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-The Project Gutenberg EBook of Erwachen und Bestimmung, by Carl Maria Weber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Erwachen und Bestimmung
- Eine Station
-
-Author: Carl Maria Weber
-
-Release Date: May 29, 2016 [EBook #52182]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERWACHEN UND BESTIMMUNG ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- CARL MARIA WEBER
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- ERWACHEN
- UND BESTIMMUNG
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- EINE STATION
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- GEDICHTE
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- KURT WOLFF VERLAG / LEIPZIG
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- BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 66
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- GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER, WEIMAR
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- Necessita 'l c'induce e non diletto
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- (_Dante_)
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- Die Gedichte »Erwachen und Bestimmung« sind ein
- Halte- und Höhepunkt des gesammelten
- lyrischen Buches »_Der Kreuzweg_
- Stationen eines Anstiegs zum Menschen«, das
- in seiner Gesamtheit einer späteren
- Veröffentlichung vorbehalten sein wird.
- Die Stücke dieses Zyklus sind -- bis auf
- eine Ausnahme -- ab 1916 entstanden. Ich widme sie
- dem Gedenken meiner toten Freunde E. C., K. St., J.
- Z., A. D.
-
- Sommer 1918
-
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-
- Auferstehung, Himmelfahrt
-
-
- Aus lohenden Ekstasen
- Sprang ich zurück zu mir,
- Nun bin ich ausgeblasen --
- Verklimpertes Klavier.
-
- Im Echo meiner Töne
- Vagiere schattenhaft --
- Nie hat noch Stadt-Gedröhne
- Mich so dahingerafft.
-
- Nüchternen Speichels Ekel
- Peitscht meine stumpfe Wut;
- In sinnloses Geräkel
- Wälzt sich das dicke Blut.
-
- Vorbeigedrehte Wände
- Und Häscherarme ruhn.
- So müd sind meine Hände --
- Weiß kaum, von welchem Tun.
-
- Hast, Herr, sie nicht erkoren
- Zum Dienst der Göttlichkeit?
- Und bin, ach! ganz verloren
- An meine Irdischkeit!
-
- Fanfare sollt' ich werden
- Und Sieges-Läufer dein;
- Der Paradieses-Erden
- Mund sein und Fackelschein!
-
- Was gabest du das Wissen
- Um diese Landschaft mir!
- So bin ich ganz zerrissen,
- Ein Sphärenwind und Tier.
-
- Doch wenn die Uhren schlagen
- Verschüttetem Gebein,
- Ziehn, auf bekränzten Wagen,
- Die wilden Träume ein.
-
- Und morgen, Acucena,
- Schluchzt deines Sohns Gebet --
- Wer nennt mir die Arena,
- In die mein Tanzschritt weht?
-
-
-
-
- Sendung
-
-
- Nicht sind mehr die Hände zum Reigen verschlungen,
- Keine Weite mehr öffnet sich träumendem Fall.
- Die Schreie des Lebens sind ausgeklungen:
- Uns weckte ein neuer, ein dunklerer Schall.
-
- Der Freund entschwand. Wir standen allein
- Vor erloschenem Himmel und klaffendem Grab.
- Aufscheuchend warf ein geröteter Schein
- Uns schwer in das flutende Chaos hinab.
-
- Geliebte Alleen der Städte erstarben.
- Wir schwiegen, verhüllt in Scharlach und Schmerz ..
- Bis hoch in das Graue an blutroten Garben
- Emporschoß der Menschheit brennendes Herz!
-
- Aus Sumpf und Gewässern standen wir auf
- Und hatten im Nacken ein morgenlich Wehn;
- Hart sprang in die Faust metallener Knauf --
- Erde hub an, sich aus Angeln zu drehn.
-
- Wir fühlten der Brüder Opfer und Tod
- Und wußten erst jetzt unser Dasein verbürgt.
- Ausspien wir der eigenen Schuld gärenden Kot,
- Der uns zum Ersticken die Kehle gewürgt.
-
- Da flammte, befreit, ein andrer Gesang
- Und fuhr in der Jahre klirrenden Schritt;
- In unserem weitausholenden Gang
- Zog immer jetzt fernes Donnern mit.
-
- Nun reichen wir Hände zu heiligerm Bund
- Als zum Tanz über schimmerndes Erdenrund!
- Wir glühen nicht minder -- doch ist es die Glut,
- Die Gottes Liebe im Menschen tut.
-
-
-
-
- Erneuerung
-
-
- Wir stehen vorgebeugt an steiler Küste.
- Wir müssen uns durch Nachtorkane drehn --
- Doch noch ins Flackerfeuer roter Lüste
- Fühlen wir kühl den Sternenwirbel wehn.
-
- Zerrissenes Herbstgewölk Blutregen speit
- Und wirft uns hin in schwefligen Gewittern,
- Daß wir erfrieren an der Einsamkeit
- Und klein an Gottes Saume wir erzittern.
-
- Durch das betäubende und stumpfe Hämmern
- Des aufgeputzten Wahnsinns tobender Zeit
- Zuweilen schon Fanfarenschreie dämmern ..
