Schnepfe um
-ihren guten Sinn und um ihr Glück. Kleine Schnepfe, es gibt noch anderes
-Blei als das, das dir durch die Flügel schlägt: das Blei, das ich im
-Herzen trage. Und andere Stechpalmen gibt es als die, die sich mit Moos
-umgeben, so daß du verlockt bist, darauf auszuruhen: die Stechpalmen,
-die meine Schläfen kränzen und die mein einziger Lorbeer sind.
-
-O, warum hat Gott mir nicht wie dir Flügel gegeben? O, warum kann ich,
-wenn der Duft des Flieders den liebesbleichen Frühling in seinem Gewande
-schwanken und hinsinken macht, und wenn der Seidelbast wieder blüht,
-nicht am Rande der durchstürmten Schlucht die erwarten, von der ich
-getrennt bin? O kleine Schnepfe, warum bin ich nicht lieber in deinem
-kleinen Salon aus welken Blättern geblieben, um im langen Regnen dem
-Seufzen der Winterwinde zuzuhören, anstatt in diesem Zimmer zu sitzen
-und meinen Betrachtungen nachzuhängen, indes der Herd braust wie der
-Ozean und mir im Uhrenschlagen geschieht, als ob ich eine reine und
-traurige Stimme wiederhörte.
-
-Kleine Schnepfe, möge das wilde Wetter mit dir gnädig verfahren! Die
-Windstöße sollen deine Spuren verwischen, so daß der Hund sie morgen
-nicht spüren kann, sich von seinem Herrn prügeln lassen muß und endlich
-schlammbeschmiert, verdutzt, den Schweif eingeklemmt, zurückkommt, ohne
-dich gefunden zu haben!
-
-
-
-
- BETRACHTUNGEN ÜBER EIN SPEISEZIMMER
-
-
-Nicht das Familienspeisezimmer ist es, über das ich jetzt sprechen will.
-Zwar war das wie ein Spiegel im Schatten und roch nach Obst, nach Wein
-und dem Wachse des Fußbodens, und wenn man eintrat, glitt man aus und
-fiel hin. In diesem Zimmer wurde ein jeder zu Eis so wie in Gegenwart
-meiner hugenottischen Großtante, die in ihre Bibel den Spruch des
-Psalmisten geschrieben hatte: »Wahrlich, Schein ist es, darinnen der
-Mensch wandelt. Wahrlich, eitel ist, was er treibt.«
-
-Dieser Raum hatte einst bessere Tage gesehen. Aber um die Zeit, von der
-ich jetzt spreche, wohnte nur mehr ein schmerzliches Schweigen darin,
-das wie das Schweigen der Abwesenden, die voll Traurigkeit den Kopf
-schüttelten, anmutete. Man hat mir hier eine Ecke gezeigt, in der mein
-Vater nach seiner Ankunft aus Guadeloupe (er war damals sieben Jahre
-alt) allerlei Grimassen versucht hat, um seine Eltern zu erheitern, und
-vielleicht auch, um sich selber zu erheitern. Armes verstörtes Kind, das
-noch traumtrunken war von den grünen Kokosnüssen, von zärtlich rosigen
-Blumen und dem klingenden Schimmern der Kolibris.
-
-Das Speisezimmer von heute liegt gegen Osten, auf den Garten hinaus, der
-sich längs der Straße hinzieht. Es ist ohne allen Luxus eingerichtet und
-ein rechtes Durchschnittszimmer, aber die Götter besuchen mich darin,
-und ein paarmal haben Göttinnen, müde der Welt, hier mein grobes Brot
-gegessen. Man kann dieses Speisezimmer gar nicht besser als mit den
-Versen des Mong-Kao-Jen beschreiben:
-
- ... Ein alter Freund reicht mir ein Huhn und Reis dazu.
- ... Und unser Horizont sind blaue Berge, deren Gipfel
- Aus blauem Glanz des Himmels ausgeschnitten sind.
- Im offenen Saal ist uns der Tisch gedeckt.
- Nun überschauen wir den Garten meines Gastfreunds,
- Nun reichen wir einander die gefüllten Becher.
- Wir reden sacht von Hanf und Maulbeerbaum.
- Wir warten auf den Herbst: dann werden hier im Garten
- Die Chrysanthemen blühn.
-
-Hier in diesem Raume geschieht es mir zweimal im Tage, daß ich mir der
-Dinge bewußt werde, sei es dadurch, daß aus dem Brote die Seele des
-fahlen Korns, das unter dem Hundsstern des Juli knirscht, mich
-durchdringt, sei es, daß aus dem Weine mich die purpurne Landschaft der
-Weinlese überkommt und die Fröhlichkeit der Mädchen, die singend die
-dunklen Trauben schnitten. Und ein jedes Gericht wird mir geheiligt um
-alles dessen willen, was es an Kraft dichterischer Ahnung in mein Blut
-schickt. So muß ich auch nicht den demütigen Küchengarten mißachten, in
-dem die duftende Goldrübe wuchs, noch das herbe Gras der erlengesäumten
-Wiese, auf der das Rind gelebt hat, dessen Fleisch ich esse, nicht die
-von welken Blättern bedeckte Hütte, verkrochen im innersten Gebirge, in
-der dieser Käse entstanden ist, noch endlich den Obstgarten, wo in der
-betäubenden Glut der Sommerferien ein Schulmädchen es über sich gebracht
-hat, inmitten von bläulichen und granatroten Himbeersträuchern (deren
-Früchte ich genieße) ihren brennenden Mund lange auf dem Munde eines
-Jungen zu vergessen.
-
-Ich kenne die Einsamkeiten, in denen das Wasser, das ich trinke,
-entspringt, und die traurigen Forste, die sie umgeben. Dort bin ich dem
-fröhlichen alten Manne begegnet, dessen Hühner ich in einem Gedichte
-besungen habe, und jenem anderen Greise, der den Wahnsinn seiner Tochter
-beweinte.
-
-Ich muß mir aber auch zu Bewußtsein bringen, daß die Schüsseln, die alle
-diese Gerichte bergen, irgendwoher stammen, und zwar ebenso aus der Erde
-wie ihr Inhalt, und daß die Früchte da in der Schale aus Steingut mir in
-einem Gefäße aus dem Urstoffe selber dargebracht werden. Und ich muß
-mich endlich auch daran erinnern, daß das Glas der Wasserflasche, in der
-das Wasser eben schwankend ins Gleichgewicht strebt, aus dem Wasser
-selber hervorgegangen ist, aus dem natriumreichen sandigen Meere, das
-ihm seine Durchsichtigkeit gegeben hat.
