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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der unendliche Mensch - Gedichte - -Author: Arthur Drey - -Release Date: May 30, 2016 [EBook #52191] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNENDLICHE MENSCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - ARTHUR DREY - - - - - DER UNENDLICHE - MENSCH - - - GEDICHTE - - LEIPZIG - KURT WOLFF VERLAG - - BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 68/69 - - GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR - - - - - AUFBRUCH-MUSIK - - - Die Luft bebt wie ein Schall, der mir gebietet, - Daß ich die Düsterheit der Zeit zersprenge, - Daß alle Stirn, von Sonnen überblütet, - Zu einem lichten Menschentag gelänge. - Gesang von Worten, menschenheiliges Gut, - Die Harfe Ozean, der auferregt - Den Segler Erdgefährten, Strom und Blut - Der Pulse: -- ist in meine Macht gelegt. - - Wie wird mein Atemdasein heiß und schwer, - Wenn ich mich tief besinne in die Pflicht, - Daß ich der Sprache nachtumtostes Heer - Umfange im gesungenen Gedicht. - Doch wie ich leise, lauter, heller singe, - Erschwebt frohlockend meinem Licht und Blick - Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe, - Mein Urwunsch Güte in das arme Glück. - - Als sei ein Allumlieben zu erschwingen, - Wird mir der Erde stürmisches Gezelt - Voll jubelnd kühnen Lieds verliebtem Singen. - Und schlanke Leiber, flackernd aufgehellt, - Tollen den Tanz der Küsse ... im Gewühl - So linienwild, bis sie, sich überbiegend, - Hinsinken, mild, ein ausgespieltes Spiel, - Dem weich verwirrten Fliederbild erliegend. - - Da ist Vergebung. Knaben sinnen treu - Den Ritter wie den Räuber; denn der böse - Entmenschte Feind ist ihnen fremd, und frei - Aufbäumt und beugt sich weite Herrschergröße, - Kein Wille klebt am eignen kleinen Weh. - Und auch der rauhe Mann ist wie ein Kind, - Voll froher Frommheit hält er die Idee, - Daß Sonne, Erde, Mensch das Heilige sind. - - Oft hat mein Sehnen vor sich selbst gebebt! - Mein Aufwärtswollen wird auch dann nicht still, - Wenn über meinen Kopf die Welt sich hebt - Und wie ein giftiger See mich töten will. - Wie ein gehetztes Gemsenwild der Felsen - Errette ich den Stolz der freien Höhn. - Und von den Himmeln, da sich Donner wälzen, - Fühl' ich Berufung wogend mich durchwehn. - - Zurück! Hinab! Wo irrendes Entsetzen, - Wo Schlacht aufheult und metzelndes Verwühlen, - Geschürt von Führern, die die Völker hetzen, - Wo auf Ministerthronen Schurken spielen, - Wo blühnde Leiber, hingefällt in Stücke - Verklumpten Bluts, und Millionen Augen - In Nacht versinken -- Eine Meuchlerclique - Will Krieg, daraus Tyrannenmut zu saugen! - - Nicht stöhne, Stimme! Weit wie Firmament - Sei Zorn und Kraft und Heilung allem Dürsten - Des Volkes Mensch! Die waren nie getrennt, - Nur mordgepeitscht von roh' und eitlen Fürsten! - Dein Wutwort, heller Sänger, es zertrete - Die Untat, die in Lügen sich verlarvt! - Bis ein Homer des Friedens im Gebete - Erwachse, weinend brausend hingeharft ... - - Wie Blütenflut aus tiefen Wiesen dringt, - So bricht der Klänge Brandung aus dem Sänger, - Der blindgeboren noch die Sonne singt. - Wie einer Krone göttlicher Empfänger - Nimmt er die ganze buntgewirkte Zier - Der endlos wilden Erde ... so geeint - Mit jeder Blume, Pflanze, jedem Tier, - Daß Mensch zu sein uns wie ein Ruhm erscheint! - - - - - DU EWIGE - - - I - - Laß mich deine Hände küssen, - Laß mich deine Hände fühlen! - Deine Lichtheit hat zerrissen, - Mich erdrückt mit ihrem Zielen. - - O wie ist die Nacht der Augen! - O die weiche Glut der Wangen! - Immer will ich blühend saugen, - Will ich deinen Hauch umfangen. - - Könnt' ich mich in Träume schwingen, - Himmlisch wollt' ich dich erheben; - Betend, weinend, jubelnd dringen - Meine Lieder dir ins Leben. - - Ein von Blüten süß beschneiter - Morgen ist in deiner Lust. - Löse denn die losen Kleider, - Weiße Sonne deiner Brust! - - - II - - Wie gefangen an den Lippen - Küss' ich deines Atems Laut -- - Blickend, trinkend bin ich liebend - Deiner Liebe tief vertraut. - - Wie Posaunen tönt die Erde, - Wild und weich in deiner Macht. - Wer hat dieses Bild der Treue, - Deinen milden Blick erdacht? - - Oh, in deinen heißen Armen - Ist ein Pressen und ein Ziehen - Wie zum goldenen Vergessen, - Singen, Summen, Saugen, Blühen. - - Schweiget, wilde Erdentöne, - Laßt mich sterben, wenn ich lebe, - Laßt mich leben, wenn ich sterbe, - Daß ich mich zum Himmel hebe! - - - III - - Fühlst du dich noch allein, - Mein wildgeküßtes Kind? - Wir wollen die Ewigkeit sein, - Wie unsre Sterne sind. - - Wir kennen das dunkle Glück, - Das an sich selbst zerschellt: -- - Wir wollen mit einem Blick - Die ganze wehende Welt! - - Wir wollen blühend singen, - Wie Kinder, die wandern gehn, - Uns fliehend und knieend umschlingen - Wie eine Welt so schön! - - Vom Jubel mitgerissen, - Der über die Erde weht ... - Bis wir hinsinken müssen - Auf dunkelnder Wiese Beet -- - - Auch hier noch müde liebend, - In seligem Empfangen - Von Abend, weich und trübend, - Von Träumen, die aufgegangen. - - - - - DER ZWEIFEL - - - - - TRAUERMARSCH - - - I - - Wer hat das Schwefelschwarz der Todesnacht, - Den Sturz der Leiber heimlich ausgedacht? - - Von Dunst beglitzert ziehen wir dahin, - Unsinnig flackert unser Daseinssinn. - - Wir tappen Tänze wie im Singsangspiel, - Am Bühnenhorizont zerplatzt das Ziel. - - Als Vagabunden, nur mit etwas Geld, - Begaffen und begaunern wir die Welt. - - Selbst Glückesgrübler, Künstler, Staatenlenker, - Die Welt-Erneurer -- sind nur Menschenhenker. - - Es ist das unheilbare Leidensmal: - Der höchste Aufstieg zeugt die schwerste Qual. - - Nur dann erhöht sich unser Menschenschritt, - Wenn er die Schwachgebornen niedertritt. - - Doch wie wir uns auch in die Weiten dehnen, - Wir sind verseucht vom engen Erdenstöhnen. - - Wir bleiben tolle Tölpel ohne Taten, - Teils voller Wahn, teils in den Schlamm geraten. - - Das Erdentsetzen winselt weh und wund - Wie ein getretener verheulter Hund. - - - II - - Weiter als der Wolkenfülle Stürme - Brechen unsre Wünsche ins Getürme - - All der dunkel brüllend wilden Zeit, - Die kein Wille von sich selbst befreit. - - Festgebunden an die Erdensperre, - Angekettet an das Schmerzgezerre, - - Tragen wir den Ekel unsrer Lust, - Pfeile wilder Wachheit in der Brust. - - Und wir beten, bitten, singen blind - In den leer verstreuten Aschenwind. - - Und wir hängen an den milden Blicken, - Die wir träumen, um uns zu beglücken. - - Freunde finden sich im Kämpfermut, - Todverwundet fluchen sie dem Blut. - - Heulend, tosend tönen die Fanfaren, - Die den Tod der Erde offenbaren. - - - III - - Der Lärm des Lebens knattert, pfeift und singt, - Ein Hagelsausen, das die Leiber düngt. - - Muß an der Erde wie an einem Stein - Die unbegrenzte Brust gekreuzigt sein? - - O möchte doch Aufruhrmusik erklingen, - In einen Taumeltraum die Leiber schwingen! - - Doch schweige, Lust! Dein Aug' ist nachtbenetzt, - Dein Weg ist todwärts durch den Raum gehetzt. - - Wir können nicht die Erdenmacht zersprengen, - Solang wir Tiere sind in Felsenhängen. - - Wir können nicht die Sonne niederreißen - Und nicht den Erdball in den Himmel schmeißen. - - Wir sind gebannt, auch wenn wir rasend rennen, - An unser Fleisch, das wir den Menschen nennen. - - Wir heulen einen tief zerstückten Schrei - Nach einem Sein, das mehr als Dasein sei. - - Der kaum Geborne schreit schon Widerstand, - Als fürchte er den erdverfluchten Sand. - - Was bleibt an Mut im Elendeinerlei? - Ein bißchen Glück, ein bißchen Narretei. - - Man kreischt und zittert in den Erdenklippen --, - Und schweigt verbissen mit zerquälten Lippen. - - Die Erdenfreunde sinken Blick in Blick -- - Ein letzter Liebehaß zerreißt ihr Glück. - - Und über allem brausen die Fanfaren, - Den Tod der Erde grell zu offenbaren. - - - - - FRAGENDER MENSCH - - - Das ist das Stumme meines Angesichts, - Daß ich nichts finde, was den Geist beseelt. - Nicht Welt, nicht Ich, nicht Alles und nicht Nichts: - Wohin mit mir? Mein Tag ist ausgehöhlt. - - Was könnte ein Pistolenschuß mir geben? - Was ist der Tod? Ich kann nur immer fragen -- - Und wer am Tod verzweifelt, will das Leben; - Ich bin geboren und ich muß mich tragen. - - Doch wenn ich Leben will, weil Tod verhüllt ist, - Dann muß ich immer neu mich selbst gebären; - Dann ist das Lustgeheul, das nie gestillt ist: - Mutter und Kind, ein Geben und Begehren. - - - - - PIERROT - - - Ich will ganz leis anfangen: zu sprechen. - ... Wenige Laute zuerst ... zitternd ... - Hört ihr das Kichern knacken und brechen, - Das in der Luft ist, gewitternd --? - - Noch steh' ich wie mein eigenes Denkmal da, - Bin mir selbst noch zu nah. - Ich muß von mir wegschreiten, - Lachend ... bis ich _laut_ lache. - Bin ich nicht eine famose Sache, - He? - Ach, ich seh': - Ihr seid alle dumm, zu dumm. - - Dumm seid ihr ... - Hojoh! Wißt ihr, was eine Nacht ist? - Menschen, sagt es mir! - Ihr wißt nicht, was eine Nacht ist. - Ihr wißt nichts. - Gar nichts. - Ihr seid alle dumm, zu dumm. - - Ich muß mein Hirn peitschen, schmeißen, - Weil es träge wird, was es nicht sollte! - Aber mein Maul kann ich noch aufreißen --: - Auweh! (Weiter war's als ich wollte.) - - Hui! ... - Hui! Hui! - Ich hab' ein Liebchen, das will ich fangen. - Sie kriegt einen Kuß auf die Wangen -- - Schade, - Auch das Küssen ist fade. - - * * * * * - - Ach Gott! Die Welt ist so weich und gebogen, - Warum sind die Wälder nicht spitz - Und noch spitzer der Himmel? - Um solchen Witz sind wir betrogen. - Alles ist nur immer Trauer - Und schmeckt öde und sauer - Wie alter Schimmel. - Und die Menschen sind ohne Projekte. - Eine hilflose Sekte. - - Jetzt werd' ich mich ducken, - Vielleicht auch hinlegen dann. - Und ihr sollt gucken, - Wie gut ich mich totstellen kann. - - - - - GUTE LATERNE - - - Noch weiter gehn? - Was will mir noch die Straße sein? - Die Steine sind noch härter als Matratzen, - Doch auch ein enges Bett will ich nicht sehn. - Verdammte Nacht! Ich hab' mich rumgestritten - Mit bösen Freunden. Jetzt bin ich allein; - Sie sind verärgert mir hinweggeglitten, - Sie wollten mich an meinen Augen kratzen, - Ich sah so treu sie an, daß sie's nicht konnten. - - Ihr Blut ist Gift? Ich will davon nichts wissen. - Was darf man wissen? Alles ist verschwommen. - Alles ist Strom, in weiten Strom gerissen -- - Ach, wär' auch ich in Arme aufgenommen! - - Laternen schwimmen viele. Pflück' ich die gelben Rosen? - Halt, halt, du Welt! Ich kann schon nicht mehr mit. - An eine der Laternen werd' ich hingestoßen. - Wer gab mir in die Kniee diesen Tritt? - Hab' ich zu viel schon Welt in mich getrunken? - Oh! die Laterne, die mich halten konnte, - Ist dicht an mich und ich an sie gesunken, - So dicht, als ob sie mir, nur mir die Nacht besonnte. - - Bin jetzt fast ruhig und mir selbst vorüber, - Die Kraft entsinkt, ich bin zu sehr zerfleischt. - Welt, strotzt dein Leib? Er ist Geschwür und Fieber, - Kraft ist nur Tollwut, die in Luft sich kreischt. - So sehr sah ich der Tage Wahnsinn nie, - Die Tierischkeit des menschlichen Gestells. - Was rasen Menschen? Und was schaffen sie? - Sie töten sich den Kopf an einem Fels. - Tut aus der Nacht sich nicht ein Mantel auf - Und legt sich weich und bettend auf mein Hirn? - Ach, käme nie der Morgen mehr herauf, - Das kalte meuchlerische Bleichgestirn. - Und doch, ich seh, die Nacht ist mir nicht weich, - Die Nacht ist nichts, was mich nicht auch verließ. - Ist gar nichts denn für mich, macht mich nichts arm, nichts reich? - Ist das der Tod? -- Ein Lebender fragt dies. - - Was soll ich jetzt mit mir beginnen? - Der ich mich ganz an die Laterne gebe? - Bin ich denn immer noch bei meinen Sinnen, - Obwohl ich leerer als ein Toter lebe? - Wohin auch sonst ich in der Welt mich bringe, - Mich zieht doch gar nichts an, ich bin so gräßlich lose. - Wenn mir die Zunge aus dem Munde hinge, - Das wäre wirklich keine dumme Pose. - Was sind die Häuser? Grünes Schafsgewimmel. - Und alles schmeckt nach altem Mond und öd. - Und auch der kühle dünne Himmel - Ist fahl und blöd. - Ich hab' nur Angst, daß ein Betrunkner kommt - Wie ein erschreckend-greller Knall. - Wär' ich ein Pferd, so brav und prompt, - Ich schliefe still in meinem Stall. - Wozu erst Wachsein noch, das doch nur gähnt? - Wär' ich nicht Mensch, ich schliefe süß und still. - An die Laterne bin ich hingelehnt - So sehr, daß ich nicht weitergehen will. - - - - - DUMPFER TAG - - - Nehmt endlich, Brüder, mir von meinen Lippen - Den schweren Daseinsschrei, den nie mein Kopf vergißt. - Denn sonst ersticke ich in den Gestrüppen, - In Stadt und Stacheln, die die Erde ist. - - Hört ihr den Erdenwahnsinn lachend weinen? - Ein Donner ist in mir, der will so wild erdröhnen! - Der Lebende kann sich nicht selbst verneinen, - Wer einmal Mensch, der muß ein Glück ersehnen. - - Kein Traum kann je uns vor uns selbst verschonen. - Wir, Sklaven, sind gepeitscht und wissen keinen Retter. - Wir sehen nicht, in welcher Welt wir wohnen, - Und schwingen schwer in unerkanntem Wetter. - - Und ich, ich bin, dem solcher Tage Nacht - Noch mehr als euch sich engt zu Gassen toller Trauer. - Denn unsre Blindheit hab' ich ganz durchwacht. - Ich denke keinen Himmel mehr, nur Mauer. - - - - - ERDENFAHRT - - - Jahrelang ist nichts geschehen, - Nur das Leben vieler Dinge, - Erd' und Himmel war zu sehen - Und des Himmels bleiche Ringe. - - Flatternd kann ich mich vergessen, - Wie ein Kind, wie eine Mücke. - Zeit und Ziel sind ungemessen, - Wenn ich in die Sterne blicke. - - Auf die Fahrt auf dieser Erde - Geht ein steter Regen nieder. - Wie ein Sein, das nichts mehr werde, - Sinken bald die Augen nieder. - - Alle, die im Kreise tanzen, - Die in Städten und auf Bühnen - Ihre Fahnen lustig pflanzen, - Können nur der Erde dienen. - - Jahrelang werd' ich die Stunden - Der Sekunden tief begehren, - Werde, ganz an mich gebunden, - Böser Liebling, mich zerstören. - - - - - NACHTGEDICHT - - - Ein Wind ist diese weite stumme Nacht, - Und diese Straße, diese Wüste schwebt, - Die ich so lange schon in mich hineingedacht. - - Ist Denken denn ein Trieb, der uns erhebt? - Er tötet alles, was in einer Brust - Lebendig war und blühend unbewußt. - - In welchen Kampf will ich mich schlagen? - Erfolg und Macht -- es ist doch alles leer. - Und Opfer sein? Wo nehm' ich Götter her? - - Vielleicht die Menschen aufwärtstragen? - Ich Narr! Ist Höherkommen denn schon je geglückt, - Da stets Unendlichkeit uns niederdrückt? - - Euch Menschen helfen, die ihr elend seid, - Wär' Wahnsinn. Helfen hilft nur falschem Schein, - Denn wo ein neues Glück, ist auch ein neues Leid. - - Stets in sein Selbst, wie an den Pfahl gebunden, - Bohrt sich dem Menschen neues Sehnen ein, - Wenn er Beglückung irgendwie gefunden. - - Ich aber fühle Leere im Gesicht, - Zu müde wird es mir, als daß ein Glück - Noch jemals Kraft erlange meinem Blick. - - Ich will nicht traurig sein und glücklich kann ich nicht, - So bin ich nichts -- und fühle manchmal nur - Die kleine Lust zu einem Nachtgedicht. - - Und wie an einer Schnur - Geh ich den Schmerz entlang, - Der diese Welt ist und ihr Müßiggang. - - - - - DIE UNGESTILLTEN DER SEELE - - - - - RITTERNARR - - - Zu eng ward ihm der Raum der Daseinsfristung: - So stieg er auf sein Roß und ritt die Erde, - Der finstre Ritter in der grellen Rüstung -- - Gefolgt von einer dürren Menschenherde. - - Er ritt und ritt und suchte die Gefahr - Voll Angst und Qual, voll Mut und hellen Flügen. - Das ekle Dasein, das so heimlich war, - Wollt' er mit seinem eigenen bekriegen. - - Er nahm sein Schwert und hieb es in die Luft - Mit solcher Wucht und starrem Widerwillen, - Daß in der Welt vor ihm sich eine Kluft - Zu öffnen schien, um seinen Haß zu stillen. - - Und als er lang genug das All durchquert - Und sah, es werde wohl vergeblich sein, -- - Da hielt er an, und stieg von seinem Pferd, - Und setzte sich auf einen nackten Stein. - - Und stierte in den blinden Dünsteraum, - Als wollt' er dem Lebendigsein entsagen; - Und stierte in den düstern Wolkenschaum, - Als wär' nichts mehr zu sagen noch zu fragen. - - Die Wolken tanzten silberschwarz wie Särge - In seinen Augen, die voll krankem Schauer - In schwüle Luft anschwollen: so viel Berge, - Sie lagen ihn zu töten auf der Lauer. - - Die Leute hoben ihn in einen Karren - Und fuhren ihren Held aus seinen Schmerzen - Zum Thron. Dort zündeten ihm seine Narren - Vor Glück die spitzen Finger an wie Kerzen. - - - - - GANG ZUM SCHAFOTT - - - Ein Menschenkreis umstellt das Blutgerüst - Und hungert nach dem Folterakt der Köpfung -- - Da kommt der Mörder. Und sein Leben ist - So bleich wie die unendliche Erschöpfung. - - Nichts wollen seine hohlen Züge sagen. - Er litt -- bis an den großen eignen Knochen - Es nichts mehr gab für ihn, um dran zu nagen. - Die Augen liegen tief wie ausgestochen. - - Stumpf geht er. Plötzlich klingt die Sünderglocke - In dünnem Strahl, wie Lachen hell und kalt. - Da hat noch einmal an dem Sträflingsrocke, - Kurz wie vom Blitz, sich ihm die Hand geballt! - - - - - AHASVER - - - Mir hat die Welt auf meinen weiten Zügen - Viel Lust geschenkt. Ich hab' sie stumm vergraben - In meinen Augen -- die stets hungernd liegen. - Mich sättigt nicht, was mir die Menschen gaben. - - Ich kann nicht ruhn, ich muß die Erde messen, - Glühendes Folterrad an meinem Leibe -- - Erst dann wird Glück, wenn ich die Gier vergessen - Und wie ein Fels erkaltet stehen bleibe. - - - - - JUNGER KÜNSTLER - - - Kommt keine Sonne über meine Augen, - Die, noch so jung, schon hohl wie Gräber lagen? - Ich will den Freund mir aus den Büchern saugen, - Die meine früh gepreßten Qualen tragen. - - Und wie gedrosselt stockt mein tiefes Weinen - Nach Armen, die ich um die Schultern führen - Wollte, ganz dicht. Auch nicht das tiefste Weinen - Löst meinen Leib aus seinem großen Frieren. - - - - - DER DENKER - - - Ich weiß nicht, was ich bin. Mein Weg läuft schief - Um mich herum, ein wirres Kreiselspiel. - Mein Denken, das zwar immer nach mir rief, - Sagt mir nicht, was ich bin, sagt mir kein Ziel. - - Nie kann etwas in mir mich ganz begreifen. - Denn wie begriffe ich dies Etwas dann? - Ich kann Begriffe auf Begriffe häufen: - Und wo man aufhört, fängt's von neuem an. - - Wo münde ich, wo ist mein Urbeginn? - Stets bleibt ein Rest beim Spalten und Umspannen. - Blöd scheint der Schrei nach all des Daseins Sinn: - Alldasein ist durch Denken nicht zu bannen. - - Können wir nichts als endlich wahr erkennen? - Wir wissen nicht, ob wir Bestimmtes wissen. - Wir dürfen immer nur so weiterrennen, - Wie Blinde fressend, hungernd und zerrissen. - - Und stets die Frage, die sich selber fragt - Nach etwas, das man ist und hat und hält! - Es ist das Klagen, das schon nicht mehr klagt: - Nicht als nur da zu sein und ohne Welt. - - Sonne ist Nacht, denn Freude ist nicht mehr! - Was könnte ich mit Freude mir gewinnen? - -- Doch der, der fragt: ist jede Fülle leer? - Kann der denn jemals in ein Nichts zerrinnen? - - Man lebt, ja, Haß in Menschen und in Herden, - Als sei's ein Wert: größer zu sein als klein. - Wer reicher wird, muß arm an Armut werden, - Wer ärmer wird, wird reich an Armut sein. - - Streck' ich mich noch? Ich Wurm. Was ist in mir, - Das je sich selber überragen könnte? - War je ein Mensch, war je ein wildes Tier, - Das (wie ein Gott!) sich von sich selber trennte? - - - - - CLOWN - - - Ich taumele in einem wirren Traum, - Da ich doch nie mit mir am Ziele bin. - Wie meine Krause bin ich nichts als Schaum, - In hellen Farben schillernd ohne Sinn. - - Ich falle einen langsam steten Schritt, - Wobei ich jedes Bein für sich betone. - So schlepp' ich mich herum, und jeder Tritt - Ist wie der Ausspruch, daß es sich nicht lohne. - - Doch niemand ist, der mich voll Trauer wähnt - Und Lüge sieht in meinem Lachgebell. - Und daß dahinter eine Sehnsucht stöhnt, - Merkt niemand, denn ich scheine froh und hell. - - - - - ALTERNDER MIME - - - Ich stürmte jung voll Freiheit auf die Bühne, - Berauscht von Sternen, die ich hell erdacht, - Daß ich der Erde wie ein Herrscher diene, - Dem Kampf der Liebenden in Sturm und Nacht. - - In qualzerrissne Sinne wollt' ich dringen, - Mein wildes Wort und Sonnenjubelspiel, - Es sollte einen neuen Traum erschwingen - Für Menschenlust und Erdenmitgefühl. - - Es mag geschehen sein, was ich gewollt, - Die Freunde haben meinen Kampf geteilt. - Doch selber, scheint es, hab' ich mich vertollt - In Nichts, ob ich gejauchzt, ob ich geheult. - - In Trauer mußt' ich meine Frohheit schminken: - Nun fühl' ich kaum noch meines Lachens Sinn. - Es ist so leer, wenn mir die Leute winken, - Da ich vergessen habe, wer ich bin. - - Mir dünkt jetzt nur noch eine einzige Geste - Als wahr. Nicht, wenn ich eine Frau liebkose, - Nicht, wenn ich küsse, tanze und mich mäste -- - Nur die, wenn ich die Menschen von mir stoße. - - - - - DER KRANKE SÄNGER - - - Wo nehm' ich die Geduld her für mein Leben? - Der Giftschwamm wuchert und zersaugt die Brust. - Mein Blick ist stumpf und hohl dem Tod gegeben. - Zertreten liegt die heitre Sängerlust. - - Wie anders früher! Als sich mir die Bühne - Zur Welt geweitet und die Menschenklänge - Noch voll aus mir erströmten -- wie die kühne - Gewalt des Gottes, siegende Gesänge! - - Nun stöhnt so heiser, mühsam, ohne Wert - Mein matter Leib, der kaum sich aufrecht hält. - Vom Fraß der Blutbazillen ausgezehrt - Wankt mein Gerippe im Geröll der Welt. - - O könnte ich nochmal die Stunde küssen, - Da sich der Tag hell in den Himmel schwang, - In Segel tauchen, blühend hingerissen - Vom eignen Spiel und liebenden Gesang. - - Und könnt' ich einmal noch die Bilder wecken, - Die mich wie milde Farben überliefen --, - Aus meinen Gliedern auf den Aufruhr schrecken - Mit jenen Stimmen, die unendlich riefen. - - Doch dieses ganze Sehnen ist vergebens, - Erinnerung bedeutet größere Not. - Die unerfüllte Fülle meines Lebens - Wird immer ausgehöhlter für den Tod. - - - - - AKROBAT - - - Ich zieh' mit stumpfen Eltern