- Wir wissen uns zum Sturz der Macht bereit!
-
- Nicht kämpfen wir mit Stahl und Haß und Giften
- Für unsere erdentblühte Menschlichkeit --
- Es flamme über unsern jungen Triften
- Gestirn der Liebe auf und strahle weit!
-
- Gewürm der Nacht, gedörrt und ausgesogen,
- Versinkt in klaffendem Schlund .. Tiefe rollt hohl --
- Und größren Willens hochgespannter Bogen
- Wölbt sich unendlich hin von Pol zu Pol.
-
-
-
-
- Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst?
-
-
- Die Stadt versank, in Dämmerung verwoben,
- Darüber zag verklungnes Läuten schwebt;
- Sie zittert leicht aus Angst vor schwarzen Roben,
- Wie sie die Türme in den Abend hebt.
-
- Und lernte nicht im jähen Sturz von Jahren,
- Daß solche Schreckensnacht nicht ewig währt ..?
- Daß hinter Berges sturmzerwühlten Haaren
- Stets wieder neu das junge Leuchten kehrt?
-
- Nun stoßen Menschen dort durch welke Gassen,
- Mit denen sie am Mittag aufgeschrien,
- Und müssen schmählich mit dem Tag verblassen,
- In dumpfe Räume ihrer Häuser fliehn.
-
- Wie traurig stehn in Stein erstarrte Wände,
- Verschmiert, vom Gift der Flüche angeraucht!
- Erstickend schwelen eingesunkne Brände,
- Darin sich Gier und Wahnsinn ausgefaucht.
-
- Wenn jetzt die Hand der Liebe auferstünde
- Und legte mild sich auf die dunkle Stadt --:
- Dann gäben in die Nacht geborstne Schlünde
- Gebilde, lichter als der Tag sie hat.
-
- Es würden tanzen Sterne und Kometen,
- Von Friedensklängen läutete die Luft ..
- Aus Gärten, die der niedre Geist zertreten,
- Erhöbe sich ein Paradiesesduft.
-
- O Hand, die Kinder in den Schlummer leitet,
- In kleinem Lampenlicht ein Glück entfacht,
- Die kühlend über müde Stirnen gleitet
- Und Tränen der Verlassnen süße macht!
-
- In Gold auf weißen Fahnen wehn Gesetze --
- Das Flammenschwert geht schneidend durch die Luft.
- Es küßt ein Knabe die geschminkte Metze,
- Und alle Krämer fahren in die Gruft.
-
- * * * * *
-
- Ganz kränklich ist der Spätstern aufgeglommen ..
- Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst? --
- Es muß ein steppenheißer Wirbel kommen,
- Der zischend in die trägen Straßen stößt!
-
- Daß Männer sich besinnen, stirnendrohend,
- Und Häuser stürzen über Trug und Schmach --
- Und eine große, rote Flamme lohend
- Sich losbricht von dem allerhöchsten Dach!
-
-
-
-
- »Vermißt«
- (März 1915; meinem wiedergewonnenen Freunde L. H.)
-
-
- Atemloser von Tag zu Tag lief ich in der großen Stunde des
- Postverteilens durch das Lazarett,
- Gejagt von Unruhe um den Freund, der draußen noch in den Schlachten
- steht.
- In der bebenden Minute des Abschieds, als mein Zug in dunkelnde
- Ferne rollte,
- Da war es uns doch gewiß, daß keiner den andern verlieren sollte.
- Lang war das Schweigen; dann kamen Grüße und Briefe -- o seltsamer
- Geschicke Gang:
- Ich war nun geborgen, und er warf sein teures Leben hinein in den
- schauerlichen Gesang!
- Der Zuversicht war ich voll; doch dieses zweite Schweigen packte
- mich unheimlicher an,
- Und schon ahnte entsetzt ich das Verhängnis, noch ehe der wichtige
- Mann
- Mir harmlos-geschäftig meinen eigenen Brief wiedergab in die
- stürzende Hand,
- Auf dem (die Blutflecken übersah ich erst ganz!) mit Bleistift in
- einer zerknüllten Ecke sehr steif und ungeschickt das Wörtchen
- »Vermißt« geschrieben stand.
- O Schmerzgefühle, unsäglich groß! O Wut über das sinnlos-furchtbare
- Gemetzel! Wie dampften die lösenden Tränen zum Himmel empor!
- Oft langte ich die kleine Photographie hervor,
- Auf der wir beide in enger, verhaßter Montur Arm in Arm stehen im
- heimatlichen Wald;
- Und von Rührung und Wehmut niedergerissen mußte ich oft, immer
- wieder, wie irrsinnig, den Vers des melancholischen Reiterliedes
- flüstern: Ach wie bald, ach wie bald ...!
- Ich sah die vertraute, gelassene Pose und dachte viel der Zeiten,
- Da wir zweisam in der geliebten Stadt am Rhein die Straßen wallten,
- wo ein Gang von weitem
- Uns oft entrückte, so daß niemand sprach.
- Nun höre ich nie mehr deinen Schritt auf knarrender Treppe, nun
- wirst du, ach!