-
-Speisezimmer, du göttliche Vorratskammer, in dir gibt es die Feige mit
-den Bißspuren der Amsel und die Kirsche, die der Sperling angepickt hat.
-Der Hering liegt da, der die Korallen und die Schwämme des Meeres
-gesehen hat, und die Wachtel, die durch die Nacht der Minze geschluchzt
-hat; in dir ist der Herbsthonig aufbewahrt, den die Bienen in der schon
-bräunlichen Sonne eingeheimst, und der Akazienhonig, den sie im fahlen
-Lichte einer Tränenallee gesammelt haben. Das Öl, das die Lampen der
-Provence speist, ist da, das Salz, das perlmuttern schimmert, und der
-Pfeffer, den die Kauffahrer auf ihren Galeeren geheimnisvoll lächelnd
-gebracht haben.
-
-Mein Speisezimmer, ich habe dich oft aus der Beute meiner
-Botanisiergänge geschmückt und deine Luft mit dem Geruche der Feldblumen
-erfüllt.
-
-Und dann warst du eines Tages mit Sträußen seltener Blumen geschmückt,
-mit denen eine Frau deine Bescheidenheit geehrt hat. Aber du hast es
-verstanden, du selbst zu bleiben, nicht allzu geschmeichelt noch auch
-abweisend. Als die erlesenen Blumen auf deinem Tische standen, hast du
-sie durch deine Schlichtheit so sehr entzückt, daß sie schön erschienen
-wie ihre ländlichen Schwestern.
-
-Du bist es, mein Speisezimmer, das, nahe der Straße, meine Heimkehr vom
-Walde erwartet, wenn die Stunde gekommen ist, in der mein Hund in Nacht
-verschwimmt und sich das Paffen meiner Pfeife mit dem Nebel, der meinen
-Bart feuchtet, mischt. Da horchst du wie eine brave Dienerin auf den
-Tritt meiner benagelten Schuhe. Ich erkenne dein brennendes Herz, du
-Hüterin ohne Makel: die Lampe, die zu Ende flackt wie diese meine
-Träumerei. Da ich an dich denke, schwingt meine Seele sich auf, und ich
-möchte Hosianna! rufen und mich vor deine Knie hinwerfen, auf deine
-Schwelle, du Bewahrerin der Dinge, die mir die Vorsehung bescheert hat.
-Mit gekreuzten Armen verharrest du über der Straße, auf der die Bettler
-dahinziehen, wenn die Stunde gekommen ist, in der das Aveläuten in
-verzweiflungsvoller Liebe zittert und gleich Weihrauchfässern die
-elendsten Hütten aus der Finsternis ihren Rauch emporschicken zu den
-Füßen Gottes.
-
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- BETRACHTUNGEN ÜBER EINEN TAUTROPFEN
-
-
-Das anbetungswürdige alte Fräulein starb in einem kleinen Schlößchen,
-das einst Jean Jaques Rousseau gefallen hat. Ein Wildbach schauerte an
-den Grundmauern des Türmchens vorbei, das überblüht war von gelben
-Rosen, und der nahe Teich einer verlassenen Mühle machte die Gegend mit
-ihren schattigen Baumgruppen vollends poetisch. Reiche Äcker dehnten
-sich da und dort. Einst, als der Tag zu Ende ging, sah ich an der Ecke
-eines Feldes auf dem Marksteine einen alten Mann sitzen. Er stützte sich
-auf einen Stock mit einem Schnabelgriffe. Von seinem Platze aus
-überwachte er gemach die Erntearbeit. Ich wünsche mir sehnlich dieses
-Alter herbei, in dem die stillen Blicke nur mehr nahe trauliche Dinge
-vor sich haben. Vielleicht wird das Gewesene dann zur Gegenwart? Dieser
-friedliche Greis, der mich eines anderen Greises gedenken ließ, jener
-edlen Gestalt aus »Paul und Virginie«, rief sich vielleicht, da er die
-schönen Schnitterinnen betrachtete, die Zeit wieder empor, in der noch
-die Bücher seiner Jugend über ihn Gewalt gehabt hatten ... Vielleicht
-erschien ihm Ruth, mit Kornblumen und Ähren bekränzt, oder die
-myrthenduftende Chloe, wie sie ihren Ziegen Salz reicht.
-
- * * * * *
-
-Lange, bevor ich die Heiterkeit des Tages, der hier über dem Patriarchen
-zu Ende ging, erlebte, war das alte Fräulein gestorben. Sie hatte hier
-ihre ganze Jugendzeit verbracht, und sie wohnte auch später fast immer
-hier. Denn ihr oblag, nachdem sie Waise geworden war, die ganze Sorge um
-ihre wahnsinnige Schwester. Nur ein paarmal war sie fortgewesen: als sie
-einige Jahre hintereinander eine Zeit in Paris verbrachte. Wenn ich an
-sie denke, wie ich sie als Achtzigjährige gekannt habe, mit ihren
-schneeweißen Scheiteln, die stets mit Parmaveilchen geschmückt waren,
-der großen Nase, dem spitzen aufwärtsgebogenen Kinn und den feurigen
-Augen, wird es mir nicht allzu schwer, mir vorzustellen, wie sie als
-Achtzehnjährige gewesen sein mag: Da sehe ich sie mit einem biegsamen
-großen, mit Feldblumen geschmückten Hute, in einem Mousselinkleide, das
-sich in ihren Knicksen bauscht, und mit einem Gürtel aus einer
-kolibrifarbenen Schleife.
-
- * * * * *
-
-In diesem Schlosse nun habe ich in den letzten Tagen langsam und voll
-Zärtlichkeit das Album durchgeblättert, darein das Fräulein Sophie F.
-von B. seine Herzensdinge geschrieben hat, und ein unsagbares Heimweh
-nach der Vergangenheit überkam mich.
-
-Während sie in Paris lebte, das muß um 1840 gewesen sein, nahm sie
-Botanikunterricht im Jardin des Plantes. O, von wie viel Liebreiz
-umgeben sie mir jetzt erscheint! Wer weiß, wie schönheitsentflammt die
-Seele dieses jungen Provinzmädchens war, das hier nun die strahlenden
-Farben und den Duftatem irgendwelcher neuer Blütendolden, die vielleicht
-Laurent de Jussien eben erst von wilden Inseln gebracht hatte, genoß!
