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Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..c629357 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #52334 (https://www.gutenberg.org/ebooks/52334) diff --git a/old/52334-8.txt b/old/52334-8.txt deleted file mode 100644 index f162e4a..0000000 --- a/old/52334-8.txt +++ /dev/null @@ -1,2213 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der ewige Mensch, by Alfred Brust - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der ewige Mensch - Drama in Christo - -Author: Alfred Brust - -Release Date: June 15, 2016 [EBook #52334] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EWIGE MENSCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - ALFRED BRUST - - - - - DER EWIGE MENSCH - - - DRAMA IN CHRISTO - - - - - KURT WOLFF VERLAG - MÜNCHEN - - - - - Bücherei »Der jüngste Tag« Band 78 - - Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig. - - - - - Copyright by Kurt Wolff Verlag · München 1919 - - - - - GESTALTEN - - - CORDATUS - TAMARA - SANNA - STEILZACK - SAAT - WACHTLER - TIOMA BETTY - DIE VERKETTETEN - FESTUS - DER DICHTER - MAUSCHE MICHEL - DER VATER - ALLERHAND VOLK - - - - - Morgen. Ein großer leerer Raum mit rissigen Wänden in einem - verfallenen Gebäude. Die Wohnung des Cordatus. - - CORDATUS (ein Mensch von 30 Jahren, sitzt in abgetragener - Kleidung in einer Ecke des Raumes auf dem Erdboden und blickt - lächelnd vor sich nieder. Er hat einen dünnen, langen Vollbart. Sein - Gesicht zeigt Spuren außerordentlicher Schönheit und geistiger Höhe - und Frische. Er spricht alles ganz langsam, klar und deutlich aus. - Es gibt in keinem Wort Überstürzung bei ihm. Jedes Wort ist voll - warmer drängender Liebe und erschüttert, zuweilen durch eine kleine - Bewegung unterstützt. Diese Bewegungen sind aber so sehr selten, - daß sie stets auffallen. In der Hauptsache ist er bewegungslos und - versteht es, diese Bewegungslosigkeit seiner Umgebung unmittelbar - mitzuteilen.) - - TAMARA - (ein schönes sechzehnjähriges Mädchen, geht mit schleppenden - Schritten diagonal durch den Raum. Sie ist dürftig gekleidet): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch. - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - (Schweigen.) - - TAMARA - (setzt ihre Wanderung fort. Hin und wieder bleibt sie stehn wie in - lähmendem Schreck und wiegt den Körper dann hin und her): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch. - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - SANNA - (ein liebreizendes Fräulein, vornehm gekleidet, öffnet leise die - Tür, blickt vorsichtig hinein und tritt dann mit großen - erstaunten Augen in den Raum. Sie erblickt Tamara, die in einer - Ecke stehengeblieben ist und sich in den Hüften wiegt, nicht): - -Guten Morgen, Cordatus. - - CORDATUS - (ohne Verwunderung und von Herzen freundlich): - -Du kommst zu mir, Schwesterlein. Setz dich und gib mir deine Hand. - - SANNA: - -Die Hand geb ich dir, aber setzen kann ich mich doch nicht. - - CORDATUS: - -Du glaubst gar nicht, wie wunderschön das ist, wenn du dich hier nicht -setzen kannst. - - SANNA: - -Das müßte doch in deinen Augen häßlich sein. - - CORDATUS: - -In meinen Augen ist niemals etwas häßlich. - - SANNA: - -Aber du fragst gar nicht, weshalb ich zu dir gekommen bin ... - - CORDATUS: - -Es ist doch schön hier draußen; dies verfallene Haus vor der Stadt und -die wundersüße Wildnis ringsher! - - SANNA: - -Weshalb bist du dann nicht im Freien? - - CORDATUS: - -Ich arbeite noch ein wenig. Draußen kann ich nur fühlen. - - TAMARA - (beginnt wieder ihre Wanderung durch den Raum): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch. - - SANNA - (fährt herum und blickt mit starren Augen und blassem Gesicht auf - das Mädchen). - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - TAMARA (nimmt keine Notiz von Sanna). - - SANNA: - -Das -- das -- was ist dieses, Cordatus?! - - CORDATUS: - -Ein fremdes Kind, das da glaubt ein Tier im Bauche zu haben. Ich will es -heilen durch mein Wort. - - SANNA: - -Aber -- aber weshalb denn ein Tier? - - CORDATUS: - -Das sind so die Jahre. - - SANNA: - -Und -- -- -- (sie sammelt sich) wohin gehst du zu Tisch? - - CORDATUS: - -Zu Tisch? Ich weiß nicht. Vielleicht kommt eine Wölfin, mich säugen. - - SANNA: - -Pfui! - - CORDATUS: - -Pfui? Du bist allerliebst, kleine Schwester. - - SANNA: - -So höre, Bruder. Ich bin aus einem großen Grunde zu dir gekommen. - - CORDATUS: - -Gewiß, auch die kleinen Gründe sind bedeutend. - - SANNA (eifrig): - -Ja -- sieh mal. Das wird dir schon einleuchten, was ich dir sage. Die -Eltern meinten zwar, das hätte keinen Zweck. Aber ich sagte ihnen, -Cordatus habe mich lieb und werde mir meinen Herzenswunsch erfüllen. Und -ich redete so lange, bis sie zu hoffen begannen. Und heute früh, als ich -fortging, da weinten sie vor Hoffnung. -- Hörst du, Cordatus? - - CORDATUS: - -Ich muß lieben, Kind. Versteh mich recht! Ich bin geboren, um zu lieben. -Ich müßte jetzt ein Beil nehmen, das ich nicht habe, und dich damit -schlagen. Da ich aber lieben muß, kann ich dich nur mit der Liebe -schlagen. Und das ist so sehr schmerzvoll für dich. Denn wenn ich dich -mit dem Beil schlüge, würdest du mich hassen, denn dein Körper haßt den -Schmerz; da ich dich aber mit der Liebe schlage, trifft es deine Seele, -und die liebt mich, wenn ich ihr wehe tu. - - SANNA: - -Und weshalb denn willst du mich schlagen? - - CORDATUS: - -Weil du ein schönes Kind bist, in das sich mein Versucher gesteckt hat, -um mir das Glück zu stören. - - SANNA (klagend): - -Du willst nicht zurückkehren! -- - - CORDATUS: - -Nie, nie, nie! Geh heim -- und werde glücklich. Und wenn du es nicht -können wirst, dann komm zu mir! Ich will dich's lehren, denn ich bin's. - - TAMARA (plötzlich laut): - -Und es zuckt und es wühlt und es windet. (Überlaut:) Schneid mir doch -das Tier aus dem Bauch!! - - CORDATUS (wieder unendlich beruhigend): - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - SANNA: - -Wir werden alle weinen, die alten Eltern und ich. Wir haben schon soviel -geweint um dich, denn du hast uns ja so unglücklich gemacht -- mit -deinem Glück. - - CORDATUS: - -Ja -- ich habe euch immer mit der Liebe geschlagen. O, daß ich euch mit -dem Beile schlagen könnte! -- Laß mich allein, Mädchen! - - SANNA: - -Soll -- soll ich dir etwas schicken? - - CORDATUS: - -Versuche mich nicht! Der Versucher weiß, daß ich noch nicht auf dem -Gipfel meiner Stärke bin. Geh hin. Ich muß noch arbeiten. - - SANNA (schüttelt den Kopf und geht): - -Lebwohl. - - CORDATUS (sitzt und sinnt bewegungslos). - - STEILZACK - (tritt barhäuptig ein und stellt sich nachdenklich in die Mitte des - Raumes. Er ist ähnlich Cordatus gekleidet): - -Ich habe etwas gesehn. Drei Menschen hab ich gesehn. Und das bewegt -mich. Drei Menschen an diesem jungen Tag. - - CORDATUS: - -Drei Menschen können dich nicht bewegen, Steilzack. - - STEILZACK: - -So bewegt mich denn ein Geschehen. Ja -- ein Geschehen bewegt mich; ein -Geschehen um drei Menschen. - - CORDATUS: - -Ein Geschehen um drei Menschen ist auch ein Geschehen um die Welt. - - STEILZACK: - -Sag mir, Cordatus, lieber Herr, darf man einen Menschen töten? - - CORDATUS: - -Die Menschen kommen immer zu mir, um diesen Raum mit Tragödie -auszufüllen. Das ist nicht gut von den Menschen. - - STEILZACK: - -Aber darf man einen Menschen töten? - - CORDATUS: - -Man darf nicht, aber man muß. - - STEILZACK: - -Das ist ein gefährliches Wort. - - CORDATUS: - -Ich weiß, daß ich ein gefährlicher Mensch in der Menschheit bin. Aber -ich liebe. Und alle Liebenden sind gefährlich. - - TAMARA - (kniet in einer Ecke nieder und winselt): - -Und es ist ein Tier. Und es ist ein Tier. Wenn ich nur wüßt, welch ein -Tier das ist! - - CORDATUS (ruhig und fest): - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - STEILZACK: - -Man darf nicht, aber man muß! Aber dann gibt es Gesetze. - - CORDATUS: - -Ja -- Gesetze muß es geben, damit die Unschuldigen gestraft werden und -die Sünder sich freuen können. Das alles ist ganz außerordentlich -wichtig, sage ich dir. - - STEILZACK: - -Aber hier -- hier ist doch jemand erschlagen worden! Verstehst du: mit -einem Beile erschlagen! - - CORDATUS: - -Ich verstehe dich recht: eine Kraft hat etwas zerstört. Ein Leben hatte -sich erfüllt, und da mußte auch die Form zerbrochen werden. Und da traf -die Form im Niedergang ihrer Tage eine Kraft in den Stunden eines -Aufgangs. - - STEILZACK: - -Und ich sah, wie die Kraft das Beil dieser Form mitten in die Stirn -hieb. - - CORDATUS: - -Du sahst drei Menschen. Und es geschah große Bewegung. Da kamst du zu -mir! - - STEILZACK: - -Nach den Gesetzen der Menschen muß jetzt auch diese Kraft getötet -werden. - - CORDATUS: - -Das ist nicht immer nötig, aber vielleicht. - - STEILZACK: - -So sage mir, soll ich hingehn und anklagen? - - CORDATUS: - -Du sollst lieben. - - STEILZACK (laut): - -Freund, es ist dein Vater, der erschlagen worden ist! - - CORDATUS - (erhebt sich steil, nimmt seine ganze Kraft zusammen und spricht - ihm ins Gesicht): - -Du sollst lieben! - - TAMARA - (die wieder wandert und wiegt): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch! - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - STEILZACK: - -Und ich sah den Mörder und weiß sein Gesicht. Und dann sah ich die -liebliche Schwester ahnungslos in der wundersüßen Wildnis hier! Soll ich -anklagen, Cordatus?! - - CORDATUS: - -Du sollst lieben! Oder geh von mir. Geh von mir, wenn du nicht lieben -kannst! - - STEILZACK: - -Weshalb denn mußte ich das alles sehn? - - CORDATUS: - -Das ist Schicksal. Jeder Blick, den wir tun, ist Schicksal und hat -Bedeutung. - - SAAT - (tritt auf und blickt sich fremd um). - - STEILZACK (in schmerzvoller Bewegung): - -Cordatus!! - - SAAT (ängstlich): - -Ich heiße Saat, wissen Sie. Und Sie sind ein gerechter Mensch, wird -gesagt. - - CORDATUS: - -Wenn du Gerechtigkeit willst, so gehe zu den Richtern. Denn ich bin -ungerecht. - - SAAT (flehentlich): - -Ich möchte Sie, ich möchte dich gern allein sprechen, Cordatus! Ich -möchte dich gern allein sprechen. - - CORDATUS: - -Wenn du Schicksal hast, von dem du nicht zu allen sprechen kannst, so -schweige lieber. Denn man soll ein Ding zu allen Menschen sagen können -oder schweigen. - - SAAT: - -Ich bitte dich um eine Ausnahme. - - CORDATUS: - -Bist du so schwach, daß du nicht schweigen kannst? - - SAAT: - -Ich bin schwach. - - CORDATUS: - -Frage mich! - - SAAT: - -Gibt -- gibt es Schuld? - - CORDATUS: - -Es muß Schuld geben. - - STEILZACK (wendet sich ab). - - CORDATUS: - -Steilzack! - - STEILZACK: - -Ich höre, Herr! - - CORDATUS: - -Ist es dieser? - - STEILZACK: - -Er ist es! - - SAAT (versteht nicht). - - CORDATUS (sanft zu Saat): - -Bleibe bei uns. Und laßt uns jetzt hinausgehn auf den Berg. Da ist viel -Licht. Und da sind alle Dinge ganz anders. - - (Er geht voran. Saat und Steilzack sehen einander ungewiß an und - folgen ihm langsam). - - TAMARA (laut hinterher): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch, -Herr! - - SAAT (blickt sich verstört um). - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - - - - Die Stadt. Ein freier Platz. Im Hintergrunde eine Reihe Häuser. - - SAAT - (steht im Vordergrunde, die Hände in den Taschen und blickt zu - Boden). - - WACHTLER - (kommt. Ein altes Männchen mit listigen Augen voller Neugierde. - Er bleibt dicht bei Saat stehn und betrachtet ihn mit großer - Aufmerksamkeit): - -Ehemmhemm!! - - SAAT (sieht sich schnell um). - - WACHTLER: - -So macht man sich bemerkbar. Ja -- sehn Sie, Herr. - - SAAT - (wendet sich ihm voll zu und blickt ihn fragend an). - - WACHTLER: - -Ich heiße Wachtler. Sie sind ganz fremd in der Stadt, wie ich sehe. - - SAAT: - -Wie können Sie das wissen? Die Stadt ist doch sehr groß. - - WACHTLER: - -Ja -- die Stadt ist groß, aber die Menschen sind klein. Je größer die -Stadt, desto kleiner die Menschen. Aber trotzdem: ich weiß alles. Es ist -geradezu beängstigend _was_ ich alles weiß. Es gibt in allen Städten -Menschen, die immer alles wissen! Alles! - - SAAT: - -Zum Beispiel ... Ich verstehe gar nicht. - - WACHTLER: - -Ja -- es ist heute sehr aufregend in unserer Stadt. Von dem Skandal in -der Kirche hörten Sie wohl! Nicht? Der heilige Cordatus hat da den -Gottesdienst gestört, den Pfarrer von der Kanzel vertrieben und ein -Viertelstündchen selber gepredigt, wovon die Leute alle außerordentlich -erbaut waren. - - SAAT: - -Cordatus? - - WACHTLER: - -Ja -- Sie warten doch hier auf ihn, wie ich sehe. Warten Sie nur, es -dauert nicht mehr lange, so wird er dort um die Ecke kommen. - - SAAT: - -Cordatus? - - WACHTLER: - -Ja doch, sage ich Ihnen. Jetzt ist er noch in den Herbergen, kleinen -Kneipen und Diebesspelunken herum, wo die Verbrecher und Betrüger, die -Armseligen und Bedrängten und schlimmen Leute ihre Zeit fristen. Die -Bürger dieser Stadt behaupten, er lehre diesen zweifelhaften Wesen das -lichtscheue Handwerk -- aber ich glaube nicht, was die Bürger sagen. - - SAAT: - -Und Sie warten hier auch auf Cordatus? - - WACHTLER: - -Ja -- er wird dort an der Ecke stehn bleiben und jedem