- Nicht mehr (die Akten auf den Tisch werfend) dich neben mir
- niederlassen,
- Dein Mißgeschick beklagend und preisend mein wunderliches Glück, das
- nicht zu fassen!
- Ich werde nicht mehr dein Lächeln sehen über ein etwas kitschiges
- Bild, das neu in meiner Bude hing,
- Nicht mehr dir von frohen Sommerfahrten erzählen, wenn hell ein
- Gefährte mir zur Seite ging.
- Keinen Brief, nicht einen neuen Vers mehr kann ich dir freudig
- zeigen ...
- Denn dein Mund, deine Augen schlossen sich zu tiefem Schweigen.
- (Denk' ich des grimmigen, viehischen Mordens in dem Wahnsinnskessel,
- wo du mußtest kämpfen
- Mit deinem breiten Säge-Messer, mit dem Spaten in dem Schwall von
- Dolchen, Kolben, Bajonetten, Wut und Würgerkrallen und den
- giftigen Dämpfen:
- Unmöglich mir, noch eine Tröstung zu erflehn;
- Den Hoffnungs-Zuspruch meiner Kameraden kann ich nicht verstehn.)
- Mein armer Freund! vielleicht liegst du verschüttet jetzt in
- selbstgegrabenem Schacht
- Und die Verwesung verzehrt deine Hände in gräßlicher, feuchter
- Nacht!
- Oder zerfällst du gar in der Sonne (niemand holt dich zurück)
- Und in den toten Leib noch bohren sich weiße und rote Kugeln, Stück
- für Stück?
-
- * * * * *
-
- Wer blickte noch so tief in die Gemächer meiner Seele
- Wie du, den mir der Zufall erst und dann die Not gewann!
- Wie schrecklich, daß ich nun mit einer unverhofften Begegnung, einem
- nächtlichen Brief, einer Arie aus heller Kehle
- Dir nicht mehr für dein Dasein danken kann!
- Unsere Freundschaft war still, brauchte keine großen Worte;
- Nur in den Zeiten der Angst mußte das übervolle Herz sich entladen
- (Wenn allzuheiß unsre Ader von langem Getrenntsein dorrte --)
- Doch oft brauchte man sich zum Troste nur das eine Wort: _Wir beide
- sind da!_ zu sagen.
- Nun bin ich .. allein! (O harte Vokabel, du läßt dich nicht
- bemänteln!)
- Und freier wird meine Brust auch kaum, wie sonst wohl, wenn ich
- Gefühle ablegte, indem ich sie niederschrieb.
- Ist dieses Bild, sind Erinnerungen und einige tote Briefe wirklich
- alles, was mir von dir noch blieb??
-
- * * * * *
-
- Nehmen -- zur Ausgehzeit -- die Straßen, Alleen, die Parkwege (oder
- ein noch verschneiter Bergpfad) mich auf,
- Bin ich ganz von dir erfüllt und unsrer heimlichen Verwandtschaft.
- Oft pochen den einsamen Lauf
- Gesprächige Winde an; schwatzen viel von Zeit und Vergehen -- --
- -- Wozu, ach wozu sind nun unsere Träume geschehen! --
- Kinder, frisch und rotwangig von des Winters stürmischen Küssen,
- Und Leute, die ich nicht kenne, lächeln mir zu und grüßen.
- Alle sind mir so gut! Sie ahnen vielleicht meine Not?
- Wohlwollen macht mich verlegen; ich strauchle und werde rot.
- Doch hab' ich ein großes Sehnen nach eines guten Menschen Schoß,
- In den mein heißes Gesicht ich könnte bergen und schluchzen
- grenzenlos!
- Mitgefühl, süß und erhaben, o wonnige Bruderhand!
- Wird euer gesegneter Hafen noch einmal mir winken,
- Wenn die schwarze Flut mich wieder bedrängt, ich drohe zu sinken,
- Und den einen Schrei nur kennt meine Zunge: Land!?
-
-
-
-
- Vor spätem Schlafengehen
-
-
- Du löschst ein Licht am Rand der wachen Stirn,
- Die, leicht gekräuselt, ahnt den weiten Teich
- Süßesten Schlafs. Und stehst nun, fröstelnd, bleich,
- Im großen Fensterrahmen ferneren Lichts.
- Noch kühlt die Dämmerung. Ein graues Nichts
- Hängt mantelgleich sich dir um Aug' und Hirn.
-
- Da klirrt es silbern auf von allen Dächern:
- Gesang der Drossel steigt und reckt sein Haupt.
- Ein neuer Tag naht sommerüberlaubt!
- Will grausames Gestirn zum First erheben --
- Du wirst jetzt deinen Leib den Linnen geben,
- Nahenden Traums porphyrenen Gemächern.
-
- Du hast ja deiner Stunden Sturm geschlichtet,
- Die Augen kochen dir: nun willst du ruhn.
- Doch weißt du auch, wie viel Geschöpfe tun
- Bald ihr Geschick in dieses Tages Brand?
- Wie an erblaßten Horizontes Wand
- Unzähliger rote Qual und Tod sich schichtet?
-
- Will dich das Los der Dienenden nicht rühren?
