diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52353-0.txt | 24666 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52353-0.zip | bin | 560605 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h.zip | bin | 1593226 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/52353-h.htm | 31333 | ||||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/cover.jpg | bin | 47113 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/drop_cap_a.jpg | bin | 11805 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/drop_cap_d.jpg | bin | 11198 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/drop_cap_e.jpg | bin | 8608 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/drop_cap_s.jpg | bin | 11219 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/drop_cap_w.jpg | bin | 13004 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0022.jpg | bin | 19316 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0027.jpg | bin | 31134 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0060.jpg | bin | 93898 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0062.jpg | bin | 97529 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0117.jpg | bin | 3533 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0131.jpg | bin | 86645 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0132.jpg | bin | 99733 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0225.jpg | bin | 94609 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0350.jpg | bin | 42829 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0533.jpg | bin | 93097 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_0533_hr.jpg | bin | 189272 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_151_a.jpg | bin | 28299 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_151_b.jpg | bin | 18324 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/52353-h/images/i_151_c.jpg | bin | 9154 -> 0 bytes |
27 files changed, 17 insertions, 55999 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..b9b99ad --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #52353 (https://www.gutenberg.org/ebooks/52353) diff --git a/old/52353-0.txt b/old/52353-0.txt deleted file mode 100644 index 721c7ac..0000000 --- a/old/52353-0.txt +++ /dev/null @@ -1,24666 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Um die Erde - Eine Reisebeschreibung - -Author: Julius Hirschberg - -Release Date: June 16, 2016 [EBook #52353] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche, - altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen, insbesondere bei - Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten (z.B. ‚Cannon‘ - anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘) bleiben - unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht - berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen - im Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text - folgt auch hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘ - wurden zum Teil apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent - durchgeführt. - - Die aufgeführten Errata im Abschnitt ‚Verbesserungen‘ wurden nicht - in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen Korrekturen, - bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht eindeutig - zugeordnet werden. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text - angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden - eingefügt bzw. berichtigt. - - Auf S. 372 wird eine Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘ - angegeben. Beim metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die - Größenordnung zu ‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der - genaue Wert eigentlich bei 1372 m liegen müsste; es erscheint - ohnehin fraglich, ob der erste Zahlenwert nicht bereits eine grobe - Schätzung darstellt. - - Kursive Passagen werden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet, - Fettdruck wird durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben, gesperrter - Text wird von +Pluszeichen+ umgeben. - - #################################################################### - - - - - Um die Erde. - - +Eine Reisebeschreibung+ - - von - - Dr. J. Hirschberg, - - a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin. - - - Leipzig. - - +Verlag von Georg Thieme+. - - 1894. - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - - Druck von Fischer & Wittig in Leipzig. - - - - - Seiner lieben Frau gewidmet. - - - - -Vorrede. - - -Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger -Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden, -ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze -herauszugeben. - -Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art. Dieselben -beschreiben die Reisen von +Hildebrandt+ aus den Jahren 1862 und 1863, -die des Freiherrn v. +Hübner+ aus dem Jahre 1871, die von Dr. H. -Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die des Grafen +Lanckorónski+ aus -dem Jahre 1889, die von Dr. +Eugen Böninger+ aus dem Jahre 1890. Der -Thierforscher L. K. +Schmarda+ (1853 bis 1857) und der Volkswirth +Hugo -Zöller+ (1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger -betretenen Pfaden. - -Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften -festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit, -Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat. - -Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde ich -auf den folgenden Blättern mittheilen: aber +nicht+, wie gelegentlich -ein angehender Schriftsteller versichert, in der „ursprünglichen Form“, -sondern einigermassen ausgearbeitet und abgerundet, wie die im Lauf -der Jahre stets wachsende Rücksicht auf den Leser es erfordert, und -mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet, welche zum Verständniss des -Geschilderten nothwendig sind. - - =Dr. J. Hirschberg.= - - - - -+Inhalt+. - - - Seite - - Einleitung 1 - - I. Das atlantische Weltmeer 3 - - II. Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen - Continent 27 - - III. Der stille Ocean 40 - - IV. Japan 58 - Yokohama 69 - Tokyo 73 - Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura 95 - Eine Theater-Vorstellung in Tokyo 108 - Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus 115 - Deutschland in Japan 124 - Nach Nagoya 138 - Nach Kyoto 145 - Nach Osaka, Kobe, Nagasaki 170 - Abschied von Japan 188 - - V. Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong - über Singapore nach Colombo 191 - - VI. Ceylon 243 - Colombo 251 - Kandy 273 - Nuwara Eliya 295 - Nach Anuradhapura 309 - - VII. Ostindien 329 - Calcutta 345 - Darjeeling im Himalaya 363 - Benares 371 - Lucknow 387 - Cawnpur 400 - Agra 405 - Delhi 426 - Jaipur 439 - Berg Abu 459 - Ahmedabad 466 - Bombay 475 - Ellora 505 - - VIII. Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal) 517 - Entfernungen 530 - - +Verbesserungen+ 531 - - - - -Einleitung. - - -+Den Alten war die Welt eine Scheibe+ von Ländern um das Mittelmeer, -wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine Kugel sei. Nachdem -die Römer ihre +Weltherrschaft+ begründet und Ordnung in den das -Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen, wurden zur Belehrung und -zum Vergnügen +Weltreisen+ unternommen; diese führten von Rom nach -Griechenland, Klein-Asien, Aegypten, zum Besuch der sieben Schaustücke -oder +Weltwunder+. Dazu gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia, -der Tempel der Artemis zu Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria, -die Pyramiden zu Memphis. Von +Naturwundern+ war noch keine Rede; -die Naturempfindung war bei den Alten wohl vorhanden, aber nicht -so vollkommen entwickelt, wie seit Rousseau’s Einfluss im vorigen -Jahrhundert und in dem unsrigen. - -+Heutzutage+ führt eine Weltreise +rings um die Erde+. Die bedeutende -Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und See-Dampfer hat -die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es handelt sich -für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der Natur und dem -Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch den Süden von -Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst kennen zu lernen. - -Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht -zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der -Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet; -so war ich +vorbereitet+ und konnte einen kurzen und bündigen Plan -entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den -Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen, -verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner -wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht -angebracht; mit +Häckel+ sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder nie. - -Die +Jahreszeit+ ist mir +vorgeschrieben+. Am 1. August beginnen die -grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die +Richtung+ der -Reise ist durch die +Jahreszeit+ bestimmt. Ich muss über Nordamerika -nach Japan und nach Indien fahren, um in den beiden letztgenannten -Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die canadische -Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika und über den -stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs, geleiten. Ich -reise +allein+, zu eigner Belehrung. - - - - -I. - -Das atlantische Weltmeer. - - -Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof -Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich -unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der -echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche -Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit -errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und -Jünglinge um die Erde zu senden. - -Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug -der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen -Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der -Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den -kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d. -h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden -Schnelldampfer +Spree+ hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und -flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die -Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.[1] - -Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte[2] -und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die -Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus -gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt -zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125 -zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache -Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre 1890 auf -dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle -Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht -gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von -Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt -werden.[3] - -Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen[4], die in -Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den -Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort -riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei -16-17 Knoten 120 Tonnen Kohlen). - -Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der -Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem -Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören -und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir -nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden[5] -nicht beobachten. - -Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit -derjenigen auf der Eider[6] (1887, von Bremerhafen nach New-York,) -vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen -Nussschalen verglich. - -Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und -bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter -Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar -auf der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose -Weltmeer gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes, -eines ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei -dieser Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen -meiner Landsleute, welche zur +Stärkung ihrer Gesundheit+ Seereisen -unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der -Schiffsärzte und -- auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer -und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es -angeht, vorzuziehen. - -Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289 -Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei -der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer -Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst -behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die -Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen -ist, zu machen. - -Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise -Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum -zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald -eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen -jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen -deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse -Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben. - -Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit -+einzelnen+ Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit -einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und -gebührend zurückgewiesen werden müssen. - -Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese -garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten -Deutsch-Amerikaner auf +unserem+ Schiffe waren geneigt, die grossen -Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten 20 -Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in -Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren. - -Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der -holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon -angezündeten Leuchtfeuern versehen ist. - -Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine -vortreffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal -der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier -verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um -7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind -gleichzeitig Aufwärter[7] der zweiten Cajüte. - -So lässt es sich ganz gut leben unter der +Flagge des norddeutschen -Lloyd+, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker -vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen -Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes -zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des -norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige -Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach -Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den -besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat -grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in -Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der -Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark[8] vom deutschen -Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und -mit Australien. Einige +seiner grössten+ Schiffe, Spree, Havel (zu je -13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen Werften -(Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche Lloyd -203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000 Tonnen -Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute die -grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10 -Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer. -Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus; -man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach -Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden. - -Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit -zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel -von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Foreland. -Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen. -Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger -Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight. Zwischen -ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der Hauptinsel -von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht von -+Southampton+ und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8 Stunden -393[9] Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben. - -Die Insel +Wight+ ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss Osborne -dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben liegt -Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen und -herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der Nordküste -von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des deutschen -Kaisers mit der Adlerstandarte. - -Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die -grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von -Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen, -aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück -hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung. - -Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt -Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses. - -Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt -an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser -Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die -Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er -bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass -die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten -und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut -sich zeigten. - -Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder -den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und -erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die -berühmten drei Klippen, welche den Namen der +Nadeln+[10] führen: +von -hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet+. - -Jeden Mittag um 12 Uhr wird der +Logbericht+[11] auf einer Tafel, am -Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erdkarte unser -augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet. - -Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige -schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden -Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten -Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton -nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach -der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er -- -neun Dollar gewonnen. - -Dies ist die erste Art von +Wetten+[12], denen die müssigen Reisenden -sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem Eifrigen -zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar Einsatz -zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und neben dem -Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das gefaltete, -mit +einer+ der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus dem als Urne -benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf dem Logbericht -erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf einen -bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)[13] - -Unser Logbericht lautet folgendermassen: - - Donnerstag, 4. August, 49° 56′ N. Breite, - 10° 37′ W. Länge.[14] - -(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von -Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362 -Seemeilen[15]. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen. - - 0 Tage 19,2 Stunden. - Freitag, den 5. August, 50° 38′ N. Br. - 22° 23′ W. L. - -(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.) - - Z. E. 453 S. M. - G. E. b. h. 815 S. M. - 1 Tag 19,2 Stunden. - - Sonnabend, den 6. August, 49° 11′ N. Br. - 33° 38′ W. L. - -(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt -und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige -Insel trifft.) - - Z. E. 444 S. M. - G. E. b. h. 1259 S. M. - 2 Tage 19,2 Stunden. - - Sonntag, den 7. August, 47° 5′ N. Br. - 44° 25′ W. L. - -(D. h. auf demjenigen Meridian, der +ungefähr+ die Mitte hält zwischen -den Azoren und Neu-Fundland.) - - Z. E. 450 S. M. - G. E. b. h. 1709 S. M. - 3 Tage 19,2 Stunden. - - Montag, den 8. August, 44° 13′ N. Br. - 54° 14′ W. L. - -(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel -Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.) - - Z. E. 450 S. M. - G. E. b. h. 2159 S. M. - 4 Tage 19,2 Stunden. - - Dienstag, den 9. August, 41° 43′ N. Br. - 64° 1′ W. L. - -(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel -Neuschottlands von dem Rest abtrennt.) - - Z. E. 452 S. M. - G. E. b. h. 2611 S. M. - 5 Tage 19,2 Stunden. - Rest 445 S. M. - -Am Mittwoch, den 10. August, wurde +Sandyhook+, an der Einfahrt in -den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der -+Meeresfahrt+, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte. Auf -der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle. - -Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch -+Vergleich+. Es ist nicht nöthig auf +Columbus+ zurückzugreifen, -welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die Ausbesserung des -beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um auf einem 19 Meter -langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei günstigem Winde -zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen Winden, um -heimzukehren. - -Die Zeit der +Segelschiffe+, welche in mehr als vier Wochen[16] -zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen -Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande -Amerika beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das -fünfzigjährige Jubelfest der +Dampfschiffverbindung+ zwischen der alten -und der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem -+Fulton+ zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem -Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde -befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und -vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen -Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen -17 Tagen.[17] Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber -leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) +Schraube+, -gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in -England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine -Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten. - -Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte -Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19 -und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der -Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert -jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen -Linien sechs Tage und einige Stunden,[18] so dass täglich 450 und sogar -500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene -Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier -Tage. - -Sehr merkwürdig ist der +Vergleich der Fahrgeschwindigkeit+ bei -einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich -450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390 -Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen. -(Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274-280, -ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. & O. Gesellsch.). 5) Von -Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. & O.). -6) Von Bombay nach Triest 300 bis 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind -im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.) - -Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des -Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez) -ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt -genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten. - -Der +aufmerksame+ Reisende sucht möglichst bald über das Dampfschiff -und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu unterrichten; doch -pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn das offne, insellose -Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste Maschinist Zeit und -Lust zur Unterweisung zu gewinnen. - -Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean, -stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen -Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem -Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen -zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts, -Rückwärts, Halt“, -- von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll -in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten -Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag. -Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde, -so dass gegen 600 000 Umdrehungen[19] nothwendig sind, um uns von -Europa nach Amerika zu befördern. - -Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für -die gewaltige Schraubenwelle[20] liefert, sind noch mehrere kleinere -Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen, -eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit -Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des -Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge, -welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die -Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im -Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.[21] - -Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn -grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend -Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die -Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier -Stunden beträgt die Schicht;[22] der Arbeitslohn ist beträchtlich, -und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren -Lloydschiffen verwendet. - -Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken -in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für -die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge -aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2-3 -Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut. - -Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande -verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern -Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse -Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken -die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam -befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir -schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage -ausgefahren.[23] Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben -wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es -ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten. - -Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte -Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier -verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am Rade -die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns mit -den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt das -Meer hauptsächlich nach der +Karte+. Der Kurs über den atlantischen -Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals nach dem -Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten Kreise der -Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.[24] Dies erkennt man -leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den Landkarten -nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden erhabene, -krumme Linie erscheint. - -Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts, -auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch, -da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her -grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an -denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher -nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen. - -Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu -finden, ist für den Schiffer der +Compass+. - -Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie -den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung -der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers -Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten[25] 121 n. Chr.; -benutzten dieselbe zuerst, um auf dem +Lande+, in ihrem ungeheuren -Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie -(265-469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die -Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der -Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt -haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in -Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit -nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer -Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel -befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung, -wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht, -und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32, -am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber -gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der -Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass -von Prof. +Thompson+ (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und -gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der Windrose an Seidenfäden -aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist -mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in -wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der -Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten -Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad. -Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet, -bestimmt den Kurs des Schiffes. - -Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung +eiserner+ Schiffe; -um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben dem Compass -schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit Thompson’s -Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird +auch+ zufrieden sein, da er -durch das Patent ein bedeutendes Einkommen gewinnt und als Besitzer -einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport huldigen kann. - -Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum +Lothen+, d. -h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20 Kilogramm -Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen und saust -in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit grosser -Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier, dem der -Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das Gewicht unten -aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln des Drahtes -wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten offenes -Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und unten -offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem Silberoxyd) -roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser in die -Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das -Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der -Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d. -h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens. - -Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus -der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele -Faden[26] das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument -genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr -als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.) - -Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo -einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz -langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen -Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser. - -Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen -vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen +Ort+ des -Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem -Logbericht zu verzeichnen? - -Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder -Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend -verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf -hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind, -braucht man nur die +Fahrgeschwindigkeit+ während der 24 Stunden zu -wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes -wird gemessen mit dem Log. - -Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf -kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem -Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat -die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser -und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert, -dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der -Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die -Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang -wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche -Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens) -beträgt 25 Fuss. - -25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1 -Stunde) = 1:240.[27] - -So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele -Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende -des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das -Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das -Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers -durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die -Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die -Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche -Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten. - -Das +Patentlog+, welches auf den grösseren Dampfern benutzt wird, hat -Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit sich drehen; -das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende des Schiffsbords -angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl an. - -Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine +einzige+ Messungsart; -er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die +geographische Länge und -Breite+ seines augenblicklichen Standortes. - -Eine vollständig zuverlässige Uhr (+Chronometer+) zeigt den Augenblick, -wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der Meridiantheilung, Mittag -ist, d. h. die Sonne den Meridian von Greenwich passirt. Da die -Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade durchläuft, so legt sie in -einer Stunde 15 Bogengrade, in einer Zeitminute 15 Bogenminuten, -in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden zurück. Ein 15° westlich von -Greenwich gelegener Punkt hat Mittag, wenn die Uhr von Greenwich 1 -Uhr Nachmittags zeigt. So wird die westliche (oder östliche) Länge -festgestellt. Die nördliche (oder südliche) Breite aber mittelst des -von +Newton+ erfundenen +Spiegelsextanten+, mit dem man die grösste -Erhebung der Sonne über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in -Winkelgraden abmisst. - -Was aber leitet den Seemann +bei Nacht und bei Nebel+, um den so -gefürchteten +Zusammenstoss zu vermeiden+? - -Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am -vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten +drei -Lichter+ gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen muss. -Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand zu -halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze des -Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in einer -dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar ist. -Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von den -Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten oder -Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein -rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn -Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts -neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von -links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen -bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein. - -+Nach rechts wird ausgewichen+, wenn man die drei Lichter eines andern -Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber auf -hoher See sehr selten erlebt. - -Und bei +Nebelwetter+, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist, hat jedes -Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu geben, die -Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das +Nebelhorn+, -wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat, dass man kaum über -die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann. - -Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen -die Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken -Nebel das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen; -aber bald verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander -entfernt. Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und -Unwetter bildet auf hoher See die +Hauptgefahr+ für ein gutes Schiff, -sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das -begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York -zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet, -die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber -man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander -vorbeigefahren. - -Auch die +Verzögerung+ der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab; denn -bei dickem Nebel +darf+ das Schiff nicht mit vollem Dampf fahren. - -Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht -langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach -eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der -vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben -eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.) - -Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und -Wellen, die Temperatur u. dgl.,[28] mache einen Morgenspaziergang -und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit -Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das -Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in -dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf -so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf -einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war -mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer -Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die -nützlichste Auskunft zu geben. - -Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke -(Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher Kleidung auf -dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich -anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es -scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte -zu vertilgen[29]. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern. - -Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets -gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre -Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf -deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen -Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit -Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl[30] auf, um -sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes Segel- -oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt hat, -weiss nicht, +wie leer das Weltmeer+, sogar das atlantische, trotz der -grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen, französischen, -deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen New-York -zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach dem Schiff -gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich erörtert, wobei -einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten Behauptungen -entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen, durch welche -gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht. Es besteht ein -Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden Völkern. In unsrer -Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen alle Betheiligten -wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf hoher See gesehen -worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt werden. Gelegentlich -spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe an. Sie wird im Falle -der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst; die Gesellschaft des -hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu bezahlen; aber der -Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch sehr beträchtlich. -Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150 Mann Besatzung führt, -über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat bedeutenden Nachtheil, -wenn es einen Tag später in New-York ankommt, zumal die einträgliche -amerikanische Post immer dem schnellsten von den Postdampfern übergeben -zu werden pflegt. - -Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit -ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel -weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug -von Delphinen,[31] die munter und anmuthig über die Wellenthäler -forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken. -Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war -aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt, -d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer -ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt -links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer -ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers -sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt -zurück, vom Gelächter der Andern empfangen. - -Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.[32] Alle, mit Ausnahme -der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die -zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren. -Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen -Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen. - -Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag -gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass -Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben. - -Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und -noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf -Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig -ausschreiten kann. - -Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des -steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff -wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, -- -Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen -würde. - -Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den -Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist -natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur -Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der Seemann -ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der -Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel. - -Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und -freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen -der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen. - -Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet, -ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer, -wo auch die kräftigen +Getränke+ zu haben sind; später der Salon der -zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls -ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September -sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,) -erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen. - -So einen Tag wie den andern. Und die +Langeweile+? Ich habe sie nie -empfunden. - -Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des -Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der -auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten -Nachthimmels[33], des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung -des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe, -des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die -wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben -vollauf Beschäftigung. - -Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und -Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und -Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel -eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten -her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch eine -schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und plötzlich -versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden Griechen war -dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen, versteht -die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden Sonnenrosse am -Giebel des Parthenon. Natürlich +messe+ ich die Zeitdauer vom Anfang -(_A_) bis zum Ende (_E_) des Eintauchens; und die wissensdurstige -Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen zugeschaut, betheiligt -sich eifrigst an der Zeitmessung mit der Secundenuhr. - -Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B. - - _A_ = 7 Uhr 12 Minuten - _B_ = 7 Uhr 15 Minuten und - -sehr wenige Secunden.[34] - -Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze -Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar - - um 360° in 24 Stunden, - um 15° in 1 Stunde, - um 15′ in 1 Minute. - -Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die -Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische -Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern: -sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch -vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben -darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die -Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen +Auwers+. - -[Illustration] - -Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und -braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen -Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn +schräg+ auf den -Horizont _HH_ zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und den -Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der Sonne sich um -den Durchmesser _AB_ erniedrige, oder dieser durch den Horizont gehe, -muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg _SS′_ = _BB′_ = (_AB_)/(sinφ) -zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum Untergehen am 15. August 3 -Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter 45° nördlicher Breite 3′ 9″ -bezw. 3′ 6″. - -Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der -Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, -- offenbar, weil -bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt -werden kann. - -Das +Meeresleuchten+ kann Abends den aufmerksamen Beobachter -stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche, -bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an dem -Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem -das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere -Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse -Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem -Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle. - -Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des +Meereshorizontes+ -und findet zu seinem Staunen, dass der Halbmesser nur 5-6 Seemeilen -beträgt.[35] Wie ein Kind freut sich jeder, der zum ersten Mal die -Kugelgestalt der Erde sich selbst vorbeweist, indem er zunächst den -Schornstein, und später, bei grösserer Annäherung, den Rumpf eines -fahrenden Dampfers erblickt. - -Zu den +Spielkarten+ brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. Ich -verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten -Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt -von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte Kartenspieler, -namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind. -Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem -waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige -Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in -Hoffnung auf weit grösseren Gewinn. - -Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. +Himmel und Hölle+, -doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der -Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich -sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine -Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen -wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist -senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus -dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10-15 -Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur -dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich -lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren -Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.) - -Von +Erlebnissen+ oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu melden. -Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, nur kleine -weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, aber doch -freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der röthlich -schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit denen ich so -oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut hatte, so -dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete Kentuckyer -über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir die gute -Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August tönte -das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. In -der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland ist immer Nebel. An diesem -Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8. -August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue -See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller -Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum -Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den -Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot -auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber. -Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine -Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann, -der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt, -der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt -hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung. - -Dienstag, den 9. August, kam der +Lootse+ an Bord. Er fährt in seinem -Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene See und kreuzt -dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das Lootsengeschäft -ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss Tiefgang des -Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr Fahrwasser kennen. -Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die Leitung des Schiffes -und erleichtert dem Capitän die Verantwortung für den Rest der Fahrt. -Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, wenn der gewandte Mann -die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, mit denen er die Taschen -vollgestopft hat, werden ihm schleunigst abgenommen, namentlich von den -Neulingen, welche möglichst rasch Nachrichten von dem Weltgetriebe, -dem sie für 6 Tage entrückt waren, zu erhalten streben. Aber sehr bald -legen sie enttäuscht die Blätter wieder fort; dieselben enthalten -nichts Neues; wenige Stunden nach unserer Abfahrt war der Lootse von -New-York abgesegelt. - -Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen? -Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa -herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach -dem Ausgang der Jachtwettfahrten. - -Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen -Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24, -auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige -gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein -vortreffliches Doppelfernrohr[36], das bisher edleren Zwecken gedient, -wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter -Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen. Hierbei ereignete sich ein -spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet, -dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das -Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“, -sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit -dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“ -war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch -entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston -kommen. - -Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze -Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet -einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten. - -Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf -deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen -stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht -doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag -für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man -dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch -nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten -Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen -schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt -und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen. - -Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen -landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an -die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären. -Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen -deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere. - -Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen -auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche -Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht, -fällt diesmal aus wegen des Nebels. - -Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns -herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen. -Um 8½ Uhr Morgens erscheint +Fire-Island+[37], dann Long-Island und -+Sandyhook+, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis hierher -rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden gedauert.[38] - -Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows -sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf -die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von -New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von -Brooklyn. - -Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den -Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen -Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss -vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden. -Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es kommen -Freunde. Wir landen in +Hoboken+ am westlichen Ufer des Hudsonflusses -in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit klingender -Musik in deutschen Weisen empfangen.[39] - - - - -II. - -Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent. - - -Einen +Erdtheil+ zu +durchqueren+, von dem einen Weltmeer zum andern, -ist für den +Einzelnen+ ebenso reizvoll und belehrend, wie die -erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen, wichtig und -epochemachend für die +Geschichte des gesammten Menschengeschlechts+ -geworden. - -Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den -+nordamerikanischen Continent+ machen. - -Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien, -Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen -unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee -zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir -aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein -Anhängsel von Asien. - -+Nordamerika+ bietet noch dazu den besonderen Vortheil, dass seine -ganze +Cultur eine neue+ ist, da die spärlichen Reste der Ureinwohner -kaum noch in Betracht kommen. Neben dem +geographischen+ Gesetz, dass -der Continent ziemlich ringsum von Rand- und Küstengebirgen umgeben, -+erst+ einen mehr oder minder breiten Gürtel +fruchtbaren+ Landes und -+dann+ in seiner Mitte einen mehr +öden+ und selbst wüsten Bezirk -enthält, tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt- -und dichtbesiedelten Europa, auch das +politische+ Gesetz entgegen, -dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen -der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig -abnehmen. - -Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen -Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der -Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia durchsaust, -im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne -lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten -wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in -der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in -die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen -jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und -Ostindien harren. - -+Fünf pacifische Eisenbahnen+, die ein gewaltiges Stück Culturarbeit -enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen zum stillen -Ocean: 1. Die +centrale+ von +S. Francisco+ nach Ogden in Utah und -weiter nach +Omaha+ in Nebraska. (Von hier ist Verbindung mit Chicago -und New-York.) Dies ist die +älteste+ dieser Bahnen, im Jahre 1869 -vollendet. 2. Die +Atlantic- and Pacific-Bahn+ von +S. Francisco+ nach -+St. Louis+, an der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die -+südliche+ Pacific-Bahn von +S. Francisco+ nach +New-Orleans+. 4. Die -nördliche Pacific-Bahn von +Tacoma+ in Washington nach +St. Paul+ in -+Minnesota+, (und von da weiter nach der östlichen Küste,) im Jahre -1883 vollendet. - -Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die -dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen +Büchlein+ (Von New-York -bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt. - -5. Jetzt habe ich auch die +canadische+ Pacificbahn[40] durchfahren, -die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906 engl. Meilen -sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den Vorzug vor den -anderen. - -Vor Allem ist sie +malerischer+ und +reizvoller+, sodann reich an -Abwechslung. Die bequeme Verbindung der canadischen Pacificbahn mit -ihren Dampfern, welche die ungeheure Süsswasseranhäufung der grossen -Seen (Lake Huron, L. Superior) durchkreuzen, ermöglicht es uns, -den vierten Theil der ganzen Reise als angenehme und erfrischende -+Wasserpartie+ zu machen.[41] Wird noch ein kurzer Aufenthalt am -+Niagara+ und im +Felsengebirge+ eingeschoben, so gelangt man in etwa -12 Tagen bequem von dem einen Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit -dem Postzuge von Montreal nach Vancouver in sechs Tagen. - -Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns -einigermassen mit der +Geschichte+ dieser gewaltigen Eisenbahn vertraut -zu machen. - -Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean -zu bauen, war lange Zeit hindurch der +patriotische Traum+ einzelner -canadischer Männer. Es wurde eine +politische Nothwendigkeit+, nachdem -im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika zum Dominion -Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 Millionen -Einwohnern) sich vereinigt hatten. - -Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen -Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und -erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung -begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an -eine +Gesellschaft+ übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso -vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging -die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist -die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean -3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die -gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst. - -Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im -Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz -gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan -und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada -gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die -bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.[42] Dies -ist wenigstens die +Ansicht der Canadier+, während die eifersüchtigen -Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und Geringschätzung -auf Canada herabblicken. - -Von der gewaltigen Hauptstadt +New-York+, wo der vaterländische -Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem +Tagdampfer+[43] -stromaufwärts auf dem +Hudson-Fluss+ bis +Albany+, der Hauptstadt des -Staates New-York. - -Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden -aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild -dieses +unvergleichlichen Hafens+ von New-York und die Stadt selber mit -ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, Madison -Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin das -Landschaftsbild des +majestätischen Hudsonflusses+, den man in diesem -Lande den +Rhein von Amerika+ nennt und in dem üblichen Superlativ-Stil -nicht bloss zu den grössten Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten -rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern Rhein zu erheben -pflegt.[44] - -Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir -der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich, -die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und -Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist. - -Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt, -dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter -+stromaufwärts+ man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese Stadt, -143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der -+Gezeiten+. - -Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während -am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge[45] vorbeisausen, links -(westlich) die +Pallisaden+, säulenartig gegliederte, bis 300 Fuss -hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); rechts -(östlich), +Yonkers+, eine der ältesten Ansiedelungen im Hudsonthal; -und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s +Sunnyside+, der -ehemalige Wohnsitz des Dichters +Washington Irving+, weiter das -berüchtigte Zuchthaus +Sing-Sing+, und endlich +Crotonpoint+, von wo -New-York sein Trink-Wasser bezieht. - -Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die +Highlands+, -mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist auch der Fluss mit -schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits der Kadettenschule zu -+Westpoint+ erblickt man in der Ferne die +Catskillberge+, und erreicht -+Albany+ (w.) am späten Nachmittag. - -Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des +Capitols+, eines -erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe, bringt -mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über +Buffalo+ nach +Niagara+, wo -ich natürlich einen Tag verbleibe.[46] - -Sodann fahre ich nach dem nahen +Toronto+, am Nordwestufer des -Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen. - -Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren -mit dem Begriff des Canadiers den der +Unkenntniss von Europa’s -übertünchter Höflichkeit+ gewissermassen unbewusst und zwangsweise -verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere -Vorstellung von dem +heutigen Canada+ beigebracht, wenn wir gelesen -haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200 Einwohner zählte, -1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht und erstaunt, mit -+eignen+ Augen diese +riesigen+, acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser -und die ungeheure Zahl der +electrischen Strassenwagen+ in -- +Canada+ -zu sehen! Die +Staats-Universität+ von Toronto ist ein gewaltiges -Gebäude in normannischem Stil. - -Die Wissenschaft ist +international+. In dem biologischen Institut -der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer & -Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr. -Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die -ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer -in Dresden, construirt hat. - -Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich -die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel -nach dem tiefblauen +Owen Sund+ am Huron-See. Hier nimmt uns der -Schrauben-Dampfer +Manitoba+ auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss -lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.[47] +Die Fahrt ist -entzückend.+ - -Sie +vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt+. Denn unser See -ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer, die -Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns der -kreisförmige Horizont des Meeres. - -Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz +gewaltigen Zahl -von Dampf- und Segelschiffen+, wie man sie nie auf offenem Meere -antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen, -sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue -Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen, -wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte -Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr -praktisch.[48] - -Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass +Sault St. Marie+ -ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem -Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne[49] -sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst, -müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere -Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See -emporgehoben werden. - -Durch +Sault St. Marie+ soll jährlich eine grössere Tonnenzahl gehen, -als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten Jahre, -58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.[50] - -Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch -weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet -(am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht -zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von +Zollkrieg+, weshalb die -Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig zu machen -bestrebt sind. - -Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf -dem +Oberen See+; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter am -Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des -Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags -in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser -geworfen. - -Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige +Donnerkap+, das 1600 Fuss -hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die Donner-Bay -und erreichen Nachmittags +Port Arthur+. - -Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes -Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses -Kaministiquia, nach +Fort William+: dort erwartet uns der Zug der -+canadischen Pacificbahn+. - -Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei -Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man -nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in -Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je -einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den -Mittelgang abgeschlossen.) - -Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende -Schilderungen von der +Pracht+ und +Bequemlichkeit+ dieser Wagen. -+Vieles ist richtig+; aber wenn der Wagen mit 24 Personen, dazu mit -etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine mehrtägige Reise -nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck und endlich mit -Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so geht ein gut -Theil der Bequemlichkeit wieder verloren. - -Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die -Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu -versagen. +In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit -unbedeutenden Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien -Bewegung förderlich.+ Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf -nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke -auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil -eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich -oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe. - -Eine +viertägige Eisenbahnfahrt+ steht uns bevor; oder, wenn wir -in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die -Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21 -Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.) - -Der +erste Morgen+ bietet uns ein reizvolles Bild, +Rat Portage+ am -hauptsächlichsten Ausfluss des +Lake of the Wood+, des grössten Sees, -welchen die Bahn zwischen dem Oberen See und dem Stillen Ocean berührt: -Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine Felsdurchbrüche, kleine Häuser, -riesige Mühlen. - -Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und -- -gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und -werden von den meisten anstandslos bewältigt. - -Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem -Busch bedeckten Haide, welche als +ebene Prairie+ bezeichnet wird, die -Hauptstadt der Provinz Manitoba, +Winipeg+. Hier war ein alter Sitz -der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen Kaufleute, -welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere des -amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort (früher -Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner. Die Stadt -liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die für -Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn. - -Hier ist das +Land-Amt+ der Eisenbahnen und das der Regierung. -Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch, -polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung -harren auch am Bahnhof. - -Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der -Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen, -weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein -idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines +Knaus+, war, -behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein -russischer Jude. Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er -in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block -mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, -- wie einst -Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte. - -Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie, der -+Glanz von Manitoba+ beginnt, +eine+ Ansiedelung der anderen folgt, und -so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht zweckmässig, ein -paar Worte über die +Auswanderung nach Canada+ zu sagen. - -Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist, ein -schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen Werk -„+Manitoba+“ (by John +Macoun+, M. A., Dominion Governments-Explorer of -the North-West, London 1883, S. 637) das Folgende anführen: - -„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für den -Acre aufwärts; und 160 Acres +freien+ Landes kann man als +Heimstätte+ -belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“[51] Die Auslagen für das -erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den Besitz nach fünf -Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar. - -+Weniger verlässlich+ sind die Schriften der Eisenbahngesellschaft, -welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite, beiderseits von der -Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in jedem Bezirk Land -besitzt und -- an den Mann bringen will. Sie bietet Land an zum Preise -von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel baar, das Uebrige -stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen. Aus ihrer Schrift -+„Successful Farming in Manitoba+ (1891)“ ist zu ersehen, dass einzelne -Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars mitbrachten, -- andere -+gar nichts+, „und gut vorwärts kamen, namentlich wenn sie zunächst als -+Arbeiter+ einige Ersparnisse gemacht.“[52] (Vergl. auch „Farming and -Ranching in Western Canada.“) Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar -noch verkäuflich ist, und der Besitztitel erst nach Ablauf von fünf -Jahren regelmässiger Bearbeitung erworben wird; so giebt es doch -Banken, welche, mit Erlaubniss der Regierung, den Ansiedlern von vorn -herein mit Vorschüssen aufhelfen. - -+Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel+ für Europa im Allgemeinen und -für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer Auswanderer geht -nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele besser wäre, nach -Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage. Deutsche Ansiedler sind -in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr gut fort. - -Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die +wellige+ -und dann in die +ansteigende+ Prairie, die auch noch gut bebaut ist. -Hier liegt Bell’s berühmte +Riesenfarm+ von 100 Quadratmeilen, die mit -militärischer Ordnung bewirthschaftet wird; man pflügt in Brigaden und -erntet in Divisionen. - -Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt +Regina+ in -der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit -2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der -canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des -Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen, -rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die +musterhafte -Ordnung+ des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die -+Indianer+. - -Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die -Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige -Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung -des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben, -singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele -sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe -des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und -die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und -Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu -verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es -geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen. - -Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen -zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art -leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die -katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die -weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den -dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen -nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter -begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit -schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen; -aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von -Europäern unterscheiden kann. - -Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine +Ebene+, -+die keinen Baum enthält+. Bis zum Horizont reicht die einsame, öde -Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen Wüste annimmt; -der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch bilden die ganze -Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen in Sicht. Nur -selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein Haus, einen -Kuhhirten unterbrochen. - -Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei +Medicine Hat+ -(2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende Fackeln des -natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir in die +hohe -Prairie+. - -Am +dritten Morgen+, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten der -Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die -scharfkantigen Gipfel der Berge,[53] auf denen nur hier und da ein -kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000 -Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild. - -Um 6 Uhr Morgens erreichen wir +Banff+, das 4500 Fuss hoch, 2346 -Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die -Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut. -Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei -Fuss lange Baumstämme unterhalten. - -Von der Höhe des +Tunnelberges+, 1000 Fuss über dem Thal, hat man einen -Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine seeartige -Ausweitung des grünen Flusses,[54] das kleine Dorf Banff, das 200 Fuss -höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden Felsen, die -amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des Gasthauses, -sind mit Schnee und Gletschern bedeckt. - -800 Fuss über dem Thal entspringt eine +warme Schwefelquelle+.[55] -Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus[56] -sind Krücken angenagelt mit +ruhmrednerischen Heilberichten+, --- ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im -Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen -Wallfahrts-Orten unserer Tage. - -Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer +Höhle+ des -Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit -grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen -aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung. - -In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain, -der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal -abfällt, nach dem Teufels-See[57] und befährt diesen auf einem ganz -kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von -den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen, -nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen. - -Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum -ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein -+Schlafwagen wird abgehängt+. - -+Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön.+ (Im Eisenbahnbuch steht: 1. -„Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause -soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ -- Das ist -so die +Geschäftssprache der neuen Welt+.) - -Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des -Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die -Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der -gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt. - -Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.[58] Zwei -kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte. -Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay -und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss, -bezw. in den pacifischen Ocean. - -Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst +Stephen+ sowohl die -Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil -der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass, -wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt, -umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss -über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns -einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die -Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören. - -Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon, -wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht -streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss. -Tunnel sind nur sparsam und kurz. - -Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei +Golden+ -aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken wir vor uns den -Columbiafluss und die schöne Kette des +Selkirk+-Gebirges, die -annähernd parallel ist mit der des Felsengebirges. - -Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der -Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die -enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss -1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken, -250 Fuss über dem Bach; und erreichen die +Passhöhe der Selkirks+ -(Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher +Gletscherberge+: -Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche -+Gletscherhaus+.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind mächtige -Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer. - -Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug -hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den -schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst. - -Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den -Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks -gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem +mächtigen+, +schiffbaren+ -Strom angewachsen ist. - -Am +letzten Morgen+ ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch -den +Fraser-Cannon+ (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in -Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte -Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss -über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über -den Schluchten gestützt ist. - -Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf, -entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock -befestigt. Man sieht die +Indianer+ ihren Lachs fischen oder dörren. -Dann erscheinen Häuschen von +Chinesen+, die Gold waschen. Dazwischen -einzelne Zelte von +Abenteurern kaukasischer Rasse+. - -Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss -zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten -Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder -auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem -Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die -Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen -Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit -breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen. - -Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und +Vancouver+, das -+Ende+ der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige Stadt ist -sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat grossartige -Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und mehrere -Dampf-Sägemühlen, welche die 1-2 Meter dicken Föhrenstämme von -gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter -unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der -holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach -Montreal und nach Europa versenden. - -Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den -+Urwald+[59] auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen -entfernten +New-Westminster+. - -Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen -langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in -dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft -unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of -Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, +westwärts nach dem -fernen Osten+. - - - - -III. - -Der stille Ocean. - - -Schon der +Name des stillen Oceans+ macht auf den Landbewohner von -Mitteleuropa einen +überwältigenden+ Eindruck; der Begriff der -ungeheuren +Grösse+,[60] welche ja die der sämmtlichen fünf Erdtheile -übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen +Entfernung+ von der -Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht. Als ich, im -Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum ersten Mal das -Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten, konnte ich -nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold, meine Stirn -mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene merkwürdige -Zeit zu versetzen, wo +Vasco Nunnez de Balboa+ (am 25. September -1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „+das Südmeer+“ -erblickte, -- um vier Jahre später von dem neidischen Gouverneur -Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und +Fernão de -Magalhães, der erste Weltumsegler+, nach stürmischer Fahrt auf dem -atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien herumsegelnd (Nov. -1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel vorfand und dadurch zur -+Benennung des stillen Oceans+ veranlasst wurde. - -Jetzt hatte ich diese gewaltige +Wasserwüste+ zu durchkreuzen, in -nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch -auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht -bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa -und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien. - -Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen -= 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch -die Leistung der +ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft+[61], die -Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei -einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder -20 Tagen zurückzulegen. - -Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser -Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen -einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als -80. Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die +canadische Pacific-Bahn+[62] hat -ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen -Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“ -führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen = -8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen in -13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat +die Post von London -nach Yokohama+ in 28 +Tagen+ hinschaffen, während der Weg durch den -Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht. - -Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer -das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“[63] der -Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von -Burrard’s Einlass[64] hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser -emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und -51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die -Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten -gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube, -dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich -verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung. - -+Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer+ drängt sich -dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort; -Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so -bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte -erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.[65] Es ist doch eine -grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich -in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es -ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie -an der Tafel wird von +Chinesen+ geleistet. Der Asiate ist von Natur -ein besserer Diener,[66] als der Europäer, -- wenn man nicht zu viel -von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises -Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche -Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich -mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme. - -Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in -blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über -dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen, -unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden -die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen -können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, von -Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer[67] zu -fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter und -Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei dem -Reisenden hervorzurufen. Freilich, die +herrschende Stellung hat der -Kaukasier sich vorbehalten+, -- gradeso wie in dem Gasthaus von Wawona -bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner Neger, -der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein weisser -Mann war! - -Auch die +Reisegesellschaft+ war auf dem atlantischen Weltmeer ganz -anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen. - -Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach -New-York, herrscht der +Irländer+ vor, der zu Hause in die frische Luft -gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, das -Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von Tammany-Ring -und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt. - -Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach -New-York bilden +deutsche Bauern+ mit ihren Familien und +Handwerker+ -die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) und Skandinavier. Bei gutem -Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, „das deutsche Lied“ wird gesungen, -auch „die Wacht am Rhein“, und „Deutschland, Deutschland über Alles“. -Liederbücher und Abschriften einzelner Lieder wandern von Hand zu -Hand. Es tönt die Fiedel und die Ziehharmonica, es tanzen Germanen und -Slaven. Deutsche Werkmeister, die in den Vereinigten Staaten eine gute -Stellung gefunden, kehren von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt -nicht das Wandervolk Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland; -für sie stellt Amerika eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt -sich Haar und Bart, der Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu -thatkräftigem Handeln; ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr -von der russischen Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an -die moderne friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean, -welche weit beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das -römische Reich zerstört hat. - -Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen -Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich -zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den +Chinesen+, die von der -pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als -Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige -Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des -grossen Reiches der Mitte, zurückkehren. - -Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt -erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den -sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr -und mehr alle Besonderheiten abschleift. - -Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der +Deutsch-Amerikaner+ -vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von Bekleidungsgegenständen und -Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine Badereise nach Carlsbad -oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch das hastige Essen -und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten Magen zu neuer -Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland besucht, seine -Kinder dorthin gebracht hat; -- und nun wieder seiner Thätigkeit -in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die dort so -manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, der -Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-, -Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde. - -Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und -Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten, -trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte -Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings, -seitdem die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, +echte -Amerikaner+: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen -Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind -und mindestens 54 verschiedenen -- Theelöffeln (aus den europäischen -Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren, -um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den -erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht -wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte -sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner. - -Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei -den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit[68] -herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer -Vertreter. - -Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „+Kaiserin von -Japan+“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl -vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und -unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien -studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller -Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem -Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon -in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist. Da -bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von 84) sind -+Missionäre+ aller Arten, aller Secten, -- Amerikaner und Engländer: -alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der gewöhnlichen -Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit Weib und Kind; -„grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen die Tagesblätter -von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde Fräulein, die -hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe gehen, den -altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden. - -Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam -vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie -aus Bombay. Weit zahlreicher waren die +Muss-Asiaten+ aus Europa, -Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China[69] als Zollbeamte so -lange leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der -Heimath ausreichen. - -Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein -Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden. - -Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so -gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die -eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer -(+Globetrotter+), eine Menschengattung, auf die ich noch bei -Gelegenheit zurückkommen werde. - -Was nun unseren +Kurs+ anlangt, so geht derselbe, sowie wir die offene -See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver nach -der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder auf -Karten nach Kremer’s Grundriss[70] eine nach Norden erhabene Linie -darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht. - -Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen -Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen -Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz -richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw -zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.[71] - -Ein Blick auf meine +eigne Karte+ und auf den folgenden +Logbericht+ -wird das Gesagte erläutern. - - ========+=========+==========+===========+=============+=============== - | Datum | Breite | Länge | Entfernung | Bemerkungen - ========+=========+===+======+===========+=============+=============== - Mittw. |31. Aug. | | | | |Ab Vanc. - | | | | | | 4^h 35′ Nchm., - | | | | | | an Victor. - | | | | | | 9^h 45′ N. - Donn. | 1. Sept.|48°|20′ N.|123°|55′ W.|111 Seemeilen|Ab Vict. 6^h - | | | | | | 30′ Vorm. - Freitag | 2. Sept.|50°| |133°|40′ W.|395 Seemeilen| - Sonnab. | 3. Sept.|50°|58′ N.|143°|45′ W.|390 Seemeilen| - Sonntag | 4. Sept.|51°| 0′ N.|154°|10′ W.|393 Seemeilen| - Montag | 5. Sept.|51°| 0′ N.|164°|25′ W.|387 Seemeilen| - Dienst. | 6. Sept.|50°|26′ N.|174°|18′ W.|377 Seemeilen| Orkan. - Mittw. | 7. Sept.| | | | | | Ausgelassen. - Donn. | 8. Sept.|49°|19′ N.|176°| 8′ Ö.|376 Seemeilen| - Freitag | 9. Sept.|47°|53′ N.|166°|44′ Ö.|383 Seemeilen| - Sonnab. |10. Sept.|45°|47′ N.|157°|48′ Ö.|387 Seemeilen| - Sonnt. |11. Sept.|42°|47′ N.|149°|37′ Ö.|393 Seemeilen| - Montag |12. Sept.|39°| 4′ N.|142°| 4′ Ö.|367 Seemeilen| - Dienst. |13. Sept | | | | | Um 12^h Mittags - | | | | | | | auf der Rhede - | | | | | | | von Yokohama. - -Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen -Erlebnisse auf derselben. - -Der Hafen von +Vancouver+ ist prachtvoll und tief; das grosse Schiff -liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke an -Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang der -Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax in -Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung -braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus -Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von -Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen. - -Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus +Burrard’s+ -Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen umgebenen Meerbusens, -an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch den schmalen, mit -Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die schönumwaldete -+englische Bay+ und dann in den eigentlichen +Puget-Sund+ südwestlich, -zwischen flachen Inseln, nach der Strasse San Juan di Fuca, welche -die zum Dominion Canada gehörige +Insel Vancouver+ von dem Festlande -von Washington trennt, das erst vor Kurzem die Kinderschuhe des -Territoriums ausgezogen hat und zu einem Staat in dem Bunde der -Vereinigten Staaten Nordamerikas befördert ist. +Victoria+, auf der -Insel Vancouver, die Hauptstadt von Britisch Columbia (mit 20000 -Einwohnern), erreichen wir erst spät Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst -vor Anker bis zum nächsten Morgen um 6½ Uhr. - -Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und -erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher -noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende -Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst -ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die -Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es -ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und -immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch -wieder sich zu verengen. - -Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in -Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen. - -Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die -Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht -hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver. - -Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz -einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist, -wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen erworben, und -zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden -Schiff. - -Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche -Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis -zur Nacht. - -Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig -gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir -seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und -Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen -und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in -Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt. -Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika -und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr -gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American -commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine -Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie -nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen -Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden -Amerikaner. - -Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die -Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer -waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte, -um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den -eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von -Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen -Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen -Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische -Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben -sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig -zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende -Stellung in der Wissenschaft einnimmt. - -Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute -leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen -Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte, -um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen -der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle -Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben -wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene, -die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die -Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem -Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich lernte auch Manches über -die Einrichtungen +unseres+ Vaterlandes; denn das ist der grosse -Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden -vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches -auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar. -Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich -Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei. - -Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen -Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen. - -Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende, -wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig -ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht. - -Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa -und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes -Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr -arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei -uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu -sehen waren. - -Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit -gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es, -gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen -schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie -seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind -sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen -Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass +Cipangu+, nach dem Columbus -ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner weltfernen -Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit unbekannte und -ungeahnte Amerika. - -Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe -der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden -(Dienstag, 6. September) haben wir den +Sturm+, und zwar aus Osten, -so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu durch -den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt. -Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte -Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich -gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem -ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen -sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und -geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen -ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts -sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns -zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort -hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg -weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden -waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete. - -Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres -philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer; -freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch -stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden. - -Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die Wuth -der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder -möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles -durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt. - -Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt, -schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den -8. September. - -Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so -doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde -in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm -vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren -Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in -westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen, -als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen -Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen -hätten, einen Tag zu verzeichnen. - -Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der -Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in -Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts -davon Mitternacht, der Beginn des 8. September. - -Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung -mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen -zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des -Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;[72] also -in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade -zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren -Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser -Reise die Sonne ein Mal weniger durch seinen Meridian gegangen, -als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen -Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad -westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu -überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes -- Glück -hat, sogar um seinen Geburtstag kommen! - -Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung -der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der -Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um -10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade -überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian -gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um -einen Tag weiter. - -Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es -selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche -Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180° -Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben, -dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei -aufeinander folgenden Tagen ansetzte. - -Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen -des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die -Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später -auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach -hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt -ist heiter. - -Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September) -ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von -Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem -atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge, -aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter -südlich die Nebel. - -Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan -zu lesen und um - - -Zwei ernste Reisegeschichten - -zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu -schildern. - - -1. Der russische Weber im Felsengebirge. - -Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der -Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren -Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über dem -schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei -+Golden+. - -Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht -bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein -vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster -Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an -sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen -Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur -wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen -Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau -zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes -Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein -kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt. - -In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute, -lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen -recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert -und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des -stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen -Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat -ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie, -die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf -die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der -langen Fahrt erduldet, -- allerdings, wie ich höre, ganz andere als die -Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch -nach dem goldenen Vliess auszogen. - -Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden. -An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie +diesen+ Theil der Reise -noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, bitten; -man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig. - -Aber +jetzt+ haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes Amerika -betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden entgegen. - -+Elf Tage+ sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis -hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder -an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über -die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein -Mensch hat sich um sie bekümmert;[73] nur Einer, eben so arm wie sie, -hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr -Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt, -sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne. - -Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen -Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu -- ganz -unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25 -Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke -besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer -Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen -ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur -trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die -Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den -Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der -sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie -vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer -Verzweiflung sich nachschleppen liess. - -Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse +Hartherzigkeit -gegen Bettler+ bei Amerikanern und auch bei Engländern zu beobachten. -Aber +dieses+ Mal war der Ertrag einer für die armen Leute -veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie förmlich verdutzt -dreinschauten. - -Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des -Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten -wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie -an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern -schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied. - - -2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean. - -Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner -Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von -Japan“, nichts hatte anthun können, -- mehr den Insassen und unsrem -Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine -Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir -nachher in der Ecke des Rauchzimmers. - -Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne -nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und -überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen -Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen -Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen -von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von -England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel -der Reisenden auf unserem Schiff. - -Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben, -sie beten für ihn. - -Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver am -Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das nur -+ein+ Stockwerk, +ein+ Fenster, +einen+ Wohnraum besitzt, vom Morgen -bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen und des quälenden -Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, die den bezopften -Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der „rothharigen Barbaren“ -verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und Ueberlegenheit seiner -uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses Ziel zu erreichen. -Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte er genug, um in -seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner Frau und seinem -drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton zurückgelassen, und -sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu sichern. Jeden Abend -zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine Papiere und rechnete -die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch in der Verbannung -zuzubringen hatte, -- obwohl er ja schon lange mit zierlicher Schrift -über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt und den Dampfer, -der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da kam der 30. August, -ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am folgenden Tag segelt -ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, nach dem märchenhaften -Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; alle Cajütenpassagiere -haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er schafft unverdrossen, die -Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat früher, als er geträumt und -gehofft, wird er die Heimath schauen. Kräftig presst er das heisse -Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als wäre es das Steuerruder des -Schiffes, das ihn heimwärts geleitet. - -Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt -empor und will ihn ersticken, -- ein Strom von Blut; und mit einem -Angstschrei sinkt er zu Boden. - -Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an -sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland, seine -Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren. - -Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt -sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er -erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s -Schiff; ich will nach Hause.“ - -Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser -Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein -Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im -Sturm der Tod. - -Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch -Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach -ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss -fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, -- und war der Verstorbene -mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, -- -sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein -Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung -ihr Leib aufgeschnitten wird, -- von jenem barbarischen Doctor, dessen -Hilfe sie bei ihren +Lebzeiten+ unter keinen Umständen in Anspruch -nehmen. - -Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt, -kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht. -Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon -öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von -wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“ - - * * * * * - -Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche -unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben. - -Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über -die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen -englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für -die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern -bleiben. - -Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser -Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin -vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten. -Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie -vollendet habe, vollende und vollenden werde. - -Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavierspiel, -Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik -liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren -Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen -mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische -Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden -Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl -jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht -nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der -„Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische -Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und -aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen -zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und -der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss -ausstellte. - -Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von -Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die -Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug -durch den Ort gesungen haben: - - Jonny[74] is a Gentleman, - But Willy[74] is a fool, - Before he goes to Parliament, - He best returns to school. - -Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere -Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit -seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise -unternimmt,[75] ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch -später den Abzug des Bildes erhalten. - -Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land -gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe -meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht -über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein -Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich erblickten wir die -+bergige Küste+ der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, nach -unseren Schulerinnerungen, +Nippon+, die Japaner aber Hondo nennen. -Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen Form -des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An den -mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir -in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der -Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es -war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch -schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen. -Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern. -Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz -bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in -die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen -zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an -die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und -ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung, -wie ein gut vorbereitetes Lustspiel. - -Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem -Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen -ihrer Beschäftigung und ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen -sehr vertrauenerweckenden Eindruck. - -Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der +Portugiese+[76] des -grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit -seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie -in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen; -vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der -Wettbewerb ein. Der +Japaner+ vom Clubhotel, das auch gerühmt wird, -übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. Wir -nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig die -schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, der -uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus von -Yokohama landet.[77] Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen von -einem muskelstarken Japaner, befördert mich zu dem am Meeresufer -schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert -wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste, -ununterbrochene Seereise hinter mir. - - - - -IV. - -Japan. - - -Wer eine +derartige+ Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne -Theelöffel aus den fremden Städten, sondern +Belehrung+ heimzubringen,) -wird immer gut thun, sich einigermassen +vorzubereiten+,[78] damit in -dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche -seinem Blick entgehe. +Manches+ meinen wir ja zu +wissen+; wir glauben -z. B. das +Aussehen+ der Japaner zu +kennen+. Jeder von uns hat eine -ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die -weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung -würdevoll einherschreiten. Aber wie +oberflächlich+ unsere Kenntniss -der Japaner bleibt, lernt man erst in +ihrem+ Lande kennen. - -Die +Japaner+ selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die -europäischen Forscher erklären sie für eine +mongolische+ Bevölkerung, -welche aus der Tatarei über +Korea+[79] auf die Inseln vorgedrungen -sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, -sich vermischt habe, +vielleicht+ auch mit einigen vom Süden her -eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) -turanischen oder tatarischen Sprachfamilie. - -Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch -eigne dazu erfunden. - -Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, -sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase -und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist -etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); -die japanische Frau entsprechend kleiner. - -Sie ist in +Wirklichkeit+ schöner, als das sattsam bekannte +Ideal+ -der japanischen +Maler+ mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg -liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen -Rosenmündchen. - -Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet -der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, -getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in +Kobe+ -gekauft habe. - -Ich bemerke, dass die Schönheit der +jungen Mädchen+ von den Japanern -mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der -Europäer muss, wie man sagt, 12 +Monate+ im Lande verweilen, bis er -vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber -+hässlich+ wird +Niemand+ sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die -kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, -das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche -rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] -ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte -schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel -(obi), -- alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, -das auf den Beschauer einen +gefälligen+ Eindruck macht, trotz der -hölzernen Stöckelschuhe. (+Geta+, aus einem Brettchen mit zwei unteren -Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, -bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die -europäische zu verdrängen. - -[Illustration] - -Und die japanischen +Männer+ sehen in dem weiten und weitärmeligen, -etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit -dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten -Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche +über+ -dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls -wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), -auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen -gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack -mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die -Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte -Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist -weit besser gelungen, als +Rein’s+ Bild japanischer Typen (I, 454) und -stellt jedenfalls die +neueste+ Mode der Hauptstadt dar. Die Herren -hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, -gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der +Provinz+ hatten die Aerzte -bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, +europäische+ Kleidung -angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen. - -Von der +Geschichte der Japaner+ weiss der gebildete Europäer -gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns -eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten -Geschichtsforschern, wie von +Ranke+, nicht dazu gerechnet wird. Das -ist eine +Thatsache+. Die +Redensarten+, dass wir Japans Geschichte -nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, -dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische -Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben -- Redensarten. - -Wenn das +Bestreben+ des Gebildeten dahin geht, +alles Geschehene zu -begreifen+; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und -guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, -nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das -kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso -einseitig wie +Plato+ es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine -Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben. - -[Illustration] - -Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können -uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer -Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht -noch Manches von +ihnen+ lernen, die jetzt -- unsere wissensdurstigsten -Schüler darstellen. - -Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine -Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie +von -der Gabelentz+; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von -Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan -vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in -der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen -Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu -einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte -vorher +gar keine Entwicklung+ gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu -leugnen, weil wir sie nicht kennen. - -Die +japanische Geschichte+ reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert -unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; -das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, -eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste -Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr. - -+Alles Frühere ist Mythe.+ Wir übergehen die japanischen Sagen von der -+Weltschöpfung+ und von dem +göttlichen Zeitalter+, in dem Götter über -Japan herrschten. - -Der erste menschliche Kaiser (+Mikado+),[85] +Jim-mu-Tenno+, ein -Abkömmling der Sonnengöttin (+Amaterasu+) soll 600 v. Chr. gelebt -haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die -Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; -dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der -Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der -Kaiserin Jingō erobert sein. - -1. Sicher ist, dass der +Buddhismus+ um die Mitte des 6. Jahrhunderts -n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift -und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, -der Schützer des alten Ahnendienstes (+Shinto+), lebte, dem Volke -unsichtbar, zu Kyoto. - -2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. -Chr. +Yoritomo+ zum Hausmeier (+Shogun+)[86] oder weltlichen Herrscher -ernannt. 1274-1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, -ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 -begann ihre Austreibung. - -3. 1603 kam die kraftvolle +Tokugawa+-Familie, die den Buddhismus -förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher -waren +Jeyasu+, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; -Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. +Von 1614 bis 1854 war Japan den -Fremden verschlossen.+ (Nur die +Holländer+ durften in Nagasaki eine -Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. -Es herrschte eine +Feudalverfassung+ mit Fürsten (+Daimio+)[87] und -Rittern (+Samurai+)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (+heimin+) gehörten -alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. -Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, -+Eta+.) - -4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore -Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen -Staaten kam es zu einer +Revolution+, aus welcher der +Mikado+ 1868 -siegreich hervorging. - -Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, -neue Gesetze eingeführt und 1889 eine +Verfassung+ mit Volksvertretung, -nach preussischem Muster, gegeben. - -Es besteht vollkommene +Religionsfreiheit+, doch wird neuerdings Shinto -wieder mehr begünstigt. - -Und wie steht es mit der +Religion+? Das wird sofort so mancher -+Europäer+ fragen. Aber der +gebildete Japaner+ wird lächelnd -erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von -Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. -- Geh’ aufs Land. Der -Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem -Tode vom Buddha-Priester bestattet.“ - -Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat -keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller -unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen -Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen -und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel -besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten. - -+Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.+ - -In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., -hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere -Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen -Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu -dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) -thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: -aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des -Mikado waltete im heiligen Hain zu +Ise+ über den Spiegel, das Schwert -und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der -Sonnengöttin +Amaterasu+, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die -eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen. - -Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts -n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, -die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, -in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen +Shin-to+. -(+Shin+, Geist und +dô+, Lehre -- chinesisch. Auf japanisch heisst der -Geist +Kami+, daher der Name +Kami-Lehre+.) Die buddhistischen Priester -verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado -Saga-Tennô (810-823 n. Chr.) die +Mischreligion Riyobu-Shinto+, d. h. -beiderlei Götterlehre. - -Die +Neugestaltung+, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. -und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, -zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte -wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius -wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen -die „+Reinigung+“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, -wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern -und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet -wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, -haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch -Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu -übergeben. - -Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen -Menge, die meisten Buddhatempel aber leer. - -Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet -durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, -von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts -gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter -Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes -(Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde -desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos -und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt -ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen -einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] -+angeblich+ Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch -ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; -endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera -japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du -thronest im hohen Himmelsfelde. - -Der +Buddhismus+ beherrscht den Osten von Asien, wie der -Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, -d. i. +ein Drittel der Erdbevölkerung+. - -Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn +Siddhârta+ -seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, -in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die -Einsamkeit. Unter dem heiligen +Bo+ oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) -widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde +Buddha+ (ein Heiliger), -+Çakyamuni+[91] +Gautama Buddha+. Im gelben Gewand, geschorenen -Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und -verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach +Eitel+ und -+Rein+): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die -Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. -Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in +Nirwana+, wo die Seele das -Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet -in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“ - -Nach den fünf +Hauptgeboten+ darf der Buddhist nicht tödten ein -lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, -kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der -Seelenwanderung zu immer höheren Stufen. - -+Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich -zu einem groben Götzendienst entartet.+ Neben den sieben Glücksgöttern -(der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, -ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und -den sechs Nothhelfern sowie dem „+Dorfarzt+“ Binzuru, dessen sitzende -Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz -empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (+Kannón+) und -die +Buddha’s+, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer -ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm -sich emporringenden Reinheit. - -Hochberühmt sind die +grossen Buddha’s+ (Dai-buts) von Kamakura bei -Yokohama, von Nara und Kyoto. - -Der Buddhatempel in Japan (+tera+) liegt gewöhnlich in einem Hain. -Verschiedene Thore (+mon+), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und -Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, -Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll -geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem -Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit -den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes +Skimmi+ (Stern-Anis, -Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem -europäischen nicht unähnlich. - -Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida -Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In +einem+ Punkt sind Shinto- und -Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine -Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92] - -Der weise +Koshi+[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in -China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die -Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das -Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, -Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen -(Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau, -zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des -+Koshi+ in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai -sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus -der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado +Asada -Shokaku+ den folgenden Grundsatz auf: +„Koshi bildet den Charakter, -Shokanron[94] erhält das Leben.“+ - -Ueber die +Geographie+ genügen wenige Worte[95]. Japan ist das -östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. -und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und -erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es -mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer -ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres -gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise -rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen -91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner -zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent -jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.) - -Die Hauptinsel heisst +Hondo+, bei uns +Nippon+, die beiden südlichen -Inseln +Kiushiu+ (Neunland) und +Shikoku+ (Vierland). Die nördliche -Insel +Yezo+ ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von -Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die -Kurilen und die Riu-kiu Inseln. - -Als +Marco Polo+ den staunenden Europäern von der goldreichen Insel -+Zipangu+ im fernen Osten erzählte -- die zu erreichen, zu plündern, -zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, -- hat er die chinesische -Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. -Die +Japaner+ nannten ihr Land zuerst +Yamato+, nach einer mittleren -Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst -seit 670 n. Chr. +Nihon+ oder +Nippon+, von Nitsu, Sonne, und hon, -Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene -Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch -+früher+, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche -Kenntniss hatten, +Dai-Nippon+, das grosse Nippon; doch haben sie, -klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben. - -So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche -„den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] -- aber ich fand -Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land -und Leuten auf das freudigste überrascht. - -Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, -befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung -ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht -miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die -Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs -am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in -Japan. - -Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen -ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst -des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden -beschieden ist. - -Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach -der Hauptstadt Tokyo streben. - -+Yokohama+ („Querstrand“) war ein unbedeutendes +Fischerdorf+, als -Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von -der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den -Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich -von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der -östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen -Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht -Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte -man 1858 den Vertragshafen nach +Yokohama+: 1860 wurde hierselbst -die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu -aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern -besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die -Quellwasserleitung eröffnet. - -Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte -sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal -an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl -schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier -+Vertragshäfen+[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881-1885 -an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser -Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil -des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war -der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen -= 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die -+Deutschen mit 15 Procent+ betheiligt waren. Die japanische Regierung -hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige -Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und -Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare -Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im -britischen Ostindien. - -In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & -O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen -Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach -Vancouver und nach Frisco. - -Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] -vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren -gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die -Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch -die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und -Wagenziehern. - -Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des +norddeutschen+ Lloyd, -das Consulat des +deutschen+ Reiches, den +deutschen+ Club. In -letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft -von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen -Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich -besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, -Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in -dem englischen Führer (Bradshaw) die +ärgerliche+ Bestätigung: „There -are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die -Hälfte des Handels in deutschen Händen. +Deutschland ist eine Macht in -Ostasien+. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen -wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als -unser Recht und unser Vortheil es zulassen. - -Im deutschen +Club+ gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine -Probe +ostasiatischer Sitten+. Ich erhielt bei Tisch einen Brief -von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen -Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun -fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich -von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club -eingeführt werden könne. - -Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der -jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber -die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung -empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz -sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging -zu meinen östlichen Freunden. - -Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst +bebte die -Erde+,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, -der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu -Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der -Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser -Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen. - -Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich -schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein -Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte -er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm -antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ +Er+ hatte +mich+ wohl nicht -verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges -gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser. - -Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von -chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung -beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten -beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen -Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und -farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung -als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen -von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von -Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt -- sogar unter Anwendung -des schmerzstillenden Cocaïns! - -Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der -Eisenbahn von Yokohama +nach Tokyo+ (18 englische Meilen = 32,4 km.) in -50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die +älteste Eisenbahn+ -in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet. - -Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; -aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper -wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den -Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der -Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am -Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt -dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen -erster Classe; aber das angebotene +Trinkgeld+ weist er kurz und würdig -zurück. - -Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit -dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft -geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper -der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden -Halteplatz. - -+Eilzüge giebt es nicht.+ Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; -sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche -die Zeit als ein kostbares Gut betrachten. - -Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten +Kanagawa+, in dessen -seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt -man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) -Feuer-Berg +Fuji+, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle -spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen. - -Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des +Tokaïdo+, mit -ihrer doppelten Pinienreihe. - -Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, -kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, -sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die -nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die +Hauptstadt+ erreicht, der -Zug rollt in den grossen +Shimbashi-Bahnhof+, der nahe der Mitte der -Uferlinie von Tokyo gelegen ist. - -Hier harrte meiner die angenehmste +Ueberraschung+. Der ganze -Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal -werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich -werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen -Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die -kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) -Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder -Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit -zwei Mann hinter einander bespannt war. Das +Imperial-Hotel+ ist -schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das +beste+, welches ich -wenigstens in +Asien+ gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit -prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut -ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter -Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von -Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen -Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der -Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können. - -Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier -zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie -konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner -frisch gebackenen Weisheit, die „+Odawara-Sitzung+“[108] beendete und -ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und -Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die -sie inzwischen genügend vorbereiten könnten. - -Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht -reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch -hatten sie mir einen +Führer+ gemiethet, was in den Reisebüchern -dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man -auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht -zu erlernen vermag. - -Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, -pockennarbiger Herr, der das +Gymnasium+ durchgemacht hat, mehreren -von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 +Yen+ -Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat. - -Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, -dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht -besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein -Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, -sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. -Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten -seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das -- +englische+ Reisebuch -in der Hand halten, +deutsch+ denken, +französisch+ fragen, die -französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch -vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den -ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei -von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen -hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, -in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, -sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. -Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens -mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der -Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der -+Gutartigkeit+ des Volkes und der +mustergiltigen Polizei+.[110] - -Allerdings einen +Pass+ muss der Reisende haben, sowie er die sieben -offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, -Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri -= 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die -Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne -japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der -Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. -Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe, -worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt -man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko -(nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die -Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado. - -Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer -Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten -mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr -gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich -ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass -zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man -nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist -- etwa wie mancher -türkische Zaptieh -- nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines -Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. -Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten -Vertragshafen befördert. - -Unser Landsmann Dr. +Scriba+, Professor der Chirurgie an der -Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende -Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische -Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden -war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort -mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. -„Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen -Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja -mit dem Mikado,“ erwiederte jener. -- „Das nützt mir nichts,“ sagte -unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des -Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen -Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu -jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber -jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben. - -Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung -+japanisches Geld+. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. -solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine -Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der -+Silber-Yen+, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische -Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine -bedeutend schönere Prägung aufweist. - -Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben -offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige -Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. -Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam -verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift -und „+one Yen+“ in lateinischen Buchstaben. - -Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind -Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die +Kupfermünzen+[114] -kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch -gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten +alten+ -Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch -besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; -träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen -ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. +Papiergeld+ kannte Ostasien -schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. -Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums -und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen -dem +Dondorf+’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist -gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach -Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] -Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern -aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder -übervortheilt wird. - -Hat man Pass und Geld, so braucht man +Verkehrsmittel+. Diese sind -leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. -Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die -+Jin-riki-sha+, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz -leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, -in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen -mit den Händen ergreift und munter forttrabt. - -Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch -bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und -China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt -herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong -und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute -Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie -der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine -Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher -aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des -Morgens drei rohe Eier. Aber seine +Leistung+ ist +staunenswerth+; -kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm -gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne -Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen -den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein -gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er -bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen -Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während -neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit -„entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung -Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der -Erzeugnisse von Manchester zu heben. - -Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim -Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur -solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster -dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte -Naturwahrheit wiedergeben könnte. - -Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die -Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich -nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste -Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7-15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, -etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1-1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber -bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen +Gullivan’s+ auf dem -Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny -den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der -Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit -freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118] - -Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz -dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten -besten Wagenmann zu fahren; -- in manchen Gegenden von Italien und -Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. -Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder -Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends -die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der -Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, -Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch -gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er -selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von -Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut -den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in -einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst -versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, -wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches -Verhältniss herausgebildet. Allerdings, +englisch+ können diese Leute -nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie -man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht -werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder -Dolmetscher. - -Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der -vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu -ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig. - -Die Stadt +Yedo+ ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet -+Wasser-Thor+. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich -ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo -durch +Jeyasu+ zur militärischen +Hauptstadt+ von Japan umgestaltet. -In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine -Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642, -einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten -+Festungsgräben+, ein Theil der riesigen +Umfassungsmauern+ und der 27 -Thore, die Jeyasu geschaffen. - -Burg (+Shiro+) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der -Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch -einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit -dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten +Palast des -Mikado+[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt. - -Den Umkreis der Burg (+Sotoshiro+) bildet die Handels- und -Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die -Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt -über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und -zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der -Vororte) 1300000 Einwohner. - -Die +Geschichte Tokyo’s+ zeigt uns eine Kette von -+Feuersbrünsten+[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt -ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und -1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, -wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein -starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. -Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man -ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich -verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300 -Yen) oder 1:60. Man +sagte+ mir, dass ein Haus nur 5-7 Jahre stehe, bis -es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten -Brand-Statistik. - -Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken -sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der -Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der -Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn -aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt. - -Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und -eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch -scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein. - -1650-1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 -der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. -1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den -Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in -demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn -in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 -Telephon eingeführt. - -Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es -liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche -Wasserläufe durchziehen die Stadt. - -Die +Strassen+ der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen -Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame -Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf -einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden. - -Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten -Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. -Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen -versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der -fremden Gesandten befinden sich in +einem+ Stadttheil, und zum -Theil hinter Mauern und Gärten. - -Das +japanische Haus+[124] ist von überraschender Einfachheit und -Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, -ohne Fundament. - -Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken -des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren -Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine -umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2-3 Fuss über -den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der -Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke -Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, -den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, -Sofa’s gleichzeitig vertreten. - -Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von -2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der -Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in -jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der -Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen -dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder -geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) -ausgefüllt. - -Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein -rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem -+Papier+[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches -diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar -für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei -gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des -Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine -fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt -es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, -mit Ausblick auf den winzigen Garten, -- wie in Pompeji. Hier ist an -der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei -Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das -Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden. - -Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus -geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der -Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört -missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter -in einer Lade, dem „Brettsack.“ - -Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) +entbehrt -der Dauerhaftigkeit+, da es nur aus Holz und Papier besteht, und -der +Behaglichkeit+, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch -fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren -Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat -diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner -+Morse+, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129] -veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130] -vergeblich dagegen an. - -+Zwei Vortheile+ hat das japanische Haus, es ist sehr billig und -widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus +Rein’s+ Angabe, -dass der Herstellungswerth 150-1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich -zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor -Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt -geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 -Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu -nicht vorhanden ist. - -Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich -nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier -Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die -der Einwohner angegeben. - -In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten -Japan’s) schmale +feuerfeste+ Gebäude (Kura), worin Nachts und bei -Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen -aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich -wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen -Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt -ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen -nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen -bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche -werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält -Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier. - -Das +Volksleben+ ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und -Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm -noch Gedränge. - -Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der -mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und -der Käufer sie davon trägt. - -Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich -in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle -Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, -welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden -und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen -Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist. - -Zu den +Hauptsehenswürdigkeiten+ von Tokyo gehört der Park von Shiba -und der von Ueno. - -+Shiba+, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von -Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von -+Jeyasu+ dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der -Tokugawa-Familie aufzunehmen. - -Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der -zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866). - -Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den -Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit -kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der -göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt. - -Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten -Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, -schön geschnitztes +Holzthor+, das der beiden Dewa-Könige oder -Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen -Hof, der in einer +ganz eigenthümlichen+, echt japanischen Weise -geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den -Ehrengaben der Daimio. Jede +Laterne+ besteht aus vier Theilen, nämlich -aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, -aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen -ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus -einem phantastischen Pagodendach. - -Ein +zweites Thor+, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die -Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil -es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado -geschrieben, enthält, bringt uns nach dem +zweiten Hof+, der noch -schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen +Bronze-Laternen+ -geziert ist. - -Das +dritte Thor+ finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist -von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten -Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines -Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, -bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen +Todten-Tempel+, dessen -Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die -mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden. - -Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger -Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend -verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht -aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem -schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter -Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, -betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, -die Samurai in der Vorhalle, -- ganz ähnlich wie in den Tempeln der -alten Aegypter. - -Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. -Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei -Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich -- denn die Thüren -werden nie geöffnet! -- das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, -der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu -beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann -das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der -Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï -Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz -(Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das -buddhistische Sinnbild der Reinheit. - -Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude -besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „+Symphonie -von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit+“ darstellt, fragt -kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder -- der Verfasser -des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel -nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, -sondern für den +japanischen+ Geschmack errichtet ist; und ferner den -Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und -prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu -der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges -Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack -befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist -ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes -Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig -sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und -ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt -allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische -Kunstschöpfung +über+ die europäische zu erheben. - -Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die -Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von +Nikko+ -Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann. - -Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und -durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist, -gelangen wir über eine Steintreppe empor in die +tiefe Einsamkeit+, wo, -von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen, -unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die +sterblichen Reste+ der -verehrten Shogune ruhen, -- geschützt gegen Zerfall durch eine dicke -Lage von Zinnober und Kohle. - -Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche -Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des -Irdischen. - -Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und -vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des -jetzigen Mikado. - -Von hier führt der Weg zu dem +Kloster+ von Zojoji und zu dem neuen, -noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule -von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass -er in Ostasien weilt. - -Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen +Gokoku-den+, welches in einem -goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets -als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden -erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize. - -Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, -- ein -„nasser Heiliger“ (nure botoke), -- vom Jahre 1761. - -Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der -Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler -das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte -achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers -enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste -Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige -der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit -den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in -Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine -Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz -ähnlich, wie in den +Turbe’s+ der Sultane zu Stambul. - -In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo +Jeyasu+ auch -als +Shintogottheit+ verehrt wird, und ferner +Kōyō-kwan+, das -Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen -sollte. - -Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe -genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils -um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; -- -denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt -den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und -freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine -Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch +Mitford’s tales of -old Japan+ in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, -der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht -kennen und -- im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in -Kürze anschliessen. - -+Ronin+ heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in -dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der -beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch -heute gefeiert. - -Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den -jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, -auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die -Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine -Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel -und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen -Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi -wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert -einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen -Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber -zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine -Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi -Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod -ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die -46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu -Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und -trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur -Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich -Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die -Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. -In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten -alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren -Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei -ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre -gesetzt, niedergehauen, -- aber dieser selber nicht zu finden, bis er -endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich -vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner -sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen -Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens -anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus -Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben -Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den -Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, -um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in -blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der -Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie -anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine -Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess -sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und -legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss -des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; -und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt. - -Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende -Weihrauchkerzen. - -Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das -Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den -Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte -ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die -hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient -es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben -unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder -deines Herren.“[133] - -Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark -gelegenen +Bazar+ (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die -niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse -japanischer Kunstfertigkeit. +Alles+ ist hier zu haben, was der Japaner -braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, -Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und -Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher -Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt -sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen -mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter -erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte -Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings -nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes -handzüglich vorwies. - -Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel -+Atago-yama+. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der -„weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr -merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da -die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, -offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich -geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick -schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay -von Tokyo, zu dem Berg Kanozan. - -Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke -der Stadt belegenen +Ueno+-Park, der +Nachmittags+ sich besser -darstellt. +Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.+ Ueno-Park, -ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun -+Jemitsu+ übernommen; er wollte hier eine Reihe von +Buddha-Tempeln+ -gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten. - -Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier -musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, -so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der -Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit -dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem -Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach -Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser -Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den -Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner -Stelle steht jetzt das +Museum+. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen -Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben. - -Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht -auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber -- nicht -belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man -Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner -Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch -von den andern rasch besänftigt. - -Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes -+Denkmal+ ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado -gefallenen Soldaten gewidmet. - -Der berühmte +Kirschbaumweg+, im Frühling zur Zeit der Blüthe das -Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, -wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf -einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der -Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich -gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park -widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. -Chr., ist unschön. - -Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen -zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit -einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des -+Gongen-Sama+ (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die -Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. -und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass -der +Mensch ein Dreieck+ sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber -ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist -thatsächlich ein solches Dreieck. Das +Ueno-Museum+, ein grosses -Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten -japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist -sehr gering, die Räume sind gut besucht von +Einheimischen+.[135] Die -Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden -hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils -nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. -Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für -+unsre+ Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten -in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische -und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die -wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für -Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. -Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, -zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- -und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, -+irdene Figuren von Mann und Ross+, die (seit dem Gesetz des elften -Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten -Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, -mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, -besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus -Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der -portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, -der 1614-1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein -Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen -Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und -- im Gegensatz dazu --- die +Trampelbretter+ (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung -des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach -Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen -Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser -Lehre hielt, +trampeln+[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu -reinigen. - -Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für -schweres Geld geliefert haben. - -Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in -der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, -der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die -japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises. - -Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die +Shogun-Gräber+ (Go -Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der -fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen -hier begraben. - -Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, -im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem -Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt -wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 -Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter. - -Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich. - -Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige -+Verkaufs-Ausstellung+, die auch hier sich befindet, und bewundern -wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. -Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen -Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des -Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige. - -Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der -gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind -die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der -Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell -mit starkem Papier verklebt; auf +unseren+ Reisen würde derselbe -beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für -Buddha’s Bildsäule sind alle nach +einem+ Muster, innen vergoldet. -Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen -kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein -genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem -Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem -zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten +Zwergpflanzen+[138] -ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf. -In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen -jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren -Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann. - -Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von +Asakusa+. - -Zuerst fällt auf +Higashi Hongwanji+[140], der Haupttempel von Tokyo, -im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, -aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 -Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von -Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten -Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher -Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein -ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, -welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten! - -Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende -Buddhisten-Tempel +Asakusa Kwannon+. Das eigentliche Cultbild der -Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst -von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit -einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. -Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem -Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von -Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte. - -Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in -japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk -für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, -Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, -Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf -den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die -Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. -Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem -kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung. - -Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem, -als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie -in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr -auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester -und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht. - -Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich -durch das zweistöckige Thor (an dem rechts +Riesen-Sandalen+ hängen, -Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit -einer +Gebetmühle+ sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe -das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, -Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den -Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock -werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen -und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule -des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, -- an der Stelle, wo es ihnen -weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; -jetzt ist es mürbe und abgerieben, -- wie bei uns ein lebendiger, -vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder -Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der -Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, -als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten -verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in -Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141] - -Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als -Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen -und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen -Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische -Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, -den seine Rosa weckt“; -- endlich Engel, die letzteren in den höchsten -Regionen, nämlich am Dach, -- das sind die Gegenstände der wichtigeren -Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann. - -Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein -freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, -verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits -bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der -Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke -abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, -dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von -Augenleidenden herrühren. - -Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von -(verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der -Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf -dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen -Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) -erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches -Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch +einen+ -kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die -buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner -sie nicht alle durchlesen. Aber ein +annähernd gleiches+ Verdienst -erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. -- Ein -chinesischer Priester +Fu Daishi+ im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese -Dreh-Bücherei[142] erfunden haben. - -Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen -Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch -electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war. - -Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der -östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer -entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt -es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. -Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich -geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben -vor den Tempeln, um Gäste anzulocken. - -Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine -Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der -japanische Polichinell geprügelt. - -Eigenartig ist der japanische +Geschäfts-Garten+. Die Pflanzen stehen -ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die -Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase -wird das Auge geweidet. - -Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen -Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ -haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener -Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und -ihren Blüthenduft. - -So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung: - - „Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch. - Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“ - -Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz -allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als -bei irgend einem andern Volke. - -Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2-3 Jahren, auf dem -Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine -Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, -vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag -leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für -einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes -Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei -Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht. - -Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den -Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen -entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu -senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit. - -Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil -seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der -Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine -kleine Silbermünze. - - -Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura. - -Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk -von +Nikko+[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der -Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. -+Meyer+ 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen -und Diener mitnehmen. - -Nikko kekko, Nikko ist entzückend, -- dies hört man so häufig in Japan, -wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei. - -Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, -Maulbeerbäume, Gemüsefelder, -- Alles wechselt in bunter Reihe mit -kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter -Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 -Ar auf den Einwohner, in Japan +genügen elf+. Die Felder sind selten -grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die -Wirthschaften sind klein, 1-1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 -Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter. - -40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent -betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen -kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, -wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird -wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der -menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche -Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird -das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man -zahlreiche Ziehbrunnen. +Reisfelder+ müssen ganz unter Wasser gesetzt -werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder -2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen -Ackerlandes besteht aus Reisfeldern. - -Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der -Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf -Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. -„Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches -Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, -das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung -herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) -stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und -der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das -Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten -wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. -B. eine Papierfabrik, unterbrochen. - -Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die -Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach -Nikko. - -Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene -Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune -hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite -(Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die -Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen -Jeyasu brachte. Die +Fichten+ (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so -gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], -nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, -wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2-3 Meter Umfang. Mit -grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der -Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko -schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde. - -Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem -Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. -In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die -Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des -heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] -ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile -von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, -sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller -Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer -Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich. - -Im +Nikko-Hotel+, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde -ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den -Schaaren, die mir zur See Begleiter waren. - -Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er -ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel -wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem -die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, -z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss -bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte -Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus -der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater +Jeyasu+. Im -folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin -gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des -Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der -letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita -Shirakawa.) - -Auch der dritte Shogun (+Jemitsu+) hat in Nikko sein Grabdenkmal. - -Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in -vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist -die +Begründung+ der Gefühlsschwärmerei durch genaue +Beschreibung+. - -Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel -eintritt, ist +zunächst enttäuscht+, -- namentlich, wenn er durch -unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen -Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, -Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte -durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. -Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das -Erhabene und das Schöne. - -Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. -Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung -anzuwenden. - -Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den -Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner -voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als -gelungen und vollkommen angesehen werden. - -Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des -Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den +Gedanken -des Göttlichen im Tempelbau+ auszudrücken versucht! Da ich weder -Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das -beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen. - -So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der -+altägyptischen+ Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als -sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben -von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme -(Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und -Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen -Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese -Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in -majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ -zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen -Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie -nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls -konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, -säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, -eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des -Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte -eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher -Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten -Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings -+unserem+ Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, -endlich das +Allerheiligste+, ein ganz dunkles Gemach, aus einem -ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der -Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde. - -In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes -folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der -gradlinigen Flucht +erscheint+ nicht bloss dem Beschauer auf dem -Hofe perspectivisch verkleinert, sondern +ist+ thatsächlich kleiner, -als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck -einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das -empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht -werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür -des Allerheiligsten hervorschimmerten. - -Die alten +Hebräer+ waren original in ihren religiösen Schriften, aber -nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen -Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk -errichtet. - -Die Entwicklung[147] des +altgriechischen+ Tempels zu schildern, -übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten -Zeit den +Parthenon+ auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs -und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener -Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, -welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, -berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat. - -Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an -der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der -gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin -und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes. - -Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus -Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt -den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die -Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu -dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst. - -So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten -Gebäude, die jemals errichtet worden, -- er diente wohl der Betrachtung -und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche +Verehrung+ hatte -draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar +vor+ dem Tempel wurden -die Opfer verbrannt. - -Die +Römer+, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft -waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern -verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der -Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. -Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, -wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist -grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des -Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar. - -Trotzdem +diese+ Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche -des Römerreiches, der +Basilica+, auftritt, scheint die letztere nicht -aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der -römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und -theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der -prächtig geschmückte Altar und in der nach +Osten+ gerichteten Nische -das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San -Paolo fuori le mura im ewigen Rom. - -Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den +centralen -Kuppelbau+, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben -war, und den +gothischen Dom+. Den ersteren bewundern wir in der -heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem +Köln+. - -Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des +Himmelsgewölbes+, während -die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen -den Blick gewissermassen in eine +unergründliche+ Höhe emporlenken. - -Die +Mohammedaner+ haben in der ersten Zeit sicher die Basilica -nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. -Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen. - -Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie -einfach in eine Moschee +umgewandelt+: die prachtvollen Mosaiken -übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine -Gebetnische (Michrab) nach +Südosten+,[148] in der Richtung auf das -Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem -Fussboden +schräg+ gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann -eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und +vor+ dem Tempel ihre -schlanken Spitzthürme (+Minaret+) erbaut, von deren Höhe der Muezzin -mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft. - -Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen -erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. -Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die +Kuppel-Bauten der -Grossmogul zu Agra und Delhi+, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite -stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich -unversehrt auf unsere Tage gekommen sind. - -Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten -vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich -am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung. - -Ob die Japaner +Religion+ besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten -streiten. +Tempel+ haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die -Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. +Sie weichen wesentlich -ab+ von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber +Natur und -Kunst+ haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den +Eindruck -des Feierlichen+ hervorzurufen. - -Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte -+Zugangsstrasse+ wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf -das Kommende vorbereitet. - -Am oberen Ende des Dorfes liegt +Mihashi+, eine lebhaft roth lackirte -Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss -(Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit -Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter -für +gewöhnliche Sterbliche+ stets verschlossen ist. Hundert Fuss -flussabwärts findet man die +gangbare+ Brücke und kommt über dieselbe -in die +heilige Strasse+. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so -dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes -liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit -und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte -Cypressenhain von Skutari. - -Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem -Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum +Mausoleum des Jeyasu+. - -Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf -zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke -der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst -anmuthiger fünfstöckiger Thurm (+Pagode+),[150] der in lebhaften Farben -prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um -den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der -chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises. - -Ein gepflasterter Weg führt zum +ersten Thor, Ni-o-mon+, d. h. Thor -der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen -entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle -Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen -Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut -ausgeführte Tiger. - -Jetzt folgt der +erste Hof+ mit drei lebhaft gefärbten, hübschen -+Schatzhäusern+, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu -aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit -falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss -eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines -Steingitters, eine stattliche +Fichte+, dieselbe, welche Jeyasu, als -sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. -Daneben befindet sich der (ehemalige) +Stall+ für die heiligen weissen -Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. -Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, +Affen+, welche mit -ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche -die Augen zuschliessen. - -Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) -genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, -Verläumdungen, Begehrlichkeiten. - -Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als -+Weihwasser-Becken+ und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige -Dreh-+Bücherei+ mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen -Schriften. - -Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem +Vorhof+. -Hier stehen +Huldigungsgaben+ der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber -vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von -Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas -schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser -Schönheit, haben die Daimio gestiftet. - -Eine weitere Treppe führt empor zu dem +zweiten Thor+ (Yomei-mon). -Dieses ist von wunderbarer Schönheit -- „und doch bloss ein Thor.“ -Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die -letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des -Thores, -- +nach unten+, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den -äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den -inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten -und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen. - -Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren -Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, -Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und -Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester -geschaffen. +Ich+ sah aber hier einen +japanischen Maler+ eingerichtet, -der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu -+Oelbilder+ dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in -+Chicago+ anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen -europäischen Lehrmeister gehabt. - -Der +zweite Hof+, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein -Gebäude zum +Verbrennen+ des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines -für den +heiligen+ Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: -eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, -auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit -den +heiligen Wagen+, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, -wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und -Yoritomo darin verweilen. - -Geradeaus kommt man an den eigentlichen +Tempelbezirk+, der von einem -niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein -führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit. - -Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als -Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem -Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen -Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen -von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf -Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige -Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben -eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen -- -verschliesst. - -Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten -Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der -Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die -Farben auf das anmuthigste. - -Wunderbar ist der +Zugang zu dem Grabmal+. Erst kommt man an ein Thor, -mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk -einer schlafenden +Katze+ (von +Hidari Jingorō+) und steigt empor -über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und -überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das +Grabmal+ selbst -ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer -Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und -ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter. - -Etwas weiter liegt das +Grabmal+ des +Jemitsu+, des dritten Shogun aus -der Tokugawa-Familie († 1651). - -Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren -Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] -und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken. - -Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches -Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle -und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal -ähnlich. - -Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist +bequem+. Man ersteht eine -Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten -Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein +heiliges Paar+ -Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere -der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder -nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem -Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. -- - -Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach -dem +Urami-ga-taki+ oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem -Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen -Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht -der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches -Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die -Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen -und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer -aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so -leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde -zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten -das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein -Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern. - -Auf dem Rückweg besuchen wir +Kamman-ga-fuchi+, wo über den -Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein -Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, -- +angeblich+ durch den -heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am -Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die +angeblich+ kein Mensch -richtig zählen könne. - -Der Aberglauben ist etwas +einförmig+, auch -- in Japan. Doch +lächeln+ -die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis. - -Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, -- die Priester -schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, -- fuhr ich -nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den +zweiten Ausflug+, -nach +Miyanoshita+. - -Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht -weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche -Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz -kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach -Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 -Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke -sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk -zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch -zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit. - -+Odowara+ war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre -Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen -Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf -Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss -und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die -+Odowarasitzung+ sprichwörtlich geworden. - -Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische -Schlucht bergaufwärts nach +Miyanoshita+. Das beste Gasthaus ist -+Fuji-ya+. - -Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach +Nara-ya+. Das Haus war -auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein -nervenkranker Engländer da, und -- zahlreiche +Ratten+, die man Nachts -über der Decke nur allzu deutlich hörte. - -Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen -kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses -Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan -nicht -- zu +Fuss+ gehen soll. - -An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine -Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit -gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa -schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte -ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich -anhob. - -Der dritte Ausflug ist der nach +Kamakura+ und +Enoshima+. Kamakura, -südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein -Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es -die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan. - -+Yoritomo+ (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der -Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der -Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, -die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des -Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. -Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss. - -Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist +Dai-butsu+, der grosse Buddha. -Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 -Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. -und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber -1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth -zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am -reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus -Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften. - -Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die +ich+ zu sehen -bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte -der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen. - -In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform -Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine -kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel -bedeutend länger. - -Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei -wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns -gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche -Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu +betrachten+ -braucht, um sie zu verstehen und zu +bewundern+.[155] - -Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der -Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum -halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas -schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen -halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss -Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto -schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade -und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische -Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche -Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten -gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen. - -Die liebliche, immergrüne Insel +Enoshima+, seit alter Zeit der +Göttin -der Liebe+ (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem -Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus -bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum -Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie -künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man -ein +japanisches Santa Lucia+ vor sich zu sehen. Ich raste oben auf -der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, -dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden -Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch -zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und -Duldsamkeit. - - -Eine Theater-Vorstellung in Tokyo. - -Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund -ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung -für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt -worden, -- einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter -erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne. - -„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und -rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei -hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter -dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich -zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte. - -Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, -meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen -Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein -kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser -Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen -oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, -uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, -bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem -+Theehause+ des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf -der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. -Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen -Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des -grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände -hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber -(und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben -oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu -erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, -hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, -das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei -uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen -Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht -und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und -vielerlei Süssigkeiten. - -Wir befinden uns in dem +Haupttheater+ zu +Tokyo+, der Residenz des -Mikado. - -Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei -Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische -- -Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe -der Sperrsitz-Gäste hinweg +umsonst+ zusehen; und ausser ihnen Jeder, -der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in -kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf -den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, -Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. -Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen -sie auf den Zwischenbalustraden, die man -- Blumenpfade nennt, entlang -turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt -ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der -Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und -ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten -Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist -in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere -Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen -hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der -Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz -wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157] - -Das Stück beginnt. Den +Namen+[158] zu erfahren war schon recht -schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des -Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die -wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene -Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel -Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt -hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen -scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan -eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, -aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, -bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159] -spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der -in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in -einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für -unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die -Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber +wir+ sind hier -nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der -Europäer. - -Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, -von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in -der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus -und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. -Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes -Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird -er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht -lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes. - -Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer -Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten -Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und -leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie -einst die alten Aegypter; sie schreiben +Alles+ auf, auch Hamlet’sche -Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ - -Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar -„auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten -Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen -hindurch geleiteter Holzsteg. - -Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen -That kommt, ergreift er -- nicht das Schwert, sondern zunächst den -Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der -Nachwelt zu überliefern. - -Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar -nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus -einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei -bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende -Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber -werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während -gleichzeitig aus einem Verschlag +links+ von der Bühne ein Sänger -der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in -etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, -Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine -eignen Rathschläge hinzufügt. - -Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von -Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes -einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums! - -Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine -„Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, -das scharfe, und setzt es -- nicht gegen die Brust, das ist nicht fein -in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt -der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen -Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln -den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht. - -Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre -Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht -ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus -und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn -ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von -Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt -ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. -Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die -Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit -ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei -der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des -Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er -zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in -den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten. - -Der Vorhang -- er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen -befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von -der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser, -nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander -übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu -kaufen, er wird von Verehrern gestiftet. - -Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns -in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen -ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner -ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben. - -Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. -Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in -Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen. - -Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass -die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er -verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt -einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der -Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein -Schwert. - -Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen -Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem -Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der -Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) -erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert -ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt -den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen -Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht -bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach -dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, -da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen -halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden -in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in -der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten -Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule -ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, -sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus -erfolgreiche Studien angestellt hat. - -Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die -+Polizei+. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder -+darf+ nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze -Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer -in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert -kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein -Geschick. - -Die ganze Scene ist sprachlos. - -+Harakiri+ nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in -den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief -dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie -man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine -linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen -Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger. - -Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie -ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu -sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne -und höre, dass es wirklich vorbei ist. - -Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin -eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; -es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden. - -Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie -das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde -sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese -Frage.[164] - -Ein +gewisser+ Einfluss des +griechischen+ Drama’s auf das +indische+ -ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach +Klein+,[165] gegen -+Weber+] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind -dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan -vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen -Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre -später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. -Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches -geschichtliches Schauspiel vor, das +offenbar an Ort und Stelle+ -entstanden war. - -Jedenfalls hat +das japanische Drama[166] einen nationalen+ Ursprung -in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. -Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden -Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei -Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung -vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst +No+. Sie ist -geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten -Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber -die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es -ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der -Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts -zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel -verwendet haben. - -In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung -veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen -bekommt. - -Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, --- alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem -Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der -kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden -Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der -Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die -Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten -wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, -die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll -nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen -(Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche. - -Es wird gewiss auch +inhaltreichere+ Stücke der Art geben; aber ich -habe andere nicht gesehen. - -Das +Volkstheater+ (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. -seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von -6-7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, -- gerade wie die alten -Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen. - -Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder. - -Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. -Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten -die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater -liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene -Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater -ist der einzige Platz, wo das +alte Schopf-Japan+ noch naturgetreu -vorgeführt wird, und gleichzeitig das +heutige+ Leben des Völkchens, -an den +Zuschauern+, studirt werden kann. Dass das japanische Theater -sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer -Unmöglichkeit. - -Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des -Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert. - - -Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus. - -Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner -Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein +Festmahl+. Die -+Speisekarte+, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem -schön bemalten +Fächer+, der sinnbildlich den Namen des Gastes und -des Wirthes (Sikayama = +Hirschberg+, Inouye = Ueber dem +Brunnen+), -vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch -die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, -aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige -erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und -Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und -noch vieles Andere. - -Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders -aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen -oder vielmehr +ganz niedrigen+ Tischchen (Zen) angeordnet. Ein -volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (+Tischen+), und jeder -Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich -aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können -wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine -Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern -Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es -nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so -zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum -Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der +rohe Fisch+, ganz -fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, -schmeckte mir besser, als -- eine lebendige Auster. Natürlich, -in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade +dieses -Fisch-Gericht+ nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen -verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden -überhäuft worden ist. - -Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es -zahlreiche Arten giebt. - -Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die -+Uebersetzung der Speisekarte+ beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, -Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, -für mich anzufertigen die Güte hatte. - - A. Der erste Tisch. - - 1) +Suimono+: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz). - - 2) +Kuchitori+, dessen Materialien: - a) Wildes Geflügel, - b) Krebse, - c) Eier, - d) Essbare Kastanien, - e) Süsse Citrone. - - 3) +Sashimi+, dessen Materialien: - a) Suzuki-Fisch, - b) Aralia edulis, - c) Junge Gurken. - Gewürz: Meerrettig. - - 4) +Hachizakana+, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, - frischem Ingwer. - - 5) +Donburi+, dessen Material: Anago-Fisch. - - 6) +Mizubachi+, dessen Materialien: - a) Namami-Fisch, - b) Nori (Meerpflanze). - Gewürz: Frischer Ingwer. - - 7) +Chawanmushi+, dessen Materialien: - a) Geflügel, - b) Krebse, - c) Essbare Kastanien. - Das Verbindungsmittel bilden Eier. - - B. Der zweite Tisch. - - 8) +Namasu+, dessen Materialien: - a) Akagai-Muscheln, - b) Melonen, - c) Iwatake-Pilz. - - 9) +Shiru+ (Suppe). - - 10) +Komono+, dessen Bestandtheile: - a) Narazuke, Wurzel und Früchte, - b) Misozuke, Wurzel und Früchte, - c) Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise). - - 11) +Hira+, dessen Bestandtheile: - a) Grosse Krebse (eine Art von Hummern), - b) Shiitake-Pilz, - c) Gemüse. - Gewürz: Süsse Citronen. - - 12) +Choko+, dessen Material: Awabi-Muscheln. - - 13) +Tsubo+, dessen Materialien: - a) Tai-Fisch, - b) Essbare Kastanien, - c) Eier. - - 14) +Hikimono+, dessen Bestandtheile: - a) Tai-Fisch, - b) Hummer, - c) Hamaguri-Muscheln. - - =Getränke:= - - 1) +Kamenotoshi+, } - 2) +Shisoshu+, } - 3) +Umeshu+, } - 4) +Awamori+, } japanisch. - 5) +Mirin+, } - 6) +Jōrōshu+, } - 7) +Irozakari+, } - 8) +Hōmeishu+, } - 9) +Champagner+, europäisch. - -Der Uebersetzer bemerkt: +Alle+ vierzehn Teller stellen verschiedene -Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu -übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu -übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei -Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) -zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare -Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori -(Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse -Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam -machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es -Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. -Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es -darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein -europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten -Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie -manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens -sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr -billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. -- - -Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. +Musik+ -ist nach +Montesquieu+ ein +angenehmes+ Geräusch; ein +unangenehmes+ -aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern -Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder -Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, -Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten -Staaten oder in Canada. - -Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige -mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen -Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie -von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die -Guitarre (+Samisen+), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem -spanischen Manila. - -Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. -Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner -fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) -- wie „fünf -Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter. - -Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, -erklärte mir, dass er die Musik von +Richard Wagner+ für sehr schön -halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik -seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie -ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen. - -Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern -des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von -5-10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern -bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener -und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen -konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den -aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln -und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen. - -Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, -dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. -Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, -die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen -bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird -im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und -Freunde, der +kunstgemässe+ Tanz von den Töchtern vorgeführt. - -Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches -vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen. - -Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als -+Gastgeschenk+ einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und -höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, -die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden. - -Natürlich bekommt der +gewöhnliche+ Japaner nicht ein solches -Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, -Morgens, Mittags, Abends. +Reis+ ist die Hauptsache. Deshalb heissen -die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-+Reis+, wie bei uns Morgen-, -Mittag-, Abend-+Brod+. - -Dazu kommen +Bohnen+ und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], -und +Früchte+. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und -Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr -gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber -schlecht schmecken. +Brod+, +Butter+, +Käse+, +Milch+ fehlen; Eier -werden genossen. - -Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen -vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die -festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, -mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand -hält und geschickt wie eine Zange anwendet. - -Die drei +Genussmittel+ der Japaner sind 1. +cha+ (Thee), ein leichter -Aufguss, grün, lau, bitter; 2. +sake+ (Reisschnaps), dünn, nicht sehr -berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im -Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 -an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen -Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: -128 Millionen.) 3. +tabako+, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den -Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem -fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und -- Weib. - -Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt -das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt. - -Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an -Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut -zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind -kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht -hinreichend Bewegung haben. - -In der +Ernährung der japanischen+ (und chinesischen) +Arbeiter+ -spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach +Scheube+ -etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden -Classe zu 750-1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g -täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, -Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. -Diese Kost bietet nach +Scheube+, +Kellner+ und Y. +Mori+ und, nach -den neuesten Bestimmungen von R. +Mori+, +Oi+ und +Jhisima+[171] an -der Truppenreiskost, 78-100 g Eiweiss, 10-17 g Fett und 335-620 g -Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, -meistens nur 42-58 kg schwere Leute sind! - -Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der -japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. -+Scheube+ will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er -unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen -grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach -einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel -schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht -verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis -(7-8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen -das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen -Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen -Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt -nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173] - -Dies Hauptnahrungsmittel, der +Reis+, wird in China seit 5000 Jahren -angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach -Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] -(Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die -Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu -Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta -und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien -eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das -Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen -leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis -70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in -guten Erntejahren) ausgeführt. -- - -Am 24. September 1892 war das +Festessen+, welches die +Aerzte+ -von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich -Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer -volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser -Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, -einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen -Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass -sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den -andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine -Sache ausgezeichnet. - -Danach besuchen wir den Shinto-Tempel +Shokonsha+,[176] der zum -Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen -Soldaten 1868 errichtet ist. - -Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein -gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem -Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein -Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine -Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, -ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen -den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung -versetzen. - -Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz -entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen -Schilden zusammengedrängt ist. - -Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen -Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen -brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine -Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume -und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren -Gestalten gezwungen werden. - -Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, -wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, -Azaleen, Lotos, +Chrysanthemum+. (+Kiku+, von dieser Blume stammt das -Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.) - -Der +Versammlungsort+ ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. -Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl -an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht -der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von -dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden -Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen -Zwischenwände in +einen+ ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, -offener Halle umgewandelt und mit +deutschen+ und +japanischen Fahnen+ -(der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein -ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten -des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. -Der Japaner liebt es hierbei, seine +Besuchskarte+ zu überreichen -und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald -erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen -meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in -japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes -übersenden. - -Die +Festordnung+ war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein -+Schnellmaler+. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa -1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen -Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für -mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den -Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. -Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen -Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir -ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die -Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht -vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was -unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er -mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser -Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, -gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, -nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens -stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr -berühmter Maler (+Kuboto Beisen+). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke -von seiner Hand. - -Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen -hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. -Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- -und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden +mit -Perspective+ und +Oel+malerei, entzieht sich heute noch unserer -Beurtheilung. - -Hierauf folgte das +Festessen+. Die Japaner nahmen in der -landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich -selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen. - -Die +Speisekarte+ für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, -unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji -erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich -in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen -voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt -dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor -Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem -kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn -ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, -austrank. - -Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein. - -Die +Festreden+ behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die -deutschen Lehrer der Heilkunde. Die +Musik+ war die übliche. Die -+Tänzerinnen+ in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen -Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche -und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen -echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit -sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern. - -Der +Taschenspieler+ war höchst geschickt und unterhaltend. Sein -Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, -gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume -geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus -gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er -die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich -die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, -gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete -und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus -einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein -Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst -er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn -brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende -grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das -Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der -freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern -Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit -überlegen. - -Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten -Einladungen erhalten. - - -Deutschland in Japan. - -Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über -den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen -Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein -+liebliches Märchenland+, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber -in seiner Eigenart doch höchst +anmuthig+ und gefällig erscheint. -Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der -Laut der +Heimathsprache+ klingt, die er auf der Fahrt über den -nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten -vernommen. +Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.+ - -Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen -Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer -Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil -noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren -japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem -Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird -von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland -seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der -Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen -Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im -Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen. - -Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der -Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die -japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa -ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine -Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir -die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen -von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, -doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. -Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste -Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise -nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein -Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich -empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die -heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, -als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist. - -Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen -Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. +Miyashita+, -eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner -eigenen Handschrift, mittheilen möchte. - - „Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen! - - Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein - ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich - soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn - Prof. +Hirschberg+, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt - hat, begrüssen und willkommen heissen. - - Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der - freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in - kurzen Worten schildere. - - Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem - Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten - Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich - rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das - Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu - dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse - Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der - chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem - tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in - die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei - Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan - sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland - und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen - Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht. - - Mit dem bekannten Kriege von 1870-1871, den Deutschland glorreich - erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt - geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, - es waren +Müller+ und +Hoffmann+.[177] Nachdem diese Herren - glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der - Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere - Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät - der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. - Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein - nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache - ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität - in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo - wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie - viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische - übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das - Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie - es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland - sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ -- - -Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen -Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. +Inouye+. Der -letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht -und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen. - -Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich -vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die -allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, -und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte -erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, -verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen +über Wundbehandlung in der -Augenheilkunde+, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl -der japanischen Collegen gehalten. +Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu -Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte -erzielen können.+ - -Die +Universitätskliniken+ besuchte ich unter freundlicher Führung -des Herrn Collegen +Scriba+. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel -mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in -eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise -des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu -verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht -vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener -sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz -eigenartige Gestalt annehmen. - -Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der -Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe -der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung -besitzen. - -Die innere Klinik wird von Prof. +Baelz+ verwaltet, der zur Zeit gerade -nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische -Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst -von unserem Berliner Collegen +Wernich+ begründet, steht unter einem -Japaner. Ebenso die Augenklinik. - -Die +Körnerkrankheit+ (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist -ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum -vorgedrungen; und +sicher nicht erst von den Europäern ins Land -gebracht+. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich -mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche -die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu -Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger. - -Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den -chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der -Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: -nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo -ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und -Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so -grossen Hitze und Feuchtigkeit. - -Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, -namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante. - -Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, -in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden -300 Betten. Sie wird von Prof. +Hasime Sakaki+ verwaltet, der ein -Schüler meines Freundes +Mendel+ war und bei mir in gutem Andenken -steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von -Augenspiegelbildern. - -Die Kranken werden mit +ausgesuchter Höflichkeit+ behandelt und -benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die -Zellen für Tobsüchtige fand ich leer. - -Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die -+Fuchskrankheit+ oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von -China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann -der Fuchs in einen Menschen fahren.[179] - -Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, -stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, -immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der -Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, -wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am -tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte. - -An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die -+Universität zu Tokyo+ anschliessen. - -Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der -Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92. - -Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, -Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte -Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der -Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser -neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die -ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat -entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer -Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister -unterstellt. - -Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan -geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im -Einzelnen verfolgen. - -Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern -Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, -bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann. - -Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen -Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen -eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den -Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel -Zeit und Mühe verwendet. +Dem Professor bleibt wenig Musse für die -Privatpraxis.+ Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling -eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der -japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, -fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt -zusprechen, +wird ausserordentlich strenge+ gehalten. Auf seinem Zimmer -darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss -an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man -auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden -um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und -zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des -Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern -von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa. - -Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu -wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger -Entwicklung der Muskulatur. - -Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig -unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert. - -Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht -schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten -die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen -überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) -waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der -Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine -oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne -Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen -eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster -dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige -Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn -in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige -Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen -hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist -der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen. - -22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter -zwei deutsche, Dr. +Bälz+ für innere Krankheiten, Dr. +Scriba+ für -Chirurgie. - -Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher. - -Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster -eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im -letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch -Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine -Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat. - -Ein Band von +Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu -Tokyo+ und einer von den +Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen -Lehranstalt+ ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182] - -Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität -nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist -ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu -300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in -einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. -B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, -hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar -keine, in der Heil+wissenschaft+ gelehrt wird. Dabei sind die Türken, -Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. -+Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern -zusammengestellt zu werden.+ - -Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt -Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht. - -+Das Lazaret des rothen Kreuzes+, welches unter dem in der deutschen -Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, -Professor und Generalarzt +Hashimoto+[183] steht, ist ausserordentlich -reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche -ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den -englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was -ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen -Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen. - -[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.] - -Im Leichenhaus war gerade +Cursus der Stabsärzte+, nach deutschem -Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und -vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen -verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von -Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften -mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit. - -Auch das +Charitékrankenhaus+ (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr -günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen -Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden -vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische -gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets -am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige -Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden -blitzt nur vor Sauberkeit. - -Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die +Leprösen+. Die -Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier -Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn -ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn -unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte -verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan -Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; -aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass -Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche -andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der -Pubertät. - -[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.] - -Nur durch grosse +Zähigkeit+, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten -auf Reisen, setzte ich es durch, in +diesem+ Krankenhaus wirklich etwas -zu +sehen+. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast -alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer -specifischen Behandlung mit einem +Eucalyptus-+Präparat darthun. Ein -Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz -rasch geschrumpft und vernarbt waren. - -Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, -mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, -nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der -+älteren chinesisch-japanischen+ und der neueren europäischen Heilkunde -darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, -ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls -erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass -Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen. - -Dass wir Deutsche ein vorzügliches +Seemannskrankenhaus+ in Yokohama -besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen. - -Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs -Medicinschulen, von denen ich die +vier wichtigsten+ besucht habe. - -Ich reiste von Yokohama zunächst nach +Nagoya+. - -Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein -solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In -dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren -Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. -Trotzdem wurde rüstig gearbeitet. - -In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches -Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des +Dr. Kítagawa+, -der seine Studien in Berlin unter +Virchow+, +Langenbeck+, +Schröder+ -gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in -meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter -Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. +Wir blicken mit -Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.+ - -Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten +Kyoto+, sah -ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in -der volkreichen Handelsstadt +Osaka+. Die Unterrichtsmittel sind -hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen -+Operationssaal+ waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall -ausgeführt worden. - -Recht interessant ist das +Privatkrankenhaus+ zu Suma bei Kobe, -an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, -fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die -Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für -Europäer und Japaner. - -Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach -+Nagasaki+ auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier -etwas älteren Ursprungs, da unser v. +Siebold+[189] im ersten Drittel -unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber -gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren. - -Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s -in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von +Müller+, +Hoffmann+, -+Schultz+, +Wernich+, +Dönitz+, +Langgaard+, +Bälz+, +Scriba+ war -nicht vergeblich; die Erwartungen, welche +Hoffmann+ und +Wernich+ -aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte -bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der -+Universitätslehrer in Deutschland+, zu denen so viele junge Japaner -pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um -die +geistige Eroberung+ eines der einsichtigsten und thatkräftigsten -Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie -auf manche seiner Waffenthaten. - - * * * * * - -Die +Geschichte der japanischen Heilkunde+[190] kann zwanglos in +vier -Zeitabschnitte+ eingetheilt werden: - -I. Die +älteste, altjapanische+ (mythische) Zeit vom unbekannten -Uranfang bis etwa 200 v. Chr. - -II. Die +alte, chinesische+ Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. -Jahrhunderts n. Chr. - -III. Die +neue+ Zeit, in welcher +europäischer+ Einfluss gegen den -+chinesischen+ ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. -Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts. - -IV. Die +neueste, europäische+ Zeit, etwa von der Mitte unseres -Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen -Tage. - -Die +vereinzelten europäischen Aerzte+, welche von der Mitte des 16. -bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, -längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den -chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu -ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die -Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten. - -Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, -welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan -thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten -Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im -fernen Weltmeer übermittelt haben. - -Ein sehr merkwürdiger Mann war +Engelbrecht Kämpfer+, der nach seinen -eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und -Heilkunde unterrichtet hat. - -Wenn +Marco Polo+ die erste Kunde von der Existenz Japan’s den -Europäern überliefert, +Mendez Pinto+ als erster Europäer seine -Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. +Kämpfer+ als der erste -wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 -zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während -und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, -Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging -mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei -nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen -Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei -Jahre (1690-1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki -und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach -Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken +Amoenit. exot.+ -und +Geschichte von Japan+ hat er zum ersten Mal über Geographie, -Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes -und Volkes berichtet. - -Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger -gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach +Kämpfer+ kommt -wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der -holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren. - -Es war Ph. F. v. +Siebold+ (1797-1866), der Verfasser des -ausgezeichneten Werkes +Nippon+, Archiv zur Beschreibung von Japan. -Von 1823-1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang -es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf -der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger -Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu -verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk -zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des -japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord -(Harakiri) gezwungen und +Siebold+ für immer des Landes verwiesen[194]. - -Drei +japanische Specialitäten+ sind zu beachten: 1. +das -Nadelstechen+, 2. +das Brennen+, 3. +das Kneten+. - -1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur -1/48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder -Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen -Figuren, ½-¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven -nahe an die Oberfläche treten, -- gegen Krampf, Schmerz und sonstige -Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die -Regeln für das Nadelstechen enthalten. - -Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der -japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in -Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun -Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden +Sugiyama Waichi+.[195] - -2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder -(von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich -Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle -abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss -zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte -+bezeichnen+ die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und -zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist -nicht sonderlich schmerzhaft. - -+Kämpfer+ hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem -chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten -abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, -3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei -schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am -linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w. - -3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, -nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung -des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends -die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So -ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur -Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld -verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für -deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar -(Yen) zu leisten war! - -Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche -mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der -oberflächlichen Muskel. - -Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht -und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und -Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und +nach+ der Entbindung, -um die Brüste weich zu machen. - -Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. -- - -Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, -wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. -Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die -Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, -wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir -aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt. - -+Aberglauben+ auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in -Japan wie in Deutschland.[200] - -Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten -Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre -1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden +Atsumori+ besuchte, fand -ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen -Sohne; und da ich fragte, +weshalb+ sie die Pilgerfahrt unternommen, -hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des -Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse -Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade +diese+ -Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe -geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene. - -Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren -Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die -Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen -Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden -sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte. - -In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder -Heilgottes (+Binzuru+, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, --- +ausserhalb+ der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt -hatte). +Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen -selber weh thut+; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In -Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum -noch zu erkennen. - -Schon +Kämpfer+ berichtet von einem frommen oder schlauen -Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ -erhalten hatte. - - -Nach Nagoya. - -Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn -südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. -Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem -Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit -der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen -von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu -einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner -eignen Zuschauerbühne anzubieten. - -Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem -er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von -mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat, -damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies -ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. +Japan ist das sicherste Land -der Erde+, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals -ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201] -gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und -Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der -Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit -begründet sein. - -Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem -Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft -und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern -sehr unvorsichtig sein würde. - -Ich befahre also die +Tokaïdo-Eisenbahn+. Tokaïdo heisst -Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 -ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des -Mikado, +längs der östlichen Seeküste+[203] nach Yedo (Tokyo), der -Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an -mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer -gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre -Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ -ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe -belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht -man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die -+Eisenbahn+ (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen) -ist 1872 begonnen und 1889 beendigt. - -Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach -Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten -Maschine über Brücken und durch Tunnel nach +Gotembo+ (1500 Fuss hoch), -in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit -nach +Nagoya+, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der -Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie -verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron -des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war. - -Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, -verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, -allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern -der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch -das ganze Dach mit Blumen. - -Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer -freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit -denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, -waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll -gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten -mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit -unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. -Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das -in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere -Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, -endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen -Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3-4 Cts. Jedenfalls ist in -Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien. - -Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen -Anbau eines japanischen Hotels. - -+Der folgende Tag+ übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein -Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin -und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder -unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, -wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und -gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das -geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so -doch nach der Hauptstadt zusammenzog. - -Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer -rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes -die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der -offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt -werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder -Unglück anrichte. - -Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von -dem in Tokyo. - -Wir besuchen zuerst eine grosse +Porzellan-Handlung+. Es mag sein, dass -mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend -entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang -durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. -Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr -von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre -beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. -Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker -für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. -Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch -und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen -und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch +einiges+ -Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 -Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als -in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea -eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte -„alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800-1850. In der Provinz Hizen, -in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter -Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden -wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, -und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses -kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, -ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, -feilgehalten und verkauft. - -Sodann fuhren wir zu einem Künstler in +Zellenschmelz+ (Email -cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter -Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, -Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz -bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume -werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten -Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in -Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf -unsere Tage geübt worden sein. - -Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine -rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber -die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind -die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast -unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von -Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die -der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen -kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1-2 Yen täglich! -Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr -warten, bis sie fertig wird. - -Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser +Buddhatempel+ -aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (+Higoshi Hongwanji+), natürlich -aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das -zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk -von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann -folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der -scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine -geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist -120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile -getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen -Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von -Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. -+Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.+ - -Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der +Bezirksregierung+, das in -dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier -werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich -nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat -stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse -im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben -und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch -die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und -geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz -(Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig. - -Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der +Tempel der+ 500 +Rakan+ -oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und -grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander -verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier -Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann. - -Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das +Schloss+ (O-shiro), 1610 -von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s -Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren -und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der -Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. -Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige -Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus -unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses -ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung -das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu -spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der -Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten -Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen -und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung -durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler -ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, -Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der -fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, -aber doch recht gefällig. +Zwei Spitzdächer, eines+, ein +kleines, -keines+, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. -Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden -goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa -verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer -der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den -beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz -angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, -versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber -glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel -der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe -der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 -Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von -dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf -einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für -eine Fabel halten. - -Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und -erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die -unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des -heiligen Ise. - -Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst -auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden -war, begab ich mich nach dem Theehaus zum +Festessen+, zu dem 80 Aerzte -sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren, -mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die +Kunst -Nagoya’s+, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die -von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den -üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses -geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines -Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich -eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen, -hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf -aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen, -sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt, -waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt -auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie -gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte. - -Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich -einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, -welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von -Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden. - -Zuerst kam ein schöner und feierlicher +Nationaltanz+, der die -Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik -begleitet. Dann folgte der (Reis-) +Erntetanz+, ein höchst anmuthiger, -heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll -bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang -begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir -lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir -diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch -einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da -offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte -vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort -entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo -sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, -nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich -sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa -mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen -ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan -nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen -müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht -verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen. -Und damit war sie vollkommen +zufrieden+, und ich habe ja mein Wort -gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten, -Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, -- zu -Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls, -nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch: -„Schön ist bei uns anders“, -- hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl -am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies -mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im -übrigen Japan. - -Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte -mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem -Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen -auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern -dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit -und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der -zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und -Berg Fuji erschien, sowie eine +deutsche Unterschrift ohne jeglichen -Fehler+, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer -europäischen Schrift verstand. - -Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack -für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist. - - -Nach Kyoto. - -Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts -durch eine liebliche Gegend, -- Reisfelder, von fernen blauen Bergen -im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen -Kisogawafluss -- nach +Gifu+. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich -durch die grossen Mengen roher +Seide+, die hier gewonnen werden, -zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus -Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen -+Laternen+ und drittens durch die +Kormoran-Fischerei+. Der zu der -Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax -carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und -zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als -1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der -altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts -werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel -schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält -bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen -Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die -Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine -Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein -Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings -müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, -wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist -ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund -auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der -äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne -Wirkung erzielt. - -Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes -und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in -Nagoya bewundert, zum Geschenk. - -Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen -Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint -ein stattlicher, oben nackter Berg, +Ibuki-yama+ (4300 Fuss hoch), -einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen -+Arzneimittellehre+ wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That -sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel -frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der -Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner -Südseite, bei +Baba-Otsu+, zu Gesicht bekommen, dann durch einen -Tunnel; sofort erscheinen die +fichtenbekränzten Hügel+, welche die -alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben. - -Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen -Reiches, darunter +Yamato+, wo seit uralter Zeit das Hoflager des -Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher -gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz -für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. -bis 783 zu Nara; von 793 an zu +Miyako+ oder +Kyoto+. Das erste Wort -ist der japanische, das zweite der chinesische Name für +Hauptstadt+. -Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost -nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1/15 der Fläche, in der -Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (+Heianjo+ = -Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss -Breite senkrecht nach Süden. - -Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit -angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse -u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die -Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, -wie +derzeit+ nirgends in Europa, ja wie wir sie auch +heutzutage+ -nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende -so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in -dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten -im Kreise des +Hofadels+ (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen -Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in -der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft -genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, -um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, -ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der -Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen -Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado -+Mutsu Hito+ hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er -die +weltliche+ Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo -verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll -regiert worden war. - -So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten -Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform -Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die +erste+ Stadt Japan’s im -+Kunstgewerbe+, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; -und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter -vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft -gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an -sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die -+interessanteste+ Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206] -die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt -einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer -durcheilenden Globetrotter gewidmet wird. - -Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. -(Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der -Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die +heilige Stadt der -Buddhisten+ geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von -Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt -geblieben. - -Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und -der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster -und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters -anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in -die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, -die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte. - -Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten -+Kyoto-Hotel+,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten -Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers -erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, -die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die -dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid -eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean -gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter -Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon -nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch -dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die -den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, -welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht -Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“ - -Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten -Tempel der Stadt gewidmet, nach +Sanjusangendo+. Das Wort bedeutet -„33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der -Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die -Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit -hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die -Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen -dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen -Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald -von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise -aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur -1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder -an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu -rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, -darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen -von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen -Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) -neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna. - -Folglich hat +Kämpfer+ (1690-1692) die +jetzige+ Gestalt des Tempels -gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte -der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem -Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die -achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht -man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner -Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als -ich sonst irgendwo in Japan gefunden. - -Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem -Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm -ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren -Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem -Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von -dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst -erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen -und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. -Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung -des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren -Aristophanes so ergötzlich beschrieben. - -In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (+Daibutsu+) aus -Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 -durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo -einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen -Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden -Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem -umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und -- zu Kupfermünzen -eingeschmolzen worden. - -Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden +grössten Glocken+ Japan’s, 14 -Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer, -gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder -mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden -angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man +einmal+ -mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das -Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner -heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken -Europas. - -Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener -Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner -Aussicht und zu dem Tempel +Kiyomizu-dera+, der geburtshelfenden -Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von -Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man -vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher -Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der -Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 -Jahre einmal geöffnet. - -Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem -Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, -die +Theaterstrasse+ von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das -ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, -Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das -festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen -Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. -Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, -und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers -nicht verstanden. - -Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht -bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt -mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen -Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden. - -Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs -Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein -dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; -das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein -Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in -Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird. - -Der folgende Tag war den +Palästen+ gewidmet. - -Der des Mikado (+Gosho+ genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich -durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im -alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt -26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten -Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die -Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. -Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein -kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen -Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer -Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den -Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die -grosse Fläche zerstreut sind. - -Zuerst nach +Seiryōden+, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 -Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), -aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen -rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde -desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war -es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten -benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden -Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu -verlassen, seinen Vorfahren auf +erdigem+ Grunde die vorgeschriebenen -Opfer darbringen konnte. - -Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz -eine Matte. - -Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach +Shi-shin-den+, -d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche -Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen) -sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18 -Rangklassen, -- auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten. -Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. +nieder in -den Staub+. - -Von hier kamen wir nach des Mikado’s +Studirzimmer+, wo ihm Vorlesungen -gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch -das No-Spiel. Hier sind prachtvolle +Schränke+ und bemalte Gleit-Wände. -Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht. - -[Illustration] - -1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des -japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, -5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende -Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der -Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben. - -Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem -wagerechten Durchschnitt dargestellt. - -[Illustration] - -1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die -Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. -Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt -nebenstehender Figur. - -Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen. - -[Illustration] - -Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, -Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne -sogar recht wild aussehen. - -Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den -Behausungen des Gefolges. - -Der +Palast des Shogun+, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier -gegründet, hiess auf japanisch +Nijo-no-Shiro+, d. h. +Nijo-Burg+. In -der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung -aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte -wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid -abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung -und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde -der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, -nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung -erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und -1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die -drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des -Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider -sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten! - -Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das -mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt -verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen -eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten -ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch -einträgt. - -Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern -geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, -Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil -(Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari -Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. -Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle -Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der +nasse -Reiher+, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese -Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben -lassen! - -In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände -nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, -bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, -vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur -Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja -überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach -der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten. - -Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, -um erstlich +Porzellan-+ und +Seiden-Fabriken+,[211] zweitens +Klöster+ -und +Kirchen+ zu besichtigen. - -+Kurodani+, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. -Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt -reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische -Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in -einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem -feindlichen Clan, +Atsumori+, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um -ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, --- wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, -- -überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne -zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder -keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und -widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für +Atsumori+. Die Begebenheit -bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner. - -Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der -einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, -an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. -Die Japaner treiben eine wahre +Orthopaedie der Bäume+. - -Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die -Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem -Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so -beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer -auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine -ist ein Gemälde und stellt +Mandara+ dar, das Paradies der Buddhisten -mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine -Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in -Nirwana (+Nehanzō+). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen -Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm -anbetende Bewunderung. - -Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer -und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers, -in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein -lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida -Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von -Naozone. - -Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit -zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten +Kirchhof+ -gelangen wir zu dem grossen Tempel +Shinnyo-do+. - -Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen +Kobo -Daishi+ (774-834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das -japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem -römischen: mitunter schläft auch Homer. - -+Ginkakuji+, das +silberne Gartenhaus+, liegt jenseits der -Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe. - -Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde -des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er -philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich -an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher -aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. -Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da -Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier -wurden die berühmten +Thee-Ceremonien+ erfunden. Der Priester, welcher -als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man -aber ohne Ceremonien nehmen darf. - -Nachdem wir noch das +Nanzenji-Kloster+ besucht, mit seinem Riesenthor, -und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen -wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches -Schaustück, +der Canal+ des +Biwa-See+. - -+Biwa+ heisst Guitarre. Der +Biwa-See+, nach japanischer Ueberlieferung -im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während -gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 -englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer -See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat -eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und -einzelne kleine Felseninseln. +Seine acht Schönheiten+ werden von der -Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher -Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als -Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei -Osaka in die gleichnamige Bucht strömt. - -Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von -der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem -natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von -einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch -unter seiner Leitung 1885-1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von -denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei -Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche -Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer -lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. -Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto -ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst -einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen -Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem -offenen Canal mit einer Schleuse. - -Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches -Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher -Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In -Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich -von Europäern hergestellt. - -Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des -Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, -dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten -bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man -in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und -mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang -ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar -nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche -Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des -Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau. - -Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das -hauptsächlichste der buddhistischen +Jodo-Secte+, +Chion-in+, auf einem -Hügel wie eine Festung belegen. - -Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und -grundgelehrten +Honen Shonin+, der eine besondere Lehre begründet, -von der Erlösung oder dem Wege zu dem +reinen Land+. (Japan. Jodo, im -Sanscrit +Sukhavâti+, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das -Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen -Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630). - -Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in -dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und -seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über -die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und -auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet -ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich -sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die -1633 n. Chr. gegossene +grosse Glocke+ (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, -74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, -welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, -167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist -dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 -Fuss Höhe in Bronzegefässen. - -In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind -berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer -anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die -Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet -wurde. - -Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem +Ausflug+ gewidmet -und zwar nach den +Wasserfällen des Katsura-gawa+. - -Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten -vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei -jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, -der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den -Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte. - -Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht -anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als -riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten -Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich -dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach -dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle -beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen -ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz -und Kohlen. - -Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken -biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das -letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. -Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter -fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, -oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere -Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur -Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen -getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts -fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen +Stromschnellen+, die trotz ihrer -hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich -oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, -- gerade so wie die -an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen -Theehaus zu +Arashiyama+ ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des -mitgebrachten Frühstücks. - -Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes -kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie -in Rom. - -Wir besuchten zunächst +Kitano Tenjin+. Dieser Tempel ist dem +Tenjin -Sama+ geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in -Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, -daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der -Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, -findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. -Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, -hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von -verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche -sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück -Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der -Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt. - -Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo -Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum -Verweilen einladen. - -Weit vornehmer ist +Kinkakuji+, ein Kloster der +buddhistischen+ -Zen-Secte. +Kinkaku+ heisst +goldenes Gartenhaus+. Das war das Vorbild -für das silberne (+Ginkaku+), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre -1397 n. Chr. zog sich +Yoshimitsu+ hierher zurück, nachdem er drei -Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor -sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte -in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den -Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der -Fünfte (1556-1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse -Jeyasu. - -Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, -33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s -im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken -Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen -Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, -dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser -uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, -sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den -Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in -den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. -Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, -in der Art wie +Murillo+ -- in Japan sie gemalt haben könnte; mit -Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder -mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit. - -Die Fahrt über den +Biwa See+ (am 3. October) war darum besonders -genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich -zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen -fuhr ich nach +Otsu+, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und -der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, -wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers -begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken -gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm -hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu -schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse! - -Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, -den +Rein+ rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt -war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende -von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von -Vulkanen besitzen. - -Wir fahren fort, -- erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter -der +alten Brücke von Seta+, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo -er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am -+Nakasendo+, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem -achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige -ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, -da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss -Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage -und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer -ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn -von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer -wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm. - -Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit -so manch’ blutiger Strauss gefochten worden. - -Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem -berühmten Kloster +Ishiyama-dera+. Der Name heisst wörtlich -Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten -schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes -hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur -Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet -ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. -Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten -Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss -Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, -eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen -Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, -und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält -12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse -und drückt: dann springt +ein+ Stab hervor, gerade so wie aus den -niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein -„Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es -ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai -geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, -sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener -wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. -Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, -sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses -„Gottesdienstes.