Menschen, der es -will, eine wichtige Lebensfrage beantworten. O -- die jungen Mädchen und -Frauen bedrängen ihn dann sehr. Und die alten Weiber sitzen herum und -weinen. - - SAAT: - -Und die Männer wollen nichts von ihm wissen ... - - WACHTLER: - -Hm! Wissen Sie, das ist anders. Die Männer suchen ihn lieber insgeheim -auf. Öffentlich sind sie ihm nicht wohlgesonnen. - - TIOMA BETTY - (eine schöne stattliche Dame geht, mit den Augen in der Ferne - suchend, vorüber). - - WACHTLER (blinzelt Saat zu): - -Das ist Tioma Betty, unserer Stadt Immerbeweger, eine heiße Hübscherin; -aber seit vier Wochen keusch und züchtig. Sie muß ein Gelübde abgelegt -haben. Wem? das werde ich in einer Stunde erfahren. -- Ha! Jetzt wird es -lebendig! - - SAAT: - -Ich sehe nichts. - - WACHTLER: - -Nein, Herr! Sie sehen nichts. Aber ich sehe dort den Polizeigewaltigen -unserer Stadt hin und her spazieren. Der vornehme Herr dort, der sich -den blauen Himmel besieht. Er heißt Festus, wissen Sie, Festus, wie der -Landpfleger in der Apostelgeschichte, dem sich Paulus zu verantworten -hatte. Ja -- Festus. - - SAAT (vorsichtig): - -Was soll denn das da geben? - - WACHTLER (mit prüfendem Blick): - -Das kann eine ganz besondere Geschichte sein. Aber ich glaube nicht, daß -es die besondere Geschichte ist. Dazu ist es noch zu frühe. Dieser -Festus ist jedoch dem heiligen Cordatus wohlgewogen. Dessen Vater ist -nämlich, müssen Sie wissen, der reichste Mann in der Stadt. - - SAAT (erstaunt): - -Sein Vater lebt in dieser Stadt? - - WACHTLER: - -Ehemm! Ja. Lebt. Hat gelebt ist wohl richtiger. Aber das weiß noch kein -Mensch, daß dieser Vater schon gelebt _hat_. - - SAAT: - -Jetzt verstehe ich Sie gar nicht. - - WACHTLER: - -Das will ich meinen. Sie wissen nichts. Sie sind ja fremd hier. Aber -deshalb will ich's Ihnen gern sagen. Dieser Vater ist heute früh im -wilden Stadtwald mit einem Beile erschlagen worden. - - SAAT (schreit wie gelähmt): - -Sein Vater! Das ist ja gar nicht möglich!! Herr!! Hören Sie doch! (Er -greift ihn an.) - - WACHTLER: - -Werden Sie nicht so auffällig, junger Mann. Sehen Sie dort: der Festus -ist schon aufmerksam. Ja -- man muß immer vorsichtig sein. Aber bleiben -Sie ganz ruhig. Ich werde nichts sagen. Das tue ich nie. Ich schaue nur -immer zu und weiß von nichts. So werde ich nie hineingezogen. _Das_ -nenne ich Leben! Man wird die Leiche finden; dann wird man mit allen -Errungenschaften der Kriminalistik nach dem Verbrecher forschen. Wissen -Sie, so vom Mord bis zur Hinrichtung den ganzen Werdegang einer Sache, -die man im voraus mit allen Finessen kennt, zu beobachten, ist -außerordentlich wohltuend. Aber um Gotteswillen, beruhigen Sie sich -doch, Herr! Ich bin in der Tat wie das Grab. - - SAAT - (versucht es, schnell fortzugehn, schwankt aber hin und her und - kommt schließlich nur langsam vom Platze). - - WACHTLER (sieht ihm eifrig nach): - -Sehr -- spannend -- ja --. Da kommt auch Cordatus. - - (Stolpert mit kleinen Schritten hinterdrein.) - - DIE VERKETTETEN - (ein Mann und eine Frau, kommen. Der Mann geht rechts und die - Frau links. Sie sind, nicht sichtbar, unten am Handgelenk durch - eine Kette verbunden). - - DER MANN: - -Ich will von dem Menschen nichts wissen. Komm fort, wir gehn hinaus auf -die Felder. - - DIE FRAU (klagend): - -Du bereitest mir niemals eine Freude, niemals! Und besonders dann nicht, -wenn ich dich um etwas bitte. - - DER MANN: - -Aber Kind, sieh hin. Er ist ein Hanswurst. Nichts weiter. - - DIE FRAU (dem Weinen nahe): - -Was ich für heilig ansehe, das trittst du mit Füßen. Und du bringst mich -soweit, daß ich verrückt werde an deiner Seite. Das willst du auch, -scheint mir, nur erreichen. - - DER MANN: - -Weshalb denn haben wir uns nur durch die Stahlkette so -zusammengeschlossen, und weshalb ließ ich dich nur den Schlüssel ins -Wasser werfen? - - DIE FRAU: - -So schnell bereust du das? Doch ja -- ich bereue es auch schon. - - DER MANN: - -Ich glaube, wir sind beide verrückt gewesen. Denn wir können uns ja -nicht einmal entkleiden! - - DIE FRAU (weinend): - -Wir müssen zu einem Schlosser gehn und uns trennen lassen. O -- wie ich -mich schäme, denn dann weiß es die ganze Stadt. - - DER MANN: - -Und doch war es nur deine Eifersucht, die diesen Unsinn verursachte. - - DIE FRAU: - -Reiß mich nicht so! Sieh doch, wie wund mich die Kette gescheuert hat! - - DER MANN: - -Ja -- es ist schmerzhaft, aber du hast es gewollt! - - DIE FRAU: - -Aber deine Augen schimmerten vor Seligkeit, als ich es wollte. - - DER MANN: - -Die Ketten sind das Unbedachtsame hinieden. - - CORDATUS - (tritt barhäuptig auf. Ihm folgen Steilzack, ebenfalls barhäuptig, - Wachtler und eine Reihe von Leuten beiderlei Geschlechts, wie man - in einer Stadt einem Sonderlinge neugierig folgt). - - FESTUS - (tritt ebenfalls auf. Ein vornehmer, schöner Mann in Zylinderhut - und Gehrockanzug. Er bleibt abseits von den anderen stehn). - - DIE VERKETTETEN - (drücken sich nach dem Hintergrunde. Der Mann versucht, die Frau - fortzuziehn, aber die Frau zwingt ihn durch Widerstand, zu bleiben). - - DER MANN (gereizt): - -Der Mensch ist doch betrunken! Siehst du das nicht? - - CORDATUS (hört es): - -Ja -- ich trank Wein. Ich trank guten Wein, sehr viel. Hat euch Christus -nicht gelehrt Wein zu trinken? Er tat's. Und indem er's tat, lehrte er -euch zugleich das Geheimnis des Weins. Aber ihr habt's nicht begriffen. -Ich aber, ich begriff es; denn ich bin der ewige Mensch. - - DER MANN: - -Das ist doch unerhört, was er da spricht! Da müßte doch die Polizei -einschreiten! (Unwilliges Gemurmel.) Das hätte schon längst geschehen -müssen. Aber die Bürger fürchten das Verbrechergesindel, unter dessen -Schutz er steht. - - CORDATUS: - -Schuld und Sünde sind Bewegungen auf der Straße zur Vollendung, zur -Vollendung des Sünders und zur Vollendung der Welt. Schafft eure -bürgerlichen Gesetze ab, so gibt es keine Sünde mehr. - - DER MANN (in höchster Erregung): - -Das ist ein Skandal! - - CORDATUS: - -Und diese Schuld, das Verbrechen, kommt aus denselben Gesetzen, durch -welche Sonne, Mond und Sterne bewegt werden und durch welche die -Menschen angehalten werden, Gutes zu tun. Christus hat das verschwiegen. -Und er hat noch vieles verschwiegen, wie es überhaupt besser ist, viele -Dinge auf Erden den Menschen zu verschweigen. Aber eben dadurch hat er -ein Feuer angezündet, das brennt noch immer. Schwert und Zwietracht ist -er gewesen bis nun. - - JEMAND AUS DEM VOLKE: - -Und auch du verschweigst? - - CORDATUS: - -Ja -- ich verschweige. Doch ich werde noch einmal alles aussprechen; -denn ich bin vom Geist der Wahrheit, der noch nicht gekommen ist. - - FESTUS (laut): - -Paulus, du rasest. Die große Kunst macht dich rasend. - - CORDATUS (versteht und lächelt): - -Mein teurer Festus, ich rase nicht, sondern ich rede wahre und -vernünftige Worte. - - FESTUS (im Abgehen): - -Dieser Mensch hat nichts getan. - - CORDATUS: - -Seht, ich lehre euch die Freude und nicht das Trübe in der Liebe. - - STEILZACK: - -Jede Freude hat ein Loch. - - CORDATUS (begeistert): - -Aber neben dem Loche, da ist es heil! - - STEILZACK (rauh): - -Neben dem Loche ist es heil. - - SAAT - (stürzt blutleer schwankend in die Szene und fällt, die Hände - erhoben, vor Cordatus nieder): - -Ich bin's!! Ich bin's!!! - - CORDATUS: - -Warum denn, lieber Freund? Man muß das Schicksal niemals drängen! - - SAAT - (erhebt sich fassungslos und wankt zurück mit riesengroßen Augen - auf Cordatus): - -Das -- ist -- ein -- Idiot! - - STEILZACK (schnell ab). - - CORDATUS (erschüttert). - - TIOMA BETTY - (ist gekommen, geht auf Cordatus zu und spricht mit leiser Stimme): - -Du hast Tränen, Geliebter! - - CORDATUS (legt die Hand auf sie und sagt fest): - -Der Tau ist des Regens Hirte! - - (Er geht.) - - (Das Volk ist bestürzt und bewegt.) - - - - - Abend. Die Wohnung des Cordatus. - - CORDATUS - (sitzt in seiner Ecke auf dem Fußboden und sinnt). - - TIOMA BETTY - (tritt ein. Sie hat ein Tuch um den Kopf): - -Hier wohnst du, Freund! - - CORDATUS: - -Ja -- es ist eine gute Wohnung. Laß sie dir gefallen, Tioma Betty. - - TIOMA BETTY: - -Und du hast keinen Stuhl und keinen Tisch. - - CORDATUS (weist auf den Fußboden): - -Das ist mein Stuhl und mein Tisch. - - TIOMA BETTY - -Aber wenn du schreiben willst, Geliebter ... - - CORDATUS: - -Ich schreibe nie: denken und manchmal reden: das ist Lebenssinn. Und so -du keinen Gegenstand besitzest, wird er dir nicht Ärger und Verdruß -bereiten. - - TIOMA BETTY: - -Und wo werden wir schlafen? - - CORDATUS: - -Dies ist mein Bett, und das ist dein Bett, Tioma Betty. (Er zeigt in -verschiedene Ecken des Raumes.) Wir wollen uns zur Ruhe legen. - - TIOMA BETTY: - -Und weshalb habe ich mich so geschmückt? - - CORDATUS (legt sich nieder): - -Ich bin dein Bräutigam, Tioma Betty. Und du bist die hochzeitliche -Braut. - - TIOMA BETTY: - -Und so sollen wir leben bis ans Ende unserer Tage?! - - CORDATUS: - -Du wirst keine Sorge haben. - - TIOMA BETTY: - -Aber was werden wir essen? Welches ist deine Arbeit, die dir Nahrung -schafft? - - CORDATUS: - -Es ist für den Geist besser, daß der Körper von Wasser und Brot lebe und -nichts tue, als zu fressen und zu saufen und dabei stündlich beschäftigt -zu sein und Mißbrauch der Gliedmaßen zu treiben. - - TIOMA BETTY (ganz verlassen): - -Und ich soll mich in diese Ecke legen ... - - CORDATUS: - -Du wirst müde sein, Tioma Betty. - - TIOMA BETTY: - -Aber nein, Geliebter. Ich bin gar nicht müde. Ich setze mich zu dir, und -du sprichst. - - CORDATUS: - -Du wirst müde sein, Tioma Betty. - - TIOMA BETTY (betrübt): - -Wenn du es sagst ... - - (Sie setzt sich in ihre Ecke und legt sich dann nieder.) - -Du hast auch kein Licht, Geliebter! - - CORDATUS: - -Hüte dich vor der Dämmerung, aber liebe das Dunkel; dann kommen die -ruhigen Rinder mit riesigen Hörnern. - - (Schweigen.) - - TIOMA BETTY (aufrecht): - -Ich kann so nicht schlafen ..... Ich kann nicht! ..... Hörst du! - - (Schweigen.) - - CORDATUS: - -Steh auf, Tioma Betty. Das Bett ist gut. Es ist das Bett der ganz -Glücklichen. Aber ich will, bis du's kannst, noch dein Kissen sein. Komm -her und lagere deinen Kopf auf meiner Brust. - - TIOMA BETTY (geht schweigend zu ihm). - - CORDATUS: - -Du schweigst, und es ist gut, daß du das tust. Man muß sehr viel -schweigen auf dieser Welt. - - TIOMA BETTY - (kniet vor ihm nieder und legt sich hin, den Kopf auf seiner Brust.) - - CORDATUS: - -Tioma Betty, hast du mich lieb? - - TIOMA BETTY: - -Ich wäre nicht hier. - - CORDATUS: - -Schlafe. - - (Schweigen.) - - CORDATUS: - -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, -- schlafe ... - - TAMARA (kommt behutsam): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch! - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - TIOMA BETTY - (fährt in wahnsinniger Angst wild auf und schreit unterdrückt): - -Cordatus! -- - - CORDATUS: - -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, -- schlafe. - - TIOMA BETTY - (legt ihr Gesicht wimmernd auf seine Brust). - - TAMARA - (legt sich in die andere Ecke, richtet sich auf, legt sich wieder - hin): - -Und es zuckt und es wühlt und es windet! Wenn ich nur wüßt, welch ein -Tier das ist! - - CORDATUS: - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - TIOMA BETTY (weint krampfhaft). - - CORDATUS: - -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, -- schlafe ... - - - - - Nächster Morgen. Berggipfel. - - CORDATUS - (barhäuptig, hingestreckt, blickt in die Ferne). - - TIOMA BETTY - (kommt leise und bleibt hinter ihm stehn): - -Ein schöner Tag. - - CORDATUS: - -Ehe die Sonne hinunter ist, wirst du vor Tränen ermattet sein. - - TIOMA BETTY: - -Warum? - - CORDATUS (blickt nach ihr): - -Du hast ein Buch? - - TIOMA BETTY: - -Ja -- ein Buch. Steilzack hat deine Aussprüche gesammelt und sie -niedergeschrieben. Das ist nun »Das Cordatum«. - - CORDATUS - (nimmt das Buch, aber sieht es nicht an): - -Bücher schreiben ist eine unsittliche Handlung. Ein Buch ist immer ein -unanständig Ding. Das Lesen von Büchern aber ist das Schlimmste, denn -das ist eine verkehrte Befleckung. (Er wirft es hinaus.) Da fällt's in -die Schlucht. Dort mag's bleiben. Was ich gesprochen habe, das lebt. Man -soll's nicht sargen. - - DER DICHTER - (tritt auf, barhäuptig, achtzigjährig. Tolstoi-Maske): - -Es ist gut, daß ich dir begegne auf meinem letzten Wege. - - CORDATUS: - -Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Greis; denn du bist ein -Abtrünniger, wenngleich die Armen und Bedrängten dich preisen und das -ganze Volk vor deinem Dichtwerk auf den Knien liegt. - - DER DICHTER: - -Ich weiß, daß ich gefehlt habe, und deshalb gehe ich meinen letzten Weg. - - CORDATUS: - -Wohin führt es dich? - - DER DICHTER: - -Fort von den Meinen. Das ist es! - - CORDATUS: - -Ich will dein Strafer und dein Tröster sein. - - DER DICHTER: - -Du strafst auch? Ich glaubte, du könntest nur lieben. - - CORDATUS: - -Die Geistigschwachen und die Hundsköpfigen und die Schweinsohrigen, die -Schafsäugigen und die Kotschnäuzigen und die Eselsköpfigen -- ja -- die -liebe ich, Greis. Aber die da geistig stark sind und die Mißbrauch mit -dem Geiste treiben, die strafe ich. - - DER DICHTER: - -Ich weiß vor meinem Gott, daß ich nicht Mißbrauch des Geistes getrieben -habe. - - CORDATUS: - -Aber die Kobolde und nächtlichen Herzdrücker gingen doch nicht von -deiner Brust, denn du hast den ewigen Menschen verraten. - - DER DICHTER: - -Verraten habe ich ihn nicht! - - CORDATUS: - -So nenne mir das oberste Gesetz. - - DER DICHTER: - -Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen! - - CORDATUS: - -Das hast du getan? - - DER DICHTER: - -Ja -- soweit ich nur konnte. Und ich hab keine Schätze gesammelt. - - CORDATUS: - -Eines aber, reicher Jüngling, hast du mißachtet: »Folge mir nach!