und Geschwistern - Von Stadt zu Stadt auf jeden Jahrmarktsrummel. - Ich bin der dürre Gliederclown, und lüstern - Begafft die Menge mich verbrauchten Stummel. - - Wie Schlangenwirbel muß ich mich bewegen, - Da ich zerbrochen bin und viel geteilt. - Ich mußt' von Kind auf mich in Fratzen legen - Und aus den Wunden schrei'n, die niemand heilt. - - Wenn stolz ich aufrecht stehe -- lüge ich. - Ich turn' am Reck und bin zum Tod bereit - Ganz wie am Galgen. Oftmals träum' ich mich, - Als sei mein loser Leib wie Sand verstreut. - - - - - ZIGEUNERLIED - - - Wir sind die mageren Zigeunerkinder. - Wir tanzen Seil und biegen jedes Stück - Des jungen Leibes krumm. Und immer blinder - Stellt sich die Welt zu unserm dürftigen Glück. - - Wir sind gedorrt und bleich vom vielen Hoffen, - Vom vielen Wandern schmählich abgezehrt; - Und nirgends haben wir aus all dem schroffen - Applaus ein liebend gutes Wort gehört. - - Kein ehrgerechter Zorn darf uns erhitzen. - Wir müssen lächeln, wenn man uns verlacht. - Wir müssen singen, springen, klingen, schwitzen -- - Und alle Tage sind wie schwere Fracht. - - Auf unsern Rippen spielen wir die Harfe. - Die Leute lauschen, wie es knackt und bricht. - Doch dieses Knochenspiel ist bloße Larve. - Dahinter wühlt ein Meer. Das sehn sie nicht. - - Wollt ihr an unseren Skeletten schürfen? - Wozu? Das Knabbern stillt nicht eure Lippen. - Hier ist kein Fleisch, und Blut ist keins zu schlürfen. - Hier ist nur Meer, das ihr nicht seht, und Klippen. - - - - - MEERFAHRT - - - Ich war noch jung, und konnte schon das Land - Nicht mehr ertragen, da es von bigotten - Bewohnern starrte, unbewegt. Am Rand - Von Aschenhügeln schien man hinzutrotten. - - So suchte ich das Meer -- und fand es ganz! - In düstertiefer Pracht, verwühlt und wild, - Dann wieder friedlich gleitend, in den Glanz - Der Sonne eingeflossen, tief und mild. - - Für meine Nacktheit hatte ich als Hülle - Den Himmel nur. Ich brauchte mich nicht bergen - Und kleiden wie die Menschen, deren Fülle - Am Stein der Stadt verkümmert wie bei Zwergen. - - Ein heller Segler war mein Eigentum - Und außer ihm die kühne Himmelsweite. - Der jungen Freiheit unbegrenzter Ruhm - Schien unvergänglich wie das Weltgezeite. - - Ich stand am Bug und dehnte meinen Leib - In glühnder Kraft tief in die Luft hinein. - Wie hingejubelt war ich an ein Weib, - Erschauernd süß im Welt-Umschlungensein --. - - Da trieb ein giftiger Wind mich an das Land -- - Gleich kamen Menschen, meinen Stolz zu lähmen - Mit Hohn. Ich warf mich weinend in den Sand - Und fühlte mich der nackten Reinheit schämen. - - - - - DER BERUFENE - - - Am Fensterrahmen wie ans Kreuz geschlagen - Liegt schwer mein Kopf. Ich fürchte ein Erdrücken. - Ich muß den Himmel auf den Schultern tragen, - Die tief verirrten Menschen zu beglücken. - - Ich sinne, wie die Wege sich verlaufen - Und sich verkreuzen, wenn ich, um zu lehren, - Auf ihnen folge dunklen Menschenhaufen -- - Die sind zu starr, um je sie zu bekehren. - - Die enge Erde scheint ein Widersinn, - Da ich das grenzenlose Dasein trage. - -- Ich selber glaube kaum an Glückgewinn, - Der ich die Erde mit Beglückung plage. - - Ach, darf ich nie wie eine Barke gleiten, - Mit mir im Tanz, beruhigt, frei vom Zweifel? - Stets fühl' ich Köpfe nach verschiedenen Seiten - Aus meinem Hals sich recken wild wie Teufel. - - - - - NIETZSCHE - - - Was will die Zeit der aufgestürmten Tage, - Daß aus den Werken ihrer Söhne werde?! - Wenn sie ersticken in der eigenen Klage, - Im Elend der Unendlichkeit und Erde. - - Ein Dichter sang! Und wie aus Orgelkehlen - Erströmten Gärten blühender Musik -- - Doch heimlich schwoll der Neid der düster Scheelen, - Die ihn solange höhnten, bis er schwieg. - - Und immer schwerer ward die Nacht der Tücke. - Wo blieb der Jubel von den treuesten Jüngern? - Er fühlt jetzt um sich her zu weiter Lücke - Die Menschen, die ihn liebten, sich verringern. - - So steht der Gott-Mensch in der Welt umher, - Ein Schöpfer, den die Schöpfermacht enttäuscht. - Was soll er schaffen, wenn das Erdenheer - Doch jeden Helfer wütend blind zerfleischt? - - Schon wirft das Volk ihm Steine ins Gesicht, - Volk eines Lands, dem seine Größe gilt. - Und jedes Wort, das sein Gedanke spricht, - Verstummt im Sturm, der heulend ihn erfüllt. - - Er eilt, und flieht das lebende Gewimmel, - In fernes Felsgebirg, sein eigner Feind. - Da stößt er Tränentöne in den Himmel, - Ein Kind, das nichts mehr weiß, als daß es weint. - - - - - DER ANACHORET - - - Menschersehnend, Menschenhasser, - Riegelt mich mein Willens-Ring. - Stets vertrübt wie Tümpelwasser - War der Tag, in dem ich hing. - - Erdgebunden, dennoch suchte - Himmlisches mein Höhlenblick. - Alles, was ich oft verfluchte, - Weinte ich mir oft zurück. - - Sehn' ich mich aus meiner Sperre - In ein Tummeln mit Gespielen: - Sind die Ketten, die ich zerre, - Fast willkommen meinem Fühlen. - - Denn die Angst des Ruhverlustes - Hemmt den Traum, mich auszuschwingen. - Und mir bleibt ein stumpf bewußtes - Liederdenken ohne Singen. - - Wenn auch, Sonntags, Menschen kommen, - -- Kommen nur, mich anzugaffen: - An dem Steinbild eines frommen - Narren steht ein Knäuel Affen. - - - - - DER GÜTIGE MENSCH - - - Guter Mensch; du rührst an deiner Saite, - Die wie ein Licht leidend in dir glüht, - Wie eine Bitte, um die du bittest, - Leise und singend träumerisch, - Rührst du die Güte einer ganzen Weite. - Und wo dein Fühlen erblich - Vor Schreck, als du das Nichts im All - Schaudernd erlittest: - Da blieb kein Wall, - Der das Ergießen der Traurigkeit - Noch hemmen könnte. - - Dein Auge aber ist so schön - Vom Glanz der dunklen traurigen Macht, - Daß der Raum zittert wie Vogelstimme - Vor Lust für dein Leid -- - Daß er zittert, als wollt' er zerbrechen. - Du weißt, auch das Unglück muß, - Muß wie ein bestraftes Kind. - Und deine Lippen, blühend bleich, - Ohne zu küssen, ohne zu sprechen, - Sind Klage und Kuß. - - Du siehst den Fremdling an - In flehender Geduld; - Tief verwundert, verwundet dich sein Lachen. - Und du möchtest dann, - Als sei alles, was ist, Schuld, deine Schuld, - Noch das Gute wieder gutmachen. - - - - - WIR STERBEN DAS LEBEN - - - - - KRANK - - - Die Leichentücher können mich nicht hüten, - Die Kissen, die wie weiße Spiegel blenden, - Sie helfen nur die Augen mir entblüten -- - Mein Kopf wird leer, ein Kranz von hohlen Händen. - - Warum hat man die Brust mir so gefeuert? - Mit meinem Schrei will ich euch niederstechen - Oh, alle euch, die ihr voll List erneuert - Das Blut des Lebens, furchtbar zum Erbrechen. - - - - - AUFSCHREIENDER KÜNSTLER - - - Hingeworfen bin ich in Welt! - Kühnheit und Zerrissenheit! - Doch mein So-Wildsein ist Traurigkeit, - Nur Finsternis ist erhellt. - Was kann uns unendlich heben? - Nichts. Wir altern immer, sind nie gesundet. - Wir sterben das Leben, - Alles Leben ist tödlich verwundet. - - Doch ich habe ja Kühnheit in mir! - Ich könnte ja kühn sein! - Wohin aber können wir - Aufjauchzend streben? - -- Es ist dumm, kühn zu leben. - Alle Pyramiden sind Wahnsinn und Stein. - - Zerfetzt die Schönheit in meinem Gesicht! - Ach, alle Hände sind zu zahme Tiere. - Ich will mein verblühendes Blühen nicht! - Leben ist Aas, mit dem ich mich beschmiere! - - Lach' ich über mein Atmen? - Ich sollte besser Stein sein. - Doch einmal jetzt muß ich noch schreien - Aus dieser Erde heraus, dieser Grube, - Und mit Knochen und Gebeinen - Mich hinwerfen und schreien!! - - * * * * * - - In die Wände meiner engen Stube - Will ich mich weinen. - - - - - TRÜBE LUFT - - - Wach auf! Aug' über dem Tag! - Wundes Vogeltier, müde zum Schlag. - - Aug' ist ohne Blick, Welt ohne Blick, - Mensch kann nicht mehr auf, ist nur ein Stück. - - Könige, thront ihr auch, seid nur Gewimmel, - Punkte überall, Kreise und Himmel. - - Hoffen zerflog in Luft, Menschelein hilf! - Schlacke schuf ein Schalk, Chaos und Schilf. - - Qualen sind im Schlamm, Kraft ohne Mut, - Feuer flackt und ertrinkt im hohlen Blut. - - Was uns ist, ist nicht, zieht immer vorbei, - Jedes Ding ist morsch und dennoch neu. - - Schultern biegen sich gähnend zurück, - Immer wimmert ein Greinen um Glück. - - Wach auf! Aug' über dem Tag! - Wundes Vogeltier, müde zum Schlag. - - - - - DUDELSACKWEISE DES STERBLICHEN - - - Ins Grau des Tages bin ich hingestellt. - Die Lebensstraße ist im Staub ein Strich. - Allglück zerstürzt in die Novemberwelt. - Nie war ein Blühen, das nicht bald erblich. - - Das Himmelsfenster kann ich nicht zerschlagen. - Ich bin versperrt. Ich kann nur Schritte tun. - Ich muß wie einen Sack mich weitertragen, - Muß nachts im Bett wie eine Leiche ruhn. - - Mein Tod bezuckt mein Dasein heimlich fern; - Er grinst in meinen Rücken sein Plaisir: - Wie man sich schindet ohne Ziel und Kern - Im Sterbetaghemd -- niemand weiß wofür. - - Man trippelt sich die müden Sohlen wund - Am Gängelband des Lebens. Gram und Graus - Und Lust und Last sind täglich der Befund. - Wir sind in Uns und können nicht heraus. - - Wir können nicht die Erde höher heben. - Die Frage krächzt: Was soll der Wille wollen? - Wir blicken nichts vom Leben als das Leben. - Wir sind die Erde, fahrend und verschollen. - - - - - ERMATTUNG - - - Der Tag war schwül. - Ich schließe meine Augen wie ein gelebtes Buch. - Die Bilder sind zu Ende, - Zu wenig und zu viel -- - Ich bin nur noch der Fluch - Aus einem Zorn. - Und keine Wende wird sein, - Die wie ein helles Horn - Zum Aufschwung bliese -- - Ich klage wie ein Riese - Und bin klein. - - - - - VERNUNFT - - - Zerrissen ist das Tiefste, das wir sind, - Und dennoch nur mit seinem Selbst vereint. - Solch Leid hat keine Tränen ... wie ein Kind, - Das am Ersticken ist, bevor es weint. - Das Niedrige ist nichts, das Große ist zu groß, - Die Weisheit sagt: Hoffen ist hoffnungslos. - - Wir sind des Lichts umnachtete Begleiter. - Ist nicht das Leben wie ein Gnadenbrot? - Ob Ja, ob Nein: Es reißt und peitscht uns weiter, - Das All des Glücks versagt sich unsrer Not. - Und ob wir weinen oder traurig lachen: - Wir können uns nicht ungeboren machen. - - Auch kühnste Trunkenheit ist nicht Erfüllung. - Was nutzt das bißchen Zuversicht der Brust? - Der höchste Himmel selbst ist nur Umhüllung - Von fahlen Dingen, keine Götterlust. - Die Schöpfung ist ein Zirkel, irr umkreist, - Ein Schattentanz, der keinen Ausweg weist. - - - - - O ERDE! - - - - - NACHTGESANG - - - Falle in des Himmels Nacht, - Glühend in die Schlucht der Straßen, - Schmerzenlichter sind entfacht, - Greller, als Drommeten blasen. - - Nirgends, wo ich knieend bliebe; - Gleite über weiche Steine; - Unerlösbar ist die Liebe, - Die ich in der Stadt verweine. - - Zückt nur, Lichter, nach dem Müden, - Bis ihr all' ihn umgebracht! - Ach, mein Sinn weht in den Süden - Mit den Wogen dieser Nacht! - - Dort erfüllt den Himmel voll - Ein geliebter Sternenbund, - Küsse träum' ich tief und toll - Meinem liebebleichen Mund. - - Liebste, daß ich sinken werde, - Wußt' ich, da ich dich nicht fand. - Nach dem Schiffbruch dieser Erde - Spült das Meer mich an den Sand. - - Wär' doch die Umschlingung mein - In den Sternendiademen! - Immer ist das Erdensein - Ein umarmtes Abschiednehmen. - - - - - ES WIRD EIN TRAUM - - - Es wird ein Traum aus dem, was Tag noch war. - O süßer Abend, der die Augen küßt! - O Lichterschmuck, Musik und Harfenhaar! - Verzückte Stadt, die wie ein Weihnachtsbaum beglitzert ist. - - Ein Lieben ist im tummelnden Bewegen. - Viel' Frauen, nackt in Kleidern, ziehn vorbei. - Das Gold der Sterne ist wie goldner Regen. - Die Erde, die ihr Nachtfest fahrend feiert, atmet frei. - - Und unsrer schlanken Körper müde Führung - In Straßen, die wie Flüsse nächtlich glänzen, - Ist wie ein Mädchen träumender Berührung - Mit junger Nacht und Glück und Rausch von ferngefühlten Tänzen. - - - - - HYMNE - - - Wenn hoch ein Stern die Tempelnacht beglüht: - Hält nicht die kleinste Hand den Allpokal? - Ist's nicht ein einziger Strom, der heimwärts zieht - In Grotten leiser Wasser ... traumhaft wie Opal? - - Mein Musikant und deiner -- alle geigen - Den Linienrausch, der raumlos uns verführt. - So löst sich unser Halten in den Reigen, - Der an die ewige Verzückung rührt. - - Schämt euch des Weinens nicht! Ihr seid ja Kinder! - Ein Lächeln ist im Tränenregenbogen. - Vieltausendmal geküßt sind eure Münder - Von Liebsten, blühenden in Welt und Wogen. - - - - - DAS HEIMATZIMMER - - - Nun bin ich wieder heimgekehrt, - Dort draußen war die Angst der Welt; - Hier innen hat sich nichts vermehrt, - Blieb alles ruhig aufgestellt. - Und oben, hör' ich, spielt man noch Klavier, - Jungsanfte Hände schweben über mir. - - Ich bin in meinem treuen Bett, - Will lesen wie vor weiter Zeit. - O liebes Glück! Ein Amulett - Ist jede kleine Einzelheit. - Ganz ferne schlagen Blitze um das Zelt, - Wo Haß und Hast und Schreigelächter gellt. - - Hier ist das Glück umfaßt geküßt! - Mein Unruhblut ist liebewach, - Als ob mich jemand küssen müßt', - Als stellten Menschen tausendfach - Sich in der Liebe meiner Augen dar, - Als sehnt' ich Küsse für mein wildes Haar! - - Oft schien ich lebend eingebaut, - Oft weint' ich ohne rechten Grund. - Doch dieser Raum ist so vertraut - Wie ein geflüstert tiefer Bund. - In Bett und Gondel fließt der nächtige Schein - Und hüllt die Fahrt des weiten Lebens ein. - - Komm, Liebste, in das Nahgefühl - Von Welt und Menschen heller Nacht! - Die Leiber wogen im Gewühl, - Verheißung unerschöpfter Pracht. - O Melodie, die sich in Küssen neigt, - Die süß, in Glück verführend, uns umgeigt! - - - - - FRAUEN - - - Frauen sind das Vertrauen, - Wissende ohne Klügeln, - Wehende Schiffe dahin -- - - Fahrtverzückt im Erschauen, - Lächelnd in Buchten und Hügeln, - Trächtig von Sein und Sinn. - - Küssende Blicke führen - Glück der umarmenden Weite, - Schmiegen sich deinem Mund. - - Sehnendes Nahberühren - Glühen sie deiner Seite, - Gotteskindlichen Bund. - - Farben, trunken und golden, - Spiegeln sie in den Augen, - Leiten sie deinem Lauf ... - - Frauen sind reichende Dolden, - Lassen die Süße dich saugen, - Liebende himmelauf. - - Wo ihr Leib der Milde - Breitet Brüste und Hüfte, - Himmelwerden im Schoß: - - Da umfaltet Gefilde - Taumelnder Gärten und Lüfte - Unsere Seele groß. - - - - - DER HIMMELFLIEGER - - - Wund von Wundern und jung - Riß dich ein Rausch in die Höhe, - Daß im sausenden Schwung - Jubel und Ruhm bestehe. - - Nicht bedürftig der Erde - Schien dein stürmendes Steigen, - Auf die kriechende Herde - Sahst du aus höchsten Gezweigen. - - Sangst in die Sternäonen - All, was dein Eigen war, - Lachtest drohender Zonen, - Lähmender Höhengefahr ... - - Doch mit einemmal zuckte - Zitternd dein Leib und Blut, - Und die Kehle schluckte - Mühsam nach Luft und Mut. - - Und in rasendem Drehen - Fühltest du klemmende Not -- --. - Konntest nicht länger bestehen. - Luft ohne Staub ward dein Tod. - - In der Leere der Lüfte - Brach die Seele der Glieder. - In die Tiefen der Klüfte, - Tonlos, stürztest du nieder. - - - - - MYRTENKIND! - - - Ich umschlinge deine Hand und zerpresse alles Leiden, - In schmiedenden Küssen den angstwachen Traum, - Daß keine Tage mehr sind und kein Raum - Zwischen uns beiden. - - Ich zerküsse deine Lippen, deine Stirn, deinen Blick, - Daß Gärten erblühen und singen. Und die Wonne - Und Schöpfung der Welt kehrt zurück - Zum ersten Morgen der Sonne. - - - - - GEDICHT IM MAI - - - Ich dacht' es nicht, nie, daß ich so verzücke, - Wo Wiesen blühn wild in ihr eigenes Meer, - Die junge Sonne an Gesträuchen pflücke, - Die Luft, die Lust umarme und die Brücke - Der Erde leicht mich trage überher; - - ... und Flügel fühlend tausenden Gehäusen, - Der Unruh Linien findend ihre Bahn, - Entring ich mich, unendlich in den Kreisen, - Will Welt, dich, mich und alles an mich reißen, - Musik, wie Glaube glüht, ist aufgetan! - - Weinen vertraut, wo so Versunkenheit - Der Landschaft ist --, viel Farben führen, erwidern - Das Leid. Und Strömung, Jubel ist und weit - Geöffnet Flut großer Gemeinsamkeit; - Herr bin ich von Brüdern, Bruder von Brüdern. - - So zieht wie über alle Länder mein Blick, - Friede sinnend; tief in die Brust hinein - Atmet der Raum. Nichts bleibt verarmt zurück -- - Denn allen ist und alles Unglücks Glück, - Unter der einigen Sonne zu sein. - - Oft ging ich dumpf und blind; und hier ist Kunde, - Brausender Dom, Sieg der Sonne, und Segen! - Ich will nicht grübeln, warum. Meinem Munde - Fühl' ich Küsse entstehn, geweihter Wunde! - Zügle mein Hirn, o Gott, laß mir den Segen! - - - - - AN DEN ANDEREN - - - Du gehst zerschluchtet, Bruder, von tausenden Streiten. - Ich seh dich gehen, blicklos blickend, dunkel schwer. - Du kreisest die Erde, verfolgt vom eignen Begleiten: - Dein entmenschtes Gesicht ist Krampf im begrabenden Meer. - - Dein Höhlenleib heult in fleischzerpeitschtem Zucken. - Was du ersehnt, das Viele, einst jung, ist verloren. - Hell wolltest du herrschen, dann wieder dich demutvoll ducken: - So schienst du zum Führen nicht und nicht zum Folgen erkoren. - - Härte und Huld, erdstarken Aufstieg, aber auch Milde hast du - gesungen, - Gebietenden Geist und frei dennoch die menschenwogende Masse -- - Nun im Zerdenken des Ziels, bis das Licht, das dich lockte, in Dunst - verklungen, - Läufst du blind und entleibt von sich selbst fluchendem Hasse. - - - - - ICH DENKE EINEN FREUND - - - Schon will der Tag im Zimmer untergehn. - Mein Freund erzählt, in weite Linien blickend, - Von Wandernächten zu erwachten Höh'n, - Zeit überwindend, Räume überbrückend. - - Wir gehen aus und treffen in den Straßen - So viele Menschen, die uns nicht verstehn. - Wir wollen nicht in enger Hürde grasen, - Komm, laß uns zu den großen Bäumen gehn. - - Ich fahr' mit dir in den Botanischen Garten -- - Doch ist nicht jeder Weg ein Doppelsinn? - Fühl' ich nicht hinter mir Verlassne warten? - Mein Blut ist Flut in weiten Weltbeginn! - - Wir gehen zwischen großen Baumkulissen. - Hoch werden Wolken in die Nacht geschwemmt, - Um uns ist alles willenlos umrissen. - Wir sprechen laut und heiß und ungehemmt. - - Ich weiß, daß wir uns alles Dasein gönnen. - Die kleinsten Qualen darf ich dir erwähnen. - Wenn wir am innigsten uns finden können, - Ist das Beisammensein voll Sturm und Tränen. - - Den heißen Kopf in kühle Nacht geschmiegt, - Erdenkt ein neuer Mut sein Weltsignal. - Und wo der düsterhafte Druck zerfliegt, - Strahlt eine Weite auf wie ein Choral. - - - - - FÜGUNG - - - Der Abend erst hat meine Kunst gefunden, - Ich war entartet schon in meiner Müh, - Doch plötzlich durft' ich noch zum Licht gesunden - Am Vollgelingen meiner Melodie. - - Da ging ich schnell zu meinem Bruderfreunde, - Der auch in seiner Stube glücklich war, - Gleich mir den ganzen Tag verloren meinte, - Dann aber auch den hohen Sang gebar. - - Wir gingen aus, in Straßen still umher -- - Es war kein Gehen, eher noch ein Fahren - In Glück. Wir hatten keine Worte mehr, - Die Klänge nur, die fast frohlockend waren. - - - - - DUO - - - Saßen viele Stunden beide - Immer an der Türe Schwelle, - Du in deinem blauen Kleide, - Beide wie an tiefer Quelle. - - Hörten stumm und sahen wieder - Immer unsre Gegenbilder, - Waren seliger denn Brüder - Und noch inniger und milder. - - Süß bedrückt, um Worte mühend, - Sehnen war und kein Bewegen; - Und wir hätten uns doch glühend - In die Arme sinken mögen. - - Doch ich zitterte und fühlte, - Unheil sollte niederbrechen, - Wünsche, die ich mir erzielte, - Wollten mir das Herz durchstechen. - - Denn, noch ohne die Berührung, - Sprachst du schon das Abschiedswort; - Und wie außer aller Führung - Schwamm das ganze Leben fort. - - - - - DEM ENGEL DER ERDE - - - Noch rührt' ich nicht an deine Blütenhände, - Dein Bildnis zieht in flimmernden Gestalten -- - Ich aber geh' die Stube und die Wände - Und kann den Schritt an keiner Stelle halten. - - Denn alles ist wie aufwärts ausgegraben; - Wie Schlangen greif' ich in die Gegenstände - Auf meinem Tisch, und will doch gar nichts haben -- - Denn der Gedanke sucht nur deine Hände. - - Ihr Liebenden der Welt, wo soll ich hin? - Oh, daß die Jugend noch ein Jubel werde, - Die Mitternacht gekrönt und heller Sinn! -- - Wie Muscheln schallt die dumpfe Zaubererde. - - Ich glaube, darf ich je die Hände küssen, - Die deine Unschuld so unendlich wahrt: - Da, glaub' ich, bin ich wie vom Glück zerrissen, - Ein seliges Opfer nach der weiten Fahrt. - - - - - ABENDGANG - - - Des Tages Hirn wird dunkel und verdorben, - Die Häuser blutleer und wie stille Leichen. - Schon ist in mir auch vieles ausgestorben, - Und nichts Bestimmtes will ich mehr erreichen. - - O weiche Melodie der Müdigkeit, - Bist du das Gift, das mich so ruhig macht? - Ich geh', für alle Menschen jetzt bereit, - Mit halb geschlossnen Augen in die Nacht. - - - - - AUFRUHR DURCHWÜHLT DEN GÜTIGEN GEIST - - - - - LIED AUS DER NACHT - - - Ist mein Bett das wilde Schiff, - Das in stürzenden Kreisen dreht? - Ist die Wand verstrickend das Riff, - Das krächzend entgegensteht? - Doch draußen weit ist Meer und die Welt, - Der göttliche Gesang! - Ich komme, ich komme! und bin euer Held! - Und bleibe euch treu mein Leben lang. - - Funkelnd richt' ich mich auf, - Noch verlassen wie ein Stern. - Doch im Fenster der Himmel dort - Ist Weg und Gewähr, - Und über alle Maßen fern - Zieht der Begierde zitternder Lauf - In das brütend dunkle rauschende Meer. - - Hell ruf' ich die Nacht zum Schwert. - O du endlich gefundene Tat! - Ich selbst mein Geleit und heiliger Wert, - Der zwingend menschengütig naht. - Ja! Hier ist Meer und Welt, - Der göttliche Gesang! - Ich komme, ich komme! und bin euer Held! - Und bleibe euch treu mein Leben lang. - - - - - DANK - - - Man dankt mir viel und drängt mir Worte auf - Und Arme voll von Händen ... Stets war's noch - Ein gleicher Arm, steif wie ein Flintenlauf, - Aus dem die Hand wie eine Zunge kroch. - - Was soll mir euer Dank so kalt und stier, - Er reicht doch nie an mein Gefühl heran: - Das ist so glutvoll tief und wild in mir, - Daß nur das tiefste Sehnen nahen kann. - - O könnt' ich selber einmal Dank