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-The Project Gutenberg EBook of Die Gnadenwahl, by Hans Arthur Thies
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Gnadenwahl
- Erzählung
-
-Author: Hans Arthur Thies
-
-Release Date: June 14, 2016 [EBook #52327]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GNADENWAHL ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- HANS ARTHUR THIES
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- DIE GNADENWAHL
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- ERZÄHLUNG
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- LEIPZIG
- KURT WOLFF VERLAG
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- BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 70
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- GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR
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- DEM GEIST
- DER VOR DEN GROSSEN STELLUNGEN
- IN BLUT FLOSS
-
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-Gegenüber dem Fenster, so tief in der Gasse, daß der Blick, es zu
-fassen, sich aufheben mußte, wurde von lautlosen, in der Dämmrung kaum
-sichtbaren Reitern ein weißes Blatt angeschlagen; die Reiter saßen auf;
-die Pferde flohen wie in stummem Entsetzen über ihren eigenen Weg die
-Straßenzeile hinab.
-
-Das weiße Blatt, über eine Tafel geschlagen, die jahrelang mundtot das
-Publikum angestarrt hatte, warf von dem Strebepfeiler des Doms herrisch,
-selbstsicher, ansammelnd das Wort -- Krieg! herab; viele andre dazu,
-aber dies vernehmlicher als die andern.
-
-Dem Pfeiler gegenüber, oben am Fenster, hob sich der Blick eines Mannes
-über das weiße Blatt hin; atmend überholte seine ganze Gestalt den
-Blick; er drängte sich in den umdämmerten, einsamen Lichtstrahl ein;
-stachelte sich an ihm auf; warf sich zurück.
-
-Als habe sich um die trocknen, wie entzündet brennenden Augen ein
-Schwarm Fliegen gesammelt, so empfand er es, daß um das weiße Blatt eine
-schwärzliche Menge Menschen zu wimmeln begann. Er drückte mehrmals
-schmerzlich die Lider zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Zu
-ihm, dem Doktor Christianus, würden diese Menschen kommen; satt,
-übersatt von jener weißen Speise würden sie heraufkommen: was sollte er
-ihnen geben? Er würde nach seinen Worten greifen, Worte leerer als
-Oblaten austeilen -- selbst hungrig, überhungrig nach Sättigung von
-jenem Gericht, aus dem kolossische Laute, die Kehle ungewohnt füllend,
-aufquollen.
-
-Eine heftige Gebärde des Mannes am Fenster schlug mit dem Klingen der
-unteren Türglocke zusammen. Er wandte sich um und wankte ein wenig
-zurück, von zwei Augen gefaßt, die ihn in der Tiefe des Zimmers
-auffingen. Er war erstaunt und leicht erschreckt: nur langsam gewann der
-dunkle Samt, der sich in die gleichmäßig dunkle Täflung der Wand
-einließ, von entblößten Armen her zu einem hellen Hals und Kopf mit
-blondem Scheitel und perlhellen Augen anwachsend, die Gestalt einer
-Frau. »Marie!« Es klang in seiner Stimme etwas, als sprängen hinter dem
-Bewußtsein, jahrelang diesen unbestimmt verlangenden Blicken widerstrebt
-zu haben, die leichten Tore des Abschieds auf, und wie nie, solange er
-den Umgang dieser Frau empfunden hatte, begann er jetzt, wo er
-entschlossen war, sie zu verlassen, ein Spiel mit ihr, lässig und
-gewagt: er stellte sich vor sie, nah und breit, wiegte die Schenkel
-leichthin, scherzte mit ihr: »Liebe --? Marie, was ist das? Aber das
-Ineinander der Leiber und Kugeln, Leiber und Bajonette, das ist Einigung
-allen Ernstes, das ist ein Kräftevergeben verschwenderischer als Liebe:
-das geht bis ans Ende.« Sie lächelte.
-
-Von Geräuschen, die die Treppe heraufschäumten, hoben sich standhafte
-Schritte ab, betraten das hartschallende Holz des Flurs und kamen nahe.
-
-»Guten Abend, Doktor! Morgen früh melde ich mich beim Regiment. Ihr
-andern? Ach, die Alten! Ich -- wie froh bin ich, mich durch diese Nacht
-zu diesem Morgen hinwachen zu können!«
-
-Der Jüngling, braune Locken von der schwitzenden Stirn schlagend,
-kreuzte seine Blicke mit denen des Älteren wie zum Gefecht; aber
-lächelnd entzogen, wandte sich Christianus zu Maria:
-
-»Werde ich mich nicht auch melden?« Und zu dem braunlockigen Freunde,
-der knabenhaft aufleuchtete: »Hol die Lichter, Heinrich!«
-
-Der Jüngling verließ die Stube, lachend, mit der Hand durchs Haar
-wirbelnd: »Ich habe ihn untergekriegt!« dachte er, »den Immerfertigen --
-ich habe ihn untergekriegt!«
-
-Einige alte Männer traten ins Zimmer.
-
-Der erste alte Mann verbeugte sich schwer vor Christianus und legte
-erschüttert seine breite Hand über den weißen Bart auf der Brust: Was
-der Doktor meine; ob man die Prüfung bestehen würde? -- Gewiß würde man
-sie bestehen; jeder würde sein Teil tun. Die Erschütterung des alten
-Mannes schien zu wachsen.
-
-Ein andrer trat heran. Er bewegte sich auf unentschlossenen Füßen
-zwischen dem Doktor und Maria, bis er in die Nähe der Frau verfiel und
-sich sogleich zu ein paar Worten faßte: »Wir werden doch hoffentlich,
-gnädige Frau, unsre Versammlungen auch während des Krieges fortsetzen,
-und ich meine, Sie werden das Haus, in dem Sie uns zusammenführten, als
-der Doktor seines Predigeramtes enthoben wurde, weiterhin unsrer kleinen
-Gemeinde zur Verfügung stellen, auch wenn der Doktor ins Feld ausziehen
-sollte.« Es war der Mietherr des Hauses. Er wartete keine Antwort ab,
-sondern wandte sich einem Herrn zu, der sich am Türpfosten stieß.
-
-»Ich bin heute wieder schlecht sichtbar,« sagte der alte Herr und gab
-ein schluchzendes Gelächter von sich. Er rieb seine vom Star blinden
-Augen mit klagend gebreiteter Hand und trat rasch, fast fallend auf
-Maria zu, die einen Fuß zurückwich. »Welch ein Elend!« züngelte er, von
-einem Fehler behindert, »gnädige Frau können sich freuen, daß Ihr Gemahl
-tot ist,« und zog sich im Gefühl, eine Dummheit gesagt zu haben, zurück.
-
-Mit schmerzlich gereckter Schulter schob sich Christianus an ihnen
-vorüber. Heinrich kam mit einem Bündel brennender Kerzen im Arm herein
-und ließ es auf dem Tisch nieder. Abwechselnd nahm er und die blonde
-Frau ein Licht; sie zogen eine Lichterreihe aus dem Bündel heraus lang
-über die Tafel. Der Saal entdeckte sich als weit und erfüllt von
-Menschen; offne Zimmerfluchten verdämmerten an beiden Enden.
-
-Es seien wohl alle Brüder zugegen? fragte Doktor Christianus. Ob man
-beginnen könne?
-
-Nein, man könne noch nicht beginnen. Man könne überhaupt nicht beginnen.
-Ob der Meister ins Feld ziehe?
-
-Sich überrascht vertiefend -- was zweifeln sie? -- gebot der Doktor
-Ruhe.
-
-Maria ließ sich auf ihrem Sitz neben ihm nieder; Heinrich lehnte sich
-zurück und betrachtete am Doktor vorbei Maria.
-
-Nein, man könne nicht beginnen. Der Meister dürfe nicht ins Feld ziehen.
-
-Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als er sich schon wieder
-aufzuregen begann.
-
-Von dem Platz dem Doktor gegenüber erhob sich der Starblinde, drängte
-die Tische, die vor ihm zusammenfaßten, auseinander, so daß ein
-Durchgang von ihm zu Christianus entstand, ließ sich vor dem Doktor auf
-ein Knie nieder und -- wie ebbte der Lärm! wie beugten sich die Leiber
-über die Tische! -- redete, von seinem Zungenfehler behindert: der
-Meister dürfe nicht mitziehen; sie müßten ihren Meister behalten; was
-aus ihnen werden sollte, wenn er sie verließe; es müsse ein Nachfolger
-gewählt werden, der das Amt versähe, bis der Meister wiederkäme; ja, das
-sei das Entsetzliche: ob er wiederkäme; man hörte im Kriege so oft, daß
-einer der bedeutendsten Köpfe fiele; nein, er dürfe nicht mitziehen; er
-müsse bleiben!
-
-»Lieber,« -- der Meister legte die Hand auf des Knienden Kopf -- »das
-sind doch Dinge, die bei Gott stehen,« -- nicht, als ob er hier eine
-Pause gemacht hätte, aber ein Gedanke schien liegen zu bleiben, die
-Worte hängten sich aus, schwebten ungefaßt und kamen darauf hinaus, daß
-man diesen Abend, wenn es auch der letzte sei, unausgezeichnet, den
-andern gleich begehen wollte.
-
-Nein, man wollte nicht. Der Meister wolle nur über das Entsetzliche
-hinwegkommen.
-
-Da erhob sich der Unentschlossene, und seine Frage hatte etwas seltsam
-Bestimmtes: Der Meister beabsichtige doch wohl gar nicht, ins Feld zu
-ziehen? Soldat gewesen sei er doch nicht?
-
-Gewiß würde er mitziehen; als Freiwilliger. Er würde Soldat sein wie
-jeder andre. Ja: wie jeder andre.
-
-Das gab dem Weißbärtigen, der bis dahin erschüttert gelauscht hatte,
-einen Gedanken: Nein, wie jeder andre nicht. Jeder andre könne fallen.
-Wenn der Meister fiele, so sei damit ein Zeichen gegeben: Gott habe
-alsdann seine Hand von ihnen gezogen.
-
-Jawohl: das wollten sie zum Zeichen nehmen: der Meister dürfe nicht
-fallen; sonst sei die Zeit noch nicht reif für das Höchste, nicht reif
-für seine Lehre; wenn er fiele, sei der ganze Kampf vergebens.
-
-Sie möchten sich beruhigen: er würde nicht fallen, und wenn er fiele: er
-würde wiederkommen, wenn die Zeit reif wäre.
-
-Jawohl: er würde wiederkommen! War das nicht ein großartiger Gedanke?
-Der Starblinde meinte sogleich, er dürfe auf Grund dieses Wortes erneut
-seinem Gefühl Ausdruck geben, daß der Messias gekommen sei.
-
-Man stutzte. Nicht dieses Einfalls wegen; dieser Einfall fand in der
-Gesellschaft offne Herzen. Aber Heinrich, der bis dahin lautlos und
-verloren dagesessen hatte, war aufgebrochen und hatte des Meisters
-Schultern umschlungen:
-
-»Wir wollen zusammenbleiben. Wir wollen uns helfen. Wir werden
-heimkehren.«
-
-»Wir werden heimkehren, mein lieber Heinrich,« sagte der Meister,
-drängte den Jüngling sanft von sich, kehrte sich ab und ging, ohne einen
-Blick an die Versammlung zu wenden, in eins der Nebenzimmer.
-
--- Immerhin: es war so: er konnte fallen. Wie jeder andre. Wie viel mehr
-aber fiel mit ihm als mit jedem andern! Feigheit? Dieser Vorwurf läßt
-sich zurückgeben. Niemand würde einem Heerführer, einem berühmten
-General zumuten, mit seiner Stirn ein Schrapnell aufzufangen; was gibt
-dem General das Recht, einen Volksführer, einen berühmten Prediger vor
-die Gewehrläufe zu stellen?
-
-Plötzlich erschrak er über einer Spur, die ihn in seinen Gedankengängen
-aufhielt, einem Zeichen, das ihm sagte, daß Menschen vor ihm diese Gänge
-durchrannt haben mußten; sie waren mit einem Namen bezeichnet; dieser
-Name kehrte wieder an allen Wänden; jede Ecke, um die er bog, trug
-dasselbe Wort -- Flucht; alle Winkel, alle Straßen, die er durchjagte --
-Fahnenflucht; er stürzte in eine entlegene Gasse -- Fahnenflucht;
-zitterte zurück auf einen Gemeinplatz: an allen Ecken: Fahnenflucht.
-
-Er entsetzte sich; fühlte sich erst nach einigen Atemzügen erholt; stand
-im Raum.
-
-Er zog sich gewaltsam in die Dunkelheit zurück, zog das Dunkel über
-sich, um unerhellt in die Helligkeit des Saals zu starren.
-
-Sein Blick fiel auf Heinrich, der mit Maria plauderte. Er schien im
-Anblick des Freundes zu versinken; nach und nach faßte er sich an den
-harten, steilen, lichtumstrahlten Gebärden wieder; sein Auge weitete
-sich; das Bild löste sich zum Gedanken, und er entsann sich immer mehr:
-
--- Wie feig, wie feig, zu fragen und zu denken! Kann es nicht sein, daß
-du so sicher wie der deinen Weg gehst? Vielleicht ist der da draußen
-schon ein abgemoderter Schädel, nur du siehst es nicht; vielleicht bist
-du selbst ein Gerippe mit ein paar faulen Lappen, nur du weißt es nicht.
-Das bißchen Zeit, bis du's weißt: was tut das? Aber wenn es der Ewigkeit
-gefällt, dich noch eine Weile über der Erde zu halten, wird sie dann
-nicht aus der Tiefe heraufgreifen können, dich tragen, dich
-heraustragen? Oh wie unendlich würde mein Tag sein, wie voll dankbarer
-Festigkeit mein Schritt, wenn ich nur einmal die Nähe Gottes erlebte!
-Wie anders als jetzt! Wie ich jetzt bin, zweifelnd, bedenklich, von
-Unruhe voll -- es ist gleich, ob ich stehe oder falle.
-
-Er schien ihnen größer, als er, von vielen Kerzen erleuchtet, in den
-Saal trat. Er übermannte Heinrich mit diesem kurzen: »Morgen früh,
-Lieber,« und der Jüngling wagte nicht, seinen Blick, in dem ein großer
-Triumph zertreten war, hinüberzusenden zu Maria.
-
- * * * * *
-
-Daß es Nacht ist, daß Reihen rechts, Reihen im Rücken, Reihen vorn
-verlaufen, daß man einen Weg geht, über den feindliche Witterung
-streicht: woraus ist das alles geworden? In welch winzigem Gelenk dreht
-sich der Arm des Schicksals, der uns über die Erde hebt!
-
-Ein Gewitter ist im Aufkommen. Windstöße spalten sich an ihnen vorüber.
-Die Schollen, die am Tage wie gebrannter Ton dagelegen haben, sind
-bleigrau geworden; es ist um ihre Füße herum alles wie gegossenes Blei,
-das sich am Horizont zu Spitzen aufzackt: der Stadt.
-
-Man hat sich durch die Dämmrung in den Abend geflüstert. Jetzt in der
-Nacht -- o Erinnrung an jene schlummervolle Untätigkeit des nächtlichen
-Menschen! -- wird man stille und schläft über marschierenden Füßen.
-
-Nur Heinrich, der neben Christianus Schritt hält, spricht hie und da ein
-Wort, heiter fast; denn er hat Christianus den Tag über fröhlich
-gesehen. Sie schauen beide zur Erde: wie beruhigend liegt doch die Erde
-unter unsern Füßen: nicht allzuhart verschließt sie sich den
-todgeneigten Gliedern; nicht allzutief läßt sie den sich im Tod
-Erholenden versinken.
-
-Jetzt: ein Wind. Wind hat einen Ast von einem Baum gebrochen.
-Christianus blickt auf. Die ersten Häuser leuchten weiß durch die Nacht.
-Nein, es ist still; durchaus still. Nicht einmal in den Vorgärten
-irgendein Laut.
-
-Hagel? Es kann doch -- wir sind mitten im Sommer -- es kann doch nicht
-Hagel geben? Aber es hagelt. Christianus lauscht auf. Es klopft an den
-Stämmen wie Spechthämmern. Er fährt herum. An seinem Nebenmann hat es
-einen Klang gegeben, als schlüge einer mit einem Klöppel einmal auf die
-Trommel. Es bricht aus den Häusern. Der Tod trommelt. Er lockt zum
-Avancieren in die Gärten. Sie verhäkeln sich im Gedörn und sinken
-lautlos zusammen.
-
-Christianus steigt einem Staket entgegen, langt über einfallenden Grund
-nach Spitzen, kommt hinüber, hebt den Kolben auf: »Hund!« und fällt
-zurück.
-
-Vor seinen Augen ist es hell geworden; ein Busch ist vor ihm aufgeflammt
--- er sieht deutlich, wie er brennt und doch nicht verbrennt -- eine
-weiße Gestalt ist auf ihn zugetreten, hat die Arme gebreitet und sagt:
-
-»Gib mir deine Hand; ich will deine Gabe annehmen und dich erretten um
-meinetwillen. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine
-Hand; ich will.«
-
--- Dies ist alles sehr deutlich gewesen. Er hätte sich unterstehen
-können, es wie einen transparenten Pergamentstreifen zwischen Hirn und
-Stirnschale hervorzuziehen. Er hätte es tun können. Er sah nicht ein,
-warum er nicht liegen bleiben sollte, wie er lag. Er würde herausgeführt
-werden; irgendwie würde er herausgeführt werden. Zweifel? -- es war über
-allem Zweifel; es war deutlich genug gewesen.
-
- * * * * *
-
-In der Stille erwachend, im Gefühl, als höbe der leichte Wind, der vor
-Sonnenaufgang aus weißem Himmel heraufweht, ihn auf, hängt er die Arme
-zwischen Baum und kleine Felsen und blickt um sich. Unter Bewaffneten,
-die in groben Arbeitskitteln müde daliegen -- er weiß, es sind Tote --
-ist er der einzig Lebendige. Er steht auf, geht lächelnd auf einen zu,
-an ihm vorüber, an andern vorüber, wieder lächelnd auf einen zu. Muß es
-sein? Er hebt ihn mit einem Arm hoch, streicht dem zurückhangenden Kopf
-das Haar aus der Stirn, drängt einen Ärmel über die Schulter und -- oh!
-es ist schwer, unendlich schwer -- nimmt Stück um Stück, bis an dem
-Toten sich etwas regt: er strafft erschreckt das auflebende Hemd der
-Leiche in seinen Waffenrock und überwirft sich mit dem grauen Kittel.
-Als es getan ist, verfallen seine Glieder in Wanken; aber die Brust,
-atemvoll tragend, fängt ihn auf. Er tritt auf die Landstraße und geht
-mit den Blicken in sie hinein, sucht wundernd. Daß ich suchen muß! denkt
-er. Da beginnen die Blätter der Bäume sich zu kräuseln, sie werfen sich
-begeistert um und ins Ende der Heerstraße hinein; weißüberglänzte Vögel
-streichen endlos wegabwärts; hinreißend zieht alles durch seinen Kopf --
-eben noch lehnte der Kopf an einem Baumstamm -- jetzt bewegt er sich mit
-dem bewegten Gelände wegabwärts.
-
-Ans Ohr, das sich der lautlosen Luft, der Fülle schweigsamen Lichts
-hingab, klangen vom Blutstrom her -- seltsam untertöntes Stillegefühl!