- Der Blick, darin sich sanftes Tier verhüllt
- Vor dem entmenschten Jäger, wenn erfüllt
- Sein kleines Dasein, an das Licht gebaut?
- Hofft nicht von diesem Morgen schweißbetaut
- Erlösung wer von gräßlichen Geschwüren?
-
- Der du dies tragen magst und hältst noch Freuden,
- Die dir ein Kind bringt auf gewiegtem Schritt:
- Komm in den Wahnsinn der Arena mit,
- Die tobend uns umkrampft mit Blut und Wunden!
- Sind dir Gefährten nicht dahingeschwunden,
- Die dich geliebt in güldenem Vergeuden?!
-
- Doch du bist müde und du möchtest schlafen ..
- O du Verwegener mit dem leichten Sinn!
- An offner Grüfte Rand taumelst du hin,
- Vermessne Eitelkeit im Busen tragend!
- Auf anderm Stern, aus deinen Nächten ragend,
- Löst sich dein Traum. Dann suche keinen Hafen!
-
-
-
-
- Ahasverlos
-
-
- Vielscheckig locken heitre Möglichkeiten.
- Ich bin bereit, der Stunde zu entschweben.
- Ich brauche nur die Arme auszubreiten,
- Um warme Freude an die Brust zu heben.
- Die Kammer wächst sich aus zu hellen Weiten,
- An die ich mein Erwachen könnte geben.
- Doch nüchtern in die Dimension gebannt,
- Verzuckt sich meine morgenkühle Hand.
-
- Die Gegenstände werden laut, mit Stößen,
- Und sind in Nähe rund und greifbar da.
- Mich seiner schönen Lüge zu verflößen,
- Bedrängt der Tag, kaum daß sein Strahl geschah.
- Und, bald umgarnt von Netzen, nicht zu lösen,
- Dem Strauchelnden schon höhnt sein Golgatha.
- Doch Schwingen gibt es, silbern, lichtgewogen --
- Schon stürzt's orkanisch siebenfarbenem Bogen!
-
- Oh, dürfte ich an diesem Tische weilen,
- In Schultern betten nachtumflortes Haupt:
- Mit den Verlassenen meine Stätte teilen,
- Wenn sich von Mitleid diese Stirn belaubt!
- Nie braucht' ich mehr der Stunde zu enteilen --
- Von keinem Winde würde ich beraubt!
- Doch Blut will nicht mehr in den Venen rasten ..
- Ich muß und muß ruhlos durch Wüsten hasten.
-
- Ahasverlos! Find' ich den Bruder wieder,
- Der einst mir seinen Jubel hingeweint --?
- Aus Wolken breche ich in Schlachten nieder
- Und bin dem Geist des Bösen ganz vereint.
- Bis mich erweckt ein Duft aus nassem Flieder,
- Da groß des guten Gottes Sonne scheint.
- Heiß schießt ein Lavastrom durch dunkle Poren;
- Ich schrumpfe hin .. Wann werd' ich umgeboren??
-
- Gieß mich, du Wesen ungenannt und fern,
- In ein Geschöpf, das dir am Saume wohnet,
- Dem, kleinsten Kreis umschreitend, milder Stern
- Des Monds den müden Abend süß entlohnet.
- (Nichts ahnst du, treues Hündlein deines Herrn,
- Der ungeheuern Schmach, die mich entthronet!)
- Laß mich, mein Gott, im breiten Strom der Vielen
- Mein kleines Tagwerk tun, um _dich zu fühlen_!
-
-
-
-
- Das simple Lied
-
-
- So sei auch dein Geschick von mir besungen,
- Treues Gesicht im wettergrauen Bart!
- Wie glänzte dir der Scheitel, schwach behaart,
- Als du erzähltest mir von deinem Jungen!
-
- Du hast vielleicht die Nacht nicht gut geschlafen,
- Vor Hunger oder Vaterschmerzen tief --
- Und dachtest, weh dich werfend, an den Brief,
- Den letzten deines Sohnes, deines braven!
-
- Von seiner Kindheit hast du wohl geträumet
- (Am Morgen dich besinnend, daß er tot),
- Bei deinem dünnen Kaffee dann gesäumet
- Und aßest nicht ein einziges Stückchen Brot?
-
- Dich selbst hört' ich von seinem Tod nicht sprechen --
- Er ward mir durch die Zeitung zugebracht --
- Und wenn du mir begegnest jetzt vor acht,
- So wage ich das Schweigen nicht zu brechen.
-
- Dein scheuer Gruß heut hat mir klar gemacht,
- Wie dich erfaßt der Jahre Schmach und Schwere --
- Und daß die hohen Worte _Held_ und _Ehre_
- Grimmig und himmelfluchend du verlacht.
-
- Wie bist du groß in deiner Traurigkeit,
- Die mich (o Dank!) noch herzlich rühren kann.
- Treues Gesicht, du guter Biedermann,
- Dein Schmerz, er weht ein Stückchen Ewigkeit!
-
-
-
-
- Sünde und Sühne
-
-
- Lechzend Getier hat sich in Schwanenfittich eingekrallt.