verkünden, - Ich wollt' die Hand zerdrücken, die ich hielte, - Und würde wogend solche Worte finden, - Daß jede Ader ihre Strömung fühlte! - - - - - BESINNUNG - - - Du bist der Himmel und das Grab, - Verträumter Geist, der mich belebt. - Ich weiß nicht recht, wo ich mein Schicksal hab', - Oft hab' ich wie ein Schatten nur gebebt. - - Das Erdensein ist der Versuch, - Das Land des Glückes zu entdecken. - Das Menschenleben ist ein Knabenbuch, - Den Schlaf der Wünsche strahlend aufzuschrecken. - - Am heimlichsten ist unser Ich, - Nur blitzend wie ein Blitz, der schon erlischt. - Die Bilderdinge rühren dich -- - Sind wir dem All, dem Nichts vermischt? - - Das Leben hat nur in sich selbst den Sinn - Und im Vertrauen in den eigenen Rat. - Das ist die Antwort auf dein Wort »Wohin«: - Zu dir, zu deiner Höhe, deiner Tat. - - - - - KNAPPE VOM BERGWERK - - - Ist Jugend kranke Armut? - Ist das geweinte frühe Leben - So ohne jedes süße Gut, - Schon hingesunken, ohne sich zu heben? - Was will die wilde Stadt, - Die mir im Ohr erdröhnt? - Schon hab' ich mich zu Tode matt - Nach Menschen hingesehnt: - Nach einem Inbegriff, - Der überm Schmerz besteht - Und nicht wie Wellen an dem Riff - Der schwarzen Erde stumm verweht. - - Und dann, dann kam der Qualm, - Der in der Höhlen sielt, - Und losch den Blütenhalm - Und Blick, den ich noch aufrechthielt. - Dann immer neue Wolken und die Nacht - Und Regen, Grauen und die letzten Schauer -- - Jetzt sind nur unermeßlich noch der Schacht - Und meine große Angst auf ihrer Lauer. - - - - - DER VERURTEILTE - - - Am Morgen kam seine Mutter. - Sie saß den ganzen Tag bei ihm. - Er kniete an ihrem Schoß, - Weinte in ihr zärtliches Kleid, - Lachte in ihre küssenden Hände, - Und weinte; - Hätte den ganzen Körper - In sie hineinweinen mögen. - Sie war ihm so hell wie ein einziger Stern. - - Sie sprach: Mein Kind, - Mein liebes Kind. - - - - - DER GEKERKERTE - - - Die tiefe Mauer, die mich starr umstellt, - Ist wie das Grab der Gräber. Hartes Stein- - Gebilde ist der Mensch; mir gönnt die Welt - Auch nicht das kleinste Tröpfchen Sonnenschein. - - Es beugt sich niemand, mir in meinem Kerker - Die dunkle Stirne himmelhell zu küssen. - Und meine Wünsche werden immer stärker, - Wenn sie so langen Tod erleben müssen. - - Und manchmal träume ich von einer Rache, - Nach der dann wie verglast die Hände langen -- - Doch wenn ich zuckend wieder bald erwache, - Bin ich umengt von Mauern wie von Schlangen. - - - - - NAPOLEON - - - Himmel! Sinke den Augen! - Ich bin zwar blind und überdeckt, - Doch noch nicht blind genug in meinem Haupt: - Mein Blick will Menschen saugen, - Hat Tausende hingestreckt. - Was ich dem Trieb verbiete, - Hat sich mein Trieb erlaubt. - - Wer trug die Kraft in mein Gehirn? - Wer gab mir Macht und Können schwerer Schlacht? - Wer die Idee? -- Ich schlage mir die Stirn; - Ich will nicht Krieg und Mord, - Nicht Krieg, nicht Krieg, - Nicht Mord! - Ich sehne den Sieg! - - In meiner Stirn ist ein Adler, ein Geier, - Rasend mit den Flügeln vor Ungeduld! - Schweige, Tier! Ich fühl' es wie Schuld: - Über der Vernunft ist ein Schleier. - - Ich bin von der eigenen Kraft zerrissen. - Völker, Volk, Frankreich, - Ihr seid in meinem Blut; - Ich blute mit euch, - Mit dem Reich; - Ich opfere, zum Ruhme gesandt, - Euch das heiligste Gut, - Mein Gewissen. - - - - - JUNGER SOLDAT - - - Schon heult die Nacht. Die Schlacht brüllt auf und brennt. - Bald sind auch wir nur Fetzen. - Noch in Reserve unser Regiment. - Wir warten entseelt in Entsetzen. - - Brach wirklich hin, was kaum noch blühend sang? - Für wessen Habsucht-Rachen? - O Gott! Warum der viehisch rohe Zwang, - Totschlag und Qual und Nieerwachen! - - Wer ist mein wahrer Feind? Ich wurde Knecht - Nur durch den eignen Staat. - Sind aber Ruhmgier, Raubgelüst im Recht? - Jung sink' ich hin, jung ohne Tat. - - Mai, Juni, Juli, Monate der Blumen, - Werd' ich euch wiedersehn? - April ist jetzt. Heut' soll noch in den Krumen - Der Erde all mein Herz zergehn. - - Ward die Geduld der Jugend und Gefahr - So hinterrücks belauert? - Muß Strafe sein, wo keine Sünde war, - Wo nur ein früh Sichsehnen schauert? - - Liebst du mich nicht, Macht meines Vaterlands, - Daß du mich niedertrittst? - Nur um der Feldherrn willen und des Stands, - Der eitel waltet und besitzt. - - Sind nicht auch wir wie ihr ein Heimatgut, - Wohl wert auch, daß es bleibt? - Verachtet ihr uns so und unser Blut, - Daß ihr uns auf die Schlachtbank treibt? - - O Heimatland, das liebste, das ich wüßte, - Des Lebens tiefster Lohn, - Entweichst du mir? der dich geküßt so küßte - Wie nur dein innigst junger Sohn. - - Du Freundeland, Land heißer Jugendbriefe, - Zu Tränen reißt du hin, - Du singst die Sprache meiner trunknen Tiefe: -- - Und du erfüllst nicht ihren Sinn. - - Kehr' ich noch heim? Und wie? Zerschlagen, krumm, - Ein Krüppel, blind -- ganz blind? - Hier ist kein Aufschrei mehr, nur kalt und stumm - Ist Schutt und Dunst und Todeswind. - - Muß wirklich so die Pflicht erniedrigt werden, - Um fremden Glanz zu gründen? - Ist denn die Sonne nicht genug auf Erden? - -- Oder war ich voller Sünden? - - Ich darf nicht länger von mir selber wissen, - Schon hör' ich das Signal. - Ich muß, muß, muß, und kann nur immer müssen, - Und selbst zum Mut bleibt keine Wahl. - - So zieh ich fort, erloschen und verloren. - Wohin? Nirgendwohin. - Das Ewige ist tot. Ich ward geboren - Für meinen Mord und toten Sinn. - - Lebt wohl! Ich will nicht allzu feindlich scheiden -- - Daß nicht zum Fluch noch werde, - Was eine Jugend war voll milder Leiden. - Lebt wohl! Ach! Mutter, Brüder, Erde. - - - - - DER KRIEGSBLINDE - - - Nicht mehr die Lust - Des Taumelns im Getriebe; - Nicht mehr voll Macht die Brust, - Voll Ruhm und allgeliebter Liebe; - Nicht mehr das Singen, Stürmen in den Himmel, - In wilder Wiesen blühendem Gewimmel, - In der Gebüsche grün verschlungnem Blühn; - Nie jubelnd mehr das weite Land durchziehn; - Zu nichts mehr als zum Erdbekriechen taugen; - Nie mehr die Düfte einer Welt einsaugen: - -- Verloren irgendwo auf dürrem Pfad - Steht der Soldat - Mit den zerschossnen Augen. - - Er geht und macht nach jedem Schritte Halt. - Was soll er gehn? - Die Welt ist dumpf, ungütig kalt - Wie schweres Winterwehn. - Geräusche hört er hohl vorüberrauschen; - Sein Hirn erstickt im Denken an ein Glück. - Er will mit seinem Kopf der Sonne lauschen: -- - Der Alte Wahnsinn krallt ihn im Genick. - - Er weint in seinen Leib. - O süßes Weib, - Mit Blumen, Blüten, Kränzen im Haar, - Mit Tanz und Spiel, - Umschlingendem Gefühl, - O alles, was im Licht voll Liebe war! - - Viel Tausende mit ihm - Zerschlug die Schlacht und ließ sie leben. - Sie waren jung, in frohem Ungestüm, - Voll Wille wollten sie die Welt erheben. - Nun schleppen sie den Leib wie eine Fracht, - Die niemand will, - Erstarrt und still - Von Nacht zu Nacht. - - O käme Mord in diesen Qualenschacht! - Ein Gnadenstoß - In das verdammte Menschenlos, - Das ihr zum Vieh-Dasein gemacht. - Mord ist nicht grausam, wäre willkommen jetzt, - Wo ein zerwühltes Nichtsmehrsehn - Die Sinne folternd fetzt! - O käm' ein unbegrenztes Untergehn! - - - - - ERBLINDUNG - - - Nie faßt ihr sehend Seligen den Trug - Und Jammer, den die Blindheit birgt; - Daß, seit mich die Erblindung niederschlug, - Ein Heulschrei immer meine Kehle würgt. - - Seht her, wie wild verfiebert ich noch schwitze, - Da ich vom Sonnenuntergang geträumt. - Sah ich's denn nicht, wie eine goldne Litze - Blaugraue Hügelwellen schön umsäumt? - - Ich sah's und sah es nicht, -- und seh es nie. - Es war das Wahnsinnslachen meiner Trauer. - Ich bin im engen Stall der Welt ein Vieh, - Die Luft ist steinig dick wie eine Mauer. - - Nacht oder Tag: ist all in eins verjammert, - Da solch ein Leben ohne Leben ist. - Mich hält das tiefste Grauen tief umklammert, - Das langsam sicher meinen Leib zerfrißt. - - - - - DIE PHALANX - - - I - - Was bleibt dem Menschen, wenn nicht ein Erbarmen, - Das wundertätig greift in Angst und Stöhnen? - Ihr Mächtigen der Welt, von Millionen Armen - Seid ihr umfleht nach Hilfe und Versöhnen. - - Noch sind die Ebenen von Qual und Qualm vernebelt. - Noch herrscht peitschlustig eine Dünkelbrut, - Die jedes Aufschwung-Atmen niederknebelt, - Verliebt in ihre eigne Wüstlingswut. - - Kein Schimpf beirrt ihr närrisches Genießen. - Getreten liegt der Geist. Aufwollende Gedanken - Sind eingekäfigt müde in den Schranken. - Des Hergebrachten blöder Götze ist gepriesen. - - Aus goldnen Schüsseln schlürfen sie Erquickung, - Indes, hohl in den Nächten, die Entblößten wandern. - Sie spinnen sich in lüsterne Verzückung -- - Was kümmert sie der Aufschrei in den andern? - - Doch bleibt, in Not und Nacht, der Schrei nur nach Erbarmen? - Wird nicht Tumult, Alarm? Aus Angst und Stöhnen - Ein Zornsignal? Und von Millionen Armen - Des schmerzgeeinten Wollens donnerndes Erdröhnen? - - Europas Häuptlinge! Marschälle und Magnaten! - Zwingt selbst die Tat hervor, die um die Menschheit wirbt! - Da eurer Untertanen Leib, versklavt, verraten, - In Schlacht und stumpfer Wüterei verdirbt. - - Verdammt, ihr selbst, die Eigenlust, die Kraftgebärde! - Und kommt starkmild herab die stolzen Stufen, - Die Macht als Mittel nur, begnadet und berufen, - Für eurer Völker frohe Fahrt und Erde. - - Und ihr, Entehrte unter Willkürtritten, - Bleibt nicht zum Rachesprung gekrümmt, zerquält im Fluchen! - Ward auch der Aufwärtsweg von Bergen schwer geschritten: - Erkennt die Kommenden, die euer Antlitz suchen. - - Und jene Harten, unbewegt im Bösen, - Laßt sie nicht eher los, umringt sie mit der Bitte, - Bis sich die Herzen wie in Harfen lösen, - Aufklingend mild, hinknieend eurer Mitte. - - - II - - Noch ist es Orgelwehn. - Noch ist der Flugblick ausgesandt, - Nur um zu spähn. - Und nur von fernem Küstenland - Durchdringt ein Stoß die Luft: - Fanfarenstoß und Marsch. - Denn für ein Anderswerden, - Erhebung und Erhellung, Kampf ohne Krieg, Sieg ohne Mord, - Aufstürmt ein Menschenozean -- - Zwar dumpf noch wie ein Wahn, - Doch wissend tief: Tat wird getan! - - Wenn ferner, Thronende, zu euch auf prunknen Sesseln - Gefühl, fürbittend, nicht hinauf kann dringen, - Auftosen wird das Blut: Galeeren nicht und Fesseln - Sind stark genug, Vulkane zu bezwingen! - - Bewegung wogt empor: Ein Sturm von Schreien zerreißt die Nacht! - Glaubt ihr, die Trauer bliebe ewig lahm, - Am Grab der Hingeopferten, hilflos in Gram?! - Schon ballt sich eine Riesenvölkermacht. - - Und aus dem Grund der Gassen, wachsend, hebt ein Heer - Nach Licht, Kindheit und Frohheit Leib und Flügel auf; - Umkreist die Städtethrone wolkenschwer, - Raubaugenwild, unwankelbarer Lauf. - - Posaunen tönen, eh' der Schlag geschieht: - Zerschleudert euren Haß und öffnet der Erneuung - Das ganze Auge! Seht, die gleiche Fülle blüht - Den Tausenden! Bekennt euch zur Befreiung! - - Dann ringen Rassen edel um die Höhe. - Kein Fleischzerkrallen wühlt den Tag in Blut. - Kampf heißt jetzt Glück, das weithin auferstehe, - Rein wie ein junger Gott, durchhellt von Mut. - - Raubhändel, Blutbrunst, Krieg, die Jünglingsschlächter, -schänder - Sind fern, dumpfdüstre Vorzeit, Tierischkeit. - Kampf ist Beglückung jetzt. Umschlungen sind die Länder. - Der Führer Sicht und Wille erdenweit. - - Erkannt habt ihr den Feind und seid Gefährten. - Nun seiet Gläubige, um Wollende zu sein! - Laßt eure Tat erstrahlen den Beschwerten. - Durchglühung eine euch wie goldner Wein! - - Und so, von Licht umbrandet und dem Morgenmeer, - Erwacht ihr zu des Daseins Fest und Spiel. - O Bund der Bünde! Der das Menschenheer - Zum Ruhme führt aus kläglichem Gewühl. - - Völkerlegion! Geschart dem Flammenzug - Der Jünglinge des Lichts! Chorbrausend brecht die Stille - Und reißt die Starrgesinnten in den Flug, - Daß euer Recht und Rhythmus sich erfülle! - - Mitatmende der Zeit, dem Menschenkreis gesellt: - Seid ihr einander Freund, habt ihr gesiegt! - Die Brust berauscht von Weiten, erdhaft starker Welt, - Schallt euer Lied, das in die Freiheit fliegt! - - - - - O WÄR' SCHON MORGEN FRÜH! - - - Bin ich ausgestoßen - Aus dem Maß des Großen? - Ist nicht Geweihtheit - Über dem Abend, bereit? - Wie, wenn dem Blick sich erfüllte, - Was das Leben mir singe? - Oh, wie oft hüllte - So bange Spannung die Schwinge. - Und wird all' meine Wirklichkeit, - Die wie Lüge, ertappt, sich selbst bedrängt, - Ein Kind sein, das willigweit - Die Welt stets von neuem anfängt? - Schon hebt ein Tatglaube an - In meiner Stimme -- wie Melodie - Sicher und süß, der Ruf »Voran«. - O wär' schon morgen früh! - Daß ich nicht trauernd mehr, verhangen, - Mein Leben wie Sünde begehe, - Daß immer ein Neuanfangen - Über die Erde wehe. - - - - - AN DEN GESCHLAGENEN - - - I - - Weh, grimmer Gigant. - Was ist mit dir? - Dein Leib wälzt ohne Wille und Regel - Leblos lebend im Kot. - Abgefallen, wie totgetroffne Vögel, - Faulen die Hände im schlammigen Sand. - Gestrüpp hängt im Gesicht und rot - Die Augen, gedunsen, schleimig. - Wo blieb dein seidenes Haar? - - Erwachend befühlst du dich schwer. - Die Lippen fürchten den Ausbruch der Tränen, - Krampfen sich, schon zitternd weich. - - -- Da, wie aufgeschreckt: erhebt sich ein Meer, - Und aufspringt mit zornigen Zähnen - Du, tobend und heulend bleich. - - Dann krachend aber, schlägt der trotzige Held - Hin auf den Stein. - Hier barst die Leidensgewalt der Natur, - Die Hölle der verkannten Welt. - Und wie ein müder Schein - Bleibt der Gedanke nur - Von einem Leben, nicht das Leben selbst. - Wieder zum Tier des trübenden Lichts - Geschrumpft -- bist nirgendwo; nur schwer; - Wohl mehr als nichts, - Doch weniger als irgendwer. - - - II - - Das Aufrichten gelingt dir kaum, - Nur winselnd im Schweiß; - Immer ist ein Sinken, bis du stehst. - Dann trostlose Schritte - Gradeaus im Kreis. - Als wär' nie mehr für dich eine Bitte, - Gehst du Linien ohne Punkt, - Ohne Farben, ohne Raum. - - Wenn dir, stillstehend, - Die Augen sinken zur Vision, - Spürst du kalt wehend - Den grinsenden summenden Hohn; - Wie um Aas den Menschenschwarm. - Dann, verloren in Tränen den Mund, - Fühlst du, wechselnd eisig warm, - Das Sausen im fallenden Grund. - - Und wo die Qual noch so sehr schwieg, - Hier schreit sie weinend heraus - Töne ohne Takt, ohne Musik. - Wie ein Lawinenstrom ohne Damm - Bricht die Klage aus, - Über die Erde der Welt und den ewigen Schlamm. - - - III - - Nun weißt du es. Was Aufschwung schien, - War Niedergang. Maßlos und blind - Stürmtest du die Erde; kühn - Wähntest du dich und warst nur Wind. - Kein Mitmensch war, kein Hindernis, - Nicht Zukunft, nicht Vernunft: - Nur brüllendes spottendes Ereignis, - Aber Feuer allein wollte nicht brennen, - Verlosch, ward Asche für den Wind. - Nun bist du gefügt und kannst erkennen. - - Nun weißt du, wo die Tat beginnt, - Fühlst sie aufsteigen in dir wie ein Lied. - Nicht im Rausch, tobsüchtig ungesinnt, - Närrisch lachend, entblößt, - Du ganz einzelnes wirbelndes Glied, - Besinnlich nach Irrfahrt und Torheit, - Gier, die gegen die Erde stößt, - Ohne Not, ohne Wert, nur ins Weite weit -- - Die Tat ist im Wert! - - Denn nur als Teil alles Menschengefühls - Bist du ein ganzes Sein, - Erschütternd und auferstanden groß. - Nur im Gelöbnis des innersten Ziels - Ist auch der Zorn heilig und rein. - - - IV - - Und in die Menschenheit eingestimmt - Ziehst du zum Werk, von einer See - Wie getragen, in fühlender Entfaltung. - - Siehst Jugend und Arbeit der Menschen-Idee, - Dein Auge selbst ist sie, schon Gestaltung, - Mild überscheinend und königlich bestimmt. - - Denn die Idee ist brüderlich, sinnvoll und bereit, - Ist die Tiefe der Menschlichkeit; - Ihr Wille ist Größe, die kein Ende nimmt. - - Tönend, namenlos erhört dich und weitet die Schwebung, - Jeder Haß vor dir ist ohne Halt; - Denn deine Brust ist gelöst in der Strebung. - - Helle Wirklichkeit atmet deine Gestalt, - Als sei die Wahrheit selbst deine gütige Gewalt. - Ureigen unbeirrlich ist dein Lieben. - - Du beherrschst allfühlend die Bewegung und Dauer - Und findest, von wogendem Wollen getrieben, - Die Tröstung noch der wirresten Trauer. - - Der stampfenden Schöpfung gläubiger Erspürer, - Lobpreisend, beseelend -- zu hebender Tat - Fühlst du dich Führer. - - Und hellhoch über das Volk, das gewaltig genaht, - Und im ungeheuren Schweigen - Aufblickt zu dir, um dann - - Hinzuströmen zum heilig zähen Erzeugen, - Jeder beseligt, so gönnend, so machtvoll er kann: - Braust, singender Sturm, deine Stimme: - - »Weit Erschütternder über der Welt! - Wie ich, dein Kind, zum Tagwerk mühend mich krümme, - Sei deines Kindes Tag zur Ewigkeit erhellt. - - Gewaltiger in der Welt! Heb' uns empor! - Laß mitliebend mitklingen im Chor - Alle Nation, mitleidend den Leiden; - - Daß ihr Wille, unbesiegbarer Stern, bestehe, - Und sie die Arme frei und göttlich breiten - Über sich selbst in die Höhe!« - - - - - INHALT - - - Seite - - Aufbruch-Musik 5 - - Du Ewige 8 - - Der Zweifel - Trauermarsch 11 - Fragender Mensch 14 - Pierrot 15 - Gute Laterne 17 - Dumpfer Tag 19 - Erdenfahrt 20 - Nachtgedicht 21 - - Die Ungestillten der Seele - Ritternarr 22 - Gang zum Schafott 23 - Ahasver 24 - Junger Künstler 25 - Der Denker 26 - Clown 28 - Alternder Mime 29 - Der kranke Sänger 30 - Akrobat 31 - Zigeunerlied 32 - Meerfahrt 33 - Der Berufene 34 - Nietzsche 35 - Der Anachoret 36 - Der gütige Mensch 37 - - Wir sterben das Leben - Krank 38 - Aufschreiender Künstler 39 - Trübe Luft 40 - Dudelsackweise des Sterblichen 41 - Ermattung 42 - Vernunft 43 - - O Erde! - Nachtgesang 44 - Es wird ein Traum 45 - Hymne 46 - Das Heimatzimmer 47 - Frauen 48 - Der Himmelflieger 49 - Myrtenkind! 50 - Gedicht im Mai 51 - An den Anderen 52 - Ich denke einen Freund 53 - Fügung 54 - Duo 55 - Dem Engel der Erde 56 - Abendgang 57 - - Aufruhr durchwühlt den gütigen Geist - Lied aus der Nacht 58 - Dank 59 - Besinnung 60 - Knappe vom Bergwerk 61 - Der Verurteilte 62 - Der Gekerkerte 63 - Napoleon 64 - Junger Soldat 65 - Der Kriegsblinde 67 - Erblindung 69 - Die Phalanx 70 - O wär' schon morgen früh! 73 - An den Geschlagenen 74 - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 5]: - ... Ein Wissen: Daß ich in die Menchen dringe, ... - ... Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe, ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der unendliche Mensch, by Arthur Drey - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNENDLICHE MENSCH *** - -***** This file should be named 52191-8.txt or 52191-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/1/9/52191/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der unendliche Mensch - Gedichte - -Author: Arthur Drey - -Release Date: May 30, 2016 [EBook #52191] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNENDLICHE MENSCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<div class="rightpic logo" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -ARTHUR DREY -</p> - -<h1 class="title"> -DER UNENDLICHE<br /> -MENSCH -</h1> - -<p class="subt"> -GEDICHTE -</p> - -<p class="pub"> -LEIPZIG<br /> -KURT WOLFF VERLAG -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -BÜCHEREI „DER JÜNGSTE TAG“ BAND 68/69 -</p> - -<p class="printer"> -GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -AUFBRUCH-MUSIK -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Luft bebt wie ein Schall, der mir gebietet,</p> - <p class="verse">Daß ich die Düsterheit der Zeit zersprenge,</p> - <p class="verse">Daß alle Stirn, von Sonnen überblütet,</p> - <p class="verse">Zu einem lichten Menschentag gelänge.</p> - <p class="verse">Gesang von Worten, menschenheiliges Gut,</p> - <p class="verse">Die Harfe Ozean, der auferregt</p> - <p class="verse">Den Segler Erdgefährten, Strom und Blut</p> - <p class="verse">Der Pulse: — ist in meine Macht gelegt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie wird mein Atemdasein heiß und schwer,</p> - <p class="verse">Wenn ich mich tief besinne in die Pflicht,</p> - <p class="verse">Daß ich der Sprache nachtumtostes Heer</p> - <p class="verse">Umfange im gesungenen Gedicht.</p> - <p class="verse">Doch wie ich leise, lauter, heller singe,</p> - <p class="verse">Erschwebt frohlockend meinem Licht und Blick</p> - <p class="verse">Ein Wissen: Daß ich in die <a id="corr-0"></a>Menschen dringe,</p> - <p class="verse">Mein Urwunsch Güte in das arme Glück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Als sei ein Allumlieben zu erschwingen,</p> - <p class="verse">Wird mir der Erde stürmisches Gezelt</p> - <p class="verse">Voll jubelnd kühnen Lieds verliebtem Singen.</p> - <p class="verse">Und schlanke Leiber, flackernd aufgehellt,</p> - <p class="verse">Tollen den Tanz der Küsse ... im Gewühl</p> - <p class="verse">So linienwild, bis sie, sich überbiegend,</p> - <p class="verse">Hinsinken, mild, ein ausgespieltes Spiel,</p> - <p class="verse">Dem weich verwirrten Fliederbild erliegend.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da ist Vergebung. Knaben sinnen treu</p> - <p class="verse">Den Ritter wie den Räuber; denn der böse</p> - <p class="verse">Entmenschte Feind ist ihnen fremd, und frei</p> - <p class="verse">Aufbäumt und beugt sich weite Herrschergröße,</p> - <p class="verse">Kein Wille klebt am eignen kleinen Weh.</p> - <p class="verse">Und auch der rauhe Mann ist wie ein Kind,</p> -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> - <p class="verse">Voll froher Frommheit hält er die Idee,</p> - <p class="verse">Daß Sonne, Erde, Mensch das Heilige sind.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oft hat mein Sehnen vor sich selbst gebebt!</p> - <p class="verse">Mein Aufwärtswollen wird auch dann nicht still,</p> - <p class="verse">Wenn über meinen Kopf die Welt sich hebt</p> - <p class="verse">Und wie ein giftiger See mich töten will.</p> - <p class="verse">Wie ein gehetztes Gemsenwild der Felsen</p> - <p class="verse">Errette ich den Stolz der freien Höhn.