-Ich glaube dieses Mädchen der alten Zeit vor mir zu sehen, wie es sich
-in einer Allee des Botanischen Gartens auf die Spitze seiner
-fliederfarbigen Schuhe erhebt, um das Innere einer zottigen Blumenglocke
-zu erforschen.
-
-Diesem Album, in das sie sorgsam wunderbare Sträußchen gezeichnet und
-gemalt hat, hat sie ihr Herz anvertraut. Ich nenne ihre Malereien
-wunderbar, aber ich will damit gewiß nicht sagen, daß sie etwa das Genie
-besessen habe, in der Wiedergabe der Blumenkronen auch das Geheimnis der
-Säfte mitzugestalten; ich will vielmehr damit ausdrücken, daß diese
-Rokokomalereien, fern von jeder künstlerischen Absicht, die Spuren einer
-hohen und reinen Seele tragen, und daß kein noch so berühmtes Kunstwerk
-mich mehr ergreifen wird als sie.
-
- * * * * *
-
-Man müßte sich einzeln jeden der Tage wieder emporrufen, in deren Kelch
-diese zarte und zage Seele ein wenig von ihrer Ewigkeit geträufelt hat.
-Was man auch von ihrem Verlobten redet und geredet haben mag, ich
-glaube, daß sie nur aus Opferwilligkeit für ihre früher erwähnte
-Schwester von ihm nichts wissen wollte. Das hat sie den glühenden
-Blumen, die sie malte, gebeichtet. Das sagen die schwellenden Rosen, die
-emportaumeln wollen aus ihren Kelchen wie die Herzen der erwachenden
-Mädchen in den Verzückungen der Maiabende. Von ihren Rosen hat eine
-besonders und schmerzlich zu mir gesprochen. Die hat sie sicherlich an
-einem leuchtenden Morgen gemalt, da sie Gott um Gnade gebeten hatte.
-Kein Wort vermöchte die leidenschaftliche Reinheit dieser Blumenblätter
-wiederzugeben, aus denen langsam eine Tauträne rollt. O, wie habe ich
-diese Träne verstanden!
-
- * * * * *
-
-Du junges Mädchen des hingegangenen Jahrhunderts, hättest du, als dir in
-deinem immer schattigen Salon diese Träne niederfiel, gedacht, daß eines
-Tages ich ihrer voll Verehrung gedenken würde? Ich habe sie aufgefangen,
-und nichts mehr wird ihr köstliches Wasser trüben. Dieser Edelstein voll
-des Glanzes aus deinem Herzen -- O mögest du in Frieden ruhen an der
-Brust des Herrn! -- ist von würdigen und andächtigen Händen in dem
-chinesischen Schränkchen des großen Salons aufbewahrt worden, und nur
-zuweilen komme ich und bitte die Freunde, die ihn verwahren, ihn mir zu
-zeigen. O du, vielleicht hast du an demselben Weh gelitten, davon auch
-ich ergriffen bin, an der sinnlosen und schweigenden Leidenschaft, die
-einzig deine Zeitgenossen in ihrer müden Anmut und scheuen Reinheit
-verstehen konnten!
-
- * * * * *
-
-Was wissen wir, wie viele Kalvarienberge es gibt, und wie oft schon der
-Kreuzweg beschritten worden ist! Wenn uns unter Fingerhüten, Scheeren,
-Stückchen von Stickerei und Seidenfleckchen, zwischen kleinen Spiegeln,
-Haarlocken und Kinderzähnen, unter künstlichen Blumen, Fläschchen und
-längst aus der Mode gekommenen Schmucksachen eine alte »Nachfolge
-Christi« in die Hände kommt, erscheint es uns, als ob der Duft des
-Abgeschlossenen, der an den Seiten haftet, nur eine unendliche Sanftheit
-in sich trüge. Und doch, wie mögen Hände, die jung waren, und die es
-nicht mehr waren, vor Warten und vor Weh gezittert haben, während sie
-dieses Buch hielten!
-
-In der Morgenröte ihres Geschickes mag das junge Mädchen diese Seiten
-wohl noch in der geheimen Hoffnung aufgeschlagen haben, daß an den
-Bitternissen doch nicht alle Menschen teilhaben müßten, und daß
-vielleicht gerade ihr das Schicksal sie ersparen werde. Nur in einem
-entzückenden Gefühle von Pietät streckte sie damals im Erwachen die
-schon kräftigen Arme nach der »Nachfolge« aus. Erst später, in der Mitte
-ihres Lebens kam sie wieder zu diesem Buche zurück. Die früchteschweren
-Apfelbäume waren nicht mehr fröhlich wie ehedem ... eine Freudigkeit
-(ich weiß nicht, was für eine) hatte sie verlassen. Und jenen bunten
-Schmetterling, der sich vor ihr im heißen Glanze der Tage in den großen
-Ferien gewiegt hat, den hat sie später nie mehr über den Wiesen
-erblickt.
-
-Das Alter kam. Und siehe, nun in der Neige ihres Seins hörte sie kaum
-mehr auf, in dem Buche zu lesen. Es war sieben Uhr abends, draußen
-schneite es. Die Lampe, die aufzuckend der Stille den Takt schlug,
-erleuchtete den großen Spiegel, in dem sich das alte Fräulein als das
-getrübte Bildnis der menschlichen Wandlungen erblickte. Nun sah sie
-nichts mehr von dem honiggoldenen Haar, das sie sich einst spielend um
-die zarte Faust gewunden hatte ... Ihre Scheitel waren weiß und streng
-wie die Binden, in die man die Toten hüllt. Und ihre Wangen, auf deren
-Erblühen einst viel helles Lächeln wie Apriltage über die Gärten
-gestrahlt hatte, waren voll der tiefen Furchen, die allgemach der
-bittere Niederfall der Tränen eingräbt.
-
- * * * * *
-
-Möge Gottes Frieden sich auf diese Leben der alten Zeit herniedersenken!