« -- -Das tatest du nicht. Du bliebst bei den Deinen. Und so ist dein halbes -Christentum schlimmer als ein ganzes Heidentum. Denn ein halbes -Christentum ist keine Religion, aber ein ganzes Heidentum ist Religion. -Das Ganze ist immer die Wahrheit. - - DER DICHTER (klagend): - -Ich sagte dir: ich gehe meinen letzten Weg. Denn nun habe ich auch die -Meinen verlassen. - - CORDATUS: - -Ja -- es ist dein letzter Weg. Denn du wirst sterben noch in dieser -Nacht. Was du von diesem Morgen des Entschlusses bis zu dieser Nacht -tust, das allein ist lebendig von dir zu ihm. - - DER DICHTER: - -Und das Kreutzerwerk, und das Evangelium, und das ganze Werk meiner -achtzig Jahre? - - CORDATUS: - -Das wird vergessen werden, Greis. Denn du hast dies alles gewußt und -_bist_ feige gewesen. Die geübte Liebe wird leben, die geschriebene -Liebe aber wird zuschanden werden. - - DER DICHTER (weint). - - CORDATUS: - -Du hast gewußt: es kann der Mensch auf dieser Welt gar nicht einsam -genug sein. Du glichst bis nun der Jungfrau, die da glaubt, ein Tier im -Bauch zu haben. - - DER DICHTER: - -So sage mir! Kann man auf Erden Christus werden? - - CORDATUS: - -Man kann es. Und wenn man es kann, dann soll man es. - - DER DICHTER: - -Bist du Christus? - - CORDATUS: - -Du sagst es. - - DER DICHTER: - -So laß mich mit dir beten! - - CORDATUS: - -Ich bete nie! - - DER DICHTER (laut weinend): - -Bist du Christus? - - CORDATUS: - -Ich bin's. Und du gehst jetzt hin, um es sterbend zu werden. Ja -- das -sei dein Trost! Du bist einen Tag in deinem Leben Christus gewesen ... -Zieh hin ... - - DER DICHTER (geht). - - TIOMA BETTY: - -Du bist hart. - - CORDATUS: - -Er wird gut schlafen. - - TIOMA BETTY: - -Mausche Michel kommt über den Berg. - - CORDATUS: - -Ich liebe ihn. Es gibt überall auf der Welt ein paar Gestalten, die -jeder kennt, weil sie außerhalb aller bürgerlichen Einrichtungen leben, -und die deshalb verlacht werden. Diese Gestalten liebe ich, denn -irgendwie verkörpern sie die Sehnsucht der Menschen. - - MAUSCHE MICHEL - (kommt unglaublich zerrissen. Er trägt einen langen, grauen Bart. - In der Hand hält er einen langen Pfahl als Stock. Über der Schulter - liegt ein Sack): - -A guten Tag. - - CORDATUS: - -Wohin, Mausche Michel? - - MAUSCHE MICHEL: - -Nu, lieber Freind, ich komm fragen, ob Ihr eppes bedarft: e Hemed, e -Röck oder Schich ... - - CORDATUS: - -Ich brauche nichts, Mausche. Auch hab ich, wie Ihr wißt, kein Geld. - - MAUSCHE: - -Ich brauch kein Geld nit vun Eich. Ihr seid a guter Menß ... (Lächelnd:) -Aber der Messias seid Ihr doch nit. - - CORDATUS: - -Was kommt's drauf an? Das Rad muß einen Stoß bekommen, wenn's -auszurollen droht! - - MAUSCHE MICHEL: - -Wos kimmern sich die Menßen ... - - CORDATUS: - -Wenn's nicht tausend sind, dann sind's hundert, und wenn's nicht hundert -sind, dann sind's zehn. Und wenn's einer lernt: der Schmerz ist das -Glück und der Sender weiß und leide mit Liebe, dann ist es genug. Es -gibt nur ein Himmelsgebirge, Mausche Michel, nur eins! - - MAUSCHE MICHEL: - -Ihr seid a großer Gelernter. Recht habt Ihr. - - (Er geht.) - - CORDATUS (zu Tioma Betty): - -Vergiß das nicht: auch die größten Christen waren Juden. - - TAMARA (kommt wiegenden Schritts): - -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch. - - CORDATUS (schweigt). - - TAMARA (zögernd): - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. (Sie erschrickt). - - TIOMA BETTY (erhebt). - - TAMARA (geht langsam vorüber): - -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. - - CORDATUS (erhebt sich): - -Nein -- es ist nichts. -- Laß uns zu Tale steigen. Die Menschen rühren -sich in den Niederungen. - - TIOMA BETTY: - -Ich fürchte mich vor den Tälern der Menschen. - - CORDATUS: - -Bleibe auf dem Gipfel. (Er geht schnell ab). - - TIOMA BETTY (folgt ihm langsam, erstaunt). - - STEILZACK - (kommt mit mehreren Männern, darunter Saat und der verkettete - Mann): - -Dort geht er hinunter. Und die Stadthure folgt ihm in der Entfernung. - - DER VERKETTETE MANN: - -Am Steinbruch können wir ihn erreichen. - - SAAT: - -Ja -- am Steinbruch. - - STEILZACK: - -Kommt. - - (Sie gehen.) - - SAAT - (bleibt plötzlich zurück, wankt hin und her, fällt in die Knie und - zittert heftig. Dann faltet er die Hände empor und ächzt): - -Es haben größere Menschen als ich an Gott geglaubt, größere Menschen! -Weshalb gabst du mir, Gott, Eigenschaften, die mich schuldig werden -lassen mußten!!! - - WACHTLER (kommt angetrippelt): - -Ja -- mein Freund, die Reue ist etwas Verspätetes. - - SAAT - (springt in heftiger Aufwallung hoch): - -Stören Sie mich nicht, Mann! - - WACHTLER: - -Und nun wollen sie den heiligen Cordatus steinigen! Schlecht sind die -Menschen, Herr. Schlecht! Die Menschen schämen sich, und aus Scham sind -sie schlecht, sage ich Ihnen. Auch Christus wurde getötet, weil sich die -Menschen vor ihm schämten. Greulich, au-ßer-or-dent-lich greulich!!! -Haben Sie verstanden?!! -- - - SAAT (weicht zurück): - -Ich weiß nicht -- -- -- - - WACHTLER (mit steigender Erregung): - -Aber dann kommt das Gesetz, Bursche, hörst du, das Gesetz! Und dann -werdet ihr gestraft, nicht weil ihr dies oder jenes getan habt, das tun -bessere Menschen auch, sondern weil ihr es verludert habt, das Gute und -die Liebe in den Dingen zu suchen. Und du stehst vor einem -unbegreifbaren Gericht, schweißig, naß wie ein Lamm, das von hinten -gesogen hat! Ja -- die Frucht wollt ihr nicht, aber die Wollust darf -euch nicht genommen werden. Dafür schwebt stündlich das Beil des Henkers -über euch. Und einmal fällt es ganz plötzlich! Ihr aber könnt nicht mehr -den letzten Gang des Menschen zum Topfe machen. Ihr könnt euch nicht -verstecken, wie die Tiere und Vögel es tun, wenn sie sterben. Ihr seid -verurteilt, mit Kot in den Hosen vor sittsamer Leute Augen zu verrecken! -Dann wird euch das Wort fehlen, das jener, den ihr dort mit Steinen -totschlagt, gelehrt hat: Leide mit Liebe!! -- Leide mit Liebe!!! -- -- --- Ich bin ein Faun, ja -- aber dann ist im Faun Liebe und natürliche -Kraft! - - SAAT - (steht vernichtet. Nach einer Weile): - -Der -- Leichnam ist noch immer nicht gefunden worden. - - WACHTLER (unheimlich): - -Nein -- hier -- ist er -- Bube! - - DER VATER - (tritt auf. Die Stirn ist hochgeschwollen, die Haut in der Mitte - geplatzt. Das Gesicht ist mit geronnenem Blut bedeckt. Zwei irre - Augen stieren umher). - - SAAT - (steif wie eine Säule, streckt er beide Arme ganz steil aufwärts). - - WACHTLER - (steht gespannt in schiefster Haltung): - -Der Körper lebt. Nur der Geist ist tot. - - (Des Vaters Augen bleiben plötzlich auf Saat sitzen und werden - immer größer.) - - DER VATER (mit ruhiger Verwunderung): - -Herr Jesus, das ist er ja ... Herr Jesus, das ist er ja! - - (Er zuckt zusammen, streckt beide Hände wie zur Abwehr weit vor - sich und schreit): - -Das Beil!!! - - (Dann läßt er die Arme sinken. Eine Welle Wut rinnt über ihn.) - - SAAT - (stößt ein unmenschliches Geheul aus, einem Wolfsgeheul ähnlich. - So stürzt er schwankend davon). - - DER VATER - (folgt ihm mit taumelnden Schritten). - - WACHTLER - (sammelt alle Kräfte und sinnt in die Weite): - -Ja -- -- -- immerhin -- -- -- spannend -- -- -- - - - - - Später. Ein Abend auf dem Berge. - - TIOMA BETTY und SANNA - (sehr einfach, zum Teil abgetragen, gekleidet. Das Haar tragen - sie zu langen Zöpfen geflochten). - - TIOMA BETTY: - -Es wird feucht in den Tälern. Und die Lichtketten fangen an zu tanzen. - - SANNA (auf der Erde sitzend): - -Wollen wir hinabgehn nach der Stadt oder hier oben übernachten im leeren -Raume? - - TIOMA BETTY: - -Hier oben im leeren Raume, denke ich ... - - SANNA (zögernd): - -Das ist so schmerzvoll. - - TIOMA BETTY: - -Ich glaube, du hegst noch immer eine Furcht. - - SANNA: - -Was kann man uns tun. Man hat uns schon alles getan. - - TAMARA - (kommt und bleibt abseits stehn). - - TIOMA BETTY: - -Man darf das Blut nicht hemmen, wenn es brausen will, Sanna. Wir leben, -und das heißt verbrauchen und Beziehungen zum Sender durch den Heiland -suchen. - - SANNA: - -Wenn ich die Sterne sehe und den Sommer atme, dann will ich den Gott -unmittelbar. - - TIOMA BETTY: - -Lebe deinen Tag und lebe deine Nacht. Gott nimmt den Menschen niemals -anders als durch den Heiland, den er gesandt hat, und unter dessen Stirn -eine Erdperiode steht. - - SANNA: - -Wer hat dir das alles gesagt? - - TIOMA BETTY: - -Ich habe mir ein Buch heraufgeholt, das lag dort unten in der Schlucht, -und da ist das alles ausgesprochen. - - TAMARA (noch immer abseits): - -Er hat mich gesund gemacht. Wenn ich ihm danken könnte mit meinem Leben, -danken ... - - (Tiefes Schweigen.) - - TIOMA BETTY: - -Ob sie ihn nicht doch noch in den Fluß geworfen haben? - - TAMARA: - -Die Wellen hätten ihn wie einen König vor sich hergetragen, und die -Fische hätten ihn auf den Sand gehoben. Und dann hätten die Vögel -geschluchzt und die Tiere geweint, der Mond aber wäre von selber -verlöscht in der Nacht. - - SANNA (ist aufgestanden): - -Es gibt Menschen -- so las ich einmal in einem Buche ohne Orthographie --- es gibt Menschen, deren Leichnam weder Wasser noch Erde verbergen -kann. Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn -auf den Acker. - - TIOMA BETTY: - -Und warum? - - SANNA: - -Weil dieser taumelnde Ball die erlösende Wucht seiner Seele als Schmerz -empfunden hat. Das stand so in diesem alten Buche geschrieben. - - TAMARA (tritt unruhig herzu): - -Ich fürchte diese einsamen Männer, die immer so steif und einzeln am -Abend in der Landschaft stehn. Warum ist es niemals eine Frau ... - - TIOMA BETTY (nachdenklich wiederholend): - -Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf den -Acker. - - SANNA: - -Das stand da so schön geschrieben, Tioma Betty, zum Weinen schön -geschrieben. - - TIOMA BETTY: - -Man kann es immer noch einmal sagen: Die Wogen speien ihn aus, und die -Erde bricht auf und wirft ihn auf den Acker. - - TAMARA: - -Jetzt ist er ganz nah bei uns -- -- der Mann. -- - - EIN FREMDER MANN - (tritt auf, bleibt aber ganz hart an der Seite stehn und blickt - teilnahmlos aber unverwandt ins Weite hinaus. Seine Kleidung ist - vollkommen zerrissen, sein blonder Vollbart ungepflegt und - zerzaust. Sein Antlitz ist hohl und läßt auf große Anstrengungen - schließen). - - (Die Frauen stehen hart auf der gegenüberliegenden Seite, nicht - furchtsam gerade, doch vielleicht ein wenig betreten.) - - SANNA (leise): - -Laßt uns zur Stadt hinuntergehn. - - TIOMA BETTY: - -Fürchtet nichts. Ich bin stark. -- Bleibet auf dem Berge, nur hier -könnten wir ihn treffen, so er noch einmal zu uns kommen sollte. - - SANNA: - -Es ist ja so lange her. - - DER FREMDE MANN (fern und ruhig): - -Wen sucht ihr, Mädchen ... - - (Schweigen.) - - DER MANN: - -Ich kenne alle Pfade auf der Erde, und jeder Fußdruck ist mir flüssig in -der Menschheit. - - SANNA (leise): - -Antworte ihm, Tioma Betty. Er ist arm und bloß. - - DER MANN: - -Und wenn die schweren Sommerregen durch die Lande streichen und der -Boden Schlamm wird und ungewiß, so weiß ich dennoch alle Schritte aller -Wesen, denn sie sind durch ihn und mich zu den Dingen. - - TAMARA: - -Tioma Betty, sage ihm doch ein Wort. - - DER MANN: - -Armut bindet. Ich bin euer Bruder, wenn ihr arm seid. - - TIOMA BETTY: - -Und doch birgt ein Wort für verschiedene Menschen immer verschiedene -Begriffe. So ist überall immer Babel auf Erden. - - DER MANN: - -Das ist es. Denn die Menschen haben zuviel Worte erdacht. Dort steigt -der Mond, ein Lichtschnitt am Firmament. Hätten die Menschen doch das -Rätsel des nächtlichen Feuerzeichens am Himmel ertragen, ohne durch ein -Wort zu der Summe der irdischen Begriffe zu drängen, nie wäre der Mensch -auf Erden Bürger geworden, sondern Mensch. Vergeßt den irdischen Namen -des rätselhaften Gestirns, und es sei Liebe unter dem leuchtenden Bilde -und Schweigen, und die unsicheren Dichter werden nicht mehr sein. - - SANNA: - -Es ist seltsam in dieser Zeit, daß die Menschen alle anfangen, von den -wahrhaftigen Dingen zu reden. - - DER MANN: - -Die Menschen beginnen langsam wieder zu denken. Die auf den Bergen und -an den großen Wassern haben schon immer gedacht. Und nun sind die Berge -und die großen Wasser auch zu den anderen gekommen. - - TIOMA BETTY: - -Kennst du Cordatus? - - DER MANN: - -Ein Name ist ein Begriff, unter dem man sich dieses oder jenes -vorstellt. Ab er es gibt nur eine Weltanschauung, denn es gibt nur einen -Gott. Und diese eine Weltanschauung