</p> - <p class="verse">Und von den Himmeln, da sich Donner wälzen,</p> - <p class="verse">Fühl’ ich Berufung wogend mich durchwehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zurück! Hinab! Wo irrendes Entsetzen,</p> - <p class="verse">Wo Schlacht aufheult und metzelndes Verwühlen,</p> - <p class="verse">Geschürt von Führern, die die Völker hetzen,</p> - <p class="verse">Wo auf Ministerthronen Schurken spielen,</p> - <p class="verse">Wo blühnde Leiber, hingefällt in Stücke</p> - <p class="verse">Verklumpten Bluts, und Millionen Augen</p> - <p class="verse">In Nacht versinken — Eine Meuchlerclique</p> - <p class="verse">Will Krieg, daraus Tyrannenmut zu saugen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht stöhne, Stimme! Weit wie Firmament</p> - <p class="verse">Sei Zorn und Kraft und Heilung allem Dürsten</p> - <p class="verse">Des Volkes Mensch! Die waren nie getrennt,</p> - <p class="verse">Nur mordgepeitscht von roh’ und eitlen Fürsten!</p> - <p class="verse">Dein Wutwort, heller Sänger, es zertrete</p> - <p class="verse">Die Untat, die in Lügen sich verlarvt!</p> - <p class="verse">Bis ein Homer des Friedens im Gebete</p> - <p class="verse">Erwachse, weinend brausend hingeharft ...</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie Blütenflut aus tiefen Wiesen dringt,</p> - <p class="verse">So bricht der Klänge Brandung aus dem Sänger,</p> - <p class="verse">Der blindgeboren noch die Sonne singt.</p> - <p class="verse">Wie einer Krone göttlicher Empfänger</p> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> - <p class="verse">Nimmt er die ganze buntgewirkte Zier</p> - <p class="verse">Der endlos wilden Erde ... so geeint</p> - <p class="verse">Mit jeder Blume, Pflanze, jedem Tier,</p> - <p class="verse">Daß Mensch zu sein uns wie ein Ruhm erscheint!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -DU EWIGE -</h2> - -<h4 class="subchap" id="subchap-2-0-1"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laß mich deine Hände küssen,</p> - <p class="verse">Laß mich deine Hände fühlen!</p> - <p class="verse">Deine Lichtheit hat zerrissen,</p> - <p class="verse">Mich erdrückt mit ihrem Zielen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O wie ist die Nacht der Augen!</p> - <p class="verse">O die weiche Glut der Wangen!</p> - <p class="verse">Immer will ich blühend saugen,</p> - <p class="verse">Will ich deinen Hauch umfangen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Könnt’ ich mich in Träume schwingen,</p> - <p class="verse">Himmlisch wollt’ ich dich erheben;</p> - <p class="verse">Betend, weinend, jubelnd dringen</p> - <p class="verse">Meine Lieder dir ins Leben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein von Blüten süß beschneiter</p> - <p class="verse">Morgen ist in deiner Lust.</p> - <p class="verse">Löse denn die losen Kleider,</p> - <p class="verse">Weiße Sonne deiner Brust!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-2-0-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie gefangen an den Lippen</p> - <p class="verse">Küss’ ich deines Atems Laut —</p> - <p class="verse">Blickend, trinkend bin ich liebend</p> - <p class="verse">Deiner Liebe tief vertraut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie Posaunen tönt die Erde,</p> - <p class="verse">Wild und weich in deiner Macht.</p> - <p class="verse">Wer hat dieses Bild der Treue,</p> - <p class="verse">Deinen milden Blick erdacht?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oh, in deinen heißen Armen</p> - <p class="verse">Ist ein Pressen und ein Ziehen</p> - <p class="verse">Wie zum goldenen Vergessen,</p> - <p class="verse">Singen, Summen, Saugen, Blühen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schweiget, wilde Erdentöne,</p> - <p class="verse">Laßt mich sterben, wenn ich lebe,</p> - <p class="verse">Laßt mich leben, wenn ich sterbe,</p> - <p class="verse">Daß ich mich zum Himmel hebe!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-2-0-3"> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -III -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fühlst du dich noch allein,</p> - <p class="verse">Mein wildgeküßtes Kind?</p> - <p class="verse">Wir wollen die Ewigkeit sein,</p> - <p class="verse">Wie unsre Sterne sind.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir kennen das dunkle Glück,</p> - <p class="verse">Das an sich selbst zerschellt: —</p> - <p class="verse">Wir wollen mit einem Blick</p> - <p class="verse">Die ganze wehende Welt!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir wollen blühend singen,</p> - <p class="verse">Wie Kinder, die wandern gehn,</p> - <p class="verse">Uns fliehend und knieend umschlingen</p> - <p class="verse">Wie eine Welt so schön!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vom Jubel mitgerissen,</p> - <p class="verse">Der über die Erde weht ...</p> - <p class="verse">Bis wir hinsinken müssen</p> - <p class="verse">Auf dunkelnder Wiese Beet —</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auch hier noch müde liebend,</p> - <p class="verse">In seligem Empfangen</p> - <p class="verse">Von Abend, weich und trübend,</p> - <p class="verse">Von Träumen, die aufgegangen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -DER ZWEIFEL -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -TRAUERMARSCH -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-3-1-1"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer hat das Schwefelschwarz der Todesnacht,</p> - <p class="verse">Den Sturz der Leiber heimlich ausgedacht?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Von Dunst beglitzert ziehen wir dahin,</p> - <p class="verse">Unsinnig flackert unser Daseinssinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir tappen Tänze wie im Singsangspiel,</p> - <p class="verse">Am Bühnenhorizont zerplatzt das Ziel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Als Vagabunden, nur mit etwas Geld,</p> - <p class="verse">Begaffen und begaunern wir die Welt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Selbst Glückesgrübler, Künstler, Staatenlenker,</p> - <p class="verse">Die Welt-Erneurer — sind nur Menschenhenker.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es ist das unheilbare Leidensmal:</p> - <p class="verse">Der höchste Aufstieg zeugt die schwerste Qual.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nur dann erhöht sich unser Menschenschritt,</p> - <p class="verse">Wenn er die Schwachgebornen niedertritt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch wie wir uns auch in die Weiten dehnen,</p> - <p class="verse">Wir sind verseucht vom engen Erdenstöhnen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir bleiben tolle Tölpel ohne Taten,</p> - <p class="verse">Teils voller Wahn, teils in den Schlamm geraten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Erdentsetzen winselt weh und wund</p> - <p class="verse">Wie ein getretener verheulter Hund.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-3-1-2"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weiter als der Wolkenfülle Stürme</p> - <p class="verse">Brechen unsre Wünsche ins Getürme</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">All der dunkel brüllend wilden Zeit,</p> - <p class="verse">Die kein Wille von sich selbst befreit.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Festgebunden an die Erdensperre,</p> - <p class="verse">Angekettet an das Schmerzgezerre,</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Tragen wir den Ekel unsrer Lust,</p> - <p class="verse">Pfeile wilder Wachheit in der Brust.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wir beten, bitten, singen blind</p> - <p class="verse">In den leer verstreuten Aschenwind.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wir hängen an den milden Blicken,</p> - <p class="verse">Die wir träumen, um uns zu beglücken.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Freunde finden sich im Kämpfermut,</p> - <p class="verse">Todverwundet fluchen sie dem Blut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Heulend, tosend tönen die Fanfaren,</p> - <p class="verse">Die den Tod der Erde offenbaren.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-3-1-3"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -III -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Lärm des Lebens knattert, pfeift und singt,</p> - <p class="verse">Ein Hagelsausen, das die Leiber düngt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Muß an der Erde wie an einem Stein</p> - <p class="verse">Die unbegrenzte Brust gekreuzigt sein?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O möchte doch Aufruhrmusik erklingen,</p> - <p class="verse">In einen Taumeltraum die Leiber schwingen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch schweige, Lust! Dein Aug’ ist nachtbenetzt,</p> - <p class="verse">Dein Weg ist todwärts durch den Raum gehetzt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir können nicht die Erdenmacht zersprengen,</p> - <p class="verse">Solang wir Tiere sind in Felsenhängen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir können nicht die Sonne niederreißen</p> - <p class="verse">Und nicht den Erdball in den Himmel schmeißen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir sind gebannt, auch wenn wir rasend rennen,</p> - <p class="verse">An unser Fleisch, das wir den Menschen nennen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir heulen einen tief zerstückten Schrei</p> - <p class="verse">Nach einem Sein, das mehr als Dasein sei.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der kaum Geborne schreit schon Widerstand,</p> - <p class="verse">Als fürchte er den erdverfluchten Sand.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was bleibt an Mut im Elendeinerlei?</p> - <p class="verse">Ein bißchen Glück, ein bißchen Narretei.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man kreischt und zittert in den Erdenklippen —,</p> - <p class="verse">Und schweigt verbissen mit zerquälten Lippen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Erdenfreunde sinken Blick in Blick —</p> - <p class="verse">Ein letzter Liebehaß zerreißt ihr Glück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und über allem brausen die Fanfaren,</p> - <p class="verse">Den Tod der Erde grell zu offenbaren.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-2"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -FRAGENDER MENSCH -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das ist das Stumme meines Angesichts,</p> - <p class="verse">Daß ich nichts finde, was den Geist beseelt.</p> - <p class="verse">Nicht Welt, nicht Ich, nicht Alles und nicht Nichts:</p> - <p class="verse">Wohin mit mir? Mein Tag ist ausgehöhlt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was könnte ein Pistolenschuß mir geben?</p> - <p class="verse">Was ist der Tod? Ich kann nur immer fragen —</p> - <p class="verse">Und wer am Tod verzweifelt, will das Leben;</p> - <p class="verse">Ich bin geboren und ich muß mich tragen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch wenn ich Leben will, weil Tod verhüllt ist,</p> - <p class="verse">Dann muß ich immer neu mich selbst gebären;</p> - <p class="verse">Dann ist das Lustgeheul, das nie gestillt ist:</p> - <p class="verse">Mutter und Kind, ein Geben und Begehren.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-3"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -PIERROT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich will ganz leis anfangen: zu sprechen.</p> - <p class="verse">... Wenige Laute zuerst ... zitternd ...</p> - <p class="verse">Hört ihr das Kichern knacken und brechen,</p> - <p class="verse">Das in der Luft ist, gewitternd —?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch steh’ ich wie mein eigenes Denkmal da,</p> - <p class="verse">Bin mir selbst noch zu nah.</p> - <p class="verse">Ich muß von mir wegschreiten,</p> - <p class="verse">Lachend ... bis ich <em>laut</em> lache.</p> - <p class="verse">Bin ich nicht eine famose Sache,</p> - <p class="verse">He?</p> - <p class="verse">Ach, ich seh’:</p> - <p class="verse">Ihr seid alle dumm, zu dumm.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dumm seid ihr ...</p> - <p class="verse">Hojoh! Wißt ihr, was eine Nacht ist?</p> - <p class="verse">Menschen, sagt es mir!</p> - <p class="verse">Ihr wißt nicht, was eine Nacht ist.</p> - <p class="verse">Ihr wißt nichts.</p> - <p class="verse">Gar nichts.</p> - <p class="verse">Ihr seid alle dumm, zu dumm.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich muß mein Hirn peitschen, schmeißen,</p> - <p class="verse">Weil es träge wird, was es nicht sollte!</p> - <p class="verse">Aber mein Maul kann ich noch aufreißen —:</p> - <p class="verse">Auweh! (Weiter war’s als ich wollte.)</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hui! ...</p> - <p class="verse">Hui! Hui!</p> - <p class="verse">Ich hab’ ein Liebchen, das will ich fangen.</p> - <p class="verse">Sie kriegt einen Kuß auf die Wangen —</p> - <p class="verse">Schade,</p> - <p class="verse">Auch das Küssen ist fade.</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">— — — — —</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> - <p class="verse">Ach Gott! Die Welt ist so weich und gebogen,</p> - <p class="verse">Warum sind die Wälder nicht spitz</p> - <p class="verse">Und noch spitzer der Himmel?</p> - <p class="verse">Um solchen Witz sind wir betrogen.</p> - <p class="verse">Alles ist nur immer Trauer</p> - <p class="verse">Und schmeckt öde und sauer</p> - <p class="verse">Wie alter Schimmel.</p> - <p class="verse">Und die Menschen sind ohne Projekte.</p> - <p class="verse">Eine hilflose Sekte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jetzt werd’ ich mich ducken,</p> - <p class="verse">Vielleicht auch hinlegen dann.</p> - <p class="verse">Und ihr sollt gucken,</p> - <p class="verse">Wie gut ich mich totstellen kann.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-4"> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -GUTE LATERNE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch weiter gehn?</p> - <p class="verse">Was will mir noch die Straße sein?</p> - <p class="verse">Die Steine sind noch härter als Matratzen,</p> - <p class="verse">Doch auch ein enges Bett will ich nicht sehn.</p> - <p class="verse">Verdammte Nacht! Ich hab’ mich rumgestritten</p> - <p class="verse">Mit bösen Freunden. Jetzt bin ich allein;</p> - <p class="verse">Sie sind verärgert mir hinweggeglitten,</p> - <p class="verse">Sie wollten mich an meinen Augen kratzen,</p> - <p class="verse">Ich sah so treu sie an, daß sie’s nicht konnten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ihr Blut ist Gift? Ich will davon nichts wissen.</p> - <p class="verse">Was darf man wissen? Alles ist verschwommen.</p> - <p class="verse">Alles ist Strom, in weiten Strom gerissen —</p> - <p class="verse">Ach, wär’ auch ich in Arme aufgenommen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Laternen schwimmen viele. Pflück’ ich die gelben Rosen?</p> - <p class="verse">Halt, halt, du Welt! Ich kann schon nicht mehr mit.</p> - <p class="verse">An eine der Laternen werd’ ich hingestoßen.</p> - <p class="verse">Wer gab mir in die Kniee diesen Tritt?</p> - <p class="verse">Hab’ ich zu viel schon Welt in mich getrunken?</p> - <p class="verse">Oh! die Laterne, die mich halten konnte,</p> - <p class="verse">Ist dicht an mich und ich an sie gesunken,</p> - <p class="verse">So dicht, als ob sie mir, nur mir die Nacht besonnte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bin jetzt fast ruhig und mir selbst vorüber,</p> - <p class="verse">Die Kraft entsinkt, ich bin zu sehr zerfleischt.</p> - <p class="verse">Welt, strotzt dein Leib? Er ist Geschwür und Fieber,</p> - <p class="verse">Kraft ist nur Tollwut, die in Luft sich kreischt.</p> - <p class="verse">So sehr sah ich der Tage Wahnsinn nie,</p> - <p class="verse">Die Tierischkeit des menschlichen Gestells.</p> - <p class="verse">Was rasen Menschen? Und was schaffen sie?</p> - <p class="verse">Sie töten sich den Kopf an einem Fels.</p> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> - <p class="verse">Tut aus der Nacht sich nicht ein Mantel auf</p> - <p class="verse">Und legt sich weich und bettend auf mein Hirn?</p> - <p class="verse">Ach, käme nie der Morgen mehr herauf,</p> - <p class="verse">Das kalte meuchlerische Bleichgestirn.</p> - <p class="verse">Und doch, ich seh, die Nacht ist mir nicht weich,</p> - <p class="verse">Die Nacht ist nichts, was mich nicht auch verließ.</p> - <p class="verse">Ist gar nichts denn für mich, macht mich nichts arm, nichts reich?</p> - <p class="verse">Ist das der Tod? — Ein Lebender fragt dies.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was soll ich jetzt mit mir beginnen?</p> - <p class="verse">Der ich mich ganz an die Laterne gebe?</p> - <p class="verse">Bin ich denn immer noch bei meinen Sinnen,</p> - <p class="verse">Obwohl ich leerer als ein Toter lebe?</p> - <p class="verse">Wohin auch sonst ich in der Welt mich bringe,</p> - <p class="verse">Mich zieht doch gar nichts an, ich bin so gräßlich lose.</p> - <p class="verse">Wenn mir die Zunge aus dem Munde hinge,</p> - <p class="verse">Das wäre wirklich keine dumme Pose.</p> - <p class="verse">Was sind die Häuser? Grünes Schafsgewimmel.</p> - <p class="verse">Und alles schmeckt nach altem Mond und öd.</p> - <p class="verse">Und auch der kühle dünne Himmel</p> - <p class="verse">Ist fahl und blöd.</p> - <p class="verse">Ich hab’ nur Angst, daß ein Betrunkner kommt</p> - <p class="verse">Wie ein erschreckend-greller Knall.</p> - <p class="verse">Wär’ ich ein Pferd, so brav und prompt,</p> - <p class="verse">Ich schliefe still in meinem Stall.</p> - <p class="verse">Wozu erst Wachsein noch, das doch nur gähnt?</p> - <p class="verse">Wär’ ich nicht Mensch, ich schliefe süß und still.</p> - <p class="verse">An die Laterne bin ich hingelehnt</p> - <p class="verse">So sehr, daß ich nicht weitergehen will.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-5"> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -DUMPFER TAG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nehmt endlich, Brüder, mir von meinen Lippen</p> - <p class="verse">Den schweren Daseinsschrei, den nie mein Kopf vergißt.</p> - <p class="verse">Denn sonst ersticke ich in den Gestrüppen,</p> - <p class="verse">In Stadt und Stacheln, die die Erde ist.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hört ihr den Erdenwahnsinn lachend weinen?</p> - <p class="verse">Ein Donner ist in mir, der will so wild erdröhnen!</p> - <p class="verse">Der Lebende kann sich nicht selbst verneinen,</p> - <p class="verse">Wer einmal Mensch, der muß ein Glück ersehnen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kein Traum kann je uns vor uns selbst verschonen.</p> - <p class="verse">Wir, Sklaven, sind gepeitscht und wissen keinen Retter.</p> - <p class="verse">Wir sehen nicht, in welcher Welt wir wohnen,</p> - <p class="verse">Und schwingen schwer in unerkanntem Wetter.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und ich, ich bin, dem solcher Tage Nacht</p> - <p class="verse">Noch mehr als euch sich engt zu Gassen toller Trauer.</p> - <p class="verse">Denn unsre Blindheit hab’ ich ganz durchwacht.</p> - <p class="verse">Ich denke keinen Himmel mehr, nur Mauer.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-6"> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -ERDENFAHRT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jahrelang ist nichts geschehen,</p> - <p class="verse">Nur das Leben vieler Dinge,</p> - <p class="verse">Erd’ und Himmel war zu sehen</p> - <p class="verse">Und des Himmels bleiche Ringe.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Flatternd kann ich mich vergessen,</p> - <p class="verse">Wie ein Kind, wie eine Mücke.</p> - <p class="verse">Zeit und Ziel sind ungemessen,</p> - <p class="verse">Wenn ich in die Sterne blicke.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf die Fahrt auf dieser Erde</p> - <p class="verse">Geht ein steter Regen nieder.</p> - <p class="verse">Wie ein Sein, das nichts mehr werde,</p> - <p class="verse">Sinken bald die Augen nieder.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Alle, die im Kreise tanzen,</p> - <p class="verse">Die in Städten und auf Bühnen</p> - <p class="verse">Ihre Fahnen lustig pflanzen,</p> - <p class="verse">Können nur der Erde dienen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jahrelang werd’ ich die Stunden</p> - <p class="verse">Der Sekunden tief begehren,</p> - <p class="verse">Werde, ganz an mich gebunden,</p> - <p class="verse">Böser Liebling, mich zerstören.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-7"> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -NACHTGEDICHT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Wind ist diese weite stumme Nacht,</p> - <p class="verse">Und diese Straße, diese Wüste schwebt,</p> - <p class="verse">Die ich so lange schon in mich hineingedacht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist Denken denn ein Trieb, der uns erhebt?</p> - <p class="verse">Er tötet alles, was in einer Brust</p> - <p class="verse">Lebendig war und blühend unbewußt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In welchen Kampf will ich mich schlagen?</p> - <p class="verse">Erfolg und Macht — es ist doch alles leer.</p> - <p class="verse">Und Opfer sein? Wo nehm’ ich Götter her?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vielleicht die Menschen aufwärtstragen?</p> - <p class="verse">Ich Narr! Ist Höherkommen denn schon je geglückt,</p> - <p class="verse">Da stets Unendlichkeit uns niederdrückt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Euch Menschen helfen, die ihr elend seid,</p> - <p class="verse">Wär’ Wahnsinn. Helfen hilft nur falschem Schein,</p> - <p class="verse">Denn wo ein neues Glück, ist auch ein neues Leid.