-O, sie haben für mich immer noch die Jugend der Rose, auf der ein
-Tropfen in solcher Reinheit schimmert, daß man zweifelt, ob er ein
-Tautropfen oder die Träne eines Kindes, das sein erstes Weh verstört
-hat, sei. Man tut gut daran, die Toten zu verehren und täglich ihrer zu
-gedenken! Kein Regenguß rauscht nieder auf die Kronen des Waldes, kein
-Regenbogen wölbt sich über das wolkendüstere Dorf, keiner Hirtenflöte
-Klang geht im Herbstwinde verloren, ohne mir Gegenstand für meine
-Betrachtungen zu werden. Hier, so denke ich, in dieser kleinen Höhle mit
-ihrem Teppiche aus Farnkraut und Veilchen, mögen sie zuweilen Zuflucht
-vor den Regenschauern gesucht haben. Hier muß es auch gewesen sein, wo
-der letzte Guß des Gewitters die Schleife mit den Irismustern
-davongetragen hat. Und hier, so sage ich mir weiter, in diesem
-entlegensten Winkel des Parkes, mag das Mädchen vielleicht von ihm
-geträumt haben, der ihr dort in der Grotte als der Bezauberndste
-erschienen war. Und wenn sie dann ihre Schwermut fragte, hat ihr nur die
-Glocke eines verirrten Lammes geantwortet.
-
- * * * * *
-
-O wie wird jede Kleinigkeit zu einer Welt, wenn man in ihr nicht nur ein
-poetisches Spiel sucht, sondern die Spuren Gottes in den geringsten
-Geschehnissen des Alltags. Dächte nicht ein jeder, es sei keine Sache
-von Bedeutung, um welche Stunde und an welchem Tage ein Kind im Walde
-Erdbeeren pflückt? Und ist es nicht doch voll Bedeutung, daß an einem
-Morgen, von dem ich nichts weiß, ein Mädchen in vergangener Zeit
-unwissentlich einen Tropfen Tau auf einer Rose schimmern ließ und so den
-Anlaß gab zu dieser meiner Träumerei, die nun zu Ende geht?
-
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-
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- BETRACHTUNG ÜBER ASTROLOGIE
-
-
-Was kann das sein, das mich so bedrückt? Aus welcher Ferne kommt das
-Schwere, das sich auf mein Herz legt und es bitter macht, wie die Frucht
-war, die ich eines Morgens im Sande der Sahara gefunden habe?
-
-Der Rosenkäfer ist der Rose untertan, die Rose dem Mädchen, das Mädchen
-der Liebe und die Liebe wiederum den großen Kreisen der Kräfte, das das
-Auf und Nieder meines Atmens in Einklang mit dem Meere bringt.
-
-Dem Monde ist die Macht gegeben, über die großen Wasser zu herrschen und
-sie stöhnen oder singen zu machen; welches Gestirn aber in der Tiefe der
-himmlischen Abgründe vermag es, gerade meine Gedanken stöhnen oder
-singen zu machen?
-
-Sicher ist eins: wenn meine Seele in ihrer Verstörtheit übereinstimmt
-mit einem Sterne, den ich gar nicht kenne, dann muß dieser Stern seit
-Jahren den schrecklichsten Ausbrüchen, Erschütterungen und Erdbeben
-preisgegeben sein.
-
-Es macht mir Freude, mir auszumalen, daß das ganze Wesen eines Menschen
-dem Charakter des Planeten entspräche, dessen tyrannischem Geheiße er
-untertan ist: dann untersteht Edgar Poe sicherlich irgendeiner Welt, die
-an den äußersten Grenzen eines düsteren und schneereichen Himmels
-kreist, und auf der die grünen Tale voll blühender Lilien, Hyazinthen
-und Anemonen nur in den Fernen jenseits wattiger Nebelbänke erscheinen.
-Und Lamartine muß einem Gestirne gehorcht haben, das kein Ozean
-ausgehöhlt hat, darauf es nur einen himmlischen See gibt, über den die
-sanfte Brise mit Erzengelfingern hinstreicht und an die zitternden
-lyrageschwungenen Flügel der Schwäne rührt.
-
-Der Stern, mit dem dieses junge Mädchen verwandt ist, lacht und weint in
-tausend Wasserfällen. Murmelt das Wasser dieser Wasserfälle gerade jetzt
-mehr als sonst? Denn das Mädchen hört nicht auf zu plappern, solange die
-Schneeschmelze da oben die Wildbäche des Sterns so überreichlich füllt.
-Säumt der Schaum der Wildbäche den Azur, unter dem er schauert, jetzt
-mit köstlicheren Spitzen? Das Mädchen zieht ein Kleid von zartem Blau
-an, das es mit quellenden Spitzen, die durchsichtiger sind als die
-Wasser der Felsen oder böhmische Gläser, ziert. Sind die Quellen jetzt,
-austrocknend in der glühenden Sonne, verstummt? Das Mädchen wird
-schweigsam. Und wenn da oben die Wasser zu schluchzen beginnen,
-entströmen dem Mädchen die Tränen, die man hier auf Erden sinnlose
-Tränen nennt. Das Mädchen errötet plötzlich: das kommt daher, daß auf
-seinem Sterne eine Pfingstrose aufblüht. Es erbleicht -- denn dort oben
-ist eine Lilie aufgegangen.
-
-Sind die Bezeichnungen: ein Mensch hat einen finsteren oder klaren oder
-verbitterten Charakter nicht dem Horoskope dessen, auf den man sie
-anwendet, entnommen? Was wohl die Astrologen damit ausdrücken wollten,
-daß sie die alte Selenographie mit solchen dichterischen Bezeichnungen
-schmückten, wie da sind: das Meer der Krisen, das Meer der Feuchtigkeit,
-das Meer der Tränen, der Golf der Verzweiflung? Ich vermute, daß sie
-jene menschlichen Veränderungen, die sie dann mit Recht die lunatischen
-nannten, von den Umwälzungen auf unserem Satelliten ableiteten. Das Meer
-der Krisen beginnt unruhig zu werden -- und alle Gichtkranken,
-Asthmatiker, Hypochonder und Narren werden von ihren Übeln befallen. Ein
-Zyklon wirbelte über das Meer der Feuchtigkeit dahin -- und die
-Wassersüchtigen fühlen ihre Anschwellungen wachsen. Der Sturm wütete
-über dem Meere der Tränen -- und alle kleinen Kinder weinen. Wenn aber
-der Golf der Verzweiflung sich verdüsterte, geschieht dem Herzen eines
-jeden Menschen ein Gleiches.
-
-Nach dieser Betrachtung des Einflusses der Gestirne auf die Menschen
-wollen wir erforschen, wie eine solche Einwirkung auch auf die Pflanzen
-möglich wäre. Wir stellen also die Hypothese auf (die wir untersuchen
-wollen,) daß Mensch und Pflanze der gleichen Ausstrahlung untertan sind,
-und schließen, daß es eine schicksalhafte Sympathie zwischen ihnen geben
-müsse.