“ - -Ein Punkt, welcher auf japanisch als +Baum der Vollmondbetrachtung+ -bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, -die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen -ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu -tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen -Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten -Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache -verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des -Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten. - -Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach -+Karasaki+[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan +berühmte -Fichte+ steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat -die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber -seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar -von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und -beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf -das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar -die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht. - -Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man -allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in -Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes -verwendet. - -Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht -mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung -eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch -steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im -Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 -Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei -Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der -Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die -bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei -Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war. - -Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen -Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles -herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der -Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der -Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses -sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von +Karasaki+ und -den noch heiligeren +Bo-Baum+ zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen -Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege -bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen -seine Schicksale verzeichnet haben. - -Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte -Tempel von +Mi-i-dera+, im Norden der Stadt, besucht. Der Name -bedeutet +Drei-Quellen-Tempel+. Das Heiligthum ist der Göttin der -Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu -verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690. - -In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre +Kunstschätze+ aus, -die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner -Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen -bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem -- +Hausarzt+ -des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich +hängende Bilder+ -(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden -Kindern. Sodann +Rollbilder+ (Makimono) von bedeutender Länge, 10 -Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem -(natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter -langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der -Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine -+zusammengehörige Reihe+, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller. - -Ein Bild stellt die +sieben Nöthe+ dar. Zuerst kommt das Erdbeben, -dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den -Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der -Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der -ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, -welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen -Künstler +Okyo+ vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die -+sieben Freuden+ und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. -Grässlich erscheint uns das Bild von den +Räubern+ und +Mördern+, sowie -das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, -Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers -Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes -+allegorisches Weltbild+, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, -dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch -Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen -Baum. (+San-Koku+, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene -Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch -einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die -Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder -Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar -sich anschliessen. - -Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der -Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein -heiliges hielt, -- aber nach drei Tagen +hatte+ ich mein Abbild. - -Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller -Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht -ein wunderliches Denkmal, -- ein +Obelisk+ aus Granit, zum Gedächtniss -an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung -von Satsuma (1877) gefallen sind. - -Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, -so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte -+Sammelbüchse+, welche in englischer Sprache +Beiträge+ zur Erhaltung -der umgebenden Gartenanlage fordert. - -Hier war es auch, wo +der Angriff auf den russischen Thronfolger+ -am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den -Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der -engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der -Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem -Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem -japanischen Prinzen und Anderen. - -Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten -Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, -aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des -Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten -gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den -Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein -schien. - -Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen -ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die -Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch -die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib -rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des -Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber -wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers -bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie -einen Sklaven missachte; und -- getödtet werden müsse. - -Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. -Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer -Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer -schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn -von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische -Prinz, der griechische Prinz, -- als sie den Lärm vernahmen, eilten sie -zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an -eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber -hatte +augenblicklich+, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht -verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den -Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert. -Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt -kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die -Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von -dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff -gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt -und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That -verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, -dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit -eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des -Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt -von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom -Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er -bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth. - -Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das -religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt -hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That -eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende -hat nichts in Japan zu befürchten. -- - -Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem -Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der -Eisenbahn zurück nach Kyoto. - -Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den +Tempeln+ -gewidmet. - -Zunächst kamen wir nach +Nishi Hon-gwan-ji+. -(+West-Haupt-Gebet-Tempel+.) Hier ist das Haupt-Quartier der -buddhistischen +Shin+ (Geist-) oder +Monto+ (Thorfolger)-Secte, die von -Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert -die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. -Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie -verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von -gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an -Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher -Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und --Schrift in den Gottesdienst ein. - -Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der -Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes -Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf -dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer, -damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere -versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude -- -vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine -Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich -nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie -solchem Aberglauben huldigen. - -Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist -einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der -Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, -worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) -aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 -Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht -man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig -sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); -geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl. - -Der Oberpriester, der uns geleitet, +Akamzu Rensio+, gleichzeitig -Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht -und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon -drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort -gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach -+Eduard von Hartmann+ gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm -Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes -Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während -er +Schopenhauer+ aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der -Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt -durch +Chokushi Mon+, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst -die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines -Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten. - -„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass +Dir+ dieses so gefällt -(und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister -aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe -Gegenstand +unser+ Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne -Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. -Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen -einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es -viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“ - -Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in -der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel -lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen. - -Die +japanische Bildhauerei+ ist hauptsächlich Holzschnitzerei und -kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara -stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen -von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. -Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration -und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der +japanische Phidias+, -Hidari[216] Jingoro (1594-1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die -schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm -wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der -Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt. - -Der zweite Tempel, den die Shin oder +Hongwanji+-Secte in Kyoto (wie -in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst +Higashi Hon-gwan-ji+ -(Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 -in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch -nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan -noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern -vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die -Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von -260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief -herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern -gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und -ferner -- ein +Riesenseil aus Menschenhaar.+ 38000 Frauen haben ihren -blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden -heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft -haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben -persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet -werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch -wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach -der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten -benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz -krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. -Dynastie) bei Sakkara kennen. - -+Toji+, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts -n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem +Kobo Daishi+ -übergeben, dem Gründer der buddhistischen +Shingon+[217]-Secte, die -heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten -sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der -Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, -durch das +Gebet+ von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) -wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo -der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier -empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch -die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten -zurückstehen, und deren Ausstattung mit +elektrischen Glühlampen+ -beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In -einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das -Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die -Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, -bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche --- freiwillig gezeichnet werden. - -Meine Freunde führten mich dann in den +Haus-Garten eines wohlhabenden -Japaners+, um mir das +Fussballspiel+ zu zeigen. Die Theilnehmer waren -prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und -ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt -werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken -geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern -zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. -Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber -weniger gewandt, ausgeführt wurde. - -Nachmittags besuchte ich +Krankenhaus+ und +Medizinschule+. Abends -hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden -und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes -+geschichtliches Bilderbuch+ mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, -den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von -Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in -einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten -Schränken, eine alte +Goldlackbüchse+[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein -ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von -+Weihrauch+. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht -heiter. - -+Uji+ war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto. - -In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier -liegt +Tofukuji+, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, -die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan -nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. +Zen+ bedeutet etwa +ernste -Gedanken+. +Tofukuji+ ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine -wundervolle Lage. +Ahornbäume+, die grade schon ihr rothes Herbstgewand -anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche -die überdachte „+Himmelsbrücke+“ gespannt ist. Der grösste Schatz -des Klosters ist ein riesiges +Rollbild+ (Kakemono), 48 Fuss lang, -24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt -um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, -+Cho Densu+, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im -Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt -und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende -Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu -sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher -Bitte, dem +Oberpriester+ übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs -dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke -der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks -erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem -Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste -aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe -Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im -Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, -Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219] - -Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu -sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen -vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen -können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. -Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen -nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte -des japanischen Papiers. - -Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den -Erdboden gelegt wurde. Es stellt den +Himmel+ dar und ist von einem -chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch -Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden -konnte. - -In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche -+Shinto-Tempel+ von +Inari+, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, -als der Buddhist +Kobo Daishi+ hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf -und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half -dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem -er den Fels spaltete, -- wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese -japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels. - -Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage. - -Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften -des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem -allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai -zurückbefördert.[220] - -+Füchse+ sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, -werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, -einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. -Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln -im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. -Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und -legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben -sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um -sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den -heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler -vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die -vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem -Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer -ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. -Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit -zahlreichen Fuchslöchern. - -Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. -Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen -Oertchen +Uji+, das rings von +Theepflanzungen+ umgeben ist. Thee -ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach -Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von -den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu -verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts -angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der -Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein -Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen -der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji. - -Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee -aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren -eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten -(Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist -ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der -wichtigste +Ausfuhrgegenstand+ Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund -im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. -Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der -schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends -umherfliegen.[222] - -Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster +Byōdō-in+ der -buddhistischen +Tendai+ (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und -in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. -Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige -Held +Yorisama+, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann -gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das -gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte. - -Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die +Phoenix+-Halle -(Hōō-dō), eine der +ältesten Holzbauten+ Japan’s. Der zweistöckige -Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu -beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von -der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen -zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine -Vierecke eingetheilt und mit +Perlmutter+ eingelegt. Rings um den -Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter -auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. -Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter -eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige -Haupttempel sieht ärmlich aus. - -In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser -mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind -schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das -Ausziehen der Schuhe zu ersparen. - -Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und -Briefschreiben. - - -Nach Osaka, Kobe, Nagasaki. - -Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die -Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist -feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um -mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner -beharrlichsten Zuhörer, Dr. +Ogata+, dessen Vater bereits vor 40 -Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches -Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die -bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen -des +Nachtlagers+. Die blühende Handelsstadt +Osaka+,[223] die an der -Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt -ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein +einziges Gasthaus+, -das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische -Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen -Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, -in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und -mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu -übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem -Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und -den schneeweissen Bettüberzug,[225] -- Reinlichkeit wird in Japan -nicht vermisst, -- sondern auch die europäischen Geräthe, die sie -besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden -Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch -zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer -geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause. - -Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem +Schlosse+; -die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. -beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko +Hideyoshi+, der Bauernsohn, -welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich -zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle -des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem -Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört -worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz -zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter -wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen -waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine -herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet. - -+Will Adams+, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von -fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach -Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als -Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu -seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, -hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke -geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 -auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken -so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und -stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen -beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten -und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die -Mauern 6-7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die -Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt. - -In der That war der Graben 80-120 Fuss breit und 12-24 Fuss tief. -Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des -Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen. - -1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die -fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb -der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des -Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. -Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. -Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka. - -Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, -und nicht so leicht. - -Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. -Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die -Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger -Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst -kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau -entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und -Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach -oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die -im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von -Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es -ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. -Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine -Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht -ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 -Fuss.[226] - -Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und -genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt -steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde -anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, -das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu -tränken. - -Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche -kaiserlich japanische +Waffenfabrik+. Zunächst wurden wir wieder in -das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern -unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf -Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf -diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter -von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, -welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und -gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise -nach +unseren+[227] Gegenden zu unternehmen. - -Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht -mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht -hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier -beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln -und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht -in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich -Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in -Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. -Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf -allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa -56000 unter Waffen stehen. - -Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, -ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen. - -Die +Münze+, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, -konnte ich leider nicht sehen. - -Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und -der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, -Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man -mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien. - -Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen -Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen -durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig -machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man -nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im -Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und -die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit -bedingen und verbreiten. - -Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden -und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel -(in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In -der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums -für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse -ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der -Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon -eingeführt. - -Das +Festessen+ ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen -Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im -Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen -Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal. - -Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. -Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse -Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und -vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse +Asaki+-Brauerei, die -von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische -Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, -man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht -sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so -viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur -13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr -deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen -im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr -und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein -No-Drama aufgeführt, und ein +Gedicht+ mir überreicht. - -Um den +chinesischen+ Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die -Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese -Mittheilung nicht -- als Eitelkeit auslegen werde. - -„Abschiedsgruss an Herrn Professor +Hirschberg+. - -(Altchinesisch.) - - Professor +Hirschberg+ ist nach Japan gekommen und hat sich um - die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine - Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne - und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der - unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so - erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte - verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der - Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so - vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes - Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich - seine ganze Umgebung nach seiner Art. -- Solch’ einem Manne gleicht - Herr Professor +Hirschberg+. Im Namen der Wissenschaft spreche ich - ihm den grössten Dank aus. - -Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October. - - +Nahamye Syisakka+, Arzt in Osaka.“ - -Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders -hoch gepriesen wird, verfasst von +Jeizo Jshii+, Vorsitzendem des -medizinischen Vereins zu +Nagoya+, lautet folgendermaassen: „Ein Wort -zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll -entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen -schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor +Hirschberg+ nach -Japan gekommen. - -Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo -gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser -gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan -berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, -wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen -Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche -Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ -- -- --- -- -- - -Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach +Nara+, der mir -heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt. -+Nara+ war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz -des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war -früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der -früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am -Fusse der Berge, in der Provinz +Yamato+, 25 engl. Meilen östlich von -Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse -seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine -Holzspielsachen. (Nara ningyō). - -Dr. +Ogata+ und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der -Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge -in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst -+Horuji+. Hier liegt das +älteste Kloster+ von Japan, 607 n. Chr. -vollendet und berühmt -- durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, -dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als -die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen -sonderlichen Eindruck machen. - -Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade -gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben -des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im -Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (+Kondo+), der älteste Holzbau -Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, -Amida u. A., und +wirkliche Fresco-Gemälde<g/> an den Wänden, in alter -Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und -nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind -überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit. - -Die +Geschichte der japanischen Malerei+[228] ist für den +Europäer -kurz+ zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den -buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule -(Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung -der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. -Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. -Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem -Einfluss. Der buddhistische Priester +Cho Densu+ malte heilige -Gegenstände, +Josetsu+ Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen -folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule +Mitsunobu+, +Sesshu+, -+Kano+. Im 18. Jahrhundert kamen die +realistischen+ Schulen: -+Hishigawa+, der volksthümliche Bücher illustrirte, +Okyo+, der Vögel -und Fische genau nach der Natur zeichnete, und +Hokusai+ (1760-1849), -der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des -Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches -Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt -und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im -Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht -allzuwörtlich nehmen. - -Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, +Yakushi+, -geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein -Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind -ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind -Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist -des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; -Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, -dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein -Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka. - -In +Nara+ übernahmen die dortigen +Aerzte+ sofort die Führung. Der -+Park+, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind -rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen -die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen -Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und -freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu -sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende -des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten -Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt. - -Aber -- der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe -ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. -Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien -heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen -schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. -Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die -Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des -ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben. - -Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit -zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den -Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden -Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für -kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider -unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche -Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen -nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth -seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit -beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod. - -Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen -des +Tempels Wakamiya+ die Priester auf jeden Fremdling oder auch -begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten -heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam -gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen -tragen. - -Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse -Shinto-Tempel +Tamuke-yama no Hachiman+. Denn auf ihn bezieht sich ein -altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie -es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. -Die Worte lauten ungefähr folgendermassen: - - „Leer ist die Hand, doch voll mein Herz, - Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz. - Statt rothen Goldes bring’ ich heut - Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“ - -In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem -Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen -Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner. - -Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch -Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 -n. Chr. gelebt haben soll. - -An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in -kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das -Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut. - -Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel +Nigwatsu-do+, -welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet -und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig -gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. -Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er -sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. -Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte -an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das -(weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein -rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen -Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes -Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe -mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und -Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf -zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem +Jahrmarkt+ -mit ihren Kindern erschienen. - -Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein -Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen -empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. -Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, -wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem -Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine -Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige -Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier -auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll -ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt -zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt. - -Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf -einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler -und Berge. - -Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von +Todaiji+, zuerst die -+grosse Glocke+, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit -ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren -(750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 -Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den +Daibutsu+ -unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, -also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus -dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst -abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert. - -Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist -hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. -Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des -Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt. - -Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das -Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um -die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der -Ausstellung von +Alterthümern+, die in einem Nebenraume des Tempels -aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, -Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. -m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem -chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben -wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) -mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), -die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse -Rolle spielen. - -Den Schluss der Betrachtung macht +Kobukuji+, einst ein grosser Tempel, -707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch -eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den -angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der -Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden. - -Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute -Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab. - -Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen -Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. -Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter -schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir -selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich -seine Vorhalle zur Aussicht anbot. - -Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt -wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber -zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus -Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht -liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im -Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier -über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein -leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem -Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn -die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, -bis -- ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben -Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters -vertilgt.[229] - -Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach -dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der -bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter -seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen. - -In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein -altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war -geschmückt mit einem Holzschnitt des -- +Hippocrates+, den der Besitzer -des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen -Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige -Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas -auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that -sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie -auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches -und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die -Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens -schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem -Lande, nach der Verheiratung, es machen. - -Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als -zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte -die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen -schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt -seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht -so leicht. - -Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus -Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230] -der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr -Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr -wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber -auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam -das +Kata-kana+[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 -chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele -Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen -werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln -und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu -umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu -Tokyo. - -+Hiragana+ (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem -8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form -wiedergiebt, -- wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine -hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen -Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana -geschrieben, keines in Kata-kana allein. - -Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen -zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So -zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt -schneller nach Dictat, als der Europäer, -- natürlich wenn letzterer -nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die -japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, -hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen. - -Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie -auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf -die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte -sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich -etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn -begleiteten. - -Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater -führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz -ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, -und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter -Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. -Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“ - -Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen -gegen die Eltern kommen gar nicht vor. - -Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn -die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach +Kobe+,[232] an der -Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen -vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem -auswärtigen Handel geöffnet ist, eine +Fremden-Siedelung+, längs -der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen -geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, +Bund+[233] -genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von -ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232] - -Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft -aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil -der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es -Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen -Yen. - -Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein: - - 134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt, - 9 japanische „ „ 6400 „ „ , - -und liefen aus nach dem Ausland: - - 159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt, - 2 japanische „ „ 1341 „ „ . - -Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel -Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu -sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die -Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen. -Dicht dabei ist die +Agentur unseres norddeutschen Lloyd+, die -mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine -Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer +Nürnberg+, der am 9. October -von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische -Reichsdampferlinie. - -Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus -zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt -braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte -mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig -gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch -englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes -begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr -als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste -bis zu dem Denkmal des Helden +Atsumori+; und dann in dem von einem -Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan -noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse. - -Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an -Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal -mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen -photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und -fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine -schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet. - -Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. -October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine -werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. -Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun -hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa -befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den -norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat. - -Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord -unseres guten Dampfers +Nürnberg+ vom norddeutschen Lloyd: Capitän -Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist -Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet. - -Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit -dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234] -Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen -Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. -Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur -+kleinere+ Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama -vermitteln. - -Unser +Nürnberg+ hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss -Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die -chinesisch-japanischen Gewässer befahren. - -Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die +Inland-See+, -welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) -und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) -sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von -Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 -Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste -8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren -Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee -liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der +Seemann+ hat -fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die -übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten -werden. - -Der +Reisende+ ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend -kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst -malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern. - -Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche -die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die -kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke. - -Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden -Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen -Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl -kleineren mit 1-3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln -und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit -Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern -belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner -haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier -Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); -ihre Dichter sprechen nicht davon. - -Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. -Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von -Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm -verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein -französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich -vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte -von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem -amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte. - -Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, -rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden -uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern -mächtige +Kohlenlager+; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische -Meer, um nach Süden umbiegend Abends +Nagasaki+ an der Westküste der -Insel Kiushiu zu erreichen. - -Logbericht Kobe-Nagasaki: - - 1. Tag (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min. - 2. „ (11. Okt. bis Mittag) 287 „ 24 „ - 3. „ (11. Okt. Nachmittag) 81 „ 8 „ - ------------------------------------------------------ - Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten. - -In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, -angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute -nicht mehr besuchen. - -An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, -australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe -verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner -ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin -gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen -schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von -Wladiwostok. - -Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt -sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische -Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter -den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei -Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen -Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile -breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl -der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und -Kobe weit überflügelt worden.[235] - -Dabei hat dieser +westlichste Punkt+ des japanischen Inselreiches die -längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden. - -Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu -grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. -Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals -bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen -und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen -Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo -(Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre -ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde -Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen -zugewiesen. - -Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten -Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher -Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes -willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass -die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt -1690-1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines -Fell.“ Während die Holländer 1611-1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher -im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90-95 Procent Gewinn ausgeführt -hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf -40-45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die -hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts -hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. -Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von -Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten -wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen -aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen. - -1888 liefen ein: - - 427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt, - 171 japanische „ „ 183000 „ „ ; - -und liefen aus: - - 488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt, - 161 japanische „ „ 178000 „ „ . - -Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die -fremden Dampfer mit +Kohlen+ sich versorgen. 1888 wurde hier für 3 -Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) -zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich -hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. -Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und -englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche. - -Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene -Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll -Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben -ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. -Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen -schaffen; sie bekommen 10-15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann -hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen -Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen -die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die -ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche -Verfahren. - -Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, -Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den -Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren. - -Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von -Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, -als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 -Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten. - -Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, -besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte -Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste -zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie -zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, -sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich -der aufgehenden Sonne eingezogen ist. - -Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich -Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse -Shinto-Tempel +O-Suwa+ ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine -Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben -luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug +Kunichi+, -der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt, -meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten -auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner -Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der -Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur -Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art -darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung -des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, -sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese -japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien. - -Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen -Reiches, Herr Dr. +Lenze+. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl -der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, -das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die -ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine -Cajütenfenster. - - -Abschied von Japan. - - Schön ist das Reich, vom Meer umgeben; - Die Landschaft lieblich, voller Leben, - Die Felder zierlich, die Häuser nett, - Das Volk manierlich, fein, adrett; - Das Leben köstlich und amüsant - In diesem östlich geleg’nen Wunderland. - -Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, -ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie -der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) -das japanische Volk als das +Entzücken seiner Seele+ bezeichnete. -Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln -verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die +Schattenseiten+ -zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit -Befremden vermissen. - -Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, -reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, -geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, -konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu -tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, -als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der -reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der -Philosophie, -- das zu entscheiden will ich Andern überlassen. - -Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, -gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die -gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den -Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit -das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. -Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod. - -In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende -Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. -Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber -nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie -zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel -anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos -Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die -drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin -gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn. - -Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung -verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in -schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen. - -Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich -befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus -der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich -fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath -zwischen Edelmann und Tänzerin noch +niemals+ in Europa vorgekommen -sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa -sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche. - -Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; -das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als -das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich -eine Sirene ehelicht, so ist er sicher +nicht+, wie oft bei uns, ein -Substrat der lex Heinze. - -Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends -einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen; -überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der -zimperlichsten Dame beleidigen könnte. - -Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht -sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in -Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in -Europa. - -Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich -zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund -freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und -floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit -artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen -fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, -Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen -zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches -„Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der -Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan -scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen -Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe -gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend. - -Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für -den Reisenden natürlich das Urtheil über die +Zukunft+. Japan befindet -sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird -das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als -vollberechtigtes Glied eintreten? - -Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die -Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls -das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, -wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende -Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller -für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich -scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage -zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des -deutschen Einflusses. - - - - -V. - -Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore -nach Colombo. - - -Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, -namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in -seinem Gehirn die Begriffe +Taifun+ und +Monsun+ ordentlich verpackt -unterzubringen.[242] - -In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und -fliesst +oben+ nach den beiden Polen ab, +unten+ strömt von den Polen -kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert, -gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche -(gewissermassen unter ihr fort) +schneller+ um die Erdachse von -Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft, -gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen -setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der -südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten -liegt die Gegend der Windstillen. - -Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch -die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen -Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb -des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April, -Südwest-Monsun vom April bis September. - -Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber -erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst eine -Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen -Südwestwind verwandelt wird. - -+Tai-fun+[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen -Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis -November, am häufigsten im September und +October+, vorkommen. Ihre -Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW., -während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen -Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die -Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten, -und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer -die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln. - -Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich. -Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser. - -Ich lese +Byron’s Harold+, den ich glücklicher Weise in der Bücherei -des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster -Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die -Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz -vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch -seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor -allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte, -wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger -scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz -ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch -seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden, -der den Anfang des dritten Gesangs vom +Corsaren+ kannte, -- jene -wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen, -den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender -Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das +Hohelied -vom Reisen+, das unser +Goethe+ gedichtet: - - Doch ist es jedem eingeboren, - Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, - Wenn über uns, im blauen Raum verloren, - Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, - Wenn über schroffen Fichtenhöhen - Der Adler ausgebreitet schwebt, - Und über Flächen, über Seen, - Der Kranich nach der Heimath strebt. - -Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist, -werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen -Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, -zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch -20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die -Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, --- wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von -dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, -- guckt mit mir nach den -Sternen. - -Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den +grossen Bären+, aber zur -Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er -allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen -Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate -dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte. - -Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen -wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, -gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam -eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig -innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer -zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden -Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach +Hongkong+. Wir -haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in -vier Tagen vollendet. - -Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht -prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke -aus. - -+Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.+ Die Stadt liegt auf -der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie +Neapel+. -Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem -prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die -stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige -Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten -Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der -Höhe die neuen Gasthäuser. - -Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248] -die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer -„Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des -Hongkong-Hotel hinübergeschafft. - -Der Quai und Landungsplatz waren +weiss von Menschengewimmel+; -denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht -schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war -die allgemeine Frage. Das Postschiff +Bokhara+, von Shangai nach -Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts -melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine -fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. -Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der -P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten -nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara -gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die -Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, -der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. -Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen -Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte -in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie -hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in -übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben -die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen -zu sein. Allerdings besteht +diese Gefahr+ auf den ostindischen -Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die -Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich -mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr -auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben -Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs -zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht -wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen -+chinesischen Fischer+ auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. -Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara -und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, --- es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns -unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren -fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der +Ostküste+ -der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte -er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben. - -Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen +Kabel+. Ich hatte -sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen -Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben -kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im -Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das -Scheitern der Bokhara bekannt. - -Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt -einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel -ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die +Punka+ -genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem -Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in -Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt -sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. -Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong -bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer -Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende -„Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit -verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel -ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes -Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen -Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und -merkte, dass +Hongkong weit heisser+ ist, als ich es mir vorgestellt. -Das Thermometer zeigte 23° C. - -Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und -setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und -lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren -asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden. - -Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht -unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract -des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° -östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des -Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz -Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und -misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong -gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten +Ladrones+. - -Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden -von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, -zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die -darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, -das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum -abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, -steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (+Victoria+), welche -an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, -die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen -Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem +Pik+) -verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren -Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen -Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, -bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, -ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf -der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem -Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der -Pforte von Südchina. - -Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und -Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England -abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem -dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf -dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige -chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst -versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253] -darunter waren nur 8000 Europäer. - -Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung -von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus -indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, -rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die -ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der -Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. -Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral -(Commodore), ein General. - -Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen -Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind -befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den -Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der -Handel ist bedeutend, da Victoria einen +Freihafen+ besitzt, jedoch -nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen -an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin -handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa, -sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels -liegt in den Händen der +Deutschen+, die in bester Lage der Stadt -ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem -Hongkong-Granit errichtet haben, eines der +schönsten Gebäude+ in -Ostasien. - -Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere -Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit -Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit -Amerika und Australien in reger Verbindung. - -1884 liefen ein; - - 26763 Schiffe mit 5000000 Tonnen, - darunter 2976 Dampfer „ 3259000 „ , - 314 Segler „ 290000 „ , - 23473 Dschunken „ 1687000 „ . - -2397 Schiffe waren britisch, 474 +deutsch+. 1890 verkehrten im Hafen -von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich -auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe, -ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr -besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381 -Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark. - -Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der -Engländer in der Colonisation. - -Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen -Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen -Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre -1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, -als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, -versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch -arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig -gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet -war. Während 1860-1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die -Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach -eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel -endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr -als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten. - -1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen -Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der -Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum -durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so -warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen -die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch -musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen -fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind -auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen -feuersicher anzulegen. - -Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und -ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische -Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus -Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der -Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig -mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen -Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und -führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne -Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer -lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der -Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und -Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die -hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des -Gouverneurs. - -Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem -Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den -Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, -ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht -ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 -Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht -glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann -folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen -Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist -das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, -Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten. - -Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem -Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte -Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria -und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach -dem +glückseligen Thal+ (Happy valley) am Ostende der Stadt. - -Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, -prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird -von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich -nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, -dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr -europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto -mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen -die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück -Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von -Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur -nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch -der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte -gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über -seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern -den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische -Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die -Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle -Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner -und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur -Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein -Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, -aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich -sammeln. - -Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo -ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, -ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im -gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, -auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube -verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. -+Schild+, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr. -+Pauluhn+, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „+Iltis+“, -das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet. - -Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der -„Nürnberg“ zusammen mit Capitän +Schmölder+ vom „Neckar“, und -betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach -der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen -vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer -Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche -Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig -Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen -Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf -unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre -wünschenswerth. - -Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann -Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. -Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag -erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die +später+ -reichlich +Früchte+ tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde -ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in -Asien sich umgesehen. - -Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. +Gerlach+, einen ausgezeichneten -deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für -die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen -darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und -grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen -Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich -geschmückt hat. - -Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der -chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten -Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten -die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die -jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden -von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen -ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich -gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen -Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, -dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden -wären. - -Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und -Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach +Canton+, der drei Tage -in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer +Hankow+, der in -Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht - -Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren -fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche -Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist -noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen, -geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt. - -Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl -in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, -niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft -oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute -werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe -des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind -von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an -die Steuerung, noch an die Maschine gelangen. - -Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6-8 Cajütreisenden, -deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen, -kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 -englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also -macht das Schiff fast 14 Knoten. - -Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. -Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf -einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. -Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder -Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte -Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung -des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, -von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also -Tiger-Rachen, genannt wird. - -Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt -eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen -auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer -erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern -mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas -anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind -unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien -Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, -jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die -ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit -ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und -Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar. - -Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer -nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die +Heckradschiffe+, -deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10-20 -Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit -20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. -amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so -billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass -denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem -bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen -angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden -bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich -zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, -thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo -die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die -Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist -sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur -20-36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher -erster Classe. - -Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. -Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, -offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und -auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem -Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein -Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder -vertreiben soll. - -Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in -+Wampoa+, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen -Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die -merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier -Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel +Schamin+. An’s -Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer -tüchtigen +Chinesin+, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust -mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich -ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie -besitzt keine andere Heimstätte.[257] - -Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, -bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre -Hilfe brauchen werden. - -Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso -hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem -Vertreter des deutschen Reiches, Herrn +Lange+, als auch von dem -des norddeutschen Lloyd, Herrn +Melchers+, auf das liebenswürdigste -angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe -angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn -das +Schamin-Hotel+ genügt mässigen Ansprüchen. - -Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn +Melchers+ und statteten -auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab. - -Canton, chinesisch +Kwang-chow-foo+ (Kwangtschou), liegt an dem linken -oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung -von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung -und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches. -Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3 -Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz -und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7-13 Meter -hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet. - -Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei -Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere -Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder -- -Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken. - -Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen -China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su) -und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten -Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich -ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, -- denn das Gebäude der -Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume. - -Die Stadt hat den +ältesten+ Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt -vermittelt und trägt dem +neuesten+ Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert -unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen -Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die +Portugiesen+, -wurden aber wieder vertrieben. - -+Macao+ (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist -das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine -Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat -die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische -gerichtet, Macao[259] zu räumen! - -Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die -+Holländer+. Deren Erbschaft haben die +Engländer+ angetreten. -Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine -Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 -dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel -eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer -Bauart: - - 1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen und - 1147 Segler „ „ „ „ . - -+Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle+, nach der englischen. -Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78 -Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia, -Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen, -Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und -ein hervorragender Markt für den +inländischen+ Handel. - -Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl -der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der -eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden. - -Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel -aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. -Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, -bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, -einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein -Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn -nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem -betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die -Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an -die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein -der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange -her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt -nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für -die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden -aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. -Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den -Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf -kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel -verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, -lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, -und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein -Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen. - -Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben -Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende -des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom -Anfang des Jahrhunderts kennen. - -Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben. - -Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens -über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner -Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, -Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der -Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die -Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine -Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher -in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. -Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit -einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns -unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den -„rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). -Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie -kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an -diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam -auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: -„Belly[260] young, no education.“ - -Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um -Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und -Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit -ihrem Gruss: „+Tchin, tchin+“ den Fremden empfangen. - -Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne -getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner -Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen, -Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit -der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, -vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste -der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir -wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles -langsam und behaglich betrachten. - -Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das -besser, wir würden das Alles sehr gut in +einem+ Tage sehen. Er hatte -Recht. - -Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend -für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch -nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt -der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die -Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die -Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie -eine Rundfahrt in einem Caroussel. - -Erstaunlich ist die +Menschenanhäufung+ in den engen, kaum drei -Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen -farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten -Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem -Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, -dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende -Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie -nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste -ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und -des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger -Volks-Auflauf. - -Was wir besuchen, sind I) +Läden+. Zuvörderst (1) einen, wo die -bekannten +Reispapier+[261]-+Malereien+ feil geboten werden. Ich kaufe -ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten, -darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst -angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser -Meister +Hildebrandt+ hat sehr abfällig geurtheilt über diese -Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis -ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das -Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere -Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine -Photographien kaufte.) - -Sodann (2) kommt die +Klein-Mosaik-Arbeit+. Auf Spangen und andere -Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen -von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld -und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, -verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem -Schmuck Gefallen finden. - -Hierauf folgt (3 u. 4) +Seiden-Weberei+ und +Seiden-Stickerei+. -Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere -nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein -Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an -Licht fehlt. - -Beim +Schwertfeger+ (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, -abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt. - -Der +Elfenbeinschnitzer+ (6) endlich suchte riesengrosse -Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, -sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns -ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa -zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; -sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige -Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem -Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w. - -Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere -Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von -+Sehenswürdigkeiten+, den +Tempeln+ (II.), deren 800 in Canton sich -befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden. - -7) +Der Tempel der+ 500 +Genien+ oder Buddha-Schüler enthält, wie der -Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so -manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen -Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem -Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als +Marco Polo+ vorgestellt. - -In der Nähe dieses Tempels ist der +Edelstein-Markt+. Die Chinesen -schätzen den +Nierenstein+ (Nephrit, englisch Jade), der aus dem -Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder -Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, -Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas. - -8) Der +Tempel des Schreckens+ zeigt eine gute Sammlung von -Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der -armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. -- - -In einem Tempelthurm ist eine alte +Wasseruhr+. Vier Kupferbecken sind -so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das -andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab. -Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen -schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten -Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war -etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die -ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer -von Canton. - -Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung -eines besseren Namens als +Vermischtes+ bezeichnen. - -Natürlich wurden wir nach einem +Gefängniss+ (10) geschleppt. Wer eine -solche Besserungs-Anstalt im +wirklichen+ Europa unsrer Tage oder in -den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt -hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen -niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen -Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten -Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf -Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten, -gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten -Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von -dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die -einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum -würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit -beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen, -wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch -die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein -Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen. - -Die +Hinrichtungsstätte+ (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer -schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen -Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. -Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines -Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er -hatte mich vollständig beruhigt. - -+Squeezi Pidgin+ oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen -Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber -mit vollem Recht auch die +chinesische Staatsprüfung+ genannt -werden. Da sind in der +Prüfungshalle+ (12) 12000 oder gar 15000 -käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge -streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse -von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000 -erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn -hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze -das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und -mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke, -die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber -leider unvermeidliches Uebel. - -Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten -+Wall+ (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und -Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen -Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand -vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen -Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich -von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem -Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind -die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn -Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.) -Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines -Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene +Frühstück+ -(14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und -gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein -einschloss. - -Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich -einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die -Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche. - -Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der +fünfstöckige Thurm+ -(Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit -leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und -der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, -friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und -theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: -einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen -die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade -so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits -auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, -gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer -Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in -einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll -das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen! - -Der Rückweg brachte uns zunächst an einen +Begräbnissplatz+ (16) -reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in -denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die -einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den -Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und -verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. -Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; -so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte -uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 -Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn -man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen -Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die -Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert. - -Hierauf gelangen wir in die +Tatarenstadt+ (17), die eine besondere -Umwallung besitzt. - -Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem -stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd -und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde -oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, -sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern -und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich. - -Den Schluss der Besichtigungen macht ein +chinesischer Club+ (18) der -sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, -Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen. - -Das +Volksgewühl+ war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber -alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im -Gürtel blieb ruhiger Zuschauer. - -Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, -Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden -allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich -nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, -durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden -sind. - -Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, -da er seine +Aufgabe gelöst+. Ich glaube seiner Führung und der Stadt -Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten -mit +fortlaufenden Nummern+ bezeichnet habe. - -Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach -den +Blumenbooten+ fahren. Das gilt für eine der grössten -Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, -viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind -grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert -sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese -schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die -ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe -herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar -wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle -oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren -„Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten -Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen -und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, -wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde -und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen -Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird -erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke -nicht allzu neugierig umherschweifen lasse. - -Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in -dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem +Missions-Krankenhaus+. -Unterwegs hatten wir Gelegenheit die +schwimmende Vorstadt+ von Canton -kennen zu lernen. - -+Jedes Boot ist Heimstätte+ einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben -auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt. -Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In -regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne -Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen -Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die -Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, -die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst. - -Es giebt auch +Flussbettler+, die nie an’s Land kommen, namentlich -Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und -die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, -erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und -erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der -mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263] - -Das +Missions-Krankenhaus+ ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt -religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht. -Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war -nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie -zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen -Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die -ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden, -erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger -nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene -Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge -sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5 -Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die -„befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt. - -Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) -Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die -andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine -Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an -solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. -So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser -Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von -Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der -harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn -ein gut geschulter +deutscher+ Wundarzt in Canton ein +rein ärztliches+ -Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für +unser -Vaterland+ zu stärken. Auch Herr Generalconsul +Budler+, dem ich meine -Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange -zu derselben Ueberzeugung gekommen. - -Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in -dem gedruckten Bericht.[265] - -Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen -Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; -denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch -dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten -zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen -Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im -Krankenhaus feilgehalten. - -In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die +verkrüppelten Füsse+ einer -(ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer -Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere -Frauen, ihren Körper zu entblössen. - -Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten -eingebogen, -- wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, --- und in dieser Stellung durch Binden festgehalten. - -Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der -eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin -geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht -sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze. - -Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der -unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für -ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein. - -Vom Krankenhaus fuhren wir nach den +Blumen-Gärten+ in der westlichen -Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und -aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen, -Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon -gebildet und eingesetzt. - -Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, -dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur -Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht -in den prachtvoll erleuchteten +Hafen von Hongkong+ zurück. - -Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner -Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der -Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus -der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der -Dampfer „+Brindisi+“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere -Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher -Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich -hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren -können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen -haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das +Museum+ -von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich -bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele -Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge -unterhalten, ist täglich von 10-5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und -enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer -Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan; -2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien; -endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene -Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden -mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.) - -Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der +Drahtseilbahn+. -Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der -Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben -kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich -steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. -Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die -unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden -Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf -die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen -Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie -ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe -(Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station -sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, -mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten -Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit -vom Mai bis October. Leider sind es +mehrere+, der Wettbewerb schmälert -den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie -jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern -Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. +Austin -Hotel+. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren -eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das -gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von -Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen -Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf -die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst -ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom -eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und -Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier -sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen -Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis -zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen -Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes -gestiftet. - -Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der -Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von -Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das -Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische -Herr angenommen, -- ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die -Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; -- -und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu -zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als -Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem -ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit -der Nachbarschaft weniger zufrieden. - -Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen -Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein -schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit -eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 -Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und -gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul +Budler+,[269] der nach -Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“ -Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels -erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40 -Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet. - -So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir -noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche -Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie -überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind -das Werk der zahlreichen chinesischen +Uebelthäter+, die von den -südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter -den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong -geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische -Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit -bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch -Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen. - -Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. -Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder -gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man -eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste -und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich -für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene -zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert -Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel -in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein -langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich -seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit -bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier +französisch+, --- zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich -allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist +Bethanie+, -eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und -Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen. -Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich -liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den -verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht -verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben. - -Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet -in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und -Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen -Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment -enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, -erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte -Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. -Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, -haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze -kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher -zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche -Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist. - -Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als -bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte -ich zu Fuss bergab, um die +öffentlichen Gärten+ Hongkongs, die auf -halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem -Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die -eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser -Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, -aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man -die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings -hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die -sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl -und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem -Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, -Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem -Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch. - -Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen -verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, -australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende -Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran -gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen. - -Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen -Aussichtspunkten ist +Bowen road+. Dieser Weg führt über den verdeckten -Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die -Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt. - -Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an -den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, -die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen -Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen -Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen -Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272] - -Natürlich, +von China wissen wir ebenso wenig+, wie von Japan, und -glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist -eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit -beginnen? - -„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber - - „Pulver kannten die Chinesen, - Konnten auch Gedrucktes lesen, - Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen, - Und Amerika war immer da, - Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273] - -Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten -lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der -neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen -jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu -erlernen und sicher zu behalten. - -Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber -zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr. - -Höchst anziehend sind die +Sagen von den ältesten Kaisern+. Shin-nung -(angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen -als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China -seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück -Ackerland umpflügt. - - „Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen, - Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“ - -Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt -und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für -alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen. - -Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, -wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen -Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, -Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) -Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, -Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll -auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen -geliebten Unterthanen mitgetheilt haben. - -In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123-246 v. Chr.) wurde das -Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von -der vierten Dynastie (Tsin[274] 246-206 v. Chr.) begründete -Alleinherrschaft des Fürsten und Einheit des Reiches, das er -vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es -folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete -sich die Buddha-Lehre aus. - -Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und -geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden. - -1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, -Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen -Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein -Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu -Stifter der +Ming Dynastie+ (der XX., 1368 bis 1644). Katholische -Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die -Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der -erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten -genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten -Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die -Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten +Unruhen+. - -1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische -Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten -hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong -abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den -Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten -in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses. - -Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, -die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im -Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, -der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug -die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie -+Taiping+ (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen -mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt +Nanking+. - -Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen -des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie -als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden -chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, -zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October -1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen -in die Flucht trieben, nach +Pecking+ vor, wo die Franzosen den -Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter -Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte -Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen -Vertrag mit +Preussen+, gleichzeitig für den Zollverein. - -Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai -und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die -+Taiping-Revolution+ 1863 durch Eroberung von Nanking +beendigt+ wurde. -Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die -Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt. - -England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit -China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet -und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame -Rolle in Ostasien spielen. - -Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen -des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur -+Unterdrückung der Seeräuberei+ an den chinesischen Küsten beigetragen. - -Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von -Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland -drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen -annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 -Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson -siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen -die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. -Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten -20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben. - -Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine -balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ -nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den -Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben. - -Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der +weise -Khung-futse+[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten -Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, -hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse -Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit -30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten -Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte -Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch -der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines -Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte -so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister -ernannte. - -In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen -verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur -Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte -Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn -niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht -in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich -für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für -solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der -Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben -straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch -gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel -er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben. - -Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht -günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge -voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im -dreissigsten. - -Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte -er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen -(Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende -selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine -Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, -Confucius’sche Analekten.) - -Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste -das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber -ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst -sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und -hochverehrt. - -Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der -Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles -Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. -Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu -(C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse). - -Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch -ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine -Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist -die Stellung der idealen Männer im Universum. +Die Art der Menschen -ist gut von Natur+. In dem +Weisen+ erreicht die Natur ihre höchste -Entwicklung. - -Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist -überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am -besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in -einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt. - -Nächst dem Weisen kommt der +hervorragende Mann+. Er ist Fehlern -unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, -und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird -auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein -Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht -zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so -handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe -verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht -sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die -stete Sorge des Confucius. - -Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; -kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt -Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich -fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des -Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 -konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu -überschreiten.“ - -Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden -werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern -zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer -selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die -Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend -regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, -Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der -Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist -Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur -Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft. - -Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den -Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates -hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn -fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie -willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und -Güte mit Güte.“[278] - -Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es -heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt -werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und -unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der -Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen -Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde -nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom -Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt. - -Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine -Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, -seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand -der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen -den Worten dieses Mannes. - -Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul -verdanke, ist das über die +tugendhaften Weiber+. (Englisch von Miss -A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der -erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde -es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, -zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des -Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der -kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen -Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen -Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen -Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff -und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren -Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden -das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von -solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. +Hildebrandt+ spöttelt -über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten -errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein -müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was +er+ dabei unter -+Frauen-Tugend+ versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen -und nicht weiter gepriesen. - -Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude -gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: -er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei -hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch -meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal -auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und -deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts -zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem -landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr -gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu -den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden. - -Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung -des Herrn Collegen Gerlach, +Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten+ von -Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt. - -1) Das +Regierungs-Krankenhaus+ ist europäisch eingerichtet und von -englischen Aerzten geleitet. Das +Alice-Krankenhaus+ (Alice memorial -hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die -Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. +Jordan+, -Augenarzt, und Dr. +Thompson+, Chirurg und Missionär) sind Engländer. -Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor -der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin -geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr -Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die -wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder -ägyptischen Augenentzündung. - -2) +Asile de St. Enfance+ liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. -Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte -Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind -sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches -sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar -erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. -Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie -fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze -hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen! - -3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte +das Berliner -Findling-Haus+. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier -in Ostasien eine von +Berlinern+ gegründete und verwaltete -Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch -irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es -würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue -Freunde und -- Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte -ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine -„Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei -uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit -gebe. - -[Illustration: Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.] - -Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas -grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die -Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor -Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und -Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen -singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe -der chinesischen Classiker. Gegen das 20^{te} Jahr werden sie an -chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden -sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen -im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl +ihrer+ Kinder -betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in -das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von -3-5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam -jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als -ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme -Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, -von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des -Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung -folgt. - -Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine +„Landpartie+ nach -dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt. - -Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr -Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor -Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders -zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, +war+ die +Fröhlichkeit+ -der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der -Berichte.[280] - -In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht -aufziehen will oder +kann+, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber -nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden -das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung -kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, -- was in +Europa und -Amerika+ geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der -Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich +in der Stadt New-York -getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende+. Findelhäuser sind in -Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, -1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 -in London. - -Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, -stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder -bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der -Kindesmorde. - -Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine -Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der -Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind -+bringt+, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, -- weil es zu häufig die -eigne Mutter war; durch dieses persönliche +Deplacement+[281] wurde die -Zahl der Findlinge erheblich verringert. - -4) Die +Basler Mission+ hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch -ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. +Reusch+ begrüsste. - -Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem +deutschen -Club+[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im -Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf -der im Winter ganz munter Theater gespielt wird. - -Am Nachmittag besuchten wir auch die +Chinesenstadt+. In der mit der -Uferstrasse gleichlaufenden +Queensroad+ befinden sich neben Banken -und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen, -wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. -dergl. verführerisch ausgelegt sind. - -Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, -sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe -vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen -aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der -Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit -erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt -nach dem Begehren. - -Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere -Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, -Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, -Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und -ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, -da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt -werden. - -Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder -Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann -man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar -Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot -ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise -nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische -Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin -changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn -und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing -an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein -Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum -Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen. - -Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren -geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels -(d. h. 50×37,_{783} Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch -abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, -ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs -= 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. -Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich -werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen -ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig -von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen -lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze -wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das -Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch -darüber cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon -vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde -es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste -Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China. - -Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für -chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden -Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell -und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene -Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und -die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am -Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben -besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler. - -Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, -dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss -genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des -Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer -beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird -bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein. - -Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit -besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich -und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der -Kräuterdoctoren und Zahnkünstler. - -Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse -Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor -seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen -Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als -Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene -Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen -Inschriften von unten bis oben bedeckt. - -Die +gewöhnlichen chinesischen Aerzte+ sind schäbige Gesellen; man soll -aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht -mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen -vergleichen. Während es +früher Kaiserliche Schulen+ der Heilkunde in -China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde -ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland -(Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. -Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen -Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst -aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf -der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere -Diener sind mit dem Raspeln von Wurzeln und dergleichen beschäftigt. -Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, -dass er „niemals schneidet.“ - -Natürlich giebt es auch +feinere Aerzte+ in China. In neuester Zeit hat -die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht; -sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige -Europäer und Amerikaner dorthin berufen. - -Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die -einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren -geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und -Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren -zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, -die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen -und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die -chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt -kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können. - -Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen -- Freunde jede -Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und -Todesfälle sind thatsächlich selten. - -Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten -da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; -der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch -chirurgische Praxis unter den Zopfträgern. - -Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich -beträchtlich. +Cho-Chiu-Kei+, der chinesische Hippocrates, welcher -während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt -hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch -heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin -er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch -einen +Giftstoff+, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf -verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift -wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift -ausgetrieben werden. -- Noch vor einem Menschenalter hielten die -europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber -in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz -ähnlichen Anschauungen gelangt. - -Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die -+Tempel+. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter -Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor -ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen. - -Natürlich giebt es hier auch +Opium-Kneipen+. Aber die Ansicht, welche -einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische -Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte -den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten -schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in -Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich -bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen. - -Chinesische +Spielhäuser+, wie ich sie in Portland und S. Francisco -gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar -monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie -neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind +spielwüthig+ und -fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die -beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den -Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen. - -Die +Strassenscenen+ sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht -und hört man +Fruchtverkäufer+. Die Hauptsorten sind +Litchi+ -(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; +Pumelo+, eine -Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen -und Mandarinen; ferner die +Canton-Stachelbeere+ (Averrhoa carambola), -eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; -ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an -dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten. - -Dort hat ein wandernder +Barbier+ seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt -das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und -Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der +Geschichtenerzähler+ -bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne -die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. +Hochzeits-+ und -+Begräbnisszüge+ werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die -bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist -die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung. - -Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, -das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, -und für die Hügel der Palankin. - -Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer -Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer -hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht -38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross, -nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich -meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische -Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie -von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren -Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht. - -Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der -Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das -auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das -elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz -dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten -enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und -Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um -sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der -tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen -legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich -selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur -wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ -des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse -verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen -der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. -Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem -Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal -aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss. - -Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, -die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und -uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn -sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder -Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus -Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, -aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer -Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige -hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte -sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen -Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich -konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, -wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen -Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen -Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore -zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem -Schlafe. - -Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; -einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige -Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit -zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) -ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind -geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge -fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, -und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, -Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; -jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen. - -Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche -da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine -angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., -der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war -während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben -und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig -geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei -der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung -des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, -der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste -hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in -die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, -denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb -wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer -Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann -noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, -ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu -Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft -aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse -Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit -seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes -überwunden werden kann. - -Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je -zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean -her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und -Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen -Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, -als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein -sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, -unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der -Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint -mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung -zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer -Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem -Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen -wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern -die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, -Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen. - -Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der -zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die -Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser -Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein -erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine -Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem -Reisetagebuch schrieb. - -Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte -Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen -ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir -angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat -oder gelebt haben soll.[286] - -Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar -Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel -mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen -Linien dringend empfehlen, auch ein solches +Taschenbuch+[287] -herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation -Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: -gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu -300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle -Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies -Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu. - -Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 -Tonnen im Mittel. - -Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach -Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für -die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ -Unterstützung. - -In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter -P. & O. zurück, in der +Ertragsfähigkeit+. - - * * * * * - -Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt: - - Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen. - Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen. - Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen. - Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen. - Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O. - Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore. - Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen. - Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang. - Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen. - Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen. - Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen. - Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen. - Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen. - Abends, 8. November, an Colombo. - - * * * * * - -Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt -die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau -zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe -ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die -Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über -Indien. - -Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) -erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, -auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald -längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb -der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische -Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die -nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge -zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny -gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke -(„gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen -thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, -gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden. - -+Singapore+ an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom -Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der -englischen Colonie +Strait-Settlements+, welche die Insel Singapore, -den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig -nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang -umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka, -vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit -von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise -nördlich von Java[288], nach +Ratzel’s+ Worten „an eine jener -praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist -48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer, -ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben, -da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs -bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist -4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (+Djohor+) -durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,_{2} Kilometer -breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für -England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die -britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone -abgetreten. - -Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen -Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer -in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, -die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon -einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der -Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen -sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen -Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung -beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen -und werden hier Klings genannt. -- Unter den (1900) Europäern sind -viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch -einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses -Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat -deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier -einen Consul. - -Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26-27° C. im Schatten, -innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind und -häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. -Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht -die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 -Uhr Abends unter. - -Singapore ist seit der Gründung (1819) +Freihafen+, der Handel der -Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling -(Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden -hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, -Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der -Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie -beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels -nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 -Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen. - -Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R. -nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem +botanischen Garten+, -der mein Staunen und Entzücken erregte. - -Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno -und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 -in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, -an allen deutschen Universitäten, wobei +Berlin+ sowohl durch -Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine -der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst -und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen -Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die -Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. -Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste -Vollendung. - -Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, -bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den -letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom -Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl -er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht. - -Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen -in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, -Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, -Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen -Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit -ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, -sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen -sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen mit -durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung -des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, -Casuaren. - -Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem -Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten -Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück. - -Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe -des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen -bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen. - -Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler -wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen -- -alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser -Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte -(allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen -kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und -zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, -seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er -zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. -Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel -zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, -die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm -beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser -besprengen. - -Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. -Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der -Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig -verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber -- nur für kurze Zeit; sofort -schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff -pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. -Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt -seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es -regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, -dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder -Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde. - -Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht -so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus -einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach -abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden -Trichter zu erreichen. - -Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die -Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland, -da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt. - -Am 5. November fand ich Nachmittags 4^h +28° C., um 5½^h +27¾°. Am -6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die -sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7^h +27° C., um 9^h -+28°, um 1^h +29°, um 4½^h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach -dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November -Morgens 7½^h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. +Also von Sonnen-Aufgang -bis Untergang+ 26 bis 29° C. - -In +Oberägypten+ hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse -geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor -Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde -zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; -Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch -+30°, und Abends um 9^h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan -(dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3^h aufstand, um das Kreuz -des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5^h wurde -es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss. - -Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten -theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. -Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum -Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen -grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, -weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine -fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein -des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf -blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die -weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort -wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur -wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze. - -Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von +Georgetown+, an der -Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 -Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet. - -Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende -kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger -englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden -und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter -aus England gekommen, zu begrüssen und zu -- heirathen. Den Versuch, -mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich -zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. -Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt -machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen. - -Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber -hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. -Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der -verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das -Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s -Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; -derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein -Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die -fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter. - - „Mondbeglänzte Zaubernacht, - Die den Sinn gefangen hält, - Wundervolle Märchenwelt, - Steig’ auf in der alten Pracht.“ - -Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän -R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk -gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen -verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah -- meine -Rückkehr. - -Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt -genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen -Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen -nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische -Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit -fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten -Wasser emporschnellen. - -Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir -den Anblick einer vollständigen +Mondfinsterniss+. Am nächsten -Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem -berühmten +Atschin+. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die -Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem -allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie -nur -- wirklich wollten. - -Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die -Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich -Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von -Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die -besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft -entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den -Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so -weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei -„bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35 -Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder. - -Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist +Ceylon+, -der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte -Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von +Point de -Galle+: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine -Flaggenstange, keine Schiffe! - -Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht -nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem -Nachtheil. - -Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von +Colombo+ Anker. Die meisten -Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf -einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen -soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl -- mein ganzes -Gepäck -- in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land. - -Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen -Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr -gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur -Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer -in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen +Oriental-Hotel+, -wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und -schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner -Moskito (oder +eine+, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand -sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das -verrätherische Summen; denkt, es wird nicht gleich so schlimm werden, -bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf, -macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem -das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen -Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das -von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des -Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in -diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum -- offenen Fenster hinaus -zu werfen. - - - - -VI. - -Ceylon. - - -Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen -Reisebeschreibungen unserer +Landsleute+ (+Schmarda+ 1854, -+Hildebrandt+ 1862, Dr. H. +Meyer+ 1882, Graf +Lanckorónski+ 1889, -Dr. Eugen +Böninger+ 1890); ferner aus Professor +Häckel’s+ indischen -Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk -von Eugen +Ransonnet-Villez+ (Braunschweig 1868), das aber leider -vergriffen und sehr selten geworden ist. - -Jedoch die eigentliche +Quelle+ unserer Kenntniss von dieser -merkwürdigen Insel ist das zweibändige +klassische+ Werk: +Ceylon+, -by Sir James +Emerson Tennent+ (5. Auflage, London 1860, Longman, -Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und -Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in -seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die -ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und -Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt. - -Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche -Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben -über den +gegenwärtigen+ Zustand, ist sehr nützlich +Ceylon+ in 1893, -by +John Ferguson+ (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei -Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von +Tennent+, für welches -Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer -Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als -einmal aber spöttische Bemerkungen. - -Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält -das originale +Prachtwerk+: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von -Dr. Paul +Sarasin+ und Dr. Fritz +Sarasin+, III. Band. Die Wedda’s -von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die -Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel -in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs -umschritten. - -Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. +Skeen+, C, 1892) -ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck -darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. -Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben. - -Einen +Führer nach Kandy und Nuwara Eliya+ schrieb S. M. +Burrows+, der -Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya -gelesen: +The burried cities of Ceylon+. (Colombo und London, Trübner -1881). - -Der „+Murray+“ für Indien und +Caine+’s Picturesque India (London 1891) -widmen der schönen Insel nur wenige Seiten. - -Die alte +Geschichte+ von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk -unseres Prof. +Lassen+ (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874, -1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische -+Sonderschriften+ über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen, -da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält. - -Hauptquellen für die +Alterthümer+ sind das letztgenannte Werk, und das -oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. +Fergusson+’s +Indian and -Eastern Architecture+ (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der -neuesten Ausgrabungen, +John Ferguson+’s +Ceylon in 1893+. - -Schon über die +Namen+ der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie -+Lassen+ und +Bournouf+, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im -Sanskrit heisst sie +Lanka+ (d. i. glückliche Insel), in den Schriften -der Eingebornen Sihala oder +Sinhala+, d. i. +Loewen-Sitz+, bei den -makedonischen Griechen +Taprobane+ (Tambapanni d. i. Kupferland, -wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago -sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen -+Palai-Simundu+ (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes); -bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei -den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine -Nacht“, Selendib oder +Serendib+ d. i. Sinhala oder Silan-dwipa = -Silan-+Insel+. Aus Silan haben dann die Portugiesen +Zeilan+, die -Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht. - -Das +glänzende+ Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den -+Perlohrring+ am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das +Land der -Edelsteine+, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die -Mohammedaner das +Nach-Paradies+ von Adam und Eva. So zeugen auch die -+dichterischen+ Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu -alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte. - -Wenn +Sancho Pansa+, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen -strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich +diese+ -Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns -Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, -Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die -+Palme+. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie +besitzt+ die Palme, -im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der -neugeprägten Silbermünzen. - -Ceylon ist übrigens eine ganz +stattliche+ Insel. Wir täuschen uns -leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien -schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben -haben. - -Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen -5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in -der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer -und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass -Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so -gross wie die Insel Sicilien. - -Die +Bevölkerungszahl+ ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei -Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den -Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken -von Ostindien. - -Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von -dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen -Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer -Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden -waren, haben +Emerson Tennent+ zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in -seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich -12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch +Ferguson+ dies -für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die -Vettern +Sarrasin+ in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der -+Völkerverschiebung+, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl -sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei -Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den -südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige -Reisland der Nordhälfte auf +weite Strecken+ ziemlich öde geworden -und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten -Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und -andern Gegenden des Südens. - -Ceylon ist ein +natürliches Treibhaus+, warm und feucht, mit einem -ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. -Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen -Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den +üppigsten -Pflanzenwuchs+ hervorzurufen. - -Für den mitteleuropäischen +Menschen+ ist das Klima +weniger+ -behaglich. Aber zwei angenehme +Erfrischungen+ helfen ihm, die Hitze zu -ertragen. - -Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden -Abend ein tüchtiger +Regen+, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in -Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt -der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November -durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre). - -Sodann besitzt Ceylon eine +Gebirgsgegend+ (hill country), welche -⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) -umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen -die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und -Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige -Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten -Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe -Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern -auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der -letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung -freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese -Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von -Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen -Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens. - -+Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.+ Wie in den Gefilden der -Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres. - -Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee -- das sind -die +Reichthümer+ der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem. - -Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 -Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, -5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 -Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 -Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war -1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos -100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und -- Kaffee -600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870. - -Ausgeführt wird auch +Eben-+ und +Teak-Holz+. Aber +Nährgetreide (Reis) -muss eingeführt[297] werden+. - -(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.) - -Die früher so berühmten +Edelsteinlager+ Ceylons (Rubinen, Saphire, -Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch -mehr sind es die +Perlenfischereien+ im Golf von Manaar, zwischen -Ceylon und Cap Comorin. - -Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, -sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen -aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen -Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt -und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur +eine -Gesteinsart+ ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant, -einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der -+Graphit+, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln -und zu +Anstrichfarben+, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299] -5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7 -Millionen. - -Ganz anders war der +Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit+. +Edrisi+, -im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s: -Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe. - -Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind -+Singhalesen+, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und -feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind -ein +Mischvolk+ aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her -eingewanderten +arischen Hindu+ und den schon lange vorher auf der -Insel ansässigen Ureinwohnern. - -Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die +Tamilen+, -dunkelbraune +Dravida+, die aus Südindien, besonders von der -Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon -vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils -neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung -suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und -beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen). - -Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger -Bildungsstufe verblieben sind, den +Wedda+, ist noch ein geringer Rest, -etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern -+Sarrasin+ stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den -Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung -dar. - -Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die -Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die -Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu -verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge -abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; -ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der -Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als -Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich -6000 +Europäer+ und angeblich 20 000 +Eur-asier+, d. h. Mischlinge -von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von -Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300] - -Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine -Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 -Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die -Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der -nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken -durch ihre Missions-Gesellschaften, -- bischöfliche, presbyterianische, -wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische -Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen -sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein -Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und -dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken. - -Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. -Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess -+Maha-wanso+, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische -+Chronik+, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre -ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen -- +Elu+ -genannt -- ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus -einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die -gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt; -aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der -Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen -Apostel aus Maghada). - -170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte -König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern -abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre -eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite -Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan. - -Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem -Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und -vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. -Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die -letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig -geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden -sie 1632-1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich -von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten -die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; -sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen -Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch -wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs -der ganzen Südwestküste. - -1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten -und 1815 zu einer +Kron-Colonie+ gemacht, nachdem das Königreich Kandy, -welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden, -endgiltig besiegt worden war. - -Ein +Gouverneur+ herrscht über die Insel, selbstherrlich und -uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das -aber ziemlich fern weilt, -- in Downingstreet zu London. Sechs Jahre -pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit -von jährlich 80000 Rupien bezieht. - -(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen -die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last -der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der -Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes -berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu -den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste -Kron-Colonie Englands darstellt. - - The best and brightest gem - In Britain’s orient diadem. - -1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten -jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur -Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte -der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; -im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das -Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893 -wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen -R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu -zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im -Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht -worden. - -Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem -Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme -begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den -Weltmarkt zu erobern. - - -Colombo, - -die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. -(Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen -Geographen als +Calambu+, die grösste und schönste Stadt von Serendib, -erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte -Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; -fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die -Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: -1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser -und 120000 Einwohner. - - * * * * * - -Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, -wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen -nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das -übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das -erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, -Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa -40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem -Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten -Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die -von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort -und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden -europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so -dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung -Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten -Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner -Morgen-Cigarre. - -Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen -weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten -einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken. - -Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, -nämlich mir einen +Ueberblick über die Stadt Colombo+ zu verschaffen. -Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, -die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine -Ferse heften, wohin er auch gehen mag. - -Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, -barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm -in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die -Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „+Po+“, d. -h. Pack’ dich -- zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als -auch in der der Tamilen. - -Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf -denselben, liegt unser riesiges, weisses +Oriental-Hotel+[306] mit 125 -Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer -massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. -Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, -Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, -Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während -Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, -Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich -herumtreiben. - -Ueber einen freien Platz, vorbei an einem +Kiosk+, wo die Gesellschaft -der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack -vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die -Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung -feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten -+Landungsplatz+,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr -herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern -und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt -von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, -welche die Fahrpreise regelt. - -Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen -sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den -Ecken. - -Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende, -welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch -noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, -verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn -er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit -ist die +Rupie+; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe -von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie -geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in -den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird. - -Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch -die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, -ist der Werth des Silbers von 1874-1892 stetig gesunken, so dass die -Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. -Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen -Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn -nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib -und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden -Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; -Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere -Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, -als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung -eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 +Cents+, die Viertel-Rupie 25 -Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte -Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, -auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und -die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält -der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler -würdevoll zurück. - -Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die -Mehrzahl der +Boote+ im Wasser daneben. - -Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der -Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig -die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen -Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents -für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher -und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am -zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der -+Auslegerkahn+[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15-20 Fuss Länge -bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die -Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den -Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen -kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der -linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe -aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler -Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche -Fahrzeug vor dem Kentern schützt. - -Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum -Fischen am Strande. +Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.+ - -Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander -befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das -gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat -vielleicht mit Veranlassung zu der +Sage vom Magnetberg+ gegeben, der -in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings -hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von -älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., -von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius -zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von -älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer -Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet. - -Das +Katamaran+, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne -Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. -Der Name bedeutet +Holz-Gebinde+[315]; das Fahrzeug ist eigentlich -ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht -gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, -sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander -gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest -verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst -zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der -Regierung geleistet! - -So leer die Rhede von Point de Galle, +so voll ist der Hafen+ von -Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und -Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, -Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren -Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach -Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. -Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, -der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch -vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, -Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. -- -Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des -Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste. - -Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten -vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen -Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen -und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das -Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört -das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges -Völkchen vergröberter Yankees. - -Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen -Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken -können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in -einen der +sichersten und bequemsten Häfen+ des Ostens umzugestalten. -Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der +Wellenbrecher+ -(Breakwater). - -Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss -ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer -Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. -Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16-32 Tonnen Gewicht, -die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über -Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die -Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel. - -500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; -die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für -die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. -Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie -die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich -in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. -Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der -Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der -Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. -Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1/10 der Kosten -des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf -eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock -herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand -der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen -werden. - -Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck -hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem -Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme -Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das -Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende -Sonne entzückend. Ich war aber +ganz allein+, wie schon öfters auf den -berühmten Spazierwegen der Reisebücher, -- nur zahlreiche eilfertige -+Krabben+ kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden. - -Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung -des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller -Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte. - -Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das -Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber -endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild -des +europäischen Stadttheiles von Colombo+ sehr gefällig ist. Der Name -Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen -Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt -sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um -Begrüssungsschüsse abzufeuern.) - -Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard -(+Yorkstreet+) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei -Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün. -Der stattliche +Tulpenbaum+ (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in -den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen -Schatten. - -Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. -& O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen -Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz. - -Von dem Landungsplatz nach Osten zieht +Churchstreet+, an deren Ende -ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (+Gordon’s+ G.) und -der +Wohnsitz des Gouverneurs+ (Queen’s house). Vor diesem steht -die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard +Barnes+. Das Kunstwerk ist -mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren -1820-1822 und 1824-1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch +Anlegung -von Strassen+. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine -einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute -Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war -die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die -erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post -von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur -Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben -sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55. -Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung -zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte. - -Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen -und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die -Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die -reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, -ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu -lassen; und biege nach rechts in die +Princess-Street+ ein, wo in -riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die -vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet. - -Es zieht mich zur +Post+, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird. -Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, -von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die -Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die -Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich -mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 -Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.) - -In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor -ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken -nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab -Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen -wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren schliessen. Aber -der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den -Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte -die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden -war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen -Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New -Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste -im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. -(Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch -diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht -das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt -es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; -darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin. - -Ich gehe noch weiter südlich nach +Chatam-Street+, die mit -Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen -Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die -Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der -+Glockenthurm+, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm -benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist -einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf -17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das -mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des -Herrn +Freudenberg+, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu -den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt -er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch -Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen -Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und -ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene -Bristol-Hotel. - -Danach tritt die +tropische Mittagshitze+ in ihre Rechte. Ich -verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige -Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage -nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) -und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr -wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und -wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten -in der Veranda. - -Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und -+Schlangenzauberer+[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen -Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem -flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt -auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt -und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten -Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch -einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, -ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen -worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen -vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler -einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit -des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz -unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum -Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein -auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie -ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres -(Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die -Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der -alte +Schlangendienst+ der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren -bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man -sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb -eingeschlossen und in den Fluss geworfen. - -Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist +das Wachsen des -Mangobaumes+, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf -den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und -bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand -eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht -nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige -Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere -Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen. - -Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch -nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in -derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit -der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige -Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag -über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt. - -Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und -grauem Vollbart; es ist +Arabi Pascha+ aus Aegypten, den die Engländer -nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen -Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem -Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und -zum Ersatz erhalten haben. - -Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen -Einspänner, natürlich mit einem +Pferde+; 2 Rupien beträgt -der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die +Ochsendroschken+[320] -der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die -Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für -die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder -Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach -Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder -nicht, zunächst nach den +Zimmtgärten+ (Cinamom gardens). - -Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das -Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (+Pettah+, -d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten -Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und -angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur -linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen -fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die -Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt. - -Dann kommt der +Trödelmarkt+, der eigentliche Anfang von Pettah, -mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren -und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten -Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde -der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen -Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. -Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt. - -Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der -mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es -vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen -unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld -und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der -Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu -schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein +Hindu-Tempel+,[321] -ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl -von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten -und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball -von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch -ein vereinzeltes Andenken an die +holländische+ Zeit, ein alter -Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) -Wolvendal-Kirche der Reformirten. - -Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach +Lake+ oder -Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des -Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt +nördlich+ von Colombo in’s Meer -fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich -aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die +Sklaven Insel+ (Slave Island), -so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die -Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es -ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um -diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf -die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende -von Colombo, die Vorstadt +Kollupitya+, von den Engländern kürzer -Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch -zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem -Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von -den +Zimmt-Gärten+ eingenommen wird. - -Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem -Namen verbunden und gar die alte +Fabel+[322] geglaubt hat, dass die -würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien, -wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist. - -Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die -Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch -besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige -abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich -Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des -Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten -aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum -Verkauf an. - -+Zimmt+, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten -Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen -Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird es -erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den -Hebräern, den Griechen und Römern bekannt. - -Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und -erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter -blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus -China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt -unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen +Zimmt-Insel+ -veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der -Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss -Ceylon’s vor +Ibn Batuta+, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr., -jemals erwähnt wird. - -Die +Holländer+ machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten -den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen -Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich -aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde; -aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der -Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie -den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu -beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss -in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste -Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von -8 bis 18 Mark das Pfund. - -Unter der +englischen+ Herrschaft erhielt zuerst die ostindische -Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund -aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis -½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze -gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus -Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323] -ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. -Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 -Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum -bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen -bearbeitet. - -Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss -Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von -diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne -Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der -Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von -1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der -fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15-20 englische -Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten -des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die -Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 -bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt. - -Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu -vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss -lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser -abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich -geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die -Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, -auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf -werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel -gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine -Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. -Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die -Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem -Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im -Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von -30 Pfund fest verpackt. - -Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische +Zimmtöl+. Dasselbe -wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation -mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu -wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die -+Zimmtblüthen+ kommen hauptsächlich aus China. - -Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die +Ackerbauschule+, -die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H. -+Meyer+ darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte -bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund -Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt -einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah -neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes -Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen -verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“ - -Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische -Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der -Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu -verbreiten. - -Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige -+Victoria-Park+, in dessen Bereich das +Museum+ liegt. Dieses habe ich -wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte -und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen, -dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde. -Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis -ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige -Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen. - -Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. +Gregory+, der -von 1872-1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, -dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an -die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That -ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den -Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine -Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ -gekostet. - -Der Inhalt der +Sammlungen+ ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst -mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und -eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen -Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster -Gegenstand die +singhalesischen Alterthümer+ zu erwähnen: die berühmten -Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann, -meinem Studiengenossen Dr. +Goldschmidt+ verdanken, der als Professor -zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist; -Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich -gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und -Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch -solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden, -sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten -+Masken der Teufel-Tänzer+, welche die Krankheiten beschwören. Diese -Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der -Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der -Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der -Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer -(Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz -nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um -Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger -Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber -Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und -noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon -1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer. - -Ferner sind vorhanden +Natur- und Kunsterzeugnisse+ der Insel. Die -ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen -hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch -gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und -Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine +ethnographische+ -Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der -Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An -der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das -spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben. - -Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der -Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die -Buddha-Lehre noch lebendig ist. - -Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung mit ihren Säugethieren, -Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen -ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, -wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei -Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der -erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie -mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und -angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene -Eisenbahnschienen verwundern. - -Die +Rückfahrt+ nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum -(Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte -Säulenhalle bildet, über +Southern drive+, eine unvergleichlich schöne, -vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein -Denkstein meldet, dass Sir Henry +Ward+ diesen Weg 1856 begonnen, 1859 -vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der -Frauen und Kinder von Colombo. - -Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des -Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die -Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und -blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des -Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger -und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren -Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch -den kleinen Stadttheil +Galle-Face+ mit seinen prachtvollen Palmen -zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft des Abendessens die -unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke -ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball -sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den +Häckel+ -vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu -sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze -Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder -in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten -und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht -lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt. - -Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick -in +Gordon’s Garten+ zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur -Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von -einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot -der +singhalesische Don Juan+, das lange rabenschwarze Haar zierlich -gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, -geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, -einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste -gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von -tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, -wie bei uns im Herzen von Europa. - -Das +Mittagessen+ im +Oriental-Hotel+ (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die -ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder -kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s -Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft -zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber -mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier -erträglich. Kühlung fächelt die Punka. - -Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine -Cigarre dazu, -- in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für -alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst -höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen -der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), -- als ob es keine -Frauen in der Welt gäbe. - -In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen. - -Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der -Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung -zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den -Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses. - -Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener -Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22° -C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers -sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige -Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft. - -Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, -schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen -des +Höllenlärms+ auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre -Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer -mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt -gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht -gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der -friedlichen Vorstadt. - -Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und -verscheucht die Nachtschwärmer. - - * * * * * - -Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in -der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten -zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, -Banya in der nördlichen Vorstadt +Kotahena+, in der südlichen Colpetty -und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten. -Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow) -entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe, -Rheinland. - -Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, -wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach -des darauf erbauten +Wasserbehälters+ erklimmt. Hier, in einer Höhe -von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an -ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen -+Palmenwald+, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie -vergraben. - -Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 -Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu -Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern -der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen -Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt, welcher -8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei -Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen. - -Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen -wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen -Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines -Einspruchs. - -In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich -Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein -Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und -geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den -wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der -durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem -italienischen Dorfe stehen. - -Einer der schönsten +Ausflüge+ von Colombo geht nach dem -+Buddhistentempel von Kelani+. Durch Pettah und die nördliche -Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo -einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen -stehen. - -Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges -Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den -Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die -feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); -ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. -Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der -Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an -den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein -Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit -entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz -bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet. - -„In dieser Armuth, welche Fülle!“ - -Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz -(curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); -gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und -unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche -Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird -allenthalben feilgeboten. - -Wir erreichen den besuchten +Grandpass-Markt+ mit echt asiatischem -Dorfleben und die Schiffsbrücke über den +Kelani Ganga+.[329] - -Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; -sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem -Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch -noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um -die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag -zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne -Gürtelbrücke errichtet werden. - -Der +Kelani+- (oder Kalany) +Fluss+ hat eine Länge von 157 km und ein -Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem -Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten -Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen +Tempel+. Der -letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden -Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 -Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches -Werk. - -Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von -Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. -Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen. - -Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches -Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser -Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer -Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, -dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, -sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen -lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. -Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus. - -Nunmehr bekam ich auch +Buddha+ zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss -lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner -rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame -Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich -praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen -früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum -Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen -in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, -findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, -Shiva und Ganesa.[330] - -In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. -Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld. - -Einen zweiten Ausflug, nach +Mount Lavinia+, machten wir mit dem -Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten -die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die -Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden -mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, -herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere, -kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam -bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern -um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung -erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem -Dämon (Yakha) geweiht ist, -- oder auch dem Buddha oder dem Vishnu -oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges -Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben -will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, -jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist -das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine -wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und -auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem -Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe -ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein -biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete -Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt. - -Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten -anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, -zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann -der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und -aufrecht erhalten. - -Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, -mir eine +Kokosnuss+ herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht -gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in -Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in -einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen -Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts -gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und -mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten -des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse -Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem -grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein -wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss -ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem -Europäer vorkommt,[332] -- Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall -die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der -Mittagsgluth wieder zu Hause. - -So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem -Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie -sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden. - -Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers -gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; -dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende -Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit -zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die -stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und -darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen -Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort -draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische -Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer -Betrachtung, die Menschen, -- Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso -fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu -entziehen vermag. - -Der +Singhalese+ ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis -zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem -und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten -auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus -Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die -eigenthümliche weibische Haartracht der Singhalesen ist schon vor mehr -als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten -besonders angemerkt worden.[333] - -Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen -langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus -einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der -schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch -ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock -und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und -zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das -lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen -und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur -Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig. - -Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den -Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; -aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit -Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche -für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom -Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem -unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand. - -Bei den +Tamilfrauen+ ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu -kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind, -auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis -drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe. -Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht; -namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke -Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein -lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht. - -Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, -kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, -dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel -um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig -herabhängt. - -Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die +Chetties+ -mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein -grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den -Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und Baumwolle -und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie -vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl -sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum -heutigen Tage auf Palmblätter. - -Die mohammedanischen Indo-Araber oder +Mohren+, in Colombo ein Fünftel -der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge; -sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen -und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder -Pantoffel. - -+Juden+ sollen in Ceylon fehlen. - -Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. -rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, -welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- -und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. -Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon -aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier -Christen, vier Muselmännern, vier Juden. - -Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten -wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder -und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen -abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, -erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das -+Abkömmlinge der alten+ sind, oder +neue Ankömmlinge aus Bagdad+, deren -man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren. - - -Kandy. - -Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von -Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach +Kandy+. - -Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein -hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein -Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie. - -Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und weiter -bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, -128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy -bis Matale, 22 engl. Meilen. - -Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) -und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337] - -(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist -man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch -hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna -vorbereitet.) - -Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut, -mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll, -mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von -1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend. - -Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der -Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen -Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland -durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert. - -Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in -englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss -ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling -im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine -Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche -Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den -bevorzugten, ja unvergesslichen. - -Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer -gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich -geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen -gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen -Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl -Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo -und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure -Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der -Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, -aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam -ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die -verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer -muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; -in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen. - -Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. -In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein -Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. -(Fort-Station.) - -Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, -aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger -Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter -Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien. - -Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da -112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto -mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die -Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter -Classe.[339] - -Wir fahren um den See herum nach dem +Haupt-Halteplatz+ von Colombo -und von da über +Maradana-Anschluss+,[340] wo reichlich Gelegenheit -zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, -nordöstlich zur +Eisenbahnbrücke+ über den Kelani-Fluss. - -Der erste Theil der Fahrt geht durch +ebene Gegend+, hauptsächlich -+Reisfelder+, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch -zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im -Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe -auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu -suchen. - -Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, -1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis -gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten. - -Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und -Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf -niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, -umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume -mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen -Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen -weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie -Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit -offen gegen eine Palmenpflanzung. - -+Reisbau+ ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen -im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. -Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die -künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser -Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. -Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von -den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört -worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür -von 1867-1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 -Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen -unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide -bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige -Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342] -oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der -Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich -zugenommen. - -+John Ferguson+, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon -zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines -Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der -+Reisbau-Steuer+ (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre -gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das -Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere -Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der -armen Bauern nur mit Freuden begrüssen. - -Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen +Gartenbau+ in Betracht -(Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein -wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen. - -Sehr zahlreich sind die +Halteplätze+, über ein Dutzend. Der Zug -braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; -macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde. - -Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen -Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern -von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die -kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt. - -Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet -der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine -frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für -uns ist ein +Erfrischungswagen+ eingeschoben, in dem ein vollständiges -Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte, -nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird. - -Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne -die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des -Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn -sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die -Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man -sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte -Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich -steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten -geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: -fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, -die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und -Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss -Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald -(Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz -stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen -Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren. - -Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher -den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: -ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im -Felsengebirge von Canada geniesst. - -Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug -an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten -schweift, ohne einen Halt zu entdecken. +Sensationrock+ heisst diese -Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern. - -Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem -eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse -denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel -Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir -einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach -+Queen’s Hotel+, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem -Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, -sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit. - -+Kandy+, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der -erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie -die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von -drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der -Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die -Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu -Peradenia. - - * * * * * - -Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den -singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden -zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel -gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen -Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben. - -1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von -Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine -Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. -Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 -in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren -Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. -Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in -den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst -gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder -in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der -+Gallas+-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man +höre+, -wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke -bei Malwané hinabgestossen, damit man +sähe+, wie die Krokodile sie -verschlingen. - -Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die -Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen -Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen -gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in ihre Gewalt -zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern -und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, -- schon -1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien -der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in -Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 -und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der -Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. -Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel -der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in -Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten. - -Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es -zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische -Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu -kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 -mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer -Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine -Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und -als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die -Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die -Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel. - -Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der -holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther. - -Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen -Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein -blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber -der englische Gouverneur, Herr F. +North+, Earl of Guilford, nahm -thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers -Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als -ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts -und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine -englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth -der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer -sowie den Schatten-König ermorden. - -Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer -Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten -Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb -aufgeschoben. - -Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen -Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten -und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen -Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter -Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König -einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische -Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man -eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen. - -In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das -Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass -die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt -und -- ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte -bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so -dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an -die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen -eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der -Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem -herrscht Frieden im Lande. - - * * * * * - -Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte -rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht. - - ----+-----------+-----------+----------+-------+--------------- - Jahr|Bevölkerung| Einkommen | Bebautes | Handel| Tonnengehalt - | |der Colonie| Land | |der Schifffahrt - | | £ | Acres | £ | - ====+===========+===========+==========+=======+=============== - 1815| 750000 | 226000 | 400000 | 546000| 75000 - 1888| 2800000 | 1540000 | -- |9800000| 4500000 - 1893| 3000000 | 1300000 |4850000[345]|9200000| 5000000 - | | (Ausgabe | | | - | | desgl.) | | | - - ----+-------------+--------------+------------- - Jahr|Reg.-Ausgabe | Reg.-Ausgabe | Armen- - |für Erziehung|für Gesundheit|unterstützung - | £ | £ | £ - ====+=============+==============+============= - 1815| 3000 | 1000 | 3000[346] - 1888| 46000 | 60000 | -- - 1893| 50000 | 50000 | 8000 - -Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von -anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern -die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering. - -Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder -Buddha-Tempel seine Schule. - -Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen -ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind -unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der -Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken -beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; -es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, -Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 -Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.) - -Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im -Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, -um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den -Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien -geliefert werden. - -Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer -zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde -Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. -Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, -schliessen jeden Einheimischen aus ihren +Clubs+ aus. Und dabei -spotten sie über +Kasten-Vorurtheile+, die übrigens im buddhistischen -Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war -im +Polizeigericht+ zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am -Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein -schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser -Flüstersprache, -- wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm -zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien, -die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende -Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren -zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes -von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde -sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete, -zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich -fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von -der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte -er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ -- „Kann sie nicht -Berufung anmelden?“ fragte ich. -- „Oh nein, dann müsste sie 50 -Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am -Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf -nicht.“ - -Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht -auf kostenlose Vertheidigung erzählte. - -Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. -Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht -der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen -beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller -Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) -Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein -bürgerliches in Bearbeitung. - -Ein +Armen-Gesetz+ giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in -diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in -London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines -neunjährigen Aufenthaltes. - - * * * * * - -Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von -Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten -Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken -mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich -Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy. - -Als +Buddha+ bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach -zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt -haben. Ihre Vorschriften sind +bana+, das Wort; ihre Lehre +dharma+, -die +Wahrheit+. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue -Lebensform über, sondern ein in das +Nirwana+, einen Zustand seliger -Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger -Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit. - -24 Buddha waren +vor Gautama+, welcher der vierte in der jetzigen -+Kalpa+ oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis -ein neuer Buddha erscheinen wird. - -Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze -von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde -von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, -bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als +drei -Mal die Insel Ceylon besucht+ haben. Der heilige Fussabdruck auf dem -Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss -seines letzten Abschieds verehrt. - -Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an -seinem Todestage, 543 v. Chr., +Wijayo+, der Sohn eines Kleinfürsten -aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete -und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings -geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie -begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der -Singhalesen (Mahawanso) als +Yakkho+ oder Dämonen und als +Naga+ oder -Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben. - -Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte -die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. -Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, -nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung -der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. -Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie -Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des -Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta -nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen -Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens -über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen -Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung -gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der -Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss -mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der -Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura -eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen -verehrt wird. - -Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis -auf unsre Tage gekommen sind: - -1) +Dagoba+ oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan -Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte -Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und -grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh -verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle -das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama. - -2) +Wihara+ oder Klöster für die Priester. - -3) +Chaitya+ oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem -dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder -er liegt in seliger Nirwana. - - * * * * * - -Aber ich eile zu der Geschichte des +heiligen Zahnes+. (Dhata datu -zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche -Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter -linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga, -gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in -einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen -Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und -überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, -deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem -Reisebericht des Chinesen +Fa-Hian+, der kurze Zeit darauf nach Ceylon -gepilgert. - -Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien -zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und -die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von -Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder -ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu -gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den -heiligsten der buddhistischen Welt. - -Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der -Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der -Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold -gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der -eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich -dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch -Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und -bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das -Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der -Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den -Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die -See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger -der Portugiesen, als bald danach (1566) +zwei+ heilige Zähne an Stelle -des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder -von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen -nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566 -angefertigt, ein Stück vergilbten Elfenbeins von 2 Zoll Länge und -fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines -Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu -und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt -geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt. - -In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln. - -1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da -die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, -1818-1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der -englischen Regierung den Priestern überliefert. - - * * * * * - -Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das -Gasthaus von dem +Tempel des heiligen Zahnes+. Die Gebäude von Kandy -erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen -Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn -ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit -dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert -worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem -zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen -Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische -Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen -Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen -Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma -um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen -Portugiesen hatte erbauen lassen. - -Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche -älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls -alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen -Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen -enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht -leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre -Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch -handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und -bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass -sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess -auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ -ganz ungehört verschallen.[351] - -In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die -grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. -Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im -Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, -welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt. - -Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende -Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen -Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer -Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der -eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den -Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube -ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen. - -Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den -Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und -Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich -war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen -Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine -Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das -geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch -duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, -die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die -Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum -genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche -diesem Zwecke dienen. - -Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden -von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, -goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere -Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das -Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt. - -In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und -dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen -mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen -Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch -gelegene Priesterwohnungen. - - * * * * * - -+Kandy hat eine reizende Lage+ an dem Ufer eines stattlichen See’s, -den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen, -zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten -gut bewachsene Hügel, von 500-600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal -einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer -Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit -einem Park von Rosenbäumen. - -An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die -wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich -in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen -gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger -Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als -einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von -den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der -Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus -(Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren. - -Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen -einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen +Reste -des alten Königspalastes+ zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die -Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet -sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten -Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung -entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von -reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine -neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst. - -Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem -hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit -Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge -eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des -Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen -war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als -Bezirksgericht verwendet. - -Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der +Stadt der -Eingeborenen+. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der -Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- -und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen -Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von -Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, -mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht -uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die -Armen-Pflege ausgiebt. - -Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie -auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den -lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, -vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken. - -Mit dem +Einspänner+, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer -ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s -und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an -deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das -Thal und das felsige Bett des +Mahaweli-Ganga+[353] gewährt. Es ist -dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer, -sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er -entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des -Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in -einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um -schliesslich bei Trinkomale zu münden. - -Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück -+jungfräulichen Buschwaldes+ (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch, -jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün -und blumig von unten bis oben. - -Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach +Askyra+, auf guter Strasse -und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli -überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen -Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. -Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und -- -Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf -Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der -Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er -behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei. - -Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, -wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem -Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt -keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die -Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen -antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer -voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. -„Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer -des Flusses ist einer.“ -- „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; -das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ -- „Wenn du zu -Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst, weshalb reisest -du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu -besichtigen?“ - -Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen -Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind -seinen Puppenwagen. - -Der schönste Ausflug von Kandy geht nach +Peradenia+. Eine Zweiglinie -der +Eisenbahn+ führt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und -unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“ -dazu, um +sie+ für den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit -sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur -im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner -des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine -zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit -Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen -Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen -kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und -Lebensmitteln versorgen. - -Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum -Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine -Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen, -welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel -unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel -mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar -reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine -grosse +Thee-Factorei+, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des -Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein -nahm. - -Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und -Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die -Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem -Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner -und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten. - -An der Einfahrt zum +botanischen+ Garten von Peradenia empfing mich -freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn -Dr. +Trimen+; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten -Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke -zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder -der Pflanzenwelt. - -Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen +Gummi-Bäumen+ -(Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und -gewaltige Kronen von 50-60 Fuss Durchmesser ausbreiten, während -ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt, -schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine -säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden. - -Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von +Palmen+, die kaum ihres -Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der Insel -+einheimischen+ Palmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es -doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die -Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf -nahezu 1000 gestiegen.) - -1) Da ist die schlanke +Kokospalme+ (Cocos nucifera), deren -walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100 -Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18-20 Fuss -langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen -von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt. - -2) Die kerzengrade und dünne +Areca-Palme+ (Areca catechu), die bis -über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter -Fiederblätter, -- ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der -Hindu-Dichter. - -3) Die +Fächer-+ oder +Palmyra+[354]-Palme (Borassus flabelliformis) -wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone -bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter. - -4) Die +Zucker-Palme+ oder Kitul (Caryota urens). - -5) Die herrlichste aller Palmen ist die +Talipot+ oder Schattenpalme -(Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100 -Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden, -fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40 -Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich +einmal+ -aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm -schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut, -ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe -ich leider nicht zu Gesicht bekommen. - -6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar -nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der -Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren -Wurzeln kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren -Riesenfächer dar. - -Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen -und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, -aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein -paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon -besitzen. - -Die +Kokospalme+ scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie -ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika -verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser -gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem -Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse -und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der -Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; -Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. -Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung -ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch -der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist -das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. -Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen -und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen -Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von -Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, -z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber -auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen -angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der -Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten -1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss -wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines -Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und -bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken -der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu -Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten -und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die +hundert nützlichen -Anwendungen+ der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen, -wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch -ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten -in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss, -und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B. -in Anuradhapura, angepflanzt. Die Früchte reifen in Ceylon zu jeder -Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 -bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir -Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich. -Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume -auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit -Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt, -die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500 -Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus -folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen -bringen.) - -Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die -+Palmyra+-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern -70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. -Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 -bis 300 Jahre alt werden. Die +Palmyrapalme liefert ein Viertel der -Lebensbedürfnisse+ für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem -+Tamil-Gedicht+ werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes -beschrieben. - -Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der -Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, -Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und +Schreibpapier+ für die -Schriften der Singhalesen. - -Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig -gemacht, in Streifen (ola) von 2-3 Zoll Breite und 1-3 Fuss Länge -geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen -und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz -kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser -waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem -Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von -Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter -dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die -heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein -wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, -die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit -angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl -als im Bau abweicht. - -Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen -Bücher sind in Versen abgefasst. - -Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in -592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten -sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die -550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und -füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen. - -Das +feinste+ Schreibpapier wird von dem Blatt der +Talipot-Palme+ -gewonnen. - -Die +Zucker-Palme+ liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24 -Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit -dieser Palme bepflanzt. - -Die +Nuss der Areca-Palme+ hat einen weissen, rothgeäderten Kern, -welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff -enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des -+Betel+-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei -bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert -Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne -schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust -anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker -befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als -Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder -Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren -Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas -(calcinirten Muschel-) Kalk -- chunam -- enthält. Als ich im Postwagen -den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse -genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke; -solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass -schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten, -welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass -Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen -zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte -ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde -sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so -- dem -geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus -Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt -werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol. -Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe -von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000 -Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt. - -Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des -heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische -Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. -Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch +andere -Pflanzenwunder+, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das -undurchdringliche grüne Dickicht des +Riesen-Bambus+. Es ist nur ein -Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder -1-2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer -Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe, --- bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus -in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine -Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet. - -Von den tropischen +Farnbäumen+ werde ich bald, bei andrer Gelegenheit, -ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, -Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen -decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. -Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt -zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer -vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch -die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen -und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder -Orchideen und alle Blumen des Südens. - -Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen -Vegetation liegt. +Schmarda+, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf -Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse -Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige -Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen. - -150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten -und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. -Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein -solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das -Denkmal für Dr. +Gardner+ verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner -Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also -mehr als ganz Deutschland. Dr. +Thwaites+, der vorletzte Director des -Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000 -verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige -Leiter des Garten, Dr. +Trimen+, hat einen Catalog der Pflanzen des -Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er -noch beschäftigt. - -Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit -zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert, -kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen -Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer -+botanischen Station+, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer -zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns -Prof. +Dohrn+ in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von -einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor +Häckel+, -hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren -betrieben und hierselbst eine +landwirthschaftliche+ Hochschule nach -deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet -werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung -+wissenschaftlich+ erläutert und dargelegt werden könnten. +Praktisch+ -kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen, -als auf Ceylon. - - * * * * * - -=Brief aus Kandy,= 11. November 1892. - - Das +Paradies+ war hier, wo jetzt ich weile. - Das glauben Hindu und Buddhisten, - Mohammedaner, Juden, Christen, - Und schrieben davon manche Zeile. - - Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke: - Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle, - Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle; - Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke. - - Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden? - Ich +glaub’+, ich bin mit einem Fuss im Paradiese, - Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese. - Und doch ist’s +falsch+. Es fehlt -- das +Weib+ in Eden. - - * * * * * - - -Nuwara Eliya. - -Sonntag, den 13. November, Vormittags 10^h 45′, fuhr ich mit der -+Eisenbahn+[359] südwärts und bergauf nach +Nanu-Oya+, 53 englische -Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach +Nuwara Eliya+, -5 englische Meilen in 1 Stunde. - -Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des -Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen -Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der -Pflanzenwuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss -über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien, -Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen, -ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in -hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen -Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze -grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf, -die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs -der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel, -die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel -und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus -deren Mitte der +Blüthenschaft+, einem Baumstamm gleich, emporragt. -Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler, -die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt. -Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch -+Theepflanzungen+. - -Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der -Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren -Maschinen-Häusern oder +Factoreien+, und kleinen Gruppen von Hütten, -in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind -hausen. - -Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die -einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. -Die +neuen+ Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich -in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten -stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien, -und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man -auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung. - - * * * * * - -Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind -ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass -sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie -zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass -viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John Ferguson -räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine -Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of -pecuniary independence, +sisters would be exchanged+. - -Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon -öfters gehört und seither noch genauer gelesen, +die merkwürdige -Geschichte der Pflanzungen in Ceylon+, welche die Aufmerksamkeit des -deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren -gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch -im Werden begriffen ist. - -Vor 12-15 Jahren war +Kaffe+ der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der -immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné) -stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in -Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-+Getränk+ ist weder -dort noch sonst irgendwo +vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr.+ -erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das +Coffeïn+, -welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten -ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein -eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz -schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die -Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen -aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des -Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr. -+Trimen+, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, -dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, -bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft, -+van Horn+, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und -dieselben in Batavia auf +Java+[364] anpflanzte. In demselben Jahre -verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie -den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre -Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den -Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel -Java’s zu beeinträchtigen. - -Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den -Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten -der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und Galle. Im -Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute -unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2) -Pflanzer-Kaffe. - -Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige -Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel. - -Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo -nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365] -+Höhen-Pflanzung+ von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei -Peradenia. - -Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung -des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in -England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den -Ertrag Westindiens.[367] - -Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368] -und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von -Kronland den Betrag von 40000 Acres. - -+So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine -unternehmende Ackerbau-Colonie.+ Alle Hügel von Kandy bedeckten sich -mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya -(6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des -Kegels vom Adams-Pik. - -Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel -Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und -Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche -Erfolge zu zeitigen. - -Die ersten +Pioniere+, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in -Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden -behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und -Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837 -betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde -das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der -Kaffe-Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000 -Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die +Kaffe-Begeisterung+ -den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter, -Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien, -englische Capitalisten, -- Alles kaufte Kronland und barg Gold in den -Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre -später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen -Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und -- grossentheils verloren. - -Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die -Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine +unglaubliche -Bestürzung+ folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises -wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht -behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und -der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben. - -Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte -den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften, -mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und -überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel -herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha) -unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen, -jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der -Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer. -So kam ein +zweiter Zeitabschnitt des Glückes+, ja schliesslich des -Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £ -107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £ -4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche -einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien -sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche -Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England -und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (= -70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte -5 Centner, oder einen Gewinn von 7-10 £, d. h. 20-25 Procent des -aufgewendeten Capitals. - -1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu -gestalten. Da kam das +Unheil+. Es war ein +unsichtbarer+ Feind, -ein mikroskopischer +Rostpilz+, der die Blätter des Kaffebaumes -angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in -Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen -liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel -verringerte. Dieser Pilz (+Hemileja vastatrix+, Uredineae) ist zuerst -in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von +Berkley+ und -+Broome+ in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden. -Nach Dr. +Thwaites+, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber -von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen -Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den -Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet. -Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum -Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien. - -Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave -disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der -steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die -jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000 -bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten -sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein -Mittel half. - -Der berühmte Botaniker Dr. +Marshall Ward+, der im Auftrage der -Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit -zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das -heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang. - -1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370] - -Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung -war doch nicht so gross, wie 1845. Die +Gläubiger+ waren +vernünftig+ -genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als -durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren. -Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung £ 10000 werth ist. Das -versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich -später in +Tennent’s+ Darstellung der früheren Verhältnisse. - -Die +Pflanzer+ waren +muthig+ genug, sofort eine neue Thätigkeit zu -unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien, -wurden sie +gefällt+, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren -275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer, -die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha). -Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern -den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch -Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit; -die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao. - -Der +immergrüne Theestrauch+ (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die -wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel. -Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken -schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um -die Mitte des 17. Jahrhunderts. - -Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den -Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast -kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne -mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist. -Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate. -Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss -über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und -darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873 -waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000 -und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren. - -Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an -8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein -ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr -der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland -92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis -1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf 4,95 für den Kopf der -Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82 -Pfund. - -Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von -feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon -empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen. - -Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372] -gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den -Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre -von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt. - -Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee -günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373] -weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die -Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60 -Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen -Tamilen gut auskommen. - -Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und -Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen -Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele -Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf -Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das -gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen -und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der -Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr -von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das -zehnfache angestiegen ist. - -Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach -Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer -Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich -sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen -ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen. - -Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind -dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil. - -+Cacao+ (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von -nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10-20 Centimeter lange, 5-7 -Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem -Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den -Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die +Chocolade+ geben. -Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und +latl+ = Wasser. -Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den +Mexicanern+ -vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach -Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt -unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade -verkündigt. - -Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das -+Theobromin+, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr -ähnlich ist. - -Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege -von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen -Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer -Uebersetzung eifrigst studirte. - -Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878 -betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen -Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (= -4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen -können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie -beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute, -windgeschützte Lage erfordern. - -Mit +Cinchona+, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus -den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres -auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879 -der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres = -24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15 -Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen -plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377] -Chinin, von 12 Shilling), der für die Leidenden zwar sehr glücklich, -aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von -Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891 -war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen. - -Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller -ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine +Ergänzung+ der -Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers. - - * * * * * - -+Nuwara Eliya+[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der -Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu -einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That -ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die -Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen + -2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es -giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen, -als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene -zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100 -englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein -Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu -finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar -eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken. - -Das +Grand Hotel+ von Nuwara Eliya preist sich selber als das -+schöngelegene Curhaus von Ceylon+ und druckt einen Brief ab von dem -früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die -Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei. - -Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und -Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus -Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima -behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden +Kaminfeuer+, -- -das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit Banff im canadischen -Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder -mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden -Europäer, als für die Durchreisenden. - -Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras -+fette+ Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit -gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall -Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten; -aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen -See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die -ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem -Pedurutallagalla. - -Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut -ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit -Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die -Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein -Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte. - -Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges -Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als -Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim -schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich -ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als -Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht -zur Unterhaltung anzuregen. - -Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines -einheimischen Knaben, auf den Gipfel des +Pedurutallagalla+,[382] -des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel, -2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von -dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer, -waldbedeckter Maulwurfshügel“. - -Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen -konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen. - -Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohnsitz der -Eingeborenen, dem sogenannten +Markt+ (Bazar), wo wieder verschiedene -englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden -betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit -zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen -des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern. - -Nur +Laubbäume+ sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in -Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem -Garten von Hakkagalla. - -Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt -mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von -Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang -herabhängenden +Moosbärten+ geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus, -als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch -zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein -förmlicher Urwald. - -Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit, -theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört -der Beobachtung und Empfindung mich hingeben. - -Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald -nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist -seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen +wir+ erst hinein und -müssen sie in uns tragen. - -Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort -oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe -mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren -Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag -dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie -von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war -nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; -für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel -in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So -blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst -auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei -dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind -unvergesslich. - -In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, -ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das -ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte. - -Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem +botanischen Garten+ der -Regierung, der in +Hakkagalla+ liegt, 6 englische Meilen südöstlich -von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm, -für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s, -dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker -und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen -+Baumfarn+ besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich -erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen -und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht -der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte -mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, -sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner -Besuchs-Karte befindlichen Wortes +Ophthalmology+[387] rathlos -grübelte, dann der Director selber, Herr +Nock+, der mir alles auf das -freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen -Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir -auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen -bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in -Ceylon das Wichtigste geleistet habe. - -An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus -der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche +Mimose+,[389] -die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren -Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen -über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt. - -Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und -die beiden kleineren Kinder, -- die grösseren waren natürlich in -England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier -und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen -(Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem -Tisch lag Ceylon von Ferguson und +Häckel+’s indische Reisebriefe in -englischer Uebersetzung. - -Mit +Vergnügen+ erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten -Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm -beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen -Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das +Buch von Häckel+ -wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt, -und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen -Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen, -klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen, -an +eine Bemerkung+, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und -vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] -- vom Schlangen-Klein in -der Reis-Würze. - -„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle -Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch -deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem -sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry -vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich -für einen Aal hielt.