--- die letzten leichten Herzschläge der nächtlichen Erweckung; so
-weitausgreifend wurde sein Schritt, so nachlässig ließ er alles Auf- und
-Entgegenkommende gewähren, daß er nicht einmal widerstrebte, als ihm
-plötzlich als das Ziel seines Weges Maria voranging.
-
-Er erstaunte über nichts; Begegnungen erschreckten ihn nicht; es war
-ihm, als habe er alles überholt, ehe es ihn ankam.
-
-Maria war über allem; im Wasser seiner Augen, in Tränen tanzte ihr Licht
-vor ihm her, wachsenden Glanzes, bald unerträglichen Feuers, bis sie am
-Wegende erloschen, jedes Licht mit stumpfem Grauen austupfend, vor ihm
-stand.
-
-Auch das erstaunte ihn nicht. Kräftigend ging der Schlag durch ihn. Es
-würde einen Kampf gelten. Er würde an einen Widerstand geraten, der so
-groß wie die Welt werden und nur eine Grenze haben würde: den engen
-Raum, den seine sieben Rippen umschlossen und in dem die weiße Gestalt
-stand. Dagegen würden sie anrennen; anrennen, unwissend, gegen wen.
-
-Vorerst hatte er das Bedürfnis zu schlafen. Er fragte Maria nach nichts,
-sondern stieg, sich mit keinem Blick umwendend, die Treppe hinauf in die
-Dachkammer. Da legte er sich neben das Bett auf den Fußboden, streckte
-sich wie ein Hund aus, den Hals zurückgedehnt: schlafen!
-
- * * * * *
-
-Immer mehr wurden ihm die Stunden des Schlafs glückselige Stunden und
-die des Wachens peinvoll erregte.
-
-Er hängte, wenn er wachte, die Arme durch die Dachluke auf die heißen
-und rauhen Ziegel und starrte die Spitzen drüben des Doms an, um die die
-Dämmrung aufkam und der Abend einfiel. Die Speiteufel schrumpften
-bläulich zusammen, blähten sich rötlich an ihn heran. Darunter brodelten
-mit gurgelnden und platzenden Schaumbläschen die Geräusche der Stadt.
-
-Das Fürchterlichste war, in der Nacht zu erwachen. Unmöglichkeit, etwas
-zu unternehmen, Lähmung, gebundene Glieder hingen da an einem, daß ein
-Wünschen nach Tag, Tätigkeit, Lärmen in Schweiß ausbrach.
-
-Plötzlich war er bei Maria: als habe er Wand, Decken, alles Räumliche
-durchbrochen. Und dann haftete sein Blick, sein Wort, seine Gebärde so
-heftig in ihr, daß sie sich im Schmerz wand.
-
-Sie verstand ihn nicht; sie wollte ihn nicht verstehen. Wenn sie in dem
-allen nur eine Faser Gefühl für sich, für ihre Demut, für ihre Hingabe
-entdeckt hätte, sie hätte sich daran geklammert; aber er redete -- halb
-schien es, ohne sie anzusehen. Sie war ihm gegenüber immer in einem
-Wunsche befangen und sie empfand: sich die Hand geben, bei jedem
-Vorübergehen Worte sprechen, sich anblicken -- bei andern Menschen sind
-die Tage ausgefüllt von solchen Dingen; bei uns sind sie durch solche
-Dinge leer.
-
-Er wiederum nahm ihre Sorgfalt um die Sachen seines Alltags als nichts.
-Gewiß: sie tat alles -- sie verbarg ihn; er erkannte das an; aber seine
-Dankbarkeit war nichts als ein Verzeihen. Sie ist ein Weib, sagte er
-sich; sie versteht mich nicht; also soll sie mir dienen.
-
-Da geschah es eines Tages, daß dies alles anders wurde.
-
-Maria teilte Christianus mit, daß Heinrich käme, die letzten Wochen
-heilender Wunde bei ihr und der Gemeinde zu verbringen.
-
-Von dieser Wunde konnte Christianus nicht sprechen hören. Ein
-Widerstand, ihm selber unbehaglich, wehrte sich wie mit tausend Armen
-gegen ihre Nähe, und wie mit tausend Armen griff eine Begierde kalt und
-angst aus ihm heraus nach Maria.
-
-Er saß neben ihr; er suchte Worte, tiefe, tiefere Worte; er versuchte,
-diese granitnen Blöcke, die Stirn, Kopf, Leib heißen, wegzuwälzen,
-wegzubrechen von seinem Gedanken, von der weißen Gestalt, die innerst in
-ihm leuchtet: plötzlich warf er sich steil zurück.
-
-Eine Kraft durchstemmte seine Glieder, daß alles Steinerne, Versteinte
-an ihm aufsprang: seine Mienen begannen zu flattern, daß sie nur noch
-wie Schatten über einem aufgedeckten Gesichte schwammen; er hob die
-Arme: »Es ist wie ein Ungeborenes und doch Empfangenes« und legte sie an
-Mariens Brust und ihr Gesicht in beide Hände: »Hilflos.«
-
-Dies Weibverwandte hatte sie von je an ihm geliebt; aber dies Neue,
-Übermannende war hinzugekommen: es war das erste Mal, daß er sie
-leiblich berührte; seine Hände lagen warm und dicht von ihren Schläfen
-herab zu den Wangen; wie sollte da ihr Kopf nicht alles umdeuten, was
-ihm und ihr bis jetzt entgegen gewesen war!
-
-Sie war zufrieden; sie hatte ihn begriffen. Sie hatte ihn begriffen,
-trotzdem er nichts gesagt hatte.
-
-Er liebt mich, dachte sie.
-
-Und: es ist geschehen! jauchzte in ihm jeder Atemzug. Die weiße Gestalt
-ist ihr aufgegangen; ich trage sie nicht mehr allein in mir. Das
-Unüberwindbare ist überwunden; der Anfang alles Geschehens ist
-geschehen. Was hindert noch, daß die Dämme aufbrechen allerorts? Daß
-alle erkennen, was mich berufen hat? Es wird geschehen.
-
- * * * * *
-
-Geduldig überstand er die Hölle unter seinen Füßen, die Versammlungen,
-deren Geräusche allabendlich zu ihm heraufschlugen.
-
-Heinrich machte die Zusammenkünfte zu Gedächtnisfeiern für den Toten.
-
-Rührend und furchtbar, wenn Maria erzählte, wie der Harte, Verschlossene
-aufgegangen war in Liebe zu dem gefallenen Freunde, wie er den Lebenden
-vertilgte, indem er den Toten erweckte!
-
-Christianus bemerkte, daß Maria mit ihrem Gefühl viel weniger als er in
-dem Entsetzlichen stand, wie hier ein Mensch den andern mit
-Erinnrungsherzblut erstickte, und viel mehr in dem Entzücken über die
-Kraft und Heftigkeit dieser Hingabe. Er begann, diese Freundschaft zu
-fürchten.
-
-Zwar, wenn Maria heraufkam und die Gespräche halber Nächte vorbrachte,
-die Lippen mit einem verwegenen Lächeln bewegend, und doch wie in einem
-Märchen befangen, das Christianus wie ein großer Zauberer beherrschte,
-wußte er: er war ihrer sicher.
-
-Aber eines Abends trat sie herein und hatte einen entlegenen Glanz im
-Auge.
-
-Christianus fragte.
-
-Sie erzählte.
-
-Der Starblinde habe gegen alle Tröstungen Heinrichs prophezeit, der
-Meister werde auferstehen. Da habe Heinrich geantwortet: »Blinder, du
-hast recht; nur willst du mit tausend Schritten ermessen, was wir
-Sehenden mit einem Blick erfassen: er ist auferstanden; er ist in uns,
-für die er gestorben ist, auferstanden.«
-
-Damit schwieg sie. Christianus wartete.
-
-Aber sie hielt es für besser, jene wunderbaren Worte für sich zu
-behalten, die Heinrich danach mit einer deutlichen kleinen Wendung zu
-ihr hinüber gesprochen hatte -- wobei er seine Stimme hatte metallner
-und seine Schritte straffer werden lassen --: »Das könnt ihr nicht
-nachdenken, dies: daß ich, der ich genesen -- wie ihr sagen würdet,
-auferstanden -- bin, mich wie von Licht und Luft begraben fühle; daß ich
-sagen möchte, ich sei auferstanden, wenn ich in der Erde läge.«
-
-Christianus begriff immerhin. Er richtete sich auf und befahl ihr, den
-Versammelten und Heinrich -- auch Heinrich! Heinrich besonders! -- zu
-sagen: der Blinde habe recht; er _werde_ auferstehen.
-
- * * * * *
-
-Heinrich erhob sich eben, um auf den prophezeienden Blinden einzureden:
-da hörte er Mariens Stimme. Er wandte den Kopf.
-
-»Der Blinde hat recht,« hörte er sie sagen. Und dann mit einem Atem, der
-fast die Worte verschlug: »Der Meister _wird_ auferstehen.«
-
-Erst als sie ausgesprochen hatte, wagte sie, zu ihm aufzusehen. Ihre
-Blicke legten sich lange ineinander. Dann drehte ein Krampf dem Jüngling
-Brust, Nacken und Kopf herum. Sie sah fort.
-
-Als sie wieder aufblickte, hatte er das Zimmer verlassen.
-
- * * * * *
-
-Seit diesem Abend bestand Maria darauf, daß Christianus ihr Versprechen
-einlöste.
-
-Er mußte auferstehen.
-
-Sie leitete alles.
-
-Sie versammelte täglich die Gemeinde; sie ließ nicht ab, die bestimmte
-Voraussage des Ereignisses zu wiederholen. Er befragte sie endlos und
-eindringlich, um aus der Summe ihrer Beobachtungen seine Einstellung zu
-finden. Sie gab ihm die Ergebnisse von Experimenten an die Hand. Etwa:
-sie hatte auf die Frage, wann sie meine, daß der Meister auferstehen
-würde, überrascht gezögert. Oder: sie hatte in einem Augenblick
-nachdenklicher Stille halbhin gesagt, manchmal sei ihr doch, als ob sie
-sich täusche -- Mißmut, Verzweiflung, ekelhafte Zerfällnis mit allem,
-was Gott, Glaube, Zukunft heißt, sei hereingebrochen. Peinlich zu
-denken, daß dieser Verdruß sich dem Volke, dem näheren, am Ende selbst
-dem weiteren Lande mitteilen könne. Es war keine Frage: hier war er
-berufen einzugreifen. Er sah sich mit einer Aufgabe in den Ring der
-Gemeinschaft gestellt, sah den Horizont seines abgeschlossenen Daseins
-sich lichten und dehnen. Es waren Bedenken da. Aber sie versicherte ihn:
-diese Köpfe waren wunderbedürftig und durchaus bereit, ihn aufzunehmen.
-Allerdings; aber -- Sie bedeutete ihm: dies waren nicht allein
-wunderbedürftige Köpfe, dies waren auch wundergläubige Herzen; würden
-diese wundergläubigen, diese nach der Erfüllung ihres Wunsches kindlich
-frohen Herzen ihr Erlebnis unter die Menge tragen, ihren Glauben von den
-Blöden, den Nichtbegnadeten zerstören lassen? Das würde nicht geschehen;
-nur die Zuversicht würde sich überall wohltätig ausbreiten.
-
-Sie ließ Christianus in Ungeduld aufgehen.
-
-Sie bestätigte die Gemeinde in der Hoffnung auf die Wiederkunft des
-Meisters.
-
-Sie legte ihre Erwartung ineinander.
-
- * * * * *
-
-Als die ersten Hyazinthen blühten, brachte sie brennend rote Stöcke
-herein. Die Sonne zitterte blaß, wie eben genesen, durchs Zimmer und
-trug den kranken Duft der Blumen an sich. Durch dieses Spalier üppiger
-Blüten und spitzer Sonne lief der Weg, den Christianus zu den Menschen
-ging.
-
-Die Sonne machte ihn hell. Alles strahlte an ihm. Er begegnete Maria und
-lächelte; ging durch viele Zimmer, kam ihr wieder entgegen und lächelte
-wieder.
-
-Nur, daß er nicht jeden der Freunde einzeln begrüßen sollte -- er fühlte
-sich so gemeinsam mit jedem einzelnen, fühlte die Hände in jedes
-einzelnen Händen, den Kopf jedes einzelnen Kopf ganz nahe -- nur, daß er
-warten sollte, bis alle versammelt wären und dann -- dies dann lag matt,
-zog ihn nicht, lag ihm entgegen.
-
-Aber es mußte auch so gehen. Gewiß, Maria hatte recht. Es würde auf ihre
-Art sogar noch besser gehen.
-
-Er wendete sich wieder in ein Nebenzimmer, wandelte hindurch, bog um
-Ecken, Türen, lief durch Zimmerfluchten, Gänge -- seltsam! -- es war
-hell, warm, fast heiß, und es war gar kein Geschrei da, und doch schrie
--- nein, es war unendlich leise, fern und verloren -- schrie es --
-Flucht; er sah sich um: war er diese Gänge nicht schon einmal gegangen?
-Nur war etwas Fertiges, Ausgemachtes an ihnen: als wäre alles fest
-geworden. Er versuchte, sich zu entsetzen, und es gelang ihm nicht --
-Flucht; er bog um Ecken, hob sich durch Türen -- Fahnenflucht; bewegte
-sich vorüber an hundert mitziehenden Wänden: Fahnenflucht.
-
-Ach, das war ein Wort, von Menschen gefunden, die nicht seines Sinnes
-waren. Von dem Sinn, der ihn über die Menschen hob, lag dies Wort so
-weit ab wie ein kleines Sandkorn, das ein Engel, aufsteigend, vom Fuß
-fallen läßt. Für seinen Sinn gab es kein Wort. Aber für das, was er
-getan hatte, gab es ein Wort: jenes. Liegt denn etwas zwischen dem Sinn,
-in dem eine Tat getan wird, und dem Sinn, in dem sie betrachtet wird?
-Ja: die Tat selber. Die Tat ist das Urteil. Aber ich kann das Urteil,
-das nur meinen Fuß streift, beiseitetreten.
-
-Es klirrt, klingt zu seinen Füßen; das Haus hat sich geöffnet: die
-Menschen kommen.
-
-Der Gedanke läuft aus und reißt wie ein dünn ausgezogener Glasfaden ab;
-das Hirn tropft zusammen zu einem Klumpen Menschen.
-
-Aus dieser Menge stellt er sich einzeln vor: hier diesen, dort jenen;
-hebt ihn auf, betrachtet ihn, sieht ihm in die Augen: oh! überall glänzt
-dieses selbe frohe Auferstehungslächeln, in tausend Augen leuchtet es,
-Laute, unerhörte, läuten von Herzen zu Herzen hinüber, herüber; er
-breitet die Arme, zieht alle an sich, nahe, näher; er ist ganz erfüllt
-von ihnen.
-
-Da stehen sie.
-
-Sie haben alle die flachen Augen auf ihn gerichtet.
-
-»Fahnenflucht.«
-
-Eben hat einer gesagt: »Fahnenflucht.«
-
-Ehe er sie begrüßt hat, hat einer das gesagt.
-
-Er spannt die Arme heftig an, will sie erheben; sie sinken an ihm ab; er
-fühlt, wie seine Gebärde in Hilflosigkeit verfällt. Der entstellte Blick
-Mariens greift ihn an.
-
-Sie weichen von ihm zurück wie Wasserkreise vom eingefallenen Stein.
-
-Er drängt nach.
-
-»Hört doch, ihr Feiglinge! Ihr tauben Fische und blinden Maulwürfe, hört
-und seht! Was ist es, wovor ihr zurückweicht? Sollte ich als
-unbeschwerlicher Sonnenstrahl vor euch hintreten? Da: da steht solch
-eine Gestalt Sonne. Hat die euch getröstet? Hat die Laute zu euch
-gesprochen, wie ich sie spreche? Hätte das laue Flämmchen, das mir
-ähnelnd über euer schwaches Gehirn hinschwankte -- hätte das auferstehen
-können? so viel Leiden übernehmen können, daß es zu euch kam? Mußte ich
-nicht -- da ich es in Wirklichkeit bin -- mit Fleisch und Blut
-herausgerettet werden, um zu euch zu kommen? Und nun weicht ihr vor
-diesem selben Fleisch und Blut zurück?«
-
-»Feiglinge« hätte er gesagt, begann unentschlossen eine Stimme; mit
-diesem Argument begann sie; im Verlauf der weitern wurde sie seltsam
-eindringlich.
-
-Christianus hörte nicht zu. Es kam ihm bemerkenswert vor, daß er diesen
-ganzen Auftritt früher, ehe er sich darin befand, auch nur als Licht,
-gefügiges, wandelbares Licht gesehen hatte. Er war befremdet, die
-Wirklichkeit jener Körper hinnehmen zu müssen; versuchten jene
-vielleicht vergeblich, die Wirklichkeit des seinen zu vertilgen?
-
-Er wußte nicht, ob sein Gegner geendet hatte; er fuhr fort:
-
-»Was ist dies, was hier vor euch steht? Steht ihr etwa vor mir wie
-durchschauliches Licht? Kenne ich, wenn ich eure Leiber, eure
-verrotteten Bärte, eure zerrunzelten Stirnen, eure triefäugigen
-Gesichter ansehe -- kenne ich dann die Klagen, die euch in wortlosen
-Nächten durchklungen haben? Wenn ich eure steifhäutigen Hände, eure
-überlederten Füße betrachte -- kenne ich dann eurer Gebete Bewegungen
-und die Verzweiflungen eurer Wege? -- Ja! ja! _ich_ kenne sie! Aber
-kennt _ihr_ durch meinen Anblick _mich_?«
-
-Der weißbärtige Alte trat vor und legte erschüttert die Hand auf die
-Brust: Sie wüßten ja, daß er ein andrer als sie sei; gewiß, es sei wahr,
-er sei anders als sie; aber schuldig machten sie sich doch, wenn sie ihn
-nicht anzeigten; gewissermaßen machten sie sich doch schuldig?
-
-»Ja! geht, geht! zeigt an! Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Auf mich nicht.
-Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Gebt acht, daß euch die Finger, daß euch
-der Arm nicht verbrennt bis zur Achselhöhle: habt ihr jemals auf den
-gezeigt, der dem Propheten im feurigen Busch erschien, und habt
-geschrien: den greift! der ist's! Hebt eure Arme! schreit! Kennt ihr die
-Verdammten, die mit ihrem Geschrei sich das Gericht sprachen? Ihr
-seid's! An mir fahren eure Schreie vorbei wie Wind, und eure Arme schlag
-ich beiseite wie klappernde Bretter; denn in mir ist die Kraft jenes,
-der seine Erwählten durch das Geheul der innern Einöde, ja, durch die
-Wüste voller Menschen sicher hindurchführt! Er sprang vor mich hin, als
-ich den Kolben zum Kainshieb hob: Halt ein! Da brannte der Busch auf,
-und seine Stimme rief: Geh zu ihnen! Ich will, daß deine Gabe an sie
-komme! Und der das sprach, der steht seitdem in meiner Brust,
-hochaufgerichtet, brandhell! Hebt die Arme! den greift! der ist's!«
-
-»Oh! Woher? Wo?« Zwei Arme erhoben sich vor allen und griffen in die
-Luft; wie die Klage eines Tieres breiteten sich Worte, vielfach von
-Weinen geschlagene Worte aus: »Wo stehst du, Herr, den meine Arme
-suchen? den der Herr über alle Herren hergesandt hat, uns dem Tal des
-Jammers zu entführen? Wo finde ich dich, dir zu Füßen Dank, Lob,
-Lobpreisung --«
-
-An dem tastenden Blinden vorüber sperrte sich eine spitze, bestimmte
-Bewegung.