-
-Die Theorie des Professors Philipp van Tieghem ist bekannt: sie
-ermächtigt uns, zu denken, daß der Pflanzenwuchs der Erde von Samen
-abstammt, die von Meteoriten auf sie herabgebracht worden sind. (Beim
-Lesen einer bestimmten Stelle dieses Forschers kam mir einmal nachts der
-belustigende Einfall, meine Hände gegen den Mond zu strecken, um den
-Flug bestimmter Arten von Mohn aufzuhalten, deren hinfällige Blüten
-freilich in der Berührung mit meinen Fingern hätten zerstieben müssen.)
-
-Mit dieser Hypothese wollen wir nun die Darwinsche verbinden, nach der
-wir Pflanzen waren, ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich
-freilich für jeden das Recht, zu fragen, was für eine Feuerkugel ihn
-denn auf die Erde gebracht, und was für eine Konstellation diese
-sonderbare Saat bewirkt habe.
-
-Nun gibt es aber zweifellos Menschen, deren ganzes Leben im Gegensatze
-steht zu dem aller anderen Menschen -- was demnach auf eine
-Sternenherkunft von besonderer Art schließen lassen müßte --, genau so,
-wie gewisse Pflanzen in ihrem Verhalten dem sämtlicher anderer Pflanzen
-widersprechen.
-
-Von jener Regel zum Beispiel, die den Stengeln der Schlingpflanzen zu
-gebieten scheint, der Drehung der Erde folgend von links nach rechts zu
-ranken, sind Hopfen, Geißblatt, Stickwurz, Schildkrötenkraut sowie das
-knotige und das Kletter-Polygonum ausgenommen, die alle, Newton und
-Laplace mißachtend, sich von rechts nach links winden. Rührt das daher,
-daß diese Pflanzen von Gestirnen stammen, die sich in entgegengesetztem
-Sinne drehen wie die Erde?
-
-Übrigens, wenn Rose und Iris, Orchydee und Seerose, solcherart auf
-unsere Erdkugel gelangt, von den unbekannten Gesetzen ihrer vorherigen
-Heimat geleitet werden -- sei die nun Mars oder Venus oder ein ganz
-anderer Planet --, ist es reizvoll, sich vorzustellen, daß die Blüte der
-Wunderblume nicht eher sich schließen und einschlafen mag, bevor sich
-nicht der Abend auf ihren Heimatstern gesenkt hat, das heißt ehe es
-nicht Tag geworden ist auf der Erde.
-
-Das früher Gesagte vorausgesetzt, wäre es unterhaltend, die Blume oder
-den Baum zu kennen, die jeder einzelne bevorzugt, und zu beobachten, ob
-die Menschen, die Sympathie für die gleiche Blume haben, nicht denselben
-Sterneneinflüssen unterworfen sind wie diese Blumen. Was mich anlangt,
-so liebe ich die Pflanzen zu sehr, um mich für die eine oder die andere
-zu entscheiden -- denn das schiene mir eine Untreue gegen alle übrigen
-zu sein. Aber einen Strauch und eine Blume kann ich doch angeben, deren
-Anblick mich in eine unerklärliche Erregung versetzt: die lagerstroemia
-Indica und die amaryllis belladonna. Die lagerstroemia blüht gegen Ende
-des Sommers. Ich habe sie einmal in einem Prosagedichte »Flieder einer
-anderen Welt« getauft. Sie ist ein Strauch ohne Rinde. Ihr glatter Stamm
-breitet nur im Schlafe die Zweige aus, was ihr das unglückliche Aussehen
-eines Besens oder einer riesenhaften Rose von Jericho verleiht. Aber
-ihre Blüten! Unter den azurnen August- und Septemberhimmeln heben sie
-sich aus ihrem Laube, das fremdartig grün ist und sehr ähnlich dem des
-Granat- und des Spindelbaumes, und bilden Szepter von einem unsagbaren
-Rosa, das nie der Erde angehört hat, einem Rosa voll schwermutschönen
-Heimwehs nach einem verlorenen Paradiese. Warum liebe ich diesen Baum
-mit solcher Liebe? Es gibt eine lagerstroemia, die ich Jahr für Jahr
-besuche, und die in jedes neue Blühen meine Trauer oder meine Freude
-mitempfängt. Sie schmückt mit ihren geheimnisvollen Korallen einen
-Garten im nördlichen Spanien. Auf meine Bitte hat man mir erlaubt, durch
-eine kleine Tür ihr sorglich verschlossenes Reich zu betreten. Und ich
-bin, einer sonderbaren Unruhe verfallen, durch die Alleen geirrt, die
-ihre glorreiche Majestät zu verdunkeln schien.
-
-Die amaryllis belladonna ist vom Kap der guten Hoffnung zu uns gebracht
-worden. Inmitten eines Büschels schwertförmiger Blätter, die sich weich
-nach außen biegen, strebt ihre rosige Lilie empor. Aber ihr Rosa hat
-nichts von dem außerirdischen der lagerstroemia, es ist samtig wie
-Aprikosen, es gleicht dem der Wassermelone, der Meerfrüchte oder des
-Lachses. Ein paar von diesen Pflanzen sind meine Freunde: die stehen
-nicht in dem spanischen Garten, von dem ich früher gesprochen habe,
-sondern in einem alten kleinen Garten in Frankreich. Er wölbt sich wie
-ein Dach über die Landstraße, auf der dereinst die Postkutschen, in
-denen die Mädchen der alten Zeiten mit wehenden Hüten durch den Glanz
-der untergehenden Sonne gegen Paris fuhren, hinholperten ....
-
-Ich empfinde eine trübe und schmerzliche Freude, wenn meine Blicke über
-diese rosigen Kelche hingehen. Wer wird mir die sonderbaren Gefühle, die
-mir diese beiden Pflanzen einflößen, erklären? Ihr Anblick verwirrt
-meinen Verstand und läßt im Spiegel meiner Seele das Bild eines ganz
-traurigen Traumes erstehen: auf einem Sterne erwartet mich widerwillig
-und sehnlich zugleich ein dunkelhaariges Mädchen in einem amaryllisrosa
-Kleide. Sie sitzt unter einer lagerstroemia an einem Grabhügel, über dem
-in unbekannten Zeichen ein Name, vielleicht der meine, geschrieben
-steht.