“ - -Seltsamer Weise spricht auch +Hildebrandt+ (Reise um die Erde, Berlin -1879, I, 44) vom +Schlangen-Gericht+ auf Ceylon. - -„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein -neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie -wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack -liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, -bis mich die grössere +Härte+ eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend -ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom -Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden. - -Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392] -aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt -werden, und zwar +milde+, d. h. solche, die weniger brennen, und -+scharfe+,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im -2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik -Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche -Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der -Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit -Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen -sie noch Fisch oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach -den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich, -mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken. - - -Nach Anuradhapura. - -Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den -Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der -+nördlichen Centralprovinz+ von Ceylon. (North Central Province.) - -Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel -zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der -alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung -einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben -gerufen. - -Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich -verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen -dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht -haben. - -Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya -durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit -der Eisenbahn nach Kandy. - -Auf der letzteren Strecke wird der +Adams-Pik+ in seiner vollen -Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen -Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten -Wolke verhüllt. Um +diese Jahreszeit+ regnet es auf dem Gipfel fast -unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da -aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich -doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten -Berges andeuten. - -Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden -Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen -der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, -nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von -Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens -(sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in -frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen -und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem. - -Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen -die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz -schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter -Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche -Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene -Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird -der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur -2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die -Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige -Berge diesen +unbeschränkten+ Blick bieten. Die beiden +Sarrasin+ -hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu -beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, -heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des -Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche -die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen. - -+Häckel+ lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte -aber die vom schneebedeckten Pik von +Teneriffa+, der fast die doppelte -Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen. - -In +Kandy+ war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] -geht nordwärts nach +Matale+, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr -Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, -sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack -in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die -Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten -Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach -Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung -(über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je -einer Rupie erhoben. - -Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht -man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter. - -Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten -Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, -nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 -Einwohner. - -Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem +Rast-Haus+[396] -zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind -in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten -erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons -hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen -Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem -festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings -soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der -Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz -machen. - -Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den -Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht -hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem -gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten -gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen -schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt -sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, -und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach -ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. -Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des -„Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit -ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet. - -Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. -Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des -Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post -weilt, -- natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit -voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft -zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, -Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren -Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. -So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei -europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten -und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die -ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der -Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein. - -Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden -und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, -wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus -mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier. - -Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der -Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt -zur Fahrt nach +Anuradhapura+. Die Zeit der Alleinherrschaft des -Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig -gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur +einen+ leidlich -bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des -verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und -dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch -gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben -Fahrpreis zu zahlen. - -Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der -Nordhälfte von Ceylon. - -Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, -treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung -grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen -und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter -grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau -wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den -Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse -ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar -nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn -zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer -sehen ärmlich aus. - -Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen -anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, -eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig -schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, -dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. -Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen -die Hand und lassen sich betrachten. - -Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls -einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand -und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, -wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen -ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles -Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie -natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder. - -Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. -Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden -führte, wie +arm die Thierwelt+ in Ceylon erscheint gegenüber dem -Reichthum der Pflanzenwelt. Auch +Häckel+ erklärt offen, dass er in -dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die -beiden +Sarrasins+, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel -in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt -Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; -aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also -eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, -muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf -die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam. - -Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, -Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, -Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und -unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein -Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen -empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit -braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; -Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer -Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge -sind sparsamer, als in Süd-Europa. - -Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die -von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer -Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter -dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, -so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets -sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung -dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen -Schlangen[401] sich aufzuhalten. - -Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken -überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch -kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, -liefern schöne Landschaftsbilder. - -Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu +Dambulla+, das nur -noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von -+Anuradhapura+ (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. -Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle -des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische -Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr +Jever+,[402] -dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am -nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen -werde. - -Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und -gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. -Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie -hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. -Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt -man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im -grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber -ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe -Decke fliegt und +oben+ hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel -ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und -das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren -Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten -Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des -+Sumpffiebers+. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten -eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe -Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der -ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in -meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo -die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen. - -Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer -sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken. - - * * * * * - - +Anuradhapura, den 17. November+ 1892. - -Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern -geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen -Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, -der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit -beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre -Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden -in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in -ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; +in+ dem Wagen -kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, -in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, -bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen -des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch -zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von -+Anuradhapura+. - -Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den -+Weltstädten+ gehört er nicht; diese sind +zweisilbig+. Geneigte, -eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über -Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich -vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, -ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon. - -Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort -bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den -sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, -seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher -hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden. - -Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das +ewige Rom+; -und auch in +religiöser Bedeutsamkeit+ mit Rom zu vergleichen: nur -war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich -begeisterten, ganz erheblich viel grösser. - -Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt -bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines -Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses -Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn -diese Völker haben früh schreiben gelernt, und +einige+ von ihnen haben -+furchtbar viel aufgeschrieben+. - -Vor allen die +Singhalesen+; diese besitzen eine +fortlaufende+ Chronik -ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt. - -Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum -ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass -die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich -auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer +Tournour+, -ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften -buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht -mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf -Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische -Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. -Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer -Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang -es +Tournour+, mit Hilfe der später aufgefundenen +Erläuterungen+, -das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der -Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die -Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben -worden.[403] - -+Mahawanso+ ist der Titel dieser Chronik, das heisst +grosse Dynastie+, -und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. -Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der -aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie -erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 -n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar -auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. -Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit -Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († -550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde -haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. -Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige -von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. -Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die -Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr. - -Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in -Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften -der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute -Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, -liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des -indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, -der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des -Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die -Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 -bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde. - -Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen -dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind. - -So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die -Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 -Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten -Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, -im Jahre 1815. - -Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. -Chr., wurde die Stadt +Anuradhapura+[405] gegründet, in der Mitte -des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit -unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] -als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde -errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete -Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da -jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit -goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des -heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern -für fromme Väter. - -Schon von dem Erdbeschreiber +Ptolemaeus+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) -wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der -chinesische Pilger +Fa Hian+, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. -Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. -60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. -Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon -gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) -dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und -mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben -mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes. - -Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista -riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse -von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung -von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden -Hauptdurchmessern. - -Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. +Bell+, ist der -Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von -den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden. - -Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, -da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos -Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass -die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten -2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch -nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen -Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte. - -Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. -aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die -kriegerischen Angriffe der +Tamilen+ aus dem südlichen Theil von Indien. - -Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung -von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der -Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen -gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach -einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in -verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in -Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen -und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. -Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte -der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen -Hügelgegend suchen. - -Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und -von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, -Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns -wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben -hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; +Anuradhapura ist -buchstäblich vom Wald überwachsen+;[410] das dichteste Gebüsch und -gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das -meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von +Urwald+ umgewandelt. - -Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. -Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man +gerade hier+ recht -merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit -mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter -Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 -Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer -Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern -und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten -Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall -hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die -kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten. - -Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der -letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die -Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen -Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit -Brücken und Wege verbessert. - -Uebrigens war der Ort +nie vollständig verlassen und vergessen+. Eine -Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, -von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten -soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch -die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die -Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden. - -Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner -untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben -die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem -Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen -wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier -wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf -von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind -fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder -die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, -sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte -von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum -Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich -der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, -als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte -Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über -unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten -Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das -grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das -Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, -noch nicht bezogenes Krankenhaus. - -+Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?+ Zunächst die +Dagoba+ oder -Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen. - -Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder -glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der -würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem -Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem -Sonnenschirm. - -Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr -viele sind nur 10-20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit -den +Pyramiden+ von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind -der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen. - -Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim -Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den -ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein -müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der -Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre -Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren -Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone -gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk -von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein -paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe. - -Den merkwürdigsten Anblick gewährt die +Jayta-wanarama-Dagoba+, die 330 -n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt -aus wie ein +bewaldeter Berg+, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus -grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze -einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss -in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt -des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen -Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre -daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund -Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss -Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen. - -Die +grösste Dagoba+ (+Abhayagiri+ = Berg der Sicherheit) wurde 87 -n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an -die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. -Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 -Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss. - -Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist -neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst -getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt. - -Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am -merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, +Ruan-welle+, d. -h. Goldstaub, unter +Dutugaimunu+, dem Besieger des Tamil Elala, und -seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit -vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber -durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch -ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig -mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber -der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der -umgebenden Pflasterung. - -Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres -Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier -Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das -ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, -während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen -Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den -Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold. - -Hier findet man auch überlebensgrosse +Bildsäulen+. Zunächst die -eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, -von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier -aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn -unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit -altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha -in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, -- höchstens mit denen aus -der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch -nicht ganz überwunden hatte. - -Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. -Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so -vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher -Apollo; es sind die +Dwarpals+ oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen -Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen +(Mond-) -Steine+ vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine -stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum -eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, -Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung. - -Am Eingang zu einem +Felsentempel+ (Isurumuniya, ausserhalb des -Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst -anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, -- wenn es dem Gott -nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen. - -Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der -beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die +heiligste+ -aller Dagoba, die +Thuparama+, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa -errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen. - -+Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien+, das auf unsre Tage -gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold -geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer -Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den -Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache -Hülle von Stuck. - -Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser -und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 -Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei -Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus -je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient -noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten. - -Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie -auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr -davon zu sehen. - -Dagegen steht noch die +Lankaramaya Dagoba+ (von 32 Fuss Höhe), die -allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die -achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen +Buddha-Putten am Capitäl+. - -Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten -+Paläste+. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur -sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, -nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever -zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr -viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in -absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach -dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. +Bell+, statt der jetzigen -60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen -von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von -Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet -sind. - -Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber -die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter -der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch -nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man -tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie -Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum -des Orts einverleibt worden. - -Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste -bezeichnet, sind Ruinen von +Klöstern+. - -Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch -die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; -alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der -Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue -Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der -Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. -Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen -von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die -Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss -misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, -entsprechend den heutigen Klöstern in +Birma+,) aus Holz errichtet -waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 -Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes -Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des -Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross -wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude -im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute -in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht -geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände -trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen -gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer -Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse -Baldachin des Kaisers (Chatta). - -Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden -obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde -dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, -jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen -Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr. - -Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. -Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die -einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz -roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit -denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als -der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk -(chunnam) getragen. - -Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen -Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen -sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen -Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die -ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss -besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach -Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen -+Predigthallen+ darstellen. - -Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen -empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend -Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist -in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in -zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der -Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit -Löwen in erhabener Arbeit geschmückt. - -Die +dritte Sehenswürdigkeit+ von Anuradhapura sind die +Wasserbauten+. -Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der -Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit -zierlichen Treppen versehen. - -Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit +aufgemauertem+ Damm, -was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst -beim Volk und beim Führer der +See der Riesen+.[418] Er wurde in alter -Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. -Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen -und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs. - -Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach -eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen -See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische -Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, -der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So -entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische -Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 -Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch -und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die -gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die -Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch -den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der -Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so -grosse Seen geschaffen. - -König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast -erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch -die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela -geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben -haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), -hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere -Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, -die verfallen waren, wieder erneuert. - -Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen -Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche -wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere -Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals -Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, -und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt. - -So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 -Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an -hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura. - -Aber die +allergrösste Merkwürdigkeit+ von Anuradhapura, wenigstens -nach Ansicht der Eingeborenen, ist der +heilige Feigenbaum+. Sein -Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, -höchste Herr, der heilige Bo-Baum“. - -Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter -dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom -König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen -Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen -Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste -geschichtliche Baum der Welt. - -Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt -wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. -Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, -langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden -als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. -Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am -heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459-478 n. Chr.) -schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der -Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem -prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige -Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein -fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt -einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer -(Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden -Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden -Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt. - -In der Nähe sind Priester-Wohnungen. - -Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte -der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser -unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer. - -Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden -Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie -zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten -vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien -oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden -verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit -zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum -vorstellen, dass auch dieses Volk eine +mehrtausendjährige+ Geschichte -besitzt. - -Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das -Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung -gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur -zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr -denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche -einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer -heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) -hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf -gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder -vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte -Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen -Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen. - -Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben -waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die -Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. -Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die -neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach -der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. -eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, -die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in -Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, -„weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken -und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes -Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern -vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten -und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten. - - * * * * * - -Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur -geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens -8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war -etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich -den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die -+Felsentempel bei Dambulla+ nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der -bläuliche Glanz der +Leuchtkäfer+, die zu Tausenden um die feuchten -Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender -Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und -Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch -angemeldet.[421] - -Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, -Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen -Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der -Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die -Fahrt nach Colombo fort. - -Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von -der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. -B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders -deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der -Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht -bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden -beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets -lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom -Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). -Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht -zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu -erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die -Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei -noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in -dieser Hinsicht bevorzugt. - -Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war -ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in -Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie -Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld -und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die -Silber-Rupie wird in beiden genommen. - -Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes -+Lebewohl+, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen. - - - - -VII. - -Ostindien. - - -Der Dampfer +Shannon+ ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten -Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht -gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern -auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen +missbräuchlich+ -die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin -wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der -Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler -und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die -im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff -umkreisen und nach Münzen tauchen. - -Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze -von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem -Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der -Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von -Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht -weniger als sechs Tage, da einerseits in +Madras+ gehalten wird, -andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den +Hugli-Fluss+, -an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu -liegen, um die Fluth abzuwarten. - - * * * * * - -Log-Bericht. - - Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen. - - Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 - bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras. - - Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen. - - Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen. - - Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel - Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem - Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr. - - Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta. - - * * * * * - -Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer -Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten -Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, -Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. -Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur -kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. -Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, -eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine -gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern -des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche -Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter -vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in -der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war -ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen -über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen -gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von -der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit -angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum -Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, -namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die -Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, -einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. -Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch -achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath -herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach -25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als -Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. -Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr -Grab in Indien. - -Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 -Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste -von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten -Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des -25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. -Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der -Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so -ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie -die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der -Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan. - -Ich lese +Thackeray’s+ Vanity fair und bereite mich auch für Indien -vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen -Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem -erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: -erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich -sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie -derselben. - -Nachmittag um 5 Uhr sind wir in +Madras+. Dies ist die dritte Stadt -Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der -gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 -Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern. - -Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat +keinen Hafen+. -Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt -von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren -freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die -Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische -Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen -ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten -Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des -Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht -als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu -Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die -vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der -neuen Schutzanlagen. - -Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den -flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne -Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines -kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, -weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine -kräftige Hafenpolizei am Platz. - -Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, -an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen -und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche -beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High -court), sehe ich vom Schiff aus. - -Sehr bald beginnt ein unerhörtes +Gewühl+ am Schiffsbord. -Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, -Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine +Gaukler-Familie+ -erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der -+Spiritisten+, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des -Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird -an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch -einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser -mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; -- -und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb -hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab. - -Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an -Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, -Morgens früh um 6 Uhr, dass wir +vor Anker+ liegen, und zwar gegenüber -der niedrigen Tiger-Insel (+Saugar Island+) mit Flaggenstange, einem -eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit -einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu -den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen -sein soll. - -Der Hugli ist höchst +gefährlich+, kann bei Nacht gar nicht und bei -Tage nur +mit+ der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen -Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die -tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz -besonders gut bezahlt und geachtet. - -Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie -wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem -Wasser emporragenden Masten des Wracks der +Anglia+, eines grossen -Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch -Nachmittags vor +Diamant-Harbour+ wieder Anker und verbleiben so über -Nacht. - -Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem -Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt -worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war -geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen -Herrn, die ihnen vorgestellt waren. - -Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. -Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten -Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der -Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen -„Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch -mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt -belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der -Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir -sind in +Calcutta+, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien. - -Schon vorher waren die +Zollbeamten+ an Bord gekommen. Sie benahmen -sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag -ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, -die +Niemand+ in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen -Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die +Jeder+ mit sich führte. -Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen -Revolver aus der Tasche. - -Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, -den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem -grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr -von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, -andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes. - -Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu -erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist -das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], -der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen -Räume eilt, -- aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die -gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe -wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon -keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein -schwungvoller Waffenschmuggel bestehen. - -Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem -Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche -die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen -stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen -und für den +Nachweis+ der Droschke -- deren Hunderte dastehen, -- und -des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen -beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen -einfach den Rücken dreht. - -Das +Great Eastern Hotel+, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten -Reisenden unseres Dampfers, des +Postschiffes+ von London nach -Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die -Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, -mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir -eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in -dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die -Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in -meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich -allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich -schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es -gilt eben für fein, in +diesem+ Gasthaus[423] abzusteigen und hieher -die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese -englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit -vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (+Bellevue+ -der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach -indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein -eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und -Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, -einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und -mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee -und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden -behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert -er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden -und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem -Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über -den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, -zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, -wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in -einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf -meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich -gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen -Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen -Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien -mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, -dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, -wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute -in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und -erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen -veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei -unterwegs die Hauptsache, auch in Indien. - -So bin ich also in Indien, dem +Märchenland+ für die Europäer von den -Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft -des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, -so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so -räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die +Literatur+ über Indien. -Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser -heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er -als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu -bringen. - -Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich -in englischer Sprache, von +Murray+. Ferner Führer durch die -hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). -Aber die Hauptquelle ist +The Indian Empire+ by Sir William Wilson -+Hunter+, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus -seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des +Statistical Survey+ erst die -14 Bände des +Imperial Gazetteer of India+ und daraus das erwähnte Werk -gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich -und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger -Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich -Ostindien“ von +Werner+, Jena 1884.) Ausserdem hat +Hunter+ noch zwei -Werke verfasst: +A brief history of the Indian people+ und +Englands -Work in India+. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere -Zeit ist von +Mount Stuart Elphinstone+, der selber so thätigen Antheil -an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of -the Indian +Mutiny+ by Col. S. B. Malleson. - -Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat -Prof. +Lefmann+ in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881-1885). - -Für die indische Kunst kommt in Betracht +Industrial arts of India -by Sir G. Birdwood+. +J. Fergusson’s History of Indian und Eastern -Architecture+ scheint das einzige Werk über +indische Baukunst+ zu -sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen -wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden -Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in -Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr -lehrreich ist Albert +Grünwald’s+ buddhistische Kunst in Indien, Berlin -1893. - -Ueber +Alterthümer+ erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke -immer nur +Jas. Prinsep’s+ Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, -London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen -Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir -Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch -heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. +Lassen+ -in Bonn (1844-1861 und 1867-1874, vier Bände). - -Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges -Büchlein von unserem +Max Müller+ in Oxford: +Indien+ in seiner -weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat -bekanntlich den ganzen +Rigveda+ herausgegeben, das unermüdliche -Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische -fertiggestellt. Die +indische Literaturgeschichte+ verdanken wir -unserem Berliner Professor +Albrecht Weber+ (II. Auflage, Berlin 1876). - -Ueber die +Religionen+ in Indien belehrt uns ein Werk von A. +Barth+ in -Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze. - -Die Zahl der +englischen Reisebeschreibungen+ über Indien ist gewaltig. -Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter +Sir E. Arnolds+, und -Picturesque India by W. S. +Caine+ (London 1891). - -Von +deutschen Reisewerken+ kommen in Betracht die einschlägigen -Capitel der schon genannten Bücher von +Hildebrandt+, H. +Meyer+, -+Lanckorónski+. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von -Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen +Waldemar von Preussen+ -(1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer -Zeit von unserem Professor +Reuleaux+ „Quer durch Indien im Jahre 1881“ -(Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort -und Bild von +Schlagintweit+ (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem -Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild -geschilderten Landes nicht beschieden war. - -Die +allgemeine Länderkunde+ unseres bibliographischen Instituts -enthält in dem 1892 erschienenen Band +Asien+ eine Beschreibung von -Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. -Band von E. +Reclus+’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) -nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene -+Erdkunde+ unseres +Ritter+, trotz der inzwischen eingetretenen -Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu -Rathe gezogen zu werden. - -Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über -Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so -sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten. - - * * * * * - -Unser Name +Indien+ stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der -grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier -zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im -Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria -von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind. - -Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der -Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den -Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa -zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu -entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im -äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und -begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber -als +Ostindien+ zu bezeichnen. - -Das Riesendreieck von +Ostindien+ ruht mit der Grundfläche am Himalaya -und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen -Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur -heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat -eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, -d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte -von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein -Erdtheil, als ein Land. - -Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der -Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von -Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit -seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem -Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta -mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland -der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das -Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des -Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und -Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II -mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429] - -Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch -unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit -anerkennen. Der britische +Vicekönig+ (oder Governor General, zur Zeit -Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, -im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom -Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König. - -Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der -Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück -erwartet wurde. - -Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen -(Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, -Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. -Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.) - -Die Volkszählung von 1891 ergab: - - 1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen, - - 2) 66908147 „ „ „ Schutzstaaten, - - 3) 561384 „ „ „ portugiesischen Ansiedlungen - (Goa u. s. w.), - - 4) 282923 „ „ „ französischen (Pondichery u. s. w.). - -Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt -(einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. +Noch -nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder -beherrscht worden.+ - -Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und -ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen -fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: -42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den -Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430] - -In England leben 53,_{22} Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit -mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,_{84} Procent -in 225 Städten dieser Grösse. +Indien ist ein Acker-Land.+ In den -übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt -es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere -+Vertheilung+ des Volkes. - -In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich +vier Stämme+: - -1) +Ureinwohner+ (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge -17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien). - -2) Verhältnissmässig reine +Arier+ (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen. - -3) Die +gemischte+ Bevölkerung der +Hindu+, die aus der arischen und -nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen -ist, 111 Millionen. - -4) +Mohammedaner+ 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter -britischer Regierung im Jahre 1872.[431]) - -Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der -Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen -Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen -Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man -die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien -noch 11, in ganz Indien 14 Millionen +wilder Wald-Stämme+ vorhanden -sind. - -In der +ältesten+ Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken -wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden -Indiens. Der eine Stamm war ein +hellfarbiges+ Volk, vor Kurzem -aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien -vorgedrungen; +Aryer+, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten -eine prachtvolle Sprache. Die anderen, +dunkler+ und von niederer -Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen -theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie -selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den -Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) -+Feinde+ (Dasyus) oder +Sklaven+ (Dásas) genannt, Schwarzhäute, -Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen -sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen -die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der -mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern. - -Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie -vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt. - -Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. -Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die -ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen -und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der -Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden -von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer -Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch -die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen -machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von -der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. -Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf -Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. -Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den -+Linga+, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind -die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also -von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die -dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; -aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon -seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur -ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr -ursprünglicher Sitz war Central-Asien. - -Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der -Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den -Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese +Rig-Veda+ -sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 -v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. -Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen. - -Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter -Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh -war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier -(aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in -Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ -Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später -verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die -Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem -Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den -Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und -elf im glänzenden Luftkreis. - -Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so -begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. -Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen -Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. -Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige -Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (+Brahma+, +Wischnu+, -+Schiwa+), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch -der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet. - -Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen -mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, -welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. -Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester -Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. -Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den +Veda+ (dem +Wissen+, lat. -vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die -vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die +Offenbarung+ -(Sruti, das aus Gottes Mund +Gehörte+); die späteren +Sutra+ (oder -+Reihen+ von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste -dargestellt sind, fügen die +Ueberlieferung+ (Smriti, das Erinnerte) -hinzu. - -Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse -der +Kshattriya+ (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage -+Rájput+ = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (+Vaisya+, von vis -= Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, -aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. +Unter+ -ihnen stand eine vierte oder +dienende+ Klasse, +Súdra+, Ueberbleibsel -der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den -grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich -theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass -nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf -um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, -aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen -weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde -und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther. - -Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des -Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte: - -1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende -der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen -bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der -armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte -weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, -von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen. - -2) Darauf gründet er eine Familie. - -3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln -und führt die religiösen Gebräuche aus. - -4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben. - -Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen -Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung. - -Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter -sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und -geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der -Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die -Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses -gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache -und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und -nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus -welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist. - -Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss -der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. -Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur +einen+ grossen Sitz -seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn -Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und -Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, -der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen -bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben -und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften -ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen -Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren -männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter -der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, -Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu -geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste -(Sankya, 500 v. Chr.) die +Entwicklungslehre+, welche heute den Beifall -so vieler Denker in Europa findet. - -Die Bráhmanen schufen die +Wissenschaft+. Pánini’s Grammatik des -Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der -Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man -Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes -gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ -gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die -Sanskrit-Literatur wurde +mündlich+ überliefert und ist darum ganz in -Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien -giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht -älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in -einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten -Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. -Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen -abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden. - -Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die -Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie -sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 -ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“. - -Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder -ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde -ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu -sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. -Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat -in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler -hinterlassen. - -Das +Gesetzbuch von Manu+, das die Kasten feststellt und die Vorrechte -der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem -Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. -Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, -als 500 n. Chr. - -Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen -(Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier -in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und -nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische -Dichtungen. Von Kalisada’s Drama +Sakuntala+ (550 n.Chr.) ist 1789 -eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche -+Veranlassung+ für das Studium der indischen Sprache, Kunst und -Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. -Jahrhundert) entstanden dann noch die +Purana+ (die „alten Schriften“), -1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts. - -Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von -Gautama +Buddha+. (622-543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er -478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler -und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der -Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss -von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem -Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung +allen+ Menschen eröffnet -sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch -eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So -beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der -Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen. - -Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), -König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion -und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen -Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte -Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder -scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche -Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka -oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 -Werken) hervorgegangen. - -Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander -1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung -entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in -neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren -aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, -was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht -unmöglich. - -Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) -beginnt die Beeinflussung Indiens durch +Fremde+, beginnt für uns die -indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie -Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. -folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche -grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in -der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht -arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden. - -Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. -Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich -wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz -gegriffen. +Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu+, und ihre -Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem -Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die -Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden. - -Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von -+Afghanistan+ aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische -Turanier Baber das Reich des +Grossmogul+, das machtvoll Indien, -zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die +Portugiesen+ hatten -(seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber -weder diese noch ihre Erben, die +Holländer+ im 17. Jahrhundert, die -+Engländer+ und die +Franzosen+, gewannen zunächst Macht im Lande. -Erst nach der +Zersplitterung des Mogul-Reiches+ (1707) +gelang es den -Engländern+, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, -+festen Fuss in Indien zu fassen+. 1757 besiegte Clive den Nawab von -Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris -ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert -besiegten die Engländer den Sultan Tipu von +Mysore+ in Südindien, der -1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses -Jahrhunderts die brahmanischen +Maraten+ in Centralindien, welche schon -die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte -unseres Jahrhunderts die +Sikhs+ in Punjab. Nachdem sie den Aufstand -der einheimischen Soldaten (+Sepoy+) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde -die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, +Indien unter die Verwaltung -der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben+. - - -Calcutta, - -die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste -und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre -1891) hat zwar den Namen von einem +uralten Wallfahrtsort+ zu Ehren -der +Kali+, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine -durchaus +neue+ Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige -Städte, wie Benares oder Delhi. - -Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der -englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu -einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch -die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender -Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl -der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen -eingerichtet. - -Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von -Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes -Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, -eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen -Engländer (146, Männer und Frauen,) in das +schwarze Loch+ stecken -(+Black hole+;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in -Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). -Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren -entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden -Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben. - -Sofort segelten +Clive+ und Watson mit allen verfügbaren Truppen von -Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den -Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg -zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive -auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von -Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem -Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung -veranstaltet, der denkwürdige Sieg von +Plassy+ (80 engl. Meilen -nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der -Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab -gesetzt. +Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in -Indien.+ - -Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude -sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 -und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804. - -Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von -Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, +also dicht unter dem -Wendekreis+, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt -sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von -Osten nach Westen 2-3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird +begrenzt+ -durch den +Fluss+ und die +Gürtelstrasse+ (Circular road, ehemals ein -Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 -Quadratkilometer. - -Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist +freigelassen+. Der -riesige Exercirplatz (+Maidan+, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser -fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht -das +Denkmal für Sir David Ochterlone+, der 1823 englischer Resident -zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher -eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die -Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 -Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über -den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule -emporzuklimmen. - -Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert -über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt -liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des -Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen -zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich -befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen -Chowringhee-Strasse, in welcher auch der +General-Consul+ des -Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das -liebenswürdigste empfangen hat. - -Der Haupttheil der „+Stadt der Paläste+“, nördlich von dem Exercirplatz -bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen -sehr -- +mittelmässigen+. +Der Palast des Vicekönigs+ liegt inmitten -eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus -einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit -jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch -verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende -nicht hineinkommt. - -Westlich von dem Palast liegt das +Stadthaus+ (Town-hall) in -jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her -genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von +Warren -Hastings+ zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies -ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in -Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben -sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz -gleich, die Bekenner beider mit der gleichen -- Ueberhebung. Vollends -Warren Hastings (1772-1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz -+gleicher Rücksichtslosigkeit+ den Hindu-Fürsten von Benares und -die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst -wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie -zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, -er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar -freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst. - -Das +Obergericht+ (High Court), das Secretariat und die andern -Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen -liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich -und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die -+Post+ mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider -ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen -Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (+Babu+)[438], welche eine grosse -Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren -einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die -Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. -Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine -englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. -Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der -Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über -Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. -(In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine -Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; -die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich -beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung -nicht abgeschickt worden wäre.) - -Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels, -Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die -englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für -die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind -lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man -weit billiger einkaufen. - -Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (+Bow Bazar+) -quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss -jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East -India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. -(Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie -der letzteren.) - -Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die -+Dhurumtolla-Strasse+, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich -von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer -kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn -des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den -einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände -des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen -feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. -Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch -gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als -Hausirer auf der Strasse. - -Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch -ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber -eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus -zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine -Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden -fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur -einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen -Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln. - -Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und -Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der -kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah -sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines -Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde. - -Seine Visitenkarte lautet: - -[Illustration: Rajah Sir Sourindro Mohun Tagore, K^t., - - Mus. Doc., - -Companion of the Order of the Indian Empire; Knight Grand Cross, -Commander, or Chevalier of several Imperial, Royal, or Republican -Orders, Nawab of the Persian Empire] - -Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben. - -Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, -wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. -Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische -Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein -sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir -indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr -musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien -haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten -durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie -nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, -die +Musik+ seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch -wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass -sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr -durchaus gefällig schien. - -Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, -sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus +Hindu-Dörfern+ -(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche -Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die -Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm -verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und -wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier -wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden -sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer. - -Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen. - -Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke -über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten -gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind -am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl -der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen -des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf -lohnende Rückfracht. - -Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke -sieht einer +europäischen Fabrikstadt+ ähnlich. Da schnurren -die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen -Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und -Baumwollenspinnereien. - -Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt -werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und -daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide. - -1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem -ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden -Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890-91) beherrscht Calcutta wie -Bombay je 40 Procent. - -Die Zahl der +Sehenswürdigkeiten+ in Calcutta ist gering. - -Am bemerkenswerthesten ist das +indische Museum+ in der -Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten -Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist -frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah -ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban -und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz -unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. +Meyer+, -Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, -wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von -dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, -noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte -Bildsäulen aller +indischen Völkerschaften+ mit ihrer Kleidung, ihrem -Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen -Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, -dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen -ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt. - -Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung giebt eine vollständige -Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen. - -+Eisenerz+ wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten -in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen. - -Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute -+Kohle+[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr -billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, -doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile -der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei -einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die -Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast -zu Ballastfrachtsatz. - -+Steinsalz+ im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der -Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden -Indier so nöthige +Speisesalz+ und der Regierung ein beträchtliches -Einkommen.[444] - -Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal -(Nord-Behar) einen grossen Theil des +Salpeters+ für das Schiesspulver -Europa’s. - -+Silber+, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im -Lande gefunden. +Gold+ wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die -Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die -neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. +Kupfer+ -wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. -Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá). - -+Kalkstein+ (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) -wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra -bestehen aus dem rosafarbenen +Marmor+ der Rajputana. - -Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an +Edelsteinen+, der Indien -zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr +reich+ an kostbaren -Steinen; jener Reichthum kam von der +Jahrhunderte+ lang fortgesetzten -Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in -der Gegend von +Golconda+ gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay -und in der Gegend von Madura. - -Uebrigens sind thatsächlich alle +Diamanten+[445] bis 1728 n. Chr. -aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in -Südafrika gefunden. - -Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) +Kohinur+ -„Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien -erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen -Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs -abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz -einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu -20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. -2) Der +Orlow+ an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem -Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel -angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht -197¾ Karat. 3) Der +Regent+, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus -Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans -gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz. - -Vergeblich suchte ich die +Glasmodelle+ der grossen indischen -Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd -sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein -dummer Teufel sie -- gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was -wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der -mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass -ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum -von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. -Das erste ist der indische +Magneteisenstein+, der vielleicht schon -seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: -in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das -vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine -Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das -zweite ist der indische +Beryll+, ein meergrüner, durchsichtiger -Halbedelstein. +Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache+ -übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch -bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im -Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon -stammt unser Wort +Brille+. - -Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der -vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die +Alterthümer+. - -Am besten gefallen +uns+ die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem -äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar -unter +griechisch-baktrischem+ Einfluss entstanden sind: kleine -Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus -Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom -herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine -ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha -betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in -schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr -Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser -Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben. - -Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die +Reste buddhistischer -Bauwerke+. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die -Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit -mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört -ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die -Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. -Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in -Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten -für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele -Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an -elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta -ganz reichlich gedeckt ist. - -Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von -+Bharhut+,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer -Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind -dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, -mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten -ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten -(Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser -Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser -merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend -einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in -den -- Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig -eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten. - -Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge -von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem -+Rad+ des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden -Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss -hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von -Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften -enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der -heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den -Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so -scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine -lange Kunstübung vorausgegangen sein musste. - -Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die -Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum -seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein -Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, -der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine -Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum -niederknieen. - -Der +zoologische Garten+, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen -gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung -dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel -gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit -Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man -drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und -Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. -Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht -sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige -Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt -vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei -Flitter und Zierath. - -Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber -mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter -den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders -die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter -bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. -Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr -belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge -nach oben, sein linkes nach unten wendet. - -An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe -ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten -an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im +Baustil+ gewahrt ist, -so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die +braunen -Menschen+ und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft -ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen -Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten. - -Aber weit berühmter ist der +botanische Garten+. Der Besuch desselben -nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich -bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am -Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des -botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so -ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. -Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger -Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren -alle sehr berühmte Botaniker. - -An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein -indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume -(Ficus religiosa). - -Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, -nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr -schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein -Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift: -Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That -ein wenig glücklicher Gedanke. - -Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen -(Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der -Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch -einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild -für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch -stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika. - -Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem -Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des -Gartens ist ein +Banyanbaum+ (+Ficus indica+), der laut Inschrift -genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu -einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren -Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42, -der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280. - -Es ist sehr merkwürdig, dass bereits +Milton+ († 1674) den wunderbaren -Banyan-Baum besungen hat: - - Branching so broad along, that in the ground - The bending twigs take root and daughters grow - About the mother tree, a pillared shade, - High overarched with echoing walks between. - -Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege -der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische -Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses -Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s -reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in -Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung -getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die +Flora of British India+ -in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London -beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer -der Engländer. - -Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit -Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse -(von 3-4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung. - -Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und -Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über -den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote. - -Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist -ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen -in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab in’s -Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, -künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen -sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, -was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in -unseren hoch gesitteten Seebädern. - -Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die -Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird. - -Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre -zum Empfang des Vicekönigs an +Prinseps Ghat+, der Landungstreppe im -Süden des Hafens. - -Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. -Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der -Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete -Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, -zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem -Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen -Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen -und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst. - -So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren -auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch -Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen -überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. -Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner -selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen -jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In -dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und -trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten. - -Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren -Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige -Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter -Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, -z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und -eigenartig. - -Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass -der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden -sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde. - -Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem -Glanz. - -Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche -+Fort-William+, das von 1757-1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es -ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem -50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus -mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer -Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches -Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal -und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht -hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im -Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 -errichtet. - -Zwischen der Festung und dem Palast liegt der +Eden-Garten+, wo Abends -die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen -und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil -der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen -am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das -Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern -von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen -freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist -eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten -Fabelthieren. - -Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein -Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich. - -Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist -von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit -zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der -Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla -und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die -Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, -aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., -des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der -Landhäuser sind schon von 1768-1780 erbaut. - -Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen -englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die -Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der -Muttersprache ermöglichte. - -Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch -eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten) -aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich -einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn -hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf -von Jute, nach Calcutta gereist war. - -Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und -eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich -verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das -Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten -Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich -hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das -indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien -nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten -Flasche entnommen wurde. - -Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische -Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um -den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun -scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel -gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder -gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes -Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen. - -Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. --- Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde -Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. -- Mein -Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in -Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, -war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke -durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse -zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, -zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr -merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein -Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess -„Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder -sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften -Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen -erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und -Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, -noch in den lustigen Abschnitten. - -Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach -Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das -Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war. - - * * * * * - -Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die +Universität+ und dabei das -+Krankenhaus der Schule für Heilkunde+ (der medicinischen Facultät). -Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, -die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie -auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach -betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von -allgemeiner Bedeutung kurz berühren. +Lungenentzündung+, die bei uns -von den Nichtärzten für eine auserlesene +Erkältungskrankheit+ gehalten -wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in -der -- +wärmeren+ Jahreszeit vor. +Lungenschwindsucht+ ist in Indien -sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon -befallen. +Cholera+ kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens -davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden -von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene +Mayo-Krankenhaus+ für -Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, -besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari -auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle -aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer -in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die -Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch -gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. -Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat -mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, -da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der -Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen -sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner -hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat -Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle -eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer -Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls -und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und -gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche -Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch -vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und -über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, -besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke -nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie -gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun -solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes -geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht -gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu -Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester. - -Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so -verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen -einzugehen. Die alten Griechen (auch schon +Hippocrates+, der Vater -der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen -schöpfende Römer +Celsus+, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall -mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten -die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als -Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, -als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa -sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird -der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die -epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. -Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit -in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im -Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser +Robert -Koch+ hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses -Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache -der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten +Kleinpilz+ -(Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln -der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche -die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie -schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei -einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom -Tausend der Bevölkerung.[458] - -An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist -ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom -Tausend. (In Deutschland 28.) - - -Darjeeling im Himalaya. - -Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien -(und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach -Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der -nördlichen Eisenbahn von +Bengalen+. - -Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht -unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, -Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die -Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche. - -Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des -Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein -bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der -Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der -Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der -trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den -Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) -zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz +Sara Ghat+ -einigermassen zu verringern. - -Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert -jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck -wird uns ein Abendessen aufgetragen. +Zum ersten Mal in Indien ist es -empfindlich kühl.+ - -Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal -railway). Diese hat eine +Meter-Spurweite+. - -Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli -wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, -entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen -Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes -Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen. - -So beginne ich meine erste +Nachtfahrt+ auf indischer Eisenbahn. Der -Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei -auf den beiden gepolsterten Seitenbänken +bequem+ schlafen können; die -beiden andern +leidlich+, auf den obern Klappbänken. Betten werden -nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im -Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den -Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, -Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl. - -Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) -Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne -Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder -Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten -sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, -nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der -Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen -nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden -und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und -ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte -Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass -fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen -kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier -Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte -Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige -Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen -Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen. - -Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im -heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen -leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist -jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe. - -Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein -Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch -nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen -wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der -Staatsbahn. - -Hier beginnt die private +Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn+, die -eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn -und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis -1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um -1000 Fuss. - -Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem -Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der -Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je -eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der -Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 -englischen Meilen in acht Stunden zurück. - -Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 -Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien -für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis -Siliguri nur 30 Rupien kosten.) - -Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der -zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue -Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln. - -Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung -die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom -Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir -emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, -welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen -eingenommen. - -Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der -Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br. - -Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen -wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen -Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. -Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, -prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, -welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist -etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf. - -Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen -sich geändert. Zunächst sieht man noch viele +Bengalen+, namentlich -dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu -unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann -kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten -Backenknochen. Es sind +Nepauler+ mit eigner Sprache, Buddhisten. Die -Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und -mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. -Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. -Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen -Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, -dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und -Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in -Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf -diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, -die ich leider nicht verstand. - -Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss -über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön -terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken. - -In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, -vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren +Woodland’s Hotel+ sehe -ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem -herrliche Cypressen und Laubbäume. - -Sehr interessant war der +Bazar+ der Eingeborenen wegen des Gedränges -verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner. - -Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; -zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen -englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um -einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen -Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den -Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich -ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, -sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“ - -Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. -im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den -wunderbaren Hintergrund der Himalayakette. - -Der Bezirk +Darjeeling+, der zwischen die unabhängigen Staaten -Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die -Himalayakette fortreichenden Schutzstaat +Sikkim+ grenzt, war im Jahre -1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den -Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 -Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er -baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für -die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 -Menschen in dem Bezirk von Darjeeling. - -Die +Theepflanzungen+ wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 -Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 -wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet. - -Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher -Colonisation. - -Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) -um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines -Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem -Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von -Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist. - -Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem -Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings -von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen -Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir -noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen -zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah -ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt -über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und -darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont -emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es -war doch noch empfindlich kalt. - -Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, -wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich -entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter. - -Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten -Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk -bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus -Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. -Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele -Selbstmorde vorkamen. - -Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl -zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz -tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten -Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss -beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir -bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) -vom Hotel aus erspähen können. - -Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich -zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die -stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung -des unruhigen Sikkim gehalten wird. - -Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch -die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine -Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und -Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man -Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor -von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier -Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, -Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch -zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu -spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von -Bengalen errichtete +Eden-Sanitarium+, eine Pflegestätte für Genesende. -Dr. +Russel+, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, -dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber -und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen -Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus -den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die -Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in -der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen -- Duldsamkeit -der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen -ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet. - -Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, -aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern. - -In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich -schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige -und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz -von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, -zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, -- aber nicht etwa, um -ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das -Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, -der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen -verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf -geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa! - -Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren -Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen -Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter -Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse -wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. -Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, -darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn -geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere -Butten, hauptsächlich mit dem Kopf. - -Nachmittags besuchte ich das Dorf +Bhutia Busti+, das 1 englische -Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg -führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick -in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser -der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt -tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und -enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten -Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, -in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine -halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, -erhielten aber nichts. - -Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei -starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen -ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein -Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge -sind umfangreich, aber geschmackvoll. - -Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland -üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus -dickem Wollenzeug. - -Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere -Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine -Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag -abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr -(am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der +Himalayakette+ -hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze -Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der -Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren -Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der -Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den -Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt -den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser -erscheinen. - -Es ist gewiss eine grosse Freude, die +höchsten Berge der Erde+ -zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die -Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der -öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa -gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden. - -Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In -der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz -heiteren Himmel überspannt. - -Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse -regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns -der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und -fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares. - - * * * * * - -Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 -Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen -Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte -und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung -gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung -leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals -und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit -Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien -verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt -durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler -Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der -Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien -begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien -gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 -englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 -der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte -Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der -beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter -25 Millionen, im Jahre 1891. - -Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, -Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay -nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es -fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des -schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli -besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in -Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse -der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche -Hindernisse dar. -- 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta -nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in -36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die -Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht -fertig. - - -Benares. - -East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen -Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische -Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: -zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 -Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch -Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor -Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch -fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht -war ziemlich kühl. - -Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von -demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein -Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze -Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 -Millionen Einwohner.) - -Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] -der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und -hält um 1 Uhr in Benares. In +Clark’s Hotel+ finde ich ein leidliches -Zimmer und Frühstück. - -Die Gasthäuser im +Innern+ von Indien sind mittelmässig.[466] Die -kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der -mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings -umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, -- fast so wie auf -mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang -vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die -Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. -In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den -Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen -langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe -von Schlafzimmern nebst Zubehör. - -Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, -wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um -Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der -Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen -in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, -der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum -Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit -1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn -aber +zwei+ Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu -werden. - -Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in -die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von -ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte -zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges -(oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen -unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis -zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die -Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), -wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem -geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in -Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens -getragen, neuerdings auch -- in europäischen Glasflaschen massenhaft -versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der -grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er -befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten. - -Es ist sehr merkwürdig, wie +seltsam+ der Ganges in die deutsche -Literatur eingeführt worden ist. - - „Am Ganges duftet’s und leuchtet’s - Und Riesenbäume blühn, - Und schöne stille Menschen - Vor Lotos[467]-Blumen knien.“ - - „Fort nach den Fluren des Ganges -- - Dort liegt ein rothblühender Garten - Im stillen Mondenschein, - Die Lotosblumen erwarten - Ihr trautes Schwesterlein.“ - - „Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt, - Der Himalaya steht im Abendscheine - Und aus der Nacht der Banianenhaine - Die Elephantenheerde stürzt und brüllt --“ - -+Wann Benares+ (Waranasi) +gegründet worden, wie die Schicksale+ der -Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig -unbekannt, da die Hindu, das +ungeschichtlichste+ Volk der Erde, keine -Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert -v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine -Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein -chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und -mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so -ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes -Dunkel gehüllt. - -Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den -+geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner+. Im Jahre 1194 n. Chr. -wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der -Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer -des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der -Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. +Von dieser Zeit herrschten -Mohammedaner+ über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle -traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer -ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das -über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht. - -Aber trotzdem +herrscht jetzt der Dienst des Schiwa+, dessen -schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken -die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an -der Zahl -- nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger -leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein -Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 -Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende -wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die -heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, -obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. -Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die -Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die -Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 -Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab -für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste -Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den -inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben. - -Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten -des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz -kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache -des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter -gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die -Vortragssprache. - -Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer -Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über -1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa -100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 -Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen -heiligen +Treppen+ (+ghats+), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer -hinabführen. - -Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück -vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich -miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der -Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der -Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer -hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten -in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich -hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt. - -Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470] -um die +Fluss-Ufer+ entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und -zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer. - -Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang. - -Die mächtigen +Treppen+ sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber -ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste -empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in -ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster -Heiligkeit lodern +Scheiterhaufen+, umringt von weissgekleideten -Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig -und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen -möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land -steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer -Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des -Scheiterhaufens blickt. - -Der nächste Tag (8. December) war einer +planmässigen Betrachtung+ -der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471] -schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen -Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein -schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen -Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem -+Haupthalteplatz der Boote+. Wir rudern zum äussersten Westende der -Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts -treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen -Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre -gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt -für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick -auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit. - -Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für -die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der -Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis -und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss -des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre -Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der -Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen -Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das -so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die -Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint -die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das -Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen -Festtagen in Benares vereinigt sein. - -Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher -gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, -die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will -ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die -Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen. - -47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von -West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, -von +Süd+-West nach +Nord+-Ost. - -Die erste ist +Ashi Ghat+, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier -in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, -obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von -dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen -am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung -zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist. - -Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er -heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er -alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber -sich neu schafft. Das sechste ist +Shivala Ghat+, diese Treppe ist sehr -schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens -um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester -sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten -Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen, -Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer -und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das -ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen, -Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung, -und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig, -die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu -trocknen. - -Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem +Chait Sing+, der -Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte, -behauptete +Warren Hastings+, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde -stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam -durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz -eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung -an seinen Neffen ausgehändigt. - -Am neunten oder +Smashan Ghat+ sieht man stets +Scheiterhaufen+; die -Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre -(aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke -aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass -die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser -Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend -+Ram+, +Ram+[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während -die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu -wiederholten Malen.) - -Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer -Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen -zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, -armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis -auf geringe Reste zu verbrennen.[474] - - „Unsterbliche heben verlorene Kinder - Mit feurigen Armen zum Himmel empor“, - -singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth: - - „Wenn der Funke sprüht, - Wenn die Asche glüht, - Eilen wir den alten Göttern zu.“ - -Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters -dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die -dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind. - -Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der -Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der -Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da -will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die -Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft. - -Die elfte Treppe ist +Kedar Ghat+. Nach den heiligen Büchern der Hindu -wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar -ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. -Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 -Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im -Umfang, -- ein Fetisch. - -Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus -der Religion der Ureinwohner von Indien. - -Das vierzehnte ist +Someshwar Ghat+ (von +Soma+, Mond, und +I’shwar+, -Herr). Dies ist die +Poliklinik+ der Hindu, denn hier werden alle -Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine -besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der -Pocken. - -Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert -sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die -Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele -Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien. - -Das zweiundzwanzigste ist +Munshi-Ghat+, das schönste von allen, -oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit -wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri -Dahar, Minister des Rajah von Nagpur. - -Aber das +merkwürdigste+ von allen ist das fünfundzwanzigste, -+Dasashwamedh Ghat+. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen, -die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten -Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von -zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, -unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und -Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, -so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke -auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss -vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen -von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges -verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die -heilige Stadt Benares zu kennzeichnen. - -Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des -Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf -einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der -Glaubenswuth: +Satí+,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten -Gatten verbrannte +Wittwen+. - -In den alten +Rig-Veda+ der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch -ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu -Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar -die +entgegengesetzte+ Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der -Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib -gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die -Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon -der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln -geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit -eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse +Akbar+ (1556-1605 -n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht -ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die -frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen -allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden -sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den -kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz -des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat -der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William +Bentinck+ am 24. -December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung -Vorschub leisten, +des Mordes schuldig+ erklärt werden. Seitdem hat -in dem +englischen+ Gebiet die Wittwen-Verbrennung +aufgehört+. In -den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, -vorkommen. - -Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen -uns einen erfreulicheren Anblick, den der +Sternwarte+. Diese gehört -zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt -einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So -schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die -Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah -Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem -Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er -astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, -die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la -Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) -das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen. - -Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, -Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu -sehen; die zu Benares ist am besten erhalten. - -Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser -der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da -ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, -um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den -Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss -Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an -dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf -den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne -bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten -der Sonnenuhr genau festzustellen -- und noch zahlreiche ähnliche -Einrichtungen. - -Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, -bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich -richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, -mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis -28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit -der Veda werden die Planeten (+graha+, Greifer), erst sieben, dann -neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des -Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender. - -Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu -wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. -Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben -den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren -Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. -Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern -und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen -Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu -stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai -Singh. - -Das dreiunddreissigste ist +Manikaranika Ghat+, nicht bloss einer der -fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig -der Mittelpunkt der Stadt. - -Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen -hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern -bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige -Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. -Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre -mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift -angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser -ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert -würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit -schlimmer gewesen sein. - -Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von -+Tarkeshwara+,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen -von Wischnu. - -Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum -Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines -Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr -reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen. - -Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481] -sieht man die Moschee, welche der Kaiser +Aurangzeb+ (1658 bis 1707), -ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines -zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja -kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle -Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. -Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben -die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den -Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein -Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen. - -Die letzte Treppe ist +Raj Ghat+ an der Eisenbahnbrücke. - -So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im -Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite -Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der -Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt. - -Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche -unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke -mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses -Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde -auslegen. - -Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen -sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss -aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus -allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, -die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde -des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den -Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der -Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt -schliesslich in +einem+ (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein -schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht -vollendet hat. - -Das Allerheiligste in Benares ist +der goldene Tempel+, dem +Schiwa+ -geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht -genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die -Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; -dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen -Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der -eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder -Bisheshwar.[483] - -In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene +Brunnen -der Weisheit+ (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule -des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine -+Unannehmlichkeit+ ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, --- trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse -Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide -mit grosser Achtung behandelt werden müssen. - -Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und -wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, -etwas zu naschen. - -Der Tempel der +Durga+, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen -Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst -bei den Europäern gewöhnlich der +Affen-Tempel+, weil Hunderte von -Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so -dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und -sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf -einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen. - -Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden -Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der -des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484] -wo die +Bettler+ das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen. - -Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die +Bazare+. -Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten -+Metallarbeiten+ von Benares verfertigt und feilgehalten werden. - -Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die -geometrischen Verzierungen in dem +Messingteller+ ausgräbt. Teller, -Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge -für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen -und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren -Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für -die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare -hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der -Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers. - -Benares ist auch die eigentliche +Götterfabrik+ für die Hindu. Für die -kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie -eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch -Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester -haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und -goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen -und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder -der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss -geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder -für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile -fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt. - -Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind -+Gewebe+, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich -Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden -mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden -und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und -Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden. - -Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den -Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines -Abenteuer. Mein +Reisebuch+ (Murray’s Handbook to India) in dem -bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens -+verschwunden+: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht -ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das -Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der +Polizei+ an. - -Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten -eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es -war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung -aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch -gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den -Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht -wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen. - -Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über -die +einheimischen Sprachen+ Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer -Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische -Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte -+Schrift-Sprache+, das +Sanskrit+, und redeten damit verwandte, aber -einfachere Mundarten, +Prakrit+. Sie bezeichneten die nichtarischen -Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit -gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in -Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte -Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine -volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des -Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche -Literatur geschaffen. - -Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei -Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. -2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande -geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten -Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der -Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) -Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) -Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung -abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine -eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, -reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und -selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie -in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder +Urdu+ (wörtlich -Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner -in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der -Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen -Buchstaben gedruckt. -- Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es -hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets -die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. -ihre Literatur begründet. - -In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern -von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, -angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die -+Münze+, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer -zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das -gelbe Gartenhaus (+yellow bungalow+), wo Warren Hastings lebte, und -die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (+Queens -college+), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude -betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der -Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director -ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer -jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der -vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem -Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich -sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. -Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und -eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den -pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich -ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, -lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz -gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er -hatte Recht. - -Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums -gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer -Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch -im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich -ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht -erfahren. - -+Zwei Ausflüge+ kann man von Benares machen. Erstlich nach +Sarnath+ -oder +Alt-Benares+. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und -Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½ -Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. -Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach -Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo -Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst -predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte -der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, -deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben -Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen. - -Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich -von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei. -+Hiouen Tsang+ (629-645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei -Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss -Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung -an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v. -Chr.) errichtete. - -Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement -erbaut waren, so konnten sie nach der +Entheiligung+ den Hindu, welche -Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern -keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand. - -Der Thurm zu Sarnath (+Dhamek Stupa+), den der Reisende heutzutage noch -sieht, ist 1835-1836 vom General +Cunningham+ genau durchforscht und -als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden. - -Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus -soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 -Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss -ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark -verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist. - -Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, -wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter -ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das -rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um -das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner -unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und -Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit -denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und -Delhi angebracht haben. - -Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals -gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine -Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst -herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu -fordern. - -In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und -auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) -Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein -von einer Mauer umgebener +Jain-Tempel+, der durch gute Erhaltung und -grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um -die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In -jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, -und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene -Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen -Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. -s. w.) - -Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach +Ramnagar+, -dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der -Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine -kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte -Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten. -Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von -Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der -Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und -führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz. - -Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack -ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse -Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer -Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als -der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten -des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen -Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen -Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das -ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der -heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach +Lucknow+. - - -Lucknow. - -Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten -nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7 -Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 -Kilometer in der Stunde.) - -Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und -dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, -war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal -vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf -der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh -gewesen, hegt +Ajodhya+, noch heute mit einem Pracht-Tempel -des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, -„dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, -deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die -Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten -sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege -der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis -645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; -eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre -1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre -1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein -Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren -schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen -Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon -zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft -in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst -und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von -Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, -sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern -getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen -wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren -und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche -in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus -den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt -Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener -Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten -Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter -diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und -die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft -verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres -Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die -englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte -entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes -von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch -den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von -den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. -Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh -hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 -Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen -Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien. - -Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün -und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut -mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, -Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der -jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, -besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. -Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen -wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) -geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der -Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in -kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder -arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt -sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder. - -Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande -in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von -Mohammedanern beherrscht worden. - -Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen -Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so -befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die -zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, -ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und -Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der -Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz -kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung -von Lucknow und sein Sohn, in +Pelzjacken+ gekleidet. In -Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl. - -+Hill’s+ Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist -natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern -von Indien, aber doch leidlich. - -+Lucknow+ (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in -dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, -die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; -hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen -Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 -seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die -+Hauptstadt+ von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der -Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz -Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 -aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel -sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner. - -Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem +Gumti+, -einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem -ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei -näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige -Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche -wirken sollen. - -Wenn +Heber+, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude -der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist -dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack -besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über -Baukunst zu misstrauen. - -+Fergusson+, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude -der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung -bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; -wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die -Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem -+einen+ Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien -durchgängig von schlechtem Geschmack. - -Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der -Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der +Residenz+. - -Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten -der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen -Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. -Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi -die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann +Sir Henry Lawrence+, der -Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz -zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, -Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss -lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai -brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende -Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, -am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde -geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt -zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der -Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu -geblieben, in die Residenz zurück. Die +Belagerung+ begann am 1. Juli. - -Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich -verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er -zwei Tage später. - -Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die -Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und -Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und -vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen. - -Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (+tykhana+, -eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen -und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als -Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren -unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem -Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der -Feinde zu überwachen. - -Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, -den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. -September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der -Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter -den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die -letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, -waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 -Eingeborene vermindert. - -Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen -+umzingelt+. Erst am 16. November drang +Sir Colin Campbell+ nach -Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten -Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten -Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach -Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück, -bis +Campbell+ am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender -Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 -Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt -Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach -dem andern eroberte. Mit der +Zurückeroberung von Lucknow+ war der -gefährliche Aufstand niedergeworfen. - -Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch -die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, -dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den -Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im -Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände -zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- -und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch -andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil -der Wunden, die das Gemäuer erlitten. - -Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht. -Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in -dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und -Frauen ruhen, darunter auch Sir +Henry Lawrence+. In der Nähe steht auf -einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an -die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind. - -Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum -Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser -Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben. - -Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven -Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen -letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist -ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der -Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die -vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen. - - * * * * * - - Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest - Uns hier liegen gesehn, +wie das Gesetz es gebeut+. - - Herodot, VII, 228. - -Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300 -Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die -Uebermacht der Perser gefallen waren. - -Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur +die -Pflicht+ des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von -Lawrence: - - Here lies - Henry Lawrence - +Who tried to do his duty+. - -Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft -reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen -Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen -vergeblich versucht, -- das ist den Engländern vollständig gelungen: -mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich -von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei -der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart -haben, nach +Hunter+, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) -Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte -zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in -Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen -zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4) -Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes. -Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste -Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie -bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der -englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden -hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten -und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and -I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744 -Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und -der +bengalischen Handelsgesellschaft+ 1753 seinen königlichen -Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen -Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk, -broke or destroyed.“[488] - -Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte, -so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein -neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu -erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten -den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer -Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen -Einverleibung reif geworden. - -Die Engländer rühmen sich ihrer +Verwaltung+. Im Jahre 1858, nach der -blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der -ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht -des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und -Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen -Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf -5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta -- für vier -Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem -Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489] Verantwortlich -ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets. -Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath -(Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden -General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die -Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die -Engländer sagen, eines +constitutionellen+ Herrschers, so ist das -nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath, -worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und -einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben. -Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der -Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen -Kaiserreiches.[490] - -Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen -als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder -Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.) -Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren -Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen -besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt -ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen: -1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des -englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und -Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in Angelegenheiten, -die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen. -Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon -(Vicekönig von 1881-1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte -auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm -von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden -werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer -das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die -Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen -Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht -verlangen, welches die Briten geniessen. - -Ueber die +Provinzverwaltung+ möchte ich nicht ausführlicher sprechen. -Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus -Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten -Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen -Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der -- -+Collector+ ist. Vor allem hat er die +Einkünfte+ für die Regierung -zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es -giebt 250 Bezirke; +durchschnittlich+ beträgt die Grösse derselben 859 -englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000. - -Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die +Land-Taxe+. -Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde; -nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite -gestellt. Die Mogul nahmen +ein Drittel+ und bestellten Steuer-Pächter -(zamindar). +Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die -Bürde der Bauern nicht erleichtert.+ Im Gegentheil geriethen die -letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden, -verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren -1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die -Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die -Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491] -Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende -Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492] Im Ganzen bringt das Land -an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen -verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich -erhielten. Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, -Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen -(Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die -Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. -Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein -+Viertel davon ist in England zu zahlen+. Die Schulden betragen Rx 207 -Millionen. +Der Cursverlust+ an £ 15000000, +die in England zu zahlen -waren+, +betrug+ 1890/91 +gegen+ Rx 5087000 +oder+ 75 +Millionen Mark+. -Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen -150000 Polizisten. - -Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug -1890/91 an Rx 196 Millionen. +Die Ausfuhr überwiegt+, und zwar um -jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 -Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, -das letzte Drittel deckt die +Home-Charges+. (Gehälter, Pensionen, -Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel +von den -Hindu gespart+ wird, wie +Hunter+ meint, oder von den Engländern in -Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von -unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl -der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen -sei. - -So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien -zieht.[494] - -+Is that not a wonderful job, our India?+ Das fragte mich der -gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel -des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen -Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt -keine einträgliche und verantwortliche Stelle. - -Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine -grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse, -Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend -besetzt. - -Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und -unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa -seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm -sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet -und Europa in Frieden lässt. - - * * * * * - -Zu den sonstigen +Sehenswürdigkeiten+ von Lucknow gehören hauptsächlich -die Paläste der früheren Herrscher: - -1) +Kaiser Bagh+, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s -Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren -Einrichtung 80 lakh[495] Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark -verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger -Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten -von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss -getüncht, -- so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind -einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den -Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung. - -Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut -Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte. - -2) +Chatr Manzil+, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem -Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des -Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und -Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen -Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes -Zimmer erhalten können. - -Gegenüber ist ein +Museum+, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt, -nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten -von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte -kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem -wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche -Sammlungen aus den drei Reichen. - -3) +Muchi Bhawan+, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“ -von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern, -die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit -der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor -in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin -von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern -zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus -einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei -seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder -hergestellt worden. - -Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen -geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die -Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt -der Zinnen gekrönt. - -Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten -eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch, -entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird. - -Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, +Imambara+ oder Haus des -Propheten genannt[496] „das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste -Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung. - -Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung -Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £. -Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber -eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von -saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt -in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit -einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der -Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an -sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden -Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten) -geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von -Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte -ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden. - -4) +Hoseïnabad Imambara+ oder Licht-Palast des Propheten, den -Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das -Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines -grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine -Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber -geschmacklos. - -Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte -Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden -Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen. -Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter, -bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem -Silber. - -5) Die beiden sehr belebten +Bazare+ der Stadt zeigen uns Silber-, -Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und -Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. -Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, -leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so -dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags -ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen -jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die -Behörden verboten ist. - -6) Das +Cantonment+ ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine -Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die -Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und -Geschäfte, sowie unser Gasthaus. - -Eine hübsche Parkanlage (+Wingfield Park+) giebt Gelegenheit zu -Spazier-Gängen und -Fahrten. - -7) +Dilkusha+, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier -starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden. - -8) +Sikandara Bagh+, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit -einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu -ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines -schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier -Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment -(Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet -niedergemacht. - -9) Die +Martinière+ ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen -Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh -ihr Glück machten. - -Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow -gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, -gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen -als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in -der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier -eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste, -pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für -den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische -Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein -ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung -von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein -letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch -aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, -das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen. - -Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh -zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder -Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ -Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, -ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig -wurde. - -Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen -Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. -Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, -steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich -schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich -anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, -Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer. - -Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und -unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren -munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt -lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als -Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. -Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische -Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist. - - -Cawnpur. - -Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer -des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke -überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien, -Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.) - -Lee’s +Eisenbahn-Hotel+ ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin -oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen -Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow -genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa -sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung -mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig -geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow. - -Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist -Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich -von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des -Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene -befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben. -Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit -dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl -die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht -erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und -Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in -dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier -hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra) -gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen +Ganges-Canal+, der hier -seinen Ausgang nimmt. - -Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem +Doab+ (Zweistromland -zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den -Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten. - -Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk -des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende -Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher -Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80° -östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300 -englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des -Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere -Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von -Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben -eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer -Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der -Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 -Procent des Capitals. - -+Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan -haben.+ Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit -Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke. - -Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken -und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der +geschichtlichen -Erinnerung+ aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem -ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch -nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler -beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), -eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem -Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil -seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens -befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, -durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern -umzog ganz +unzweckmässiger Weise in der Ebene+ den Standort von -zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt -einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die -Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten -die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und -Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen -Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, -dass der Angriff beginnen werde. - -1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische -Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut -bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige -Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der -Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. -Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem -tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei -Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig -zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten -und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die -Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann -mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts -nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die -Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren -noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die -einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein -mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank -gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, -die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht -wurden. +Ein+ Boot trieb flussabwärts, aber nur +vier+ Männer, -vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden -eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder -zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1. -und 14. Juli 28 starben. - -Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen -Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff -von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück -und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast -lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die -Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; -eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; -am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast -unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen. - -Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem -General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit -wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort -wahrscheinlich gestorben. - -Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der -schmählichen Metzelei. - -Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. -Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von -Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 -Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte -mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow -gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia -Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. -Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb -sie in wildeste Flucht. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den -Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. -Mein Führer ist +Morton+, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei -gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier -Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch -Cawnpur von den Gwalior gesäubert. - -Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung -(Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang -des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die -Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen. - -In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am -27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und -Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern -eingefangen und am 1. Juli ermordet worden. - -Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen -erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere -Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der -ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, -und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein -Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt. - -Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch -vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung -der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter -einander, +binnen+ 24 +Stunden+, sieben von den etwa fünfzehn -Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress -of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet! - -Die Mord-Treppe, 1,_{3} Kilometer nördlich von der Kirche, führt von -einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den -Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht -erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu -sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung. - -Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer -geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb -eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der -Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt. - -Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten -und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in -Stand gehalten. Aber +kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten -betreten+, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1. -November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung -von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert -worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht -völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute -und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden -von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein +Deutscher+, der -übrigens recht vielseitig zu sein scheint. - - -Agra. - -Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East -Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach -Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem -Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden. - -Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der -Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, -ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche -Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. -Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, -bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf -den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir -weit von der Heimath entfernt sind. - -Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt -sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und -Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns -sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der -Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe -immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht -einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören. - -+Laurie’s+ Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von -Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von -Cawnpur. - -Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul -scheint es zweckmässig, die +Geschichte der mohammedanischen -Eroberungen+ in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu -lassen. - -Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den -Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. -Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch -West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, -ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit -hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der -Blüthe der Grossmogul (1560-1707) geboten Hindu-Fürsten über weite -Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die -Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und -nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat -verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel. - -Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der -Westgrenze des Punjab, ging von den +ersteren+ aus. - -Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach -Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, -wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu -Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 -Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere -auf Rath der Brahmanen +nicht+ zahlte, stürmte Subuktigin durch -die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn +Mahmúd -von Ghazni+(1001-1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und -schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, -verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem -Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines -Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) -über diejenige von Ghazni; +Mahmud von Ghor+ begann neue Einfälle nach -Indien. - -Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu -gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, -fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf -gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, -endlich Kanauj.[505] - -Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die -Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen. - -Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 -sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig -überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen -hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen -den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206. - -Sein Vicekönig +Kutab-ud-din+ erklärte sich zum Selbstherrscher von -Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290 -regierte und die der +Sklaven-Könige+ heisst, da Kutab ursprünglich ein -türkischer Sklave gewesen. - -Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und -seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi. - -Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale, -Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der -Mongolen. - -Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, +Altamsh+, dessen Namen -gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal, -erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich -anerkannt. Der vorletzte, +Balban+ (1265-1287), hatte die heftigsten -Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in -Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe -lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den -Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren. - -1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi. - -+Alá-ud-din+, der zweite Herrscher (1295-1315) dieser Linie, drang -sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er -fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach -Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die -Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen -Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen -General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien -siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse -mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen) -nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem -wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi. - -1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín +Tughlak+, der vom -türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein -grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325-1351) sendete vergeblich Heere -gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800 -englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad -gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338-1351 unablässig mit -Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen. - -+Fíruz Tughlak+ (1351-1388) regierte menschlicher und lebt noch -fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des -alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden -durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der -Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere -Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die -Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien. - -Mahmud kehrte zurück; von 1414-1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von -1450-1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig. - -1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das +mongolische -Kaiserreich von Delhi+, dessen letzter Vertreter -- 1862 als britischer -Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul -verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben -vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten, -indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, +Hindu in die -Regierung des Landes aufnahmen+. - -+Bábar+, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana -am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das -unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten -getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu +Panipat+, nördlich von -Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte -er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb, -hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum -Ganges-Delta reichte. - -Sein Sohn +Humayun+ (1530-1556) hatte Kabul und den westlichen Theil -des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes -beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von -Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi, -begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die +Rupie+, wurde aber -schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn -folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand -ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam -die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von -+Panipat+. - -+Akbar der Grosse+, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der -Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis -1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge -im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und -Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan, -bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der +Versöhnung+. -Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem -Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur -Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter -von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die -erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen -waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner -wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen -festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame -Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen; -aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der -Regierung verlegte er nach +Agra und baute 1566 die Festung+, deren -zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch -emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten. -1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu +Sikandra+ begraben, dessen -aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter -Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt. - -Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen -(Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. -Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht -und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die -Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung -bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf -Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £ -12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen -nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen -geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an -Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, -mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509] -begreifen wir den +sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul+.) - -Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen -+Jehangir+,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht, -die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft -in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu -regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und -leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller -konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser -sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte -ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die -Kaiserin +Núr Jahán+, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser -Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre -Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie -schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne -gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde -getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit -lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin -Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber -später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich -veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und -die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft. - -Sein aufrührerischer Sohn +Schah Jahan+, der nach dem Dekkan geflohen -war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches -Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte -nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise -und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein -glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte -Landschaften es zuliessen. - -Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf -mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) -erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut -gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, -er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er -+Taj-Mahal+,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der -achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, -- das schönste -Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s -Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante, -den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die -unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast. - -Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn -+Aurangzeb+[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem -Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah -Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während -sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall -einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die -Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden -aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ -Millionen £ bewerthet. - -+Aurangzeb+ erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, -Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann -bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den -dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein -viertel Jahrhundert (1658-1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 -machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen -selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den -Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb -24 +Jahre im Felde+. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die -Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb -er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, -zu +Roza+, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer -Sprache geschriebenen) +Briefe an seinen Sohn+ sind noch heute ein -beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen -strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet. - -Die nächsten sechs Kaiser waren nur +Puppen+ in der Hand der Generale. -Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten -gemeinsam zur Zerstörung des Reiches. - -Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig -(1720-1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743). - -Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten -(1710-1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die -Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und -Orissa (1751). - -1739 plünderte +Nadir Schah+ aus Persien Delhi und nahm eine Beute von -32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747-1761) und -brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem -blutgedüngten Felde von +Panipat+ die Marathen. Inzwischen bauten die -Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und -liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt -(von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen -und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen -Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu -Rangoon im Jahre 1862. - - * * * * * - -+Agra+,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer -des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne -Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine -plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher -Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine -mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über -160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen. -Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment -168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½ -Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist. - -In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der -Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488-1517) machte es zu seinem -Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die -Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar -baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem -Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und -das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618 -verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu -Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die -Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi. - -1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen -erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche -dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835 -wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt. - -Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die -Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei -Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt; -und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel -zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche -Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für -4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von -der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre -vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus -den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die -flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien -gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten +Greathed+ aus -Delhi, der +vor+ ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am -6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut. - -1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra -wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt -des Nord-Westens. - - * * * * * - -Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit -Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden -Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal +ohne+ Führer, was ja -natürlich viel behaglicher ist. - -Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der +Taj+.[516] Denn -nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf -das höchste gespannt. - -+Taj+ (persisch) heisst Krone; +Taj Mahal+ Kron-Palast; +Taj bibi ke -Roza+, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal. - -Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine -Lieblingsgattin +Arjmand Banu+, mit dem Beinamen +Mumtaz Mahal+, d. h. -die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin -des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um -sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur -Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des -Schatzmeisters (+Itimadu’ d-daulah+[517]) emporstieg. - -Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm -sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im -Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten -beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, -der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen -Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der -Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen -erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen -werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. -Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut -von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ -bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind -aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden. - -Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll -Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals -in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine -persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, -nennt +Isa Muhammed+ als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000 -Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister -der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute -von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer. - -Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer -östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von -1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem +grossen -Thor+ des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus -rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. -Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der -Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen -Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der -Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen -arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran -predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem -Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen -mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der -Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, -viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit -drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher -hindurch in den +Garten+. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf -eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen. - -Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und -Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen -langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 -Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen -Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und -Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger -Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben -Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten -Weibes niederzulegen. - -Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel -und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der -Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, -nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume -verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die -vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es -ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. -Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem -Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz -alle Töchter der Erde übertroffen habe. - -Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur -Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen, -gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich -mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine -viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken -besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze -Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu -bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch -die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt -wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend -weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern -erst fortgegangen. Eine quadratische +Erhebung+ von 18 Fuss Höhe und -313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit -fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die -meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind -und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren -darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich -in drei Stockwerken ein schlanker +Marmor-Minaret+. Er wirkt nur -durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden -Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die -ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522] - -Diese sind für das +Hauptgebäude+ aufgespart. Das letztere steht in -der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge, -dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind, -so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch -schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr -gefällige Hauptkuppel stellt +zwei Drittel+ einer Kugelfläche dar, -misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch -eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen -+Aufsatz+ über, der (244 Fuss über dem Boden) den +Halbmond+ trägt. Die -Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der -Thürme 134 Fuss. - -Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei -seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei -ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen -geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, -über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit -eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und -Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis -Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten -Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen -darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach -Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen -an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen -Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen -der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie -in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein. - -Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem -Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen -Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen -Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, -zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter -Blumenverzierung. - -Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren -Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken -steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder -und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen -Eindruck. - -Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge -gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien, -Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen -Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. -Aber wunderbar ist die grosse achteckige +Kuppel-Halle+, 70 Fuss -weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter -von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der -Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt -+Fergusson+, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und -in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den -blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die -Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind -wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die -blumigen +Lauben des Koran-Paradieses+ darzustellen. Ein achteckiger -+Schrein+ aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem -Blumenschmuck, umgiebt die beiden +Leersärge+ aus Marmor. Nach dem -Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der -so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um -einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe, -die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die -Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde. - -Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die -einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute -bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den -Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen -Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer -feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische -Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte -Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen -lassen. - -Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen -Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen -arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier -liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“ - -Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst -alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den -„+Ueberlieferungen+“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese -Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt -ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt, -kannst du nicht schauen.“ - -Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf -den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt -und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen -abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine -eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; -erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um -von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem -Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf -baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“ - -Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen -Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem -Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser -Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke -von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche -die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der -Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, --- oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, -urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. -Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt -und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, -dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein -Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch -wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. --- Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der -Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck. - -Auf dem Gebiete der Baukunst sind die +Tataren+ ausgezeichnet durch -ihre grosse Neigung zu +Grabes-Bauten+; hierdurch unterscheiden sie -sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen -Abschnitts der Erde theilen. - -Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei -Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern -oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor -der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und -mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer -Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der -Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige +Festhalle+, -mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach -seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch -der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das -Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der -Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’ -den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der -ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der -Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich -zusammenwirken. - -Das Grabmal des +Itima du daulah+ (am linken Ufer des Jumna, wohin man -von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert -das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein -+heiteres Gartenhaus+. - -Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen, -kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten, -konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt -und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten -und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben -eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk -ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu -sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen, -Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister -und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter, -die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und -seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind -noch einmal die Leer-Gräber angebracht. - -Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen +Akbar+ im -Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment. - -Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit -weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier -zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung -von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen -führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum. - -Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem -Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320 -Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen -von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren -in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen -eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und -Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben -Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor -der schönsten Muster gebildet. - -Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten -Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses: -„Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler -steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt -und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen. -Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die -Besteigung. - -Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich -erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die -sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von -Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit -gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam -Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal, -das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines -Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen -Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in -schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben -20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet. - -Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten: -erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem -Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer -Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner -ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen -tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen -Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes -Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt. - -Das +Fort Akbar’s+,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch -heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen -Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss) -tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein. -Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein -Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der -grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der -Anblick von der andern Seite des Flusses. - -Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder -+Delhi-Thor+ fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere -oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den -berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache. - -Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere -ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt -nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten. - -+Deshalb+ ist auch die +Perlmoschee+ (Moti Musjid), das nächste -Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz +leer+ von Gläubigen. - -Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen, -vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte -entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie -leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir -freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen. - -Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den -(154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer -ausübt. Alles, was wir sehen, ist +Marmor+. In der Mitte liegt der -Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden) -ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von -einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen -Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche -ist offen. - -Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in -welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der -+Moschee+ eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben -zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser -Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und -gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein -andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt -habe. - -Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus -schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass -diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie -allein vollständig mit Marmor bekleidet ist. - -Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und -durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen -von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem -Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als -auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen -Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren -Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander -schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth. - -Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in -rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert -beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan -erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum -Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern -fertig geworden. - -Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte -der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse +Waffenplatz+ -(Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich -tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht -Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen -liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn -+Colin+, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. -September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das -Denkmal in -- gothischem Styl! - -Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird -von Schah Jahan’s +öffentlicher Audienz-Halle+ (+Diwan-i-Am+[528]) -eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung -von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und -eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun -Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei -Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus -rothem Sandstein getragen. - -An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber -ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte -ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war -es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die -Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales -1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und -Edlen abgehalten. - -Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des -prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den +Palast von Schah -Jahan+. - -Hinter der Audienzhalle liegt +Machchi Bawan+, +der Fisch-Teich+, -und nördlich davon die +Edelstein-Moschee+ (Naginah Musjid), die -Privatkapelle der Damen des Hofes. - -Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an -der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer -geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der +schwarze Thron+ steht -und die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von -Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34 -Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief -und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art -zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was -britische Vandalen hier zerstört hatten. - -In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess -seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der -beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit -auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der -Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der -Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, -sein letzter Blick noch suchte die Taj. - -Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der -Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder -+Jasmin-Thurm+) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, -der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, -ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes +Badehaus+ (Shish Mahal = -Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine +offene Halle+ mit reichstem -Schmuck (Khas Mahal). - -Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast -von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen -Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. -Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und -ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen -Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, -- nach -+Fergusson+ ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden -Rassen zu vergleichen. - -In einer Umgitterung werden einige +geschichtliche Andenken+ -aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder -Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die -berüchtigten +Thore von Somnath+. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und -plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte -den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch -das +Sandelholz-Thor+ des Heiligthums fort. - -1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord -Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch -Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die -Hindu-Priester verweigerten die Annahme. - -Das Thor ist übrigens aus +Ceder-Holz+, saracenische Arbeit, und wohl -eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name -Subuktugin vorkommen soll. - -Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) -- zu verbrennen oder -wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen. - -Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von +Jahangir+, unmittelbar -nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne -Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in -der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze -und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden -Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so -farbenprächtig geschildert worden ist. - -Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die +Hauptmoschee+ der Stadt -(Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter -Jahanara im Mogul-Stil erbaut. - -Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei -niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein -Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee -öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit -einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien -erbaut ist. - -Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der +Koran-Schule+ in den -offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus -dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte -ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum -Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk -von dem Sahib. - -Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die -Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen. - -Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige -Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen. - -Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten. - -Das Haupterzeugniss des +Kunsthandwerks+ ist eingelegte Marmorarbeit. -In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus -farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis -Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze -und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem -Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in -den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein -reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in -verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese -verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt -worden und für die 1500 Rupien verlangt werden. - -Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich -Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem -Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, -ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die -Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche -Landhäuser und unser Gasthaus. - - -Delhi. - -Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am -folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts -weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen -giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist -also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die -Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und -aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December -die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. -December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.) - -Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz -Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction -nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs -Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.) - -Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder -besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen -Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit -flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; -doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten -Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde -Pfauen, ernste Marabut. - -Um 4 Uhr sind wir in Delhi. +Imperial Hotel+, das mir am meisten -empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; +Grand Hotel+, wo ich -Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch -die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet. - -Delhi wird als +Rom Asien’s+ bezeichnet. Seine +älteste Geschichte+ -ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der -jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von -5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von +sieben+ -verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet -worden sind. Die älteste war +Indraprastha+. Diese wird schon in dem -altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom -8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als -erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter -seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich -24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. -Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten -Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg -erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. -(1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den -Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von -Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. -Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die -Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht -haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die -Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht: - -1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb -Minar) und der grossen Moschee. - -2) Feroz Tughlak (1351-1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, -unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder -hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst. - -3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und -erbaute einen Palast und eine Moschee. - -4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von -„Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s -2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben. - -Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März -wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, -vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine -Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach -Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte -eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ -geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten -die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es -bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja -sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen. - -Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, -72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche -im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung -von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die -Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach -Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische -Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges -Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit -den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen -Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten -sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin -befindlichen Forts. - -Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen -Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen -und besetzte den Bergrücken (+Ridge+) dicht bei der Nordwest-Ecke von -Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer. -Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den -Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten -Schiessbedarf. - -Am 7. August kam General +Nicholson+ mit Verstärkungen an, am 4. -September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, -nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; -am 8. September Richard +Lawrence+ mit weiteren Verstärkungen. Aber -zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten -die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken -Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer -eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen. -Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm -unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der -Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das -in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu -sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach -sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern -schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der -Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm +Hodson+, ein Reiteroberst, -den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen -Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am -folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die -Söhne zu bedrängen schien, so +schoss er die Prinzen mit eigener Hand -nieder+. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, -Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern -nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist. - -Das +jetzige Delhi+ liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter -über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des -Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und -72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern -gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi -und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser -+Handelsplatz+, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien -gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits -mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die -Rajputana hindurch mit Bombay verbunden. - -Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner -und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger -gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt -ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein -Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten -Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen -Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, -den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut -Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser -Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den -Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des -Gesehenen zu geben. - -Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die -Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen -die +Burg des Kaiser Jahan+ an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes -Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite -von West nach Ost. - -Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch -(40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; -aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken -Minarets desto gefälliger. - -Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria -G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und -die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, -vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche. - -Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast -Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte -unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch -allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie -unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und -von dem Schattenkaiser[531] -- bis 1857 -- bewohnt,) sondern zunächst -nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser -geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren -Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack. - -+Fergusson+ nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas -nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts -Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und -Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan -brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, -welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen -haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst -ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern -niederlegen. - -Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das -Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub -durchschlüpfe, wurde der +kostbarste Palast der Erde förmlich -ausgeweidet+! - -Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch +geplündert+. -Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten -Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie -nach England und -- verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass -man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann. - -In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, -quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die -+Musik-Halle+ stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der -+öffentlichen Audienz-Halle+. Im Norden dieser Gebäude-Reihe -von 1600 Fuss Länge lagen die +Gast-Räume+ mit Gärten und der -+Privat-Audienzhalle+. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss -Länge, war von den +Wohngemächern+ und dem Harem eingenommen. Somit -bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines -Schlosses in Europa. - -Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden: - -1) Die öffentliche Audienz-Halle (+Diwan-i-Am+). Sie ist ähnlich der -zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss -breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen -von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung -geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen -mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der -Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier -weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt -wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich -ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik -geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das -Werk von +Austin de Bordeaux+ und hat mir nicht sonderlich gefallen, -namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken -von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er -daheim -- verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.) - -Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, -fand ich +hier+ wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und -Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das -schlagendste ist, ein +Orpheus+ mit der Cither in der Hand, von Thieren -umgeben.“ - -Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine -herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der -Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige -Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und -wieder zurückgeleitet. - -2) Die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige -Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf -gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch -drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte -Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt. -Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste -und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In -der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst -der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke -war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und -ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der -berühmte persische Vers: - - Giebt es auf Erden ein Paradies, - So ist es dies, so ist es dies. - -In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde -einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden. - -3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (+Rung Mahal+), die jetzt von den -Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster -aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die +Wage der -Gerechtigkeit+ (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken, -sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils -ausgemeisselt. - -4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte -Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die +Bäder+, -drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte -Glasfenster erleuchtet. - -5) Dicht dabei ist die kleine +Perl-Moschee+ aus weissem und grauem -Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit -flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut -und kostete 160000 Rupien. - -Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine -Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores -liegt die +Jumma Musjid+, die als Hof-Kirche benutzt wurde. - -Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der -Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde. -5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische -Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah -Jahan -- von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach -unserer Zeitrechnung.) - -Auf einem mächtigen +Unterbau+ erhebt sich die offene, mit 15 Fuss -langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle, -welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und -den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der -Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der -Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange +Freitreppe+ von 36 -Stufen empor zu einem +Thorgebäude+. Das hauptsächlichste, östliche, -der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes -durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein -gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie -mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im -Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt. - -Der +Hof+, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten -schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss. -In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen. - -Die +Moschee+ selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet -sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren -mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem -Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei -Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss -hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht -auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände -vollständig mit Marmor bekleidet. - -Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten -Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede -stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533] -über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000 -Gläubige zusammen. - -In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten -Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n. -Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem +Haar aus dem Bart -des Propheten+. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem -Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie -spendet. - -Die +Hauptstrasse+ von Delhi ist +Chandni Chauk+, die Silberstrasse. -Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt -(Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den -grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter -Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast -versorgende Wasserleitung bedeckt. - -In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer -zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, -Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen -fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, -allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte -ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein -Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte -ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in -Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, -das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich -ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den -einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich -vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst -Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler -und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi. - -Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in -der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus -für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen -morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt. - -In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk -fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen -Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der -+goldnen+ empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der -unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet. - -Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten -(+Queen’s Gardens+), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht -ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht -worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und -daneben das +Museum+. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen -der Kunstindustrie; zunächst aus +Delhi+ eingelegte Metallwaaren, -Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens, -aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und -Lampen. - -Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des -Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben -werden. - -Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm -zum Andenken an den Meuter-Kampf (+Mutiny Memorial+). Nördlich davon -in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von -England als +Kaiserin von Indien+ verkündigt wurde. Lord Lytton hatte -alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und -50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten -Prunk entfaltet. - -Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der -Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi -erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter -ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den -Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi -konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden. - -Wenn Delhi, wegen seiner +Ruinen+, das Rom Asiens genannt wird, so -verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse -bezeichnet zu werden. - -Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts -auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem -ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug -unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die -Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten -sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer -+Vorgängerin+ Jahrhunderte lang als +Steinbruch+ ausgebeutet hat. - -Das erste Gebäude von Bedeutung ist +Jai Sing’s Sternwarte+, ähnlich -der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat -Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks, -dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das -Grabmal des +Safdar Jang+, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des -vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50 -von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um -Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht -auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge -mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und -- Stuck. Von -Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die -Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, -deren Stärke im Stuck liegt. - -Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener +britischer -Artillerie+, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung -schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar -so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien -antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen -die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab -für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei -Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den -Ernstfall birgt es grosse Gefahren. - -Das Endziel der Ausfahrt, +Kutb Minar+, liegt 19 Kilometer südlich vom -Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli -einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was -es ist und sein soll, ein +Denkmal des Sieges+ der Mohammedaner über -die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller -aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das -Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften -doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu -haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein +Volksmärchen+, dass der -Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der -Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge -zum Bad im Jumna-Fluss auszog. - -Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller -abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem -Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis -auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist. -In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter -die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren -Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche -schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide -abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst -gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke. - -Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder -kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter -dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden -sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt. - -Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der -Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der -allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den -Massen der benachbarten Kathedrale.) - -390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche -der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum -dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der -Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige -Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht -trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der -Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss -erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh. - -In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der -Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der -im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung -Tughlakabad. - -Kutb Minar steht neben der +Moschee+, die Kutab-ud-din unmittelbar nach -der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der -mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen, -dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein -wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss -breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger -Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten -Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen -wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden -Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen -Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh -(1210-1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren -gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so -Kutb Minar mit eingeschlossen. - -In dem ursprünglichen Hof steht der +Eisenpfeiler+, 23 Fuss 8 Zoll -hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit -einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen -Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es -ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler -aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht -häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist -der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.) - -In den äussersten Hof führt +Alaud-din’s Thor+, ein viereckiges Gebäude -aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift -umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und -gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des -früheren mohammedanischen oder +Pathan-Stiles+ in Indien. - -Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das +Grabmal von -Altamsh+, das älteste in Indien. - -Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s -Denkmal noch die vom Führer so genannte +Halle der+ 64 Säulen, das Grab -von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters -+Amir Khusran+, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern -noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen -+Nizam-u-din+ (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester -gepflegt; und endlich das der +Jahanara+, der frommen und gehorsamen -Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner -siebenjährigen Gefangenschaft. (1658-1665) und ist 1681 verstorben. Das -Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält -die schönen Verse: - - Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt. - Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd. - -Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische -Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie -sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts -geläufig waren. - -In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss -tiefer +Teich+, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte -Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes, -bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert. -Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen. - -Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das -Grabdenkmal von +Humayun+, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau -hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste -Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer -Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen -Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, -alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor -geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder -andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der -Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König -+Bahadur+ Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit -eigener Hand niederschoss. - -1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich -von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt +Indrapat+, -eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533 -ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck -hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor. -Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten -aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art -den Fremdling. +Sher Schah+’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache -Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit -hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der -Nähe steht ein achteckiges Gebäude, +die Bücherei von Humayun+, der -hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen -herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist. - -Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen -Ruinen von +Ferozabad+, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354 -erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler -(+lat+) des Königs +Asoka+ (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo -der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali, -verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe -entziffern. - - -Jaipur.[537] - -+Die indische Heilkunde+. - -Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi -nach +Jaipur+, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and -Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. -Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in -der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine -Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.) - -Ich komme also in die +Rajputana+, jenes grosse Gebiet im -nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, -unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen -einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur -zwei Mohammedaner. - -Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 -an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, -nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren. - -Von der ursprünglichen Kriegerkaste der +Rajput+ (im Sanskrit -Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, -hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz -auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. -h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll -in ihrem Auftreten. - -Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen -zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist -aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei -Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man -erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die -Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken -bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden. - -Abends spät gelange ich in das +Gasthaus zur Kaiserin von Indien+ -(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in -Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, -mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder -Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, -wollten sie +von aussen+ ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir -natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des -Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, -seinen Platz eingenommen. - -Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, -gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die -Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich -auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht -hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir -nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde -zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh -er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung -seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen -machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese -nächtlichen Lieder aufhörten. - - * * * * * - -Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. -Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, -Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten -erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit -andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und -gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) -tragen. - -Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige -Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst -Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare -Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und -Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen -musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen -Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul -geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig. - -Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der -Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig -besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur -britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen -Meuter-Aufstands. - -Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist +Jaipur+ mit 37000 -Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als -2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste -Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der -35^{te}; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, -den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. +Jai Singh+,[543] der -sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt -Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch -den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der -Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden -haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen -Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst -der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die -Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. +Hans Meyer+ -dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.) - -Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen -von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die -Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen -und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. -Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch -üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. -Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen. - -Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über -dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten -Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im -Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, -Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in -den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule) -mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas -schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug -1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst -Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den -einheimischen Staaten Indiens. - -Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur -Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst -mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen. - -Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die -fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein -Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein -+eigenhändig+ unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen -Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich -mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen -Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so -findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. -Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen -in den +Schutzstaaten+ überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, -wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen -Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss -zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser -nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die +Erlaubniss -zur Besichtigung der Paläste+ nur auf schriftlichen Antrag von dem -englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig -lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand -hier reisen wollte, +ohne+ die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so -würde er erst recht auffallen. - -Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten -Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei -munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) -gelegenen Gasthaus nach der Stadt. - -Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie -krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort +Welcome+ eingelegt. Grosse, -mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns -entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in -den vorigen Tagen gesehen. - -Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von -6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden -Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, -sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer -noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten -Winkeln.) - -Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die -einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the -Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit -Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie -mit weissen Zierrathen versehen liess. - -Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine -Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich -Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch -seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil -nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als -tüchtig gebaut. - -Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen -waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in -die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern -eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge -sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. -Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine -Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen -Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern. - -Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen +Laden+ geschleppt, wo die -berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so -geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er -mit mir kein Glück. - -Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem -prachtvollen +Park+ ausserhalb der Mauern, der als der schönste -von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 -Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die -Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien. - -In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des +Lord Mayo+ errichtet, -welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine -Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der -Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines -Mörders sein Leben eingebüsst hat. - -In dem Garten sind +Vogelhäuser+ mit Riesen-Pfauen, auch den -schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit -+wilden Thieren+, namentlich mit +Tigern+. - -Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere -zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er -reizt den Tiger zu höchster Wuth und -- hält dann die Hand auf, um -ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei -einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich -erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, -+Menschenfresser+ seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn, -der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger -in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich -vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst -Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück -seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen. - -Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein -zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 -englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen -getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis -ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 -Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an -einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt. - -+Gefangen+ werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber -legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube -belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und -unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und -zur Schau ausgestellt. - -Der Hauptschmuck des Gartens ist +Albert Hall+, ein neues Gebäude, -zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit -den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der -Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, -an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. -Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus -den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. -Das Innere ist ein +Kunstmuseum+; dasselbe enthält die Ergebnisse -der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 -hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer -stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen -der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die +vollständigste+. -Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da -sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, -Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür -die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; -Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit -wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles -mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn. - -Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen -herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward -ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen -von unserem Prof. +Herter+ erblickte, offenbar als Muster, um den Blick -und Geschmack der Einheimischen zu bilden. - -Es giebt auch eine wirkliche +Kunstschule+ in Jaipur, welche Metall- -und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern -neu beleben soll. - -Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um -die +Stadt selber+ genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe -der einander ähnlichen Häuser in der ersten +Hauptstrasse+, alle -rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, -theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem -Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen -Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen -ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können. - -Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit +Läden+, -unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, -welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und -- -Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht. - -Der +Marktplatz+ am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings -um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit -Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses -Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer -aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und -einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen -grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre -Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen -Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse -verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die -jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm -trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring -aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das -begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen. - -Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den -Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen +Grünhörner+ -im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner -Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In -verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig -fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas -Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die -echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in -der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen, -sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die -Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput -vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole, -Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen -suchen. - -Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh -erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt -mit seinen Gärten ein +Siebentel+ ihrer Flächenausdehnung. - -Nahe dem Haupteingang erhebt sich der +Himmelsthurm+, der von dem -Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem -gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist. - -Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, -zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten -- ohne -Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien -üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben. - -Der Haupttheil des Palastes (+Chandra Mahal+) ist ein in sieben sich -verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude -aus neuerer Zeit, -- wenn man will, in indisch-italienischem Stil; -unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer -der Frauen enthält. - -Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch -verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten -gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine -schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind -leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet. - -Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der -Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (+Hawal Mahal+), auch -von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, -unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, -- von den -Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549] aber in der -That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck. - -Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten. - -Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine -Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine -Staatsdruckerei. - -Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber -unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist. - -Besser gehalten sind die +Ställe+, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten -gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und -den Silber-+Prunkwagen+ des Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht -in die Bewunderung einstimmt. - -Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von +Elephanten+, die -auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren -Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei -festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen. - -In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der -+Krokodil-Teich+.[550] - -Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; -aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich -sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber -unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer -flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der -Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt -haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, -wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die -Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein -Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick -festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den -ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die -Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie -schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und -wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, -so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses -zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils -verschwindet. - -Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in -raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an -der Beute herausholt. - -Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den -+Fürsten+ zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse -Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, -fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von -einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher -Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, -in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden -erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll. - -+Tempel+ giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des -Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig -sind diese Bauten nicht. Der berühmte +goldne+ Tempel ist ein offner -Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im -Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine. - -Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine -Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten -sind noch zu erwähnen die +Grabdenkmäler+ der Fürsten, ausserhalb -der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von -ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem -Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten -Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind +Leergräber+ oder -Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit -Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.) - -Der alte +Garten+ (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge -Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit, -hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen. - -Das +Hauptvergnügen+ in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die -Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens -aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz -vor +Albert Hall+, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten -auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu -lauschen. - -Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert -Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich -sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der -einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend -entgegenzunehmen. - -Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. -Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von -+einheimischen Verkäufern+. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den -nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es -für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war -beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die -dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis -abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten -kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er -von der Hand in den Mund lebt. - -Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die -fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; -sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der -Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen -hat. - -Der +Haupt-Ausflug ist nach Amber+.[551] Montag, den 19. December, -stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang. - -Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, -durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem -aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener -+Wasserpalast+ des Fürsten emporragt. - -Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick -auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. -Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, -auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur -Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, -ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ -Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts -weniger, als angenehm. - -Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein -Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand -bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige -Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen -Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken. - -Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier -enthüllt sich uns ein +wunderbares Schauspiel+: oben auf dem hohen -Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden -Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an -der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt +Amber+. - -Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im -Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, -bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward. - -Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit -festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in -das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige -Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit. - -Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo -die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst -und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist -es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich -geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und -Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch -Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau -vollendet. - -Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige -Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch -pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem -scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener -Kuppeln. - -Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und -bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und -Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges -Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem -die öffentliche +Audienz-Halle+ steht. Die Marmorsäulen, in zwei -Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein -massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit -durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den -Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza -Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung -zu schützen. - -Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen -Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss -getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns -vor Einführung der Papiertapeten üblich war! - -Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der -blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege -geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung -der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die -besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches. - -Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte +Thor -Jai Singh’s+ eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener -Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des -Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten -als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai -Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; -kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch -eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. -Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in -die Alabaster-Täfelungen eingelegt. - -Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die -verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die -als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen. - -Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und -eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch -grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem -Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu -dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die -tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert -worden. - -Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung -sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den -zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten -Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben -mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel -steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; -+Murray+ sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als -alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der -Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie -gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen -Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben -über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, -deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen -gestalteten Enden berühren. - -Auf der Rückfahrt sehe ich die +Dungkuchen-Herstellung+, eine -Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen -„Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der -Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus -platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte -zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient -und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz -ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen -plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht -werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen -sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs -der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem -abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen. - - * * * * * - -Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen -bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem -ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der -+altindischen Heilkunde+ nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage -sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende -Aufgabe. - -Die Heilkunde hat in der +brahmanischen+ Zeit selbständig sich -entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für -die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende -Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung -vom Leben) den +Göttern+ zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der -Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen -für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon -die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren -Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. -Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem -Namen des +Susruta+ und +Charaka+ überlieferten Schriften, gehören den -+späteren+ Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. +Wann+ sie in der -jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt. - -Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die -indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. -Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über -Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer -Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an -ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich -denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, -enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. -Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten -und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir -Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt -haben. - -Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau -und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, -ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so -sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute -nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder -betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die -Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet -den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige -abgeht, gleicht einem Vogel mit nur +einem+ Flügel. - -Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des -Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche -Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde -gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen -Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn -Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen -und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige -ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die -Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen. - -Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den -Grundstock für die erwähnten Schriften. - -Als der heutige Hinduismus entstand (750-1000 n. Chr.), und die Kasten -sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde -auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen -der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad -(750-960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor -im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind -vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden. - -In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der -Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben -englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich -Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch -noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. -Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken. - -Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer -Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter -den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, -538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann -für diese Zahlen (+Hunter+), erwähnt nicht die weiblichen Studenten, -doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung -von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur -Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht -worden. - -Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher -Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die +Nasenbildung+ und der -+Star-Stich+. - -Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, -als +gesetzliche Strafe+ in Indien vorkommt; so ist es doch noch -+Sitte+ in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die -Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, -auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte -Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder -von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung +wird+ ausgeführt in -Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts -englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der -+Ziegelstreicher-Kaste+, sondern von Schülern der englischen -Universitäten und Krankenhäuser. - -Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten -beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst -in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene -Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren. - -Der +Star-Stich+[555] war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit -gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei -Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. +Celsus+ (zur Zeit -Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert; -+Galen+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit -in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich -gab; +Paulus von Aegina+ (im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner -Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und -der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften -des grossen Galen, uns überliefert. Die +Araber+ des Mittelalters -beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer -eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine -zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einen kleinen -Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und -darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben. - -Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde -erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf -Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch -Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit -ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten -ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den -umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden. - -Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren -der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben -diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, -auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher -sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; -im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer -Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat -aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre -Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556] - -Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, +welchem Volke+ (oder gar -welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint -mir zur Zeit völlig unlösbar. - -Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres -Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren -in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es -zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine -Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen -ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine -Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein. - -Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim -Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) -bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner -geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu -Gunsten des Star-Schnitts. - -Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst -sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so -dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei -längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der -+Star-Schnitt+ durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher -geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt -und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen. - -Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen -Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden -und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich -die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. -Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische -Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher -unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu -Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst -Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, -obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem -Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings -der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille -gefallen. - -In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter -einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, -in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel -Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus -befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt -ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, -einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in -+seinem+ Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten. - -Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse -von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den -bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen -und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit -und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse -Schwierigkeiten bereiteten. - -Sie waren zwischen 50-60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach -zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit -worden. (+Wasser+ nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter -und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen -vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren -operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. -Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher -operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt -im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg. - -Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die -Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf -seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er -müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem -Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben. - -Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der -geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von -Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich -fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen -konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu -dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen -wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und -fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem -Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich -auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse -fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut -gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine -Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie -zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein -Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated -into Urdu. Agra 1884.“ - -In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, -ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien -Geldstrafe. - -Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich -verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 -Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische -Unzuverlässigkeit. +Einer+ war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden -Augen vor neun Jahren von jenem operirt, -- mit gutem Erfolge. - -Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein -einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen -sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen -Kranken +von ihren Ketten nicht befreit+ sind! Die Briten, die in so -vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle -Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut -operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem -ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte -ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken. - -Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher -trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge -erzielen. - -Das +Geheimniss+ liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne -in Indien der Alters-Star +zwanzig Jahre früher+ reift, als bei uns. In -Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. -Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im -höheren. - -Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den -Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die -+Gerechtigkeit+ anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, -vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker -ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe -Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte -Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu -beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch -in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der -englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden -nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder -Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war. - - -Berg Abu. - -Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. -(Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda -and Central India Railway.) - -In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 -Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern -mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung -genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens. - -Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen -aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt -ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein -gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; -plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor. - -Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem -Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu, -beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni -und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten +Hügel+ auf (+Arawali+ -hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur -Viehzucht benutzt. - -Auf dem Halteplatz +Abu Road+ lasse ich meinen Koffer zurück, sende die -zwei Stücke Handgepäck hinauf nach +Abu Mountain+, das 24 Kilometer -entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558] - -Ich selber bestieg die +Jinrikisha+, welche von sechs einander -ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559] - -Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° -nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern -auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte -sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ -zu entnehmen war. - -Der +Berg Abu+ gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein -fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt -sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem -Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu -als Heiligthum verehrt wurde. - -Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat +Sirohi+, der -unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 -Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt. - -Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden -Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit -zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht -romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben -reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien -und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen -Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem -Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe -Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem -einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der -Pistolenkolben aus der Rocktasche. - -Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier -beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber -ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz -Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder -Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen. - -Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht -gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine -Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen -schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht. - -Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein -+Fakir+[560] sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein Zelt, -sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen -Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die -Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem -Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut -aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes -Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit -Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den -Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn -die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen. - -Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser -+Jain-Tempel+. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach tiefe, -sogar schraubenförmige Löcher, die an +ehemalige Gletscher+ erinnern; -auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen unter, -Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit dem -letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im Gasthaus. - -Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen -Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde. - -Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen -alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes -Plauderstündchen mit ihm verlebte, -- hier befiel mich zum ersten Male -ernstlich das +Heimweh+. - -Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth -und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die -wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die -merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und -grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun -sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit. - - * * * * * - -Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½ -Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten -(Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten -und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h. -die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem -Meere, die Temperatur ist angenehm. - -Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den -Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen. - -Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen -weiden +fette Kühe+, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht -mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus -Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den -ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische -Brunnen bezeichnet werden. - -Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem -Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den -Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten +Jain-Tempel+ (Delwara[561]) -zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen -wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten -+Edelstein-See+ (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom -Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist. - -Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem -der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer -entfernten Tempeln. - -Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren -Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige -Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern -mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten -Tempeln angehören. - -+Das Innere ist überraschend.+ Der prachtvollere der beiden Tempel -ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf -feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, -sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen -Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 -Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des -Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der -460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden -musste! - -Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel -errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer. - -Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, -um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich -geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die -Grundform des Jain-Tempels kennen lernen. - -In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer -Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in -ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und -oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine -prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang -des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen -weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt. - -Achtundvierzig +freistehende+, herrlich geschmückte +Säulen+ setzen -diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die -Wölbung aus +wagerechten+ Steinen; die +strahlenförmige+ der Römer muss -ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch, -wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.) - -Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und -90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) -von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben -ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von -diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten -Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem -Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles -ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere -und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und -mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an -jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. -Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries -von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, -darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. -Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor -in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen -auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben -in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren -geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren -Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten -Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In -dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die -scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.) - -Das +Ganze+ macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren -Eindruck, obwohl manche +Einzelheiten+ uns weniger anziehen. - -Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im -Baustoff als auch in der Ausführung. - -Ein grässlich lärmender +Gottesdienst+ mit Gong und Pauken wurde grade -abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie -sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir -zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei. - -Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt -waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine -grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist -von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden. - -Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom -Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. -+Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,+ sind -hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von -Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir -angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien -werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen. - -Die Frage der +Jaina+ ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu -keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina -erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied -zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint. - -Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit -und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste -Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von -seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge -und üben +ahimsâ+, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer -gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich -des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes -Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie -niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. -Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen +Triratna+ (d. h. die drei -Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) -vollkommenes Leben. - -Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die -Jaina erkennen +vierundzwanzig Jina+ an, (d. h. Siegreiche, oder -+Thirthankara+, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche -das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den -vorletzten +Parsvanath+ und den letzten +Mahavira+, (d. h. grosser -Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha -gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind, -Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion -begründet haben soll. - -+Jetzt+ giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den -Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben -wird. - -Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist -Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und -unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen -Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben -sind. Sie theilen sich in +Yati+ oder Büsser und +Çravaka+ oder Hörer -(Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut neue, -prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. Aber -weit grösser war ihr Einfluss in +früherer+ Zeit; nur ist es sehr -schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren. - -Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen -Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine -Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine -besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich -Hindu. - -Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt. -Unser Landsmann +Jacobi+ hat neuerdings (1884) dargethan, dass -Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben, -nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse -Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war -die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und -verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt -wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr. -verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. -Chr. Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der +Swetambara+ oder -Weissgekleideten und +Digambara+ oder Nackten (Luft-gekleideten) zwei -oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese Theilung -besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara Yati) -jetzt Nacktheit nicht mehr +öffentlich+ zur Schau tragen. Der Streit -zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den kanonischen -Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) wird die -Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), in den -Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. -aber beide Secten der Jaina erwähnt. - -Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr., -war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί -übersetzte.[567] - - * * * * * - -Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am -Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha -wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben -gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer -Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie -sich zum Schmause lagern. - - -Ahmedabad. - -Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568] wo ich Morgens -6 Uhr ankomme. (Ortszug der +Bombay, Baroda and Central India+ -Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also -kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.) - -In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal -wieder das +Kreuz des Südens+ zu erblicken. +Dante+, dem es wohl nur -aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem -Anblick; +Vespucci+ sah es auf seiner dritten Reise (1501); +Corsali+ -(1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet. - -Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so -gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war -mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem -nördlichen Wendekreis. - -Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in -den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen. - -Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, -ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar. - -Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des -Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf -Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche -Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines -Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft. - -Die Stadt +Ahmedabad+ (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein -wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer -148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, -welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und -fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite -der Stadt) nach dem +Rasthaus+, das dicht vor dem in der Mitte der -Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des -Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein -Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der -Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer. - -+Ahmedabad ist äusserst lohnend.+ Die Stadt ist die erste im Bezirk -+Guzerat+ und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren -nördlichen Theil jener Bezirk bildet. - -Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 -und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und -besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem -daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den -Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer -und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000 -Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster -+Baroda+ ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf -britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren -Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen. - -Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als -Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, -bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika. - -Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die -byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen -Baruch (+Barotsch+) an der Mündung des Nerbudda. - -Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), -der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land -zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 -hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der -Brahmanen. - -Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches -von Delhi.[571] - -Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. -Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem -Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat -eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen -Sohn +Ahmed Schah+ erbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt -(Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem -Namen benannte Stadt +Ahmedabad+, stattete sie mit breiten Strassen, -prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu -einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter -seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum -und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada -(1459-1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der -Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt -verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von -einer Partei desselben +Akbar+ herbeigerufen, drang ohne erheblichen -Widerstand in Ahmedabad ein und machte Guzerat zu einer Provinz des -Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann -eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000 -Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer -Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht -geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen -Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort, -„sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572] - -Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der -Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, -bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz -der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen -Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt. - -Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch -Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, -da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark -bestellte, -- sein Vorgänger für 1½ Millionen. - -Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in -nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573] -zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und -umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege -enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen -gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche -abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen. - -Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, -der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings -mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite -beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt -zieht die Eisenbahn hin. - -Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig -bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen; -und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste -mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrer -+hindu-saracenischen Baukunst+. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange -Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen -Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten indisch geblieben. Die -Gestalt ihrer +Verzierungen+ ist gradezu unübertrefflich. - -Zuerst fahren wir nach der +Hauptsehenswürdigkeit+, der +Jumma Musjid+. -Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichen -+Hauptstrasse+ (Manik Chauk). - -Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen -des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den -gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu -demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers, -nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000 -Quadratfuss misst. - -Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu -jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten -und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings -als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch -ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte -jedes der beiden Thürme[574] ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 -herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das -Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind -grösser und höher, als die andern. - -Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und -den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen. - -In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, -eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des -Sultans ist oben in der Mitte. - -Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden -Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese -hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut -auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. -- -Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern -neben ihm. -- Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn -von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“ - -Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze -Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine -umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren -Fuss setzen. - -An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. -Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von -achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. -Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit -Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit -Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines -Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber -der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der -durchbrochenen Fenster.[576] - -Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, -bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an -der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, -sondern echt hindostanisch sein. - -Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der -Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (+Minarets+) -versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet -versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds -Grab zeigt (+Kiblah+), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen -wird. (+Mimbar+.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den -vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein -Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (+Roza+) des Begründers. Gegen das -Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt -an 1000 Moscheen und Gärten. - -Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das -Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem -Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, -so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. -Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s -+dreifaches Thor+ (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher -Bildhauerverzierung. - -Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute +Burg+ -(+Badr+ genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali, -der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan, -1636 erbaute +Palast+, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude, -jetzt als Gefängniss benutzt; die +Rubin-Bastion+ (Manik Burj), um den -Grundstein der Stadt erbaut, und, in der Nordostecke der Umwallung, -+Sidi Said’s Moschee+, jetzt allerdings für die örtliche +Verwaltung+ -benutzt. Aber die durchbrochene +Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster+ -lohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad. - -Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche -Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. -Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die -feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die -Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist -naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten -Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben. - -Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem -Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der +Rani -Sipri+ liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat -1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss -in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören. - -Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern -aus weissem Marmor. - -Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang -stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss -hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss -hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein -Triumph des Bildhauers. - -Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen -zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener -Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt -und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht. - -1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der +Kankariya+- oder -+Bergkrystall-See+, 1451 von dem Sultan +Kutbudin+ angelegt und 1872 -von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in Ordnung gebracht. Sein -Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und bildet ein regelmässiges -Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss lang ist; sein Flächeninhalt -beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. Es ist die grösste Anlage -dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem Südende führt ein Damm mit -Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen Insel, auf der, inmitten -von Palmen und violettblühenden Bäumen mit prachtvollem Grün, eine -Erholungshalle angebracht ist. - -Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von -weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die -Sperlinge. - -Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal von -+Schah Alam+, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher Berather -von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die durchbrochene -Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und aus Bronze an den -Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder Beschreibung. Wunderbar -ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die Minarets der Moschee von -90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit Rundgängen. - -Zum Schluss kommt die Betrachtung der +Bazare+. - -Goldschmied-[577] und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten, -Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen -Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann, -Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön -bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold- -und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-[578] und Papier-Waaren, -- -alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten. - -Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn -lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte -Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die -Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der -Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden -als Stadt-Haupt anerkannt. - -So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten -Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr -ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen. - -Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst die -innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der +Königin+ -(+Rani Musjid+), die wahrscheinlich zur Zeit von Ahmed Schah erbaut -worden ist. - -Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von -einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33 -Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die -Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als -die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der -Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von -durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,[579] -aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets -reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie -unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört -worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind -zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss. - -In der Nähe ist die Moschee von +Mohammed Chisti+ aus dem Jahre 1565, -mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu -finden. - -Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen +Jain-Tempel+, den, -ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati Singh, -nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen -Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch lebendig, lebendig -ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens in der Stadt eine -Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere (+Panjrapol+) erbaut haben -und unterhalten, sowie ausserordentlich zahlreiche, schön geschnitzte -und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf hohen Pfeilern. - -Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu, -auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und -überaus +sauber+ gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss -breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild -und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln. - -Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen -Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen -(angeblich des Dharmmanatha, des 15^{ten} der 24 Thirthankara), mit -Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind -nicht so unduldsam, wie die Hindu. - -Danach kamen die +Wasserwerke+ an die Reihe, die ebenso wenig wie der -Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen ist -gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen -wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt -das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von -18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von -dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend -ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa -sechzehn Wasserhähnen draussen am Umfang, so dass zu den bestimmten -Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch -entnommen werden kann. - -Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles auf -das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich nach -meiner Heimath. Als ich +Berlin+ nenne, fasst er meine Hand, und bittet -um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung der weltberühmten -Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich verspreche ihm das, -aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi halten unser Wort -heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ Ich war ein wenig -geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und habe ihm auch, mit -Hilfe unsres vortrefflichen Director +Gille+, seinen Wunsch erfüllt. - -Den Schluss machte die Besichtigung des +Hospitals+, dessen Arzt ein -Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche Impf-Stelle -ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit Pockennarben, auch -viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden. - -Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir, -dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann, -wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich -mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den -Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu -bestellen.[580] - - -Bombay. - -Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. -December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. -- -310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch -meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und -von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in -Watson’s +Esplanade Hotel+, dem besten in Indien. - -Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen -Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem -Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann -alsdann die Besichtigung der +zweiten Hauptstadt+ von Indien beginnen. - -Bombay,[581] +das Auge von Indien+, das nach Westen schaut, die -Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien -fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach -Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König -Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an -die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es -820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 -Europäer. - -Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl -von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste -Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem -sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) -durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ -nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat -11_{,5} Kilometer Länge, 3_{,5} Breite und etwa 55 Quadratkilometer -Flächeninhalt,[582] und ungefähr die Gestalt einer länglichen, -unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet -sind. Die kürzere, östliche Spitze ist +Malabar-Hügel+, der Wohnsitz -der Reichen; die längere westliche +Kolaba+, das Hauptquartier des -Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back -Bay). - -Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, -liegt die alte +Festung und der Hafen+, und westlich davon die -+Esplanade+, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten -schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583] Stadt -der Eingeborenen an (+Black town+) und reicht nördlich bis zu den -Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des -Malabar-Hügels. - -Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich -seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche -Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil der Insel, wo -allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich -habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und -erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu -behandeln hat.[584] - -Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt -günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun -beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum -Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70 -Zoll im Jahre. - -In +geschichtlicher+ Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre -1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran -grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen -abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine -befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König -Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen -Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon -1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische -Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund -Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung -(Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das -Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug -bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben. - -Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste -Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern. - -Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war - - 1716: 16000, - 1815: 221000, - 1834: 234000, - 1864: 816000[585], - 1872: 640000, - 1881: 773000[586], - 1891: 821000 (einschliesslich des Cantonment). - -Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel der -Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier -Procent. - -Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der -englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung -der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869). - -Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen -Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen -gewesen sein, nach dem +Guide of Bombay+, 1892. Aber hier zeigt sich -die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach +Hunter’s amtlichen+ -Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen. -Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent -auf Calcutta. +Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.+ - -Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen -Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen -Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr -gehen durch den Suez-Canal. - -Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch -seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. -1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 -Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 -Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen -Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften -unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay. - - * * * * * - -+Esplanade Hotel+ hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. -Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), -nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale -Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft -emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben -ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich -Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre -Schmarotzer der Reisenden. - -Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, -mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien -lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und -gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen -Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem -Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo -hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden. - -Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr -gross, noch glänzend ausgestattet war.[587] - -Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, -die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine -Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588] ein Postamt, -ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, -wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger -innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das -letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates -sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll -grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso -wie die Pförtner und Diener. - -Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen -Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen -Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren -eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend. - -Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze -Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen -einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen -den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten -verplaudert. - -In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, -theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die -Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine -Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu -entgehen.[590] - -Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser -indischen Grossstadt nicht. - -Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist -gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, -nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe. - -Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich -am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die -englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge -geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das -Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung -zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. -Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir -mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme -Morgenstunde. - -Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist -es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen +Prachtgebäude+ -zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von -einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der -indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um -es kurz zu sagen, +geschmacklosere Bauten+, als die der Engländer in -Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf -so engem Baum zusammengedrängt gesehen. - -Das +Secretariat+ der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus -(mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft -mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge -und vier Stockwerken; -- für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, -ausserdem aber soll es „+venetianisch+“ sein. - -Die +Universitäts-Halle+ ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott -im „+französischen+“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss -lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach -Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien -dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im -+Innern+, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die -Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts -zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.) - -Die +Universitäts-Bücherei+ mit dem Glocken-Thurme, von demselben -Sir Gilbert Scott in dem „+gothischen Stil des 14. Jahrhunderts+“ -entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss -langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem -plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast -200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, -deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der -von +Rajabi+, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand -Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und -ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die -vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber -nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen -Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung -zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude -an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die -Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir -führt. - -Das +Gerichtsgebäude+, in „+altenglischem+“ Stil von Gen. J. A. Fuller -entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, -ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch -+drinnen+; das beste, was man dort sieht, ist die +Aussicht+. - -+Postgebäude+ „im mittelalterlichen Stil“, +Telegraphenamt+ „im neuen -gothischen“ und +Bau-Amt+, die hier in der Nähe und dicht bei einander -liegen, verdienen nur genannt zu werden. - -Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so -stösst man zuerst auf die +Cathedrale+, die 1718 erbaut, 1833 mit -einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen -und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen -Rundgarten (+Elphinstone Circle+), der von hohen Geschäftshäusern -umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (+Town Hall+), das mit -seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle -etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 -£ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen Saal von 100 Fuss Länge -und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu +Bällen+ -benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien -keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige -Bücherei der +asiatischen Gesellschaft+ und hierdurch den deutschen -Fachgelehrten genügend bekannt. - -Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die +Münze+, -welche 300000 Rupien an +einem+ Tage zu prägen im Stande ist und früher -bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann -konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen -Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung -nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden. - -Ob das neue Stadthaus (+Municipal Office+) am Nordende des -Europäer-Viertels[596] nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, -weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe -zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die +mohammedanische -Mädchen-Schule+, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung -anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude -des +Victoria-Eisenbahnhalteplatzes+,[597] das allenthalben nach vorn -Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem -Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen -den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät -gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der -prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war -der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, -die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der -Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway. - -Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf -denjenigen, der aus Indien +kommt+ und so viel schönes gesehen. - -Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die +Bildsäulen+. - -Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, -steht die bronzene +Reiterstatue des Prinzen von Wales+, die Sir -+Albert Sassoon+[598] zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben -(1875/76) durch Herrn +Böhm+ für 12500 £ anfertigen liess und der Stadt -Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt. -Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist -12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe, -also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält -der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die -Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der -Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern -steht. - -An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem -gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe +die Königin+ im Staatsgewande. -Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, von +Noble+. Die -Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien, -wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein -gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende -Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh -gesehen. - -Bombay’s Bedeutung beruht auf dem +Seehandel+. - -Naturgemäss wendet man sich zum +Hafen+. Es ist nicht weit. Man -verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke, -geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die -Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem +Seemanns-Heim+[599] und dem -+Jacht-Club+ zur Linken und einem +Erfrischungshause+ zur Rechten. -Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönte -+Landungstreppe+ in den Hafen vor, die den für uns seltsamen Namen -+Apollo Bunder+ führt. - -+Bunder+ oder Bandar heisst auf hindostanisch +Uferstrasse+. Das Wort -Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h. -+Fisch+, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie -eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben. - -+Apollo Bunder+ oder, wie der +amtliche+ Name jetzt lautet, -+Wellington Damm+ (W. Pier) ist das wirkliche +Eingangs-Thor+ zur -Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. -Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge -und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick -von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der -schönsten +Seelandschaften+ der Erde. Vor uns liegen in dem von schier -unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die -zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von -den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung -darstellt, -- denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen -+Kastell+ sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die -Waffensammlung (+Arsenal+), -- so ist doch für die +Vertheidigung des -Hafens+ einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia -und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt -sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer -Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der -Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter -nach Osten die Schlacht-Insel (+Butcher’s Island+), wo die Mannschaften -zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben. - -Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu -schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die -berühmte +Elephanta+ und die Berge des Festlandes, die westlichen -+Ghats+, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll -ist das Bild +gegen Abend+, wenn die tiefer stehende Sonne auf -den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten -hervorruft. - -Dann sammelt sich auf diesem Platz „+ganz Bombay+“ oder wenigstens -eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. -Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und -anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem -Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um -für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich -vorzubereiten. - -Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der -Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. -Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch -gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an -die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen -die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das -lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt -geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren -Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) -und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch -Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu -unterscheiden. - -Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit -Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen -und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; -Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; -Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um -den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus -Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. -Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, -das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig -verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit -den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen -sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen. - -Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die -fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten -sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei -Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, -Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die -Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer -Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre -Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet -in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen -Richtungen. - -Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die +Werft+ (Dockyard), -1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen -Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 -wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig -gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches -Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, -hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere -Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere -Docks zu erbauen. - -Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte +Sassoon-Dock+ zum -Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 -Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der -Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, +Prince’s Dock+, das 30 -Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie -+Victoria Dock+, von 25 Acres = 10 Hektaren. - -Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen -bis zur Münze sind der See +abgewonnen+,[600] wodurch der Hafen -erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche -Geschäftsviertel umgewandelt wurden. - -+Hundert Millionen+ Mark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung -der Backbay, ausgegeben worden. - -Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, -nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren -und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde -daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer -+Schwalbe+, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen -angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern -lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn -Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor -Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf -bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der -blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. -Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von -+einem+ Mann gedreht und gerichtet. - -Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. -Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten -Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel -(Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen -darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit -wird die Sache sich wohl anders entwickeln. - -Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein -Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst -ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die -Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer -Löhnung. - -Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und -mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert. - -Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche -Postdampfer +Imperatrix+ des östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1. -Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert -lag. - -Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf -das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die -Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur -eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen. - -Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich -den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein -Geschenk (bakschisch) zu verlangen. - -Schlechter ist es mit den +Droschken+ bestellt, wenn auch nicht ganz -so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie -bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z. -B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben -angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei, -und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach -solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der -Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für -den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere -Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer -Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn -benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert. - -Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken +zu Fuss+ -zurückzulegen. - -Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, -durch +Colaba causeway+. Hier kommt man zu dem +Baumwollen-Paradies+. -Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde. -4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 -in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000 -Menschen Beschäftigung finden. - -Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland -als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen -Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 -Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere -Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit -dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden -in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und -durchmustert von Kauflustigen. - -Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu -den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts -beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass -in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz -beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der -Europäer hat in +einem+ Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, -als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden. - -Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort -Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien -von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch -zinspflichtig bleiben. - -Umfassend ist hier am +Südende+ die +Aussicht+ auf Bombay. -Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der -Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, -mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der -Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter -der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des -sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am -Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ -der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay -kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige -rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen -der in der Bombaybucht gelegenen Inseln. - -Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische -Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und -Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum -Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine -Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, -seitdem ein neuer (+Prong Light+) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze -gelegenen Klippe erbaut worden. - -Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten +Uferstrasse+, (Drive, -Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber -von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel -hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die -Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier -und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von -Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags -belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den -Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse -lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von -Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner. - -Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein -+Reitplatz+ von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich -+Rotten Row+ genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine -heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis -zum Aequator und zu den Gegenfüsslern. - -Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central -India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und -eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine -Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz. - -Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (+Gymkhana+). Hier hatte -einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England, -der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das -Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine -gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur -grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich -aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer -einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603] - -Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den +Begräbnissstätten+ --- der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen. - -Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten. - -Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer -umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener -Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem -Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich -dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und -alles betrachten wolle. Das verstand +er+ wieder nicht. Schliesslich -aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift -des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen -Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon -gesehen und ging meines Weges. - -Die +einheimische Stadt+ erreicht man am besten über Hornby road, die -von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt; -und von da weiter[604] nördlich zum +Crawfort Markt+, dem Anfang der -„schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605] - -Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen -Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit -Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten. - -Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865-1871, hat natürlich -die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche -gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt -dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe -des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, -verlegte. - -Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von -einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen -sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und -frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe -des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der -unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden. - -Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den -Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango -zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und -viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, -wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide -Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in -besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig -weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch -essen. - -Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen -Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen -und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die -aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. -Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel -betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.) - -Von dem Markt ist es nicht weit zu den +Bazaren+, wo die Erzeugnisse -des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die -Fortsetzung von Hornby road, die +Abduraman+- (oder Aboulrehman) -Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt. - -Einen sehr grossen Raum nimmt der +Kupferschmied-Bazar+ ein, er macht -sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar. -Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen -feilgehalten und verkauft. - -Berühmt sind ferner die +Holzschnitzereien+ und eingelegten -Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, -Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der -Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und -Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen -Massen gebraucht. - -Die +Strassen+ der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne -Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von -der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, -ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten -Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die -Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben -in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen. - -Von +Tempeln+ bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit -abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren -und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets -hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es -heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi. - -Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so -sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie -in Calcutta. - -Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die +Fabriken+ mit ihren -hohen Schornsteinen. - -Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn -Sassoon, die 1200 Menschen, nur +Asiaten+, beschäftigt. - -Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der -Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne -und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte -das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden -nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das -ist das doppelte des Rohstoff-Preises. - -In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen die -+Krankenhäuser der Medicin-Schule+ (Grant Medical College). - -Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier -Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind -Eingeborene, ebenso die Studenten. - -Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das -Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn -Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den -andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig -ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja -die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und -Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel -nicht erdrosselt, sondern schlachtet. - -Derselbe +Jamshidji Jijibhai+ hat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme -und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut; -ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von +Fardunji Sorabji Parak+ -zum Andenken an ihre Mutter begründet. - -Die +Gewerbeschule+, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von -dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem -Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei -versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon. - -Ganz im +Norden der Stadt+, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla, -liegt der +Victoria-Garten+. - -Hier steht das +Albert-Museum+. Sir G. +Birdwood+ sammelte 1 lakh -durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 -das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm -dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen -Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der -Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das -möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht -so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll -und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und -Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen. - -Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand -durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten -Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen -Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten -kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche -Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten -erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe -Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden -war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren -und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal -ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten -Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind. - -Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich -mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen -Europäer dort gesehen. - -Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten -+Victoria-Garten+, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, -auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der -Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in -Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger -und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch -durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig -ist der +Schlangen-Zwinger+. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube -enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten -Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie -auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger -Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten -Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen -ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen -Leibes darstellt. - -+Malabar-Hügel+ besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den +Parsi+ -gewidmet. - -Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen -Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er -drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner -jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die -letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor -unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen -Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen -Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches -Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr -dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch -niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich -suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über -die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein -Urtheil zu bilden. - -Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise -europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht -viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine -Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes -für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger -Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich -doch geradezu erstaunt, +den Inbegriff der Parsi-Lehre+ zu erfahren: - -+Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.+ Zur Erinnerung an -diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten +Zend-Avesta+,[607] -betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr -alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen -denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote -ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man -kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen -sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. -Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare -hatten +gar keine Erfolge+ bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd -mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf -bestätigen. - -Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden -schilt, werden sie sich zu trösten wissen, -- mit dem alten Propheten -+Jesajas+,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und -den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden -+Herodot+,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, -weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von -Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische -Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion -der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; -da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie -namentlich +Haug+,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen -und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden -wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den +einen+ -allmächtigen Gott lehren und preisen. - -Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist +Zoroaster+ -(Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) -gelebt hat. Die Quelle ist das Buch +Zend-Avesta+, d. h. Erklärung vom -Gesetz.[611] - -In der +altiranischen+ Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend -genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe -verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache -der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, -wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber -diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere -Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu -werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und -von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. -Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser -uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des -Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der -Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion -des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien -die herrschende gewesen. - -Nachdem +Alexander der Grosse+ Persien erobert, in seiner Trunkenheit -auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen -Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen -Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der -turanischen +Parther+ aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis -226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des -alten Glaubens unter den +Sassaniden+ des mittelpersischen Reiches -(226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur -noch +geringe Ueberreste+ der alten Bücher sich vorfanden, die in -die +damals übliche Schriftart+[612] umgeschrieben und mit einer -Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. +Der Name -Zend-Avesta kam erst damals auf+; unter der +Erläuterung+ wurden die -Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig -verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd -III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und -Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber -ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten. - -In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der -Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings -umgeben von den schiitischen Mohammedanern des +neupersischen+ Reiches, -das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber -gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist. - -Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich -nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das -heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, -gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien -Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach -+Bombay+. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der -Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. -Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre -+heiligen Schriften+ haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus -Persien ergänzt. - -So gelang es dem französischen Gelehrten +Anquetil Desperons+, der 1755 -unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre -dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift -des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, -die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung -herausgab. Die +Zweifel der Engländer+ über das Alter der Schrift und -sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen -Sprachforscher +Rask+ beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem -Sanskrit erkannte, und von +Eugen Bournouf+, der ihre Grammatik -feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829-1843). Seitdem hat man -auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. -Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser -als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der -deutschen Uebersetzung von +Spiegel+ (Leipzig, 1852-1863), weit besser -aber in der von +Haug+ (Leipzig, 1858-1860) und in dessen umfassendem -Werk,[614] sowie in den von +Max Müller+ herausgegebenen Sacred books -of the East die uralten heiligen Gesänge (+Gâthâs+[615]) des Zoroaster -mit Bequemlichkeit lesen. - -Der leitende Gedanke von +Spitama Zarathushtra+ war in der -+Glaubenslehre+ die +Einheit+ Gottes, in der +Weisheitslehre+ -die +Zwiefältigkeit+ der Dinge, der guten und der bösen, in der -+Sittenlehre+ die +Dreifältigkeit+ (Gedanken, Worte, Thaten). Er war -einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher -auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in -den alten Gesängen des Zarathushtra +Ahurô mazdâo+,[616] lebendiger -Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der -ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die -Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur +ein+ -Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament. - -Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein -wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro -mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des -Ahuramazda (+Ormazd+) aufgefasst und Angro mainyush (+Ahriman+) als -sein Widersacher. - -So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle; -die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht. - -Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie -herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta -und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das -Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 -Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende -Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren -Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum -Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade -bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: +Indien den -Indern+. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer -soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria -soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden. - -Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre -häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf -dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi -sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch -sitzen dürfen. Daran kehrte +ich+ mich allerdings nicht und nöthigte -meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, -- unbekümmert -um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu -reden wagte keiner von ihnen. - -Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem -Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche -und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi -besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem -Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark -monatlich an Europäer vermiethet werden. - -Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir -vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen -aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. -gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er -aber nicht. - -Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher -beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (+Dhakma+, +Thurm des -Schweigens+), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 -Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel -aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher -Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf -seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels -angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt. - -Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor -zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem -Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir -ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, -vermag ich nicht zu sagen. - -Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen -werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine -herrliche Aussicht auf Bombay. - -Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der -Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am -Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der -Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der -Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude. - -Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört -und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, -dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens -betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer -in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet. - -Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu -Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige -denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es -darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst -Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer -Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche -Darstellung. - -Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von -40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die -Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt -und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche -abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser -und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden -wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete -Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren -Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, -in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte -Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen -Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen -+Geier+, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere -Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger -als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in -der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, -wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und -durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen -geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht -so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich -erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, -sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, -die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung -des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach -gebaut und weiss getüncht. - -Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen -die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer -beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, -nach dem Wort des +Zerduscht+,[618] Reich und Arm sich begegnen. -Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den -einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und -den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, -kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden -Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung -der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere -Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde -vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer -Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden -wir gerechter sein gegen Andersdenkende. +Sir Lyon Playfair+[619] sagt -über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung -verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu -berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute -noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als -ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten -angesehen werden.“[620] - -Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter -südwärts fährt, sieht östlich die schönen +Gartenanlagen+, die am -Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an -den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen +Bungalow+, die -in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, -Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch -- leer stehen, wegen -der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel -zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte -Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben -gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, -erfordert. - -Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene -heilige Dorf der Hindu, +Walkeschwar+, d. h. des Sandes Herr. +Rama+, -der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von -Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita -zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen -Pfeil in den Boden: sofort erschien der +heilige Teich+ (Vanatirtha, -Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und -Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm -sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht -rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem +Sand+ des Bodens. - -Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur -Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer -Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von -den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs, -die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines -Auges zu beklagen hatten. - -Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit -wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde -sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen. - -Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen -Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf -den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und -wohlthätigen Hindu errichtet. - -An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche -Meile von dem Fort) befindet sich der +Palast des Statthalters+. -(Gouvernements house at Malabar Point.) - -Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss -über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und -Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt -eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst -und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo -er seinen Namen in das Buch einträgt. - -Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um -Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm. - -Nach dem Abendessen fuhren wir zum +Parsi-Theater+. Das ist ein ganz -stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer -Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, -mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung. - -Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der -mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut -gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher -gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und -in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch -angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten. - -Das Stück, welches gegeben wurde, war -- +Molière’s Geizhals+, aber -nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung -und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es -ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi -die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, -nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, -Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr -belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber -gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. -Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne -gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das -englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York -gesehen. - -Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, -aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und -Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben. - -Zu den +Ausflügen+, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach +Mahim+ -an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu -seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend. -Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die -Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander -liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch -die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat. - -Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem -+Palmenhain+ des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht -finden, weil er -- nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des -Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb -der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war -nichts Neues für mich. - -So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und -durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling -betrachteten. - -Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel +Elephanta+. Ich will -nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem +ersten+ Nachmittag in Bombay -unternommen. - -Die Gasthausverwaltung[622] veranstaltet diese Fahrten, mehrmals -wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die -Person. - -Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 -Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu -erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in -dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der -1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay gebracht wurde -und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel -Gharapur, d. h. Grottenstadt. - -Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so -werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus -der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe -und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die -ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge -der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel -Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel -ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man -überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen -zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben -Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen. - -+Wann+ diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, -zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein -achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel -als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger -Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser -ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die -Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich -gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht -seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten +Niebuhr+ (1774-1778) die -erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des -Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen. - -Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga) -+Tempels+ ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter -Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen -genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen -Pfeilern,[623] die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein -bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der -Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der -Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter- -oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine -gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (+Trimurti+); das mittlere, milde -Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu -oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen -Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16 -Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich -gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem -westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati -12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht -reden. - -Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa -und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt. - -Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes -Ganescha mit dem Elephanten-Kopf. - -In andern Gemächern erscheint +Schiwa+, wie er auf seinem Berge -Kailas thront, und +Ravana+, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den -Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie -er von +Daksha+, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter -geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult -siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava) -in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette -von Schädeln. - -Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch -die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige -Wirkung ausübt, die +wir+ allerdings lieber mit andern Mitteln -hervorbringen möchten. - -Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister +Goethe+ zu -den folgenden Versen veranlassten: - - Und so will ich, ein für allemal, - Keine Bestien in dem Göttersaal! - Die leidigen Elephantenrüssel, - Das umgeschlungene Schlangengenüssel, - Tief Urschildkröte im Weltensumpf, - Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf, - Die müssen uns zur Verzweiflung bringen, - Wird sie nicht reiner Ost verschlingen. - - * * * * * - - Der Ost hat sie schon längst verschlungen: - Kalidas und andre sind durchgedrungen; - Sie haben mit Dichterzierlichkeit - Von Pfaffen und Fratzen uns befreit. - In Indien möchte ich selber leben, - Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben. - Was will man denn vergnüglicher wissen, - Sakontola, Nala, die muss man küssen; - Und Megha-Duta, den Wolkengesandten, - Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten. - -Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da -unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre -geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer -ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in +einen+ -Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum -nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in -der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen -Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns -als Kunstschöpfungen ersten Ranges. - -Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu -Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der -ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in -den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir -ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von -Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl -nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck -hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen. - -Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der -künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie -Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich -heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt -werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für -unsren +heutigen+ Kunstgeschmack aufzustellen. - - * * * * * - -Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss -ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach -den noch weit berühmteren +Grotten-Tempeln+ von +Ellora+ zu benutzen. -Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise -erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des -mohammedanischen Nizam von Haiderabad. - -Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22^h 30′“) von Bombay mit dem -Schnellzug[624] der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich -178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem -kleinen Halteplatz +Nandgaon+, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und -die telegraphisch vorher bestellte +Extrapost+ vorfindet, die den -Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich -nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625] - -Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen -Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt -werden. - -Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient -die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen -Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten -ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der -Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und -Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten -Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten. - -Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde -werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende -Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen -zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo -wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die -Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl -ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die -Land-Strasse ist leidlich. - -Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein -und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das -merkwürdige +Reich des Nizam+, betreten hatten. - -Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen -(oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden -9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 -Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die -herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich -anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.) - -Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan -nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem -Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich +nicht-arischer+ -Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und -Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie -des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinen -Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die -Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte -von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur -Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee. - -Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) -empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die -Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer -General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des -jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den -Süden des Dekkan-Dreiecks. - -Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in -fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der -Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich -besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in -kleinere Herrschaften. - -Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder -erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann -hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den -Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 -entstanden, die der +Marathen+. Diese konnte Aurangzeb nicht -vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707. - -Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der -Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 -endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen -Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte -sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah -im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die -Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als -unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und -mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des -Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, -eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land -Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. -Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden -abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen -Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein -Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er -hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige -Regimenter Truppen zu stellen. - -Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber -einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, -erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist -einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr -Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich -aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zu -+Aurangabad+ und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres -Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen. - -Die erste ist das Grabmal von +Rabi’ a Durani+, der Lieblings-Tochter -von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild -von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen. -Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch -unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das -Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem -die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung -in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des -Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um -das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, -- was -von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts -kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der -Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der -Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im -Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden. - -Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen -Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder -wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen. - -Auch die +Jumma Musjid+, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik -Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, -erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites -Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner -Kuppel, kleinen Thürmen, -- aber sehr gut in Ordnung gehalten. - -Der Priester, der uns den Ein+tritt+ verwehrte, (der Ein+blick+ von -aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir -schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das -Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen -Feigenbäume, die den Weg beschatten. - -Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir -wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen. - -Das Städtchen +Aurangabad+ ist noch gar nicht so alt, hat aber sehr -wechselnde Schicksale durchgemacht. - -Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem -Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es von +Aurangzeb+ zu seinem -+südlichen Herrschersitz+ erkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum -Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge -den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der -grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) -Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten -in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre -Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz -lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle. - -Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem -Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen -Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der -indische Kutscher hat sein Schätzchen. - -Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch -ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische -Meilen = 12½ Kilometer entfernten +Daulatabad+, früher Deogiri genannt. -Das ist eine indische +Festung+ des 13. Jahrhunderts, höchst malerisch -und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist -unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner -mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch -einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und -durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang -zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen, -in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt -Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund -Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626] -als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen -Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach -Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die -Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten. - -Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan -und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein -schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten -Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge -und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines -europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten. - -Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten -Maratha-Krieg (1803-4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge -aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist -die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier -ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern. - -Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige -bewohnte Hütten übrig geblieben. - -Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer -entfernten +Roza+, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen -Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in -dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten. - -Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, -bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen -Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren -Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit -gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm -der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern. - -Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, -- Roza (Rauza) -bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. -Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, -der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte -König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger. - -Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da -das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu -seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den -Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer -Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen -überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des -Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem -Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben -ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein -umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden -ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen. - -Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer -Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet -wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem -einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln -des Dorfes +Ellora+, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher -Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von -Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden -verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder -von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass -sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht -vollständig. - -Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus -merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst -Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert -n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s -Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus -Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt -wurde. - -Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner -Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen -Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In -dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in -dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder -Hindu-Gläubigen (17). - -Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. -Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und -dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert -n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen -Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von -der 9/10 der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 -auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der -mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die -Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke -und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich -geeignet für den Höhlenbau. - -Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die -indischen Leistungen sind weit grossartiger. - -Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen -gehauenen Tempels[627] ist selbstverständlich, während unsere -mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die -oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben. - -Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt -in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem -prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem -+Kailas+. - -Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer -Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen -errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist -aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628] Ein -rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 -Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein -Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss -Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen -Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit -7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen -getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes -Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor -verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan -= Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher -beschrieben ist, stellt gewissermassen +einen+ Einzelblock-Tempel dar. -Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern -und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. +Fergusson+ -setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller -genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als -Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und -bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das -Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung. - -Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs -gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite -ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit -einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht -als Musik-Halle benutzt. - -Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen -besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste -Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser -Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken Mauern, -einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. -Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des -Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen -freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und -mehr seitlich den Elephanten. - -Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige -bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629] Rechts und -links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit -Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem -schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die -anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird. - -Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im -Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil -des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen -getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in -Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den -Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste -Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem -zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der -ihn zu entführen trachtet. - -Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind -dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut -bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte. - -Hätte +Goethe+ das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete -Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen -Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie -die über Sakuntala, ergänzt haben. - -Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof -umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, -das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den -Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert -herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die -Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet. - -In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, -Nandi und dem reichsten Bilderschmuck. - -So viel über den einen Bau, den +Kailas+. - -Von den brahmanischen, d. h. nach +nordindischem+ Stil errichteten -Tempeln, ist der schönste +Dumar Lena+, wahrscheinlich zwischen 600 und -750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von -drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150 -Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie -in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand. - -Unter den +buddhistischen+ Tempeln ist der merkwürdigste +Vishwakarma+, -von den Engländern +Zimmermann’s Höhle+ (Carpenter’s cave) genannt, -wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den -Vorhof,[630] der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und -Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst -geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist. - -Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche, -(85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,[631] -als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände -bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten -Säulen,[632] über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung -ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden -Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur -von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im -Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den -dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet. - -Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (+chaitya+) aus späterer -Zeit,[633] jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. errichtet. - -Eine Reihe von Klöstern (+Vihara+) sind in der Nähe dieser Kirche in -den Fels gegraben. Das grösste ist +Dherwara+,[634] 100×70 Fuss. - -Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha -dargestellt. - -+Do-Tal+ ist zweistöckig, +Tin-Tal+ sogar dreistöckig, wie schon die -Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen. - -Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von +Das Avatar+, aber der -Stil ist +brahmanisch+, mit einer Halle für den heiligen Stier des -Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der -Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten. -Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer. - -An dem Nordende des Hügels liegen die +Jaina+-Tempel. Der eine, +Indra -Subha+, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende -Schrein vor der Höhle, nach +Fergusson+ aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., -das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und -seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora. - -Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, -betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635] der -gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der -Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist. - - * * * * * - -+Brief aus Roza bei Ellora.+ Donnerstag, den 29. December 1892. -- -Diesen Brief schreibe ich im +Grabe+. Es ist aber natürlich nicht mein -eigenes, sondern das -- eines +längstverstorbenen+ Mohammedaners, -eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen -Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, -für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden. - -Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht -gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken -des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen. - -Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der -Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung -gebracht, schlief ich ganz gut. - -Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, -Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur -Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden -liess. - -Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche -Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten -zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu -wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in -seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der -dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie -viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er -sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. -Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. -- -- -- -- - - * * * * * - -Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir -ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort +Ellora+ sehen wir einen -+Hindu-Tempelbezirk+, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt -zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von -hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und -von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, -deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den -Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem -Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe. - -Nachmittags erlebten wir einen +Radreifenbruch+. Wir liehen uns in -einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, -so gut es ging, an der Achse. - -Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie -forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von +Europa+ -vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als -ich ihnen 16 gab. - -Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein -ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten -Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 -Stunden, keine sonderliche Leistung.) - -In +Bombay+ machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte -die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte -Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um -unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend -ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord -der Imperatrix und winkte von dort mein +Lebewohl+ dem märchenhaft -schönen Lande Indien zu. - - - - -VIII. - -Heimfahrt. - - -Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser -gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch -die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock -heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der -auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort -genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine -vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns -das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das -persisch-arabische Meer, auf +Aden+ zu. - -+Log-Bericht+. - -Bombay-Aden = 1664 Seemeilen. - - Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags. - (18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.) - - I) 1. Januar, Mittags, 18° 48′ nördl. Br., | - 72° 16′ östl. Lg. 40 S.-M.|Summe - II) 2. „ „ 17° 52′ „ „ | - 67° „ „ 300 „ | 340. - III) 3. „ „ 16° 41′ „ „ | - 61° 58′ „ „ 301 „ | 641. - IV) 4. „ „ 15° 30′ „ „ | - 56° 46′ „ „ 312 „ | 953. - V) 5. „ „ 14° 10′ „ „ | - 51° 5′ „ „ 336 „ |1289. - VI) 6. „ „ 12° 47′ „ „ | - 45° 35′ „ „ 336 „ |1625. - - Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags. - Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens. - -Aden-Suez 1310 Seemeilen. - - VII) 7. Jan., Mittags, 13° 20′ nördl. Br., | - 43° 4′ östl. Lg., 139 S.-M.|Summe - VIII) 8. „ „ 17° 52′ „ „ | - 40° 2′ „ „ 327 „ | 466. - IX) 9. „ „ 22° 13′ „ „ | - 37° 32′ „ „ 296 „ | 762. - X) 10. „ „ 26° 32′ „ „ | - 34° 46′ „ „ 300 „ |1062. - XI) 11. Januar, Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez. - Suez-Portsaid 160 Kilometer. - 11. „ Vorm. 10½ Uhr Abfahrt durch den Kanal. - XII) 12. „ „ 8 „ Ankunft in Portsaid. - - Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher - Breite, 32° 20′ östlicher Länge.) - - -Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen. - - XIII) 13. Januar, Mittags, 33° 41′ nördl. Br., | - 27° 36′ östl. Lg., 280 S.M.|Summe - XIV) 14. „ „ 35° 42′ „ „ | - 23° 5′ „ „ 250 „ | 530. - XV) 15. „ „ 39° 12′ „ „ | - 19° 26′ „ „ 285 „ | 815. - - Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags. - Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags. - - -Brindisi-Trieste 372 Seemeilen. - - XVI) 16. Januar, Mittags, 43° 3′ nördl. Br., 15° 52′ östl. Lg., 109 M. - XVII) 17. „ Morgens, Trieste. - -Unser gutes Schiff +Imperatrix+ vom östreichischen Lloyd hat 4914 -Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die Höhe -des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der -Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten, -die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän +Egger+ -ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die anderen -Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch deutsch. -Zum ersten Male wieder seit Kobe -- Hongkong ist auf dem Schiffe meine -Muttersprache vorherrschend. - -Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die -Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen -recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem -Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre -mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner -Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein -Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen. - -Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus -Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu -Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und -Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lidränder -und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus -Portsaid. - -Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer. - -Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte -+26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor -dem +raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt+ ist unbegründet, wie -meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne -Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay -nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7 -Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen: - - 2. Januar +24½° C. - 3. „ +25½° C. - 4. „ +24° C. - 5. „ +25° C. - 6. „ +25° C. - 7. „ +25° C. - 8. „ +26½° C. - 9. „ +23° C. (Nachmittags 19½° C.) - 10. „ kühler. (Nordwind).[637] - 11. „ +15½° C. - 12. „ +12½° C. (4½ Uhr 20° C.) - 13. „ +18° C. (Mittags 19° C.) - 14. „ +13° C. - 15. „ +10½° C. (Mittags 10° C.) - 16. „ +10° C. - 17. „ -2° C, im Steuerhäuschen. - -Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem -Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt. - -Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4. -Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen -englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship). - -Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen -von +Aden+ Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei -Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän -Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete -Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust -gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten -Aden’s brachte. - -Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden, -welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden -Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb, -unter 12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur -20 Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel +Aden+, die -allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige -und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland -zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient. - -Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little -Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der -Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden -Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer -weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und -Nagasaki. - -Obwohl +Aden+ einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten -Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne Nass -darstellt;[638] so hat der +herrliche Hafen+ und die +vortreffliche -Lage+, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika und Indien gradezu -einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche und blühende -Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur von den -Einwohnern als +Paradies+ (Eden) bezeichnet, schon von dem Propheten -+Ezechiel+[639] gepriesen, im Periplus als Arabia Eudaimon[640] -beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana, Athana, Arabia -Felix gekannt war. - -Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber -gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der -Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze -Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien. -1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von -den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie -wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der -Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838 -versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese -in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und -beschönigten den Raub mit dem Vorwand, es sei ein hier gescheitertes -Schiff geplündert worden.[641] Zur Behauptung des Platzes waren nur -unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der -Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des -Besitzes hinzu gekauft. - -Aber die +Engländer+ haben mit ihrem unleugbarem +Geschick+ aus dem -Felsennest etwas +ordentliches+ gemacht. - -Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000[642] -verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. -Zwei Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: +Araber+ und -+Somali+,[643] während reine +Neger+ nur sparsamer vertreten sind. Die -Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, schwarzem -Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, übrigens -auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem Haar, das -sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und Kutscher, -die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen ihnen Parsi -und Hindu den Gewinn streitig. - -Die Besatzung besteht aus +Hindu+ (Sepoy). Dazu kommen 200 +Juden+, die -an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso viele +Europäer+, -- -Officiere, Baumeister und Ingenieure, Hafenbeamte, Kaufleute. - -Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer -durch Bauten noch stärker befestigt und so ein +Gibraltar des Ostens+ -geschaffen.[644] Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei +Steamer -Point+ an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für den -Schiffsverkehr hergestellt und einen +Freihafen+ geschaffen. Besonders -hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich gehoben, -da es der wichtige und unentbehrliche +Halteplatz+ aller Dampfer -zwischen Suez und Ostindien geworden. - -Riesige Lager von +Steinkohlen+ sind hier eingerichtet, um die -Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen 165000 -Tonnen; der +Gesammthandel+ (Aus- und Einfuhr) 5 Millionen £.[645]; -Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. Ausgeführt wird Kaffe (aus -Südarabien), Gummi, Häute und Felle, Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; -eingeführt werden Getreide und Mehl, Baumwollenwaaren, Stückgüter, -Petroleum, Tabak. Der örtliche Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar -ist nicht unbeträchtlich. Ackerbau giebt es natürlich nicht auf -diesem nackten Felsen, und der Gewerbefleiss erzeugt allein -- -+Trinkwasser+, Eis, Kochsalz. Letzteres wird an der seichten Nordküste -des Hafens durch Verdampfen von Meerwasser hergestellt; man sieht die -schneeweissen Haufen auf dem Sande liegen. Regen ist nicht viel zu -befürchten; der Regenfall misst jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth -ist ausreichend; beträgt ja die mittlere Temperatur + 29½° C. im -Schatten, das ganze Jahr hindurch. - -Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den -Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der -Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay, -schon merklich schlechter, als in Ostindien. - -Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine -schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis -zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber -durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen, -überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post- -und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für -den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel -zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich -der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut -gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen, -vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen -Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge -sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang[646] zwischen zwei -nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken -Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die -natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses -Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier, -wenngleich in bürgerlicher Kleidung. - -Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns -erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten -Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren, -rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die -regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit -platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die -Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater -des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer -Vorzeit abgebrochen ist. - -Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet. -Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die -letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im -Einspänner mit ihren Frauen spazieren. - -Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur -Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die -Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.[647] - -So wird das +Getränk+ künstlich hergestellt; die +Nahrung+ aber -eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der -Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien. - -Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss -getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem -Dorfe bei Scutari findet. - -Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien -und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken -starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt -möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem -Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste -Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon -sind. - -Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel -Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse, -welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu -den berühmten +Wasserbehältern+, ist eine schüchterne Pflanzung -von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus -Tiefbrunnen unterhalten. - -Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt -betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt. -Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des -Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der -Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet. - -Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse, -in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete, -oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die -zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die -Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens -zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige -Lache enthalten. - -Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden derartige -Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen -600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat -Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle -Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal -zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der -ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen -Wasserbehälter zusammenfliessen. - -Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz -von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken -wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30 -Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch -haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit -des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte -Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das -gewünschte. - - * * * * * - -Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag -in der „+Thränen-Strasse+“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen -Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres -verzweifelten +Segelschiffern+ erhalten hat und heutzutage, in der -Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. In der -Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel +Perim+. -Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem guten -Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für den -Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste -Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die -Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen -Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie -wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln. -Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12 -Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien, -nur ¾ Seemeilen. - -Ueberhaupt ist wohl das System +Aden+ -- +Perim+ für den Kriegsfall -nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in friedlichen -Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie genügen nur, die -einheimischen Horden in Zaum zu erhalten. - -Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige -Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann. - -Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen -Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das -zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis -er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim -zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift -geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in -Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier, -augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge -zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden -sie -- den Tisch besetzt. - -Wir sind also in dem +rothen Meer+, dessen erstickende Gluthhitze in -den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert -wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis -Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York; -seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch -ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung -zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die -grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser -für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender -Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder den -rothen Felsen bei Suez oder von +Edom+, der umwohnenden Völkerschaft, -der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft. - -Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die -gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf -Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich -hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf -dem Fusse, -- eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung -eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.) - -Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter -dem schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die +Sukur-Inseln+ -werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor, -wie ein Springquell, -- von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in -dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren. - -Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens -26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein -+Gewitter+, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser Capitän, der -zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht erinnern, jemals -im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben. Erstaunlich ist die -zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters. Es dauert ¼ Tag, -während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt das Schiff nach allen -vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist auch die Häufigkeit der -Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht hoch über dem Horizont, -eine Gewitterwolke. Diese flammt auf, alle 5 oder 10 Sekunden, von -bläulichem Licht erglühend; der Rand heller, als die Mitte. Mitunter -wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns befindlichen Himmelsgewölbes für -einen Augenblick erhellt, so dass man dabei die Uhr erkennen kann. -Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so, wie jenes Aufleuchten. -Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht unbedeutender Breite, -mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume umschreibend; nicht bloss -nach unten, sondern auch fast wagerecht verlaufend. Donner ist sparsam, -nur für einen Theil des Gewitters hörbar. - -Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23, -Nachmittags 19½° C. Wir haben +Nordwind+; zum ersten Mal seit Bombay, -finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu +sitzen+. Zwanzig -Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht Zeichen eines -grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im Suez-Canal, das -etwa 24 Stunden angedauert. - -Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde, -zackige +Sinai-Halbinsel+ und ferner an der afrikanischen Küste die -Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm. - -Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten -des Golf von +Suez+; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide -sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an -der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor -Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits -schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den -+Kanal+ hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild. - -Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen -Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren -weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper -Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der -Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt -belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt; -nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte -Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez -sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste -und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel. - -Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern -versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen, -kleinen Ortschaften bringen Abwechslung. - -Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst -zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der -Dunkelheit noch gerade +Ismalija+. Dann aber werden die electrischen -Scheinwerfer[648] vorn auf unserem Schiff entzündet, das majestätisch -und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem kleinen Hafen des -Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und Morgens um 8 Uhr in -+Portsaid+ vor Anker geht. - -Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen -Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der -ältesten Culturvölker der Erde zu fahren. - -Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen -Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen. -Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben -einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer, -Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen -Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen. - -Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von -dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben. - -Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals -zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon -Bonaparte liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen -anstellen, die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten, -dass der Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als -der des Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden -Meere gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung -von Ebbe und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt -sie 1 bis 2 Meter. +Ferdinand de Lesseps+ gebührt das Verdienst, die -300 Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle -Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung, -der Oertlichkeit,[649] der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer -Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den -Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,[650] „fertig gestellt zu -haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“ - -Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel -50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter. -Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer den andern -vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und -Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt -dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40 -Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss. - -Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen -£, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf -Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.) - -Der Ueberschuss, den die Gesellschaft 1887 erzielt, betrug 29_{,7} -Millionen Francs. (Einnahmen 60_{,5}, Ausgaben 30_{,8} Millionen -Francs.) Sie nimmt 10 Francs für die Tonne und ebenso viel für -jeden Reisenden. Die Gebühr, die ein Schiff zu zahlen hat, ist ganz -anständig, für unsre Imperatrix in runder Summe 50000 Francs. Im Jahre -1887 benutzten den Kanal 3137 Schiffe mit einem Netto-Gehalt von -5900000 Tonnen, davon 2330 englische, 185 französische, 159 deutsche. -Die Entfernung von London nach Bombay ist um das Cap der guten Hoffnung -10719 Seemeilen, durch den Suez-Kanal 6274. Die Abkürzung der Fahrt -durch den Suez-Kanal beträgt für Dampfer nach Bombay von Brindisi 37, -von London 24, von Hamburg 24 Tage. Aber da Dampferfahrt um das Cap -nicht lohnend war, wegen der Schwierigkeit der Kohlenbeschaffung, so -hat man eigentlich gegenüberzustellen: - - Segelfahrt von London nach Bombay 100 Tage. - Dampfschifffahrt „ „ „ 26 „ - -Die Eröffnung des Suez-Kanals hat bewirkt, dass der Welthandel von -der Segel- zur Dampf-Schifffahrt überging, zumal gleichzeitig die -zusammengesetzten Maschinen aufkamen. - -+Portsaid+, eine Schöpfung des Kanals, hat schon 21000 Einwohner, -Niederlassungen aller grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften, auch -unsres norddeutschen Lloyd, und einen äusserst lebhaften Verkehr. -Nachdem ich mich an dem fesselnden Hafenbild der aus- und einladenden -Schiffe aller Nationen erfreut, gehe ich an’s Land, kaufe ägyptische -Cigaretten und vertraue mein Haupt einem italienischen Haarkünstler an. - -Mittags fahren wir ab, am 14. Januar erblicken wir Morgens die -schneebedeckten Felsen von Candia und haben bei rauhem Wetter gegen -den Wind zu kämpfen, so dass unser Log-Bericht von 250 Seemeilen der -schlechteste wird, den unser Capitän jemals gemacht. Am 15. Januar -erblicken wir Morgens Cephalonia, um 11 Uhr Korfu und lagern Abends für -eine Stunde im Hafen von Brindisi. - -Dienstag, den 17. Januar, Morgens, erreichen wir unter Schneegestöber -(bei - 2° C. im Steuerhäuschen) die Stadt Triest, können aber nicht in -den Hafen hinein, der leider an +unrichtiger+ Stelle angelegt zu sein -scheint, sondern landen in der Bucht von Muggia. - -Wunderbar ist der Anblick des von dem Nordwind (Bora) gepeitschten -Meeres. In Triest war es grimmig kalt. Der Nachtzug brachte mich trotz -der Schneeanhäufungen glücklich über den Karst und nach Wien. Von hier -fuhr ich mit dem Eilzug nach Dresden. +Am 19. Januar+ 1893 +kam ich in -Berlin an+, nach einer Reise von 171 Tagen über eine Strecke von 48092 -Kilometern. - -Fast ist es mir, wie ein schöner +Traum+. Aber die wechselnden Bilder -stehen +lebendig+ vor meinem Auge. Mein Herz ist voll Dankbarkeit gegen -das +neunzehnte Jahrhundert+, das die Entfernung vernichtet und solche -Reisen ermöglicht hat. - - -Entfernungen: - - Kilometer - 1. Berlin -- Bremerhafen | 408. - 2. Bremerhafen -- New-York 3600 See-M. | 6660. - 3. New-York, Washington, Baltimore, | - Philadelphia, New-York 456 Engl. M. | 753. - 4. New-York -- Albany 143 E. M. | 229. - 5. Albany -- Niagara -- Owen Sound 486 E. M. | 782. - 6. Owen Sound -- Fort William 555 See-M. | 893. - 7. Fort William -- Vancouver 1900 E. M. | 3058. - 8. Vancouver -- Yokohama 4283 See-M. | 7744. - 9. In Japan bis Kobe 614 E. M. | 987. - 10. Kobe -- Hongkong 1367 See-M. | 2637. - 11. Hongkong -- Colombo 3096 See-M. | 5875. - 12. In Ceylon 444 E. M. | 714. - 13. Colombo -- Calcutta 1380 See-M. | 2550. - 14. In Indien | - Calcutta -- Darjeeling | - und zurück 758 E. M. | - Calcutta -- Benares 476 „ | - Benares -- Lucknow 200 „ | - Lucknow -- Cawnpur 35 „ | - Cawnpur -- Agra 240 „ | - Agra -- Delhi 243 „ | - Delhi -- Bombay 890 „ | - Bombay -- Ellora | - und zurück 468 „ 3310 E. M. | 5330. - Bombay -- Triest 4367 See-M. | 8082. - Triest -- Wien -- Berlin | 1390. - --------------+------ - 48092. - - - - -Verbesserungen. - - -Seite 49, letzte Zeile, lies 1440/360 = 4. - -S. 56, Z. 21, lies +ihre Nummer+. - -S. 68, Z. 13, lies +deutsche Meilen+. - -S. 78, Z. 3 von unten, lies +von der Vorstadt+. - -S. 84, Z. 2, lies +Papst+. - -S. 178, Z. 8 von unten, lies +Der mit+. - -S. 190, Z. 19, lies +seit Jahrhunderten+. - -S. 215, Z. 27, lies +Verpflegung+. - -S. 236, Z. 10, lies +einer jener+. - -S. 264, Z. 26, lies +der leider zu früh f. d. W.+ - -S. 304, Z. 17, lies +von wenig mehr als+ 100. - -S. 337, Z. 17, lies +gelangten, und+. - -S. 349, Z. 15, lies +Ghulam+. - -S. 352, Z. 30, lies +im Louvre+. - -S. 363, Note 1, füge zu: 8590 +in ganz Deutschland+ 1892. - -S. 370, Z. 10 von unten, lies +dauert+ 60 +Stunden+. - -S. 371, Z. 21, lies +Reuleaux+. - -S. 411, Z. 19, lies +Schah+. - -S. 419, Note, füge hinzu: In einem zweiten Briefe schreibt Herr Dr. -Ign. Goldziher: Der Satz, die Welt ist eine Brücke, gehet darüber, -aber nehmet darauf nicht bleibenden Aufenthalt, wird als von Christus -(Al Masîh, Messias) herrührend in der mohamedanischen Spruch-Literatur -erwähnt. Meine Quelle ist Al-Garîb al-Isfahânî, Muhâdarât al udabâ’, -ed. Kairo, II, 217. - -[Illustration] - - - - -Fußnoten: - -[1] Der Platz in der ersten Cajüte kostet 400 bis 500 Mark, also -ungefähr 50 Mark für den Tag; der Platz im Zwischendeck etwa 100 Mark. -Die ganze Verpflegung ist eingeschlossen, nur Bier und Wein müssen -besonders bezahlt werden. - -[2] Zu 75 Kilogramm-Meter in 1 Secunde; also gleich 12×13000 = 156000 -Menschenkräften. - -[3] Die 1884 in England gebaute „Eider“, 450′ lang, hatte 6 Millionen -Mark gekostet. Die Flotte des norddeutschen Lloyd zählt 76 Dampfer, von -denen nur 25 weniger als 1000 Tonnen messen. - -[4] Ein Drittel der vollen Ladung ist Kohle. (Für ungefähr 17 Tage.) - -[5] Auf meiner ersten Reise über den atlantischen Ocean im Jahre -1887 habe ich (natürlich in Begleitung des Capitäns, da es sonst -nicht gestattet ist,) das Zwischendeck besucht. 600 Reisende waren -dort untergebracht, in drei Abtheilungen; die erste ist für ledige -Frauen, die zweite für Familien, die dritte für ledige Männer. Jeder -hat seine eigene Lagerstätte mit Stroh-Sack und Kopf-Kissen; für -eine Decke hat er selber zu sorgen, doch kann er dieselbe, die er -auf seiner Fahrt durch den amerikanischen Continent so nothwendig -braucht, zum Selbstkostenpreis von der Gesellschaft des norddeutschen -Lloyd in Bremen oder Bremerhafen beziehen. Dies Zwischendeck war -besser eingerichtet und gelüftet, als irgend eines, das ich zuvor -gesehen. Namentlich denke ich noch mit einem gewissen Grauen an das -des russischen Dampfers, welcher 500 russisch-katholische Pilger von -Odessa nach Palästina beförderte. Aber bei bewegter See herrschte auch -im Zwischendeck der „Eider“ das graue Elend. Willenlos liegen oder -hocken alle, jung und alt, auf Betten und Gängen. Pausbäckige Kinder, -denen die dicken Thränen über die Wangen laufen, klagen „Mutting, ich -sterbe,“ lassen aber doch das wohlgeschmierte Butterbrod nicht fallen. - -[6] Die Schiffe haben ihre Schicksale. Die „Eider“ ist inzwischen -wrack geworden; und die „Spree“ hatte, ehe ich die Heimath wieder -erreichte, einen Bruch der Schraubenwelle erlitten, wobei die Umsicht -und Thatkraft des Capitäns aufs beste sich bewährt hat. - -[7] Stewards. - -[8] Frankreich zahlt Unterstützung an Dampferlinien gegen 27000000 Mark. - - England gegen 17500000 Mark - Deutschland „ 4720000 „ - Italien „ 7000000 „ - Oestr.-Ungarn „ 4000000 „ - Russland „ 5000000 „ - Vereinigte Staaten „ 1100000 „ - Mexico „ 2000000 „ - Japan „ 897000 „ - - -[9] Von Southampton bis Bremen 420 Seemeilen. - -[10] Needles. - -[11] log record. - -[12] pool, wörtlich Einsatz. - -[13] Nach Westen macht, wenn alles übrige gleich ist, der Dampfer -scheinbar über ein Dutzend Meilen mehr an jedem Tage, als nach Osten. -Denn nach Westen zu werden jedem Tag ungefähr 45 Minuten zugegeben, -nach Osten abgezogen. - -[14] Von Greenwich. - -[15] Von den +Nadeln+ ab gerechnet. - -[16] Wegen des zwischen Europa und Nordamerika vorherrschenden -Südwestwindes legten die Packetboote die Fahrt von Liverpool nach -New-York durchschnittlich in 40 Tagen, den Rückweg in 23 Tagen zurück. - -[17] 1818 war das mit Dampfmaschine versehene Segelschiff Savannah von -Nordamerika bis Liverpool in 26 Tagen gefahren, wobei 18 Tage unter -Dampf. - -[18] 1887 auf der Eider noch sieben Tage und etliche Stunden. -- Der -Hamburger Schnelldampfer Bismarck hat 1892 nur 5 T. 20 St. gebraucht. - -[19] 1 Tag = 24 Stunden = 24×60×60 = 86400 Secunden. - -7 Tage = 7×86400 = 604800 Secunden oder Umdrehungen. Auf der Eider -waren es etwa 777600. - -[20] So eine Welle hat einen Durchmesser von mehr als 2 Fuss, die -Schraubenflügel von mehr als 20 Fuss. Die Welle geht von der Maschine, -die in der +Mitte+ des Schiffes sich befindet, bis zum hinteren -Ende, besteht aus mehreren Theilen und besitzt Widerlager, so dass -sie bei der Drehung nicht nach vorn gleiten kann. Natürlich ist ihre -Austrittsstelle durch eine mächtige Stopfbüchse gegen das Eindringen -des Wassers geschützt. - -[21] Höchst mangelhaft war die Einrichtung auf dem Dampfer Brindisi der -englischen P. & O. Gesellschaft, von Hongkong nach Colombo. Um 11 Uhr -wurde die Dynamomaschine abgestellt, alle Cajüten waren dunkel. Mein -Nachbar, ein Capitän unserer Kriegsflotte, und ich selber forderten -(und erlangten) Kerzen für die leeren Leuchter unserer Cajüten. - -[22] Die 24 Stunden des Tages sind in sieben Wachen eingetheilt: Erste -Wacht von 8 Uhr Abends bis Mitternacht; mittlere Wacht von Mitternacht -bis 4 Uhr Morgens, Morgenwacht von 4-8 Uhr, Vormittagswacht von 8-12 -Uhr, Nachmittagswacht von Mittag bis 4 Uhr. Erste Hundewacht von 4-6 -Uhr, zweite Hundewacht von 6-8. Durch diese Eintheilung ändern sich die -Wachen für jeden Mann an jedem Tag. - -[23] Die „+Elbe+“ des norddeutschen Lloyd führte 1887 für 1000 Menschen -28000 Pfund Fleisch, 24000 Pfund Mehl u. dgl., 48000 Pfund Eis, 8000 -Flaschen Bier und dazu noch 1000 Liter, 2000 Fl. Rheinwein u. s. w. - -[24] Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten auf einer Kugeloberfläche -liegt in dem grössten Kreis, der durch jene beiden Punkte und den -Mittelpunkt der Kugel gelegt wird. - -[25] Klaproth, 1841. Vgl. Poggendorff’s Geschichte der Physik, 1879, S. -98. - -[26] 1 Faden gleich 6 Fuss. - -[27] Die Seemeile ist gleich der mittleren Meridianminute = 1852 Meter. - -Die preussische Meile ist 24000′ = 7420 Meter, die engl. (Statute m.) -5280′ = 1609 Meter. - - -[28] Auf dem Weltmeer ist es doch etwas kühler. Während diesseits und -jenseits die fürchterlichste Hitze wüthete, mass ich auf dem Schiffe -um die Mittagszeit 19° C. im Schatten, in der Nähe von New-York 22°C. -und selbst 23°C. Die Temperatur des Wassers war 13°, aber so lange wir -im Golfstrom verweilten, 15-17°. (Zu New-York +Nachts+ im Schlafzimmer -22°, zu Washington 30° C, August 1892.) - -[29] Stets mässig, habe ich während der 65 Seefahrtstage auf dieser -Reise nicht eine einzige Mahlzeit versäumt, wohl aber manche Gänge. -Oliven, wie Sardinen in Oel, Kraut, Thunfisch vermeide ich stets an -Schiffsbord. - -[30] Man miethet ihn für 4 Mark und lässt ihn mit seinem Namen -bezeichnen. Früher musste man einen Stuhl kaufen, was auch jetzt noch -zwischen Vancouver und Bombay nothwendig ist. - -[31] Phocaena communis, 2-3 Meter lang, lebt gesellig im -nordatlantischen Ocean. Von den Matrosen Meerschwein genannt. (Englisch -porpoise.) - -[32] Alle halbe Stunden schlägt die Schiffsglocke, um 8½ Uhr Vormittags -1 Mal, um 9 Uhr 2 Mal und so fort, d. h. um 12 Uhr Mittags 8 Mal. Dann -beginnt das Spiel von vorn, für jede der sechs Schichten von je 4 -Stunden. - -[33] Besonders im Süden, wo neue Sternbilder auftauchen. - -[34] Ohne dunkles Schutzglas ist die Beobachtung schwierig und nicht -ganz genau. - -[35] - -[Illustration] - - (_a_ + _c_)^2 = _b_^2 + _c_^2 - _b_^2 = _a_^2 + 2_ac_ oder, da _a_^2 gegen 2_ca_ verschwindet, - _b_ =√(2_c_×_a_). - -2_c_, der Erddurchmesser, ist 1900×24000′ = 45000000′. - - √(2_c_) = 6500′ = 1 Seemeile. - _b_ = 6500′ · √(_a_′) = √(_a_′) in Seemeilen. - -Ist unsere Erhebung über den Wasserspiegel - - _a_ = 9 Fuss, so wird _b_ = 3 Seemeilen, - _a_ = 25 „ „ „ _b_ = 5 „ - _a_ = 36 „ „ „ _b_ = 6 „ - -Diese +angenäherte+ Formel ist leichter zu behalten, als die -genauere, welche ich später in +Breusing’s+ Steuermannskunst -(Bremen 1890, Seite 184) gefunden. [_b_ = 3568 Meter×√_a_.]. -Unser „Handbuch der Navigation, herausgegeben vom Reichs-Marineamt -(Berlin 1891)“ enthält die folgenden +genauen+ Angaben, mit denen -meine angenäherten genügend stimmen. - - Augeshöhe Sichtweite - - M. Sm. - - 3 3,6 - 8 5,89 - 12 7,21 - . . . . . . . . . . - 33 11,95 - -Hat der gesehene Punkt _P_ die Erhöhung α und unser Auge -diejenige von _a_; so ist die Gesammtentfernung _AP_ = _b_ + β - = √(_a_′) + √(α′). - -Ist α = 100′ (Mastspitze), _a_ = 25′; so sieht man _P_ doch -nicht auf 10 + 5 = 15 Seemeilen, weil die Mastspitze zu wenig sich -abhebt. Aber Leuchtfeuer werden auf 20 bis 30 Seemeilen gesehen, -- -jedoch nicht auf 75, wie der prahlerische Reisende dem rechnenden -vergeblich weiss zu machen sucht. Denn 5000′ hoch stellt man kein -Leuchtfeuer.] - -[36] Von P. Dörffel, Berlin. - -[37] Damals ahnten wir noch nicht, wie berüchtigt die Einwohner durch -selbstsüchtige, feige Roheit einige Wochen später, zur Cholerazeit, -sich machen sollten: mit Dolchen, Revolvern, Flinten, Aexten hinderten -sie die Landung der Reisenden, welche von der amerikanischen Regierung -dorthin geschickt worden waren. - -[38] Mein Brief, der meine Erlebnisse auf dem Dampfer meldete, -wurde, mit deutschen Briefmarken ausgestattet, in den deutschen -Postbriefkasten an Bord unseres Schiffes geworfen. Wir haben einen -Postbeamten an Bord, der die nach Deutschland bestimmten Briefe sofort -im Hafen auf einen heimkehrenden Postdampfer befördert, (wozu in -New-York an jedem Tag Gelegenheit sich bietet,) so dass mein Schreiben -nach 10 Tagen in Berlin sein kann. Meine glückliche Ankunft brauche -ich nicht nach Hause zu telegraphiren. Sowie wir in Sandyhook sichtbar -geworden, ist die Nachricht durch den Draht nach New-York, und von hier -nach Bremen und Berlin befördert worden. Zehn Minuten nach Ankunft -des Telegramms in Berlin hat die Gesellschaft des norddeutschen Lloyd -dasselbe in mein Haus zu den Meinigen gesendet. - -[39] Da ich diesmal nur New-York, Washington, Baltimore, Philadelphia -besucht; so verzichte ich auf eine genaue Schilderung der Reise durch -die +Vereinigten Staaten+ und verweise den Leser auf mein Büchlein: -„+Von New-York nach S. Francisco+“ (Leipzig 1888), wo er eine -Schilderung der amerikanischen Eisenbahnen, der Städte Chicago, St. -Paul und Minneapolis, Portland, S. Francisco, Mormon City, Denver, -ferner vom Niagarafall, vom Nationalpark und vom Yosemite-Thal finden -kann. - -[40] Canadian Pacific Railroad, C. P. R. - -[41] Das ist allerdings auch mit der nördlichen Pacificbahn -durchführbar. - -[42] Vgl. die Schrift „Canadian Pacific Railway“. - -[43] Day-line. - -[44] „No European river is so lordly in its bearing.“ Das ist -amerikanische Ausdrucksweise. (Spread eagle style.) - -[45] West-shore und N. Y. Central. - -[46] Es ist nicht angebracht, an dieser Stelle den Niagara zu -beschreiben. Meine eigene Schilderung findet der geneigte Leser in dem -letzten Kapitel des obenerwähnten Büchleins. - -[47] An Bord des Dampfers ist weder Bier noch Wein, ja nicht einmal -Selterswasser zu haben! Das ist gesundheitswidrig, übertrieben und -heuchlerisch. - -[48] Auf der Meeresfahrt haben sie sich +nicht+ bewährt. - -[49] Rapids. - -[50] Im Jahre 1890 gingen durch S. St. M. 8,4 Millionen Tonnen; durch -den Suezcanal 6,9. Aber die Waaren, die den letzteren passiren, sind -kostbarer. - -[51] Das ist ebenso, wie in den Vereinigten Staaten. Vgl. mein -Büchlein, S. 14. - -[52] Natürlich ist das auch in den Vereinigten Staaten möglich. -Aber dort werden Erschwerungen der Einwanderung geplant, und die -socialen Streitigkeiten sind gelegentlich recht unangenehm. Als ich -durch Buffalo kam, war die Eisenbahn von Soldaten besetzt, da die -Ausständigen die Wagen anzuzünden suchten. - -[53] Three sisters. - -[54] Bow river. - -[55] Hot Springs. - -[56] Grand View. - -[57] Devils lake oder Minnewonka. - -[58] Great Divide. - -[59] Mitten im Urwald liest man an den Bäumen die Ankündigung: -„Werthvolles Land preiswürdig zu verkaufen.“ - -[60] Flächeninhalt des stillen (grossen) Oceans 160 Millionen qkm, des -atlantischen 80, des indischen 73, des südlichen Eismeeres 20, des -nördlichen 15, der Erdoberfläche 509, der fünf Erdtheile nebst den -beiden Polargebieten 135. - -[61] Occidental and Oriental Steamship Co. - -[62] An der Nordwestecke der Vereinigten Staaten (Washington, Oregon) -ist man neidisch auf das Aufblühen von Vancouver und gründet eine neue -„pacifische“ Eisenbahnlinie mit Anschluss für Yokohama. - -[63] Beaver. - -[64] Inlet, eine nur durch eine schmale Strasse mit dem Pugetsund -zusammenhängende Bucht. - -[65] Ich hatte in New-York meine Fahrkarte von dort bis Yokohama -gekauft (für 276 Dollar) und die schriftliche Versicherung einer -eignen Cajüte erhalten. -- Wie anders, als bei der Gesellschaft -Florio-Rubattino, auf deren Schiffen ich sowohl zu Tunis wie auch zu -Neapel die bezahlte Cajüte für meine Frau und mich erst durch ein -besonderes Trinkgeld an Schiffsbord erlangen konnte! - -[66] +Boy+ heisst er, von Vancouver bis Bombay. - -[67] Number one, Number two u. s. w. -- Zwei mal zwei amerikanische -Dollar zahlt der anständige Reisende für die Aufwartung von Vancouver -bis Yokohama, und noch einige Kleinigkeiten dazu. - -[68] „You +will+ fight with Russia, -- when the Russian have occupied -London, not earlier.“ Solche Aussprüche kennzeichnen den wagehalsigen -Character der üblichen Kannegiessereien. - -[69] Die Chinesische Regierung zieht Europäer als Zollbeamte vor. - -[70] Mercator’s Projection. - -[71] Es sind da zwei verschiedene Kurse für Hin- und Rückfahrt -gezeichnet. - -[72] 24×60 = 1440. - -1444/360 = 4. - -[73] Ich schreibe dies in der Hoffnung, dass durch Veröffentlichung -dieser haarsträubenden Schäden eine Besserung angebahnt werde. Im -vorigen Jahrhundert wurden Auswandrer zu Schiff von Europa nach -Amerika befördert, ohne dass der Capitän die Verpflichtung übernahm, -sie zu verpflegen; gelegentlich sprang ein Unglücklicher mit Weib und -Kind über Bord, um dem Hungertod zu entgehen. Dies ist gesetzlich -abgestellt. Aber die Eisenbahngesellschaften dürfen noch heute -Auswandrer elf Tage hindurch befördern, ohne für ihre Verpflegung Sorge -zu tragen. - -[74] Ich gebe, aus leicht begreiflichen Gründen, nicht die wirklichen -Namen. - -[75] Für den Forschungsreisenden ist das +Lichtbildgeräth+ gewiss -unentbehrlich, für den Vergnügungsreisenden eine Last. Allenthalben -kann man weit bessere Lichtbilder +kaufen+. Im Nationalpark von -Yellowstone stellte ein Amerikaner den Ausbruch des Bienenkorb-Geisers -ein, ohne das überraschende Naturschauspiel mit seinen Augen zu sehen. -In Indien sah ich eine Sammlung von Lichtbildern japanischer und -indischer Tempel; die +Gattin+ des Amerikaners war auf +jedem+ Bilde zu -erkennen, die Tempel viel weniger. - -[76] Portugiesen heissen im Osten die Mischlinge, die in den beiden -Colonien +Macao+ (China) und +Goa+ (Indien) leben und nur wenig -portugiesisches Blut besitzen. Die meisten sind in untergeordneter -Stellung, Führer, Aufwärter zu Wasser und zu Lande, Handwerker; wenige -Gasthofsbesitzer und Kaufleute, Aerzte. - - -[77] Die Untersuchung ist eingehend, aber höflich und ehrlich. Wie -viel höflicher sind diese Beamten, als die in New-York und in Ala -gegen Jedermann und als die zu Paris gegen Reisende, deren Koffer -die Aufschrift Berlin trägt? Wie viel ehrlicher sind sie als die zu -Konstantinopel, die den Koffer nicht durchwühlen, wenn man ihnen zwei -Francs überreichen lässt, oder die zu Smyrna, die unsere Waschgeräthe -auf die Strasse packen und darnach Bakschisch heischen? - -[78] Die Werke, die ich auf der Seereise, z. Th. auch in Japan, gelesen -oder durchgesehen, und denen ich zu grossem Danke verpflichtet bin, -sind die folgenden: - - 1. Handbook f. travellers in Japan by B. H. Chamberlain & W. B. - Mason. London 1891. - - 2. Things Japanese, by B. H. Chamberlain, London 1891. (Geistreich - und witzig.) - - 3. Japanese houses by Morse, London 1888. - - 4. The real Japan. By H. Norman, London 1892. (Gut, aber eine - Partei-Schrift.) - -Dazu kamen noch +später+, zu Hause: - - 5. +Rein+, Japan, Leipzig 1881-1886. (Unbestritten das +Hauptwerk+ - über Japan.) - - 6. Die preussische Expedition nach Ostasien. Nach amtl. Quellen. - Berlin 1864. (Königl. G. Oberhofbuchdruckerei.) - - 7. +Exner+, Japan, Leipzig 1891. - - 8. +Netto+, Papierschmetterlinge aus Japan, Leipzig 1888. (Das - beste volksthümliche Buch über Japan.) - - 9. +Wernich+, Geogr. med. Studien, Berlin 1878. - - 10. +G. Bousquet+, Le Japon de nos jours, Paris 1877. - - Ferner E. +Kämpfer+, Japon, Lemgo, 1777, sowie einige Abhd. d. - +deutsch. ostas. Gesellsch.+, und auch der englischen. - -[79] Nach chinesischen Annalen drangen um 1200 vor Chr. tatarische -Stämme nach Korea und den östlichen Inseln vor. - -[80] Die Photographien der Japaner sind eigentlich besser und billiger, -als die unsrigen. - -[81] Die Chinesin und Malayin gefällt dem europäischen Auge minder; -selbst die Hindufrau ist trotz der „arischen“ Abstammung nicht -anmuthend für uns. - -[82] Struppiges Haar, das man bei Frauen und Mädchen in Südchina und -Vorderindien oft genug sieht, habe ich bei keiner Japanerin gefunden, -auch nicht bei einer Bäuerin oder Bettlerin. - -[83] Dies gilt für die Samurai (Adligen), welche +früher+ in dem Gürtel -links +zwei Schwerter+ trugen. -- Was heutzutage im Gürtel der Japaner -wie ein Dolch in der Scheide aussieht, ist -- ein Besteck für die -Tabakspfeife. - -[84] Früher waren sehr abenteuerliche üblich: Kappen, wie die der -Lazzaroni; Deckel, wie die Cerevis unserer Studenten. Heutzutage tragen -manche bei japanischem Gewand europäische Fuss- und Kopfbedeckung. - -[85] Mikado heisst +hohe Pforte+, +Tenno hoher König+. - -[86] +Shogun+ heisst Obergeneral. Die Europäer setzten irrthümlich -+Taikun+. Aber +Taikô+ oder Taikô-sama wurde +Hideyoshi+ (1591 -n. Chr.), nachdem er vom Bauernsohn zum Herrscher von Japan sich -emporgeschwungen, zum Zeichen seiner +Rangerhöhung+, benannt. - -[87] Dai = gross, mijo = Name. - -[88] Wörtlich +Wächter+ (nämlich der Fürsten). 1878 wurde zur -Bezeichnung des niederen Adels das chinesische Wort +Shizoku+ -eingeführt. -- Heutzutage giebt es höheren Adel (kwaziku), niederen -(shizoku) und Volk (heimin). Die beiden ersten Classen machen 5 Procent -der Bevölkerung aus. Jeder Bürger muss seinen Namen und Stand auf einem -Holztäfelchen am Hauseingang anbringen, auch die im Innern des Landes -lebenden Europäer. - -[89] +Chamberlain+, der sich hauptsächlich auf +Satow+ stützt. (Things -Japanese. London 1891, 314 fgd.) - -Rein, Japan, Leipzig 1881, I, S. 513 fgd. - -[90] Auch bei den alten Aegyptern wird das Opfer für den Todten als -königliches Geschenk bezeichnet. - -[91] Lehrer aus der Familie Çakya. (Nach Andern Einsiedler von Çakya?) - -[92] In einem kleinen Orte Schottlands sah ich die drei Kirchen dreier -verschiedener Secten: aber an jeder war die gleiche Inschrift: „Nach -dem Gottesdienst findet eine Geldsammlung statt.“ - -[93] Wir nennen ihn Confucius, und Mencius seinen Schüler +Moschi+. - -[94] Ein fast 2000 Jahre altes Buch des +Cho-kiu-kei+, des chinesischen -Hippocrates. - -[95] +Rein+, Japan, I. Abschnitt. - -[96] Uebrigens ist es eine +Missheirath+. Die Fichte ist in Japan so -herrlich, wie irgendwo in der Welt; die Palme klein und verkümmert. - -[97] 1883 zählte die Stadt 80000 Einwohner mit 4000 Fremden. Unter -letzteren waren 2681 Chinesen mit 150 Firmen, 595 Engländer mit -55 Firmen, 253 Nordamerikaner mit 27 Firmen, 160 Deutsche mit 22 -Firmen, 109 Franzosen mit 15 Firmen. 1890 waren es 720 Engländer, 257 -Amerikaner, 201 Deutsche, 120 Franzosen. Der Einfluss der deutschen -Kaufleute ist in stetiger Zunahme begriffen. - -[98] Der fünfte, Niigata, an der Ostküste von Nippon, steht nur auf -dem Papier der Verträge, da fremde Schiffe, wegen der Sandbarre an der -Flussmündung, nicht in den Hafen gelangen können. - -[99] Japans gesammte Ausfuhr betrug 70, die Einfuhr 66 Millionen Yen im -Jahre 1889. - -[100] Beide Verkehrsanstalten sind in vorzüglicher Ordnung. -Depeschengebühr nach Europa für das Wort ungefähr 9 Mark. Nach 24 -Stunden hat man die Antwort. Sie wurde mir, ohne dass ich es verlangt -hatte, nach Nikko nachdepeschirt. - -[101] Bund oder Bunder heisst Uferstrasse. - -[102] Man zählt in Japan durchschnittlich 66 Erdbeben im Jahre. - -[103] Ich sah solche Prachtstücke in anatomischen Sammlungen Japans. - -[104] Hori-mono = tätowiren, und horu, graben; mono, ein Ding. - -[105] 10000 Pfd. Sterl. kostete die Meile mit englischen Ingenieuren, -später 3600 mit japanischen. Bis 1882 baute die Regierung allein. -1890 gab es 551 englische Meilen Staatsbahn, 569 Privatbahn, etwa 700 -Meilen waren in Bau, und ebensoviele in Aussicht genommen. Wie gewaltig -ist auch in dieser Hinsicht das ungeheure China von dem thatkräftigen -Japan überholt! -- Es giebt mehrere kleine und eine grosse japanische -+Dampfschifffahrts-Gesellschaft+ (Nippon Yusen Kwaisha), die nicht -bloss die japanischen Häfen, sondern auch Shanghai anläuft. - -[106] Jeder Japaner, ob hoch oder niedrig, nimmt täglich (oder -mindestens zwei Mal in der Woche) ein heisses Bad (Yu, von 38-45° C.), -das in den öffentlichen Anstalten etwa 2 Pfennige kostet. Professor -+Bälz+ hat auf Grund einer 16jährigen Erfahrung die Vorzüge dieser -heissen Bäder hervorgehoben. - -[107] 4 Yen den Tag für die ganze Verpflegung mit grossem Zimmer im -ersten Stockwerk. - -[108] +Odawara hyōgi.+ Die Hojo-Daimio’s beriethen 1590 n. Chr. im -Schloss zu Odawara, ob sie ausfallen und angreifen oder auf die -Vertheidigung sich beschränken sollten. Ehe sie zu einer Entscheidung -kommen konnten, stürmte +Hideyoshi+ das Schloss. - -[109] 1 Yen Gehalt, 1 Zehrung. - -[110] In dem Budget des Kaiserreiches Japan für 1889/90 sind die -Ausgaben für die Polizei mit 382554 Yen angesetzt. (Unsere gute Stadt -Berlin hat 4000000 Mark jährlich für die Polizei beizusteuern.) - -[111] In Japan werden sie jetzt als „Fremde“ bezeichnet. Hier müssen -die Herren Engländer sich selbst „foreigners“ nennen, ein Titel, mit -dem sie in Europa alle Nichtengländer -- beehren. - -[112] Mit dem +Gold+ sind die Japaner schlecht gefahren. Im 15. -Jahrhundert n. Chr. galt 1 Theil Gold = 9½ Silber, 1765 1 Gold = 11,35 -Silber, 1855-1860 1 Gold = 4,6 Silber. So verschwand das Gold aus dem -Lande. Und da nunmehr die Regierung den Preis der Goldmünzen höher -ansetzte, als ihr Werth in Europa war; so erhielt sie den noch nicht -eingeschmolzenen Rest zurück und machte wieder Schaden. - -[113] Bekanntermassen ist der Silberdollar der Vereinigten Staaten -genau ebenso gross und schwer und von demselben Feingehalt, gilt aber 4 -Mark 20 Pfennig -- wegen des Credits der Vereinigten Staaten. Aber im -gewöhnlichen Verkehr Ostasiens gelingt es nicht, diesen höheren Preis -zu erzielen. [Wenige Monate, nachdem ich dies geschrieben, ist der -+Silbersturz+ erfolgt.] - -[114] - - 1 Mon = 0,01 Sen = 0,03 Pfennig. - 4 Mon = 0,04 Sen = 0,12 Pfennig. - -[115] Die Staatsschuld betrug 1889 gegen 300 Millionen Yen, darunter -gegen 50 Millionen Banknoten. - -[116] Sha = Wagen, chinesisch. Oft hört man nur diese Silbe ausrufen. -(Japanisch heisst der Wagen Kuruma.) Die Engländer schneiden dem Wort -den Kopf ab und zerquälen die Selbstlauter, bis sie +rikshaw+ fertig -bringen. - -[117] H. Meyer wurde im Winter bei 3° in 4 Stunden 46 km weit gezogen! - -[118] Ganz anders in Indien. Von Abu Road nach Abu Mountain (16 -englische Meilen) befördert uns die Jinrikisha in sechs Stunden. -Sechs Mann sind dabei thätig. Als ich ein Drittel des Weges gemacht, -versuchten sie, mir einen schlechtgesattelten Ponny aufzuschwatzen. - -[119] Als ich 1890 mit meiner Frau in der Vorstadt Pankaldi, wo wir -unser Mittagsmahl in einer befreundeten Familie genommen, Abends nach -Pera zurückfuhr, setzte sich mein Wirth mit gespanntem Revolver auf den -Kutscherbock. - -[120] +Tenno Mutsu Hito+, geb. 1852, regiert seit 1868 mit Eifer und -Weisheit. Als die Kammern kürzlich die Panzerschiffe nicht bewilligten, -sagte er: „Die Worte sind überflüssig. Die Schiffe müssen gebaut -werden. +Ich+ steuere aus meinem Privatvermögen 600000 Yen bei.“ -Ebensoviel gab er für den Biwa-Canal. (Die Civilliste betrug 1889/90 -3½ Millionen Yen, doch sind Apanagen und Tempel auf sie angewiesen. -- -Staatseinnahmen 76½ +Millionen Yen+, 42 aus Grundsteuer, 14 vom Schnaps -(Sake), 4 Zölle. Ausgaben 76½ Millionen Yen, 20 für Staatsschuld, -12 Ministerium des Krieges, 6 der Marine.) Als ein Reiterstandbild -des Kaisers auf der Niju-Brücke vorgeschlagen wurde, verwarf er den -Plan, damit nicht die Fremden unter den Füssen eines Pferdes hindurch -in den Palast kommen müssten. Er hat, nach altem Gebrauch, seiner -Regierungszeit einen besonderen Namen gegeben, und zwar Mei-ji, d. h. -erleuchteter Frieden. Verschiedene Briefe meiner japanischen Freunde -aus dem Jahre meiner Reise (1892) sind datirt: Im Jahre 25 Mei-ji. -Seit dem Jahr 1873 ist unser Kalender in Japan angenommen, statt der -schwerfälligen und zusammengesetzten Zeitrechnung der Chinesen. - -[121] „Das Feuer ist die Blume Tokyo’s.“ Japanisches Sprichwort. - -[122] Im Gegensatz zu Saikyo, östliche Hauptstadt, d. i. Kyoto. - -[123] Und der anderen japanischen Städte. Dieselben sehen sich zum -Verwechseln ähnlich, soweit nicht ein altes Schloss ihnen Eigenart -verleiht. - -[124] +Rein+ I, 480. - -[125] Das ganze +Clubhaus+ kann in +eine+ Halle umgewandelt werden, -wenn die Zahl der Gäste dies erfordert. - -[126] Das japanische Papier, aus dem Rindenbast des Maulbeerbaumes, -ist zäh und zerfliesst nicht im Wasser. Beim Schreiben braucht man -kein Löschblatt. Es ist brauchbar als Fensterabschluss; mit Firniss -behandelt, wird es lederartig: mit Oel getränkt, wasserdicht, zu -Regenmänteln. Werth der japanischen Papierfabrikation 5 Millionen Yen -1887, der Ausfuhr 244000 Yen. - -[127] Ein englischer Arzt in Kyoto überreichte mir eine „Denkschrift -zur Verhütung der Kurzsichtigkeit unter den höheren Classen,“ worin -er die Fenster aus Papier tadelt und solche aus Glas empfiehlt. Aber -es ist unmöglich, diese für 40 Millionen Menschen augenblicklich zu -beschaffen. - -[128] Schlafgewand, Matratze und +Halsschemel+ (makuro) mit -Schlummerrolle, besonders für die Frauen, um den Kopfputz zu schonen. -Ich sah dies seltsame Möbel auch in Krankenhäusern. - -[129] Japanese houses by +Morse+, London 1888, (Sampson Low, -Fleetstreet). - -[130] Ich ersuche ihn, erst den Strassenschmutz in New-York, Chicago, -Frisco mit der Nase zu prüfen und dann nach Berlin zu kommen. - -[131] Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen aber, -wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere -Bedeutung. - -[132] +Harakiri+ heisst Bauch-Schnitt; den Japanern scheint das -chinesische Wort +seppuku+ gewählter, wie manchem meiner Fachgenossen --- +Laparotomie+. - -Im Mittelalter eine Sitte der besiegten Krieger, die nicht in -Feindeshand fallen wollten, wurde es um 1500 n. Chr. ein +Vorrecht+ -der Daimio und Samurai, um, zur Todesstrafe verurtheilt, dem Henker zu -entgehen, -- gerade wie früher in manchen Ländern +Europa’s+ wohl der -Edelmann enthauptet, der Bürger gehängt wurde. - -Hinter dem japanischen Edelmann stand sein Freund; sowie der erste den -Dolch in den Leib stiess, hieb der zweite ihm mit scharfem Schwert das -Haupt ab. - -Harakiri als Strafe ist abgeschafft, als Selbstmord kommt es noch -vor. 1881 hat ein junger Officier aus Yezo im Tempel von Saitokuji zu -Tokyo, an dem Grabe seiner Ahnen, so den Tod gesucht und gefunden, um -durch die That sein Vaterland auf die von den Russen drohende Gefahr -eindringlicher aufmerksam zu machen, als seine Worte es vermocht. - -[133] Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An dem -Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die weisen -und klugen Männer gestatten nicht, dass man mit ihm zusammen unter dem -Himmel lebe. Wenn Jemand Rache nehmen will, so ist in den Registern des -Gerichtshofes nach Jahr und Monat der Zeitpunkt festzusetzen, bis zu -dem er seine Absicht auszuführen hat. - -[134] Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel: Eine -junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über der Schulter, -schrieb Liebeslieder und hing sie an die Zweige des Kirschbaums. - - „Tragen möcht’ ich ein Kleid, wie die Blüthe der Kirschen gefärbet; - Sind erst die Blumen verwelkt, mahnt es mich später an sie.“ - - (Japan. Liedersammlung, übersetzt von Dr. Lange.) - -[135] Dieselbe Beobachtung machte ich in den Museen von Hongkong, -Calcutta, Bombay. - -[136] Auch die alten Aegypter gaben der Mumie kleine Thon-Figuren mit -ins Grab, die sogenannten +Stellvertreter+ („wòsbt“), die in den -elysäischen Gefilden des Jenseits für den Todten die Arbeit leisten -sollten. - -[137] Es ist das immerhin nicht so schlimm gewesen, wie die Mittel der -spanischen Inquisition. - -[138] In dieser Künstelei leistet die japanische Gärtnerei geradezu -Erstaunliches. - -[139] Bis Yokohama hatten meine Havanna’s gereicht. In Japan giebt es -billige Manilla-Cigarren, wie wir sie bei uns kaum kennen, von der Form -der Havanna-Cigarren und den geringeren Sorten derselben an Güte nur -wenig nachstehend; das Stück kostet 15 Pfennige. -- Dass der gebildete -Japaner dem Gast das eigne Tabakspfeifchen aufnöthige, ist eine Fabel. - -[140] +West-Haupt-Gebet-Tempel.+ In der späteren Beschreibung von Kyoto -folgen einige Bemerkungen über Tempel und Secten der Buddhisten in -Japan. - -[141] Auch unsere geliebten Griechen waren in diesem Punkte nicht viel -klüger. Beim Hippocrates steht ein unsinniger Satz, von dem wir jetzt -wissen, dass die Griechen ihn von den alten Aegyptern sich einreden -liessen. - -[142] Jetzt sind dieselben, in kleinerem Maassstab, für den -Hausgebrauch, auch bei uns eingeführt. - -[143] Nikko = Sonnen-Glanz. - -[144] Das japanische Maass ist +Koku+ = 180 Liter, im Werth von 2½-5 -Dollar. (Das Einkommen des Daimio betrug jährlich 10000 Koku Reis und -bei den mächtigsten sogar 1 Million Koku.) - -[145] Vgl. Von „New-York nach S. Francisco“, Leipzig, 1888, S. 195. - -[146] Naturgetreue Nachbildungen des japanischen Hauses sind hier am -besten zu haben. - -[147] Der Tempel zu Eleusis, dessen Grundlagen jetzt glücklich -freigelegt sind, scheint mir nach ägyptischen Mustern, wenngleich mit -einigen Abweichungen, erbaut zu sein. - -[148] Wer in +Ostindien+ eine Moschee betritt, ist im ersten Augenblick -ganz verwirrt, da die Gebetnische nach +Westen+ liegt; aber die -Richtung (Kibla) muss immer nach Mohammed’s Grab hinweisen. - -[149] +Ise+ (südöstlich von Kyoto, an der Owaribucht) mit dem Tempel -der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu ist das +Nationalheiligthum der -Japaner+. Fremde können wohl hinreisen, bekommen aber nicht viel zu -sehen. - -[150] Pagode, angeblich vom indischen bhagurati = heiliges Haus; -richtiger wohl von +Dagoba+, Reliquien-Schrein. - -[151] Kranich und Schildkröte sind Sinnbilder des Glücks und des langen -Lebens. - -[152] +Aeolus+, der Schaffner der Winde, gab dem Odysseus einen -+Schlauch+ aus Ochsenhaut, worin er die Sturmwinde fest eingebunden. -(Odyssee, X, 19). Die Uebereinstimmung kann auf Zufall beruhen. (Aber -die Schiffersagen des zehnten Buches der Odyssee waren wenigstens den -Singhalesen auf Ceylon im 4. Jahrhundert n. Chr. geläufig, da sie -dieselben in ihre Chronik hineinflochten.) - -In einem der Mausoleen sah ich einen Mann aus Bronze als -Laternenträger, dem Entwurf nach ähnlich demjenigen von Pompeji. Aber -ich erschrak förmlich über die ostasiatische Ausführung. - -[153] Mit der Eisenbahn in 50 Minuten zu erreichen, wenn man in Ofuna -Anschluss an die Zweigbahn findet. - -[154] Die Bildsäule besteht aus Bronzeplatten, die einzeln gegossen, -dann zusammengeschweisst und schliesslich noch mit dem Meissel -bearbeitet sind. Das Gewicht soll 9000 Centner betragen. Man kann von -hinten in das Innere hineinsteigen. Globetrotter haben früher sich auf -Buddha’s Schooss photographiren lassen. Jetzt steht in der Nähe eine -englische Inschrift: „Wandrer, wer du auch seist, ehre dieses uralte -Heiligthum.“ - -[155] Dazu gehört der Hermes des Praxiteles. -- Zu Cairo sagte mir -einst ein englischer Oberst von grosser Reiseerfahrung, er theile die -Menschen in zwei Classen ein, je nachdem sie den Hermes zu Olympia -gesehen oder nicht. - -[156] Und einen grossen Theil des Gewinnstes vorwegnimmt. - -[157] Wenigstens in dem der Chinesenstadt zu St. Francisco sassen die -Damen, gleichförmig weiss gekleidet und weiss geschminkt, steif und -wie leblos, zusammen hoch oben auf einer einzigen Galerie. In dem -chinesischen Theater zu Hongkong sah ich nur ganz vereinzelte Frauen -und Mädchen. -- Die höheren Stände in Japan erlauben ihren Töchtern -nicht, die gewöhnlichen Theater zu besuchen. - -[158] Im Theater zu Kyoto vermochte der „Führer und Dolmetscher“ -durchaus nicht, den poetischen Namen des Stückes in verständliches -Englisch zu übersetzen. - -[159] Ichikawa Danyūro gilt für den grössten Schauspieler Japan’s. -Seine Darstellungskraft und Gewandtheit ist bewunderungswürdig. - -[160] Wie im Theater der alten Griechen und -- Shakespeare’s, so werden -auch im japanischen Theater Frauenrollen von Männern dargestellt. -Ebenso im Theater der Chinesen, nicht aber in dem der Hindu und Parsi. -Für das Theater der Japaner ist dies um so seltsamer, als ihre moderne -Bühne, im 17. Jahrhundert, von zwei Frauen (O-Kuri und O-Tsu) gegründet -wurde. -- Die erstere war Priesterin, entfloh mit einem Krieger, -verursachte durch ihre Schönheit den Tod eines Nebenbuhlers, trat mit -ihrem Gatten in Yedo auf und wurde nach seinem Tode erst Lehrerin -der Dichtkunst und endlich Nonne, um für die Seele ihres Opfers zu -beten. -- Dass Frauen auf der japanischen Bühne nicht auftreten, wird -verschieden erklärt, ein Mal aus Gründen der Sitte, das andre Mal -- -weil es den Frauen an Begabung zur Schauspielkunst fehle! - -[161] Aehnlich wie in der Götterdämmerung vor Brunhild’s Felsgemach. - -[162] Das griechische Theater besass bereits eine Maschine (Ekkyklema), -um das Innere eines Hauses, wenn es erforderlich wurde, nach aussen zu -drehen. Vgl. +Aristophanes+, die Acharner, Z. 409. +Euripides+: „Man -drehe mich heraus.“ (Ἀλλ’ ἐκκυκλήσομαι). - -[163] Gelegentlich sieht man das heutzutage auch auf unserer Bühne. - -[164] J. L. +Klein+ erklärt, im III. Band seiner so ausführlichen -Geschichte des Drama, die Schauspiele der Japaner für „matte Abbilder -oder groteske Nachahmungen des Theaters der Hindu oder Chinesen.“ Aber -er schrieb 1866, d. h. zu einer Zeit, wo unsere Kenntniss von Japan -noch sehr gering war. - -[165] Mit Recht betont er (1866) des Königs Çudraka’s Stück „Der -Kinderwagen“ (aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.), dasselbe Stück, das wir -heutzutage als +Vasantasena+ so sehr bewundern. - -[166] Chamberlain, Things Japanese, S. 412. - -[167] Chikamatsu Monzaemon und Takeda Izumo. - -[168] Dies Stück ist ins Englische übersetzt und auch einige -No-Dichtungen. Aber wir sind noch weit davon entfernt, den Inhalt des -japanischen Theaters zu kennen. - -[169] Auch zur Bereitung der beliebten Tunke +Soya+ verwendet. - -[170] Fleisch wird wenig genossen, die Buddhisten verabscheuen es -wegen der Lehre von der Seelenwanderung. 1882 wurden im ganzen Reich -nur 36000 Stück Rindvieh geschlachtet; in Berlin 1890/91: 124593 -Rinder und 115431 Kälber. Der Fisch wurde in Japan nothgedrungen von -der Seelenwanderung ausgenommen. Das Meer von Japan wie seine süssen -Gewässer wimmeln von Fischen, da der Räuber Hecht fehlt. - -[171] Arbeiten aus der K. jap. Militärärztlichen Lehranstalt. I, 1. -1892. - -[172] Vergl. die Erörterung bei J. +Munk+, Virchow’s Arch. B. 132, S. -150. Bei uns braucht der Arbeiter täglich 110 g Eiweiss, 56 g Fett und -500 g Kohlehydrat. (J. +Munk+ & +Uffelmann+: „Die Ernährung“. 2. Aufl. -1891. S. 346.) - -[173] Ebendaselbst. S. 329. - -[174] Victor Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere. 5. Aufl. Berlin 1887. -S. 406. - -[175] Die getuschten Lichtbilder von Land und Leuten, die man in Tokyo, -Yokohama, Kobe kaufen kann, sind eigentlich besser und billiger, als -die unsrigen. - -[176] Man könnte es „Aller-Seelen-Tempel“ übersetzen. (Chinesisch sho = -einladen, kon = Geist, sha = Tempel.) - -[177] Die japanische Regierung hatte +bereits+ 1869 die preussische -gebeten, ihr einige tüchtige militärärztliche Kräfte zu überlassen. Die -Herren Oberstabsarzt Dr. +Müller+ und Stabsarzt Dr. +Hoffmann+ kamen, -da ihre Abreise durch den Krieg verzögert ward, im August 1871 in Yedo -an. - -[178] Kitsune-tsuki. -- Es giebt auch auf dem Lande Fuchs-Eigner -(Kitsune-mochi), schlaue Betrüger, welche den Aberglauben zu -unrechtmässigem Vortheil ausbeuten. - -[179] Ist es doch noch nicht lange her, dass wir sogar in unserem -Vaterland von Besessenheit und Teufelaustreibung vernommen haben. -- -+Kämpfer+ (Geschichte von Japan III, 2) fand schon 1692 in Japan „den -Glauben, dass der Fuchs manche Menschen (gerade wie bei den Christen -der Teufel) besitze.“ - -[180] Dazu kommen noch neuerdings eine Ackerbau- und eine technische -Hochschule. - -[181] Oder in Familien, die eine besondere +Erlaubniss+ dazu erhalten -haben. - -[182] Auch eine +allgemein wissenschaftliche Zeitschrift+ „Von West -nach Ost“ ist neuerdings von Japanern herausgegeben worden, jedoch -nicht lange: „In Deutschland ist die Hauptquelle des Stromes der -Wissenschaft unserer Tage zu suchen.“ So lautete ein Satz in dieser -Zeitschrift. - -[183] Er hat eine verschluckte Zahnbürste aus dem Magen durch Schnitt -+erfolgreich+ entfernt. -- Die japanische Zahnbürste (Yoji) ist ein -Weidenstäbchen, an einem Ende durch zolltiefe Einschnitte in einen -steifen Faserpinsel umgewandelt; kostet etwa 1½ Pfennig und ist ein -Werkzeug, das +jeder+ Japaner ohne Ausnahme anwendet, so allgemein, wie -kein anderes Volk der Erde. - -[184] Die Krankenpflegerinnen machen einen sehr günstigen Eindruck, -obwohl sie in ihren Mussestunden -- mit +Puppen+ spielen, wie manche -erwachsene Japanerin. - -[185] Der in der ersten Hauptstadt ist unzugänglich, den in der zweiten -(älteren) Hauptstadt Kyoto befindlichen konnte ich in Augenschein -nehmen. - -[186] Trotz der japanischen Reinlichkeit ist Lungenschwindsucht recht -häufig, besonders bei den höheren Classen und Gelehrten, die mehr im -Hause leben. Möglich, dass die Matten hier eine wichtige Rolle in der -Uebertragung der Keime spielen. - -[187] On Leprosy by Masana Goto, Cooper Med. College, San Francisco, in -the +Sei-J-Kwai+ Medical Journal, Tôkyô, Mai 1888. - -[188] Am Abend meines Ankunftstages (13. September 1892) fand ein -kleines statt. -- Wegen der Erdbeben sind die japanischen Häuser meist -aus Holz. - -[189] 1826-1830. - -[190] Vgl. meine Darstellung in der deutsch. med. Wochenschr. 1893. - -[191] Geschichte und Beschreibung von Japan, Lemgo 1777, Vorrede. -- -Vgl. ferner Things Japanese, S. 242-244. - -[192] Er hat neuerdings dort ein +Denkmal+ erhalten. - -[193] 1775 kam ein schwedischer Arzt und Naturforscher, +Thunberg+, -welcher um die +Flora+ Japan’s die grössten Verdienste sich erworben -hat. - -[194] +Kämpfer+, +v. Sieboldt+ und +Rein+ (Prof. in Marburg und Bonn, -Verfasser von +Japan+, Leipzig 1881-1886, zwei Bände) sind die drei -Männer, denen die Welt das Meiste über Japan verdankt. Bezüglich der -Sprache, Literatur, Götter- und Sagenlehre, Kunst, sind auch einige -Engländer und Franzosen (Satow, Chamberlain, Anderson, Gonse) rühmend -zu erwähnen. - -[195] Der Shogun, sehr zufrieden mit seiner Behandlung, forderte ihn -auf, eine Belohnung zu verlangen. „Möge es Ew. Hoheit belieben, dass -ich +ein+ Auge wiedererlange.“ -- Der Shogun schenkte ihm ein Haus in -der +Ein Auge-Strasse+ in Yedo. - -[196] Amma-San = Knet-Herr. - -[197] Etwa 50 Procent der Blindheit war durch Pockenkrankheit bedingt. -(35 Procent in Europa, vor Einführung der Schutzpockenimpfung. Vgl. -meine Mittheilung. Berliner klin. Wochenschr., 1873, No. 5). -- -Nach der Volkszählung vom Jahre 1875 waren in Japan unter 33110825 -Einwohnern 101587 blind, taub, oder verkrüppelt; es ist wahrscheinlich, -dass die meisten +blind+ waren. - -[198] Heirath zwischen +zwei+ Blinden war streng verboten. - -[199] Es giebt auch sehr billige. Sie rufen: „Amma kami shimo ni-ju-shi -mon!“ „Kneten von oben bis unten für 1½ Pfennige!“ - -[200] Ich habe +thatsächlich+ gehört, als ich hier in Berlin vor -etlichen Jahren einem Knaben den Blasenwurm aus dem Augeninnern durch -Schnitt entfernt hatte, dass von der Mutter vorher ein -- +Geist+ -befragt worden sei und meinen Plan gebilligt habe. - -[201] Zur Zeit der Revolution sind allerdings einige Europäer -angegriffen und getödtet worden, namentlich solche, die nicht den -grossen Fürsten, wie das Landesgesetz es gebot, auf der Landstrasse -Platz machten. -- Von der Verwundung des russischen Thronfolgers werde -ich noch sprechen. - -[202] Ich fand auch amerikanische Damen, die ohne Führer und ohne -Kenntniss der Sprache allein reisten, ohne je einen Grund zur Klage zu -finden. - -[203] Naku-sen-do, Zwischenberg-Strasse, 132 ri lang, führte quer -durch das Land über die Gebirgspässe von Kyoto nach Yedo und stammt -aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. -- Ausserdem gab es noch eine nördliche -Landstrasse (Hokurokudo). - -[204] Angeblich auch in China. -- Von den Holländern wurde der Sport -im Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht, nach England und -Frankreich verpflanzt, und wird in Holland gelegentlich noch heute -geübt. - -[205] Franz Xavier gab der Stadt 90000 Häuser und 450000 Seelen. - -[206] Kyoto hat 975 Buddha-, 93 Shinto-Tempel, und zusammen mit der -nächsten Umgebung gegen 3000 Tempel. - -[207] Die meisten Deutschen, deren Reisebeschreibungen ich gelesen, -wohnten auf dem Hügel, im +Yaami-Hotel+. - -[208] Also weniger weit und höher, im Ganzen schlanker, als bei uns, wo -die grösste Weite das 15fache, die Höhe (aussen schräg an der Glocke -gemessen) das 12fache der Metallstärke am Schlagring beträgt. Unsere -grösste, +die Kaiserglocke im Dom zu Köln+ (1875), ist 3,25 m hoch und -26250 kg schwer; also bedeutend kleiner als die zu Kyoto. Grösser, aber -nie benutzt ist +Zar-Kolokol+ zu Moskau (5,8 m hoch, 200000 kg schwer); -und eine eiserne zu Peking vom Jahre 1403: 4,5 m hoch und 65000 kg -schwer. - -[209] Ich sah ein grosses japanisches Gemälde, welches Feuersbrunst im -kaiserlichen Palast und Gewühl der Fliehenden darstellte. - -[210] 1 Acre = 40½ Ar, 1 Ar = 100 Quadratmeter. - -[211] Kyoto ist berühmt durch seine Brocate, Damaste, Seiden- und -Sammtgewebe. 18000 Seidenweber in Kyoto und Umgebung schaffen jährlich -für 20 Millionen Yen Gewebe. 1888 führte Japan für 28 Millionen Yen -Rohseide aus und für 1600000 Yen Seidengewebe. - -[212] Jugendliche Globetrotter haben die Aufwärterinnen der Theehäuser -als ausnehmend frech beschrieben. Ich habe das nicht beobachtet. -Als wir nahten, verneigten sich die am Eingang stehenden Mädchen -und riefen: „Ruhen Sie aus, meine Herren, unter dem Dach dieses -niedrigen Hauses. Sie dürften erschöpft sein von der langen Reise.“ So -übersetzten es mir meine jungen Freunde. - -[213] 1½ ri, d. h. 3¾ englische Meilen oder 6,75 km nördlich von Otsu. - -[214] Weit besser, als die der berühmten Bittschriften-Linde -+Friedrichs des Grossen+ neben dem Stadt-Schloss zu Potsdam, deren -Lehm-Ausschmierung recht armselig aussieht. - -[215] Rein I, 527. - -[216] Hidari heisst Link-Hand. Dieser Name erklärt sich selber, -hat aber Veranlassung zu einer artigen Sage gegeben. Des Künstlers -Fürst musste seinen Feinden die eigene Tochter opfern. Da schlug der -Bildhauer seiner lebenden Galatea den Kopf ab und sandte ihn den -Feinden als das Haupt der Fürstentochter. Aber ein treuer Diener des -Fürsten, überzeugt, dass der Bildhauer wirklich die Tochter seines -Herrn getödtet, schlug ergrimmt dem Künstler die rechte Hand ab. - -[217] D. h. wahre Worte. - -[218] Der Lackbaum (Rhus vernicifera, Urushi-no-ki) wird im Hochsommer -angeritzt, der Rohlack ausgekratzt, geklärt, eingedampft, mit Oel, -Zinnober, Eisenoxyd u. A. versetzt. Die Lackindustrie kam von China -nach Japan. Hier hat sie erst in der Mitte des 17. Jahrhundert -ihre hohe Blüthe erreicht. Jetzt wird für die Ausfuhr billige -Dutzendwaare angefertigt, aber es giebt auch heute noch vorzügliche -Goldlackarbeiter. Werth der Ausfuhr von Lackwaaren (1888) gegen 600000 -Yen. -- Japan’s Lackindustrie hat in +Rein’s+ Werk ihre +klassische+ -Beschreibung gefunden. - -[219] In Ostindien sieht man nur die +einbuckligen+ Dromedare, deren -Heimath Arabien, während ihr Verbreitungsgebiet nach Nordafrika und -Westasien hinüberreicht. -- Das +zweibucklige+ Trampelthier stammt aus -den mongolischen Steppen (und aus China). Unser Künstler dürfte in -Japan weder einen Elephanten noch ein Trampelthier gesehen, sondern -diese Thiere nach chinesischen Vorbildern entworfen haben. - -[220] Diese +Reisen der Götter+ erinnern an +altägyptische+ Gebräuche: -wiederholt ist in den Inschriften des Horus-Tempels zu Edfu von -Besuchen die Rede, welche das Bild des Gottes von Edfu dem der Göttin -Hathor von Dendera machte, und umgekehrt. - -[221] Ich kenne so manche nervöse Dame in unseren Gegenden, welche -behauptet, Nachts nicht schlafen zu können, wenn sie spät Abends eine -Tasse Thee genommen. - -[222] Die Japaner halten Leuchtkäfer in Gazekästchen an der Wand der -Häuschen und erfreuen sich Abends an dem milden Glanz der Thiere. - -[223] Berg der grossen See-Bucht, O-ye-no-saka. - -[224] Privatleute dürfen in Japan Fremde nicht beherbergen. - -[225] Im Peloponnes giebt es neue Bettwäsche und neueste. Da ich ein -wenig Neugriechisch vorher gelernt, liess ich jedes Mal vor meinen -Augen die neue abziehen und neueste anlegen. - -[226] Die Architrave des Mittelgangs im Säulensaal von Seti I zu -Karnak sind 9 m lang, sie messen 31 cbm und wiegen 65 Tonnen. Aber -die gewöhnlichen Bausteine der Aegypter sind 0,80 bis 1,20 m hoch, 1 -bis 2,50 m lang und 0,5 bis 1,80 m dick. (Allerdings, der nach London -gebrachte +Obelisk+ wiegt 186 Tonnen, zehn Mal so viel, als der grösste -Stein zu Stonehenge. Die Pompejus-Säule zu Alexandrien wird auf 300, -die Steinbildsäule von Ramses II zu Memphis gleichfalls auf 300 Tonnen -geschätzt.) -- Ich bat meine Freunde um genauere Messung der grössten -Bausteine des Schlosses von Osaka und erhielt brieflich die folgenden -Zahlen, die Herr Stabsarzt +Egutzi+ festgestellt hat: - - +Höhe+: +Länge+: +Dicke:+ - - I. Stein 4,70 Meter 14,50 Meter Die Dicke jedes Steines ist - II. „ 4,50 „ 13,00 „ etwa doppelt so gross, wie die - III. „ 5,00 „ 10,70 „ Höhe; kann aber nicht genau - IV. „ 5,00 „ 10,50 „ gemessen werden, weil jeder - V. „ 3,60 „ 11,00 „ Stein allseitig von anderen - umgeben ist. - -[227] So ist es immer. Als ich einst durch die nächtlich dunklen -Strassen von Tunis schritt, sagte mein Führer, er möchte einmal, ehe -er sterbe, eine Stadt in Europa sehen, welche die ganze Nacht hindurch -künstlich erleuchtet ist. - -[228] The pictorial Arts of Japan, by William Anderson, London 1886, -Sampson Low & Co. - -[229] Schildkröte und Goldfische tummelten sich in den Wellen, als Gott -Shiwa in einer Lotusknospe über den Wassern waltete. - -[230] Die chinesischen Schriftzeichen sind stylisirte Wortbilder oder -Hieroglyphen. Zu dem eigentlichen Zeichen (+Radical+) kommt noch eine -Hinzufügung bezüglich der +Aussprache+ und der dadurch bedingten -Sonderbedeutung (+Phonetic+), -- gerade wie die alten Aegypter dem -Wortbild (Hieroglyph) noch ein Deutzeichen (Determinativ) beifügten. -Die Chinesen und Japaner schreiben von oben nach unten in senkrechten -Reihen, die von rechts nach links auf einander folgen; und zwar mit -Tusche und Pinsel auf Papier. - -[231] +Kata Seite+ oder Hälfte, Kari entlehnen, na Name. - -[232] Kobe heisst Götter-Thor, Hiogo aber Waffen-Platz. - -[233] Das Wort ist hindostanisch. - -[234] Die Fahrt ist auch sehr billig, 150 Mark für 6 Tage = 25 für -den Tag. (Auf dem atlantischen Ocean 50, dem stillen Ocean 62, dem -indischen 32, Bombay-Triest 36.) -- Vancouver-Yokohama 4283 Seemeilen -für 800 Mark; Kobe-Hongkong 1367 Seemeilen für 150 Mark, oder ⅓ des -Weges für weniger als ⅕ des Preises. - -[235] 1881-1885 (nach Rein): - - Yokohama Kobe-Osaka Nagasaki Hakodate - Ausfuhr: 69 Procent 20 Procent 9,3 Procent 1,7 Procent. - Einfuhr: 67,5 „ 28,8 „ 3,4 „ 0,3 „ . - -[236] „Vorinselchen“, für die Portugiesen künstlich geschaffen. - -[237] „In dieser Dienstbarkeit haben wir uns viele beschimpfende -Einschränkungen von den stolzen Heiden gefallen lassen müssen.“ Kämpfer. - -[238] Marco Polo hat glühende Schilderungen von dem Gold-Reichthum -Cipangu’s entworfen. Die Holländer führten noch reichlich Gold und -Silber aus. Aber jetzt sind die Minen erschöpft. Nur Kupfer und Antimon -sind reichlich vorhanden, sowie Eisen und Kohle. - -[239] Man +schreibt+, wie oben, und spricht +Nangasaki+. - -[240] Der Anblick eines nackten Oberkörpers macht auf den Japaner -keinen Eindruck. Er ist uns darin überlegen. In den öffentlichen -Badehäusern kam nie etwas Unziemliches vor. Jetzt hat die Regierung -eine Bretterwand zur Trennung der Geschlechter gezogen. Sie hat -auch den zimperlichen Gattinnen englischer Baumwollenstoffhändler -nachgegeben und die Wagenmänner bekleidet, die früher nur ihre -Tätowirung trugen. - -[241] Trunkenheit kommt wohl vor, da die Japaner nicht viel vertragen. -Einmal sah ich einen stark angeheiterten Bauern auf dem Bahnhof zu -Tokyo. Der Polizist ersuchte ihn höflich, sein Räuschchen auszuschlafen. - -[242] Zum Glück hatte ich +Müller’s+ kosmische Physik in meinem Koffer, -ein Buch, das mir auch sonst gute Dienste leistete. Es giebt Reisende, -die stets das Buch ihres Nächsten begehren. Stumm reichte ich ihnen den -Müller, -- um sofort unbehelligt zu bleiben. - -[243] Arabisch = Jahreszeit. - -[244] +Chinesisch+ = grosser Wind. Typhon ist eine lächerliche -Schreibweise. Mit dem Riesen Typhon der griechischen Sage hat das Wort -ebensowenig etwas zu schaffen, als -- +Orkan+ mit Orcus. Das Wort Orkan -stammt aus Westindien. - -[245] Auf keiner andern Linie in Asien ist so gutes Essen, ist ein Glas -Pilsener für 25 Pfennige zu haben, sowie eine rauchbare Cigarre für so -mässigen Preis. Ich bedaure, dass der norddeutsche Lloyd nicht zwei Mal -im Monat fährt, wie die andern Linien; dann wird er bald im Wettbewerbe -siegen. - -[246] Odyssee, V, 279. οἴη δ’ἄμμορός ἐστι λοετρῶν Ὠκεανοῖο. - -[247] - - Kobe-Hongkong 1367 - Kobe-Nagasaki 391 - --------------------------------- - Nagasaki-Hongkong 976 See-Meilen. - -[248] Hier sind bedeutende Docks angelegt. - -[249] Die Hauptlinie geht von Bremen bis Hongkong und Shangai, von -Hongkong aus fahren kleine Dampfer nach Japan und zurück. - -[250] Chinesisch: Heung-kong, d. i. duftender Fluss. Vgl. A Guide to -H., W. Brewer (1892.) - -[251] Nach anderen Angaben 79. - -[252] Die Ly-ee-moon Meeresenge zwischen Hongkong und Cawloon ist nur ½ -englische Meile, also kaum 1 km breit. - -[253] Die ganze Insel hatte 1891 an 221441 Einwohner, also 2800 auf den -Quadratkilometer; der grösste Theil entfällt auf die Stadt Victoria. - -[254] Der letzte erfolgte auf dieser Fahrt vor 14 Jahren. - -[255] Ein Glas Sherry und zwei Glas Bier zum Mittagsmahl sind -einbegriffen. - -[256] „No hab got eyes, no can go“ („Wer keine Augen hat, kann nicht -gehen.“) Dies ist die Geschäftssprache. (Pidgin English = +business+ -English). - -[257] Der Mann ist auf Arbeit den Tag über abwesend, -- nicht aber, wie -es in manchen Reisebeschreibungen heisst, „auf der Bärenhaut liegend -und mit Opium-Rauchen beschäftigt.“ - -[258] Daher der Name Canton. - -[259] Wir kennen es nur als Verbannungsort des Dichters der Lusiaden, -Camoëns, und als Namen eines Hazardspieles. In der That wimmelt +Macao+ -von chinesischen Spielhöhlen, wo auch die goldne Jugend von Hongkong -dem Laster fröhnt, das auf englischem Gebiet nicht geduldet wird. - -[260] = Very. - -[261] Das sogenannte Reispapier wird aus dem Mark eines Strauches -(Aralia papyrifera) bereitet. - -[262] Mandarin stammt aus dem indischen +mantrin+ = Rathgeber. Das -chinesische Wort heisst +Kuan+. Es giebt neun Rangstufen und drei -literarische Grade. (Candidat, Doctor, Professor.) - -[263] Im Mittelalter bettelten bei uns auf dem Lande die Aussätzigen -gleichfalls mit einem Beutelchen an langer Stange; sie mussten aber -noch eine Glocke tragen, um vor Annäherung zu warnen. Und dabei ist die -Ansteckungsfähigkeit des Aussatzes (Lepra) so gering. - -[264] Vgl. Report of the medical Missionary Society in China for the -year 1889. Hongkong 1890. Die Berichte für 1890 und 1891 sind bezüglich -der Operationserfolge zu schweigsam, als dass man sie kritisch -verwerthen könnte. - -[265] Von den Missions-Doctor-Fräuleins heisst es S. 6: to minister -like angels.... with laurels on her brow. - -[266] Durch optische Täuschung scheinen die Häuser, Kirchen, -Signal-Stangen ganz schief. Man muss den Kopf stark nach vorn neigen, -um sie wieder senkrecht zu sehen. - -[267] Gap = Kluft, zwischen den höchsten Spitzen. - -[268] Ich habe mir eine kleine Sammlung der Silbermünzen Ostasiens mit- -und in einem Kästchen untergebracht. Links liegt die Rupie Ostindiens, -rechts der Yen Japans, jedes von beiden umgeben von dem entsprechenden -Kleingeld. In der Mitte befindet sich die einzige Silbermünze Chinas, -das 1/10 Dollar-Stück (7,_{2} candareen) aus der Münze von Canton. - -[269] General-Consul des deutschen Reiches für Canton; z. Z. in -Stellvertretung, für Hongkong. - -[270] Dieser Teich versorgt übrigens nur den oberen und hinteren Theil -der Insel. - -[271] Ein Gramm Papayotin löst 200 Gramm Eiweiss (Faserstoff) und -verwandelt es in Pepton, d. i. gelöstes, zur Aufnahme in die Saftcanäle -des Verdauungsschlauches geeignetes Eiweiss. - -[272] Nachdem ich in Vancouver die ersten Alarm-Nachrichten über das -Wüthen der Krankheit in Hamburg gelesen, hatte ich in Japan grosse Mühe -aus den spärlichen Nachrichten der englischen und japanischen Zeitungen -(die Depeschen von Europa nach Japan sind zu theuer für die Zeitungen!) -und der deutschen Consuln und Kaufleute mir ein vollständiges Bild zu -machen. - -[273] Zwei Vorlesungen von J. H. Berlin 1882. - -[274] Davon der Name +China+. Die Chinesen selber nennen ihr Land -+Tschung Kue+, Reich der Mitte, die Tataren aber Katâi. -- Der zweite -Kaiser dieser Dynastie, Tsching-wang, +soll+ die Zerstörung aller -Bücher, die damals auf Holztafeln geschrieben wurden, mit Ausnahme -derer über Ackerbau und Heilkunde, geboten und durchgesetzt und dadurch -eine Lücke in die Ueberlieferung der chinesischen Klassiker gerissen -haben. - -[275] Confucianism and Taouism. By Prof. R. K. Douglas, London, 1879. - -[276] „Wenn ich die eine Ecke des Gegenstandes zeige, und der Hörer -daraus nicht die drei andern lernen kann, so wiederhole ich meine Lehre -nicht.“ - -[277] Die Ehe des Confucius war unglücklich. - -[278] Dagegen lehrt +Buddha+, Uebelthat mit Güte zu vergelten. - -[279] Das Haus, welches zwei derselben bewohnten, war mir schon -angenehm aufgefallen durch die deutsche Inschrift: „Luginsland.“ - -[280] Fortieth annual Report of the Berlin Foundling house for 1890. -Der Bestand war 79, zwei davon verheiratheten sich, vier starben, -hauptsächlich im zarten Alter; 13 wurden aufgenommen, von diesen -starben fünf, so dass der Bestand 81 beträgt. - -[281] In Frankreich gab es ein +örtliches+, d. h. die Kinder wurden in -entfernte Bezirke zur Pflege gebracht. - -[282] Ausserdem giebt es noch einen hauptsächlich, aber nicht -ausschliesslich englischen +Hongkong-Club+ und einen +Lusitano-Club+ -für die Portugiesen, die doch von den Europäern nicht für voll -angesehen werden. -- Die deutschen Handwerker und Bediensteten, denen -der Club zu theuer ist, versammeln sich in einem +Gesangverein+. - -[283] Man erhält dort auch in einem deutschen Laden ganz rauchbare -+Manila-Cigarren+, das Hundert zu 3½ Dollar. - -[284] Die mittleren Chinesen sind gelblich, die nördlichen röthlich; -die südlichen aber bräunlich, namentlich wenn sie sich der Sonne viel -aussetzen. - -[285] Der Zopf ist erst 1644 n. Chr. durch die Mandschu-Dynastie -eingeführt. - -[286] Nach Duncker etwa 1000 v. Chr. -- Ich hatte mir vor der -Abreise das kleine Conversations-Lexicon von +Kürschner+ schon, wie -immer, in den Koffer gepackt; liess mich aber überreden, es wieder -heraus zu nehmen: was ich nachträglich bereute. Auf keinem der -vielen Schiffe, die ich befahren, in keinem Hotel Asiens sah ich ein -Conversations-Lexicon, sondern allein in der Bücherei des deutschen -Clubs zu Hongkong. - -[287] Travellers P. & O. Pocket Book. - -[288] Dem Rath und der Versuchung, einen Ausflug von Singapore nach -Java zu machen, um die Linie, d. h. den Aequator, zu kreuzen, habe ich -siegreich und ohne Reue widerstanden. - -[289] Das Kunststück ist nicht so gross, wie es scheint. Die kleine -Silbermünze sinkt langsam und bleibt im Sinken gut sichtbar; der Knabe -ergreift sie, ehe sie den Boden erreicht hat, steckt sie in den Mund, -taucht empor und erhebt triumphirend den rechten Arm. - -[290] 164 englische Quadratmeilen, 75000 Einwohner. Zucker und Tapioca -wird in der dazu gehörigen Provinz Wellesley auf dem Festland von -Malakka angebaut. - -[291] Die Geographen des Alterthums und Mittelalters haben die Grösse -der Insel weit +überschätzt+, da sie dieselbe nur vom +Hören-Sagen+ -kannten. - -[292] In Deutschland 91,4. - -[293] Nach der ersten Kaffe-Ernte mussten die Pflanzer öfters schon zur -künstlichen Düngung ihre Zuflucht nehmen. - -[294] Dies gilt für den Südwesten und das Centralgebirge, die feuchte -Gegend Ceylon’s. Der Südwest-Monsun bringt vom April bis Juni den -Regen, dringt aber nicht über das Gebirge. Der übrige Theil von Ceylon -ist trocken und erhält nur von October bis December die einmalige -Regenzeit durch den Nordwest-Monsun; die feuchte Gegend hat dann ihre -zweite Regenzeit. In Colombo fällt fast noch ein Mal soviel Regen, als -in Trincomale. - -[295] Pfund Sterling. - -[296] 25000 Acres sind jetzt damit bepflanzt und liefern den -Einheimischen Kraut für ihre Bedürfnisse, sowie 50000 Centner (im -Werth von £ 150000) zur Ausfuhr nach Indien. In Anuradhapura wollte -ich Cigarren kaufen, mochte aber die +Jaffnas+, die wie Regenwürmer -aussahen, nicht nehmen, sondern zog ein Päckchen amerikanischen +Bird’s -Eye Tabak+ vor. In Colombo kaufte ich indische Cigarren (Cheroots) und -noch lieber holländische aus Java, im Kiosk sowie in den Läden. Sie -sind billig, aber nicht gut. - -[297] Seit dem 13. Jahrhundert n. Chr., d. h. seitdem die in uralter -Zeit hergestellten künstlichen Seen in der Nordhälfte der Insel durch -die erobernden Tamilen (aus Südindien) vernachlässigt wurden. Den -Portugiesen blieb es vorbehalten, die Wasserläufe zur Berieselung der -Reisfelder -- gradewegs zu +zerstören+. - -[298] Die letzteren werden hauptsächlich von den Händlern angeboten; -sie bestehen aus grünlich durchschimmerndem Quarz. - -[299] Hauptabnehmer ist Krupp in Essen. - -[300] - - Census von 1881: 2760000 Einwohner. - Singhalesen: 1847000, - Tamilen: 687000 (257000 wandernd), - Mohren: 185000 (17000 aus Indien), - Eurasier: 18500 (einschliesslich Burghers), - Malayen: 8000, - Andere: 7000 (Chinesen, Parsi u. s. w.), - Europäer: 5000, - Wedda: 2228. - -[301] Dies wird neuerdings wieder bestritten. Natürlich hat die -Tamil-Sprache gar keine Verwandtschaft mit den Sanskrit-Sprachen. - -[302] The governement of Ceylon, like that of every Crown colony, is -virtually a despotism. (W. S. +Caine+, M. o. P.) -- Paternal despotism -(+Ferguson+.) -- The system of Crown colonies is supposed to be that of -a benevolent despostism, a paternal autocracy. It is in many cases that -of a narrow and selfish oligarchy. (+Spectator+, London.) - -[303] Die Rupie hatte ursprünglich den Werth von 2 Mark, später von 1½ -Mark, jetzt von 1¼ Mark. - -[304] „Sie lassen uns für ein nothwendiges Bedürfniss besonders -bezahlen“, sagte, mit strafendem Blick, ein Reisender zu dem Leiter des -Gasthauses. Dieser zuckte stillschweigend die Achseln. -- Ich würde es -mit Freuden begrüssen, wenn bei uns in Deutschland die Gastwirthe sich -entschliessen könnten, das Bad nicht besonders zu berechnen. - -[305] Natürlich hat man daselbst im Lesezimmer ein Fernrohr -aufgestellt, um die Namen und Flaggen der einlaufenden Schiffe lesen zu -können. - -[306] Verpflegung und Wohnung 8 Rupien täglich, ohne Wein und Bier und -ohne Bad. - -[307] Ich möchte den deutschen Hausfrauen einen Versuch anrathen. In -Ceylon ist der Preis 18 d. (also etwa 1 Mark 50 Pfennige) für das Pfund. - -[308] Custom house. - -[309] Jetty. - -[310] Während ich dieses schreibe (Sommer 1893) ist in Ostindien die -freie Silberprägung aufgehoben, und der Uebergang zur Goldwährung -angebahnt. - -[311] Für Deutsch-Ost-Afrika werden auch Rupien, mit dem Bildniss -unsres Kaisers, geprägt. Unser Zwei-Mark-Stück wiegt 11 Gramm, die -Rupie 11,_{6} Gramm. - -[312] Im gewöhnlichen Verkehr werden diese beiden Münzen auch Shilling -und Sixpence genannt. Wenn der Reisende einen geforderten „Shilling“ -wirklich in englischer Münze bezahlt, so hat er ein Drittel zu viel -gegeben. - -[313] Out-rigger canoe. (Orowah.) Dasselbe ist über die -südostasiatischen Inseln weit verbreitet. - -[314] +Pallad+., De gentibus Indiae et Bragmanis. (Graece et latine.) -Londini 1665. p. 4. - -[315] +Kattu+ binden, +maram+ Baum. - -[316] Ich erlebte die Landung des Dampfers „Rome“ (London-Melbourne), -der 200 Cajüt- und nur sechs Zwischendeck-Reisende mitbrachte. - -[317] Diese Angabe des Reiseführers kann ich aus dem amtlichen Werk -über die Leuchtfeuer in Indien und Australien bestätigen. - -[318] Nach der Volkszählung von 1891 leben 121 Schlangenbeschwörer und -36 Gaukler in Ceylon. Es sind meist Tamilen. - -[319] Naja tripudians, Cobra di capello. - -[320] Sie fahren natürlich langsam. Es giebt aber auch kleine Renn-Zebu -vor einsitzigem Wägelchen, die in ihrem Trab recht sonderbar aussehen. -Gelenkt werden die Ochsen mit einem Strick, der an einem durch die -Nasenscheidewand gezogenen Ring befestigt ist. Vor den Lastwagen der -Landstrasse und an den Drehmühlen ziehen die Ochsenpaare im Joch: der -Balken liegt vor dem Höcker der Thiere. - -[321] Eintritt in Hindu-Tempel ist Andersgläubigen nicht gestattet. - -[322] Ein lustiger Schiffsarzt hat wohl einmal des Morgens, ehe Ceylon -in Sicht kam, heimlich Zimmtöl über das Verdeck gesprengt. - -[323] Bark; chips. Der Ceylon-Zimmt heisst auch Canel. (Canella oder -Cannella, d. h. Röhre, der Venezianer und Portugiesen.) Zimmt kommt -auch aus Indien, Java, den Philippinen und China, Senegal, Brasilien, -Westindien. - -[324] Cinnamomum Ceylonicum, ein zur Familie der Lauraceen gehöriger -immergrüner Baum. - -[325] Des Abends entzündet der Diener unaufgefordert die an der Wand -befindliche Gasflamme. Kerzen werden nicht verabfolgt, sie gelten -für feuergefährlich. In der That gebieten die Moskito-Netze und -windbewegten Vorhänge grosse Vorsicht. Das Haus ist allerdings aus -Stein gebaut und mit steinerner Haupttreppe versehen. - -[326] Danach wäre der Bedarf für den Kopf und Tag nur 100 Liter, etwas -wenig in so heisser Gegend. - -[327] Musa sapientium, ein baumartiger +Strauch+, der bis 40 kg Früchte -trägt. Auf gleicher Grundfläche liefert derselbe 44 Mal so viel -Nahrungsstoff als die Kartoffel und 133 Mal so viel als der Weizen. - -[328] Artocarpus nobilis und integrifolia, nächst Cocus- und -Palmyra-Palme der wichtigste Baum für den Singhalesen; an jedem Hause, -in jedem Garten wird er gepflanzt; seine (5 bis 12 kg schweren) -Früchte, Jaka genannt, nähren den Menschen, seine Blätter das Vieh; -sein Stamm liefert Holz für jeden Zweck. - -[329] Kaljani = glücklich. Ganga = Fluss. - -[330] Gott der Weisheit, mit dem Kopf des Elephanten. - -[331] Sehr oft wird der Vergleich zwischen der Pflanzenwelt von Java -und der von Ceylon gezogen. Einer der besten Schriftsteller über Java, -der auch Ceylon genau kennt, +Junghahn+, erklärt freimüthig, dass er -solchen Kokoswald, wie auf Ceylon, weder auf Java noch auf Sumatra -gesehen habe. - -[332] +Häckel+ schildert, wie sein Ganymed in der Frühe jedes Tages mit -der frisch eröffneten Kokosnuss erschien, aus der er ihm den kühlen -Morgen-Trunk kredenzte. - -[333] Bei Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) heisst es: μαλλοῖς -γυναικαίοις εἰς ἅπαν ἀναδεδεμένος. - -[334] Aber sie sind auch Ackerbauer und Fischer, auf dem Lande und an -den Küsten. - -[335] Ausserdem kommen noch in Betracht Licenz für Arrak-Verkauf (⅛), -Salzsteuer, Quittungssteuer, Landverkauf. - -[336] Dieser Theil war 1867 fertig, der folgende erst 1885. - -[337] 205 englische Meilen im ganzen waren 1892 auf Ceylon im Betrieb -und 32 Meilen südwärts von Nanu-Oya nach Haputalé in der Südprovinz Uva -so weit fertiggestellt, dass die Eröffnung im Frühjahr 1893 zu erwarten -stand. -- 122 Meilen für 1½ Millionen £ sind freies Eigenthum der -Colonie, die Grundschuld für die andern 148 Meilen beträgt nicht viel -mehr als 2 Millionen £. - -[338] Also etwa 7 Pfennige für den Kilometer; oder 10 Pfennige, wenn -die Rupie zu ihrem vollen Werth gerechnet wird. Das stimmt ungefähr mit -unseren Schnellzugspreisen. - -[339] Auf der Rückfahrt lernte ich eine thörichte Einrichtung kennen. -Eine Stunde, bevor der Zug an dem Haupthaltepunkt ankommt, werden -die Wagen an beiden Seiten von aussen mit einem Schlüssel fest -verschlossen, -- wegen der Fahrkarten-Prüfung. Da die Fenster sehr -klein sind, kann der Reisende im Unglücksfall nicht heraus, falls er -nicht eine Holzaxt bei sich hat. - -[340] M.-Junction. - -[341] 1 Acre = 40.467 Ar, 1 Ar = 100 Quadrat-Meter. - -[342] 1 Bushel = 35 Liter; 1 hl Roggen = 72 Pfund, also 2 Millionen hl -Reis wohl +ungefähr+ 72000 Tonnen. (In das deutsche Reich sind 1887 -eingeführt 91701 Tonnen Reis, im Werth von 15954000 Mark.) - -[343] Die patriarchalische Dorfverwaltung, aus Indien entlehnt, hat -seit uralter Zeit in Ceylon bestanden; die Gemeinde verwaltete sich -selbst und sorgte namentlich für die Wasserläufe. - -[344] Von den Portugiesen haben dies die Kandyer gelernt. - -[345] Diese Zahl steht in Ferguson’s neuester Ausgabe, ist aber wohl -„Zukunftsmusik“. Denn auf der Karte, die er seinem Werk beigegeben, -steht deutlich zu lesen: +Letzte Statistik+: Bevölkerung 3100000. -Flächeninhalt der Insel 15800000 Acres. Bebautes Land 3212310 Acres. -(Reis 700000, Kokos 500000, Kaffe 38000, Thee 255000, Cinchona 9000, -Natürliche Weide 100000.) -- An Kron-Land wurde verkauft (1860-1893) -eine Million Acres für 2 Millionen £. - -[346] Einschliesslich der Geistlichkeit. Jetzt sind +alle+ Religionen -in Ceylon frei von Aufsicht und Unterstützung des Staates. - -[347] Europäische Kinder sterben in Ceylon, bevor sie erwachsen sind. - -[348] Regierungsbeamte im Innern müssen allerdings die Landessprache -erlernen, Pflanzer können ohne einige Kenntniss der Tamil-Sprache nicht -wirthschaften. - -[349] Seine Begegnung mit der Fürstentochter hat sehr grosse -Aehnlichkeit mit der des Odysseus und der Kirke. - -[350] Zahn-Stadt. - -[351] Blinde Bettler giebt es natürlich auch auf Ceylon, wie -allenthalben. Aber im Ganzen fand ich den Zustand der Augen sehr gut -auf dieser heissen Insel. Die ägyptische Augenentzündung, die in -Calcutta und besonders in Bombay gar nicht so selten vorkommt, ist -in Ceylon fast unbekannt; ein neuer Beweis zu den vielen anderen, -dass Hitze und grelles Sonnenlicht nicht die Ursache der Krankheit -darstellen. - -[352] Nerium odorum. - -[353] Maha-vali = grosse Linie. - -[354] Von den Engländern so genannt, bei den Einheimischen heisst sie -Tal Gaha. - -[355] So genannt, weil die Blätter erfrischenden Saft enthalten für den -müden Wandrer. - -[356] 1 Quart = 1,145 Liter. - -[357] Nicht 40, wie Häckel schon 1882 angegeben. - -[358] Zu 0,9 Liter. - -[359] Fahrpreis erster Classe 6 Rupien 57 Cts., für Hin- und Rückfahrt -10 Rupien. - -[360] Fahrpreis 2 Rupien; für das Gepäck, das im Ochsenwagen befördert -wurde 1 Rupie. - -[361] Mein Reise-Aneroïd-Barometer nebst Compass (von P. Dörffel in -Berlin) hat mir, namentlich bei Bergfahrten, vielfach Belehrung und -- -Zerstreuung gewährt. - -[362] Die Culturpalme geht bis 3000 Fuss Höhe. - -[363] Agave americana. Stammt aus Amerika, hat aber zusammen mit -ihrer Landsmännin, der Cactusfeige (Opuntia), das Aussehen unsrer -+Mittelmeer-Landschaft+ völlig verändert. - -[364] +Eine+ Pflanze sandte er an den botanischen Garten von Amsterdam. -Von dem Samen dieser Pflanze stammen fast alle Kaffebäume der Erde ab, -nachweislich alle in Amerika. - -[365] Nach Einigen war die Pflanzung von Georg Birch bei Gampola schon -ein Jahr früher eingerichtet worden. - -[366] 8 Millionen Pfund 1824, 15 im Jahre 1827. - -[367] - - Nach England sind 1827 von Westindien 29 Mill., von Ceylon fast 2 Mill., - aber 1857 „ „ 4 „ „ „ 67 Millionen - Pfund Kaffe eingeführt worden. - -[368] An den steilen Abhängen wurden die obersten Reihen der uralten -Bäume gefällt und auf die darunter stehenden, an einer Seite -eingeschnittenen gestürzt: lawinenartig setzte sich der Sturz fort bis -zur Thalsohle: dann wurde der ganze, niedergelegte Urwald angezündet. - -[369] Aber noch 1854 tadelt Schmarda, der 8 Monate auf der Insel -verweilte, das Ueberwiegen der Speculation bei den Kaffe-Pflanzern. - -[370] - - 1884 war die Kaffe-Ernte des Erdballs etwa: - - 7250000 metr. Centner (zu 100 kg) oder 1450 Millionen Pfund; davon - 3891000 „ „ aus Brasilien, - 907000 „ „ aus Java, - 146000 „ „ aus Ceylon. - - Ferguson berechnet die ganze Erzeugung von Kaffe auf: - - 869000 Tonnen (oder 17 Mill. Centner, im Werthe von £ 70000000); davon - 128000 „ auf örtlichen Verbrauch, - 740000 „ auf Ausfuhr. - -[371] Ferguson berechnet die Gesammterzeugung der Erde auf 1385 -Millionen Pfund Thee (also beinahe so viel wie die des Kaffe); die -Ausfuhr auf 504 Millionen, den Verbrauch in China auf 800 Millionen, -den in England auf 210 Millionen, den in Deutschland auf 4½ Millionen -Pfund. 1885 betrug die Gesammtausfuhr von Thee etwa 380 Millionen -Pfund, davon aus China 256 im Werth von 173 Millionen Mark. -- Einzelne -Sachverständige behaupten, dass man nach 30 Jahren Thee aus Ceylon -nicht mehr werde ausführen können. (?) - -[372] Ceylon Tea Plantation Company, die 1891 an 4 Millionen Pfund Thee -auf den Markt gebracht. - -[373] Angeblich hat nur ein Zehntel der Pflanzer Glück gehabt. Aber -England hat doch ungeheure Summen aus Ceylon gezogen. - -[374] Nach Ferguson verdient der Mann 2½ bis 3½ Shilling die Woche, -nach Caine 6 bis 9 Pence täglich; nach Schmarda, 1854, 9 Pence -bis 1 Shilling. 50 Millionen £ sind in den letzten 50 Jahren den -Einheimischen an Arbeitslohn gezahlt worden. - -[375] D. h. Götterspeise. - -[376] +Quina+ = Rinde, in der Inka-Sprache. 1638 wurde die Gräfin -+Cinchon+, Frau des Vicekönigs von Peru, durch die Rinde vom Fieber -geheilt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelangte das Mittel nach -England, Frankreich und Deutschland. Die wirksamen Stoffe der Rinde -sind die Alkaloïde Chinin und Cinchonin. Die Holländer verpflanzten -1852 die Cinchona nach Java, die Engländer 10 Jahre später nach Indien -und Ceylon. - -[377] Bei uns kostet jetzt, im +Einzelverkauf+, 1 Gramm 15 Pfennige. - -[378] Im Mittel 5 Procent Alkaloïde. Das deutsche Arzneibuch verlangt -von der China-Rinde mindestens 3,5 Procent Alkaloïde. Der jährliche -Bedarf der ganzen Erde ist etwa 6 Millionen kg China-Rinde, 1881 wurden -etwa 9 Millionen geerntet, das meiste stammt doch noch aus Südamerika, -die Fabriken verarbeiten jährlich 4,3 Millionen kg Rinde und gewinnen -daraus 86400 kg Alkaloïde oder 120000 kg Chininsulfat und entsprechende -Salze. - -[379] D. h. die königliche Stadt des Lichtes, -- seitdem 1610 n. Chr. -die Könige von Kandy vor den Portugiesen dorthin geflüchtet waren. -Man findet auch die Schreibweise Neura-ellia. Kein Wunder, dass die -Engländer New Aurelia schreiben und nurélia aussprechen. - -[380] Etwa 10 Rupien täglich, ohne Wein u. dgl.; bei längerem -Aufenthalt 7 Rupien. - -[381] Wer nicht zu Fuss gehen will, kann für 4 Rupien sich hinauftragen -lassen oder für 5 Rupien auf einem Ponny hinaufreiten. - -[382] Wörtlich Matten-Rippen-Fels. Der Berg bringt Pflanzen hervor, die -geeignet sind zum Flechten von Matten (pedura); talla = Blattstreif -oder Rippe; galla = Berg. -- Der abgekürzte Name lautet Pedro. - -[383] Rhododendrum arboreum. - -[384] Allerdings beherrscht der hohe Standpunkt eine Kreisfläche von -etwa 150 km Halbmesser oder 300 km Durchmesser, während die grösste -Breite der Insel nur 235 km beträgt. +Häckel+ hat hier oben westlich -wie östlich einen Silberstreif des Meeres gesehen. - -[385] Für 1 Rupie. - -[386] Für 6 Rupien. - -[387] Ich hatte mir natürlich auch englische machen lassen, da in -englischen Gegenden fremde Sprachen nicht verstanden werden. - -[388] Alsophila. - -[389] Mimosa pudica. - -[390] Vgl. seine indischen Reisebriefe S. 339. - -[391] S. 231. - -[392] Kadi, Kari, Kuri ist saure Milch, mit Reis gesotten. Hieraus -haben die Engländer +curry+ gemacht. - -[393] Sweet and hot. - -[394] Wörtlich: des Glückes Fusstapfen. Der Adams-Pik heisst in Pali -Sumanakuta = Götterberg, der neuere Name ist Samanella. - -[395] Ausser -- Freitags! Die Fahrt dauert eine Stunde, die Entfernung -beträgt 22 englische Meilen. - -[396] Rest-house. - -[397] Auch für die Rast unter dem schattigen Dach muss besonders -bezahlt werden, allerdings nicht viel, etwa ½ Rupie. - -[398] Matale-Anaradhapura, 30 Rupien für Hin- und Rückfahrt. - -[399] Die indische Tonga ist zweirädrig. - -[400] Semnopithecus, Wanderu. (Singhalesisch Wandura.) - -[401] Durch Schlangenbiss und wilde Thiere sterben in Ceylon jährlich -150 Menschen. - -[402] Derselbe hat grosse Verdienste nicht bloss um die Alterthümer, -sondern auch um die Wiederherstellung der Bewässerung, Anpflanzung von -Palmen und Reisfeldern, den Bau von Krankenhäusern u. dgl. - -[403] E. Tournour, The Mahawanso, Ceylon 1837. L. C. Wijesingha, The -Mahavansa, part II, Colombo 1889. Wie man sieht, wird der Titel etwas -verschieden mit europäischen Buchstaben geschrieben. - -[404] D. h. Victor, der Siegreiche. - -[405] Anurádha war der Schwager des zweiten Königs Panduwása. Pura -heisst Grossstadt. Tennent, unsre Hauptquelle, schreibt Anarajapoora. - -[406] Es gab Krankenhäuser für Menschen und Thiere, öffentliche Gärten, -Strassenreinigung, Begräbnissplätze. - -[407] Gam oder gramma = Stadt. - -[408] Jetzt 9598, nach der Volkszählung von 1891. - -[409] 769 n. Chr. wurde der Herrschersitz südwärts verlegt nach -Pollanarus. Diese Stadt blühte besonders im 12. Jahrhundert und sank -dann gleichfalls in Ruinen. - -[410] Aehnliches gilt von einigen Städten der Ureinwohner von -Central-Amerika. - -[411] Die grosse Pyramide von Gizeh enthält 2½ Millionen Cubikmeter, -also über 67½ Millionen Cubikfuss. - -[412] Dies scheint mir vom baukünstlerischen Standpunkt vernünftiger, -als wenn ein Ptolemäer den Riesen-Obelisk des grossen Thutmes auf vier --- +Krabben+ aus Bronze stellt. Der Beobachter (im Centralpark zu -New-York, wohin dies Wunderwerk verschlagen ward,) befürchtet fast, den -Zusammenkrach zu hören und zu sehen. - -[413] Im Pâli +hanza+, also derselbe Stamm, wie im Griechischen, -Lateinischen, Deutschen und den daraus abgeleiteten Sprachen. Die -Buddhisten nahmen an, dass die Wanderzüge der Gänse nach dem heiligen -See von Manasa (in ihrem mythischen Himalaya) sich erstrecken. - -[414] Nach Fergusson wäre es der rechte Backenknochen (yaw bone). - -[415] Hauptquellen für diese Alterthümer sind neben Burrows und den -kurzen Mittheilungen, die Herr Bell bisher gemacht hat, noch immer -+Tennent+ und J. +Fergusson+, Verfasser von Indian Architecture. -Fergusson war nie auf Ceylon, er tadelt Tennent, wirft der Regierung -Gleichgiltigkeit gegen die Alterthümer vor und verspottet unsern -Landsmann Dr. +Goldschmidt+, der die +Inschriften+ studire: offenbar -kann er deren Werth nicht würdigen. - -[416] Wie der unvollendete Obelisk im Steinbruch bei Assuan in -Oberägypten. - -[417] Vom Führer als Tränke bezeichnet; doch wird man damals, wie -heute, Elephanten und Ochsen in Teichen getränkt haben. - -[418] +Giants Tank.+ Aber auf Ferguson’s Karte heisst so ein Teich nahe -der Nordwestküste von Ceylon. - -[419] Ich sage +vielleicht+, da Herodot in der Beschreibung des -Moeris-See’s wahrscheinlich sich getäuscht hat, indem er den Fayum zur -Ueberschwemmungszeit besuchte. - -[420] Tennent sah, vor 40 Jahren, einen Knaben, der geradlinig von -einem der Begleiter des heiligen Bo-Baumes abstammte. Er hatte -den Titel „Prinz des Löwen und der Sonne“. Gegen diesen Stammbaum -verschwinden die des europäischen Adels. - -[421] Preis des Telegramms in Ceylon: a) dringend, 1 Rup. 60 Cts., b) -gewöhnlich, 80 Cts., c) aufschiebbar, 40 Cts., für acht Wörter. Jedes -Zusatzwort noch 20, 10, 5 Cts. Adresse frei. Ich wählte b). -- Es giebt -1550 engl. Meilen Telegraphen-Draht in Ceylon. - -[422] Hindu-Schreiber. - -[423] In ganz Ostasien, von Hongkong bis Bombay, sind die Gasthäuser -schlecht. Es fehlt der Wettbewerb. Auch gehört viel Geld dazu, so -grosse Häuser, wie die in Colombo, Calcutta, Bombay, zu errichten und -zu unterhalten. - -[424] Die Hauptzeit dauert vom 20. Dezember bis 10. Januar; da kommt -jeder in Bengal lebende Engländer nach Calcutta; da sind die Bälle und -Empfänge des Vice-Königs und der Vornehmen. - -[425] - - +Silbermünzen+: 1 Rupie (= 16 Annas), eigentlich 2 sh, wirklich - 1 sh 2½ d, etwa 130 Pfennige. - - ½ Rupie = 8 Annas (65 Pfennige). - - ¼ Rupie = 4 Annas (32½ Pfennige). - - ⅛ Rupie = 2 Annas (16 Pfennige, ein bequemes - +Trinkgeld+). - - +Kupfermünzen+: ½ Anna = 4 Pfennige. - - ¼ Anna = 1 paisá, englisch pice, 2 Pfennige, ein - +Almosen+. - -1 Anna = 4 pices = 12 pies. (Für die Armuth des Landes spricht der -Umstand, dass in manchen einheimischen Märkten die Anna in 912 Theile --- Kauri -- getheilt wird!) - -[426] Wörtlich Schnee-Palast; vom Sanskritischen +hima+ = Frost -oder Schnee und álaya = Wohnung. Der erstgenannte Stamm ist auch im -Griechischen und Lateinischen vorhanden. (χεῖμα, hiems = Winter.) - -[427] In engerem Sinne bedeutet Dekkan das Hochland zwischen den beiden -Flüssen, Narbada, der ungefähr unter 21° nördl. Br. in das arabische -Meer (den Golf von Cambay) fliesst, und Krishna oder Kistna, der -ungefähr unter 16° nördl. Br. in das Meer von Bengalen sich ergiesst. - -[428] Treppengebirge, von ghát = Landungstreppe. - -[429] Burma mit 7½ Mill. Einwohnern gehört jetzt mit zum Kaiserreich -Indien. - -[430] 1 Acre = 40,5 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter. - -[431] Die Eintheilung ist üblich, aber nicht folgerichtig. Die -Mohammedaner sind nicht ein besonderer Stamm. - -[432] Vom portugiesischen +casta+, Geschlecht; Uebersetzung des -indischen +dschâti+, Stand. - -[433] d. i. Vihara = Kloster. - -[434] Ueber 50 Procent Hindu, 39 Procent Mohammedaner, ferner Christen, -Juden, Parsi u. s. w. 1881 waren unter 684000 Einwohnern 428000 Hindu, -221000 Mohammedaner, 30000 Christen und, nach der Nationalität, 7000 -Europäer. - -[435] Der jetzige Tempel mit seiner Treppe (ghat) heisst Kali-ghat -und liegt einige englische Meilen südlich von der Stadt am Ufer von -Tolly’s Nulla (Nalla). Er ist vor etwa 300 Jahren von einer reichen -Hindu-Familie erbaut und mit einer Landschenkung ausgerüstet und wird -von wohlhabenden Priestern, den Nachkommen der Gründer, verwaltet. -Es ist der einzige Ort in Calcutta für den öffentlichen Gottesdienst -der Hindu; wiewohl in jedem Haus ein Altar für den Familien-Gott sich -vorfindet. Kali, „die schwarze“, ist eine grausame Göttin, die Pest und -Hungersnoth sendet und nur durch Blutopfer besänftigt wird. Gewöhnlich -werden Ziegen geopfert: aber, wie in alten Tagen, so wurden auch noch -1866, während der schrecklichen Hungersnoth, Menschenköpfe, mit Blumen -bedeckt, vor ihrem Altar gefunden. Und sogar noch 1893 ist ihr in -der Nähe von Calcutta ein Menschenopfer dargebracht worden. -- Die -Schreibweise Kalkutta mag richtiger sein. - -[436] Das Gebäude ist nicht mehr vorhanden; der Eingang lag in einer -Gasse hinter dem jetzigen Postgebäude; 1884 wurde der Ort mit einem -schönen Steinpflaster versehen. - -[437] Ich verschmähte denselben und fand weit besser meinen weichen, -hellgrauen, breitkrämpigen Filzhut, den ich schon in Oberägypten -erprobt hatte. - -[438] +Babu+ heisst Herr auf hindostanisch und bedeutet einen Inder, -der englisch lesen und schreiben kann. Die Babu sind das halbgebildete, -neuerungssüchtige, unzufriedene Element in Indien. Europäer in Indien -werden mit dem arabischen Wort für Herr, +Sahib+, angeredet. - -[439] Am ersten Tag in Calcutta entnahm ich Geld auf meinen Creditbrief -in der Chartered bank of India, Australia, China. Ich erhielt -74 Zehnrupienscheine der Regierung und 54 Silberrupien in einem -Beutelchen. (50 £ = 794 R.) +Mit 58 £ bin ich in 33 Tagen sehr bequem -durch Indien gekommen.+ Es ist eine unsinnige Behauptung, dass man -täglich 5 £ braucht. - -[440] Sprich Tanjor. - -[441] Jute, Calcutta-Hanf, die Bastfaser von Corchorus, 1,5 bis 2,5 -Meter lang, besonders seit dem Krimkriege, während dessen der russische -Flachs und Hanf nicht nach England kamen, eingeführt. (Der Name Jute -stammt aus Orissa.) 1890/91 wurden aus Indien ausgeführt an Jute 12 -Millionen Centner (Rx 7½ Millionen), an Jutesäcken für Rx 2½ Millionen. - -[442] Rx = 10 Rupien, ein durch den schwankenden Silberpreis neuerdings -eingeführtes Zeichen, während früher Rx = £ gewesen. - -[443] Auch Steinöl ist vorhanden, in Punjab, in Assam, aber weder -lohnend, noch ausreichend, so dass Indien angewiesen ist auf Einfuhren -aus Amerika und aus Russland, die hier mittwegs sich begegnen. - -[444] Rx 8 Millionen, also fast ¼ der ganzen Steuern. (35½ Millionen.) -Folglich zahlt die ärmste Familie von vier Personen der Regierung an -Salz-Steuer jährlich 2⅓ Shilling oder den Lohn einer Woche und mehr. - -[445] Adamas, griechisch, der unzerbrechliche. - -[446] Vergleiche meine Arbeit: Ueber die Ergebnisse der Magnetoperation -in der Augenheilkunde, in A. v. Graefe’s Archiv, Band XXXV, 1890. - -[447] Im Norden der Centralprovinz. - -[448] +Fergusson+ verficht mit Eifer die Ansicht, dass „allenthalben -unterhalb des Buddha-Glaubens eine Lage von Schlangen- und Baumdienst -gefunden wird“, dass hauptsächlich nur die alten Ureinwohner, die -Schlangen und Bäume verehrten, den Buddha-Glauben angenommen haben. - -[449] Der +sachverständige+ Prinz Waldemar von Preussen beschreibt es -folgendermaassen: „Es bildet ein achtseitiges Vauban’sches Polygon, -dessen fünf Landseiten bastionirt, dagegen die drei dem Hugli -zugekehrten +tenaillirt+ sind, d. h. abwechselnd ein- und ausspringende -Winkel bilden.“ - -[450] Für 1 R. - -[451] Die Wasserleitung Calcutta’s schöpft aus dem Ganges. - -[452] Die der Wirth für 2 Annas d. h. etwa 16 Pfennige liefert, mein -Landsmann aber auf den Werth von 1 Annas abschätzt. - -[453] Für 2-4 R. - -[454] 1891 wurden im Mayo-Krankenhaus 176 Fälle von Cholera -aufgenommen, von denen 105 tödlich endigten. - -[455] Schon die alten Griechen waren im Zwiespalt, die Einen leiten -das Wort von χολή (chole) „die Galle“, die Anderen von χολάς (cholas) -„Dünndarm“ ab. Bei den späteren Griechen bedeutet dasselbe Wort eine -Dachrinne. - -[456] Vgl. Reports on the epidemic cholera, Bombay 1819. - -[457] Unter dem Namen Bisúchika, während in einer Sanskrit-Handschrift -aus dem 17. Jahrhundert der Name Haidsa auftritt. - -[458] In Berlin sind in den 15 Epidemien von 1831 bis 1873 im Ganzen -18916 Menschen an Cholera verstorben. - -[459] Den Koffer liess ich im Gasthaus. Calcutta-Darjeeling, 378 -englische Meilen in 24 Stunden, also durchschnittlich nur 25 Kilometer -in der Stunde. Fahrpreis erster Classe 50 Rupien, wovon 20 auf die -letzten 50 Meilen (privater Gebirgsbahn) entfallen. Die erste Classe -kostet in Indien höchstens 1 anna 6 pies für die Meile (oder etwa 8 -Pfennige für den Kilometer), ungefähr wie bei uns, die zweite die -Hälfte, die dritte den sechsten Theil. Hin- und Rückfahrtskarte kostet -1⅓ der Hinfahrt, ungefähr wie bei uns. Madras-Zeit gilt auf allen -Bahnen. Auf grösseren Halteplätzen zeigt eine Uhr die Madras- oder -Eisenbahnzeit, eine zweite die Ortszeit, und zwar recht deutlich. - -[460] Der Ganges ist 2500 Kilometer lang und hat ein Gebiet von 1 -Million Quadratkilometer. Zu Rajmahal in Bengalen, noch 640 Kilometer -von der Mündung, ist er 1500 Meter breit, und entsendet während der -Hochfluth 1800000 Cubikfuss in der Secunde, sonst 207000. Die Dauer -der Hochfluth beträgt 40 Tage. (Die grösste Entladung des Mississippi -beträgt 1200000 Cubikfuss.) Der Innenhandel von und nach Calcutta auf -dem Ganges und seinen Nebenflüssen und Canälen beträgt jährlich 400 -Millionen Rupien, davon 153 auf einheimischen Böten. 1876 wurden deren -zu Hugli 124000 registrirt. - -[461] Nicht weniger als fünf verschiedene Spurweiten sind auf indischen -Eisenbahnen zu finden, was vom Standpunkt der Landesvertheidigung -seltsam erscheint. Die grösste ist auf der Strecke Calcutta-Delhi, -nämlich 66 Zoll, 9½ Zoll mehr, als bei uns. (Die kleinen Spurweiten -sind billiger, aber weniger haltbar.) - -[462] Auch Nepal oder Nipal geschrieben. - -[463] Ponny und Führer 6 Rupien. - -[464] In Deutschland 43156 Kilometer (dazu 2487 Kilometer -Industrie-Bahnen); in England 32304 Kilometer. - -[465] 1881 musste Professor Reulaux im Fährboot über den Ganges setzen. - -[466] Natürlich besser, als +Rasthäuser+ (Dak Bungalow): auf letztere -war ich nur zwei Mal angewiesen, in Ahmedabad und bei Ellora, in -einheimischen Schutzstaaten, wo überhaupt noch keine Gasthäuser für -Europäer errichtet sind. - -[467] Nelumbium speciosum, indische Teichrose, Nil-lilie, die heilige -Padena-Pflanze der Inder. - -[468] 2 Rupien für den Tag. - -[469] 6 „ „ „ „. - -[470] Für 2 bis 3 Rupien. - -[471] Die Vorschrift der Religion ist gewiss sehr förderlich für die -Gesundheit. - -[472] Sikra oder Vimanah, mit zahlreichen Nebenthürmchen. (Es soll die -aufsteigende Flamme bedeuten.) - -[473] Rama ist einer der „Niederstiege“ (Avatáras, Incarnationen) des -Wischnu. - -[474] Soll in Europa die Leichenverbrennung, welche ja altgermanische -Sitte gewesen, wieder Fortschritte machen, so werden wir von den -Asiaten Einfachheit lernen müssen. In Japan kostet die Verbrennung -erster Classe 7 Yen, zweiter Classe 2½ Yen, dritter Classe 1½ Yen. (1 -Yen = 3 Mark.) In Indien sind die Preise noch niedriger, -- wenigstens -für die +Armen+. - -[475] Das = zehn; ashva (equus) = Ross. Ross-Opfer kommen in den alten -Gesängen der Veden vor, wie bei den alten Germanen. - -[476] Auch Sutti, Suttee geschrieben. - -[477] Tij Muhamed Sháhi, Tafeln des Kaiser Muhamed. - -[478] Grade sowie bei denen unseres Dr. Hevelius in Danzig, um die -Mitte des 17. Jahrhunderts, welcher die neu erfundenen Fernröhre -verabscheute. - -[479] Mani = Juwel, Karna = Ohr. Devi (Mahadeo) soll seinen Ohrring -hinein geworfen haben. Daher die Heiligkeit. - -[480] Tarak = der hinüber trägt. - -[481] Fünf-Fluss-Treppe. - -[482] Unten 2,5 Meter, oben 2,2 Meter dick. Wegen des mächtigen -Unterbaues ist das Ganze vom Fluss bis zur Spitze der Minarete 300 Fuss -hoch. - -[483] Vissva, das All; Issvara, der Herr: also +Herr der Welt+. -Mahadeva (Magnus divus) ist eigentlich dasselbe. - -[484] Von Anna = Nahrung, purna = anfüllend. - -[485] An Grösse gleich Holland und Belgien, übertrifft es diese dicht -bevölkerten Länder noch um zwei Millionen. Es hat 180 Einwohner auf den -Quadratkilometer. - -[486] Nach Calcutta, Bombay, Madras, Haiderabad. - -[487] Eigentlich +Sipahi+, ein eingeborener Soldat, von +sipáh+, Armee. -(Persisch.) Bei den Türken hiessen +Spahi+ die Reiter; so heissen auch -noch jetzt die vier Reiterregimenter, welche die Franzosen in Algier -und Tunis aus den Eingeborenen gebildet. - -[488] Der Antheil am indischen Handel, welchen der König von Preussen -im vorigen Jahrhundert für sein Volk vergeblich erstrebt, ist in -unserem Jahrhundert von der Thatkraft der deutschen Kaufleute errungen -worden. In den letzten fünf Jahren ist der deutsche Handel mit Calcutta -auf das Dreifache gewachsen, der englische Handel dagegen von 65 -Procent des Ganzen auf 57 gesunken. - -[489] Dies spricht beredt für die Kraft und Sicherheit der Regierung. -Sollte aber einmal ein feindliches Heer rasch durch Punjab vorrücken, -so kann ganz Simla leicht von dem übrigen Indien abgeschnitten werden. - -[490] Die vaterlandsliebenden Inder haben bisher ganz vergeblich -in ihrem +National-Congress+ freie Wahlen zu einer indischen -Volksvertretung gefordert. In diesem Jahre, zu Lahore, wollen sie -erklären, dass durch die erdrückende Besteuerung und den Geldabfluss -nach England Indien verbluten müsse. -- Pressfreiheit besteht in Indien -seit 1835, durch Macaulay, aber vollständiger erst seit 1867. - -[491] Rx = 10 Rupien, also 275 Millionen Rupien; beim jetzigen Curs an -400 Millionen Mark. - -[492] Lucri bonus odor. Die Regierung verkauft unter Monopol den -schlimmsten Schnaps, ferner Majoon (= Haschisch, vom indischen -Hanf, zum Essen,) und Churra (aus derselben Pflanze, zum Rauchen,) -ferner Opium an die Einheimischen. Die genauere Schilderung hat das -Parlaments-Mitglied Caine (Picturesque India, S. 292) geliefert. - -[493] Ausfuhr nach China 1878/79 91000 Kisten, für Rx 13 Millionen; -1890/91 85000 Kisten (119000 Centner) für Rx 9¼ Millionen. 140 Pfund -Opium bringen in Canton 300 bis 600 Dollar. - -[494] Der Vicekönig erhält 500000 + 240000 Mark jährlich, die Beamten -des covenanted civil service von 12000 bis 72000 Mark. (1880.) - -[495] Lakh = 100000. - -[496] So nennt man die Prachtgebäude zur Feier des Moharram (= -Allerheiligsten), des Neumonds vom ersten mohammedanischen Monat, der -gleichfalls Moharram genannt wird. Das Fest ist zu Ehren der Märtyrer -Hosein und Hussein, der Söhne von Ali, dem Vetter, und von Fatimah, der -Tochter von Mohammed; und wird nur von den +Shiahs+ gefeiert, nicht -von den +Sunnies+. Zu den Shiah gehören die Perser, ein Theil der -Einwohner von Oudh und andre Mohammedaner Nordindien’s; zu den Sunnies, -welche neben dem Qoran auch die Ueberlieferung Mohammeds (Sunna) gelten -lassen, die Araber, Türken, Afghanen u. A. 90 Procent der Moslem in -Indien sollen Sunniten sein; zu ihnen gehörten auch die Grossmogul. - -[497] Die Tabakspfeife, Hukha, des Volkes ist eine Art von Thontrichter -mit flachem Teller. Nicht selten wird sie in den von den beiden -Händen gebildeten Hohlraum gesteckt, und aus dem Spalt zwischen den -beiden Händen der Rauch gesogen. So können mehrere an derselben -Pfeife rauchen, ohne Kastenvorurtheile (oder die Gesetze der -Gesundheitspflege) zu beleidigen. Der fleissige Handwerker steckt diese -Pfeife in ein Wassergefäss, aus dem ein langes Rohr herausragt: so hat -er eine Wasser-Pfeife (Nargileh). - -[498] Lang fortgesetzte Dürre, da 1876 +beide Monsun-Regen ausblieben+ -und 1877 nur +wenig+ Regen erfolgte, bewirkte 1877/78 eine so gewaltige -Hungersnoth im Dekkan und auch zum Theil in Nord-Indien, dass trotz -aller Anstrengung der Regierung und trotz einer Aufwendung von 11 -Millionen £ gegen 5¼ Millionen Menschen durch Nahrungsmangel und die -davon herrührenden Krankheiten zu Grunde gingen. Das war die grösste -Hungersnoth in Indien seit 1770. - -[499] Rx = 10 Rupien, also beträgt obige Summe weit über 100 Millionen -Mark. - -[500] Wagen und Führer für den Vormittag 5 Rupien. - -[501] Die ringsum laufende Inschrift lautet: Sacred to the perpetual -Memory of a great company of Christian people, chiefly Women and -Children, who near this spot were cruelly murdered by the followers of -the rebel Nana Dhundu Pant, of Bilhur, and cast, the dying with the -dead, into the well below, on the XV^{th} day of July, MDCCCLVII. - -[502] Darbár (Durbar), persisch, eine königliche Hof- oder -Empfangs-Sitzung. - -[503] 1 Rupie 8 Annas; dazu 8 Annas für ½ Fl. Bier. - -[504] Der Islam hat dort die verschiedenen Völkerschaften, Iranier -(Arier), Turanier, Semiten zu einer Nation vereinigt. Die eigentlichen -Afghanen behaupten aus Syrien eingewandert zu sein. Diejenigen Leute, -die in Indien als Afghanen bezeichnet werden, sehen echt semitisch -aus. Von 664 bis 683 n. Chr. hatten die Araber Afghanistan erobert. -812 erfolgte die Auflehnung der einheimischen Statthalter gegen den -Chalifen. Die Dynastie der Ghasnawiden bestand von 961 bis 1140. - -[505] Die Afghanen- und Türken-Könige von Delhi (1193-1526) vor den -Mogul werden gelegentlich +Pathán+ genannt, und mit diesem Namen auch -ihre Bauwerke bezeichnet. Pathan ist der einheimische Name für die -Bevölkerung der nach Indien sich abdachenden Thäler von Afghanistan. - -[506] Babar heisst Löwe, ebenso wie Singh, Haidar, Sher. - -[507] So genannt nach ihrem mongolischen (in Wirklichkeit tatarischen) -Ursprung. Sie selber nannten sich Schah, die Hofsprache war persisch. -Wir müssen uns die Grossmogul als Verwandte der Osmanen, nicht etwa der -Chinesen vorstellen. - -[508] Die Kaufkraft des Silbers, in Getreide ausgedrückt, war zu -Akbar’s Zeiten zwei bis drei Mal so gross, wie heute. - -[509] 1709 betrug der Staatsaufwand in England 7 Millionen £, eine -damals für ungeheuer gehaltene Summe, 1884/85 waren die Staatseinnahmen -88 Millionen £. - -[510] Auch Jahangir geschrieben. Jehangir fand ich, als Vornamen, auf -der Besuchskarte eines Parsi, der in London Heilkunde studirt. - -[511] Auch +Nur-Mahal+, Licht des Palastes, genannt; uns wenigstens vom --- Ballet bekannt. - -[512] Kron-Palast, persisch. - -[513] Aurangzib, Aurangzeyb, d. h. Zierde des Throns. - -[514] 841 englische Meilen auf der Eisenbahn von Calcutta entfernt. - -[515] Im Punjab, jetzt noch 4 Millionen, scythischen, d. h. turanischen -Ursprungs, angeblich die Getae der Alten. - -[516] Sprich Tadsch. Man liest wohl auch, dass Taj Mahal eine Abkürzung -sei von Mumtaz Mahal. - -[517] Sein prachtvolles Grabmal ist erhalten und wird alsbald -beschrieben werden. - -[518] 1 Lakh = 100000 Rupien. - -[519] Mit der Rose in der Hand ist er abgebildet; die Photographien von -ihm und seiner Gattin, die von den zu ihren Lebzeiten angefertigten -Bildern genommen sind, werden in Agra verkauft. Beide sind schön, +er+ -würdevoll, +sie+ lieblich. (Graf Lanckoronski sah in der Privatsammlung -des Colonel Hanna zu Delhi Bilder von Mogul-Kaisern, so fein -gezeichnet, wie von Albrecht Dürer.) - -[520] Der Vergleich ist oft genug gemacht worden, aber gegenstandslos. -Jedes ist in seiner Art vollendet, das griechische insofern höherer -Art, als es durch seine +Bildwerke+ dem geistreichsten Gebiet -menschlicher Kunst angehört. +Fergusson+, in seiner grillenhaften -Lehre vom Schönen, giebt dem Parthenon 24 Nummern, der Taj 20. „Ihre -Schönheit mag nicht von der höchsten Art sein, aber in ihrer Art ist -sie unübertroffen.“ - -[521] Der Besuch des Prinzen von Wales in Indien war sehr nützlich. -Vieles wurde ausgebessert und vor weiterem Zerfall geschützt; so auch -die Marmorplatten, welche die aus Ziegeln gebaute Kuppel der Taj decken -und zum Theil durch Verdickung der rostenden Eisenklammern aus ihrer -Lage gekommen waren. - -[522] Wie weise das ist, sieht man an den +Nachbildungen+ der Taj, -die zu Agra verfertigt und feilgehalten werden. Dieselben entbehren -jeder Wirkung. Wer diesen Unterschied staunend erwägt, findet alsbald, -dass der heutige Künstler erstlich die Verhältnisse nicht richtig -wiedergegeben, zweitens sein Klein-Werk mit Verzierungen, auch der -Thürme, überladen hat. Weit besser ist es, naturgetreue Lichtbilder -mitzubringen, als solche Bildhauerei im Zuckerbäcker-Stil. Auf den -Photographien ist der Fugenschnitt auch weit zarter als in den üblichen -Holzschnittbildern der Taj, die alle von +einem+ mittelmässigen Urbild -abzustammen scheinen. - -[523] Reuleaux bestreitet dies, da erstlich die (persischen) Quellen -über den Bau davon schweigen, und zweitens die florentinische -Kunstübung ganz und gar von der zu Agra verschieden sei, was offenbar -richtig ist. Denn bei der Pietra-dura-Mosaik von Florenz wird der harte -Stein von +hinten+ in die Grundplatte eingefügt, bei dem Agra-Werk als -dünne Scheibe von vorn. Aber in Schah Jahan’s Palast zu +Delhi+ sind -zweifellos europäische Arbeiter thätig gewesen. - -[524] Um diesen merkwürdigen Satz aufzuklären, habe ich mich an -verschiedene Gelehrte gewendet. Herr Prof. theol. Herrmann L. +Strack+ -(Berlin) schreibt mir: Im neuen Testament habe ich den Gedanken nicht -finden können. Herr Dr. Ign. Goldziher (Budapest) schreibt mir: Man -darf nie sagen, dieser oder jener Satz komme im „+Hadith+“ nicht -vor. Die Literatur desselben ist so riesig, dass das Material kaum -übersehbar ist. Was ich sagen kann, ist, dass mir der Satz aus den -sechs kanonischen Sammlungen nicht erinnerlich ist. Ich bemerke noch, -dass es in der muhammedanischen Literatur gang und gäbe ist, irgend -einen weisen Satz an den Namen irgend einer beliebigen geheiligten -Person anzuhängen. Dies machte ihnen niemals Scrupel, wie ich auch -in meinen „Muhammedanischen Studien“, Bd. II, S. 156 ff., ausgeführt -habe. Unter meinen Notizen über Aussprüche, die man in Islam Jesus -zugeschrieben, finde ich die Inschrift der Tâdschmoschee nicht. - -[525] Nach Sikander Lodi (1489 n. Chr.) benannt. - -[526] +Akbar-Abad+, d. h. Akbar’s Wohnung, genannt; auch +Lal Kila+ -(hindost.), d. h. rothes Schloss. - -[527] Reuleaux sah 1881 hier einen prachtvollen Blumengarten, angeblich -(?) aus der Zeit von Aurangzeb. - -[528] +Am+, arabisch, heisst öffentlich; +Khas+, abgesondert. - -[529] Doab, Zweiflussland oder Zwischenflussland, zwischen Ganges und -Jumna. - -[530] Indisch Dilli oder Dihli. - -[531] Er wohnte darin mit Hunderten von Dienern und zwei Regimentern, -und hatte auch einige Landhäuser, während allerdings schon vor dem Thor -seiner Veste die englischen Schildwachen standen. (Ganz ähnlich, wie -jetzt der Papst im Vatican.) - -[532] Derselbe soll unter der Aufsicht von Austin de Bordeaux -angefertigt sein und 5 Millionen £ verschlungen haben; scheint aber -mehr kostbar, als geschmackvoll gewesen zu sein. Nadir Schah hat ihn -von Delhi 1739 entführt; im königlichen Palast zu Teheran soll er noch -zu sehen sein. - -[533] 200×120 = 24000, getheilt durch 4,5 = 5444. - -[534] Polarstern des Rechts. - -[535] Die Brüstung oben ist etwas breiter. - -[536] Also etwa 3 Millionen Mark. - -[537] Jeypore, Jeypoor, Jeypur, Jaipur, Dschaipur -- das sind die -Schreibweisen, die man findet. - -[538] Im Ganzen giebt es in Ostindien 153 Lehnsträger der britischen -Krone, die meisten dieser Fürstenfamilien sind erst seit dem Zerfall -der Mogul-Herrschaft emporgekommen. Sie beherrschen ein Drittel -des Landes und ein Viertel der Bevölkerung von Ostindien. Von den -Lehnsfürsten sind 124 Hindu, 28 Mohammedaner, 1 (der von Sikkim) -Buddhist. Ihre Einnahmen betragen 260 Millionen Mark jährlich, 15 -Millionen müssen sie an Tribut entrichten. - -[539] Also hat es fast denselben Flächeninhalt, wie das Königreich -Preussen, aber nur ein Drittel seiner Einwohner. Die Hälfte der -Rajputana ist Steppe. - -[540] Die Rajput besitzen alte, überlieferte Gesänge und religiöse -Dichtungen, die noch jetzt im Munde des Volkes leben. +Dadu+, ein -Glaubenseiferer, 1544 n. Chr. zu Ahmedabad geboren, hinterliess heilige -Dichtkunst in 20000 Versen; von neun seiner Hauptschüler haben zwei je -120000 Verse geschaffen. - -[541] ⅛ Rapjut, ⅝ andre Hindu-Kasten, 1/16 Jain, 3/16 Mohammedaner, -nach andrer Quelle. - -[542] Gross-Fürst, Gross-König. - -[543] Sieges-Löwe. - -[544] 1891 Einnahmen 6½, Ausgaben 5 Millionen Rupien. - -[545] Ausserdem eine „Ritterakademie“ für die Söhne der adligen Rajput, -eine „höhere Töchter-Schule“ und 30 Volksschulen für Knaben. - -[546] Gas wird hier nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem billigen -Ricinusöl gewonnen. - -[547] 1877 waren dieselben recht thätig, um die einheimischen Fürsten -aufzuwiegeln, jedoch erfolglos. Ob sie 1857 ihre Hände im Spiel gehabt, -konnte ich nirgends finden. - -[548] Deshalb konnte ich nicht nach Gwalior fahren, da der englische -Beamte, mit dem einheimischen Fürsten zu Felddienstübungen abwesend, -meinen Brief gar nicht beantwortete. - -[549] „A vision of daring and dainty loveliness.“ - -[550] Die Thiere werden gewöhnlich Alligatoren genannt, doch kommen -solche nur in Amerika vor; in Indien lebt das Leisten-Krokodil (C. -biporcatus), das bis 10 Meter lang wird. - -[551] Die Entfernung beträgt 9 Kilometer. - -[552] Ich hatte gehört, dass Soldat nebst Lenker 2 bis 3 Rupien -Trinkgeld erwarten. Als ich ihnen 3 gab, waren sie nicht zufrieden. - -[553] Die Zerstörung muss rasche Fortschritte machen, nach dem -Vergleich des jetzigen Zustandes mit etwas älteren Abbildungen. - -[554] Nach Böthlink, viel später nach Weber. - -[555] Star ist Verdunkelung der Crystall-Linse. (Die Schreibweise Staar -ist falsch, wie ich nachgewiesen.) Der Greisen-Star wird heutzutage -(seit 1750 n. Chr.) so beseitigt, dass man durch einen passenden -+Schnitt+ die getrübte Linse +herauszieht+. Vorher wurde die letztere -durch eine in’s Augeninnere +gestochene+ Nadel aus dem Sehloch nach -+unten geschoben+. - -[556] Ich habe zwei von ihm operirte Fälle nachträglich gesehen. Es ist -erstaunlich, wie in Berlin erwachsene Menschen einem hergelaufenen, -geldgierigen Hinter-Indier sich anvertrauen konnten, während ihnen -zahlreiche gelehrte, geübte Wundärzte unentgeltlich zur Verfügung -stehen. - -[557] Diseases of the Eye by +Macnamara+, Surgeon to Calcutta Hospital. -London 1868. S. 479. The native +Huckeems+ and +Kobrages+ allways -operate for the cure of cataract (by depression) and hardly a week -passes that I do not see several of their patients suffering from -either inflammation of the choroïd or from retinochoroïditis. - -[558] Zu meiner Beschämung erfahre ich am Abend vom Gastwirth, dass -der weibliche Träger, welcher meine Sachen auf seinem Haupte nach oben -befördert, ganze neun Anna, also etwa 72 Pfennige, beansprucht und -erhalten hatte. - -[559] Für diese Leistung von sechs Stunden wurden 6 Rupien gefordert -und sieben bezahlt. Man kann auch zu Pferde hinauf reiten. (Die -Beförderung mittelst Elephant oder Palankin scheint jetzt veraltet zu -sein.) - -[560] Das Wort ist arabisch und bedeutet arm, d. h. einen Büsser, der -das Gelübde der Armuth auf sich genommen. Meist vermied ich unterwegs -die Begegnung mit solchen Unglücklichen, die an religiösem Wahnsinn -leiden. - -[561] Auch Dilwarra geschrieben. - -[562] Auch Perl-See (Nucki Talao) genannt. - -[563] Pârçvanâtha, der vorletzte Jina oder Siegreiche. - -[564] Die Bildsäulen der Jaina-Heiligen sowie der Hindu-Götter werden -stets in eine viereckige (quadratische) Zelle gesetzt, der Thurm über -der Zelle hat eine krummlinige Begrenzung. - -[565] Den Jaina schien es wichtig, ihre Heiligen zu ehren durch +eine -grosse Zahl von Bildsäulen+ und für jede ein eignes Heim zu schaffen. -Dies ist aber nicht, wie Fergusson meint, auf die Jaina beschränkt. -Eine ungeheure Zahl von gleichen Bildsäulen fanden wir auch schon in -dem buddhistischen Kwannon-Tempel zu Kyoto. (Vgl. S. 148.) - -[566] Bei dem römischen oder gothischen Dom wäre ein gewaltiger -Stützbau erforderlich; bei dem indischen fügt das Hängewerk nur sein -eignes Gewicht dem des Domes hinzu. - -[567] Jeni = nackte Weise. - -[568] Auch Ahmadabad geschrieben. - -[569] Auch Gudscharat geschrieben. - -[570] Nur 5½ Procent Muselmänner. - -[571] Vgl. S. 407. - -[572] 6 Gramm Silber wurden zu Fäden von 2000 Meter Länge ausgezogen. - -[573] 1881 waren es 130000, davon 68 Procent Hindu, 22 Procent -Mohammedaner, der Rest Jaina, ausser 848 Christen und etlichen Parsi. - -[574] Die schon im vorigen Jahrhundert von Reisenden recht +wacklig+ -befunden worden. - -[575] Auf dem Dach fand ich aber hier und da an wenig auffälligen Orten -„Hindu-Götterfratzen“ ausgemeisselt. - -[576] Es möchte doch sehr lohnend sein, junge Baumeister aus -Deutschland zum Studium der mohammedanisch-hindostanischen Baukunst und -Verzierung nach Indien zu senden. - -[577] Besonders berühmt ist das +Stück-Werk+: flache oder würfelförmige -oder achteckige Gold-Stückchen werden auf einen rothen Seiden-Faden -gezogen. Das ist die älteste Goldarbeit in Indien. - -[578] In Indien wird wegen der Kasten-Gesetze viel Töpfer-Arbeit -verbraucht. Der einheimische Branntweinladen ist leicht zu erkennen -an den Haufen zerbrochener Töpfchen, da Jeder das seinige zerbricht, -nachdem er ausgetrunken. - -[579] Ganz ähnlich im grossen Saal zu Karnak. - -[580] German beer; es ist nach Pilsener Art in Bremen gebraut, auf -Schiffen des Bremer Lloyd eingeführt und kostet 1 Rupie die Flasche. - -[581] Der Name soll aus dem Portugiesischen stammen, bon bahia = schöne -Bay. Das ist wohl +unrichtig+. Die Inder schreiben es +Mambe+ oder auch -Bambe von der Göttin Mamba Devi, deren Tempel noch vor 120 Jahren auf -der jetzigen Esplanade vorhanden war. Der Maratha-Name ist Mambai, von -Mahima, d. h. „die grosse Mutter“ und ist ein Name derselben Göttin, -der auch noch in dem der Vorstadt +Mahim+ erhalten ist. - -[582] Die Angabe von 110 Quadratkilometer in Sievers’ Asien (Leipzig -1892, S. 660) u. a. a. O. beruht auf Irrthum. - -[583] Auf eine Person kommen 6_{,5} Quadratmeter; im dichtesten Theil -von London 10_{,5}. - -[584] Die Regierung liefert ihm nicht Chinin, sondern das billigere -Cinchonin. - -[585] Durch Gründerschwindel, da wegen des nordamerikanischen -Bürgerkrieges die ostindische Baumwolle so begehrt war. - -[586] In 28000 Häusern. 502000 waren Hindu, 158000 Mohammedaner, 48600 -Parsen, 30000 eingeborene Christen, 17000 Jain und Buddhisten, 10500 -Europäer, 1168 Eurasier. - -[587] Natürlich mit eignem Bad, für 8 Rupien täglich, einschliesslich -der Verpflegung, aber ohne Bier und Wein. - -[588] Kleinhändler treiben sich auf dem Flur herum und bieten dem -Fremden für den Sovereign 2 Anna mehr, als der Wechsler giebt, machen -aber keine sonderlichen Geschäfte. - -[589] In den „Waarenhäusern für Officiere“ (Army and Navy -Cooperative-Stores for India, A. & N. Stores) werden die indischen -Cigarren zu 3½ Rupien das Hundert verkauft, d. i. 5 Pfennige für das -Stück. Sie sind mittelmässig. Man bekommt auch theurere, aber nicht -bessere. - -[590] „Geben Sie doch Elsass-Lothringen an die Franzosen,“ sagte am -ersten Abend in Bombay mein zufälliger Tischnachbar, ein Brite, nachdem -er meine Herkunft erkundigt. „Geben Sie,“ erwiderte ich, „Gibraltar, -Malta, Cypern, Aegypten an ihre Eigenthümer, und keinen Rath an -diejenigen, die ihn nicht wollen.“ - -[591] Vom Parsi-Theater werde ich noch sprechen. - -[592] Weiter nördlich mit ihr sich kreuzt. - -[593] Wir finden den Namen „+Baargeld+“ nicht so anmuthig, als er den -Morgenländern erscheinen mag. Aber schon den alten Persern galt, nächst -dem Lügen, das +Schuldenmachen+ für die grösste Schande. (Herodot I, -138.) - -[594] Parsi, Juden, Mohammedaner sind es, welche hier Gebäude errichtet -und Stiftungen zum Allgemeinwohl gemacht; aber kein einziger von den in -Indien reich gewordenen Briten. - -[595] Wem mein Urtheil zu strenge vorkommt, namentlich im Vergleich -mit den üblichen Lobeserhebungen der Reisebücher, der vergleiche -+Fergusson+ (S. 5): It is only in India that the two systems can now be -seen practised side by side, -- the educated and intellectual European -always failing because his principles are wrong, the feeble and -uneducated native as inevitably succeeding because his principles are -right. The Indian builders think only of what they are doing and how -they can best produce the effect they desire. In the European system it -is considered more essential that a building should be a correct +copy+ -of something else than good in itself -- -- -- - -[596] An der Ecke zwischen Esplanade Market road und Cruikshank road. - -[597] Victoria Terminus, Great Indian Peninsular Railway. - -[598] Ein wohlhabender Jude, der Wohlthäter seiner armen -Glaubensgenossen aus Bagdad, der Gründer grossartiger Fabriken (von -Baumwollen- und Seiden-Stoffen) und Docks, der Stifter zahlreicher -öffentlicher Anstalten, wie der Gewerbe-Schule und des Albert-Museum. - -[599] Wo die Seeleute, Dank der Wohlthätigkeit indischer Fürsten, -namentlich des von Baroda, billige und angenehme Wohnung finden. - -[600] Elphinstone reclamation, Mody Bay reclamation. - -[601] New-Orleans hat 1885/86 über 6 Millionen Centner ausgeführt. - -[602] Gesammtwerth dieser 6 Millionen Centner 240 Millionen Mark. -- -Die Baumwollen-Ernte der Erde betrug 1884 an 1600 Millionen Kilogramm -= 32 Millionen Centner. Von den 1882/83 im Welthandel nachweisbaren -42 Millionen Centner stammten 32 aus den Vereinigten Staaten, 7 aus -Ostindien, 2½ aus Aegypten. Für 1890 beziffert sich die +gesammte+ -Baumwollengewinnung auf 2800 Millionen Kilogramm, davon entfallen auf -Ostindien 552. - -[603] Ein Deutscher, der grade nach Bombay kam, wurde von einem -Engländer gefragt, ob er die Reise wegen Lord Hawkin’s Kampfspiel -unternommen. Der Deutsche erwiederte: „Dann müsste ich verrückt sein.“ -Der Engländer fragte: „Wie so?“ - -[604] Dieser Theil von Hornby road wird auch auf einzelnen Karten als -Esplanade Market road bezeichnet. - -[605] Noch vor zehn Jahren war dieser +Zwischenraum+ zwischen der -englischen und der einheimischen Stadt +fast unbebaut+. - -[606] An ihrer Kreuzung mit Parell road. - -[607] +Zendavesta+, Vendidad V, 67 und 68. (Es spricht Ahura-mazda.) -„Das ist die Reinigkeit, o Zarathustra, das Gesetz: Wer sich selbst -rein hält durch gute Gedanken, Worte, Handlungen.“ Z., Jaçna, XII, 2: -„Ich ergreife alle guten Gedanken, Worte und Werke.“ Und an sehr vielen -anderen Stellen. - -[608] Cap. 44, 45. - -[609] I, 131. - -[610] Geboren 1827 in Würtemberg, 1859 Professor im Poona College bei -Bombay. 1868 Professor in München, † 1876. - -[611] Der eigentliche Namen in den Pehlwi- (Pahlavi-) Büchern der Parsi -lautet Avistak va zand, d. h. Lehre und Erklärung. +Avistak+ (von -vista, das gewusste, offenbarte, vid = wissen, das an Veda erinnert,) -bedeutet die +Lehre+ des Zoroaster und seiner Nachfolger; +Zand+ die -Erklärung dieser alten, dunklen Lehre, erst in der alten Sprache, -später und hauptsächlich aber in Pahlavi. Das Wort +Zand+ gehört zur -Wurzel zan (Sanskrit jnâ, griechisch γνω) und bedeutet eigentlich -+Wissenschaft+. In der Bibel der Parsi folgt immer auf einen Vers -der eigentlichen altiranischen Avesta eine wörtliche Uebersetzung im -mitteliranischen Pahlavi, mitunter mit erläuternden Erklärungen. - -[612] Es ist wahrscheinlich, dass die alten Gesänge erst von Mund -zu Mund, wie die Veden, fortgepflanzt und dann, in Keilschrift, auf -Kuhhäute verzeichnet worden waren. -- +Pahlavi+ scheint = +parthisch+ -zu sein und „alt“ zu bedeuten. - -[613] Beim Gottesdienst entzünden sie ein Feuer auf heiligem Becken. - -[614] Nach seinem Tode wurde von E. W. +West+ die zweite Auflage -besorgt: Essays on the sacred language, writings and religion of the -Parsis. London 1878. - -[615] Von +gai+, singen; derselbe Name kommt auch in der -Sanskrit-Literatur vor. - -[616] Ahura = lebendig, wie ayur = Leben im Sanskrit; mad = gesammt; -dhao = Schöpfer. - -[617] Unser Wort +Paradies+ stammt aus dem Iranischen +pairi-deza+, -Um-Wallung, Garten (wie περί-βολος). Das Wort gelangte in’s Hebräische -(pardes) und ins Griechische (παράδεισος). - -[618] So heisst heute Zarathustra. - -[619] 1819 zu Meerut +in Indien geboren+, hat er zu Glasgow und Giessen -Chemie studirt, wurde Professor der Chemie in Edinburgh, Oberaufseher -der Museen und Gewerbe-Schulen, Generalpostmeister, Sprecher des -Unterhauses und hat ausser vielen andren Werken eines über die -Grundsätze der Chemie verfasst. - -[620] Procès verbal de la séance de la douzième assemblée générale de -la Société pour la propagation de la +crémation+. - -[621] unter den Parsi sind, wie unter den Chinesen und Japanern und -allen Völkern alter Cultur, viele kurzsichtige Brillenträger; unter -den Hindu weniger, da bei ihnen die Gesammtzahl der Gebildeten stets -geringer geblieben. - -[622] Ausserdem auch Tho. Cook. - -[623] Acht von ihnen sind jetzt zerbrochen. - -[624] Derselbe macht etwa 35 Kilometer in der Stunde. - -[625] Der zweispännige Postwagen kostet für die dreitägige Fahrt hin -und zurück nur 42 Rupien. - -[626] 1 + 2 = 20 + 2 Millionen Mark, 3 und 4 unschätzbar. - -[627] Das einzige, was man sieht, sind Tropflöcher unmittelbar am -Eingang der Felsentempel und beginnende Verwitterung einzelner -Bildsäulen. Hier und da ist von roher Hand absichtlich Verstümmelung -verübt worden. -- In Elephanta haben die Portugiesen schlimmer gehaust. - -[628] Aus +frei stehenden Felsblöcken+ haben die dravidischen Hindu -einsteinige Tempel ausgehauen, z. B. zu Mahavellipur bei Madras. - -[629] Auf jedem Pfeiler steht ein Blumenkorb, aus dem die von frei -ausgemeisselten Blumenwindungen umgebene Säule zur Decke emporsteigt. - -[630] Da der Abfall des Hügelrückens nicht sehr steil ist, war meist -ein Vorhof nothwendig. - -[631] Die +meisten+ dieser Höhlen haben eine +flache+ Decke. - -[632] Der Schmuck der Säulen mit Figuren und Palmenblättern ist -wunderbar. - -[633] Bildsäulen von Buddha und ihre Verehrung sind, nach den -Denkmälern, nicht bekannt vor dem 1. Jahrhundert n. Chr. (+Caïne+ setzt -jenen Bau in das Jahr 1306 n. Chr.?) - -[634] D. h. der Auswurf. Ob die Buddhisten von den Schiwa-Verehrern so -genannt wurden? - -[635] Auch eine +klingende Säule+ wird dem Reisenden gezeigt. Das -Klingen hängt ab von der Spannung. - -[636] Dabei ist die Rupie dieses Staates von Haiderabad minderwerthig; -die Kupferscheidemünze sieht aus wie ein gestempelter Bonbon. - -[637] An diesem Tag vergass ich, die Zahl aufzuschreiben. - -[638] Der in der Mitte der Insel (mit der Erhebung des Djebel -Schamschan) bis zu 1760 Fuss emporsteigt. - -[639] XXVII, 23 und 24. „Haran und Canne und Eden, sammt den Kaufleuten -aus Seba, Assur und Kilmad sind auch deine (Tyrus’) Kaufleute gewesen. -Die haben alle mit Dir gehandelt mit köstlichem Gewand, mit seidenen -und gestickten Tüchern, welche sie in köstlichen Kasten, von Cedern -gemacht und wohl verwahrt, auf deine Märkte geführet haben.“ - -[640] εὐδαίμων, glücklich. - -[641] +Three hours in Aden+. Bombay, Educational Society Press, 1891. - -[642] Die deutschen Quellen setzen meist 600. - -[643] Das neueste Conversations-Lexicon von Brockhaus (1893, I, 140) -sagt irrthümlich: „41960 E., +meist mohammedanische Hindu+.“ - -[644] Aden ist der Präsidentschaft Bombay unterstellt, doch sind dem -Befehlshaber seit 1864 grössere Befugnisse eingeräumt. - -[645] 1892 Einfuhr (aus ausserindischen Ländern) 26¾, Ausfuhr 30 -Millionen Rupien. - -[646] Main-Pass. - -[647] Die Rupie reicht bis hierher. - -[648] Die Kanal-Gesellschaft stellt dieselbe und die Arbeiter, lässt -sich aber dafür tüchtig bezahlen. - -[649] Eine besondere Süsswasserleitung vom Nil nach Ismailija, in der -Mitte der Land-Enge, und von da südlich bis Suez musste angelegt, -Baggermaschinen von vorher ungekannter Mächtigkeit gebaut werden. - -[650] Le canal de Suez, par Ferdinand de Lesseps. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE *** - -***** This file should be named 52353-0.txt or 52353-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/3/5/52353/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/52353-0.zip b/old/52353-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index ddd3a3b..0000000 --- a/old/52353-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h.zip b/old/52353-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 11c4b0a..0000000 --- a/old/52353-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/52353-h.htm b/old/52353-h/52353-h.htm deleted file mode 100644 index 3b60e79..0000000 --- a/old/52353-h/52353-h.htm +++ /dev/null @@ -1,31333 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Um Die Erde, by Julius Hirschberg. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -h1,h2,h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; - font-weight: normal;} - -h1 {font-size: 250%;} -h2,.s2 {font-size: 175%;} -h3,.s3 {font-size: 125%;} -.s4 {font-size: 105%;} -.s5 {font-size: 90%;} -.s6 {font-size: 70%;} - -h1 {page-break-before: always;} - -h3.nodisplay {display: none;} - -.break-before {page-break-before: always;} - -div.chapter,div.section {page-break-before: always;} - -h2.nobreak {page-break-before: avoid; padding-top: 2em;} - -h2.hiline {line-height: 2em;} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1.5em;} - -p.p0,p.center {text-indent: 0;} - -div.footnote p {text-indent: 0;} - -.mtop1 {margin-top: 1em;} -.mtop3 {margin-top: 3em;} -.mbot1 {margin-bottom: 1em;} -.mbot2 {margin-bottom: 2em;} -.mbot3 {margin-bottom: 3em;} -.mbot5 {margin-bottom: 5em;} -.mleft1 {margin-left: 1em;} -.mleft2 {margin-left: 2em;} -.mleft3 {margin-left: 3em;} -.mleft4 {margin-left: 4em;} -.mright1 {margin-right: 1em;} -.mright2 {margin-right: 2em;} - -.padtop5 {padding-top: 5em;} -.padleft2 {padding-left: 2em;} -.padleft4 {padding-left: 4em;} -.padleft5 {padding-left: 5em;} -.padright1 {padding-right: 1em;} -.padright4 {padding-right: 4em;} - -sup { - vertical-align: top; - font-size: 75%;} - -sub { - vertical-align: -10%; - font-size: 75%;} - -.zaehler { - vertical-align: top; - font-size: 55%;} - -.nenner { - vertical-align: -10%; - font-size: 55%;} - -hr { - width: 33%; - height: 0; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both; - color: #999999;} - -hr.tb {width: 30%; margin: 1.5em 35%;} -hr.sect {width: 45%; margin: 2em 27.5%;} -hr.chap {width: 65%; margin: 2em 17.5%;} -hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;} -hr.title {width: 25%; margin: 5em 37.5%;} - -hr.r25 {width: 25%; margin: 2em 37.5%;} - -ol.tisch { - counter-reset: count; - list-style-type: upper-latin; - font-size: 90%; - margin-left: 1em; - line-height: 1.4em;} - -ol.tisch2 { - list-style-type: none; - font-size: 90%; - margin-left: 1em;} - -ol.gericht1 {counter-reset: item;} -ol.gericht1 li { - list-style: none;} - -ol.gericht1 li:before { - content: counter(item) ") "; - counter-increment: item;} - -ol.gericht2 {counter-reset: item 7;} -ol.gericht2 li { - list-style: none;} - -ol.gericht2 li:before { - content: counter(item) ") "; - counter-increment: item;} - -ol.gang {counter-reset: item;} -ol.gang li { - list-style: none;} - -ol.gang li:before { - content: counter(item, lower-alpha) ") "; - counter-increment: item;} - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto;} - -table.toc { - width: 80%; - margin: 1em 10%;} - -table.logdatum {margin-left: 5em;} - -table.logentfernung {margin-left: 7em;} - -table.hongkong {margin-left: 0;} - -table.collapse {border-collapse: collapse;} - -table.p45 { - margin: 1em auto; - border-collapse: collapse;} - -table.p45 th,table.p285 th { - border-top: double; - border-bottom: double;} - -table.p45 td {padding: 0.2em 0.2em 0 0.2em;} - -table.drink {margin-left: 4em; margin-right: auto;} - -table.zaehlung_1891 {margin-left: 0; margin-right: auto;} - -td.bright,th.bright {border-right: black thin solid;} - -td.bbot {border-bottom: black thin solid;} - -td.pgnum { - text-align: right; - vertical-align: bottom;} - -td.pgtop { - text-align: right; - vertical-align: text-top;} - -td.hkap { - text-align: left; - vertical-align: text-top; - line-height: 2em;} - -td.teil { - width: 3%; - text-align: right; - vertical-align: text-top;} - -td.kap { - text-align: left; - vertical-align: text-top; - padding-left: 1.5em; - text-indent: -1.5em;} - -td.ukap { - text-align: left; - vertical-align: text-top; - padding-left: 2.5em; - text-indent: -1.5em;} - -td.dicke { - width: 33%; - vertical-align: middle; - text-align: justify;} - -td.bbot {border-bottom: thin black solid;} -.btop {border-top: thin black solid;} - -.tdl {text-align: left;} -.tdr {text-align: right;} -.tdc {text-align: center;} - -.vat {vertical-align: top;} -.vam {vertical-align: middle;} - -/* horizontale Brüche */ -.horbruch { - display: inline-block; - vertical-align: middle; - text-align: center;} - -span.bordertop {border-top: black thin solid;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 92%; - font-size: 70%; - color: #888888; - text-align: right; - letter-spacing: 0; - margin-right: 0;} /* page numbers */ - -.blockquot {margin: 1em 5%;} - -.center {text-align: center;} - -.smaller {font-size: 75%;} - -.gesperrt { - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; } - -em.gesperrt { - font-style: normal; } - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center;} - -.figright { - float: right; - clear: right; - margin-left: 1em; - margin-bottom: - 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 0; - padding: 0; - text-align: center;} - -img {max-width: 100%; height: auto;} - -img.klammer_117 {height: 11em; width: auto;} - -img.drop-cap { - height: 3em; - width: auto; - float: left; - margin: 0 0.5em 0 0;} - -p.drop-cap:first-letter { - color: transparent; - visibility: hidden; - margin-left: -0.9em;} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: .7em; - text-decoration: none;} - -/* Poetry */ -.poetry-container { - text-align: center; - font-size: 85%;} - -.poetry-container-right { - text-align: right; - margin-right: 2em; - font-size: 80%; - margin-bottom: 1em;} - -.poetry { - display: inline-block; - text-align: left;} - -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} - -.poetry .verse { - text-indent: -3em; - padding-left: 3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em;} - -.nohtml {display: none;} - -@media handheld { - -.nohtml {display: inline;} - -img.drop-cap { - display: none;} - -p.drop-cap:first-letter { - color: inherit; - visibility: visible; - margin-left: 0;} - -table.toc { - margin-left: 0; - margin-right: 0;} - -.poetry-container { - display: block; - text-align: left; - margin-left: 2.5em;} - -em.gesperrt { - letter-spacing: 0; - margin-right: 0; - font-family: sans-serif,serif; - font-size: 90%;} - -.figright {float: right;} - -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Um die Erde - Eine Reisebeschreibung - -Author: Julius Hirschberg - -Release Date: June 16, 2016 [EBook #52353] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote mtop3 break-before"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen, -insbesondere bei Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten -(z.B. ‚Cannon‘ anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘) -bleiben unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht -berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen im -Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text folgt auch -hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘ wurden zum Teil -apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent durchgeführt.</p> - -<p class="p0">Die aufgeführten Errata im Abschnitt <a href="#Verbesserungen">‚Verbesserungen‘</a> -wurden nicht in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen -Korrekturen, bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht -eindeutig zugeordnet werden.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text -angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden -eingefügt bzw. berichtigt.</p> - -<p class="p0">Auf <a href="#Seite_372">S. 372</a> wird eine -Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘ angegeben. Beim -metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die Größenordnung zu -‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der genaue Wert eigentlich -bei 1372 m liegen müsste; es erscheint ohnehin fraglich, ob der erste -Zahlenwert nicht bereits eine grobe Schätzung darstellt.</p> - -<p class="p0 nohtml">Die im Original gesperrt gedruckten Passagen wurden -in der vorliegenden Bearbeitung in <em class="gesperrt">serifenloser -Schrift</em> wiedergegeben.</p> - -</div> - -<h1><b>Um die Erde.</b></h1> - -<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Eine Reisebeschreibung</em></p> - -<p class="s5 center">von</p> - -<p class="s3 center"><b>D<span class="smaller">R</span>. J. Hirschberg,</b></p> - -<p class="s5 center">a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin.</p> - -<hr class="title" /> - -<p class="s3 center"><b>Leipzig.</b></p> - -<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Verlag von Georg Thieme</em>.</p> - -<p class="s5 center">1894.</p> - -<p class="s4 center padtop5 mbot5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -<p class="s5 center">Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.</p> - -<p class="s2 center padtop5 mbot2">Seiner lieben Frau gewidmet.</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Vorrede">Vorrede.</h2> - -</div> - -<p>Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger -Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden, -ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze -herauszugeben.</p> - -<p>Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art. -Dieselben beschreiben die Reisen von <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> aus den -Jahren 1862 und 1863, die des Freiherrn v. <em class="gesperrt">Hübner</em> aus dem -Jahre 1871, die von Dr. H. Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die -des Grafen <em class="gesperrt">Lanckorónski</em> aus dem Jahre 1889, die von Dr. -<em class="gesperrt">Eugen Böninger</em> aus dem Jahre 1890. Der Thierforscher L. K. -<em class="gesperrt">Schmarda</em> (1853 bis 1857) und der Volkswirth <em class="gesperrt">Hugo Zöller</em> -(1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger -betretenen Pfaden.</p> - -<p>Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften -festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit, -Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat.</p> - -<p>Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde -ich auf den folgenden Blättern mittheilen: aber <em class="gesperrt">nicht</em>, wie -gelegentlich ein angehender Schriftsteller versichert, in der -„ursprünglichen Form“, sondern einigermassen ausgearbeitet und -abgerundet, wie die im Lauf der Jahre stets wachsende Rücksicht auf -den Leser es erfordert, und mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet, -welche zum Verständniss des Geschilderten nothwendig sind.</p> - -<p class="tdr mright2"><b>Dr. J. Hirschberg.</b></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><em class="gesperrt">Inhalt</em>.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="kap"> - - </td> - <td class="pgnum"> - <span class="smaller">Seite</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="hkap"> - Einleitung - </td> - <td class="pgtop"> - <a href="#Seite_1">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - I. - </td> - <td class="kap"> - Das atlantische Weltmeer - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_3">3</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - II. - </td> - <td class="kap"> - Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen Continent - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_27">27</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - III. - </td> - <td class="kap"> - Der stille Ocean - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_40">40</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - IV. - </td> - <td class="kap"> - Japan - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_58">58</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Yokohama - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_69">69</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Tokyo - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_73">73</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_95">95</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Eine Theater-Vorstellung in Tokyo - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_108">108</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_115">115</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Deutschland in Japan - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_124">124</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Nach Nagoya - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_138">138</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Nach Kyoto - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_145">145</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Nach Osaka, Kobe, Nagasaki - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_170">170</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Abschied von Japan - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_188">188</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - V. - </td> - <td class="kap"> - Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über - Singapore nach Colombo - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_191">191</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - VI. - </td> - <td class="kap"> - Ceylon - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_243">243</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Colombo - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_251">251</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Kandy - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_273">273</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Nuwara Eliya - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_295">295</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Nach Anuradhapura - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_309">309</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - VII. - </td> - <td class="kap"> - Ostindien - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_329">329</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Calcutta - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_345">345</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Darjeeling im Himalaya - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_363">363</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Benares - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_371">371</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Lucknow - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_387">387</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Cawnpur - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_400">400</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Agra - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_405">405</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Delhi - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_426">426</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Jaipur - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_439">439</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Berg Abu - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_459">459</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Ahmedabad - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_466">466</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Bombay - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_475">475</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Ellora - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_505">505</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - VIII. - </td> - <td class="kap"> - Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal) - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_517">517</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="ukap"> - Entfernungen - </td> - <td class="pgnum"> - <a href="#Seite_530">530</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="teil"> - - </td> - <td class="hkap"> - <em class="gesperrt">Verbesserungen</em> - </td> - <td class="pgtop"> - <a href="#Seite_531">531</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2> - -</div> - -<p><em class="gesperrt">Den Alten war die Welt eine Scheibe</em> von Ländern um das -Mittelmeer, wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine -Kugel sei. Nachdem die Römer ihre <em class="gesperrt">Weltherrschaft</em> begründet -und Ordnung in den das Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen, -wurden zur Belehrung und zum Vergnügen <em class="gesperrt">Weltreisen</em> unternommen; -diese führten von Rom nach Griechenland, Klein-Asien, Aegypten, -zum Besuch der sieben Schaustücke oder <em class="gesperrt">Weltwunder</em>. Dazu -gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia, der Tempel der Artemis zu -Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria, die Pyramiden zu Memphis. Von -<em class="gesperrt">Naturwundern</em> war noch keine Rede; die Naturempfindung war bei -den Alten wohl vorhanden, aber nicht so vollkommen entwickelt, wie seit -Rousseau’s Einfluss im vorigen Jahrhundert und in dem unsrigen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Heutzutage</em> führt eine Weltreise <em class="gesperrt">rings um die Erde</em>. -Die bedeutende Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und -See-Dampfer hat die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es -handelt sich für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der -Natur und dem Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch -den Süden von Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst -kennen zu lernen.</p> - -<p>Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht -zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der -Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet; -so war ich <em class="gesperrt">vorbereitet</em> und konnte einen kurzen und bündigen Plan -entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den -Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen, -verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner -wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht -angebracht; mit <em class="gesperrt">Häckel</em> sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder -nie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Jahreszeit</em> ist mir <em class="gesperrt">vorgeschrieben</em>. Am 1. August -beginnen die grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die -<em class="gesperrt">Richtung</em> der Reise ist durch die <em class="gesperrt">Jahreszeit</em> bestimmt. -Ich muss über Nordamerika nach Japan und nach Indien fahren, um in den -beiden letztgenannten Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die -canadische Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika -und über den stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs, -geleiten. Ich reise <em class="gesperrt">allein</em>, zu eigner Belehrung.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="I">I.<br /> -<b>Das atlantische Weltmeer.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_a.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof -Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich -unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der -echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche -Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit -errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und -Jünglinge um die Erde zu senden.</p> - -<p>Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug -der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen -Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der -Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den -kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d. -h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden -Schnelldampfer <em class="gesperrt">Spree</em> hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und -flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die -Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<p>Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> -und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die -Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus -gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt -zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125 -zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache -Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> 1890 auf -dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle -Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht -gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von -Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt -werden.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> - -<p>Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>, die in -Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den -Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort -riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei -16–17 Knoten 120 Tonnen Kohlen).</p> - -<p>Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der -Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem -Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören -und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir -nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> -nicht beobachten.</p> - -<p>Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit -derjenigen auf der Eider<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> (1887, von Bremerhafen nach New-York,) -vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen -Nussschalen verglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<p>Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und -bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter -Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar auf -der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose Weltmeer -gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes, eines -ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei dieser -Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen meiner -Landsleute, welche zur <em class="gesperrt">Stärkung ihrer Gesundheit</em> Seereisen -unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der -Schiffsärzte und — auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer -und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es -angeht, vorzuziehen.</p> - -<p>Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289 -Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei -der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer -Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst -behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die -Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen -ist, zu machen.</p> - -<p>Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise -Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum -zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald -eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen -jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen -deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse -Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben.</p> - -<p>Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit -<em class="gesperrt">einzelnen</em> Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit -einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und -gebührend zurückgewiesen werden müssen.</p> - -<p>Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese -garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten -Deutsch-Amerikaner auf <em class="gesperrt">unserem</em> Schiffe waren geneigt, die -grossen Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten -20 Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in -Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren.</p> - -<p>Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der -holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon -angezündeten Leuchtfeuern versehen ist.</p> - -<p>Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine -vor<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>treffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal -der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier -verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um -7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind -gleichzeitig Aufwärter<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> der zweiten Cajüte.</p> - -<p>So lässt es sich ganz gut leben unter der <em class="gesperrt">Flagge des norddeutschen -Lloyd</em>, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker -vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen -Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes -zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des -norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige -Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach -Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den -besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat -grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in -Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der -Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> vom deutschen -Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und -mit Australien. Einige <em class="gesperrt">seiner grössten</em> Schiffe, Spree, Havel -(zu je 13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen -Werften (Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche -Lloyd 203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000 -Tonnen Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute -die grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10 -Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer. -Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus; -man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach -Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden.</p> - -<p>Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit -zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel -von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Fore<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>land. -Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen. -Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger -Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight. -Zwischen ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der -Hauptinsel von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht -von <em class="gesperrt">Southampton</em> und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8 -Stunden 393<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben.</p> - -<p>Die Insel <em class="gesperrt">Wight</em> ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss -Osborne dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben -liegt Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen -und herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der -Nordküste von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des -deutschen Kaisers mit der Adlerstandarte.</p> - -<p>Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die -grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von -Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen, -aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück -hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung.</p> - -<p>Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt -Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses.</p> - -<p>Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt -an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser -Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die -Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er -bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass -die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten -und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut -sich zeigten.</p> - -<p>Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder -den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und -erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die -berühmten drei Klippen, welche den Namen der <em class="gesperrt">Nadeln</em><a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> führen: -<em class="gesperrt">von hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet</em>.</p> - -<p>Jeden Mittag um 12 Uhr wird der <em class="gesperrt">Logbericht</em><a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> auf einer Tafel, -am Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erd<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>karte unser -augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet.</p> - -<p>Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige -schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden -Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten -Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton -nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach -der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er — -neun Dollar gewonnen.</p> - -<p>Dies ist die erste Art von <em class="gesperrt">Wetten</em><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>, denen die müssigen -Reisenden sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem -Eifrigen zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar -Einsatz zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und -neben dem Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das -gefaltete, mit <em class="gesperrt">einer</em> der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus -dem als Urne benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf -dem Logbericht erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf -einen bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>Unser Logbericht lautet folgendermassen:</p> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td> - Donnerstag, 4. August, - </td> - <td> - 49° 56′ N. Breite, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 10° 37′ W. Länge.<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> - </td> - </tr> -</table> - -<p>(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von -Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362 -Seemeilen<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen.</p> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td colspan="2"> - <span class="padleft4">0 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Freitag, den 5. August, - </td> - <td> - 50° 38′ N. Br. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 22° 23′ W. L. - </td> - </tr> -</table> - -<p>(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.)</p> - -<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen"> - <tr> - <td> - Z. E. - </td> - <td> - 453 S. M. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - G. E. b. h. - </td> - <td> - 815 S. M. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td colspan="2"> - <span class="padleft4">1 Tag 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sonnabend, den 6. August, - </td> - <td> - 49° 11′ N. Br. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 33° 38′ W. L. - </td> - </tr> -</table> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt -und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige -Insel trifft.)</p> - -<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen"> - <tr> - <td> - Z. E. - </td> - <td> - 444 S. M. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - G. E. b. h. - </td> - <td> - 1259 S. M. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td colspan="2"> - <span class="padleft4">2 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sonntag, den 7. August, - </td> - <td> - 47° 5′ N. Br. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 44° 25′ W. L. - </td> - </tr> -</table> - -<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, der <em class="gesperrt">ungefähr</em> die Mitte hält -zwischen den Azoren und Neu-Fundland.)</p> - -<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen"> - <tr> - <td> - Z. E. - </td> - <td> - 450 S. M. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - G. E. b. h. - </td> - <td> - 1709 S. M. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td colspan="2"> - <span class="padleft4">3 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Montag, den 8. August, - </td> - <td> - 44° 13′ N. Br. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 54° 14′ W. L. - </td> - </tr> -</table> - -<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel -Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.)</p> - -<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen"> - <tr> - <td> - Z. E. - </td> - <td> - 450 S. M. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - G. E. b. h. - </td> - <td> - 2159 S. M. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td colspan="2"> - <span class="padleft4">4 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Dienstag, den 9. August, - </td> - <td> - 41° 43′ N. Br. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - 64° 1′ W. L. - </td> - </tr> -</table> - -<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel -Neuschottlands von dem Rest abtrennt.)</p> - -<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen"> - <tr> - <td> - Z. E. - </td> - <td> - 452 S. M. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - G. E. b. h. - </td> - <td> - 2611 S. M. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts"> - <tr> - <td> - <span class="padleft4">5 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padleft5">Rest 445 S. M.</span> - </td> - </tr> -</table> - -<p>Am Mittwoch, den 10. August, wurde <em class="gesperrt">Sandyhook</em>, an der Einfahrt in -den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der -<em class="gesperrt">Meeresfahrt</em>, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte. -Auf der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle.</p> - -<p>Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch -<em class="gesperrt">Vergleich</em>. Es ist nicht nöthig auf <em class="gesperrt">Columbus</em> -zurückzugreifen, welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die -Ausbesserung des beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um -auf einem 19 Meter langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei -günstigem Winde zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen -Winden, um heimzukehren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Die Zeit der <em class="gesperrt">Segelschiffe</em>, welche in mehr als vier Wochen<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> -zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen -Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande Amerika -beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das fünfzigjährige -Jubelfest der <em class="gesperrt">Dampfschiffverbindung</em> zwischen der alten und -der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem -<em class="gesperrt">Fulton</em> zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem -Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde -befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und -vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen -Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen -17 Tagen.<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber -leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) <em class="gesperrt">Schraube</em>, -gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in -England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine -Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten.</p> - -<p>Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte -Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19 -und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der -Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert -jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen -Linien sechs Tage und einige Stunden,<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> so dass täglich 450 und sogar -500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene -Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier -Tage.</p> - -<p>Sehr merkwürdig ist der <em class="gesperrt">Vergleich der Fahrgeschwindigkeit</em> bei -einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich -450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390 -Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen. -(Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274–280, -ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. & O. Gesellsch.). 5) Von -Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. & O.). -6) Von Bombay nach Triest 300 bis<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind -im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.)</p> - -<p>Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des -Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez) -ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt -genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">aufmerksame</em> Reisende sucht möglichst bald über das -Dampfschiff und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu -unterrichten; doch pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn -das offne, insellose Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste -Maschinist Zeit und Lust zur Unterweisung zu gewinnen.</p> - -<p>Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean, -stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen -Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem -Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen -zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts, -Rückwärts, Halt“, — von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll -in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten -Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag. -Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde, -so dass gegen 600 000 Umdrehungen<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> nothwendig sind, um uns von -Europa nach Amerika zu befördern.</p> - -<p>Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für -die gewaltige Schraubenwelle<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> liefert, sind noch mehrere kleinere -Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen, -eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit -Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des -Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge, -welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die -Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im -Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn -grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend -Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die -Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier -Stunden beträgt die Schicht;<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> der Arbeitslohn ist beträchtlich, -und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren -Lloydschiffen verwendet.</p> - -<p>Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken -in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für -die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge -aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2–3 -Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut.</p> - -<p>Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande -verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern -Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse -Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken -die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam -befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir -schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage -ausgefahren.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben -wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es -ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten.</p> - -<p>Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte -Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier -verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am -Rade die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns -mit den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt -das Meer hauptsächlich nach der <em class="gesperrt">Karte</em>. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> Kurs über den -atlantischen Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals -nach dem Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten -Kreise der Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> Dies -erkennt man leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den -Landkarten nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden -erhabene, krumme Linie erscheint.</p> - -<p>Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts, -auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch, -da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her -grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an -denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher -nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen.</p> - -<p>Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu -finden, ist für den Schiffer der <em class="gesperrt">Compass</em>.</p> - -<p>Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie -den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung -der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers -Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> 121 n. Chr.; -benutzten dieselbe zuerst, um auf dem <em class="gesperrt">Lande</em>, in ihrem ungeheuren -Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie -(265–469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die -Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der -Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt -haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in -Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit -nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer -Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel -befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung, -wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht, -und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32, -am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber -gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der -Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass -von Prof. <em class="gesperrt">Thompson</em> (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und -gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Windrose an Seidenfäden -aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist -mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in -wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der -Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten -Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad. -Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet, -bestimmt den Kurs des Schiffes.</p> - -<p>Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung <em class="gesperrt">eiserner</em> -Schiffe; um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben -dem Compass schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit -Thompson’s Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird <em class="gesperrt">auch</em> -zufrieden sein, da er durch das Patent ein bedeutendes Einkommen -gewinnt und als Besitzer einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport -huldigen kann.</p> - -<p>Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum <em class="gesperrt">Lothen</em>, -d. h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20 -Kilogramm Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen -und saust in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit -grosser Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier, -dem der Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das -Gewicht unten aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln -des Drahtes wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten -offenes Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und -unten offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem -Silberoxyd) roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser -in die Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das -Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der -Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d. -h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens.</p> - -<p>Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus -der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele -Faden<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument -genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr -als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.)</p> - -<p>Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo -einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz -langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen -Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p>Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen -vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen <em class="gesperrt">Ort</em> des -Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem -Logbericht zu verzeichnen?</p> - -<p>Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder -Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend -verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf -hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind, -braucht man nur die <em class="gesperrt">Fahrgeschwindigkeit</em> während der 24 Stunden -zu wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des -Schiffes wird gemessen mit dem Log.</p> - -<p>Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf -kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem -Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat -die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser -und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert, -dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der -Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die -Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang -wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche -Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens) -beträgt 25 Fuss.</p> - -<p>25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1 -Stunde) = 1:240.<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a></p> - -<p>So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele -Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende -des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das -Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das -Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers -durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die -Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die -Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche -Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Patentlog</em>, welches auf den grösseren Dampfern benutzt -wird, hat Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit -sich drehen; das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> des -Schiffsbords angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl -an.</p> - -<p>Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine <em class="gesperrt">einzige</em> -Messungsart; er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die -<em class="gesperrt">geographische Länge und Breite</em> seines augenblicklichen -Standortes.</p> - -<p>Eine vollständig zuverlässige Uhr (<em class="gesperrt">Chronometer</em>) zeigt -den Augenblick, wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der -Meridiantheilung, Mittag ist, d. h. die Sonne den Meridian von -Greenwich passirt. Da die Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade -durchläuft, so legt sie in einer Stunde 15 Bogengrade, in einer -Zeitminute 15 Bogenminuten, in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden -zurück. Ein 15° westlich von Greenwich gelegener Punkt hat Mittag, -wenn die Uhr von Greenwich 1 Uhr Nachmittags zeigt. So wird die -westliche (oder östliche) Länge festgestellt. Die nördliche (oder -südliche) Breite aber mittelst des von <em class="gesperrt">Newton</em> erfundenen -<em class="gesperrt">Spiegelsextanten</em>, mit dem man die grösste Erhebung der Sonne -über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in Winkelgraden abmisst.</p> - -<p>Was aber leitet den Seemann <em class="gesperrt">bei Nacht und bei Nebel</em>, um den so -gefürchteten <em class="gesperrt">Zusammenstoss zu vermeiden</em>?</p> - -<p>Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am -vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten <em class="gesperrt">drei -Lichter</em> gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen -muss. Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand -zu halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze -des Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in -einer dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar -ist. Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von -den Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten -oder Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein -rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn -Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts -neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von -links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen -bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein.</p> - -<p><em class="gesperrt">Nach rechts wird ausgewichen</em>, wenn man die drei Lichter eines -andern Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber -auf hoher See sehr selten erlebt.</p> - -<p>Und bei <em class="gesperrt">Nebelwetter</em>, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist, -hat jedes Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu -geben, die Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das -<em class="gesperrt">Nebel<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>horn</em>, wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat, -dass man kaum über die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann.</p> - -<p>Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen die -Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken Nebel -das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen; aber bald -verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander entfernt. -Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und Unwetter -bildet auf hoher See die <em class="gesperrt">Hauptgefahr</em> für ein gutes Schiff, -sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das -begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York -zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet, -die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber -man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander -vorbeigefahren.</p> - -<p>Auch die <em class="gesperrt">Verzögerung</em> der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab; -denn bei dickem Nebel <em class="gesperrt">darf</em> das Schiff nicht mit vollem Dampf -fahren.</p> - -<p>Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht -langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach -eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der -vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben -eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.)</p> - -<p>Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und -Wellen, die Temperatur u. dgl.,<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> mache einen Morgenspaziergang -und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit -Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das -Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in -dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf -so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf -einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war -mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer -Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die -nützlichste Auskunft zu geben.</p> - -<p>Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke -(Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Kleidung auf -dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich -anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es -scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte -zu vertilgen<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern.</p> - -<p>Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets -gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre -Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf -deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen -Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit -Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> auf, -um sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes -Segel- oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt -hat, weiss nicht, <em class="gesperrt">wie leer das Weltmeer</em>, sogar das atlantische, -trotz der grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen, -französischen, deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen -New-York zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach -dem Schiff gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich -erörtert, wobei einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten -Behauptungen entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen, -durch welche gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht. -Es besteht ein Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden -Völkern. In unsrer Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen -alle Betheiligten wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf -hoher See gesehen worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt -werden. Gelegentlich spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe -an. Sie wird im Falle der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst; -die Gesellschaft des hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu -bezahlen; aber der Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch -sehr beträchtlich. Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150 -Mann Besatzung führt, über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat -bedeutenden Nachtheil, wenn es einen Tag später in New-York ankommt, -zumal die einträgliche amerikanische Post immer dem schnellsten von den -Postdampfern übergeben zu werden pflegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p>Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit -ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel -weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug -von Delphinen,<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> die munter und anmuthig über die Wellenthäler -forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken. -Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war -aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt, -d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer -ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt -links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer -ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers -sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt -zurück, vom Gelächter der Andern empfangen.</p> - -<p>Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> Alle, mit Ausnahme -der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die -zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren. -Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen -Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen.</p> - -<p>Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag -gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass -Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben.</p> - -<p>Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und -noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf -Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig -ausschreiten kann.</p> - -<p>Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des -steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff -wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, — -Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen -würde.</p> - -<p>Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den -Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist -natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur -Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der See<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>mann -ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der -Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel.</p> - -<p>Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und -freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen -der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen.</p> - -<p>Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet, -ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer, wo -auch die kräftigen <em class="gesperrt">Getränke</em> zu haben sind; später der Salon der -zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls -ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September -sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,) -erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen.</p> - -<p>So einen Tag wie den andern. Und die <em class="gesperrt">Langeweile</em>? Ich habe sie -nie empfunden.</p> - -<p>Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des -Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der -auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten -Nachthimmels<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>, des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung -des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe, -des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die -wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben -vollauf Beschäftigung.</p> - -<p>Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und -Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und -Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel -eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten -her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch -eine schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und -plötzlich versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden -Griechen war dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen, -versteht die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden -Sonnenrosse am Giebel des Parthenon. Natürlich <em class="gesperrt">messe</em> ich die -Zeitdauer vom Anfang (<i>A</i>) bis zum Ende (<i>E</i>) des Eintauchens; und -die wissensdurstige Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen -zugeschaut, betheiligt sich eifrigst an der Zeitmessung mit der -Secundenuhr.</p> - -<p>Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><i>A</i> = 7 Uhr 12 Minuten</div> - <div class="verse"><i>B</i> = 7 Uhr 15 Minuten und</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">sehr wenige Secunden.<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze -Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">um 360° in 24 Stunden,</div> - <div class="verse">um  15° in 1 Stunde,</div> - <div class="verse">um  15′ in 1 Minute.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die -Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische -Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern: -sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch -vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben -darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die -Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen <em class="gesperrt">Auwers</em>.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="sonnenuntergang" name="sonnenuntergang"> - <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0027.jpg" - alt="Sonnenuntergang" /></a> -</div> - -<p>Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und -braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen -Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn <em class="gesperrt">schräg</em> auf -den Horizont <i>HH</i> zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und -den Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der -Sonne sich um den Durchmesser <i>AB</i> erniedrige, oder dieser durch den -Horizont gehe, muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg</p> - -<div class="center"> - <i>SS′</i> = <i>BB′</i> = - <span class="horbruch"><i>AB</i><br /><span class="bordertop">sin - φ</span></span> -</div> - -<p class="p0">zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum -Untergehen am 15. August 3 Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter -45° nördlicher Breite 3′ 9″ bezw. 3′ 6″.</p> - -<p>Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der -Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, — offenbar, weil -bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt -werden kann.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Meeresleuchten</em> kann Abends den aufmerksamen Beobachter -stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche, -bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> dem -Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem -das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere -Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse -Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem -Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.</p> - -<p>Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des -<em class="gesperrt">Meereshorizontes</em> und findet zu seinem Staunen, dass der -Halbmesser nur 5–6 Seemeilen beträgt.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Wie ein Kind freut sich -jeder, der zum ersten Mal die Kugelgestalt der Erde sich selbst -vorbeweist, indem er zunächst den Schornstein, und später, bei -grösserer Annäherung, den Rumpf eines fahrenden Dampfers erblickt.</p> - -<p>Zu den <em class="gesperrt">Spielkarten</em> brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. -Ich verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten -Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt -von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Kartenspieler, -namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind. -Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem -waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige -Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in -Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.</p> - -<p>Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. <em class="gesperrt">Himmel und Hölle</em>, -doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der -Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich -sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine -Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen -wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist -senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus -dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10–15 -Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur -dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich -lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren -Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)</p> - -<p>Von <em class="gesperrt">Erlebnissen</em> oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu -melden. Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, -nur kleine weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, -aber doch freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der -röthlich schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit -denen ich so oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut -hatte, so dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete -Kentuckyer über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir -die gute Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August -tönte das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. -In der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> ist immer Nebel. An diesem -Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8. -August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue -See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller -Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum -Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den -Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot -auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber. -Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine -Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann, -der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt, -der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt -hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.</p> - -<p>Dienstag, den 9. August, kam der <em class="gesperrt">Lootse</em> an Bord. Er fährt -in seinem Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene -See und kreuzt dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das -Lootsengeschäft ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss -Tiefgang des Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr -Fahrwasser kennen. Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die -Leitung des Schiffes und erleichtert dem Capitän die Verantwortung -für den Rest der Fahrt. Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, -wenn der gewandte Mann die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, -mit denen er die Taschen vollgestopft hat, werden ihm schleunigst -abgenommen, namentlich von den Neulingen, welche möglichst rasch -Nachrichten von dem Weltgetriebe, dem sie für 6 Tage entrückt waren, -zu erhalten streben. Aber sehr bald legen sie enttäuscht die Blätter -wieder fort; dieselben enthalten nichts Neues; wenige Stunden nach -unserer Abfahrt war der Lootse von New-York abgesegelt.</p> - -<p>Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen? -Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa -herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach -dem Ausgang der Jachtwettfahrten.</p> - -<p>Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen -Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24, -auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige -gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein -vortreffliches Doppelfernrohr<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>, das bisher edleren Zwecken gedient, -wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter -Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen.<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Hierbei ereignete sich ein -spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet, -dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das -Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“, -sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit -dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“ -war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch -entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston -kommen.</p> - -<p>Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze -Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet -einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten.</p> - -<p>Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf -deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen -stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht -doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag -für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man -dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch -nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten -Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen -schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt -und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen.</p> - -<p>Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen -landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an -die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären. -Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen -deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere.</p> - -<p>Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen -auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche -Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht, -fällt diesmal aus wegen des Nebels.</p> - -<p>Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns -herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen. Um -8½ Uhr Morgens erscheint <em class="gesperrt">Fire-Island</em><a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>, dann Long-Island -und <em class="gesperrt">Sandyhook</em>, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis -hier<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>her rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden -gedauert.<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a></p> - -<p>Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows -sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf -die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von -New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von -Brooklyn.</p> - -<p>Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den -Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen -Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss -vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden. -Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es -kommen Freunde. Wir landen in <em class="gesperrt">Hoboken</em> am westlichen Ufer des -Hudsonflusses in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit -klingender Musik in deutschen Weisen empfangen.<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="II">II.<br /> -<b>Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_e.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Einen <em class="gesperrt">Erdtheil</em> zu <em class="gesperrt">durchqueren</em>, von dem einen Weltmeer zum -andern, ist für den <em class="gesperrt">Einzelnen</em> ebenso reizvoll und belehrend, -wie die erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen, -wichtig und epochemachend für die <em class="gesperrt">Geschichte des gesammten -Menschengeschlechts</em> geworden.</p> - -<p>Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den -<em class="gesperrt">nordamerikanischen Continent</em> machen.</p> - -<p>Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien, -Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen -unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee -zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir -aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein -Anhängsel von Asien.</p> - -<p><em class="gesperrt">Nordamerika</em> bietet noch dazu den besonderen Vortheil, -dass seine ganze <em class="gesperrt">Cultur eine neue</em> ist, da die spärlichen -Reste der Ureinwohner kaum noch in Betracht kommen. Neben dem -<em class="gesperrt">geographischen</em> Gesetz, dass der Continent ziemlich ringsum -von Rand- und Küstengebirgen umgeben, <em class="gesperrt">erst</em> einen mehr oder -minder breiten Gürtel <em class="gesperrt">fruchtbaren</em> Landes und <em class="gesperrt">dann</em> in -seiner Mitte einen mehr <em class="gesperrt">öden</em> und selbst wüsten Bezirk enthält, -tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt- und -dichtbesiedelten Europa, auch das <em class="gesperrt">politische</em> Gesetz entgegen, -dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen -der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig -abnehmen.</p> - -<p>Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen -Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der -Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> durchsaust, -im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne -lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten -wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in -der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in -die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen -jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und -Ostindien harren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fünf pacifische Eisenbahnen</em>, die ein gewaltiges Stück -Culturarbeit enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen -zum stillen Ocean: 1. Die <em class="gesperrt">centrale</em> von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach -Ogden in Utah und weiter nach <em class="gesperrt">Omaha</em> in Nebraska. (Von hier ist -Verbindung mit Chicago und New-York.) Dies ist die <em class="gesperrt">älteste</em> -dieser Bahnen, im Jahre 1869 vollendet. 2. Die <em class="gesperrt">Atlantic- and -Pacific-Bahn</em> von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach <em class="gesperrt">St. Louis</em>, an -der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die <em class="gesperrt">südliche</em> -Pacific-Bahn von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach <em class="gesperrt">New-Orleans</em>. 4. Die -nördliche Pacific-Bahn von <em class="gesperrt">Tacoma</em> in Washington nach <em class="gesperrt">St. -Paul</em> in <em class="gesperrt">Minnesota</em>, (und von da weiter nach der östlichen -Küste,) im Jahre 1883 vollendet.</p> - -<p>Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die -dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen <em class="gesperrt">Büchlein</em> (Von -New-York bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt.</p> - -<p>5. Jetzt habe ich auch die <em class="gesperrt">canadische</em> Pacificbahn<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> -durchfahren, die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906 -engl. Meilen sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den -Vorzug vor den anderen.</p> - -<p>Vor Allem ist sie <em class="gesperrt">malerischer</em> und <em class="gesperrt">reizvoller</em>, -sodann reich an Abwechslung. Die bequeme Verbindung der -canadischen Pacificbahn mit ihren Dampfern, welche die ungeheure -Süsswasseranhäufung der grossen Seen (Lake Huron, L. Superior) -durchkreuzen, ermöglicht es uns, den vierten Theil der ganzen Reise als -angenehme und erfrischende <em class="gesperrt">Wasserpartie</em> zu machen.<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> Wird noch -ein kurzer Aufenthalt am <em class="gesperrt">Niagara</em> und im <em class="gesperrt">Felsengebirge</em> -eingeschoben, so gelangt man in etwa 12 Tagen bequem von dem einen -Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit dem Postzuge von Montreal -nach Vancouver in sechs Tagen.</p> - -<p>Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns -einigermassen mit der <em class="gesperrt">Geschichte</em> dieser gewaltigen Eisenbahn -vertraut zu machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean zu -bauen, war lange Zeit hindurch der <em class="gesperrt">patriotische Traum</em> einzelner -canadischer Männer. Es wurde eine <em class="gesperrt">politische Nothwendigkeit</em>, -nachdem im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika -zum Dominion Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 -Millionen Einwohnern) sich vereinigt hatten.</p> - -<p>Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen -Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und -erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung -begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an -eine <em class="gesperrt">Gesellschaft</em> übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso -vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging -die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist -die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean -3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die -gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.</p> - -<p>Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im -Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz -gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan -und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada -gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die -bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> -Dies ist wenigstens die <em class="gesperrt">Ansicht der Canadier</em>, während die -eifersüchtigen Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und -Geringschätzung auf Canada herabblicken.</p> - -<p>Von der gewaltigen Hauptstadt <em class="gesperrt">New-York</em>, wo der -vaterländische Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem -<em class="gesperrt">Tagdampfer</em><a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> stromaufwärts auf dem <em class="gesperrt">Hudson-Fluss</em> bis -<em class="gesperrt">Albany</em>, der Hauptstadt des Staates New-York.</p> - -<p>Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden -aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild -dieses <em class="gesperrt">unvergleichlichen Hafens</em> von New-York und die Stadt -selber mit ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, -Madison Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin -das Landschaftsbild des <em class="gesperrt">majestätischen Hudsonflusses</em>, den man -in diesem Lande den <em class="gesperrt">Rhein von Amerika</em> nennt und in dem üblichen -Superlativ-Stil nicht bloss zu<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> den grössten Sehenswürdigkeiten der -Vereinigten Staaten rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern -Rhein zu erheben pflegt.<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a></p> - -<p>Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir -der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich, -die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und -Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.</p> - -<p>Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt, -dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter -<em class="gesperrt">stromaufwärts</em> man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese -Stadt, 143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der -<em class="gesperrt">Gezeiten</em>.</p> - -<p>Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während -am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> vorbeisausen, links -(westlich) die <em class="gesperrt">Pallisaden</em>, säulenartig gegliederte, bis 300 -Fuss hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); -rechts (östlich), <em class="gesperrt">Yonkers</em>, eine der ältesten Ansiedelungen -im Hudsonthal; und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s -<em class="gesperrt">Sunnyside</em>, der ehemalige Wohnsitz des Dichters <em class="gesperrt">Washington -Irving</em>, weiter das berüchtigte Zuchthaus <em class="gesperrt">Sing-Sing</em>, und -endlich <em class="gesperrt">Crotonpoint</em>, von wo New-York sein Trink-Wasser bezieht.</p> - -<p>Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die -<em class="gesperrt">Highlands</em>, mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist -auch der Fluss mit schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits -der Kadettenschule zu <em class="gesperrt">Westpoint</em> erblickt man in der Ferne -die <em class="gesperrt">Catskillberge</em>, und erreicht <em class="gesperrt">Albany</em> (w.) am späten -Nachmittag.</p> - -<p>Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des <em class="gesperrt">Capitols</em>, -eines erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe, -bringt mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über <em class="gesperrt">Buffalo</em> nach -<em class="gesperrt">Niagara</em>, wo ich natürlich einen Tag verbleibe.<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a></p> - -<p>Sodann fahre ich nach dem nahen <em class="gesperrt">Toronto</em>, am Nordwestufer des -Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen.</p> - -<p>Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren -mit dem Begriff des Canadiers den der <em class="gesperrt">Unkenntniss von Europa’s -übertünchter Höflichkeit</em> gewissermassen unbewusst<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> und zwangsweise -verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere -Vorstellung von dem <em class="gesperrt">heutigen Canada</em> beigebracht, wenn wir -gelesen haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200 -Einwohner zählte, 1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht -und erstaunt, mit <em class="gesperrt">eignen</em> Augen diese <em class="gesperrt">riesigen</em>, -acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser und die ungeheure Zahl der -<em class="gesperrt">electrischen Strassenwagen</em> in — <em class="gesperrt">Canada</em> zu sehen! Die -<em class="gesperrt">Staats-Universität</em> von Toronto ist ein gewaltiges Gebäude in -normannischem Stil.</p> - -<p>Die Wissenschaft ist <em class="gesperrt">international</em>. In dem biologischen Institut -der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer & -Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr. -Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die -ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer -in Dresden, construirt hat.</p> - -<p>Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich -die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel -nach dem tiefblauen <em class="gesperrt">Owen Sund</em> am Huron-See. Hier nimmt uns der -Schrauben-Dampfer <em class="gesperrt">Manitoba</em> auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss -lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> <em class="gesperrt">Die Fahrt ist -entzückend.</em></p> - -<p>Sie <em class="gesperrt">vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt</em>. Denn unser -See ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer, -die Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns -der kreisförmige Horizont des Meeres.</p> - -<p>Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz <em class="gesperrt">gewaltigen Zahl -von Dampf- und Segelschiffen</em>, wie man sie nie auf offenem Meere -antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen, -sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue -Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen, -wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte -Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr -praktisch.<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a></p> - -<p>Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass <em class="gesperrt">Sault St. Marie</em> -ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem -Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> -sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> -müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere -Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See -emporgehoben werden.</p> - -<p>Durch <em class="gesperrt">Sault St. Marie</em> soll jährlich eine grössere Tonnenzahl -gehen, als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten -Jahre, 58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a></p> - -<p>Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch -weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet -(am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht -zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von <em class="gesperrt">Zollkrieg</em>, -weshalb die Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig -zu machen bestrebt sind.</p> - -<p>Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf -dem <em class="gesperrt">Oberen See</em>; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter -am Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des -Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags -in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser -geworfen.</p> - -<p>Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige <em class="gesperrt">Donnerkap</em>, das -1600 Fuss hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die -Donner-Bay und erreichen Nachmittags <em class="gesperrt">Port Arthur</em>.</p> - -<p>Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes -Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses -Kaministiquia, nach <em class="gesperrt">Fort William</em>: dort erwartet uns der Zug der -<em class="gesperrt">canadischen Pacificbahn</em>.</p> - -<p>Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei -Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man -nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in -Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je -einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den -Mittelgang abgeschlossen.)</p> - -<p>Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende -Schilderungen von der <em class="gesperrt">Pracht</em> und <em class="gesperrt">Bequemlichkeit</em> dieser -Wagen. <em class="gesperrt">Vieles ist richtig</em>; aber wenn der Wagen mit 24 Personen, -dazu mit etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine -mehrtägige Reise nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck -und endlich mit Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so -geht ein gut Theil der Bequemlichkeit wieder verloren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p>Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die -Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu versagen. -<em class="gesperrt">In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit unbedeutenden -Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien Bewegung -förderlich.</em> Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf -nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke -auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil -eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich -oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe.</p> - -<p>Eine <em class="gesperrt">viertägige Eisenbahnfahrt</em> steht uns bevor; oder, wenn -wir in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die -Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21 -Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.)</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">erste Morgen</em> bietet uns ein reizvolles Bild, <em class="gesperrt">Rat -Portage</em> am hauptsächlichsten Ausfluss des <em class="gesperrt">Lake of the -Wood</em>, des grössten Sees, welchen die Bahn zwischen dem Oberen -See und dem Stillen Ocean berührt: Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine -Felsdurchbrüche, kleine Häuser, riesige Mühlen.</p> - -<p>Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und — -gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und -werden von den meisten anstandslos bewältigt.</p> - -<p>Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem -Busch bedeckten Haide, welche als <em class="gesperrt">ebene Prairie</em> bezeichnet wird, -die Hauptstadt der Provinz Manitoba, <em class="gesperrt">Winipeg</em>. Hier war ein -alter Sitz der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen -Kaufleute, welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere -des amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort -(früher Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner. -Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die -für Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn.</p> - -<p>Hier ist das <em class="gesperrt">Land-Amt</em> der Eisenbahnen und das der Regierung. -Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch, -polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung -harren auch am Bahnhof.</p> - -<p>Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der -Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen, -weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein -idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines <em class="gesperrt">Knaus</em>, -war, behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein -russischer Jude.<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er -in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block -mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, — wie einst -Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte.</p> - -<p>Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie, -der <em class="gesperrt">Glanz von Manitoba</em> beginnt, <em class="gesperrt">eine</em> Ansiedelung der -anderen folgt, und so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht -zweckmässig, ein paar Worte über die <em class="gesperrt">Auswanderung nach Canada</em> zu -sagen.</p> - -<p>Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist, -ein schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen -Werk „<em class="gesperrt">Manitoba</em>“ (by John <em class="gesperrt">Macoun</em>, M. A., Dominion -Governments-Explorer of the North-West, London 1883, S. 637) das -Folgende anführen:</p> - -<p>„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für -den Acre aufwärts; und 160 Acres <em class="gesperrt">freien</em> Landes kann man als -<em class="gesperrt">Heimstätte</em> belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> Die -Auslagen für das erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den -Besitz nach fünf Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar.</p> - -<p><em class="gesperrt">Weniger verlässlich</em> sind die Schriften der -Eisenbahngesellschaft, welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite, -beiderseits von der Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in -jedem Bezirk Land besitzt und — an den Mann bringen will. Sie bietet -Land an zum Preise von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel -baar, das Uebrige stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen. -Aus ihrer Schrift <em class="gesperrt">„Successful Farming in Manitoba</em> (1891)“ ist -zu ersehen, dass einzelne Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars -mitbrachten, — andere <em class="gesperrt">gar nichts</em>, „und gut vorwärts kamen, -namentlich wenn sie zunächst als <em class="gesperrt">Arbeiter</em> einige Ersparnisse -gemacht.“<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> (Vergl. auch „Farming and Ranching in Western Canada.“) -Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar noch verkäuflich ist, und der -Besitztitel erst nach Ablauf von fünf Jahren regelmässiger Bearbeitung -erworben wird; so giebt es doch Banken, welche, mit Erlaubniss der -Regierung, den Ansiedlern von vorn herein mit Vorschüssen aufhelfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel</em> für Europa im -Allgemeinen und für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer -Auswanderer geht nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele -besser wäre, nach Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage. -Deutsche Ansiedler sind in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr -gut fort.</p> - -<p>Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die -<em class="gesperrt">wellige</em> und dann in die <em class="gesperrt">ansteigende</em> Prairie, die auch -noch gut bebaut ist. Hier liegt Bell’s berühmte <em class="gesperrt">Riesenfarm</em> von -100 Quadratmeilen, die mit militärischer Ordnung bewirthschaftet wird; -man pflügt in Brigaden und erntet in Divisionen.</p> - -<p>Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt <em class="gesperrt">Regina</em> -in der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit -2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der -canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des -Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen, -rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die <em class="gesperrt">musterhafte -Ordnung</em> des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die -<em class="gesperrt">Indianer</em>.</p> - -<p>Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die -Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige -Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung -des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben, -singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele -sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe -des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und -die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und -Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu -verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es -geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen.</p> - -<p>Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen -zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art -leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die -katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die -weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den -dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen -nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter -begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit -schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen; -aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von -Europäern unterscheiden kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> - -<p>Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine -<em class="gesperrt">Ebene</em>, <em class="gesperrt">die keinen Baum enthält</em>. Bis zum Horizont reicht -die einsame, öde Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen -Wüste annimmt; der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch -bilden die ganze Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen -in Sicht. Nur selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein -Haus, einen Kuhhirten unterbrochen.</p> - -<p>Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei <em class="gesperrt">Medicine -Hat</em> (2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende -Fackeln des natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir -in die <em class="gesperrt">hohe Prairie</em>.</p> - -<p>Am <em class="gesperrt">dritten Morgen</em>, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten -der Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die -scharfkantigen Gipfel der Berge,<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> auf denen nur hier und da ein -kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000 -Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild.</p> - -<p>Um 6 Uhr Morgens erreichen wir <em class="gesperrt">Banff</em>, das 4500 Fuss hoch, 2346 -Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die -Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut. -Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei -Fuss lange Baumstämme unterhalten.</p> - -<p>Von der Höhe des <em class="gesperrt">Tunnelberges</em>, 1000 Fuss über dem Thal, hat -man einen Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine -seeartige Ausweitung des grünen Flusses,<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> das kleine Dorf Banff, -das 200 Fuss höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden -Felsen, die amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des -Gasthauses, sind mit Schnee und Gletschern bedeckt.</p> - -<p>800 Fuss über dem Thal entspringt eine <em class="gesperrt">warme Schwefelquelle</em>.<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a> -Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> -sind Krücken angenagelt mit <em class="gesperrt">ruhmrednerischen Heilberichten</em>, -— ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im -Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen -Wallfahrts-Orten unserer Tage.</p> - -<p>Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer <em class="gesperrt">Höhle</em> des -Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit -grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen -aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain, -der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal -abfällt, nach dem Teufels-See<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> und befährt diesen auf einem ganz -kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von -den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen, -nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.</p> - -<p>Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum -ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein -<em class="gesperrt">Schlafwagen wird abgehängt</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön.</em> (Im Eisenbahnbuch steht: -1. „Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause -soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ — Das ist -so die <em class="gesperrt">Geschäftssprache der neuen Welt</em>.)</p> - -<p>Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des -Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die -Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der -gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.</p> - -<p>Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> Zwei -kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte. -Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay -und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss, -bezw. in den pacifischen Ocean.</p> - -<p>Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst <em class="gesperrt">Stephen</em> sowohl -die Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil -der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass, -wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt, -umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss -über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns -einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die -Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.</p> - -<p>Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon, -wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht -streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss. -Tunnel sind nur sparsam und kurz.</p> - -<p>Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei -<em class="gesperrt">Golden</em> aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken -wir vor uns<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> den Columbiafluss und die schöne Kette des -<em class="gesperrt">Selkirk</em>-Gebirges, die annähernd parallel ist mit der des -Felsengebirges.</p> - -<p>Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der -Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die -enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss -1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken, -250 Fuss über dem Bach; und erreichen die <em class="gesperrt">Passhöhe der Selkirks</em> -(Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher <em class="gesperrt">Gletscherberge</em>: -Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche -<em class="gesperrt">Gletscherhaus</em>.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind -mächtige Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer.</p> - -<p>Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug -hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den -schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst.</p> - -<p>Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den -Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks -gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem <em class="gesperrt">mächtigen</em>, -<em class="gesperrt">schiffbaren</em> Strom angewachsen ist.</p> - -<p>Am <em class="gesperrt">letzten Morgen</em> ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch -den <em class="gesperrt">Fraser-Cannon</em> (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in -Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte -Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss -über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über -den Schluchten gestützt ist.</p> - -<p>Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf, -entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock -befestigt. Man sieht die <em class="gesperrt">Indianer</em> ihren Lachs fischen oder -dörren. Dann erscheinen Häuschen von <em class="gesperrt">Chinesen</em>, die Gold waschen. -Dazwischen einzelne Zelte von <em class="gesperrt">Abenteurern kaukasischer Rasse</em>.</p> - -<p>Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss -zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten -Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder -auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem -Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die -Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen -Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit -breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<p>Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und <em class="gesperrt">Vancouver</em>, -das <em class="gesperrt">Ende</em> der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige -Stadt ist sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat -grossartige Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und -mehrere Dampf-Sägemühlen, welche die 1–2 Meter dicken Föhrenstämme -von gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter -unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der -holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach -Montreal und nach Europa versenden.</p> - -<p>Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den -<em class="gesperrt">Urwald</em><a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen -entfernten <em class="gesperrt">New-Westminster</em>.</p> - -<p>Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen -langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in -dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft -unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of -Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, <em class="gesperrt">westwärts nach -dem fernen Osten</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="III">III.<br /> -<b>Der stille Ocean.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_s.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Schon der <em class="gesperrt">Name des stillen Oceans</em> macht auf den Landbewohner -von Mitteleuropa einen <em class="gesperrt">überwältigenden</em> Eindruck; der Begriff -der ungeheuren <em class="gesperrt">Grösse</em>,<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> welche ja die der sämmtlichen fünf -Erdtheile übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen <em class="gesperrt">Entfernung</em> -von der Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht. -Als ich, im Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum -ersten Mal das Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten, -konnte ich nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold, -meine Stirn mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene -merkwürdige Zeit zu versetzen, wo <em class="gesperrt">Vasco Nunnez de Balboa</em> (am 25. -September 1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „<em class="gesperrt">das -Südmeer</em>“ erblickte, — um vier Jahre später von dem neidischen -Gouverneur Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und -<em class="gesperrt">Fernão de Magalhães, der erste Weltumsegler</em>, nach stürmischer -Fahrt auf dem atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien -herumsegelnd (Nov. 1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel -vorfand und dadurch zur <em class="gesperrt">Benennung des stillen Oceans</em> veranlasst -wurde.</p> - -<p>Jetzt hatte ich diese gewaltige <em class="gesperrt">Wasserwüste</em> zu durchkreuzen, -in nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch -auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht -bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa -und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen -= 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch -die Leistung der <em class="gesperrt">ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft</em><a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>, die -Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei -einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder -20 Tagen zurückzulegen.</p> - -<p>Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser -Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen -einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als 80. -Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die <em class="gesperrt">canadische Pacific-Bahn</em><a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> hat -ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen -Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“ -führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen = -8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen -in 13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat <em class="gesperrt">die Post von -London nach Yokohama</em> in 28 <em class="gesperrt">Tagen</em> hinschaffen, während der -Weg durch den Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht.</p> - -<p>Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer -das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> der -Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von -Burrard’s Einlass<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser -emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und -51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die -Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten -gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube, -dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich -verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer</em> drängt -sich dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort; -Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so -bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte -erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> Es<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> ist doch eine -grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich -in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es -ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie -an der Tafel wird von <em class="gesperrt">Chinesen</em> geleistet. Der Asiate ist von -Natur ein besserer Diener,<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> als der Europäer, — wenn man nicht zu -viel von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises -Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche -Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich -mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.</p> - -<p>Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in -blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über -dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen, -unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden -die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen -können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, -von Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> -zu fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter -und Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei -dem Reisenden hervorzurufen. Freilich, die <em class="gesperrt">herrschende Stellung hat -der Kaukasier sich vorbehalten</em>, — gradeso wie in dem Gasthaus von -Wawona bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner -Neger, der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein -weisser Mann war!</p> - -<p>Auch die <em class="gesperrt">Reisegesellschaft</em> war auf dem atlantischen Weltmeer -ganz anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.</p> - -<p>Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach -New-York, herrscht der <em class="gesperrt">Irländer</em> vor, der zu Hause in die frische -Luft gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, -das Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von -Tammany-Ring und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.</p> - -<p>Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach -New-York bilden <em class="gesperrt">deutsche Bauern</em> mit ihren Familien und<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -<em class="gesperrt">Handwerker</em> die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) -und Skandinavier. Bei gutem Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, -„das deutsche Lied“ wird gesungen, auch „die Wacht am Rhein“, und -„Deutschland, Deutschland über Alles“. Liederbücher und Abschriften -einzelner Lieder wandern von Hand zu Hand. Es tönt die Fiedel und die -Ziehharmonica, es tanzen Germanen und Slaven. Deutsche Werkmeister, -die in den Vereinigten Staaten eine gute Stellung gefunden, kehren -von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt nicht das Wandervolk -Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland; für sie stellt Amerika -eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt sich Haar und Bart, der -Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu thatkräftigem Handeln; -ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr von der russischen -Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an die moderne -friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean, welche weit -beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das römische Reich -zerstört hat.</p> - -<p>Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen -Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich -zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den <em class="gesperrt">Chinesen</em>, die von -der pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als -Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige -Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des -grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.</p> - -<p>Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt -erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den -sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr -und mehr alle Besonderheiten abschleift.</p> - -<p>Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der -<em class="gesperrt">Deutsch-Amerikaner</em> vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von -Bekleidungsgegenständen und Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine -Badereise nach Carlsbad oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch -das hastige Essen und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten -Magen zu neuer Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland -besucht, seine Kinder dorthin gebracht hat; — und nun wieder seiner -Thätigkeit in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die -dort so manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, -der Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-, -Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.</p> - -<p>Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und -Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten,<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte -Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings, seitdem -die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, <em class="gesperrt">echte -Amerikaner</em>: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen -Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind -und mindestens 54 verschiedenen — Theelöffeln (aus den europäischen -Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren, -um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den -erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht -wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte -sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.</p> - -<p>Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei -den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> -herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer -Vertreter.</p> - -<p>Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „<em class="gesperrt">Kaiserin von -Japan</em>“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl -vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und -unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien -studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller -Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem -Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon -in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist. -Da bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von -84) sind <em class="gesperrt">Missionäre</em> aller Arten, aller Secten, — Amerikaner -und Engländer: alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der -gewöhnlichen Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit -Weib und Kind; „grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen -die Tagesblätter von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde -Fräulein, die hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe -gehen, den altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden.</p> - -<p>Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam -vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie aus -Bombay. Weit zahlreicher waren die <em class="gesperrt">Muss-Asiaten</em> aus Europa, -Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> als Zollbeamte so -lange<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der -Heimath ausreichen.</p> - -<p>Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein -Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden.</p> - -<p>Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so -gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die -eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer -(<em class="gesperrt">Globetrotter</em>), eine Menschengattung, auf die ich noch bei -Gelegenheit zurückkommen werde.</p> - -<p>Was nun unseren <em class="gesperrt">Kurs</em> anlangt, so geht derselbe, sowie wir die -offene See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver -nach der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder -auf Karten nach Kremer’s Grundriss<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> eine nach Norden erhabene Linie -darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht.</p> - -<p>Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen -Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen -Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz -richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw -zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a></p> - -<p>Ein Blick auf meine <em class="gesperrt">eigne Karte</em> und auf den folgenden -<em class="gesperrt">Logbericht</em> wird das Gesagte erläutern.</p> - -<table class="p45" summary="Tabelle Seite 45"> - <tr> - <th class="bright"> - - </th> - <th class="bright" colspan="2"> - Datum - </th> - <th class="bright" colspan="2"> - Breite - </th> - <th class="bright" colspan="2"> - Länge - </th> - <th class="bright"> - Entfernung - </th> - <th> - Bemerkungen - </th> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Mittw. - </td> - <td class="tdr vam"> - 31. - </td> - <td class="bright vam"> - Aug. - </td> - <td> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td> - Ab Vanc. 4<sup>h</sup> 35′ Nchm., - an Victor. 9<sup>h</sup> 45′ N. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Donn. - </td> - <td class="tdr vam"> - 1. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 48° - </td> - <td class="bright"> - 20′ N. - </td> - <td class="bright"> - 123° - </td> - <td class="bright"> - 55′ W. - </td> - <td class="bright"> - 111 Seemeilen - </td> - <td> - Ab Vict. 6<sup>h</sup> 30′ Vorm. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Freitag - </td> - <td class="tdr vam"> - 2. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 50° - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - 133° - </td> - <td class="bright"> - 40′ W. - </td> - <td class="bright"> - 395 Seemeilen - </td> - <td> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Sonnab. - </td> - <td class="tdr vam"> - 3. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 50° - </td> - <td class="bright"> - 58′ N. - </td> - <td class="bright"> - 143° - </td> - <td class="bright"> - 45′ W. - </td> - <td class="bright"> - 390 Seemeilen - </td> - <td> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Sonntag - </td> - <td class="tdr vam"> - 4. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 51° - </td> - <td class="bright"> -  0′ N. - </td> - <td class="bright"> - 154° - </td> - <td class="bright"> - 10′ W. - </td> - <td class="bright"> - 393 Seemeilen - </td> - <td> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Montag - </td> - <td class="tdr vam"> - 5. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 51° - </td> - <td class="bright"> -  0′ N. - </td> - <td class="bright"> - 164° - </td> - <td class="bright"> - 25′ W. - </td> - <td class="bright"> - 387 Seemeilen - </td> - <td> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Dienst. - </td> - <td class="tdr vam"> - 6. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 50° - </td> - <td class="bright"> - 26′ N. - </td> - <td class="bright"> - 174° - </td> - <td class="bright"> - 18′ W. - </td> - <td class="bright"> - 377 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - Orkan. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Mittw. - </td> - <td class="tdr vam"> - 7. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="tdc"> - Ausgelassen. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Donn. - </td> - <td class="tdr vam"> - 8. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 49° - </td> - <td class="bright"> - 19′ N. - </td> - <td class="bright"> - 176° - </td> - <td class="bright"> -  8′ Ö. - </td> - <td class="bright"> - 376 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Freitag - </td> - <td class="tdr vam"> - 9. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 47° - </td> - <td class="bright"> - 53′ N. - </td> - <td class="bright"> - 166° - </td> - <td class="bright"> - 44′ Ö. - </td> - <td class="bright"> - 383 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Sonnab. - </td> - <td class="tdr vam"> - 10. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 45° - </td> - <td class="bright"> - 47′ N. - </td> - <td class="bright"> - 157° - </td> - <td class="bright"> - 48′ Ö. - </td> - <td class="bright"> - 387 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Sonnt. - </td> - <td class="tdr vam"> - 11. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 42° - </td> - <td class="bright"> - 47′ N. - </td> - <td class="bright"> - 149° - </td> - <td class="bright"> - 37′ Ö. - </td> - <td class="bright"> - 393 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Montag - </td> - <td class="tdr vam"> - 12. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - 39° - </td> - <td class="bright"> -  4′ N. - </td> - <td class="bright"> - 142° - </td> - <td class="bright"> -  4′ Ö. - </td> - <td class="bright"> - 367 Seemeilen - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="bright vam"> - Dienst. - </td> - <td class="tdr vam"> - 13. - </td> - <td class="bright vam"> - Sept. - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="bright"> - - </td> - <td class="tdc"> - Um 12<sup>h</sup> Mittags auf der Rhede von Yokohama. - </td> - </tr> -</table> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p> - -<p>Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen -Erlebnisse auf derselben.</p> - -<p>Der Hafen von <em class="gesperrt">Vancouver</em> ist prachtvoll und tief; das grosse -Schiff liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke -an Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang -der Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax -in Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung -braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus -Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von -Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.</p> - -<p>Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus -<em class="gesperrt">Burrard’s</em> Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen -umgebenen Meerbusens, an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch -den schmalen, mit Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die -schönumwaldete <em class="gesperrt">englische Bay</em> und dann in den eigentlichen -<em class="gesperrt">Puget-Sund</em> südwestlich, zwischen flachen Inseln, nach der -Strasse San Juan di Fuca, welche die zum Dominion Canada gehörige -<em class="gesperrt">Insel Vancouver</em> von dem Festlande von Washington trennt, das -erst vor Kurzem die Kinderschuhe des Territoriums ausgezogen hat und -zu einem Staat in dem Bunde der Vereinigten Staaten Nordamerikas -befördert ist. <em class="gesperrt">Victoria</em>, auf der Insel Vancouver, die Hauptstadt -von Britisch Columbia (mit 20000 Einwohnern), erreichen wir erst spät -Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst vor Anker bis zum nächsten Morgen -um 6½ Uhr.</p> - -<p>Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und -erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher -noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende -Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst -ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die -Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es -ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und -immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch -wieder sich zu verengen.</p> - -<p>Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in -Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.</p> - -<p>Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die -Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht -hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.</p> - -<p>Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz -einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist, -wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen er<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>worben, und -zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden -Schiff.</p> - -<p>Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche -Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis -zur Nacht.</p> - -<p>Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig -gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir -seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und -Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen -und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in -Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt. -Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika -und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr -gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American -commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine -Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie -nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen -Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden -Amerikaner.</p> - -<p>Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die -Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer -waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte, -um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den -eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von -Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen -Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen -Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische -Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben -sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig -zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende -Stellung in der Wissenschaft einnimmt.</p> - -<p>Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute -leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen -Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte, -um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen -der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle -Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben -wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene, -die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die -Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem -Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> lernte auch Manches über -die Einrichtungen <em class="gesperrt">unseres</em> Vaterlandes; denn das ist der grosse -Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden -vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches -auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar. -Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich -Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.</p> - -<p>Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen -Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.</p> - -<p>Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende, -wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig -ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.</p> - -<p>Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa -und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes -Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr -arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei -uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu -sehen waren.</p> - -<p>Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit -gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es, -gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen -schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie -seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind -sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen -Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass <em class="gesperrt">Cipangu</em>, nach dem -Columbus ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner -weltfernen Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit -unbekannte und ungeahnte Amerika.</p> - -<p>Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe -der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden -(Dienstag, 6. September) haben wir den <em class="gesperrt">Sturm</em>, und zwar aus -Osten, so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu -durch den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt. -Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte -Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich -gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem -ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen -sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und -geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen -ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts -sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns -zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg -weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden -waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.</p> - -<p>Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres -philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer; -freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch -stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.</p> - -<p>Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die -Wuth der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder -möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles -durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.</p> - -<p>Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt, -schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den -8. September.</p> - -<p>Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so -doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde -in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm -vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren -Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in -westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen, -als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen -Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen -hätten, einen Tag zu verzeichnen.</p> - -<p>Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der -Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in -Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts -davon Mitternacht, der Beginn des 8. September.</p> - -<p>Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung -mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen -zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des -Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> also -in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade -zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren -Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser -Reise die Sonne ein Mal weniger durch<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> seinen Meridian gegangen, -als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen -Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad -westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu -überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes — Glück -hat, sogar um seinen Geburtstag kommen!</p> - -<p>Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung -der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der -Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um -10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade -überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian -gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um -einen Tag weiter.</p> - -<p>Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es -selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche -Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180° -Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben, -dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei -aufeinander folgenden Tagen ansetzte.</p> - -<p>Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen -des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die -Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später -auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach -hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt -ist heiter.</p> - -<p>Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September) -ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von -Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem -atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge, -aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter -südlich die Nebel.</p> - -<p>Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan -zu lesen und um</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">Zwei ernste Reisegeschichten</p> - -<p>zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu -schildern.</p> - -<p class="s5 center mtop1 mbot1"><b>1. Der russische Weber im Felsengebirge.</b></p> - -<p>Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der -Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren -Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> dem -schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei -<em class="gesperrt">Golden</em>.</p> - -<p>Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht -bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein -vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster -Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an -sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen -Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur -wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen -Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau -zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes -Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein -kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.</p> - -<p>In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute, -lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen -recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert -und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des -stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen -Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat -ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie, -die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf -die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der -langen Fahrt erduldet, — allerdings, wie ich höre, ganz andere als die -Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch -nach dem goldenen Vliess auszogen.</p> - -<p>Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden. -An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie <em class="gesperrt">diesen</em> Theil der -Reise noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, -bitten; man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.</p> - -<p>Aber <em class="gesperrt">jetzt</em> haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes -Amerika betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden -entgegen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Elf Tage</em> sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis -hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder -an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über -die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein -Mensch hat sich um sie bekümmert;<a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> nur Einer,<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> eben so arm wie sie, -hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr -Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt, -sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.</p> - -<p>Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen -Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu — ganz -unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25 -Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke -besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer -Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen -ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur -trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die -Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den -Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der -sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie -vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer -Verzweiflung sich nachschleppen liess.</p> - -<p>Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse -<em class="gesperrt">Hartherzigkeit gegen Bettler</em> bei Amerikanern und auch bei -Engländern zu beobachten. Aber <em class="gesperrt">dieses</em> Mal war der Ertrag einer -für die armen Leute veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie -förmlich verdutzt dreinschauten.</p> - -<p>Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des -Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten -wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie -an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern -schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.</p> - -<p class="s5 center mtop1 mbot1"><b>2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.</b></p> - -<p>Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner -Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von -Japan“, nichts hatte anthun können, — mehr den Insassen und unsrem -Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine -Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir -nachher in der Ecke des Rauchzimmers.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> - -<p>Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne -nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und -überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen -Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen -Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen -von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von -England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel -der Reisenden auf unserem Schiff.</p> - -<p>Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben, -sie beten für ihn.</p> - -<p>Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver -am Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das -nur <em class="gesperrt">ein</em> Stockwerk, <em class="gesperrt">ein</em> Fenster, <em class="gesperrt">einen</em> Wohnraum -besitzt, vom Morgen bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen -und des quälenden Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, -die den bezopften Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der -„rothharigen Barbaren“ verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und -Ueberlegenheit seiner uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses -Ziel zu erreichen. Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte -er genug, um in seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner -Frau und seinem drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton -zurückgelassen, und sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu -sichern. Jeden Abend zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine -Papiere und rechnete die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch -in der Verbannung zuzubringen hatte, — obwohl er ja schon lange mit -zierlicher Schrift über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt -und den Dampfer, der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da -kam der 30. August, ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am -folgenden Tag segelt ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, -nach dem märchenhaften Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; -alle Cajütenpassagiere haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er -schafft unverdrossen, die Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat -früher, als er geträumt und gehofft, wird er die Heimath schauen. -Kräftig presst er das heisse Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als -wäre es das Steuerruder des Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.</p> - -<p>Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt -empor und will ihn ersticken, — ein Strom von Blut; und mit einem -Angstschrei sinkt er zu Boden.</p> - -<p>Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an -sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland,<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> seine -Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.</p> - -<p>Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt -sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er -erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s -Schiff; ich will nach Hause.“</p> - -<p>Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser -Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein -Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im -Sturm der Tod.</p> - -<p>Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch -Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach -ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss -fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, — und war der Verstorbene -mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, — -sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein -Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung -ihr Leib aufgeschnitten wird, — von jenem barbarischen Doctor, dessen -Hilfe sie bei ihren <em class="gesperrt">Lebzeiten</em> unter keinen Umständen in Anspruch -nehmen.</p> - -<p>Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt, -kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht. -Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon -öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von -wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche -unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.</p> - -<p>Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über -die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen -englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für -die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern -bleiben.</p> - -<p>Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser -Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin -vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten. -Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie -vollendet habe, vollende und vollenden werde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p>Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavierspiel, -Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik -liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren -Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen -mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische -Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden -Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl -jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht -nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der -„Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische -Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und -aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen -zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und -der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss -ausstellte.</p> - -<p>Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von -Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die -Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug -durch den Ort gesungen haben:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">Jonny<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> is a Gentleman,</div> - <div class="verse">But Willy<a name="FNAnker_74a_74" id="FNAnker_74a_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> is a fool,</div> - <div class="verse">Before he goes to Parliament,</div> - <div class="verse">He best returns to school.</div> - </div> -</div> - -<p>Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere -Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit -seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise -unternimmt,<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch -später den Abzug des Bildes erhalten.</p> - -<p>Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land -gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe -meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht -über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein -Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> erblickten wir die -<em class="gesperrt">bergige Küste</em> der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, -nach unseren Schulerinnerungen, <em class="gesperrt">Nippon</em>, die Japaner aber Hondo -nennen. Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen -Form des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An -den mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir -in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der -Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es -war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch -schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen. -Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern. -Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz -bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in -die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen -zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an -die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und -ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung, -wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.</p> - -<p>Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem -Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen -ihrer Beschäftigung und <a name="ihrenummer" id="ihrenummer"></a>ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen -sehr vertrauenerweckenden Eindruck.</p> - -<p>Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der <em class="gesperrt">Portugiese</em><a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> des -grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit -seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie -in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen; -vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der -Wettbewerb ein. Der <em class="gesperrt">Japaner</em> vom Clubhotel, das auch gerühmt -wird, übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. -Wir nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig -die schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, -der uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus -von Yokohama landet.<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen -von einem muskelstarken Japaner,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> befördert mich zu dem am Meeresufer -schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert -wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste, -ununterbrochene Seereise hinter mir.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="IV">IV.<br /> -<b>Japan.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Wer eine <em class="gesperrt">derartige</em> Reise unternommen (nicht in der Absicht, -silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern <em class="gesperrt">Belehrung</em> -heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen -<em class="gesperrt">vorzubereiten</em>,<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> damit in dem schnellen Wechsel der -vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. -<em class="gesperrt">Manches</em> meinen wir ja zu <em class="gesperrt">wissen</em>; wir glauben z. B. das -<em class="gesperrt">Aussehen</em> der Japaner zu <em class="gesperrt">kennen</em>. Jeder von uns hat eine -ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die -weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung -würdevoll einherschreiten. Aber wie <em class="gesperrt">oberflächlich</em> unsere -Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in <em class="gesperrt">ihrem</em> Lande -kennen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Japaner</em> selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. -Die europäischen Forscher erklären sie für eine <em class="gesperrt">mongolische</em> -Be<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>völkerung, welche aus der Tatarei über <em class="gesperrt">Korea</em><a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> auf die -Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den -mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, <em class="gesperrt">vielleicht</em> auch mit -einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu -der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.</p> - -<p>Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch -eigne dazu erfunden.</p> - -<p>Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, -sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase -und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist -etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); -die japanische Frau entsprechend kleiner.</p> - -<p>Sie ist in <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> schöner, als das sattsam bekannte -<em class="gesperrt">Ideal</em> der japanischen <em class="gesperrt">Maler</em> mit dem ovalen Gesicht, den -übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem -ganz kleinen Rosenmündchen.</p> - -<p>Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet -der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, -getuschten Lichtbildes<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> einer jungen Japanerin, das ich in -<em class="gesperrt">Kobe</em> gekauft habe.</p> - -<p>Ich bemerke, dass die Schönheit der <em class="gesperrt">jungen Mädchen</em> von den -Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. -Der Europäer muss, wie man sagt, 12 <em class="gesperrt">Monate</em> im Lande verweilen, -bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. -Aber <em class="gesperrt">hässlich</em> wird <em class="gesperrt">Niemand</em> sie finden.<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> Die zierliche -Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, -lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt -wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte -Anordnung<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft -gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel -(obi), — alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das -auf den Beschauer einen <em class="gesperrt">gefälligen</em> -Eindruck<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> macht, trotz der -hölzernen Stöckelschuhe. (<em class="gesperrt">Geta</em>, aus einem Brettchen mit zwei -unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von -Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht -durch die europäische zu verdrängen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="japanese_woman" name="japanese_woman"> - <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0060.jpg" - alt="Japanerin" /></a> -</div> - -<p>Und die japanischen <em class="gesperrt">Männer</em> sehen in dem weiten und -weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem -Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen -Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> den sehr weiten Hosen -(Hakawa), welche <em class="gesperrt">über</em> dem Kimono mit einem Gürtel befestigt -werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand -(kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den -(mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit -staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser -Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, -welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu -Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als -<em class="gesperrt">Rein’s</em> Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls -die <em class="gesperrt">neueste</em> Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in -richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu -keine Kopfbedeckung.<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> In der <em class="gesperrt">Provinz</em> hatten die Aerzte bei -ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, <em class="gesperrt">europäische</em> Kleidung -angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.</p> - -<p>Von der <em class="gesperrt">Geschichte der Japaner</em> weiss der gebildete Europäer -gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns -eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten -Geschichtsforschern, wie von <em class="gesperrt">Ranke</em>, nicht dazu gerechnet wird. -Das ist eine <em class="gesperrt">Thatsache</em>. Die <em class="gesperrt">Redensarten</em>, dass wir Japans -Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst -haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche -organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben — -Redensarten.</p> - -<p>Wenn das <em class="gesperrt">Bestreben</em> des Gebildeten dahin geht, <em class="gesperrt">alles -Geschehene zu begreifen</em>; so können wir ein grosses Volk Asiens, das -an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa -übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen -wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> wir ganz -ebenso einseitig wie <em class="gesperrt">Plato</em> es zu seinem Bedauern gewesen, da er -die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="japanese_men" name="japanese_men"> - <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0062.jpg" - alt="Japaner" /></a> -</div> - -<p>Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können -uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer -Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir -vielleicht noch Manches von <em class="gesperrt">ihnen</em> lernen, die jetzt — unsere -wissensdurstigsten Schüler darstellen.</p> - -<p>Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine -Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie <em class="gesperrt">von -der Gabelentz</em>; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von -Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan -vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in -der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen -Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu -einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte -vorher <em class="gesperrt">gar keine Entwicklung</em> gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge -zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">japanische Geschichte</em> reicht nicht zurück über das 6. -Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan -die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage -gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der -älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.</p> - -<p><em class="gesperrt">Alles Frühere ist Mythe.</em> Wir übergehen die japanischen Sagen von -der <em class="gesperrt">Weltschöpfung</em> und von dem <em class="gesperrt">göttlichen Zeitalter</em>, in -dem Götter über Japan herrschten.</p> - -<p>Der erste menschliche Kaiser (<em class="gesperrt">Mikado</em>),<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> <em class="gesperrt">Jim-mu-Tenno</em>, -ein Abkömmling der Sonnengöttin (<em class="gesperrt">Amaterasu</em>) soll 600 v. Chr. -gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die -Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; -dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der -Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der -Kaiserin Jingō erobert sein.</p> - -<p>1. Sicher ist, dass der <em class="gesperrt">Buddhismus</em> um die Mitte des 6. -Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach -chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich -verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (<em class="gesperrt">Shinto</em>), -lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> - -<p>2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. -Chr. <em class="gesperrt">Yoritomo</em> zum Hausmeier (<em class="gesperrt">Shogun</em>)<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> oder weltlichen -Herrscher ernannt. 1274–1281 wurden die Einfälle der Mongolen -zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die -Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.</p> - -<p>3. 1603 kam die kraftvolle <em class="gesperrt">Tokugawa</em>-Familie, die den Buddhismus -förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher -waren <em class="gesperrt">Jeyasu</em>, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † -1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. <em class="gesperrt">Von 1614 bis 1854 war -Japan den Fremden verschlossen.</em> (Nur die <em class="gesperrt">Holländer</em> durften -in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen -in hoher Blüthe. Es herrschte eine <em class="gesperrt">Feudalverfassung</em> mit Fürsten -(<em class="gesperrt">Daimio</em>)<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> und Rittern (<em class="gesperrt">Samurai</em>)<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>. Zum gewöhnlichen -Volk (<em class="gesperrt">heimin</em>) gehörten alle, ausser Fürstendienern und -Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber -und Todtengräber galten als Unreine, <em class="gesperrt">Eta</em>.)</p> - -<p>4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen -Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und -europäischen Staaten kam es zu einer <em class="gesperrt">Revolution</em>, aus welcher der -<em class="gesperrt">Mikado</em> 1868 siegreich hervorging.</p> - -<p>Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter -verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine <em class="gesperrt">Verfassung</em> mit -Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.</p> - -<p>Es besteht vollkommene <em class="gesperrt">Religionsfreiheit</em>, doch wird neuerdings -Shinto wieder mehr begünstigt.</p> - -<p>Und wie steht es mit der <em class="gesperrt">Religion</em>? Das wird sofort so mancher -<em class="gesperrt">Europäer</em> fragen. Aber der <em class="gesperrt">gebildete Japaner</em> wird lächelnd -erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von -Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. — Geh’ aufs Land. Der -Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem -Tode vom Buddha-Priester bestattet.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Und die europäischen Kenner<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> stimmen vollkommen bei. Shinto hat -keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller -unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen -Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen -und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel -besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.</em></p> - -<p>In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., -hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere -Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen -Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu -dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) -thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber -sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado -waltete im heiligen Hain zu <em class="gesperrt">Ise</em> über den Spiegel, das Schwert -und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der -Sonnengöttin <em class="gesperrt">Amaterasu</em>, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, -die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.</p> - -<p>Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts -n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, -die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer -Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den -Namen <em class="gesperrt">Shin-to</em>. (<em class="gesperrt">Shin</em>, Geist und <em class="gesperrt">dô</em>, Lehre — -chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist <em class="gesperrt">Kami</em>, daher der Name -<em class="gesperrt">Kami-Lehre</em>.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die -meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810–823 -n. Chr.) die <em class="gesperrt">Mischreligion Riyobu-Shinto</em>, d. h. beiderlei -Götterlehre.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Neugestaltung</em>, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 -n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des -Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen -und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und -Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren -Tagen die „<em class="gesperrt">Reinigung</em>“ der Shintotempel von buddhistischen -Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen -Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk -für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> so duldsam sie auch -im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, -das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den -Shinto-Priestern zu übergeben.</p> - -<p>Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen -Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.</p> - -<p>Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet -durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, -von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts -gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter -Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes -(Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde -desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos -und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt -ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen -einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)<a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a> -<em class="gesperrt">angeblich</em> Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch -ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; -endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera -japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du -thronest im hohen Himmelsfelde.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Buddhismus</em> beherrscht den Osten von Asien, wie der -Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, -d. i. <em class="gesperrt">ein Drittel der Erdbevölkerung</em>.</p> - -<p>Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn -<em class="gesperrt">Siddhârta</em> seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, -südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und -Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen <em class="gesperrt">Bo</em> -oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) -und wurde <em class="gesperrt">Buddha</em> (ein Heiliger), <em class="gesperrt">Çakyamuni</em><a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> -<em class="gesperrt">Gautama Buddha</em>. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen -Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine -neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach <em class="gesperrt">Eitel</em> und <em class="gesperrt">Rein</em>): -1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von -der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung -durch eigne Kraft und Uebergang in <em class="gesperrt">Nirwana</em>, wo die Seele das -Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet -in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<p>Nach den fünf <em class="gesperrt">Hauptgeboten</em> darf der Buddhist nicht tödten ein -lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, -kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der -Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist -allmählich zu einem groben Götzendienst entartet.</em> Neben den sieben -Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf -einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch -dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „<em class="gesperrt">Dorfarzt</em>“ -Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle -reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin -der Gnade (<em class="gesperrt">Kannón</em>) und die <em class="gesperrt">Buddha’s</em>, die in Milde und -Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des -Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.</p> - -<p>Hochberühmt sind die <em class="gesperrt">grossen Buddha’s</em> (Dai-buts) von Kamakura -bei Yokohama, von Nara und Kyoto.</p> - -<p>Der Buddhatempel in Japan (<em class="gesperrt">tera</em>) liegt gewöhnlich in einem -Hain. Verschiedene Thore (<em class="gesperrt">mon</em>), von fratzenhaften Wächtern -(„Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, -Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das -prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und -farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem -Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes <em class="gesperrt">Skimmi</em> -(Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst -ist manchem europäischen nicht unähnlich.</p> - -<p>Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida -Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In <em class="gesperrt">einem</em> Punkt sind Shinto- -und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine -Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a></p> - -<p>Der weise <em class="gesperrt">Koshi</em><a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. -in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die -Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das -Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, -Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen -(Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener,<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Mann und Frau, -zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des -<em class="gesperrt">Koshi</em> in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der -Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte -der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado -<em class="gesperrt">Asada Shokaku</em> den folgenden Grundsatz auf: <em class="gesperrt">„Koshi bildet den -Charakter, Shokanron<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> erhält das Leben.“</em></p> - -<p>Ueber die <em class="gesperrt">Geographie</em> genügen wenige Worte<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a>. Japan ist das -östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. -und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und -erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es -mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer -ein <a name="deuschemeilen" id="deuschemeilen"></a>450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres -gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise -rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen -91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner -zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent -jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)</p> - -<p>Die Hauptinsel heisst <em class="gesperrt">Hondo</em>, bei uns <em class="gesperrt">Nippon</em>, die -beiden südlichen Inseln <em class="gesperrt">Kiushiu</em> (Neunland) und <em class="gesperrt">Shikoku</em> -(Vierland). Die nördliche Insel <em class="gesperrt">Yezo</em> ist sehr schwach bevölkert -(3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten -besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Marco Polo</em> den staunenden Europäern von der goldreichen -Insel <em class="gesperrt">Zipangu</em> im fernen Osten erzählte — die zu erreichen, -zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, — hat er -die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, -Sonnen-Aufgang-Land. Die <em class="gesperrt">Japaner</em> nannten ihr Land zuerst -<em class="gesperrt">Yamato</em>, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das -grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. <em class="gesperrt">Nihon</em> -oder <em class="gesperrt">Nippon</em>, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben -die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán -abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch <em class="gesperrt">früher</em>, als -sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, -<em class="gesperrt">Dai-Nippon</em>, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere -Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p> - -<p>So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche -„den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> — aber ich fand -Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land -und Leuten auf das freudigste überrascht.</p> - -<p>Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, -befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung -ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht -miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die -Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs -am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in -Japan.</p> - -<p>Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen -ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst -des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden -beschieden ist.</p> - -<p>Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach -der Hauptstadt Tokyo streben.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="nodisplay" id="Yokohama" title="Yokohama"></h3> - -</div> - -<p><em class="gesperrt">Yokohama</em> („Querstrand“) war ein unbedeutendes -<em class="gesperrt">Fischerdorf</em>, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf -und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste -Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen -Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen -an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im -Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten -und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen -konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach <em class="gesperrt">Yokohama</em>: -1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer -Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) -mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, -1887 die Quellwasserleitung eröffnet.</p> - -<p>Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) -lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen -breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die -Einwohnerzahl schon 120000.<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> Yokohama ist der wichtigste von den -vier <em class="gesperrt">Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>tragshäfen</em><a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und -hat 1881–1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr -geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den -grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im -Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen -Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>, -woran die <em class="gesperrt">Deutschen mit 15 Procent</em> betheiligt waren. Die -japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: -eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, -Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten<a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> erbaut und -brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die -Hindu’s im britischen Ostindien.</p> - -<p>In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & -O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen -Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach -Vancouver und nach Frisco.</p> - -<p>Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse -(Bund)<a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren -gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die -Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch -die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und -Wagenziehern.</p> - -<p>Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des <em class="gesperrt">norddeutschen</em> Lloyd, -das Consulat des <em class="gesperrt">deutschen</em> Reiches, den <em class="gesperrt">deutschen</em> Club. -In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft -von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen -Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich -besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, -Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem -englischen Führer (Bradshaw) die <em class="gesperrt">ärgerliche</em> Bestätigung: „There -are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die -Hälfte des Handels in deutschen Händen. <em class="gesperrt">Deutschland ist eine<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Macht -in Ostasien</em>. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; -nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr -Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.</p> - -<p>Im deutschen <em class="gesperrt">Club</em> gab es gutes Essen und gutes Bier, aber -auch eine Probe <em class="gesperrt">ostasiatischer Sitten</em>. Ich erhielt bei Tisch -einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, -ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht -und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr -ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club -eingeführt werden könne.</p> - -<p>Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der -jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber -die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung -empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz -sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging -zu meinen östlichen Freunden.</p> - -<p>Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst <em class="gesperrt">bebte die -Erde</em>,<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn -ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu -Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der -Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser -Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.</p> - -<p>Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich -schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein -Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte -er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm -antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ <em class="gesperrt">Er</em> hatte <em class="gesperrt">mich</em> wohl nicht -verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges -gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.</p> - -<p>Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von -chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung -beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten -beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen -Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und -farbenprächtig schmücken liessen;<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a> aber seit 1868 von der Regierung -als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen -von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> von -Hori<a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt — sogar unter Anwendung -des schmerzstillenden Cocaïns!</p> - -<p>Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der -Eisenbahn von Yokohama <em class="gesperrt">nach Tokyo</em> (18 englische Meilen = 32,4 -km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die <em class="gesperrt">älteste -Eisenbahn</em> in Japan,<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> sie wurde 1872 eröffnet.</p> - -<p>Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; -aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper -wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den -Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der -Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am -Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt -dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen -erster Classe; aber das angebotene <em class="gesperrt">Trinkgeld</em> weist er kurz und -würdig zurück.</p> - -<p>Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit -dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft -geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper -der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden -Halteplatz.</p> - -<p><em class="gesperrt">Eilzüge giebt es nicht.</em> Die Eisenbahn hält an jedem grösseren -Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, -welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.</p> - -<p>Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten <em class="gesperrt">Kanagawa</em>, in -dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, -erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) -Feuer-Berg <em class="gesperrt">Fuji</em>, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle -spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.</p> - -<p>Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des <em class="gesperrt">Tokaïdo</em>, -mit ihrer doppelten Pinienreihe.</p> - -<p>Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, -kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, -sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> die -nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> erreicht, -der Zug rollt in den grossen <em class="gesperrt">Shimbashi-Bahnhof</em>, der nahe der -Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.</p> - -<div class="section"> - -<h3 class="nodisplay" id="Tokyo" title="Tokyo"></h3> - -</div> - -<p>Hier harrte meiner die angenehmste <em class="gesperrt">Ueberraschung</em>. Der ganze -Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal -werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich -werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen -Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die -kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) -Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder -Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit -zwei Mann hinter einander bespannt war. Das <em class="gesperrt">Imperial-Hotel</em> ist -schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das <em class="gesperrt">beste</em>, welches -ich wenigstens in <em class="gesperrt">Asien</em> gefunden: ein sehr stattliches Gebäude -mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut -ausgestatteten Zimmern und Bädern,<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> electrischer Beleuchtung, guter -Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von -Japanern geleitet, die Preise sind mässig:<a name="FNAnker_107_107" id="FNAnker_107_107"></a><a href="#Fussnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a> das Hotel hat einen -Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der -Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.</p> - -<p>Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier -zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie -konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner -frisch gebackenen Weisheit, die „<em class="gesperrt">Odawara-Sitzung</em>“<a name="FNAnker_108_108" id="FNAnker_108_108"></a><a href="#Fussnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> beendete -und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und -Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die -sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.</p> - -<p>Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht -reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch -hatten sie mir einen <em class="gesperrt">Führer</em> gemiethet, was in den Reisebüchern -dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> scheint, da man -auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht -zu erlernen vermag.</p> - -<p>Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, -pockennarbiger Herr, der das <em class="gesperrt">Gymnasium</em> durchgemacht hat, -mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 -<em class="gesperrt">Yen</em> Tageslohn,<a name="FNAnker_109_109" id="FNAnker_109_109"></a><a href="#Fussnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> die er zu empfangen hat.</p> - -<p>Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, -dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht -besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein -Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, -sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. -Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten -seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das — <em class="gesperrt">englische</em> -Reisebuch in der Hand halten, <em class="gesperrt">deutsch</em> denken, <em class="gesperrt">französisch</em> -fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem -englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der -zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine -amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich -½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita -nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle -empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir -hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste -allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem -Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, -als in Japan; das liegt in der <em class="gesperrt">Gutartigkeit</em> des Volkes und der -<em class="gesperrt">mustergiltigen Polizei</em>.<a name="FNAnker_110_110" id="FNAnker_110_110"></a><a href="#Fussnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a></p> - -<p>Allerdings einen <em class="gesperrt">Pass</em> muss der Reisende haben, sowie er die -sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, -Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von -10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. -Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer<a name="FNAnker_111_111" id="FNAnker_111_111"></a><a href="#Fussnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> -erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein -Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere -Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>sandtschaft seines -Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; -gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den -Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für -drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt -des Mikado.</p> - -<p>Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer -Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten -mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr -gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich -ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass -zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man -nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist — etwa wie mancher -türkische Zaptieh — nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines -Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. -Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten -Vertragshafen befördert.</p> - -<p>Unser Landsmann Dr. <em class="gesperrt">Scriba</em>, Professor der Chirurgie an der -Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende -Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische -Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden -war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort -mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. -„Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen -Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja -mit dem Mikado,“ erwiederte jener. — „Das nützt mir nichts,“ sagte -unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des -Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen -Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu -jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber -jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.</p> - -<p>Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung -<em class="gesperrt">japanisches Geld</em>. Goldstücke<a name="FNAnker_112_112" id="FNAnker_112_112"></a><a href="#Fussnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a> sieht man nur in den Museen, -d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka -eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> worden, -der <em class="gesperrt">Silber-Yen</em>, der genau so gross und so schwer ist wie der -mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;<a name="FNAnker_113_113" id="FNAnker_113_113"></a><a href="#Fussnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> -aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.</p> - -<p>Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben -offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige -Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. -Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam -verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift -und „<em class="gesperrt">one Yen</em>“ in lateinischen Buchstaben.</p> - -<p>Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld -sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die -<em class="gesperrt">Kupfermünzen</em><a name="FNAnker_114_114" id="FNAnker_114_114"></a><a href="#Fussnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a> kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in -den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen -geopferten <em class="gesperrt">alten</em> Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, -die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf -einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die -Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. -<em class="gesperrt">Papiergeld</em> kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner -schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, -10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also -sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem <em class="gesperrt">Dondorf</em>’schen -Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit -Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der -Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.<a name="FNAnker_115_115" id="FNAnker_115_115"></a><a href="#Fussnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a> Mit dem -japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, -da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder -übervortheilt wird.</p> - -<p>Hat man Pass und Geld, so braucht man <em class="gesperrt">Verkehrsmittel</em>. Diese sind -leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. -Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die -<em class="gesperrt">Jin-riki-sha</em>, d. h. Mann-Kraft-Wagen.<a name="FNAnker_116_116" id="FNAnker_116_116"></a><a href="#Fussnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> Es sind<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> dies ganz -leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, -in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen -mit den Händen ergreift und munter forttrabt.</p> - -<p>Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch -bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und -China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt -herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong -und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine -gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. -Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich -und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als -mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch -Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine <em class="gesperrt">Leistung</em> ist -<em class="gesperrt">staunenswerth</em>; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt -hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei -Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf -guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km -für ein gutes Tagewerk.<a name="FNAnker_117_117" id="FNAnker_117_117"></a><a href="#Fussnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a> Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, -da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder -einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; -während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische -Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane -Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die -Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.</p> - -<p>Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim -Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur -solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster -dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte -Naturwahrheit wiedergeben könnte.</p> - -<p>Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die -Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach -langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld. -(Fahrgeld ist 7–15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa -60 Sen für einen halben Tag, 1–1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber -bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen <em class="gesperrt">Gullivan’s</em> auf dem -Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny -den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der -Männer zu schonen; aber ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit -freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.<a name="FNAnker_118_118" id="FNAnker_118_118"></a><a href="#Fussnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a></p> - -<p>Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz -dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten -besten Wagenmann zu fahren; — in manchen Gegenden von Italien und -Constantinopel<a name="FNAnker_119_119" id="FNAnker_119_119"></a><a href="#Fussnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. -Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder -Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends -die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der -Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, -Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch -gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er -selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von -Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut -den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in -einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst -versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, -wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches -Verhältniss herausgebildet. Allerdings, <em class="gesperrt">englisch</em> können diese -Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber -sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die -besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen -Führer oder Dolmetscher.</p> - -<p>Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der -vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu -ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.</p> - -<p>Die Stadt <em class="gesperrt">Yedo</em> ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet -<em class="gesperrt">Wasser-Thor</em>. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich -ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo -durch <em class="gesperrt">Jeyasu</em> zur militärischen <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> von Japan -umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich -seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit -1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten -<em class="gesperrt">Festungs<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>gräben</em>, ein Theil der riesigen <em class="gesperrt">Umfassungsmauern</em> -und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.</p> - -<p>Burg (<em class="gesperrt">Shiro</em>) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk -der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, -durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen -Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten -<em class="gesperrt">Palast des Mikado</em><a name="FNAnker_120_120" id="FNAnker_120_120"></a><a href="#Fussnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a>, zu dem eine prächtige Brücke (Niju) -führt.</p> - -<p>Den Umkreis der Burg (<em class="gesperrt">Sotoshiro</em>) bildet die Handels- und -Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die -Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt -über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und -zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der -Vororte) 1300000 Einwohner.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte Tokyo’s</em> zeigt uns eine Kette von -<em class="gesperrt">Feuersbrünsten</em><a name="FNAnker_121_121" id="FNAnker_121_121"></a><a href="#Fussnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a>, Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze -Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel -und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, -wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein -starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. -Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man -ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich -verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je -300 Yen) oder 1:60. Man <em class="gesperrt">sagte</em> mir, dass ein Haus nur 5–7 Jahre -stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben -angeführten Brand-Statistik.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken -sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der -Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der -Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn -aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.</p> - -<p>Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und -eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch -scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.</p> - -<p>1650–1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 -der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,<a name="FNAnker_122_122" id="FNAnker_122_122"></a><a href="#Fussnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> umgewandelt. -1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den -Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in -demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn -in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 -Telephon eingeführt.</p> - -<p>Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es -liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche -Wasserläufe durchziehen die Stadt.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Strassen</em> der Millionstadt Tokyo<a name="FNAnker_123_123" id="FNAnker_123_123"></a><a href="#Fussnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a> zeigen zwar dem -aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber -nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen -glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich -zu befinden.</p> - -<p>Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten -Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. -Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen -versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der -fremden Gesandten befinden sich in <em class="gesperrt">einem</em> Stadttheil, und zum -Theil hinter Mauern und Gärten.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">japanische Haus</em><a name="FNAnker_124_124" id="FNAnker_124_124"></a><a href="#Fussnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a> ist von überraschender Einfachheit und -Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, -ohne Fundament.</p> - -<p>Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken -des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren -Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> dass eine -umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2–3 Fuss über -den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der -Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke -Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, -den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, -Sofa’s gleichzeitig vertreten.</p> - -<p>Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von -2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der -Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in -jedem Augenblick zu vergrössern<a name="FNAnker_125_125" id="FNAnker_125_125"></a><a href="#Fussnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a> oder zu verkleinern. Die Höhe der -Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen -dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder -geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) -ausgefüllt.</p> - -<p>Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein -rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem -<em class="gesperrt">Papier</em><a name="FNAnker_126_126" id="FNAnker_126_126"></a><a href="#Fussnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches -diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar -für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.<a name="FNAnker_127_127" id="FNAnker_127_127"></a><a href="#Fussnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a> Den Tag über und bei -gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des -Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine -fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt -es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, -mit Ausblick auf den winzigen Garten, — wie in Pompeji. Hier ist an -der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei -Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das -Schlafzeug<a name="FNAnker_128_128" id="FNAnker_128_128"></a><a href="#Fussnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a>, auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus -geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der -Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört -missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter -in einer Lade, dem „Brettsack.“</p> - -<p>Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) <em class="gesperrt">entbehrt -der Dauerhaftigkeit</em>, da es nur aus Holz und Papier besteht, und -der <em class="gesperrt">Behaglichkeit</em>, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und -Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die -kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein -hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner -<em class="gesperrt">Morse</em>, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner<a name="FNAnker_129_129" id="FNAnker_129_129"></a><a href="#Fussnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> -veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass<a name="FNAnker_130_130" id="FNAnker_130_130"></a><a href="#Fussnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a> -vergeblich dagegen an.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zwei Vortheile</em> hat das japanische Haus, es ist sehr billig und -widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus <em class="gesperrt">Rein’s</em> Angabe, -dass der Herstellungswerth 150–1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich -zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor -Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt -geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 -Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu -nicht vorhanden ist.</p> - -<p>Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich -nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier -Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die -der Einwohner angegeben.</p> - -<p>In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten -Japan’s) schmale <em class="gesperrt">feuerfeste</em> Gebäude (Kura), worin Nachts und -bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen -aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich -wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen -Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt -ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen -nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen -bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche -werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält -Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Volksleben</em> ist unbeschreiblich anmuthig wegen der -Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs -giebt es weder Lärm noch Gedränge.</p> - -<p>Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der -mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und -der Käufer sie davon trägt.</p> - -<p>Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich -in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle -Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, -welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden -und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen -Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.</p> - -<p>Zu den <em class="gesperrt">Hauptsehenswürdigkeiten</em> von Tokyo gehört der Park von -Shiba und der von Ueno.</p> - -<p><em class="gesperrt">Shiba</em>, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels -von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von -<em class="gesperrt">Jeyasu</em> dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln<a name="FNAnker_131_131" id="FNAnker_131_131"></a><a href="#Fussnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a> (ihai) der -Tokugawa-Familie aufzunehmen.</p> - -<p>Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der -zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † -1866).</p> - -<p>Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den -Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit -kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der -göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.</p> - -<p>Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten -Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, -schön geschnitztes <em class="gesperrt">Holzthor</em>, das der beiden Dewa-Könige oder -Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen -Hof, der in einer <em class="gesperrt">ganz eigenthümlichen</em>, echt japanischen Weise -geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den -Ehrengaben der Daimio. Jede <em class="gesperrt">Laterne</em> besteht aus vier Theilen, -nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch -gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus -dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen -Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">zweites Thor</em>, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings -um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>nannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand -des <a name="pabst" id="pabst"></a>Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem <em class="gesperrt">zweiten -Hof</em>, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen -<em class="gesperrt">Bronze-Laternen</em> geziert ist.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">dritte Thor</em> finden wir noch prachtvoller, als das zweite; -es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten -und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs -mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier -führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen -<em class="gesperrt">Todten-Tempel</em>, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei -geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und -absteigender Drache bezeichnet werden.</p> - -<p>Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger -Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend -verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht -aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem -schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter -Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, -betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem -Gang, die Samurai in der Vorhalle, — ganz ähnlich wie in den Tempeln -der alten Aegypter.</p> - -<p>Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. -Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei -Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich — denn die Thüren -werden nie geöffnet! — das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, -der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu -beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann -das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der -Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï -Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz -(Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das -buddhistische Sinnbild der Reinheit.</p> - -<p>Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude -besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „<em class="gesperrt">Symphonie -von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit</em>“ darstellt, fragt -kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder — der Verfasser -des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel -nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern -für den <em class="gesperrt">japanischen</em> Geschmack errichtet ist; und ferner den -Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und -prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>holten Besuchen, zu -der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges -Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack -befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist -ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes -Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig -sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und -ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt -allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische -Kunstschöpfung <em class="gesperrt">über</em> die europäische zu erheben.</p> - -<p>Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die -Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von <em class="gesperrt">Nikko</em> -Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.</p> - -<p>Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor -und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt -ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die <em class="gesperrt">tiefe -Einsamkeit</em>, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen -Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die -<em class="gesperrt">sterblichen Reste</em> der verehrten Shogune ruhen, — geschützt -gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.</p> - -<p>Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche -Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des -Irdischen.</p> - -<p>Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und -vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des -jetzigen Mikado.</p> - -<p>Von hier führt der Weg zu dem <em class="gesperrt">Kloster</em> von Zojoji und zu dem -neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit -der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl -vergessen, dass er in Ostasien weilt.</p> - -<p>Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen <em class="gesperrt">Gokoku-den</em>, welches in -einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu -stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den -Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.</p> - -<p>Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, — ein -„nasser Heiliger“ (nure botoke), — vom Jahre 1761.</p> - -<p>Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der -Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler -das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte -achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers -enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste -Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Löwen, dem Könige -der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit -den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in -Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine -Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz -ähnlich, wie in den <em class="gesperrt">Turbe’s</em> der Sultane zu Stambul.</p> - -<p>In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo <em class="gesperrt">Jeyasu</em> auch als -<em class="gesperrt">Shintogottheit</em> verehrt wird, und ferner <em class="gesperrt">Kōyō-kwan</em>, -das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen -lernen sollte.</p> - -<p>Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe -genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils -um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; — -denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt -den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und -freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine -Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch <em class="gesperrt">Mitford’s tales of -old Japan</em> in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, -der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht -kennen und — im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in -Kürze anschliessen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ronin</em> heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in -dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der -beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch -heute gefeiert.</p> - -<p>Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den -jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, -auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die -Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine -Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel -und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen -Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi -wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert -einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen -Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber -zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.<a name="FNAnker_132_132" id="FNAnker_132_132"></a><a href="#Fussnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a> Seine -Dienstmannen, jetzt Ronin,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi -Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod -ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die -46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu -Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und -trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur -Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich -Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die -Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. -In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten -alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren -Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei -ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre -gesetzt, niedergehauen, — aber dieser selber nicht zu finden, bis er -endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich -vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner -sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen -Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens -anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus -Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben -Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den -Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, -um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in -blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der -Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie -anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine -Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess -sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und -legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss -des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; -und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p> - -<p>Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende -Weihrauchkerzen.</p> - -<p>Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das -Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den -Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte -ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die -hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient -es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben -unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder -deines Herren.“<a name="FNAnker_133_133" id="FNAnker_133_133"></a><a href="#Fussnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a></p> - -<p>Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark -gelegenen <em class="gesperrt">Bazar</em> (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die -niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse -japanischer Kunstfertigkeit. <em class="gesperrt">Alles</em> ist hier zu haben, was -der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, -Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, -Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut -behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste -verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die -Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches -Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die -geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen -allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil -seines Gewerbes handzüglich vorwies.</p> - -<p>Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel -<em class="gesperrt">Atago-yama</em>. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist -steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist -nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen -von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse -russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich -etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist -sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und -andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.</p> - -<p>Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke -der Stadt belegenen <em class="gesperrt">Ueno</em>-Park, der <em class="gesperrt">Nachmittags</em> sich -besser darstellt. <em class="gesperrt">Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.</em><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 -vom Shogun <em class="gesperrt">Jemitsu</em> übernommen; er wollte hier eine Reihe von -<em class="gesperrt">Buddha-Tempeln</em> gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen -sollten.</p> - -<p>Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier -musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, -so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der -Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit -dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem -Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach -Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser -Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den -Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner -Stelle steht jetzt das <em class="gesperrt">Museum</em>. Der ganze Ueno-Park ist seit -einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.</p> - -<p>Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht -auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber — nicht -belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man -Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner -Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch -von den andern rasch besänftigt.</p> - -<p>Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes -<em class="gesperrt">Denkmal</em> ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado -gefallenen Soldaten gewidmet.</p> - -<p>Der berühmte <em class="gesperrt">Kirschbaumweg</em>, im Frühling zur Zeit der Blüthe -das Entzücken der Japaner<a name="FNAnker_134_134" id="FNAnker_134_134"></a><a href="#Fussnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a>, war auch jetzt, im Herbst, recht -schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, -auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der -Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich -gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park -widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. -Chr., ist unschön.</p> - -<p>Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, -tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> langen -Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des <em class="gesperrt">Gongen-Sama</em> -(Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 -Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. -Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der <em class="gesperrt">Mensch ein -Dreieck</em> sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, -der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich -ein solches Dreieck. Das <em class="gesperrt">Ueno-Museum</em>, ein grosses Gebäude in -europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen -Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr -gering, die Räume sind gut besucht von <em class="gesperrt">Einheimischen</em>.<a name="FNAnker_135_135" id="FNAnker_135_135"></a><a href="#Fussnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a> Die -Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden -hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils -nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. -Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe -für <em class="gesperrt">unsre</em> Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer -Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die -zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu -fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir -Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das -Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen -aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen -wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter -kleine, <em class="gesperrt">irdene Figuren von Mann und Ross</em>, die (seit dem Gesetz -des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem -todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen -und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.<a name="FNAnker_136_136" id="FNAnker_136_136"></a><a href="#Fussnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> Sodann buddhistische -Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, -und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus -der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners -Hashikura, der 1614–1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt -hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der -katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und — im -Gegensatz dazu — die <em class="gesperrt">Trampelbretter</em> (fumi-ita), Metalltafeln -mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, -auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der -christlichen Religion, diejenigen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Japaner, welche man für heimliche -Anhänger dieser Lehre hielt, <em class="gesperrt">trampeln</em><a name="FNAnker_137_137" id="FNAnker_137_137"></a><a href="#Fussnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a> mussten, um sich von -dem Verdacht zu reinigen.</p> - -<p>Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für -schweres Geld geliefert haben.</p> - -<p>Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in -der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, -der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die -japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.</p> - -<p>Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die <em class="gesperrt">Shogun-Gräber</em> -(Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), -der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) -liegen hier begraben.</p> - -<p>Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, -im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem -Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt -wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 -Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.</p> - -<p>Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.</p> - -<p>Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige -<em class="gesperrt">Verkaufs-Ausstellung</em>, die auch hier sich befindet, und bewundern -wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. -Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen -Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des -Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.</p> - -<p>Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der -gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind -die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der -Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell -mit starkem Papier verklebt; auf <em class="gesperrt">unseren</em> Reisen würde derselbe -beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für -Buddha’s Bildsäule sind alle nach <em class="gesperrt">einem</em> Muster, innen vergoldet. -Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen -kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug -vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort -für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum -Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten <em class="gesperrt">Zwergpflanzen</em><a name="FNAnker_138_138" id="FNAnker_138_138"></a><a href="#Fussnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a> -ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> einem tellergrossen Blumentopf. -In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen -jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren -Cigarre<a name="FNAnker_139_139" id="FNAnker_139_139"></a><a href="#Fussnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.</p> - -<p>Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von <em class="gesperrt">Asakusa</em>.</p> - -<p>Zuerst fällt auf <em class="gesperrt">Higashi Hongwanji</em><a name="FNAnker_140_140" id="FNAnker_140_140"></a><a href="#Fussnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a>, der Haupttempel von -Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar -einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst -140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von -Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten -Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher -Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein -ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, -welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!</p> - -<p>Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende -Buddhisten-Tempel <em class="gesperrt">Asakusa Kwannon</em>. Das eigentliche Cultbild der -Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von -einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem -Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein -grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk -gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von -Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.</p> - -<p>Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in -japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk -für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, -Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, -Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf -den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die -Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. -Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem -kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.</p> - -<p>Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Jerusalem, -als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie -in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr -auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester -und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.</p> - -<p>Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch -das zweistöckige Thor (an dem rechts <em class="gesperrt">Riesen-Sandalen</em> hängen, -Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein -mit einer <em class="gesperrt">Gebetmühle</em> sich befindet,) hinein in die grosse -Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche -Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem -Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze -in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen -aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche -die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, — an der -Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk -von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, — wie bei uns -ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem -Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. -Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber -gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden -Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, -ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.<a name="FNAnker_141_141" id="FNAnker_141_141"></a><a href="#Fussnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a></p> - -<p>Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als -Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen -und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen -Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische -Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, -den seine Rosa weckt“; — endlich Engel, die letzteren in den höchsten -Regionen, nämlich am Dach, — das sind die Gegenstände der wichtigeren -Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.</p> - -<p>Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein -freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, -verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits -bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der -Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Gebete für Kranke -abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, -dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von -Augenleidenden herrühren.</p> - -<p>Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von -(verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der -Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem -Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage -gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht -man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches -Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch <em class="gesperrt">einen</em> -kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die -buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie -nicht alle durchlesen. Aber ein <em class="gesperrt">annähernd gleiches</em> Verdienst -erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. — Ein -chinesischer Priester <em class="gesperrt">Fu Daishi</em> im 6. Jahrhundert n. Chr. soll -diese Dreh-Bücherei<a name="FNAnker_142_142" id="FNAnker_142_142"></a><a href="#Fussnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a> erfunden haben.</p> - -<p>Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen -Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch -electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.</p> - -<p>Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der -östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer -entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt -es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. -Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich -geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben -vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.</p> - -<p>Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine -Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der -japanische Polichinell geprügelt.</p> - -<p>Eigenartig ist der japanische <em class="gesperrt">Geschäfts-Garten</em>. Die Pflanzen -stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden -kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr -als die Nase wird das Auge geweidet.</p> - -<p>Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen -Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ -haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener -Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und -ihren Blüthenduft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<p>So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch.</div> - <div class="verse">Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“</div> - </div> -</div> - -<p>Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz -allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als -bei irgend einem andern Volke.</p> - -<p>Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2–3 Jahren, auf dem -Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine -Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, -vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag -leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für -einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes -Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei -Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.</p> - -<p>Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den -Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen -entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu -senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.</p> - -<p>Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil -seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der -Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine -kleine Silbermünze.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Ausfluege_von_Tokyo">Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura.</h3> - -</div> - -<p>Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von -<em class="gesperrt">Nikko</em><a name="FNAnker_143_143" id="FNAnker_143_143"></a><a href="#Fussnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a>, 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der -Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte -H. <em class="gesperrt">Meyer</em> 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie -Kochofen und Diener mitnehmen.</p> - -<p>Nikko kekko, Nikko ist entzückend, — dies hört man so häufig in Japan, -wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.</p> - -<p>Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, -Maulbeerbäume, Gemüsefelder, — Alles wechselt in bunter Reihe mit -kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar -unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan <em class="gesperrt">genügen elf</em>. Die Felder -sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter -gross. Die Wirthschaften sind klein, 1–1½ ha. Grossgüter giebt es -nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.</p> - -<p>40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent -betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen -kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, -wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird -wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird -der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. -Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem -Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch -sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. <em class="gesperrt">Reisfelder</em> müssen ganz unter -Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel<a name="FNAnker_144_144" id="FNAnker_144_144"></a><a href="#Fussnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> werden jährlich -geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des -japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.</p> - -<p>Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der -Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf -Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. -„Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches -Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, -das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung -herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) -stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und -der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das -Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten -wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. -B. eine Papierfabrik, unterbrochen.</p> - -<p>Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die -Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach -Nikko.</p> - -<p>Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene -Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune -hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite -(Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die -Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> -Jeyasu brachte. Die <em class="gesperrt">Fichten</em> (Cryptomerien) Japan’s sind nicht -so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien<a name="FNAnker_145_145" id="FNAnker_145_145"></a><a href="#Fussnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a>, -nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, -wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2–3 Meter Umfang. Mit -grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der -Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko -schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.</p> - -<p>Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem -Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. -In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die -Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des -heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,<a name="FNAnker_146_146" id="FNAnker_146_146"></a><a href="#Fussnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a> -ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile -von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, -sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller -Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer -Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.</p> - -<p>Im <em class="gesperrt">Nikko-Hotel</em>, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, -finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von -den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.</p> - -<p>Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward -aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde -767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem -die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, -z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss -bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte -Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus -der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater <em class="gesperrt">Jeyasu</em>. -Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit -dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn -des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. -(Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz -Kita Shirakawa.)</p> - -<p>Auch der dritte Shogun (<em class="gesperrt">Jemitsu</em>) hat in Nikko sein Grabdenkmal.</p> - -<p>Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in -vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> schwieriger, -ist die <em class="gesperrt">Begründung</em> der Gefühlsschwärmerei durch genaue -<em class="gesperrt">Beschreibung</em>.</p> - -<p>Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, -ist <em class="gesperrt">zunächst enttäuscht</em>, — namentlich, wenn er durch unser -klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen -Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, -Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte -durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. -Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das -Erhabene und das Schöne.</p> - -<p>Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. -Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung -anzuwenden.</p> - -<p>Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den -Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner -voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als -gelungen und vollkommen angesehen werden.</p> - -<p>Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des -Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den <em class="gesperrt">Gedanken -des Göttlichen im Tempelbau</em> auszudrücken versucht! Da ich weder -Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das -beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.</p> - -<p>So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der -<em class="gesperrt">altägyptischen</em> Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, -als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, -umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige -Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren -Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten -Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes -Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder -aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die -„Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der -römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, -obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. -Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, -gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach -innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden -Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt -war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von -unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern -und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und -zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>losen (allerdings <em class="gesperrt">unserem</em> Geschmack nicht entsprechenden) -Götterbildern geschmückt, endlich das <em class="gesperrt">Allerheiligste</em>, ein ganz -dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das -eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.</p> - -<p>In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende -niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen -Flucht <em class="gesperrt">erscheint</em> nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe -perspectivisch verkleinert, sondern <em class="gesperrt">ist</em> thatsächlich kleiner, -als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck -einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das -empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht -werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür -des Allerheiligsten hervorschimmerten.</p> - -<p>Die alten <em class="gesperrt">Hebräer</em> waren original in ihren religiösen Schriften, -aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht -ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s -Wunderwerk errichtet.</p> - -<p>Die Entwicklung<a name="FNAnker_147_147" id="FNAnker_147_147"></a><a href="#Fussnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a> des <em class="gesperrt">altgriechischen</em> Tempels zu schildern, -übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten -Zeit den <em class="gesperrt">Parthenon</em> auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des -Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht -überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige -Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der -glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.</p> - -<p>Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an -der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der -gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin -und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.</p> - -<p>Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus -Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt -den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die -Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu -dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.</p> - -<p>So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten -Gebäude, die jemals errichtet worden, — er diente wohl der Betrachtung -und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche <em class="gesperrt">Verehrung</em><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar <em class="gesperrt">vor</em> dem -Tempel wurden die Opfer verbrannt.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Römer</em>, gross als Staatenbildner, in der Kunst und -Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den -Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend -war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder -Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien -fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die -Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im -Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.</p> - -<p>Trotzdem <em class="gesperrt">diese</em> Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen -Kirche des Römerreiches, der <em class="gesperrt">Basilica</em>, auftritt, scheint die -letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern -aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte -Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, -der prächtig geschmückte Altar und in der nach <em class="gesperrt">Osten</em> gerichteten -Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde -ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.</p> - -<p>Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den -<em class="gesperrt">centralen Kuppelbau</em>, für den im heidnischen Pantheon zu Rom -ein Vorbild gegeben war, und den <em class="gesperrt">gothischen Dom</em>. Den ersteren -bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren -in unserem <em class="gesperrt">Köln</em>.</p> - -<p>Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des <em class="gesperrt">Himmelsgewölbes</em>, -während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die -Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine <em class="gesperrt">unergründliche</em> Höhe -emporlenken.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Mohammedaner</em> haben in der ersten Zeit sicher die Basilica -nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. -Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.</p> - -<p>Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach -in eine Moschee <em class="gesperrt">umgewandelt</em>: die prachtvollen Mosaiken -übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine -Gebetnische (Michrab) nach <em class="gesperrt">Südosten</em>,<a name="FNAnker_148_148" id="FNAnker_148_148"></a><a href="#Fussnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a> in der Richtung auf -das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf -dem Fussboden <em class="gesperrt">schräg</em> gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; -sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und <em class="gesperrt">vor</em> dem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> -Tempel ihre schlanken Spitzthürme (<em class="gesperrt">Minaret</em>) erbaut, von deren -Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.</p> - -<p>Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen -erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. -Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die <em class="gesperrt">Kuppel-Bauten der -Grossmogul zu Agra und Delhi</em>, die dem Parthenon ebenbürtig zur -Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich -unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.</p> - -<p>Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten -vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich -am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.</p> - -<p>Ob die Japaner <em class="gesperrt">Religion</em> besitzen, darüber lass’ ich die -Gelehrten streiten. <em class="gesperrt">Tempel</em> haben sie; ihre schönsten in -Nikko,<a name="FNAnker_149_149" id="FNAnker_149_149"></a><a href="#Fussnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a> die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. -<em class="gesperrt">Sie weichen wesentlich ab</em> von den vorher geschilderten der -andern Völker. Aber <em class="gesperrt">Natur und Kunst</em> haben die Japaner hier -geschmackvoll vereinigt, um den <em class="gesperrt">Eindruck des Feierlichen</em> -hervorzurufen.</p> - -<p>Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte -<em class="gesperrt">Zugangsstrasse</em> wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und -auf das Kommende vorbereitet.</p> - -<p>Am oberen Ende des Dorfes liegt <em class="gesperrt">Mihashi</em>, eine lebhaft roth -lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss -breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an -das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie -zu beiden Seiten durch Gitter für <em class="gesperrt">gewöhnliche Sterbliche</em> -stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die -<em class="gesperrt">gangbare</em> Brücke und kommt über dieselbe in die <em class="gesperrt">heilige -Strasse</em>. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die -Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, -durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, -weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte -Cypressenhain von Skutari.</p> - -<p>Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit -dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum <em class="gesperrt">Mausoleum des -Jeyasu</em>.</p> - -<p>Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf -zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein -höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (<em class="gesperrt">Pagode</em>),<a name="FNAnker_150_150" id="FNAnker_150_150"></a><a href="#Fussnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a> der -in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss -Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, -bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des -Thierkreises.</p> - -<p>Ein gepflasterter Weg führt zum <em class="gesperrt">ersten Thor, Ni-o-mon</em>, d. h. -Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren -Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle -Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen -Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut -ausgeführte Tiger.</p> - -<p>Jetzt folgt der <em class="gesperrt">erste Hof</em> mit drei lebhaft gefärbten, hübschen -<em class="gesperrt">Schatzhäusern</em>, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen -Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten -mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war -gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, -innerhalb eines Steingitters, eine stattliche <em class="gesperrt">Fichte</em>, dieselbe, -welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich -zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) <em class="gesperrt">Stall</em> -für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an -den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte -Holzschnitzereien, <em class="gesperrt">Affen</em>, welche mit ihren Händen den Mund, -andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.</p> - -<p>Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) -genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, -Verläumdungen, Begehrlichkeiten.</p> - -<p>Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient -als <em class="gesperrt">Weihwasser-Becken</em> und ein Gebäude daneben enthält eine -achteckige Dreh-<em class="gesperrt">Bücherei</em> mit der vollständigen Sammlung der -buddhistischen Schriften.</p> - -<p>Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem -<em class="gesperrt">Vorhof</em>. Hier stehen <em class="gesperrt">Huldigungsgaben</em> der Lehns-Staaten: -ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse -Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den -Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, -zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.</p> - -<p>Eine weitere Treppe führt empor zu dem <em class="gesperrt">zweiten Thor</em> (Yomei-mon). -Dieses ist von wunderbarer Schönheit — „und doch bloss<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> ein Thor.“ -Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die -letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des -Thores, — <em class="gesperrt">nach unten</em>, um den Neid des Himmels abzuwenden. In -den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in -den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit -Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige -Formen.</p> - -<p>Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren -Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, -Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- -und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame -Priester geschaffen. <em class="gesperrt">Ich</em> sah aber hier einen <em class="gesperrt">japanischen -Maler</em> eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und -sehr naturgetreu <em class="gesperrt">Oelbilder</em> dieser klassischen Stätte für die -Weltausstellung in <em class="gesperrt">Chicago</em> anfertigte. Auf Befragen gab er an, -dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">zweite Hof</em>, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten -ein Gebäude zum <em class="gesperrt">Verbrennen</em> des duftenden, heiligen Cedernholzes -und eines für den <em class="gesperrt">heiligen</em> Tanz. Ich sah den letzteren und -merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich -neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links -ist ein Gebäude mit den <em class="gesperrt">heiligen Wagen</em>, die im Festzug am 1. -Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen -von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.</p> - -<p>Geradeaus kommt man an den eigentlichen <em class="gesperrt">Tempelbezirk</em>, der von -einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. -Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.</p> - -<p>Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als -Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem -Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen -Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen -von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf -Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige -Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben -eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen — -verschliesst.</p> - -<p>Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten -Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der -Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die -Farben auf das anmuthigste.</p> - -<p>Wunderbar ist der <em class="gesperrt">Zugang zu dem Grabmal</em>. Erst kommt<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> man an -ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen -Schnitzwerk einer schlafenden <em class="gesperrt">Katze</em> (von <em class="gesperrt">Hidari -Jingorō</em>) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, -240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu -herrlichen Cryptomerien. Das <em class="gesperrt">Grabmal</em> selbst ist eine kleine -Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) -ein Bronzekranich<a name="FNAnker_151_151" id="FNAnker_151_151"></a><a href="#Fussnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a> mit einem Leuchter im Schnabel und ein -Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.</p> - -<p>Etwas weiter liegt das <em class="gesperrt">Grabmal</em> des <em class="gesperrt">Jemitsu</em>, des dritten -Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).</p> - -<p>Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren -Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch<a name="FNAnker_152_152" id="FNAnker_152_152"></a><a href="#Fussnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a> -und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.</p> - -<p>Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches -Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle -und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal -ähnlich.</p> - -<p>Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist <em class="gesperrt">bequem</em>. Man ersteht eine -Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten -Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein <em class="gesperrt">heiliges Paar</em> -Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere -der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder -nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem -Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. —</p> - -<p>Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach -dem <em class="gesperrt">Urami-ga-taki</em> oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei -dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen -Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht -der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches -Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die -Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen -und feuern sich<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer -aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so -leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde -zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten -das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein -Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.</p> - -<p>Auf dem Rückweg besuchen wir <em class="gesperrt">Kamman-ga-fuchi</em>, wo über -den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein -Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, — <em class="gesperrt">angeblich</em> durch den -heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am -Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die <em class="gesperrt">angeblich</em> kein -Mensch richtig zählen könne.</p> - -<p>Der Aberglauben ist etwas <em class="gesperrt">einförmig</em>, auch — in Japan. Doch -<em class="gesperrt">lächeln</em> die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen -Kulis.</p> - -<p>Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, — die Priester -schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, — fuhr -ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den <em class="gesperrt">zweiten -Ausflug</em>, nach <em class="gesperrt">Miyanoshita</em>.</p> - -<p>Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht -weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche -Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz -kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach -Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 -Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke -sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk -zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch -zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.</p> - -<p><em class="gesperrt">Odowara</em> war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde -ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem -festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen -oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das -Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern -die <em class="gesperrt">Odowarasitzung</em> sprichwörtlich geworden.</p> - -<p>Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische -Schlucht bergaufwärts nach <em class="gesperrt">Miyanoshita</em>. Das beste Gasthaus ist -<em class="gesperrt">Fuji-ya</em>.</p> - -<p>Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach <em class="gesperrt">Nara-ya</em>. Das Haus -war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein -nervenkranker Engländer da, und — zahlreiche <em class="gesperrt">Ratten</em>, die man -Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p> - -<p>Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen -kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses -Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan -nicht — zu <em class="gesperrt">Fuss</em> gehen soll.</p> - -<p>An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine -Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit -gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa -schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte -ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich -anhob.</p> - -<p>Der dritte Ausflug ist der nach <em class="gesperrt">Kamakura</em> und <em class="gesperrt">Enoshima</em>. -Kamakura, südwärts von Yokohama,<a name="FNAnker_153_153" id="FNAnker_153_153"></a><a href="#Fussnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a> an der Sagami-Bucht gelegen, ist -jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; -einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.</p> - -<p><em class="gesperrt">Yoritomo</em> (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der -Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der -Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, -die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des -Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. -Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.</p> - -<p>Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist <em class="gesperrt">Dai-butsu</em>, der grosse -Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von -49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,<a name="FNAnker_154_154" id="FNAnker_154_154"></a><a href="#Fussnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a> seit dem Jahre 1252 n. Chr. -und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber -1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth -zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am -reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus -Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.</p> - -<p>Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die <em class="gesperrt">ich</em> zu -sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der -Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.</p> - -<p>In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform -Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> dort keine -kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel -bedeutend länger.</p> - -<p>Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei -wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für -uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls -sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man -nur zu <em class="gesperrt">betrachten</em> braucht, um sie zu verstehen und zu -<em class="gesperrt">bewundern</em>.<a name="FNAnker_155_155" id="FNAnker_155_155"></a><a href="#Fussnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a></p> - -<p>Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der -Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum -halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas -schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen -halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss -Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto -schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade -und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische -Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche -Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten -gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.</p> - -<p>Die liebliche, immergrüne Insel <em class="gesperrt">Enoshima</em>, seit alter Zeit der -<em class="gesperrt">Göttin der Liebe</em> (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne -mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo -Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum -Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie -künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man -ein <em class="gesperrt">japanisches Santa Lucia</em> vor sich zu sehen. Ich raste oben -auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, -dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden -Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch -zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und -Duldsamkeit.</p> - -<hr class="sect" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<div class="section"> - -<h3 id="Theater_in_Tokyo">Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.</h3> - -</div> - -<p>Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund -ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung -für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt -worden, — einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter -erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.</p> - -<p>„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und -rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei -hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter -dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich -zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.</p> - -<p>Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, -meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen -Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein -kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser -Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen -oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, -uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, -bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in -dem <em class="gesperrt">Theehause</em> des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den -Verkauf der Einlasskarten verwaltet.<a name="FNAnker_156_156" id="FNAnker_156_156"></a><a href="#Fussnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a> Aber wir verweilen hier nicht -lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und -kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen -des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände -hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber -(und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben -oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu -erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, -hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, -das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei -uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen -Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht -und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und -vielerlei Süssigkeiten.</p> - -<p>Wir befinden uns in dem <em class="gesperrt">Haupttheater</em> zu <em class="gesperrt">Tokyo</em>, der -Residenz des Mikado.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> - -<p>Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei -Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische -— Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über -die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg <em class="gesperrt">umsonst</em> zusehen; und -ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist -schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern -ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze -Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich -häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren -Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man -— Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar -ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle -Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen -japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll -geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das -wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur -geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit -der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene -Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des -Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem -verwandten chinesischen.<a name="FNAnker_157_157" id="FNAnker_157_157"></a><a href="#Fussnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a></p> - -<p>Das Stück beginnt. Den <em class="gesperrt">Namen</em><a name="FNAnker_158_158" id="FNAnker_158_158"></a><a href="#Fussnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a> zu erfahren war schon recht -schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des -Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die -wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene -Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel -Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat -und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. -Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. -In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für -die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es -den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro<a name="FNAnker_159_159" id="FNAnker_159_159"></a><a href="#Fussnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> spielt, -einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem -Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen -Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere -Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel -des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber <em class="gesperrt">wir</em> sind hier -nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der -Europäer.</p> - -<p>Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, -von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in -der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus -und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen<a name="FNAnker_160_160" id="FNAnker_160_160"></a><a href="#Fussnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a> bearbeitet. -Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes -Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird -er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht -lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.</p> - -<p>Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer -Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten -Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und -leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, -wie einst die alten Aegypter; sie schreiben <em class="gesperrt">Alles</em> auf, auch -Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“</p> - -<p>Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar -„auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten -Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen -hindurch geleiteter Holzsteg.</p> - -<p>Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen -That kommt, ergreift er — nicht das Schwert, sondern zunächst den -Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der -Nachwelt zu überliefern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar -nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus -einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei -bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende -Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber -werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während -gleichzeitig aus einem Verschlag <em class="gesperrt">links</em> von der Bühne ein Sänger -der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in -etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, -Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine -eignen Rathschläge hinzufügt.</p> - -<p>Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von -Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes -einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!</p> - -<p>Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine -„Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, -das scharfe, und setzt es — nicht gegen die Brust, das ist nicht fein -in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt -der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen -Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln -den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.</p> - -<p>Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre -Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht -ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus -und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn -ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von -Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt -ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. -Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die -Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit -ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei -der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des -Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er -zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in -den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.</p> - -<p>Der Vorhang — er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen -befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von -der Seite her vorgeschoben.<a name="FNAnker_161_161" id="FNAnker_161_161"></a><a href="#Fussnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> Er zeigte Riesenblumen im Wasser,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander -übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu -kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.</p> - -<p>Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns -in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen -ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner -ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.</p> - -<p>Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. -Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in -Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.</p> - -<p>Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass -die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er -verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt -einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der -Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein -Schwert.</p> - -<p>Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen -Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem -Zapfen sich dreht.<a name="FNAnker_162_162" id="FNAnker_162_162"></a><a href="#Fussnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der -Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) -erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert -ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt -den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen -Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht -bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach -dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, -da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen -halten,<a name="FNAnker_163_163" id="FNAnker_163_163"></a><a href="#Fussnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a> folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden -in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in -der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten -Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule -ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, -sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus -erfolgreiche Studien angestellt hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - -<p>Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die -<em class="gesperrt">Polizei</em>. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder -<em class="gesperrt">darf</em> nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die -ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen -Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er -rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein -Geschick.</p> - -<p>Die ganze Scene ist sprachlos.</p> - -<p><em class="gesperrt">Harakiri</em> nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert -in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief -dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie -man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine -linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen -Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.</p> - -<p>Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie -ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu -sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne -und höre, dass es wirklich vorbei ist.</p> - -<p>Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin -eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; -es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.</p> - -<p>Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie -das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde -sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese -Frage.<a name="FNAnker_164_164" id="FNAnker_164_164"></a><a href="#Fussnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a></p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">gewisser</em> Einfluss des <em class="gesperrt">griechischen</em> Drama’s auf das -<em class="gesperrt">indische</em> ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach -<em class="gesperrt">Klein</em>,<a name="FNAnker_165_165" id="FNAnker_165_165"></a><a href="#Fussnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a> gegen <em class="gesperrt">Weber</em>] nicht überschätzt werden. -Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach -China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des -auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert -n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des -chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in -Peru ein ein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>heimisches geschichtliches Schauspiel vor, das <em class="gesperrt">offenbar -an Ort und Stelle</em> entstanden war.</p> - -<p>Jedenfalls hat <em class="gesperrt">das japanische Drama<a name="FNAnker_166_166" id="FNAnker_166_166"></a><a href="#Fussnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> einen nationalen</em> -Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet -wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den -kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben -dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer -Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung -heisst <em class="gesperrt">No</em>. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in -gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. -Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von -geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der -Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt -und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen -grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.</p> - -<p>In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung -veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen -bekommt.</p> - -<p>Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, -— alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem -Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der -kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden -Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der -Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die -Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten -wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, -die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll -nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen -(Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.</p> - -<p>Es wird gewiss auch <em class="gesperrt">inhaltreichere</em> Stücke der Art geben; aber -ich habe andere nicht gesehen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Volkstheater</em> (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. -Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe -von 6–7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, — gerade wie die -alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.</p> - -<p>Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.</p> - -<p>Die beiden grössten Schauspieldichter<a name="FNAnker_167_167" id="FNAnker_167_167"></a><a href="#Fussnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a> der Japaner lebten im 18. -Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> die -„Rache der 47 Knappen“<a name="FNAnker_168_168" id="FNAnker_168_168"></a><a href="#Fussnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a> auf die Bühne. Im Volkstheater liebt -man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen -unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der -einzige Platz, wo das <em class="gesperrt">alte Schopf-Japan</em> noch naturgetreu -vorgeführt wird, und gleichzeitig das <em class="gesperrt">heutige</em> Leben des -Völkchens, an den <em class="gesperrt">Zuschauern</em>, studirt werden kann. Dass -das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die -vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.</p> - -<p>Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des -Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Gastmahl_im_Clubhaus">Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.</h3> - -</div> - -<p>Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner -Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein <em class="gesperrt">Festmahl</em>. Die -<em class="gesperrt">Speisekarte</em>, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem -schön bemalten <em class="gesperrt">Fächer</em>, der sinnbildlich den Namen des Gastes -und des Wirthes (Sikayama = <em class="gesperrt">Hirschberg</em>, Inouye = Ueber dem -<em class="gesperrt">Brunnen</em>), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer -langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische -Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr -Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten -Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, -Polypen, Reis und noch vieles Andere.</p> - -<p>Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders -aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen -oder vielmehr <em class="gesperrt">ganz niedrigen</em> Tischchen (Zen) angeordnet. Ein -volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (<em class="gesperrt">Tischen</em>), und -jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich -aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können -wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine -Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern -Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt -es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist -so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte -es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der <em class="gesperrt">rohe -Fisch</em>, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige -Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als — eine lebendige<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Auster. -Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade -<em class="gesperrt">dieses Fisch-Gericht</em> nicht so vortrefflich sein und alle -die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und -amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.</p> - -<p>Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es -zahlreiche Arten giebt.</p> - -<p>Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die -<em class="gesperrt">Uebersetzung der Speisekarte</em> beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, -Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, -für mich anzufertigen die Güte hatte.</p> - -<ol class="tisch"> - <li><b>Der erste Tisch.</b> - - <ol class="gericht1"> - <li><em class="gesperrt">Suimono</em>: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).</li> - <li><em class="gesperrt">Kuchitori</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Wildes Geflügel,</li> - <li>Krebse,</li> - <li>Eier,</li> - <li>Essbare Kastanien,</li> - <li>Süsse Citrone.</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Sashimi</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Suzuki-Fisch,</li> - <li>Aralia edulis,</li> - <li>Junge Gurken.<br /> - Gewürz: Meerrettig.</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Hachizakana</em>, dessen Material: - Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.</li> - - <li><em class="gesperrt">Donburi</em>, dessen Material: Anago-Fisch.</li> - - <li><em class="gesperrt">Mizubachi</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Namami-Fisch,</li> - <li>Nori (Meerpflanze).<br /> - Gewürz: Frischer Ingwer.</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Chawanmushi</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Geflügel,</li> - <li>Krebse,</li> - <li>Essbare Kastanien.<br /> - Das Verbindungsmittel bilden Eier.</li> - </ol></li> - - </ol></li> - - <li><b>Der zweite Tisch.</b> - - <ol class="gericht2"> - <li><em class="gesperrt">Namasu</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Akagai-Muscheln,</li> - <li>Melonen,</li> - <li>Iwatake-Pilz.</li> - </ol><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></li> - - <li><em class="gesperrt">Shiru</em> (Suppe).</li> - - <li><em class="gesperrt">Komono</em>, dessen Bestandtheile: - - <ol class="gang"> - <li>Narazuke, Wurzel und Früchte,</li> - <li>Misozuke, Wurzel und Früchte,</li> - <li>Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Hira</em>, dessen Bestandtheile: - - <ol class="gang"> - <li>Grosse Krebse (eine Art von Hummern),</li> - <li>Shiitake-Pilz,</li> - <li>Gemüse.<br /> - Gewürz: Süsse Citronen.</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Choko</em>, dessen Material: Awabi-Muscheln.</li> - - <li><em class="gesperrt">Tsubo</em>, dessen Materialien: - - <ol class="gang"> - <li>Tai-Fisch,</li> - <li>Essbare Kastanien,</li> - <li>Eier.</li> - </ol></li> - - <li><em class="gesperrt">Hikimono</em>, dessen Bestandtheile: - - <ol class="gang"> - <li>Tai-Fisch,</li> - <li>Hummer,</li> - <li>Hamaguri-Muscheln.</li> - </ol></li> - - </ol></li> - -</ol> - -<ol class="tisch2"> - <li><b>Getränke:</b> - -<table class="drink" summary="Getränkeliste"> - <tr> - <td> - 1) <em class="gesperrt">Kamenotoshi</em>, - </td> - <td class="tdc vam" rowspan="8"> - <div class="figcenter"> - <a id="klammer_p_117" name="klammer_p_117"> - <img class="klammer_117" src="images/i_0117.jpg" - alt="" /></a> - </div> - </td> - <td class="tdc vam" rowspan="8"> - japanisch. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 2) <em class="gesperrt">Shisoshu</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 3) <em class="gesperrt">Umeshu</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 4) <em class="gesperrt">Awamori</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 5) <em class="gesperrt">Mirin</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 6) <em class="gesperrt">Jōrōshu</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 7) <em class="gesperrt">Irozakari</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 8) <em class="gesperrt">Hōmeishu</em>, - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="3"> - 9) <em class="gesperrt">Champagner</em>, europäisch. - </td> - </tr> -</table> - </li> - -</ol> - -<p>Der Uebersetzer bemerkt: <em class="gesperrt">Alle</em> vierzehn Teller stellen -verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu -erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen -verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten -feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei -Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten -feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, -k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und -Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig -etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend -eines vierfüssigen<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, -sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns -nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht -vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa -ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns -nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen -Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere -in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen -Leuten gegessen. —</p> - -<p>Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. -<em class="gesperrt">Musik</em> ist nach <em class="gesperrt">Montesquieu</em> ein <em class="gesperrt">angenehmes</em> -Geräusch; ein <em class="gesperrt">unangenehmes</em> aber wird es für den Europäer, wenn -es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ -in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, -oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende -Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.</p> - -<p>Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige -mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen -Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie -von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die -Guitarre (<em class="gesperrt">Samisen</em>), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von -dem spanischen Manila.</p> - -<p>Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. -Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner -fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) — wie „fünf -Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.</p> - -<p>Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, -erklärte mir, dass er die Musik von <em class="gesperrt">Richard Wagner</em> für sehr -schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische -Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, -gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die -europäischen.</p> - -<p>Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern -des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von -5–10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern -bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener -und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen -konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den -aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln -und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<p>Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, -dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. -Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, -die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen -bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird -im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und -Freunde, der <em class="gesperrt">kunstgemässe</em> Tanz von den Töchtern vorgeführt.</p> - -<p>Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches -vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.</p> - -<p>Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als -<em class="gesperrt">Gastgeschenk</em> einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet -und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine -Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.</p> - -<p>Natürlich bekommt der <em class="gesperrt">gewöhnliche</em> Japaner nicht ein solches -Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, -Morgens, Mittags, Abends. <em class="gesperrt">Reis</em> ist die Hauptsache. Deshalb -heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-<em class="gesperrt">Reis</em>, wie bei -uns Morgen-, Mittag-, Abend-<em class="gesperrt">Brod</em>.</p> - -<p>Dazu kommen <em class="gesperrt">Bohnen</em> und andere Hülsenfrüchte<a name="FNAnker_169_169" id="FNAnker_169_169"></a><a href="#Fussnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a>, Hirse, -Fisch<a name="FNAnker_170_170" id="FNAnker_170_170"></a><a href="#Fussnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a>, und <em class="gesperrt">Früchte</em>. Unter letzteren sind besonders beliebt -Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie -Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt -geschält werden, aber schlecht schmecken. <em class="gesperrt">Brod</em>, <em class="gesperrt">Butter</em>, -<em class="gesperrt">Käse</em>, <em class="gesperrt">Milch</em> fehlen; Eier werden genossen.</p> - -<p>Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen -vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die -festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, -mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand -hält und geschickt wie eine Zange anwendet.</p> - -<p>Die drei <em class="gesperrt">Genussmittel</em> der Japaner sind 1. <em class="gesperrt">cha</em> (Thee), -ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. <em class="gesperrt">sake</em> (Reisschnaps), -dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der -Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer -brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres -bewirkte<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen -Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. <em class="gesperrt">tabako</em>, der im Anfang des 17. -Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus -Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und -Alt, Mann und — Weib.</p> - -<p>Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt -das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.</p> - -<p>Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an -Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut -zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind -kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht -hinreichend Bewegung haben.</p> - -<p>In der <em class="gesperrt">Ernährung der japanischen</em> (und chinesischen) -<em class="gesperrt">Arbeiter</em> spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht -nach <em class="gesperrt">Scheube</em> etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird -von der arbeitenden Classe zu 750–1050 g, nach Wernich zuweilen -sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, -Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen -etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach <em class="gesperrt">Scheube</em>, -<em class="gesperrt">Kellner</em> und Y. <em class="gesperrt">Mori</em> und, nach den neuesten Bestimmungen -von R. <em class="gesperrt">Mori</em>, <em class="gesperrt">Oi</em> und <em class="gesperrt">Jhisima</em><a name="FNAnker_171_171" id="FNAnker_171_171"></a><a href="#Fussnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> an der -Truppenreiskost, 78–100 g Eiweiss, 10–17 g Fett und 335–620 g -Kohlehydrat<a name="FNAnker_172_172" id="FNAnker_172_172"></a><a href="#Fussnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a>. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, -meistens nur 42–58 kg schwere Leute sind!</p> - -<p>Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der -japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. -<em class="gesperrt">Scheube</em> will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass -er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit -einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach -einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel -schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht -verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis -(7–8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen -das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen -Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen -Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt -nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.<a name="FNAnker_173_173" id="FNAnker_173_173"></a><a href="#Fussnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<p>Dies Hauptnahrungsmittel, der <em class="gesperrt">Reis</em>, wird in China seit 5000 -Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China -kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den -Griechen.<a name="FNAnker_174_174" id="FNAnker_174_174"></a><a href="#Fussnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus -machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen -Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach -dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier -auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, -Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 -Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 -Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan -geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. —</p> - -<p>Am 24. September 1892 war das <em class="gesperrt">Festessen</em>, welches die -<em class="gesperrt">Aerzte</em> von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses -werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in -ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser -Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, -einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen -Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass -sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den -andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler<a name="FNAnker_175_175" id="FNAnker_175_175"></a><a href="#Fussnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> macht seine -Sache ausgezeichnet.</p> - -<p>Danach besuchen wir den Shinto-Tempel <em class="gesperrt">Shokonsha</em>,<a name="FNAnker_176_176" id="FNAnker_176_176"></a><a href="#Fussnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a> der zum -Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen -Soldaten 1868 errichtet ist.</p> - -<p>Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein -gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem -Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein -Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine -Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, -ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen -den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung -versetzen.</p> - -<p>Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz -entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen -Schilden zusammengedrängt ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p> - -<p>Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen -Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen -brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine -Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume -und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren -Gestalten gezwungen werden.</p> - -<p>Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, -wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, -Azaleen, Lotos, <em class="gesperrt">Chrysanthemum</em>. (<em class="gesperrt">Kiku</em>, von dieser Blume -stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Versammlungsort</em> ist Kojo-kan, das Haus des rothen -Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, -allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch -auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste -Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf -den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist -durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in <em class="gesperrt">einen</em> ungeheuren -Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit -<em class="gesperrt">deutschen</em> und <em class="gesperrt">japanischen Fahnen</em> (der rothen Sonne in -weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. -Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst -kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es -hierbei, seine <em class="gesperrt">Besuchskarte</em> zu überreichen und die des Gastes -entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht -unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue -anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und -dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Festordnung</em> war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt -ein <em class="gesperrt">Schnellmaler</em>. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier -von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt -mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist -ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann -einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber -sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. -Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so -naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar -fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen -in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten -gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit -dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie -einen Europäer in Frack<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, -gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er -sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht -nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie -ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (<em class="gesperrt">Kuboto -Beisen</em>). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.</p> - -<p>Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen -hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. -Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- -und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden <em class="gesperrt">mit -Perspective</em> und <em class="gesperrt">Oel</em>malerei, entzieht sich heute noch unserer -Beurtheilung.</p> - -<p>Hierauf folgte das <em class="gesperrt">Festessen</em>. Die Japaner nahmen in der -landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich -selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Speisekarte</em> für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, -worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der -Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste -reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen -Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; -letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll -Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, -die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde -waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es -eigentlich der Brauch heischt, austrank.</p> - -<p>Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Festreden</em> behandelten den Dank der japanischen Aerzte an -die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die <em class="gesperrt">Musik</em> war die übliche. -Die <em class="gesperrt">Tänzerinnen</em> in prachtvoller Gewandung führten einen -eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne -hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in -den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen -Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen -Leinwandtüchern.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Taschenspieler</em> war höchst geschickt und unterhaltend. Sein -Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, -gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume -geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus -gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er -die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch;<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> aber wunderbar fand ich -die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, -gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete -und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus -einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein -Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst -er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn -brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende -grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und -das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit -der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern -Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit -überlegen.</p> - -<p>Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten -Einladungen erhalten.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Deutschland_in_Japan">Deutschland in Japan.</h3> - -</div> - -<p>Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über -den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen -Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein -<em class="gesperrt">liebliches Märchenland</em>, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber -in seiner Eigenart doch höchst <em class="gesperrt">anmuthig</em> und gefällig erscheint. -Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der -Laut der <em class="gesperrt">Heimathsprache</em> klingt, die er auf der Fahrt über den -nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten -vernommen. <em class="gesperrt">Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.</em></p> - -<p>Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen -Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer -Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil -noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren -japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem -Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird -von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland -seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der -Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen -Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im -Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der -Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die -japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa -ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine -Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir -die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen -von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, -doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. -Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste -Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise -nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein -Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich -empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die -heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, -als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.</p> - -<p>Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des -rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. -<em class="gesperrt">Miyashita</em>, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich -hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!</p> - -<p>Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein -ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich -soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn -Prof. <em class="gesperrt">Hirschberg</em>, der uns heute durch seine Anwesenheit -beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.</p> - -<p>Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der -freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in -kurzen Worten schildere.</p> - -<p>Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem -Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten -Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich -rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das -Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu -dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse -Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der -chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem -tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in -die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei -Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan -sich<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland -und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen -Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.</p> - -<p>Mit dem bekannten Kriege von 1870–1871, den Deutschland glorreich -erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt -geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, -es waren <em class="gesperrt">Müller</em> und <em class="gesperrt">Hoffmann</em>.<a name="FNAnker_177_177" id="FNAnker_177_177"></a><a href="#Fussnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> Nachdem diese -Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in -der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene -andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische -Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster -reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr -aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in -jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige -Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. -Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen -empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen -in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! -Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so -inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben -Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ —</p></div> - -<p>Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen -Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. -<em class="gesperrt">Inouye</em>. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise -durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.</p> - -<p>Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich -vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die -allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, -und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte -erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, -verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen <em class="gesperrt">über Wundbehandlung -in der Augenheilkunde</em>, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und -nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. <em class="gesperrt">Mein Vortrag ist so -fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder -Paris nicht hätte erzielen können.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Universitätskliniken</em> besuchte ich unter freundlicher Führung -des Herrn Collegen <em class="gesperrt">Scriba</em>. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser -fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der -in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise -des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu -verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht -vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener -sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz -eigenartige Gestalt annehmen.</p> - -<p>Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der -Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe -der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung -besitzen.</p> - -<p>Die innere Klinik wird von Prof. <em class="gesperrt">Baelz</em> verwaltet, der zur Zeit -gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische -Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst -von unserem Berliner Collegen <em class="gesperrt">Wernich</em> begründet, steht unter -einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Körnerkrankheit</em> (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) -ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum -vorgedrungen; und <em class="gesperrt">sicher nicht erst von den Europäern ins Land -gebracht</em>. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich -mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche -die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu -Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den -chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der -Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: -nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo -ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und -Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so -grossen Hitze und Feuchtigkeit.</p> - -<p>Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, -namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.</p> - -<p>Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in -einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 -Betten. Sie wird von Prof. <em class="gesperrt">Hasime Sakaki</em> verwaltet, der ein -Schüler meines Freundes <em class="gesperrt">Mendel</em> war und bei mir in gutem Andenken -steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von -Augenspiegelbildern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>Die Kranken werden mit <em class="gesperrt">ausgesuchter Höflichkeit</em> behandelt und -benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die -Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.</p> - -<p>Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die -<em class="gesperrt">Fuchskrankheit</em> oder Fuchsbesessenheit.<a name="FNAnker_178_178" id="FNAnker_178_178"></a><a href="#Fussnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> Nach einem alten, -von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben -kann der Fuchs in einen Menschen fahren.<a name="FNAnker_179_179" id="FNAnker_179_179"></a><a href="#Fussnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a></p> - -<p>Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, -stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, -immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der -Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, -wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am -tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.</p> - -<p>An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die -<em class="gesperrt">Universität zu Tokyo</em> anschliessen.</p> - -<p>Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der -Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.</p> - -<p>Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, -Literatur.<a name="FNAnker_180_180" id="FNAnker_180_180"></a><a href="#Fussnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a> Der Grundstock für die drei letzten war eine alte -Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der -Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser -neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die -ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat -entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer -Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister -unterstellt.</p> - -<p>Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan -geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im -Einzelnen verfolgen.</p> - -<p>Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern -Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, -bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> - -<p>Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen -Gebäuden<a name="FNAnker_181_181" id="FNAnker_181_181"></a><a href="#Fussnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen -eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den -Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel -Zeit und Mühe verwendet. <em class="gesperrt">Dem Professor bleibt wenig Musse für -die Privatpraxis.</em> Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im -Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen -statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, -gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort -geschickt zusprechen, <em class="gesperrt">wird ausserordentlich strenge</em> gehalten. -Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak -rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber -in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt -seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist -oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den -grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, -sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, -wie Manche in Europa.</p> - -<p>Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu -wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger -Entwicklung der Muskulatur.</p> - -<p>Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig -unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.</p> - -<p>Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht -schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten -die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen -überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) -waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der -Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine -oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne -Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen -eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster -dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige -Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn -in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige -Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen -haupt<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>sächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist -der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.</p> - -<p>22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, -darunter zwei deutsche, Dr. <em class="gesperrt">Bälz</em> für innere Krankheiten, Dr. -<em class="gesperrt">Scriba</em> für Chirurgie.</p> - -<p>Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.</p> - -<p>Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster -eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im -letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch -Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine -Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.</p> - -<p>Ein Band von <em class="gesperrt">Mittheilungen aus der medicinischen Facultät -zu Tokyo</em> und einer von den <em class="gesperrt">Arbeiten der Kaiserlich -militärärztlichen Lehranstalt</em> ist 1892 zu Tokyo in deutscher -Sprache erschienen.<a name="FNAnker_182_182" id="FNAnker_182_182"></a><a href="#Fussnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a></p> - -<p>Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität -nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist -ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu -300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem -einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die -Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter -der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, -in der Heil<em class="gesperrt">wissenschaft</em> gelehrt wird. Dabei sind die Türken, -Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. -<em class="gesperrt">Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern -zusammengestellt zu werden.</em></p> - -<p>Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt -Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Lazaret des rothen Kreuzes</em>, welches unter dem in der -deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen -Staatsrath, Professor und Generalarzt <em class="gesperrt">Hashimoto</em><a name="FNAnker_183_183" id="FNAnker_183_183"></a><a href="#Fussnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a> steht, ist -ausser<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>ordentlich reinlich und gut eingerichtet;<a name="FNAnker_184_184" id="FNAnker_184_184"></a><a href="#Fussnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> es gehört zu den -besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner -Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden -überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei -uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="lazarett" name="lazarett"> - <img class="mtop1" src="images/i_0131.jpg" - alt="" /></a> - <p class="s5 center mbot2">Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.</p> -</div> - -<p>Im Leichenhaus war gerade <em class="gesperrt">Cursus der Stabsärzte</em>, nach deutschem -Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und -vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen -verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von -Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften -mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.</p> - -<p>Auch das <em class="gesperrt">Charitékrankenhaus</em> (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr -günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen -Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast<a name="FNAnker_185_185" id="FNAnker_185_185"></a><a href="#Fussnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a>, den Fussboden -vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische -gleichzeitig vertreten,<a name="FNAnker_186_186" id="FNAnker_186_186"></a><a href="#Fussnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> (weshalb man ja auch seine Schuhe stets -am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige -Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden -blitzt nur vor Sauberkeit.</p> - -<p>Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die <em class="gesperrt">Leprösen</em>. Die -Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier -Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn -ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn -unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte -verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan -Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; -aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation<a name="FNAnker_187_187" id="FNAnker_187_187"></a><a href="#Fussnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a> giebt er zu, dass -Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche -andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der -Pubertät.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="lazarett_hauptgebaeude" name="lazarett_hauptgebaeude"> - <img class="mtop1" src="images/i_0132.jpg" - alt="" /></a> - <p class="s5 center mbot2">Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.</p> -</div> - -<p>Nur durch grosse <em class="gesperrt">Zähigkeit</em>, wie vielfach bei anderen -Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in <em class="gesperrt">diesem</em> -Krankenhaus wirklich etwas zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Die Fälle, die mir<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> -schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. -Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem -<em class="gesperrt">Eucalyptus-</em>Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen -faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt -waren.</p> - -<p>Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, -mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, -nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der -<em class="gesperrt">älteren chinesisch-japanischen</em> und der neueren europäischen -Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht -ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen -Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom -Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen -werden sollen.</p> - -<p>Dass wir Deutsche ein vorzügliches <em class="gesperrt">Seemannskrankenhaus</em> in -Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.</p> - -<p>Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs -Medicinschulen, von denen ich die <em class="gesperrt">vier wichtigsten</em> besucht habe.</p> - -<p>Ich reiste von Yokohama zunächst nach <em class="gesperrt">Nagoya</em>.</p> - -<p>Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.<a name="FNAnker_188_188" id="FNAnker_188_188"></a><a href="#Fussnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a> Ein -solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In -dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren -Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. -Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.</p> - -<p>In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches -Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des <em class="gesperrt">Dr. -Kítagawa</em>, der seine Studien in Berlin unter <em class="gesperrt">Virchow</em>, -<em class="gesperrt">Langenbeck</em>, <em class="gesperrt">Schröder</em> gemacht, auch bei mir zwei Semester -gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus -der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen -20 Minuten. <em class="gesperrt">Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen -Heilkunde.</em></p> - -<p>Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten <em class="gesperrt">Kyoto</em>, -sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie -in der volkreichen Handelsstadt <em class="gesperrt">Osaka</em>. Die Unterrichtsmittel -sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem -neuen <em class="gesperrt">Operationssaal</em> waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne -Todesfall ausgeführt worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>Recht interessant ist das <em class="gesperrt">Privatkrankenhaus</em> zu Suma bei Kobe, -an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, -fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die -Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für -Europäer und Japaner.</p> - -<p>Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach -<em class="gesperrt">Nagasaki</em> auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind -hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. <em class="gesperrt">Siebold</em><a name="FNAnker_189_189" id="FNAnker_189_189"></a><a href="#Fussnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a> im ersten -Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber -gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.</p> - -<p>Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen -Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von <em class="gesperrt">Müller</em>, -<em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Schultz</em>, <em class="gesperrt">Wernich</em>, <em class="gesperrt">Dönitz</em>, -<em class="gesperrt">Langgaard</em>, <em class="gesperrt">Bälz</em>, <em class="gesperrt">Scriba</em> war nicht vergeblich; die -Erwartungen, welche <em class="gesperrt">Hoffmann</em> und <em class="gesperrt">Wernich</em> aussprachen, -sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft -für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der <em class="gesperrt">Universitätslehrer -in Deutschland</em>, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, -hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die -<em class="gesperrt">geistige Eroberung</em> eines der einsichtigsten und thatkräftigsten -Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie -auf manche seiner Waffenthaten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte der japanischen Heilkunde</em><a name="FNAnker_190_190" id="FNAnker_190_190"></a><a href="#Fussnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> kann zwanglos in -<em class="gesperrt">vier Zeitabschnitte</em> eingetheilt werden:</p> - -<p>I. Die <em class="gesperrt">älteste, altjapanische</em> (mythische) Zeit vom unbekannten -Uranfang bis etwa 200 v. Chr.</p> - -<p>II. Die <em class="gesperrt">alte, chinesische</em> Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des -16. Jahrhunderts n. Chr.</p> - -<p>III. Die <em class="gesperrt">neue</em> Zeit, in welcher <em class="gesperrt">europäischer</em> Einfluss -gegen den <em class="gesperrt">chinesischen</em> ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der -Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.</p> - -<p>IV. Die <em class="gesperrt">neueste, europäische</em> Zeit, etwa von der Mitte unseres -Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen -Tage.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">vereinzelten europäischen Aerzte</em>, welche von der Mitte -des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils -lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten -den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> zu -ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die -Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.</p> - -<p>Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, -welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan -thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten -Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im -fernen Weltmeer übermittelt haben.</p> - -<p>Ein sehr merkwürdiger Mann war <em class="gesperrt">Engelbrecht Kämpfer</em>, der nach -seinen eigenen Aufzeichnungen<a name="FNAnker_191_191" id="FNAnker_191_191"></a><a href="#Fussnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a> einige Japaner in der Anatomie und -Heilkunde unterrichtet hat.</p> - -<p>Wenn <em class="gesperrt">Marco Polo</em> die erste Kunde von der Existenz Japan’s den -Europäern überliefert, <em class="gesperrt">Mendez Pinto</em> als erster Europäer seine -Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. <em class="gesperrt">Kämpfer</em> als der -erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre -1651 zu Lemgo,<a name="FNAnker_192_192" id="FNAnker_192_192"></a><a href="#Fussnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er -während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, -Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften -und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch -Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der -holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von -da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690–1692) verblieb er als -Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene -alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen -beiden Werken <em class="gesperrt">Amoenit. exot.</em> und <em class="gesperrt">Geschichte von Japan</em> -hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, -Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.</p> - -<p>Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger -gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre<a name="FNAnker_193_193" id="FNAnker_193_193"></a><a href="#Fussnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a> nach <em class="gesperrt">Kämpfer</em> kommt -wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der -holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.</p> - -<p>Es war Ph. F. v. <em class="gesperrt">Siebold</em> (1797–1866), der Verfasser des -ausgezeichneten Werkes <em class="gesperrt">Nippon</em>, Archiv zur Beschreibung von -Japan. Von 1823–1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. -Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt -1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als -einziger<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen -Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das -Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine -Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum -Selbstmord (Harakiri) gezwungen und <em class="gesperrt">Siebold</em> für immer des Landes -verwiesen<a name="FNAnker_194_194" id="FNAnker_194_194"></a><a href="#Fussnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a>.</p> - -<p>Drei <em class="gesperrt">japanische Specialitäten</em> sind zu beachten: 1. <em class="gesperrt">das -Nadelstechen</em>, 2. <em class="gesperrt">das Brennen</em>, 3. <em class="gesperrt">das Kneten</em>.</p> - -<p>1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">48</span> -Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, -mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, -½–¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe -an die Oberfläche treten, — gegen Krampf, Schmerz und sonstige -Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die -Regeln für das Nadelstechen enthalten.</p> - -<p>Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der -japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in -Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun -Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden <em class="gesperrt">Sugiyama Waichi</em>.<a name="FNAnker_195_195" id="FNAnker_195_195"></a><a href="#Fussnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a></p> - -<p>2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder -(von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich -Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle -abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss -zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte -<em class="gesperrt">bezeichnen</em> die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, -und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist -nicht sonderlich schmerzhaft.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kämpfer</em> hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem -chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten -abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, -3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei -schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am -linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<p>3. Das Kneten (amma)<a name="FNAnker_196_196" id="FNAnker_196_196"></a><a href="#Fussnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> wird geübt, und zwar von oben nach unten, -nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung -des Körpers; hauptsächlich von den Blinden<a name="FNAnker_197_197" id="FNAnker_197_197"></a><a href="#Fussnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a> (mojin), welche Abends -die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So -ernähren sie ihre Familien,<a name="FNAnker_198_198" id="FNAnker_198_198"></a><a href="#Fussnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> statt wie bei uns der Gemeinde zur -Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld -verleihen.<a name="FNAnker_199_199" id="FNAnker_199_199"></a><a href="#Fussnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a> Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für -deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar -(Yen) zu leisten war!</p> - -<p>Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche -mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der -oberflächlichen Muskel.</p> - -<p>Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht -und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und -Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und <em class="gesperrt">nach</em> der -Entbindung, um die Brüste weich zu machen.</p> - -<p>Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. —</p> - -<p>Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, -wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. -Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die -Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, -wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir -aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aberglauben</em> auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, -in Japan wie in Deutschland.<a name="FNAnker_200_200" id="FNAnker_200_200"></a><a href="#Fussnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a></p> - -<p>Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten -Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im -Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden <em class="gesperrt">Atsumori</em> -besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -27jährigen Sohne; und da ich fragte, <em class="gesperrt">weshalb</em> sie die Pilgerfahrt -unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen -Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, -eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass -gerade <em class="gesperrt">diese</em> Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern -von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige -Miene.</p> - -<p>Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren -Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die -Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen -Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden -sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.</p> - -<p>In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen -oder Heilgottes (<em class="gesperrt">Binzuru</em>, eines der 16 Rakan oder Sendboten -des Buddha, — <em class="gesperrt">ausserhalb</em> der Kanzel, weil er die Schönheit -eines Weibes bemerkt hatte). <em class="gesperrt">Die Gläubigen reiben die Bildsäule -an dem Theile, der ihnen selber weh thut</em>; und danach ihre eigne -schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark -abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.</p> - -<p>Schon <em class="gesperrt">Kämpfer</em> berichtet von einem frommen oder schlauen -Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ -erhalten hatte.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Nach_Nagoya">Nach Nagoya.</h3> - -</div> - -<p>Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn -südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. -Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem -Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit -der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen -von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu -einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner -eignen Zuschauerbühne anzubieten.</p> - -<p>Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem -er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von -mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet -hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es -ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. <em class="gesperrt">Japan ist das -sicherste Land der Erde</em>, sogar mit Einschluss der Schweiz<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> und -Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben -eines Reisenden<a name="FNAnker_201_201" id="FNAnker_201_201"></a><a href="#Fussnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a> gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von -Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der -Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner -mit begründet sein.</p> - -<p>Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,<a name="FNAnker_202_202" id="FNAnker_202_202"></a><a href="#Fussnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a> mit vollem -Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft -und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern -sehr unvorsichtig sein würde.</p> - -<p>Ich befahre also die <em class="gesperrt">Tokaïdo-Eisenbahn</em>. Tokaïdo heisst -Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri -lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado, -<em class="gesperrt">längs der östlichen Seeküste</em><a name="FNAnker_203_203" id="FNAnker_203_203"></a><a href="#Fussnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a> nach Yedo (Tokyo), der -Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an -mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer -gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre -Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ -ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe -belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht -man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die -<em class="gesperrt">Eisenbahn</em> (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 -Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.</p> - -<p>Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach -Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten -Maschine über Brücken und durch Tunnel nach <em class="gesperrt">Gotembo</em> (1500 Fuss -hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der -Dunkelheit nach <em class="gesperrt">Nagoya</em>, einer Stadt von 162000 Einwohnern, -dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die -der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen -Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer -Erbe nicht vorhanden war.</p> - -<p>Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, -verschieden<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>artige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, -allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern -der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch -das ganze Dach mit Blumen.</p> - -<p>Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer -freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit -denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, -waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll -gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten -mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit -unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. -Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das -in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere -Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, -endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen -Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3–4 Cts. Jedenfalls ist in -Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.</p> - -<p>Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen -Anbau eines japanischen Hotels.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der folgende Tag</em> übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein -Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin -und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder -unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, -wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und -gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das -geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so -doch nach der Hauptstadt zusammenzog.</p> - -<p>Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer -rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes -die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der -offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt -werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder -Unglück anrichte.</p> - -<p>Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von -dem in Tokyo.</p> - -<p>Wir besuchen zuerst eine grosse <em class="gesperrt">Porzellan-Handlung</em>. Es mag -sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch -nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und -fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden -weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> sind, d. -h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel -Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr -zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach -als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn -aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den -gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach -den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben -wollen, natürlich auch <em class="gesperrt">einiges</em> Gute. Der Werth der Ausfuhr von -Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist -in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. -Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre -Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus -den Jahren 1800–1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto -sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen -voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen -Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu -erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk -gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit -Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und -verkauft.</p> - -<p>Sodann fuhren wir zu einem Künstler in <em class="gesperrt">Zellenschmelz</em> (Email -cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter -Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, -Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz -bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume -werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten -Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in -Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf -unsere Tage geübt worden sein.</p> - -<p>Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine -rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber -die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind -die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast -unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von -Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die -der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen -kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1–2 Yen täglich! -Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr -warten, bis sie fertig wird.</p> - -<p>Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser -<em class="gesperrt">Buddhatempel</em> aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (<em class="gesperrt">Higoshi -Hong<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>wanji</em>), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen -und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen -zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie -ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und -darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das -Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des -Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von -vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die -Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten -Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen -höchst feierlichen Eindruck. <em class="gesperrt">Der Europäer vergisst hier, dass er in -Ostasien weilt.</em></p> - -<p>Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der <em class="gesperrt">Bezirksregierung</em>, -das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut -ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess -natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das -Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben -sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der -Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der -Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig -aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal -der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.</p> - -<p>Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der <em class="gesperrt">Tempel der</em> 500 -<em class="gesperrt">Rakan</em> oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 -Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle -von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem -Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.</p> - -<p>Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das <em class="gesperrt">Schloss</em> (O-shiro), -1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für -Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem -äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern -der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. -Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige -Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus -unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses -ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung -das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu -spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der -Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten -Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen -und die Rammas von<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung -durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der -Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, -Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten -ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem -unsrigen, aber doch recht gefällig. <em class="gesperrt">Zwei Spitzdächer, eines</em>, -ein <em class="gesperrt">kleines, keines</em>, das ist das Gesetz des Emporsteigens -der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die -Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des -berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den -Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, -die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit -emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach -Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem -französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde -emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem -alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, -der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen -wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, -wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen -emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.</p> - -<p>Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und -erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die -unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des -heiligen Ise.</p> - -<p>Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst -auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden -war, begab ich mich nach dem Theehaus zum <em class="gesperrt">Festessen</em>, zu dem -80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort -verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht -die <em class="gesperrt">Kunst Nagoya’s</em>, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher -Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in -das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen -des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches -auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. -Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein -Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem -grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit -Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, -geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren -in der Stadt auftreiben<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, -nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen -betrachte.</p> - -<p>Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich -einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, -welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von -Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.</p> - -<p>Zuerst kam ein schöner und feierlicher <em class="gesperrt">Nationaltanz</em>, der -die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik -begleitet. Dann folgte der (Reis-) <em class="gesperrt">Erntetanz</em>, ein höchst -anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, -prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften -Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik -mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir -diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch -einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da -offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte -vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort -entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo -sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, -nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich -sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa -mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen -ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen -Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach -umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen -nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu -erwähnen. Und damit war sie vollkommen <em class="gesperrt">zufrieden</em>, und ich -habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und -Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden -vorgeführt wird, — zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause -des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz -gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, — hat der Tanz -zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen -Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche -Musik munterer sei, als im übrigen Japan.</p> - -<p>Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte -mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem -Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen -auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern -dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit -und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der -zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>losen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg -Fuji erschien, sowie eine <em class="gesperrt">deutsche Unterschrift ohne jeglichen -Fehler</em>, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer -europäischen Schrift verstand.</p> - -<p>Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack -für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Nach_Kyoto">Nach Kyoto.</h3> - -</div> - -<p>Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts -durch eine liebliche Gegend, — Reisfelder, von fernen blauen Bergen -im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen -Kisogawafluss — nach <em class="gesperrt">Gifu</em>. Dieses Städtchen ist berühmt -erstlich durch die grossen Mengen roher <em class="gesperrt">Seide</em>, die hier gewonnen -werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll -aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen -<em class="gesperrt">Laternen</em> und drittens durch die <em class="gesperrt">Kormoran-Fischerei</em>. -Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran -(Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird -gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan<a name="FNAnker_204_204" id="FNAnker_204_204"></a><a href="#Fussnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a> jedenfalls seit -mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des -Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt -wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, -die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im -Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der -einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. -Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine -Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein -Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings -müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, -wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist -ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund -auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der -äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne -Wirkung erzielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes -und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in -Nagoya bewundert, zum Geschenk.</p> - -<p>Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, -die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein -stattlicher, oben nackter Berg, <em class="gesperrt">Ibuki-yama</em> (4300 Fuss hoch), -einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen -<em class="gesperrt">Arzneimittellehre</em> wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der -That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse -Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt -der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner -Südseite, bei <em class="gesperrt">Baba-Otsu</em>, zu Gesicht bekommen, dann durch einen -Tunnel; sofort erscheinen die <em class="gesperrt">fichtenbekränzten Hügel</em>, welche -die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.</p> - -<p>Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen -Reiches, darunter <em class="gesperrt">Yamato</em>, wo seit uralter Zeit das Hoflager des -Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher -gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz -für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. -bis 783 zu Nara; von 793 an zu <em class="gesperrt">Miyako</em> oder <em class="gesperrt">Kyoto</em>. Das -erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für -<em class="gesperrt">Hauptstadt</em>. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ -Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach -Süd. <span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">15</span> -der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast -des Herrschers (<em class="gesperrt">Heianjo</em> = Friedensschloss) eingeräumt; von hier -zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.</p> - -<p>Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit -angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse -u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die -Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und -einfach, wie <em class="gesperrt">derzeit</em> nirgends in Europa, ja wie wir sie auch -<em class="gesperrt">heutzutage</em> nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf -das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem -neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu -Kyoto lebten im Kreise des <em class="gesperrt">Hofadels</em> (Kuge), dem Volk verborgen, -die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. -Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose -Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, -zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen -Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 -bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels -hin. Der jetzige Mikado <em class="gesperrt">Mutsu Hito</em> hat, in richtiger Würdigung -der Verhältnisse, nachdem er die <em class="gesperrt">weltliche</em> Herrschaft wieder -erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während -der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.</p> - -<p>So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten -Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform -Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die <em class="gesperrt">erste</em> Stadt Japan’s -im <em class="gesperrt">Kunstgewerbe</em>, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der -Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. -(Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.<a name="FNAnker_205_205" id="FNAnker_205_205"></a><a href="#Fussnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a>) Noch werden Kunst -und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und -die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen -Reisenden die <em class="gesperrt">interessanteste</em> Stadt Japan’s, welche in Palästen -und Tempeln<a name="FNAnker_206_206" id="FNAnker_206_206"></a><a href="#Fussnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem -längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem -japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.</p> - -<p>Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. -(Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der -Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die <em class="gesperrt">heilige Stadt -der Buddhisten</em> geworden und geblieben: das spricht für einen Grad -von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch -unbekannt geblieben.</p> - -<p>Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und -der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster -und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters -anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in -die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, -die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.</p> - -<p>Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten -<em class="gesperrt">Kyoto-Hotel</em>,<a name="FNAnker_207_207" id="FNAnker_207_207"></a><a href="#Fussnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a> 20 Jinrikisha hinter einander, mit den -schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des -Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der -Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, -Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und -erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den -stillen Ocean<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so -gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer -hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch -haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen -halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen -Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, -ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) -„wenigstens Delphoi.“</p> - -<p>Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten -Tempel der Stadt gewidmet, nach <em class="gesperrt">Sanjusangendo</em>. Das Wort bedeutet -„33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der -Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die -Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit -hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die -Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen -dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen -Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald -von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise -aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur -1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder -an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu -rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, -darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen -von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen -Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) -neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.</p> - -<p>Folglich hat <em class="gesperrt">Kämpfer</em> (1690–1692) die <em class="gesperrt">jetzige</em> Gestalt -des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine -merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten -sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das -Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. -Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl -grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere -Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.</p> - -<p>Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem -Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm -ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren -Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem -Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von -dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>schmerz! Als der Fürst -erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen -und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. -Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung -des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren -Aristophanes so ergötzlich beschrieben.</p> - -<p>In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (<em class="gesperrt">Daibutsu</em>) -aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 -durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo -einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen -Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden -Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem -umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und — zu Kupfermünzen -eingeschmolzen worden.</p> - -<p>Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden <em class="gesperrt">grössten Glocken</em> -Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,<a name="FNAnker_208_208" id="FNAnker_208_208"></a><a href="#Fussnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> -63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken -sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der -unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, -den man <em class="gesperrt">einmal</em> mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist -sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden -die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren -Glocken Europas.</p> - -<p>Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener -Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner -Aussicht und zu dem Tempel <em class="gesperrt">Kiyomizu-dera</em>, der geburtshelfenden -Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von -Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man -vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher -Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der -Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 -Jahre einmal geöffnet.</p> - -<p>Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem -Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus -Canton, die <em class="gesperrt">Theaterstrasse</em> von Kyoto, die dicht bei unserm -Hotel<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, -Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen -Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von -der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten -sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich -gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des -mitgenommenen Führers nicht verstanden.</p> - -<p>Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht -bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt -mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen -Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.</p> - -<p>Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs -Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein -dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; -das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein -Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in -Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.</p> - -<p>Der folgende Tag war den <em class="gesperrt">Palästen</em> gewidmet.</p> - -<p>Der des Mikado (<em class="gesperrt">Gosho</em> genannt), 798 n. Chr. erbaut, -wiederholentlich durch Feuer zerstört<a name="FNAnker_209_209" id="FNAnker_209_209"></a><a href="#Fussnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a> und neu erbaut, das letzte -Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr -bewohnt, bedeckt 26 Acres<a name="FNAnker_210_210" id="FNAnker_210_210"></a><a href="#Fussnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a> (= 10 ha) und ist von einem niedrigen -geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, -welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts -verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird -in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet -seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein -höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, -den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über -die grosse Fläche zerstreut sind.</p> - -<p>Zuerst nach <em class="gesperrt">Seiryōden</em>, das heisst die kühle Halle. Das -Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, -chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht -mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach -(aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. -Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur -zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> aus -Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der -Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf <em class="gesperrt">erdigem</em> -Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.</p> - -<p>Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz -eine Matte.</p> - -<p>Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach -<em class="gesperrt">Shi-shin-den</em>, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer -Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. -Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen -standen, entsprechend den 18 Rangklassen, — auf den 18 Treppenstufen, -die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge -genannt, d. h. <em class="gesperrt">nieder in den Staub</em>.</p> - -<p>Von hier kamen wir nach des Mikado’s <em class="gesperrt">Studirzimmer</em>, wo ihm -Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in -der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolle <em class="gesperrt">Schränke</em> und -bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="mikado_studierzimmer" name="mikado_studierzimmer"> - <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_151_a.jpg" - alt="Studierzimmer des Mikado; Flächenansicht" /></a> -</div> - -<p>1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des -japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, -5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende -Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der -Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.</p> - -<p>Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem -wagerechten Durchschnitt dargestellt.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="waagerechter_schnitt" name="waagerechter_schnitt"> - <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_151_b.jpg" - alt="Studierzimmer des Mikado; waagerechter Schnitt" /></a> -</div> - -<p>1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die -Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. -Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt -nebenstehender Figur.</p> - -<div class="figright"> - <a id="gleitende_waende" name="gleitende_waende"> - <img src="images/i_151_c.jpg" - alt="Rillen der gleitenden Wände" /></a> -</div> - -<p>Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p> - -<p>Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, -Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne -sogar recht wild aussehen.</p> - -<p>Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den -Behausungen des Gefolges.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Palast des Shogun</em>, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier -gegründet, hiess auf japanisch <em class="gesperrt">Nijo-no-Shiro</em>, d. h. -<em class="gesperrt">Nijo-Burg</em>. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von -aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige -Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des -Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung -mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung -regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des -Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen -Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als -Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals -wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an -allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige -Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen -Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!</p> - -<p>Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das -mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt -verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen -eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten -ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch -einträgt.</p> - -<p>Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern -geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, -Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil -(Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari -Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. -Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle -Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der <em class="gesperrt">nasse -Reiher</em>, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese -Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben -lassen!</p> - -<p>In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände -nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, -bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, -vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur -Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig,<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> ja -überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach -der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.</p> - -<p>Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, -um erstlich <em class="gesperrt">Porzellan-</em> und <em class="gesperrt">Seiden-Fabriken</em>,<a name="FNAnker_211_211" id="FNAnker_211_211"></a><a href="#Fussnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a> zweitens -<em class="gesperrt">Klöster</em> und <em class="gesperrt">Kirchen</em> zu besichtigen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kurodani</em>, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. -Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt -reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische -Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in -einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus -dem feindlichen Clan, <em class="gesperrt">Atsumori</em>, überwältigt; reisst ihm den -Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz -tief ergriffen, — wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen -mit Lionel, — überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der -heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber -Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in -dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet -für <em class="gesperrt">Atsumori</em>. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines -geschichtlichen Schauspiels der Japaner.</p> - -<p>Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der -einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, -an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. -Die Japaner treiben eine wahre <em class="gesperrt">Orthopaedie der Bäume</em>.</p> - -<p>Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die -Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem -Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so -beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer -auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine -ist ein Gemälde und stellt <em class="gesperrt">Mandara</em> dar, das Paradies der -Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere -ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt -Buddha’s in Nirwana (<em class="gesperrt">Nehanzō</em>). Buddha liegt ausgestreckt auf -einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und -bezeugen ihm anbetende Bewunderung.</p> - -<p>Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer -und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Gründers, -in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein -lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida -Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von -Naozone.</p> - -<p>Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit -zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten <em class="gesperrt">Kirchhof</em> -gelangen wir zu dem grossen Tempel <em class="gesperrt">Shinnyo-do</em>.</p> - -<p>Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen <em class="gesperrt">Kobo -Daishi</em> (774–834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher -das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich -dem römischen: mitunter schläft auch Homer.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ginkakuji</em>, das <em class="gesperrt">silberne Gartenhaus</em>, liegt jenseits der -Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.</p> - -<p>Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde -des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er -philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich -an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher -aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. -Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da -Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier -wurden die berühmten <em class="gesperrt">Thee-Ceremonien</em> erfunden. Der Priester, -welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, -die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.