-
-Das sei eine wunderbare Geschichte. Darüber könne unsereins nicht
-urteilen. Oder ob einer urteilen wolle?
-
-Nein, allerdings, das sei schwer; darüber sei nicht leicht ein Wort zu
-sagen. Man verstummte eine Weile. Da hob sich aus dem Hintergrunde hell,
-fast singend, eine hohe, anfragende Stimme: »-- Heinrich?«
-
-Das sei wahr: Heinrich! Der verstünde das wohl. Man wolle warten, bis
-Heinrich komme. Der solle der Richter sein. Und bis dahin wolle man sich
-jeden Schritts enthalten.
-
-Sie traten zusammen und versprachen sich ihr Gelöbnis in die Hand.
-
-In diesem Augenblick glitt die Sonne, die rückwärts und rückwärts
-gewichen war, von Christianus ab. Sie hoben die Augen auf und sahen ihn
-nicht. Langsam entgraute er dem Dämmer; seine Augen standen glanzlos vor
-dem Gemäuer; er sah verstorben aus.
-
-Es ging etwas wie die Scheu vor einem Toten durchs Zimmer; mit kalten
-Schultern drängte sich die Menge und bewegte sich hinaus; es wurde leer;
-leerer: das Zimmer war leer.
-
-Plötzlich fühlte er den Boden zu seinen Füßen in die Tiefe stürzen, sah
-ihn drüben gegen die Wand sich langsam heben und hoch an die Wand
-gelehnt Maria. Die Kehle hell -- uneinhaltsam hört er ihre hohe Stimme
--- Heinrich? fragen -- das Kinn nachlässig verachtend gereckt, den Blick
-abfällig auf ihn gesetzt, stand sie ihm gegenüber.
-
-Er hob die Arme auf, und so verwilderten seine Gebärden an der Luft, in
-der sie stand, daß sie wie Flammen gegen sie auszuschlagen schienen; er
-schrie, und immer wachsend, verfingen sich die Schreie in hohen
-Anrufungen, und angreifend: Mein Gott! Mein Gott! weinend, sank er in
-sich zusammen.
-
-So verfallen, fühlte er seine Füße plötzlich umrafft von zwei Armen. Er
-sah sich wundernd um und fand es natürlich, daß der Boden ringsum sich
-steifte, aber seltsam, daß die weite Fläche leer war. Wo er noch eben
-über einer andringenden Flut aufgebraust war, kreiste Leere, Öde, nichts
-als dies sanfte, umwogende Plätschern der Arme, dies Geringe, dem er
-sich nicht entziehen konnte.
-
-Er sah nieder zu dem Weibe: »So allein, Marie!«
-
-Da öffnete sich unter ihm ein Blick voll Tränen; er beugte sich nieder
-und hob sie auf.
-
-Sie schloß unter seinen Griffen die Augen und schauderte zusammen.
-
-Ihm war wohl dabei; es schien ihm, als sei alles recht so, überaus
-gerecht; er faßte mit zärtlich gestreckten Fingern -- Mariens Kopf ruhte
-in seiner Hand, ihr Leib auf seinem Arm -- nach den langen, weichen
-Wimpern ihrer Lider -- nicht, als ob er sie zurückstreifen, gewaltsam
-öffnen wollte: es war ihm, als streichelte er über einen Traum hin.
-
-»Laß!« bat er. »Laß, Liebe!«
-
-Langsam schlug sie die Lider zurück, warf aber den Kopf beiseite; er bog
-sich nach und über sie; das Weiß ihres Auges spreizte sich ihm entgegen;
-Duft und Hauch von Mund und Haar verwuchsen; unter dem Schatten seiner
-Stirn blühte ihr Auge, das volle Dunkel inmitten auf; ihre Sinne gingen
-ineinander.
-
- * * * * *
-
-Die Lockerungen und Eröffnungen dieser Stunde nahm Gott von Natur als
-eine Gelegenheit, aus der Entfernung näher zu treten.
-
-Christianus bemerkte die väterliche Gegenwart durchaus nicht sofort.
-
-Er wandelte unbekümmert im hellen Mittag und verlachte sich, als ihm
-war, als ob ihn eine fremde Stimme gerufen hätte.
-
-»Du bleibst? Und wie lange?« hatte die Stimme gefragt.
-
-Er wandte sich um und erschrak heftig.
-
-Es war niemand im Zimmer als Maria. Halb saß, halb lag sie auf einem
-Diwan, und von den heißen Wänden strahlte viel Licht in die großen
-Falten ihres Kleides. Es war wirklich außer ihr niemand zu sehen. Aber
-im Hintergrund ihrer unheimlich gebauschten Hüllen, im Schutz ihrer
-weitgesetzten Gliedmaßen, über denen die sonst liebreich sprießende
-Brust zusammengeschrumpft schien, verbarg sich, erwartete ihn etwas. Er
-hatte vorübergehend die Empfindung, als stellte sich ihm gegenüber im
-Schatten des Begreiflichen etwas der weißen Gestalt Ähnliches,
-Unbeherrschbares, Zwingendes auf; er wagte nicht zu atmen und geriet
-über dem Gedanken, zum ersten Mal vor der weißen Gestalt Angst empfunden
-zu haben, in wachsende Angst.
-
-Marie sah ihn mit einem unverwandten Lachen an.
-
-Er fragte erschüttert: »Ist jemand hier, Marie? Oder warst du das, der
-das sagte?«
-
-Sie lachte auf, sprang auf und ging im Zimmer herum:
-
-»Ja, ja. Hattest du Angst? Ich wollte dich nur fragen, wie lange du noch
-bleiben wirst. Bleibst du noch lange?« Und plötzlich in sich hinein mit
-abgefallener Stimme und ganz verändert: »Himmel! So weit! so weit!« Sie
-zitterte und legte die Finger an die Lippen wie in Entsetzen vor ihren
-eignen Lauten.
-
-Sie schien wahnsinnig zu sein. Er war ihr unendlich fern und gab sich
-Mühe, sich einzustellen. Darum näherte er sich ihr, sie zu umfassen.
-
-»Nicht an mich!« rief sie und entsprang ihm. Er drang ihr nach: »Liebe,
-sind wir nicht eins? und haben dies eine gemeinsam?« fragte er mit
-großem Unbehagen, aber in der Hoffnung, sie zu beruhigen.
-
-Sie versank: »Daß ich dich geliebt habe! Daß ich dich geliebt habe! Aber
-ich sah dich so verlassen, so los, so -- hin, fort, nichts von dir übrig
--- und da! -- Geh doch! geh doch!« schrie sie auf, »daß ich dich wieder
-lieben kann.«
-
-Daran war ihm nicht gelegen; auch schien es ihm unmöglich, ihr noch
-ferner zu sein, als er schon war. Er stand ihr gegenüber und blickte
-gleichmütig auf sie hinab. Was bewegte sie? Je mehr sich in seinen Augen
-der Grund ihrer Erregung verringerte, desto unmäßiger erschien ihm das
-Meer von Bewegungen, das darüber hinging; und ihm wurde um so übler, je
-tiefer er einsah, daß sie ihn mit dieser wilden Flut von Gebärden aus
-ihrem Innern verwarf. Er gewöhnte sich an den Gedanken, in ihrem Herzen
-keinen Raum zu haben, und alsbald dünkte ihn dies Herz winzig und er
-sich dafür zu groß. Sie war fortan Rest für ihn. Wieviel hatte er ihr
-geben wollen! Er fand es erbärmlich, so beherrscht vom eignen Wesen zu
-sein, und unverzeihlich, nicht am andern teilnehmen zu können. Aber was
-hatte man schließlich miteinander zu tun? Nichts. Er wünschte nur noch,
-daß sie das einsähe.
-
-Im Gegenteil kam sie auf ihn zu und legte sich an seine Brust. Sie
-weinte.
-
-»Das Kind --« sagte sie. »Siehst du: was soll aus mir und dir werden? Er
-muß kommen. Und wenn er kommt, darfst du nicht mehr hier sein. Mit ihm
-allein will ich schon alles ins Reine bringen. Aber bleiben kannst du
-nicht« -- sie streifte ihn mit gespreizten Fingern von sich -- »Du bist
-ja tot.«
-
-Er war ratlos. Das Kind -- er sah ein, das war ein Ding, mit dem zu
-rechnen war. Er war in eine sonderbare Lage geraten; es war nicht
-abzusehen, wie er gegen das Kind aufkommen sollte. Da flog ihm die
-Erinnrung zu, daß man von Müttern gehört hatte, die unter Einsatz des
-Kindes bei der Geburt geschont wurden, und während dieser Gedanke
-keulenhaft wuchs: konnte hier nicht unter Einsatz von Mutter und Kind
---? und er ihn aufhob, bereit, ihn in die Tat fallen zu lassen, kam es
-ihm vor und hemmte ihn, daß sie seltsam von dem Kind gesprochen hatte.
-Er fragte besinnungslos, vorerst sich zu vergewissern: »Du sagst er.
-Weißt du, daß es ein Junge ist?«
-
-Da lachte sie und -- widerwärtig, wie sie gleich Weibern, die haltlos
-lachen, den Schoß vorstreckte! -- dies Lachen umschallte ihn, daß er aus
-ihm heraus nur begriff, sie müsse von jemand anders als dem Kinde
-gesprochen haben. Aber ehe er das ganz faßte, kam sie zu Atem:
-»Heinrich? Der ist Manns genug, dich für ein Weib zu halten.«
-
-Heinrich. Sie hatte Heinrich gemeint. Er stürzte sich, ohne an dem Hohn
-zu haften, mit dem sie ihm nachsetzte, durch die einströmenden Gedanken
-ihrer Absicht zu. Sie wollte jemand kommen lassen: sie wollte Heinrich
-kommen lassen. Sie wollte etwas mit ihm ins Reine bringen: mit Heinrich
--- was? Alsbald stand ihm fest, und er glaubte, guten Grund zu haben,
-darauf weiterzugehen: sie wollte Heinrich vor die verhohlene Finsternis
-stellen, in der sie und das Kind lagen, um den heranwuchernden Gerüchten
-zu wehren. Heinrich -- unendlich erhellt und lieblich erschien ihm dies
-Waffentum -- sollte an Vaterstelle neben das Kind und die Ehre der
-Mutter treten. Er bewunderte die Gewandtheit, mit der sie auf diesen
-Gedanken gekommen war, und erstarrte vor den Untiefen der Heimtücke,
-über die der Weg dahin führte. So raubtierhaft eingezogen kann nur ein
-Weib über seiner Brut den andern ins Auge fassen; so kaltherzig
-bedächtig nur ein Weib dem andern die Schlinge legen. Er ruhte auf der
-Höhe dieser Betrachtung aus und atmete mit Behagen. Letzthin: wenn
-Heinrich als Vater des Kindes galt, konnte er nicht seinen Nutzen daraus
-ziehen? Er würde bleiben -- unverraten, ungefährdet. Seine Zähne
-lichteten sich und lachten: wie abgefeimt hatte sie das alles bedacht!
--- er sprang von seinen Gedanken ab und an Maria und packte sie wie mit
-Krallen: »Ja ja, Maria! Geh! schreib ihm! ganz sanft, ganz gelind, ganz
-verschlagen! Du kannst es! Du kannst es! Er soll kommen; ich will es. Du
-hast recht; anders kann ich nicht bleiben.«
-
-Sie sah ihn lange und groß an. Dann sagte sie: »Ich _habe_ an Heinrich
-geschrieben.«
-
-Er erstarrte. Kälte durchsprang ihn. Er schlug zusammen.
-
-»Ach! -- Geht es mir auf! Seid ihr einig miteinander? Sind meine Tage
-schon gezählt? Drückt ihr mich heraus wie ein Giftgeschwür?«
-
-Sie wandte sich leichthin ab: ob er denn vom ersten Tag an oder selbst,
-ob er vom ersten Schritt an, den er hierher gegangen sei, geglaubt habe,
-sich halten zu können?
-
-Das bringt ihn hindurch. Er atmet sogar wieder. Er sagt:
-
-»Ich _werde_ bleiben, Liebe.«
-
-»Ich _werde_ auferstehen!« hallt es ihm da entgegen -- nein, keine
-menschliche Stimme hat das gesagt! -- und ein fremdes Gelächter läßt ihn
-hinter sich zurück.
-
- * * * * *
-
-Decken! Decken! Warme, dunkle Decken! Schlafen!
-
-Mit gebreiteten Armen tanzt die weiße Gestalt durch ihn hin. »Gib mir
-deine Hand!« -- Schlafen! »Ich will dich führen!« -- Schlafen! »Ich
-will!« -- Schlafen! nur schlafen!
-
- * * * * *
-
-An der Tür rütteln verworrene Stimmen; er ist aufgewacht; er wagt nicht,
-sich vom Bett zu erheben; er horcht. Eine weinende Stimme will etwas
-Unabwendbares beschwichtigen: das ist sie! oh, das ist sie!
-
-Sie steht Rede und Antwort auf viele Fragen; er horcht. Sie bleibt
-standhaft bei einer immer wiederkehrenden letzten Frage: ob Er --? ob Er
---?
-
-»Wartet! ihr habt versprochen zu warten! Wartet, bis Heinrich kommt!«
-
-Nein, sie wollten nicht warten. Immer wieder diese flammenspitze,
-schlangenhaft zustoßende Stimme. Sie wollten nicht warten. Sie wollten
-ihn sehen.
-
-Da brach er auf. Er griff nach seinen Kleidern; er war machtlos über
-sie; sie flogen ihn an.
-
-Er war draußen. Er war über einen gekommen wie über ein Nichts. »Hund!
-Was willst du? Mit wem sie es gehalten? Fragt Heinrich!« Er schlug und
-peitschte es in sie hinein: »Fragt Heinrich! Heinrich!«
-
-Er blickte um sich. Das Gelichter! Verschrien spritzte es auseinander,
-rollte in Ecken zusammen, tropfte vom Geländer, stockte die Treppe
-abwärts.
-
-Er versuchte, sich zu sammeln. Er sah seine Hände an, die schwer und
-noch erfüllt vom Zustrom des Blutes an ihm hingen, -- was hatte er
-getan? Schändlicher als die roten, feuchten Hände, die er nicht ablegen
-konnte, -- er hatte gelogen. Am Pfosten der Tür, von Ekel durchstiegen,
-stand Maria. Er schämte sich an ihr vorbei und schloß die Tür.
-
-Sein Kopf -- das fühlte er -- verstand nicht mehr genug, um zu
-entscheiden, was zu tun war. Das immerwährende Frage- und Antwortspiel
-hatte ihn matt gemacht, und schwachsinnig hingegeben, schwang er
-zwischen dann und wann auftönender grundloser Ruhe und dem Gekreisch
-eisscharf klirrender Stimmen her und hin.
-
-Nach langem Schlaf, beim Erwachen -- die Sonne schien dazu -- gelang ihm
-dies: man muß nicht ängstlich werden; man muß der Welt zusetzen, bis sie
-das letzte Wort spricht: Leben oder Tod.
-
-Von diesem Gedanken an empfand er sich tief im Urteil und beruhigt wie
-ein ergebener Gefangener.
-
-Aber er vermochte sich nicht in dieser Ruhe zu halten. In den Füßen fing
-es an: irgendeine Sehne beherrschte ihn; er entzog sich ihr, indem er
-den Fuß krümmte; eine andre trat an; er wand sich unter unerlassener
-Strenge. Dann verzog sich die Steifung in den Brustkorb; er legte sich
-mit der Brust auf einen Bettpfosten und drehte sich darauf, oder er ging
-hinaus in das Treppenhaus und zwängte sie in die Ecke des sich
-aufwendenden Geländers.
-
-Diese letzte, eigenartige Berührung war es besonders, die ihm wohltat,
-und er pflegte sie noch, als er das krankhafte Bedürfnis danach längst
-nicht mehr empfand. Durch den niederstürzenden Gitterschacht, der hinab
-bis auf die Diele langte, vertrieb man sich die Zeit; da sah man die
-blanken Fliesen glänzen; hörte das alte Weib Gemüse und Neuigkeiten
-hereinbringen; fand selber mit vieler Aufmerksamkeit als Neuigkeit
-heraus, daß es die Frau des Starblinden und Hebamme sei; bemerkte zum
-ersten Mal, daß Mittwoch und Sonnabend wässrig riechen, und vergaß dabei
-sich selbst.
-
- * * * * *
-
-Plötzlich versuchte er vergeblich, die Brust von dem schmalen
-Geländerholz abzuheben; seine Augen rissen ihn immerfort hin, hefteten
-seinen ganzen Körper fest.
-
-Er hatte nach dem Klingen der Türglocke Marie unbeschwert von ihrer
-Bürde über die Diele hüpfen sehen.
-
-Er wollte ihr nach; ihm wogte der Atem, als höbe er ihn durch
-Unermeßlichkeiten, und doch lag die Brust quer und fest auf dem
-Geländerstreifen.
-
-Eine hohe Stimme, entfesselt durch das ältliche Gebälk heraufspringend,
-rief: »Heinrich!«
-
-Darauf nichts. Nur daß er sich von dem Geländer los und bewegt fühlte.
-
-Lange Schritte warfen ihren Schatten die Treppe hinab. Heinrich sah sich
-um und stieß Maria, die an seinem Halse hing, von sich.
-
-Christianus stand erbost über diese Bewegung, deren Roheit ihm erst
-daran aufging, daß der andre sie ihm vorweggenommen hatte. Maria lag an
-eine Bank hingeschleudert, und während Christianus betrachtete, wie das
-schräg einfallende Licht des gelben Dielenfensters sie mit einer eklen
-Haut überzog und die Schatten der Gitterstäbe, kreuzweis
-übereinandergelegt, sich ihr aufdrückten, begann ein Krampf sie zu
-biegen; Kopf, Hals und Brust streckten sich zum Schoß nieder, und ehe
-sie, von der Welle losgelassen, die Antwort auf einen Blick hilflosen
-Erschreckens fassen konnte, rollte der Krampf sie zum andern, zum
-dritten Mal zusammen. Die Männer sahen sich an. Dann traten sie zu ihr,
-griffen ihr unter die Arme und trugen sie die Treppe hinauf in ihre
-Kammer.
-
-»Heinrich!« bat sie, als beide sie gelagert und beengender Kleider
-entledigt hatten.
-
-Heinrich schrie, und erst jetzt bemerkte Christianus, wie mager und
-verfallen sich Hals und Hände des Schreienden in die Luft streckten; er
-schrie und entriß sich den weißen Armen, die an ihm aufgingen, und floh.
-Noch ganz in das peinliche Gefühl dieses Schreies verstrickt, hörte
-Christianus Marie ermattet sagen: »Niemand!« und so voll Weinens war
-ihre Stimme, daß ihm die Tränen unhaltbar entbrachen. Er beugte sich
-nieder und küßte sie: »Marie!«
-
-»Hilf!« flog sie auf, »hilf mir! Hole sie! Links aus der Tür, Gasse
-links, Gasse rechts, erstes, drittes, viertes, ja viertes Haus!«
-
-Er rannte schon eine ganze Weile durch die Räume, ohne Heinrich gefunden
-zu haben.