-
-Meine Freundin, eines Abends wirst du mich aus der Tiefe des Tales
-kommen sehen, und ich werde dir deine Lieblingsblumen bringen. Es wird
-schon spät sein. Mit meiner grünen Trommel auf dem Rücken werde ich den
-ganzen Tag ohne Rast auf der Suche gewesen sein, das Herz voll Tränen,
-und werde unter den Blicken Gottes mit meinem kleinen Spaten in allen
-Einsamkeiten die Erde durchwühlt haben. Werde ich aber die Pflanze, die
-unser beider Geschicke einen muß, wirklich gewünscht haben? Schon ahne
-ich, wie ein Edelsteinsucher, den ein geheimnisvoller Sinn leitet, deine
-liebste Blume voraus. Sie wächst nicht im Schnee, nicht auf den
-Gletschern noch unter den Lärchen der Alpen, nicht am Rande der
-Kressebeete noch auch in der lügnerischen Sahara, deren Spiegelungen
-meinen Fieberdurst heimgesucht haben. Sie erblüht in meiner Seele.
-
-
-
-
- NOTIZEN
-
-
- I.
-
-Ich habe mir oft den Himmel ausgemalt. In der Kindheit war er mir die
-Hütte, die sich ein alter Mann in unserer Gegend hatte auf der Höhe
-eines steilen Bergweges errichten lassen, und die »das Paradies« genannt
-wurde. Mein Vater pflegte um die Stunde, in der das schwarze Heidekraut
-der Hügel golden wird wie eine Kirche, mit mir dahin zu gehen. Am Ende
-jedes dieser Spaziergänge wartete ich darauf, Gott in der Sonne, die
-oben am Kamme des steinigen Steiges einzuschlafen schien, sitzen zu
-sehen. Habe ich mich getäuscht?
-
-Weniger leicht kommt es mir an, mir das katholische Paradies mit seinen
-azurnen Harfen und dem rosigen Schnee der himmlischen Heerscharen in den
-reinen Regenbogen vorzustellen. So halte ich mich doch immer noch an
-mein erstes Gesicht. Aber seitdem ich die Liebe kennen gelernt habe,
-habe ich zu dem himmlischen Bereiche vor der Hütte des alten Mannes noch
-eine sonnenwarme Bergwiese, auf der ein junges Mädchen Blumen pflückt,
-dazugetan.
-
-
- II.
-
-Ich habe die Seele eines Fauns und zugleich die eines ganz jungen
-Mädchens. Wenn ich eine Frau betrachte, empfinde ich eine völlig andere
-Art von Erregung als beim Anblicke eines Mädchens. Wenn man sich mit
-Hilfe von Blumen und Früchten verständlich machen könnte, würde ich
-einer Frau glühende Pfirsiche, die rosigen Glocken der Tollkirsche und
-schwere Rosen reichen, dem Mädchen aber Kirschen, Himbeeren,
-Quittenblüten, Heckenrosen und Gaisblatt.
-
-Es gibt kaum ein Gefühl, das ich erlebe, ohne daß es vom Bilde einer
-Blume oder Frucht begleitet wäre. Wenn ich an Martha denke, sehe ich
-Gentianen vor mir, Lucie ist mir mit den weißen japanischen Anemonen
-verbunden, Marie mit Maiglöckchen und eine andere wieder mit einer
-Zedratfrucht, die aber ganz durchsichtig ist.
-
-Zum ersten Rendezvous, das ich mit einer Freundin hatte, habe ich
-Schwertlilien mit aprikosenrosa Halse mitgebracht. Wir stellten sie über
-Nacht ins Fenster, und dort vergaß ich sie, um mich nur meiner Freundin
-zu erinnern. Heute wollte ich gerne der Freundin vergessen und nur mehr
-der Schwertlilien gedenken.
-
-All meine Erinnerungen gehören also sozusagen der Pflanzenwelt an.
-Bäume, Blüten und Früchte sind meine Merkzeichen für Menschen und
-Gefühle.
-
-Die Pflanzen, aber auch die Tiere und die Steine haben meine Kindheit
-mit geheimnisvoller Lieblichkeit erfüllt.
-
-Als ich vier Jahre alt war, stand ich und betrachtete die Haufen
-zerschlagener Bergkiesel am Straßenrande. Wenn man diese Steine in der
-Dämmerung gegeneinanderschlug, gaben sie Feuer -- rieb man sie
-aneinander, dann rochen sie verbrannt. Die geäderten hob ich auf: sie
-waren schwer, als ob sie Wasser in sich verborgen hielten. Der Glimmer
-im Granit bezauberte meine Neugier so sehr, daß nun nichts anderes mehr
-sie stillen konnte. Ich fühlte, daß da etwas war, das niemand mir zu
-erzählen vermochte: das Leben der Steine.
-
-Um dieselbe Zeit war man einmal böse mit mir, weil ich die künstlichen
-Käfer von einem Hute meiner Mutter weggenommen hatte. Das war meine
-Leidenschaft: Tiere aufzuheben, und ich war so voll Freundschaft zu
-ihnen, daß ich weinte, wenn ich sie unglücklich glaubte. Noch heute
-erlebe ich die namenlose Angst wieder, wenn ich daran denke, wie die
-kleinen Nachtigallen, die mir jemand geschenkt hatte, in unserem
-Speisezimmer zugrunde gingen. In dieser Zeit mußte man mir, damit ich
-einschlafe, das Glas mit meinem Laubfrosche in meine Nähe stellen. Ich
-fühlte, daß er mein treuer Freund war und mich auch gegen Diebe
-verteidigt hätte. Als ich das erstemal einen Hirschkäfer sah, war ich
-von der Schönheit seiner Geweihzangen so ergriffen, daß die Begierde,
-einen zu besitzen, mich krank machte.