</p> - -<p>Nachdem wir noch das <em class="gesperrt">Nanzenji-Kloster</em> besucht, mit seinem -Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, -deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein -weltliches Schaustück, <em class="gesperrt">der Canal</em> des <em class="gesperrt">Biwa-See</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Biwa</em> heisst Guitarre. Der <em class="gesperrt">Biwa-See</em>, nach japanischer -Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich -entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, -ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie -der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem -Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, -und einzelne kleine Felseninseln. <em class="gesperrt">Seine acht Schönheiten</em> werden -von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein -natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, -erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, -bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.</p> - -<p>Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von -der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst.<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> Zu diesem -natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von -einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch -unter seiner Leitung 1885–1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, -von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei -Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche -Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer -lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. -Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto -ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst -einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen -Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem -offenen Canal mit einer Schleuse.</p> - -<p>Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches -Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher -Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In -Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich -von Europäern hergestellt.</p> - -<p>Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des -Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, -dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten -bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man -in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und -mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang -ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar -nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche -Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des -Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.</p> - -<p>Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das -hauptsächlichste der buddhistischen <em class="gesperrt">Jodo-Secte</em>, <em class="gesperrt">Chion-in</em>, -auf einem Hügel wie eine Festung belegen.</p> - -<p>Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und -grundgelehrten <em class="gesperrt">Honen Shonin</em>, der eine besondere Lehre begründet, -von der Erlösung oder dem Wege zu dem <em class="gesperrt">reinen Land</em>. (Japan. Jodo, -im Sanscrit <em class="gesperrt">Sukhavâti</em>, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist -das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen -Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).</p> - -<p>Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in -dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und -seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Aussicht über -die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und -auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet -ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, -ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, -Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene <em class="gesperrt">grosse Glocke</em> (10,8 Fuss -hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer -Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. -Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in -Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische -Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.</p> - -<p>In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind -berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer -anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die -Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet -wurde.</p> - -<p>Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem <em class="gesperrt">Ausflug</em> -gewidmet und zwar nach den <em class="gesperrt">Wasserfällen des Katsura-gawa</em>.</p> - -<p>Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten -vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei -jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, -der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den -Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.</p> - -<p>Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht -anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als -riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten -Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich -dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach -dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle -beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen -ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz -und Kohlen.</p> - -<p>Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken -biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das -letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. -Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter -fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, -oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere -Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur -Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> und wird mittelst Seilen -getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts -fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen <em class="gesperrt">Stromschnellen</em>, die trotz ihrer -hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich -oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, — gerade so wie die -an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen -Theehaus zu <em class="gesperrt">Arashiyama</em> ruhen wir aus<a name="FNAnker_212_212" id="FNAnker_212_212"></a><a href="#Fussnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> und erfreuen uns des -mitgebrachten Frühstücks.</p> - -<p>Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes -kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie -in Rom.</p> - -<p>Wir besuchten zunächst <em class="gesperrt">Kitano Tenjin</em>. Dieser Tempel ist dem -<em class="gesperrt">Tenjin Sama</em> geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der -901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel -Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem -auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu -reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf -dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen -Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben -schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu -sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen -ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, -ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.</p> - -<p>Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo -Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum -Verweilen einladen.</p> - -<p>Weit vornehmer ist <em class="gesperrt">Kinkakuji</em>, ein Kloster der -<em class="gesperrt">buddhistischen</em> Zen-Secte. <em class="gesperrt">Kinkaku</em> heisst <em class="gesperrt">goldenes -Gartenhaus</em>. Das war das Vorbild für das silberne (<em class="gesperrt">Ginkaku</em>), -von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich -<em class="gesperrt">Yoshimitsu</em> hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde -des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die -Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, -aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, -wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556–1558) zu San Yuste -in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.</p> - -<p>Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, -33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Amida’s -im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken -Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen -Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, -dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser -uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, -sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den -Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in -den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. -Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, -in der Art wie <em class="gesperrt">Murillo</em> — in Japan sie gemalt haben könnte; mit -Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder -mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.</p> - -<p>Die Fahrt über den <em class="gesperrt">Biwa See</em> (am 3. October) war darum besonders -genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich -zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr -ich nach <em class="gesperrt">Otsu</em>, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und -der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, -wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers -begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken -gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm -hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu -schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!</p> - -<p>Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, -den <em class="gesperrt">Rein</em> rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig -bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem -Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt -von Vulkanen besitzen.</p> - -<p>Wir fahren fort, — erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter -der <em class="gesperrt">alten Brücke von Seta</em>, die den Fluss Setagawa da überspannt, -wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, -am <em class="gesperrt">Nakasendo</em>, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo -(aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. -Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine -Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + -576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt -in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf -Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und -zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der -nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit -so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.</p> - -<p>Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem -berühmten Kloster <em class="gesperrt">Ishiyama-dera</em>. Der Name heisst wörtlich -Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten -schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes -hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur -Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet -ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. -Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten -Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss -Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, -eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen -Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, -und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält -12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und -drückt: dann springt <em class="gesperrt">ein</em> Stab hervor, gerade so wie aus den -niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein -„Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es -ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai -geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, -sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener -wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. -Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, -sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses -„Gottesdienstes.“</p> - -<p>Ein Punkt, welcher auf japanisch als <em class="gesperrt">Baum der -Vollmondbetrachtung</em> bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne -Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. -Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der -gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon -hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so -muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, -die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die -Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an -den Tag legten.</p> - -<p>Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, -nach <em class="gesperrt">Karasaki</em><a name="FNAnker_213_213" id="FNAnker_213_213"></a><a href="#Fussnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan -<em class="gesperrt">berühmte Fichte</em> steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig -gehaltene<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss -Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig -von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 -an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. -Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,<a name="FNAnker_214_214" id="FNAnker_214_214"></a><a href="#Fussnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> ein -kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart -und schutzbedürftig ansieht.</p> - -<p>Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man -allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in -Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes -verwendet.</p> - -<p>Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht -mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung -eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch -steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im -Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 -Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei -Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der -Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die -bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei -Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.</p> - -<p>Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen -Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles -herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der -Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der -Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses -sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von <em class="gesperrt">Karasaki</em> -und den noch heiligeren <em class="gesperrt">Bo-Baum</em> zu Anuradhapura auf Ceylon, -der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die -zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren -ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.</p> - -<p>Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte -Tempel von <em class="gesperrt">Mi-i-dera</em>, im Norden der Stadt, besucht. Der Name -bedeutet <em class="gesperrt">Drei-Quellen-Tempel</em>. Das Heiligthum ist der Göttin der -Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu -verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p> - -<p>In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre <em class="gesperrt">Kunstschätze</em> -aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner -Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen -bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem — <em class="gesperrt">Hausarzt</em> -des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich <em class="gesperrt">hängende Bilder</em> -(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden -Kindern. Sodann <em class="gesperrt">Rollbilder</em> (Makimono) von bedeutender Länge, -10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem -(natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter -langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. -Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, -sondern eine <em class="gesperrt">zusammengehörige Reihe</em>, wie bei manchem unserer -Romanschriftsteller.</p> - -<p>Ein Bild stellt die <em class="gesperrt">sieben Nöthe</em> dar. Zuerst kommt das Erdbeben, -dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den -Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der -Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der -ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, -welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen -Künstler <em class="gesperrt">Okyo</em> vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst -die <em class="gesperrt">sieben Freuden</em> und behandelt die Reisernte, das Gastmahl -und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den <em class="gesperrt">Räubern</em> -und <em class="gesperrt">Mördern</em>, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung -(durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig -fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der -Absperrung von Japan, gemaltes <em class="gesperrt">allegorisches Weltbild</em>, da diese -Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, -die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch -Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (<em class="gesperrt">San-Koku</em>, -die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die -Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der -Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, -die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und -andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.</p> - -<p>Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der -Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein -heiliges hielt, — aber nach drei Tagen <em class="gesperrt">hatte</em> ich mein Abbild.</p> - -<p>Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller -Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht -ein wunderliches Denkmal, — ein <em class="gesperrt">Obelisk</em> aus Granit,<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> zum -Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen -die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.</p> - -<p>Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, -so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte -<em class="gesperrt">Sammelbüchse</em>, welche in englischer Sprache <em class="gesperrt">Beiträge</em> zur -Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.</p> - -<p>Hier war es auch, wo <em class="gesperrt">der Angriff auf den russischen Thronfolger</em> -am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den -Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der -engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der -Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem -Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem -japanischen Prinzen und Anderen.</p> - -<p>Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten -Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, -aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des -Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten -gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den -Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein -schien.</p> - -<p>Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen -ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die -Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch -die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib -rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des -Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber -wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers -bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie -einen Sklaven missachte; und — getödtet werden müsse.</p> - -<p>Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. -Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer -Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer -schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn -von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische -Prinz, der griechische Prinz, — als sie den Lärm vernahmen, eilten -sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da -sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann -aber hatte <em class="gesperrt">augenblicklich</em>, ehe der Polizeisoldat zum -zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich -niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> -Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und -Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff -thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, -sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein -Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren -tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die -schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. -Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf -Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche -Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein -Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen -konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, -wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.</p> - -<p>Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das -religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt -hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That -eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende -hat nichts in Japan zu befürchten. —</p> - -<p>Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem -Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der -Eisenbahn zurück nach Kyoto.</p> - -<p>Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den -<em class="gesperrt">Tempeln</em> gewidmet.</p> - -<p>Zunächst kamen wir nach <em class="gesperrt">Nishi Hon-gwan-ji</em>. -(<em class="gesperrt">West-Haupt-Gebet-Tempel</em>.) Hier ist das Haupt-Quartier -der buddhistischen <em class="gesperrt">Shin</em> (Geist-) oder <em class="gesperrt">Monto</em> -(Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber -erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und -13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie<a name="FNAnker_215_215" id="FNAnker_215_215"></a><a href="#Fussnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> die Protestanten des -japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, -die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, -lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. -Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die -Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.</p> - -<p>Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der -Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes -Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf -dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> Mauer, -damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere -versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude — -vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine -Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich -nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie -solchem Aberglauben huldigen.</p> - -<p>Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff -ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der -Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, -worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) -aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 -Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht -man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig -sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); -geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.</p> - -<p>Der Oberpriester, der uns geleitet, <em class="gesperrt">Akamzu Rensio</em>, gleichzeitig -Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht -und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon -drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort -gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach -<em class="gesperrt">Eduard von Hartmann</em> gefragt und grosse Freude geäussert, als -ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und -lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen -habe, während er <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> aus der Uebersetzung ganz -gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in -Erstaunen. Der Ausgang führt durch <em class="gesperrt">Chokushi Mon</em>, das Gitter des -kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen -Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari -Jingoro, meine Bewunderung erregten.</p> - -<p>„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass <em class="gesperrt">Dir</em> dieses -so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein -Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass -derselbe Gegenstand <em class="gesperrt">unser</em> Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch -hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und -den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, -duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr -Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“</p> - -<p>Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in -der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ost<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>asien viel -lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">japanische Bildhauerei</em> ist hauptsächlich Holzschnitzerei und -kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara -stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen -von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. -Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und -in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der <em class="gesperrt">japanische Phidias</em>, -Hidari<a name="FNAnker_216_216" id="FNAnker_216_216"></a><a href="#Fussnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> Jingoro (1594–1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die -schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm -wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der -Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.</p> - -<p>Der zweite Tempel, den die Shin oder <em class="gesperrt">Hongwanji</em>-Secte in -Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst <em class="gesperrt">Higashi -Hon-gwan-ji</em> (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 -gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, -aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre -in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, -sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass -die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge -von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, -tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern -gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, -und ferner — ein <em class="gesperrt">Riesenseil aus Menschenhaar.</em> 38000 Frauen -haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum -Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der -Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern -haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll -errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. -Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie -nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten -benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz -krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. -Dynastie) bei Sakkara kennen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Toji</em>, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. -Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado -dem <em class="gesperrt">Kobo Daishi</em> übergeben, dem Gründer der buddhistischen -<em class="gesperrt">Shingon</em><a name="FNAnker_217_217" id="FNAnker_217_217"></a><a href="#Fussnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a>-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan -besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber -leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum -Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das <em class="gesperrt">Gebet</em> von -Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet -wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner -Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher -Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue -Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung -mit <em class="gesperrt">elektrischen Glühlampen</em> beweist, dass in Japan auch die -Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch -die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die -Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte -ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige -Summen für die Zwecke der Kirche — freiwillig gezeichnet werden.</p> - -<p>Meine Freunde führten mich dann in den <em class="gesperrt">Haus-Garten eines -wohlhabenden Japaners</em>, um mir das <em class="gesperrt">Fussballspiel</em> zu zeigen. -Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite -blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht -mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird -er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen -Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich -lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es -von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.</p> - -<p>Nachmittags besuchte ich <em class="gesperrt">Krankenhaus</em> und <em class="gesperrt">Medizinschule</em>. -Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden -und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes -<em class="gesperrt">geschichtliches Bilderbuch</em> mit Kleinmalerei, ein grosses -Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder -von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in -einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten -Schränken, eine alte <em class="gesperrt">Goldlackbüchse</em><a name="FNAnker_218_218" id="FNAnker_218_218"></a><a href="#Fussnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a> im Werthe von<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> 1500 -Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche -Verbrennen von <em class="gesperrt">Weihrauch</em>. Es wurde viel geredet und getrunken. -Wir waren alle recht heiter.</p> - -<p><em class="gesperrt">Uji</em> war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von -Kyoto.</p> - -<p>In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. -Hier liegt <em class="gesperrt">Tofukuji</em>, eines der Hauptklöster der buddhistischen -Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet -ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. <em class="gesperrt">Zen</em> -bedeutet etwa <em class="gesperrt">ernste Gedanken</em>. <em class="gesperrt">Tofukuji</em> ist schon im 13. -Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. <em class="gesperrt">Ahornbäume</em>, -die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von -beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte -„<em class="gesperrt">Himmelsbrücke</em>“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters -ist ein riesiges <em class="gesperrt">Rollbild</em> (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss -breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das -im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, <em class="gesperrt">Cho -Densu</em>, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre -wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem -anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester -lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. -Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, -dem <em class="gesperrt">Oberpriester</em> übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs -dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke -der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks -erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem -Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste -aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe -Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im -Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, -Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.<a name="FNAnker_219_219" id="FNAnker_219_219"></a><a href="#Fussnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p>Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu -sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen -vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen -können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. -Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen -nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte -des japanischen Papiers.</p> - -<p>Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den -Erdboden gelegt wurde. Es stellt den <em class="gesperrt">Himmel</em> dar und ist von -einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber -durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil -bilden konnte.</p> - -<p>In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche -<em class="gesperrt">Shinto-Tempel</em> von <em class="gesperrt">Inari</em>, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. -begründet, als der Buddhist <em class="gesperrt">Kobo Daishi</em> hier einen Mann mit -einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin -erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten -Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, — wie Siegfried -mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines -No-Schauspiels.</p> - -<p>Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.</p> - -<p>Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften -des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem -allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai -zurückbefördert.<a name="FNAnker_220_220" id="FNAnker_220_220"></a><a href="#Fussnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Füchse</em> sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und -grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse -aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter -aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber -mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in -Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- -(Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: -sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen -Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen -unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, -aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz -hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> Ungeheuer an den -Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der -sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll -Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad -der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.</p> - -<p>Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen -entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen -<em class="gesperrt">Uji</em>, das rings von <em class="gesperrt">Theepflanzungen</em> umgeben ist. Thee -ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach -Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von -den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu -verscheuchen.<a name="FNAnker_221_221" id="FNAnker_221_221"></a><a href="#Fussnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a> In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts -angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der -Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein -Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen -der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.</p> - -<p>Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee -aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren -eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten -(Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; -das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst -Seide der wichtigste <em class="gesperrt">Ausfuhrgegenstand</em> Japan’s. (Jährlich 40 -Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach -Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji -wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des -Abends umherfliegen.<a name="FNAnker_222_222" id="FNAnker_222_222"></a><a href="#Fussnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a></p> - -<p>Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster -<em class="gesperrt">Byōdō-in</em> der buddhistischen <em class="gesperrt">Tendai</em> -(Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel -besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo -nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held <em class="gesperrt">Yorisama</em>, -um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 -Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte -durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.</p> - -<p>Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die <em class="gesperrt">Phoenix</em>-Halle -(Hōō-dō), eine der <em class="gesperrt">ältesten Holzbauten</em> Japan’s. -Der zweistöckige<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die -rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die -Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. -Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im -Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit <em class="gesperrt">Perlmutter</em> -eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 -Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern -besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack -bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist -zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.</p> - -<p>In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser -mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind -schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das -Ausziehen der Schuhe zu ersparen.</p> - -<p>Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und -Briefschreiben.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Nach_Osaka">Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.</h3> - -</div> - -<p>Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die -Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist -feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um -mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner -beharrlichsten Zuhörer, Dr. <em class="gesperrt">Ogata</em>, dessen Vater bereits vor -40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches -Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die -bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen -des <em class="gesperrt">Nachtlagers</em>. Die blühende Handelsstadt <em class="gesperrt">Osaka</em>,<a name="FNAnker_223_223" id="FNAnker_223_223"></a><a href="#Fussnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a> -die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, -400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein -<em class="gesperrt">einziges Gasthaus</em>, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur -eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen -in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte -also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde -zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen -Vertragshafen Kobe zu übernachten.<a name="FNAnker_224_224" id="FNAnker_224_224"></a><a href="#Fussnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a> Aber meine Freunde führen -mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das -frisch gescheuerte Zimmer und den<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> schneeweissen Bettüberzug,<a name="FNAnker_225_225" id="FNAnker_225_225"></a><a href="#Fussnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a> -— Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, — sondern auch die -europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden -und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar -versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte -ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.</p> - -<p>Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem -<em class="gesperrt">Schlosse</em>; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. -1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko <em class="gesperrt">Hideyoshi</em>, -der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer -und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich -emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters -zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit -der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu -seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei -Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar -unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen -ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s -errichtet.</p> - -<p><em class="gesperrt">Will Adams</em>, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte -von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru -nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und -als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis -zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, -hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke -geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 -auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken -so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und -stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen -beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten -und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die -Mauern 6–7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die -Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.</p> - -<p>In der That war der Graben 80–120 Fuss breit und 12–24 Fuss tief. -Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des -Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p> - -<p>1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die -fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb -der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des -Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. -Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. -Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.</p> - -<p>Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, -und nicht so leicht.</p> - -<p>Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. -Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die -Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger -Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst -kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau -entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und -Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach -oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die -im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von -Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es -ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. -Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine -Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht -ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 -Fuss.<a name="FNAnker_226_226" id="FNAnker_226_226"></a><a href="#Fussnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a></p> - -<p>Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und -genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt -steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittags<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>stunde -anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, -das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu -tränken.</p> - -<p>Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche -kaiserlich japanische <em class="gesperrt">Waffenfabrik</em>. Zunächst wurden wir -wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit -Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen -auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf -diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter -von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, -welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und -gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise -nach <em class="gesperrt">unseren</em><a name="FNAnker_227_227" id="FNAnker_227_227"></a><a href="#Fussnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> Gegenden zu unternehmen.</p> - -<p>Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht -mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht -hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier -beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln -und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht -in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich -Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in -Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. -Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf -allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa -56000 unter Waffen stehen.</p> - -<p>Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, -ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Münze</em>, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, -konnte ich leider nicht sehen.</p> - -<p>Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und -der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, -Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man -mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.</p> - -<p>Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen -Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen -durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig -machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man -nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> im -Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und -die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit -bedingen und verbreiten.</p> - -<p>Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden -und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel -(in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In -der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums -für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse -ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). -Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon -eingeführt.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Festessen</em> ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen -Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im -Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen -Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.</p> - -<p>Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. -Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse -Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und -vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse <em class="gesperrt">Asaki</em>-Brauerei, die -von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische -Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, -man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht -sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so -viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur -13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr -deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen -im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr -und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein -No-Drama aufgeführt, und ein <em class="gesperrt">Gedicht</em> mir überreicht.</p> - -<p>Um den <em class="gesperrt">chinesischen</em> Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge -ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir -diese Mittheilung nicht — als Eitelkeit auslegen werde.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="center">„Abschiedsgruss an Herrn Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em>.</p> - -<p class="center mbot1">(Altchinesisch.)</p> - -<p>Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em> ist nach Japan gekommen und hat sich -um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine -Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den -Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unauf<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>hörlich -dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau -den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann -sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist -er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, -verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender -Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — -Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em>. Im Namen -der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.</p> - -<p>Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.</p> - -<p class="tdr mright1"><em class="gesperrt">Nahamye Syisakka</em>, Arzt in Osaka.“</p> - -</div> - -<p>Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch -gepriesen wird, verfasst von <em class="gesperrt">Jeizo Jshii</em>, Vorsitzendem des -medizinischen Vereins zu <em class="gesperrt">Nagoya</em>, lautet folgendermaassen: „Ein -Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll -entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen -schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em> -nach Japan gekommen.</p> - -<p>Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo -gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser -gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan -berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, -wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen -Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche -Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ — — -— — —</p> - -<p>Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach <em class="gesperrt">Nara</em>, der -mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll -vorkommt. <em class="gesperrt">Nara</em> war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. -Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als -Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten -Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt -reizend am Fusse der Berge, in der Provinz <em class="gesperrt">Yamato</em>, 25 engl. -Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. -Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, -kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).</p> - -<p>Dr. <em class="gesperrt">Ogata</em> und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der -Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge -in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst -<em class="gesperrt">Horuji</em>. Hier liegt das <em class="gesperrt">älteste Kloster</em> von Japan, 607 -n. Chr.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> vollendet und berühmt — durch seine Berühmtheiten. Ich muss -gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth -sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung -keinen sonderlichen Eindruck machen.</p> - -<p>Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade -gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben -des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im -Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (<em class="gesperrt">Kondo</em>), der älteste Holzbau -Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, -Amida u. A., und <em class="gesperrt">wirkliche Fresco-Gemälde</em> an den Wänden, in -alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt -und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind -überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte der japanischen Malerei</em><a name="FNAnker_228_228" id="FNAnker_228_228"></a><a href="#Fussnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> ist für den -<em class="gesperrt">Europäer kurz</em> zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über -Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische -Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. -Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, -wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und -mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance -unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester <em class="gesperrt">Cho -Densu</em> malte heilige Gegenstände, <em class="gesperrt">Josetsu</em> Landschaften, -Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der -Tosa-Schule <em class="gesperrt">Mitsunobu</em>, <em class="gesperrt">Sesshu</em>, <em class="gesperrt">Kano</em>. Im 18. -Jahrhundert kamen die <em class="gesperrt">realistischen</em> Schulen: <em class="gesperrt">Hishigawa</em>, -der volksthümliche Bücher illustrirte, <em class="gesperrt">Okyo</em>, der Vögel und -Fische genau nach der Natur zeichnete, und <em class="gesperrt">Hokusai</em> (1760–1849), -der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des -Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches -Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt -und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im -Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht -allzuwörtlich nehmen.</p> - -<p>Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, <em class="gesperrt">Yakushi</em>, -geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein -Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind -ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind -Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> Geist -des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; -Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, -dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein -Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">Nara</em> übernahmen die dortigen <em class="gesperrt">Aerzte</em> sofort die -Führung. Der <em class="gesperrt">Park</em>, den wir durchschreiten, ist wie ein -Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen -Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die -Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie -blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie -müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, -die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen -Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.</p> - -<p>Aber — der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe -ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. -Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien -heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen -schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. -Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die -Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des -ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.</p> - -<p>Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit -zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den -Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden -Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für -kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider -unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche -Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen -nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth -seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit -beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.</p> - -<p>Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen -des <em class="gesperrt">Tempels Wakamiya</em> die Priester auf jeden Fremdling oder auch -begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten -heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam -gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen -tragen.</p> - -<p>Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse -Shinto-Tempel <em class="gesperrt">Tamuke-yama no Hachiman</em>. Denn auf ihn bezieht<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> -sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder -Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls -ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,</div> - <div class="verse">Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.</div> - <div class="verse">Statt rothen Goldes bring’ ich heut</div> - <div class="verse">Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“</div> - </div> -</div> - -<p>In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem -Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen -Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.</p> - -<p>Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch -Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 -n. Chr. gelebt haben soll.</p> - -<p>An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in -kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das -Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.</p> - -<p>Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel <em class="gesperrt">Nigwatsu-do</em>, -welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet -und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig -gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. -Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er -sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. -Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte -an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das -(weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein -rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen -Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes -Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe -mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und -Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am -Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem -<em class="gesperrt">Jahrmarkt</em> mit ihren Kindern erschienen.</p> - -<p><a name="dermit" id="dermit"></a>Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein -Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen -empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. -Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, -wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem -Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine -Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige -Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> 3. Februar jedes Jahres wird hier -auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll -ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt -zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.</p> - -<p>Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf -einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler -und Berge.</p> - -<p>Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von <em class="gesperrt">Todaiji</em>, zuerst die -<em class="gesperrt">grosse Glocke</em>, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 -Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann -den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) -Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den -<em class="gesperrt">Daibutsu</em> unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist -53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche -Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine -Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.</p> - -<p>Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist -hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. -Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des -Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.</p> - -<p>Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das -Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um -die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der -Ausstellung von <em class="gesperrt">Alterthümern</em>, die in einem Nebenraume des -Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, -Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. -dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem -chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben -wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) -mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), -die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse -Rolle spielen.</p> - -<p>Den Schluss der Betrachtung macht <em class="gesperrt">Kobukuji</em>, einst ein grosser -Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist -nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger -Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes -Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen -Blumenspenden.</p> - -<p>Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute -Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p> - -<p>Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen -Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. -Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter -schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir -selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich -seine Vorhalle zur Aussicht anbot.</p> - -<p>Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt -wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber -zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus -Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht -liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im -Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier -über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein -leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem -Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn -die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, -bis — ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben -Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters -vertilgt.<a name="FNAnker_229_229" id="FNAnker_229_229"></a><a href="#Fussnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a></p> - -<p>Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach -dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der -bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter -seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.</p> - -<p>In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein -altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war -geschmückt mit einem Holzschnitt des — <em class="gesperrt">Hippocrates</em>, den der -Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig -gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die -sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich -leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch -gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. -Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber -ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den -Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten -werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche -Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span></p> - -<p>Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als -zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte -die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen -schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt -seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht -so leicht.</p> - -<p>Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus -Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,<a name="FNAnker_230_230" id="FNAnker_230_230"></a><a href="#Fussnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a> -der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr -Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr -wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber -auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam -das <em class="gesperrt">Kata-kana</em><a name="FNAnker_231_231" id="FNAnker_231_231"></a><a href="#Fussnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a> auf, eine japanische Silbenschrift, welche -47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele -Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen -werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln -und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu -umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu -Tokyo.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hiragana</em> (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus -dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form -wiedergiebt, — wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine -hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen -Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana -geschrieben, keines in Kata-kana allein.</p> - -<p>Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen -zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So -zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt -schneller nach Dictat, als der Europäer, — natürlich wenn letzterer -nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die -japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, -hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span></p> - -<p>Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie -auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf -die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte -sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich -etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn -begleiteten.</p> - -<p>Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater -führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz -ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, -und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter -Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. -Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“</p> - -<p>Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen -gegen die Eltern kommen gar nicht vor.</p> - -<p>Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn -die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach <em class="gesperrt">Kobe</em>,[232] -an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt -einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 -dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine <em class="gesperrt">Fremden-Siedelung</em>, -längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die -Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, -<em class="gesperrt">Bund</em><a name="FNAnker_233_233" id="FNAnker_233_233"></a><a href="#Fussnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a> genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den -Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt -Hiogo.<a name="FNAnker_232_232" id="FNAnker_232_232"></a><a href="#Fussnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a></p> - -<p>Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft -aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil -der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es -Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen -Yen.</p> - -<p>Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:</p> - -<table summary="Kobe, Einfuhr"> - <tr> - <td class="tdr"> - 134 - </td> - <td class="tdl"> - fremde - </td> - <td class="tdc"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdr"> - 220000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdc"> - Gehalt - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 9 - </td> - <td class="tdl"> - japanische - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 6400 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> -</table> - -<p>und liefen aus nach dem Ausland:</p> - -<table summary="Kobe, Ausfuhr"> - <tr> - <td class="tdr"> - 159 - </td> - <td class="tdl"> - fremde - </td> - <td class="tdc"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdr"> - 260000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdc"> - Gehalt - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 2 - </td> - <td class="tdl"> - japanische - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1341 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> -</table> - -<p>Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel -Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu -sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die -Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> Anforderungen. -Dicht dabei ist die <em class="gesperrt">Agentur unseres norddeutschen Lloyd</em>, die mir -erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte -ausstellt für ihren Dampfer <em class="gesperrt">Nürnberg</em>, der am 9. October von -Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische -Reichsdampferlinie.</p> - -<p>Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus -zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt -braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte -mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig -gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch -englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes -begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr -als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste -bis zu dem Denkmal des Helden <em class="gesperrt">Atsumori</em>; und dann in dem von -einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in -Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.</p> - -<p>Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an -Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal -mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen -photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und -fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine -schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.</p> - -<p>Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. -October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine -werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. -Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun -hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa -befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den -norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.</p> - -<p>Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord -unseres guten Dampfers <em class="gesperrt">Nürnberg</em> vom norddeutschen Lloyd: Capitän -Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist -Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.</p> - -<p>Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit -dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.<a name="FNAnker_234_234" id="FNAnker_234_234"></a><a href="#Fussnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a> -Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> -Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. -Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus -nur <em class="gesperrt">kleinere</em> Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, -Yokohama vermitteln.</p> - -<p>Unser <em class="gesperrt">Nürnberg</em> hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss -Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die -chinesisch-japanischen Gewässer befahren.</p> - -<p>Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die <em class="gesperrt">Inland-See</em>, -welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) -und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) -sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von -Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 -Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste -8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren -Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee -liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der <em class="gesperrt">Seemann</em> -hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die -übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten -werden.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Reisende</em> ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die -tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein -höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.</p> - -<p>Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche -die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die -kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.</p> - -<p>Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden -Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen -Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl -kleineren mit 1–3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln -und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit -Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern -belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner -haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier -Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); -ihre Dichter sprechen nicht davon.</p> - -<p>Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. -Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Strasse -von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm -verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein -französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich -vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte -von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem -amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.</p> - -<p>Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, -rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir -winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden -Ufern mächtige <em class="gesperrt">Kohlenlager</em>; dann müssen wir weit hinaus in’s -japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends <em class="gesperrt">Nagasaki</em> an der -Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.</p> - -<table class="collapse" summary="Logbericht Kobe-Nagasaki"> - <tr> - <td class="tdc" colspan="8"> - Logbericht Kobe-Nagasaki: - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 1. - </td> - <td class="tdc"> - Tag - </td> - <td class="tdl"> - (10. Okt. bis Mittag) - </td> - <td class="tdr"> - 23 - </td> - <td class="tdc"> - Meilen - </td> - <td class="tdr"> - 2 - </td> - <td class="tdc"> - Std. - </td> - <td class="tdl"> - 1 Min. - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 2. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - (11. Okt. bis Mittag) - </td> - <td class="tdr"> - 287 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 24 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td> - 3. - </td> - <td class="tdc bbot"> - „ - </td> - <td class="tdl bbot"> - (11. Okt. Nachmittag) - </td> - <td class="tdr bbot"> - 81 - </td> - <td class="tdc bbot"> - „ - </td> - <td class="tdr bbot"> - 8 - </td> - <td class="tdc bbot"> - „ - </td> - <td class="tdl bbot"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc" colspan="8"> - Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten. - </td> - </tr> -</table> - -<p>In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, -angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute -nicht mehr besuchen.</p> - -<p>An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, -australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe -verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner -ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin -gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen -schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von -Wladiwostok.</p> - -<p>Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt -sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische -Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter -den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei -Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen -Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ -Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht -die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von -Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.<a name="FNAnker_235_235" id="FNAnker_235_235"></a><a href="#Fussnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p> - -<p>Dabei hat dieser <em class="gesperrt">westlichste Punkt</em> des japanischen Inselreiches -die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.</p> - -<p>Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu -grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. -Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals -bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen -und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen -Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo -(Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre -ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde -Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen -zugewiesen.</p> - -<p>Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten -Halbinsel Deshima<a name="FNAnker_236_236" id="FNAnker_236_236"></a><a href="#Fussnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a> über 200 Jahre lang in unrühmlicher -Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,<a name="FNAnker_237_237" id="FNAnker_237_237"></a><a href="#Fussnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a> um des schnöden Gewinnstes -willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass -die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt -1690–1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines -Fell.“ Während die Holländer 1611–1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher -im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90–95 Procent Gewinn ausgeführt -hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf -40–45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die -hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts -hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. -Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von -Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten -wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen -aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.</p> - -<p>1888 liefen ein:</p> - -<table summary="Nagasaki, Einfuhr"> - <tr> - <td class="tdr"> - 427 - </td> - <td class="tdl"> - fremde - </td> - <td class="tdc"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdr"> - 436000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdc"> - Gehalt - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 171 - </td> - <td class="tdl"> - japanische - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 183000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - ; - </td> - </tr> -</table> - -<p>und liefen aus:</p> - -<table summary="Nagasaki, Ausfuhr"> - <tr> - <td class="tdr"> - 488 - </td> - <td class="tdl"> - fremde - </td> - <td class="tdc"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdr"> - 523000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdc"> - Gehalt - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 161 - </td> - <td class="tdl"> - japanische - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 178000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> -</table> - -<p>Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die -fremden Dampfer mit <em class="gesperrt">Kohlen</em> sich versorgen. 1888 wurde hier<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> für -3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) -zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen<a name="FNAnker_238_238" id="FNAnker_238_238"></a><a href="#Fussnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> Japans; sie findet sich -hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. -Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und -englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.</p> - -<p>Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene -Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll -Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben -ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. -Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen -schaffen; sie bekommen 10–15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann -hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen -Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen -die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die -ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche -Verfahren.</p> - -<p>Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, -Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den -Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.</p> - -<p>Nagasaki,<a name="FNAnker_239_239" id="FNAnker_239_239"></a><a href="#Fussnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a> schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von -Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, -als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 -Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.</p> - -<p>Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, -besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte -Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste -zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie -zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, -sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich -der aufgehenden Sonne eingezogen ist.</p> - -<p>Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich -Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse -Shinto-Tempel <em class="gesperrt">O-Suwa</em> ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; -seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben -luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug -<em class="gesperrt">Kunichi</em>, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur -der Stadt,<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen -Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner -Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der -Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur -Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art -darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung -des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, -sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese -japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.</p> - -<p>Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen -Reiches, Herr Dr. <em class="gesperrt">Lenze</em>. Wir leerten mehr als ein Glas auf -das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem -Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war -die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine -Cajütenfenster.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Abschied_von_Japan">Abschied von Japan.</h3> - -</div> - -<div class="poetry-container-right"> - <div class="poetry"> - <div class="verse mleft1">Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;</div> - <div class="verse">Die Landschaft lieblich, voller Leben,</div> - <div class="verse">Die Felder zierlich, die Häuser nett,</div> - <div class="verse">Das Volk manierlich, fein, adrett;</div> - <div class="verse">Das Leben köstlich und amüsant</div> - <div class="verse">In diesem östlich geleg’nen Wunderland.</div> - </div> -</div> - -<p>Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, -ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie -der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das -japanische Volk als das <em class="gesperrt">Entzücken seiner Seele</em> bezeichnete. -Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen -Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die -<em class="gesperrt">Schattenseiten</em> zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen -Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.</p> - -<p>Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, -reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, -geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, -konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu -tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, -als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der -reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der -Philosophie, — das zu entscheiden will ich Andern überlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, -gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die -gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den -Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit -das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. -Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.</p> - -<p>In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende -Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. -Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber -nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie -zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel -anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos -Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die -drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin -gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.</p> - -<p>Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung -verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit<a name="FNAnker_240_240" id="FNAnker_240_240"></a><a href="#Fussnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> herrsche. Wer nur in -schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.</p> - -<p>Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich -befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen -aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten -sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine -Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch <em class="gesperrt">niemals</em> in Europa -vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen -in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.</p> - -<p>Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; -das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das -unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine -Sirene ehelicht, so ist er sicher <em class="gesperrt">nicht</em>, wie oft bei uns, ein -Substrat der lex Heinze.</p> - -<p>Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends -einen unordentlichen Menschen, sei es Mann<a name="FNAnker_241_241" id="FNAnker_241_241"></a><a href="#Fussnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> oder Weib gesehen;<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> -überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der -zimperlichsten Dame beleidigen könnte.</p> - -<p>Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht -sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in -Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in -Europa.</p> - -<p>Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich -zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund -freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und -floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit -artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen -fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, -Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen -zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches -„Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der -Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan -scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen -Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe -gilt <a name="seitjahrhunderten" id="seitjahrhunderten"></a>seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.</p> - -<p>Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für -den Reisenden natürlich das Urtheil über die <em class="gesperrt">Zukunft</em>. Japan -befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was -wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als -vollberechtigtes Glied eintreten?</p> - -<p>Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die -Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls -das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, -wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende -Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller -für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich -scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage -zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des -deutschen Einflusses.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="V">V.<br /> -<b>Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore -nach Colombo.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, namentlich -bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in seinem Gehirn -die Begriffe <em class="gesperrt">Taifun</em> und <em class="gesperrt">Monsun</em> ordentlich verpackt -unterzubringen.<a name="FNAnker_242_242" id="FNAnker_242_242"></a><a href="#Fussnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a></p> - -<p>In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und -fliesst <em class="gesperrt">oben</em> nach den beiden Polen ab, <em class="gesperrt">unten</em> strömt von -den Polen kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich -nähert, gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, -welche (gewissermassen unter ihr fort) <em class="gesperrt">schneller</em> um die Erdachse -von Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft, -gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen -setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der -südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten -liegt die Gegend der Windstillen.</p> - -<p>Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch -die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen -Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb -des Aequators, weht Nordost-Monsun<a name="FNAnker_243_243" id="FNAnker_243_243"></a><a href="#Fussnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a> vom September bis April, -Südwest-Monsun vom April bis September.</p> - -<p>Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber -erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> eine -Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen -Südwestwind verwandelt wird.</p> - -<p><em class="gesperrt">Tai-fun</em><a name="FNAnker_244_244" id="FNAnker_244_244"></a><a href="#Fussnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> sind Wirbelstürme in den chinesischen und -japanischen Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom -Juli bis November, am häufigsten im September und <em class="gesperrt">October</em>, -vorkommen. Ihre Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. -nach WNW., während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der -nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind -für die Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten -auftreten, und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, -innerhalb derer die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.</p> - -<p>Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich. -Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.</p> - -<p>Ich lese <em class="gesperrt">Byron’s Harold</em>, den ich glücklicher Weise in der -Bücherei des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in -vollkommenster Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold -nennt er die Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem -Ehrgeiz vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es -durch seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, -vor allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit -hatte, wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger -scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz -ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch -seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden, -der den Anfang des dritten Gesangs vom <em class="gesperrt">Corsaren</em> kannte, — jene -wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen, -den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender -Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das <em class="gesperrt">Hohelied -vom Reisen</em>, das unser <em class="gesperrt">Goethe</em> gedichtet:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">Doch ist es jedem eingeboren,</div> - <div class="verse">Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,</div> - <div class="verse">Wenn über uns, im blauen Raum verloren,</div> - <div class="verse">Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,</div> - <div class="verse">Wenn über schroffen Fichtenhöhen</div> - <div class="verse">Der Adler ausgebreitet schwebt,</div> - <div class="verse">Und über Flächen, über Seen,</div> - <div class="verse">Der Kranich nach der Heimath strebt.</div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>Auf dem vaterländischen Schiffe,<a name="FNAnker_245_245" id="FNAnker_245_245"></a><a href="#Fussnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a> das vorzüglich eingerichtet ist, -werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen -Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, -zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch -20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die -Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, -— wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von -dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, — guckt mit mir nach den -Sternen.</p> - -<p>Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den <em class="gesperrt">grossen Bären</em>, aber -zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, -dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.<a name="FNAnker_246_246" id="FNAnker_246_246"></a><a href="#Fussnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> Die -jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als -zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.</p> - -<p>Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen -wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, -gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam -eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig -innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer -zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden -Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach <em class="gesperrt">Hongkong</em>. Wir -haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong<a name="FNAnker_247_247" id="FNAnker_247_247"></a><a href="#Fussnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> in -vier Tagen vollendet.</p> - -<p>Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht -prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke -aus.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.</em> Die Stadt liegt -auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie -<em class="gesperrt">Neapel</em>. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe -und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener -Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, -darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben -die loggien-<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen -prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.</p> - -<p>Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,<a name="FNAnker_248_248" id="FNAnker_248_248"></a><a href="#Fussnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a> -die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer -„Neckar“ vom Bremer Lloyd,<a name="FNAnker_249_249" id="FNAnker_249_249"></a><a href="#Fussnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> und werden in dem winzigen Dampfer des -Hongkong-Hotel hinübergeschafft.</p> - -<p>Der Quai und Landungsplatz waren <em class="gesperrt">weiss von Menschengewimmel</em>; -denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht -schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die -allgemeine Frage. Das Postschiff <em class="gesperrt">Bokhara</em>, von Shangai nach -Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts -melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine -fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. -Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der -P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten -nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara -gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die -Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, -der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur -zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen -(Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den -Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die -Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener -Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort -nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. -Allerdings besteht <em class="gesperrt">diese Gefahr</em> auf den ostindischen Gewässern, -dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der -Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft -ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung, -als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere -mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver -und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber -jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen <em class="gesperrt">chinesischen -Fischer</em> auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie -thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und -von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, -— es waren dies die beiden einzigen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Schiffe, die unmittelbar vor -uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 -Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der -<em class="gesperrt">Ostküste</em> der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu -werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt -haben.</p> - -<p>Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen <em class="gesperrt">Kabel</em>. -Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner -glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn -Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war -ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa -das Scheitern der Bokhara bekannt.</p> - -<p>Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt -einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein -befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die <em class="gesperrt">Punka</em> -genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem -Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in -Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt -sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. -Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong -bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer -Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende -„Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit -verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel -ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes -Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen -Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und -merkte, dass <em class="gesperrt">Hongkong weit heisser</em> ist, als ich es mir -vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.</p> - -<p>Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und -setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und -lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren -asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.</p> - -<p>Die Felseninsel Hongkong<a name="FNAnker_250_250" id="FNAnker_250_250"></a><a href="#Fussnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a> liegt unter 22° nördl. Breite, dicht -unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract -des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° -östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des -Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz -Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und -misst 83 qkm.<a name="FNAnker_251_251" id="FNAnker_251_251"></a><a href="#Fussnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong -gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten <em class="gesperrt">Ladrones</em>.</p> - -<p>Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden -von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, -zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die -darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, -das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum -abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, -steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (<em class="gesperrt">Victoria</em>), welche -an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, -die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen -Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem <em class="gesperrt">Pik</em>) -verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren -Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen -Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, -bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, -ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf -der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem -Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der -Pforte von Südchina.</p> - -<p>Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und -Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England -abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem -dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon<a name="FNAnker_252_252" id="FNAnker_252_252"></a><a href="#Fussnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a> auf -dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige -chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst -versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,<a name="FNAnker_253_253" id="FNAnker_253_253"></a><a href="#Fussnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a> -darunter waren nur 8000 Europäer.</p> - -<p>Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung -von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus -indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, -rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die -ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der -Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. -Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral -(Commodore), ein General.</p> - -<p>Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> -Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind -befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den -Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der -Handel ist bedeutend, da Victoria einen <em class="gesperrt">Freihafen</em> besitzt, -jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene -Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. -Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar -mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil -des Handels liegt in den Händen der <em class="gesperrt">Deutschen</em>, die in bester -Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus -grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der <em class="gesperrt">schönsten -Gebäude</em> in Ostasien.</p> - -<p>Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere -Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit -Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit -Amerika und Australien in reger Verbindung.</p> - -<p>1884 liefen ein;</p> - -<table class="hongkong" summary="Hongkong, Einfuhr"> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - 26763 - </td> - <td class="tdl"> - Schiffe - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdr"> - 5000000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - darunter - </td> - <td class="tdr"> - 2976 - </td> - <td class="tdl"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 3259000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - 314 - </td> - <td class="tdl"> - Segler - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 290000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - 23473 - </td> - <td class="tdl"> - Dschunken - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1687000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> -</table> - -<p>2397 Schiffe waren britisch, 474 <em class="gesperrt">deutsch</em>. 1890 verkehrten im -Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr -beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für -Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für -Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der -Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 -Millionen Mark.</p> - -<p>Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der -Engländer in der Colonisation.</p> - -<p>Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen -Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen -Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre -1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, -als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, -versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch -arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig -gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet -war. Während 1860–1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die -Gasbeleuchtung, 1866 die Münze ein<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>gerichtet,) so folgte darnach -eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel -endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr -als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.</p> - -<p>1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen -Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der -Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum -durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so -warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen -die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch -musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen -fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind -auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen -feuersicher anzulegen.</p> - -<p>Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer -und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die -europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, -massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser -der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig -mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen -Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor -und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der -granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über -3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, -erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der -Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, -Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen -Garten das Haus des Gouverneurs.</p> - -<p>Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem -Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den -Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, -ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht -ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 -Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht -glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann -folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen -Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist -das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, -Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.</p> - -<p>Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem -Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> holte -Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria -und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach -dem <em class="gesperrt">glückseligen Thal</em> (Happy valley) am Ostende der Stadt.</p> - -<p>Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, -prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird -von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich -nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, -dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr -europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto -mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen -die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück -Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von -Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur -nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch -der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte -gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über -seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern -den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische -Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die -Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle -Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner -und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur -Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein -Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, -aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich -sammeln.</p> - -<p>Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo -ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, -ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im -gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, -auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube -verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. -<em class="gesperrt">Schild</em>, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn -Dr. <em class="gesperrt">Pauluhn</em>, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes -„<em class="gesperrt">Iltis</em>“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge -entfaltet.</p> - -<p>Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der -„Nürnberg“ zusammen mit Capitän <em class="gesperrt">Schmölder</em> vom „Neckar“, und -betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> nach -der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen -vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer -Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche -Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig -Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen -Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf -unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre -wünschenswerth.</p> - -<p>Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann -Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. -Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag -erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die <em class="gesperrt">später</em> -reichlich <em class="gesperrt">Früchte</em> tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen -finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen -in Asien sich umgesehen.</p> - -<p>Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. <em class="gesperrt">Gerlach</em>, einen -ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt -und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in -allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter, -liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein -Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und -japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.</p> - -<p>Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der -chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten -Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten -die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die -jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden -von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen -ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich -gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen -Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, -dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden -wären.</p> - -<p>Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und -Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach <em class="gesperrt">Canton</em>, der drei Tage -in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer <em class="gesperrt">Hankow</em>, der in -Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht</p> - -<p>Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren -fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche -Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist -noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> dem Oberdeck gelegenen, -geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.</p> - -<p>Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,<a name="FNAnker_254_254" id="FNAnker_254_254"></a><a href="#Fussnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a> obwohl -in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, -niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft -oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute -werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe -des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind -von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an -die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.</p> - -<p>Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6–8 Cajütreisenden, -deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung<a name="FNAnker_255_255" id="FNAnker_255_255"></a><a href="#Fussnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a> zahlen, -kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 -englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also -macht das Schiff fast 14 Knoten.</p> - -<p>Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. -Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf -einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. -Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder -Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte -Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung -des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, -von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also -Tiger-Rachen, genannt wird.</p> - -<p>Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt -eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen -auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer -erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern -mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas -anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind -unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien -Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, -jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die -ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit -ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und -Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p> - -<p>Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur -unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die <em class="gesperrt">Heckradschiffe</em>, -deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10–20 -Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit -20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. -amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so -billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass -denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem -bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen -angemalten Augen<a name="FNAnker_256_256" id="FNAnker_256_256"></a><a href="#Fussnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden -bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich -zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, -thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo -die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die -Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist -sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur -20–36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher -erster Classe.</p> - -<p>Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. -Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, -offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und -auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem -Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein -Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder -vertreiben soll.</p> - -<p>Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in -<em class="gesperrt">Wampoa</em>, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen -Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die -merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier -Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel <em class="gesperrt">Schamin</em>. -An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer -tüchtigen <em class="gesperrt">Chinesin</em>, die durch ein neusilbernes Schild auf der -Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels -sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die -Familie besitzt keine andere Heimstätte.<a name="FNAnker_257_257" id="FNAnker_257_257"></a><a href="#Fussnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - -<p>Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, -bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre -Hilfe brauchen werden.</p> - -<p>Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso -hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter -des deutschen Reiches, Herrn <em class="gesperrt">Lange</em>, als auch von dem des -norddeutschen Lloyd, Herrn <em class="gesperrt">Melchers</em>, auf das liebenswürdigste -angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe -angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn -das <em class="gesperrt">Schamin-Hotel</em> genügt mässigen Ansprüchen.</p> - -<p>Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn <em class="gesperrt">Melchers</em> und -statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.</p> - -<p>Canton, chinesisch <em class="gesperrt">Kwang-chow-foo</em> (Kwangtschou), liegt an -dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier -eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der -Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des -chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die -alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 -Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 -Meter dick und 7–13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt -als Neustadt bezeichnet.</p> - -<p>Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei -Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere -Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder — -Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.</p> - -<p>Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen -China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung<a name="FNAnker_258_258" id="FNAnker_258_258"></a><a href="#Fussnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a> und Kwang-Su) -und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten -Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich -ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, — denn das Gebäude der -Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.</p> - -<p>Die Stadt hat den <em class="gesperrt">ältesten</em> Verkehr der Chinesen mit der -Aussenwelt vermittelt und trägt dem <em class="gesperrt">neuesten</em> Rechnung. Schon im -10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer -von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die -<em class="gesperrt">Portugiesen</em>, wurden aber wieder vertrieben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Macao</em> (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) -ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> -Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat -die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische -gerichtet, Macao<a name="FNAnker_259_259" id="FNAnker_259_259"></a><a href="#Fussnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a> zu räumen!</p> - -<p>Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die -<em class="gesperrt">Holländer</em>. Deren Erbschaft haben die <em class="gesperrt">Engländer</em> -angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine -Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 -dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel -eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer -Bauart:</p> - -<table summary="Macao, europäische Einfuhr"> - <tr> - <td class="tdl"> - 1107 - </td> - <td class="tdl"> - Dampfer - </td> - <td class="tdc"> - mit - </td> - <td class="tdc"> - 1 - </td> - <td class="tdc"> - Million - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdl"> - und - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1147 - </td> - <td class="tdl"> - Segler - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> -</table> - -<p><em class="gesperrt">Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle</em>, nach der -englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon -entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, -Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, -Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt -China’s und ein hervorragender Markt für den <em class="gesperrt">inländischen</em> Handel.</p> - -<p>Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl -der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der -eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.</p> - -<p>Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel -aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. -Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, -bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, -einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein -Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn -nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem -betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die -Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an -die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein -der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange -her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt -nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für -die letztere, aus dem einfachen Grunde,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> weil sie für jeden Schaden -aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. -Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den -Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf -kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel -verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, -lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, -und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein -Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.</p> - -<p>Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben -Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende -des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom -Anfang des Jahrhunderts kennen.</p> - -<p>Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.</p> - -<p>Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens -über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner -Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, -Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der -Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die -Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine -Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher -in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. -Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit -einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns -unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den -„rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). -Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie -kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an -diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam -auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: -„Belly<a name="FNAnker_260_260" id="FNAnker_260_260"></a><a href="#Fussnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a> young, no education.“</p> - -<p>Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um -Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und -Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit -ihrem Gruss: „<em class="gesperrt">Tchin, tchin</em>“ den Fremden empfangen.</p> - -<p>Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne -getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner -Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> mit Käppchen, -Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit -der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, -vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste -der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir -wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles -langsam und behaglich betrachten.</p> - -<p>Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das -besser, wir würden das Alles sehr gut in <em class="gesperrt">einem</em> Tage sehen. Er -hatte Recht.</p> - -<p>Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend -für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch -nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt -der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die -Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die -Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie -eine Rundfahrt in einem Caroussel.</p> - -<p>Erstaunlich ist die <em class="gesperrt">Menschenanhäufung</em> in den engen, kaum drei -Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen -farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten -Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem -Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, -dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende -Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie -nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste -ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und -des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger -Volks-Auflauf.</p> - -<p>Was wir besuchen, sind I) <em class="gesperrt">Läden</em>. Zuvörderst (1) einen, wo -die bekannten <em class="gesperrt">Reispapier</em><a name="FNAnker_261_261" id="FNAnker_261_261"></a><a href="#Fussnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a>-<em class="gesperrt">Malereien</em> feil geboten -werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den -kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während -die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht -finden. Unser Meister <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> hat sehr abfällig geurtheilt -über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber -der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt -das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere -Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine -Photographien kaufte.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p> - -<p>Sodann (2) kommt die <em class="gesperrt">Klein-Mosaik-Arbeit</em>. Auf Spangen und andere -Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen -von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld -und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, -verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem -Schmuck Gefallen finden.</p> - -<p>Hierauf folgt (3 u. 4) <em class="gesperrt">Seiden-Weberei</em> und -<em class="gesperrt">Seiden-Stickerei</em>. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl -betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden -haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so -dass es nicht an Licht fehlt.</p> - -<p>Beim <em class="gesperrt">Schwertfeger</em> (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, -abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Elfenbeinschnitzer</em> (6) endlich suchte riesengrosse -Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, -sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns -ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa -zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; -sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige -Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem -Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.</p> - -<p>Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross -unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe -von <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em>, den <em class="gesperrt">Tempeln</em> (II.), deren 800 -in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig -erachtet wurden.</p> - -<p>7) <em class="gesperrt">Der Tempel der</em> 500 <em class="gesperrt">Genien</em> oder Buddha-Schüler enthält, -wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von -denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen -europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und -wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als <em class="gesperrt">Marco -Polo</em> vorgestellt.</p> - -<p>In der Nähe dieses Tempels ist der <em class="gesperrt">Edelstein-Markt</em>. Die Chinesen -schätzen den <em class="gesperrt">Nierenstein</em> (Nephrit, englisch Jade), der aus dem -Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder -Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, -Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.</p> - -<p>8) Der <em class="gesperrt">Tempel des Schreckens</em> zeigt eine gute Sammlung von -Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der -armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p> - -<p>In einem Tempelthurm ist eine alte <em class="gesperrt">Wasseruhr</em>. Vier Kupferbecken -sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer -in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit -Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln -mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser -vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die -ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten -chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine -hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.</p> - -<p>Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung -eines besseren Namens als <em class="gesperrt">Vermischtes</em> bezeichnen.</p> - -<p>Natürlich wurden wir nach einem <em class="gesperrt">Gefängniss</em> (10) geschleppt. -Wer eine solche Besserungs-Anstalt im <em class="gesperrt">wirklichen</em> Europa unsrer -Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in -Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück -halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes -Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von -der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die -halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, -theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett -gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. -Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu -betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren -Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller -Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung -sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein -nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum -Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich -abgenommen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Hinrichtungsstätte</em> (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer -schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen -Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. -Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines -Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er -hatte mich vollständig beruhigt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Squeezi Pidgin</em> oder Quälgeschäft heisst in dem -englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; -so könnte aber mit vollem Recht auch die <em class="gesperrt">chinesische -Staatsprüfung</em> genannt werden. Da sind in der <em class="gesperrt">Prüfungshalle</em> -(12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die -unglücklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des -Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben. -Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere -Beamten-<a name="FNAnker_262_262" id="FNAnker_262_262"></a><a href="#Fussnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a>Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte -uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das -auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als -Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind -ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.</p> - -<p>Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten -<em class="gesperrt">Wall</em> (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und -Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen -Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand -vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen -Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich -von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem -Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute -sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von -Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst -an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen -eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene -<em class="gesperrt">Frühstück</em> (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen -Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und -Rothwein einschloss.</p> - -<p>Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich -einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die -Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.</p> - -<p>Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der <em class="gesperrt">fünfstöckige -Thurm</em> (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit -leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und -der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, -friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und -theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: -einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen -die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade -so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits -auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, -gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Uebung einer -Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in -einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll -das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!</p> - -<p>Der Rückweg brachte uns zunächst an einen <em class="gesperrt">Begräbnissplatz</em> (16) -reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in -denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die -einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den -Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und -verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. -Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; -so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte -uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 -Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn -man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen -Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die -Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.</p> - -<p>Hierauf gelangen wir in die <em class="gesperrt">Tatarenstadt</em> (17), die eine -besondere Umwallung besitzt.</p> - -<p>Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem -stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd -und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde -oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, -sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern -und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.</p> - -<p>Den Schluss der Besichtigungen macht ein <em class="gesperrt">chinesischer Club</em> (18) -der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, -Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Volksgewühl</em> war Nachmittags noch grösser als Vormittags; -aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole -im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.</p> - -<p>Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, -Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden -allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich -nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, -durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden -sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da -er seine <em class="gesperrt">Aufgabe gelöst</em>. Ich glaube seiner Führung und der Stadt -Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten -mit <em class="gesperrt">fortlaufenden Nummern</em> bezeichnet habe.</p> - -<p>Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach -den <em class="gesperrt">Blumenbooten</em> fahren. Das gilt für eine der grössten -Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, -viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind -grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert -sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese -schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die -ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe -herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar -wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle -oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren -„Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten -Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen -und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, -wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde -und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen -Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird -erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke -nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.</p> - -<p>Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem -Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem <em class="gesperrt">Missions-Krankenhaus</em>. -Unterwegs hatten wir Gelegenheit die <em class="gesperrt">schwimmende Vorstadt</em> von -Canton kennen zu lernen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Jedes Boot ist Heimstätte</em> einer Familie. Ueber 300000 Menschen -leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande -gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. -In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine -eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen -Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die -Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, -die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.</p> - -<p>Es giebt auch <em class="gesperrt">Flussbettler</em>, die nie an’s Land kommen, namentlich -Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und -die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, -erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> und -erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der -mildherzige Fremde eine Münze wirft.<a name="FNAnker_263_263" id="FNAnker_263_263"></a><a href="#Fussnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a></p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Missions-Krankenhaus</em> ist eine seltsame Einrichtung. Es -gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen -Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. -Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. -Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre -Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, -bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen -werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und -billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus -aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt!<a name="FNAnker_264_264" id="FNAnker_264_264"></a><a href="#Fussnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a> Die -Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt -lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber -die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.</p> - -<p>Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) -Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die -andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine -Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an -solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. -So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser -Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von -Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe -der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, -wenn ein gut geschulter <em class="gesperrt">deutscher</em> Wundarzt in Canton ein <em class="gesperrt">rein -ärztliches</em> Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen -für <em class="gesperrt">unser Vaterland</em> zu stärken. Auch Herr Generalconsul -<em class="gesperrt">Budler</em>, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner -reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.</p> - -<p>Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in -dem gedruckten Bericht.<a name="FNAnker_265_265" id="FNAnker_265_265"></a><a href="#Fussnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p> - -<p>Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen -Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; -denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch -dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten -zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen -Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im -Krankenhaus feilgehalten.</p> - -<p>In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die <em class="gesperrt">verkrüppelten Füsse</em> -einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach -langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie -unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.</p> - -<p>Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten -eingebogen, — wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, -— und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.</p> - -<p>Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der -eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin -geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht -sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.</p> - -<p>Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der -unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für -ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.</p> - -<p>Vom Krankenhaus fuhren wir nach den <em class="gesperrt">Blumen-Gärten</em> in der -westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich -gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, -wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile -sind aus Thon gebildet und eingesetzt.</p> - -<p>Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, -dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur -Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht -in den prachtvoll erleuchteten <em class="gesperrt">Hafen von Hongkong</em> zurück.</p> - -<p>Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner -Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der -Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus -der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der -Dampfer „<em class="gesperrt">Brindisi</em>“ wird am 27. October abfahren. Ich habe -mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf -solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu -klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. -M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar -nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> und besuchte -sogar das <em class="gesperrt">Museum</em> von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen -Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer -ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch -freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10–5 Uhr offen, ohne -Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie -Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus -Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, -Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und -gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein -Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)</p> - -<p>Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der <em class="gesperrt">Drahtseilbahn</em>. -Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der -Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben -kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich -steil.<a name="FNAnker_266_266" id="FNAnker_266_266"></a><a href="#Fussnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a> Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. -Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die -unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden -Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf -die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen -Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie -ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe -(Gap)<a name="FNAnker_267_267" id="FNAnker_267_267"></a><a href="#Fussnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a> befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station -sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, -mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten -Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen -Zeit vom Mai bis October. Leider sind es <em class="gesperrt">mehrere</em>, der -Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der -Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers -in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.<a name="FNAnker_268_268" id="FNAnker_268_268"></a><a href="#Fussnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a> Das -beste ist Mt. <em class="gesperrt">Austin Hotel</em>. Entzückend ist die Aussicht von -dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der -Nähe desselben<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> auf das gegenüberliegende Festland von China mit den -Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische -Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen -Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute -Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist -die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange -errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer -abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria, -namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der -Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu -hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten -zum Vergnügen des Volkes gestiftet.</p> - -<p>Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der -Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von -Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das -Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische -Herr angenommen, — ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die -Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; — -und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu -zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als -Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem -ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit -der Nachbarschaft weniger zufrieden.</p> - -<p>Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen -Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein -schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit -eignem Bad, nebst <a name="verpflegung" id="verpflegung"></a>guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 -Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und -gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul <em class="gesperrt">Budler</em>,<a name="FNAnker_269_269" id="FNAnker_269_269"></a><a href="#Fussnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a> -der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem -„deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die -Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der -Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. -kostet.</p> - -<p>So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir -noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche -Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie -überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind -das Werk der zahlreichen chinesischen <em class="gesperrt">Uebelthäter</em>, die<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> von den -südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter -den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong -geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische -Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit -bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch -Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.</p> - -<p>Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. -Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder -gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man -eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste -und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich -für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene -zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert -Fuss höher liegt.<a name="FNAnker_270_270" id="FNAnker_270_270"></a><a href="#Fussnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> An der Südküste finde ich auf steilem Hügel -in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein -langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich -seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit -bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier <em class="gesperrt">französisch</em>, -— zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der -ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist -<em class="gesperrt">Bethanie</em>, eine Heilstätte für die französischen Missionäre -in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und -Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, -ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr -mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern -kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.</p> - -<p>Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet -in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und -Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen -Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment -enthalten.<a name="FNAnker_271_271" id="FNAnker_271_271"></a><a href="#Fussnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a> Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, -erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte -Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. -Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, -haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze -kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche -Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.</p> - -<p>Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet -als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte -ich zu Fuss bergab, um die <em class="gesperrt">öffentlichen Gärten</em> Hongkongs, die -auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem -Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die -eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser -Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, -aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man -die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings -hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die -sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl -und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem -Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, -Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem -Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.</p> - -<p>Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen -verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, -australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende -Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran -gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.</p> - -<p>Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen -Aussichtspunkten ist <em class="gesperrt">Bowen road</em>. Dieser Weg führt über den -verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von -Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.</p> - -<p>Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an -den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, -die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen -Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen -Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen -Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.<a name="FNAnker_272_272" id="FNAnker_272_272"></a><a href="#Fussnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a></p> - -<p>Natürlich, <em class="gesperrt">von China wissen wir ebenso wenig</em>, wie von Japan, -und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen.<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> Aber das -ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit -beginnen?</p> - -<p>„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Pulver kannten die Chinesen,</div> - <div class="verse">Konnten auch Gedrucktes lesen,</div> - <div class="verse">Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,</div> - <div class="verse">Und Amerika war immer da,</div> - <div class="verse">Stets wie jetzt uns fern und nah.“<a name="FNAnker_273_273" id="FNAnker_273_273"></a><a href="#Fussnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a></div> - </div> -</div> - -<p>Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten -lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der -neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen -jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu -erlernen und sicher zu behalten.</p> - -<p>Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber -zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.</p> - -<p>Höchst anziehend sind die <em class="gesperrt">Sagen von den ältesten Kaisern</em>. -Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird -gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von -China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein -Stück Ackerland umpflügt.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,</div> - <div class="verse">Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“</div> - </div> -</div> - -<p>Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt -und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für -alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.</p> - -<p>Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, -wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen -Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, -Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) -Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, -Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll -auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen -geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.</p> - -<p>In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123–246 v. Chr.) wurde das -Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von -der vierten Dynastie (Tsin<a name="FNAnker_274_274" id="FNAnker_274_274"></a><a href="#Fussnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a> 246–206 v. Chr.) begründete -Alleinherrschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> des Fürsten und Einheit des Reiches, das er -vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es -folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete -sich die Buddha-Lehre aus.</p> - -<p>Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und -geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.</p> - -<p>1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, -Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen -Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein -Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu -Stifter der <em class="gesperrt">Ming Dynastie</em> (der XX., 1368 bis 1644). Katholische -Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die -Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der -erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten -genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten -Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden -die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten -<em class="gesperrt">Unruhen</em>.</p> - -<p>1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische -Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten -hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong -abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den -Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten -in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.</p> - -<p>Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, -die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im -Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, -der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug -die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie -<em class="gesperrt">Taiping</em> (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen -mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt <em class="gesperrt">Nanking</em>.</p> - -<p>Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen -des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie -als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden -chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, -zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October -1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Euro<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>päer 50000 Chinesen -in die Flucht trieben, nach <em class="gesperrt">Pecking</em> vor, wo die Franzosen den -Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter -Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte -Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen -Vertrag mit <em class="gesperrt">Preussen</em>, gleichzeitig für den Zollverein.</p> - -<p>Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus -Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren -Hülfe die <em class="gesperrt">Taiping-Revolution</em> 1863 durch Eroberung von Nanking -<em class="gesperrt">beendigt</em> wurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg -hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.</p> - -<p>England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit -China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet -und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame -Rolle in Ostasien spielen.</p> - -<p>Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen -des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur -<em class="gesperrt">Unterdrückung der Seeräuberei</em> an den chinesischen Küsten -beigetragen.</p> - -<p>Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von -Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland -drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen -annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 -Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson -siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen -die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. -Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten -20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.</p> - -<p>Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine -balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ -nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den -Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.</p> - -<p>Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der <em class="gesperrt">weise -Khung-futse</em><a name="FNAnker_275_275" id="FNAnker_275_275"></a><a href="#Fussnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a>. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten -Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, -hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> -Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft<a name="FNAnker_276_276" id="FNAnker_276_276"></a><a href="#Fussnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> stellte, und mit -30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten -Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte -Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch -der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines -Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte -so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister -ernannte.</p> - -<p>In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen -verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur -Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte -Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn -niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht -in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich -für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für -solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der -Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben -straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch -gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel -er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.</p> - -<p>Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht -günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge -voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im -dreissigsten.</p> - -<p>Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte -er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen -(Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende -selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine -Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, -Confucius’sche Analekten.)</p> - -<p>Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste -das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber -ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst -sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und -hochverehrt.</p> - -<p>Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der -Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles -Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. -Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler ent<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>halten: Lun Yu -(C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).</p> - -<p>Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch -ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine -Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist -die Stellung der idealen Männer im Universum. <em class="gesperrt">Die Art der Menschen -ist gut von Natur</em>. In dem <em class="gesperrt">Weisen</em> erreicht die Natur ihre -höchste Entwicklung.</p> - -<p>Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist -überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am -besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in -einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.</p> - -<p>Nächst dem Weisen kommt der <em class="gesperrt">hervorragende Mann</em>. Er ist Fehlern -unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, -und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird -auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein -Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht -zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so -handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe -verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht -sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die -stete Sorge des Confucius.</p> - -<p>Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; -kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt -Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich -fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des -Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 -konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu -überschreiten.“</p> - -<p>Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden -werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern -zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer -selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die -Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend -regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, -Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der -Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist -Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur -Erde.<a name="FNAnker_277_277" id="FNAnker_277_277"></a><a href="#Fussnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a> Der Mann sei stark und die Frau sanft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p> - -<p>Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den -Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates -hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn -fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie -willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und -Güte mit Güte.“<a name="FNAnker_278_278" id="FNAnker_278_278"></a><a href="#Fussnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a></p> - -<p>Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es -heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt -werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und -unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der -Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen -Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde -nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom -Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.</p> - -<p>Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine -Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, -seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand -der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen -den Worten dieses Mannes.</p> - -<p>Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul -verdanke, ist das über die <em class="gesperrt">tugendhaften Weiber</em>. (Englisch von -Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der -erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde -es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, -zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des -Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der -kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen -Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen -Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen -Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff -und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren -Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden -das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von -solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> -spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen -Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten -in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was -<em class="gesperrt">er</em> dabei unter <em class="gesperrt">Frauen-Tugend</em> versteht, wird in Asien als -der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p> - -<p>Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude -gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: -er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei -hauptsächlichsten Familien<a name="FNAnker_279_279" id="FNAnker_279_279"></a><a href="#Fussnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a> der deutschen Colonie ein und auch -meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal -auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und -deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts -zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem -landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr -gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu -den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.</p> - -<p>Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung -des Herrn Collegen Gerlach, <em class="gesperrt">Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten</em> -von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.</p> - -<p>1) Das <em class="gesperrt">Regierungs-Krankenhaus</em> ist europäisch eingerichtet -und von englischen Aerzten geleitet. Das <em class="gesperrt">Alice-Krankenhaus</em> -(Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die -Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte -(Dr. <em class="gesperrt">Jordan</em>, Augenarzt, und Dr. <em class="gesperrt">Thompson</em>, Chirurg und -Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem -Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, -eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach -dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 -Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an -der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.</p> - -<p>2) <em class="gesperrt">Asile de St. Enfance</em> liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. -Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte -Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind -sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches -sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar -erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. -Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie -fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze -hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!</p> - -<p>3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte <em class="gesperrt">das Berliner -Findling-Haus</em>. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier -in<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Ostasien eine von <em class="gesperrt">Berlinern</em> gegründete und verwaltete -Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch -irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es -würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue -Freunde und — Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte -ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine -„Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei -uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit -gebe.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="findlingshaus_hongkong" name="findlingshaus_hongkong"> - <img class="mtop1" src="images/i_0225.jpg" - alt="" /></a> - <p class="s5 center mbot1">Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses - zu Hongkong.</p> -</div> - -<p>Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas -grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die -Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor -Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und -Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen -singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe -der chinesischen Classiker. Gegen das 20<sup>te</sup> Jahr werden sie an -chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden -sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen -im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl <em class="gesperrt">ihrer</em> Kinder -betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in -das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von -3–5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam -jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als -ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme -Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, -von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des -Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung -folgt.</p> - -<p>Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine <em class="gesperrt">„Landpartie</em> -nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.</p> - -<p>Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr -Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn -Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich -besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, <em class="gesperrt">war</em> die -<em class="gesperrt">Fröhlichkeit</em> der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und -Thatsachen der Berichte.<a name="FNAnker_280_280" id="FNAnker_280_280"></a><a href="#Fussnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p> - -<p>In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht -aufziehen will oder <em class="gesperrt">kann</em>, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, -aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. -Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche -Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, — was in <em class="gesperrt">Europa -und Amerika</em> geschieht. Der medical Record, eine amerikanische -Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich <em class="gesperrt">in der -Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende</em>. -Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, -1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, -1380 in Venedig, 1687 in London.</p> - -<p>Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, -stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder -bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der -Kindesmorde.</p> - -<p>Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine -Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der -Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind -<em class="gesperrt">bringt</em>, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, — weil es zu häufig -die eigne Mutter war; durch dieses persönliche <em class="gesperrt">Deplacement</em><a name="FNAnker_281_281" id="FNAnker_281_281"></a><a href="#Fussnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a> -wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.</p> - -<p>4) Die <em class="gesperrt">Basler Mission</em> hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält -nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. <em class="gesperrt">Reusch</em> -begrüsste.</p> - -<p>Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem <em class="gesperrt">deutschen -Club</em><a name="FNAnker_282_282" id="FNAnker_282_282"></a><a href="#Fussnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im -Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf -der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.</p> - -<p>Am Nachmittag besuchten wir auch die <em class="gesperrt">Chinesenstadt</em>. In der -mit der Uferstrasse gleichlaufenden <em class="gesperrt">Queensroad</em> befinden sich -neben Banken und europäischen Läden<a name="FNAnker_283_283" id="FNAnker_283_283"></a><a href="#Fussnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a> aller Art auch die feineren -chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, -Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<p>Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, -sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe -vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen -aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der -Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit -erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt -nach dem Begehren.</p> - -<p>Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere -Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, -Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, -Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und -ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, -da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt -werden.</p> - -<p>Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder -Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann -man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar -Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot -ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise -nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische -Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin -changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn -und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing -an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein -Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum -Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.</p> - -<p>Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren -geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels -(d. h. 50×37,<sub>783</sub> Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch -abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, -ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 -Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. -Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich -werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen -ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig -von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen -lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze -wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das -Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch -darüber<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon -vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde -es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste -Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.</p> - -<p>Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für -chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden -Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell -und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene -Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und -die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am -Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben -besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.</p> - -<p>Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, -dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss -genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des -Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer -beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird -bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.</p> - -<p>Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit -besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich -und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der -Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.</p> - -<p>Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse -Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor -seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen -Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als -Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene -Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen -Inschriften von unten bis oben bedeckt.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">gewöhnlichen chinesischen Aerzte</em> sind schäbige Gesellen; man -soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht -mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen -vergleichen. Während es <em class="gesperrt">früher Kaiserliche Schulen</em> der Heilkunde -in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde -ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland -(Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. -Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen -Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst -aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf -der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere -Diener sind mit dem Raspeln<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> von Wurzeln und dergleichen beschäftigt. -Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, -dass er „niemals schneidet.“</p> - -<p>Natürlich giebt es auch <em class="gesperrt">feinere Aerzte</em> in China. In neuester -Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern -gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und -einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.</p> - -<p>Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die -einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren -geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und -Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren -zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, -die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen -und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die -chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt -kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.</p> - -<p>Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen — Freunde jede -Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und -Todesfälle sind thatsächlich selten.</p> - -<p>Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten -da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; -der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch -chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.</p> - -<p>Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich -beträchtlich. <em class="gesperrt">Cho-Chiu-Kei</em>, der chinesische Hippocrates, -welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) -gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das -noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und -worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch -einen <em class="gesperrt">Giftstoff</em>, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er -auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift -wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift -ausgetrieben werden. — Noch vor einem Menschenalter hielten die -europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber -in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz -ähnlichen Anschauungen gelangt.</p> - -<p>Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die -<em class="gesperrt">Tempel</em>. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, -bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf -dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende -Weihrauchstäbchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span></p> - -<p>Natürlich giebt es hier auch <em class="gesperrt">Opium-Kneipen</em>. Aber die Ansicht, -welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze -chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. -Man betrachte den nackten braunen<a name="FNAnker_284_284" id="FNAnker_284_284"></a><a href="#Fussnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a> Oberkörper der Kuli, welche -ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in -Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den -Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.</p> - -<p>Chinesische <em class="gesperrt">Spielhäuser</em>, wie ich sie in Portland und S. -Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten -sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie -neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind <em class="gesperrt">spielwüthig</em> und -fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die -beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den -Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Strassenscenen</em> sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht -und hört man <em class="gesperrt">Fruchtverkäufer</em>. Die Hauptsorten sind <em class="gesperrt">Litchi</em> -(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; <em class="gesperrt">Pumelo</em>, eine -Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen -und Mandarinen; ferner die <em class="gesperrt">Canton-Stachelbeere</em> (Averrhoa -carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig -Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und -Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen -in Aegypten.</p> - -<p>Dort hat ein wandernder <em class="gesperrt">Barbier</em> seinen Sitz aufgeschlagen, -rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf<a name="FNAnker_285_285" id="FNAnker_285_285"></a><a href="#Fussnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a> und holt aus -Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der -<em class="gesperrt">Geschichtenerzähler</em> bricht geschickt ab, wenn der junge -Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash -einzusammeln. <em class="gesperrt">Hochzeits-</em> und <em class="gesperrt">Begräbnisszüge</em> werden -von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche -Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die -Trauer-Kleidung.</p> - -<p>Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, -das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, -und für die Hügel der Palankin.</p> - -<p>Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer -Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer -hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht -38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> -nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich -meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische -Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie -von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren -Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.</p> - -<p>Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der -Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das -auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das -elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz -dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten -enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und -Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um -sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der -tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen -legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich -selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur -wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ -des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse -verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen -der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. -Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem -Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal -aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.</p> - -<p>Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, -die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und -uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn -sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder -Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus -Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, -aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer -Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige -hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte -sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen -Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich -konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, -wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen -Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen -Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore -zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem -Schlafe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p> - -<p>Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; -einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige -Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit -zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) -ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind -geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge -fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, -und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, -Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; -jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.</p> - -<p>Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche -da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine -angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., -der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war -während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben -und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig -geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei -der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung -des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, -der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste -hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in -die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, -denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb -wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer -Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann -noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, -ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu -Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft -aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse -Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit -seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes -überwunden werden kann.</p> - -<p>Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je -zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean -her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und -Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen -Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, -als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein -sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, -unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der -Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> dieses Versuchs scheint -mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung -zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer -Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem -Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen -wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern -die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, -Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.</p> - -<p>Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der -zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die -Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser -Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein -erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine -Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem -Reisetagebuch schrieb.</p> - -<p>Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte -Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen -ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir -angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat -oder gelebt haben soll.<a name="FNAnker_286_286" id="FNAnker_286_286"></a><a href="#Fussnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a></p> - -<p>Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar -Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel -mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen -Linien dringend empfehlen, auch ein solches <em class="gesperrt">Taschenbuch</em><a name="FNAnker_287_287" id="FNAnker_287_287"></a><a href="#Fussnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a> -herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation -Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: -gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu -300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle -Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies -Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.</p> - -<p>Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 -Tonnen im Mittel.</p> - -<p>Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach -Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> -die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ -Unterstützung.</p> - -<p>In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter -P. & O. zurück, in der <em class="gesperrt">Ertragsfähigkeit</em>.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="blockquot"> - -<p>Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:</p> - -<p class="p0">Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.<br /> -Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.<br /> -Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.<br /> -Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.<br /> -Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.<br /> -Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.<br /> -Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.<br /> -<span class="mleft2">Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.</span><br /> -Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.<br /> -Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.<br /> -Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.<br /> -Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.<br /> -Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.<br /> -Abends, 8. November, an Colombo.</p> - -</div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt -die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau -zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe -ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die -Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über -Indien.</p> - -<p>Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) -erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, -auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald -längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb -der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische -Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die -nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge -zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny -gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke -(„gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen -thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, -gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Singapore</em> an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich -vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt -der englischen Colonie <em class="gesperrt">Strait-Settlements</em>, welche die Insel -Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die -ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel -Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse -von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich -und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine -Dampfertagereise nördlich von Java<a name="FNAnker_288_288" id="FNAnker_288_288"></a><a href="#Fussnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a>, nach <em class="gesperrt">Ratzel’s</em> Worten -„an <a name="einerjener" id="einerjener"></a>eine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ -Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 -Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist -ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und -mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der -Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland -(<em class="gesperrt">Djohor</em>) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis -1,<sub>2</sub> Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir -Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan -von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die -englische Krone abgetreten.</p> - -<p>Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen -Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer -in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, -die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon -einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der -Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen -sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen -Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung -beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen -und werden hier Klings genannt. — Unter den (1900) Europäern sind -viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch -einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses -Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat -deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier -einen Consul.</p> - -<p>Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26–27° C. im Schatten, -innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> und -häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. -Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht -die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 -Uhr Abends unter.</p> - -<p>Singapore ist seit der Gründung (1819) <em class="gesperrt">Freihafen</em>, der Handel -der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling -(Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden -hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, -Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der -Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie -beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels -nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 -Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.</p> - -<p>Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän -R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem <em class="gesperrt">botanischen -Garten</em>, der mein Staunen und Entzücken erregte.</p> - -<p>Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno -und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 -in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, -an allen deutschen Universitäten, wobei <em class="gesperrt">Berlin</em> sowohl durch -Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine -der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst -und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen -Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die -Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. -Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste -Vollendung.</p> - -<p>Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, -bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den -letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom -Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl -er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.</p> - -<p>Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen -in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, -Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, -Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen -Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit -ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, -sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen -sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> mit -durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung -des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, -Casuaren.</p> - -<p>Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem -Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten -Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.</p> - -<p>Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe -des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen -bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler -wieder ein<a name="FNAnker_289_289" id="FNAnker_289_289"></a><a href="#Fussnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a>, Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen — -alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser -Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte -(allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen -kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und -zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, -seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er -zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. -Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel -zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, -die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm -beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser -besprengen.</p> - -<p>Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. -Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der -Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig -verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber — nur für kurze Zeit; sofort -schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff -pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. -Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt -seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es -regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, -dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder -Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p> - -<p>Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht -so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus -einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach -abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden -Trichter zu erreichen.</p> - -<p>Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° -C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem -Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.</p> - -<p>Am 5. November fand ich Nachmittags 4<sup>h</sup> +28° C., um 5½<sup>h</sup> +27¾°. -Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen -die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7<sup>h</sup> +27° C., um -9<sup>h</sup> +28°, um 1<sup>h</sup> +29°, um 4½<sup>h</sup> +29° C. Am 7. November Mittags, wo -es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. -November Morgens 7½<sup>h</sup> +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. <em class="gesperrt">Also -von Sonnen-Aufgang bis Untergang</em> 26 bis 29° C.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">Oberägypten</em> hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse -geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor -Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde -zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; -Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch -+30°, und Abends um 9<sup>h</sup> noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan -(dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3<sup>h</sup> aufstand, um das Kreuz -des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5<sup>h</sup> -wurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.</p> - -<p>Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten -theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. -Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum -Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen -grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, -weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine -fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein -des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf -blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die -weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort -wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur -wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.</p> - -<p>Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von <em class="gesperrt">Georgetown</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> an -der Ostseite der Insel Penang<a name="FNAnker_290_290" id="FNAnker_290_290"></a><a href="#Fussnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 -Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.</p> - -<p>Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende -kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger -englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden -und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter -aus England gekommen, zu begrüssen und zu — heirathen. Den Versuch, -mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich -zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. -Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt -machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.</p> - -<p>Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber -hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. -Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der -verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das -Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s -Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; -derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein -Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die -fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Mondbeglänzte Zaubernacht,</div> - <div class="verse">Die den Sinn gefangen hält,</div> - <div class="verse">Wundervolle Märchenwelt,</div> - <div class="verse">Steig’ auf in der alten Pracht.“</div> - </div> -</div> - -<p>Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän -R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk -gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen -verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah — meine -Rückkehr.</p> - -<p>Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt -genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen -Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen -nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische -Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit -fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten -Wasser emporschnellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p> - -<p>Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir den -Anblick einer vollständigen <em class="gesperrt">Mondfinsterniss</em>. Am nächsten Morgen -fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem berühmten -<em class="gesperrt">Atschin</em>. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die -Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem -allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie -nur — wirklich wollten.</p> - -<p>Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die -Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich -Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von -Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die -besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft -entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den -Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so -weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei -„bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35 -Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.</p> - -<p>Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist -<em class="gesperrt">Ceylon</em>, der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, -langgestreckte Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen -von <em class="gesperrt">Point de Galle</em>: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein -Leuchtthurm, eine Flaggenstange, keine Schiffe!</p> - -<p>Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht -nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem -Nachtheil.</p> - -<p>Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von <em class="gesperrt">Colombo</em> Anker. Die -meisten Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass -man auf einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht -scheuen soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl — -mein ganzes Gepäck — in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.</p> - -<p>Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen -Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr -gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur -Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer -in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em>, -wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und -schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner -Moskito (oder <em class="gesperrt">eine</em>, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand -sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das -verrätherische Summen; denkt, es wird nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> gleich so schlimm werden, -bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf, -macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem -das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen -Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das -von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des -Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in -diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum — offenen Fenster hinaus -zu werfen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="VI">VI.<br /> -<b>Ceylon.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen -Reisebeschreibungen unserer <em class="gesperrt">Landsleute</em> (<em class="gesperrt">Schmarda</em> -1854, <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> 1862, Dr. H. <em class="gesperrt">Meyer</em> 1882, Graf -<em class="gesperrt">Lanckorónski</em> 1889, Dr. Eugen <em class="gesperrt">Böninger</em> 1890); ferner aus -Professor <em class="gesperrt">Häckel’s</em> indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und -vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen <em class="gesperrt">Ransonnet-Villez</em> -(Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten -geworden ist.</p> - -<p>Jedoch die eigentliche <em class="gesperrt">Quelle</em> unserer Kenntniss von dieser -merkwürdigen Insel ist das zweibändige <em class="gesperrt">klassische</em> Werk: -<em class="gesperrt">Ceylon</em>, by Sir James <em class="gesperrt">Emerson Tennent</em> (5. Auflage, -London 1860, Longman, Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als -höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit -grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von -Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die -Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste -abgehandelt.</p> - -<p>Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche -Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch -Angaben über den <em class="gesperrt">gegenwärtigen</em> Zustand, ist sehr nützlich -<em class="gesperrt">Ceylon</em> in 1893, by <em class="gesperrt">John Ferguson</em> (London, Huddon & Co. -1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie -das von <em class="gesperrt">Tennent</em>, für welches Ferguson, ein ganz geschickter -Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein -Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.</p> - -<p>Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das -originale <em class="gesperrt">Prachtwerk</em>: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon -von Dr. Paul <em class="gesperrt">Sarasin</em> und Dr. Fritz <em class="gesperrt">Sarasin</em>, III. Band. -Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit -Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ -Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel -des Umfangs umschritten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p> - -<p>Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. <em class="gesperrt">Skeen</em>, C, 1892) -ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck -darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. -Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.</p> - -<p>Einen <em class="gesperrt">Führer nach Kandy und Nuwara Eliya</em> schrieb S. M. -<em class="gesperrt">Burrows</em>, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im -Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: <em class="gesperrt">The burried cities of Ceylon</em>. -(Colombo und London, Trübner 1881).</p> - -<p>Der „<em class="gesperrt">Murray</em>“ für Indien und <em class="gesperrt">Caine</em>’s Picturesque India -(London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.</p> - -<p>Die alte <em class="gesperrt">Geschichte</em> von Ceylon wird auch in dem klassischen -Werk unseres Prof. <em class="gesperrt">Lassen</em> (Indische Alterthumskunde, Leipzig -1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere -englische <em class="gesperrt">Sonderschriften</em> über Ceylon’s Geschichte, die ich aber -nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.</p> - -<p>Hauptquellen für die <em class="gesperrt">Alterthümer</em> sind das letztgenannte Werk, -und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. <em class="gesperrt">Fergusson</em>’s -<em class="gesperrt">Indian and Eastern Architecture</em> (London 1891, J. Murray) sowie, -bezüglich der neuesten Ausgrabungen, <em class="gesperrt">John Ferguson</em>’s <em class="gesperrt">Ceylon -in 1893</em>.</p> - -<p>Schon über die <em class="gesperrt">Namen</em> der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, -wie <em class="gesperrt">Lassen</em> und <em class="gesperrt">Bournouf</em>, ausführliche Abhandlungen -veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie <em class="gesperrt">Lanka</em> (d. i. glückliche -Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder <em class="gesperrt">Sinhala</em>, d. -i. <em class="gesperrt">Loewen-Sitz</em>, bei den makedonischen Griechen <em class="gesperrt">Taprobane</em> -(Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der -Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei -den späteren Griechen <em class="gesperrt">Palai-Simundu</em> (Pali-Simanta im Sanskrit = -Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. -i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend -und eine Nacht“, Selendib oder <em class="gesperrt">Serendib</em> d. i. Sinhala oder -Silan-dwipa = Silan-<em class="gesperrt">Insel</em>. Aus Silan haben dann die Portugiesen -<em class="gesperrt">Zeilan</em>, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">glänzende</em> Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den -<em class="gesperrt">Perlohrring</em> am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das -<em class="gesperrt">Land der Edelsteine</em>, die späteren Griechen das des Hyacinth und -Rubins, die Mohammedaner das <em class="gesperrt">Nach-Paradies</em> von Adam und Eva. -So zeugen auch die <em class="gesperrt">dichterischen</em> Bezeichnungen von der hohen -Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West, -sich zu erfreuen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - -<p>Wenn <em class="gesperrt">Sancho Pansa</em>, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen -strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich <em class="gesperrt">diese</em> -Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns -Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, -Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die -<em class="gesperrt">Palme</em>. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie <em class="gesperrt">besitzt</em> -die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen -der neugeprägten Silbermünzen.</p> - -<p>Ceylon ist übrigens eine ganz <em class="gesperrt">stattliche</em> Insel. Wir täuschen -uns leicht über ihre Grösse,<a name="FNAnker_291_291" id="FNAnker_291_291"></a><a href="#Fussnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a> wenn wir nur auf die Karte von Asien -schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben -haben.</p> - -<p>Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen -5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in -der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer -und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass -Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so -gross wie die Insel Sicilien.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Bevölkerungszahl</em> ist die gleiche für beide Inseln, nämlich -drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für -den Quadratkilometer<a name="FNAnker_292_292" id="FNAnker_292_292"></a><a href="#Fussnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a>, d. h. ebenso gross wie in den mittleren -Bezirken von Ostindien.</p> - -<p>Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von -dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen -Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer -Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden -waren, haben <em class="gesperrt">Emerson Tennent</em> zu der Annahme bewogen, dass Ceylon -in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, -nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch -<em class="gesperrt">Ferguson</em> dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen -zulassen will, und die Vettern <em class="gesperrt">Sarrasin</em> in den verlassenen -Teichen nur den Ausdruck der <em class="gesperrt">Völkerverschiebung</em>, nicht einer -ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine -Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte -des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, -während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf <em class="gesperrt">weite Strecken</em> -ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilo<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>meter -zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon -wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.</p> - -<p>Ceylon ist ein <em class="gesperrt">natürliches Treibhaus</em>, warm und feucht, mit einem -ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. -Obwohl der Boden nicht so reich<a name="FNAnker_293_293" id="FNAnker_293_293"></a><a href="#Fussnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a> ist, wie z. B. in dem vulkanischen -Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den <em class="gesperrt">üppigsten -Pflanzenwuchs</em> hervorzurufen.</p> - -<p>Für den mitteleuropäischen <em class="gesperrt">Menschen</em> ist das Klima <em class="gesperrt">weniger</em> -behaglich. Aber zwei angenehme <em class="gesperrt">Erfrischungen</em> helfen ihm, die -Hitze zu ertragen.</p> - -<p>Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden -Abend ein tüchtiger <em class="gesperrt">Regen</em>, meist unter Gewitter. (Die -Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.<a name="FNAnker_294_294" id="FNAnker_294_294"></a><a href="#Fussnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> Colombo, -die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate -November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll -im Jahre).</p> - -<p>Sodann besitzt Ceylon eine <em class="gesperrt">Gebirgsgegend</em> (hill country), welche -⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) -umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen -die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und -Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige -Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten -Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe -Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern -auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der -letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung -freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese -Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von -Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen -Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.</p> - -<p><em class="gesperrt">Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.</em> Wie in den Gefilden der -Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p> - -<p>Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee — das sind -die <em class="gesperrt">Reichthümer</em> der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.</p> - -<p>Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 -Millionen £.<a name="FNAnker_295_295" id="FNAnker_295_295"></a><a href="#Fussnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a> Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, -5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 -Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 -Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war -1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos -100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak<a name="FNAnker_296_296" id="FNAnker_296_296"></a><a href="#Fussnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a> 80000 und — Kaffee -600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.</p> - -<p>Ausgeführt wird auch <em class="gesperrt">Eben-</em> und <em class="gesperrt">Teak-Holz</em>. Aber -<em class="gesperrt">Nährgetreide (Reis) muss eingeführt<a name="FNAnker_297_297" id="FNAnker_297_297"></a><a href="#Fussnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> werden</em>.</p> - -<p>(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)</p> - -<p>Die früher so berühmten <em class="gesperrt">Edelsteinlager</em> Ceylons (Rubinen, -Saphire, Granaten, Katzenaugen)<a name="FNAnker_298_298" id="FNAnker_298_298"></a><a href="#Fussnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a> scheinen ziemlich erschöpft zu -sein; noch mehr sind es die <em class="gesperrt">Perlenfischereien</em> im Golf von -Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.</p> - -<p>Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, -sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen -aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser -edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders -erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur -<em class="gesperrt">eine Gesteinsart</em> ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie -der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: -das ist der <em class="gesperrt">Graphit</em>, der Stoff für unsre Bleistifte, zu -unschmelzbaren Tiegeln und zu <em class="gesperrt">Anstrichfarben</em>, zum Ueberzug bei -der<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> Galvanoplastik.<a name="FNAnker_299_299" id="FNAnker_299_299"></a><a href="#Fussnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr -1883 und neuerdings 7 Millionen.</p> - -<p>Ganz anders war der <em class="gesperrt">Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit</em>. -<em class="gesperrt">Edrisi</em>, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände -Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und -wohlriechende Stoffe.</p> - -<p>Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind -<em class="gesperrt">Singhalesen</em>, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar -und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind -ein <em class="gesperrt">Mischvolk</em> aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her -eingewanderten <em class="gesperrt">arischen Hindu</em> und den schon lange vorher auf der -Insel ansässigen Ureinwohnern.</p> - -<p>Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die <em class="gesperrt">Tamilen</em>, -dunkelbraune <em class="gesperrt">Dravida</em>, die aus Südindien, besonders von der -Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon -vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils -neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung -suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und -beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).</p> - -<p>Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger -Bildungsstufe verblieben sind, den <em class="gesperrt">Wedda</em>, ist noch ein geringer -Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der -Vettern <em class="gesperrt">Sarrasin</em> stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, -aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene -Bevölkerung dar.</p> - -<p>Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die -Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die -Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu -verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge -abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel -Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung -der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten -verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000 -<em class="gesperrt">Europäer</em> und angeblich 20 000 <em class="gesperrt">Eur-asier</em>, d. h. Mischlinge -von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von -Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.<a name="FNAnker_300_300" id="FNAnker_300_300"></a><a href="#Fussnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p> - -<p>Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine -Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 -Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die -Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der -nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken -durch ihre Missions-Gesellschaften, — bischöfliche, presbyterianische, -wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische -Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen -sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein -Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und -dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.</p> - -<p>Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. -Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess -<em class="gesperrt">Maha-wanso</em>, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die -dichterische <em class="gesperrt">Chronik</em>, welche in der dem Sanskrit verwandten -Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der -Singhalesen — <em class="gesperrt">Elu</em> genannt — ist gemischt, ähnlich wie -die englische, und zwar aus einem angeblich<a name="FNAnker_301_301" id="FNAnker_301_301"></a><a href="#Fussnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a> der Tamilsprache -verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die -einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion; -und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die -Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).</p> - -<p>170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte -König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern -abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre -eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite -Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.</p> - -<p>Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem -Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und -vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. -Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die -letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig -geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> wurden -sie 1632–1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich -von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten -die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; -sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen -Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch -wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs -der ganzen Südwestküste.</p> - -<p>1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten -und 1815 zu einer <em class="gesperrt">Kron-Colonie</em> gemacht, nachdem das Königreich -Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern -widerstanden, endgiltig besiegt worden war.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Gouverneur</em> herrscht über die Insel, selbstherrlich und -uneingeschränkt,<a name="FNAnker_302_302" id="FNAnker_302_302"></a><a href="#Fussnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das -aber ziemlich fern weilt, — in Downingstreet zu London. Sechs Jahre -pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit -von jährlich 80000 Rupien bezieht.</p> - -<p>(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen -die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last -der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der -Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes -berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu -den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste -Kron-Colonie Englands darstellt.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">The best and brightest gem</div> - <div class="verse">In Britain’s orient diadem.</div> - </div> -</div> - -<p>1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten -jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur -Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte -der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; -im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das -Einkommen 17962701 Rupien;<a name="FNAnker_303_303" id="FNAnker_303_303"></a><a href="#Fussnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a> 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr -1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ -Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen -zu zahlen. Die Schuld der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und -ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke -verbraucht worden.</p> - -<p>Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem -Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme -begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den -Weltmarkt zu erobern.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Colombo">Colombo,</h3> - -</div> - -<p>die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. -(Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen -Geographen als <em class="gesperrt">Calambu</em>, die grösste und schönste Stadt von -Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte -Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; -fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die -Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: -1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser -und 120000 Einwohner.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, -wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen -nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das -übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;<a name="FNAnker_304_304" id="FNAnker_304_304"></a><a href="#Fussnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> dann das -erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, -Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa -40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem -Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten -Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die -von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort -und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden -europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so -dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung -Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten -Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner -Morgen-Cigarre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p> - -<p>Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen -weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten -einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.</p> - -<p>Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, -nämlich mir einen <em class="gesperrt">Ueberblick über die Stadt Colombo</em> zu -verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ -abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich -an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.</p> - -<p>Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, -barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm -in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über -die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: -„<em class="gesperrt">Po</em>“, d. h. Pack’ dich — zum Glück sowohl in der Sprache der -Singhalesen als auch in der der Tamilen.</p> - -<p>Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht<a name="FNAnker_305_305" id="FNAnker_305_305"></a><a href="#Fussnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a> auf -denselben, liegt unser riesiges, weisses <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em><a name="FNAnker_306_306" id="FNAnker_306_306"></a><a href="#Fussnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a> mit -125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von -einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. -h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, -Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, -Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während -Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, -Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich -herumtreiben.</p> - -<p>Ueber einen freien Platz, vorbei an einem <em class="gesperrt">Kiosk</em>, wo die -Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem -Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) -die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung -feil<a name="FNAnker_307_307" id="FNAnker_307_307"></a><a href="#Fussnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a> bietet, gelangt man zu dem Zollhaus<a name="FNAnker_308_308" id="FNAnker_308_308"></a><a href="#Fussnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> und dem überdachten -<em class="gesperrt">Landungsplatz</em>,<a name="FNAnker_309_309" id="FNAnker_309_309"></a><a href="#Fussnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a> wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr -herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern -und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> -von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, -welche die Fahrpreise regelt.</p> - -<p>Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen -sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den -Ecken.</p> - -<p>Ceylon gehört zu Ostasien, Silber<a name="FNAnker_310_310" id="FNAnker_310_310"></a><a href="#Fussnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> ist die Währung. Der Reisende, -welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch -noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, -verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er -nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist -die <em class="gesperrt">Rupie</em>; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe -von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie -geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria<a name="FNAnker_311_311" id="FNAnker_311_311"></a><a href="#Fussnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> in -den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.</p> - -<p>Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch -die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, -ist der Werth des Silbers von 1874–1892 stetig gesunken, so dass die -Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. -Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen -Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn -nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib -und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden -Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; -Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere -Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, -als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung -eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 <em class="gesperrt">Cents</em>, die Viertel-Rupie -25 Cents.<a name="FNAnker_312_312" id="FNAnker_312_312"></a><a href="#Fussnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a> Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon -geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin -Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der -Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ -Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der -Bettler würdevoll zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p> - -<p>Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die -Mehrzahl der <em class="gesperrt">Boote</em> im Wasser daneben.</p> - -<p>Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der -Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig -die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen -Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents -für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher -und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am -zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der -<em class="gesperrt">Auslegerkahn</em><a name="FNAnker_313_313" id="FNAnker_313_313"></a><a href="#Fussnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a>. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15–20 Fuss -Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter -sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum -zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener -darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. -Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, -gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein -dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das -schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.</p> - -<p>Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum -Fischen am Strande. <em class="gesperrt">Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie -gewesen.</em></p> - -<p>Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander -befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das -gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und -hat vielleicht mit Veranlassung zu der <em class="gesperrt">Sage vom Magnetberg</em> -gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage -allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird -schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert -n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem -Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit<a name="FNAnker_314_314" id="FNAnker_314_314"></a><a href="#Fussnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> und ferner -von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas -andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Katamaran</em>, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht -ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern -überlassen. Der Name bedeutet <em class="gesperrt">Holz-Gebinde</em><a name="FNAnker_315_315" id="FNAnker_315_315"></a><a href="#Fussnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a>; das Fahrzeug -ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, -aber<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht -sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten -so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und -mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher -den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller -Zufriedenheit der Regierung geleistet!</p> - -<p>So leer die Rhede von Point de Galle, <em class="gesperrt">so voll ist der Hafen</em> -von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und -Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, -Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren -Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach -Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. -Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, -der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch -vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, -Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. — -Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des -Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.</p> - -<p>Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten -vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen -Australien-Dampfern<a name="FNAnker_316_316" id="FNAnker_316_316"></a><a href="#Fussnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen -und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das -Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört -das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges -Völkchen vergröberter Yankees.</p> - -<p>Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und -gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht -bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von -Colombo in einen der <em class="gesperrt">sichersten und bequemsten Häfen</em> des -Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der -<em class="gesperrt">Wellenbrecher</em> (Breakwater).</p> - -<p>Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss -ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer -Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. -Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16–32 Tonnen Gewicht, -die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über -Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die -Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p> - -<p>500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; -die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für -die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. -Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie -die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich -in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. -Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der -Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der -Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. -Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span> der Kosten -des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf -eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock -herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand -der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen -werden.</p> - -<p>Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck -hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem -Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme -Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das -Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende -Sonne entzückend. Ich war aber <em class="gesperrt">ganz allein</em>, wie schon öfters -auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, — nur zahlreiche -eilfertige <em class="gesperrt">Krabben</em> kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere -Beute zu finden.</p> - -<p>Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung -des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller -Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.</p> - -<p>Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der -das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen -kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass -auch das Bild des <em class="gesperrt">europäischen Stadttheiles von Colombo</em> sehr -gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten -portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt -und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat -man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)</p> - -<p>Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard -(<em class="gesperrt">Yorkstreet</em>) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei -Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten -Grün. Der stattliche <em class="gesperrt">Tulpenbaum</em> (Suriya, Thespesia populnea) -gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch -angenehmen Schatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p> - -<p>Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. -& O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen -Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.</p> - -<p>Von dem Landungsplatz nach Osten zieht <em class="gesperrt">Churchstreet</em>, an deren -Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (<em class="gesperrt">Gordon’s</em> -G.) und der <em class="gesperrt">Wohnsitz des Gouverneurs</em> (Queen’s house). Vor diesem -steht die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard <em class="gesperrt">Barnes</em>. Das Kunstwerk -ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den -Jahren 1820–1822 und 1824–1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch -<em class="gesperrt">Anlegung von Strassen</em>. Als die Engländer in Ceylon landeten, -gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede -Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir -Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am -13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt -ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist -das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut -begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann -zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine -entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten -hatte.</p> - -<p>Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und -schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne -macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen -Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne -mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen; -und biege nach rechts in die <em class="gesperrt">Princess-Street</em> ein, wo in -riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die -vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.</p> - -<p>Es zieht mich zur <em class="gesperrt">Post</em>, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet -wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, -von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die -Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die -Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich -mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 -Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)</p> - -<p>In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor -ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken -nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab -Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen -wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> schliessen. Aber -der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den -Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte -die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden -war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen -Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New -Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste -im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. -(Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch -diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht -das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt -es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; -darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.</p> - -<p>Ich gehe noch weiter südlich nach <em class="gesperrt">Chatam-Street</em>, die mit -Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen -Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. -Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt -der <em class="gesperrt">Glockenthurm</em>, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch -als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem -Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge -bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.<a name="FNAnker_317_317" id="FNAnker_317_317"></a><a href="#Fussnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a> -Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte -Geschäftshaus unseres Consuls, des Herrn <em class="gesperrt">Freudenberg</em>, dessen -Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit -der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit -werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines -Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien -in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän -zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.</p> - -<p>Danach tritt die <em class="gesperrt">tropische Mittagshitze</em> in ihre Rechte. Ich -verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige -Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage -nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) -und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr -wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und -wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten -in der Veranda.</p> - -<p>Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und -<em class="gesperrt">Schlangen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>zauberer</em><a name="FNAnker_318_318" id="FNAnker_318_318"></a><a href="#Fussnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a> erspäht, durch Wort und Geberden seinen -Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem -flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange<a name="FNAnker_319_319" id="FNAnker_319_319"></a><a href="#Fussnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a> und spielt -auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt -und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten -Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch -einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, -ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen -worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen -vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler -einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit -des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz -unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum -Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein -auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie -ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres -(Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die -Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der -alte <em class="gesperrt">Schlangendienst</em> der Ureinwohner (Naga) noch deutliche -Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren -man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb -eingeschlossen und in den Fluss geworfen.</p> - -<p>Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist <em class="gesperrt">das Wachsen des -Mangobaumes</em>, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde -auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt -und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem -Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer -sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige -Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere -Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.</p> - -<p>Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch -nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in -derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit -der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige -Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag -über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span></p> - -<p>Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez -und grauem Vollbart; es ist <em class="gesperrt">Arabi Pascha</em> aus Aegypten, den -die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, -mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als -sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum -Trost und zum Ersatz erhalten haben.</p> - -<p>Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen -Einspänner, natürlich mit einem <em class="gesperrt">Pferde</em>; 2 Rupien beträgt -der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die <em class="gesperrt">Ochsendroschken</em><a name="FNAnker_320_320" id="FNAnker_320_320"></a><a href="#Fussnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a> -der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die -Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für -die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder -Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach -Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder -nicht, zunächst nach den <em class="gesperrt">Zimmtgärten</em> (Cinamom gardens).</p> - -<p>Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das -Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (<em class="gesperrt">Pettah</em>, -d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten -Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und -angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur -linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen -fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die -Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.</p> - -<p>Dann kommt der <em class="gesperrt">Trödelmarkt</em>, der eigentliche Anfang von Pettah, -mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren -und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten -Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde -der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen -Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. -Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt</p> - -<p>Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der -mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es -vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen -unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld -und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der -Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> zu -schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein <em class="gesperrt">Hindu-Tempel</em>,<a name="FNAnker_321_321" id="FNAnker_321_321"></a><a href="#Fussnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a> -ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl -von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten -und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball -von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein -vereinzeltes Andenken an die <em class="gesperrt">holländische</em> Zeit, ein alter -Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) -Wolvendal-Kirche der Reformirten.</p> - -<p>Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach <em class="gesperrt">Lake</em> -oder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung -des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt <em class="gesperrt">nördlich</em> von Colombo -in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, -künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die <em class="gesperrt">Sklaven Insel</em> -(Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert -hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt -ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. -Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf -die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von -Colombo, die Vorstadt <em class="gesperrt">Kollupitya</em>, von den Engländern kürzer -Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch -zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem -Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von -den <em class="gesperrt">Zimmt-Gärten</em> eingenommen wird.</p> - -<p>Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem -Namen verbunden und gar die alte <em class="gesperrt">Fabel</em><a name="FNAnker_322_322" id="FNAnker_322_322"></a><a href="#Fussnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a> geglaubt hat, dass -die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar -seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.</p> - -<p>Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die -Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch -besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige -abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich -Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des -Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten -aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum -Verkauf an.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zimmt</em>, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten -Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen -Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> es -erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den -Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.</p> - -<p>Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt -und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im -Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, -dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der -Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen -<em class="gesperrt">Zimmt-Insel</em> veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in -fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt -als Handelserzeugniss Ceylon’s vor <em class="gesperrt">Ibn Batuta</em>, d. h. vor dem 14. -Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Holländer</em> machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und -bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung -eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den -Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er -geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der -Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund -aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft -völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den -Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. -Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, -im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.</p> - -<p>Unter der <em class="gesperrt">englischen</em> Herrschaft erhielt zuerst die ostindische -Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund -aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis -½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze -gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus -Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne<a name="FNAnker_323_323" id="FNAnker_323_323"></a><a href="#Fussnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a> -ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. -Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 -Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum -bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen -bearbeitet.</p> - -<p>Der Zimmtbaum<a name="FNAnker_324_324" id="FNAnker_324_324"></a><a href="#Fussnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss -Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von -diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und ein<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>zelne -Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der -Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von -1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der -fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15–20 englische -Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten -des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die -Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 -bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.</p> - -<p>Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu -vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss -lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser -abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich -geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die -Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, -auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf -werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel -gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine -Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. -Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die -Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem -Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im -Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von -30 Pfund fest verpackt.</p> - -<p>Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische <em class="gesperrt">Zimmtöl</em>. Dasselbe -wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation -mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu -wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die -<em class="gesperrt">Zimmtblüthen</em> kommen hauptsächlich aus China.</p> - -<p>Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die -<em class="gesperrt">Ackerbauschule</em>, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn -Jahren äusserte sich H. <em class="gesperrt">Meyer</em> darüber folgendermaassen: „Ein -reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit -der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine -landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem -Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener -Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten -Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen; -das war das Mustergut.“</p> - -<p>Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische -Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der -Dorf<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>schulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu -verbreiten.</p> - -<p>Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige -<em class="gesperrt">Victoria-Park</em>, in dessen Bereich das <em class="gesperrt">Museum</em> liegt. Dieses -habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit -genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür -zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch -von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und -warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand -ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige -Ceylonesen.</p> - -<p>Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. <em class="gesperrt">Gregory</em>, -der von 1872–1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, -dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an -die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That -ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den -Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine -Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ -gekostet.</p> - -<p>Der Inhalt der <em class="gesperrt">Sammlungen</em> ist, wie gewöhnlich in Ostasien, -äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung -und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen -Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster -Gegenstand die <em class="gesperrt">singhalesischen Alterthümer</em> zu erwähnen: die -berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem -Landsmann, meinem Studiengenossen Dr. <em class="gesperrt">Goldschmidt</em> verdanken, -der als Professor zu Strassburg, <a name="zufrueh" id="zufrueh"></a>leider zu früh für die Wissenschaft, -verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht -hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, -Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, -Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der -Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und -Reiterpistolen; endlich die bekannten <em class="gesperrt">Masken der Teufel-Tänzer</em>, -welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf -unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo -Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede -besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem -besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die -entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter -Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den -Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst -bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer, -Eng<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>länder in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen. -Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige -Teufel-Tänzer.</p> - -<p>Ferner sind vorhanden <em class="gesperrt">Natur- und Kunsterzeugnisse</em> der Insel. -Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren -fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen -haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber -Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine -<em class="gesperrt">ethnographische</em> Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen -Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen -in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer -Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen -Beifall gefunden zu haben.</p> - -<p>Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der -Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die -Buddha-Lehre noch lebendig ist.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche</em> Abtheilung mit ihren Säugethieren, -Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen -ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, -wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei -Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der -erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie -mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und -angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene -Eisenbahnschienen verwundern.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Rückfahrt</em> nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen -Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine -prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, über <em class="gesperrt">Southern drive</em>, -eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse -längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir Henry <em class="gesperrt">Ward</em> -diesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern -an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.</p> - -<p>Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des -Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die -Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und -blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des -Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger -und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren -Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch -den kleinen Stadttheil <em class="gesperrt">Galle-Face</em> mit seinen prachtvollen Palmen -zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> des Abendessens die -unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke -ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball -sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den <em class="gesperrt">Häckel</em> -vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu -sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze -Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder -in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten -und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht -lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.</p> - -<p>Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick -in <em class="gesperrt">Gordon’s Garten</em> zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich -nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von -einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot der -<em class="gesperrt">singhalesische Don Juan</em>, das lange rabenschwarze Haar zierlich -gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, -geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, -einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste -gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von -tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, -wie bei uns im Herzen von Europa.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Mittagessen</em> im <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em> (um 7½ Uhr -Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit -zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in -Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter -überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt. -Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch; -der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.</p> - -<p>Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine -Cigarre dazu, — in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für -alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst -höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen -der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), — als ob es keine -Frauen in der Welt gäbe.</p> - -<p>In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.</p> - -<p>Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der -Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung -zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den -Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.</p> - -<p>Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offen<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>gehaltener -Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme<a name="FNAnker_325_325" id="FNAnker_325_325"></a><a href="#Fussnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a> seufzend + 22° -C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers -sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige -Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.</p> - -<p>Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, -schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen des -<em class="gesperrt">Höllenlärms</em> auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre -Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer -mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt -gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht -gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der -friedlichen Vorstadt.</p> - -<p>Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und -verscheucht die Nachtschwärmer.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in -der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten -zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, -Banya in der nördlichen Vorstadt <em class="gesperrt">Kotahena</em>, in der südlichen -Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu -betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern -(Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, -Wilhelmsruhe, Rheinland.</p> - -<p>Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, -wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach -des darauf erbauten <em class="gesperrt">Wasserbehälters</em> erklimmt. Hier, in einer -Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar -an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen -<em class="gesperrt">Palmenwald</em>, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig -wie vergraben.</p> - -<p>Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 -Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu -Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern -der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen -Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> welcher -8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf<a name="FNAnker_326_326" id="FNAnker_326_326"></a><a href="#Fussnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a> für drei -Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.</p> - -<p>Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen -wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen -Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines -Einspruchs.</p> - -<p>In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich -Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein -Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und -geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den -wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der -durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem -italienischen Dorfe stehen.</p> - -<p>Einer der schönsten <em class="gesperrt">Ausflüge</em> von Colombo geht nach dem -<em class="gesperrt">Buddhistentempel von Kelani</em>. Durch Pettah und die nördliche -Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo -einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen -stehen.</p> - -<p>Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges -Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den -Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die -feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); -ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. -Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane<a name="FNAnker_327_327" id="FNAnker_327_327"></a><a href="#Fussnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a> und der -Brodfruchtbaum<a name="FNAnker_328_328" id="FNAnker_328_328"></a><a href="#Fussnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a> und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an -den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein -Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit -entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz -bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.</p> - -<p>„In dieser Armuth, welche Fülle!“</p> - -<p>Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz -(curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); -gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und -unentbehr<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span>lichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche -Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird -allenthalben feilgeboten.</p> - -<p>Wir erreichen den besuchten <em class="gesperrt">Grandpass-Markt</em> mit echt asiatischem -Dorfleben und die Schiffsbrücke über den <em class="gesperrt">Kelani Ganga</em>.<a name="FNAnker_329_329" id="FNAnker_329_329"></a><a href="#Fussnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a></p> - -<p>Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; -sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem -Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch -noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um -die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag -zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne -Gürtelbrücke errichtet werden.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Kelani</em>- (oder Kalany) <em class="gesperrt">Fluss</em> hat eine Länge von 157 -km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. -(Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) -längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen -<em class="gesperrt">Tempel</em>. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, -später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen -Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch -für ein verdienstliches Werk.</p> - -<p>Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von -Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. -Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.</p> - -<p>Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches -Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser -Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer -Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, -dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, -sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen -lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. -Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.</p> - -<p>Nunmehr bekam ich auch <em class="gesperrt">Buddha</em> zu sehen. Die Bildsäule ist -36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf -seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame -Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich -praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen -früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum -Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> -in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, -findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, -Shiva und Ganesa.<a name="FNAnker_330_330" id="FNAnker_330_330"></a><a href="#Fussnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a></p> - -<p>In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. -Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.</p> - -<p>Einen zweiten Ausflug, nach <em class="gesperrt">Mount Lavinia</em>, machten wir mit dem -Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten -die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die -Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden -mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, -herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.<a name="FNAnker_331_331" id="FNAnker_331_331"></a><a href="#Fussnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a> Derselbe ist in grössere, -kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam -bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern -um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung -erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem -Dämon (Yakha) geweiht ist, — oder auch dem Buddha oder dem Vishnu -oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges -Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben -will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, -jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist -das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine -wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und -auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem -Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe -ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein -biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete -Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten -anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, -zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann -der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und -aufrecht erhalten.</p> - -<p>Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, -mir eine <em class="gesperrt">Kokosnuss</em> herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht -gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> in -Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in -einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen -Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts -gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und -mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten -des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse -Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem -grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein -wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss -ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem -Europäer vorkommt,<a name="FNAnker_332_332" id="FNAnker_332_332"></a><a href="#Fussnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a> — Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall -die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der -Mittagsgluth wieder zu Hause.</p> - -<p>So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem -Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie -sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.</p> - -<p>Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers -gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; -dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende -Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit -zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die -stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und -darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen -Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort -draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische -Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer -Betrachtung, die Menschen, — Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso -fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu -entziehen vermag.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Singhalese</em> ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis -zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem -und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten -auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus -Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die -eigenthümliche weibische Haartracht der<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> Singhalesen ist schon vor mehr -als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten -besonders angemerkt worden.<a name="FNAnker_333_333" id="FNAnker_333_333"></a><a href="#Fussnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a></p> - -<p>Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen -langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus -einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der -schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch -ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock -und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und -zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das -lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen -und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur -Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.</p> - -<p>Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den -Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; -aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit -Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche -für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom -Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem -unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.</p> - -<p>Bei den <em class="gesperrt">Tamilfrauen</em> ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; -dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt -sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, -zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, -Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und -Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die -linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu -oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz -gut steht.</p> - -<p>Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, -kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, -dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel -um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig -herabhängt.</p> - -<p>Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die -<em class="gesperrt">Chetties</em> mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, -ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu -den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Baumwolle -und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie -vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl -sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum -heutigen Tage auf Palmblätter.</p> - -<p>Die mohammedanischen Indo-Araber oder <em class="gesperrt">Mohren</em>, in Colombo ein -Fünftel der Bevölkerung,<a name="FNAnker_334_334" id="FNAnker_334_334"></a><a href="#Fussnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> haben oft ganz deutlich arabische -Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche -Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und -Schuhe oder Pantoffel.</p> - -<p><em class="gesperrt">Juden</em> sollen in Ceylon fehlen.</p> - -<p>Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. -rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, -welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- -und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. -Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon -aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier -Christen, vier Muselmännern, vier Juden.</p> - -<p>Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten -wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder -und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen -abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, -erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob -das <em class="gesperrt">Abkömmlinge der alten</em> sind, oder <em class="gesperrt">neue Ankömmlinge aus -Bagdad</em>, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht -erfahren.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Kandy">Kandy.</h3> - -</div> - -<p>Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von -Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach <em class="gesperrt">Kandy</em>.</p> - -<p>Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein -hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein -Fünftel des Gesammt-Einkommens<a name="FNAnker_335_335" id="FNAnker_335_335"></a><a href="#Fussnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a> der Colonie.</p> - -<p>Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy<a name="FNAnker_336_336" id="FNAnker_336_336"></a><a href="#Fussnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> und<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> weiter -bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, -128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy -bis Matale, 22 engl. Meilen.</p> - -<p>Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) -und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.<a name="FNAnker_337_337" id="FNAnker_337_337"></a><a href="#Fussnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a></p> - -<p>(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist -man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch -hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna -vorbereitet.)</p> - -<p>Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut -gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 -Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung -von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.</p> - -<p>Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der -Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen -Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland -durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.</p> - -<p>Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in -englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss -ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling -im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine -Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche -Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den -bevorzugten, ja unvergesslichen.</p> - -<p>Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer -gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich -geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen -gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen -Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl -Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo -und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure -Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der -Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, -aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam -ausgeglichen, als wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die -verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer -muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; -in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.</p> - -<p>Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. -In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein -Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. -(Fort-Station.)</p> - -<p>Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, -aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger -Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien<a name="FNAnker_338_338" id="FNAnker_338_338"></a><a href="#Fussnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a> (zweiter -Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.</p> - -<p>Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da -112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto -mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die -Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter -Classe.<a name="FNAnker_339_339" id="FNAnker_339_339"></a><a href="#Fussnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a></p> - -<p>Wir fahren um den See herum nach dem <em class="gesperrt">Haupt-Halteplatz</em> von -Colombo und von da über <em class="gesperrt">Maradana-Anschluss</em>,<a name="FNAnker_340_340" id="FNAnker_340_340"></a><a href="#Fussnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> wo reichlich -Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens -geboten wird, nordöstlich zur <em class="gesperrt">Eisenbahnbrücke</em> über den -Kelani-Fluss.</p> - -<p>Der erste Theil der Fahrt geht durch <em class="gesperrt">ebene Gegend</em>, hauptsächlich -<em class="gesperrt">Reisfelder</em>, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch -zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im -Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe -auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu -suchen.</p> - -<p>Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, -1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis -gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.</p> - -<p>Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und -Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reis<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>felder. Auf -niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, -umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume -mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen -Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen -weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie -Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit -offen gegen eine Palmenpflanzung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Reisbau</em> ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen -im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. -Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die -künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser -Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. -Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von -den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört -worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür -von 1867–1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 -Acres,<a name="FNAnker_341_341" id="FNAnker_341_341"></a><a href="#Fussnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen -unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide -bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige -Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,<a name="FNAnker_342_342" id="FNAnker_342_342"></a><a href="#Fussnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a> -oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der -Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich -zugenommen.</p> - -<p><em class="gesperrt">John Ferguson</em>, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf -Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines -Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der -<em class="gesperrt">Reisbau-Steuer</em> (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre -gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das -Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere -Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der -armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.</p> - -<p>Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen <em class="gesperrt">Gartenbau</em> in -Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), -sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.</p> - -<p>Sehr zahlreich sind die <em class="gesperrt">Halteplätze</em>, über ein Dutzend. Der Zug<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> -braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; -macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.</p> - -<p>Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen -Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern -von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die -kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.</p> - -<p>Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet -der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine -frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. -Für uns ist ein <em class="gesperrt">Erfrischungswagen</em> eingeschoben, in dem ein -vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von -mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.</p> - -<p>Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne -die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des -Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn -sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die -Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man -sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte -Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich -steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten -geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: -fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, -die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und -Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss -Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald -(Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz -stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen -Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.</p> - -<p>Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher -den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: -ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im -Felsengebirge von Canada geniesst.</p> - -<p>Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug -an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten -schweift, ohne einen Halt zu entdecken. <em class="gesperrt">Sensationrock</em> heisst -diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.</p> - -<p>Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem -eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben -aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und -zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der -Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach <em class="gesperrt">Queen’s<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> -Hotel</em>, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem -Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, -sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kandy</em>, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der -erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie -die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf<a name="FNAnker_343_343" id="FNAnker_343_343"></a><a href="#Fussnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a> oder eine Gruppe von -drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der -Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die -Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu -Peradenia.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den -singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden -zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel -gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen -Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.</p> - -<p>1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von -Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine -Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. -Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 -in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren -Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. -Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in -den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst -gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder -in Getreidemörsern zu zerstampfen,<a name="FNAnker_344_344" id="FNAnker_344_344"></a><a href="#Fussnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> und danach geköpft; Kinder -der <em class="gesperrt">Gallas</em>-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man -<em class="gesperrt">höre</em>, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von -der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit man <em class="gesperrt">sähe</em>, wie die -Krokodile sie verschlingen.</p> - -<p>Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die -Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen -Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen -gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> ihre Gewalt -zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern -und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, — schon -1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien -der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in -Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 -und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der -Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. -Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel -der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in -Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.</p> - -<p>Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es -zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische -Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu -kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 -mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer -Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine -Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und -als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die -Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die -Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.</p> - -<p>Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der -holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.</p> - -<p>Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen -Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein -blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber -der englische Gouverneur, Herr F. <em class="gesperrt">North</em>, Earl of Guilford, nahm -thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers -Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als -ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts -und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine -englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth -der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer -sowie den Schatten-König ermorden.</p> - -<p>Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer -Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten -Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb -aufgeschoben.</p> - -<p>Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen -Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> -und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen -Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter -Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König -einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische -Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man -eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.</p> - -<p>In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das -Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass -die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt -und — ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte -bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so -dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an -die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen -eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der -Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem -herrscht Frieden im Lande.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte -rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.</p> - -<table class="p285 collapse smaller" summary="Zahlen über Ceylon 1815 bis 1893"> - <tr> - <th class="bright"> - Jahr - </th> - <th class="bright"> - Bevölkerung - </th> - <th class="bright"> - Einkommen<br /> - der Colonie<br /> - £ - </th> - <th class="bright"> - Bebautes<br /> - Land<br /> - <span class="smaller">Acres</span> - </th> - <th class="bright"> - Handel<br /> - <br /> - £ - </th> - <th class="bright"> - Tonnengehalt<br /> - der Schifffahrt<br /> - - </th> - <th class="bright"> - Reg.-Ausgabe<br /> - für Erziehung<br /> - £ - </th> - <th class="bright"> - Reg.-Ausgabe<br /> - für Gesundheit<br /> - £ - </th> - <th> - Armen-<br /> - unterstützung<br /> - £ - </th> - </tr> - <tr> - <td class="tdr bright"> - 1815 - </td> - <td class="tdr bright"> - 750000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 226000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 400000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 546000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 75000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 3000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 1000 - </td> - <td class="tdr"> - 3000<a name="FNAnker_346_346" id="FNAnker_346_346"></a><a href="#Fussnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr bright"> - 1888 - </td> - <td class="tdr bright"> - 2800000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 1540000 - </td> - <td class="tdc bright"> - — - </td> - <td class="tdr bright"> - 9800000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 4500000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 46000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 60000 - </td> - <td class="tdc"> - — - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr bright"> - 1893 - </td> - <td class="tdr bright"> - 3000000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 1300000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 4850000<a name="FNAnker_345_345" id="FNAnker_345_345"></a><a href="#Fussnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a> - </td> - <td class="tdr bright"> - 9200000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 5700000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 50000 - </td> - <td class="tdr bright"> - 50000 - </td> - <td class="tdr"> - 8000 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdc bright"> - <span class="smaller">(Ausgabe<br /> - desgl.)</span> - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr bright"> - - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> -</table> - -<p>Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von -anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern -die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p> - -<p>Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder -Buddha-Tempel seine Schule.</p> - -<p>Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen -ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind -unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der -Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken -beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; -es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, -Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 -Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)</p> - -<p>Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im -Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, -um seine Kinder in England<a name="FNAnker_347_347" id="FNAnker_347_347"></a><a href="#Fussnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a> zu erziehen), sagte mir, dass er den -Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien -geliefert werden.</p> - -<p>Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer -zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde -Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. -Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, -schliessen jeden Einheimischen aus ihren <em class="gesperrt">Clubs</em> aus. Und -dabei spotten sie über <em class="gesperrt">Kasten-Vorurtheile</em>, die übrigens im -buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen -Indien. Ich war im <em class="gesperrt">Polizeigericht</em> zu Kandy. Zuvorkommend gab -man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der -englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, -müden Mienen und leiser Flüstersprache, — wie ein junger Proconsul. -Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie -im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.<a name="FNAnker_348_348" id="FNAnker_348_348"></a><a href="#Fussnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> Eine -verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. -Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der -Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz -ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und -die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss -verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, -ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, -erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ — „Kann sie -nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. — „Oh<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> nein, dann müsste sie -50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt -am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf -nicht.“</p> - -<p>Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht -auf kostenlose Vertheidigung erzählte.</p> - -<p>Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. -Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht -der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen -beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller -Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) -Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein -bürgerliches in Bearbeitung.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Armen-Gesetz</em> giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es -in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in -London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines -neunjährigen Aufenthaltes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von -Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten -Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken -mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich -Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Buddha</em> bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche -nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit -erlangt haben. Ihre Vorschriften sind <em class="gesperrt">bana</em>, das Wort; ihre -Lehre <em class="gesperrt">dharma</em>, die <em class="gesperrt">Wahrheit</em>. Nach ihrem Tode gehen sie -nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in das <em class="gesperrt">Nirwana</em>, -einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die -Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre -ohne Gottheit.</p> - -<p>24 Buddha waren <em class="gesperrt">vor Gautama</em>, welcher der vierte in der jetzigen -<em class="gesperrt">Kalpa</em> oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, -bis ein neuer Buddha erscheinen wird.</p> - -<p>Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze -von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde -von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, -bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als -<em class="gesperrt">drei Mal die Insel Ceylon besucht</em> haben. Der heilige Fussabdruck -auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das -Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span></p> - -<p>Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als -an seinem Todestage, 543 v. Chr., <em class="gesperrt">Wijayo</em>, der Sohn eines -Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf -Ceylon landete und, nachdem er die Tochter<a name="FNAnker_349_349" id="FNAnker_349_349"></a><a href="#Fussnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a> eines einheimischen -Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine -Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten -Chronik der Singhalesen (Mahawanso) als <em class="gesperrt">Yakkho</em> oder Dämonen und -als <em class="gesperrt">Naga</em> oder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.</p> - -<p>Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte -die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. -Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, -nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung -der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. -Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie -Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des -Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta -nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen -Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens -über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen -Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung -gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der -Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss -mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der -Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura -eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen -verehrt wird.</p> - -<p>Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis -auf unsre Tage gekommen sind:</p> - -<p>1) <em class="gesperrt">Dagoba</em> oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, -gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte -Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und -grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh -verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle -das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.</p> - -<p>2) <em class="gesperrt">Wihara</em> oder Klöster für die Priester.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span></p> - -<p>3) <em class="gesperrt">Chaitya</em> oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem -dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder -er liegt in seliger Nirwana.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Aber ich eile zu der Geschichte des <em class="gesperrt">heiligen Zahnes</em>. (Dhata datu -zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche -Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter -linker Hundszahn nach Dantapura,<a name="FNAnker_350_350" id="FNAnker_350_350"></a><a href="#Fussnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a> der Hauptstadt von Kalinga, -gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in -einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen -Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und -überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, -deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem -Reisebericht des Chinesen <em class="gesperrt">Fa-Hian</em>, der kurze Zeit darauf nach -Ceylon gepilgert.</p> - -<p>Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien -zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und -die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von -Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder -ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu -gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den -heiligsten der buddhistischen Welt.</p> - -<p>Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der -Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der -Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold -gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der -eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich -dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch -Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und -bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das -Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der -Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den -Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die -See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger -der Portugiesen, als bald danach (1566) <em class="gesperrt">zwei</em> heilige Zähne an -Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. -Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten -einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar -1566 angefertigt, ein Stück vergilbten<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> Elfenbeins von 2 Zoll Länge und -fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines -Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu -und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt -geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.</p> - -<p>In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.</p> - -<p>1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da -die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, -1818–1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der -englischen Regierung den Priestern überliefert.