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Stets in sein Selbst, wie an den Pfahl gebunden,</p> - <p class="verse">Bohrt sich dem Menschen neues Sehnen ein,</p> - <p class="verse">Wenn er Beglückung irgendwie gefunden.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich aber fühle Leere im Gesicht,</p> - <p class="verse">Zu müde wird es mir, als daß ein Glück</p> - <p class="verse">Noch jemals Kraft erlange meinem Blick.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich will nicht traurig sein und glücklich kann ich nicht,</p> - <p class="verse">So bin ich nichts — und fühle manchmal nur</p> - <p class="verse">Die kleine Lust zu einem Nachtgedicht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wie an einer Schnur</p> - <p class="verse">Geh ich den Schmerz entlang,</p> - <p class="verse">Der diese Welt ist und ihr Müßiggang.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -DIE UNGESTILLTEN DER SEELE -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -RITTERNARR -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zu eng ward ihm der Raum der Daseinsfristung:</p> - <p class="verse">So stieg er auf sein Roß und ritt die Erde,</p> - <p class="verse">Der finstre Ritter in der grellen Rüstung —</p> - <p class="verse">Gefolgt von einer dürren Menschenherde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er ritt und ritt und suchte die Gefahr</p> - <p class="verse">Voll Angst und Qual, voll Mut und hellen Flügen.</p> - <p class="verse">Das ekle Dasein, das so heimlich war,</p> - <p class="verse">Wollt’ er mit seinem eigenen bekriegen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er nahm sein Schwert und hieb es in die Luft</p> - <p class="verse">Mit solcher Wucht und starrem Widerwillen,</p> - <p class="verse">Daß in der Welt vor ihm sich eine Kluft</p> - <p class="verse">Zu öffnen schien, um seinen Haß zu stillen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und als er lang genug das All durchquert</p> - <p class="verse">Und sah, es werde wohl vergeblich sein, —</p> - <p class="verse">Da hielt er an, und stieg von seinem Pferd,</p> - <p class="verse">Und setzte sich auf einen nackten Stein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und stierte in den blinden Dünsteraum,</p> - <p class="verse">Als wollt’ er dem Lebendigsein entsagen;</p> - <p class="verse">Und stierte in den düstern Wolkenschaum,</p> - <p class="verse">Als wär’ nichts mehr zu sagen noch zu fragen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Wolken tanzten silberschwarz wie Särge</p> - <p class="verse">In seinen Augen, die voll krankem Schauer</p> - <p class="verse">In schwüle Luft anschwollen: so viel Berge,</p> - <p class="verse">Sie lagen ihn zu töten auf der Lauer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Leute hoben ihn in einen Karren</p> - <p class="verse">Und fuhren ihren Held aus seinen Schmerzen</p> - <p class="verse">Zum Thron. Dort zündeten ihm seine Narren</p> - <p class="verse">Vor Glück die spitzen Finger an wie Kerzen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-2"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -GANG ZUM SCHAFOTT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Menschenkreis umstellt das Blutgerüst</p> - <p class="verse">Und hungert nach dem Folterakt der Köpfung —</p> - <p class="verse">Da kommt der Mörder. Und sein Leben ist</p> - <p class="verse">So bleich wie die unendliche Erschöpfung.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nichts wollen seine hohlen Züge sagen.</p> - <p class="verse">Er litt — bis an den großen eignen Knochen</p> - <p class="verse">Es nichts mehr gab für ihn, um dran zu nagen.</p> - <p class="verse">Die Augen liegen tief wie ausgestochen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Stumpf geht er. Plötzlich klingt die Sünderglocke</p> - <p class="verse">In dünnem Strahl, wie Lachen hell und kalt.</p> - <p class="verse">Da hat noch einmal an dem Sträflingsrocke,</p> - <p class="verse">Kurz wie vom Blitz, sich ihm die Hand geballt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-3"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -AHASVER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mir hat die Welt auf meinen weiten Zügen</p> - <p class="verse">Viel Lust geschenkt. Ich hab’ sie stumm vergraben</p> - <p class="verse">In meinen Augen — die stets hungernd liegen.</p> - <p class="verse">Mich sättigt nicht, was mir die Menschen gaben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich kann nicht ruhn, ich muß die Erde messen,</p> - <p class="verse">Glühendes Folterrad an meinem Leibe —</p> - <p class="verse">Erst dann wird Glück, wenn ich die Gier vergessen</p> - <p class="verse">Und wie ein Fels erkaltet stehen bleibe.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-4"> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -JUNGER KÜNSTLER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kommt keine Sonne über meine Augen,</p> - <p class="verse">Die, noch so jung, schon hohl wie Gräber lagen?</p> - <p class="verse">Ich will den Freund mir aus den Büchern saugen,</p> - <p class="verse">Die meine früh gepreßten Qualen tragen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wie gedrosselt stockt mein tiefes Weinen</p> - <p class="verse">Nach Armen, die ich um die Schultern führen</p> - <p class="verse">Wollte, ganz dicht. Auch nicht das tiefste Weinen</p> - <p class="verse">Löst meinen Leib aus seinem großen Frieren.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -DER DENKER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich weiß nicht, was ich bin. Mein Weg läuft schief</p> - <p class="verse">Um mich herum, ein wirres Kreiselspiel.</p> - <p class="verse">Mein Denken, das zwar immer nach mir rief,</p> - <p class="verse">Sagt mir nicht, was ich bin, sagt mir kein Ziel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nie kann etwas in mir mich ganz begreifen.</p> - <p class="verse">Denn wie begriffe ich dies Etwas dann?</p> - <p class="verse">Ich kann Begriffe auf Begriffe häufen:</p> - <p class="verse">Und wo man aufhört, fängt’s von neuem an.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wo münde ich, wo ist mein Urbeginn?</p> - <p class="verse">Stets bleibt ein Rest beim Spalten und Umspannen.</p> - <p class="verse">Blöd scheint der Schrei nach all des Daseins Sinn:</p> - <p class="verse">Alldasein ist durch Denken nicht zu bannen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Können wir nichts als endlich wahr erkennen?</p> - <p class="verse">Wir wissen nicht, ob wir Bestimmtes wissen.</p> - <p class="verse">Wir dürfen immer nur so weiterrennen,</p> - <p class="verse">Wie Blinde fressend, hungernd und zerrissen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und stets die Frage, die sich selber fragt</p> - <p class="verse">Nach etwas, das man ist und hat und hält!</p> - <p class="verse">Es ist das Klagen, das schon nicht mehr klagt:</p> - <p class="verse">Nicht als nur da zu sein und ohne Welt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sonne ist Nacht, denn Freude ist nicht mehr!</p> - <p class="verse">Was könnte ich mit Freude mir gewinnen?</p> - <p class="verse">— Doch der, der fragt: ist jede Fülle leer?</p> - <p class="verse">Kann der denn jemals in ein Nichts zerrinnen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man lebt, ja, Haß in Menschen und in Herden,</p> - <p class="verse">Als sei’s ein Wert: größer zu sein als klein.</p> - <p class="verse">Wer reicher wird, muß arm an Armut werden,</p> - <p class="verse">Wer ärmer wird, wird reich an Armut sein.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> - <p class="verse">Streck’ ich mich noch? Ich Wurm. Was ist in mir,</p> - <p class="verse">Das je sich selber überragen könnte?</p> - <p class="verse">War je ein Mensch, war je ein wildes Tier,</p> - <p class="verse">Das (wie ein Gott!) sich von sich selber trennte?</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-6"> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -CLOWN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich taumele in einem wirren Traum,</p> - <p class="verse">Da ich doch nie mit mir am Ziele bin.</p> - <p class="verse">Wie meine Krause bin ich nichts als Schaum,</p> - <p class="verse">In hellen Farben schillernd ohne Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich falle einen langsam steten Schritt,</p> - <p class="verse">Wobei ich jedes Bein für sich betone.</p> - <p class="verse">So schlepp’ ich mich herum, und jeder Tritt</p> - <p class="verse">Ist wie der Ausspruch, daß es sich nicht lohne.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch niemand ist, der mich voll Trauer wähnt</p> - <p class="verse">Und Lüge sieht in meinem Lachgebell.</p> - <p class="verse">Und daß dahinter eine Sehnsucht stöhnt,</p> - <p class="verse">Merkt niemand, denn ich scheine froh und hell.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-7"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -ALTERNDER MIME -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich stürmte jung voll Freiheit auf die Bühne,</p> - <p class="verse">Berauscht von Sternen, die ich hell erdacht,</p> - <p class="verse">Daß ich der Erde wie ein Herrscher diene,</p> - <p class="verse">Dem Kampf der Liebenden in Sturm und Nacht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In qualzerrissne Sinne wollt’ ich dringen,</p> - <p class="verse">Mein wildes Wort und Sonnenjubelspiel,</p> - <p class="verse">Es sollte einen neuen Traum erschwingen</p> - <p class="verse">Für Menschenlust und Erdenmitgefühl.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es mag geschehen sein, was ich gewollt,</p> - <p class="verse">Die Freunde haben meinen Kampf geteilt.</p> - <p class="verse">Doch selber, scheint es, hab’ ich mich vertollt</p> - <p class="verse">In Nichts, ob ich gejauchzt, ob ich geheult.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In Trauer mußt’ ich meine Frohheit schminken:</p> - <p class="verse">Nun fühl’ ich kaum noch meines Lachens Sinn.</p> - <p class="verse">Es ist so leer, wenn mir die Leute winken,</p> - <p class="verse">Da ich vergessen habe, wer ich bin.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mir dünkt jetzt nur noch eine einzige Geste</p> - <p class="verse">Als wahr. Nicht, wenn ich eine Frau liebkose,</p> - <p class="verse">Nicht, wenn ich küsse, tanze und mich mäste —</p> - <p class="verse">Nur die, wenn ich die Menschen von mir stoße.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-8"> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -DER KRANKE SÄNGER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wo nehm’ ich die Geduld her für mein Leben?</p> - <p class="verse">Der Giftschwamm wuchert und zersaugt die Brust.</p> - <p class="verse">Mein Blick ist stumpf und hohl dem Tod gegeben.</p> - <p class="verse">Zertreten liegt die heitre Sängerlust.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie anders früher! Als sich mir die Bühne</p> - <p class="verse">Zur Welt geweitet und die Menschenklänge</p> - <p class="verse">Noch voll aus mir erströmten — wie die kühne</p> - <p class="verse">Gewalt des Gottes, siegende Gesänge!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun stöhnt so heiser, mühsam, ohne Wert</p> - <p class="verse">Mein matter Leib, der kaum sich aufrecht hält.</p> - <p class="verse">Vom Fraß der Blutbazillen ausgezehrt</p> - <p class="verse">Wankt mein Gerippe im Geröll der Welt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O könnte ich nochmal die Stunde küssen,</p> - <p class="verse">Da sich der Tag hell in den Himmel schwang,</p> - <p class="verse">In Segel tauchen, blühend hingerissen</p> - <p class="verse">Vom eignen Spiel und liebenden Gesang.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und könnt’ ich einmal noch die Bilder wecken,</p> - <p class="verse">Die mich wie milde Farben überliefen —,</p> - <p class="verse">Aus meinen Gliedern auf den Aufruhr schrecken</p> - <p class="verse">Mit jenen Stimmen, die unendlich riefen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch dieses ganze Sehnen ist vergebens,</p> - <p class="verse">Erinnerung bedeutet größere Not.</p> - <p class="verse">Die unerfüllte Fülle meines Lebens</p> - <p class="verse">Wird immer ausgehöhlter für den Tod.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-9"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -AKROBAT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich zieh’ mit stumpfen Eltern und Geschwistern</p> - <p class="verse">Von Stadt zu Stadt auf jeden Jahrmarktsrummel.</p> - <p class="verse">Ich bin der dürre Gliederclown, und lüstern</p> - <p class="verse">Begafft die Menge mich verbrauchten Stummel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wie Schlangenwirbel muß ich mich bewegen,</p> - <p class="verse">Da ich zerbrochen bin und viel geteilt.</p> - <p class="verse">Ich mußt’ von Kind auf mich in Fratzen legen</p> - <p class="verse">Und aus den Wunden schrei’n, die niemand heilt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn stolz ich aufrecht stehe — lüge ich.</p> - <p class="verse">Ich turn’ am Reck und bin zum Tod bereit</p> - <p class="verse">Ganz wie am Galgen. Oftmals träum’ ich mich,</p> - <p class="verse">Als sei mein loser Leib wie Sand verstreut.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-10"> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -ZIGEUNERLIED -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir sind die mageren Zigeunerkinder.</p> - <p class="verse">Wir tanzen Seil und biegen jedes Stück</p> - <p class="verse">Des jungen Leibes krumm. Und immer blinder</p> - <p class="verse">Stellt sich die Welt zu unserm dürftigen Glück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir sind gedorrt und bleich vom vielen Hoffen,</p> - <p class="verse">Vom vielen Wandern schmählich abgezehrt;</p> - <p class="verse">Und nirgends haben wir aus all dem schroffen</p> - <p class="verse">Applaus ein liebend gutes Wort gehört.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kein ehrgerechter Zorn darf uns erhitzen.</p> - <p class="verse">Wir müssen lächeln, wenn man uns verlacht.</p> - <p class="verse">Wir müssen singen, springen, klingen, schwitzen —</p> - <p class="verse">Und alle Tage sind wie schwere Fracht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auf unsern Rippen spielen wir die Harfe.</p> - <p class="verse">Die Leute lauschen, wie es knackt und bricht.</p> - <p class="verse">Doch dieses Knochenspiel ist bloße Larve.</p> - <p class="verse">Dahinter wühlt ein Meer. Das sehn sie nicht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wollt ihr an unseren Skeletten schürfen?</p> - <p class="verse">Wozu? Das Knabbern stillt nicht eure Lippen.</p> - <p class="verse">Hier ist kein Fleisch, und Blut ist keins zu schlürfen.</p> - <p class="verse">Hier ist nur Meer, das ihr nicht seht, und Klippen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-11"> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -MEERFAHRT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich war noch jung, und konnte schon das Land</p> - <p class="verse">Nicht mehr ertragen, da es von bigotten</p> - <p class="verse">Bewohnern starrte, unbewegt. Am Rand</p> - <p class="verse">Von Aschenhügeln schien man hinzutrotten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So suchte ich das Meer — und fand es ganz!</p> - <p class="verse">In düstertiefer Pracht, verwühlt und wild,</p> - <p class="verse">Dann wieder friedlich gleitend, in den Glanz</p> - <p class="verse">Der Sonne eingeflossen, tief und mild.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Für meine Nacktheit hatte ich als Hülle</p> - <p class="verse">Den Himmel nur. Ich brauchte mich nicht bergen</p> - <p class="verse">Und kleiden wie die Menschen, deren Fülle</p> - <p class="verse">Am Stein der Stadt verkümmert wie bei Zwergen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein heller Segler war mein Eigentum</p> - <p class="verse">Und außer ihm die kühne Himmelsweite.</p> - <p class="verse">Der jungen Freiheit unbegrenzter Ruhm</p> - <p class="verse">Schien unvergänglich wie das Weltgezeite.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich stand am Bug und dehnte meinen Leib</p> - <p class="verse">In glühnder Kraft tief in die Luft hinein.</p> - <p class="verse">Wie hingejubelt war ich an ein Weib,</p> - <p class="verse">Erschauernd süß im Welt-Umschlungensein —.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da trieb ein giftiger Wind mich an das Land —</p> - <p class="verse">Gleich kamen Menschen, meinen Stolz zu lähmen</p> - <p class="verse">Mit Hohn. Ich warf mich weinend in den Sand</p> - <p class="verse">Und fühlte mich der nackten Reinheit schämen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-12"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -DER BERUFENE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Am Fensterrahmen wie ans Kreuz geschlagen</p> - <p class="verse">Liegt schwer mein Kopf. Ich fürchte ein Erdrücken.</p> - <p class="verse">Ich muß den Himmel auf den Schultern tragen,</p> - <p class="verse">Die tief verirrten Menschen zu beglücken.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich sinne, wie die Wege sich verlaufen</p> - <p class="verse">Und sich verkreuzen, wenn ich, um zu lehren,</p> - <p class="verse">Auf ihnen folge dunklen Menschenhaufen —</p> - <p class="verse">Die sind zu starr, um je sie zu bekehren.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die enge Erde scheint ein Widersinn,</p> - <p class="verse">Da ich das grenzenlose Dasein trage.</p> - <p class="verse">— Ich selber glaube kaum an Glückgewinn,</p> - <p class="verse">Der ich die Erde mit Beglückung plage.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ach, darf ich nie wie eine Barke gleiten,</p> - <p class="verse">Mit mir im Tanz, beruhigt, frei vom Zweifel?</p> - <p class="verse">Stets fühl’ ich Köpfe nach verschiedenen Seiten</p> - <p class="verse">Aus meinem Hals sich recken wild wie Teufel.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-13"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -NIETZSCHE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was will die Zeit der aufgestürmten Tage,</p> - <p class="verse">Daß aus den Werken ihrer Söhne werde?!</p> - <p class="verse">Wenn sie ersticken in der eigenen Klage,</p> - <p class="verse">Im Elend der Unendlichkeit und Erde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Dichter sang! Und wie aus Orgelkehlen</p> - <p class="verse">Erströmten Gärten blühender Musik —</p> - <p class="verse">Doch heimlich schwoll der Neid der düster Scheelen,</p> - <p class="verse">Die ihn solange höhnten, bis er schwieg.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und immer schwerer ward die Nacht der Tücke.</p> - <p class="verse">Wo blieb der Jubel von den treuesten Jüngern?</p> - <p class="verse">Er fühlt jetzt um sich her zu weiter Lücke</p> - <p class="verse">Die Menschen, die ihn liebten, sich verringern.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So steht der Gott-Mensch in der Welt umher,</p> - <p class="verse">Ein Schöpfer, den die Schöpfermacht enttäuscht.</p> - <p class="verse">Was soll er schaffen, wenn das Erdenheer</p> - <p class="verse">Doch jeden Helfer wütend blind zerfleischt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon wirft das Volk ihm Steine ins Gesicht,</p> - <p class="verse">Volk eines Lands, dem seine Größe gilt.</p> - <p class="verse">Und jedes Wort, das sein Gedanke spricht,</p> - <p class="verse">Verstummt im Sturm, der heulend ihn erfüllt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er eilt, und flieht das lebende Gewimmel,</p> - <p class="verse">In fernes Felsgebirg, sein eigner Feind.</p> - <p class="verse">Da stößt er Tränentöne in den Himmel,</p> - <p class="verse">Ein Kind, das nichts mehr weiß, als daß es weint.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-14"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -DER ANACHORET -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Menschersehnend, Menschenhasser,</p> - <p class="verse">Riegelt mich mein Willens-Ring.</p> - <p class="verse">Stets vertrübt wie Tümpelwasser</p> - <p class="verse">War der Tag, in dem ich hing.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Erdgebunden, dennoch suchte</p> - <p class="verse">Himmlisches mein Höhlenblick.</p> - <p class="verse">Alles, was ich oft verfluchte,</p> - <p class="verse">Weinte ich mir oft zurück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sehn’ ich mich aus meiner Sperre</p> - <p class="verse">In ein Tummeln mit Gespielen:</p> - <p class="verse">Sind die Ketten, die ich zerre,</p> - <p class="verse">Fast willkommen meinem Fühlen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn die Angst des Ruhverlustes</p> - <p class="verse">Hemmt den Traum, mich auszuschwingen.</p> - <p class="verse">Und mir bleibt ein stumpf bewußtes</p> - <p class="verse">Liederdenken ohne Singen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn auch, Sonntags, Menschen kommen,</p> - <p class="verse">— Kommen nur, mich anzugaffen:</p> - <p class="verse">An dem Steinbild eines frommen</p> - <p class="verse">Narren steht ein Knäuel Affen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-15"> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -DER GÜTIGE MENSCH -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Guter Mensch; du rührst an deiner Saite,</p> - <p class="verse">Die wie ein Licht leidend in dir glüht,</p> - <p class="verse">Wie eine Bitte, um die du bittest,</p> - <p class="verse">Leise und singend träumerisch,</p> - <p class="verse">Rührst du die Güte einer ganzen Weite.</p> - <p class="verse">Und wo dein Fühlen erblich</p> - <p class="verse">Vor Schreck, als du das Nichts im All</p> - <p class="verse">Schaudernd erlittest:</p> - <p class="verse">Da blieb kein Wall,</p> - <p class="verse">Der das Ergießen der Traurigkeit</p> - <p class="verse">Noch hemmen könnte.