-
-Meine Leidenschaft für die Pflanzen zeigte sich später, als ich gegen
-neun Jahre alt war. Die rechte Einsicht in ihr Leben aber fing erst an,
-als ich ins fünfzehnte Jahr ging -- ich erinnere mich noch, unter
-welchen Umständen. An einem Donnerstage, einem lähmend heißen
-Sommernachmittage, ging ich mit meiner Mutter durch den botanischen
-Garten einer großen Stadt. Weißblendende Sonne, dicke blaue Schatten und
-schwere zähe Gerüche machten aus diesem fast verlassenen Orte das Reich,
-dessen Pforte ich nun endlich überschritt. Im lauen goldkäferfarbigen
-Wasser der Bassins gediehen kümmerlich allerlei Pflanzen, lederige graue
-und hohe weiche, durchsichtige. Aber aus der Mitte dieser armen
-traurigen Wassergewächse erhoben sich in den großen Azur grüne
-Lanzenschäfte und hielten die Anmut ihrer weißen und rosigen Dolden in
-den lodernden Tag: die Wasserlilien über ihren Blättern, in
-vertrauensvollen Schlaf versunken. Mit den Wasserpflanzen hielten die
-Pflanzen der Erde stumme Zwiesprache. Ich erinnere mich einer Allee, in
-der Studenten, ein Sacktuch im Nacken, unter der Schönheit der Blätter
-begraben lagen. Das war die Allee der Ombelliferen. Fenchel und
-Steckenkraut drehten ihre Kronen über die Stengel, deren Blattscheiden
-platzten, empor. Schweigend unterredeten sich die Düfte miteinander,
-stumme Verständigung wob fühlbar von Pflanze zu Pflanze, und über dem
-vereinsamten Reiche schwebte Entsagung.
-
-Seit damals verstehe ich die Pflanzen: ich weiß, daß ihre Familien sich
-miteinander verschwägern, und daß sie alle von Natur aus einander
-lieben. Aber ich weiß auch, daß diese Verwandtschaften nicht da sind, um
-den Klassifikationen zur Unterstützung unseres trägen Gedächtnisses zu
-dienen.
-
-Die Pflanzen sind lebendige, tätige Geometrie, die irgendwelchen
-Auflösungen zustrebt -- wie die sein werden, weiß ich nicht. Da läßt
-sich nun ein reizvolles Geheimnis beobachten: die Arten, die in
-denselben geologischen Epochen vorkamen, haben einander ihre Sympathien
-geschenkt und bleiben auch heute noch im Wechsel der Jahreszeiten
-einander nahe. Wie vermöchte sonst das Wesen der frierenden schneeigen
-Winterliliaceen mit dem der purpurnen Herbstnachtschatten so
-zusammenzustimmen?
-
-Es gibt noch andere Pflanzengemeinschaften, die nicht so sehr durch
-Menschenbemühungen als dadurch zustandekommen, daß gewisse Arten andere
-als Freunde bei sich haben mögen und sich nach ihnen sehnen. Wie schön
-sind die Bauerngärten, in denen die strahlende Lilie -- gleich den
-Göttern, die die Niedrigen besuchen -- zwischen Kohlköpfen, Knoblauch
-und Zwiebeln (die in den Töpfen der Armen kochen werden) wächst! O, wie
-liebe ich diese ländlichen Küchengärten, wenn mittags der traurige blaue
-Schatten der Gemüse auf den Vierecken körniger weißer Erde einschläft,
-der Hahnenruf das Schweigen noch tiefer macht und das geduckte Huhn
-unter dem schrägen gewundenen Fluge des Habichts aufgluckst! Da wachsen
-die Blumen der schlichten Liebenden, die Blumen der jungen Frauen, die
-den blauen Lavendel trocknen und zwischen ihr grobes Leinen legen. Da
-wächst auch der treue Buchsbaum, an dem jedes Blättchen ein Spiegel von
-Azur ist, und die Stockrose, an der die sanfte reine Flamme der Blüten
-sich in Schwermut verzehrt: fromme Blumen, dem Schweigen und der
-Entsagung geweiht.
-
-Ich liebe auch die Wiesenblumen: die Königin der Fluren, schaukelnd in
-leichten Winden und vom Glucksen des Baches in den Schlaf gewiegt. Ihre
-duftende Krone schmückt sich mit Wasserkäfern schimmernder als der Hals
-der Kolibris. Sie ist die Geliebte der Halden, die Braut der grasigen
-Lichtungen.
-
-Tief in den verlorenen alten Parks aber gibt es die geheimnisvollen
-Pflanzen: da gedeihen die _alten_ Blumen, der Erdflieder, die amaryllis
-belladonna und die Kaiserkrone. Anderswo müßten sie sterben, hier aber
-beharren sie, behütet von den Vorbildern der jahrhundertealten
-einzigartigen Bäume mit den verschollenen Namen. Diese vornehmen,
-verwöhnten und gezierten Blumen erheben ihre schwanken Köpfe nur, wenn
-der Wind durch die Amberbäume und Ahorne streicht und aufseufzt wie
-einst Chateaubriand.
-
-
- III.
-
-Die Traurigkeit der kleinen Stadt tut mir wohl: die Gassen mit ihren
-finsteren Laden, die abgetretenen Türschwellen, die Gärten, die in der
-schönen Zeit des Jahres über einem Grunde von blauem Brodem schwimmen,
-über dem Gewirre von Stockrosen, Glyzinien und Weinreben -- und dann
-jene anderen Gärtchen, räudig wie Esel, mit schwärigen Buchsbaumhecken,
-darauf Lumpen zum Trocknen liegen, und das Rinnsal der Gerber, das den
-dünnen Perlmutterglanz des Himmels mitschleppt und zwischen seinen
-Schlammpflanzen hart die Dächer widerspiegelt, o -- und der Wildbach,
-der die Felsen höhlt, sich windet und eilig dahinblinkt! Der kleine
-Stadtplatz ist hübsch, ob die Zikaden in den sommerlichen Buchen
-schrein, ob der Herbstwind auf ihm scharrt oder die Regen ihn
-zerkritzeln. Es gibt auch einen kleinen Stadtpark da, von dem Bernhardin
-de Saint Pierre entzückt gewesen wäre: unter seinen Kastanienbäumen sind
-die Mainächte tief, blau und sanft.
-
-Ich komme seit Jahren in diese Stadt, die einst mein Großvater und mein
-Großoheim verlassen haben, um die überblühten Antillen zu suchen. Dann
-haben sie das Brausen des Meeres gehört, musselinene Kleider glitten
-unter ihren Veranden dahin -- und als sie starben, waren sie vielleicht
-voll Sehnsucht nach diesen Gassen mit ihren Laden, den Gärten hier, den
-Rinnsalen und diesem Wildbache.