- Gröhlender Irrsinn dröhnt und schürt das Völkerhetzen.
- In Kathedralen und in Menschenleiber die verwüstenden Granaten
- fetzen.
- Maschinen haben rings und gellende Kommandoworte
- Willenlose Sklavenhorden zu der dampfenden Schlacht geballt.
- Aus bangem Schweifen schlafzerrissnen Angesichts
- Steigt grausam wolkenthüllter Tag, der Todesbringer.
- Und rastlos rasen über weißes Winterfeld die wütenden Kolonnen.
- Von haßverrenkter Bruderhand verschüttet:
- Blut ist in den Schnee geronnen,
- Das des Sommers freudig aufgewallt,
- Das die stählernen Nächte zerrüttet,
- Das sich brausend weben wollte in den großen Schwung des Lichts!
- In krustigen Boden sich krampfen verzuckende Finger ..
- Im Verlöschen blaß und kühler Winterabendsonnen
- (Schon schwebt verräterisches Leuchten der Rakete)
- Erscheint ein letztes Bild aus kleinem Glück und Traum
- Zerstäubend schon, dem gräßlich Wissenden,
- Verzweifelt sich und wimmernd Wehrenden
- Vor ungebetner, schauerlicher Fahrt in kalten Tod und leeren Raum.
- Ein Leben ist wie tausende zerronnen,
- Das einst in vieles Dasein sturmgeliebt verwehte ...
-
- * * * * *
-
- Alles Werk bleibt unbegonnen,
- Das nicht wächst aus erdeninnigem Gebete,
- Kein lautes Wort entfließt des Mundes Bronnen,
- Das sich nicht grinsend wieder zu dir drehte.
- Aus dem Knirschen erst der Herzen wird die Erde auferstehn;
- Befreite Welten werden tönend nachts durch ihren Himmel gehn.
- Nicht eine Träne geht verloren in dem dumpfen Unglückshaus,
- Zerhackte Opfer lüsterner Gebieter wachen auf aus ihrem kalten Graus
- Und stürmen die Bastille aller Menschheit mit geschwungener
- Flammenhand.
- Sie wärmen ihr verkauft Gebein an diesem jauchzenden Morgenbrand
- Und wachsen riesenhaft empor vor bröckelnd-grauer Kerkerwand.
- Mit Schmacherlösten blühn sie herrlich in den jungen Frühlingstag --
- Ein Zeichen tut versöhnter Gott mit Bogen, Blitz und Donnerschlag.
- Den Führer seh'n sie kündenden Mundes hoch aus eigenen Reihen
- steigen;
- Vor seinen Blicken, die zum letzten der enterbten Brüder reichen,
- Muß sich die blutige Standarte ihrer heiligen Rache neigen,
- (Es ebbt das rote Mordmeer hinter sonnbeflaggten Deichen.)
- Sie krönen ihn mit hörigem Vertrauen, schönstem Diadem,
- Und fühlen seines Palmenszepters lindes Lenzesfächeln süß ob der
- entfronten Stirne wehn.
-
-
-
-
- Erwachen und Bestimmung
-
-
- Nach abgerastem Tag, der schlimme Lust, Verzweiflung, Hassen trug
- Und mir den Abend, da ich mild zurück mich fand, vergällte,
- Kam eine Nacht, die riesig windgetürmte Wogen schlug,
- Mit Wrack und Hilfschrei laut an meine Schlafesufer bellte.
- Ich sah mich in der Elemente Wut hineingetan
- Und spritzte mit der Brandung Donner hoch in rasendem Schwung.
- Und wieder trieb ich, wunderbar gelöst, in leichtem Kahn,
- Auf dunkelrotem See mit meines Bluts Verwilderung.
-
- Doch Sterne zogen am Gewölbe auf
- Und gaben Ruhe, wachsendes Besinnen.
- Und ließen Scham erglühn, die kein Entrinnen
- Mehr gönnte der Gesichte düsterm Lauf.
- Ein Strom von anderm Blut war ausgegossen
- Und dampfte schwarz und stockend in die Nacht;
- Drauf schwammen Menschenklumpen aus der Schlacht,
- Gebläht von Schärfe, giftigen Geschossen.
- Die Sternenbilder, grauenhaft verflochten,
- Sich spiegelten in dem gurgelnden Naß,
- Daß Ekel und ein grenzenloser Haß
- Mir in den Gaumen und die Schläfen kochten.
- Ein Fluch entschwelte dem erstarrten Munde
- Vor soviel Gräßlichem mit einemmal;
- Der rohe Mord, das Winseln, alle Qual
- Zusammenstürzte mir in diese Stunde.
- O Scham, zu atmen eine falsche Zeit,
- Die aufgetürmtes, unnennbares Leid
- Mit Phrasen, Lügen und mit Eitelkeit,
- Mit frechen Worten höhnisch überschreit!
- O Scham, selbstisch im kleinen Kreis zu liegen,
- Wo die Gewalt stachlichten Knüppel schwingt!
- Wo Menschheitsschmach von allen Türmen singt,
- Im Sattel der Gefühle hinzufliegen!