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Auge aber ist so schön</p> - <p class="verse">Vom Glanz der dunklen traurigen Macht,</p> - <p class="verse">Daß der Raum zittert wie Vogelstimme</p> - <p class="verse">Vor Lust für dein Leid —</p> - <p class="verse">Daß er zittert, als wollt’ er zerbrechen.</p> - <p class="verse">Du weißt, auch das Unglück muß,</p> - <p class="verse">Muß wie ein bestraftes Kind.</p> - <p class="verse">Und deine Lippen, blühend bleich,</p> - <p class="verse">Ohne zu küssen, ohne zu sprechen,</p> - <p class="verse">Sind Klage und Kuß.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du siehst den Fremdling an</p> - <p class="verse">In flehender Geduld;</p> - <p class="verse">Tief verwundert, verwundet dich sein Lachen.</p> - <p class="verse">Und du möchtest dann,</p> - <p class="verse">Als sei alles, was ist, Schuld, deine Schuld,</p> - <p class="verse">Noch das Gute wieder gutmachen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -WIR STERBEN DAS LEBEN -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -KRANK -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Leichentücher können mich nicht hüten,</p> - <p class="verse">Die Kissen, die wie weiße Spiegel blenden,</p> - <p class="verse">Sie helfen nur die Augen mir entblüten —</p> - <p class="verse">Mein Kopf wird leer, ein Kranz von hohlen Händen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Warum hat man die Brust mir so gefeuert?</p> - <p class="verse">Mit meinem Schrei will ich euch niederstechen</p> - <p class="verse">Oh, alle euch, die ihr voll List erneuert</p> - <p class="verse">Das Blut des Lebens, furchtbar zum Erbrechen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -AUFSCHREIENDER KÜNSTLER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hingeworfen bin ich in Welt!</p> - <p class="verse">Kühnheit und Zerrissenheit!</p> - <p class="verse">Doch mein So-Wildsein ist Traurigkeit,</p> - <p class="verse">Nur Finsternis ist erhellt.</p> - <p class="verse">Was kann uns unendlich heben?</p> - <p class="verse">Nichts. Wir altern immer, sind nie gesundet.</p> - <p class="verse">Wir sterben das Leben,</p> - <p class="verse">Alles Leben ist tödlich verwundet.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch ich habe ja Kühnheit in mir!</p> - <p class="verse">Ich könnte ja kühn sein!</p> - <p class="verse">Wohin aber können wir</p> - <p class="verse">Aufjauchzend streben?</p> - <p class="verse">— Es ist dumm, kühn zu leben.</p> - <p class="verse">Alle Pyramiden sind Wahnsinn und Stein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zerfetzt die Schönheit in meinem Gesicht!</p> - <p class="verse">Ach, alle Hände sind zu zahme Tiere.</p> - <p class="verse">Ich will mein verblühendes Blühen nicht!</p> - <p class="verse">Leben ist Aas, mit dem ich mich beschmiere!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Lach’ ich über mein Atmen?</p> - <p class="verse">Ich sollte besser Stein sein.</p> - <p class="verse">Doch einmal jetzt muß ich noch schreien</p> - <p class="verse">Aus dieser Erde heraus, dieser Grube,</p> - <p class="verse">Und mit Knochen und Gebeinen</p> - <p class="verse">Mich hinwerfen und schreien!!</p> - </div> - <div class="stanza tb"> - <p class="tb">— — — — —</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In die Wände meiner engen Stube</p> - <p class="verse">Will ich mich weinen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-3"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -TRÜBE LUFT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wach auf! Aug’ über dem Tag!</p> - <p class="verse">Wundes Vogeltier, müde zum Schlag.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aug’ ist ohne Blick, Welt ohne Blick,</p> - <p class="verse">Mensch kann nicht mehr auf, ist nur ein Stück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Könige, thront ihr auch, seid nur Gewimmel,</p> - <p class="verse">Punkte überall, Kreise und Himmel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hoffen zerflog in Luft, Menschelein hilf!</p> - <p class="verse">Schlacke schuf ein Schalk, Chaos und Schilf.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Qualen sind im Schlamm, Kraft ohne Mut,</p> - <p class="verse">Feuer flackt und ertrinkt im hohlen Blut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was uns ist, ist nicht, zieht immer vorbei,</p> - <p class="verse">Jedes Ding ist morsch und dennoch neu.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schultern biegen sich gähnend zurück,</p> - <p class="verse">Immer wimmert ein Greinen um Glück.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wach auf! Aug’ über dem Tag!</p> - <p class="verse">Wundes Vogeltier, müde zum Schlag.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-4"> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -DUDELSACKWEISE DES STERBLICHEN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ins Grau des Tages bin ich hingestellt.</p> - <p class="verse">Die Lebensstraße ist im Staub ein Strich.</p> - <p class="verse">Allglück zerstürzt in die Novemberwelt.</p> - <p class="verse">Nie war ein Blühen, das nicht bald erblich.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Himmelsfenster kann ich nicht zerschlagen.</p> - <p class="verse">Ich bin versperrt. Ich kann nur Schritte tun.</p> - <p class="verse">Ich muß wie einen Sack mich weitertragen,</p> - <p class="verse">Muß nachts im Bett wie eine Leiche ruhn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Tod bezuckt mein Dasein heimlich fern;</p> - <p class="verse">Er grinst in meinen Rücken sein Plaisir:</p> - <p class="verse">Wie man sich schindet ohne Ziel und Kern</p> - <p class="verse">Im Sterbetaghemd — niemand weiß wofür.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man trippelt sich die müden Sohlen wund</p> - <p class="verse">Am Gängelband des Lebens. Gram und Graus</p> - <p class="verse">Und Lust und Last sind täglich der Befund.</p> - <p class="verse">Wir sind in Uns und können nicht heraus.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir können nicht die Erde höher heben.</p> - <p class="verse">Die Frage krächzt: Was soll der Wille wollen?</p> - <p class="verse">Wir blicken nichts vom Leben als das Leben.</p> - <p class="verse">Wir sind die Erde, fahrend und verschollen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-5"> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -ERMATTUNG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Tag war schwül.</p> - <p class="verse">Ich schließe meine Augen wie ein gelebtes Buch.</p> - <p class="verse">Die Bilder sind zu Ende,</p> - <p class="verse">Zu wenig und zu viel —</p> - <p class="verse">Ich bin nur noch der Fluch</p> - <p class="verse">Aus einem Zorn.</p> - <p class="verse">Und keine Wende wird sein,</p> - <p class="verse">Die wie ein helles Horn</p> - <p class="verse">Zum Aufschwung bliese —</p> - <p class="verse">Ich klage wie ein Riese</p> - <p class="verse">Und bin klein.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-6"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -VERNUNFT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zerrissen ist das Tiefste, das wir sind,</p> - <p class="verse">Und dennoch nur mit seinem Selbst vereint.</p> - <p class="verse">Solch Leid hat keine Tränen ... wie ein Kind,</p> - <p class="verse">Das am Ersticken ist, bevor es weint.</p> - <p class="verse">Das Niedrige ist nichts, das Große ist zu groß,</p> - <p class="verse">Die Weisheit sagt: Hoffen ist hoffnungslos.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir sind des Lichts umnachtete Begleiter.</p> - <p class="verse">Ist nicht das Leben wie ein Gnadenbrot?</p> - <p class="verse">Ob Ja, ob Nein: Es reißt und peitscht uns weiter,</p> - <p class="verse">Das All des Glücks versagt sich unsrer Not.</p> - <p class="verse">Und ob wir weinen oder traurig lachen:</p> - <p class="verse">Wir können uns nicht ungeboren machen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Auch kühnste Trunkenheit ist nicht Erfüllung.</p> - <p class="verse">Was nutzt das bißchen Zuversicht der Brust?</p> - <p class="verse">Der höchste Himmel selbst ist nur Umhüllung</p> - <p class="verse">Von fahlen Dingen, keine Götterlust.</p> - <p class="verse">Die Schöpfung ist ein Zirkel, irr umkreist,</p> - <p class="verse">Ein Schattentanz, der keinen Ausweg weist.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -O ERDE! -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-1"> -NACHTGESANG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Falle in des Himmels Nacht,</p> - <p class="verse">Glühend in die Schlucht der Straßen,</p> - <p class="verse">Schmerzenlichter sind entfacht,</p> - <p class="verse">Greller, als Drommeten blasen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nirgends, wo ich knieend bliebe;</p> - <p class="verse">Gleite über weiche Steine;</p> - <p class="verse">Unerlösbar ist die Liebe,</p> - <p class="verse">Die ich in der Stadt verweine.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Zückt nur, Lichter, nach dem Müden,</p> - <p class="verse">Bis ihr all’ ihn umgebracht!</p> - <p class="verse">Ach, mein Sinn weht in den Süden</p> - <p class="verse">Mit den Wogen dieser Nacht!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dort erfüllt den Himmel voll</p> - <p class="verse">Ein geliebter Sternenbund,</p> - <p class="verse">Küsse träum’ ich tief und toll</p> - <p class="verse">Meinem liebebleichen Mund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liebste, daß ich sinken werde,</p> - <p class="verse">Wußt’ ich, da ich dich nicht fand.</p> - <p class="verse">Nach dem Schiffbruch dieser Erde</p> - <p class="verse">Spült das Meer mich an den Sand.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wär’ doch die Umschlingung mein</p> - <p class="verse">In den Sternendiademen!</p> - <p class="verse">Immer ist das Erdensein</p> - <p class="verse">Ein umarmtes Abschiednehmen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-2"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -ES WIRD EIN TRAUM -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es wird ein Traum aus dem, was Tag noch war.</p> - <p class="verse">O süßer Abend, der die Augen küßt!</p> - <p class="verse">O Lichterschmuck, Musik und Harfenhaar!</p> - <p class="verse">Verzückte Stadt, die wie ein Weihnachtsbaum beglitzert ist.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein Lieben ist im tummelnden Bewegen.</p> - <p class="verse">Viel’ Frauen, nackt in Kleidern, ziehn vorbei.</p> - <p class="verse">Das Gold der Sterne ist wie goldner Regen.</p> - <p class="verse">Die Erde, die ihr Nachtfest fahrend feiert, atmet frei.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und unsrer schlanken Körper müde Führung</p> - <p class="verse">In Straßen, die wie Flüsse nächtlich glänzen,</p> - <p class="verse">Ist wie ein Mädchen träumender Berührung</p> - <p class="verse">Mit junger Nacht und Glück und Rausch von ferngefühlten Tänzen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-3"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -HYMNE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn hoch ein Stern die Tempelnacht beglüht:</p> - <p class="verse">Hält nicht die kleinste Hand den Allpokal?</p> - <p class="verse">Ist’s nicht ein einziger Strom, der heimwärts zieht</p> - <p class="verse">In Grotten leiser Wasser ... traumhaft wie Opal?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Musikant und deiner — alle geigen</p> - <p class="verse">Den Linienrausch, der raumlos uns verführt.</p> - <p class="verse">So löst sich unser Halten in den Reigen,</p> - <p class="verse">Der an die ewige Verzückung rührt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schämt euch des Weinens nicht! Ihr seid ja Kinder!</p> - <p class="verse">Ein Lächeln ist im Tränenregenbogen.</p> - <p class="verse">Vieltausendmal geküßt sind eure Münder</p> - <p class="verse">Von Liebsten, blühenden in Welt und Wogen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-4"> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -DAS HEIMATZIMMER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun bin ich wieder heimgekehrt,</p> - <p class="verse">Dort draußen war die Angst der Welt;</p> - <p class="verse">Hier innen hat sich nichts vermehrt,</p> - <p class="verse">Blieb alles ruhig aufgestellt.</p> - <p class="verse">Und oben, hör’ ich, spielt man noch Klavier,</p> - <p class="verse">Jungsanfte Hände schweben über mir.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich bin in meinem treuen Bett,</p> - <p class="verse">Will lesen wie vor weiter Zeit.</p> - <p class="verse">O liebes Glück! Ein Amulett</p> - <p class="verse">Ist jede kleine Einzelheit.</p> - <p class="verse">Ganz ferne schlagen Blitze um das Zelt,</p> - <p class="verse">Wo Haß und Hast und Schreigelächter gellt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hier ist das Glück umfaßt geküßt!</p> - <p class="verse">Mein Unruhblut ist liebewach,</p> - <p class="verse">Als ob mich jemand küssen müßt’,</p> - <p class="verse">Als stellten Menschen tausendfach</p> - <p class="verse">Sich in der Liebe meiner Augen dar,</p> - <p class="verse">Als sehnt’ ich Küsse für mein wildes Haar!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oft schien ich lebend eingebaut,</p> - <p class="verse">Oft weint’ ich ohne rechten Grund.</p> - <p class="verse">Doch dieser Raum ist so vertraut</p> - <p class="verse">Wie ein geflüstert tiefer Bund.</p> - <p class="verse">In Bett und Gondel fließt der nächtige Schein</p> - <p class="verse">Und hüllt die Fahrt des weiten Lebens ein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Komm, Liebste, in das Nahgefühl</p> - <p class="verse">Von Welt und Menschen heller Nacht!</p> - <p class="verse">Die Leiber wogen im Gewühl,</p> - <p class="verse">Verheißung unerschöpfter Pracht.</p> - <p class="verse">O Melodie, die sich in Küssen neigt,</p> - <p class="verse">Die süß, in Glück verführend, uns umgeigt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-5"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -FRAUEN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Frauen sind das Vertrauen,</p> - <p class="verse">Wissende ohne Klügeln,</p> - <p class="verse">Wehende Schiffe dahin —</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fahrtverzückt im Erschauen,</p> - <p class="verse">Lächelnd in Buchten und Hügeln,</p> - <p class="verse">Trächtig von Sein und Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Küssende Blicke führen</p> - <p class="verse">Glück der umarmenden Weite,</p> - <p class="verse">Schmiegen sich deinem Mund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sehnendes Nahberühren</p> - <p class="verse">Glühen sie deiner Seite,</p> - <p class="verse">Gotteskindlichen Bund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Farben, trunken und golden,</p> - <p class="verse">Spiegeln sie in den Augen,</p> - <p class="verse">Leiten sie deinem Lauf ...</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Frauen sind reichende Dolden,</p> - <p class="verse">Lassen die Süße dich saugen,</p> - <p class="verse">Liebende himmelauf.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wo ihr Leib der Milde</p> - <p class="verse">Breitet Brüste und Hüfte,</p> - <p class="verse">Himmelwerden im Schoß:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da umfaltet Gefilde</p> - <p class="verse">Taumelnder Gärten und Lüfte</p> - <p class="verse">Unsere Seele groß.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-6"> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -DER HIMMELFLIEGER -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wund von Wundern und jung</p> - <p class="verse">Riß dich ein Rausch in die Höhe,</p> - <p class="verse">Daß im sausenden Schwung</p> - <p class="verse">Jubel und Ruhm bestehe.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht bedürftig der Erde</p> - <p class="verse">Schien dein stürmendes Steigen,</p> - <p class="verse">Auf die kriechende Herde</p> - <p class="verse">Sahst du aus höchsten Gezweigen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sangst in die Sternäonen</p> - <p class="verse">All, was dein Eigen war,</p> - <p class="verse">Lachtest drohender Zonen,</p> - <p class="verse">Lähmender Höhengefahr ...</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch mit einemmal zuckte</p> - <p class="verse">Zitternd dein Leib und Blut,</p> - <p class="verse">Und die Kehle schluckte</p> - <p class="verse">Mühsam nach Luft und Mut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und in rasendem Drehen</p> - <p class="verse">Fühltest du klemmende Not — —.</p> - <p class="verse">Konntest nicht länger bestehen.</p> - <p class="verse">Luft ohne Staub ward dein Tod.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In der Leere der Lüfte</p> - <p class="verse">Brach die Seele der Glieder.</p> - <p class="verse">In die Tiefen der Klüfte,</p> - <p class="verse">Tonlos, stürztest du nieder.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-7"> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -MYRTENKIND! -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich umschlinge deine Hand und zerpresse alles Leiden,</p> - <p class="verse">In schmiedenden Küssen den angstwachen Traum,</p> - <p class="verse">Daß keine Tage mehr sind und kein Raum</p> - <p class="verse">Zwischen uns beiden.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich zerküsse deine Lippen, deine Stirn, deinen Blick,</p> - <p class="verse">Daß Gärten erblühen und singen. Und die Wonne</p> - <p class="verse">Und Schöpfung der Welt kehrt zurück</p> - <p class="verse">Zum ersten Morgen der Sonne.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-8"> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -GEDICHT IM MAI -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich dacht’ es nicht, nie, daß ich so verzücke,</p> - <p class="verse">Wo Wiesen blühn wild in ihr eigenes Meer,</p> - <p class="verse">Die junge Sonne an Gesträuchen pflücke,</p> - <p class="verse">Die Luft, die Lust umarme und die Brücke</p> - <p class="verse">Der Erde leicht mich trage überher;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">... und Flügel fühlend tausenden Gehäusen,</p> - <p class="verse">Der Unruh Linien findend ihre Bahn,</p> - <p class="verse">Entring ich mich, unendlich in den Kreisen,</p> - <p class="verse">Will Welt, dich, mich und alles an mich reißen,</p> - <p class="verse">Musik, wie Glaube glüht, ist aufgetan!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weinen vertraut, wo so Versunkenheit</p> - <p class="verse">Der Landschaft ist —, viel Farben führen, erwidern</p> - <p class="verse">Das Leid. Und Strömung, Jubel ist und weit</p> - <p class="verse">Geöffnet Flut großer Gemeinsamkeit;</p> - <p class="verse">Herr bin ich von Brüdern, Bruder von Brüdern.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So zieht wie über alle Länder mein Blick,</p> - <p class="verse">Friede sinnend; tief in die Brust hinein</p> - <p class="verse">Atmet der Raum. Nichts bleibt verarmt zurück —</p> - <p class="verse">Denn allen ist und alles Unglücks Glück,</p> - <p class="verse">Unter der einigen Sonne zu sein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oft ging ich dumpf und blind; und hier ist Kunde,</p> - <p class="verse">Brausender Dom, Sieg der Sonne, und Segen!</p> - <p class="verse">Ich will nicht grübeln, warum. Meinem Munde</p> - <p class="verse">Fühl’ ich Küsse entstehn, geweihter Wunde!</p> - <p class="verse">Zügle mein Hirn, o Gott, laß mir den Segen!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-9"> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -AN DEN ANDEREN -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du gehst zerschluchtet, Bruder, von tausenden Streiten.</p> - <p class="verse">Ich seh dich gehen, blicklos blickend, dunkel schwer.</p> - <p class="verse">Du kreisest die Erde, verfolgt vom eignen Begleiten:</p> - <p class="verse">Dein entmenschtes Gesicht ist Krampf im begrabenden Meer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Höhlenleib heult in fleischzerpeitschtem Zucken.</p> - <p class="verse">Was du ersehnt, das Viele, einst jung, ist verloren.</p> - <p class="verse">Hell wolltest du herrschen, dann wieder dich demutvoll ducken:</p> - <p class="verse">So schienst du zum Führen nicht und nicht zum Folgen erkoren.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Härte und Huld, erdstarken Aufstieg, aber auch Milde hast du gesungen,</p> - <p class="verse">Gebietenden Geist und frei dennoch die menschenwogende Masse —</p> - <p class="verse">Nun im Zerdenken des Ziels, bis das Licht, das dich lockte, in Dunst verklungen,</p> - <p class="verse">Läufst du blind und entleibt von sich selbst fluchendem Hasse.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-10"> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -ICH DENKE EINEN FREUND -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon will der Tag im Zimmer untergehn.</p> - <p class="verse">Mein Freund erzählt, in weite Linien blickend,</p> - <p class="verse">Von Wandernächten zu erwachten Höh’n,</p> - <p class="verse">Zeit überwindend, Räume überbrückend.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir gehen aus und treffen in den Straßen</p> - <p class="verse">So viele Menschen, die uns nicht verstehn.</p> - <p class="verse">Wir wollen nicht in enger Hürde grasen,</p> - <p class="verse">Komm, laß uns zu den großen Bäumen gehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich fahr’ mit dir in den Botanischen Garten —</p> - <p class="verse">Doch ist nicht jeder Weg ein Doppelsinn?</p> - <p class="verse">Fühl’ ich nicht hinter mir Verlassne warten?</p> - <p class="verse">Mein Blut ist Flut in weiten Weltbeginn!