hat der Mensch nur dann in voller -Reinheit errungen, wenn er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand -mehr ausspürt. - - SANNA: - -Kennst du Cordatus? - - TAMARA: - -Er lebte wie die Lilien auf dem Felde und wie die Vögel unter dem -Himmel, frei, ganz frei und auch so frei den Steinwürfen der Menschen -ausgesetzt. - - DER MANN: - -Wenn ich dem emsigen Treiben der Vöglein zuschaue, ist mir, als müßte -ich gleich in ihre Nester kriechen. - - TIOMA BETTY (nachdenklich wiederholend): - -... so er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand mehr ausspürt. - - SANNA: - -Lebst auch du den letzten Heiland Christus? - - DER MANN (tritt näher): - -Lasset uns von Christo reden. - - TIOMA BETTY: - -Um die christlichen Dinge ist es schlecht auf Erden bestellt, denn es -rufen _alle_ Priesterlichen zu dem Heiland: Salbater, Salbater, Salbater -... - - SANNA: - -Sprich, was du glaubst ... - - (Die Mädchen treten näher.) - - DER MANN: - -Christus sprach: Ich will den Vater bitten, daß er euch einen anderen -Tröster gebe, der bei euch bleibe ewig. Und der Tröster, das ist der -heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, wird euch -alles lehren und euch erinnern alles dessen, das ich euch gesagt habe. -Wenn dieser Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle -Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von ihm selber reden, sondern was er -hören wird, das wird er sagen, und was zukünftig ist, wird er euch -verkündigen. Derselbe wird mich verklären ... - - TIOMA BETTY: - -Und du glaubst -- -- -- - - DER MANN: - --- -- -- daß ein Heiland diese Welt bis in alle Ewigkeit erkannt hat! -Seht -- der Tröster ist noch nicht gekommen in die Menschheit. Denn das -Feuer, das der Heiland Christ entzündet hat, brennt noch immer. Doch es -wachsen die wahrhaftigen Streiter ringsher und verkünden, daß auch -Christi Wunder nur Gleichnisse sind. Und die Verkünder sind nicht -Schriftner mehr, sondern Dichter, die ihr Leben als ein Dichtwerk leben! -Das sind die Großen, die den Wind bewegen und auf Erden himmlisch sind. - - TIOMA BETTY: - -Und die Stadt Jerusalem, die vorerst zerstürzen soll? - - DER MANN: - -Jede Stadt ist Jerusalem! Zu den Menschen darf man nur in Bildern reden, -denn der Worte Sinn ist vielfach und verändert sich im Lauf der Zeit. - - TAMARA (ängstlich): - -Und so ist nichts vollendet, und wir stehen mitten drin -- -- -- - - DER MANN: - -Dein Hirn schreit -- und du weißt keinen Ausweg. Du aufheulst in Nacht -aus dem Leibe! Doch der Geist der Wahrheit wird die Schlacht gewinnen. -Jetzt ist die Zeit, da der heilige Geist über alle kommt. - - (Er wendet sich zum Gehen.) - - TIOMA BETTY: - -Bleibe bei uns diese Nacht bis zum Morgen. - - DER MANN: - -Ich muß wandern. Ich muß wandern. Freundlich sind die Straßen in der -Nacht. Ich muß wandern, immer weiter, weiter wandern ... Wachst, -Kindlein, wachst! Der Fürst der Welt braucht Kämpfer für sein Reich! - - (Er geht.) - - (Schweigen.) - - SANNA: - -Wie es plötzlich dunkel um uns ist. - - TAMARA: - -Alles Licht von außen hat er mitgenommen. - - TIOMA BETTY: - -Innen brennt's ... Und die Wärme wird den Wind bewegen. Und Jerusalem -wird zerbrechen. Und ich seh die Menschen auf den Fluren wie die Bäume -und die Blumen leben: lächeln, atmen, lieben und bewegungslos schauern -oder auch in den erschütternden Welt- und Schicksalswinden eine -ergreifende Erhabenheit in das helle All rauschen. - - SANNA (in unverhoffter Starre): - -Tioma! Tioma Betty!! Halte mich fest, halte mich ganz, ganz fest!!! - - (Sie hängt an ihrem Arme.) - - TIOMA BETTY (groß und ruhig): - -Du weißt es! -- - - SANNA - (am ganzen Körper fliegend): - -Tamara -- geh -- geh -- fasse ihn -- Cordatus! -- (Sie ruft hinaus): -Cordatus!!! Eile! O Gott -- eile doch. Ich kann nicht! Weshalb habt ihr -nicht erkannt! Weshalb wart ihr blind! blind!! blind!!! Fasse ihn -- -fasse ihn in der Nacht!! - - (Sie springt hinaus.) - - TAMARA - (mit großen Augen schwankend hinterher): - -Dank, Dank, Dank, Dank -- -- -- - - TIOMA BETTY (leuchtet): - -Und sie erkannten ihn nicht! -- Nun greifen wir ihn nicht mehr mit den -Händen ... - - - ENDE - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 47]: - ... sind die Großen, die den Wind bewegen nnd auf Erden ... - ... sind die Großen, die den Wind bewegen und auf Erden ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der ewige Mensch, by Alfred Brust - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EWIGE MENSCH *** - -***** This file should be named 52334-8.txt or 52334-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/3/3/52334/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der ewige Mensch - Drama in Christo - -Author: Alfred Brust - -Release Date: June 15, 2016 [EBook #52334] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EWIGE MENSCH *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<div class="rightpic logo" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -ALFRED BRUST -</p> - -<h1 class="title"> -DER EWIGE MENSCH -</h1> - -<p class="subt"> -DRAMA IN CHRISTO -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">KURT WOLFF VERLAG</span><br /> -<span class="line2">MÜNCHEN</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -Bücherei „Der jüngste Tag“ Band 78 -</p> - -<p class="printer"> -Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig. -</p> - -<p class="cop"> -Copyright by Kurt Wolff Verlag · München 1919 -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -GESTALTEN -</h2> - -<p class="dpers"> -CORDATUS<br /> -TAMARA<br /> -SANNA<br /> -STEILZACK<br /> -SAAT<br /> -WACHTLER<br /> -TIOMA BETTY<br /> -DIE VERKETTETEN<br /> -FESTUS<br /> -DER DICHTER<br /> -MAUSCHE MICHEL<br /> -DER VATER<br /> -ALLERHAND VOLK -</p> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-2" title="1. Akt"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -</h2> - -<p class="d"> -<span class="d">Morgen. Ein großer leerer Raum mit rissigen Wänden in einem -verfallenen Gebäude. Die Wohnung des Cordatus.</span> -</p> - -<p class="noindent c"> -CORDATUS <span class="d">(ein Mensch von 30 Jahren, sitzt in abgetragener -Kleidung in einer Ecke des Raumes auf dem Erdboden und blickt -lächelnd vor sich nieder. Er hat einen dünnen, langen Vollbart. Sein -Gesicht zeigt Spuren außerordentlicher Schönheit und geistiger Höhe -und Frische. Er spricht alles ganz langsam, klar und deutlich aus. -Es gibt in keinem Wort Überstürzung bei ihm. Jedes Wort ist voll -warmer drängender Liebe und erschüttert, zuweilen durch eine kleine -Bewegung unterstützt. Diese Bewegungen sind aber so sehr selten, -daß sie stets auffallen. In der Hauptsache ist er bewegungslos und -versteht es, diese Bewegungslosigkeit seiner Umgebung unmittelbar -mitzuteilen.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(ein schönes sechzehnjähriges Mädchen, geht mit schleppenden Schritten -diagonal durch den Raum. Sie ist dürftig gekleidet)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(setzt ihre Wanderung fort. Hin und wieder bleibt sie stehn wie in -lähmendem Schreck und wiegt den Körper dann hin und her)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -<span class="firstline">SANNA</span><br /> -<span class="d">(ein liebreizendes Fräulein, vornehm gekleidet, öffnet leise die Tür, -blickt vorsichtig hinein und tritt dann mit großen erstaunten Augen -in den Raum. Sie erblickt Tamara, die in einer Ecke stehengeblieben -ist und sich in den Hüften wiegt, nicht)</span>: -</p> - -<p> -Guten Morgen, Cordatus. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(ohne Verwunderung und von Herzen freundlich)</span>: -</p> - -<p> -Du kommst zu mir, Schwesterlein. Setz dich und gib -mir deine Hand. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Die Hand geb ich dir, aber setzen kann ich mich doch -nicht. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du glaubst gar nicht, wie wunderschön das ist, wenn -du dich hier nicht setzen kannst. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Das müßte doch in deinen Augen häßlich sein. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -In meinen Augen ist niemals etwas häßlich. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Aber du fragst gar nicht, weshalb ich zu dir gekommen -bin ... -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist doch schön hier draußen; dies verfallene Haus -vor der Stadt und die wundersüße Wildnis ringsher! -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Weshalb bist du dann nicht im Freien? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich arbeite noch ein wenig. Draußen kann ich nur -fühlen. -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(beginnt wieder ihre Wanderung durch den Raum)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SANNA</span><br /> -<span class="d">(fährt herum und blickt mit starren Augen und blassem Gesicht auf -das Mädchen)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(nimmt keine Notiz von Sanna)</span>. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Das — das — was ist dieses, Cordatus?! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ein fremdes Kind, das da glaubt ein Tier im Bauche -zu haben. Ich will es heilen durch mein Wort. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Aber — aber weshalb denn ein Tier? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Das sind so die Jahre. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Und — — — <span class="d">(sie sammelt sich)</span> wohin gehst du zu Tisch? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Zu Tisch? Ich weiß nicht. Vielleicht kommt eine Wölfin, -mich säugen. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Pfui! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Pfui? Du bist allerliebst, kleine Schwester. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -So höre, Bruder. Ich bin aus einem großen Grunde zu -dir gekommen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Gewiß, auch die kleinen Gründe sind bedeutend. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(eifrig)</span>: -</p> - -<p> -Ja — sieh mal. Das wird dir schon einleuchten, was -ich dir sage. Die Eltern meinten zwar, das hätte keinen -Zweck. Aber ich sagte ihnen, Cordatus habe mich lieb -und werde mir meinen Herzenswunsch erfüllen. Und ich -redete so lange, bis sie zu hoffen begannen. Und heute -früh, als ich fortging, da weinten sie vor Hoffnung. — -Hörst du, Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich muß lieben, Kind. Versteh mich recht! Ich bin geboren, -um zu lieben. Ich müßte jetzt ein Beil nehmen, -das ich nicht habe, und dich damit schlagen. Da ich aber -lieben muß, kann ich dich nur mit der Liebe schlagen. -Und das ist so sehr schmerzvoll für dich. Denn wenn ich -dich mit dem Beil schlüge, würdest du mich hassen, denn -dein Körper haßt den Schmerz; da ich dich aber mit der -Liebe schlage, trifft es deine Seele, und die liebt mich, -wenn ich ihr wehe tu. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Und weshalb denn willst du mich schlagen? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Weil du ein schönes Kind bist, in das sich mein Versucher -gesteckt hat, um mir das Glück zu stören. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(klagend)</span>: -</p> - -<p> -Du willst nicht zurückkehren! — -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Nie, nie, nie! Geh heim — und werde glücklich. Und -wenn du es nicht können wirst, dann komm zu mir! Ich -will dich’s lehren, denn ich bin’s. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -TAMARA <span class="d">(plötzlich laut)</span>: -</p> - -<p> -Und es zuckt und es wühlt und es windet. <span class="d">(Überlaut:)</span> -Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch!! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(wieder unendlich beruhigend)</span>: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Wir werden alle weinen, die alten Eltern und ich. Wir -haben schon soviel geweint um dich, denn du hast uns -ja so unglücklich gemacht — mit deinem Glück. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ja — ich habe euch immer mit der Liebe geschlagen. -O, daß ich euch mit dem Beile schlagen könnte! — Laß -mich allein, Mädchen! -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Soll — soll ich dir etwas schicken? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Versuche mich nicht! Der Versucher weiß, daß ich noch -nicht auf dem Gipfel meiner Stärke bin. Geh hin. Ich muß -noch arbeiten. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(schüttelt den Kopf und geht)</span>: -</p> - -<p> -Lebwohl. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(sitzt und sinnt bewegungslos)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">STEILZACK</span><br /> -<span class="d">(tritt barhäuptig ein und stellt sich nachdenklich in die Mitte des -Raumes. Er ist ähnlich Cordatus gekleidet)</span>: -</p> - -<p> -Ich habe etwas gesehn. Drei Menschen hab ich gesehn. -Und das bewegt mich. Drei Menschen an diesem jungen -Tag. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Drei Menschen können dich nicht bewegen, Steilzack. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -STEILZACK: -</p> - -<p> -So bewegt mich denn ein Geschehen. Ja — ein Geschehen -bewegt mich; ein Geschehen um drei Menschen. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ein Geschehen um drei Menschen ist auch ein Geschehen -um die Welt. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Sag mir, Cordatus, lieber Herr, darf man einen Menschen -töten? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Die Menschen kommen immer zu mir, um diesen -Raum mit Tragödie auszufüllen. Das ist nicht gut von -den Menschen. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Aber darf man einen Menschen töten? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Man darf nicht, aber man muß. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Das ist ein gefährliches Wort. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich weiß, daß ich ein gefährlicher Mensch in der -Menschheit bin. Aber ich liebe. Und alle Liebenden sind -gefährlich. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(kniet in einer Ecke nieder und winselt)</span>: -</p> - -<p> -Und es ist ein Tier. Und es ist ein Tier. Wenn ich -nur wüßt, welch ein Tier das ist! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(ruhig und fest)</span>: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Man darf nicht, aber man muß! Aber dann gibt es -Gesetze. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ja — Gesetze muß es geben, damit die Unschuldigen -gestraft werden und die Sünder sich freuen können. -Das alles ist ganz außerordentlich wichtig, sage ich dir. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Aber hier — hier ist doch jemand erschlagen worden! -Verstehst du: mit einem Beile erschlagen! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich verstehe dich recht: eine Kraft hat etwas zerstört. -Ein Leben hatte sich erfüllt, und da mußte auch die -Form zerbrochen werden. Und da traf die Form im -Niedergang ihrer Tage eine Kraft in den Stunden eines -Aufgangs. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Und ich sah, wie die Kraft das Beil dieser Form -mitten in die Stirn hieb. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du sahst drei Menschen. Und es geschah große Bewegung. -Da kamst du zu mir! -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Nach den Gesetzen der Menschen muß jetzt auch -diese Kraft getötet werden. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Das ist nicht immer nötig, aber vielleicht. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -So sage mir, soll ich hingehn und anklagen? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du sollst lieben. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK <span class="d">(laut)</span>: -</p> - -<p> -Freund, es ist dein Vater, der erschlagen worden ist! -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(erhebt sich steil, nimmt seine ganze Kraft zusammen und spricht -ihm ins Gesicht)</span>: -</p> - -<p> -Du sollst lieben! -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(die wieder wandert und wiegt)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Und ich sah den Mörder und weiß sein Gesicht. -Und dann sah ich die liebliche Schwester ahnungslos -in der wundersüßen Wildnis hier! Soll ich anklagen, -Cordatus?! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du sollst lieben! Oder geh von mir. Geh von mir, -wenn du nicht lieben kannst! -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Weshalb denn mußte ich das alles sehn? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Das ist Schicksal. Jeder Blick, den wir tun, ist Schicksal -und hat Bedeutung. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(tritt auf und blickt sich fremd um)</span>. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK <span class="d">(in schmerzvoller Bewegung)</span>: -</p> - -<p> -Cordatus!! -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(ängstlich)</span>: -</p> - -<p> -Ich heiße Saat, wissen Sie. Und Sie sind ein gerechter -Mensch, wird gesagt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn du Gerechtigkeit willst, so gehe zu den Richtern. -Denn ich bin ungerecht. -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(flehentlich)</span>: -</p> - -<p> -Ich möchte Sie, ich möchte dich gern allein sprechen, -Cordatus! Ich möchte dich gern allein sprechen. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn du Schicksal hast, von dem du nicht zu allen -sprechen kannst, so schweige lieber. Denn man soll ein -Ding zu allen Menschen sagen können oder schweigen. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Ich bitte dich um eine Ausnahme. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Bist du so schwach, daß du nicht schweigen kannst? -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Ich bin schwach. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Frage mich! -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Gibt — gibt es Schuld? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es muß Schuld geben. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK <span class="d">(wendet sich ab)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Steilzack! -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Ich höre, Herr! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ist es dieser? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Er ist es! -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(versteht nicht)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(sanft zu Saat)</span>: -</p> - -<p> -Bleibe bei uns. Und laßt uns jetzt hinausgehn auf den -Berg. Da ist viel Licht. Und da sind alle Dinge ganz -anders. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er geht voran. Saat und Steilzack sehen einander ungewiß an -und folgen ihm langsam)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(laut hinterher)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch, Herr! -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(blickt sich verstört um)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-3" title="2. Akt"> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -</h2> - -<p class="d"> -<span class="d">Die Stadt. Ein freier Platz. Im Hintergrunde eine Reihe Häuser.</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(steht im Vordergrunde, die Hände in den Taschen und blickt zu Boden)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">WACHTLER</span><br /> -<span class="d">(kommt. Ein altes Männchen mit listigen Augen voller Neugierde. -Er bleibt dicht bei Saat stehn und betrachtet ihn mit großer Aufmerksamkeit)</span>: -</p> - -<p> -Ehemmhemm!! -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(sieht sich schnell um)</span>. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -So macht man sich bemerkbar. Ja — sehn Sie, Herr. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(wendet sich ihm voll zu und blickt ihn fragend an)</span>. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ich heiße Wachtler. Sie sind ganz fremd in der Stadt, -wie ich sehe. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Wie können Sie das wissen? Die Stadt ist doch sehr -groß. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ja — die Stadt ist groß, aber die Menschen sind klein. -Je größer die Stadt, desto kleiner die Menschen. Aber -trotzdem: ich weiß alles. Es ist geradezu beängstigend -<em>was</em> ich alles weiß. Es gibt in allen Städten Menschen, -die immer alles wissen! Alles! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -SAAT: -</p> - -<p> -Zum Beispiel ... Ich verstehe gar nicht. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ja — es ist heute sehr aufregend in unserer Stadt. -Von dem Skandal in der Kirche hörten Sie wohl! Nicht? -Der heilige Cordatus hat da den Gottesdienst gestört, -den Pfarrer von der Kanzel vertrieben und ein Viertelstündchen -selber gepredigt, wovon die Leute alle außerordentlich -erbaut waren. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ja — Sie warten doch hier auf ihn, wie ich sehe. -Warten Sie nur, es dauert nicht mehr lange, so wird -er dort um die Ecke kommen. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ja doch, sage ich Ihnen. Jetzt ist er noch in den Herbergen, -kleinen Kneipen und Diebesspelunken herum, -wo die Verbrecher und Betrüger, die Armseligen und -Bedrängten und schlimmen Leute ihre Zeit fristen. Die -Bürger dieser Stadt behaupten, er lehre diesen zweifelhaften -Wesen das lichtscheue Handwerk — aber ich glaube -nicht, was die Bürger sagen. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Und Sie warten hier auch auf Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ja — er wird dort an der Ecke stehn bleiben und jedem -Menschen, der es will, eine wichtige Lebensfrage beantworten. -O — die jungen Mädchen und Frauen bedrängen -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -ihn dann sehr. Und die alten Weiber sitzen herum und -weinen. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Und die Männer wollen nichts von ihm wissen ... -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Hm! Wissen Sie, das ist anders. Die Männer suchen -ihn lieber insgeheim auf. Öffentlich sind sie ihm nicht -wohlgesonnen. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(eine schöne stattliche Dame geht, mit den Augen in der Ferne suchend, -vorüber)</span>. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(blinzelt Saat zu)</span>: -</p> - -<p> -Das ist Tioma Betty, unserer Stadt Immerbeweger, -eine heiße Hübscherin; aber seit vier Wochen keusch und -züchtig. Sie muß ein Gelübde abgelegt haben. Wem? -das werde ich in einer Stunde erfahren. — Ha! Jetzt -wird es lebendig! -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Ich sehe nichts. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Nein, Herr! Sie sehen nichts. Aber ich sehe dort den -Polizeigewaltigen unserer Stadt hin und her spazieren. -Der vornehme Herr dort, der sich den blauen Himmel -besieht. Er heißt Festus, wissen Sie, Festus, wie der -Landpfleger in der Apostelgeschichte, dem sich Paulus -zu verantworten hatte. Ja — Festus. -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(vorsichtig)</span>: -</p> - -<p> -Was soll denn das da geben? -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(mit prüfendem Blick)</span>: -</p> - -<p> -Das kann eine ganz besondere Geschichte sein. Aber -ich glaube nicht, daß es die besondere Geschichte ist. -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Dazu ist es noch zu frühe. Dieser Festus ist jedoch dem -heiligen Cordatus wohlgewogen. Dessen Vater ist nämlich, -müssen Sie wissen, der reichste Mann in der Stadt. -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(erstaunt)</span>: -</p> - -<p> -Sein Vater lebt in dieser Stadt? -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Ehemm! Ja. Lebt. Hat gelebt ist wohl richtiger. Aber -das weiß noch kein Mensch, daß dieser Vater schon gelebt -<em>hat</em>. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Jetzt verstehe ich Sie gar nicht. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Das will ich meinen. Sie wissen nichts. Sie sind ja -fremd hier. Aber deshalb will ich’s Ihnen gern sagen. -Dieser Vater ist heute früh im wilden Stadtwald mit -einem Beile erschlagen worden. -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(schreit wie gelähmt)</span>: -</p> - -<p> -Sein Vater! Das ist ja gar nicht möglich!! Herr!! -Hören Sie doch! <span class="d">(Er greift ihn an.)</span> -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Werden Sie nicht so auffällig, junger Mann. Sehen Sie -dort: der Festus ist schon aufmerksam. Ja — man muß -immer vorsichtig sein. Aber bleiben Sie ganz ruhig. Ich -werde nichts sagen. Das tue ich nie. Ich schaue nur -immer zu und weiß von nichts. So werde ich nie hineingezogen. -<em>Das</em> nenne ich Leben! Man wird die Leiche -finden; dann wird man mit allen Errungenschaften der -Kriminalistik nach dem Verbrecher forschen. Wissen Sie, -so vom Mord bis zur Hinrichtung den ganzen Werdegang -einer Sache, die man im voraus mit allen Finessen -kennt, zu beobachten, ist außerordentlich wohltuend. -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Aber um Gotteswillen, beruhigen Sie sich doch, Herr! -Ich bin in der Tat wie das Grab. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(versucht es, schnell fortzugehn, schwankt aber hin und her und kommt -schließlich nur langsam vom Platze)</span>. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(sieht ihm eifrig nach)</span>: -</p> - -<p> -Sehr — spannend — ja —. Da kommt auch Cordatus. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Stolpert mit kleinen Schritten hinterdrein.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">DIE VERKETTETEN</span><br /> -<span class="d">(ein Mann und eine Frau, kommen. Der Mann geht rechts und die -Frau links. Sie sind, nicht sichtbar, unten am Handgelenk durch -eine Kette verbunden)</span>. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ich will von dem Menschen nichts wissen. Komm fort, -wir gehn hinaus auf die Felder. -</p> - -<p class="c"> -DIE FRAU <span class="d">(klagend)</span>: -</p> - -<p> -Du bereitest mir niemals eine Freude, niemals! Und -besonders dann nicht, wenn ich dich um etwas bitte. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Aber Kind, sieh hin. Er ist ein Hanswurst. Nichts -weiter. -</p> - -<p class="c"> -DIE FRAU <span class="d">(dem Weinen nahe)</span>: -</p> - -<p> -Was ich für heilig ansehe, das trittst du mit Füßen. -Und du bringst mich soweit, daß ich verrückt werde an -deiner Seite. Das willst du auch, scheint mir, nur erreichen. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Weshalb denn haben wir uns nur durch die Stahlkette -so zusammengeschlossen, und weshalb ließ ich dich -nur den Schlüssel ins Wasser werfen? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -DIE FRAU: -</p> - -<p> -So schnell bereust du das? Doch ja — ich bereue es -auch schon. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ich glaube, wir sind beide verrückt gewesen. Denn -wir können uns ja nicht einmal entkleiden! -</p> - -<p class="c"> -DIE FRAU <span class="d">(weinend)</span>: -</p> - -<p> -Wir müssen zu einem Schlosser gehn und uns trennen -lassen. O — wie ich mich schäme, denn dann weiß es die -ganze Stadt. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Und doch war es nur deine Eifersucht, die diesen -Unsinn verursachte. -</p> - -<p class="c"> -DIE FRAU: -</p> - -<p> -Reiß mich nicht so! Sieh doch, wie wund mich die Kette -gescheuert hat! -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ja — es ist schmerzhaft, aber du hast es gewollt! -</p> - -<p class="c"> -DIE FRAU: -</p> - -<p> -Aber deine Augen schimmerten vor Seligkeit, als ich -es wollte. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Die Ketten sind das Unbedachtsame hinieden. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(tritt barhäuptig auf. Ihm folgen Steilzack, ebenfalls barhäuptig, -Wachtler und eine Reihe von Leuten beiderlei Geschlechts, wie man -in einer Stadt einem Sonderlinge neugierig folgt)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">FESTUS</span><br /> -<span class="d">(tritt ebenfalls auf. Ein vornehmer, schöner Mann in Zylinderhut -und Gehrockanzug. Er bleibt abseits von den anderen stehn)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -<span class="firstline">DIE VERKETTETEN</span><br /> -<span class="d">(drücken sich nach dem Hintergrunde. Der Mann versucht, die Frau -fortzuziehn, aber die Frau zwingt ihn durch Widerstand, zu bleiben)</span>. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN <span class="d">(gereizt)</span>: -</p> - -<p> -Der Mensch ist doch betrunken! Siehst du das nicht? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(hört es)</span>: -</p> - -<p> -Ja — ich trank Wein. Ich trank guten Wein, sehr viel. -Hat euch Christus nicht gelehrt Wein zu trinken? Er -tat’s. Und indem er’s tat, lehrte er euch zugleich das -Geheimnis des Weins. Aber ihr habt’s nicht begriffen. -Ich aber, ich begriff es; denn ich bin der ewige Mensch. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Das ist doch unerhört, was er da spricht! Da müßte -doch die Polizei einschreiten! <span class="d">(Unwilliges Gemurmel.)</span> Das -hätte schon längst geschehen müssen. Aber die Bürger -fürchten das Verbrechergesindel, unter dessen Schutz er -steht. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Schuld und Sünde sind Bewegungen auf der Straße -zur Vollendung, zur Vollendung des Sünders und zur -Vollendung der Welt. Schafft eure bürgerlichen Gesetze -ab, so gibt es keine Sünde mehr. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN <span class="d">(in höchster Erregung)</span>: -</p> - -<p> -Das ist ein Skandal! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Und diese Schuld, das Verbrechen, kommt aus denselben -Gesetzen, durch welche Sonne, Mond und Sterne -bewegt werden und durch welche die Menschen angehalten -werden, Gutes zu tun. Christus hat das verschwiegen. -Und er hat noch vieles verschwiegen, wie es -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -überhaupt besser ist, viele Dinge auf Erden den Menschen -zu verschweigen. Aber eben dadurch hat er ein -Feuer angezündet, das brennt noch immer. Schwert und -Zwietracht ist er gewesen bis nun. -</p> - -<p class="c"> -JEMAND AUS DEM VOLKE: -</p> - -<p> -Und auch du verschweigst? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ja — ich verschweige. Doch ich werde noch einmal -alles aussprechen; denn ich bin vom Geist der Wahrheit, -der noch nicht gekommen ist. -</p> - -<p class="c"> -FESTUS <span class="d">(laut)</span>: -</p> - -<p> -Paulus, du rasest. Die große Kunst macht dich rasend. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(versteht und lächelt)</span>: -</p> - -<p> -Mein teurer Festus, ich rase nicht, sondern ich rede -wahre und vernünftige Worte. -</p> - -<p class="c"> -FESTUS <span class="d">(im Abgehen)</span>: -</p> - -<p> -Dieser Mensch hat nichts getan. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Seht, ich lehre euch die Freude und nicht das Trübe in -der Liebe. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Jede Freude hat ein Loch. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(begeistert)</span>: -</p> - -<p> -Aber neben dem Loche, da ist es heil! -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK <span class="d">(rauh)</span>: -</p> - -<p> -Neben dem Loche ist es heil. -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(stürzt blutleer schwankend in die Szene und fällt, die Hände erhoben, -vor Cordatus nieder)</span>: -</p> - -<p> -Ich bin’s!! Ich bin’s!!! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Warum denn, lieber Freund? Man muß das Schicksal -niemals drängen! -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(erhebt sich fassungslos und wankt zurück mit riesengroßen Augen -auf Cordatus)</span>: -</p> - -<p> -Das — ist — ein — Idiot! -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK <span class="d">(schnell ab)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(erschüttert)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(ist gekommen, geht auf Cordatus zu und spricht mit leiser Stimme)</span>: -</p> - -<p> -Du hast Tränen, Geliebter! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(legt die Hand auf sie und sagt fest)</span>: -</p> - -<p> -Der Tau ist des Regens Hirte! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er geht.)</span> -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Das Volk ist bestürzt und bewegt.)</span> -</p> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-4" title="3. Akt"> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -</h2> - -<p class="d"> -<span class="d">Abend. Die Wohnung des Cordatus.</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(sitzt in seiner Ecke auf dem Fußboden und sinnt)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(tritt ein. Sie hat ein Tuch um den Kopf)</span>: -</p> - -<p> -Hier wohnst du, Freund! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ja — es ist eine gute Wohnung. Laß sie dir gefallen, -Tioma Betty. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und du hast keinen Stuhl und keinen Tisch. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(weist auf den Fußboden)</span>: -</p> - -<p> -Das ist mein Stuhl und mein Tisch. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span> -</p> - -<p> -Aber wenn du schreiben willst, Geliebter ... -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich schreibe nie: denken und manchmal reden: das ist -Lebenssinn. Und so du keinen Gegenstand besitzest, -wird er dir nicht Ärger und Verdruß bereiten. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und wo werden wir schlafen? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Dies ist mein Bett, und das ist dein Bett, Tioma Betty. -<span class="d">(Er zeigt in verschiedene Ecken des Raumes.)</span> Wir wollen uns -zur Ruhe legen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und weshalb habe ich mich so geschmückt? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(legt sich nieder)</span>: -</p> - -<p> -Ich bin dein Bräutigam, Tioma Betty. Und du bist -die hochzeitliche Braut. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und so sollen wir leben bis ans Ende unserer -Tage?! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du wirst keine Sorge haben. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Aber was werden wir essen? Welches ist deine Arbeit, -die dir Nahrung schafft? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist für den Geist besser, daß der Körper von -Wasser und Brot lebe und nichts tue, als zu fressen und -zu saufen und dabei stündlich beschäftigt zu sein und -Mißbrauch der Gliedmaßen zu treiben. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(ganz verlassen)</span>: -</p> - -<p> -Und ich soll mich in diese Ecke legen ... -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du wirst müde sein, Tioma Betty. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Aber nein, Geliebter. Ich bin gar nicht müde. Ich setze -mich zu dir, und du sprichst. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du wirst müde sein, Tioma Betty. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -TIOMA BETTY <span class="d">(betrübt)</span>: -</p> - -<p> -Wenn du es sagst ... -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Sie setzt sich in ihre Ecke und legt sich dann nieder.)</span> -</p> - -<p> -Du hast auch kein Licht, Geliebter! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Hüte dich vor der Dämmerung, aber liebe das -Dunkel; dann kommen die ruhigen Rinder mit riesigen -Hörnern. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(aufrecht)</span>: -</p> - -<p> -Ich kann so nicht schlafen ..... Ich kann nicht! ..... -Hörst du! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Steh auf, Tioma Betty. Das Bett ist gut. Es ist das -Bett der ganz Glücklichen. Aber ich will, bis du’s kannst, -noch dein Kissen sein. Komm her und lagere deinen -Kopf auf meiner Brust. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(geht schweigend zu ihm)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du schweigst, und es ist gut, daß du das tust. Man -muß sehr viel schweigen auf dieser Welt. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(kniet vor ihm nieder und legt sich hin, den Kopf auf seiner Brust.)</span> -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Tioma Betty, hast du mich lieb? -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ich wäre nicht hier. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Schlafe. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe ... -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(kommt behutsam)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(fährt in wahnsinniger Angst wild auf und schreit unterdrückt)</span>: -</p> - -<p> -Cordatus! — -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(legt ihr Gesicht wimmernd auf seine Brust)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(legt sich in die andere Ecke, richtet sich auf, legt sich wieder hin)</span>: -</p> - -<p> -Und es zuckt und es wühlt und es windet! Wenn ich -nur wüßt, welch ein Tier das ist! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(weint krampfhaft)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn du mich lieb hast, Tioma Betty, — schlafe ... -</p> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-5" title="4. Akt"> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -</h2> - -<p class="d"> -<span class="d">Nächster Morgen. Berggipfel.</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(barhäuptig, hingestreckt, blickt in die Ferne)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY</span><br /> -<span class="d">(kommt leise und bleibt hinter ihm stehn)</span>: -</p> - -<p> -Ein schöner Tag. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ehe die Sonne hinunter ist, wirst du vor Tränen ermattet -sein. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Warum? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(blickt nach ihr)</span>: -</p> - -<p> -Du hast ein Buch? -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ja — ein Buch. Steilzack hat deine Aussprüche gesammelt -und sie niedergeschrieben. Das ist nun „Das -Cordatum“. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">CORDATUS</span><br /> -<span class="d">(nimmt das Buch, aber sieht es nicht an)</span>: -</p> - -<p> -Bücher schreiben ist eine unsittliche Handlung. Ein -Buch ist immer ein unanständig Ding. Das Lesen von -Büchern aber ist das Schlimmste, denn das ist eine verkehrte -Befleckung. <span class="d">(Er wirft es hinaus.)</span> Da fällt’s in die -Schlucht. Dort mag’s bleiben. Was ich gesprochen habe, -das lebt. Man soll’s nicht sargen. -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -<span class="firstline">DER DICHTER</span><br /> -<span class="d">(tritt auf, barhäuptig, achtzigjährig. Tolstoi-Maske)</span>: -</p> - -<p> -Es ist gut, daß ich dir begegne auf meinem letzten -Wege. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Greis; denn du -bist ein Abtrünniger, wenngleich die Armen und Bedrängten -dich preisen und das ganze Volk vor deinem -Dichtwerk auf den Knien liegt. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Ich weiß, daß ich gefehlt habe, und deshalb gehe ich -meinen letzten Weg. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wohin führt es dich? -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Fort von den Meinen. Das ist es! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich will dein Strafer und dein Tröster sein. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Du strafst auch? Ich glaubte, du könntest nur lieben. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Die Geistigschwachen und die Hundsköpfigen und die -Schweinsohrigen, die Schafsäugigen und die Kotschnäuzigen -und die Eselsköpfigen — ja — die liebe ich, Greis. -Aber die da geistig stark sind und die Mißbrauch mit -dem Geiste treiben, die strafe ich. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Ich weiß vor meinem Gott, daß ich nicht Mißbrauch -des Geistes getrieben habe. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Aber die Kobolde und nächtlichen Herzdrücker gingen -doch nicht von deiner Brust, denn du hast den ewigen -Menschen verraten. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Verraten habe ich ihn nicht! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -So nenne mir das oberste Gesetz. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib’s den -Armen! -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Das hast du getan? -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Ja — soweit ich nur konnte. Und ich hab keine Schätze -gesammelt. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Eines aber, reicher Jüngling, hast du mißachtet: „Folge -mir nach!“ — Das tatest du nicht. Du bliebst bei den -Deinen. Und so ist dein halbes Christentum schlimmer -als ein ganzes Heidentum. Denn ein halbes Christentum -ist keine Religion, aber ein ganzes Heidentum ist Religion. -Das Ganze ist immer die Wahrheit. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER <span class="d">(klagend)</span>: -</p> - -<p> -Ich sagte dir: ich gehe meinen letzten Weg. Denn nun -habe ich auch die Meinen verlassen. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ja — es ist dein letzter Weg. Denn du wirst sterben -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -noch in dieser Nacht. Was du von diesem Morgen des -Entschlusses bis zu dieser Nacht tust, das allein ist lebendig -von dir zu ihm. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Und das Kreutzerwerk, und das Evangelium, und das -ganze Werk meiner achtzig Jahre? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Das wird vergessen werden, Greis. Denn du hast -dies alles gewußt und <em>bist</em> feige gewesen. Die geübte -Liebe wird leben, die geschriebene Liebe aber wird zuschanden -werden. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER <span class="d">(weint)</span>. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du hast gewußt: es kann der Mensch auf dieser Welt -gar nicht einsam genug sein. Du glichst bis nun der Jungfrau, -die da glaubt, ein Tier im Bauch zu haben. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -So sage mir! Kann man auf Erden Christus werden? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Man kann es. Und wenn man es kann, dann soll -man es. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -Bist du Christus? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Du sagst es. -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER: -</p> - -<p> -So laß mich mit dir beten! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich bete nie! -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER <span class="d">(laut weinend)</span>: -</p> - -<p> -Bist du Christus? -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich bin’s. Und du gehst jetzt hin, um es sterbend zu -werden. Ja — das sei dein Trost! Du bist einen Tag in -deinem Leben Christus gewesen ... Zieh hin ... -</p> - -<p class="c"> -DER DICHTER <span class="d">(geht)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Du bist hart. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Er wird gut schlafen. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Mausche Michel kommt über den Berg. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich liebe ihn. Es gibt überall auf der Welt ein paar -Gestalten, die jeder kennt, weil sie außerhalb aller bürgerlichen -Einrichtungen leben, und die deshalb verlacht -werden. Diese Gestalten liebe ich, denn irgendwie verkörpern -sie die Sehnsucht der Menschen. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">MAUSCHE MICHEL</span><br /> -<span class="d">(kommt unglaublich zerrissen. Er trägt einen langen, grauen Bart. -In der Hand hält er einen langen Pfahl als Stock. Über der Schulter -liegt ein Sack)</span>: -</p> - -<p> -A guten Tag. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wohin, Mausche Michel? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -MAUSCHE MICHEL: -</p> - -<p> -Nu, lieber Freind, ich komm fragen, ob Ihr eppes bedarft: -e Hemed, e Röck oder Schich ... -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Ich brauche nichts, Mausche. Auch hab ich, wie Ihr -wißt, kein Geld. -</p> - -<p class="c"> -MAUSCHE: -</p> - -<p> -Ich brauch kein Geld nit vun Eich. Ihr seid a guter -Menß ... <span class="d">(Lächelnd:)</span> Aber der Messias seid Ihr doch nit. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Was kommt’s drauf an? Das Rad muß einen Stoß bekommen, -wenn’s auszurollen droht! -</p> - -<p class="c"> -MAUSCHE MICHEL: -</p> - -<p> -Wos kimmern sich die Menßen ... -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Wenn’s nicht tausend sind, dann sind’s hundert, und -wenn’s nicht hundert sind, dann sind’s zehn. Und wenn’s -einer lernt: der Schmerz ist das Glück und der Sender -weiß und leide mit Liebe, dann ist es genug. Es gibt nur -ein Himmelsgebirge, Mausche Michel, nur eins! -</p> - -<p class="c"> -MAUSCHE MICHEL: -</p> - -<p> -Ihr seid a großer Gelernter. Recht habt Ihr. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er geht.)</span> -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(zu Tioma Betty)</span>: -</p> - -<p> -Vergiß das nicht: auch die größten Christen waren Juden. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(kommt wiegenden Schritts)</span>: -</p> - -<p> -Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier -aus dem Bauch. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -CORDATUS <span class="d">(schweigt)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(zögernd)</span>: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. <span class="d">(Sie erschrickt)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(erhebt)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(geht langsam vorüber)</span>: -</p> - -<p> -Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS <span class="d">(erhebt sich)</span>: -</p> - -<p> -Nein — es ist nichts. — Laß uns zu Tale steigen. -Die Menschen rühren sich in den Niederungen. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ich fürchte mich vor den Tälern der Menschen. -</p> - -<p class="c"> -CORDATUS: -</p> - -<p> -Bleibe auf dem Gipfel. <span class="d">(Er geht schnell ab)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(folgt ihm langsam, erstaunt)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">STEILZACK</span><br /> -<span class="d">(kommt mit mehreren Männern, darunter Saat und der verkettete -Mann)</span>: -</p> - -<p> -Dort geht er hinunter. Und die Stadthure folgt ihm in -der Entfernung. -</p> - -<p class="c"> -DER VERKETTETE MANN: -</p> - -<p> -Am Steinbruch können wir ihn erreichen. -</p> - -<p class="c"> -SAAT: -</p> - -<p> -Ja — am Steinbruch. -</p> - -<p class="c"> -STEILZACK: -</p> - -<p> -Kommt. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Sie gehen.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(bleibt plötzlich zurück, wankt hin und her, fällt in die Knie und -zittert heftig. Dann faltet er die Hände empor und ächzt)</span>: -</p> - -<p> -Es haben größere Menschen als ich an Gott geglaubt, -größere Menschen! Weshalb gabst du mir, Gott, Eigenschaften, -die mich schuldig werden lassen mußten!!! -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(kommt angetrippelt)</span>: -</p> - -<p> -Ja — mein Freund, die Reue ist etwas Verspätetes. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(springt in heftiger Aufwallung hoch)</span>: -</p> - -<p> -Stören Sie mich nicht, Mann! -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER: -</p> - -<p> -Und nun wollen sie den heiligen Cordatus steinigen! -Schlecht sind die Menschen, Herr. Schlecht! Die Menschen -schämen sich, und aus Scham sind sie schlecht, sage ich -Ihnen. Auch Christus wurde getötet, weil sich die -Menschen vor ihm schämten. Greulich, au-ßer-or-dent-lich -greulich!!! Haben Sie verstanden?!! — -</p> - -<p class="c"> -SAAT <span class="d">(weicht zurück)</span>: -</p> - -<p> -Ich weiß nicht — — — -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(mit steigender Erregung)</span>: -</p> - -<p> -Aber dann kommt das Gesetz, Bursche, hörst du, das -Gesetz! Und dann werdet ihr gestraft, nicht weil ihr -dies oder jenes getan habt, das tun bessere Menschen -auch, sondern weil ihr es verludert habt, das Gute und -die Liebe in den Dingen zu suchen. Und du stehst vor -einem unbegreifbaren Gericht, schweißig, naß wie ein -Lamm, das von hinten gesogen hat! Ja — die Frucht -wollt ihr nicht, aber die Wollust darf euch nicht genommen -werden. Dafür schwebt stündlich das Beil des Henkers -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -über euch. Und einmal fällt es ganz plötzlich! Ihr aber -könnt nicht mehr den letzten Gang des Menschen zum -Topfe machen. Ihr könnt euch nicht verstecken, wie die -Tiere und Vögel es tun, wenn sie sterben. Ihr seid verurteilt, -mit Kot in den Hosen vor sittsamer Leute Augen -zu verrecken! Dann wird euch das Wort fehlen, das jener, -den ihr dort mit Steinen totschlagt, gelehrt hat: Leide -mit Liebe!! — Leide mit Liebe!!! — — — Ich bin ein -Faun, ja — aber dann ist im Faun Liebe und natürliche -Kraft! -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(steht vernichtet. Nach einer Weile)</span>: -</p> - -<p> -Der — Leichnam ist noch immer nicht gefunden worden. -</p> - -<p class="c"> -WACHTLER <span class="d">(unheimlich)</span>: -</p> - -<p> -Nein — hier — ist er — Bube! -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">DER VATER</span><br /> -<span class="d">(tritt auf. Die Stirn ist hochgeschwollen, die Haut in der Mitte geplatzt. -Das Gesicht ist mit geronnenem Blut bedeckt. Zwei irre -Augen stieren umher)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(steif wie eine Säule, streckt er beide Arme ganz steil aufwärts)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">WACHTLER</span><br /> -<span class="d">(steht gespannt in schiefster Haltung)</span>: -</p> - -<p> -Der Körper lebt. Nur der Geist ist tot. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Des Vaters Augen bleiben plötzlich auf Saat sitzen und werden -immer größer.)</span> -</p> - -<p class="c"> -DER VATER <span class="d">(mit ruhiger Verwunderung)</span>: -</p> - -<p> -Herr Jesus, das ist er ja ... Herr Jesus, das ist er ja! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er zuckt zusammen, streckt beide Hände wie zur Abwehr weit -vor sich und schreit)</span>: -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Das Beil!!! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Dann läßt er die Arme sinken. Eine Welle Wut rinnt über ihn.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SAAT</span><br /> -<span class="d">(stößt ein unmenschliches Geheul aus, einem Wolfsgeheul ähnlich. -So stürzt er schwankend davon)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">DER VATER</span><br /> -<span class="d">(folgt ihm mit taumelnden Schritten)</span>. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">WACHTLER</span><br /> -<span class="d">(sammelt alle Kräfte und sinnt in die Weite)</span>: -</p> - -<p> -Ja — — — immerhin — — — spannend — — — -</p> - -<h2 class="blank chapter" id="chapter-0-6" title="5. Akt"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -</h2> - -<p class="d"> -<span class="d">Später. Ein Abend auf dem Berge.</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TIOMA BETTY und SANNA</span><br /> -<span class="d">(sehr einfach, zum Teil abgetragen, gekleidet. Das Haar tragen -sie zu langen Zöpfen geflochten)</span>. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Es wird feucht in den Tälern. Und die Lichtketten -fangen an zu tanzen. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(auf der Erde sitzend)</span>: -</p> - -<p> -Wollen wir hinabgehn nach der Stadt oder hier oben -übernachten im leeren Raume? -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Hier oben im leeren Raume, denke ich ... -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(zögernd)</span>: -</p> - -<p> -Das ist so schmerzvoll. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ich glaube, du hegst noch immer eine Furcht. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Was kann man uns tun. Man hat uns schon alles -getan. -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(kommt und bleibt abseits stehn)</span>. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Man darf das Blut nicht hemmen, wenn es brausen -will, Sanna. Wir leben, und das heißt verbrauchen und -Beziehungen zum Sender durch den Heiland suchen. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Wenn ich die Sterne sehe und den Sommer atme, dann -will ich den Gott unmittelbar. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Lebe deinen Tag und lebe deine Nacht. Gott nimmt -den Menschen niemals anders als durch den Heiland, -den er gesandt hat, und unter dessen Stirn eine Erdperiode -steht. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Wer hat dir das alles gesagt? -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ich habe mir ein Buch heraufgeholt, das lag dort unten -in der Schlucht, und da ist das alles ausgesprochen. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(noch immer abseits)</span>: -</p> - -<p> -Er hat mich gesund gemacht. Wenn ich ihm danken -könnte mit meinem Leben, danken ... -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Tiefes Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Ob sie ihn nicht doch noch in den Fluß geworfen -haben? -</p> - -<p class="c"> -TAMARA: -</p> - -<p> -Die Wellen hätten ihn wie einen König vor sich hergetragen, -und die Fische hätten ihn auf den Sand gehoben. -Und dann hätten die Vögel geschluchzt und die -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Tiere geweint, der Mond aber wäre von selber verlöscht -in der Nacht. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(ist aufgestanden)</span>: -</p> - -<p> -Es gibt Menschen — so las ich einmal in einem Buche -ohne Orthographie — es gibt Menschen, deren Leichnam -weder Wasser noch Erde verbergen kann. Die Wogen -speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf -den Acker. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und warum? -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Weil dieser taumelnde Ball die erlösende Wucht seiner -Seele als Schmerz empfunden hat. Das stand so in -diesem alten Buche geschrieben. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(tritt unruhig herzu)</span>: -</p> - -<p> -Ich fürchte diese einsamen Männer, die immer so steif -und einzeln am Abend in der Landschaft stehn. Warum -ist es niemals eine Frau ... -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(nachdenklich wiederholend)</span>: -</p> - -<p> -Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf -und wirft ihn auf den Acker. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Das stand da so schön geschrieben, Tioma Betty, zum -Weinen schön geschrieben. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Man kann es immer noch einmal sagen: Die Wogen -speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf -den Acker. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -TAMARA: -</p> - -<p> -Jetzt ist er ganz nah bei uns — — der Mann. — -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">EIN FREMDER MANN</span><br /> -<span class="d">(tritt auf, bleibt aber ganz hart an der Seite stehn und blickt teilnahmlos -aber unverwandt ins Weite hinaus. Seine Kleidung ist vollkommen -zerrissen, sein blonder Vollbart ungepflegt und zerzaust. Sein Antlitz -ist hohl und läßt auf große Anstrengungen schließen)</span>. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Die Frauen stehen hart auf der gegenüberliegenden Seite, nicht furchtsam -gerade, doch vielleicht ein wenig betreten.)</span> -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(leise)</span>: -</p> - -<p> -Laßt uns zur Stadt hinuntergehn. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Fürchtet nichts. Ich bin stark. — Bleibet auf dem -Berge, nur hier könnten wir ihn treffen, so er noch einmal -zu uns kommen sollte. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Es ist ja so lange her. -</p> - -<p class="c"> -DER FREMDE MANN <span class="d">(fern und ruhig)</span>: -</p> - -<p> -Wen sucht ihr, Mädchen ... -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ich kenne alle Pfade auf der Erde, und jeder Fußdruck -ist mir flüssig in der Menschheit. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(leise)</span>: -</p> - -<p> -Antworte ihm, Tioma Betty. Er ist arm und bloß. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Und wenn die schweren Sommerregen durch die Lande -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -streichen und der Boden Schlamm wird und ungewiß, so -weiß ich dennoch alle Schritte aller Wesen, denn sie sind -durch ihn und mich zu den Dingen. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA: -</p> - -<p> -Tioma Betty, sage ihm doch ein Wort. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Armut bindet. Ich bin euer Bruder, wenn ihr arm seid. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und doch birgt ein Wort für verschiedene Menschen -immer verschiedene Begriffe. So ist überall immer Babel -auf Erden. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Das ist es. Denn die Menschen haben zuviel Worte -erdacht. Dort steigt der Mond, ein Lichtschnitt am -Firmament. Hätten die Menschen doch das Rätsel des -nächtlichen Feuerzeichens am Himmel ertragen, ohne -durch ein Wort zu der Summe der irdischen Begriffe zu -drängen, nie wäre der Mensch auf Erden Bürger -geworden, sondern Mensch. Vergeßt den irdischen -Namen des rätselhaften Gestirns, und es sei Liebe unter -dem leuchtenden Bilde und Schweigen, und die unsicheren -Dichter werden nicht mehr sein. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Es ist seltsam in dieser Zeit, daß die Menschen alle -anfangen, von den wahrhaftigen Dingen zu reden. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Die Menschen beginnen langsam wieder zu denken. -Die auf den Bergen und an den großen Wassern haben -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -schon immer gedacht. Und nun sind die Berge und die -großen Wasser auch zu den anderen gekommen. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Kennst du Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ein Name ist ein Begriff, unter dem man sich dieses -oder jenes vorstellt. Ab er es gibt nur eine Weltanschauung, -denn es gibt nur einen Gott. Und diese eine Weltanschauung -hat der Mensch nur dann in voller Reinheit -errungen, wenn er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand -mehr ausspürt. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Kennst du Cordatus? -</p> - -<p class="c"> -TAMARA: -</p> - -<p> -Er lebte wie die Lilien auf dem Felde und wie die -Vögel unter dem Himmel, frei, ganz frei und auch so -frei den Steinwürfen der Menschen ausgesetzt. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Wenn ich dem emsigen Treiben der Vöglein zuschaue, -ist mir, als müßte ich gleich in ihre Nester kriechen. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(nachdenklich wiederholend)</span>: -</p> - -<p> -... so er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand -mehr ausspürt. -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Lebst auch du den letzten Heiland Christus? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -DER MANN <span class="d">(tritt näher)</span>: -</p> - -<p> -Lasset uns von Christo reden. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Um die christlichen Dinge ist es schlecht auf Erden -bestellt, denn es rufen <em>alle</em> Priesterlichen zu dem Heiland: -Salbater, Salbater, Salbater ... -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Sprich, was du glaubst ... -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Die Mädchen treten näher.)</span> -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Christus sprach: Ich will den Vater bitten, daß er euch -einen anderen Tröster gebe, der bei euch bleibe ewig. -Und der Tröster, das ist der heilige Geist, welchen mein -Vater senden wird in meinem Namen, wird euch alles -lehren und euch erinnern alles dessen, das ich euch gesagt -habe. Wenn dieser Geist der Wahrheit kommen -wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er -wird nicht von ihm selber reden, sondern was er hören -wird, das wird er sagen, und was zukünftig ist, wird er -euch verkündigen. Derselbe wird mich verklären ... -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und du glaubst — — — -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -— — — daß ein Heiland diese Welt bis in alle Ewigkeit -erkannt hat! Seht — der Tröster ist noch nicht gekommen -in die Menschheit. Denn das Feuer, das der -Heiland Christ entzündet hat, brennt noch immer. Doch -es wachsen die wahrhaftigen Streiter ringsher und verkünden, -daß auch Christi Wunder nur Gleichnisse sind. -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Und die Verkünder sind nicht Schriftner mehr, sondern -Dichter, die ihr Leben als ein Dichtwerk leben! Das -sind die Großen, die den Wind bewegen <a id="corr-2"></a>und auf Erden -himmlisch sind. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Und die Stadt Jerusalem, die vorerst zerstürzen soll? -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Jede Stadt ist Jerusalem! Zu den Menschen darf man -nur in Bildern reden, denn der Worte Sinn ist vielfach -und verändert sich im Lauf der Zeit. -</p> - -<p class="c"> -TAMARA <span class="d">(ängstlich)</span>: -</p> - -<p> -Und so ist nichts vollendet, und wir stehen mitten -drin — — — -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Dein Hirn schreit — und du weißt keinen Ausweg. -Du aufheulst in Nacht aus dem Leibe! Doch der Geist -der Wahrheit wird die Schlacht gewinnen. Jetzt ist die -Zeit, da der heilige Geist über alle kommt. -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er wendet sich zum Gehen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Bleibe bei uns diese Nacht bis zum Morgen. -</p> - -<p class="c"> -DER MANN: -</p> - -<p> -Ich muß wandern. Ich muß wandern. Freundlich sind -die Straßen in der Nacht. Ich muß wandern, immer weiter, -weiter wandern ... Wachst, Kindlein, wachst! Der -Fürst der Welt braucht Kämpfer für sein Reich! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Er geht.)</span> -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Schweigen.)</span> -</p> - -<p class="c"> -SANNA: -</p> - -<p> -Wie es plötzlich dunkel um uns ist. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -TAMARA: -</p> - -<p> -Alles Licht von außen hat er mitgenommen. -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY: -</p> - -<p> -Innen brennt’s ... Und die Wärme wird den Wind -bewegen. Und Jerusalem wird zerbrechen. Und ich seh -die Menschen auf den Fluren wie die Bäume und die -Blumen leben: lächeln, atmen, lieben und bewegungslos -schauern oder auch in den erschütternden Welt- und -Schicksalswinden eine ergreifende Erhabenheit in das -helle All rauschen. -</p> - -<p class="c"> -SANNA <span class="d">(in unverhoffter Starre)</span>: -</p> - -<p> -Tioma! Tioma Betty!! Halte mich fest, halte mich -ganz, ganz fest!!! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Sie hängt an ihrem Arme.)</span> -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(groß und ruhig)</span>: -</p> - -<p> -Du weißt es! — -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">SANNA</span><br /> -<span class="d">(am ganzen Körper fliegend)</span>: -</p> - -<p> -Tamara — geh — geh — fasse ihn — Cordatus! — -<span class="d">(Sie ruft hinaus)</span>: Cordatus!!! Eile! O Gott — eile doch. -Ich kann nicht! Weshalb habt ihr nicht erkannt! Weshalb -wart ihr blind! blind!! blind!!! Fasse ihn — fasse ihn in -der Nacht!! -</p> - -<p class="d"> -<span class="d">(Sie springt hinaus.)</span> -</p> - -<p class="fl c"> -<span class="firstline">TAMARA</span><br /> -<span class="d">(mit großen Augen schwankend hinterher)</span>: -</p> - -<p> -Dank, Dank, Dank, Dank — — — -</p> - -<p class="c"> -TIOMA BETTY <span class="d">(leuchtet)</span>: -</p> - -<p> -Und sie erkannten ihn nicht! — Nun greifen wir ihn -nicht mehr mit den Händen ... -</p> - -<p class="end"> -ENDE -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... sind die Großen, die den Wind bewegen <span class="underline">nnd</span> auf Erden ...<br /> -... sind die Großen, die den Wind bewegen <a href="#corr-2"><span class="underline">und</span></a> auf Erden ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der ewige Mensch, by Alfred Brust - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER EWIGE MENSCH *** - -***** This file should be named 52334-h.htm or 52334-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/3/3/52334/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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