-
- * * * * *
-
- Ich tauchte, angstgeschüttelt, meine Hände,
- Die lustgewohnten, in das dunkle Bad
- Und schauerte zu Gott empor und bat,
- Daß er dies fürchterliche Schauspiel wende.
- _Ein Schauspiel?!_ donnerten die Schlünde wider.
- O schnödes Wort! wie fuhr es in mein Hirn!
- Das noch der Mund sprach ohn' Bedacht, indes die Stirn
- Sich neigte schon vor den Gewalten nieder.
- Es sprengte, berstend, die verwachsene Rinde,
- Warf den Erlebnis-Fetisch aus dem Schrein,
- Daß sich erschrocken mein erwachtes Sein
- Schwang in das Weh'n der morgenkühlen Winde --
- Doch eh' mich noch der neue Tag umschallte
- Und mich verschlug in einen engern Raum,
- Ward ich erlöst durch einen dritten Traum,
- An den Zertretner ich mich rettend krallte:
-
- Tief in verworrener Wildnis hub es an,
- Ein Sausen, das sich tagwärts heller tönte
- Und brausend schwoll zu Chören, die (erst süß geahnt) erdröhnten,
- Als der erste Strahl des Lichts begann,
- Der auf mich traf mit unirdischer Helle.
- Doch Stimmen standen auf aus dem Gesang, und eine Welle
- Von Duft (aus frühen Gärten) und von Jauchzen schlug mir ins
- Gesicht.
- Und als sich klärte bald der Sinne heißes Drehen
- Und ich mich kühler hob aus dem verwirrenden Gischt:
- Sah ich mich ragend auf dem höchsten Punkt gebogener Brücke stehen,
- Von unten durchgleitenden Schiffen fröhliche Wimpel in den Sturz des
- blauen Himmels zu mir wehen;
- Die Arme warf ich weit und sprach zu Menschen, tausenden,
- beglückten,
- Die nach Not- und Elendjahren die verbrauchten Körper in den Teich
- der Sonne bückten.
- Meine Stimme sprang in den Taumel neugeborener Kreatur!
- Jubelnder Schrei schlug lohend empor ..
- Indes hinauf, hinab an der Ätherwand der versöhnende Bogen Gottes
- fuhr.
- Leicht an mein Ohr
- Durch das Tosen der Wasser
- Kam eine ferne Stimme,
- Gütig und furchtbar,
- Und sprach ein Wort,
- Das ungeheure Wort: _Erwache!_
- Da wußt' ich mein Teil,
- Zu dem ich geboren;
- Sah meiner Brüder wühlendes Leid,
- Die verpestete Zeit
- Mit fanatischem Grollen
- Auf den Flammenwink endlos verschlungener Hände in den Orkus rollen.
- Sah wieder den göttlichen Bogen
- Und Paradiese blühen auf den blutgedüngten Ackerwogen.
-
-
-
-
- Erschießung von Gefangenen in der Kathedrale zu Reims
-
-
- Von gierigen Fäusten hündisch in das Glied gebracht,
- Sind sie noch einmal vor gereckter Wand des Gotteshauses furchtbar
- aufgewacht ..
- Den kotigen Hohn, mit dem man sie beschmissen
- Und all die grimme Angst erlesener Quälereien haben sie vergessen;
- Nicht wissen sie mehr, daß sie nachts in fauliger Baracke
- aufgesessen
- Mit runden Wahnsinnsaugen drohend-stickiges Dunkel rings zerrissen
- Und sich -- schon furchtbarem Gelächter nahe -- in das
- hirnzermahlende _Wozu_ verbissen.
- Nur zärtlich fühlen sie jetzt ihre Hände und so kameradschaftlich
- verkettet
- Und sind, mit zuckender Wimper, schwindelnd schon in die
- Unwegsamkeit des Nichts gebettet.
-
- O dröhnendes Erwachen in vereister Luft der Kathedrale!
- Wo sind die heulenden Tuben des jüngsten Gerichts?
- Wie jagt über die flimmernde Ebene aufgelösten Gesichts
- Einem da die hohe Stunde, wo er ungezählte Male
- (Elende Vermessenheit!) zusammenbrach in wohligen Schauern vor dem
- gotischen Säulenwald;
- Der andre schmeckt die fromme Ahnung jenes Kindheitstages bitterlich
- und kalt
- Des ersten Abendmahls mit blauen Unschuldsaugen, Freuden und
- Geschenken
- Und muß unwiderstehlich seiner wogenden Heimat denken.
- Doch wird die Hatz der Bilder scheußlich weggefegt
- Von dunklen Rohren, drohend auf sie angelegt.
- Und schon umhüllt, noch eh' die Todessalve kracht,
- Moder die blühenden Leiber der verworfenen Opfer und erstarrende
- Nacht.
-
- Warum nicht schleudertet ihr weit von euch die mörderischen Waffen,
- Da hoffnungslos Entsetzen euch anstierte,
- Ihr Schergen, von dem gleichen falschen Wort Vertierte?!