-
-Da, an der Tür zum großen Versammlungszimmer, hielt er inne. Auf einer
-Bank, die in einem Erker halb im Dunkel stand, saß Heinrich -- ruhig,
-selbst auf die eindringenden Worte und hastigen Bestimmungen
-Christianus' ohne Bewegung.
-
-Schließlich, als Christianus ratlos schwieg, ließ er den vorgeschobenen
-Kiefer fallen und sagte: »Wann war es doch, daß wir uns zum letzten Mal
-sahen, Doktor?«
-
-Christianus blieb nichts übrig, als sich der heimtückischen
-Vertraulichkeit zu nähern.
-
-»Mein lieber Heinrich,« sagte er, »du bist zu uns gekommen und zur
-rechten Zeit. Willst du uns helfen?«
-
-Heinrich beharrte: »Das war auf der Landstraße. Du nahmst dich gut aus
-als Soldat. Ich hätte wer weiß was für dich getan.« Und plötzlich, als
-habe er mit diesen Sätzen nur einen Anlauf gemacht: »Aber jetzt? -- was
-willst du eigentlich von mir? Was wollt ihr alle von mir? Wozu soll ich
-dienen?«
-
-Christianus schwieg. Er sah den Fragenden mit einem langen, leeren Blick
-an und wandte sich ab.
-
-»Ich habe da zwei merkwürdige Briefe erhalten,« sprach Heinrich hinter
-ihm her. »Der eine von diesen Leuten -- wie fremd man ihnen doch
-geworden ist! --: nun, ich wußte ja, wozu ich kommen sollte. Aber sag
-einmal selber: meinst du, das sei eine Sache für mich? Du hast den
-Waffenrock hinter dir gelassen; ich bin darin stecken geblieben, und ich
-soll urteilen? Du habest einen hohen Auftrag, schreibt man. Davon
-verstehe ich nichts; was soll ich dazu sagen? Vielleicht dies: bleibe,
-wie du bist, bleibe, wo du bist, solange es dir gefällt und gut geht.
-Einmal muß ja das Ende kommen. Und der Ausgang sagt am besten, was der
-Anfang wert war.«
-
-Christianus warf sich über einem Fuß herum: »Du weißt sehr gut, daß ich
-nicht bleiben kann, wenn du --«
-
-Er schwieg mit einer Stimme, die er in der Schwebe hielt. Aber während
-Heinrich wartete, bedachte Christianus, daß es gut sei, Heinrich den
-Rest erraten zu lassen. Es gibt leisere Mittel, etwas zu sagen, als
-Worte.
-
-Unter diesem Gedanken her flatterte tiefgeduckt der Schrecken, etwas so
-frech Überlegenes in sich zu haben: so etwas zu denken.
-
-Heinrich lachte: »Das, -- das weiß ich. Und ich weiß auch, daß du mir
-deshalb den andern Brief hast schreiben lassen. Klug! geschickt!
-überlegen! Und ich der liebe Heinrich! Aber wenn du durchaus für das
-Weib einen Mann brauchst -- da du es nicht selber sein kannst -- warum
-gehst du nicht zu einem der Alten, am besten zu dem Blinden? Es wird dir
-nicht schwer fallen. Klug! geschickt! überlegen!«
-
-Christianus hob sich in Empörung auf; da verfing sich sein Hirn in dem
-Sonderbaren, daß er gerade selbst dies Überlegene in sich bedacht hatte.
-Er begann, sich vor sich selbst zu fürchten. Was war das, daß er hier
-stand, unbeweglich in einer Menge von Bewegungen? Da war ein Strudel von
-Menschen, die ihn alle angingen; da war ein Weib, mit dem er in
-Berührung gekommen war und das ertrinkend aufquoll; da war ein Mensch,
-nach dessen Hand er griff und der sich fortwährend von ihm abstieß.
-
-Er sah weithin, und unfähig, sich im Gegenwärtigen zu sammeln, faßte er
-sich in der Entfernung.
-
-»War ich nicht Soldat wie du und ihr alle? Hielt der Waffenrock meine
-Rippen nicht genau so steif wie eure? Brach ich nicht wie wir alle auf
-und in den Garten und faßte an? Und da kam es. Plötzlich war es da. Es
-war da, und ich durfte den Schlag nicht tun. Es warf mich hin und
-besprach mich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend.«
-
-Heinrich war aufgestanden. Er schien in den Irrsalen irgendeiner Rührung
-bewegt zu werden; aber während seine Arme aufgingen, sich nach
-Christianus' Schultern hinüberzubrücken, schreckten seine Hände vor der
-Berührung zurück. Er schrie auf:
-
-»Ja! -- Es besprach dich -- lähmend, angreifend, beschwichtigend: geh
-hin zu Maria! vertreib dir die Zeit mit ihr! mach Narren! Sag mir doch
-einmal, wie es aussah, und -- mein lieber Christianus -- vielleicht hat
-manch einer damit zu tun gehabt, ohne es ganz so ernst zu nehmen.«
-
-»Wie -- es -- aussah? -- Mein Gott!« Er hatte es laut hervorgestoßen,
-und es hatte doch nur ein Anruf innen sein sollen: mein Gott! nur nichts
-merken lassen! Das ist ja fürchterlich: er kann sich wirklich nicht
-entsinnen, wie es möglich gewesen ist, daß er hierher kam. Er erinnert
-sich dunkel einer Gestalt und denkt in demselben Atemzug: nur keine
-Pause machen! reden, reden! damit der andre nicht merkt -- Was nicht
-merkt? denkt er und macht nun doch eine Pause. Daß er selbst gar nicht
-an solche Dinge glaubt, von denen er eben gesprochen hat; daß es gar
-keinen Sinn hat, von solchen Dingen vor vernünftigen Menschen zu
-sprechen; daß er genarrt, vom Höchsten, Heiligsten, was er im Leben
-erwartete, genarrt ist: »-- So etwas gibt es ja gar nicht!«
-
-Das hatte er geschrien. Und gerade, als habe nicht er, sondern der andre
-es geschrien, faßt ihn eine unausrottbare Wut gegen diesen andern, der
-da sitzt, durch seine bloße Gegenwart ihn verdrängend, und es schlägt
-kalt in ihm auf: dieser Mensch darf nicht bleiben; dieser Mensch darf
-nicht recht behalten; denn -- du -- hast -- doch -- recht!
-
-Er richtete sich auf, sank aber mithin zusammen, und von dieser
-unerwarteten Bewegung zu kurzer Besinnung gebracht, fragte er, die Laute
-unter zähen kleinen Bläschen bildend, die im Gaumen aufquollen:
-
-»Fühlst du nicht, wie entsetzlich das ist: daß ich hier sitze, daß alles
-einmal geschehen ist und ich nun in Worte verfalle und mich vergeblich
-bemühe, aus ihnen herauszukommen und zu fassen, wie das alles geschehen
-ist?«
-
-Die Schwäche und Verwirrung, mit der dies Mühsame gesagt wurde, machte,
-daß in Heinrich sich ein Ekel wie vor einer schweißdurchtropften Maske
-aufspannte.
-
-»Sagst du's selbst, daß du aus Worten nie herauskommst? Laß! laß sie!«
-
-Christianus schrie scharf und lauter als das erste Mal. Er sah, wie die
-Worte übersprangen, im Hirn des andern festen Fuß faßten, sich umwandten
-und sich gegen ihn kehrten. Er wollte neue vorschicken.
-
-Sie prallten vor dem wahnsinnigen Schatten, der aufgerichtet war, zum
-Munde zurück: Heinrich stand vor ihm und reckte, von Hohn gebläht,
-zwischen dürren Sehnen den Hals: »Geh! geh! Ich nehm dir die Dirne. Und
-die Brut dazu. Aber geh!«
-
-»Wohin?« fragte Christianus sinnlos.
-
-Heinrich lachte, riß das Rockstück über der linken Brust zurück und
-schoß mit spitzem Finger in die Mitte der Lache, die vom Halse herab bis
-unter die Herzgrube das Leinen durchblutet hatte. »Dahin!« sagte er.
-
-Christianus ging in Gedanken nach. Dann stockte er: »Ich darf nicht.«
-Und zitternd unter den Brauen des Feindes -- der sich unheimlich aus dem
-Freund herausverwandelt hatte -- suchend: »Warum setzt du mir mit deiner
-Verlockung zu? Soll ich schwach werden? Soll ich diese Tage und Nächte
-ausgehalten haben, um in dieser Nacht feige zu werden und umzukehren?«
-
-»Mußt du feige werden, um umzukehren? Mutig, mutig bist du doch damals
-umgekehrt, als es galt, durch den rechten Glauben in die -- Seligkeit --
-dieser -- Tage -- und -- Nächte zu kommen!«
-
-Christianus' Arme flackerten durch die Luft: »Nicht! nicht! nicht an
-meinen Glauben!«
-
-Heinrich lächelte: »Wie klug du bist, deinen Glauben vor deine Feigheit
-zu hängen!«
-
-»Schleichende Kröte du! Krötenschale! Schales Hirn du, das mit seiner
-Klugheit nur Klugheit begreift! Klügeln, zweifeln, fragen -- ich will
-nicht! Raum will ich dem Glauben geben, Raum dem ungeheißen
-Aufsteigenden: kein Schatten des Hirns soll das Heilige streifen.«
-
-»Es ist das Klügste.«
-
-»Ich darf nicht anders.«
-
-»Das lügst du dir ein.«
-
-»Ich will dir beweisen --«
-
-»Selbst zu beweisen, gibt dir die Absicht und die Feigheit ein.«
-
-Christianus wankte. Wieder: diese Worte! Wie sie nur in den Dunstkreis
-des andern geraten, werden sie schon Verräter, tragen die Farbe des
-andern, richten sich gegen den, der sie ausschickt, starr,
-bajonettfrech. Er muß hinüber! diesen schurkischen Worten Richtung
-weisen, nachhelfen!
-
-Er bog sich vor, streckte die Hand aus.
-
-Der Hals, den er umkrampfte, erhob sich. Er schwang die Hand mitsamt der
-Schwere, die über ihr hing, durch die Luft abwärts in die Ecke zwischen
-Fußboden und Wand.
-
-Es war ihm nicht, als ob er etwas Tatsächliches täte: er führte einen
-Beweis; jeder Schlag war ein Argument; die Argumente waren unabweisbar.
-
-Sonderbar kam es ihn an, daß geschrien wurde. Der im Begriff war,
-ermordet zu werden, schrie nicht; er stöhnte. Aber es waren Schreie da;
-Schreie, die von Wand zu Wand wankten, Schreie, die aus allen Ecken
-zurückschreckten, Schreie, die durch die Decke brachen: ja: die Decke
-war durchbrochen von Schreien.
-
-Als er die Haut seiner innern Handfläche kalt werden fühlte, -- ein
-Zeichen, daß das, was er gewollt hatte, beendet war -- hörte er auf zu
-schlagen, und im selben Augenblick gingen die Schreie ein.
-
-Es war still. Es war Zeit zum Nachdenken. Er stand neben dem Toten, und
-alles um ihn herum war ganz nachdenklich geworden.
-
-So weit kann es ein Mensch bringen. Man kann seinen Gegner von der
-Wahrheit überzeugen; am besten überzeugt man ihn, indem man ihn
-totschlägt und die Wahrheit allein glaubt. Es ist traurig, allein zu
-glauben. Aber weiter kann es ein Mensch nicht bringen.
-
-Er wandte sich ab und zum Fenster, öffnete es, kam zurück und stellte
-sich wieder neben den Toten.
-
-Was war das? Mit Grauen ging ihm auf, daß der Tote ihm mehr zu beweisen
-begann, als er dem Lebenden hatte beweisen können. Der -- Tote -- hatte
--- doch -- recht!
-
-Unbeherrschbar wuchs das Ungeheure auf. Es drängte seine Füße beiseite
-und weiter: er mußte gehen. Aus dem lautlosen Luftkreis hatte er die
-Antwort herausgeschlagen. Es war entschieden; sein Glaube hatte ihn
-betrogen. Warum war ihm das geschehen?
-
-Er brach weinend neben dem Toten zusammen und lag lange bis zum frühen
-Morgen.
-
-Dann stand er auf, hob sich durch die Tür und über kleine Stiegen zu der
-Kammer hinauf, aus der -- wie ihm jetzt deutlich war -- die Schreie
-gerufen hatten.
-
-Er lehnte sich in die offne Tür und sah hin.
-
-Über leblos gestreckten, steif eingefallenen Falten, die sich inmitten
-des Bettes über gewundenen, im Sterben stehengebliebenen Knien zu einem
-fürchterlichen Wirbel emporzogen, saß ein weißes Kind mit weitgeöffneten
-Augen.
-
-Der Schmerz, diese Augen auf sich gerichtet zu sehen, war unhaltbar. Er
-näherte sich, wuchs auf das Unendliche zu; der Atem verging ihm im Auf
-und Nieder der Tränen. Während er sich bewegte, fühlte er, wie ihm die
-Stimme versagte: er hatte geredet.
-
-Es tat ihm weh, den Schwung der Decken -- der ihm wie eine Weihe war --
-zu zerstören; aber er öffnete das Bett, legte das Kind beiseite,
-umhüllte die lebendige Wärme und breitete über den kalten Mutterleib das
-Leinen; versah so seine ganze Barschaft.
-
-Als es getan war, wandte er sich ab und ging die Treppe abwärts über
-Gänge, in denen schon das Tageslicht aufkeimte, hinaus auf die Straße --
-die Tür verschließen? Sie soll offen bleiben! Es soll alles offen
-bleiben! Die Fenster, die Türen, weit offen: damit die Menschen kommen.
-Die Menschen sollen kommen und sich an dem Kinde versuchen: auch an dem
-Kinde.
-
- * * * * *
-
-Die weite Heerstraße verging in einem Himmel voll Licht. Weißüberglänzte
-Vögel sprangen den Weg voran über Bäume von Ast zu Ast; wo er ging,
-sangen sie.
-
-Sie sangen noch vor der Holzbaude, unter deren Dach er sich ermüdet
-setzte. Er streckte den Fuß aus und wartete, bis einer der Vögel kam und
-sich darauf niederließ. Er sang; er neigte den Kopf und lauschte.
-
-Wie schön war es, daß er sang! Auch, daß ein Mensch auf ihn zukam, um
-mit ihm zu lauschen: wie schön war das! Er brauchte sich durch die
-Schritte des Nächsten nicht stören zu lassen: er hielt den Kopf geneigt
-und horchte.
-
-Er möge sich beim General melden; sein Gesuch sei genehmigt; er möge
-kommen.
-
-Da fiel ihm ein, daß er gebeten hatte, man möge ihn beim nächsten Sturm
-vor den Feind schicken.
-
-Ein Sturm war für den Morgen des nächsten Tages angesetzt. Christianus
-wurde eingereiht.
-
-Die Nacht verbrachte er bis zum Morgengrauen in heftigen Erschütterungen
-unter Anrufung eines Namens.
-
-Als man zum Angriff aufsprang, war er der erste, der den feindlichen
-Graben erreichte, von mehreren Kugeln durchbohrt, hineindrang und den
-nachfolgenden Kameraden den Weg bahnte.
-
-Außer ihm war niemand getroffen; man konnte sich sogleich um ihn
-bemühen.
-
-Aber während man das Blut, das aus seinen vielen Wunden pulste, zu
-stillen versuchte, richtete er sich auf, breitete die Arme rückwärts
-gegen die Grabenwand und zitterte einem Gesicht entgegen.
-
-Eine weiße Gestalt war hervorgetreten, hatte ihm die Hände gereicht und
-gesprochen:
-
-»Gib mir deine Hand; ich will aus dem Licht mit dir in die Finsternis
-scheiden. Gib mir deine Hand; ich will dich führen. Gib mir deine Hand;
-ich will.«
-
-Als strömten die breithin über die Erde gelagerten Lichtringe
-auseinander und aufwärts und ergösse sich, von allen Seiten her mündend,
-Erleuchtung in ihn, läßt er, was über ihm ist, aufschwimmen, läßt die
-Hände unanhänglich schwinden, gibt die Glieder unendlicher Erweiterung
-hin. Nach und nach tut es ihm wohl, dies und jenes zu vergessen. Er
-sieht nur hin, wie ihn die weiße Gestalt hält.
-
-Er ist zufrieden: es ist deutlich genug.
-
-Wie die letzte hohe Befriedigung über ihn kommt, glaubt er, auch dies
-letzte vergessen zu können: daß sein letzter Ruf oben im Licht gewesen
-ist: »Für der Maria Kind!«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Gnadenwahl, by Hans Arthur Thies
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GNADENWAHL ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Die Gnadenwahl, by Hans Arthur Thies</title>
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- <!-- TITLE="Die Gnadenwahl" -->
- <!-- AUTHOR="Hans Arthur Thies" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, Leipzig" -->
- <!-- DATE="1919" -->
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Gnadenwahl, by Hans Arthur Thies
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Die Gnadenwahl
- Erzählung
-
-Author: Hans Arthur Thies
-
-Release Date: June 14, 2016 [EBook #52327]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GNADENWAHL ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-HANS ARTHUR THIES
-</p>
-
-<h1 class="title">
-DIE GNADENWAHL
-</h1>
-
-<p class="subt">
-ERZÄHLUNG
-</p>
-
-<p class="pub">
-LEIPZIG<br />
-KURT WOLFF VERLAG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-BÜCHEREI &bdquo;DER JÜNGSTE TAG&ldquo; BAND 70
-</p>
-
-<p class="printer">
-GEDRUCKT BEI DIETSCH &amp; BRÜCKNER IN WEIMAR
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ded">
-DEM GEIST<br />
-DER VOR DEN GROSSEN STELLUNGEN<br />
-IN BLUT FLOSS
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Gegenüber dem Fenster, so tief in der Gasse, daß der
-Blick, es zu fassen, sich aufheben mußte, wurde von lautlosen,
-in der Dämmrung kaum sichtbaren Reitern ein
-weißes Blatt angeschlagen; die Reiter saßen auf; die
-Pferde flohen wie in stummem Entsetzen über ihren
-eigenen Weg die Straßenzeile hinab.
-</p>
-
-<p>
-Das weiße Blatt, über eine Tafel geschlagen, die jahrelang
-mundtot das Publikum angestarrt hatte, warf von
-dem Strebepfeiler des Doms herrisch, selbstsicher, ansammelnd
-das Wort &mdash; Krieg! herab; viele andre dazu,
-aber dies vernehmlicher als die andern.
-</p>
-
-<p>
-Dem Pfeiler gegenüber, oben am Fenster, hob sich
-der Blick eines Mannes über das weiße Blatt hin; atmend
-überholte seine ganze Gestalt den Blick; er drängte sich
-in den umdämmerten, einsamen Lichtstrahl ein; stachelte
-sich an ihm auf; warf sich zurück.