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir gehen zwischen großen Baumkulissen.</p> - <p class="verse">Hoch werden Wolken in die Nacht geschwemmt,</p> - <p class="verse">Um uns ist alles willenlos umrissen.</p> - <p class="verse">Wir sprechen laut und heiß und ungehemmt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich weiß, daß wir uns alles Dasein gönnen.</p> - <p class="verse">Die kleinsten Qualen darf ich dir erwähnen.</p> - <p class="verse">Wenn wir am innigsten uns finden können,</p> - <p class="verse">Ist das Beisammensein voll Sturm und Tränen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den heißen Kopf in kühle Nacht geschmiegt,</p> - <p class="verse">Erdenkt ein neuer Mut sein Weltsignal.</p> - <p class="verse">Und wo der düsterhafte Druck zerfliegt,</p> - <p class="verse">Strahlt eine Weite auf wie ein Choral.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-11"> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -FÜGUNG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Abend erst hat meine Kunst gefunden,</p> - <p class="verse">Ich war entartet schon in meiner Müh,</p> - <p class="verse">Doch plötzlich durft’ ich noch zum Licht gesunden</p> - <p class="verse">Am Vollgelingen meiner Melodie.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Da ging ich schnell zu meinem Bruderfreunde,</p> - <p class="verse">Der auch in seiner Stube glücklich war,</p> - <p class="verse">Gleich mir den ganzen Tag verloren meinte,</p> - <p class="verse">Dann aber auch den hohen Sang gebar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wir gingen aus, in Straßen still umher —</p> - <p class="verse">Es war kein Gehen, eher noch ein Fahren</p> - <p class="verse">In Glück. Wir hatten keine Worte mehr,</p> - <p class="verse">Die Klänge nur, die fast frohlockend waren.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-12"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -DUO -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Saßen viele Stunden beide</p> - <p class="verse">Immer an der Türe Schwelle,</p> - <p class="verse">Du in deinem blauen Kleide,</p> - <p class="verse">Beide wie an tiefer Quelle.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hörten stumm und sahen wieder</p> - <p class="verse">Immer unsre Gegenbilder,</p> - <p class="verse">Waren seliger denn Brüder</p> - <p class="verse">Und noch inniger und milder.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Süß bedrückt, um Worte mühend,</p> - <p class="verse">Sehnen war und kein Bewegen;</p> - <p class="verse">Und wir hätten uns doch glühend</p> - <p class="verse">In die Arme sinken mögen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch ich zitterte und fühlte,</p> - <p class="verse">Unheil sollte niederbrechen,</p> - <p class="verse">Wünsche, die ich mir erzielte,</p> - <p class="verse">Wollten mir das Herz durchstechen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn, noch ohne die Berührung,</p> - <p class="verse">Sprachst du schon das Abschiedswort;</p> - <p class="verse">Und wie außer aller Führung</p> - <p class="verse">Schwamm das ganze Leben fort.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-13"> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -DEM ENGEL DER ERDE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch rührt’ ich nicht an deine Blütenhände,</p> - <p class="verse">Dein Bildnis zieht in flimmernden Gestalten —</p> - <p class="verse">Ich aber geh’ die Stube und die Wände</p> - <p class="verse">Und kann den Schritt an keiner Stelle halten.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn alles ist wie aufwärts ausgegraben;</p> - <p class="verse">Wie Schlangen greif’ ich in die Gegenstände</p> - <p class="verse">Auf meinem Tisch, und will doch gar nichts haben —</p> - <p class="verse">Denn der Gedanke sucht nur deine Hände.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ihr Liebenden der Welt, wo soll ich hin?</p> - <p class="verse">Oh, daß die Jugend noch ein Jubel werde,</p> - <p class="verse">Die Mitternacht gekrönt und heller Sinn! —</p> - <p class="verse">Wie Muscheln schallt die dumpfe Zaubererde.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich glaube, darf ich je die Hände küssen,</p> - <p class="verse">Die deine Unschuld so unendlich wahrt:</p> - <p class="verse">Da, glaub’ ich, bin ich wie vom Glück zerrissen,</p> - <p class="verse">Ein seliges Opfer nach der weiten Fahrt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-14"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -ABENDGANG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Des Tages Hirn wird dunkel und verdorben,</p> - <p class="verse">Die Häuser blutleer und wie stille Leichen.</p> - <p class="verse">Schon ist in mir auch vieles ausgestorben,</p> - <p class="verse">Und nichts Bestimmtes will ich mehr erreichen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O weiche Melodie der Müdigkeit,</p> - <p class="verse">Bist du das Gift, das mich so ruhig macht?</p> - <p class="verse">Ich geh’, für alle Menschen jetzt bereit,</p> - <p class="verse">Mit halb geschlossnen Augen in die Nacht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-7"> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -AUFRUHR DURCHWÜHLT DEN -GÜTIGEN GEIST -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-7-1"> -LIED AUS DER NACHT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist mein Bett das wilde Schiff,</p> - <p class="verse">Das in stürzenden Kreisen dreht?</p> - <p class="verse">Ist die Wand verstrickend das Riff,</p> - <p class="verse">Das krächzend entgegensteht?</p> - <p class="verse">Doch draußen weit ist Meer und die Welt,</p> - <p class="verse">Der göttliche Gesang!</p> - <p class="verse">Ich komme, ich komme! und bin euer Held!</p> - <p class="verse">Und bleibe euch treu mein Leben lang.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Funkelnd richt’ ich mich auf,</p> - <p class="verse">Noch verlassen wie ein Stern.</p> - <p class="verse">Doch im Fenster der Himmel dort</p> - <p class="verse">Ist Weg und Gewähr,</p> - <p class="verse">Und über alle Maßen fern</p> - <p class="verse">Zieht der Begierde zitternder Lauf</p> - <p class="verse">In das brütend dunkle rauschende Meer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hell ruf’ ich die Nacht zum Schwert.</p> - <p class="verse">O du endlich gefundene Tat!</p> - <p class="verse">Ich selbst mein Geleit und heiliger Wert,</p> - <p class="verse">Der zwingend menschengütig naht.</p> - <p class="verse">Ja! Hier ist Meer und Welt,</p> - <p class="verse">Der göttliche Gesang!</p> - <p class="verse">Ich komme, ich komme! und bin euer Held!</p> - <p class="verse">Und bleibe euch treu mein Leben lang.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-2"> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -DANK -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man dankt mir viel und drängt mir Worte auf</p> - <p class="verse">Und Arme voll von Händen ... Stets war’s noch</p> - <p class="verse">Ein gleicher Arm, steif wie ein Flintenlauf,</p> - <p class="verse">Aus dem die Hand wie eine Zunge kroch.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was soll mir euer Dank so kalt und stier,</p> - <p class="verse">Er reicht doch nie an mein Gefühl heran:</p> - <p class="verse">Das ist so glutvoll tief und wild in mir,</p> - <p class="verse">Daß nur das tiefste Sehnen nahen kann.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O könnt’ ich selber einmal Dank verkünden,</p> - <p class="verse">Ich wollt’ die Hand zerdrücken, die ich hielte,</p> - <p class="verse">Und würde wogend solche Worte finden,</p> - <p class="verse">Daß jede Ader ihre Strömung fühlte!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-3"> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -BESINNUNG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du bist der Himmel und das Grab,</p> - <p class="verse">Verträumter Geist, der mich belebt.</p> - <p class="verse">Ich weiß nicht recht, wo ich mein Schicksal hab’,</p> - <p class="verse">Oft hab’ ich wie ein Schatten nur gebebt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Erdensein ist der Versuch,</p> - <p class="verse">Das Land des Glückes zu entdecken.</p> - <p class="verse">Das Menschenleben ist ein Knabenbuch,</p> - <p class="verse">Den Schlaf der Wünsche strahlend aufzuschrecken.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Am heimlichsten ist unser Ich,</p> - <p class="verse">Nur blitzend wie ein Blitz, der schon erlischt.</p> - <p class="verse">Die Bilderdinge rühren dich —</p> - <p class="verse">Sind wir dem All, dem Nichts vermischt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Leben hat nur in sich selbst den Sinn</p> - <p class="verse">Und im Vertrauen in den eigenen Rat.</p> - <p class="verse">Das ist die Antwort auf dein Wort „Wohin“:</p> - <p class="verse">Zu dir, zu deiner Höhe, deiner Tat.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-4"> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -KNAPPE VOM BERGWERK -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ist Jugend kranke Armut?</p> - <p class="verse">Ist das geweinte frühe Leben</p> - <p class="verse">So ohne jedes süße Gut,</p> - <p class="verse">Schon hingesunken, ohne sich zu heben?</p> - <p class="verse">Was will die wilde Stadt,</p> - <p class="verse">Die mir im Ohr erdröhnt?</p> - <p class="verse">Schon hab’ ich mich zu Tode matt</p> - <p class="verse">Nach Menschen hingesehnt:</p> - <p class="verse">Nach einem Inbegriff,</p> - <p class="verse">Der überm Schmerz besteht</p> - <p class="verse">Und nicht wie Wellen an dem Riff</p> - <p class="verse">Der schwarzen Erde stumm verweht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und dann, dann kam der Qualm,</p> - <p class="verse">Der in der Höhlen sielt,</p> - <p class="verse">Und losch den Blütenhalm</p> - <p class="verse">Und Blick, den ich noch aufrechthielt.</p> - <p class="verse">Dann immer neue Wolken und die Nacht</p> - <p class="verse">Und Regen, Grauen und die letzten Schauer —</p> - <p class="verse">Jetzt sind nur unermeßlich noch der Schacht</p> - <p class="verse">Und meine große Angst auf ihrer Lauer.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-5"> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -DER VERURTEILTE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Am Morgen kam seine Mutter.</p> - <p class="verse">Sie saß den ganzen Tag bei ihm.</p> - <p class="verse">Er kniete an ihrem Schoß,</p> - <p class="verse">Weinte in ihr zärtliches Kleid,</p> - <p class="verse">Lachte in ihre küssenden Hände,</p> - <p class="verse">Und weinte;</p> - <p class="verse">Hätte den ganzen Körper</p> - <p class="verse">In sie hineinweinen mögen.</p> - <p class="verse">Sie war ihm so hell wie ein einziger Stern.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sie sprach: Mein Kind,</p> - <p class="verse">Mein liebes Kind.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-6"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -DER GEKERKERTE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die tiefe Mauer, die mich starr umstellt,</p> - <p class="verse">Ist wie das Grab der Gräber. Hartes Stein-</p> - <p class="verse">Gebilde ist der Mensch; mir gönnt die Welt</p> - <p class="verse">Auch nicht das kleinste Tröpfchen Sonnenschein.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Es beugt sich niemand, mir in meinem Kerker</p> - <p class="verse">Die dunkle Stirne himmelhell zu küssen.</p> - <p class="verse">Und meine Wünsche werden immer stärker,</p> - <p class="verse">Wenn sie so langen Tod erleben müssen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und manchmal träume ich von einer Rache,</p> - <p class="verse">Nach der dann wie verglast die Hände langen —</p> - <p class="verse">Doch wenn ich zuckend wieder bald erwache,</p> - <p class="verse">Bin ich umengt von Mauern wie von Schlangen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-7"> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -NAPOLEON -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Himmel! Sinke den Augen!</p> - <p class="verse">Ich bin zwar blind und überdeckt,</p> - <p class="verse">Doch noch nicht blind genug in meinem Haupt:</p> - <p class="verse">Mein Blick will Menschen saugen,</p> - <p class="verse">Hat Tausende hingestreckt.</p> - <p class="verse">Was ich dem Trieb verbiete,</p> - <p class="verse">Hat sich mein Trieb erlaubt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer trug die Kraft in mein Gehirn?</p> - <p class="verse">Wer gab mir Macht und Können schwerer Schlacht?</p> - <p class="verse">Wer die Idee? — Ich schlage mir die Stirn;</p> - <p class="verse">Ich will nicht Krieg und Mord,</p> - <p class="verse">Nicht Krieg, nicht Krieg,</p> - <p class="verse">Nicht Mord!</p> - <p class="verse">Ich sehne den Sieg!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In meiner Stirn ist ein Adler, ein Geier,</p> - <p class="verse">Rasend mit den Flügeln vor Ungeduld!</p> - <p class="verse">Schweige, Tier! Ich fühl’ es wie Schuld:</p> - <p class="verse">Über der Vernunft ist ein Schleier.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich bin von der eigenen Kraft zerrissen.</p> - <p class="verse">Völker, Volk, Frankreich,</p> - <p class="verse">Ihr seid in meinem Blut;</p> - <p class="verse">Ich blute mit euch,</p> - <p class="verse">Mit dem Reich;</p> - <p class="verse">Ich opfere, zum Ruhme gesandt,</p> - <p class="verse">Euch das heiligste Gut,</p> - <p class="verse">Mein Gewissen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-8"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -JUNGER SOLDAT -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schon heult die Nacht. Die Schlacht brüllt auf und brennt.</p> - <p class="verse">Bald sind auch wir nur Fetzen.</p> - <p class="verse">Noch in Reserve unser Regiment.</p> - <p class="verse">Wir warten entseelt in Entsetzen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Brach wirklich hin, was kaum noch blühend sang?</p> - <p class="verse">Für wessen Habsucht-Rachen?</p> - <p class="verse">O Gott! Warum der viehisch rohe Zwang,</p> - <p class="verse">Totschlag und Qual und Nieerwachen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wer ist mein wahrer Feind? Ich wurde Knecht</p> - <p class="verse">Nur durch den eignen Staat.</p> - <p class="verse">Sind aber Ruhmgier, Raubgelüst im Recht?</p> - <p class="verse">Jung sink’ ich hin, jung ohne Tat.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mai, Juni, Juli, Monate der Blumen,</p> - <p class="verse">Werd’ ich euch wiedersehn?</p> - <p class="verse">April ist jetzt. Heut’ soll noch in den Krumen</p> - <p class="verse">Der Erde all mein Herz zergehn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ward die Geduld der Jugend und Gefahr</p> - <p class="verse">So hinterrücks belauert?</p> - <p class="verse">Muß Strafe sein, wo keine Sünde war,</p> - <p class="verse">Wo nur ein früh Sichsehnen schauert?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liebst du mich nicht, Macht meines Vaterlands,</p> - <p class="verse">Daß du mich niedertrittst?</p> - <p class="verse">Nur um der Feldherrn willen und des Stands,</p> - <p class="verse">Der eitel waltet und besitzt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sind nicht auch wir wie ihr ein Heimatgut,</p> - <p class="verse">Wohl wert auch, daß es bleibt?</p> - <p class="verse">Verachtet ihr uns so und unser Blut,</p> - <p class="verse">Daß ihr uns auf die Schlachtbank treibt?</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> - <p class="verse">O Heimatland, das liebste, das ich wüßte,</p> - <p class="verse">Des Lebens tiefster Lohn,</p> - <p class="verse">Entweichst du mir? der dich geküßt so küßte</p> - <p class="verse">Wie nur dein innigst junger Sohn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du Freundeland, Land heißer Jugendbriefe,</p> - <p class="verse">Zu Tränen reißt du hin,</p> - <p class="verse">Du singst die Sprache meiner trunknen Tiefe: —</p> - <p class="verse">Und du erfüllst nicht ihren Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kehr’ ich noch heim? Und wie? Zerschlagen, krumm,</p> - <p class="verse">Ein Krüppel, blind — ganz blind?</p> - <p class="verse">Hier ist kein Aufschrei mehr, nur kalt und stumm</p> - <p class="verse">Ist Schutt und Dunst und Todeswind.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Muß wirklich so die Pflicht erniedrigt werden,</p> - <p class="verse">Um fremden Glanz zu gründen?</p> - <p class="verse">Ist denn die Sonne nicht genug auf Erden?</p> - <p class="verse">— Oder war ich voller Sünden?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich darf nicht länger von mir selber wissen,</p> - <p class="verse">Schon hör’ ich das Signal.</p> - <p class="verse">Ich muß, muß, muß, und kann nur immer müssen,</p> - <p class="verse">Und selbst zum Mut bleibt keine Wahl.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So zieh ich fort, erloschen und verloren.</p> - <p class="verse">Wohin? Nirgendwohin.</p> - <p class="verse">Das Ewige ist tot. Ich ward geboren</p> - <p class="verse">Für meinen Mord und toten Sinn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Lebt wohl! Ich will nicht allzu feindlich scheiden —</p> - <p class="verse">Daß nicht zum Fluch noch werde,</p> - <p class="verse">Was eine Jugend war voll milder Leiden.</p> - <p class="verse">Lebt wohl! Ach! Mutter, Brüder, Erde.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-9"> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -DER KRIEGSBLINDE -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nicht mehr die Lust</p> - <p class="verse">Des Taumelns im Getriebe;</p> - <p class="verse">Nicht mehr voll Macht die Brust,</p> - <p class="verse">Voll Ruhm und allgeliebter Liebe;</p> - <p class="verse">Nicht mehr das Singen, Stürmen in den Himmel,</p> - <p class="verse">In wilder Wiesen blühendem Gewimmel,</p> - <p class="verse">In der Gebüsche grün verschlungnem Blühn;</p> - <p class="verse">Nie jubelnd mehr das weite Land durchziehn;</p> - <p class="verse">Zu nichts mehr als zum Erdbekriechen taugen;</p> - <p class="verse">Nie mehr die Düfte einer Welt einsaugen:</p> - <p class="verse">— Verloren irgendwo auf dürrem Pfad</p> - <p class="verse">Steht der Soldat</p> - <p class="verse">Mit den zerschossnen Augen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er geht und macht nach jedem Schritte Halt.</p> - <p class="verse">Was soll er gehn?</p> - <p class="verse">Die Welt ist dumpf, ungütig kalt</p> - <p class="verse">Wie schweres Winterwehn.</p> - <p class="verse">Geräusche hört er hohl vorüberrauschen;</p> - <p class="verse">Sein Hirn erstickt im Denken an ein Glück.</p> - <p class="verse">Er will mit seinem Kopf der Sonne lauschen: —</p> - <p class="verse">Der Alte Wahnsinn krallt ihn im Genick.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er weint in seinen Leib.</p> - <p class="verse">O süßes Weib,</p> - <p class="verse">Mit Blumen, Blüten, Kränzen im Haar,</p> - <p class="verse">Mit Tanz und Spiel,</p> - <p class="verse">Umschlingendem Gefühl,</p> - <p class="verse">O alles, was im Licht voll Liebe war!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Viel Tausende mit ihm</p> - <p class="verse">Zerschlug die Schlacht und ließ sie leben.</p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> - <p class="verse">Sie waren jung, in frohem Ungestüm,</p> - <p class="verse">Voll Wille wollten sie die Welt erheben.</p> - <p class="verse">Nun schleppen sie den Leib wie eine Fracht,</p> - <p class="verse">Die niemand will,</p> - <p class="verse">Erstarrt und still</p> - <p class="verse">Von Nacht zu Nacht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O käme Mord in diesen Qualenschacht!</p> - <p class="verse">Ein Gnadenstoß</p> - <p class="verse">In das verdammte Menschenlos,</p> - <p class="verse">Das ihr zum Vieh-Dasein gemacht.</p> - <p class="verse">Mord ist nicht grausam, wäre willkommen jetzt,</p> - <p class="verse">Wo ein zerwühltes Nichtsmehrsehn</p> - <p class="verse">Die Sinne folternd fetzt!</p> - <p class="verse">O käm’ ein unbegrenztes Untergehn!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-10"> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -ERBLINDUNG -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nie faßt ihr sehend Seligen den Trug</p> - <p class="verse">Und Jammer, den die Blindheit birgt;</p> - <p class="verse">Daß, seit mich die Erblindung niederschlug,</p> - <p class="verse">Ein Heulschrei immer meine Kehle würgt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seht her, wie wild verfiebert ich noch schwitze,</p> - <p class="verse">Da ich vom Sonnenuntergang geträumt.</p> - <p class="verse">Sah ich’s denn nicht, wie eine goldne Litze</p> - <p class="verse">Blaugraue Hügelwellen schön umsäumt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich sah’s und sah es nicht, — und seh es nie.</p> - <p class="verse">Es war das Wahnsinnslachen meiner Trauer.</p> - <p class="verse">Ich bin im engen Stall der Welt ein Vieh,</p> - <p class="verse">Die Luft ist steinig dick wie eine Mauer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nacht oder Tag: ist all in eins verjammert,</p> - <p class="verse">Da solch ein Leben ohne Leben ist.</p> - <p class="verse">Mich hält das tiefste Grauen tief umklammert,</p> - <p class="verse">Das langsam sicher meinen Leib zerfrißt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-11"> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -DIE PHALANX -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-11-1"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was bleibt dem Menschen, wenn nicht ein Erbarmen,</p> - <p class="verse">Das wundertätig greift in Angst und Stöhnen?</p> - <p class="verse">Ihr Mächtigen der Welt, von Millionen Armen</p> - <p class="verse">Seid ihr umfleht nach Hilfe und Versöhnen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch sind die Ebenen von Qual und Qualm vernebelt.