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das -Gasthaus von dem <em class="gesperrt">Tempel des heiligen Zahnes</em>. Die Gebäude von -Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen -Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn -ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit -dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert -worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem -zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen -Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische -Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen -Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen -Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma -um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen -Portugiesen hatte erbauen lassen.</p> - -<p>Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche -älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls -alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen -Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen -enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht -leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre -Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch -handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und -bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass -sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess -auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ -ganz ungehört verschallen.<a name="FNAnker_351_351" id="FNAnker_351_351"></a><a href="#Fussnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a></p> - -<p>In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> die -grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. -Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im -Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, -welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.</p> - -<p>Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende -Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen -Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer -Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der -eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den -Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube -ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.</p> - -<p>Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den -Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und -Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich -war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen -Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine -Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das -geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch -duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, -die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die -Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum -genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,<a name="FNAnker_352_352" id="FNAnker_352_352"></a><a href="#Fussnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> welche -diesem Zwecke dienen.</p> - -<p>Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden -von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, -goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere -Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das -Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.</p> - -<p>In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und -dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen -mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen -Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch -gelegene Priesterwohnungen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Kandy hat eine reizende Lage</em> an dem Ufer eines stattlichen -See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span> niedrigen, -zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten -gut bewachsene Hügel, von 500–600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal -einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer -Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit -einem Park von Rosenbäumen.</p> - -<p>An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die -wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich -in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen -gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger -Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als -einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von -den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der -Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus -(Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.</p> - -<p>Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen -einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen <em class="gesperrt">Reste -des alten Königspalastes</em> zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, -die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet -sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten -Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung -entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von -reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine -neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.</p> - -<p>Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem -hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit -Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge -eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des -Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen -war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als -Bezirksgericht verwendet.</p> - -<p>Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der <em class="gesperrt">Stadt der -Eingeborenen</em>. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in -der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- -und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen -Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von -Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, -mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht -uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die -Armen-Pflege ausgiebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p> - -<p>Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie -auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den -lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, -vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.</p> - -<p>Mit dem <em class="gesperrt">Einspänner</em>, der allerdings hier in den Bergen etwas -theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady -Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet -und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick -über das Thal und das felsige Bett des <em class="gesperrt">Mahaweli-Ganga</em><a name="FNAnker_353_353" id="FNAnker_353_353"></a><a href="#Fussnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a> -gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst -270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von -Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten -Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich -umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder -nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.</p> - -<p>Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück -<em class="gesperrt">jungfräulichen Buschwaldes</em> (Dschungel): undurchdringliches -Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. -Alles grün und blumig von unten bis oben.</p> - -<p>Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach <em class="gesperrt">Askyra</em>, auf guter Strasse -und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli -überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen -Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. -Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und — -Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf -Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der -Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er -behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.</p> - -<p>Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, -wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem -Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt -keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die -Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen -antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer -voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. -„Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer -des Flusses ist einer.“ — „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; -das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ — „Wenn du zu -Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> weshalb reisest -du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu -besichtigen?“</p> - -<p>Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen -Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind -seinen Puppenwagen.</p> - -<p>Der schönste Ausflug von Kandy geht nach <em class="gesperrt">Peradenia</em>. Eine -Zweiglinie der <em class="gesperrt">Eisenbahn</em> führt dorthin; aber es gehört die -ganze Thorheit und unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für -Reise-Gesellschaften“ dazu, um <em class="gesperrt">sie</em> für den Besuch des Gartens zu -empfehlen, der meilenweit sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht -zu Fuss, sondern nur im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in -meinem Einspänner des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche -eigentlich eine zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, -vorn mit Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt -einen hübschen Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von -Eingeborenen kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen -Früchten und Lebensmitteln versorgen.</p> - -<p>Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum -Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine -Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen, -welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel -unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel -mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar -reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier -eine grosse <em class="gesperrt">Thee-Factorei</em>, die ich, nach mürrischer Gewährung -seitens des Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in -Augenschein nahm.</p> - -<p>Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und -Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die -Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem -Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner -und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.</p> - -<p>An der Einfahrt zum <em class="gesperrt">botanischen</em> Garten von Peradenia empfing -mich freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, -Herrn Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die -wichtigsten Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen -und eine Strecke zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem -Englisch die Wunder der Pflanzenwelt.</p> - -<p>Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen -<em class="gesperrt">Gummi-Bäumen</em> (Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die -Lüfte sich erheben und gewaltige Kronen von 50–60 Fuss Durchmesser -ausbreiten,<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> während ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm -emporsteigt, schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und -da durch eine säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren -Zweigen verbunden.</p> - -<p>Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von <em class="gesperrt">Palmen</em>, die -kaum ihres Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle -auf der Insel <em class="gesperrt">einheimischen</em> Palmenarten sind hier vereinigt. -(Uebrigens sind es doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der -Wissenschaft um die Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist -die Gesammtzahl auf nahezu 1000 gestiegen.)</p> - -<p>1) Da ist die schlanke <em class="gesperrt">Kokospalme</em> (Cocos nucifera), deren -walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100 -Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18–20 Fuss -langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen -von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.</p> - -<p>2) Die kerzengrade und dünne <em class="gesperrt">Areca-Palme</em> (Areca catechu), die -bis über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter -Fiederblätter, — ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der -Hindu-Dichter.</p> - -<p>3) Die <em class="gesperrt">Fächer-</em> oder <em class="gesperrt">Palmyra</em><a name="FNAnker_354_354" id="FNAnker_354_354"></a><a href="#Fussnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a>-Palme (Borassus -flabelliformis) wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine -prachtvolle Krone bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.</p> - -<p>4) Die <em class="gesperrt">Zucker-Palme</em> oder Kitul (Caryota urens).</p> - -<p>5) Die herrlichste aller Palmen ist die <em class="gesperrt">Talipot</em> oder -Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 -und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus -herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser -besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann -plötzlich <em class="gesperrt">einmal</em> aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 -Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von -neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. -Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.</p> - -<p>6) Die Palme des Reisenden<a name="FNAnker_355_355" id="FNAnker_355_355"></a><a href="#Fussnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a> (Urania speciosa), gehört gar -nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der -Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren -Wurzeln<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren -Riesenfächer dar.</p> - -<p>Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen -und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, -aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein -paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon -besitzen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Kokospalme</em> scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie -ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika -verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser -gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem -Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse -und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der -Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; -Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. -Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung -ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch -der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist -das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. -Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen -und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen -Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von -Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, -z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber -auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen -angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der -Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten -1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss -wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines -Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und -bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken -der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel -zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von -Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die <em class="gesperrt">hundert -nützlichen Anwendungen</em> der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss -sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme -wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. -Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis -zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den -neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> -Früchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum -liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart<a name="FNAnker_356_356" id="FNAnker_356_356"></a><a href="#Fussnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a> Oel) und bringt -etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz -der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860 -an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es -30 Millionen sein.<a name="FNAnker_357_357" id="FNAnker_357_357"></a><a href="#Fussnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a> Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres -(oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den -Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf -Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den -vollen Ertrag an Nüssen bringen.)</p> - -<p>Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die -<em class="gesperrt">Palmyra</em>-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und -liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der -Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und -sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die <em class="gesperrt">Palmyrapalme liefert ein -Viertel der Lebensbedürfnisse</em> für die Bewohner der Nordprovinzen -Ceylons. In einem <em class="gesperrt">Tamil-Gedicht</em> werden 800 Nutzanwendungen des -prachtvollen Baumes beschrieben.</p> - -<p>Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der -Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, -Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und <em class="gesperrt">Schreibpapier</em> für die -Schriften der Singhalesen.</p> - -<p>Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig -gemacht, in Streifen (ola) von 2–3 Zoll Breite und 1–3 Fuss Länge -geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen -und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz -kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser -waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem -Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von -Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter -dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die -heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein -wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, -die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit -angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl -als im Bau abweicht.</p> - -<p>Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen -Bücher sind in Versen abgefasst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p> - -<p>Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in -592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten -sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die -550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und -füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">feinste</em> Schreibpapier wird von dem Blatt der -<em class="gesperrt">Talipot-Palme</em> gewonnen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Zucker-Palme</em> liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in -24 Stunden 100 Pinten<a name="FNAnker_358_358" id="FNAnker_358_358"></a><a href="#Fussnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit -dieser Palme bepflanzt.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Nuss der Areca-Palme</em> hat einen weissen, rothgeäderten -Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen -Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt -des <em class="gesperrt">Betel</em>-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit -Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. -Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die -Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die -Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden -Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und -Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem -Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer -grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren -etwas (calcinirten Muschel-) Kalk — chunam — enthält. Als ich im -Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese -Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre -Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso -erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das -Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden -pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba -die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen -Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren -Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu -holen, und so — dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die -Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der -von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000 -Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner -ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande -verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p> - -<p>Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des -heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische -Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. -Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch -<em class="gesperrt">andere Pflanzenwunder</em>, die den Blick nicht minder fesseln. Da -ist das undurchdringliche grüne Dickicht des <em class="gesperrt">Riesen-Bambus</em>. Es -ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige -Stämme, jeder 1–2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus -gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 -Fuss Höhe, — bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie -sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der -eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.</p> - -<p>Von den tropischen <em class="gesperrt">Farnbäumen</em> werde ich bald, bei andrer -Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, -Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen -decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. -Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt -zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer -vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch -die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen -und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder -Orchideen und alle Blumen des Südens.</p> - -<p>Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen -Vegetation liegt. <em class="gesperrt">Schmarda</em>, ein feiner Naturbeobachter, stellte -fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die -grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das -kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden -Flächen.</p> - -<p>150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten -und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. -Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein -solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das -Denkmal für Dr. <em class="gesperrt">Gardner</em> verdienen besichtigt zu werden. Nach -seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, -also mehr als ganz Deutschland. Dr. <em class="gesperrt">Thwaites</em>, der vorletzte -Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in -welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. -Der jetzige Leiter des Garten, Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>, hat einen Catalog -der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen -Beschreibung ist er noch beschäftigt.</p> - -<p>Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit -zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> -kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen -Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu -einer <em class="gesperrt">botanischen Station</em>, gradeso wie der blaue Golf von -Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft -unsres Landsmanns Prof. <em class="gesperrt">Dohrn</em> in’s Leben gerufen worden. -Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden -Forscher, von Professor <em class="gesperrt">Häckel</em>, hervorgehoben worden. Aber -neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst -eine <em class="gesperrt">landwirthschaftliche</em> Hochschule nach deutschem Muster, -wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden, -wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung -<em class="gesperrt">wissenschaftlich</em> erläutert und dargelegt werden könnten. -<em class="gesperrt">Praktisch</em> kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt -besser erlernen, als auf Ceylon.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="poetry-container smaller"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft2"><b>Brief aus Kandy,</b> 11. November 1892.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Das <em class="gesperrt">Paradies</em> war hier, wo jetzt ich weile.</div> - <div class="verse">Das glauben Hindu und Buddhisten,</div> - <div class="verse">Mohammedaner, Juden, Christen,</div> - <div class="verse">Und schrieben davon manche Zeile.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke:</div> - <div class="verse">Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle,</div> - <div class="verse">Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle;</div> - <div class="verse">Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden?</div> - <div class="verse">Ich <em class="gesperrt">glaub’</em>, ich bin mit einem Fuss im Paradiese,</div> - <div class="verse">Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese.</div> - <div class="verse">Und doch ist’s <em class="gesperrt">falsch</em>. Es fehlt — das <em class="gesperrt">Weib</em> in Eden.</div> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Nuwara_Eliya">Nuwara Eliya.</h3> - -</div> - -<p>Sonntag, den 13. November, Vormittags 10<sup>h</sup> 45′, fuhr ich mit der -<em class="gesperrt">Eisenbahn</em><a name="FNAnker_359_359" id="FNAnker_359_359"></a><a href="#Fussnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> südwärts und bergauf nach <em class="gesperrt">Nanu-Oya</em>, 53 -englische Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen<a name="FNAnker_360_360" id="FNAnker_360_360"></a><a href="#Fussnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a> nach -<em class="gesperrt">Nuwara Eliya</em>, 5 englische Meilen in 1 Stunde.</p> - -<p>Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des -Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen -Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der -Pflanzen<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>wuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe<a name="FNAnker_361_361" id="FNAnker_361_361"></a><a href="#Fussnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> von 2000 Fuss -über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien, -Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen, -ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in -hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen -Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze -grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen<a name="FNAnker_362_362" id="FNAnker_362_362"></a><a href="#Fussnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> auf, -die Bananen noch nicht gleich. Alöe<a name="FNAnker_363_363" id="FNAnker_363_363"></a><a href="#Fussnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a> bildet mächtige Hecken längs -der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel, -die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel und -Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus deren -Mitte der <em class="gesperrt">Blüthenschaft</em>, einem Baumstamm gleich, emporragt. -Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler, -die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt. -Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch -<em class="gesperrt">Theepflanzungen</em>.</p> - -<p>Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der -Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren -Maschinen-Häusern oder <em class="gesperrt">Factoreien</em>, und kleinen Gruppen von -Hütten, in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib -und Kind hausen.</p> - -<p>Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die -einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. Die -<em class="gesperrt">neuen</em> Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich -in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten -stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien, -und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man -auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind -ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass -sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie -zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass -viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> Ferguson -räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine -Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of -pecuniary independence, <em class="gesperrt">sisters would be exchanged</em>.</p> - -<p>Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon -öfters gehört und seither noch genauer gelesen, <em class="gesperrt">die merkwürdige -Geschichte der Pflanzungen in Ceylon</em>, welche die Aufmerksamkeit des -deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren -gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch -im Werden begriffen ist.</p> - -<p>Vor 12–15 Jahren war <em class="gesperrt">Kaffe</em> der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. -Der immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné) -stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in -Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-<em class="gesperrt">Getränk</em> ist -weder dort noch sonst irgendwo <em class="gesperrt">vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts -n. Chr.</em> erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das -<em class="gesperrt">Coffeïn</em>, welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen -Bohnen enthalten ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, -Gerbsäure, ein eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das -Nervensystem; das Herz schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. -Die Araber sollen die Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon -gebracht, die Singhalesen aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur -die Blätter zum Würzen des Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck -benutzt haben. Doch hat Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>, Leiter des botanischen -Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, dass im tropischen Asien die -Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, bis der Generalgouverneur -der holländisch-ostindischen Gesellschaft, <em class="gesperrt">van Horn</em>, im Jahre -1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und dieselben in Batavia -auf <em class="gesperrt">Java</em><a name="FNAnker_364_364" id="FNAnker_364_364"></a><a href="#Fussnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a> anpflanzte. In demselben Jahre verpflanzten die -Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie den Anbau hier -auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre Ausfuhr nie über -1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den Kaffe-Anbau -auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel Java’s zu -beeinträchtigen.</p> - -<p>Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den -Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten -der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Galle. Im -Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute -unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2) -Pflanzer-Kaffe.</p> - -<p>Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige -Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.</p> - -<p>Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo -nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste<a name="FNAnker_365_365" id="FNAnker_365_365"></a><a href="#Fussnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a> -<em class="gesperrt">Höhen-Pflanzung</em> von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei -Peradenia.</p> - -<p>Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung -des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch<a name="FNAnker_366_366" id="FNAnker_366_366"></a><a href="#Fussnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> in -England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den -Ertrag Westindiens.<a name="FNAnker_367_367" id="FNAnker_367_367"></a><a href="#Fussnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a></p> - -<p>Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt<a name="FNAnker_368_368" id="FNAnker_368_368"></a><a href="#Fussnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a> -und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von -Kronland den Betrag von 40000 Acres.</p> - -<p><em class="gesperrt">So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine -unternehmende Ackerbau-Colonie.</em> Alle Hügel von Kandy bedeckten -sich mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara -Eliya (6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des -Kegels vom Adams-Pik.</p> - -<p>Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel -Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und -Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche -Erfolge zu zeitigen.</p> - -<p>Die ersten <em class="gesperrt">Pioniere</em>, hauptsächlich hartköpfige Schotten, -lebten in Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber -entstanden behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden -Elephanten und Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. -Im Jahre 1837 betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. -Dann wurde das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem -„Vater der Kaffe-<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span>Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis -auf 200000 Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die -<em class="gesperrt">Kaffe-Begeisterung</em> den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch -thätige Richter, Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern -auch aus Ostindien, englische Capitalisten, — Alles kaufte Kronland -und barg Gold in den Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus -dem Boden drei Jahre später in Californien herauszuscharren suchte. -Angeblich 100 Millionen Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und -— grossentheils verloren.</p> - -<p>Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner -die Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine -<em class="gesperrt">unglaubliche Bestürzung</em> folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel -des Erwerbspreises wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, -da sie nicht behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz -verlassen und der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.</p> - -<p>Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.<a name="FNAnker_369_369" id="FNAnker_369_369"></a><a href="#Fussnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a> Man lernte -den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften, -mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und -überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel -herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha) -unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen, -jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der -Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer. -So kam ein <em class="gesperrt">zweiter Zeitabschnitt des Glückes</em>, ja schliesslich -des Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £ -107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £ -4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche -einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien -sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche -Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England -und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (= -70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte -5 Centner, oder einen Gewinn von 7–10 £, d. h. 20–25 Procent des -aufgewendeten Capitals.</p> - -<p>1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu -gestalten. Da kam das <em class="gesperrt">Unheil</em>. Es war ein <em class="gesperrt">unsichtbarer</em> -Feind,<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> ein mikroskopischer <em class="gesperrt">Rostpilz</em>, der die Blätter des -Kaffebaumes angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren -Bäume in Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf -den Bergen liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf -ein Fünftel verringerte. Dieser Pilz (<em class="gesperrt">Hemileja vastatrix</em>, -Uredineae) ist zuerst in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und -von <em class="gesperrt">Berkley</em> und <em class="gesperrt">Broome</em> in Gardener’s Chronicle (1869, -S. 1157) beschrieben worden. Nach Dr. <em class="gesperrt">Thwaites</em>, der vergeblich -seine warnende Stimme erhob, aber von den Pflanzern verlacht wurde, ist -der Pilz einer ceylonischen Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat -sich dann, als er auf den Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener -Weise ausgebreitet. Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, -Java, Sumatra zum Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber -nicht in Brasilien.</p> - -<p>Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave -disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der -steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die -jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000 -bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten -sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein -Mittel half.</p> - -<p>Der berühmte Botaniker Dr. <em class="gesperrt">Marshall Ward</em>, der im Auftrage der -Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit -zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das -heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.</p> - -<p>1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000!<a name="FNAnker_370_370" id="FNAnker_370_370"></a><a href="#Fussnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a></p> - -<p>Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung -war doch nicht so gross, wie 1845. Die <em class="gesperrt">Gläubiger</em> waren -<em class="gesperrt">vernünftig</em> genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu -verzichten, als durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal -zu verlieren. Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> £ 10000 -werth ist. Das versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, -das las ich später in <em class="gesperrt">Tennent’s</em> Darstellung der früheren -Verhältnisse.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Pflanzer</em> waren <em class="gesperrt">muthig</em> genug, sofort eine neue -Thätigkeit zu unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume -verloren seien, wurden sie <em class="gesperrt">gefällt</em>, um andern Pflanzungen Raum -zu geben. 1878 waren 275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, -die höchste Ziffer, die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 -Acres (= 14000 ha). Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million -Centner, sondern den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft -Einseitigkeit durch Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in -der Mannigfaltigkeit; die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, -Cacao.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">immergrüne Theestrauch</em> (Thea) scheint aus Assam zu -stammen. Die wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und -ätherisches Oel. Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist -das Theetrinken schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach -Europa kam es um die Mitte des 17. Jahrhunderts.</p> - -<p>Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den -Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast -kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne -mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist. -Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate. -Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss -über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und -darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873 -waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000 -und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.</p> - -<p>Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an -8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein -ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr -der Erde.<a name="FNAnker_371_371" id="FNAnker_371_371"></a><a href="#Fussnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a> Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland -92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis -1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> 4,95 für den Kopf der -Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82 -Pfund.</p> - -<p>Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von -feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon -empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.</p> - -<p>Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft<a name="FNAnker_372_372" id="FNAnker_372_372"></a><a href="#Fussnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a> -gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den -Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre -von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.</p> - -<p>Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee -günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern<a name="FNAnker_373_373" id="FNAnker_373_373"></a><a href="#Fussnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a> -weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die -Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60 -Cts.,<a name="FNAnker_374_374" id="FNAnker_374_374"></a><a href="#Fussnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a> nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen -Tamilen gut auskommen.</p> - -<p>Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und -Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen -Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele -Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf -Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon -das gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen -und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der -Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr -von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das -zehnfache angestiegen ist.</p> - -<p>Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach -Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer -Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich -sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen -ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.</p> - -<p>Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind -dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Cacao</em> (Theobroma<a name="FNAnker_375_375" id="FNAnker_375_375"></a><a href="#Fussnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a> Cacao) ist ein aus Amerika stammender -Baum von nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10–20 Centimeter -lange, 5–7 Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune -Frucht in einem Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet -und zerrieben, den Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, -die <em class="gesperrt">Chocolade</em> geben. Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. -Cacao, und <em class="gesperrt">latl</em> = Wasser. Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch -der Chocolade bei den <em class="gesperrt">Mexicanern</em> vor und brachten denselben nach -Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach Italien, Frankreich, England, -Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt unsres grossen Kurfürsten, hat -bereits 1667 das Lob der Chocolade verkündigt.</p> - -<p>Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das -<em class="gesperrt">Theobromin</em>, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr -ähnlich ist.</p> - -<p>Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege -von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen -Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer -Uebersetzung eifrigst studirte.</p> - -<p>Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878 -betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen -Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (= -4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen -können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie -beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute, -windgeschützte Lage erfordern.</p> - -<p>Mit <em class="gesperrt">Cinchona</em>, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum<a name="FNAnker_376_376" id="FNAnker_376_376"></a><a href="#Fussnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a> -aus den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 -Acres auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit -1879 der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres -= 24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15 -Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen -plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm<a name="FNAnker_377_377" id="FNAnker_377_377"></a><a href="#Fussnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a> -Chinin, von 12 Shilling), der<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> für die Leidenden zwar sehr glücklich, -aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau -von Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre -1891 war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund -gefallen.</p> - -<p>Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller -ist.<a name="FNAnker_378_378" id="FNAnker_378_378"></a><a href="#Fussnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a> Immerhin bildet Cinchona eine <em class="gesperrt">Ergänzung</em> der -Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Nuwara Eliya</em><a name="FNAnker_379_379" id="FNAnker_379_379"></a><a href="#Fussnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a> wurde 1826 von englischen Officieren auf der -Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu -einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That -ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die -Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen + -2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es -giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen, -als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene -zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise <a name="wenigmehr" id="wenigmehr"></a>von weniger als 100 -englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein -Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu -finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar -eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Grand Hotel</em> von Nuwara Eliya preist sich selber als das -<em class="gesperrt">schöngelegene Curhaus von Ceylon</em> und druckt einen Brief ab von -dem früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem -die Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.</p> - -<p>Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und -Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus -Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima -behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden <em class="gesperrt">Kaminfeuer</em>, -— das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> Banff im canadischen -Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder -mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden -Europäer, als für die Durchreisenden.</p> - -<p>Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras -<em class="gesperrt">fette</em> Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit -gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall -Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten; -aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen -See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die -ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem -Pedurutallagalla.</p> - -<p>Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut -ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit -Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig<a name="FNAnker_380_380" id="FNAnker_380_380"></a><a href="#Fussnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> ist es nicht, und die -Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein -Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.</p> - -<p>Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges -Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als -Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim -schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich -ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als -Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht -zur Unterhaltung anzuregen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen ganz früh ging<a name="FNAnker_381_381" id="FNAnker_381_381"></a><a href="#Fussnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a> ich, unter Führung eines -einheimischen Knaben, auf den Gipfel des <em class="gesperrt">Pedurutallagalla</em>,<a name="FNAnker_382_382" id="FNAnker_382_382"></a><a href="#Fussnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a> -des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel, -2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von -dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer, -waldbedeckter Maulwurfshügel“.</p> - -<p>Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen -konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.</p> - -<p>Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohn<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span>sitz -der Eingeborenen, dem sogenannten <em class="gesperrt">Markt</em> (Bazar), wo wieder -verschiedene englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die -Seelen der Heiden betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, -schattigen Wald mit zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir -ihn in den Bergen des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken -durchwandern.</p> - -<p>Nur <em class="gesperrt">Laubbäume</em> sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht -in Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem -Garten von Hakkagalla.</p> - -<p>Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt -mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von -Rosenbaum<a name="FNAnker_383_383" id="FNAnker_383_383"></a><a href="#Fussnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a> mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang -herabhängenden <em class="gesperrt">Moosbärten</em> geschmückt; einzelne Bäume sehen -so aus, als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. -Das Gebüsch zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, -undurchdringlich, ein förmlicher Urwald.</p> - -<p>Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit, -theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört -der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.</p> - -<p>Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald -nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist -seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen <em class="gesperrt">wir</em> erst hinein -und müssen sie in uns tragen.</p> - -<p>Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort -oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe -mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren -Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag -dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste<a name="FNAnker_384_384" id="FNAnker_384_384"></a><a href="#Fussnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a>, vom Adams-Pik sowie -von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war -nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; -für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel -in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So -blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst -auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei -dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind -unvergesslich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p> - -<p>In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, -ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier<a name="FNAnker_385_385" id="FNAnker_385_385"></a><a href="#Fussnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a> und ein Mittagsschläfchen, das -ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.</p> - -<p>Nachmittags fuhr ich im Wagen<a name="FNAnker_386_386" id="FNAnker_386_386"></a><a href="#Fussnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> nach dem <em class="gesperrt">botanischen Garten</em> -der Regierung, der in <em class="gesperrt">Hakkagalla</em> liegt, 6 englische Meilen -südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr -angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des -See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. -Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen -<em class="gesperrt">Baumfarn</em> besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich -erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen -und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht -der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte -mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, -sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner -Besuchs-Karte befindlichen Wortes <em class="gesperrt">Ophthalmology</em><a name="FNAnker_387_387" id="FNAnker_387_387"></a><a href="#Fussnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a> rathlos -grübelte, dann der Director selber, Herr <em class="gesperrt">Nock</em>, der mir alles -auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie -anmuthigen Baumfarn,<a name="FNAnker_388_388" id="FNAnker_388_388"></a><a href="#Fussnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a> die der Unkundige so leicht für Palmen hält, -und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen -bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in -Ceylon das Wichtigste geleistet habe.</p> - -<p>An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte -aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche -<em class="gesperrt">Mimose</em>,<a name="FNAnker_389_389" id="FNAnker_389_389"></a><a href="#Fussnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a> die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter -zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond -in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.</p> - -<p>Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und -die beiden kleineren Kinder, — die grösseren waren natürlich in -England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier -und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen -(Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem -Tisch lag Ceylon von Ferguson und <em class="gesperrt">Häckel</em>’s indische Reisebriefe -in englischer Uebersetzung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span></p> - -<p>Mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em> erinnerte er sich an den Besuch unsres -berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;<a name="FNAnker_390_390" id="FNAnker_390_390"></a><a href="#Fussnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a> und Jeder wird ihm -beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen -Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das <em class="gesperrt">Buch von -Häckel</em> wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch -beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt -die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen -anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung -abzusprechen, an <em class="gesperrt">eine Bemerkung</em>, die eigentlich wohl ein Witz -sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,<a name="FNAnker_391_391" id="FNAnker_391_391"></a><a href="#Fussnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a> — vom -Schlangen-Klein in der Reis-Würze.</p> - -<p>„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle -Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch -deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem -sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry -vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich -für einen Aal hielt.“</p> - -<p>Seltsamer Weise spricht auch <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> (Reise um die Erde, -Berlin 1879, I, 44) vom <em class="gesperrt">Schlangen-Gericht</em> auf Ceylon.</p> - -<p>„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein -neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie -wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack -liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für -Aal, bis mich die grössere <em class="gesperrt">Härte</em> eines Besseren belehrte.“ -Ueberzeugend ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein -vom Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)<a name="FNAnker_392_392" id="FNAnker_392_392"></a><a href="#Fussnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a> -aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt werden, -und zwar <em class="gesperrt">milde</em>, d. h. solche, die weniger brennen, und -<em class="gesperrt">scharfe</em>,<a name="FNAnker_393_393" id="FNAnker_393_393"></a><a href="#Fussnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a> die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im -2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik -Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche -Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der -Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit -Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen -sie noch Fisch<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach -den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich, -mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Nach_Anuradhapura">Nach Anuradhapura.</h3> - -</div> - -<p>Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den -Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der -<em class="gesperrt">nördlichen Centralprovinz</em> von Ceylon. (North Central Province.)</p> - -<p>Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel -zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der -alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung -einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben -gerufen.</p> - -<p>Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich -verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen -dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht -haben.</p> - -<p>Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya -durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit -der Eisenbahn nach Kandy.</p> - -<p>Auf der letzteren Strecke wird der <em class="gesperrt">Adams-Pik</em> in seiner vollen -Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen -Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke -verhüllt. Um <em class="gesperrt">diese Jahreszeit</em> regnet es auf dem Gipfel fast -unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da -aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich -doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten -Berges andeuten.</p> - -<p>Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden -Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen -der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, -nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von -Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens -(sripada<a name="FNAnker_394_394" id="FNAnker_394_394"></a><a href="#Fussnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a>); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in -frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen -und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span></p> - -<p>Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen -die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz -schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter -Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche -Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene -Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren -wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt -nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; -aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr -wenige Berge diesen <em class="gesperrt">unbeschränkten</em> Blick bieten. Die beiden -<em class="gesperrt">Sarrasin</em> hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den -Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, -Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren -Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an -der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Häckel</em> lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, -möchte aber die vom schneebedeckten Pik von <em class="gesperrt">Teneriffa</em>, der fast -die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">Kandy</em> war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein -Zug<a name="FNAnker_395_395" id="FNAnker_395_395"></a><a href="#Fussnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a> geht nordwärts nach <em class="gesperrt">Matale</em>, dem Ende der Zweigbahn, vor -11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein -Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und -Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche -für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir -bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen -Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, -die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird -Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.</p> - -<p>Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht -man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.</p> - -<p>Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten -Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, -nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 -Einwohner.</p> - -<p>Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem -<em class="gesperrt">Rast-Haus</em><a name="FNAnker_396_396" id="FNAnker_396_396"></a><a href="#Fussnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a> zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, -für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten -Zeiten von wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span>thätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den -öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen -von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, -wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und -Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur -für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, -dem neuen Reisenden Platz machen.</p> - -<p>Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den -Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht -hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem -gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten -gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen -schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt -sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, -und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach -ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. -Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des -„Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit -ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.</p> - -<p>Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. -Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des -Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen<a name="FNAnker_397_397" id="FNAnker_397_397"></a><a href="#Fussnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a> mit der Post -weilt, — natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit -voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft -zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, -Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren -Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. -So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei -europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten -und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die -ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der -Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.</p> - -<p>Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden -und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, -wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus -mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span></p> - -<p>Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der -Postkutsche,<a name="FNAnker_398_398" id="FNAnker_398_398"></a><a href="#Fussnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a> die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur -Fahrt nach <em class="gesperrt">Anuradhapura</em>. Die Zeit der Alleinherrschaft des -Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig -gewechselt werden, und vier Räder,<a name="FNAnker_399_399" id="FNAnker_399_399"></a><a href="#Fussnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a> allerdings nur <em class="gesperrt">einen</em> -leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere -des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht -und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch -gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben -Fahrpreis zu zahlen.</p> - -<p>Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der -Nordhälfte von Ceylon.</p> - -<p>Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, -treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung -grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen -und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter -grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau -wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den -Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse -ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar -nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn -zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer -sehen ärmlich aus.</p> - -<p>Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen -anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, -eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig -schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, -dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. -Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen -die Hand und lassen sich betrachten.</p> - -<p>Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls -einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand -und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, -wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen -ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles -Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie -natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span></p> - -<p>Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ -engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde -Gegenden führte, wie <em class="gesperrt">arm die Thierwelt</em> in Ceylon erscheint -gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch <em class="gesperrt">Häckel</em> erklärt -offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. -Dagegen fanden die beiden <em class="gesperrt">Sarrasins</em>, die allerdings während -2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen -durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, -namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer -jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der -ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher -studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die -ich zu sehen bekam.</p> - -<p>Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, -Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, -Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und -unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein -Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen -empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit -braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; -Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer -Affen<a name="FNAnker_400_400" id="FNAnker_400_400"></a><a href="#Fussnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a> gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge -sind sparsamer, als in Süd-Europa.</p> - -<p>Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die -von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer -Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter -dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, -so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets -sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung -dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen -Schlangen<a name="FNAnker_401_401" id="FNAnker_401_401"></a><a href="#Fussnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> sich aufzuhalten.</p> - -<p>Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken -überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch -kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, -liefern schöne Landschaftsbilder.</p> - -<p>Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu <em class="gesperrt">Dambulla</em>, -das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> -von <em class="gesperrt">Anuradhapura</em> (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein -Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in -der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso -der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr -<em class="gesperrt">Jever</em>,<a name="FNAnker_402_402" id="FNAnker_402_402"></a><a href="#Fussnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, -dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der -Ausgrabungen abholen werde.</p> - -<p>Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und -gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. -Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie -hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. -Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt -man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im -grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber -ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die -hohe Decke fliegt und <em class="gesperrt">oben</em> hinaus will. Ein geschleuderter -Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld -fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit -kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit -den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger -des <em class="gesperrt">Sumpffiebers</em>. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir -aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst -eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund -geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe -ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen -Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines -Fracks zu beseitigen.</p> - -<p>Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer -sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="tdr mright2 mbot1"><em class="gesperrt">Anuradhapura, den 17. -November</em> 1892.</p> - -<p>Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern -geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen -Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, -der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit -beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre -Weichen <span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span>mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden -in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in -ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; <em class="gesperrt">in</em> dem Wagen -kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, -in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, -bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen -des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch -zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von -<em class="gesperrt">Anuradhapura</em>.</p> - -<p>Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den -<em class="gesperrt">Weltstädten</em> gehört er nicht; diese sind <em class="gesperrt">zweisilbig</em>. -Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über -Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich -vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, -ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.</p> - -<p>Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort -bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den -sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, -seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher -hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.</p> - -<p>Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das <em class="gesperrt">ewige -Rom</em>; und auch in <em class="gesperrt">religiöser Bedeutsamkeit</em> mit Rom zu -vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre -Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.</p> - -<p>Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt -bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines -Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses -Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn -diese Völker haben früh schreiben gelernt, und <em class="gesperrt">einige</em> von ihnen -haben <em class="gesperrt">furchtbar viel aufgeschrieben</em>.</p> - -<p>Vor allen die <em class="gesperrt">Singhalesen</em>; diese besitzen eine -<em class="gesperrt">fortlaufende</em> Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei -Jahrtausende sich erstreckt.</p> - -<p>Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum -ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die -Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf -dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer <em class="gesperrt">Tournour</em>, -ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften -buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht -mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf -Palm<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>blätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische -Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. -Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende -ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten -gelang es <em class="gesperrt">Tournour</em>, mit Hilfe der später aufgefundenen -<em class="gesperrt">Erläuterungen</em>, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch -starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst -vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem -Einheimischen herausgegeben worden.<a name="FNAnker_403_403" id="FNAnker_403_403"></a><a href="#Fussnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Mahawanso</em> ist der Titel dieser Chronik, das heisst <em class="gesperrt">grosse -Dynastie</em>, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung -vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige -Wijayo,<a name="FNAnker_404_404" id="FNAnker_404_404"></a><a href="#Fussnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit -dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil -zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu -Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten -Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter -Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes -(† 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde -haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. -Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige -von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. -Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die -Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.</p> - -<p>Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in -Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften -der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute -Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, -liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des -indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, -der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des -Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die -Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 -bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span></p> - -<p>Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen -dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.</p> - -<p>So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die -Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 -Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten -Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, -im Jahre 1815.</p> - -<p>Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert -v. Chr., wurde die Stadt <em class="gesperrt">Anuradhapura</em><a name="FNAnker_405_405" id="FNAnker_405_405"></a><a href="#Fussnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a> gegründet, in der -Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit -unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig<a name="FNAnker_406_406" id="FNAnker_406_406"></a><a href="#Fussnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a> -als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde -errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete -Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da -jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit -goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des -heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern -für fromme Väter.</p> - -<p>Schon von dem Erdbeschreiber <em class="gesperrt">Ptolemaeus</em> (im 2. Jahrhundert n. -Chr.) wird Anuragrammum<a name="FNAnker_407_407" id="FNAnker_407_407"></a><a href="#Fussnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der -chinesische Pilger <em class="gesperrt">Fa Hian</em>, der im Anfang des 5. Jahrhunderts -n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der -Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,<a name="FNAnker_408_408" id="FNAnker_408_408"></a><a href="#Fussnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a> 6000 auf Kosten -des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien -nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug -(perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen -bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von -Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des -Festes.</p> - -<p>Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista -riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse -von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung -von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden -Hauptdurchmessern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p> - -<p>Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. <em class="gesperrt">Bell</em>, ist der -Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von -den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.</p> - -<p>Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, -da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos -Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass -die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten -2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch -nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen -Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.</p> - -<p>Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert<a name="FNAnker_409_409" id="FNAnker_409_409"></a><a href="#Fussnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> n. Chr. -aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die -kriegerischen Angriffe der <em class="gesperrt">Tamilen</em> aus dem südlichen Theil von -Indien.</p> - -<p>Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung -von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der -Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen -gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach -einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in -verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in -Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen -und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. -Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte -der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen -Hügelgegend suchen.</p> - -<p>Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und -von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, -Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns -wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben -hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; <em class="gesperrt">Anuradhapura -ist buchstäblich vom Wald überwachsen</em>;<a name="FNAnker_410_410" id="FNAnker_410_410"></a><a href="#Fussnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a> das dichteste Gebüsch -und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das -meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von <em class="gesperrt">Urwald</em> umgewandelt.</p> - -<p>Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. -Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man <em class="gesperrt">gerade hier</em><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> recht -merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit -mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter -Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 -Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer -Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern -und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten -Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall -hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die -kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.</p> - -<p>Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der -letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die -Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen -Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit -Brücken und Wege verbessert.</p> - -<p>Uebrigens war der Ort <em class="gesperrt">nie vollständig verlassen und vergessen</em>. -Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den -Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen -Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf -schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie -Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.</p> - -<p>Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner -untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben -die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem -Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen -wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier -wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf -von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind -fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder -die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, -sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte -von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum -Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich -der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, -als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte -Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über -unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten -Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das -grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das -Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, -noch nicht bezogenes Krankenhaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?</em> Zunächst die <em class="gesperrt">Dagoba</em> -oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha -einschliessen.</p> - -<p>Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder -glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der -würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem -Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem -Sonnenschirm.</p> - -<p>Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr -viele sind nur 10–20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit -den <em class="gesperrt">Pyramiden</em> von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba -sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.</p> - -<p>Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim -Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den -ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein -müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der -Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre -Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren -Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone -gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk -von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein -paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.</p> - -<p>Den merkwürdigsten Anblick gewährt die <em class="gesperrt">Jayta-wanarama-Dagoba</em>, -die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht -sie jetzt aus wie ein <em class="gesperrt">bewaldeter Berg</em>, auf dem ein kleiner Thurm -steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, -dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt -jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, -so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst -gegen 20 Millionen Cubikfuss<a name="FNAnker_411_411" id="FNAnker_411_411"></a><a href="#Fussnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a> betrug. Fünfhundert unserer Maurer -hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, -eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine -Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh -herstellen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">grösste Dagoba</em> (<em class="gesperrt">Abhayagiri</em> = Berg der Sicherheit) -wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur -Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung -des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> zur Spitze des -Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die -Höhe noch 231 Fuss.</p> - -<p>Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist -neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst -getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.</p> - -<p>Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am -merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, <em class="gesperrt">Ruan-welle</em>, d. -h. Goldstaub, unter <em class="gesperrt">Dutugaimunu</em>, dem Besieger des Tamil Elala, -und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit -vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber -durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch -ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig -mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber -der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der -umgebenden Pflasterung.</p> - -<p>Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres -Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier -Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das -ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, -während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen -Bau zu tragen scheinen.<a name="FNAnker_412_412" id="FNAnker_412_412"></a><a href="#Fussnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a> Der fromme Pilger reibt noch heute den -Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.</p> - -<p>Hier findet man auch überlebensgrosse <em class="gesperrt">Bildsäulen</em>. Zunächst -die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, -von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier -aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn -unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit -altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha -in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, — höchstens mit denen aus -der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch -nicht ganz überwunden hatte.</p> - -<p>Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die -Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach -angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; -es sind die <em class="gesperrt">Dwarpals</em> oder Thürhüter, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> siebenköpfigen -Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen -<em class="gesperrt">(Mond-) Steine</em> vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit -rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen -Gänsen,<a name="FNAnker_413_413" id="FNAnker_413_413"></a><a href="#Fussnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a> darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine -Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine -pflanzliche Verzierung.</p> - -<p>Am Eingang zu einem <em class="gesperrt">Felsentempel</em> (Isurumuniya, ausserhalb des -Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst -anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, — wenn es dem Gott -nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.</p> - -<p>Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle -der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die -<em class="gesperrt">heiligste</em> aller Dagoba, die <em class="gesperrt">Thuparama</em>, 307 v. Chr. vom -König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen<a name="FNAnker_414_414" id="FNAnker_414_414"></a><a href="#Fussnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> von -Buddha zu bergen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien</em>, das auf unsre -Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit -Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer -Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den -Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache -Hülle von Stuck.</p> - -<p>Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser -und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 -Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei -Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus -je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient -noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.</p> - -<p>Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie -auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr -davon zu sehen.</p> - -<p>Dagegen steht noch die <em class="gesperrt">Lankaramaya Dagoba</em> (von 32 Fuss Höhe), -die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. -Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen <em class="gesperrt">Buddha-Putten am -Capitäl</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p> - -<p>Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten -<em class="gesperrt">Paläste</em>. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da -bisher nur sehr wenige Inschriften<a name="FNAnker_415_415" id="FNAnker_415_415"></a><a href="#Fussnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a> gefunden sind. Die Ausgrabungen -werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr -Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr -viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in -absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem -Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. <em class="gesperrt">Bell</em>, statt der jetzigen -60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen -von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von -Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet -sind.</p> - -<p>Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber -die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter -der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch -nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man -tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie -Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum -des Orts einverleibt worden.</p> - -<p>Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste -bezeichnet, sind Ruinen von <em class="gesperrt">Klöstern</em>.</p> - -<p>Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch -die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; -alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der -Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue -Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der -Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. -Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen -von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die -Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss -misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, -entsprechend den heutigen Klöstern in <em class="gesperrt">Birma</em>,) aus Holz errichtet -waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 -Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes -Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> war und so den Namen des -Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross -wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude -im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute -in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht -geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände -trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen -gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer -Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse -Baldachin des Kaisers (Chatta).</p> - -<p>Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden -obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde -dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, -jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen -Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.</p> - -<p>Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. -Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die -einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz -roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,<a name="FNAnker_416_416" id="FNAnker_416_416"></a><a href="#Fussnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> mit -denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als -der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk -(chunnam) getragen.</p> - -<p>Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen -Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen -sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen -Elephanten-Trog,<a name="FNAnker_417_417" id="FNAnker_417_417"></a><a href="#Fussnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a> der wie ein steinernes Boot aussieht und die -ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss -besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach -Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen -<em class="gesperrt">Predigthallen</em> darstellen.</p> - -<p>Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen -empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend -Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist -in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in -zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der -Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit -Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span></p> - -<p>Die <em class="gesperrt">dritte Sehenswürdigkeit</em> von Anuradhapura sind die -<em class="gesperrt">Wasserbauten</em>. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad -des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken -ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.</p> - -<p>Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit <em class="gesperrt">aufgemauertem</em> -Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und -heisst beim Volk und beim Führer der <em class="gesperrt">See der Riesen</em>.<a name="FNAnker_418_418" id="FNAnker_418_418"></a><a href="#Fussnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a> Er -wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung -der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer -Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen -Landstrichs.</p> - -<p>Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach -eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen -See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische -Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, -der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So -entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische -Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 -Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch -und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die -gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die -Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch -den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der -Erde, vielleicht<a name="FNAnker_419_419" id="FNAnker_419_419"></a><a href="#Fussnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a> mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so -grosse Seen geschaffen.</p> - -<p>König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast -erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch -die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela -geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben -haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), -hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere -Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, -die verfallen waren, wieder erneuert.</p> - -<p>Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen -Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche -wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere -Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> -Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, -und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.</p> - -<p>So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 -Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an -hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.</p> - -<p>Aber die <em class="gesperrt">allergrösste Merkwürdigkeit</em> von Anuradhapura, -wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der <em class="gesperrt">heilige -Feigenbaum</em>. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der -siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.</p> - -<p>Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter -dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom -König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen -Reihe frommer Wächter<a name="FNAnker_420_420" id="FNAnker_420_420"></a><a href="#Fussnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> gepflegt, worüber die singhalesischen -Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste -geschichtliche Baum der Welt.</p> - -<p>Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt -wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. -Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, -langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden -als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. -Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am -heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459–478 n. Chr.) -schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der -Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem -prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige -Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein -fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt -einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer -(Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden -Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden -Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.</p> - -<p>In der Nähe sind Priester-Wohnungen.</p> - -<p>Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte -der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser -unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p> - -<p>Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden -Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie -zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten -vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen -Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar -Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler -mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich -kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine <em class="gesperrt">mehrtausendjährige</em> -Geschichte besitzt.</p> - -<p>Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das -Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung -gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur -zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr -denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche -einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer -heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) -hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf -gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder -vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte -Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen -Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.</p> - -<p>Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben -waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die -Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. -Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die -neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach -der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. -eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, -die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in -Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, -„weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken -und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes -Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern -vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten -und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock -nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, -Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> -war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte -ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich -die <em class="gesperrt">Felsentempel bei Dambulla</em> nicht zu sehen bekam. Abends -gewährte der bläuliche Glanz der <em class="gesperrt">Leuchtkäfer</em>, die zu Tausenden -um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis -wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich -gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft -telegraphisch angemeldet.<a name="FNAnker_421_421" id="FNAnker_421_421"></a><a href="#Fussnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a></p> - -<p>Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, -Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen -Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der -Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die -Fahrt nach Colombo fort.</p> - -<p>Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von -der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. -B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders -deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der -Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht -bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden -beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets -lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom -Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). -Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht -zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu -erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die -Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei -noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in -dieser Hinsicht bevorzugt.</p> - -<p>Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war -ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in -Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie -Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld -und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die -Silber-Rupie wird in beiden genommen.</p> - -<p>Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes -<em class="gesperrt">Lebewohl</em>, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="VII">VII.<br /> -<b>Ostindien.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_d.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Der Dampfer <em class="gesperrt">Shannon</em> ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten -Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht -gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern -auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen <em class="gesperrt">missbräuchlich</em> -die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin -wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der -Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler -und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die -im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff -umkreisen und nach Münzen tauchen.</p> - -<p>Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze -von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem -Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen -der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der -Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert -aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in <em class="gesperrt">Madras</em> -gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den -<em class="gesperrt">Hugli-Fluss</em>, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere -Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">Log-Bericht.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.</p> - -<p>Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 -bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.</p> - -<p>Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.</p> - -<p>Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span></p> - -<p>Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel -Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem -Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.</p> - -<p>Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.</p> - -</div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer -Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten -Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, -Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. -Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur -kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. -Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, -eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine -gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern -des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche -Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter -vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in -der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war -ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen -über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen -gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von -der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit -angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum -Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, -namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die -Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, -einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. -Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch -achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath -herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach -25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als -Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. -Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr -Grab in Indien.</p> - -<p>Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 -Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste -von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten -Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Regen. Am Morgen des -25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. -Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der -Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so -ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie -die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der -Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.</p> - -<p>Ich lese <em class="gesperrt">Thackeray’s</em> Vanity fair und bereite mich auch für -Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen -Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem -erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: -erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich -sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie -derselben.</p> - -<p>Nachmittag um 5 Uhr sind wir in <em class="gesperrt">Madras</em>. Dies ist die dritte -Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt -der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von -361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.</p> - -<p>Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat <em class="gesperrt">keinen -Hafen</em>. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut -in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und -mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen -tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine -englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; -drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten -Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des -Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht -als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu -Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die -vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der -neuen Schutzanlagen.</p> - -<p>Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den -flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne -Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines -kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, -weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine -kräftige Hafenpolizei am Platz.</p> - -<p>Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, -an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen -und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span> Besuche -beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High -court), sehe ich vom Schiff aus.</p> - -<p>Sehr bald beginnt ein unerhörtes <em class="gesperrt">Gewühl</em> am Schiffsbord. -Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, -Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine -<em class="gesperrt">Gaukler-Familie</em> erscheint und macht unter andern das gewöhnliche -Kunststück der <em class="gesperrt">Spiritisten</em>, aber bei Tagesbeleuchtung und auf -den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- -und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus -Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem -Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger -Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und -ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends -10 Uhr fahren wir ab.</p> - -<p>Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an -Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, -Morgens früh um 6 Uhr, dass wir <em class="gesperrt">vor Anker</em> liegen, und zwar -gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (<em class="gesperrt">Saugar Island</em>) mit -Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem -Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des -Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die -hauptsächlichste gewesen sein soll.</p> - -<p>Der Hugli ist höchst <em class="gesperrt">gefährlich</em>, kann bei Nacht gar nicht und -bei Tage nur <em class="gesperrt">mit</em> der Fluth befahren werden. Abgesehen von -gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem -Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese -Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.</p> - -<p>Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie -wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem -Wasser emporragenden Masten des Wracks der <em class="gesperrt">Anglia</em>, eines grossen -Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch -Nachmittags vor <em class="gesperrt">Diamant-Harbour</em> wieder Anker und verbleiben so -über Nacht.</p> - -<p>Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem -Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt -worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war -geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen -Herrn, die ihnen vorgestellt waren.</p> - -<p>Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor -Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim -ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> und Dörfer -der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen -„Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch -mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt -belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der -Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir -sind in <em class="gesperrt">Calcutta</em>, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.</p> - -<p>Schon vorher waren die <em class="gesperrt">Zollbeamten</em> an Bord gekommen. Sie -benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu -enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps -und Opium, die <em class="gesperrt">Niemand</em> in zollpflichtiger Menge bei sich führte; -und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die <em class="gesperrt">Jeder</em> -mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren -holte seinen Revolver aus der Tasche.</p> - -<p>Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, -den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem -grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr -von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, -andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.</p> - -<p>Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu -erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist -das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu<a name="FNAnker_422_422" id="FNAnker_422_422"></a><a href="#Fussnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a>, -der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen -Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die -gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe -wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon -keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein -schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.</p> - -<p>Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem -Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche -die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen -stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen -und für den <em class="gesperrt">Nachweis</em> der Droschke — deren Hunderte dastehen, -— und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche -Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man -ihnen einfach den Rücken dreht.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Great Eastern Hotel</em>, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten -Reisenden unseres Dampfers, des <em class="gesperrt">Postschiffes</em> von London<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> -nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die -Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, -mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir -eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in -dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die -Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in -meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich -allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich -schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt -eben für fein, in <em class="gesperrt">diesem</em> Gasthaus<a name="FNAnker_423_423" id="FNAnker_423_423"></a><a href="#Fussnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> abzusteigen und hieher -die Einladungsbriefe<a name="FNAnker_424_424" id="FNAnker_424_424"></a><a href="#Fussnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> zu erhalten. Aber da ich nicht an diese -englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit -vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (<em class="gesperrt">Bellevue</em> -der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach -indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein -eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und -Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, -einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie<a name="FNAnker_425_425" id="FNAnker_425_425"></a><a href="#Fussnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a> zu fordern hat und -mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee -und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden -behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert -er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden -und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem -Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über -den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> auf die Esplanade, -zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, -wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in -einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf -meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich -gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen -Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen -Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien -mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, -dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, -wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute -in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und -erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen -veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei -unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.</p> - -<p>So bin ich also in Indien, dem <em class="gesperrt">Märchenland</em> für die Europäer von -den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft -des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, -so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so -räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die <em class="gesperrt">Literatur</em> über -Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter -Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was -er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher -zu bringen.</p> - -<p>Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in -englischer Sprache, von <em class="gesperrt">Murray</em>. Ferner Führer durch die -hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber -die Hauptquelle ist <em class="gesperrt">The Indian Empire</em> by Sir William Wilson -<em class="gesperrt">Hunter</em>, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus -seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des <em class="gesperrt">Statistical Survey</em> -erst die 14 Bände des <em class="gesperrt">Imperial Gazetteer of India</em> und daraus -das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das -Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die -man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches -Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von <em class="gesperrt">Werner</em>, Jena 1884.) -Ausserdem hat <em class="gesperrt">Hunter</em> noch zwei Werke verfasst: <em class="gesperrt">A brief -history of the Indian people</em> und <em class="gesperrt">Englands Work in India</em>. Die -ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von <em class="gesperrt">Mount -Stuart Elphinstone</em>, der selber so thätigen Antheil an der neueren -Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian -<em class="gesperrt">Mutiny</em> by Col. S. B. Malleson.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span></p> - -<p>Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat -Prof. <em class="gesperrt">Lefmann</em> in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).</p> - -<p>Für die indische Kunst kommt in Betracht <em class="gesperrt">Industrial arts of India -by Sir G. Birdwood</em>. <em class="gesperrt">J. Fergusson’s History of Indian und -Eastern Architecture</em> scheint das einzige Werk über <em class="gesperrt">indische -Baukunst</em> zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind -seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten -des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den -Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an -deutlich. Sehr lehrreich ist Albert <em class="gesperrt">Grünwald’s</em> buddhistische -Kunst in Indien, Berlin 1893.</p> - -<p>Ueber <em class="gesperrt">Alterthümer</em> erwähnen die Verfasser der englischen -Reisewerke immer nur <em class="gesperrt">Jas. Prinsep’s</em> Essays on Indian Antiquities -(zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und -schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. -Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und -noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. -<em class="gesperrt">Lassen</em> in Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).</p> - -<p>Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges -Büchlein von unserem <em class="gesperrt">Max Müller</em> in Oxford: <em class="gesperrt">Indien</em> in -seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat -bekanntlich den ganzen <em class="gesperrt">Rigveda</em> herausgegeben, das unermüdliche -Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische -fertiggestellt. Die <em class="gesperrt">indische Literaturgeschichte</em> verdanken wir -unserem Berliner Professor <em class="gesperrt">Albrecht Weber</em> (II. Auflage, Berlin -1876).</p> - -<p>Ueber die <em class="gesperrt">Religionen</em> in Indien belehrt uns ein Werk von A. -<em class="gesperrt">Barth</em> in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) -besitze.</p> - -<p>Die Zahl der <em class="gesperrt">englischen Reisebeschreibungen</em> über Indien ist -gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter <em class="gesperrt">Sir E. -Arnolds</em>, und Picturesque India by W. S. <em class="gesperrt">Caine</em> (London 1891).</p> - -<p>Von <em class="gesperrt">deutschen Reisewerken</em> kommen in Betracht die einschlägigen -Capitel der schon genannten Bücher von <em class="gesperrt">Hildebrandt</em>, H. -<em class="gesperrt">Meyer</em>, <em class="gesperrt">Lanckorónski</em>. Ausserdem haben wir eigne -Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des -Prinzen <em class="gesperrt">Waldemar von Preussen</em> (1844 bis 1846) und seines -Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor -<em class="gesperrt">Reuleaux</em> „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); -endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von -<em class="gesperrt">Schlagintweit</em> (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem -Verfasser leider die<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span> eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild -geschilderten Landes nicht beschieden war.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">allgemeine Länderkunde</em> unseres bibliographischen Instituts -enthält in dem 1892 erschienenen Band <em class="gesperrt">Asien</em> eine Beschreibung -von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, -den 8. Band von E. <em class="gesperrt">Reclus</em>’ Nouvelle Géographie universelle -(Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern -erschienene <em class="gesperrt">Erdkunde</em> unseres <em class="gesperrt">Ritter</em>, trotz der inzwischen -eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch -heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.</p> - -<p>Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über -Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so -sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unser Name <em class="gesperrt">Indien</em> stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde -der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier -<a name="gelangtenund" id="gelangtenund"></a>zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im -Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria -von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.</p> - -<p>Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der -Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den -Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa -zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu -entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im -äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und -begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber -als <em class="gesperrt">Ostindien</em> zu bezeichnen.</p> - -<p>Das Riesendreieck von <em class="gesperrt">Ostindien</em> ruht mit der Grundfläche am -Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen -Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur -heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat -eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, -d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte -von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein -Erdtheil, als ein Land.</p> - -<p>Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der -Himálaja<a name="FNAnker_426_426" id="FNAnker_426_426"></a><a href="#Fussnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a>-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span> -Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit -seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem -Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta -mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland -der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan<a name="FNAnker_427_427" id="FNAnker_427_427"></a><a href="#Fussnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a>, d. h. Süden. Das -Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des -Dreiecks, die Ost- und West-Ghats<a name="FNAnker_428_428" id="FNAnker_428_428"></a><a href="#Fussnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> die beiden Seiten (Malabar- und -Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II -mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.<a name="FNAnker_429_429" id="FNAnker_429_429"></a><a href="#Fussnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a></p> - -<p>Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch -unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit -anerkennen. Der britische <em class="gesperrt">Vicekönig</em> (oder Governor General, -zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter -zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des -östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher -europäische König.</p> - -<p>Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der -Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück -erwartet wurde.</p> - -<p>Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen -(Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, -Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. -Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)</p> - -<p>Die Volkszählung von 1891 ergab:</p> - -<table class="zaehlung_1891" summary="Volkszählung 1891"> - <tr> - <td class="tdl vat padright1"> - 1) - </td> - <td class="tdr vat"> - 221434862 - </td> - <td class="tdc vat"> - Einwohner - </td> - <td class="tdc vat"> - in - </td> - <td class="tdc vat"> - den - </td> - <td class="tdl"> - britischen Besitzungen, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padright1"> - 2) - </td> - <td class="tdr vat"> - 66908147 - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - Schutzstaaten, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padright1"> - 3) - </td> - <td class="tdr vat"> - 561384 - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - portugiesischen Ansiedlungen<br /> - <span class="padleft2">(Goa u. s. w.),</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padright1"> - 4) - </td> - <td class="tdr vat"> - 282923 - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdc vat"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - französischen (Pondichery u. s. w.). - </td> - </tr> -</table> - -<p>Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt -(einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. <em class="gesperrt">Noch -nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder -beherrscht worden.</em></p> - -<p>Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und -ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den briti<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span>schen Besitzungen -fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: -42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den -Erzeugnissen eines einzigen Acre.<a name="FNAnker_430_430" id="FNAnker_430_430"></a><a href="#Fussnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a></p> - -<p>In England leben 53,<sub>22</sub> Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit -mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,<sub>84</sub> Procent -in 225 Städten dieser Grösse. <em class="gesperrt">Indien ist ein Acker-Land.</em> -In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch -giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere -<em class="gesperrt">Vertheilung</em> des Volkes.</p> - -<p>In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich <em class="gesperrt">vier Stämme</em>:</p> - -<p>1) <em class="gesperrt">Ureinwohner</em> (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten -Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).</p> - -<p>2) Verhältnissmässig reine <em class="gesperrt">Arier</em> (Bráhmanen, Rájputen) 16 -Millionen.</p> - -<p>3) Die <em class="gesperrt">gemischte</em> Bevölkerung der <em class="gesperrt">Hindu</em>, die aus der -arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der -letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.</p> - -<p>4) <em class="gesperrt">Mohammedaner</em> 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter -britischer Regierung im Jahre 1872.<a name="FNAnker_431_431" id="FNAnker_431_431"></a><a href="#Fussnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a>)</p> - -<p>Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der -Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ -Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen -Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess -man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch -Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen <em class="gesperrt">wilder Wald-Stämme</em> -vorhanden sind.</p> - -<p>In der <em class="gesperrt">ältesten</em> Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, -entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den -Boden Indiens. Der eine Stamm war ein <em class="gesperrt">hellfarbiges</em> Volk, vor -Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach -Indien vorgedrungen; <em class="gesperrt">Aryer</em>, d. h. Edle, nannten sie sich selber, -sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, <em class="gesperrt">dunkler</em> -und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden -von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der -Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse -hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten -Liedern (Rig-Veda) <em class="gesperrt">Feinde</em> (Dasyus) oder <em class="gesperrt">Sklaven</em> (Dásas) -genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber -nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> -Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, -finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter -nicht-arischen Herrschern.</p> - -<p>Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie -vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.</p> - -<p>Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. -Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die -ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen -und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der -Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden -von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer -Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch -die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen -machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von -der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. -Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf -Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. -Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den -<em class="gesperrt">Linga</em>, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; -sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute -sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im -Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen -Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen -Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere -Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder -indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.</p> - -<p>Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der -Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den -Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese <em class="gesperrt">Rig-Veda</em> -sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 -v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. -Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.</p> - -<p>Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter -Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh -war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier -(aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in -Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ -Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später -verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die -Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem -Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> Agni (Ignis), den -Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und -elf im glänzenden Luftkreis.</p> - -<p>Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so -begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. -Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen -Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. -Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige -Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (<em class="gesperrt">Brahma</em>, -<em class="gesperrt">Wischnu</em>, <em class="gesperrt">Schiwa</em>), von denen in den Veden noch nicht -gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.</p> - -<p>Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen -mit Priestern und Kasten?<a name="FNAnker_432_432" id="FNAnker_432_432"></a><a href="#Fussnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> Die Schrift war unbekannt. Die -Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an -Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine -Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende -Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den <em class="gesperrt">Veda</em> -(dem <em class="gesperrt">Wissen</em>, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und -deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen -Brahmana bilden die <em class="gesperrt">Offenbarung</em> (Sruti, das aus Gottes Mund -<em class="gesperrt">Gehörte</em>); die späteren <em class="gesperrt">Sutra</em> (oder <em class="gesperrt">Reihen</em> von -Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt -sind, fügen die <em class="gesperrt">Ueberlieferung</em> (Smriti, das Erinnerte) hinzu.</p> - -<p>Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse -der <em class="gesperrt">Kshattriya</em> (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die -heutzutage <em class="gesperrt">Rájput</em> = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer -(<em class="gesperrt">Vaisya</em>, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den -drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach -Geborenen oder Ariern. <em class="gesperrt">Unter</em> ihnen stand eine vierte oder -<em class="gesperrt">dienende</em> Klasse, <em class="gesperrt">Súdra</em>, Ueberbleibsel der überwundenen -Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern -theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, -theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger -und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft -wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren -siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von -ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich -mit der Macht über die Gemüther.</p> - -<p>Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des -Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p> - -<p>1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende -der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen -bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der -armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte -weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, -von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.</p> - -<p>2) Darauf gründet er eine Familie.</p> - -<p>3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln -und führt die religiösen Gebräuche aus.</p> - -<p>4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.</p> - -<p>Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen -Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.</p> - -<p>Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter -sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und -geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der -Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die -Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses -gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache -und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und -nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus -welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.</p> - -<p>Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss -der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur -Zeit findet der Reisende in Indien nur <em class="gesperrt">einen</em> grossen Sitz -seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn -Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und -Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, -der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen -bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben -und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften -ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen -Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren -männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter -der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, -Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu -geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste -(Sankya, 500 v. Chr.) die <em class="gesperrt">Entwicklungslehre</em>, welche heute den -Beifall so vieler Denker in Europa findet.</p> - -<p>Die Bráhmanen schufen die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. Pánini’s Grammatik -des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten -der<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man -Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes -gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ -gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die -Sanskrit-Literatur wurde <em class="gesperrt">mündlich</em> überliefert und ist darum -ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von -Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht -älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in -einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten -Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. -Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen -abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.</p> - -<p>Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die -Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie -sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 -ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.</p> - -<p>Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder -ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde -ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu -sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. -Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat -in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler -hinterlassen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Gesetzbuch von Manu</em>, das die Kasten feststellt und die -Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, -ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis -200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter -sein, als 500 n. Chr.</p> - -<p>Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen -(Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier -in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und -nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische -Dichtungen. Von Kalisada’s Drama <em class="gesperrt">Sakuntala</em> (550 n.Chr.) ist -1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche -<em class="gesperrt">Veranlassung</em> für das Studium der indischen Sprache, Kunst -und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum -16. Jahrhundert) entstanden dann noch die <em class="gesperrt">Purana</em> (die „alten -Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.</p> - -<p>Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von -Gautama <em class="gesperrt">Buddha</em>. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen -starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span> -zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und -Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. -Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, -die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung <em class="gesperrt">allen</em> -Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter -Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, -wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten -und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den -Menschen.</p> - -<p>Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), -König von Magadha oder Behar,<a name="FNAnker_433_433" id="FNAnker_433_433"></a><a href="#Fussnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> machte sie zur Staatsreligion -und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen -Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte -Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder -scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche -Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka -oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 -Werken) hervorgegangen.</p> - -<p>Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander -1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung -entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in -neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren -aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, -was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht -unmöglich.</p> - -<p>Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) -beginnt die Beeinflussung Indiens durch <em class="gesperrt">Fremde</em>, beginnt für uns -die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie -Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. -folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche -grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in -der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht -arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.</p> - -<p>Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. -Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich -wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz -gegriffen. <em class="gesperrt">Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu</em>, -und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und -nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die -Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span></p> - -<p>Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer -von <em class="gesperrt">Afghanistan</em> aus in Nordindien ein. 1526 gründet der -mohammedanische Turanier Baber das Reich des <em class="gesperrt">Grossmogul</em>, -das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. -Die <em class="gesperrt">Portugiesen</em> hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen -an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die -<em class="gesperrt">Holländer</em> im 17. Jahrhundert, die <em class="gesperrt">Engländer</em> und die -<em class="gesperrt">Franzosen</em>, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach -der <em class="gesperrt">Zersplitterung des Mogul-Reiches</em> (1707) <em class="gesperrt">gelang es -den Engländern</em>, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft -geschaffen, <em class="gesperrt">festen Fuss in Indien zu fassen</em>. 1757 besiegte -Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen -im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. -Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von -<em class="gesperrt">Mysore</em> in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten -Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen -<em class="gesperrt">Maraten</em> in Centralindien, welche schon die Erbschaft des -Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts -die <em class="gesperrt">Sikhs</em> in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen -Soldaten (<em class="gesperrt">Sepoy</em>) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die -Ostindische Gesellschaft aufgehoben, <em class="gesperrt">Indien unter die Verwaltung der -Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben</em>.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Calcutta">Calcutta,</h3> - -</div> - -<p>die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste -und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern<a name="FNAnker_434_434" id="FNAnker_434_434"></a><a href="#Fussnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a> im Jahre -1891) hat zwar den Namen von einem <em class="gesperrt">uralten Wallfahrtsort</em> zu -Ehren der <em class="gesperrt">Kali</em>, der schrecklichen Gattin von Schiwa,<a name="FNAnker_435_435" id="FNAnker_435_435"></a><a href="#Fussnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a> ist -aber eine<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> durchaus <em class="gesperrt">neue</em> Gründung und ein wahres Kind gegen so -altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.</p> - -<p>Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der -englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu -einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch -die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender -Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl -der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen -eingerichtet.</p> - -<p>Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von -Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes -Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, -eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen -Engländer (146, Männer und Frauen,) in das <em class="gesperrt">schwarze Loch</em> stecken -(<em class="gesperrt">Black hole</em>;<a name="FNAnker_436_436" id="FNAnker_436_436"></a><a href="#Fussnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a> so hiess das Militärgefängniss von Fort -William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten -Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, -waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am -folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.</p> - -<p>Sofort segelten <em class="gesperrt">Clive</em> und Watson mit allen verfügbaren Truppen -von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen -den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa -Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte -Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich -von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in -seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine -Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von <em class="gesperrt">Plassy</em> (80 -engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein -Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron -des Nawab gesetzt. <em class="gesperrt">Dies ist der eigentliche Anfang von Englands -Machtstellung in Indien.</em></p> - -<p>Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude -sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 -und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span></p> - -<p>Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von -Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, <em class="gesperrt">also dicht unter dem -Wendekreis</em>, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt -sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und -von Osten nach Westen 2–3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird -<em class="gesperrt">begrenzt</em> durch den <em class="gesperrt">Fluss</em> und die <em class="gesperrt">Gürtelstrasse</em> -(Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, -Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.</p> - -<p>Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist -<em class="gesperrt">freigelassen</em>. Der riesige Exercirplatz (<em class="gesperrt">Maidan</em>, -Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des -Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das <em class="gesperrt">Denkmal für Sir David -Ochterlone</em>, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana -gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht -und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den -Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne -den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,<a name="FNAnker_437_437" id="FNAnker_437_437"></a><a href="#Fussnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a> über den weiten Platz -schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.</p> - -<p>Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert -über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt -liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des -Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen -zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich -befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen -Chowringhee-Strasse, in welcher auch der <em class="gesperrt">General-Consul</em> des -Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das -liebenswürdigste empfangen hat.</p> - -<p>Der Haupttheil der „<em class="gesperrt">Stadt der Paläste</em>“, nördlich von dem -Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen -Baustil, aber einen sehr — <em class="gesperrt">mittelmässigen</em>. <em class="gesperrt">Der Palast -des Vicekönigs</em> liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten -Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, -die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch -Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so -gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.</p> - -<p>Westlich von dem Palast liegt das <em class="gesperrt">Stadthaus</em> (Town-hall) in -jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her -genügend<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von <em class="gesperrt">Warren -Hastings</em> zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist -dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer -in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben -sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz -gleich, die Bekenner beider mit der gleichen — Ueberhebung. Vollends -Warren Hastings (1772–1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz -<em class="gesperrt">gleicher Rücksichtslosigkeit</em> den Hindu-Fürsten von Benares und -die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst -wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie -zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, -er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar -freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Obergericht</em> (High Court), das Secretariat und die andern -Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen -liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich -und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die -<em class="gesperrt">Post</em> mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider -ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen -Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (<em class="gesperrt">Babu</em>)<a name="FNAnker_438_438" id="FNAnker_438_438"></a><a href="#Fussnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a>, welche eine -grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die -letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein -üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief -abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu -meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden -Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus -der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die -über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften -empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas -für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu -zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem -ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die -Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)</p> - -<p>Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span> -Banken<a name="FNAnker_439_439" id="FNAnker_439_439"></a><a href="#Fussnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a> und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die -englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für -die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind -lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man -weit billiger einkaufen.</p> - -<p>Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (<em class="gesperrt">Bow Bazar</em>) -quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss -jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East -India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. -(Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie -der letzteren.)</p> - -<p>Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die -<em class="gesperrt">Dhurumtolla-Strasse</em>, die an dem Palast beginnt und ganz -allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. -Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz <a name="ghulam" id="ghulam"></a>Shulam -Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf -Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse -und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu -billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des -Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. -Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen -Gewändern als Hausirer auf der Strasse.</p> - -<p>Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch -ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber -eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus -zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine -Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden -fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur -einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen -Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.</p> - -<p>Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und -Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der -kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah -sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> nach Abgabe eines -Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.</p> - -<p>Seine Visitenkarte lautet:</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="visitenkarte" name="visitenkarte"> - <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_0350.jpg" - title="Rajah Sir Sourindro Mohun Tagore, Kt., Mus. Doc., Companion of the Order of the Indian Empire; Knight Grand Cross, -Commander, or Chevalier of several Imperial, Royal, or Republican -Orders, Nawab of the Persian Empire" alt="" /></a> -</div> - -<p>Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.</p> - -<p>Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, -wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. -Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische -Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein -sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir -indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr -musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien -haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten -durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie -nach Europa. Fürst Tagore<a name="FNAnker_440_440" id="FNAnker_440_440"></a><a href="#Fussnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, -die <em class="gesperrt">Musik</em> seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und -auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, -dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta -meinem Ohr durchaus gefällig schien.</p> - -<p>Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, -sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus <em class="gesperrt">Hindu-Dörfern</em> -(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche -Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die -Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm -verschmiert ist. Die Vorderseite der<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span> Hütte steht bei Tage offen und -wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier -wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden -sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.</p> - -<p>Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.</p> - -<p>Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke -über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten -gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind -am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl -der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen -des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf -lohnende Rückfracht.</p> - -<p>Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke -sieht einer <em class="gesperrt">europäischen Fabrikstadt</em> ähnlich. Da schnurren -die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen -Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und -Baumwollenspinnereien.</p> - -<p>Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt -werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute<a name="FNAnker_441_441" id="FNAnker_441_441"></a><a href="#Fussnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a>, und -daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.</p> - -<p>1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem -ganzen indischen Seehandel (Rx<a name="FNAnker_442_442" id="FNAnker_442_442"></a><a href="#Fussnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a> 193 Millionen, oder in runden -Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890–91) beherrscht Calcutta wie -Bombay je 40 Procent.</p> - -<p>Die Zahl der <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em> in Calcutta ist gering.</p> - -<p>Am bemerkenswerthesten ist das <em class="gesperrt">indische Museum</em> in der -Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten -Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist -frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah -ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban -und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend,<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> aber ganz -unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>, -Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, -wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von -dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, -noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte -Bildsäulen aller <em class="gesperrt">indischen Völkerschaften</em> mit ihrer Kleidung, -ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem -arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt -man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, -sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen -darstellt.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche</em> Abtheilung giebt eine vollständige -Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Eisenerz</em> wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten -Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.</p> - -<p>Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute -<em class="gesperrt">Kohle</em><a name="FNAnker_443_443" id="FNAnker_443_443"></a><a href="#Fussnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr -billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, -doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile -der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei -einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die -Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast -zu Ballastfrachtsatz.</p> - -<p><em class="gesperrt">Steinsalz</em> im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung -an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem -pflanzenessenden Indier so nöthige <em class="gesperrt">Speisesalz</em> und der Regierung -ein beträchtliches Einkommen.<a name="FNAnker_444_444" id="FNAnker_444_444"></a><a href="#Fussnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a></p> - -<p>Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal -(Nord-Behar) einen grossen Theil des <em class="gesperrt">Salpeters</em> für das -Schiesspulver Europa’s.</p> - -<p><em class="gesperrt">Silber</em>, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im -Lande gefunden. <em class="gesperrt">Gold</em> wird aus dem Flusssand gewaschen; aber -die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf -die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt.<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span> -<em class="gesperrt">Kupfer</em> wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich -gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke -(surmá).</p> - -<p><em class="gesperrt">Kalkstein</em> (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk -(chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude -zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen <em class="gesperrt">Marmor</em> der Rajputana.</p> - -<p>Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an <em class="gesperrt">Edelsteinen</em>, der -Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr <em class="gesperrt">reich</em> an -kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der <em class="gesperrt">Jahrhunderte</em> lang -fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden -noch jetzt in der Gegend von <em class="gesperrt">Golconda</em> gefunden, einige Perlen im -Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.</p> - -<p>Uebrigens sind thatsächlich alle <em class="gesperrt">Diamanten</em><a name="FNAnker_445_445" id="FNAnker_445_445"></a><a href="#Fussnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a> bis 1728 n. Chr. -aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in -Südafrika gefunden.</p> - -<p>Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) -<em class="gesperrt">Kohinur</em> „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin -in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des -grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den -Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen -Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, -106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache -gewogen haben. 2) Der <em class="gesperrt">Orlow</em> an der Spitze des russischen -Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für -450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 -Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der <em class="gesperrt">Regent</em>, von 136 Karat, -stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem -Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen -Kronschatz.</p> - -<p>Vergeblich suchte ich die <em class="gesperrt">Glasmodelle</em> der grossen indischen -Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd -sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein -dummer Teufel sie — gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was -wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der -mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass -ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum -von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. -Das erste ist der indische <em class="gesperrt">Magneteisenstein</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> der vielleicht -schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet -worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein -als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, -eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.<a name="FNAnker_446_446" id="FNAnker_446_446"></a><a href="#Fussnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> Das -zweite ist der indische <em class="gesperrt">Beryll</em>, ein meergrüner, durchsichtiger -Halbedelstein. <em class="gesperrt">Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache</em> -übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch -bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder -berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall -und Glas. Davon stammt unser Wort <em class="gesperrt">Brille</em>.</p> - -<p>Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine -der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die -<em class="gesperrt">Alterthümer</em>.</p> - -<p>Am besten gefallen <em class="gesperrt">uns</em> die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem -äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar -unter <em class="gesperrt">griechisch-baktrischem</em> Einfluss entstanden sind: kleine -Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus -Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom -herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine -ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha -betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in -schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr -Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser -Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.</p> - -<p>Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die <em class="gesperrt">Reste buddhistischer -Bauwerke</em>. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die -Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit -mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört -ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die -Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. -Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in -Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten -für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele -Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an -elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta -ganz reichlich gedeckt ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p> - -<p>Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von -<em class="gesperrt">Bharhut</em>,<a name="FNAnker_447_447" id="FNAnker_447_447"></a><a href="#Fussnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer -Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind -dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, -mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten -ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten -(Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser -Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser -merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend -einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in -den — Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig -eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.</p> - -<p>Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge -von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, -dem <em class="gesperrt">Rad</em> des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von -baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst -war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende -Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und -Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und -dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der -Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist -das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein -eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.</p> - -<p>Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die -Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum -seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein -Naga-<a name="FNAnker_448_448" id="FNAnker_448_448"></a><a href="#Fussnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, -der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine -Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum -niederknieen.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">zoologische Garten</em>, im Süden der Stadt, am -Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, -verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, -dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist -geräumig, gut<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span> gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr -gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier -kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in -Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar -nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt -durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken -Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und -trägt noch allerlei Flitter und Zierath.</p> - -<p>Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber -mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter -den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders -die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter -bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. -Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr -belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge -nach oben, sein linkes nach unten wendet.</p> - -<p>An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe -ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten -an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im <em class="gesperrt">Baustil</em> gewahrt -ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die -<em class="gesperrt">braunen Menschen</em> und zweitens Inschriften wie die folgende: -„Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch -die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.</p> - -<p>Aber weit berühmter ist der <em class="gesperrt">botanische Garten</em>. Der Besuch -desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen -nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann -südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der -Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der -Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen -Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine -Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und -King waren alle sehr berühmte Botaniker.</p> - -<p>An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein -indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume -(Ficus religiosa).</p> - -<p>Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, -nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr -schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein -Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span> Inschrift: -Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That -ein wenig glücklicher Gedanke.</p> - -<p>Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen -(Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der -Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch -einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild -für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch -stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.</p> - -<p>Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem -Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des -Gartens ist ein <em class="gesperrt">Banyanbaum</em> (<em class="gesperrt">Ficus indica</em>), der laut -Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen -Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit -ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes -beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.</p> - -<p>Es ist sehr merkwürdig, dass bereits <em class="gesperrt">Milton</em> († 1674) den -wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Branching so broad along, that in the ground</div> - <div class="verse">The bending twigs take root and daughters grow</div> - <div class="verse">About the mother tree, a pillared shade,</div> - <div class="verse">High overarched with echoing walks between.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege -der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische -Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses -Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s -reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in -Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung -getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die <em class="gesperrt">Flora of British -India</em> in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei -London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen -Eifer der Engländer.</p> - -<p>Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit -Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse -(von 3–4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.</p> - -<p>Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und -Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über -den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.</p> - -<p>Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist -ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen -in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> in’s -Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, -künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen -sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, -was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in -unseren hoch gesitteten Seebädern.</p> - -<p>Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die -Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.</p> - -<p>Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre -zum Empfang des Vicekönigs an <em class="gesperrt">Prinseps Ghat</em>, der Landungstreppe -im Süden des Hafens.</p> - -<p>Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. -Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der -Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete -Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, -zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem -Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen -Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen -und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.</p> - -<p>So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren -auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch -Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen -überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. -Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner -selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen -jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In -dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und -trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.</p> - -<p>Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren -Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige -Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter -Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, -z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und -eigenartig.</p> - -<p>Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass -der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden -sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.</p> - -<p>Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem -Glanz.</p> - -<p>Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> -<em class="gesperrt">Fort-William</em>, das von 1757–1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. -Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem -50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus -mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer -Ausfallspforte.<a name="FNAnker_449_449" id="FNAnker_449_449"></a><a href="#Fussnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> Es enthält ein englisches und ein einheimisches -Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal -und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht -hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im -Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 -errichtet.</p> - -<p>Zwischen der Festung und dem Palast liegt der <em class="gesperrt">Eden-Garten</em>, wo -Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, -Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen -Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren -Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich -in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, -sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, -die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem -kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, -holzgeschnitzten Fabelthieren.</p> - -<p>Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein -Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.</p> - -<p>Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist -von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit -zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der -Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla -und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die -Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, -aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., -des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der -Landhäuser sind schon von 1768–1780 erbaut.</p> - -<p>Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen -englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die -Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der -Muttersprache ermöglichte.</p> - -<p>Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch -eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unver<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span>heiratheten) -aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich -einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn -hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf -von Jute, nach Calcutta gereist war.</p> - -<p>Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und -eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,<a name="FNAnker_450_450" id="FNAnker_450_450"></a><a href="#Fussnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a> musste aber ernstlich -verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das -Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten -Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich -hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das -indische Soda-Wasser.<a name="FNAnker_451_451" id="FNAnker_451_451"></a><a href="#Fussnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a> Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien -nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten -Flasche entnommen wurde.</p> - -<p>Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre<a name="FNAnker_452_452" id="FNAnker_452_452"></a><a href="#Fussnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> die englische -Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um -den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun -scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel -gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder -gar pfeifen zu hören<a name="FNAnker_453_453" id="FNAnker_453_453"></a><a href="#Fussnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a>, dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes -Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.</p> - -<p>Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. -— Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde -Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. — Mein -Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in -Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, -war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke -durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse -zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, -zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr -merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein -Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess -„Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder -sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften -Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen -erwachsenen Sohn und veranlasst<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span> die Tödtung des letzteren. Spiel und -Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, -noch in den lustigen Abschnitten.</p> - -<p>Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach -Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das -Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die <em class="gesperrt">Universität</em> -und dabei das <em class="gesperrt">Krankenhaus der Schule für Heilkunde</em> (der -medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach -europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige -Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. -Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, -hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. -<em class="gesperrt">Lungenentzündung</em>, die bei uns von den Nichtärzten für eine -auserlesene <em class="gesperrt">Erkältungskrankheit</em> gehalten wird, fehlt keineswegs -in dem heissen Indien und kommt besonders in der — <em class="gesperrt">wärmeren</em> -Jahreszeit vor. <em class="gesperrt">Lungenschwindsucht</em> ist in Indien sogar häufig; -auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. -<em class="gesperrt">Cholera</em> kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. -Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von -Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene <em class="gesperrt">Mayo-Krankenhaus</em> für -Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, -besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari -auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle -aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer -in ein abgesondertes Gebäude.<a name="FNAnker_454_454" id="FNAnker_454_454"></a><a href="#Fussnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a> Die Engländer glauben gegen die -Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch -gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. -Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat -mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, -da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der -Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen -sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner -hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat -Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle -eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer -Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls -und sagte kaltblütig,<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und -gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche -Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch -vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und -über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, -besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke -nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie -gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun -solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes -geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht -gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu -Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.</p> - -<p>Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so -verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen -einzugehen. Die alten Griechen (auch schon <em class="gesperrt">Hippocrates</em>, der -Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den -Griechen schöpfende Römer <em class="gesperrt">Celsus</em>, zur Zeit Nero’s,) haben -den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα<a name="FNAnker_455_455" id="FNAnker_455_455"></a><a href="#Fussnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a>) -bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in -Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;<a name="FNAnker_456_456" id="FNAnker_456_456"></a><a href="#Fussnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a> dieser -Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien -über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den -klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall<a name="FNAnker_457_457" id="FNAnker_457_457"></a><a href="#Fussnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a> -genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung -nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne -Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so -beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe -dem Meerbusen von Bengalen. Unser <em class="gesperrt">Robert Koch</em> hat aus eigner -Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes -genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder -asiatischen Cholera entdeckten <em class="gesperrt">Kleinpilz</em> (Komma-Bacillus) in -den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von -Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien -alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> schwankte von 1882 bis -1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa -198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.<a name="FNAnker_458_458" id="FNAnker_458_458"></a><a href="#Fussnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a></p> - -<p>An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist -ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom -Tausend. (In Deutschland 28.)</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Darjeeling">Darjeeling im Himalaya.</h3> - -</div> - -<p>Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien -(und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug<a name="FNAnker_459_459" id="FNAnker_459_459"></a><a href="#Fussnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> nach -Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der -nördlichen Eisenbahn von <em class="gesperrt">Bengalen</em>.</p> - -<p>Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht -unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, -Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die -Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.</p> - -<p>Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des -Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett<a name="FNAnker_460_460" id="FNAnker_460_460"></a><a href="#Fussnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a> konnte ein -bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der -Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der -Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der -trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> -Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) -zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz <em class="gesperrt">Sara -Ghat</em> einigermassen zu verringern.</p> - -<p>Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert -jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck -wird uns ein Abendessen aufgetragen. <em class="gesperrt">Zum ersten Mal in Indien ist es -empfindlich kühl.</em></p> - -<p>Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal -railway). Diese hat eine <em class="gesperrt">Meter-Spurweite</em>.</p> - -<p>Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli -wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, -entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen -Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes -Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.</p> - -<p>So beginne ich meine erste <em class="gesperrt">Nachtfahrt</em> auf indischer Eisenbahn. -Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen -zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken <em class="gesperrt">bequem</em> schlafen -können; die beiden andern <em class="gesperrt">leidlich</em>, auf den obern Klappbänken. -Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. -Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in -den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, -Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.</p> - -<p>Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 -Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird -der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen -Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die -Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert -werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten -sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in -den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande -Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross -und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte -Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass -fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen -kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier -Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte -Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige -Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> gehörigen -Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.</p> - -<p>Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im -heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen -leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist -jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.</p> - -<p>Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein -Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch -nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen -wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der -Staatsbahn.</p> - -<p>Hier beginnt die private <em class="gesperrt">Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn</em>, die -eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.<a name="FNAnker_461_461" id="FNAnker_461_461"></a><a href="#Fussnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> Bahn -und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis -1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um -1000 Fuss.</p> - -<p>Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem -Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der -Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je -eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der -Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 -englischen Meilen in acht Stunden zurück.</p> - -<p>Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 -Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien -für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis -Siliguri nur 30 Rupien kosten.)</p> - -<p>Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der -zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue -Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.</p> - -<p>Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung -die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom -Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir -emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, -welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen -eingenommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span></p> - -<p>Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der -Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.</p> - -<p>Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen -wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen -Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. -Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, -prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, -welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist -etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.</p> - -<p>Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen -sich geändert. Zunächst sieht man noch viele <em class="gesperrt">Bengalen</em>, -namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von -den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. -Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten -Backenknochen. Es sind <em class="gesperrt">Nepauler</em> mit eigner Sprache, Buddhisten. -Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist -mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der -tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder -Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. -Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, -ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband -ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches -wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als -ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt -mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.</p> - -<p>Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss -über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön -terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.</p> - -<p>In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, -vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren <em class="gesperrt">Woodland’s Hotel</em> -sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem -herrliche Cypressen und Laubbäume.</p> - -<p>Sehr interessant war der <em class="gesperrt">Bazar</em> der Eingeborenen wegen des -Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, -Tibetaner.</p> - -<p>Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; -zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen -englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um -einen<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen -Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den -Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich -ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, -sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“</p> - -<p>Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. -im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den -wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.</p> - -<p>Der Bezirk <em class="gesperrt">Darjeeling</em>, der zwischen die unabhängigen Staaten -Nepaul<a name="FNAnker_462_462" id="FNAnker_462_462"></a><a href="#Fussnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a> und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die -Himalayakette fortreichenden Schutzstaat <em class="gesperrt">Sikkim</em> grenzt, war -im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine -Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten -abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung -übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine -Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt -wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Theepflanzungen</em> wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 -Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 -wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.</p> - -<p>Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher -Colonisation.</p> - -<p>Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) -um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines -Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt<a name="FNAnker_463_463" id="FNAnker_463_463"></a><a href="#Fussnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> nach dem -Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von -Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.</p> - -<p>Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem -Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings -von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen -Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir -noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen -zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah -ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt -über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und -darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont -emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es -war doch noch empfindlich kalt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span></p> - -<p>Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, -wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich -entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.</p> - -<p>Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten -Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk -bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus -Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. -Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele -Selbstmorde vorkamen.</p> - -<p>Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl -zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz -tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten -Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss -beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir -bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) -vom Hotel aus erspähen können.</p> - -<p>Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich -zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die -stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung -des unruhigen Sikkim gehalten wird.</p> - -<p>Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch -die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine -Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und -Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man -Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor -von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier -Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, -Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch -zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu -spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von -Bengalen errichtete <em class="gesperrt">Eden-Sanitarium</em>, eine Pflegestätte für -Genesende. Dr. <em class="gesperrt">Russel</em>, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, -sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an -Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus -der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für -Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) -ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, -in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der -grossen — Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. -Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen -Thaleinsenkung errichtet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span></p> - -<p>Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, -aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.</p> - -<p>In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich -schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige -und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz -von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, -zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, — aber nicht etwa, um -ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das -Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, -der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen -verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf -geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!</p> - -<p>Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren -Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen -Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter -Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse -wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. -Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, -darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn -geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere -Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.</p> - -<p>Nachmittags besuchte ich das Dorf <em class="gesperrt">Bhutia Busti</em>, das 1 englische -Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg -führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick -in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser -der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt -tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und -enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten -Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, -in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine -halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, -erhielten aber nichts.</p> - -<p>Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei -starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen -ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein -Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge -sind umfangreich, aber geschmackvoll.</p> - -<p>Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> -üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus -dickem Wollenzeug.</p> - -<p>Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere -Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine -Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten -Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und -Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild -der <em class="gesperrt">Himalayakette</em> hervor. Erst ragen die Kuppen über den -Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren -Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen -entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure -Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in -17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige -Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die -Schneefelder noch grösser erscheinen.</p> - -<p>Es ist gewiss eine grosse Freude, die <em class="gesperrt">höchsten Berge der Erde</em> -zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die -Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der -öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa -gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.</p> - -<p>Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In -der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz -heiteren Himmel überspannt.</p> - -<p>Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse -regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns -der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und -fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 -Kilometer) <a name="dauert60" id="dauert60"></a>dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen -Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte -und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung -gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung -leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals -und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit -Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien -verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt -durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler -Spurweite<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der -Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien -begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien -gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 -englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,<a name="FNAnker_464_464" id="FNAnker_464_464"></a><a href="#Fussnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a> davon 12805 -der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte -Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der -beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter -25 Millionen, im Jahre 1891.</p> - -<p>Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, -Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay -nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es -fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des -schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli -besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in -Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse -der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche -Hindernisse dar. — 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta -nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in -36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die -Eisenbahnbrücke fand unser <a name="reuleaux" id="reuleaux"></a>Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht -fertig.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Benares">Benares.</h3> - -</div> - -<p>East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen -Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische -Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: -zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 -Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch -Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor -Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch -fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht -war ziemlich kühl.</p> - -<p>Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von -demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein -Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> sichtbar. (Die ganze -Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 -Millionen Einwohner.)</p> - -<p>Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke<a name="FNAnker_465_465" id="FNAnker_465_465"></a><a href="#Fussnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a> -der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, -und hält um 1 Uhr in Benares. In <em class="gesperrt">Clark’s Hotel</em> finde ich ein -leidliches Zimmer und Frühstück.</p> - -<p>Die Gasthäuser im <em class="gesperrt">Innern</em> von Indien sind mittelmässig.<a name="FNAnker_466_466" id="FNAnker_466_466"></a><a href="#Fussnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a> -Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von -der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der -rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, — fast so wie auf -mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang -vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die -Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. -In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den -Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen -langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe -von Schlafzimmern nebst Zubehör.</p> - -<p>Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, -wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um -Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der -Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen -in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, -der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum -Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man -mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. -Wenn aber <em class="gesperrt">zwei</em> Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer -bezahlt zu werden.</p> - -<p>Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in -die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von -ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte -zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges -(oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen -unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis -zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die -Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), -wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> mit dem -geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in -Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens -getragen, neuerdings auch — in europäischen Glasflaschen massenhaft -versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der -grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er -befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.</p> - -<p>Es ist sehr merkwürdig, wie <em class="gesperrt">seltsam</em> der Ganges in die deutsche -Literatur eingeführt worden ist.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s</div> - <div class="verse">Und Riesenbäume blühn,</div> - <div class="verse">Und schöne stille Menschen</div> - <div class="verse">Vor Lotos<a name="FNAnker_467_467" id="FNAnker_467_467"></a><a href="#Fussnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a>-Blumen knien.“</div> - <div class="stanza"> - </div> - <div class="verse">„Fort nach den Fluren des Ganges —</div> - <div class="verse">Dort liegt ein rothblühender Garten</div> - <div class="verse">Im stillen Mondenschein,</div> - <div class="verse">Die Lotosblumen erwarten</div> - <div class="verse">Ihr trautes Schwesterlein.“</div> - <div class="stanza"> - </div> - <div class="verse">„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,</div> - <div class="verse">Der Himalaya steht im Abendscheine</div> - <div class="verse">Und aus der Nacht der Banianenhaine</div> - <div class="verse">Die Elephantenheerde stürzt und brüllt —“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><em class="gesperrt">Wann Benares</em> (Waranasi) <em class="gesperrt">gegründet worden, wie die -Schicksale</em> der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, -ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das <em class="gesperrt">ungeschichtlichste</em> -Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, -dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, -wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. -Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster -der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese -Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt -worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.</p> - -<p>Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den -<em class="gesperrt">geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner</em>. Im Jahre 1194 n. -Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie -der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer -des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der -Hindu und baute Moscheen an ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> Stelle. <em class="gesperrt">Von dieser Zeit herrschten -Mohammedaner</em> über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle -traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer -ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das -über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.</p> - -<p>Aber trotzdem <em class="gesperrt">herrscht jetzt der Dienst des Schiwa</em>, dessen -schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken -die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an -der Zahl — nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger -leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein -Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 -Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende -wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die -heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, -obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. -Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die -Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die -Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 -Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab -für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste -Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den -inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.</p> - -<p>Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten -des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz -kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache -des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter -gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die -Vortragssprache.</p> - -<p>Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer -Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über -1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa -100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 -Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen -heiligen <em class="gesperrt">Treppen</em> (<em class="gesperrt">ghats</em>), welche von den Palästen zum -Fluss-Ufer hinabführen.</p> - -<p>Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück -vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich -miethete mir einen Führer,<a name="FNAnker_468_468" id="FNAnker_468_468"></a><a href="#Fussnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a> einen Wagen<a name="FNAnker_469_469" id="FNAnker_469_469"></a><a href="#Fussnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> und<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> fuhr nach der -Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der -Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer -hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten -in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich -hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.</p> - -<p>Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,<a name="FNAnker_470_470" id="FNAnker_470_470"></a><a href="#Fussnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a> -um die <em class="gesperrt">Fluss-Ufer</em> entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer -und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen -Führer.</p> - -<p>Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.</p> - -<p>Die mächtigen <em class="gesperrt">Treppen</em> sind dicht gedrängt von Andächtigen; -darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten -Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und -nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen -grösster Heiligkeit lodern <em class="gesperrt">Scheiterhaufen</em>, umringt von -weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist -so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er -sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er -an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig -auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die -Flamme des Scheiterhaufens blickt.</p> - -<p>Der nächste Tag (8. December) war einer <em class="gesperrt">planmässigen Betrachtung</em> -der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich<a name="FNAnker_471_471" id="FNAnker_471_471"></a><a href="#Fussnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a> -schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen -Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein -schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen -Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom<a name="FNAnker_472_472" id="FNAnker_472_472"></a><a href="#Fussnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a> nach dem -<em class="gesperrt">Haupthalteplatz der Boote</em>. Wir rudern zum äussersten Westende -der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang -ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und -reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für -ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau -gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem -Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span></p> - -<p>Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für -die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der -Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis -und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss -des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre -Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der -Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen -Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das -so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die -Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint -die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das -Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen -Festtagen in Benares vereinigt sein.</p> - -<p>Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher -gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, -die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will -ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die -Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.</p> - -<p>47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von -West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, -von <em class="gesperrt">Süd</em>-West nach <em class="gesperrt">Nord</em>-Ost.</p> - -<p>Die erste ist <em class="gesperrt">Ashi Ghat</em>, so genannt nach dem Bächlein Ashi, -das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich -verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares -gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen -abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die -Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die -Strömung des Flusses zu stark ist.</p> - -<p>Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er -heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass -er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von -selber sich neu schafft. Das sechste ist <em class="gesperrt">Shivala Ghat</em>, diese -Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es -sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges -baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich -gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht -unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme -empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in -das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, -netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger -Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männer<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> würdevoll, die -Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen -und sich zu trocknen.</p> - -<p>Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem <em class="gesperrt">Chait -Sing</em>, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder -zahlen wollte, behauptete <em class="gesperrt">Warren Hastings</em>, dass er in -Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner -Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt -wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der -Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.</p> - -<p>Am neunten oder <em class="gesperrt">Smashan Ghat</em> sieht man stets -<em class="gesperrt">Scheiterhaufen</em>; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, -ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen -Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart -am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem -heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei -weissgekleideten Männern, die fortwährend <em class="gesperrt">Ram</em>, <em class="gesperrt">Ram</em><a name="FNAnker_473_473" id="FNAnker_473_473"></a><a href="#Fussnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a> -rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden -folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)</p> - -<p>Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer -Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen -zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, -armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis -auf geringe Reste zu verbrennen.<a name="FNAnker_474_474" id="FNAnker_474_474"></a><a href="#Fussnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Unsterbliche heben verlorene Kinder</div> - <div class="verse">Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Wenn der Funke sprüht,</div> - <div class="verse">Wenn die Asche glüht,</div> - <div class="verse">Eilen wir den alten Göttern zu.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters -dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die -dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span></p> - -<p>Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der -Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der -Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da -will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die -Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.</p> - -<p>Die elfte Treppe ist <em class="gesperrt">Kedar Ghat</em>. Nach den heiligen Büchern der -Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. -Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im -Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben -von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 -Fuss im Umfang, — ein Fetisch.</p> - -<p>Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus -der Religion der Ureinwohner von Indien.</p> - -<p>Das vierzehnte ist <em class="gesperrt">Someshwar Ghat</em> (von <em class="gesperrt">Soma</em>, Mond, und -<em class="gesperrt">I’shwar</em>, Herr). Dies ist die <em class="gesperrt">Poliklinik</em> der Hindu, denn -hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die -giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist -die Göttin der Pocken.</p> - -<p>Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert -sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die -Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele -Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.</p> - -<p>Das zweiundzwanzigste ist <em class="gesperrt">Munshi-Ghat</em>, das schönste von allen, -oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit -wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri -Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.</p> - -<p>Aber das <em class="gesperrt">merkwürdigste</em> von allen ist das fünfundzwanzigste, -<em class="gesperrt">Dasashwamedh Ghat</em>. Es hat seinen Namen von den zehn<a name="FNAnker_475_475" id="FNAnker_475_475"></a><a href="#Fussnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a> -Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf -heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben -von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, -unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und -Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, -so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke -auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss -vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen -von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> grossen Ganges -verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die -heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.</p> - -<p>Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des -Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf -einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der -Glaubenswuth: <em class="gesperrt">Satí</em>,<a name="FNAnker_476_476" id="FNAnker_476_476"></a><a href="#Fussnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> Denksteine für lebendig mit dem todten -Gatten verbrannte <em class="gesperrt">Wittwen</em>.</p> - -<p>In den alten <em class="gesperrt">Rig-Veda</em> der Arier war dieser fürchterliche -Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später -zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar -die <em class="gesperrt">entgegengesetzte</em> Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu -der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib -gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die -Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon -der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln -geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines -religiösen Gesetzes. Der weise und grosse <em class="gesperrt">Akbar</em> (1556–1605 -n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht -ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, -die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 -sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt -worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute -mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer -Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von -Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William -<em class="gesperrt">Bentinck</em> am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die -der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, <em class="gesperrt">des Mordes schuldig</em> -erklärt werden. Seitdem hat in dem <em class="gesperrt">englischen</em> Gebiet die -Wittwen-Verbrennung <em class="gesperrt">aufgehört</em>. In den Schutz-Staaten aber soll -sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.</p> - -<p>Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen -uns einen erfreulicheren Anblick, den der <em class="gesperrt">Sternwarte</em>. Diese -gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und -besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. -So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die -Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah -Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem -Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er -astronomische Beobachtungen an und veröffent<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>lichte sie in Sterntafeln, -die noch heute vorhanden sind<a name="FNAnker_477_477" id="FNAnker_477_477"></a><a href="#Fussnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a> und die einige Angaben von de la -Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) -das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.</p> - -<p>Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, -Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu -sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.</p> - -<p>Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser -der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.<a name="FNAnker_478_478" id="FNAnker_478_478"></a><a href="#Fussnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a> Da -ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, -um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den -Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss -Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, -an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, -um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination -der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den -Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen — und noch zahlreiche -ähnliche Einrichtungen.</p> - -<p>Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, -bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich -richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, -mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 -„Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der -Veda werden die Planeten (<em class="gesperrt">graha</em>, Greifer), erst sieben, dann -neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des -Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.</p> - -<p>Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu -wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. -Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben -den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren -Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. -Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern -und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen -Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu -stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai -Singh.</p> - -<p>Das dreiunddreissigste ist <em class="gesperrt">Manikaranika Ghat</em>, nicht bloss -einer<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, -gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.</p> - -<p>Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika<a name="FNAnker_479_479" id="FNAnker_479_479"></a><a href="#Fussnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a>-Brunnen, zu dem Stufen -hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern -bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige -Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. -Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre -mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift -angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser -ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert -würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit -schlimmer gewesen sein.</p> - -<p>Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von -<em class="gesperrt">Tarkeshwara</em>,<a name="FNAnker_480_480" id="FNAnker_480_480"></a><a href="#Fussnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a> dem Erlöser, und dabei die hochverehrten -Fusstapfen von Wischnu.</p> - -<p>Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum -Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines -Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr -reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.</p> - -<p>Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,<a name="FNAnker_481_481" id="FNAnker_481_481"></a><a href="#Fussnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a> sieht -man die Moschee, welche der Kaiser <em class="gesperrt">Aurangzeb</em> (1658 bis 1707), -ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines -zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,<a name="FNAnker_482_482" id="FNAnker_482_482"></a><a href="#Fussnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a> ja -kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle -Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. -Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben -die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den -Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein -Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.</p> - -<p>Die letzte Treppe ist <em class="gesperrt">Raj Ghat</em> an der Eisenbahnbrücke.</p> - -<p>So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im -Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite -Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der -Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.</p> - -<p>Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin,<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> welche -unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke -mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses -Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde -auslegen.</p> - -<p>Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen -sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss -aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus -allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, -die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde -des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den -Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der -Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt -schliesslich in <em class="gesperrt">einem</em> (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) -ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht -vollendet hat.</p> - -<p>Das Allerheiligste in Benares ist <em class="gesperrt">der goldene Tempel</em>, dem -<em class="gesperrt">Schiwa</em> geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der -Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, -wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch -steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei -kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt -sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von -Schiwa oder Bisheshwar.<a name="FNAnker_483_483" id="FNAnker_483_483"></a><a href="#Fussnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a></p> - -<p>In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene -<em class="gesperrt">Brunnen der Weisheit</em> (Gyankup), in welchen der Hohepriester die -Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. -Seine <em class="gesperrt">Unannehmlichkeit</em> ist nicht geringer, als die des nahe -beschriebenen, — trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist -auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen -Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.</p> - -<p>Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und -wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, -etwas zu naschen.</p> - -<p>Der Tempel der <em class="gesperrt">Durga</em>, der Gattin von Schiwa in ihrer -schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht -werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der <em class="gesperrt">Affen-Tempel</em>, -weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am -Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> -Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der -Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen -getragen.</p> - -<p>Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden -Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der -des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,<a name="FNAnker_484_484" id="FNAnker_484_484"></a><a href="#Fussnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a> -wo die <em class="gesperrt">Bettler</em> das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu -brandschatzen.</p> - -<p>Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die <em class="gesperrt">Bazare</em>. -Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten -<em class="gesperrt">Metallarbeiten</em> von Benares verfertigt und feilgehalten werden.</p> - -<p>Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der -die geometrischen Verzierungen in dem <em class="gesperrt">Messingteller</em> ausgräbt. -Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert -andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der -Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden -vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich -wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich -Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden -und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.</p> - -<p>Benares ist auch die eigentliche <em class="gesperrt">Götterfabrik</em> für die Hindu. -Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben -sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink -noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester -haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und -goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen -und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder -der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss -geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder -für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile -fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.</p> - -<p>Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind -<em class="gesperrt">Gewebe</em>, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung -(namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die -kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die -endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> -für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.</p> - -<p>Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den -Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines -Abenteuer. Mein <em class="gesperrt">Reisebuch</em> (Murray’s Handbook to India) in -dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens -<em class="gesperrt">verschwunden</em>: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich -nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte -ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der -<em class="gesperrt">Polizei</em> an.</p> - -<p>Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten -eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es -war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung -aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch -gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den -Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht -wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über -die <em class="gesperrt">einheimischen Sprachen</em> Indiens zu sagen. Um den Beginn -unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische -Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte -<em class="gesperrt">Schrift-Sprache</em>, das <em class="gesperrt">Sanskrit</em>, und redeten damit -verwandte, aber einfachere Mundarten, <em class="gesperrt">Prakrit</em>. Sie bezeichneten -die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. -Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. -Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war -eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon -eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des -Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche -Literatur geschaffen.</p> - -<p>Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei -Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. -2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande -geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten -Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der -Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) -Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) -Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung -abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine -eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, -reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr -und selber<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in -Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder -<em class="gesperrt">Urdu</em> (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die -Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher -über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit -persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. — Dravidische Sprachen in -Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. -Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem -9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.</p> - -<p>In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern -von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, -angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die -<em class="gesperrt">Münze</em>, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die -Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da -ist das gelbe Gartenhaus (<em class="gesperrt">yellow bungalow</em>), wo Warren Hastings -lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium -(<em class="gesperrt">Queens college</em>), im hässlichsten englischen Stil erbaut. -Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch -verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der -eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, -dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, -bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren -Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit -folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie -eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft -studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, -ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner -wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in -den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, -das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für -einfache Dinge?“ Er hatte Recht.</p> - -<p>Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums -gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer -Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch -im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich -ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht -erfahren.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zwei Ausflüge</em> kann man von Benares machen. Erstlich nach -<em class="gesperrt">Sarnath</em> oder <em class="gesperrt">Alt-Benares</em>. Dieselbe Stadt ist heilig den -Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> -vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu -predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien -bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), -wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er -zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen -Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, -deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben -Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.</p> - -<p>Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich -von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei. -<em class="gesperrt">Hiouen Tsang</em> (629–645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark -bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von -200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur -Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka -(244 v. Chr.) errichtete.</p> - -<p>Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem -Cement erbaut waren, so konnten sie nach der <em class="gesperrt">Entheiligung</em> den -Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden -Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in -trostlosem Zustand.</p> - -<p>Der Thurm zu Sarnath (<em class="gesperrt">Dhamek Stupa</em>), den der Reisende heutzutage -noch sieht, ist 1835–1836 vom General <em class="gesperrt">Cunningham</em> genau -durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt -worden.</p> - -<p>Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus -soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 -Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss -ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark -verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.</p> - -<p>Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, -wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter -ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das -rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um -das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner -unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und -Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit -denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und -Delhi angebracht haben.</p> - -<p>Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals -gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> und dem seine -Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst -herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu -fordern.</p> - -<p>In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und -auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) -Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein -von einer Mauer umgebener <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>, der durch gute Erhaltung -und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle -um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. -In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, -und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene -Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen -Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. -s. w.)</p> - -<p>Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach -<em class="gesperrt">Ramnagar</em>, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten -Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer -weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige -sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem -abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den -ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des -Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann -kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen -Herrschersitz.</p> - -<p>Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack -ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse -Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer -Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung -als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die -Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen -reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem -hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht -auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich -von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach -<em class="gesperrt">Lucknow</em>.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Lucknow">Lucknow.</h3> - -</div> - -<p>Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten -nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span> 12 Rupien 7 -Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 -Kilometer in der Stunde.)</p> - -<p>Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und -dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, -war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal -vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf -der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh -gewesen, hegt <em class="gesperrt">Ajodhya</em>, noch heute mit einem Pracht-Tempel -des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, -„dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, -deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die -Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten -sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege -der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis -645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; -eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre -1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre -1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein -Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren -schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen -Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon -zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft -in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst -und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von -Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, -sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern -getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen -wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren -und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche -in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus -den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt -Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener -Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten -Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter -diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und -die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft -verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres -Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die -englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte -entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> -von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch -den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von -den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. -Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh -hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 -Einwohner,<a name="FNAnker_485_485" id="FNAnker_485_485"></a><a href="#Fussnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a> wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen -Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.</p> - -<p>Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün -und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut -mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, -Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der -jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, -besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. -Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen -wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) -geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der -Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in -kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder -arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt -sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.</p> - -<p>Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande -in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von -Mohammedanern beherrscht worden.</p> - -<p>Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen -Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so -befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die -zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, -ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und -Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der -Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz -kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung -von Lucknow und sein Sohn, in <em class="gesperrt">Pelzjacken</em> gekleidet. In -Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hill’s</em> Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, -ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im -Innern von Indien, aber doch leidlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Lucknow</em> (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar -schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als -Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, -geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der -jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh -1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es -die <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs -der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in -ganz Indien.<a name="FNAnker_486_486" id="FNAnker_486_486"></a><a href="#Fussnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, -1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei -Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.</p> - -<p>Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem -<em class="gesperrt">Gumti</em>, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, -von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende -doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke -mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, -Flitterwerk und Tünche wirken sollen.</p> - -<p>Wenn <em class="gesperrt">Heber</em>, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren -Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so -beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen -Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen -über Baukunst zu misstrauen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fergusson</em>, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste -Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar -Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; -wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die -Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem -<em class="gesperrt">einen</em> Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, -seien durchgängig von schlechtem Geschmack.</p> - -<p>Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der -Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der <em class="gesperrt">Residenz</em>.</p> - -<p>Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten -der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen -Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai -1857 die Sepoy<a name="FNAnker_487_487" id="FNAnker_487_487"></a><a href="#Fussnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a> zu Meerut und am nächsten Morgen<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> zu Delhi die -Fahne des Aufruhrs erhoben; begann <em class="gesperrt">Sir Henry Lawrence</em>, der -Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz -zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln, -Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss -lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai -brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende -Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen, -am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde -geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt -zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der -Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu -geblieben, in die Residenz zurück. Die <em class="gesperrt">Belagerung</em> begann am 1. -Juli.</p> - -<p>Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich -verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er -zwei Tage später.</p> - -<p>Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die -Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und -Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und -vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.</p> - -<p>Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (<em class="gesperrt">tykhana</em>, -eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen -und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als -Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren -unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem -Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der -Feinde zu überwachen.</p> - -<p>Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet, -den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25. -September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der -Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter -den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die -letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene, -waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402 -Eingeborene vermindert.</p> - -<p>Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen -<em class="gesperrt">umzingelt</em>. Erst am 16. November drang <em class="gesperrt">Sir Colin Campbell</em> -nach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten -Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten -Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach -Cawnpur, zurückgelassen und schlug<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> alle Angriffe der Belagerer zurück, -bis <em class="gesperrt">Campbell</em> am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender -Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000 -Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt -Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem -andern eroberte. Mit der <em class="gesperrt">Zurückeroberung von Lucknow</em> war der -gefährliche Aufstand niedergeworfen.</p> - -<p>Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch -die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert, -dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den -Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im -Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände -zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten- -und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch -andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil -der Wunden, die das Gemäuer erlitten.</p> - -<p>Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht. -Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in -dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und -Frauen ruhen, darunter auch Sir <em class="gesperrt">Henry Lawrence</em>. In der Nähe -steht auf einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum -Andenken an die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen -sind.</p> - -<p>Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum -Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser -Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.</p> - -<p>Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven -Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen -letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist -ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der -Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die -vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest</div> - <div class="verse">Uns hier liegen gesehn, <em class="gesperrt">wie das Gesetz es gebeut</em>.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse tdr"><span class="mright1">Herodot, VII, 228.</span></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300 -Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die -Uebermacht der Perser gefallen waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span></p> - -<p>Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur <em class="gesperrt">die -Pflicht</em> des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein -von Lawrence:</p> - -<p class="center">Here lies</p> -<p class="center">Henry Lawrence</p> -<p class="center"><em class="gesperrt">Who tried to do his duty</em>.</p> - -<p>Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft -reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen -Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen -vergeblich versucht, — das ist den Engländern vollständig gelungen: -mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich von -280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei der -Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart haben, -nach <em class="gesperrt">Hunter</em>, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) Eine -erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte -zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in -Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen -zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4) -Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes. -Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste -Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie -bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der -englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden -hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten -und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and -I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744 -Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und der -<em class="gesperrt">bengalischen Handelsgesellschaft</em> 1753 seinen königlichen -Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen -Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk, -broke or destroyed.“<a name="FNAnker_488_488" id="FNAnker_488_488"></a><a href="#Fussnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a></p> - -<p>Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte, -so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein -neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu -erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten -den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span> -Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen -Einverleibung reif geworden.</p> - -<p>Die Engländer rühmen sich ihrer <em class="gesperrt">Verwaltung</em>. Im Jahre 1858, nach -der blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der -ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht -des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und -Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen -Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf -5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta — für vier -Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem -Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.<a name="FNAnker_489_489" id="FNAnker_489_489"></a><a href="#Fussnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> Verantwortlich -ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets. -Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath -(Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden -General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die -Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die -Engländer sagen, eines <em class="gesperrt">constitutionellen</em> Herrschers, so ist -das nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden -Rath, worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte -und einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz -haben. Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der -Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen -Kaiserreiches.<a name="FNAnker_490_490" id="FNAnker_490_490"></a><a href="#Fussnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a></p> - -<p>Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen -als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder -Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.) -Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren -Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen -besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt -ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen: -1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des -englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und -Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> Angelegenheiten, -die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen. -Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon -(Vicekönig von 1881–1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte -auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm -von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden -werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer -das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die -Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen -Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht -verlangen, welches die Briten geniessen.</p> - -<p>Ueber die <em class="gesperrt">Provinzverwaltung</em> möchte ich nicht ausführlicher -sprechen. Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin -vielleicht aus Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an -den fetten Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten -der edlen Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes -der — <em class="gesperrt">Collector</em> ist. Vor allem hat er die <em class="gesperrt">Einkünfte</em> für -die Regierung zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines -Bezirkes. Es giebt 250 Bezirke; <em class="gesperrt">durchschnittlich</em> beträgt die -Grösse derselben 859 englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.</p> - -<p>Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die <em class="gesperrt">Land-Taxe</em>. -Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde; -nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei -Seite gestellt. Die Mogul nahmen <em class="gesperrt">ein Drittel</em> und bestellten -Steuer-Pächter (zamindar). <em class="gesperrt">Die Engländer haben dies Verfahren -beibehalten und die Bürde der Bauern nicht erleichtert.</em> Im -Gegentheil geriethen die letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit -mehr und mehr in Schulden, verloren ihr Eigenthum und selbst ihre -Freiheit, so dass in den Jahren 1879 und 1881 besondere Gesetze zum -Schutz der Bauern gegen die Geldverleiher (Hindu) erlassen werden -mussten. 1890/91 brachte die Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen -oder 1½ Rupien für den Acre.<a name="FNAnker_491_491" id="FNAnker_491_491"></a><a href="#Fussnote_491_491" class="fnanchor">[491]</a> Die Salzsteuer brachte Rx 8½ -Millionen, die Accise für berauschende Getränke, Opium u. dgl. Rx -3½ Millionen.<a name="FNAnker_492_492" id="FNAnker_492_492"></a><a href="#Fussnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a> Im Ganzen bringt das Land an Steuern Rx 41¼ -Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen verlangt haben; -doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich erhielten.<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span> Mit den -Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, Telegraphen, Frachten, -Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen (Rx 1700000). Gewinn am -Opium (Rx 5½ Millionen<a name="FNAnker_493_493" id="FNAnker_493_493"></a><a href="#Fussnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a>) betrugen die Staats-Einnahmen 1890/01 -an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. Unter den Ausgaben steht -obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein <em class="gesperrt">Viertel davon ist -in England zu zahlen</em>. Die Schulden betragen Rx 207 Millionen. -<em class="gesperrt">Der Cursverlust</em> an £ 15000000, <em class="gesperrt">die in England zu zahlen -waren</em>, <em class="gesperrt">betrug</em> 1890/91 <em class="gesperrt">gegen</em> Rx 5087000 <em class="gesperrt">oder</em> -75 <em class="gesperrt">Millionen Mark</em>. Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 -Einheimische. Dazu kommen 150000 Polizisten.</p> - -<p>Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug 1890/91 -an Rx 196 Millionen. <em class="gesperrt">Die Ausfuhr überwiegt</em>, und zwar um jährlich -Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 Millionen) -baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, das letzte -Drittel deckt die <em class="gesperrt">Home-Charges</em>. (Gehälter, Pensionen, Heeres- -und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel <em class="gesperrt">von den Hindu -gespart</em> wird, wie <em class="gesperrt">Hunter</em> meint, oder von den Engländern in -Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von -unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl -der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen -sei.</p> - -<p>So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien -zieht.<a name="FNAnker_494_494" id="FNAnker_494_494"></a><a href="#Fussnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Is that not a wonderful job, our India?</em> Das fragte mich der -gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel -des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen -Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt -keine einträgliche und verantwortliche Stelle.</p> - -<p>Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine -grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse, -Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend -besetzt.</p> - -<p>Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und -unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa -seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm -sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet -und Europa in Frieden lässt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span></p> - -<p>Zu den sonstigen <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em> von Lucknow gehören -hauptsächlich die Paläste der früheren Herrscher:</p> - -<p>1) <em class="gesperrt">Kaiser Bagh</em>, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s -Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren -Einrichtung 80 lakh<a name="FNAnker_495_495" id="FNAnker_495_495"></a><a href="#Fussnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark -verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger -Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten -von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss -getüncht, — so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind -einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den -Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.</p> - -<p>Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut -Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.</p> - -<p>2) <em class="gesperrt">Chatr Manzil</em>, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam -halbitalienischem Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem -am Ufer des Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz -mit Lese- und Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service -Club), dessen Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl -eingerichtetes Zimmer erhalten können.</p> - -<p>Gegenüber ist ein <em class="gesperrt">Museum</em>, welches die Kunsthandwerke Indiens -zeigt, nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und -Messingarbeiten von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, -Teppiche und bemalte kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus -Lucknow, ausserdem wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, -naturwissenschaftliche Sammlungen aus den drei Reichen.</p> - -<p>3) <em class="gesperrt">Muchi Bhawan</em>, eine ältere Festung, die ihren Namen -„Fischhaus“ von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den -Engländern, die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei -Gelegenheit der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen -machte, bevor in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria -als Kaiserin von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den -Mohammedanern zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden -Palast) aus einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König -noch bei seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen -wieder hergestellt worden.</p> - -<p>Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen -geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die -Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt -der Zinnen gekrönt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span></p> - -<p>Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten -eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch, -entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.</p> - -<p>Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, <em class="gesperrt">Imambara</em> -oder Haus des Propheten genannt<a name="FNAnker_496_496" id="FNAnker_496_496"></a><a href="#Fussnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> „das Juwel von Lucknow“, das -hauptsächlichste Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.</p> - -<p>Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung -Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £. -Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber -eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von -saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt -in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit -einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der -Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an -sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden -Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten) -geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von -Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte -ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.</p> - -<p>4) <em class="gesperrt">Hoseïnabad Imambara</em> oder Licht-Palast des Propheten, den -Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das -Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines -grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine -Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber -geschmacklos.</p> - -<p>Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte -Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden -Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen. -Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter, -bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem -Silber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span></p> - -<p>5) Die beiden sehr belebten <em class="gesperrt">Bazare</em> der Stadt zeigen uns Silber-, -Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und -Pfeifen,<a name="FNAnker_497_497" id="FNAnker_497_497"></a><a href="#Fussnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl. -Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen, -leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so -dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags -ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen -jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die -Behörden verboten ist.</p> - -<p>6) Das <em class="gesperrt">Cantonment</em> ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält -eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, -die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und -Geschäfte, sowie unser Gasthaus.</p> - -<p>Eine hübsche Parkanlage (<em class="gesperrt">Wingfield Park</em>) giebt Gelegenheit zu -Spazier-Gängen und -Fahrten.</p> - -<p>7) <em class="gesperrt">Dilkusha</em>, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; -hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.</p> - -<p>8) <em class="gesperrt">Sikandara Bagh</em>, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit -einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu -ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines -schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier -Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment -(Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet -niedergemacht.</p> - -<p>9) Die <em class="gesperrt">Martinière</em> ist ein steinernes Zeugniss von jenen -europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der -Könige von Oudh ihr Glück machten.</p> - -<p>Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow -gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien, -gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen -als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in -der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier -eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser<span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span> und Paläste, -pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für -den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische -Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein -ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung -von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein -letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch -aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang, -das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.</p> - -<p>Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh -zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder -Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“ -Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb, -ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig -wurde.</p> - -<p>Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen -Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt. -Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt, -steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich -schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich -anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen, -Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.</p> - -<p>Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und -unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren -munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt -lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als -Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben. -Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische -Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Cawnpur">Cawnpur.</h3> - -</div> - -<p>Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer -des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke -überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien, -Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)</p> - -<p>Lee’s <em class="gesperrt">Eisenbahn-Hotel</em> ist nicht mit seinen Namens-Vettern in -Berlin oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen -Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Bungalow -genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa -sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung -mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig -geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.</p> - -<p>Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist -Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich -von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des -Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene -befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben. -Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit -dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl -die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht -erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und -Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in -dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier -hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra) -gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen <em class="gesperrt">Ganges-Canal</em>, der -hier seinen Ausgang nimmt.</p> - -<p>Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem <em class="gesperrt">Doab</em> (Zweistromland -zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den -Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.</p> - -<p>Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk -des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth<a name="FNAnker_498_498" id="FNAnker_498_498"></a><a href="#Fussnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a> leidende -Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher -Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, -80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa -300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des -Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere -Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von -Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben -eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer -Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.<a name="FNAnker_499_499" id="FNAnker_499_499"></a><a href="#Fussnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a> Der -Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 -Procent des Capitals.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan -haben.</em> Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit -Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.</p> - -<p>Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken -und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der <em class="gesperrt">geschichtlichen -Erinnerung</em> aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem -ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch -nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler -beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), -eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem -Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil -seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens -befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, -durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern -umzog ganz <em class="gesperrt">unzweckmässiger Weise in der Ebene</em> den Standort von -zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt -einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die -Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten -die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und -Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen -Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, -dass der Angriff beginnen werde.</p> - -<p>1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische -Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut -bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige -Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der -Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. -Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem -tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei -Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig -zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten -und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die -Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann -mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts -nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die -Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren -noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die -einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein -mörderisches<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank -gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, -die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht -wurden. <em class="gesperrt">Ein</em> Boot trieb flussabwärts, aber nur <em class="gesperrt">vier</em> -Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 -wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und -Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen -dem 1. und 14. Juli 28 starben.</p> - -<p>Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen -Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff -von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück -und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast -lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die -Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; -eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; -am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast -unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.</p> - -<p>Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem -General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit -wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort -wahrscheinlich gestorben.</p> - -<p>Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der -schmählichen Metzelei.</p> - -<p>Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. -Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von -Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 -Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte -mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow -gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia -Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. -Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb -sie in wildeste Flucht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den -Einspänner,<a name="FNAnker_500_500" id="FNAnker_500_500"></a><a href="#Fussnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. -Mein Führer ist <em class="gesperrt">Morton</em>, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht -dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> der vier -Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch -Cawnpur von den Gwalior gesäubert.</p> - -<p>Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung -(Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang -des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die -Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.</p> - -<p>In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am -27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und -Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern -eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.</p> - -<p>Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen -erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere -Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der -ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, -und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein -Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.</p> - -<p>Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch -vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung -der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter -einander, <em class="gesperrt">binnen</em> 24 <em class="gesperrt">Stunden</em>, sieben von den etwa fünfzehn -Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress -of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!</p> - -<p>Die Mord-Treppe, 1,<sub>3</sub> Kilometer nördlich von der Kirche, führt von -einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den -Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht -erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu -sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.</p> - -<p>Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer -geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb -eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters<a name="FNAnker_501_501" id="FNAnker_501_501"></a><a href="#Fussnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a> der Engel der -Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.</p> - -<p>Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und -schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand -gehalten. Aber <em class="gesperrt">kein Einheimischer darf<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> bis heute diesen Garten -betreten</em>, trotzdem auf dem grossen Darbár<a name="FNAnker_502_502" id="FNAnker_502_502"></a><a href="#Fussnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> zu Allahabad am 1. -November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung -von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert -worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht -völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute -und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden -von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein <em class="gesperrt">Deutscher</em>, der -übrigens recht vielseitig zu sein scheint.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Agra">Agra.</h3> - -</div> - -<p>Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East -Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach -Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem -Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen<a name="FNAnker_503_503" id="FNAnker_503_503"></a><a href="#Fussnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> gegönnt worden.</p> - -<p>Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der -Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, -ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche -Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. -Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, -bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf -den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir -weit von der Heimath entfernt sind.</p> - -<p>Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt -sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und -Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns -sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der -Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe -immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht -einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.</p> - -<p><em class="gesperrt">Laurie’s</em> Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von -Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von -Cawnpur.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span></p> - -<p>Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul -scheint es zweckmässig, die <em class="gesperrt">Geschichte der mohammedanischen -Eroberungen</em> in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen -zu lassen.</p> - -<p>Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den -Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. -Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch -West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, -ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit -hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der -Blüthe der Grossmogul (1560–1707) geboten Hindu-Fürsten über weite -Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die -Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und -nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat -verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.</p> - -<p>Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der -Westgrenze des Punjab, ging von den <em class="gesperrt">ersteren</em> aus.</p> - -<p>Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach -Afghanistan<a name="FNAnker_504_504" id="FNAnker_504_504"></a><a href="#Fussnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, -wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu -Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 -Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf -Rath der Brahmanen <em class="gesperrt">nicht</em> zahlte, stürmte Subuktigin durch die -Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn <em class="gesperrt">Mahmúd von -Ghazni</em>(1001–1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und -schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, -verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem -Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines -Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) -über diejenige von Ghazni; <em class="gesperrt">Mahmud von Ghor</em> begann neue Einfälle -nach Indien.</p> - -<p>Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu -gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, -fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> Ganges im Kampf -gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, -endlich Kanauj.<a name="FNAnker_505_505" id="FNAnker_505_505"></a><a href="#Fussnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a></p> - -<p>Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die -Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.</p> - -<p>Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 -sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig -überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen -hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen -den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.</p> - -<p>Sein Vicekönig <em class="gesperrt">Kutab-ud-din</em> erklärte sich zum Selbstherrscher -von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 -bis 1290 regierte und die der <em class="gesperrt">Sklaven-Könige</em> heisst, da Kutab -ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.</p> - -<p>Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und -seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.</p> - -<p>Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale, -Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der -Mongolen.</p> - -<p>Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, <em class="gesperrt">Altamsh</em>, dessen -Namen gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem -Grabmal, erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., -feierlich anerkannt. Der vorletzte, <em class="gesperrt">Balban</em> (1265–1287), hatte -die heftigsten Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, -ferner in Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an -seinem Hofe lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, -die von den Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.</p> - -<p>1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.</p> - -<p><em class="gesperrt">Alá-ud-din</em>, der zweite Herrscher (1295–1315) dieser Linie, -drang sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem -er fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach -Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die -Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen -Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen -General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien -siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse -mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen) -nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span> heute in dem -wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.</p> - -<p>1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín <em class="gesperrt">Tughlak</em>, der vom -türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein -grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325–1351) sendete vergeblich Heere -gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800 -englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad -gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338–1351 unablässig mit -Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fíruz Tughlak</em> (1351–1388) regierte menschlicher und lebt noch -fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des -alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden -durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der -Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere -Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die -Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.</p> - -<p>Mahmud kehrte zurück; von 1414–1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von -1450–1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.</p> - -<p>1526 drang der Mongole Bábar<a name="FNAnker_506_506" id="FNAnker_506_506"></a><a href="#Fussnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a> ein und gründete das <em class="gesperrt">mongolische -Kaiserreich von Delhi</em>, dessen letzter Vertreter — 1862 als -britischer Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die -Grossmogul verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die -sieben vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden -hatten, indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, <em class="gesperrt">Hindu -in die Regierung des Landes aufnahmen</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bábar</em>, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in -Fergana am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien -ein, das unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen -und Hindu-Fürsten getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu -<em class="gesperrt">Panipat</em>, nördlich von Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine -Seite, die Rajput besiegte er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von -Agra. Als er 1530 starb, hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in -Central-Asien bis zum Ganges-Delta reichte.</p> - -<p>Sein Sohn <em class="gesperrt">Humayun</em> (1530–1556) hatte Kabul und den westlichen -Theil des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines -Stützpunktes beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen -Statthalter von Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> -Kaiser von Delhi, begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die -<em class="gesperrt">Rupie</em>, wurde aber schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste -Kalinjar getödtet. Sein Sohn folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter -seinem Enkel trat ein Aufstand ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn -Akbar besiegte mit General Bairam die indisch-afghanische Macht 1566 in -der entscheidenden Schlacht von <em class="gesperrt">Panipat</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Akbar der Grosse</em>, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der -Grossmogul,<a name="FNAnker_507_507" id="FNAnker_507_507"></a><a href="#Fussnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis -1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge -im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul -und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den -Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der -<em class="gesperrt">Versöhnung</em>. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab -eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, -den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern -Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls -ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von -415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der -Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung -aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, -bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte -er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen -werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach <em class="gesperrt">Agra und -baute 1566 die Festung</em>, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem -Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal -dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem -Mausoleum zu <em class="gesperrt">Sikandra</em> begraben, dessen aus Hindu-Umriss und -arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit -des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.</p> - -<p>Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen -(Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. -Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht -und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die -Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung -bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf -Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> er jährlich £ 12½ -Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen -nahmen.<a name="FNAnker_508_508" id="FNAnker_508_508"></a><a href="#Fussnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a> Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen -geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an -Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, -mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,<a name="FNAnker_509_509" id="FNAnker_509_509"></a><a href="#Fussnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a> -begreifen wir den <em class="gesperrt">sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul</em>.)</p> - -<p>Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen -<em class="gesperrt">Jehangir</em>,<a name="FNAnker_510_510" id="FNAnker_510_510"></a><a href="#Fussnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a> d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm -nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll -er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise -zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und -leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller -konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser -sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte -ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die -Kaiserin <em class="gesperrt">Núr Jahán</em>, d. h. das Licht der Welt.<a name="FNAnker_511_511" id="FNAnker_511_511"></a><a href="#Fussnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> Geboren in -grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie -durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser -Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir -zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich -und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie -eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als -Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum -Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. -Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 -den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der -Gefangenschaft.</p> - -<p>Sein aufrührerischer Sohn <em class="gesperrt">Schah Jahan</em>, der nach dem Dekkan -geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein -reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; -beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte -dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so -sparsam,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span> als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge -in entfernte Landschaften es zuliessen.</p> - -<p>Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf -mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) -erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut -gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, -er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er -<em class="gesperrt">Taj-Mahal</em>,<a name="FNAnker_512_512" id="FNAnker_512_512"></a><a href="#Fussnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die -bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, — das -schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach -Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er -plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute -dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen -Palast.</p> - -<p>Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn -<em class="gesperrt">Aurangzeb</em><a name="FNAnker_513_513" id="FNAnker_513_513"></a><a href="#Fussnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a> abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu -seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter -Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, -während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den -Verfall einleitete. <a name="schah" id="schah"></a>Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. -Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden -aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ -Millionen £ bewerthet.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aurangzeb</em> erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, -Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann -bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den -dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein -viertel Jahrhundert (1658–1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 -machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen -selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den -Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24 -<em class="gesperrt">Jahre im Felde</em>. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die -Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb -er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu -<em class="gesperrt">Roza</em>, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer -Sprache geschriebenen) <em class="gesperrt">Briefe an seinen Sohn</em> sind noch heute ein -beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen -strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p> - -<p>Die nächsten sechs Kaiser waren nur <em class="gesperrt">Puppen</em> in der Hand der -Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge -arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.</p> - -<p>Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig -(1720–1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).</p> - -<p>Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten -(1710–1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die -Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und -Orissa (1751).</p> - -<p>1739 plünderte <em class="gesperrt">Nadir Schah</em> aus Persien Delhi und nahm eine Beute -von 32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747–1761) -und brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf -dem blutgedüngten Felde von <em class="gesperrt">Panipat</em> die Marathen. Inzwischen -bauten die Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie -Delhi ein und liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen -Jahresgehalt (von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit -den Marathen und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für -einen Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu -Rangoon im Jahre 1862.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Agra</em>,<a name="FNAnker_514_514" id="FNAnker_514_514"></a><a href="#Fussnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a> die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten -Ufer des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine -schöne Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch -eine plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° -nördlicher Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat -es eine mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug -1881 über 160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 -Christen. Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst -Cantonment 168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet -von 27½ Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern -bebaut ist.</p> - -<p>In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der -Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488–1517) machte es zu seinem -Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die -Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar -baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem -Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und -das Grabmal seines Schwiegervaters (des<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Itimadu daulah); aber 1618 -verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu -Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die -Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.</p> - -<p>1764 wurde Agra von den Jats,<a name="FNAnker_515_515" id="FNAnker_515_515"></a><a href="#Fussnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> 1770 und 1774 von den Marathen -erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche -dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835 -wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.</p> - -<p>Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die -Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei -Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt; -und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel -zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche -Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für -4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von -der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre -vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus -den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die -flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien -gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten <em class="gesperrt">Greathed</em> -aus Delhi, der <em class="gesperrt">vor</em> ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt -hatte, am 6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.</p> - -<p>1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra -wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt -des Nord-Westens.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit -Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden -Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal <em class="gesperrt">ohne</em> Führer, was ja -natürlich viel behaglicher ist.</p> - -<p>Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der <em class="gesperrt">Taj</em>.<a name="FNAnker_516_516" id="FNAnker_516_516"></a><a href="#Fussnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a> -Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier -auf das höchste gespannt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Taj</em> (persisch) heisst Krone; <em class="gesperrt">Taj Mahal</em> Kron-Palast; -<em class="gesperrt">Taj bibi ke Roza</em>, (wie der eigentliche Name lautet,) der -Kron-Dame Grabdenkmal.</p> - -<p>Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für -seine Lieblingsgattin <em class="gesperrt">Arjmand Banu</em>, mit dem Beinamen <em class="gesperrt">Mumtaz -Mahal</em>, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von -Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach -Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine -Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis -zum hohen Bange des Schatzmeisters (<em class="gesperrt">Itimadu’ d-daulah</em><a name="FNAnker_517_517" id="FNAnker_517_517"></a><a href="#Fussnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a>) -emporstieg.</p> - -<p>Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm -sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im -Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten -beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, -der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen -Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der -Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen -erhielten die Maurer nur 30 Lakh.<a name="FNAnker_518_518" id="FNAnker_518_518"></a><a href="#Fussnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a> Ganze Kameel-Ladungen -werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. -Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut -von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ -bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind -aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.</p> - -<p>Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll -Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals -in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine -persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, -nennt <em class="gesperrt">Isa Muhammed</em> als Obermeister mit einem Monatsgehalt von -1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen -Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, -Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.</p> - -<p>Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer -östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838 -angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem <em class="gesperrt">grossen -Thor</em> des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit,<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> 140 Fuss hoch, aus -rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. -Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der -Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen -Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der -Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen -arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran -predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem -Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen -mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der -Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, -viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit -drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher -hindurch in den <em class="gesperrt">Garten</em>. Drinnen aber macht er Halt und setzt -sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.