- Ihr, die aus gleichem Fleisch und Bein und rotem, wallendem Blut ihr
- seid geschaffen,
- Was warft ihr nicht das Fremde fort, ließet den Finger sinken
- Von dem Schlag des lebenzerstörenden Hahns oder ließet den Schuß
- ertrinken
- Hoch in dem Donnergewölbe, dem hallenden (das schon von andern
- Geschossen
- Den Schmerz dieser tobenden Zeit in klaffenden Wunden genossen)?
- Glaubt nicht, wenn man euch sagt: dies ist der Feind!
- Der blind wie ihr sich treiben ließ zu Hauf
- Und nun sich krümmt vor euch, niemals mehr schlägt die erlöschenden
- Augen auf
- Zu dem verschwebenden Himmel, der so Feind wie Freunden scheint!
- Barst euch kein Schrei des Mitleids in der Kehle,
- Als eure Hände, vergewaltigt von dem Geist der blutigen Befehle,
- Sich gräßlich kehrten wider Menschen, wie das Wild gehetzte --
- Da euer brüllender Lauf die verschwitzten, aufgezwungenen Kleider
- unbarmherzig von gewehrgeschundenen armen Schultern fetzte
- (Auch achtend nicht der taglang bohrenden Wunden, die schon schlug
- die verheerende Schlacht)?
- Wie hätten diese sündigen Hände herrlich sich entfacht
- Am Nacken eurer Brüder, eurer Kameraden sklavischen Gehorsams, die
- ihr nur schnöde umgebracht!
- Weil ihr -- wie jene -- nicht erkanntet, was euch ruhlos vorwärts
- treibt,
- Weil ihr -- wie sie -- dem Moloch opfert, der die ehernen,
- unmenschlichen Gesetze schreibt,
- Die für morgen euch das gleiche Schicksal aufbewahren,
- Das maßlos teuflischer Durst euch Blutverwirrte heut' vollziehen
- heißt.
- In heiliger Wut erwacht auch ihr! Eh' euch die Binde von den Augen
- reißt
- Der ewige Tag .. eh' ihr (zu spät!) erkennt,
- Daß ausgespieen ihr der Liebe Sakrament --
- _Und daß einst alle Wesen gut und friedlich waren_.
-
-
-
-
- Egalité, Fraternité!
-
-
- Von steilen Wänden rieselt dünn das Leuchten
- Erstarrter Mittagssonne, hart und kalt;
- Erblindend sind die Fenster von dem feuchten,
- Erbarmungslosen Atem zugewallt.
-
- Ein Wintertag blüht in verschneiten Bergen,
- Verwahrt in Schönheit, doch nicht allzufern --
- Hier wühlen sich der leichtumhegten Schergen
- Verbissne Sklaven in Maschinenlärm.
-
- Und ahnen schwach, daß ihrer Pulse Feuer,
- Wenn es geschürt, den stumpfen Block zerreißt --
- Und über dieses nüchterne Gemäuer
- Auflodernd furienhaft ins Blaue beißt!
-
- Doch hart benagt von Unzulänglichkeiten,
- Sind sie der Fron verfallen, unbewußt;
- Nicht dämmert ihnen in verhangnen Weiten
- Das schmale Frührot einer tiefern Lust.
-
- _Warum_ seid ihr mit Dumpfheit zugeschüttet,
- Indes ich bade in azurenem Licht?
- Wer hat, mit frevlen Listen, so zerrüttet
- Eherner Schicksalswogen Gleichgewicht?
-
- _Besinnt euch!_ Rafft die Glut der Fackelbrände,
- Die hell in eure ewigen Nächte bricht ..
- Seht diese züngelnd aufgereckten Hände
- Und meiner Aufruhrstimme weißen Gischt!!
-
-
-
-
- Du auch, Tier, mein Bruderwesen!
- (Dem toten Maler Marc, dem Franziskus einer entmenschten Zeit,
- zum Gedächtnis)
-
-
- Ich bin zum Überströmen vollgetan
- Mit Klage und mit einem großen Schmerz,
- Der sich aus schwankenden Gebilden saugt und nährt
- Und mir den Riß in jedes Dings Geründetheit entschleiert.
- Ein gern geschenktes Lächeln wird zum haßverzerrten Hohn
- Und Stirne, die sich tief umdunkelt, wird des heitern Schwebens in
- dem Raum nicht mehr gewahr.
- Auf mein Gesicht traf heute, als im Mittag sich die Straße dehnte,
- Ein Blick aus Augen, die schon matt verglasten,
- Aus großen Augen, die noch einmal brünstig rückverschlangen
- Das Licht und seinen taumelnden Gespensterritt --
- Sterbenden Pferdes Blick im Straßenhasten.
- Wo ist der Tag mit fröhlichem Gewieher?
- Die reichgefüllte Krippe müden Abends?
- Nur Schweiß und Arbeit rieb die Lenden durch ..
- Nun tritt es ohne Dank und Streicheln ab
- Und muß auf Steinen jämmerlich verrecken.
- Warum springt niemand bei?
- Warum ist keiner so erbarmungsvoll,
- Daß er verhängte schwindendes Gesicht?
- Seid ihr so taub dem Ruf dunkel-verglutenden Auges?