-</p>
-
-<p>
-Als habe sich um die trocknen, wie entzündet brennenden
-Augen ein Schwarm Fliegen gesammelt, so empfand
-er es, daß um das weiße Blatt eine schwärzliche
-Menge Menschen zu wimmeln begann. Er drückte mehrmals
-schmerzlich die Lider zu und fuhr sich mit der Hand
-über die Stirn. Zu ihm, dem Doktor Christianus, würden
-diese Menschen kommen; satt, übersatt von jener
-weißen Speise würden sie heraufkommen: was sollte er
-ihnen geben? Er würde nach seinen Worten greifen,
-Worte leerer als Oblaten austeilen &mdash; selbst hungrig,
-überhungrig nach Sättigung von jenem Gericht, aus dem
-kolossische Laute, die Kehle ungewohnt füllend, aufquollen.
-</p>
-
-<p>
-Eine heftige Gebärde des Mannes am Fenster schlug
-mit dem Klingen der unteren Türglocke zusammen. Er
-wandte sich um und wankte ein wenig zurück, von zwei
-Augen gefaßt, die ihn in der Tiefe des Zimmers auffingen.
-Er war erstaunt und leicht erschreckt: nur langsam
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-gewann der dunkle Samt, der sich in die gleichmäßig
-dunkle Täflung der Wand einließ, von entblößten Armen
-her zu einem hellen Hals und Kopf mit blondem Scheitel
-und perlhellen Augen anwachsend, die Gestalt einer
-Frau. &bdquo;Marie!&ldquo; Es klang in seiner Stimme etwas, als
-sprängen hinter dem Bewußtsein, jahrelang diesen unbestimmt
-verlangenden Blicken widerstrebt zu haben, die
-leichten Tore des Abschieds auf, und wie nie, solange
-er den Umgang dieser Frau empfunden hatte, begann er
-jetzt, wo er entschlossen war, sie zu verlassen, ein Spiel
-mit ihr, lässig und gewagt: er stellte sich vor sie, nah und
-breit, wiegte die Schenkel leichthin, scherzte mit ihr:
-&bdquo;Liebe &mdash;? Marie, was ist das? Aber das Ineinander der
-Leiber und Kugeln, Leiber und Bajonette, das ist Einigung
-allen Ernstes, das ist ein Kräftevergeben verschwenderischer
-als Liebe: das geht bis ans Ende.&ldquo; Sie lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Von Geräuschen, die die Treppe heraufschäumten,
-hoben sich standhafte Schritte ab, betraten das hartschallende
-Holz des Flurs und kamen nahe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Abend, Doktor! Morgen früh melde ich mich
-beim Regiment. Ihr andern? Ach, die Alten! Ich &mdash; wie
-froh bin ich, mich durch diese Nacht zu diesem Morgen
-hinwachen zu können!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Jüngling, braune Locken von der schwitzenden
-Stirn schlagend, kreuzte seine Blicke mit denen des Älteren
-wie zum Gefecht; aber lächelnd entzogen, wandte
-sich Christianus zu Maria:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Werde ich mich nicht auch melden?&ldquo; Und zu dem
-braunlockigen Freunde, der knabenhaft aufleuchtete:
-&bdquo;Hol die Lichter, Heinrich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Jüngling verließ die Stube, lachend, mit der Hand
-durchs Haar wirbelnd: &bdquo;Ich habe ihn untergekriegt!&ldquo;
-dachte er, &bdquo;den Immerfertigen &mdash; ich habe ihn untergekriegt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Einige alte Männer traten ins Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Der erste alte Mann verbeugte sich schwer vor Christianus
-und legte erschüttert seine breite Hand über den
-weißen Bart auf der Brust: Was der Doktor meine; ob
-man die Prüfung bestehen würde? &mdash; Gewiß würde man
-sie bestehen; jeder würde sein Teil tun. Die Erschütterung
-des alten Mannes schien zu wachsen.
-</p>
-
-<p>
-Ein andrer trat heran. Er bewegte sich auf unentschlossenen
-Füßen zwischen dem Doktor und Maria,
-bis er in die Nähe der Frau verfiel und sich sogleich zu
-ein paar Worten faßte: &bdquo;Wir werden doch hoffentlich,
-gnädige Frau, unsre Versammlungen auch während des
-Krieges fortsetzen, und ich meine, Sie werden das Haus,
-in dem Sie uns zusammenführten, als der Doktor seines
-Predigeramtes enthoben wurde, weiterhin unsrer kleinen
-Gemeinde zur Verfügung stellen, auch wenn der
-Doktor ins Feld ausziehen sollte.&ldquo; Es war der Mietherr
-des Hauses. Er wartete keine Antwort ab, sondern
-wandte sich einem Herrn zu, der sich am Türpfosten
-stieß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin heute wieder schlecht sichtbar,&ldquo; sagte der alte
-Herr und gab ein schluchzendes Gelächter von sich. Er
-rieb seine vom Star blinden Augen mit klagend gebreiteter
-Hand und trat rasch, fast fallend auf Maria zu, die
-einen Fuß zurückwich. &bdquo;Welch ein Elend!&ldquo; züngelte er,
-von einem Fehler behindert, &bdquo;gnädige Frau können sich
-freuen, daß Ihr Gemahl tot ist,&ldquo; und zog sich im Gefühl,
-eine Dummheit gesagt zu haben, zurück.
-</p>
-
-<p>
-Mit schmerzlich gereckter Schulter schob sich Christianus
-an ihnen vorüber. Heinrich kam mit einem Bündel
-brennender Kerzen im Arm herein und ließ es auf
-dem Tisch nieder. Abwechselnd nahm er und die blonde
-Frau ein Licht; sie zogen eine Lichterreihe aus dem Bündel
-heraus lang über die Tafel. Der Saal entdeckte sich
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-als weit und erfüllt von Menschen; offne Zimmerfluchten
-verdämmerten an beiden Enden.
-</p>
-
-<p>
-Es seien wohl alle Brüder zugegen? fragte Doktor
-Christianus. Ob man beginnen könne?
-</p>
-
-<p>
-Nein, man könne noch nicht beginnen. Man könne
-überhaupt nicht beginnen. Ob der Meister ins Feld ziehe?
-</p>
-
-<p>
-Sich überrascht vertiefend &mdash; was zweifeln sie? &mdash;
-gebot der Doktor Ruhe.
-</p>
-
-<p>
-Maria ließ sich auf ihrem Sitz neben ihm nieder; Heinrich
-lehnte sich zurück und betrachtete am Doktor vorbei
-Maria.
-</p>
-
-<p>
-Nein, man könne nicht beginnen. Der Meister dürfe
-nicht ins Feld ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als er sich
-schon wieder aufzuregen begann.
-</p>
-
-<p>
-Von dem Platz dem Doktor gegenüber erhob sich der
-Starblinde, drängte die Tische, die vor ihm zusammenfaßten,
-auseinander, so daß ein Durchgang von ihm zu
-Christianus entstand, ließ sich vor dem Doktor auf ein
-Knie nieder und &mdash; wie ebbte der Lärm! wie beugten
-sich die Leiber über die Tische! &mdash; redete, von seinem
-Zungenfehler behindert: der Meister dürfe nicht mitziehen;
-sie müßten ihren Meister behalten; was aus ihnen
-werden sollte, wenn er sie verließe; es müsse ein Nachfolger
-gewählt werden, der das Amt versähe, bis der
-Meister wiederkäme; ja, das sei das Entsetzliche: ob er
-wiederkäme; man hörte im Kriege so oft, daß einer der
-bedeutendsten Köpfe fiele; nein, er dürfe nicht mitziehen;
-er müsse bleiben!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber,&ldquo; &mdash; der Meister legte die Hand auf des Knienden
-Kopf &mdash; &bdquo;das sind doch Dinge, die bei Gott stehen,&ldquo;
-&mdash; nicht, als ob er hier eine Pause gemacht hätte,
-aber ein Gedanke schien liegen zu bleiben, die Worte
-hängten sich aus, schwebten ungefaßt und kamen darauf
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-hinaus, daß man diesen Abend, wenn es auch der letzte
-sei, unausgezeichnet, den andern gleich begehen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Nein, man wollte nicht. Der Meister wolle nur über
-das Entsetzliche hinwegkommen.
-</p>
-
-<p>
-Da erhob sich der Unentschlossene, und seine Frage
-hatte etwas seltsam Bestimmtes: Der Meister beabsichtige
-doch wohl gar nicht, ins Feld zu ziehen? Soldat gewesen
-sei er doch nicht?
-</p>
-
-<p>
-Gewiß würde er mitziehen; als Freiwilliger. Er würde
-Soldat sein wie jeder andre. Ja: wie jeder andre.
-</p>
-
-<p>
-Das gab dem Weißbärtigen, der bis dahin erschüttert
-gelauscht hatte, einen Gedanken: Nein, wie jeder andre
-nicht. Jeder andre könne fallen. Wenn der Meister fiele,
-so sei damit ein Zeichen gegeben: Gott habe alsdann
-seine Hand von ihnen gezogen.
-</p>
-
-<p>
-Jawohl: das wollten sie zum Zeichen nehmen: der
-Meister dürfe nicht fallen; sonst sei die Zeit noch nicht
-reif für das Höchste, nicht reif für seine Lehre; wenn er
-fiele, sei der ganze Kampf vergebens.
-</p>
-
-<p>
-Sie möchten sich beruhigen: er würde nicht fallen,
-und wenn er fiele: er würde wiederkommen, wenn die
-Zeit reif wäre.
-</p>
-
-<p>
-Jawohl: er würde wiederkommen! War das nicht ein
-großartiger Gedanke? Der Starblinde meinte sogleich,
-er dürfe auf Grund dieses Wortes erneut seinem Gefühl
-Ausdruck geben, daß der Messias gekommen sei.
-</p>
-
-<p>
-Man stutzte. Nicht dieses Einfalls wegen; dieser Einfall
-fand in der Gesellschaft offne Herzen. Aber Heinrich,
-der bis dahin lautlos und verloren dagesessen hatte,
-war aufgebrochen und hatte des Meisters Schultern umschlungen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir wollen zusammenbleiben. Wir wollen uns helfen.
-Wir werden heimkehren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir werden heimkehren, mein lieber Heinrich,&ldquo;
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-sagte der Meister, drängte den Jüngling sanft von sich,
-kehrte sich ab und ging, ohne einen Blick an die Versammlung
-zu wenden, in eins der Nebenzimmer.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Immerhin: es war so: er konnte fallen. Wie jeder
-andre. Wie viel mehr aber fiel mit ihm als mit jedem
-andern! Feigheit? Dieser Vorwurf läßt sich zurückgeben.
-Niemand würde einem Heerführer, einem berühmten
-General zumuten, mit seiner Stirn ein Schrapnell aufzufangen;
-was gibt dem General das Recht, einen Volksführer,
-einen berühmten Prediger vor die Gewehrläufe
-zu stellen?
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich erschrak er über einer Spur, die ihn in seinen
-Gedankengängen aufhielt, einem Zeichen, das ihm sagte,
-daß Menschen vor ihm diese Gänge durchrannt haben
-mußten; sie waren mit einem Namen bezeichnet; dieser
-Name kehrte wieder an allen Wänden; jede Ecke, um
-die er bog, trug dasselbe Wort &mdash; Flucht; alle Winkel,
-alle Straßen, die er durchjagte &mdash; Fahnenflucht; er stürzte
-in eine entlegene Gasse &mdash; Fahnenflucht; zitterte zurück
-auf einen Gemeinplatz: an allen Ecken: Fahnenflucht.
-</p>
-
-<p>
-Er entsetzte sich; fühlte sich erst nach einigen Atemzügen
-erholt; stand im Raum.
-</p>
-
-<p>
-Er zog sich gewaltsam in die Dunkelheit zurück, zog
-das Dunkel über sich, um unerhellt in die Helligkeit des
-Saals zu starren.
-</p>
-
-<p>
-Sein Blick fiel auf Heinrich, der mit Maria plauderte.
-Er schien im Anblick des Freundes zu versinken; nach
-und nach faßte er sich an den harten, steilen, lichtumstrahlten
-Gebärden wieder; sein Auge weitete sich; das
-Bild löste sich zum Gedanken, und er entsann sich immer
-mehr:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Wie feig, wie feig, zu fragen und zu denken! Kann
-es nicht sein, daß du so sicher wie der deinen Weg
-gehst? Vielleicht ist der da draußen schon ein abgemoderter
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Schädel, nur du siehst es nicht; vielleicht bist du
-selbst ein Gerippe mit ein paar faulen Lappen, nur du
-weißt es nicht. Das bißchen Zeit, bis du&rsquo;s weißt: was tut
-das? Aber wenn es der Ewigkeit gefällt, dich noch eine
-Weile über der Erde zu halten, wird sie dann nicht aus
-der Tiefe heraufgreifen können, dich tragen, dich heraustragen?
-Oh wie unendlich würde mein Tag sein, wie
-voll dankbarer Festigkeit mein Schritt, wenn ich nur einmal
-die Nähe Gottes erlebte! Wie anders als jetzt! Wie
-ich jetzt bin, zweifelnd, bedenklich, von Unruhe voll &mdash;
-es ist gleich, ob ich stehe oder falle.
-</p>
-
-<p>
-Er schien ihnen größer, als er, von vielen Kerzen erleuchtet,
-in den Saal trat. Er übermannte Heinrich mit
-diesem kurzen: &bdquo;Morgen früh, Lieber,&ldquo; und der Jüngling
-wagte nicht, seinen Blick, in dem ein großer Triumph
-zertreten war, hinüberzusenden zu Maria.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Daß es Nacht ist, daß Reihen rechts, Reihen im Rücken,
-Reihen vorn verlaufen, daß man einen Weg geht,
-über den feindliche Witterung streicht: woraus ist das
-alles geworden? In welch winzigem Gelenk dreht sich
-der Arm des Schicksals, der uns über die Erde hebt!
-</p>
-
-<p>
-Ein Gewitter ist im Aufkommen. Windstöße spalten
-sich an ihnen vorüber. Die Schollen, die am Tage wie
-gebrannter Ton dagelegen haben, sind bleigrau geworden;
-es ist um ihre Füße herum alles wie gegossenes
-Blei, das sich am Horizont zu Spitzen aufzackt: der
-Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Man hat sich durch die Dämmrung in den Abend geflüstert.
-Jetzt in der Nacht &mdash; o Erinnrung an jene
-schlummervolle Untätigkeit des nächtlichen Menschen!
-&mdash; wird man stille und schläft über marschierenden
-Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Nur Heinrich, der neben Christianus Schritt hält,
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-spricht hie und da ein Wort, heiter fast; denn er hat
-Christianus den Tag über fröhlich gesehen. Sie schauen
-beide zur Erde: wie beruhigend liegt doch die Erde unter
-unsern Füßen: nicht allzuhart verschließt sie sich den
-todgeneigten Gliedern; nicht allzutief läßt sie den sich
-im Tod Erholenden versinken.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt: ein Wind. Wind hat einen Ast von einem Baum
-gebrochen. Christianus blickt auf. Die ersten Häuser
-leuchten weiß durch die Nacht. Nein, es ist still; durchaus
-still. Nicht einmal in den Vorgärten irgendein Laut.
-</p>
-
-<p>
-Hagel? Es kann doch &mdash; wir sind mitten im Sommer
-&mdash; es kann doch nicht Hagel geben? Aber es hagelt.
-Christianus lauscht auf. Es klopft an den Stämmen wie
-Spechthämmern. Er fährt herum. An seinem Nebenmann
-hat es einen Klang gegeben, als schlüge einer mit einem
-Klöppel einmal auf die Trommel. Es bricht aus den Häusern.
-Der Tod trommelt. Er lockt zum Avancieren in die
-Gärten. Sie verhäkeln sich im Gedörn und sinken lautlos
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Christianus steigt einem Staket entgegen, langt über
-einfallenden Grund nach Spitzen, kommt hinüber, hebt
-den Kolben auf: &bdquo;Hund!&ldquo; und fällt zurück.
-</p>
-
-<p>
-Vor seinen Augen ist es hell geworden; ein Busch ist
-vor ihm aufgeflammt &mdash; er sieht deutlich, wie er brennt
-und doch nicht verbrennt &mdash; eine weiße Gestalt ist auf
-ihn zugetreten, hat die Arme gebreitet und sagt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gib mir deine Hand; ich will deine Gabe annehmen
-und dich erretten um meinetwillen. Gib mir deine Hand;
-ich will dich führen. Gib mir deine Hand; ich will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Dies ist alles sehr deutlich gewesen. Er hätte sich
-unterstehen können, es wie einen transparenten Pergamentstreifen
-zwischen Hirn und Stirnschale hervorzuziehen.
-Er hätte es tun können. Er sah nicht ein, warum
-er nicht liegen bleiben sollte, wie er lag. Er würde herausgeführt
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-werden; irgendwie würde er herausgeführt
-werden. Zweifel? &mdash; es war über allem Zweifel; es war
-deutlich genug gewesen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-In der Stille erwachend, im Gefühl, als höbe der leichte
-Wind, der vor Sonnenaufgang aus weißem Himmel heraufweht,
-ihn auf, hängt er die Arme zwischen Baum und
-kleine Felsen und blickt um sich. Unter Bewaffneten, die
-in groben Arbeitskitteln müde daliegen &mdash; er weiß, es sind
-Tote &mdash; ist er der einzig Lebendige. Er steht auf, geht lächelnd
-auf einen zu, an ihm vorüber, an andern vorüber,
-wieder lächelnd auf einen zu. Muß es sein? Er hebt ihn
-mit einem Arm hoch, streicht dem zurückhangenden Kopf
-das Haar aus der Stirn, drängt einen Ärmel über die
-Schulter und &mdash; oh! es ist schwer, unendlich schwer &mdash;
-nimmt Stück um Stück, bis an dem Toten sich etwas regt:
-er strafft erschreckt das auflebende Hemd der Leiche in
-seinen Waffenrock und überwirft sich mit dem grauen
-Kittel. Als es getan ist, verfallen seine Glieder in Wanken;
-aber die Brust, atemvoll tragend, fängt ihn auf. Er tritt auf
-die Landstraße und geht mit den Blicken in sie hinein,
-sucht wundernd. Daß ich suchen muß! denkt er. Da beginnen
-die Blätter der Bäume sich zu kräuseln, sie werfen
-sich begeistert um und ins Ende der Heerstraße hinein;
-weißüberglänzte Vögel streichen endlos wegabwärts; hinreißend
-zieht alles durch seinen Kopf &mdash; eben noch lehnte
-der Kopf an einem Baumstamm &mdash; jetzt bewegt er sich
-mit dem bewegten Gelände wegabwärts.
-</p>
-
-<p>
-Ans Ohr, das sich der lautlosen Luft, der Fülle schweigsamen
-Lichts hingab, klangen vom Blutstrom her &mdash; seltsam
-untertöntes Stillegefühl! &mdash; die letzten leichten Herzschläge
-der nächtlichen Erweckung; so weitausgreifend
-wurde sein Schritt, so nachlässig ließ er alles Auf- und
-Entgegenkommende gewähren, daß er nicht einmal
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-widerstrebte, als ihm plötzlich als das Ziel seines Weges
-Maria voranging.
-</p>
-
-<p>
-Er erstaunte über nichts; Begegnungen erschreckten
-ihn nicht; es war ihm, als habe er alles überholt, ehe es
-ihn ankam.
-</p>
-
-<p>
-Maria war über allem; im Wasser seiner Augen, in
-Tränen tanzte ihr Licht vor ihm her, wachsenden Glanzes,
-bald unerträglichen Feuers, bis sie am Wegende
-erloschen, jedes Licht mit stumpfem Grauen austupfend,
-vor ihm stand.