-
-Wenn ich dann meinen kleinen Meierhof aufsuche, denke ich daran, daß sie
-einst hier gewesen sind. O, ihre Ausflüge! Das Frühstück trugen sie in
-einem Körbchen mit und einer hatte eine Gitarre umgehängt. Leichten
-Ganges folgten ihnen die jungen Mädchen; zwischen taufeuchten Hecken
-summte eine Romanze auf und erschreckte die Vögel mit einer
-unaussprechlichen Liebe. Die Maulbeeren waren noch grün. Man marschierte
-im Takte. Der Schrei eines Mädchens zitterte durch die Luft, an einer
-Wegecke wurde ein großer Hut geschwungen, und ein kühles Lachen flog
-zwischen den regenversehrten Heckenrosen empor.
-
-Diese Gitarre habe ich im Hofe meiner hugenottischen Großtanten an einem
-Sommerabende gehört, als ich vier Jahre alt war. Der Hof schlief in
-weißer Dämmerung, und von den Dächern sank eine unbekannte Zärtlichkeit
-auf die Rosenstöcke und das helle Pflaster. Meine Verwandten saßen auf
-einem Balken, waren froh und lachten darüber, daß ich so ein kleines
-Kind war und eine weiße Schürze anhatte. Dann sang mein Großonkel ein
-Lied aus der Hauptstadt. Ich seh ihn noch mit vorgestrecktem Kopfe
-stehen. Die Luft zitterte sacht. Am Ende einer Koloratur machte er eine
-komische nette Verbeugung.
-
-Ich segne dich, kleine Stadt, in der kein Mensch mich versteht, wo ich
-meinen Stolz, mein Weh und meine Freude in mir verberge und ich keine
-andere Zerstreuung habe, als meine alte Hündin kläffen zu hören oder
-arme Gesichter anzuschauen. Aber dann steige ich die Hügel empor, wo der
-dornige Stechginster wächst -- und dort erlebe ich in der Betrachtung
-meiner Kümmernisse das sanfte Glück, das Verzichten heißt. Jetzt quält
-mich nicht mehr das rohe und verächtliche Lachen der Leute noch auch das
-Zweifeln an allem. Das Lachen derer, die mich verachten, ist verstummt
--- und ich werde gleichgültig gegen alles, was ich bin. Aber ich bin
-indessen ernst geworden gegen mich selber und die andern. Mit
-furchtsamer Freude sehe ich nun die Sorglosigkeit der Glücklichen. Ich
-habe verstehen gelernt, wieviel Leiden aus der Liebe wachsen kann und
-wie tiefe Blindheit aus einem Blicke. Und um dieser meiner Leiden willen
-möchte ich eine traurige zarte Liebkosung denen schenken, die noch
-nichts anderes wissen als das Glück.
-
-
- IV.
-
-Im Garten tut mir der Duft des Flieders plötzlich weh, denn ich bin
-todtraurig.
-
-Flieder, seit der Kindheit bist du mir teuer. Damals habe ich
-deine Blütensträuße angeschaut, die schönen Bilder, auf eine
-Spielzeugschachtel gemalt. In dem vertrauten Obstgarten meiner
-Jugendzeit blühtest du auch. O, in diesem Garten gab es Igel! Sie
-glitten die alten Balken entlang -- wie unschuldig und sanft sind die
-Igel trotz ihrer Stacheln. Ich erinnere mich noch meiner Erregung, als
-ich an einem Winterabende einen auf der Schwelle unserer Küche fand. Der
-Schnee hatte ihn vertrieben und nun steckte er seinen kleinen Rüssel in
-die Abfälle, die da liegengeblieben waren.
-
-
- V.
-
-Ich liebe die Wesen der Nacht, die Käuzchen mit hauchendem Fluge, die
-Fledermäuse, die Dachse -- alle ängstlichen Tiere, die durch die Luft
-und das Gras gleiten, und die wir so wenig kennen. Was für Feste mögen
-sie wohl unter den Pflanzen, ihren Schwestern, feiern?
-
-In der Stunde, da der Mensch ruht, springen die Kaninchen silberig von
-Tau über die Minze der Gräben hin und halten ihre geheimen Versammlungen
-ab; die Frösche quaken und platschen in den Pfützen, aus den
-Glühwürmchen sickert der weiche gelbe, feuchte Schimmer, der Maulwurf
-bohrt sich unter den Wiesen hin, die Nachtigall schluchzt auf wie ein
-Springbrunnen, und die Schleiereule läßt ihr trauriges Lachen hören, als
-ob sie sich in ihrer Furchtsamkeit zu der Freude Gottes gesellen wollte.
-
-Wie oft habe ich mir gewünscht, ein solches Wesen der Nacht zu sein! Ein
-schauerndes Kaninchen unter der Weißdornhecke oder ein Dachs, von den
-saftigen grünen Blättern gestreichelt. So hätte ich keine anderen Sorgen
-gekannt als die um meine leibliche Verteidigung -- und ich hätte nicht
-lieben müssen und nicht hoffen.
-
- ENDE
-
-
-
-
- INHALT
-
-
- Seite
- Das Paradies 3
- Das Paradies der Tiere 6
- Die Güte des lieben Gottes 8
- Der Weg des Lebens 11
- Die kleine Negerin 15
- Ronsard 17
- Robinson Crusoe 19
- Das Grabmal des Dichters 21
- Von der Barmherzigkeit gegen die Tiere 24
- Betrachtung über die Dinge 27
- Lob der Steine 40
- Betrachtung über eine Schnepfe 43
- Betrachtungen über ein Speisezimmer 49
- Betrachtungen über einen Tautropfen 53
- Betrachtung über Astrologie 60
- Notizen 68
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 38]:
- ... Hammer Anwort. Der Hammer, den der Meister ...
- ... Hammer Antwort. Der Hammer, den der Meister ...
-
- [S. 38]:
- ... vom Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ...
- ... von Herzen schwang, war das Herz des Amboß. ...
-
- [S. 64]:
- ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt ...
- ... ehe wir Menschen geworden sind. Daraus ergibt sich ...
-
- [S. 65]:
- ... blüht gegen Ende des Sommer. Ich habe ...
- ... blüht gegen Ende des Sommers. Ich habe ...
-
- [S. 75]:
- ... die Luft, an eine Wegecke wurde ein großer Hut ...
- ... die Luft, an einer Wegecke wurde ein großer Hut ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Paradies, by Francis Jammes
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PARADIES ***
-
-***** This file should be named 51871-8.txt or 51871-8.zip *****
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-
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-
-
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-
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-works. See paragraph 1.E below.
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- distribution of Project Gutenberg-tm works.
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-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
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-1.F.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-particular state visit http://pglaf.org
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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