- Fühlt nicht, ihr Oberflächen-Betaster,
- Wie er tief anklagend, rüttelt an euch?!
-
- Seid nicht auch ihr geschöpft aus Zeit und Erde,
- Um wieder euch zu drehn in Schlamm und Tod?
- Wer gab euch Recht, zu knechten Kreatur,
- Die mit euch teilhat an dem gleichen Tag?
-
- Seid ihr nicht selbst gepfercht in eures Käfigs Wände
- Und freßt das Gnadenbrot dem Moloch Tod aus knochig-hohlen Händen?
- Was wißt vom Leben ihr in euren dumpfen Betten?
- Was, Kettenschüttler ihr, von sehendem, wissendem Gang durch
- qualmverschüttete Stadt?
- Dies Tier, das teilnahmlos ihr ließet sterben,
- Es war dem Leben näher wohl als ihr
- Und floß mit Baum und Wolke, Sonn' und Brudertier
- Inbrünstiger dahin
- Als ihr mit eures schallenden Tuns gemächlichem Verderben.
- Wer von euch blieb in diesem Mittag stehn
- Und sprach demütig-groß das rasende Wort: ich bin?
- An dieses Daseins schmerzlichem Vergehn
- Entzündete sich keine Stirne hehr --
- Eiserner Reifen hielt die Schläfen euch,
- Und nicht erfand sich eine Spur in euer zugemauertes Bereich.
- Einsam verlohte unerfülltes Opfer in den blauen Himmelsteich
- Und brach in weinenden Gewittern nieder auf das verlorene
- Häusermeer.
-
-
-
-
- Welt-Fühlen in der Opernpause
-
-
- Menschenangesichter, dumpf und schwelend,
- Stoßt aus dem trüben Schwaden eures Kleinmuts hoch!
- Erwacht, ihr Körper, aus morschen Wänden,
- Werft euch mit morgengebadeten Händen,
- Wachst in das Lichte singend empor!
- Widriges Kleingetier, nach Myriaden zählend,
- Das vampyrengleich aus euch gesogen,
- Muß nun elendig verenden
- Im eisigen Hauch aus frühem Sternenbogen.
-
- Ihr siecht und welkt an Giften wolkiger Trance.
- Ihr taucht zu tief in euer Seelenbad.
- Ihr seid erfüllt von eurer kleinen Welt und übersatt.
- Ihr kennt die heiße Zeit nicht mehr, die längst euch überflügelt
- hat.
- Türmt euch zum First der schwindelnden Balance
- Aus der Not und dem Chaos, in das euch die wimmernde Mutter gebar --
- Habt Rechts und Links und in der Faust ein flammendes Schwert;
- Seid zum Kampf für die dämmernde Welt so bewehrt und bekehrt!
- Mild schwimme das leuchtende Antlitz über aufblühenden Paradiesen,
- wo einst Gewässer und Wüste war.
-
- Menschenangesicht, besinne Dich!
- Besonnter Morgen bricht aus deinen Augen, hell und königlich.
- Nahst du dich:
- Es schweigt der Föhn, die Himmel brechen auf, Getier und Berge
- beugen sich.
- Tu ab das bauschige Kleid
- Der glatten Geste Eitelkeit!
- Feindschaft sei ausgelöscht -- Güte entflamme dich!
- Von Scham des Mordens halte ewig deine Wange rein!
- In deinen unvergleichlichen, göttlichen Zügen
- Laß den Schnee deiner Kindheit, laß die wirbelnde Erde beseligt
- liegen!
- Trost und Hilfe fließe deine Stimme, Bruderstimme, bis zum letzten
- Lampenschein!
-
- Halte Würde, halte Schöne:
- Siehe, Glück, das du entfachst,
- Wenn du schlummerst, wenn du wachst --
- Durch deines Daseins hingegossenes Licht --
- Trägt dich steil in Gipfelhöhe, Menschenangesicht!
- Daß Tau des Mitleids deinen Scheitel kröne,
- Neige dich, neige dich, wehre der Träne nicht!
-
- Und du, du junges, du süßes Gesicht,
- Verwahrt in der Loge, von weißen Sonnen magisch umsprüht,
- In des Sitzes Tiefe gelehnt zurück:
- Schenk' mir noch einmal deinen Siegerblick,
- Eh' die Rampe lügenhaft erglüht,
- Eh' dieser tanzende Raum mit den schmetternden Farben erlischt.
-
-
-
-
- INHALT
-
-
- Seite
- Auferstehung, Himmelfahrt 5
- Sendung 7
- Erneuerung 9
- Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst? 10
- »Vermißt« 12
- Vor spätem Schlafengehen 16
- Ahasverlos 18
- Das simple Lied 20
- Sünde und Sühne 21
- Erwachen und Bestimmung 23
- Erschießung von Gefangenen in der Kathedrale zu Reims 26
- Egalité, Fraternité! 29
- Du auch, Tier, mein Bruderwesen! 30
- Welt-Fühlen in der Opernpause 32
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Erwachen und Bestimmung, by Carl Maria Weber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERWACHEN UND BESTIMMUNG ***
-
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