-</p>
-
-<p>
-Auch das erstaunte ihn nicht. Kräftigend ging der
-Schlag durch ihn. Es würde einen Kampf gelten. Er würde
-an einen Widerstand geraten, der so groß wie die Welt
-werden und nur eine Grenze haben würde: den engen
-Raum, den seine sieben Rippen umschlossen und in dem
-die weiße Gestalt stand. Dagegen würden sie anrennen;
-anrennen, unwissend, gegen wen.
-</p>
-
-<p>
-Vorerst hatte er das Bedürfnis zu schlafen. Er fragte
-Maria nach nichts, sondern stieg, sich mit keinem Blick
-umwendend, die Treppe hinauf in die Dachkammer. Da
-legte er sich neben das Bett auf den Fußboden, streckte
-sich wie ein Hund aus, den Hals zurückgedehnt: schlafen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Immer mehr wurden ihm die Stunden des Schlafs glückselige
-Stunden und die des Wachens peinvoll erregte.
-</p>
-
-<p>
-Er hängte, wenn er wachte, die Arme durch die Dachluke
-auf die heißen und rauhen Ziegel und starrte die
-Spitzen drüben des Doms an, um die die Dämmrung
-aufkam und der Abend einfiel. Die Speiteufel schrumpften
-bläulich zusammen, blähten sich rötlich an ihn heran.
-Darunter brodelten mit gurgelnden und platzenden
-Schaumbläschen die Geräusche der Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Das Fürchterlichste war, in der Nacht zu erwachen.
-Unmöglichkeit, etwas zu unternehmen, Lähmung, gebundene
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Glieder hingen da an einem, daß ein Wünschen
-nach Tag, Tätigkeit, Lärmen in Schweiß ausbrach.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich war er bei Maria: als habe er Wand, Decken,
-alles Räumliche durchbrochen. Und dann haftete sein
-Blick, sein Wort, seine Gebärde so heftig in ihr, daß sie
-sich im Schmerz wand.
-</p>
-
-<p>
-Sie verstand ihn nicht; sie wollte ihn nicht verstehen.
-Wenn sie in dem allen nur eine Faser Gefühl für sich,
-für ihre Demut, für ihre Hingabe entdeckt hätte, sie hätte
-sich daran geklammert; aber er redete &mdash; halb schien es,
-ohne sie anzusehen. Sie war ihm gegenüber immer in
-einem Wunsche befangen und sie empfand: sich die Hand
-geben, bei jedem Vorübergehen Worte sprechen, sich
-anblicken &mdash; bei andern Menschen sind die Tage ausgefüllt
-von solchen Dingen; bei uns sind sie durch solche
-Dinge leer.
-</p>
-
-<p>
-Er wiederum nahm ihre Sorgfalt um die Sachen seines
-Alltags als nichts. Gewiß: sie tat alles &mdash; sie verbarg ihn;
-er erkannte das an; aber seine Dankbarkeit war nichts
-als ein Verzeihen. Sie ist ein Weib, sagte er sich; sie versteht
-mich nicht; also soll sie mir dienen.
-</p>
-
-<p>
-Da geschah es eines Tages, daß dies alles anders
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Maria teilte Christianus mit, daß Heinrich käme, die
-letzten Wochen heilender Wunde bei ihr und der Gemeinde
-zu verbringen.
-</p>
-
-<p>
-Von dieser Wunde konnte Christianus nicht sprechen
-hören. Ein Widerstand, ihm selber unbehaglich, wehrte
-sich wie mit tausend Armen gegen ihre Nähe, und wie
-mit tausend Armen griff eine Begierde kalt und angst
-aus ihm heraus nach Maria.
-</p>
-
-<p>
-Er saß neben ihr; er suchte Worte, tiefe, tiefere Worte;
-er versuchte, diese granitnen Blöcke, die Stirn, Kopf,
-Leib heißen, wegzuwälzen, wegzubrechen von seinem
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Gedanken, von der weißen Gestalt, die innerst in ihm
-leuchtet: plötzlich warf er sich steil zurück.
-</p>
-
-<p>
-Eine Kraft durchstemmte seine Glieder, daß alles
-Steinerne, Versteinte an ihm aufsprang: seine Mienen
-begannen zu flattern, daß sie nur noch wie Schatten über
-einem aufgedeckten Gesichte schwammen; er hob die
-Arme: &bdquo;Es ist wie ein Ungeborenes und doch Empfangenes&ldquo;
-und legte sie an Mariens Brust und ihr Gesicht in
-beide Hände: &bdquo;Hilflos.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dies Weibverwandte hatte sie von je an ihm geliebt;
-aber dies Neue, Übermannende war hinzugekommen:
-es war das erste Mal, daß er sie leiblich berührte; seine
-Hände lagen warm und dicht von ihren Schläfen herab
-zu den Wangen; wie sollte da ihr Kopf nicht alles umdeuten,
-was ihm und ihr bis jetzt entgegen gewesen
-war!
-</p>
-
-<p>
-Sie war zufrieden; sie hatte ihn begriffen. Sie hatte ihn
-begriffen, trotzdem er nichts gesagt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er liebt mich, dachte sie.
-</p>
-
-<p>
-Und: es ist geschehen! jauchzte in ihm jeder Atemzug.
-Die weiße Gestalt ist ihr aufgegangen; ich trage sie
-nicht mehr allein in mir. Das Unüberwindbare ist überwunden;
-der Anfang alles Geschehens ist geschehen.
-Was hindert noch, daß die Dämme aufbrechen allerorts?
-Daß alle erkennen, was mich berufen hat? Es wird
-geschehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Geduldig überstand er die Hölle unter seinen Füßen,
-die Versammlungen, deren Geräusche allabendlich zu
-ihm heraufschlugen.
-</p>
-
-<p>
-Heinrich machte die Zusammenkünfte zu Gedächtnisfeiern
-für den Toten.
-</p>
-
-<p>
-Rührend und furchtbar, wenn Maria erzählte, wie der
-Harte, Verschlossene aufgegangen war in Liebe zu dem
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-gefallenen Freunde, wie er den Lebenden vertilgte, indem
-er den Toten erweckte!
-</p>
-
-<p>
-Christianus bemerkte, daß Maria mit ihrem Gefühl
-viel weniger als er in dem Entsetzlichen stand, wie hier
-ein Mensch den andern mit Erinnrungsherzblut erstickte,
-und viel mehr in dem Entzücken über die Kraft und
-Heftigkeit dieser Hingabe. Er begann, diese Freundschaft
-zu fürchten.
-</p>
-
-<p>
-Zwar, wenn Maria heraufkam und die Gespräche halber
-Nächte vorbrachte, die Lippen mit einem verwegenen
-Lächeln bewegend, und doch wie in einem Märchen
-befangen, das Christianus wie ein großer Zauberer beherrschte,
-wußte er: er war ihrer sicher.
-</p>
-
-<p>
-Aber eines Abends trat sie herein und hatte einen entlegenen
-Glanz im Auge.
-</p>
-
-<p>
-Christianus fragte.
-</p>
-
-<p>
-Sie erzählte.
-</p>
-
-<p>
-Der Starblinde habe gegen alle Tröstungen Heinrichs
-prophezeit, der Meister werde auferstehen. Da habe
-Heinrich geantwortet: &bdquo;Blinder, du hast recht; nur willst
-du mit tausend Schritten ermessen, was wir Sehenden
-mit einem Blick erfassen: er ist auferstanden; er ist in
-uns, für die er gestorben ist, auferstanden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit schwieg sie. Christianus wartete.
-</p>
-
-<p>
-Aber sie hielt es für besser, jene wunderbaren Worte
-für sich zu behalten, die Heinrich danach mit einer deutlichen
-kleinen Wendung zu ihr hinüber gesprochen
-hatte &mdash; wobei er seine Stimme hatte metallner und seine
-Schritte straffer werden lassen &mdash;: &bdquo;Das könnt ihr nicht
-nachdenken, dies: daß ich, der ich genesen &mdash; wie ihr
-sagen würdet, auferstanden &mdash; bin, mich wie von Licht
-und Luft begraben fühle; daß ich sagen möchte, ich sei
-auferstanden, wenn ich in der Erde läge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus begriff immerhin. Er richtete sich auf und
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-befahl ihr, den Versammelten und Heinrich &mdash; auch
-Heinrich! Heinrich besonders! &mdash; zu sagen: der Blinde
-habe recht; er <em>werde</em> auferstehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Heinrich erhob sich eben, um auf den prophezeienden
-Blinden einzureden: da hörte er Mariens Stimme.
-Er wandte den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Blinde hat recht,&ldquo; hörte er sie sagen. Und dann
-mit einem Atem, der fast die Worte verschlug: &bdquo;Der
-Meister <em>wird</em> auferstehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Erst als sie ausgesprochen hatte, wagte sie, zu ihm
-aufzusehen. Ihre Blicke legten sich lange ineinander.
-Dann drehte ein Krampf dem Jüngling Brust, Nacken
-und Kopf herum. Sie sah fort.
-</p>
-
-<p>
-Als sie wieder aufblickte, hatte er das Zimmer verlassen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Seit diesem Abend bestand Maria darauf, daß Christianus
-ihr Versprechen einlöste.
-</p>
-
-<p>
-Er mußte auferstehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie leitete alles.
-</p>
-
-<p>
-Sie versammelte täglich die Gemeinde; sie ließ nicht
-ab, die bestimmte Voraussage des Ereignisses zu wiederholen.
-Er befragte sie endlos und eindringlich, um aus
-der Summe ihrer Beobachtungen seine Einstellung zu
-finden. Sie gab ihm die Ergebnisse von Experimenten
-an die Hand. Etwa: sie hatte auf die Frage, wann sie
-meine, daß der Meister auferstehen würde, überrascht
-gezögert. Oder: sie hatte in einem Augenblick nachdenklicher
-Stille halbhin gesagt, manchmal sei ihr doch,
-als ob sie sich täusche &mdash; Mißmut, Verzweiflung, ekelhafte
-Zerfällnis mit allem, was Gott, Glaube, Zukunft
-heißt, sei hereingebrochen. Peinlich zu denken, daß dieser
-Verdruß sich dem Volke, dem näheren, am Ende
-selbst dem weiteren Lande mitteilen könne. Es war keine
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Frage: hier war er berufen einzugreifen. Er sah sich mit
-einer Aufgabe in den Ring der Gemeinschaft gestellt,
-sah den Horizont seines abgeschlossenen Daseins sich
-lichten und dehnen. Es waren Bedenken da. Aber sie
-versicherte ihn: diese Köpfe waren wunderbedürftig
-und durchaus bereit, ihn aufzunehmen. Allerdings; aber
-&mdash; Sie bedeutete ihm: dies waren nicht allein wunderbedürftige
-Köpfe, dies waren auch wundergläubige Herzen;
-würden diese wundergläubigen, diese nach der Erfüllung
-ihres Wunsches kindlich frohen Herzen ihr Erlebnis
-unter die Menge tragen, ihren Glauben von den
-Blöden, den Nichtbegnadeten zerstören lassen? Das
-würde nicht geschehen; nur die Zuversicht würde sich
-überall wohltätig ausbreiten.
-</p>
-
-<p>
-Sie ließ Christianus in Ungeduld aufgehen.
-</p>
-
-<p>
-Sie bestätigte die Gemeinde in der Hoffnung auf die
-Wiederkunft des Meisters.
-</p>
-
-<p>
-Sie legte ihre Erwartung ineinander.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Als die ersten Hyazinthen blühten, brachte sie brennend
-rote Stöcke herein. Die Sonne zitterte blaß, wie
-eben genesen, durchs Zimmer und trug den kranken Duft
-der Blumen an sich. Durch dieses Spalier üppiger Blüten
-und spitzer Sonne lief der Weg, den Christianus zu den
-Menschen ging.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne machte ihn hell. Alles strahlte an ihm. Er
-begegnete Maria und lächelte; ging durch viele Zimmer,
-kam ihr wieder entgegen und lächelte wieder.
-</p>
-
-<p>
-Nur, daß er nicht jeden der Freunde einzeln begrüßen
-sollte &mdash; er fühlte sich so gemeinsam mit jedem einzelnen,
-fühlte die Hände in jedes einzelnen Händen, den
-Kopf jedes einzelnen Kopf ganz nahe &mdash; nur, daß er
-warten sollte, bis alle versammelt wären und dann &mdash;
-dies dann lag matt, zog ihn nicht, lag ihm entgegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Aber es mußte auch so gehen. Gewiß, Maria hatte
-recht. Es würde auf ihre Art sogar noch besser gehen.
-</p>
-
-<p>
-Er wendete sich wieder in ein Nebenzimmer, wandelte
-hindurch, bog um Ecken, Türen, lief durch Zimmerfluchten,
-Gänge &mdash; seltsam! &mdash; es war hell, warm, fast
-heiß, und es war gar kein Geschrei da, und doch schrie
-&mdash; nein, es war unendlich leise, fern und verloren &mdash;
-schrie es &mdash; Flucht; er sah sich um: war er diese Gänge
-nicht schon einmal gegangen? Nur war etwas Fertiges,
-Ausgemachtes an ihnen: als wäre alles fest geworden.
-Er versuchte, sich zu entsetzen, und es gelang ihm nicht
-&mdash; Flucht; er bog um Ecken, hob sich durch Türen &mdash;
-Fahnenflucht; bewegte sich vorüber an hundert mitziehenden
-Wänden: Fahnenflucht.
-</p>
-
-<p>
-Ach, das war ein Wort, von Menschen gefunden, die
-nicht seines Sinnes waren. Von dem Sinn, der ihn über
-die Menschen hob, lag dies Wort so weit ab wie ein
-kleines Sandkorn, das ein Engel, aufsteigend, vom Fuß
-fallen läßt. Für seinen Sinn gab es kein Wort. Aber für
-das, was er getan hatte, gab es ein Wort: jenes. Liegt
-denn etwas zwischen dem Sinn, in dem eine Tat getan
-wird, und dem Sinn, in dem sie betrachtet wird? Ja: die
-Tat selber. Die Tat ist das Urteil. Aber ich kann das
-Urteil, das nur meinen Fuß streift, beiseitetreten.
-</p>
-
-<p>
-Es klirrt, klingt zu seinen Füßen; das Haus hat sich
-geöffnet: die Menschen kommen.
-</p>
-
-<p>
-Der Gedanke läuft aus und reißt wie ein dünn ausgezogener
-Glasfaden ab; das Hirn tropft zusammen zu
-einem Klumpen Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dieser Menge stellt er sich einzeln vor: hier diesen,
-dort jenen; hebt ihn auf, betrachtet ihn, sieht ihm
-in die Augen: oh! überall glänzt dieses selbe frohe Auferstehungslächeln,
-in tausend Augen leuchtet es, Laute,
-unerhörte, läuten von Herzen zu Herzen hinüber, herüber;
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-er breitet die Arme, zieht alle an sich, nahe, näher;
-er ist ganz erfüllt von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Da stehen sie.
-</p>
-
-<p>
-Sie haben alle die flachen Augen auf ihn gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fahnenflucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eben hat einer gesagt: &bdquo;Fahnenflucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ehe er sie begrüßt hat, hat einer das gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Er spannt die Arme heftig an, will sie erheben; sie
-sinken an ihm ab; er fühlt, wie seine Gebärde in Hilflosigkeit
-verfällt. Der entstellte Blick Mariens greift
-ihn an.
-</p>
-
-<p>
-Sie weichen von ihm zurück wie Wasserkreise vom
-eingefallenen Stein.
-</p>
-
-<p>
-Er drängt nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hört doch, ihr Feiglinge! Ihr tauben Fische und
-blinden Maulwürfe, hört und seht! Was ist es, wovor ihr
-zurückweicht? Sollte ich als unbeschwerlicher Sonnenstrahl
-vor euch hintreten? Da: da steht solch eine Gestalt
-Sonne. Hat die euch getröstet? Hat die Laute zu
-euch gesprochen, wie ich sie spreche? Hätte das laue
-Flämmchen, das mir ähnelnd über euer schwaches Gehirn
-hinschwankte &mdash; hätte das auferstehen können? so
-viel Leiden übernehmen können, daß es zu euch kam?
-Mußte ich nicht &mdash; da ich es in Wirklichkeit bin &mdash; mit
-Fleisch und Blut herausgerettet werden, um zu euch zu
-kommen? Und nun weicht ihr vor diesem selben Fleisch
-und Blut zurück?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Feiglinge&ldquo; hätte er gesagt, begann unentschlossen
-eine Stimme; mit diesem Argument begann sie; im Verlauf
-der weitern wurde sie seltsam eindringlich.
-</p>
-
-<p>
-Christianus hörte nicht zu. Es kam ihm bemerkenswert
-vor, daß er diesen ganzen Auftritt früher, ehe er
-sich darin befand, auch nur als Licht, gefügiges, wandelbares
-Licht gesehen hatte. Er war befremdet, die Wirklichkeit
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-jener Körper hinnehmen zu müssen; versuchten
-jene vielleicht vergeblich, die Wirklichkeit des seinen zu
-vertilgen?
-</p>
-
-<p>
-Er wußte nicht, ob sein Gegner geendet hatte; er fuhr
-fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist dies, was hier vor euch steht? Steht ihr etwa
-vor mir wie durchschauliches Licht? Kenne ich, wenn
-ich eure Leiber, eure verrotteten Bärte, eure zerrunzelten
-Stirnen, eure triefäugigen Gesichter ansehe &mdash; kenne ich
-dann die Klagen, die euch in wortlosen Nächten durchklungen
-haben? Wenn ich eure steifhäutigen Hände,
-eure überlederten Füße betrachte &mdash; kenne ich dann eurer
-Gebete Bewegungen und die Verzweiflungen eurer Wege?
-&mdash; Ja! ja! <em>ich</em> kenne sie! Aber kennt <em>ihr</em> durch meinen
-Anblick <em>mich</em>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der weißbärtige Alte trat vor und legte erschüttert
-die Hand auf die Brust: Sie wüßten ja, daß er ein andrer
-als sie sei; gewiß, es sei wahr, er sei anders als sie; aber
-schuldig machten sie sich doch, wenn sie ihn nicht
-anzeigten; gewissermaßen machten sie sich doch schuldig?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja! geht, geht! zeigt an! Wißt ihr, auf wen ihr zeigt?
-Auf mich nicht. Wißt ihr, auf wen ihr zeigt? Gebt acht,
-daß euch die Finger, daß euch der Arm nicht verbrennt
-bis zur Achselhöhle: habt ihr jemals auf den gezeigt,
-der dem Propheten im feurigen Busch erschien, und
-habt geschrien: den greift! der ist&rsquo;s! Hebt eure Arme!
-schreit! Kennt ihr die Verdammten, die mit ihrem Geschrei
-sich das Gericht sprachen? Ihr seid&rsquo;s! An mir
-fahren eure Schreie vorbei wie Wind, und eure Arme
-schlag ich beiseite wie klappernde Bretter; denn in mir
-ist die Kraft jenes, der seine Erwählten durch das Geheul
-der innern Einöde, ja, durch die Wüste voller Menschen
-sicher hindurchführt! Er sprang vor mich hin, als
-ich den Kolben zum Kainshieb hob: Halt ein! Da brannte
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-der Busch auf, und seine Stimme rief: Geh zu ihnen!