</p> - <p class="verse">Noch herrscht peitschlustig eine Dünkelbrut,</p> - <p class="verse">Die jedes Aufschwung-Atmen niederknebelt,</p> - <p class="verse">Verliebt in ihre eigne Wüstlingswut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Kein Schimpf beirrt ihr närrisches Genießen.</p> - <p class="verse">Getreten liegt der Geist. Aufwollende Gedanken</p> - <p class="verse">Sind eingekäfigt müde in den Schranken.</p> - <p class="verse">Des Hergebrachten blöder Götze ist gepriesen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aus goldnen Schüsseln schlürfen sie Erquickung,</p> - <p class="verse">Indes, hohl in den Nächten, die Entblößten wandern.</p> - <p class="verse">Sie spinnen sich in lüsterne Verzückung —</p> - <p class="verse">Was kümmert sie der Aufschrei in den andern?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch bleibt, in Not und Nacht, der Schrei nur nach Erbarmen?</p> - <p class="verse">Wird nicht Tumult, Alarm? Aus Angst und Stöhnen</p> - <p class="verse">Ein Zornsignal? Und von Millionen Armen</p> - <p class="verse">Des schmerzgeeinten Wollens donnerndes Erdröhnen?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Europas Häuptlinge! Marschälle und Magnaten!</p> - <p class="verse">Zwingt selbst die Tat hervor, die um die Menschheit wirbt!</p> - <p class="verse">Da eurer Untertanen Leib, versklavt, verraten,</p> - <p class="verse">In Schlacht und stumpfer Wüterei verdirbt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Verdammt, ihr selbst, die Eigenlust, die Kraftgebärde!</p> - <p class="verse">Und kommt starkmild herab die stolzen Stufen,</p> - <p class="verse">Die Macht als Mittel nur, begnadet und berufen,</p> - <p class="verse">Für eurer Völker frohe Fahrt und Erde.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> - <p class="verse">Und ihr, Entehrte unter Willkürtritten,</p> - <p class="verse">Bleibt nicht zum Rachesprung gekrümmt, zerquält im Fluchen!</p> - <p class="verse">Ward auch der Aufwärtsweg von Bergen schwer geschritten:</p> - <p class="verse">Erkennt die Kommenden, die euer Antlitz suchen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und jene Harten, unbewegt im Bösen,</p> - <p class="verse">Laßt sie nicht eher los, umringt sie mit der Bitte,</p> - <p class="verse">Bis sich die Herzen wie in Harfen lösen,</p> - <p class="verse">Aufklingend mild, hinknieend eurer Mitte.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-11-2"> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch ist es Orgelwehn.</p> - <p class="verse">Noch ist der Flugblick ausgesandt,</p> - <p class="verse">Nur um zu spähn.</p> - <p class="verse">Und nur von fernem Küstenland</p> - <p class="verse">Durchdringt ein Stoß die Luft:</p> - <p class="verse">Fanfarenstoß und Marsch.</p> - <p class="verse">Denn für ein Anderswerden,</p> - <p class="verse">Erhebung und Erhellung, Kampf ohne Krieg, Sieg ohne Mord,</p> - <p class="verse">Aufstürmt ein Menschenozean —</p> - <p class="verse">Zwar dumpf noch wie ein Wahn,</p> - <p class="verse">Doch wissend tief: Tat wird getan!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn ferner, Thronende, zu euch auf prunknen Sesseln</p> - <p class="verse">Gefühl, fürbittend, nicht hinauf kann dringen,</p> - <p class="verse">Auftosen wird das Blut: Galeeren nicht und Fesseln</p> - <p class="verse">Sind stark genug, Vulkane zu bezwingen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bewegung wogt empor: Ein Sturm von Schreien zerreißt die Nacht!</p> - <p class="verse">Glaubt ihr, die Trauer bliebe ewig lahm,</p> - <p class="verse">Am Grab der Hingeopferten, hilflos in Gram?!</p> - <p class="verse">Schon ballt sich eine Riesenvölkermacht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und aus dem Grund der Gassen, wachsend, hebt ein Heer</p> - <p class="verse">Nach Licht, Kindheit und Frohheit Leib und Flügel auf;</p> - <p class="verse">Umkreist die Städtethrone wolkenschwer,</p> - <p class="verse">Raubaugenwild, unwankelbarer Lauf.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> - <p class="verse">Posaunen tönen, eh’ der Schlag geschieht:</p> - <p class="verse">Zerschleudert euren Haß und öffnet der Erneuung</p> - <p class="verse">Das ganze Auge! Seht, die gleiche Fülle blüht</p> - <p class="verse">Den Tausenden! Bekennt euch zur Befreiung!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann ringen Rassen edel um die Höhe.</p> - <p class="verse">Kein Fleischzerkrallen wühlt den Tag in Blut.</p> - <p class="verse">Kampf heißt jetzt Glück, das weithin auferstehe,</p> - <p class="verse">Rein wie ein junger Gott, durchhellt von Mut.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Raubhändel, Blutbrunst, Krieg, die Jünglingsschlächter, -schänder</p> - <p class="verse">Sind fern, dumpfdüstre Vorzeit, Tierischkeit.</p> - <p class="verse">Kampf ist Beglückung jetzt. Umschlungen sind die Länder.</p> - <p class="verse">Der Führer Sicht und Wille erdenweit.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Erkannt habt ihr den Feind und seid Gefährten.</p> - <p class="verse">Nun seiet Gläubige, um Wollende zu sein!</p> - <p class="verse">Laßt eure Tat erstrahlen den Beschwerten.</p> - <p class="verse">Durchglühung eine euch wie goldner Wein!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und so, von Licht umbrandet und dem Morgenmeer,</p> - <p class="verse">Erwacht ihr zu des Daseins Fest und Spiel.</p> - <p class="verse">O Bund der Bünde! Der das Menschenheer</p> - <p class="verse">Zum Ruhme führt aus kläglichem Gewühl.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Völkerlegion! Geschart dem Flammenzug</p> - <p class="verse">Der Jünglinge des Lichts! Chorbrausend brecht die Stille</p> - <p class="verse">Und reißt die Starrgesinnten in den Flug,</p> - <p class="verse">Daß euer Recht und Rhythmus sich erfülle!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mitatmende der Zeit, dem Menschenkreis gesellt:</p> - <p class="verse">Seid ihr einander Freund, habt ihr gesiegt!</p> - <p class="verse">Die Brust berauscht von Weiten, erdhaft starker Welt,</p> - <p class="verse">Schallt euer Lied, das in die Freiheit fliegt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-12"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -O WÄR’ SCHON MORGEN FRÜH! -</h3> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bin ich ausgestoßen</p> - <p class="verse">Aus dem Maß des Großen?</p> - <p class="verse">Ist nicht Geweihtheit</p> - <p class="verse">Über dem Abend, bereit?</p> - <p class="verse">Wie, wenn dem Blick sich erfüllte,</p> - <p class="verse">Was das Leben mir singe?</p> - <p class="verse">Oh, wie oft hüllte</p> - <p class="verse">So bange Spannung die Schwinge.</p> - <p class="verse">Und wird all’ meine Wirklichkeit,</p> - <p class="verse">Die wie Lüge, ertappt, sich selbst bedrängt,</p> - <p class="verse">Ein Kind sein, das willigweit</p> - <p class="verse">Die Welt stets von neuem anfängt?</p> - <p class="verse">Schon hebt ein Tatglaube an</p> - <p class="verse">In meiner Stimme — wie Melodie</p> - <p class="verse">Sicher und süß, der Ruf „Voran“.</p> - <p class="verse">O wär’ schon morgen früh!</p> - <p class="verse">Daß ich nicht trauernd mehr, verhangen,</p> - <p class="verse">Mein Leben wie Sünde begehe,</p> - <p class="verse">Daß immer ein Neuanfangen</p> - <p class="verse">Über die Erde wehe.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-7-13"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -AN DEN GESCHLAGENEN -</h3> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-13-1"> -I -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weh, grimmer Gigant.</p> - <p class="verse">Was ist mit dir?</p> - <p class="verse">Dein Leib wälzt ohne Wille und Regel</p> - <p class="verse">Leblos lebend im Kot.</p> - <p class="verse">Abgefallen, wie totgetroffne Vögel,</p> - <p class="verse">Faulen die Hände im schlammigen Sand.</p> - <p class="verse">Gestrüpp hängt im Gesicht und rot</p> - <p class="verse">Die Augen, gedunsen, schleimig.</p> - <p class="verse">Wo blieb dein seidenes Haar?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Erwachend befühlst du dich schwer.</p> - <p class="verse">Die Lippen fürchten den Ausbruch der Tränen,</p> - <p class="verse">Krampfen sich, schon zitternd weich.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">— Da, wie aufgeschreckt: erhebt sich ein Meer,</p> - <p class="verse">Und aufspringt mit zornigen Zähnen</p> - <p class="verse">Du, tobend und heulend bleich.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann krachend aber, schlägt der trotzige Held</p> - <p class="verse">Hin auf den Stein.</p> - <p class="verse">Hier barst die Leidensgewalt der Natur,</p> - <p class="verse">Die Hölle der verkannten Welt.</p> - <p class="verse">Und wie ein müder Schein</p> - <p class="verse">Bleibt der Gedanke nur</p> - <p class="verse">Von einem Leben, nicht das Leben selbst.</p> - <p class="verse">Wieder zum Tier des trübenden Lichts</p> - <p class="verse">Geschrumpft — bist nirgendwo; nur schwer;</p> - <p class="verse">Wohl mehr als nichts,</p> - <p class="verse">Doch weniger als irgendwer.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-13-2"> -II -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das Aufrichten gelingt dir kaum,</p> - <p class="verse">Nur winselnd im Schweiß;</p> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> - <p class="verse">Immer ist ein Sinken, bis du stehst.</p> - <p class="verse">Dann trostlose Schritte</p> - <p class="verse">Gradeaus im Kreis.</p> - <p class="verse">Als wär’ nie mehr für dich eine Bitte,</p> - <p class="verse">Gehst du Linien ohne Punkt,</p> - <p class="verse">Ohne Farben, ohne Raum.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wenn dir, stillstehend,</p> - <p class="verse">Die Augen sinken zur Vision,</p> - <p class="verse">Spürst du kalt wehend</p> - <p class="verse">Den grinsenden summenden Hohn;</p> - <p class="verse">Wie um Aas den Menschenschwarm.</p> - <p class="verse">Dann, verloren in Tränen den Mund,</p> - <p class="verse">Fühlst du, wechselnd eisig warm,</p> - <p class="verse">Das Sausen im fallenden Grund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und wo die Qual noch so sehr schwieg,</p> - <p class="verse">Hier schreit sie weinend heraus</p> - <p class="verse">Töne ohne Takt, ohne Musik.</p> - <p class="verse">Wie ein Lawinenstrom ohne Damm</p> - <p class="verse">Bricht die Klage aus,</p> - <p class="verse">Über die Erde der Welt und den ewigen Schlamm.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-13-3"> -III -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Nun weißt du es. Was Aufschwung schien,</p> - <p class="verse">War Niedergang. Maßlos und blind</p> - <p class="verse">Stürmtest du die Erde; kühn</p> - <p class="verse">Wähntest du dich und warst nur Wind.</p> - <p class="verse">Kein Mitmensch war, kein Hindernis,</p> - <p class="verse">Nicht Zukunft, nicht Vernunft:</p> - <p class="verse">Nur brüllendes spottendes Ereignis,</p> - <p class="verse">Aber Feuer allein wollte nicht brennen,</p> - <p class="verse">Verlosch, ward Asche für den Wind.</p> - <p class="verse">Nun bist du gefügt und kannst erkennen.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> - <p class="verse">Nun weißt du, wo die Tat beginnt,</p> - <p class="verse">Fühlst sie aufsteigen in dir wie ein Lied.</p> - <p class="verse">Nicht im Rausch, tobsüchtig ungesinnt,</p> - <p class="verse">Närrisch lachend, entblößt,</p> - <p class="verse">Du ganz einzelnes wirbelndes Glied,</p> - <p class="verse">Besinnlich nach Irrfahrt und Torheit,</p> - <p class="verse">Gier, die gegen die Erde stößt,</p> - <p class="verse">Ohne Not, ohne Wert, nur ins Weite weit —</p> - <p class="verse">Die Tat ist im Wert!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn nur als Teil alles Menschengefühls</p> - <p class="verse">Bist du ein ganzes Sein,</p> - <p class="verse">Erschütternd und auferstanden groß.</p> - <p class="verse">Nur im Gelöbnis des innersten Ziels</p> - <p class="verse">Ist auch der Zorn heilig und rein.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="subchap" id="subchap-7-13-4"> -IV -</h4> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und in die Menschenheit eingestimmt</p> - <p class="verse">Ziehst du zum Werk, von einer See</p> - <p class="verse">Wie getragen, in fühlender Entfaltung.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Siehst Jugend und Arbeit der Menschen-Idee,</p> - <p class="verse">Dein Auge selbst ist sie, schon Gestaltung,</p> - <p class="verse">Mild überscheinend und königlich bestimmt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Denn die Idee ist brüderlich, sinnvoll und bereit,</p> - <p class="verse">Ist die Tiefe der Menschlichkeit;</p> - <p class="verse">Ihr Wille ist Größe, die kein Ende nimmt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Tönend, namenlos erhört dich und weitet die Schwebung,</p> - <p class="verse">Jeder Haß vor dir ist ohne Halt;</p> - <p class="verse">Denn deine Brust ist gelöst in der Strebung.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Helle Wirklichkeit atmet deine Gestalt,</p> - <p class="verse">Als sei die Wahrheit selbst deine gütige Gewalt.</p> - <p class="verse">Ureigen unbeirrlich ist dein Lieben.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> - <p class="verse">Du beherrschst allfühlend die Bewegung und Dauer</p> - <p class="verse">Und findest, von wogendem Wollen getrieben,</p> - <p class="verse">Die Tröstung noch der wirresten Trauer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der stampfenden Schöpfung gläubiger Erspürer,</p> - <p class="verse">Lobpreisend, beseelend — zu hebender Tat</p> - <p class="verse">Fühlst du dich Führer.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und hellhoch über das Volk, das gewaltig genaht,</p> - <p class="verse">Und im ungeheuren Schweigen</p> - <p class="verse">Aufblickt zu dir, um dann</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hinzuströmen zum heilig zähen Erzeugen,</p> - <p class="verse">Jeder beseligt, so gönnend, so machtvoll er kann:</p> - <p class="verse">Braust, singender Sturm, deine Stimme:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Weit Erschütternder über der Welt!</p> - <p class="verse">Wie ich, dein Kind, zum Tagwerk mühend mich krümme,</p> - <p class="verse">Sei deines Kindes Tag zur Ewigkeit erhellt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gewaltiger in der Welt! Heb’ uns empor!</p> - <p class="verse">Laß mitliebend mitklingen im Chor</p> - <p class="verse">Alle Nation, mitleidend den Leiden;</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Daß ihr Wille, unbesiegbarer Stern, bestehe,</p> - <p class="verse">Und sie die Arme frei und göttlich breiten</p> - <p class="verse">Über sich selbst in die Höhe!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="part" id="part-8"> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -INHALT -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Aufbruch-Musik</td> - <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Du Ewige</td> - <td class="col_page"><a href="#page-8">8</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Der Zweifel</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Trauermarsch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Fragender Mensch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Pierrot</td> - <td class="col_page"><a href="#page-15">15</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Gute Laterne</td> - <td class="col_page"><a href="#page-17">17</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Dumpfer Tag</td> - <td class="col_page"><a href="#page-19">19</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Erdenfahrt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-20">20</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nachtgedicht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-21">21</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Die Ungestillten der Seele</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ritternarr</td> - <td class="col_page"><a href="#page-22">22</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Gang zum Schafott</td> - <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ahasver</td> - <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Junger Künstler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-25">25</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Denker</td> - <td class="col_page"><a href="#page-26">26</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Clown</td> - <td class="col_page"><a href="#page-28">28</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Alternder Mime</td> - <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der kranke Sänger</td> - <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Akrobat</td> - <td class="col_page"><a href="#page-31">31</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Zigeunerlied</td> - <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Meerfahrt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-33">33</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Berufene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nietzsche</td> - <td class="col_page"><a href="#page-35">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Anachoret</td> - <td class="col_page"><a href="#page-36">36</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der gütige Mensch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-37">37</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Wir sterben das Leben</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Krank</td> - <td class="col_page"><a href="#page-38">38</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aufschreiender Künstler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Trübe Luft</td> - <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Dudelsackweise des Sterblichen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-41">41</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ermattung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-42">42</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Vernunft</td> - <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">O Erde!</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nachtgesang</td> - <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Es wird ein Traum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Hymne</td> - <td class="col_page"><a href="#page-46">46</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Heimatzimmer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-47">47</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Frauen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Himmelflieger</td> - <td class="col_page"><a href="#page-49">49</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Myrtenkind!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-50">50</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Gedicht im Mai</td> - <td class="col_page"><a href="#page-51">51</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An den Anderen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ich denke einen Freund</td> - <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Fügung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-54">54</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Duo</td> - <td class="col_page"><a href="#page-55">55</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Dem Engel der Erde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-56">56</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Abendgang</td> - <td class="col_page"><a href="#page-57">57</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1">Aufruhr durchwühlt den gütigen Geist</td> - <td class="col_page"> </td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Lied aus der Nacht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-58">58</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Dank</td> - <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Besinnung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-60">60</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Knappe vom Bergwerk</td> - <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Verurteilte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-62">62</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Gekerkerte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-63">63</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Napoleon</td> - <td class="col_page"><a href="#page-64">64</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Junger Soldat</td> - <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Kriegsblinde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-67">67</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Erblindung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-69">69</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Phalanx</td> - <td class="col_page"><a href="#page-70">70</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">O wär’ schon morgen früh!</td> - <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">An den Geschlagenen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... Ein Wissen: Daß ich in die <span class="underline">Menchen</span> dringe, ...<br /> -... Ein Wissen: Daß ich in die <a href="#corr-0"><span class="underline">Menschen</span></a> dringe, ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der unendliche Mensch, by Arthur Drey - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNENDLICHE MENSCH *** - -***** This file should be named 52191-h.htm or 52191-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/1/9/52191/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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