-Ich will, daß deine Gabe an sie komme! Und der das
-sprach, der steht seitdem in meiner Brust, hochaufgerichtet,
-brandhell! Hebt die Arme! den greift! der ist&rsquo;s!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh! Woher? Wo?&ldquo; Zwei Arme erhoben sich vor
-allen und griffen in die Luft; wie die Klage eines Tieres
-breiteten sich Worte, vielfach von Weinen geschlagene
-Worte aus: &bdquo;Wo stehst du, Herr, den meine Arme
-suchen? den der Herr über alle Herren hergesandt hat,
-uns dem Tal des Jammers zu entführen? Wo finde ich
-dich, dir zu Füßen Dank, Lob, Lobpreisung &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An dem tastenden Blinden vorüber sperrte sich eine
-spitze, bestimmte Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Das sei eine wunderbare Geschichte. Darüber könne
-unsereins nicht urteilen. Oder ob einer urteilen wolle?
-</p>
-
-<p>
-Nein, allerdings, das sei schwer; darüber sei nicht
-leicht ein Wort zu sagen. Man verstummte eine Weile.
-Da hob sich aus dem Hintergrunde hell, fast singend,
-eine hohe, anfragende Stimme: &bdquo;&mdash; Heinrich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das sei wahr: Heinrich! Der verstünde das wohl. Man
-wolle warten, bis Heinrich komme. Der solle der Richter
-sein. Und bis dahin wolle man sich jeden Schritts enthalten.
-</p>
-
-<p>
-Sie traten zusammen und versprachen sich ihr Gelöbnis
-in die Hand.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick glitt die Sonne, die rückwärts
-und rückwärts gewichen war, von Christianus ab. Sie
-hoben die Augen auf und sahen ihn nicht. Langsam entgraute
-er dem Dämmer; seine Augen standen glanzlos
-vor dem Gemäuer; er sah verstorben aus.
-</p>
-
-<p>
-Es ging etwas wie die Scheu vor einem Toten durchs
-Zimmer; mit kalten Schultern drängte sich die Menge und
-bewegte sich hinaus; es wurde leer; leerer: das Zimmer
-war leer.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Plötzlich fühlte er den Boden zu seinen Füßen in die
-Tiefe stürzen, sah ihn drüben gegen die Wand sich langsam
-heben und hoch an die Wand gelehnt Maria. Die
-Kehle hell &mdash; uneinhaltsam hört er ihre hohe Stimme &mdash;
-Heinrich? fragen &mdash; das Kinn nachlässig verachtend gereckt,
-den Blick abfällig auf ihn gesetzt, stand sie ihm
-gegenüber.
-</p>
-
-<p>
-Er hob die Arme auf, und so verwilderten seine Gebärden
-an der Luft, in der sie stand, daß sie wie Flammen
-gegen sie auszuschlagen schienen; er schrie, und
-immer wachsend, verfingen sich die Schreie in hohen
-Anrufungen, und angreifend: Mein Gott! Mein Gott!
-weinend, sank er in sich zusammen.
-</p>
-
-<p>
-So verfallen, fühlte er seine Füße plötzlich umrafft
-von zwei Armen. Er sah sich wundernd um und fand es
-natürlich, daß der Boden ringsum sich steifte, aber seltsam,
-daß die weite Fläche leer war. Wo er noch eben über
-einer andringenden Flut aufgebraust war, kreiste Leere,
-Öde, nichts als dies sanfte, umwogende Plätschern der
-Arme, dies Geringe, dem er sich nicht entziehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Er sah nieder zu dem Weibe: &bdquo;So allein, Marie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da öffnete sich unter ihm ein Blick voll Tränen; er
-beugte sich nieder und hob sie auf.
-</p>
-
-<p>
-Sie schloß unter seinen Griffen die Augen und schauderte
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Ihm war wohl dabei; es schien ihm, als sei alles recht
-so, überaus gerecht; er faßte mit zärtlich gestreckten
-Fingern &mdash; Mariens Kopf ruhte in seiner Hand, ihr Leib
-auf seinem Arm &mdash; nach den langen, weichen Wimpern
-ihrer Lider &mdash; nicht, als ob er sie zurückstreifen, gewaltsam
-öffnen wollte: es war ihm, als streichelte er über
-einen Traum hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß!&ldquo; bat er. &bdquo;Laß, Liebe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Langsam schlug sie die Lider zurück, warf aber den
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Kopf beiseite; er bog sich nach und über sie; das Weiß
-ihres Auges spreizte sich ihm entgegen; Duft und Hauch
-von Mund und Haar verwuchsen; unter dem Schatten
-seiner Stirn blühte ihr Auge, das volle Dunkel inmitten
-auf; ihre Sinne gingen ineinander.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Die Lockerungen und Eröffnungen dieser Stunde
-nahm Gott von Natur als eine Gelegenheit, aus der Entfernung
-näher zu treten.
-</p>
-
-<p>
-Christianus bemerkte die väterliche Gegenwart durchaus
-nicht sofort.
-</p>
-
-<p>
-Er wandelte unbekümmert im hellen Mittag und verlachte
-sich, als ihm war, als ob ihn eine fremde Stimme
-gerufen hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bleibst? Und wie lange?&ldquo; hatte die Stimme gefragt.
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich um und erschrak heftig.
-</p>
-
-<p>
-Es war niemand im Zimmer als Maria. Halb saß, halb
-lag sie auf einem Diwan, und von den heißen Wänden
-strahlte viel Licht in die großen Falten ihres Kleides. Es
-war wirklich außer ihr niemand zu sehen. Aber im Hintergrund
-ihrer unheimlich gebauschten Hüllen, im Schutz
-ihrer weitgesetzten Gliedmaßen, über denen die sonst
-liebreich sprießende Brust zusammengeschrumpft schien,
-verbarg sich, erwartete ihn etwas. Er hatte vorübergehend
-die Empfindung, als stellte sich ihm gegenüber
-im Schatten des Begreiflichen etwas der weißen Gestalt
-Ähnliches, Unbeherrschbares, Zwingendes auf; er wagte
-nicht zu atmen und geriet über dem Gedanken, zum
-ersten Mal vor der weißen Gestalt Angst empfunden zu
-haben, in wachsende Angst.
-</p>
-
-<p>
-Marie sah ihn mit einem unverwandten Lachen an.
-</p>
-
-<p>
-Er fragte erschüttert: &bdquo;Ist jemand hier, Marie? Oder
-warst du das, der das sagte?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Sie lachte auf, sprang auf und ging im Zimmer herum:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja. Hattest du Angst? Ich wollte dich nur fragen,
-wie lange du noch bleiben wirst. Bleibst du noch lange?&ldquo;
-Und plötzlich in sich hinein mit abgefallener Stimme
-und ganz verändert: &bdquo;Himmel! So weit! so weit!&ldquo; Sie
-zitterte und legte die Finger an die Lippen wie in Entsetzen
-vor ihren eignen Lauten.
-</p>
-
-<p>
-Sie schien wahnsinnig zu sein. Er war ihr unendlich
-fern und gab sich Mühe, sich einzustellen. Darum näherte
-er sich ihr, sie zu umfassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht an mich!&ldquo; rief sie und entsprang ihm. Er drang
-ihr nach: &bdquo;Liebe, sind wir nicht eins? und haben dies
-eine gemeinsam?&ldquo; fragte er mit großem Unbehagen,
-aber in der Hoffnung, sie zu beruhigen.
-</p>
-
-<p>
-Sie versank: &bdquo;Daß ich dich geliebt habe! Daß ich dich
-geliebt habe! Aber ich sah dich so verlassen, so los, so
-&mdash; hin, fort, nichts von dir übrig &mdash; und da! &mdash; Geh doch!
-geh doch!&ldquo; schrie sie auf, &bdquo;daß ich dich wieder lieben
-kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Daran war ihm nicht gelegen; auch schien es ihm unmöglich,
-ihr noch ferner zu sein, als er schon war. Er
-stand ihr gegenüber und blickte gleichmütig auf sie
-hinab. Was bewegte sie? Je mehr sich in seinen Augen
-der Grund ihrer Erregung verringerte, desto unmäßiger
-erschien ihm das Meer von Bewegungen, das darüber
-hinging; und ihm wurde um so übler, je tiefer er einsah,
-daß sie ihn mit dieser wilden Flut von Gebärden
-aus ihrem Innern verwarf. Er gewöhnte sich an den Gedanken,
-in ihrem Herzen keinen Raum zu haben, und
-alsbald dünkte ihn dies Herz winzig und er sich dafür
-zu groß. Sie war fortan Rest für ihn. Wieviel hatte er
-ihr geben wollen! Er fand es erbärmlich, so beherrscht
-vom eignen Wesen zu sein, und unverzeihlich, nicht am
-andern teilnehmen zu können. Aber was hatte man
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-schließlich miteinander zu tun? Nichts. Er wünschte nur
-noch, daß sie das einsähe.
-</p>
-
-<p>
-Im Gegenteil kam sie auf ihn zu und legte sich an
-seine Brust. Sie weinte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Kind &mdash;&ldquo; sagte sie. &bdquo;Siehst du: was soll aus mir
-und dir werden? Er muß kommen. Und wenn er kommt,
-darfst du nicht mehr hier sein. Mit ihm allein will ich
-schon alles ins Reine bringen. Aber bleiben kannst du
-nicht&ldquo; &mdash; sie streifte ihn mit gespreizten Fingern von sich
-&mdash; &bdquo;Du bist ja tot.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er war ratlos. Das Kind &mdash; er sah ein, das war ein
-Ding, mit dem zu rechnen war. Er war in eine sonderbare
-Lage geraten; es war nicht abzusehen, wie er gegen
-das Kind aufkommen sollte. Da flog ihm die Erinnrung
-zu, daß man von Müttern gehört hatte, die unter Einsatz
-des Kindes bei der Geburt geschont wurden, und
-während dieser Gedanke keulenhaft wuchs: konnte hier
-nicht unter Einsatz von Mutter und Kind &mdash;? und er ihn
-aufhob, bereit, ihn in die Tat fallen zu lassen, kam es
-ihm vor und hemmte ihn, daß sie seltsam von dem Kind
-gesprochen hatte. Er fragte besinnungslos, vorerst sich
-zu vergewissern: &bdquo;Du sagst er. Weißt du, daß es ein
-Junge ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da lachte sie und &mdash; widerwärtig, wie sie gleich Weibern,
-die haltlos lachen, den Schoß vorstreckte! &mdash; dies
-Lachen umschallte ihn, daß er aus ihm heraus nur begriff,
-sie müsse von jemand anders als dem Kinde gesprochen
-haben. Aber ehe er das ganz faßte, kam sie zu
-Atem: &bdquo;Heinrich? Der ist Manns genug, dich für ein
-Weib zu halten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Heinrich. Sie hatte Heinrich gemeint. Er stürzte sich,
-ohne an dem Hohn zu haften, mit dem sie ihm nachsetzte,
-durch die einströmenden Gedanken ihrer Absicht
-zu. Sie wollte jemand kommen lassen: sie wollte Heinrich
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-kommen lassen. Sie wollte etwas mit ihm ins Reine
-bringen: mit Heinrich &mdash; was? Alsbald stand ihm fest,
-und er glaubte, guten Grund zu haben, darauf weiterzugehen:
-sie wollte Heinrich vor die verhohlene Finsternis
-stellen, in der sie und das Kind lagen, um den heranwuchernden
-Gerüchten zu wehren. Heinrich &mdash; unendlich
-erhellt und lieblich erschien ihm dies Waffentum &mdash;
-sollte an Vaterstelle neben das Kind und die Ehre der
-Mutter treten. Er bewunderte die Gewandtheit, mit der
-sie auf diesen Gedanken gekommen war, und erstarrte
-vor den Untiefen der Heimtücke, über die der Weg
-dahin führte. So raubtierhaft eingezogen kann nur ein
-Weib über seiner Brut den andern ins Auge fassen; so
-kaltherzig bedächtig nur ein Weib dem andern die
-Schlinge legen. Er ruhte auf der Höhe dieser Betrachtung
-aus und atmete mit Behagen. Letzthin: wenn Heinrich
-als Vater des Kindes galt, konnte er nicht seinen Nutzen
-daraus ziehen? Er würde bleiben &mdash; unverraten, ungefährdet.
-Seine Zähne lichteten sich und lachten: wie abgefeimt
-hatte sie das alles bedacht! &mdash; er sprang von seinen
-Gedanken ab und an Maria und packte sie wie mit
-Krallen: &bdquo;Ja ja, Maria! Geh! schreib ihm! ganz sanft,
-ganz gelind, ganz verschlagen! Du kannst es! Du kannst
-es! Er soll kommen; ich will es. Du hast recht; anders
-kann ich nicht bleiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sah ihn lange und groß an. Dann sagte sie: &bdquo;Ich
-<em>habe</em> an Heinrich geschrieben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er erstarrte. Kälte durchsprang ihn. Er schlug zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach! &mdash; Geht es mir auf! Seid ihr einig miteinander?
-Sind meine Tage schon gezählt? Drückt ihr mich heraus
-wie ein Giftgeschwür?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wandte sich leichthin ab: ob er denn vom ersten
-Tag an oder selbst, ob er vom ersten Schritt an, den er
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-hierher gegangen sei, geglaubt habe, sich halten zu
-können?
-</p>
-
-<p>
-Das bringt ihn hindurch. Er atmet sogar wieder. Er
-sagt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich <em>werde</em> bleiben, Liebe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich <em>werde</em> auferstehen!&ldquo; hallt es ihm da entgegen
-&mdash; nein, keine menschliche Stimme hat das gesagt! &mdash;
-und ein fremdes Gelächter läßt ihn hinter sich zurück.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Decken! Decken! Warme, dunkle Decken! Schlafen!
-</p>
-
-<p>
-Mit gebreiteten Armen tanzt die weiße Gestalt durch
-ihn hin. &bdquo;Gib mir deine Hand!&ldquo; &mdash; Schlafen! &bdquo;Ich will
-dich führen!&ldquo; &mdash; Schlafen! &bdquo;Ich will!&ldquo; &mdash; Schlafen! nur
-schlafen!
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-An der Tür rütteln verworrene Stimmen; er ist aufgewacht;
-er wagt nicht, sich vom Bett zu erheben; er
-horcht. Eine weinende Stimme will etwas Unabwendbares
-beschwichtigen: das ist sie! oh, das ist sie!
-</p>
-
-<p>
-Sie steht Rede und Antwort auf viele Fragen; er
-horcht. Sie bleibt standhaft bei einer immer wiederkehrenden
-letzten Frage: ob Er &mdash;? ob Er &mdash;?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wartet! ihr habt versprochen zu warten! Wartet, bis
-Heinrich kommt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nein, sie wollten nicht warten. Immer wieder diese
-flammenspitze, schlangenhaft zustoßende Stimme. Sie
-wollten nicht warten. Sie wollten ihn sehen.
-</p>
-
-<p>
-Da brach er auf. Er griff nach seinen Kleidern; er
-war machtlos über sie; sie flogen ihn an.
-</p>
-
-<p>
-Er war draußen. Er war über einen gekommen wie
-über ein Nichts. &bdquo;Hund! Was willst du? Mit wem sie
-es gehalten? Fragt Heinrich!&ldquo; Er schlug und peitschte
-es in sie hinein: &bdquo;Fragt Heinrich! Heinrich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er blickte um sich. Das Gelichter! Verschrien spritzte
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-es auseinander, rollte in Ecken zusammen, tropfte vom
-Geländer, stockte die Treppe abwärts.
-</p>
-
-<p>
-Er versuchte, sich zu sammeln. Er sah seine Hände
-an, die schwer und noch erfüllt vom Zustrom des Blutes
-an ihm hingen, &mdash; was hatte er getan? Schändlicher als
-die roten, feuchten Hände, die er nicht ablegen konnte,
-&mdash; er hatte gelogen. Am Pfosten der Tür, von Ekel
-durchstiegen, stand Maria. Er schämte sich an ihr vorbei
-und schloß die Tür.
-</p>
-
-<p>
-Sein Kopf &mdash; das fühlte er &mdash; verstand nicht mehr
-genug, um zu entscheiden, was zu tun war. Das immerwährende
-Frage- und Antwortspiel hatte ihn matt gemacht,
-und schwachsinnig hingegeben, schwang er zwischen
-dann und wann auftönender grundloser Ruhe und
-dem Gekreisch eisscharf klirrender Stimmen her und hin.
-</p>
-
-<p>
-Nach langem Schlaf, beim Erwachen &mdash; die Sonne
-schien dazu &mdash; gelang ihm dies: man muß nicht ängstlich
-werden; man muß der Welt zusetzen, bis sie das letzte
-Wort spricht: Leben oder Tod.
-</p>
-
-<p>
-Von diesem Gedanken an empfand er sich tief im Urteil
-und beruhigt wie ein ergebener Gefangener.
-</p>
-
-<p>
-Aber er vermochte sich nicht in dieser Ruhe zu halten.
-In den Füßen fing es an: irgendeine Sehne beherrschte
-ihn; er entzog sich ihr, indem er den Fuß krümmte;
-eine andre trat an; er wand sich unter unerlassener
-Strenge. Dann verzog sich die Steifung in den Brustkorb;
-er legte sich mit der Brust auf einen Bettpfosten
-und drehte sich darauf, oder er ging hinaus in das Treppenhaus
-und zwängte sie in die Ecke des sich aufwendenden
-Geländers.
-</p>
-
-<p>
-Diese letzte, eigenartige Berührung war es besonders,
-die ihm wohltat, und er pflegte sie noch, als er das
-krankhafte Bedürfnis danach längst nicht mehr empfand.
-Durch den niederstürzenden Gitterschacht, der hinab
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-bis auf die Diele langte, vertrieb man sich die Zeit; da
-sah man die blanken Fliesen glänzen; hörte das alte
-Weib Gemüse und Neuigkeiten hereinbringen; fand
-selber mit vieler Aufmerksamkeit als Neuigkeit heraus,
-daß es die Frau des Starblinden und Hebamme sei; bemerkte
-zum ersten Mal, daß Mittwoch und Sonnabend
-wässrig riechen, und vergaß dabei sich selbst.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich versuchte er vergeblich, die Brust von dem
-schmalen Geländerholz abzuheben; seine Augen rissen
-ihn immerfort hin, hefteten seinen ganzen Körper fest.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte nach dem Klingen der Türglocke Marie unbeschwert
-von ihrer Bürde über die Diele hüpfen sehen.
-</p>
-
-<p>
-Er wollte ihr nach; ihm wogte der Atem, als höbe er
-ihn durch Unermeßlichkeiten, und doch lag die Brust
-quer und fest auf dem Geländerstreifen.
-</p>
-
-<p>
-Eine hohe Stimme, entfesselt durch das ältliche Gebälk
-heraufspringend, rief: &bdquo;Heinrich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Darauf nichts. Nur daß er sich von dem Geländer los
-und bewegt fühlte.
-</p>
-
-<p>
-Lange Schritte warfen ihren Schatten die Treppe hinab.
-Heinrich sah sich um und stieß Maria, die an seinem
-Halse hing, von sich.
-</p>
-
-<p>
-Christianus stand erbost über diese Bewegung, deren
-Roheit ihm erst daran aufging, daß der andre sie ihm
-vorweggenommen hatte. Maria lag an eine Bank hingeschleudert,
-und während Christianus betrachtete, wie
-das schräg einfallende Licht des gelben Dielenfensters
-sie mit einer eklen Haut überzog und die Schatten der
-Gitterstäbe, kreuzweis übereinandergelegt, sich ihr aufdrückten,
-begann ein Krampf sie zu biegen; Kopf, Hals
-und Brust streckten sich zum Schoß nieder, und ehe sie,
-von der Welle losgelassen, die Antwort auf einen Blick
-hilflosen Erschreckens fassen konnte, rollte der Krampf
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-sie zum andern, zum dritten Mal zusammen. Die Männer
-sahen sich an. Dann traten sie zu ihr, griffen ihr unter
-die Arme und trugen sie die Treppe hinauf in ihre
-Kammer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heinrich!&ldquo; bat sie, als beide sie gelagert und beengender
-Kleider entledigt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Heinrich schrie, und erst jetzt bemerkte Christianus,
-wie mager und verfallen sich Hals und Hände des Schreienden
-in die Luft streckten; er schrie und entriß sich den
-weißen Armen, die an ihm aufgingen, und floh. Noch
-ganz in das peinliche Gefühl dieses Schreies verstrickt,
-hörte Christianus Marie ermattet sagen: &bdquo;Niemand!&ldquo;
-und so voll Weinens war ihre Stimme, daß ihm die
-Tränen unhaltbar entbrachen. Er beugte sich nieder und
-küßte sie: &bdquo;Marie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilf!&ldquo; flog sie auf, &bdquo;hilf mir! Hole sie! Links aus der
-Tür, Gasse links, Gasse rechts, erstes, drittes, viertes, ja
-viertes Haus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er rannte schon eine ganze Weile durch die Räume,
-ohne Heinrich gefunden zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Da, an der Tür zum großen Versammlungszimmer,
-hielt er inne. Auf einer Bank, die in einem Erker halb im
-Dunkel stand, saß Heinrich &mdash; ruhig, selbst auf die eindringenden
-Worte und hastigen Bestimmungen Christianus&rsquo;
-ohne Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich, als Christianus ratlos schwieg, ließ er den
-vorgeschobenen Kiefer fallen und sagte: &bdquo;Wann war es
-doch, daß wir uns zum letzten Mal sahen, Doktor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus blieb nichts übrig, als sich der heimtückischen
-Vertraulichkeit zu nähern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein lieber Heinrich,&ldquo; sagte er, &bdquo;du bist zu uns gekommen
-und zur rechten Zeit. Willst du uns helfen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Heinrich beharrte: &bdquo;Das war auf der Landstraße. Du
-nahmst dich gut aus als Soldat. Ich hätte wer weiß was
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-für dich getan.&ldquo; Und plötzlich, als habe er mit diesen
-Sätzen nur einen Anlauf gemacht: &bdquo;Aber jetzt? &mdash; was
-willst du eigentlich von mir? Was wollt ihr alle von mir?
-Wozu soll ich dienen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus schwieg. Er sah den Fragenden mit einem
-langen, leeren Blick an und wandte sich ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe da zwei merkwürdige Briefe erhalten,&ldquo;
-sprach Heinrich hinter ihm her. &bdquo;Der eine von diesen
-Leuten &mdash; wie fremd man ihnen doch geworden ist! &mdash;:
-nun, ich wußte ja, wozu ich kommen sollte. Aber sag
-einmal selber: meinst du, das sei eine Sache für mich?
-Du hast den Waffenrock hinter dir gelassen; ich bin
-darin stecken geblieben, und ich soll urteilen? Du habest
-einen hohen Auftrag, schreibt man. Davon verstehe ich
-nichts; was soll ich dazu sagen? Vielleicht dies: bleibe,
-wie du bist, bleibe, wo du bist, solange es dir gefällt und
-gut geht. Einmal muß ja das Ende kommen. Und der
-Ausgang sagt am besten, was der Anfang wert war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus warf sich über einem Fuß herum:
-&bdquo;Du weißt sehr gut, daß ich nicht bleiben kann, wenn
-du &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg mit einer Stimme, die er in der Schwebe
-hielt. Aber während Heinrich wartete, bedachte Christianus,
-daß es gut sei, Heinrich den Rest erraten zu
-lassen. Es gibt leisere Mittel, etwas zu sagen, als Worte.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesem Gedanken her flatterte tiefgeduckt der
-Schrecken, etwas so frech Überlegenes in sich zu haben:
-so etwas zu denken.
-</p>
-
-<p>
-Heinrich lachte: &bdquo;Das, &mdash; das weiß ich. Und ich weiß
-auch, daß du mir deshalb den andern Brief hast schreiben
-lassen. Klug! geschickt! überlegen! Und ich der liebe
-Heinrich! Aber wenn du durchaus für das Weib einen
-Mann brauchst &mdash; da du es nicht selber sein kannst &mdash;
-warum gehst du nicht zu einem der Alten, am besten zu
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-dem Blinden? Es wird dir nicht schwer fallen. Klug! geschickt!
-überlegen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus hob sich in Empörung auf; da verfing
-sich sein Hirn in dem Sonderbaren, daß er gerade selbst
-dies Überlegene in sich bedacht hatte. Er begann, sich
-vor sich selbst zu fürchten. Was war das, daß er hier
-stand, unbeweglich in einer Menge von Bewegungen?
-Da war ein Strudel von Menschen, die ihn alle angingen;
-da war ein Weib, mit dem er in Berührung gekommen
-war und das ertrinkend aufquoll; da war ein Mensch,
-nach dessen Hand er griff und der sich fortwährend
-von ihm abstieß.
-</p>
-
-<p>
-Er sah weithin, und unfähig, sich im Gegenwärtigen
-zu sammeln, faßte er sich in der Entfernung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;War ich nicht Soldat wie du und ihr alle? Hielt der
-Waffenrock meine Rippen nicht genau so steif wie eure?
-Brach ich nicht wie wir alle auf und in den Garten und
-faßte an? Und da kam es. Plötzlich war es da. Es war
-da, und ich durfte den Schlag nicht tun. Es warf mich
-hin und besprach mich &mdash; lähmend, angreifend, beschwichtigend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Heinrich war aufgestanden. Er schien in den Irrsalen
-irgendeiner Rührung bewegt zu werden; aber während
-seine Arme aufgingen, sich nach Christianus&rsquo; Schultern
-hinüberzubrücken, schreckten seine Hände vor der
-Berührung zurück. Er schrie auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja! &mdash; Es besprach dich &mdash; lähmend, angreifend, beschwichtigend:
-geh hin zu Maria! vertreib dir die Zeit
-mit ihr! mach Narren! Sag mir doch einmal, wie es aussah,
-und &mdash; mein lieber Christianus &mdash; vielleicht hat
-manch einer damit zu tun gehabt, ohne es ganz so ernst
-zu nehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie &mdash; es &mdash; aussah? &mdash; Mein Gott!&ldquo; Er hatte es laut
-hervorgestoßen, und es hatte doch nur ein Anruf innen
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-sein sollen: mein Gott! nur nichts merken lassen! Das
-ist ja fürchterlich: er kann sich wirklich nicht entsinnen,
-wie es möglich gewesen ist, daß er hierher kam. Er erinnert
-sich dunkel einer Gestalt und denkt in demselben
-Atemzug: nur keine Pause machen! reden, reden! damit
-der andre nicht merkt &mdash; Was nicht merkt? denkt er und
-macht nun doch eine Pause. Daß er selbst gar nicht an
-solche Dinge glaubt, von denen er eben gesprochen hat;
-daß es gar keinen Sinn hat, von solchen Dingen vor
-vernünftigen Menschen zu sprechen; daß er genarrt,
-vom Höchsten, Heiligsten, was er im Leben erwartete,
-genarrt ist: &bdquo;&mdash; So etwas gibt es ja gar nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das hatte er geschrien. Und gerade, als habe nicht er,
-sondern der andre es geschrien, faßt ihn eine unausrottbare
-Wut gegen diesen andern, der da sitzt, durch seine
-bloße Gegenwart ihn verdrängend, und es schlägt kalt
-in ihm auf: dieser Mensch darf nicht bleiben; dieser
-Mensch darf nicht recht behalten; denn &mdash; du &mdash; hast &mdash;
-doch &mdash; recht!
-</p>
-
-<p>
-Er richtete sich auf, sank aber mithin zusammen, und
-von dieser unerwarteten Bewegung zu kurzer Besinnung
-gebracht, fragte er, die Laute unter zähen kleinen Bläschen
-bildend, die im Gaumen aufquollen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fühlst du nicht, wie entsetzlich das ist: daß ich hier
-sitze, daß alles einmal geschehen ist und ich nun in
-Worte verfalle und mich vergeblich bemühe, aus ihnen
-herauszukommen und zu fassen, wie das alles geschehen
-ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Schwäche und Verwirrung, mit der dies Mühsame
-gesagt wurde, machte, daß in Heinrich sich ein
-Ekel wie vor einer schweißdurchtropften Maske aufspannte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagst du&rsquo;s selbst, daß du aus Worten nie herauskommst?
-Laß! laß sie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Christianus schrie scharf und lauter als das erste Mal.
-Er sah, wie die Worte übersprangen, im Hirn des andern
-festen Fuß faßten, sich umwandten und sich gegen ihn
-kehrten. Er wollte neue vorschicken.
-</p>
-
-<p>
-Sie prallten vor dem wahnsinnigen Schatten, der aufgerichtet
-war, zum Munde zurück: Heinrich stand vor
-ihm und reckte, von Hohn gebläht, zwischen dürren
-Sehnen den Hals: &bdquo;Geh! geh! Ich nehm dir die Dirne.
-Und die Brut dazu. Aber geh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; fragte Christianus sinnlos.
-</p>
-
-<p>
-Heinrich lachte, riß das Rockstück über der linken
-Brust zurück und schoß mit spitzem Finger in die Mitte
-der Lache, die vom Halse herab bis unter die Herzgrube
-das Leinen durchblutet hatte. &bdquo;Dahin!&ldquo; sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Christianus ging in Gedanken nach. Dann stockte er:
-&bdquo;Ich darf nicht.&ldquo; Und zitternd unter den Brauen des
-Feindes &mdash; der sich unheimlich aus dem Freund herausverwandelt
-hatte &mdash; suchend: &bdquo;Warum setzt du mir mit
-deiner Verlockung zu? Soll ich schwach werden? Soll
-ich diese Tage und Nächte ausgehalten haben, um in
-dieser Nacht feige zu werden und umzukehren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mußt du feige werden, um umzukehren? Mutig,
-mutig bist du doch damals umgekehrt, als es galt, durch
-den rechten Glauben in die &mdash; Seligkeit &mdash; dieser &mdash; Tage
-&mdash; und &mdash; Nächte zu kommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus&rsquo; Arme flackerten durch die Luft: &bdquo;Nicht!
-nicht! nicht an meinen Glauben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Heinrich lächelte: &bdquo;Wie klug du bist, deinen Glauben
-vor deine Feigheit zu hängen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schleichende Kröte du! Krötenschale! Schales Hirn
-du, das mit seiner Klugheit nur Klugheit begreift! Klügeln,
-zweifeln, fragen &mdash; ich will nicht! Raum will ich
-dem Glauben geben, Raum dem ungeheißen Aufsteigenden:
-kein Schatten des Hirns soll das Heilige streifen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-&bdquo;Es ist das Klügste.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich darf nicht anders.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das lügst du dir ein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will dir beweisen &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Selbst zu beweisen, gibt dir die Absicht und die Feigheit
-ein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Christianus wankte. Wieder: diese Worte! Wie sie nur
-in den Dunstkreis des andern geraten, werden sie schon
-Verräter, tragen die Farbe des andern, richten sich gegen
-den, der sie ausschickt, starr, bajonettfrech. Er muß hinüber!
-diesen schurkischen Worten Richtung weisen,
-nachhelfen!
-</p>
-
-<p>
-Er bog sich vor, streckte die Hand aus.
-</p>
-
-<p>
-Der Hals, den er umkrampfte, erhob sich. Er schwang
-die Hand mitsamt der Schwere, die über ihr hing, durch
-die Luft abwärts in die Ecke zwischen Fußboden und
-Wand.
-</p>
-
-<p>
-Es war ihm nicht, als ob er etwas Tatsächliches täte:
-er führte einen Beweis; jeder Schlag war ein Argument;
-die Argumente waren unabweisbar.
-</p>
-
-<p>
-Sonderbar kam es ihn an, daß geschrien wurde. Der
-im Begriff war, ermordet zu werden, schrie nicht; er
-stöhnte. Aber es waren Schreie da; Schreie, die von Wand
-zu Wand wankten, Schreie, die aus allen Ecken zurückschreckten,
-Schreie, die durch die Decke brachen: ja:
-die Decke war durchbrochen von Schreien.
-</p>
-
-<p>
-Als er die Haut seiner innern Handfläche kalt werden
-fühlte, &mdash; ein Zeichen, daß das, was er gewollt hatte, beendet
-war &mdash; hörte er auf zu schlagen, und im selben
-Augenblick gingen die Schreie ein.
-</p>
-
-<p>
-Es war still. Es war Zeit zum Nachdenken. Er stand
-neben dem Toten, und alles um ihn herum war ganz
-nachdenklich geworden.
-</p>
-
-<p>
-So weit kann es ein Mensch bringen. Man kann seinen
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Gegner von der Wahrheit überzeugen; am besten überzeugt
-man ihn, indem man ihn totschlägt und die Wahrheit
-allein glaubt. Es ist traurig, allein zu glauben. Aber
-weiter kann es ein Mensch nicht bringen.
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich ab und zum Fenster, öffnete es, kam
-zurück und stellte sich wieder neben den Toten.
-</p>
-
-<p>
-Was war das? Mit Grauen ging ihm auf, daß der Tote
-ihm mehr zu beweisen begann, als er dem Lebenden
-hatte beweisen können. Der &mdash; Tote &mdash; hatte &mdash; doch
-&mdash; recht!
-</p>
-
-<p>
-Unbeherrschbar wuchs das Ungeheure auf. Es drängte
-seine Füße beiseite und weiter: er mußte gehen. Aus dem
-lautlosen Luftkreis hatte er die Antwort herausgeschlagen.
-Es war entschieden; sein Glaube hatte ihn betrogen.
-Warum war ihm das geschehen?
-</p>
-
-<p>
-Er brach weinend neben dem Toten zusammen und
-lag lange bis zum frühen Morgen.
-</p>
-
-<p>
-Dann stand er auf, hob sich durch die Tür und über
-kleine Stiegen zu der Kammer hinauf, aus der &mdash; wie ihm
-jetzt deutlich war &mdash; die Schreie gerufen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Er lehnte sich in die offne Tür und sah hin.
-</p>
-
-<p>
-Über leblos gestreckten, steif eingefallenen Falten, die
-sich inmitten des Bettes über gewundenen, im Sterben
-stehengebliebenen Knien zu einem fürchterlichen Wirbel
-emporzogen, saß ein weißes Kind mit weitgeöffneten
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmerz, diese Augen auf sich gerichtet zu sehen,
-war unhaltbar. Er näherte sich, wuchs auf das Unendliche
-zu; der Atem verging ihm im Auf und Nieder der
-Tränen. Während er sich bewegte, fühlte er, wie ihm die
-Stimme versagte: er hatte geredet.
-</p>
-
-<p>
-Es tat ihm weh, den Schwung der Decken &mdash; der ihm
-wie eine Weihe war &mdash; zu zerstören; aber er öffnete das
-Bett, legte das Kind beiseite, umhüllte die lebendige
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Wärme und breitete über den kalten Mutterleib das Leinen;
-versah so seine ganze Barschaft.
-</p>
-
-<p>
-Als es getan war, wandte er sich ab und ging die
-Treppe abwärts über Gänge, in denen schon das Tageslicht
-aufkeimte, hinaus auf die Straße &mdash; die Tür verschließen?
-Sie soll offen bleiben! Es soll alles offen bleiben!
-Die Fenster, die Türen, weit offen: damit die Menschen
-kommen. Die Menschen sollen kommen und sich
-an dem Kinde versuchen: auch an dem Kinde.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p>
-Die weite Heerstraße verging in einem Himmel voll
-Licht. Weißüberglänzte Vögel sprangen den Weg voran
-über Bäume von Ast zu Ast; wo er ging, sangen sie.
-</p>
-
-<p>
-Sie sangen noch vor der Holzbaude, unter deren Dach
-er sich ermüdet setzte. Er streckte den Fuß aus und wartete,
-bis einer der Vögel kam und sich darauf niederließ.
-Er sang; er neigte den Kopf und lauschte.
-</p>
-
-<p>
-Wie schön war es, daß er sang! Auch, daß ein Mensch
-auf ihn zukam, um mit ihm zu lauschen: wie schön war
-das! Er brauchte sich durch die Schritte des Nächsten
-nicht stören zu lassen: er hielt den Kopf geneigt und
-horchte.
-</p>
-
-<p>
-Er möge sich beim General melden; sein Gesuch sei
-genehmigt; er möge kommen.
-</p>
-
-<p>
-Da fiel ihm ein, daß er gebeten hatte, man möge ihn
-beim nächsten Sturm vor den Feind schicken.
-</p>
-
-<p>
-Ein Sturm war für den Morgen des nächsten Tages
-angesetzt. Christianus wurde eingereiht.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht verbrachte er bis zum Morgengrauen in
-heftigen Erschütterungen unter Anrufung eines Namens.
-</p>
-
-<p>
-Als man zum Angriff aufsprang, war er der erste, der
-den feindlichen Graben erreichte, von mehreren Kugeln
-durchbohrt, hineindrang und den nachfolgenden Kameraden
-den Weg bahnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Außer ihm war niemand getroffen; man konnte sich
-sogleich um ihn bemühen.
-</p>
-
-<p>
-Aber während man das Blut, das aus seinen vielen
-Wunden pulste, zu stillen versuchte, richtete er sich auf,
-breitete die Arme rückwärts gegen die Grabenwand und
-zitterte einem Gesicht entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Eine weiße Gestalt war hervorgetreten, hatte ihm die
-Hände gereicht und gesprochen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gib mir deine Hand; ich will aus dem Licht mit dir
-in die Finsternis scheiden. Gib mir deine Hand; ich will
-dich führen. Gib mir deine Hand; ich will.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als strömten die breithin über die Erde gelagerten
-Lichtringe auseinander und aufwärts und ergösse sich,
-von allen Seiten her mündend, Erleuchtung in ihn, läßt
-er, was über ihm ist, aufschwimmen, läßt die Hände
-unanhänglich schwinden, gibt die Glieder unendlicher
-Erweiterung hin. Nach und nach tut es ihm wohl, dies
-und jenes zu vergessen. Er sieht nur hin, wie ihn die
-weiße Gestalt hält.
-</p>
-
-<p>
-Er ist zufrieden: es ist deutlich genug.
-</p>
-
-<p>
-Wie die letzte hohe Befriedigung über ihn kommt,
-glaubt er, auch dies letzte vergessen zu können: daß sein
-letzter Ruf oben im Licht gewesen ist: &bdquo;Für der Maria
-Kind!&ldquo;
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Gnadenwahl, by Hans Arthur Thies
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GNADENWAHL ***
-
-***** This file should be named 52327-h.htm or 52327-h.zip *****
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