</p> - -<p>Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und -Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen -langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 -Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen -Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und -Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger -Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben -Schah Jahan herbeikäme, eine Rose<a name="FNAnker_519_519" id="FNAnker_519_519"></a><a href="#Fussnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> auf das Grab seines geliebten -Weibes niederzulegen.</p> - -<p>Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel -und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der -Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, -nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume -verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die -vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es -ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. -Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem -Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz -alle Töchter der Erde übertroffen habe.</p> - -<p>Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur -Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Be<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span>trachtung kommen, -gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich -mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine -viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken -besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze -Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu -bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon<a name="FNAnker_520_520" id="FNAnker_520_520"></a><a href="#Fussnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a> durch -die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt -wird; hier aber ist Alles frisch und neu,<a name="FNAnker_521_521" id="FNAnker_521_521"></a><a href="#Fussnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a> der Marmor so blendend -weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern -erst fortgegangen. Eine quadratische <em class="gesperrt">Erhebung</em> von 18 Fuss Höhe -und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit -fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die -meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind -und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren -darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in -drei Stockwerken ein schlanker <em class="gesperrt">Marmor-Minaret</em>. Er wirkt nur -durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden -Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die -ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.<a name="FNAnker_522_522" id="FNAnker_522_522"></a><a href="#Fussnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a></p> - -<p>Diese sind für das <em class="gesperrt">Hauptgebäude</em> aufgespart. Das letztere -steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss -Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) -abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von -je 120 Fuss<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander -übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt <em class="gesperrt">zwei Drittel</em> -einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der -Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in -einen metallenen <em class="gesperrt">Aufsatz</em> über, der (244 Fuss über dem Boden) den -<em class="gesperrt">Halbmond</em> trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes -misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.</p> - -<p>Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei -seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei -ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen -geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, -über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit -eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und -Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis -Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten -Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen -darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach -Indien eingeführt sein soll,<a name="FNAnker_523_523" id="FNAnker_523_523"></a><a href="#Fussnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a> so beweisen doch diese Verzierungen -an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen -Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen -der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie -in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.</p> - -<p>Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem -Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen -Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen -Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, -zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter -Blumenverzierung.</p> - -<p>Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren -Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken -steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder -und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen -Eindruck.</p> - -<p>Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge -gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien,<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> -Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen -Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber -wunderbar ist die grosse achteckige <em class="gesperrt">Kuppel-Halle</em>, 70 Fuss -weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter -von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der -Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt -<em class="gesperrt">Fergusson</em>, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien -und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den -blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die -Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind -wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen -die blumigen <em class="gesperrt">Lauben des Koran-Paradieses</em> darzustellen. Ein -achteckiger <em class="gesperrt">Schrein</em> aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten -mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden <em class="gesperrt">Leersärge</em> aus -Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte -der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der -des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben -der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen -Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren -gesetzmässigen Ausdruck finde.</p> - -<p>Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die -einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute -bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den -Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen -Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer -feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische -Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte -Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen -lassen.</p> - -<p>Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen -Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen -arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier -liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“</p> - -<p>Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst -alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den -„<em class="gesperrt">Ueberlieferungen</em>“: „Es sagt Jesus,<a name="FNAnker_524_524" id="FNAnker_524_524"></a><a href="#Fussnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> Friede sei mit ihm: -Diese Welt ist<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span> eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. -Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. -Was kommt, kannst du nicht schauen.“</p> - -<p>Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf -den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt -und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen -abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine -eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; -erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um -von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem -Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf -baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“</p> - -<p>Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen -Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem -Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser -Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke -von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche -die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der -Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, -— oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, -urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz -Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und -gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass -auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein -Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch -wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. -— Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der -Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.</p> - -<p>Auf dem Gebiete der Baukunst sind die <em class="gesperrt">Tataren</em> ausgezeichnet -durch ihre grosse Neigung zu <em class="gesperrt">Grabes-Bauten</em>; hierdurch -unterscheiden sie sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die -Herrschaft eines grossen Abschnitts der Erde theilen.</p> - -<p>Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei -Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span> -oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor -der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben -und mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf -einer Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, -das der Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige -<em class="gesperrt">Festhalle</em>, mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen -benutzte. Nach seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, -zuweilen auch der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die -Sorge für das Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom -Verkauf der Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal -ist von all’ den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und -Gebäude in der ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige -Stellen der Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so -erfolgreich zusammenwirken.</p> - -<p>Das Grabmal des <em class="gesperrt">Itima du daulah</em> (am linken Ufer des Jumna, wohin -man von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert -das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein -<em class="gesperrt">heiteres Gartenhaus</em>.</p> - -<p>Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen, -kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten, -konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt -und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten -und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben -eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk -ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu -sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen, -Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister -und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter, -die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und -seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind -noch einmal die Leer-Gräber angebracht.</p> - -<p>Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen <em class="gesperrt">Akbar</em> -im Dorf Sikandarah,<a name="FNAnker_525_525" id="FNAnker_525_525"></a><a href="#Fussnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a> 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.</p> - -<p>Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit -weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier -zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung -von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln ab<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span>geschossen haben. Innen -führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.</p> - -<p>Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem -Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320 -Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen -von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren -in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen -eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und -Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben -Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor -der schönsten Muster gebildet.</p> - -<p>Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten -Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses: -„Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler -steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt -und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen. -Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die -Besteigung.</p> - -<p>Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich -erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die -sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von -Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit -gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam -Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal, -das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines -Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen -Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in -schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben -20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.</p> - -<p>Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten: -erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem -Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer -Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner -ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen -tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen -Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes -Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Fort Akbar’s</em>,<a name="FNAnker_526_526" id="FNAnker_526_526"></a><a href="#Fussnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a> zu seiner Zeit unüberwindlich, steht -noch<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner -kräftigen Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 -Fuss) tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein. -Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein -Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der -grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der -Anblick von der andern Seite des Flusses.</p> - -<p>Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche -oder <em class="gesperrt">Delhi-Thor</em> fährt der Reisende hinein und gelangt durch das -innere oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit -den berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der -Wache.</p> - -<p>Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere -ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt -nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Deshalb</em> ist auch die <em class="gesperrt">Perlmoschee</em> (Moti Musjid), das -nächste Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz <em class="gesperrt">leer</em> von -Gläubigen.</p> - -<p>Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen, -vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte -entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie -leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir -freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.</p> - -<p>Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den -(154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer -ausübt. Alles, was wir sehen, ist <em class="gesperrt">Marmor</em>. In der Mitte liegt -der Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden) -ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von -einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen -Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche -ist offen.</p> - -<p>Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in -welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der -<em class="gesperrt">Moschee</em> eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in -sieben zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser -Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und -gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein -andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt -habe.</p> - -<p>Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus -schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts,<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> dass -diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie -allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.</p> - -<p>Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und -durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen -von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem -Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als -auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen -Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren -Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander -schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.</p> - -<p>Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in -rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert -beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan -erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum -Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern -fertig geworden.</p> - -<p>Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der -Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse <em class="gesperrt">Waffenplatz</em> -(Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich -tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht -Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen -liegen;<a name="FNAnker_527_527" id="FNAnker_527_527"></a><a href="#Fussnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a> und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn -<em class="gesperrt">Colin</em>, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. -September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das -Denkmal in — gothischem Styl!</p> - -<p>Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna -zu, wird von Schah Jahan’s <em class="gesperrt">öffentlicher Audienz-Halle</em> -(<em class="gesperrt">Diwan-i-Am</em><a name="FNAnker_528_528" id="FNAnker_528_528"></a><a href="#Fussnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a>) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden -nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat -eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei -Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das -platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige -Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.</p> - -<p>An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber -ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte -ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit.<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> Hier war -es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die -Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales -1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und -Edlen abgehalten.</p> - -<p>Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des -prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den <em class="gesperrt">Palast von Schah -Jahan</em>.</p> - -<p>Hinter der Audienzhalle liegt <em class="gesperrt">Machchi Bawan</em>, <em class="gesperrt">der -Fisch-Teich</em>, und nördlich davon die <em class="gesperrt">Edelstein-Moschee</em> -(Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.</p> - -<p>Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an -der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer -geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der <em class="gesperrt">schwarze Thron</em> -steht und die <em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em> (Diwan-i-Khas). Das ist ein -Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss -lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem -Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts -Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten -ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.</p> - -<p>In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess -seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der -beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit -auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der -Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der -Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, -sein letzter Blick noch suchte die Taj.</p> - -<p>Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der -Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder -<em class="gesperrt">Jasmin-Thurm</em>) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, -der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist -noch erhalten; sowie ein feenhaftes <em class="gesperrt">Badehaus</em> (Shish Mahal = -Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine <em class="gesperrt">offene Halle</em> mit -reichstem Schmuck (Khas Mahal).</p> - -<p>Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast -von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen -Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. -Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und -ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen -Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, — nach -<em class="gesperrt">Fergusson</em> ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden -Rassen zu vergleichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span></p> - -<p>In einer Umgitterung werden einige <em class="gesperrt">geschichtliche Andenken</em> -aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder -Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die -berüchtigten <em class="gesperrt">Thore von Somnath</em>. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte -und plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, -zerstörte den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen -Beute auch das <em class="gesperrt">Sandelholz-Thor</em> des Heiligthums fort.</p> - -<p>1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord -Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch -Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die -Hindu-Priester verweigerten die Annahme.</p> - -<p>Das Thor ist übrigens aus <em class="gesperrt">Ceder-Holz</em>, saracenische Arbeit, und -wohl eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der -Name Subuktugin vorkommen soll.</p> - -<p>Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) — zu verbrennen oder -wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.</p> - -<p>Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von <em class="gesperrt">Jahangir</em>, -unmittelbar nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil -ohne Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt -in der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze -und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden -Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so -farbenprächtig geschildert worden ist.</p> - -<p>Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die <em class="gesperrt">Hauptmoschee</em> der -Stadt (Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner -Tochter Jahanara im Mogul-Stil erbaut.</p> - -<p>Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei -niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein -Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee -öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit -einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien -erbaut ist.</p> - -<p>Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der <em class="gesperrt">Koran-Schule</em> -in den offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess -sie aus dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede -Klasse hatte ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen -zeigte. Aber zum Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer -Sitte ein Geschenk von dem Sahib.</p> - -<p>Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die -Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span></p> - -<p>Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige -Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.</p> - -<p>Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.</p> - -<p>Das Haupterzeugniss des <em class="gesperrt">Kunsthandwerks</em> ist eingelegte -Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige -Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, -Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, -Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden -so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am -Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse -Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj -aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 -Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für -Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.</p> - -<p>Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich -Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem -Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, -ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die -Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche -Landhäuser und unser Gasthaus.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Delhi">Delhi.</h3> - -</div> - -<p>Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am -folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts -weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen -giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist -also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die -Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und -aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December -die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. -December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)</p> - -<p>Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz -Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction -nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in -sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span></p> - -<p>Das Land<a name="FNAnker_529_529" id="FNAnker_529_529"></a><a href="#Fussnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a> sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder -besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen -Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit -flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; -doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten -Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde -Pfauen, ernste Marabut.</p> - -<p>Um 4 Uhr sind wir in Delhi. <em class="gesperrt">Imperial Hotel</em>, das mir am meisten -empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; <em class="gesperrt">Grand Hotel</em>, -wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt -durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.</p> - -<p>Delhi wird als <em class="gesperrt">Rom Asien’s</em> bezeichnet. Seine <em class="gesperrt">älteste -Geschichte</em> ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, -welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer -und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind -die Ueberbleibsel von <em class="gesperrt">sieben</em> verschiedenen Städten, die zu -ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war -<em class="gesperrt">Indraprastha</em>. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht -Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert -n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt -genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf -eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren -letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit -erscheint zuerst der Name Delhi,<a name="FNAnker_530_530" id="FNAnker_530_530"></a><a href="#Fussnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a> nach dem Fürsten Dilu, der 10 -Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute. -792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052 -durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den -Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von -Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. -Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die -Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht -haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die -Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:</p> - -<p>1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb -Minar) und der grossen Moschee.</p> - -<p>2) Feroz Tughlak (1351–1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, -unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Eng<span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span>länder wieder -hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.</p> - -<p>3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und -erbaute einen Palast und eine Moschee.</p> - -<p>4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von -„Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s -2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.</p> - -<p>Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März -wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, -vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine -Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach -Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte -eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ -geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten -die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es -bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja -sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.</p> - -<p>Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, -72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche -im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung -von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die -Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach -Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische -Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges -Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit -den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen -Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten -sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin -befindlichen Forts.</p> - -<p>Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen -Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen -und besetzte den Bergrücken (<em class="gesperrt">Ridge</em>) dicht bei der Nordwest-Ecke -von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als -Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung -30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und -reichlichsten Schiessbedarf.</p> - -<p>Am 7. August kam General <em class="gesperrt">Nicholson</em> mit Verstärkungen an, am 4. -September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, -nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; -am 8. September Richard <em class="gesperrt">Lawrence</em> mit weiteren<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span> Verstärkungen. -Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang -reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter -starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und -das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei -Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde -der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und -fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt -waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor -mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm -gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch -den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das -Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm <em class="gesperrt">Hodson</em>, -ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während -der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s -Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das -Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so <em class="gesperrt">schoss -er die Prinzen mit eigener Hand nieder</em>. Der Alte kam vor das -Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu -haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7. -October 1862 verstorben ist.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">jetzige Delhi</em> liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 -Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer -des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu -und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, -sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab -für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein -grosser <em class="gesperrt">Handelsplatz</em>, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern -von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, -andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, -endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.</p> - -<p>Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner -und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger -gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt -ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein -Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten -Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen -Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, -den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut -Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser -Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> hin, um den -Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des -Gesehenen zu geben.</p> - -<p>Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die -Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die -<em class="gesperrt">Burg des Kaiser Jahan</em> an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes -Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite -von West nach Ost.</p> - -<p>Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch -(40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; -aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken -Minarets desto gefälliger.</p> - -<p>Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria -G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und -die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, -vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.</p> - -<p>Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast -Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte -unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch -allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie -unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und -von dem Schattenkaiser<a name="FNAnker_531_531" id="FNAnker_531_531"></a><a href="#Fussnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a> — bis 1857 — bewohnt,) sondern zunächst -nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser -geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren -Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.</p> - -<p><em class="gesperrt">Fergusson</em> nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so -etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts -Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und -Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan -brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, -welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen -haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst -ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern -niederlegen.</p> - -<p>Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das -Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub -durchschlüpfe, wurde der <em class="gesperrt">kostbarste Palast der Erde förmlich -ausgeweidet</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span></p> - -<p>Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch <em class="gesperrt">geplündert</em>. -Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten -Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie -nach England und — verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass -man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.</p> - -<p>In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, -quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die -<em class="gesperrt">Musik-Halle</em> stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der -<em class="gesperrt">öffentlichen Audienz-Halle</em>. Im Norden dieser Gebäude-Reihe -von 1600 Fuss Länge lagen die <em class="gesperrt">Gast-Räume</em> mit Gärten und der -<em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em>. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss -Länge, war von den <em class="gesperrt">Wohngemächern</em> und dem Harem eingenommen. -Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend -eines Schlosses in Europa.</p> - -<p>Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:</p> - -<p>1) Die öffentliche Audienz-Halle (<em class="gesperrt">Diwan-i-Am</em>). Sie ist ähnlich -der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 -Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei -Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und -Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen -vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen -verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der -von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten -Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine -Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist -mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine -Löwen. Es gilt für das Werk von <em class="gesperrt">Austin de Bordeaux</em> und hat mir -nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll -eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa -zum Hof des Schah, weil er daheim — verschiedene Fürsten mit falschen -Edelsteinen betrogen hatte.)</p> - -<p>Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, -fand ich <em class="gesperrt">hier</em> wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und -Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das -schlagendste ist, ein <em class="gesperrt">Orpheus</em> mit der Cither in der Hand, von -Thieren umgeben.“</p> - -<p>Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine -herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der -Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beute<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span>lustige -Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und -wieder zurückgeleitet.</p> - -<p>2) Die <em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em> (Diwan-i-Khas). Es ist eine -rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den -breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach -den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf -Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen -Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s -geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung -geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, -auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden -hat.<a name="FNAnker_532_532" id="FNAnker_532_532"></a><a href="#Fussnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 -mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle -steht der berühmte persische Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Giebt es auf Erden ein Paradies,</div> - <div class="verse">So ist es dies, so ist es dies.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde -einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.</p> - -<p>3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (<em class="gesperrt">Rung Mahal</em>), die jetzt -von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares -Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die -<em class="gesperrt">Wage der Gerechtigkeit</em> (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche -die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben -aufgelegt, theils ausgemeisselt.</p> - -<p>4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine -rechte Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die -<em class="gesperrt">Bäder</em>, drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch -gefärbte Glasfenster erleuchtet.</p> - -<p>5) Dicht dabei ist die kleine <em class="gesperrt">Perl-Moschee</em> aus weissem und -grauem Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit -flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut -und kostete 160000 Rupien.</p> - -<p>Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine -Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores -liegt die <em class="gesperrt">Jumma Musjid</em>, die als Hof-Kirche benutzt wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span></p> - -<p>Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der -Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde. -5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische -Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah -Jahan — von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach -unserer Zeitrechnung.)</p> - -<p>Auf einem mächtigen <em class="gesperrt">Unterbau</em> erhebt sich die offene, mit 15 Fuss -langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle, -welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und -den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der -Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der -Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange <em class="gesperrt">Freitreppe</em> -von 36 Stufen empor zu einem <em class="gesperrt">Thorgebäude</em>. Das hauptsächlichste, -östliche, der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen -Gebäudes durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte -ein gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine -Gallerie mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die -Thür im Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken -belegt.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Hof</em>, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und -Marmorplatten schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge -von 325 Fuss. In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die -Abwaschungen.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Moschee</em> selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie -öffnet sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem -grösseren mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und -weissem Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von -drei Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 -Fuss hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht -auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände -vollständig mit Marmor bekleidet.</p> - -<p>Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten -Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede -stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung<a name="FNAnker_533_533" id="FNAnker_533_533"></a><a href="#Fussnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a> -über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000 -Gläubige zusammen.</p> - -<p>In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten -Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n. -Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem <em class="gesperrt">Haar aus dem Bart -des Pro<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span>pheten</em>. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem -Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie -spendet.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em> von Delhi ist <em class="gesperrt">Chandni Chauk</em>, die -Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu -dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. -Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von -doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, -den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.</p> - -<p>In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer -zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, -Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen -fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, -allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte -ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein -Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte -ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in -Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, -das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich -ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den -einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich -vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst -Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler -und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.</p> - -<p>Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in -der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus -für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen -morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.</p> - -<p>In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk -fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen -Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der -<em class="gesperrt">goldnen</em> empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der -unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.</p> - -<p>Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten -(<em class="gesperrt">Queen’s Gardens</em>), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang -steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher -gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss -Höhe, und daneben das <em class="gesperrt">Museum</em>. Dasselbe enthält eine Sammlung -von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus <em class="gesperrt">Delhi</em> -eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den -andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien -(Riesenschachspiel) und Lampen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span></p> - -<p>Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des -Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben -werden.</p> - -<p>Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer -Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (<em class="gesperrt">Mutiny Memorial</em>). -Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die -Königin von England als <em class="gesperrt">Kaiserin von Indien</em> verkündigt wurde. -Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten -europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische, -versammelt und den grössten Prunk entfaltet.</p> - -<p>Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der -Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi -erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter -ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den -Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi -konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.</p> - -<p>Wenn Delhi, wegen seiner <em class="gesperrt">Ruinen</em>, das Rom Asiens genannt wird, so -verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse -bezeichnet zu werden.</p> - -<p>Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts -auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem -ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug -unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die -Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten -sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer -<em class="gesperrt">Vorgängerin</em> Jahrhunderte lang als <em class="gesperrt">Steinbruch</em> ausgebeutet -hat.</p> - -<p>Das erste Gebäude von Bedeutung ist <em class="gesperrt">Jai Sing’s Sternwarte</em>, -ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ -(Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen -Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst -folgt das Grabmal des <em class="gesperrt">Safdar Jang</em>, Abu ’l Mansur Khan, der -um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah -gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht -war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh -Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat -von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem -Sandstein und — Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei -näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der -Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span></p> - -<p>Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener <em class="gesperrt">britischer -Artillerie</em>, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung -schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar -so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien -antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen -die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab -für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei -Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den -Ernstfall birgt es grosse Gefahren.</p> - -<p>Das Endziel der Ausfahrt, <em class="gesperrt">Kutb Minar</em>, liegt 19 Kilometer südlich -vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli -einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es -ist und sein soll, ein <em class="gesperrt">Denkmal des Sieges</em> der Mohammedaner über -die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller -aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din<a name="FNAnker_534_534" id="FNAnker_534_534"></a><a href="#Fussnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a> (1206 bis 1210) das -Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch -Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben. -Der Führer allerdings erzählt uns ein <em class="gesperrt">Volksmärchen</em>, dass der -Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der -Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge -zum Bad im Jumna-Fluss auszog.</p> - -<p>Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller -abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem -Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis -auf 9 Fuss an der Spitze,<a name="FNAnker_535_535" id="FNAnker_535_535"></a><a href="#Fussnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> deren Kuppel allerdings abgefallen ist. -In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter -die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren -Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche -schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide -abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst -gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.</p> - -<p>Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder -kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter -dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden -sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.</p> - -<p>Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf<span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span> der -Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der -allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den -Massen der benachbarten Kathedrale.)</p> - -<p>390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche -der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum -dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der -Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige -Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht -trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der -Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss -erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.</p> - -<p>In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der -Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der -im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung -Tughlakabad.</p> - -<p>Kutb Minar steht neben der <em class="gesperrt">Moschee</em>, die Kutab-ud-din unmittelbar -nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn -Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den -Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres -Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, -53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die -ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von -ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27 -heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein; -die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen -zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit -gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210–1236) und Alaud-din (1300) haben -neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus -altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.</p> - -<p>In dem ursprünglichen Hof steht der <em class="gesperrt">Eisenpfeiler</em>, 23 Fuss 8 Zoll -hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit -einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen -Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es -ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler -aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht -häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist -der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)</p> - -<p>In den äussersten Hof führt <em class="gesperrt">Alaud-din’s Thor</em>, ein viereckiges -Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> -Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den -Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste -Beispiel des früheren mohammedanischen oder <em class="gesperrt">Pathan-Stiles</em> in -Indien.</p> - -<p>Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das <em class="gesperrt">Grabmal von -Altamsh</em>, das älteste in Indien.</p> - -<p>Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s -Denkmal noch die vom Führer so genannte <em class="gesperrt">Halle der</em> 64 Säulen, -das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des -Dichters <em class="gesperrt">Amir Khusran</em>, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in -seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab -des heiligen <em class="gesperrt">Nizam-u-din</em> (1652), noch heute von den Nachkommen -seiner Schwester gepflegt; und endlich das der <em class="gesperrt">Jahanara</em>, der -frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren -Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658–1665) und ist -1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des -Leichensteins enthält die schönen Verse:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt.</div> - <div class="verse">Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische -Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie -sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts -geläufig waren.</p> - -<p>In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss -tiefer <em class="gesperrt">Teich</em>, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. -Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden -Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk -zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.</p> - -<p>Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das -Grabdenkmal von <em class="gesperrt">Humayun</em>, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau -hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh<a name="FNAnker_536_536" id="FNAnker_536_536"></a><a href="#Fussnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a> gekostet und ist das älteste -Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer -Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen -Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, -alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor -geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder -andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der -Wiedereroberung Delhi’s am 12. September<span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span> 1857 Hodson den Mogul-König -<em class="gesperrt">Bahadur</em> Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne -mit eigener Hand niederschoss.</p> - -<p>1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer -südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt -<em class="gesperrt">Indrapat</em>, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings -von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen -Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt -uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche -Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und -Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. <em class="gesperrt">Sher Schah</em>’s -Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein, -mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom: -ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges -Gebäude, <em class="gesperrt">die Bücherei von Humayun</em>, der hier, als er den Aufgang -des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den -Folgen der Verletzung gestorben ist.</p> - -<p>Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen -Ruinen von <em class="gesperrt">Ferozabad</em>, der Festung, die Feroz Schah Tughlak -1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der -Steinpfeiler (<em class="gesperrt">lat</em>) des Königs <em class="gesperrt">Asoka</em> (257 v. Chr.), von -den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: -die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah -konnte Niemand dieselbe entziffern.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Jaipur" title="Jaipur."></h3> - -</div> - -<p class="s3 center">Jaipur.<a name="FNAnker_537_537" id="FNAnker_537_537"></a><a href="#Fussnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a></p> - -<p class="s4 center mbot1"><em class="gesperrt">Die indische Heilkunde</em>.</p> - -<p>Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von -Delhi nach <em class="gesperrt">Jaipur</em>, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, -Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, -für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur -30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, -in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das -Mittagsessen.)</p> - -<p>Ich komme also in die <em class="gesperrt">Rajputana</em>, jenes grosse Gebiet im -nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, -unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> -einheimischen Fürsten regiert wird.<a name="FNAnker_538_538" id="FNAnker_538_538"></a><a href="#Fussnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a> Unter den letzteren sind nur -zwei Mohammedaner.</p> - -<p>Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 -an 10 Millionen Einwohner,<a name="FNAnker_539_539" id="FNAnker_539_539"></a><a href="#Fussnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a> von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, -nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.</p> - -<p>Von der ursprünglichen Kriegerkaste der <em class="gesperrt">Rajput</em> (im Sanskrit -Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, -hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz -auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. -h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll -in ihrem Auftreten.</p> - -<p>Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen -zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist -aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei -Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man -erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die -Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken -bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.</p> - -<p>Abends spät gelange ich in das <em class="gesperrt">Gasthaus zur Kaiserin von Indien</em> -(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in -Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, -mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder -Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, -wollten sie <em class="gesperrt">von aussen</em> ein Vorlegeschloss befestigen, was ich -mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter -des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem -Zimmer, seinen Platz eingenommen.</p> - -<p>Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, -gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die -Heldenlieder<a name="FNAnker_540_540" id="FNAnker_540_540"></a><a href="#Fussnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich -auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht -hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir -nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde -zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh -er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung -seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen -machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese -nächtlichen Lieder aufhörten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. -Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, -Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten -erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit -andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und -gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) -tragen.</p> - -<p>Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige -Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst -Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare -Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und -Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen -musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen -Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul -geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.</p> - -<p>Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der -Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig -besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur -britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen -Meuter-Aufstands.</p> - -<p>Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist <em class="gesperrt">Jaipur</em> mit 37000 -Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als -2315000 Hindu sind.<a name="FNAnker_541_541" id="FNAnker_541_541"></a><a href="#Fussnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste -Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha<a name="FNAnker_542_542" id="FNAnker_542_542"></a><a href="#Fussnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> ist der -35<sup>te</sup>; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, -den<span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span> Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. <em class="gesperrt">Jai Singh</em>,<a name="FNAnker_543_543" id="FNAnker_543_543"></a><a href="#Fussnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a> -der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die -Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; -ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den -Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre -bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in -einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, -dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut -und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. <em class="gesperrt">Hans -Meyer</em> dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)</p> - -<p>Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen -von jährlich 10 Millionen Mark,<a name="FNAnker_544_544" id="FNAnker_544_544"></a><a href="#Fussnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a> wovon er allerdings auch die -Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen -und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. -Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch -üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. -Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.</p> - -<p>Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über -dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten -Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im -Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, -Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in -den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg<a name="FNAnker_545_545" id="FNAnker_545_545"></a><a href="#Fussnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> (Mittelschule) -mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas -schüchterne) Gas-Beleuchtung.<a name="FNAnker_546_546" id="FNAnker_546_546"></a><a href="#Fussnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> Die Zahl der Einwohner betrug -1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst -Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den -einheimischen Staaten Indiens.</p> - -<p>Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur -Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst -mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.</p> - -<p>Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die -fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein -Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span>Schein -<em class="gesperrt">eigenhändig</em> unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer -russischen Freunde<a name="FNAnker_547_547" id="FNAnker_547_547"></a><a href="#Fussnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a> ganz gut heraus und begleiten sie durch -das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen -die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah -besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange -fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. -Vor Allem wird das Reisen in den <em class="gesperrt">Schutzstaaten</em> überwacht. Wo -es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus -unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende -hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.<a name="FNAnker_548_548" id="FNAnker_548_548"></a><a href="#Fussnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a> Wo wegen des -grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in -Jaipur, kann man die <em class="gesperrt">Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste</em> -nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So -wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz -vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, <em class="gesperrt">ohne</em> die -Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.</p> - -<p>Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten -Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei -munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) -gelegenen Gasthaus nach der Stadt.</p> - -<p>Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie -krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort <em class="gesperrt">Welcome</em> eingelegt. -Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen -uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche -ich in den vorigen Tagen gesehen.</p> - -<p>Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von -6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden -Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, -sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer -noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten -Winkeln.)</p> - -<p>Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die -einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the -Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen,<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span> mit -Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie -mit weissen Zierrathen versehen liess.</p> - -<p>Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine -Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich -Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch -seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil -nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als -tüchtig gebaut.</p> - -<p>Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen -waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in -die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern -eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge -sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. -Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine -Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen -Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.</p> - -<p>Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen <em class="gesperrt">Laden</em> geschleppt, wo -die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so -geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er -mit mir kein Glück.</p> - -<p>Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem -prachtvollen <em class="gesperrt">Park</em> ausserhalb der Mauern, der als der schönste -von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 -Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die -Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.</p> - -<p>In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des <em class="gesperrt">Lord Mayo</em> -errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, -eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch -der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines -Mörders sein Leben eingebüsst hat.</p> - -<p>In dem Garten sind <em class="gesperrt">Vogelhäuser</em> mit Riesen-Pfauen, auch den -schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit -<em class="gesperrt">wilden Thieren</em>, namentlich mit <em class="gesperrt">Tigern</em>.</p> - -<p>Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere -zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er -reizt den Tiger zu höchster Wuth und — hält dann die Hand auf, um -ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei -einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich -erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, -<em class="gesperrt">Menschenfresser</em> seien; der eine habe fünfzehn, der<span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span> andere zehn, -der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger -in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich -vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst -Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück -seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.</p> - -<p>Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein -zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 -englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen -getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis -ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 -Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an -einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gefangen</em> werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose -darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in -der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos -geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig -gebracht und zur Schau ausgestellt.</p> - -<p>Der Hauptschmuck des Gartens ist <em class="gesperrt">Albert Hall</em>, ein neues -Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und -das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der -Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an -deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. -an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den -altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das -Innere ist ein <em class="gesperrt">Kunstmuseum</em>; dasselbe enthält die Ergebnisse -der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 -hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer -stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen -der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die <em class="gesperrt">vollständigste</em>. -Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da -sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, -Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür -die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; -Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit -wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles -mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.</p> - -<p>Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen -herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward -ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> -von unserem Prof. <em class="gesperrt">Herter</em> erblickte, offenbar als Muster, um den -Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.</p> - -<p>Es giebt auch eine wirkliche <em class="gesperrt">Kunstschule</em> in Jaipur, welche -Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten -Mustern neu beleben soll.</p> - -<p>Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um -die <em class="gesperrt">Stadt selber</em> genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange -Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em>, -alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, -theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem -Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen -Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen -ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.</p> - -<p>Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit <em class="gesperrt">Läden</em>, -unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, -welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und — -Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Marktplatz</em> am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist -rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner -mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses -Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer -aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und -einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen -grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre -Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen -Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse -verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die -jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm -trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring -aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das -begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.</p> - -<p>Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen -den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen -<em class="gesperrt">Grünhörner</em> im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind -mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder -Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. -Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns -Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und -zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, -welche<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span> das Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir -den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz -andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem -Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, -mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm -schreiend Platz zu machen suchen.</p> - -<p>Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh -erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt -mit seinen Gärten ein <em class="gesperrt">Siebentel</em> ihrer Flächenausdehnung.</p> - -<p>Nahe dem Haupteingang erhebt sich der <em class="gesperrt">Himmelsthurm</em>, der von dem -Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem -gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.</p> - -<p>Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, -zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten — ohne -Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien -üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.</p> - -<p>Der Haupttheil des Palastes (<em class="gesperrt">Chandra Mahal</em>) ist ein in sieben -sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes -Gebäude aus neuerer Zeit, — wenn man will, in indisch-italienischem -Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die -Zimmer der Frauen enthält.</p> - -<p>Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch -verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten -gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine -schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind -leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.</p> - -<p>Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse -aus sehen kann, ist die Halle der Winde (<em class="gesperrt">Hawal Mahal</em>), auch -von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, -unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, — von den -Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,<a name="FNAnker_549_549" id="FNAnker_549_549"></a><a href="#Fussnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> aber in der -That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.</p> - -<p>Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.</p> - -<p>Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine -Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine -Staatsdruckerei.</p> - -<p>Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber -unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span></p> - -<p>Besser gehalten sind die <em class="gesperrt">Ställe</em>, wo gute Araber-Rosse für den -Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den -Gold- und den Silber-<em class="gesperrt">Prunkwagen</em> des Fürsten und ist erstaunt, -wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.</p> - -<p>Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von <em class="gesperrt">Elephanten</em>, -die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, -deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei -festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.</p> - -<p>In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der -<em class="gesperrt">Krokodil-Teich</em>.<a name="FNAnker_550_550" id="FNAnker_550_550"></a><a href="#Fussnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a></p> - -<p>Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; -aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich -sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber -unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer -flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der -Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt -haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, -wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die -Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein -Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick -festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den -ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die -Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie -schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und -wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, -so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses -zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils -verschwindet.</p> - -<p>Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in -raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an -der Beute herausholt.</p> - -<p>Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den -<em class="gesperrt">Fürsten</em> zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse -Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, -fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von -einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span> -Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, -in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden -erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.</p> - -<p><em class="gesperrt">Tempel</em> giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte -des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig -sind diese Bauten nicht. Der berühmte <em class="gesperrt">goldne</em> Tempel ist ein -offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, -im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.</p> - -<p>Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine -Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten -sind noch zu erwähnen die <em class="gesperrt">Grabdenkmäler</em> der Fürsten, ausserhalb -der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von -ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem -Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten -Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind <em class="gesperrt">Leergräber</em> oder -Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit -Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)</p> - -<p>Der alte <em class="gesperrt">Garten</em> (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin -der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese -Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete -Stündchen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Hauptvergnügen</em> in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch -die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des -Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem -freien Platz vor <em class="gesperrt">Albert Hall</em>, wo die vornehme Welt erscheint, -um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des -Maharadscha zu lauschen.</p> - -<p>Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert -Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich -sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der -einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend -entgegenzunehmen.</p> - -<p>Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. -Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von -<em class="gesperrt">einheimischen Verkäufern</em>. Ich selber, der ich unterwegs, ausser -den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich -es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, -war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die -dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis -abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten -kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er -von der Hand in den Mund lebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span></p> - -<p>Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die -fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; -sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der -Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen -hat.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Haupt-Ausflug ist nach Amber</em>.<a name="FNAnker_551_551" id="FNAnker_551_551"></a><a href="#Fussnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> Montag, den 19. -December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor -Sonnenaufgang.</p> - -<p>Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, -durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem -aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener -<em class="gesperrt">Wasserpalast</em> des Fürsten emporragt.</p> - -<p>Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick -auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. -Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, -auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur -Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, -ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, -3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist -nichts weniger, als angenehm.</p> - -<p>Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein -Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand -bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige -Waffe ist ein Schild.<a name="FNAnker_552_552" id="FNAnker_552_552"></a><a href="#Fussnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a> In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen -Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.</p> - -<p>Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier -enthüllt sich uns ein <em class="gesperrt">wunderbares Schauspiel</em>: oben auf dem hohen -Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden -Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an -der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt <em class="gesperrt">Amber</em>.</p> - -<p>Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im -Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, -bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.</p> - -<p>Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit -festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span> und dem in -das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige -Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.</p> - -<p>Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo -die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst -und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist -es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich -geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und -Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch -Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau -vollendet.</p> - -<p>Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige -Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch -pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem -scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener -Kuppeln.</p> - -<p>Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und -bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und -Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges -Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem -die öffentliche <em class="gesperrt">Audienz-Halle</em> steht. Die Marmorsäulen, in -zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein -massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit -durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den -Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza -Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung -zu schützen.</p> - -<p>Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen -Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss -getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns -vor Einführung der Papiertapeten üblich war!</p> - -<p>Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der -blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege -geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung -der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die -besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.</p> - -<p>Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte <em class="gesperrt">Thor -Jai Singh’s</em> eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener -Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des -Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten -als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai -Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; -kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch<span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span> -eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. -Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in -die Alabaster-Täfelungen eingelegt.</p> - -<p>Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die -verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die -als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.</p> - -<p>Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und -eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch -grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem -Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu -dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die -tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert -worden.</p> - -<p>Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung -sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den -zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten -Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben -mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.<a name="FNAnker_553_553" id="FNAnker_553_553"></a><a href="#Fussnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a> Ein Hindu-Tempel -steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; -<em class="gesperrt">Murray</em> sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, -als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. -Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, -wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen -reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie -oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, -deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen -gestalteten Enden berühren.</p> - -<p>Auf der Rückfahrt sehe ich die <em class="gesperrt">Dungkuchen-Herstellung</em>, eine -Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen -„Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der -Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus -platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte -zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient -und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz -ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen -plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span> -werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen -sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs -der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem -abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und -einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in -dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren -der <em class="gesperrt">altindischen Heilkunde</em> nachzugehen, die vielleicht bis auf -unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine -anziehende Aufgabe.</p> - -<p>Die Heilkunde hat in der <em class="gesperrt">brahmanischen</em> Zeit selbständig sich -entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für -die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende -Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung -vom Leben) den <em class="gesperrt">Göttern</em> zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, -die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.<a name="FNAnker_554_554" id="FNAnker_554_554"></a><a href="#Fussnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a>) -vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden -doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in -Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses -sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen -Heilkunde, die unter dem Namen des <em class="gesperrt">Susruta</em> und <em class="gesperrt">Charaka</em> -überlieferten Schriften, gehören den <em class="gesperrt">späteren</em> Zeiten der -Sútra oder Ueberlieferungen an. <em class="gesperrt">Wann</em> sie in der jetzigen Form -niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.</p> - -<p>Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die -indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. -Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über -Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer -Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an -ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich -denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, -enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. -Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten -und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir -Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt -haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span></p> - -<p>Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau -und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, -ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so -sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute -nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder -betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die -Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet -den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige -abgeht, gleicht einem Vogel mit nur <em class="gesperrt">einem</em> Flügel.</p> - -<p>Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des -Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche -Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde -gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen -Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn -Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen -und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige -ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die -Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.</p> - -<p>Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den -Grundstock für die erwähnten Schriften.</p> - -<p>Als der heutige Hinduismus entstand (750–1000 n. Chr.), und die Kasten -sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde -auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen -der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad -(750–960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor -im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind -vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.</p> - -<p>In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der -Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben -englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich -Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch -noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. -Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.</p> - -<p>Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer -Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter -den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 -eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für -diese Zahlen (<em class="gesperrt">Hunter</em>), erwähnt nicht die<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> weiblichen Studenten, -doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung -von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur -Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht -worden.</p> - -<p>Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher -Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die <em class="gesperrt">Nasenbildung</em> und -der <em class="gesperrt">Star-Stich</em>.</p> - -<p>Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, -als <em class="gesperrt">gesetzliche Strafe</em> in Indien vorkommt; so ist es doch noch -<em class="gesperrt">Sitte</em> in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte -die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, -auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte -Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder -von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung <em class="gesperrt">wird</em> ausgeführt -in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts -englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der -<em class="gesperrt">Ziegelstreicher-Kaste</em>, sondern von Schülern der englischen -Universitäten und Krankenhäuser.</p> - -<p>Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten -beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst -in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene -Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Star-Stich</em><a name="FNAnker_555_555" id="FNAnker_555_555"></a><a href="#Fussnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> war den alten Griechen während ihrer -Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften -noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. -<em class="gesperrt">Celsus</em> (zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die -erste Beschreibung geliefert; <em class="gesperrt">Galen</em> (im 2. Jahrhundert n. Chr.) -erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom -Fach-Aerzte für den Star-Stich gab; <em class="gesperrt">Paulus von Aegina</em> (im 7. -Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige -Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den -verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. Die -<em class="gesperrt">Araber</em> des Mittelalters beschreiben sowohl die griechische -Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die -Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst -mit einem Messerchen einen<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span> kleinen Schnitt durch die harte Haut des -Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den -Star nach unten zu verschieben.</p> - -<p>Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde -erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf -Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch -Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit -ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten -ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den -umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.</p> - -<p>Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren -der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben -diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, -auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher -sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; -im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer -Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat -aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre -Hauptstadt wieder verlassen müssen.<a name="FNAnker_556_556" id="FNAnker_556_556"></a><a href="#Fussnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a></p> - -<p>Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, <em class="gesperrt">welchem Volke</em> (oder -gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, -scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.</p> - -<p>Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres -Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren -in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es -zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine -Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen -ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine -Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.</p> - -<p>Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim -Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) -bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner -geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu -Gunsten des Star-Schnitts.</p> - -<p>Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst -sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so -dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span> -längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der -<em class="gesperrt">Star-Schnitt</em> durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher -geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt -und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.</p> - -<p>Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen -Aerzten, was ich schon vorher gelesen,<a name="FNAnker_557_557" id="FNAnker_557_557"></a><a href="#Fussnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a> dass die unwissenden -und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich -die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. -Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische -Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher -unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu -Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst -Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, -obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem -Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings -der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille -gefallen.</p> - -<p>In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter -einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, -in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel -Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus -befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt -ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, -einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in -<em class="gesperrt">seinem</em> Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.</p> - -<p>Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse -von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den -bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen -und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit -und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse -Schwierigkeiten bereiteten.</p> - -<p>Sie waren zwischen 50–60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach -zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit -worden. (<em class="gesperrt">Wasser</em> nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter -und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen -vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> mehreren Jahren -operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. -Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher -operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt -im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.</p> - -<p>Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die -Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf -seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er -müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem -Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.</p> - -<p>Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der -geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von -Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich -fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen -konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu -dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen -wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und -fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem -Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich -auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse -fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut -gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine -Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie -zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein -Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated -into Urdu. Agra 1884.“</p> - -<p>In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, -ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien -Geldstrafe.</p> - -<p>Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich -verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 -Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische -Unzuverlässigkeit. <em class="gesperrt">Einer</em> war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden -Augen vor neun Jahren von jenem operirt, — mit gutem Erfolge.</p> - -<p>Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein -einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen -sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen -Kranken <em class="gesperrt">von ihren Ketten nicht befreit</em> sind! Die Briten, die in -so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in -alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> Pfuscher gut -operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem -ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte -ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.</p> - -<p>Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher -trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge -erzielen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Geheimniss</em> liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden -Sonne in Indien der Alters-Star <em class="gesperrt">zwanzig Jahre früher</em> reift, als -bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei -mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter -geringer als im höheren.</p> - -<p>Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den -Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die -<em class="gesperrt">Gerechtigkeit</em> anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, -vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker -ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe -Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte -Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu -beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch -in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der -englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden -nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder -Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Berg_Abu">Berg Abu.</h3> - -</div> - -<p>Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. -(Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, -Baroda and Central India Railway.)</p> - -<p>In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 -Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern -mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung -genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.</p> - -<p>Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen -aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt -ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein -gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; -plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span></p> - -<p>Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach -dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten -zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen -Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten <em class="gesperrt">Hügel</em> -auf (<em class="gesperrt">Arawali</em> hills); das Land sieht recht dürr aus und wird -hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.</p> - -<p>Auf dem Halteplatz <em class="gesperrt">Abu Road</em> lasse ich meinen Koffer zurück, -sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach <em class="gesperrt">Abu Mountain</em>, das -24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.<a name="FNAnker_558_558" id="FNAnker_558_558"></a><a href="#Fussnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a></p> - -<p>Ich selber bestieg die <em class="gesperrt">Jinrikisha</em>, welche von sechs einander -ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.<a name="FNAnker_559_559" id="FNAnker_559_559"></a><a href="#Fussnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a></p> - -<p>Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° -nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern -auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte -sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ -zu entnehmen war.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Berg Abu</em> gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch -ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und -erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland -aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und -Hindu als Heiligthum verehrt wurde.</p> - -<p>Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat <em class="gesperrt">Sirohi</em>, der -unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 -Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.</p> - -<p>Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden -Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit -zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht -romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben -reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien -und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen -Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem -Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe -Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem -einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der -Pistolenkolben aus der Rocktasche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p> - -<p>Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier -beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber -ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz -Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder -Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.</p> - -<p>Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht -gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine -Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen -schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.</p> - -<p>Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein -<em class="gesperrt">Fakir</em><a name="FNAnker_560_560" id="FNAnker_560_560"></a><a href="#Fussnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein -Zelt, sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen -Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die -Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem -Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut -aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes -Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit -Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den -Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn -die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.</p> - -<p>Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser -<em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach -tiefe, sogar schraubenförmige Löcher, die an <em class="gesperrt">ehemalige Gletscher</em> -erinnern; auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen -unter, Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit -dem letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im -Gasthaus.</p> - -<p>Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen -Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.</p> - -<p>Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen -alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes -Plauderstündchen mit ihm verlebte, — hier befiel mich zum ersten Male -ernstlich das <em class="gesperrt">Heimweh</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p> - -<p>Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth -und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die -wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die -merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und -grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun -sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½ -Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten -(Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten -und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h. -die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem -Meere, die Temperatur ist angenehm.</p> - -<p>Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den -Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.</p> - -<p>Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen -weiden <em class="gesperrt">fette Kühe</em>, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon -nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus -Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den -ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische -Brunnen bezeichnet werden.</p> - -<p>Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem -Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den -Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em> -(Delwara<a name="FNAnker_561_561" id="FNAnker_561_561"></a><a href="#Fussnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a>) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu -unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich -angelegten <em class="gesperrt">Edelstein-See</em> (Gem lake<a name="FNAnker_562_562" id="FNAnker_562_562"></a><a href="#Fussnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a>), der einige hundert -Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.</p> - -<p>Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem -der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer -entfernten Tempeln.</p> - -<p>Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren -Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige -Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern -mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten -Tempeln angehören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Das Innere ist überraschend.</em> Der prachtvollere der beiden -Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung -auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, -sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen -Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 -Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des -Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der -460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden -musste!</p> - -<p>Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel -errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.</p> - -<p>Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, -um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich -geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die -Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.</p> - -<p>In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer -Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in -ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha<a name="FNAnker_563_563" id="FNAnker_563_563"></a><a href="#Fussnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a>) enthält und -oben das Spitz-Dach<a name="FNAnker_564_564" id="FNAnker_564_564"></a><a href="#Fussnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a> trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine -prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang -des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen -weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.</p> - -<p>Achtundvierzig <em class="gesperrt">freistehende</em>, herrlich geschmückte <em class="gesperrt">Säulen</em> -setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht -die Wölbung aus <em class="gesperrt">wagerechten</em> Steinen; die <em class="gesperrt">strahlenförmige</em> -der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk -aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen -Strebepfeilern.)</p> - -<p>Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und -90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) -von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben -ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;<a name="FNAnker_565_565" id="FNAnker_565_565"></a><a href="#Fussnote_565_565" class="fnanchor">[565]</a> jede von -diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten -Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem -Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles -ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere -und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und -mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an -jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. -Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries -von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, -darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. -Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor -in feinster Ausführung frei herab,<a name="FNAnker_566_566" id="FNAnker_566_566"></a><a href="#Fussnote_566_566" class="fnanchor">[566]</a> nach Fergusson ohne Gleichen -auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben -in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren -geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren -Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten -Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In -dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die -scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Ganze</em> macht einen höchst überraschenden, geradezu -wunderbaren Eindruck, obwohl manche <em class="gesperrt">Einzelheiten</em> uns weniger -anziehen.</p> - -<p>Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im -Baustoff als auch in der Ausführung.</p> - -<p>Ein grässlich lärmender <em class="gesperrt">Gottesdienst</em> mit Gong und Pauken wurde -grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind -sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir -zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.</p> - -<p>Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt -waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine -grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist -von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.</p> - -<p>Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom -Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. -<em class="gesperrt">Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,</em> -sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von<span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span> -Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir -angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien -werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.</p> - -<p>Die Frage der <em class="gesperrt">Jaina</em> ist darum so schwierig, weil erstens die -Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern -der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens -der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr -geringfügig erscheint.</p> - -<p>Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit -und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste -Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von -seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge -und üben <em class="gesperrt">ahimsâ</em>, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer -gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich -des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes -Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie -niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. -Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen <em class="gesperrt">Triratna</em> (d. h. die -drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) -vollkommenes Leben.</p> - -<p>Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die -Jaina erkennen <em class="gesperrt">vierundzwanzig Jina</em> an, (d. h. Siegreiche, oder -<em class="gesperrt">Thirthankara</em>, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, -welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich -den vorletzten <em class="gesperrt">Parsvanath</em> und den letzten <em class="gesperrt">Mahavira</em>, -(d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von -Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren -Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre -Religion begründet haben soll.</p> - -<p><em class="gesperrt">Jetzt</em> giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl -in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen -angegeben wird.</p> - -<p>Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist -Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und -unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen -Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben sind. -Sie theilen sich in <em class="gesperrt">Yati</em> oder Büsser und <em class="gesperrt">Çravaka</em> oder -Hörer (Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut -neue, prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. -Aber weit grösser war ihr Einfluss in <em class="gesperrt">früherer</em> Zeit; nur ist es -sehr schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span></p> - -<p>Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen -Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine -Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine -besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich -Hindu.</p> - -<p>Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt. -Unser Landsmann <em class="gesperrt">Jacobi</em> hat neuerdings (1884) dargethan, dass -Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben, -nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse -Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war -die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und -verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt -wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr. -verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. Chr. -Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der <em class="gesperrt">Swetambara</em> oder -Weissgekleideten und <em class="gesperrt">Digambara</em> oder Nackten (Luft-gekleideten) -zwei oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese -Theilung besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara -Yati) jetzt Nacktheit nicht mehr <em class="gesperrt">öffentlich</em> zur Schau tragen. -Der Streit zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den -kanonischen Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) -wird die Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), -in den Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. -Chr. aber beide Secten der Jaina erwähnt.</p> - -<p>Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr., -war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί -übersetzte.<a name="FNAnker_567_567" id="FNAnker_567_567"></a><a href="#Fussnote_567_567" class="fnanchor">[567]</a></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am -Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha -wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben -gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer -Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie -sich zum Schmause lagern.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Ahmedabad">Ahmedabad.</h3> - -</div> - -<p>Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,<a name="FNAnker_568_568" id="FNAnker_568_568"></a><a href="#Fussnote_568_568" class="fnanchor">[568]</a> wo ich -Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug der <em class="gesperrt">Bombay, Baroda<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span> and Central -India</em> Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ -Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)</p> - -<p>In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal -wieder das <em class="gesperrt">Kreuz des Südens</em> zu erblicken. <em class="gesperrt">Dante</em>, dem es -wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach -seinem Anblick; <em class="gesperrt">Vespucci</em> sah es auf seiner dritten Reise (1501); -<em class="gesperrt">Corsali</em> (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.</p> - -<p>Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so -gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war -mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem -nördlichen Wendekreis.</p> - -<p>Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in -den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.</p> - -<p>Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, -ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.</p> - -<p>Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des -Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf -Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche -Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines -Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.</p> - -<p>Die Stadt <em class="gesperrt">Ahmedabad</em> (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also -ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer -148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, -welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und -fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite -der Stadt) nach dem <em class="gesperrt">Rasthaus</em>, das dicht vor dem in der Mitte -der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse -des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, -mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der -Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ahmedabad ist äusserst lohnend.</em> Die Stadt ist die erste im -Bezirk <em class="gesperrt">Guzerat</em> und die zweite in der ganzen Präsidenschaft -Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.</p> - -<p>Guzerat<a name="FNAnker_569_569" id="FNAnker_569_569"></a><a href="#Fussnote_569_569" class="fnanchor">[569]</a> liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 -und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und -besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> dem -daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den -Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer -und enthält 7½ Millionen Einwohner.<a name="FNAnker_570_570" id="FNAnker_570_570"></a><a href="#Fussnote_570_570" class="fnanchor">[570]</a> Hiervon entfallen 163000 -Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster -<em class="gesperrt">Baroda</em> ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern -auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die -fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.</p> - -<p>Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als -Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, -bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.</p> - -<p>Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die -byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen -Baruch (<em class="gesperrt">Barotsch</em>) an der Mündung des Nerbudda.</p> - -<p>Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), -der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land -zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 -hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der -Brahmanen.</p> - -<p>Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches -von Delhi.<a name="FNAnker_571_571" id="FNAnker_571_571"></a><a href="#Fussnote_571_571" class="fnanchor">[571]</a></p> - -<p>Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. -Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem -Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat -eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen -Sohn <em class="gesperrt">Ahmed Schah</em> erbaute 1411, auf dem Grund einer alten -Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach -seinem Namen benannte Stadt <em class="gesperrt">Ahmedabad</em>, stattete sie mit breiten -Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und -machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und -des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an -Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. -Nach Mahmud Begada (1459–1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu -sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die -Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 -wurde von einer Partei desselben <em class="gesperrt">Akbar</em> herbeigerufen, drang -ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machte<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span> Guzerat zu -einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet -wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine -Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem -Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an -Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit -seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das -Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, -Gold.“<a name="FNAnker_572_572" id="FNAnker_572_572"></a><a href="#Fussnote_572_572" class="fnanchor">[572]</a></p> - -<p>Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der -Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, -bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz -der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen -Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.</p> - -<p>Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch -Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, -da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark -bestellte, — sein Vorgänger für 1½ Millionen.</p> - -<p>Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in -nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner<a name="FNAnker_573_573" id="FNAnker_573_573"></a><a href="#Fussnote_573_573" class="fnanchor">[573]</a> -zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und -umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege -enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen -gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche -abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.</p> - -<p>Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, -der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings -mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite -beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt -zieht die Eisenbahn hin.</p> - -<p>Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden -wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht -besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die -bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form -ihrer <em class="gesperrt">hindu-saracenischen Baukunst</em>. Die Kunst der durch -Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie -die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span> -indisch geblieben. Die Gestalt ihrer <em class="gesperrt">Verzierungen</em> ist gradezu -unübertrefflich.</p> - -<p>Zuerst fahren wir nach der <em class="gesperrt">Hauptsehenswürdigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Jumma -Musjid</em>. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der -ostwestlichen <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em> (Manik Chauk).</p> - -<p>Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten -Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt -man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter -Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des -Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also -20000 Quadratfuss misst.</p> - -<p>Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu -jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten -und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings -als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch -ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte -jedes der beiden Thürme<a name="FNAnker_574_574" id="FNAnker_574_574"></a><a href="#Fussnote_574_574" class="fnanchor">[574]</a> ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 -herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk<a name="FNAnker_575_575" id="FNAnker_575_575"></a><a href="#Fussnote_575_575" class="fnanchor">[575]</a>) tragen das -Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind -grösser und höher, als die andern.</p> - -<p>Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und -den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.</p> - -<p>In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, -eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des -Sultans ist oben in der Mitte.</p> - -<p>Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden -Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese -hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut -auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. — -Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern -neben ihm. — Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn -von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“</p> - -<p>Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze -Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine -umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren -Fuss setzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span></p> - -<p>An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. -Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von -achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. -Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit -Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit -Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines -Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber -der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der -durchbrochenen Fenster.<a name="FNAnker_576_576" id="FNAnker_576_576"></a><a href="#Fussnote_576_576" class="fnanchor">[576]</a></p> - -<p>Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, -bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an -der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, -sondern echt hindostanisch sein.</p> - -<p>Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ -An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen -(<em class="gesperrt">Minarets</em>) versehene eigentliche Moschee, in welcher die -Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen -Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (<em class="gesperrt">Kiblah</em>), noch den Platz -enthält, an dem der Koran gelesen wird. (<em class="gesperrt">Mimbar</em>.) In der Mitte -des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An -der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal -(<em class="gesperrt">Roza</em>) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in -ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.</p> - -<p>Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das -Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem -Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, -so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. -Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s -<em class="gesperrt">dreifaches Thor</em> (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher -Bildhauerverzierung.</p> - -<p>Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute -<em class="gesperrt">Burg</em> (<em class="gesperrt">Badr</em> genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der -Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der -Mogul, Azam Khan, 1636 erbaute <em class="gesperrt">Palast</em>, zwei gewaltige Thürme mit -Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; die <em class="gesperrt">Rubin-Bastion</em> -(Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, in<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span> der -Nordostecke der Umwallung, <em class="gesperrt">Sidi Said’s Moschee</em>, jetzt allerdings -für die örtliche <em class="gesperrt">Verwaltung</em> benutzt. Aber die durchbrochene -<em class="gesperrt">Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster</em> lohnt allein schon die -Reise nach Ahmedabad.</p> - -<p>Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche -Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. -Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die -feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die -Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist -naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten -Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.</p> - -<p>Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem -Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der <em class="gesperrt">Rani -Sipri</em> liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat -1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss -in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.</p> - -<p>Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern -aus weissem Marmor.</p> - -<p>Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang -stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss -hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss -hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein -Triumph des Bildhauers.</p> - -<p>Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen -zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener -Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt -und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.</p> - -<p>1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der <em class="gesperrt">Kankariya</em>- -oder <em class="gesperrt">Bergkrystall-See</em>, 1451 von dem Sultan <em class="gesperrt">Kutbudin</em> -angelegt und 1872 von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in -Ordnung gebracht. Sein Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und -bildet ein regelmässiges Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss -lang ist; sein Flächeninhalt beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. -Es ist die grösste Anlage dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem -Südende führt ein Damm mit Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen -Insel, auf der, inmitten von Palmen und violettblühenden Bäumen mit -prachtvollem Grün, eine Erholungshalle angebracht ist.</p> - -<p>Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von -weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die -Sperlinge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span></p> - -<p>Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal -von <em class="gesperrt">Schah Alam</em>, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher -Berather von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die -durchbrochene Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und -aus Bronze an den Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder -Beschreibung. Wunderbar ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die -Minarets der Moschee von 90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit -Rundgängen.</p> - -<p>Zum Schluss kommt die Betrachtung der <em class="gesperrt">Bazare</em>.</p> - -<p>Goldschmied-<a name="FNAnker_577_577" id="FNAnker_577_577"></a><a href="#Fussnote_577_577" class="fnanchor">[577]</a> und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten, -Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen -Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann, -Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön -bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold- -und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-<a name="FNAnker_578_578" id="FNAnker_578_578"></a><a href="#Fussnote_578_578" class="fnanchor">[578]</a> und Papier-Waaren, — -alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.</p> - -<p>Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn -lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte -Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die -Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der -Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden -als Stadt-Haupt anerkannt.</p> - -<p>So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten -Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr -ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.</p> - -<p>Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst -die innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der -<em class="gesperrt">Königin</em> (<em class="gesperrt">Rani Musjid</em>), die wahrscheinlich zur Zeit von -Ahmed Schah erbaut worden ist.</p> - -<p>Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von -einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33 -Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die -Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als -die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der -Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> -durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,<a name="FNAnker_579_579" id="FNAnker_579_579"></a><a href="#Fussnote_579_579" class="fnanchor">[579]</a> -aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets -reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie -unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört -worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind -zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.</p> - -<p>In der Nähe ist die Moschee von <em class="gesperrt">Mohammed Chisti</em> aus dem Jahre -1565, mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu -finden.</p> - -<p>Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>, -den, ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati -Singh, nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von -2 Millionen Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch -lebendig, lebendig ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens -in der Stadt eine Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere -(<em class="gesperrt">Panjrapol</em>) erbaut haben und unterhalten, sowie ausserordentlich -zahlreiche, schön geschnitzte und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf -hohen Pfeilern.</p> - -<p>Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu, -auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und -überaus <em class="gesperrt">sauber</em> gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss -breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild -und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.</p> - -<p>Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen -Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen -(angeblich des Dharmmanatha, des 15<sup>ten</sup> der 24 Thirthankara), mit -Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind -nicht so unduldsam, wie die Hindu.</p> - -<p>Danach kamen die <em class="gesperrt">Wasserwerke</em> an die Reihe, die ebenso wenig wie -der Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen -ist gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen -wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt -das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von -18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von -dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend -ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa -sechzehn Wasserhähnen draussen<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> am Umfang, so dass zu den bestimmten -Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch -entnommen werden kann.</p> - -<p>Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles -auf das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich -nach meiner Heimath. Als ich <em class="gesperrt">Berlin</em> nenne, fasst er meine -Hand, und bittet um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung -der weltberühmten Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich -verspreche ihm das, aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi -halten unser Wort heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ -Ich war ein wenig geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und -habe ihm auch, mit Hilfe unsres vortrefflichen Director <em class="gesperrt">Gille</em>, -seinen Wunsch erfüllt.</p> - -<p>Den Schluss machte die Besichtigung des <em class="gesperrt">Hospitals</em>, dessen -Arzt ein Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche -Impf-Stelle ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit -Pockennarben, auch viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.</p> - -<p>Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir, -dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann, -wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich -mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den -Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu -bestellen.<a name="FNAnker_580_580" id="FNAnker_580_580"></a><a href="#Fussnote_580_580" class="fnanchor">[580]</a></p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<h3 id="Bombay">Bombay.</h3> - -</div> - -<p>Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. -December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. — -310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch -meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und -von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in -Watson’s <em class="gesperrt">Esplanade Hotel</em>, dem besten in Indien.</p> - -<p>Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen -Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem -Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann -alsdann die Besichtigung der <em class="gesperrt">zweiten Hauptstadt</em> von Indien -beginnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span></p> - -<p>Bombay,<a name="FNAnker_581_581" id="FNAnker_581_581"></a><a href="#Fussnote_581_581" class="fnanchor">[581]</a> <em class="gesperrt">das Auge von Indien</em>, das nach Westen schaut, die -Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien -fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach -Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König -Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an -die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es -820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 -Europäer.</p> - -<p>Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl -von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste -Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem -sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) -durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ -nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat -11<sub>,5</sub> Kilometer Länge, 3<sub>,5</sub> Breite und etwa 55 Quadratkilometer -Flächeninhalt,<a name="FNAnker_582_582" id="FNAnker_582_582"></a><a href="#Fussnote_582_582" class="fnanchor">[582]</a> und ungefähr die Gestalt einer länglichen, -unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden -gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze ist <em class="gesperrt">Malabar-Hügel</em>, -der Wohnsitz der Reichen; die längere westliche <em class="gesperrt">Kolaba</em>, das -Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte -Hinterbucht (Back Bay).</p> - -<p>Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, -liegt die alte <em class="gesperrt">Festung und der Hafen</em>, und westlich davon die -<em class="gesperrt">Esplanade</em>, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach -Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte<a name="FNAnker_583_583" id="FNAnker_583_583"></a><a href="#Fussnote_583_583" class="fnanchor">[583]</a> -Stadt der Eingeborenen an (<em class="gesperrt">Black town</em>) und reicht nördlich bis -zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss -des Malabar-Hügels.</p> - -<p>Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich -seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche -Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil<span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span> der Insel, wo -allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich -habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und -erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu -behandeln hat.<a name="FNAnker_584_584" id="FNAnker_584_584"></a><a href="#Fussnote_584_584" class="fnanchor">[584]</a></p> - -<p>Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres -wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der -Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen -hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche -Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">geschichtlicher</em> Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im -Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran -grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen -abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine -befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König -Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen -Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon -1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische -Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund -Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung -(Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das -Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug -bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.</p> - -<p>Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste -Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.</p> - -<p>Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war</p> - -<table summary="Einwohnerzahl Bombay"> - <tr> - <td class="tdl"> - 1716: - </td> - <td class="tdr"> - 16000, - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1815: - </td> - <td class="tdr"> - 221000, - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1834: - </td> - <td class="tdr"> - 234000, - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1864: - </td> - <td class="tdr"> - 816000 - </td> - <td class="tdl"> - <a name="FNAnker_585_585" id="FNAnker_585_585"></a><a href="#Fussnote_585_585" class="fnanchor">[585]</a>, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1872: - </td> - <td class="tdr"> - 640000, - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1881: - </td> - <td class="tdr"> - 773000 - </td> - <td class="tdl"> - <a name="FNAnker_586_586" id="FNAnker_586_586"></a><a href="#Fussnote_586_586" class="fnanchor">[586]</a>, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - 1891: - </td> - <td class="tdr"> - 821000 - </td> - <td class="tdl"> - (einschliesslich des Cantonment). - </td> - </tr> -</table> - -<p>Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span> der -Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier -Procent.</p> - -<p>Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der -englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung -der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).</p> - -<p>Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen -Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen -gewesen sein, nach dem <em class="gesperrt">Guide of Bombay</em>, 1892. Aber hier -zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach <em class="gesperrt">Hunter’s -amtlichen</em> Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx -196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf -Bombay, 37 Procent auf Calcutta. <em class="gesperrt">Bombay hat also Calcutta bereits -überflügelt.</em></p> - -<p>Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen -Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen -Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr -gehen durch den Suez-Canal.</p> - -<p>Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch -seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. -1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 -Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 -Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen -Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften -unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Esplanade Hotel</em> hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. -Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), -nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale -Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft -emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben -ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich -Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre -Schmarotzer der Reisenden.</p> - -<p>Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, -mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien -lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und -gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen -Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem -Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo -hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span></p> - -<p>Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr -gross, noch glänzend ausgestattet war.<a name="FNAnker_587_587" id="FNAnker_587_587"></a><a href="#Fussnote_587_587" class="fnanchor">[587]</a></p> - -<p>Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, -die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine -Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,<a name="FNAnker_588_588" id="FNAnker_588_588"></a><a href="#Fussnote_588_588" class="fnanchor">[588]</a> ein Postamt, -ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, -wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger -innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das -letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates -sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll -grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso -wie die Pförtner und Diener.</p> - -<p>Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen -Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen -Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren -eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.</p> - -<p>Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze -Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen -einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen -den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre<a name="FNAnker_589_589" id="FNAnker_589_589"></a><a href="#Fussnote_589_589" class="fnanchor">[589]</a> eine Stunde mit Bekannten -verplaudert.</p> - -<p>In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, -theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die -Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine -Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu -entgehen.<a name="FNAnker_590_590" id="FNAnker_590_590"></a><a href="#Fussnote_590_590" class="fnanchor">[590]</a></p> - -<p>Europäische Abendvergnügen, wie Theater,<a name="FNAnker_591_591" id="FNAnker_591_591"></a><a href="#Fussnote_591_591" class="fnanchor">[591]</a> giebt es in dieser -indischen Grossstadt nicht.</p> - -<p>Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span> ist -gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, -nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.</p> - -<p>Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich -am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die -englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge -geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das -Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung -zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. -Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir -mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme -Morgenstunde.</p> - -<p>Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es -Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen <em class="gesperrt">Prachtgebäude</em> -zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von -einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der -indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um -es kurz zu sagen, <em class="gesperrt">geschmacklosere Bauten</em>, als die der Engländer -in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, -auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Secretariat</em> der Präsidentschaft, westlich von unserem -Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen -gleichläuft mit Esplanade Road<a name="FNAnker_592_592" id="FNAnker_592_592"></a><a href="#Fussnote_592_592" class="fnanchor">[592]</a>) ist ein Steinkasten von 443 -Fuss Länge und vier Stockwerken; — für seinen Zweck ist es gewiss -brauchbar, ausserdem aber soll es „<em class="gesperrt">venetianisch</em>“ sein.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Universitäts-Halle</em> ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert -Scott im „<em class="gesperrt">französischen</em>“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 -Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und -nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney<a name="FNAnker_593_593" id="FNAnker_593_593"></a><a href="#Fussnote_593_593" class="fnanchor">[593]</a> benannt, der 100000 Rupien -dazu beigesteuert.<a name="FNAnker_594_594" id="FNAnker_594_594"></a><a href="#Fussnote_594_594" class="fnanchor">[594]</a> Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im -<em class="gesperrt">Innern</em>, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. -(Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber -nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Universitäts-Bücherei</em> mit dem Glocken-Thurme, von demselben -Sir Gilbert Scott in dem „<em class="gesperrt">gothischen Stil des 14. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span>hunderts</em>“ -entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss -langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem -plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast -200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, -deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von -<em class="gesperrt">Rajabi</em>, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand -Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und -ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die -vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber -nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen -Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung -zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude -an dem Werke haben.<a name="FNAnker_595_595" id="FNAnker_595_595"></a><a href="#Fussnote_595_595" class="fnanchor">[595]</a> In dem Garten der Universität steht die -Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir -führt.</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Gerichtsgebäude</em>, in „<em class="gesperrt">altenglischem</em>“ Stil von Gen. -J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 -£ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. -Ich war auch <em class="gesperrt">drinnen</em>; das beste, was man dort sieht, ist die -<em class="gesperrt">Aussicht</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Postgebäude</em> „im mittelalterlichen Stil“, <em class="gesperrt">Telegraphenamt</em> -„im neuen gothischen“ und <em class="gesperrt">Bau-Amt</em>, die hier in der Nähe und -dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.</p> - -<p>Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so -stösst man zuerst auf die <em class="gesperrt">Cathedrale</em>, die 1718 erbaut, 1833 mit -einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen -und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen -Rundgarten (<em class="gesperrt">Elphinstone Circle</em>), der von hohen Geschäftshäusern -umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (<em class="gesperrt">Town Hall</em>), das mit -seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle -etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 -£ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span> Saal von 100 Fuss Länge und -Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu <em class="gesperrt">Bällen</em> -benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine -Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei -der <em class="gesperrt">asiatischen Gesellschaft</em> und hierdurch den deutschen -Fachgelehrten genügend bekannt.</p> - -<p>Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die -<em class="gesperrt">Münze</em>, welche 300000 Rupien an <em class="gesperrt">einem</em> Tage zu prägen -im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren -beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen -lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die -freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben -worden.</p> - -<p>Ob das neue Stadthaus (<em class="gesperrt">Municipal Office</em>) am Nordende des -Europäer-Viertels<a name="FNAnker_596_596" id="FNAnker_596_596"></a><a href="#Fussnote_596_596" class="fnanchor">[596]</a> nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, -weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei -Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die <em class="gesperrt">mohammedanische -Mädchen-Schule</em>, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung -anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude -des <em class="gesperrt">Victoria-Eisenbahnhalteplatzes</em>,<a name="FNAnker_597_597" id="FNAnker_597_597"></a><a href="#Fussnote_597_597" class="fnanchor">[597]</a> das allenthalben nach -vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an -seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen -gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll -„spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als -der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens -war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, -die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der -Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.</p> - -<p>Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf -denjenigen, der aus Indien <em class="gesperrt">kommt</em> und so viel schönes gesehen.</p> - -<p>Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die <em class="gesperrt">Bildsäulen</em>.</p> - -<p>Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, -steht die bronzene <em class="gesperrt">Reiterstatue des Prinzen von Wales</em>, die Sir -<em class="gesperrt">Albert Sassoon</em><a name="FNAnker_598_598" id="FNAnker_598_598"></a><a href="#Fussnote_598_598" class="fnanchor">[598]</a> zur Erinnerung an den Besuch des Thron<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span>erben -(1875/76) durch Herrn <em class="gesperrt">Böhm</em> für 12500 £ anfertigen liess und -der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre -1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die -Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel -von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden -Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. -Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die -Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu -und Mohammedanern steht.</p> - -<p>An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter -einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe <em class="gesperrt">die Königin</em> im -Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, -von <em class="gesperrt">Noble</em>. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten -betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 -beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung -für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott -zu Edinburgh gesehen.</p> - -<p>Bombay’s Bedeutung beruht auf dem <em class="gesperrt">Seehandel</em>.</p> - -<p>Naturgemäss wendet man sich zum <em class="gesperrt">Hafen</em>. Es ist nicht weit. -Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze -Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die -Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem <em class="gesperrt">Seemanns-Heim</em><a name="FNAnker_599_599" id="FNAnker_599_599"></a><a href="#Fussnote_599_599" class="fnanchor">[599]</a> und dem -<em class="gesperrt">Jacht-Club</em> zur Linken und einem <em class="gesperrt">Erfrischungshause</em> zur -Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle -gekrönte <em class="gesperrt">Landungstreppe</em> in den Hafen vor, die den für uns -seltsamen Namen <em class="gesperrt">Apollo Bunder</em> führt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bunder</em> oder Bandar heisst auf hindostanisch <em class="gesperrt">Uferstrasse</em>. -Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort -pallow, d. h. <em class="gesperrt">Fisch</em>, zurecht gemacht haben: wobei nur eines -wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Apollo Bunder</em> oder, wie der <em class="gesperrt">amtliche</em> Name jetzt lautet, -<em class="gesperrt">Wellington Damm</em> (W. Pier) ist das wirkliche <em class="gesperrt">Eingangs-Thor</em> -zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der -P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes -Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der -Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine -der schönsten <em class="gesperrt">Seelandschaften</em> der Erde. Vor uns liegen<span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span> in dem -von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten -Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker -flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht -mehr eine Festung darstellt, — denn von dem nördlich von unserem -Standpunkt befindlichen <em class="gesperrt">Kastell</em> sind nur noch die Ufermauem -übrig geblieben und die Waffensammlung (<em class="gesperrt">Arsenal</em>), — so ist -doch für die <em class="gesperrt">Vertheidigung des Hafens</em> einigermassen gesorgt. -Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei -Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken -Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der -Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte -Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel -(<em class="gesperrt">Butcher’s Island</em>), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter -See befindlichen Minen ihren Standort haben.</p> - -<p>Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu -schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die -berühmte <em class="gesperrt">Elephanta</em> und die Berge des Festlandes, die westlichen -<em class="gesperrt">Ghats</em>, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders -reizvoll ist das Bild <em class="gesperrt">gegen Abend</em>, wenn die tiefer stehende -Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und -Schatten hervorruft.</p> - -<p>Dann sammelt sich auf diesem Platz „<em class="gesperrt">ganz Bombay</em>“ oder wenigstens -eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. -Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und -anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem -Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um -für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich -vorzubereiten.</p> - -<p>Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der -Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. -Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch -gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an -die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen -die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das -lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt -geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren -Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) -und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch -Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu -unterscheiden.</p> - -<p>Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit -Kasten<span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span>abzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen -und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; -Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; -Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um -den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus -Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. -Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, -das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig -verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit -den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen -sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.</p> - -<p>Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die -fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten -sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei -Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, -Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die -Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer -Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre -Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet -in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen -Richtungen.</p> - -<p>Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die <em class="gesperrt">Werft</em> -(Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und -grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich -vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar -von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange -hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus -diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist -der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) -hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.</p> - -<p>Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte <em class="gesperrt">Sassoon-Dock</em> -zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 -Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der -Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, <em class="gesperrt">Prince’s Dock</em>, das -30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie -<em class="gesperrt">Victoria Dock</em>, von 25 Acres = 10 Hektaren.</p> - -<p>Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen -bis zur Münze sind der See <em class="gesperrt">abgewonnen</em>,<a name="FNAnker_600_600" id="FNAnker_600_600"></a><a href="#Fussnote_600_600" class="fnanchor">[600]</a> wodurch der<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span> Hafen -erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche -Geschäftsviertel umgewandelt wurden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hundert Millionen</em> Mark sind hierfür, einschliesslich der -Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.</p> - -<p>Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, -nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren -und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde -daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer -<em class="gesperrt">Schwalbe</em>, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen -angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern -lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn -Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor -Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf -bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der -blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. -Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von -<em class="gesperrt">einem</em> Mann gedreht und gerichtet.</p> - -<p>Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. -Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten -Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel -(Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen -darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit -wird die Sache sich wohl anders entwickeln.</p> - -<p>Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein -Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst -ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die -Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer -Löhnung.</p> - -<p>Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und -mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.</p> - -<p>Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche -Postdampfer <em class="gesperrt">Imperatrix</em> des östreichischen Lloyd, auf dem ich -am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer -verankert lag.</p> - -<p>Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf -das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die -Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur -eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.</p> - -<p>Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich -den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein -Geschenk (bakschisch) zu verlangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span></p> - -<p>Schlechter ist es mit den <em class="gesperrt">Droschken</em> bestellt, wenn auch nicht -ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, -wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, -z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man -oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank -sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach -solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der -Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für -den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere -Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer -Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn -benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.</p> - -<p>Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken <em class="gesperrt">zu Fuss</em> -zurückzulegen.</p> - -<p>Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade -road, durch <em class="gesperrt">Colaba causeway</em>. Hier kommt man zu dem -<em class="gesperrt">Baumwollen-Paradies</em>. Bombay ist nach New-Orleans<a name="FNAnker_601_601" id="FNAnker_601_601"></a><a href="#Fussnote_601_601" class="fnanchor">[601]</a> der -grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von -Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt -verarbeitet,<a name="FNAnker_602_602" id="FNAnker_602_602"></a><a href="#Fussnote_602_602" class="fnanchor">[602]</a> wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.</p> - -<p>Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland -als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen -Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 -Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere -Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit -dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden -in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und -durchmustert von Kauflustigen.</p> - -<p>Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu -den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts -beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so -dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch -Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span> die Thatkraft -der Europäer hat in <em class="gesperrt">einem</em> Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr -geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.</p> - -<p>Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort -Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien -von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch -zinspflichtig bleiben.</p> - -<p>Umfassend ist hier am <em class="gesperrt">Südende</em> die <em class="gesperrt">Aussicht</em> auf Bombay. -Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der -Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, -mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der -Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter -der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des -sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am -Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ -der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay -kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige -rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen -der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.</p> - -<p>Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische -Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und -Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum -Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine -Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, -seitdem ein neuer (<em class="gesperrt">Prong Light</em>) auf einer dicht vor der -Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.</p> - -<p>Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten <em class="gesperrt">Uferstrasse</em>, -(Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, -aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem -Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen -und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche -Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die -fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist -Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören -den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse -lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von -Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.</p> - -<p>Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein -<em class="gesperrt">Reitplatz</em> von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, -natürlich <em class="gesperrt">Rotten Row</em> genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich -seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, -selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span></p> - -<p>Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central -India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und -eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine -Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.</p> - -<p>Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (<em class="gesperrt">Gymkhana</em>). -Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus -England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit -das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges -eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur -grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich -aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer -einen ganz geringen Erfolg davon getragen.<a name="FNAnker_603_603" id="FNAnker_603_603"></a><a href="#Fussnote_603_603" class="fnanchor">[603]</a></p> - -<p>Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den -<em class="gesperrt">Begräbnissstätten</em> — der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so -auf einander folgen.</p> - -<p>Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.</p> - -<p>Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer -umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener -Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem -Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe -nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles -betrachten wolle. Das verstand <em class="gesperrt">er</em> wieder nicht. Schliesslich -aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift -des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen -Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon -gesehen und ging meines Weges.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">einheimische Stadt</em> erreicht man am besten über Hornby road, -die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz -führt; und von da weiter<a name="FNAnker_604_604" id="FNAnker_604_604"></a><a href="#Fussnote_604_604" class="fnanchor">[604]</a> nördlich zum <em class="gesperrt">Crawfort Markt</em>, -dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem -Gasthaus).<a name="FNAnker_605_605" id="FNAnker_605_605"></a><a href="#Fussnote_605_605" class="fnanchor">[605]</a></p> - -<p>Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen -Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit -Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span></p> - -<p>Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865–1871, hat natürlich -die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche -gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt -dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe -des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, -verlegte.</p> - -<p>Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von -einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen -sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und -frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe -des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der -unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.</p> - -<p>Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den -Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango -zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und -viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, -wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide -Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in -besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig -weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch -essen.</p> - -<p>Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen -Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen -und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die -aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. -Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel -betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)</p> - -<p>Von dem Markt ist es nicht weit zu den <em class="gesperrt">Bazaren</em>, wo die -Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. -Gleich die Fortsetzung von Hornby road, die <em class="gesperrt">Abduraman</em>- (oder -Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.</p> - -<p>Einen sehr grossen Raum nimmt der <em class="gesperrt">Kupferschmied-Bazar</em> ein, -er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers -bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren -Mengen feilgehalten und verkauft.</p> - -<p>Berühmt sind ferner die <em class="gesperrt">Holzschnitzereien</em> und eingelegten -Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, -Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der -Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span> -Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen -Massen gebraucht.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Strassen</em> der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne -Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von -der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, -ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten -Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die -Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben -in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.</p> - -<p>Von <em class="gesperrt">Tempeln</em> bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten -und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die -einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und -Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie -es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.</p> - -<p>Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so -sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie -in Calcutta.</p> - -<p>Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die <em class="gesperrt">Fabriken</em> mit -ihren hohen Schornsteinen.</p> - -<p>Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn -Sassoon, die 1200 Menschen, nur <em class="gesperrt">Asiaten</em>, beschäftigt.</p> - -<p>Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der -Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne -und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte -das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden -nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das -ist das doppelte des Rohstoff-Preises.</p> - -<p>In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road<a name="FNAnker_606_606" id="FNAnker_606_606"></a><a href="#Fussnote_606_606" class="fnanchor">[606]</a>) liegen die -<em class="gesperrt">Krankenhäuser der Medicin-Schule</em> (Grant Medical College).</p> - -<p>Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier -Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind -Eingeborene, ebenso die Studenten.</p> - -<p>Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das -Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn -Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den -andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig -ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Be<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span>kenntnisses, ja -die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und -Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel -nicht erdrosselt, sondern schlachtet.</p> - -<p>Derselbe <em class="gesperrt">Jamshidji Jijibhai</em> hat eine Wohlthätigkeitsanstalt -für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen -erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von <em class="gesperrt">Fardunji Sorabji -Parak</em> zum Andenken an ihre Mutter begründet.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Gewerbeschule</em>, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde -1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon -mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten -Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.</p> - -<p>Ganz im <em class="gesperrt">Norden der Stadt</em>, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes -Byculla, liegt der <em class="gesperrt">Victoria-Garten</em>.</p> - -<p>Hier steht das <em class="gesperrt">Albert-Museum</em>. Sir G. <em class="gesperrt">Birdwood</em> sammelte 1 -lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 -das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm -dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen -Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der -Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das -möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht -so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll -und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und -Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.</p> - -<p>Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand -durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten -Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen -Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten -kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche -Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten -erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe -Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden -war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren -und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal -ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten -Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.</p> - -<p>Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich -mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen -Europäer dort gesehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span></p> - -<p>Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten -<em class="gesperrt">Victoria-Garten</em>, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren -hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der -Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in -Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger -und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch -durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist -der <em class="gesperrt">Schlangen-Zwinger</em>. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube -enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten -Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie -auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger -Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten -Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen -ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen -Leibes darstellt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Malabar-Hügel</em> besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den -<em class="gesperrt">Parsi</em> gewidmet.</p> - -<p>Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen -Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er -drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner -jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die -letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor -unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen -Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen -Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches -Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr -dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch -niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich -suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über -die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein -Urtheil zu bilden.</p> - -<p>Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise -europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht -viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine -Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes -für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger -Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war -ich doch geradezu erstaunt, <em class="gesperrt">den Inbegriff der Parsi-Lehre</em> zu -erfahren:</p> - -<p><em class="gesperrt">Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.</em> Zur Erinnerung an -diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span> <em class="gesperrt">Zend-Avesta</em>,<a name="FNAnker_607_607" id="FNAnker_607_607"></a><a href="#Fussnote_607_607" class="fnanchor">[607]</a> -betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr -alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen -denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote -ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man -kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen -sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. -Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare -hatten <em class="gesperrt">gar keine Erfolge</em> bei den Parsi, wie die letzteren -lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, -vollauf bestätigen.</p> - -<p>Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden -schilt, werden sie sich zu trösten wissen, — mit dem alten Propheten -<em class="gesperrt">Jesajas</em>,<a name="FNAnker_608_608" id="FNAnker_608_608"></a><a href="#Fussnote_608_608" class="fnanchor">[608]</a> der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten -und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden -<em class="gesperrt">Herodot</em>,<a name="FNAnker_609_609" id="FNAnker_609_609"></a><a href="#Fussnote_609_609" class="fnanchor">[609]</a> dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht -errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit -von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische -Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion -der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; -da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie -namentlich <em class="gesperrt">Haug</em>,<a name="FNAnker_610_610" id="FNAnker_610_610"></a><a href="#Fussnote_610_610" class="fnanchor">[610]</a> ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren -lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu -finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den -<em class="gesperrt">einen</em> allmächtigen Gott lehren und preisen.</p> - -<p>Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist <em class="gesperrt">Zoroaster</em> -(Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) -gelebt hat. Die Quelle ist das Buch <em class="gesperrt">Zend-Avesta</em>, d. h. Erklärung -vom Gesetz.<a name="FNAnker_611_611" id="FNAnker_611_611"></a><a href="#Fussnote_611_611" class="fnanchor">[611]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span></p> - -<p>In der <em class="gesperrt">altiranischen</em> Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend -genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe -verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache -der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, -wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber -diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere -Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu -werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und -von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. -Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser -uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des -Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der -Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion -des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien -die herrschende gewesen.</p> - -<p>Nachdem <em class="gesperrt">Alexander der Grosse</em> Persien erobert, in seiner -Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der -masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion -unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der -Krieger-Herrschaft der turanischen <em class="gesperrt">Parther</em> aus Khorasan -(der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, -weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den -<em class="gesperrt">Sassaniden</em> des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr -als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch <em class="gesperrt">geringe Ueberreste</em> -der alten Bücher sich vorfanden, die in die <em class="gesperrt">damals übliche -Schriftart</em><a name="FNAnker_612_612" id="FNAnker_612_612"></a><a href="#Fussnote_612_612" class="fnanchor">[612]</a> umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi -oder Mittelpersisch versehen wurden. <em class="gesperrt">Der Name Zend-Avesta kam erst -damals auf</em>; unter der <em class="gesperrt">Erläuterung</em> wurden die Erklärungen in -Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen -Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den -Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen -die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in -Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.</p> - -<p>In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der -Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig ge<span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span>blieben, rings -umgeben von den schiitischen Mohammedanern des <em class="gesperrt">neupersischen</em> -Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen -vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.</p> - -<p>Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich -nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das -heilige Feuer<a name="FNAnker_613_613" id="FNAnker_613_613"></a><a href="#Fussnote_613_613" class="fnanchor">[613]</a> mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, -gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung -und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach <em class="gesperrt">Bombay</em>. -In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der -Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. -Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre -<em class="gesperrt">heiligen Schriften</em> haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch -aus Persien ergänzt.</p> - -<p>So gelang es dem französischen Gelehrten <em class="gesperrt">Anquetil Desperons</em>, -der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und -sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine -Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische -Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr -Umschreibung herausgab. Die <em class="gesperrt">Zweifel der Engländer</em> über das Alter -der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem -dänischen Sprachforscher <em class="gesperrt">Rask</em> beseitigt, der ihre Verwandtschaft -mit dem Sanskrit erkannte, und von <em class="gesperrt">Eugen Bournouf</em>, der ihre -Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829–1843). Seitdem -hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte -gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache -besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in -der deutschen Uebersetzung von <em class="gesperrt">Spiegel</em> (Leipzig, 1852–1863), -weit besser aber in der von <em class="gesperrt">Haug</em> (Leipzig, 1858–1860) und in -dessen umfassendem Werk,<a name="FNAnker_614_614" id="FNAnker_614_614"></a><a href="#Fussnote_614_614" class="fnanchor">[614]</a> sowie in den von <em class="gesperrt">Max Müller</em> -herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge -(<em class="gesperrt">Gâthâs</em><a name="FNAnker_615_615" id="FNAnker_615_615"></a><a href="#Fussnote_615_615" class="fnanchor">[615]</a>) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.</p> - -<p>Der leitende Gedanke von <em class="gesperrt">Spitama Zarathushtra</em> war in -der <em class="gesperrt">Glaubenslehre</em> die <em class="gesperrt">Einheit</em> Gottes, in der -<em class="gesperrt">Weisheitslehre</em> die <em class="gesperrt">Zwiefältigkeit</em> der Dinge, der guten -und der bösen, in der <em class="gesperrt">Sittenlehre</em> die <em class="gesperrt">Dreifältigkeit</em> -(Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener -uralten Zeit und ist als<span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span> solcher auch schon von den alten Griechen -anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra -<em class="gesperrt">Ahurô mazdâo</em>,<a name="FNAnker_616_616" id="FNAnker_616_616"></a><a href="#Fussnote_616_616" class="fnanchor">[616]</a> lebendiger Schöpfer des All. Ein böser -Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der -Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den -Felsinschriften des Darius ist nur <em class="gesperrt">ein</em> Gott (Auramazda), wie -Jehovah im alten Testament.</p> - -<p>Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein -wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro -mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als -Name des Ahuramazda (<em class="gesperrt">Ormazd</em>) aufgefasst und Angro mainyush -(<em class="gesperrt">Ahriman</em>) als sein Widersacher.</p> - -<p>So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel<a name="FNAnker_617_617" id="FNAnker_617_617"></a><a href="#Fussnote_617_617" class="fnanchor">[617]</a> und Hölle; -die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.</p> - -<p>Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie -herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta -und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das -Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 -Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende -Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren -Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum -Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade -bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: <em class="gesperrt">Indien den -Indern</em>. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer -soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria -soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.</p> - -<p>Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre -häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber -auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die -Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am -Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte <em class="gesperrt">ich</em> mich allerdings nicht -und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, -— unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der -Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.</p> - -<p>Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem -Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche<span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span> -und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi -besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem -Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark -monatlich an Europäer vermiethet werden.</p> - -<p>Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir -vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen -aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. -gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er -aber nicht.</p> - -<p>Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher -beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (<em class="gesperrt">Dhakma</em>, <em class="gesperrt">Thurm des -Schweigens</em>), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, -150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche -Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei -wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji -Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite -des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof -geschenkt.</p> - -<p>Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor -zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem -Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir -ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, -vermag ich nicht zu sagen.</p> - -<p>Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen -werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine -herrliche Aussicht auf Bombay.</p> - -<p>Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der -Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am -Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der -Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der -Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.</p> - -<p>Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört -und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, -dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens -betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer -in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.</p> - -<p>Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu -Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige -denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es -darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst -Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span> -Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche -Darstellung.</p> - -<p>Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von -40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die -Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt -und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, -welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss -Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische -Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig -angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In -der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren -die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der -vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die -beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, -grossen <em class="gesperrt">Geier</em>, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch -die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und -in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies -trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen -Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser -wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass -es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub -füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst -um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den -Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren -regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische -Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle -ganz einfach gebaut und weiss getüncht.</p> - -<p>Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen -die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer -beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, -nach dem Wort des <em class="gesperrt">Zerduscht</em>,<a name="FNAnker_618_618" id="FNAnker_618_618"></a><a href="#Fussnote_618_618" class="fnanchor">[618]</a> Reich und Arm sich begegnen. -Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den -einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und -den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, -kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden -Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung -der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere -Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde -vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span> Würmer in längerer -Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden -wir gerechter sein gegen Andersdenkende. <em class="gesperrt">Sir Lyon Playfair</em><a name="FNAnker_619_619" id="FNAnker_619_619"></a><a href="#Fussnote_619_619" class="fnanchor">[619]</a> -sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der -Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre -Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, -macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der -Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine -Entehrung der Todten angesehen werden.“<a name="FNAnker_620_620" id="FNAnker_620_620"></a><a href="#Fussnote_620_620" class="fnanchor">[620]</a></p> - -<p>Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter -südwärts fährt, sieht östlich die schönen <em class="gesperrt">Gartenanlagen</em>, die am -Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an -den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen <em class="gesperrt">Bungalow</em>, -die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, -Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch — leer stehen, wegen -der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel -zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte -Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben -gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, -erfordert.</p> - -<p>Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene -heilige Dorf der Hindu, <em class="gesperrt">Walkeschwar</em>, d. h. des Sandes Herr. -<em class="gesperrt">Rama</em>, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf -dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte -Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss -er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der <em class="gesperrt">heilige Teich</em> -(Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen -Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige -Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist -schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem -<em class="gesperrt">Sand</em> des Bodens.</p> - -<p>Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur -Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer -Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von -den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte<span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span> ich sechs, -die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines -Auges zu beklagen hatten.</p> - -<p>Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit -wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde -sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.</p> - -<p>Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen -Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf -den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und -wohlthätigen Hindu errichtet.</p> - -<p>An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche -Meile von dem Fort) befindet sich der <em class="gesperrt">Palast des Statthalters</em>. -(Gouvernements house at Malabar Point.)</p> - -<p>Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss -über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und -Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt -eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst -und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo -er seinen Namen in das Buch einträgt.</p> - -<p>Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um -Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.</p> - -<p>Nach dem Abendessen fuhren wir zum <em class="gesperrt">Parsi-Theater</em>. Das ist -ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für -Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten -zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter -Gasbeleuchtung.</p> - -<p>Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der -mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut -gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher -gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und -in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch -angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.</p> - -<p>Das Stück, welches gegeben wurde, war — <em class="gesperrt">Molière’s Geizhals</em>, -aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung -und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es -ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi -die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, -nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, -Kneifer tragenden<a name="FNAnker_621_621" id="FNAnker_621_621"></a><a href="#Fussnote_621_621" class="fnanchor">[621]</a> Mitglieder der goldenen Jugend wur<span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span>den in sehr -belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber -gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. -Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne -gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das -englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York -gesehen.</p> - -<p>Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, -aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und -Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.</p> - -<p>Zu den <em class="gesperrt">Ausflügen</em>, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach -<em class="gesperrt">Mahim</em> an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen -Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und -auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach -Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser -weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich -einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man -Mahim erreicht hat.</p> - -<p>Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem -<em class="gesperrt">Palmenhain</em> des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen -nicht finden, weil er — nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor -des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft -innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber -das war nichts Neues für mich.</p> - -<p>So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und -durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling -betrachteten.</p> - -<p>Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel <em class="gesperrt">Elephanta</em>. Ich -will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem <em class="gesperrt">ersten</em> Nachmittag -in Bombay unternommen.</p> - -<p>Die Gasthausverwaltung<a name="FNAnker_622_622" id="FNAnker_622_622"></a><a href="#Fussnote_622_622" class="fnanchor">[622]</a> veranstaltet diese Fahrten, mehrmals -wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die -Person.</p> - -<p>Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 -Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu -erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in -dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der -1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay<span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span> gebracht wurde -und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel -Gharapur, d. h. Grottenstadt.</p> - -<p>Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so -werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus -der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe -und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die -ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge -der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel -Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel -ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man -überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen -zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben -Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wann</em> diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, -zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein -achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel -als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger -Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser -ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die -Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich -gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht -seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten <em class="gesperrt">Niebuhr</em> (1774–1778) -die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des -Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.</p> - -<p>Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga) -<em class="gesperrt">Tempels</em> ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter -Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen -genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen -Pfeilern,<a name="FNAnker_623_623" id="FNAnker_623_623"></a><a href="#Fussnote_623_623" class="fnanchor">[623]</a> die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein -bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der -Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, -der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der -Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, -ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (<em class="gesperrt">Trimurti</em>); das -mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte -als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit -gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Neben<span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span>gemach ist -Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte -weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier -Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine -Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern -will ich nicht reden.</p> - -<p>Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa -und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.</p> - -<p>Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes -Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.</p> - -<p>In andern Gemächern erscheint <em class="gesperrt">Schiwa</em>, wie er auf seinem Berge -Kailas thront, und <em class="gesperrt">Ravana</em>, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, -den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, -wie er von <em class="gesperrt">Daksha</em>, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die -Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der -über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der -Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen -und einer Brustkette von Schädeln.</p> - -<p>Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch -die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige -Wirkung ausübt, die <em class="gesperrt">wir</em> allerdings lieber mit andern Mitteln -hervorbringen möchten.</p> - -<p>Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister <em class="gesperrt">Goethe</em> -zu den folgenden Versen veranlassten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Und so will ich, ein für allemal,</div> - <div class="verse">Keine Bestien in dem Göttersaal!</div> - <div class="verse">Die leidigen Elephantenrüssel,</div> - <div class="verse">Das umgeschlungene Schlangengenüssel,</div> - <div class="verse">Tief Urschildkröte im Weltensumpf,</div> - <div class="verse">Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,</div> - <div class="verse">Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,</div> - <div class="verse">Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse center">— —</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der Ost hat sie schon längst verschlungen:</div> - <div class="verse">Kalidas und andre sind durchgedrungen;</div> - <div class="verse">Sie haben mit Dichterzierlichkeit</div> - <div class="verse">Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.</div> - <div class="verse">In Indien möchte ich selber leben,</div> - <div class="verse">Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.</div> - <div class="verse">Was will man denn vergnüglicher wissen,</div> - <div class="verse">Sakontola, Nala, die muss man küssen;</div> - <div class="verse">Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,</div> - <div class="verse">Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span></p> - -<p>Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da -unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre -geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer -ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in -<em class="gesperrt">einen</em> Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des -Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der -Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse -der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am -Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.</p> - -<p>Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu -Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der -ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in -den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir -ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von -Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl -nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck -hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.</p> - -<p>Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der -künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie -Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich -heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt -werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für -unsren <em class="gesperrt">heutigen</em> Kunstgeschmack aufzustellen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="section"> - -<h3 class="nodisplay" id="Ellora" title="Ellora"></h3> - -</div> - -<p>Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss -ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach -den noch weit berühmteren <em class="gesperrt">Grotten-Tempeln</em> von <em class="gesperrt">Ellora</em> zu -benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken -Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet -des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.</p> - -<p>Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22<sup>h</sup> 30′“) von Bombay mit dem -Schnellzug<a name="FNAnker_624_624" id="FNAnker_624_624"></a><a href="#Fussnote_624_624" class="fnanchor">[624]</a> der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178 -englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen -Halteplatz <em class="gesperrt">Nandgaon</em>, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die -telegraphisch vorher bestellte <em class="gesperrt">Extrapost</em> vorfindet,<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span> die den -Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich -nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.<a name="FNAnker_625_625" id="FNAnker_625_625"></a><a href="#Fussnote_625_625" class="fnanchor">[625]</a></p> - -<p>Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen -Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt -werden.</p> - -<p>Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient -die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen -Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten -ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der -Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und -Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten -Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.</p> - -<p>Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde -werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende -Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen -zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo -wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die -Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl -ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die -Land-Strasse ist leidlich.</p> - -<p>Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein -und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das -merkwürdige <em class="gesperrt">Reich des Nizam</em>, betreten hatten.</p> - -<p>Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen -(oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden -9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 -Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die -herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich -anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)</p> - -<p>Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan -nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von -dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich -<em class="gesperrt">nicht-arischer</em> Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der -Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers -der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang -1294 mit seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span> Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte -und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von -Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik -Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst -eine Moschee.</p> - -<p>Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) -empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die -Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer -General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des -jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den -Süden des Dekkan-Dreiecks.</p> - -<p>Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in -fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der -Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich -besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in -kleinere Herrschaften.</p> - -<p>Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder -erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann -hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den -Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 -entstanden, die der <em class="gesperrt">Marathen</em>. Diese konnte Aurangzeb nicht -vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.</p> - -<p>Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der -Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 -endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen -Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte -sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah -im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die -Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als -unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und -mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des -Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, -eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land -Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. -Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden -abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen -Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein -Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er -hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige -Regimenter Truppen zu stellen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span></p> - -<p>Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber -einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, -erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist -einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr -Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich -aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus -zu <em class="gesperrt">Aurangabad</em> und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit -Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu -besichtigen.</p> - -<p>Die erste ist das Grabmal von <em class="gesperrt">Rabi’ a Durani</em>, der -Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, -ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, -herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, -so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild -zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang -viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die -mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit -ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein -durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein, -sondern die nackte Erde zeigt, — was von den Moslim, als Beweis von -Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen -und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden -Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr. -begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira -oder 1678 n. Chr. vollendet worden.</p> - -<p>Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen -Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder -wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.</p> - -<p>Auch die <em class="gesperrt">Jumma Musjid</em>, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, -Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, -erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites -Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner -Kuppel, kleinen Thürmen, — aber sehr gut in Ordnung gehalten.</p> - -<p>Der Priester, der uns den Ein<em class="gesperrt">tritt</em> verwehrte, (der -Ein<em class="gesperrt">blick</em> von aussen in die schmale Halle ist genügend,) -behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe -hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern -die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.</p> - -<p>Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir -wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span></p> - -<p>Das Städtchen <em class="gesperrt">Aurangabad</em> ist noch gar nicht so alt, hat aber -sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.</p> - -<p>Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen -des Staates Ahmadnagar, wurde es von <em class="gesperrt">Aurangzeb</em> zu seinem -<em class="gesperrt">südlichen Herrschersitz</em> erkoren, nach seinem Namen umgetauft -und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem -Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine -der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) -Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten -in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre -Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz -lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.</p> - -<p>Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem -Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen -Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der -indische Kutscher hat sein Schätzchen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch -ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische -Meilen = 12½ Kilometer entfernten <em class="gesperrt">Daulatabad</em>, früher Deogiri -genannt. Das ist eine indische <em class="gesperrt">Festung</em> des 13. Jahrhunderts, -höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von -500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 -bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und -zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei -Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. -Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur -durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm -Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst -ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, -75 Pfund Diamanten<a name="FNAnker_626_626" id="FNAnker_626_626"></a><a href="#Fussnote_626_626" class="fnanchor">[626]</a> als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte -Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte -die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in -Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar -galt. Seine Pläne scheiterten.</p> - -<p>Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan -und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein -schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten -Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge -und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeug<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span>niss unter Leitung eines -europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.</p> - -<p>Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten -Maratha-Krieg (1803–4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge -aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist -die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier -ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.</p> - -<p>Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige -bewohnte Hütten übrig geblieben.</p> - -<p>Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer -entfernten <em class="gesperrt">Roza</em>, wo wir in dem den britischen Officieren -gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu -Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad -ausgewirkt hatten.</p> - -<p>Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, -bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen -Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren -Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit -gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm -der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.</p> - -<p>Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, — Roza (Rauza) -bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. -Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, -der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte -König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.</p> - -<p>Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da -das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu -seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den -Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer -Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen -überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des -Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem -Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben -ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein -umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden -ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.</p> - -<p>Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer -Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet -wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem -ein<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span>heimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln -des Dorfes <em class="gesperrt">Ellora</em>, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher -Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von -Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden -verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder -von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass -sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht -vollständig.</p> - -<p>Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus -merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst -Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert -n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s -Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus -Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt -wurde.</p> - -<p>Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner -Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen -Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In -dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in -dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder -Hindu-Gläubigen (17).</p> - -<p>Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. -Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und -dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert -n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen -Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von -der <span class="zaehler">9</span>⁄<span class="nenner">10</span> -der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 -auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der -mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die -Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke -und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich -geeignet für den Höhlenbau.</p> - -<p>Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die -indischen Leistungen sind weit grossartiger.</p> - -<p>Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen -gehauenen Tempels<a name="FNAnker_627_627" id="FNAnker_627_627"></a><a href="#Fussnote_627_627" class="fnanchor">[627]</a> ist selbstverständlich, während unsere -mittelalter<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span>lichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die -oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.</p> - -<p>Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt -in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem -prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem -<em class="gesperrt">Kailas</em>.</p> - -<p>Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer -Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen -errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist -aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.<a name="FNAnker_628_628" id="FNAnker_628_628"></a><a href="#Fussnote_628_628" class="fnanchor">[628]</a> Ein -rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 -Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein -Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss -Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen -Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit -7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen -getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes -Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor -verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan -= Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher -beschrieben ist, stellt gewissermassen <em class="gesperrt">einen</em> Einzelblock-Tempel -dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit -Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. -<em class="gesperrt">Fergusson</em> setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., -andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die -Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den -Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk -zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte -Genesung.</p> - -<p>Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs -gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite -ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit -einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht -als Musik-Halle benutzt.</p> - -<p>Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen -besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste -Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser -Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span> Mauern, -einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. -Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des -Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen -freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und -mehr seitlich den Elephanten.</p> - -<p>Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige -bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.<a name="FNAnker_629_629" id="FNAnker_629_629"></a><a href="#Fussnote_629_629" class="fnanchor">[629]</a> Rechts und -links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit -Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem -schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die -anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.</p> - -<p>Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im -Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil -des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen -getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in -Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den -Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste -Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem -zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der -ihn zu entführen trachtet.</p> - -<p>Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind -dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut -bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.</p> - -<p>Hätte <em class="gesperrt">Goethe</em> das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz -vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen -die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere -anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.</p> - -<p>Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof -umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, -das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den -Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert -herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die -Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.</p> - -<p>In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, -Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.</p> - -<p>So viel über den einen Bau, den <em class="gesperrt">Kailas</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span></p> - -<p>Von den brahmanischen, d. h. nach <em class="gesperrt">nordindischem</em> Stil errichteten -Tempeln, ist der schönste <em class="gesperrt">Dumar Lena</em>, wahrscheinlich zwischen -600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass -Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist -riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter -der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe -der Hinterwand.</p> - -<p>Unter den <em class="gesperrt">buddhistischen</em> Tempeln ist der merkwürdigste -<em class="gesperrt">Vishwakarma</em>, von den Engländern <em class="gesperrt">Zimmermann’s Höhle</em> -(Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des -Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,<a name="FNAnker_630_630" id="FNAnker_630_630"></a><a href="#Fussnote_630_630" class="fnanchor">[630]</a> der an den beiden Seiten -mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt -ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der -zweistöckig gehalten ist.</p> - -<p>Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche, -(85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,<a name="FNAnker_631_631" id="FNAnker_631_631"></a><a href="#Fussnote_631_631" class="fnanchor">[631]</a> -als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände -bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten -Säulen,<a name="FNAnker_632_632" id="FNAnker_632_632"></a><a href="#Fussnote_632_632" class="fnanchor">[632]</a> über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung -ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden -Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur -von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im -Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den -dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.</p> - -<p>Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (<em class="gesperrt">chaitya</em>) aus -späterer Zeit,<a name="FNAnker_633_633" id="FNAnker_633_633"></a><a href="#Fussnote_633_633" class="fnanchor">[633]</a> jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. -errichtet.</p> - -<p>Eine Reihe von Klöstern (<em class="gesperrt">Vihara</em>) sind in der Nähe dieser Kirche -in den Fels gegraben. Das grösste ist <em class="gesperrt">Dherwara</em>,<a name="FNAnker_634_634" id="FNAnker_634_634"></a><a href="#Fussnote_634_634" class="fnanchor">[634]</a> 100×70 Fuss.</p> - -<p>Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha -dargestellt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Do-Tal</em> ist zweistöckig, <em class="gesperrt">Tin-Tal</em> sogar dreistöckig, wie -schon die Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span></p> - -<p>Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von <em class="gesperrt">Das Avatar</em>, aber der -Stil ist <em class="gesperrt">brahmanisch</em>, mit einer Halle für den heiligen Stier -des Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der -Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten. -Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.</p> - -<p>An dem Nordende des Hügels liegen die <em class="gesperrt">Jaina</em>-Tempel. Der eine, -<em class="gesperrt">Indra Subha</em>, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine -freistehende Schrein vor der Höhle, nach <em class="gesperrt">Fergusson</em> aus dem 7. -Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die -Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz -Ellora.</p> - -<p>Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, -betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,<a name="FNAnker_635_635" id="FNAnker_635_635"></a><a href="#Fussnote_635_635" class="fnanchor">[635]</a> der -gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der -Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><em class="gesperrt">Brief aus Roza bei Ellora.</em> Donnerstag, den 29. December 1892. -— Diesen Brief schreibe ich im <em class="gesperrt">Grabe</em>. Es ist aber natürlich -nicht mein eigenes, sondern das — eines <em class="gesperrt">längstverstorbenen</em> -Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche -die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus -einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.</p> - -<p>Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht -gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken -des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.</p> - -<p>Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der -Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung -gebracht, schlief ich ganz gut.</p> - -<p>Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, -Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur -Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden -liess.</p> - -<p>Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche -Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten -zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu -wechseln.<a name="FNAnker_636_636" id="FNAnker_636_636"></a><a href="#Fussnote_636_636" class="fnanchor">[636]</a> Da unser Hartgeld auf die Neige ging,<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span> kamen wir in -seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der -dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie -viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er -sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. -Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. — — — —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren -wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort <em class="gesperrt">Ellora</em> sehen -wir einen <em class="gesperrt">Hindu-Tempelbezirk</em>, der den Vorzug hat, neu, -sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, -allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen -Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen -aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm -trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich -dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in -kleiner Ausgabe.</p> - -<p>Nachmittags erlebten wir einen <em class="gesperrt">Radreifenbruch</em>. Wir liehen uns in -einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, -so gut es ging, an der Achse.</p> - -<p>Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. -Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von -<em class="gesperrt">Europa</em> vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten -sich höflich, als ich ihnen 16 gab.</p> - -<p>Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein -ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten -Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 -Stunden, keine sonderliche Leistung.)</p> - -<p>In <em class="gesperrt">Bombay</em> machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte -die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte -Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um -unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend -ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord -der Imperatrix und winkte von dort mein <em class="gesperrt">Lebewohl</em> dem märchenhaft -schönen Lande Indien zu.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak hiline" id="VIII">VIII.<br /> -<b>Heimfahrt.</b></h2> - -</div> - -<div> - <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_s.jpg" alt="" /> -</div> - -<p class="p0 drop-cap">Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser -gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch -die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock -heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der -auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort -genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine -vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns -das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das -persisch-arabische Meer, auf <em class="gesperrt">Aden</em> zu.</p> - -<p class="mbot1"><em class="gesperrt">Log-Bericht</em>.</p> - -<p class="center">Bombay-Aden = 1664 Seemeilen.</p> - -<p class="center">Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags.<br /> -(18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.)</p> - -<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 1"> - <tr> - <td class="tdr"> - I) - </td> - <td class="tdr"> - 1. - </td> - <td class="tdc"> - Januar, - </td> - <td class="tdc"> - Mittags, - </td> - <td class="tdl"> - 18° 48′ - </td> - <td class="tdc"> - nördl. - </td> - <td class="tdc"> - Br., - </td> - <td class="tdl"> - 72° 16′ - </td> - <td class="tdc"> - östl. - </td> - <td class="tdc"> - Lg. - </td> - <td class="tdr"> - 40 - </td> - <td class="tdc bright"> - S.-M. - </td> - <td class="tdr"> - <span class="smaller">Summe</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - II) - </td> - <td class="tdr"> - 2. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 17° 52′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 67° - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 300 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 340. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - III) - </td> - <td class="tdr"> - 3. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 16° 41′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 61° 58′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 301 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 641. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - IV) - </td> - <td class="tdr"> - 4. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 15° 30′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 56° 46′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 312 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 953. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - V) - </td> - <td class="tdr"> - 5. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 14° 10′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 51° 5′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 336 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1289. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - VI) - </td> - <td class="tdr"> - 6. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 12° 47′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 45° 35′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 336 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1625. - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="r25" /> - -<p class="center">Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags.</p> - -<p class="center">Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens.</p> - -<p class="center">Aden-Suez 1310 Seemeilen.</p> - -<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 2"> - <tr> - <td class="tdr"> - VII) - </td> - <td class="tdr"> - 7. - </td> - <td class="tdc"> - Jan., - </td> - <td class="tdc"> - Mittags, - </td> - <td class="tdl"> - 13° 20′ - </td> - <td class="tdc"> - nördl. - </td> - <td class="tdc"> - Br., - </td> - <td class="tdl"> - 43° 4′ - </td> - <td class="tdc"> - östl. - </td> - <td class="tdc"> - Lg., - </td> - <td class="tdr"> - 139 - </td> - <td class="tdc bright"> - S.-M. - </td> - <td class="tdr"> - <span class="smaller">Summe</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - VIII) - </td> - <td class="tdr"> - 8. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 17° 52′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 40° 2′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 327 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 466. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - IX) - </td> - <td class="tdr"> - 9. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 22° 13′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 37° 32′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 296 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 762. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - X) - </td> - <td class="tdr"> - 10. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 26° 32′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 34° 46′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 300 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1062. - </td> - </tr> -</table> - -<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 3"> - <tr> - <td class="tdr"> - XI) - </td> - <td class="tdr"> - 11. - </td> - <td class="tdc"> - Januar, - </td> - <td class="tdl" colspan="4"> - Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - <td class="tdl" colspan="4"> - Suez–Portsaid 160 Kilometer. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdc"> - 11. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - Vorm. - </td> - <td class="tdc"> - 10½ - </td> - <td class="tdc"> - Uhr - </td> - <td class="tdl"> - Abfahrt durch den Kanal. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - XII) - </td> - <td class="tdc"> - 12. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 8 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - Ankunft in Portsaid. - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="r25" /> - -<p class="center">Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher Breite,<br /> -32° 20′ östlicher Länge.)</p> - -<p class="center">Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen.</p> - -<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 4"> - <tr> - <td class="tdr"> - XIII) - </td> - <td class="tdr"> - 13. - </td> - <td class="tdc"> - Januar, - </td> - <td class="tdc"> - Mittags, - </td> - <td class="tdl"> - 33° 41′ - </td> - <td class="tdc"> - nördl. - </td> - <td class="tdc"> - Br., - </td> - <td class="tdl"> - 27° 36′ - </td> - <td class="tdc"> - östl. - </td> - <td class="tdc"> - Lg., - </td> - <td class="tdr"> - 280 - </td> - <td class="tdc bright"> - S.M. - </td> - <td class="tdr"> - <span class="smaller">Summe</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - XIV) - </td> - <td class="tdr"> - 14. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 35° 42′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 23° 5′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 250 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 530. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - XV) - </td> - <td class="tdr"> - 15. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 39° 12′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 19° 26′ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 285 - </td> - <td class="tdc bright"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 815. - </td> - </tr> -</table> - -<p class="center">Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags.</p> - -<p class="center">Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags.</p> - -<hr class="r25" /> - -<p class="center">Brindisi-Trieste 372 Seemeilen.</p> - -<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 5"> - <tr> - <td class="tdr"> - XVI) - </td> - <td class="tdr"> - 16. - </td> - <td class="tdc"> - Januar, - </td> - <td class="tdl"> - Mittags, - </td> - <td class="tdl"> - 43° 3′ - </td> - <td class="tdc"> - nördl. - </td> - <td class="tdc"> - Br., - </td> - <td class="tdl"> - 15° 52′ - </td> - <td class="tdc"> - östl. - </td> - <td class="tdc"> - Lg., - </td> - <td class="tdr"> - 109 M. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - XVII) - </td> - <td class="tdr"> - 17. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - Morgens, - </td> - <td class="tdl" colspan="7"> - Trieste. - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="r25" /> - -<p>Unser gutes Schiff <em class="gesperrt">Imperatrix</em> vom östreichischen Lloyd hat -4914 Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die -Höhe des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der -Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten, -die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän -<em class="gesperrt">Egger</em> ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die -anderen Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch -deutsch. Zum ersten Male wieder seit Kobe — Hongkong ist auf dem -Schiffe meine Muttersprache vorherrschend.</p> - -<p>Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die -Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen -recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem -Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre -mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner -Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein -Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen.</p> - -<p>Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus -Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu -Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und -Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lid<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span>ränder -und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus -Portsaid.</p> - -<p>Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer.</p> - -<p>Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte -+26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor -dem <em class="gesperrt">raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt</em> ist unbegründet, wie -meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne -Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay -nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7 -Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen:</p> - -<table summary="Temperaturmessungen Rückfahrt"> - <tr> - <td class="tdr"> - 2. - </td> - <td class="tdc"> - Januar - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 24½° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 3. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 25½° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 4. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 24° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 5. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 25° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 6. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 25° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 7. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 25° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 8. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 26½° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 9. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 23° C. (Nachmittags 19½° C.) - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 10. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - kühler. (Nordwind).<a name="FNAnker_637_637" id="FNAnker_637_637"></a><a href="#Fussnote_637_637" class="fnanchor">[637]</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 11. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 15½° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 12. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 12½° C. (4½ Uhr 20° C.) - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 13. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 18° C. (Mittags 19° C.) - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 14. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 13° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 15. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 10½° C. (Mittags 10° C.) - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 16. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - + - </td> - <td class="tdl"> - 10° C. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 17. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - – - </td> - <td class="tdl"> - 2° C, im Steuerhäuschen. - </td> - </tr> -</table> - -<p>Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem -Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt.</p> - -<p>Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4. -Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen -englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship).</p> - -<p>Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen -von <em class="gesperrt">Aden</em> Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei -Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän -Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete -Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust -gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten -Aden’s brachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span></p> - -<p>Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden, -welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden -Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb, unter -12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur 20 -Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel <em class="gesperrt">Aden</em>, die -allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige -und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland -zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient.</p> - -<p>Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little -Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der -Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden -Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer -weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und -Nagasaki.</p> - -<p>Obwohl <em class="gesperrt">Aden</em> einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten -Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne -Nass darstellt;<a name="FNAnker_638_638" id="FNAnker_638_638"></a><a href="#Fussnote_638_638" class="fnanchor">[638]</a> so hat der <em class="gesperrt">herrliche Hafen</em> und die -<em class="gesperrt">vortreffliche Lage</em>, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika -und Indien gradezu einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche -und blühende Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur -von den Einwohnern als <em class="gesperrt">Paradies</em> (Eden) bezeichnet, schon von -dem Propheten <em class="gesperrt">Ezechiel</em><a name="FNAnker_639_639" id="FNAnker_639_639"></a><a href="#Fussnote_639_639" class="fnanchor">[639]</a> gepriesen, im Periplus als Arabia -Eudaimon<a name="FNAnker_640_640" id="FNAnker_640_640"></a><a href="#Fussnote_640_640" class="fnanchor">[640]</a> beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana, -Athana, Arabia Felix gekannt war.</p> - -<p>Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber -gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der -Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze -Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien. -1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von -den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie -wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der -Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838 -versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese -in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und -beschönigten den Raub mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span> Vorwand, es sei ein hier gescheitertes -Schiff geplündert worden.<a name="FNAnker_641_641" id="FNAnker_641_641"></a><a href="#Fussnote_641_641" class="fnanchor">[641]</a> Zur Behauptung des Platzes waren nur -unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der -Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des -Besitzes hinzu gekauft.</p> - -<p>Aber die <em class="gesperrt">Engländer</em> haben mit ihrem unleugbarem <em class="gesperrt">Geschick</em> -aus dem Felsennest etwas <em class="gesperrt">ordentliches</em> gemacht.</p> - -<p>Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000<a name="FNAnker_642_642" id="FNAnker_642_642"></a><a href="#Fussnote_642_642" class="fnanchor">[642]</a> -verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. Zwei -Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: <em class="gesperrt">Araber</em> und -<em class="gesperrt">Somali</em>,<a name="FNAnker_643_643" id="FNAnker_643_643"></a><a href="#Fussnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a> während reine <em class="gesperrt">Neger</em> nur sparsamer vertreten -sind. Die Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, -schwarzem Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, -übrigens auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem -Haar, das sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und -Kutscher, die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen -ihnen Parsi und Hindu den Gewinn streitig.</p> - -<p>Die Besatzung besteht aus <em class="gesperrt">Hindu</em> (Sepoy). Dazu kommen 200 -<em class="gesperrt">Juden</em>, die an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso -viele <em class="gesperrt">Europäer</em>, — Officiere, Baumeister und Ingenieure, -Hafenbeamte, Kaufleute.</p> - -<p>Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer -durch Bauten noch stärker befestigt und so ein <em class="gesperrt">Gibraltar des -Ostens</em> geschaffen.<a name="FNAnker_644_644" id="FNAnker_644_644"></a><a href="#Fussnote_644_644" class="fnanchor">[644]</a> Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei -<em class="gesperrt">Steamer Point</em> an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für -den Schiffsverkehr hergestellt und einen <em class="gesperrt">Freihafen</em> geschaffen. -Besonders hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich -gehoben, da es der wichtige und unentbehrliche <em class="gesperrt">Halteplatz</em> aller -Dampfer zwischen Suez und Ostindien geworden.</p> - -<p>Riesige Lager von <em class="gesperrt">Steinkohlen</em> sind hier eingerichtet, um -die Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen -165000 Tonnen; der <em class="gesperrt">Gesammthandel</em> (Aus- und Einfuhr) 5 -Millionen £.<a name="FNAnker_645_645" id="FNAnker_645_645"></a><a href="#Fussnote_645_645" class="fnanchor">[645]</a>; Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. -Ausgeführt wird Kaffe (aus Südarabien), Gummi, Häute und Felle, -Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; eingeführt werden Getreide und -Mehl, Baumwollen<span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span>waaren, Stückgüter, Petroleum, Tabak. Der örtliche -Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar ist nicht unbeträchtlich. -Ackerbau giebt es natürlich nicht auf diesem nackten Felsen, und der -Gewerbefleiss erzeugt allein — <em class="gesperrt">Trinkwasser</em>, Eis, Kochsalz. -Letzteres wird an der seichten Nordküste des Hafens durch Verdampfen -von Meerwasser hergestellt; man sieht die schneeweissen Haufen auf dem -Sande liegen. Regen ist nicht viel zu befürchten; der Regenfall misst -jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth ist ausreichend; beträgt ja die -mittlere Temperatur + 29½° C. im Schatten, das ganze Jahr hindurch.</p> - -<p>Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den -Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der -Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay, -schon merklich schlechter, als in Ostindien.</p> - -<p>Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine -schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis -zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber -durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen, -überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post- -und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für -den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel -zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich -der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut -gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen, -vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen -Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge -sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang<a name="FNAnker_646_646" id="FNAnker_646_646"></a><a href="#Fussnote_646_646" class="fnanchor">[646]</a> zwischen zwei -nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken -Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die -natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses -Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier, -wenngleich in bürgerlicher Kleidung.</p> - -<p>Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns -erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten -Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren, -rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die -regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit -platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die -Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater -des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer -Vorzeit abgebrochen ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span></p> - -<p>Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet. -Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die -letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im -Einspänner mit ihren Frauen spazieren.</p> - -<p>Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur -Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die -Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.<a name="FNAnker_647_647" id="FNAnker_647_647"></a><a href="#Fussnote_647_647" class="fnanchor">[647]</a></p> - -<p>So wird das <em class="gesperrt">Getränk</em> künstlich hergestellt; die <em class="gesperrt">Nahrung</em> -aber eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der -Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien.</p> - -<p>Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss -getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem -Dorfe bei Scutari findet.</p> - -<p>Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien -und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken -starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt -möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem -Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste -Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon -sind.</p> - -<p>Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel -Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse, -welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu den -berühmten <em class="gesperrt">Wasserbehältern</em>, ist eine schüchterne Pflanzung -von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus -Tiefbrunnen unterhalten.</p> - -<p>Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt -betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt. -Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des -Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der -Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet.</p> - -<p>Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse, -in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete, -oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die -zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die -Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens -zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige -Lache enthalten.</p> - -<p>Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span> derartige -Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen -600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat -Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle -Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal -zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der -ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen -Wasserbehälter zusammenfliessen.</p> - -<p>Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz -von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken -wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30 -Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch -haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit -des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte -Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das -gewünschte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag -in der „<em class="gesperrt">Thränen-Strasse</em>“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen -Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres -verzweifelten <em class="gesperrt">Segelschiffern</em> erhalten hat und heutzutage, -in der Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. -In der Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel -<em class="gesperrt">Perim</em>. Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem -guten Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für -den Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste -Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die -Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen -Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie -wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln. -Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12 -Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien, -nur ¾ Seemeilen.</p> - -<p>Ueberhaupt ist wohl das System <em class="gesperrt">Aden</em> — <em class="gesperrt">Perim</em> für den -Kriegsfall nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in -friedlichen Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie -genügen nur, die einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.</p> - -<p>Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige -Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.</p> - -<p>Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen -Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das -zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span> -er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim -zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift -geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in -Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier, -augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge -zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden -sie — den Tisch besetzt.</p> - -<p>Wir sind also in dem <em class="gesperrt">rothen Meer</em>, dessen erstickende Gluthhitze -in den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert -wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis -Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York; -seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch -ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung -zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die -grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser -für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender -Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder -den rothen Felsen bei Suez oder von <em class="gesperrt">Edom</em>, der umwohnenden -Völkerschaft, der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.</p> - -<p>Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die -gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf -Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich -hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf -dem Fusse, — eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung -eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)</p> - -<p>Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter dem -schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die <em class="gesperrt">Sukur-Inseln</em> -werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor, -wie ein Springquell, — von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in -dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren.</p> - -<p>Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens -26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein -<em class="gesperrt">Gewitter</em>, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser -Capitän, der zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht -erinnern, jemals im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben. -Erstaunlich ist die zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters. -Es dauert ¼ Tag, während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt -das Schiff nach allen vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist -auch die Häufigkeit der Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht -hoch über dem Horizont, eine Gewitterwolke. Diese flammt auf,<span class="pagenum"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span> alle -5 oder 10 Sekunden, von bläulichem Licht erglühend; der Rand heller, -als die Mitte. Mitunter wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns -befindlichen Himmelsgewölbes für einen Augenblick erhellt, so dass man -dabei die Uhr erkennen kann. Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so, -wie jenes Aufleuchten. Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht -unbedeutender Breite, mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume -umschreibend; nicht bloss nach unten, sondern auch fast wagerecht -verlaufend. Donner ist sparsam, nur für einen Theil des Gewitters -hörbar.</p> - -<p>Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23, -Nachmittags 19½° C. Wir haben <em class="gesperrt">Nordwind</em>; zum ersten Mal seit -Bombay, finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu <em class="gesperrt">sitzen</em>. -Zwanzig Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht -Zeichen eines grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im -Suez-Canal, das etwa 24 Stunden angedauert.</p> - -<p>Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde, -zackige <em class="gesperrt">Sinai-Halbinsel</em> und ferner an der afrikanischen Küste -die Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm.</p> - -<p>Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten des -Golf von <em class="gesperrt">Suez</em>; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide -sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an -der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor -Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits -schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den -<em class="gesperrt">Kanal</em> hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild.</p> - -<p>Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen -Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren -weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper -Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der -Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt -belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt; -nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte -Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez -sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste -und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel.</p> - -<p>Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern -versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen, -kleinen Ortschaften bringen Abwechslung.</p> - -<p>Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst -zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der -Dunkelheit noch gerade <em class="gesperrt">Ismalija</em>. Dann aber werden die -electrischen<span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span> Scheinwerfer<a name="FNAnker_648_648" id="FNAnker_648_648"></a><a href="#Fussnote_648_648" class="fnanchor">[648]</a> vorn auf unserem Schiff entzündet, das -majestätisch und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem -kleinen Hafen des Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und -Morgens um 8 Uhr in <em class="gesperrt">Portsaid</em> vor Anker geht.</p> - -<p>Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen -Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der -ältesten Culturvölker der Erde zu fahren.</p> - -<p>Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen -Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen. -Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben -einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer, -Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen -Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen.</p> - -<p>Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von -dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben.</p> - -<p>Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals -zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon Bonaparte -liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen anstellen, -die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten, dass der -Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als der des -Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden Meere -gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung von Ebbe -und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt sie 1 bis -2 Meter. <em class="gesperrt">Ferdinand de Lesseps</em> gebührt das Verdienst, die 300 -Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle -Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung, -der Oertlichkeit,<a name="FNAnker_649_649" id="FNAnker_649_649"></a><a href="#Fussnote_649_649" class="fnanchor">[649]</a> der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer -Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den -Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,<a name="FNAnker_650_650" id="FNAnker_650_650"></a><a href="#Fussnote_650_650" class="fnanchor">[650]</a> „fertig gestellt zu -haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“</p> - -<p>Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel -50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter. -Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span> den andern -vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und -Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt -dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40 -Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss.</p> - -<p>Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen -£, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf -Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.)</p> - -<p>Der Ueberschuss, den die Gesellschaft 1887 erzielt, betrug 29<sub>,7</sub> -Millionen Francs. (Einnahmen 60<sub>,5</sub>, Ausgaben 30<sub>,8</sub> Millionen -Francs.) Sie nimmt 10 Francs für die Tonne und ebenso viel für -jeden Reisenden. Die Gebühr, die ein Schiff zu zahlen hat, ist ganz -anständig, für unsre Imperatrix in runder Summe 50000 Francs. Im Jahre -1887 benutzten den Kanal 3137 Schiffe mit einem Netto-Gehalt von -5900000 Tonnen, davon 2330 englische, 185 französische, 159 deutsche. -Die Entfernung von London nach Bombay ist um das Cap der guten Hoffnung -10719 Seemeilen, durch den Suez-Kanal 6274. Die Abkürzung der Fahrt -durch den Suez-Kanal beträgt für Dampfer nach Bombay von Brindisi 37, -von London 24, von Hamburg 24 Tage. Aber da Dampferfahrt um das Cap -nicht lohnend war, wegen der Schwierigkeit der Kohlenbeschaffung, so -hat man eigentlich gegenüberzustellen:</p> - -<table summary="Segelschifffahrt vs. Dampfschifffahrt"> - <tr> - <td class="tdl"> - Segelfahrt von - </td> - <td class="tdc"> - London - </td> - <td class="tdc"> - nach - </td> - <td class="tdc"> - Bombay - </td> - <td class="tdr"> - 100 - </td> - <td class="tdc"> - Tage. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - Dampfschifffahrt - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 26 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> -</table> - -<p>Die Eröffnung des Suez-Kanals hat bewirkt, dass der Welthandel von -der Segel- zur Dampf-Schifffahrt überging, zumal gleichzeitig die -zusammengesetzten Maschinen aufkamen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Portsaid</em>, eine Schöpfung des Kanals, hat schon 21000 Einwohner, -Niederlassungen aller grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften, auch -unsres norddeutschen Lloyd, und einen äusserst lebhaften Verkehr. -Nachdem ich mich an dem fesselnden Hafenbild der aus- und einladenden -Schiffe aller Nationen erfreut, gehe ich an’s Land, kaufe ägyptische -Cigaretten und vertraue mein Haupt einem italienischen Haarkünstler an.</p> - -<p>Mittags fahren wir ab, am 14. Januar erblicken wir Morgens die -schneebedeckten Felsen von Candia und haben bei rauhem Wetter gegen -den Wind zu kämpfen, so dass unser Log-Bericht von 250 Seemeilen der -schlechteste wird, den unser Capitän jemals gemacht. Am 15. Januar -erblicken wir Morgens Cephalonia, um 11 Uhr Korfu und lagern Abends für -eine Stunde im Hafen von Brindisi.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span></p> - -<p>Dienstag, den 17. Januar, Morgens, erreichen wir unter Schneegestöber -(bei - 2° C. im Steuerhäuschen) die Stadt Triest, können aber nicht in -den Hafen hinein, der leider an <em class="gesperrt">unrichtiger</em> Stelle angelegt zu -sein scheint, sondern landen in der Bucht von Muggia.</p> - -<p>Wunderbar ist der Anblick des von dem Nordwind (Bora) gepeitschten -Meeres. In Triest war es grimmig kalt. Der Nachtzug brachte mich trotz -der Schneeanhäufungen glücklich über den Karst und nach Wien. Von hier -fuhr ich mit dem Eilzug nach Dresden. <em class="gesperrt">Am 19. Januar</em> 1893 <em class="gesperrt">kam -ich in Berlin an</em>, nach einer Reise von 171 Tagen über eine Strecke -von 48092 Kilometern.</p> - -<p>Fast ist es mir, wie ein schöner <em class="gesperrt">Traum</em>. Aber die wechselnden -Bilder stehen <em class="gesperrt">lebendig</em> vor meinem Auge. Mein Herz ist voll -Dankbarkeit gegen das <em class="gesperrt">neunzehnte Jahrhundert</em>, das die Entfernung -vernichtet und solche Reisen ermöglicht hat.</p> - -<hr class="sect" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span></p> - -<h3 id="Entfernungen">Entfernungen:</h3> - -</div> - -<table class="collapse" summary="Entfernungstabelle"> - <tr> - <td> - - </td> - <td> - - </td> - <td> - - </td> - <td> - - </td> - <td> - - </td> - <td> - - </td> - <td class="tdr"> - <span class="s6">Kilometer</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 1. - </td> - <td class="tdl bright" colspan="5"> - Berlin–Bremerhafen - </td> - <td class="tdr"> - 408. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 2. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Bremerhafen–New-York - </td> - <td class="tdr"> - 3600 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 6660. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 3. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - New-York, Washington, Baltimore, Philadelphia, New-York - </td> - <td class="tdr"> - 456 - </td> - <td class="tdl bright"> - Engl. M. - </td> - <td class="tdr"> - 753. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 4. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - New-York–Albany - </td> - <td class="tdr"> - 143 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 229. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 5. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Albany–Niagara–Owen Sound - </td> - <td class="tdr"> - 486 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 782. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 6. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Owen Sound–Fort William - </td> - <td class="tdr"> - 555 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 893. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 7. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Fort William–Vancouver - </td> - <td class="tdr"> - 1900 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 3058. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 8. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Vancouver–Yokohama - </td> - <td class="tdr"> - 4283 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 7744. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 9. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - In Japan bis Kobe - </td> - <td class="tdr"> - 614 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 987. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 10. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Kobe–Hongkong - </td> - <td class="tdr"> - 1367 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 2637. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 11. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Hongkong–Colombo - </td> - <td class="tdr"> - 3096 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 5875. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 12. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - In Ceylon - </td> - <td class="tdr"> - 444 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 714. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 13. - </td> - <td class="tdl" colspan="3"> - Colombo–Calcutta - </td> - <td class="tdr"> - 1380 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 2550. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 14. - </td> - <td class="tdl bright" colspan="5"> - In Indien - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Calcutta–Darjeeling und zurück - </td> - <td class="tdr"> - 758 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Calcutta–Benares - </td> - <td class="tdr"> - 476 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Benares–Lucknow - </td> - <td class="tdr"> - 200 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Lucknow–Cawnpur - </td> - <td class="tdr"> - 35 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Cawnpur–Agra - </td> - <td class="tdr"> - 240 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Agra–Delhi - </td> - <td class="tdr"> - 243 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Delhi–Bombay - </td> - <td class="tdr"> - 890 - </td> - <td class="tdl bright" colspan="3"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl"> - Bombay–Ellora und zurück - </td> - <td class="tdr"> - 468 - </td> - <td class="tdl"> -  „ - </td> - <td class="tdr"> - 3310 - </td> - <td class="tdl bright"> - E. M. - </td> - <td class="tdr"> - 5330. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="4"> - Bombay–Triest - </td> - <td class="tdr"> - 4367 - </td> - <td class="tdl bright"> - See-M. - </td> - <td class="tdr"> - 8082. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="4"> - Triest–Wien–Berlin - </td> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdl bright bbot"> - - </td> - <td class="tdr bbot"> - 1390. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl" colspan="4"> - - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdl bright"> - - </td> - <td class="tdr"> - 48092. - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span></p> - -<h2 id="Verbesserungen">Verbesserungen.</h2> - -</div> - -<p><a href="#Fussnote_72_72">Seite 49, letzte Zeile</a>, lies 1440/360 = 4.</p> - -<p><a href="#ihrenummer">S. 56, Z. 21</a>, lies <em class="gesperrt">ihre Nummer</em>.</p> - -<p><a href="#deuschemeilen">S. 68, Z. 13</a>, lies <em class="gesperrt">deutsche Meilen</em>.</p> - -<p><a href="#vorstadt">S. 78, Z. 3 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">von der Vorstadt</em>.</p> - -<p><a href="#pabst">S. 84, Z. 2</a>, lies <em class="gesperrt">Papst</em>.</p> - -<p><a href="#dermit">S. 178, Z. 8 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">Der mit</em>.</p> - -<p><a href="#seitjahrhunderten">S. 190, Z. 19</a>, lies <em class="gesperrt">seit Jahrhunderten</em>.</p> - -<p><a href="#verpflegung">S. 215, Z. 27</a>, lies <em class="gesperrt">Verpflegung</em>.</p> - -<p><a href="#einerjener">S. 236, Z. 10</a>, lies <em class="gesperrt">einer jener</em>.</p> - -<p><a href="#zufrueh">S. 264, Z. 26</a>, lies <em class="gesperrt">der leider zu früh f. d. W.</em></p> - -<p><a href="#wenigmehr">S. 304, Z. 17</a>, lies <em class="gesperrt">von wenig mehr als</em> 100.</p> - -<p><a href="#gelangtenund">S. 337, Z. 17</a>, lies <em class="gesperrt">gelangten, und</em>.</p> - -<p><a href="#ghulam">S. 349, Z. 15</a>, lies <em class="gesperrt">Ghulam</em>.</p> - -<p>S. 352, Z. 30, lies <em class="gesperrt">im Louvre</em>.</p> - -<p><a href="#Fussnote_458_458">S. 363, Note 1</a>, füge zu: 8590 <em class="gesperrt">in ganz Deutschland</em> 1892.</p> - -<p><a href="#dauert60">S. 370, Z. 10 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">dauert</em> 60 <em class="gesperrt">Stunden</em>.</p> - -<p><a href="#reuleaux">S. 371, Z. 21</a>, lies <em class="gesperrt">Reuleaux</em>.</p> - -<p><a href="#schah">S. 411, Z. 19</a>, lies <em class="gesperrt">Schah</em>.</p> - -<p><a href="#Fussnote_524_524">S. 419, Note</a>, füge hinzu: In einem zweiten Briefe schreibt Herr Dr. -Ign. Goldziher: Der Satz, die Welt ist eine Brücke, gehet darüber, -aber nehmet darauf nicht bleibenden Aufenthalt, wird als von Christus -(Al Masîh, Messias) herrührend in der mohamedanischen Spruch-Literatur -erwähnt. Meine Quelle ist Al-Garîb al-Isfahânî, Muhâdarât al udabâ’, -ed. Kairo, II, 217.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="figcenter"> - <a id="reiseroute" name="reiseroute"> - <img src="images/i_0533.jpg" - alt="Reiseroute" /></a> - <p class="s5 center"><a href="images/i_0533_hr.jpg">❏<br /> - <span class="smaller">GRÖSSERE ANSICHT</span></a></p> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s2 center">Fußnoten:</p> - -</div> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Der Platz in der ersten Cajüte kostet 400 bis 500 Mark, -also ungefähr 50 Mark für den Tag; der Platz im Zwischendeck etwa 100 -Mark. Die ganze Verpflegung ist eingeschlossen, nur Bier und Wein -müssen besonders bezahlt werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Zu 75 Kilogramm-Meter in 1 Secunde; also gleich 12×13000 = -156000 Menschenkräften.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die 1884 in England gebaute „Eider“, 450′ lang, hatte 6 -Millionen Mark gekostet. Die Flotte des norddeutschen Lloyd zählt 76 -Dampfer, von denen nur 25 weniger als 1000 Tonnen messen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Ein Drittel der vollen Ladung ist Kohle. (Für ungefähr 17 -Tage.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Auf meiner ersten Reise über den atlantischen Ocean im -Jahre 1887 habe ich (natürlich in Begleitung des Capitäns, da es -sonst nicht gestattet ist,) das Zwischendeck besucht. 600 Reisende -waren dort untergebracht, in drei Abtheilungen; die erste ist für -ledige Frauen, die zweite für Familien, die dritte für ledige Männer. -Jeder hat seine eigene Lagerstätte mit Stroh-Sack und Kopf-Kissen; -für eine Decke hat er selber zu sorgen, doch kann er dieselbe, die -er auf seiner Fahrt durch den amerikanischen Continent so nothwendig -braucht, zum Selbstkostenpreis von der Gesellschaft des norddeutschen -Lloyd in Bremen oder Bremerhafen beziehen. Dies Zwischendeck war -besser eingerichtet und gelüftet, als irgend eines, das ich zuvor -gesehen. Namentlich denke ich noch mit einem gewissen Grauen an das -des russischen Dampfers, welcher 500 russisch-katholische Pilger von -Odessa nach Palästina beförderte. Aber bei bewegter See herrschte auch -im Zwischendeck der „Eider“ das graue Elend. Willenlos liegen oder -hocken alle, jung und alt, auf Betten und Gängen. Pausbäckige Kinder, -denen die dicken Thränen über die Wangen laufen, klagen „Mutting, ich -sterbe,“ lassen aber doch das wohlgeschmierte Butterbrod nicht fallen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Die Schiffe haben ihre Schicksale. Die „Eider“ ist -inzwischen wrack geworden; und die „Spree“ hatte, ehe ich die Heimath -wieder erreichte, einen Bruch der Schraubenwelle erlitten, wobei die -Umsicht und Thatkraft des Capitäns aufs beste sich bewährt hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Stewards.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Frankreich zahlt Unterstützung an Dampferlinien gegen -27000000 Mark. -</p> - -<table summary="Unterstützung der Dampferlinien"> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - England - </td> - <td class="tdc"> - gegen - </td> - <td class="tdr"> - 17500000 - </td> - <td class="tdc"> - Mark - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Deutschland - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 4720000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Italien - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 7000000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Oestr.-Ungarn - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 4000000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Russland - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 5000000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Vereinigte Staaten - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 1100000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Mexico - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 2000000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl padright4"> - Japan - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 897000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Von Southampton bis Bremen 420 Seemeilen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Needles.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> log record.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> pool, wörtlich Einsatz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Nach Westen macht, wenn alles übrige gleich ist, der -Dampfer scheinbar über ein Dutzend Meilen mehr an jedem Tage, als -nach Osten. Denn nach Westen zu werden jedem Tag ungefähr 45 Minuten -zugegeben, nach Osten abgezogen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Von Greenwich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Von den <em class="gesperrt">Nadeln</em> ab gerechnet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Wegen des zwischen Europa und Nordamerika vorherrschenden -Südwestwindes legten die Packetboote die Fahrt von Liverpool nach -New-York durchschnittlich in 40 Tagen, den Rückweg in 23 Tagen zurück.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> 1818 war das mit Dampfmaschine versehene Segelschiff -Savannah von Nordamerika bis Liverpool in 26 Tagen gefahren, wobei 18 -Tage unter Dampf.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> 1887 auf der Eider noch sieben Tage und etliche Stunden. -— Der Hamburger Schnelldampfer Bismarck hat 1892 nur 5 T. 20 St. -gebraucht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> 1 Tag = 24 Stunden = 24×60×60 = 86400 Secunden. -</p> -<p> -7 Tage = 7×86400 = 604800 Secunden oder Umdrehungen. Auf der Eider -waren es etwa 777600.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> So eine Welle hat einen Durchmesser von mehr als 2 Fuss, -die Schraubenflügel von mehr als 20 Fuss. Die Welle geht von der -Maschine, die in der <em class="gesperrt">Mitte</em> des Schiffes sich befindet, bis zum -hinteren Ende, besteht aus mehreren Theilen und besitzt Widerlager, -so dass sie bei der Drehung nicht nach vorn gleiten kann. Natürlich -ist ihre Austrittsstelle durch eine mächtige Stopfbüchse gegen das -Eindringen des Wassers geschützt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Höchst mangelhaft war die Einrichtung auf dem Dampfer -Brindisi der englischen P. & O. Gesellschaft, von Hongkong nach -Colombo. Um 11 Uhr wurde die Dynamomaschine abgestellt, alle Cajüten -waren dunkel. Mein Nachbar, ein Capitän unserer Kriegsflotte, und ich -selber forderten (und erlangten) Kerzen für die leeren Leuchter unserer -Cajüten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Die 24 Stunden des Tages sind in sieben Wachen -eingetheilt: Erste Wacht von 8 Uhr Abends bis Mitternacht; mittlere -Wacht von Mitternacht bis 4 Uhr Morgens, Morgenwacht von 4–8 Uhr, -Vormittagswacht von 8–12 Uhr, Nachmittagswacht von Mittag bis 4 Uhr. -Erste Hundewacht von 4–6 Uhr, zweite Hundewacht von 6–8. Durch diese -Eintheilung ändern sich die Wachen für jeden Mann an jedem Tag.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Die „<em class="gesperrt">Elbe</em>“ des norddeutschen Lloyd führte 1887 -für 1000 Menschen 28000 Pfund Fleisch, 24000 Pfund Mehl u. dgl., 48000 -Pfund Eis, 8000 Flaschen Bier und dazu noch 1000 Liter, 2000 Fl. -Rheinwein u. s. w.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten auf einer -Kugeloberfläche liegt in dem grössten Kreis, der durch jene beiden -Punkte und den Mittelpunkt der Kugel gelegt wird.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Klaproth, 1841. Vgl. Poggendorff’s Geschichte der Physik, -1879, S. 98.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> 1 Faden gleich 6 Fuss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Die Seemeile ist gleich der mittleren Meridianminute = -1852 Meter.</p> - -<p class="mleft2">Die preussische Meile ist 24000′ = 7420 Meter,</p> - -<p class="mleft4">die engl. (Statute m.) 5280′ = 1609 Meter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Auf dem Weltmeer ist es doch etwas kühler. Während -diesseits und jenseits die fürchterlichste Hitze wüthete, mass ich -auf dem Schiffe um die Mittagszeit 19° C. im Schatten, in der Nähe -von New-York 22°C. und selbst 23°C. Die Temperatur des Wassers war -13°, aber so lange wir im Golfstrom verweilten, 15–17°. (Zu New-York -<em class="gesperrt">Nachts</em> im Schlafzimmer 22°, zu Washington 30° C, August 1892.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Stets mässig, habe ich während der 65 Seefahrtstage auf -dieser Reise nicht eine einzige Mahlzeit versäumt, wohl aber manche -Gänge. Oliven, wie Sardinen in Oel, Kraut, Thunfisch vermeide ich stets -an Schiffsbord.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Man miethet ihn für 4 Mark und lässt ihn mit seinem Namen -bezeichnen. Früher musste man einen Stuhl kaufen, was auch jetzt noch -zwischen Vancouver und Bombay nothwendig ist.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Phocaena communis, 2–3 Meter lang, lebt gesellig im -nordatlantischen Ocean. Von den Matrosen Meerschwein genannt. (Englisch -porpoise.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Alle halbe Stunden schlägt die Schiffsglocke, um 8½ -Uhr Vormittags 1 Mal, um 9 Uhr 2 Mal und so fort, d. h. um 12 Uhr -Mittags 8 Mal. Dann beginnt das Spiel von vorn, für jede der sechs -Schichten von je 4 Stunden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Besonders im Süden, wo neue Sternbilder auftauchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Ohne dunkles Schutzglas ist die Beobachtung schwierig und -nicht ganz genau.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="horizont" name="horizont"> - <img class="mtop1 mbot3" src="images/i_0022.jpg" - alt="Ausdehnung des Meereshorizontes" /></a> -</div> - -<table class="mleft1" summary="Dreiecksberechnungen"> - <tr> - <td class="tdr"> - (<i>a</i>+<i>c</i>)<sup>2</sup> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - <i>b</i><sup>2</sup>+<i>c</i><sup>2</sup>. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - <i>b</i><sup>2</sup> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - <i>a</i><sup>2</sup>+2<i>a</i><i>c</i> oder, da <i>a</i><sup>2</sup> - gegen 2<i>c</i><i>a</i> verschwindet, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - <i>b</i> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - √<span class="btop">2<i>c</i>×<i>a</i></span> - </td> - </tr> -</table> - -<p>2<i>c</i>, der Erddurchmesser, ist 1900×24000′ = 45000000′.</p> - -<p class="mleft3">√<span class="btop">2<i>c</i></span> = 6500′ = 1 Seemeile.</p> - -<p class="mleft4"><i>b</i> = 6500′ · √<span class="btop"><i>a</i>′</span> = √<span class="btop"><i>a</i>′</span> in Seemeilen.</p> - -<p>Ist unsere Erhebung über den Wasserspiegel</p> - -<table class="mleft3" summary="Erhebung über Wasserspiegel"> - <tr> - <td class="tdc"> - a - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 9 - </td> - <td class="tdc"> - Fuss, - </td> - <td class="tdc"> - so - </td> - <td class="tdc"> - wird - </td> - <td class="tdc"> - <i>b</i> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 3 - </td> - <td class="tdc"> - Seemeilen. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - a - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 25 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - <i>b</i> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 5 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - a - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 36 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - <i>b</i> - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdr"> - 6 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> -</table> - -<p>Diese <em class="gesperrt">angenäherte</em> Formel ist leichter zu behalten, als die -genauere, welche ich später in <em class="gesperrt">Breusing’s</em> Steuermannskunst -(Bremen 1890, Seite 184) gefunden. [<i>b</i> = 3568 Meter×√<span class="btop"><i>a</i></span>.]. -Unser „Handbuch der Navigation, herausgegeben vom Reichs-Marineamt -(Berlin 1891)“ enthält die folgenden <em class="gesperrt">genauen</em> Angaben, mit denen -meine angenäherten genügend stimmen.</p> - -<table summary="Augeshöhe vs. Sichtweite"> - <tr> - <td class="tdc"> - Augeshöhe - </td> - <td class="tdc"> - Sichtweite - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - M. - </td> - <td class="tdc"> - Sm. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> -  3 - </td> - <td class="tdc"> - 3,6  - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> -  8 - </td> - <td class="tdc"> - 5,89 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - 12 - </td> - <td class="tdc"> -  7,21 - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc" colspan="2"> -  . . . . . . . . . - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - 33 - </td> - <td class="tdc"> - 11,95 - </td> - </tr> -</table> - -<p>Hat der gesehene Punkt <i>P</i> die Erhöhung α und unser Auge -diejenige von <i>a</i>; so ist die Gesammtentfernung <i>AP</i> = <i>b</i> + β -= √<span class="btop"><i>a</i>′</span> + √<span class="btop">α′</span>.</p> -<p> -Ist α = 100′ (Mastspitze), <i>a</i> = 25′; so sieht man <i>P</i> doch -nicht auf 10 + 5 = 15 Seemeilen, weil die Mastspitze zu wenig sich -abhebt. Aber Leuchtfeuer werden auf 20 bis 30 Seemeilen gesehen, — -jedoch nicht auf 75, wie der prahlerische Reisende dem rechnenden -vergeblich weiss zu machen sucht. Denn 5000′ hoch stellt man kein -Leuchtfeuer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Von P. Dörffel, Berlin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Damals ahnten wir noch nicht, wie berüchtigt die -Einwohner durch selbstsüchtige, feige Roheit einige Wochen später, zur -Cholerazeit, sich machen sollten: mit Dolchen, Revolvern, Flinten, -Aexten hinderten sie die Landung der Reisenden, welche von der -amerikanischen Regierung dorthin geschickt worden waren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Mein Brief, der meine Erlebnisse auf dem Dampfer meldete, -wurde, mit deutschen Briefmarken ausgestattet, in den deutschen -Postbriefkasten an Bord unseres Schiffes geworfen. Wir haben einen -Postbeamten an Bord, der die nach Deutschland bestimmten Briefe sofort -im Hafen auf einen heimkehrenden Postdampfer befördert, (wozu in -New-York an jedem Tag Gelegenheit sich bietet,) so dass mein Schreiben -nach 10 Tagen in Berlin sein kann. Meine glückliche Ankunft brauche -ich nicht nach Hause zu telegraphiren. Sowie wir in Sandyhook sichtbar -geworden, ist die Nachricht durch den Draht nach New-York, und von hier -nach Bremen und Berlin befördert worden. Zehn Minuten nach Ankunft -des Telegramms in Berlin hat die Gesellschaft des norddeutschen Lloyd -dasselbe in mein Haus zu den Meinigen gesendet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Da ich diesmal nur New-York, Washington, Baltimore, -Philadelphia besucht; so verzichte ich auf eine genaue Schilderung der -Reise durch die <em class="gesperrt">Vereinigten Staaten</em> und verweise den Leser auf -mein Büchlein: „<em class="gesperrt">Von New-York nach S. Francisco</em>“ (Leipzig 1888), -wo er eine Schilderung der amerikanischen Eisenbahnen, der Städte -Chicago, St. Paul und Minneapolis, Portland, S. Francisco, Mormon City, -Denver, ferner vom Niagarafall, vom Nationalpark und vom Yosemite-Thal -finden kann.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Canadian Pacific Railroad, C. P. R.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Das ist allerdings auch mit der nördlichen Pacificbahn -durchführbar.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Vgl. die Schrift „Canadian Pacific Railway“.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Day-line.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> „No European river is so lordly in its bearing.“ Das ist -amerikanische Ausdrucksweise. (Spread eagle style.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> West-shore und N. Y. Central.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Es ist nicht angebracht, an dieser Stelle den Niagara zu -beschreiben. Meine eigene Schilderung findet der geneigte Leser in dem -letzten Kapitel des obenerwähnten Büchleins.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> An Bord des Dampfers ist weder Bier noch Wein, ja nicht -einmal Selterswasser zu haben! Das ist gesundheitswidrig, übertrieben -und heuchlerisch.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Auf der Meeresfahrt haben sie sich <em class="gesperrt">nicht</em> bewährt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Rapids.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Im Jahre 1890 gingen durch S. St. M. 8,4 Millionen -Tonnen; durch den Suezcanal 6,9. Aber die Waaren, die den letzteren -passiren, sind kostbarer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Das ist ebenso, wie in den Vereinigten Staaten. Vgl. mein -Büchlein, S. 14.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Natürlich ist das auch in den Vereinigten Staaten -möglich. Aber dort werden Erschwerungen der Einwanderung geplant, und -die socialen Streitigkeiten sind gelegentlich recht unangenehm. Als -ich durch Buffalo kam, war die Eisenbahn von Soldaten besetzt, da die -Ausständigen die Wagen anzuzünden suchten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Three sisters.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Bow river.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Hot Springs.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Grand View.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Devils lake oder Minnewonka.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Great Divide.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Mitten im Urwald liest man an den Bäumen die Ankündigung: -„Werthvolles Land preiswürdig zu verkaufen.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Flächeninhalt des stillen (grossen) Oceans 160 Millionen -qkm, des atlantischen 80, des indischen 73, des südlichen Eismeeres 20, -des nördlichen 15, der Erdoberfläche 509, der fünf Erdtheile nebst den -beiden Polargebieten 135.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Occidental and Oriental Steamship Co.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> An der Nordwestecke der Vereinigten Staaten (Washington, -Oregon) ist man neidisch auf das Aufblühen von Vancouver und gründet -eine neue „pacifische“ Eisenbahnlinie mit Anschluss für Yokohama.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Beaver.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Inlet, eine nur durch eine schmale Strasse mit dem -Pugetsund zusammenhängende Bucht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Ich hatte in New-York meine Fahrkarte von dort bis -Yokohama gekauft (für 276 Dollar) und die schriftliche Versicherung -einer eignen Cajüte erhalten. — Wie anders, als bei der Gesellschaft -Florio-Rubattino, auf deren Schiffen ich sowohl zu Tunis wie auch zu -Neapel die bezahlte Cajüte für meine Frau und mich erst durch ein -besonderes Trinkgeld an Schiffsbord erlangen konnte!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> <em class="gesperrt">Boy</em> heisst er, von Vancouver bis Bombay.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Number one, Number two u. s. w. — Zwei mal zwei -amerikanische Dollar zahlt der anständige Reisende für die Aufwartung -von Vancouver bis Yokohama, und noch einige Kleinigkeiten dazu.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> „You <em class="gesperrt">will</em> fight with Russia, — when the Russian -have occupied London, not earlier.“ Solche Aussprüche kennzeichnen den -wagehalsigen Character der üblichen Kannegiessereien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Die Chinesische Regierung zieht Europäer als Zollbeamte -vor.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Mercator’s Projection.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Es sind da zwei verschiedene Kurse für Hin- und Rückfahrt -gezeichnet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> 24×60 = 1440. -</p> - -<table class="mleft2" summary="Division Fußnote 72"> - <tr> - <td class="tdc bbot"> - 1444 - </td> - <td class="tdc vam" rowspan="2"> - = - </td> - <td class="tdc vam" rowspan="2"> - 4. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdc"> - 360 - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Ich schreibe dies in der Hoffnung, dass durch -Veröffentlichung dieser haarsträubenden Schäden eine Besserung -angebahnt werde. Im vorigen Jahrhundert wurden Auswandrer zu Schiff von -Europa nach Amerika befördert, ohne dass der Capitän die Verpflichtung -übernahm, sie zu verpflegen; gelegentlich sprang ein Unglücklicher -mit Weib und Kind über Bord, um dem Hungertod zu entgehen. Dies ist -gesetzlich abgestellt. Aber die Eisenbahngesellschaften dürfen noch -heute Auswandrer elf Tage hindurch befördern, ohne für ihre Verpflegung -Sorge zu tragen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Ich gebe, aus leicht begreiflichen Gründen, nicht die -wirklichen Namen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Für den Forschungsreisenden ist das -<em class="gesperrt">Lichtbildgeräth</em> gewiss unentbehrlich, für den -Vergnügungsreisenden eine Last. Allenthalben kann man weit bessere -Lichtbilder <em class="gesperrt">kaufen</em>. Im Nationalpark von Yellowstone stellte -ein Amerikaner den Ausbruch des Bienenkorb-Geisers ein, ohne das -überraschende Naturschauspiel mit seinen Augen zu sehen. In Indien sah -ich eine Sammlung von Lichtbildern japanischer und indischer Tempel; -die <em class="gesperrt">Gattin</em> des Amerikaners war auf <em class="gesperrt">jedem</em> Bilde zu -erkennen, die Tempel viel weniger.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Portugiesen heissen im Osten die Mischlinge, die in den -beiden Colonien <em class="gesperrt">Macao</em> (China) und <em class="gesperrt">Goa</em> (Indien) leben -und nur wenig portugiesisches Blut besitzen. Die meisten sind in -untergeordneter Stellung, Führer, Aufwärter zu Wasser und zu Lande, -Handwerker; wenige Gasthofsbesitzer und Kaufleute, Aerzte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Die Untersuchung ist eingehend, aber höflich und ehrlich. -Wie viel höflicher sind diese Beamten, als die in New-York und in Ala -gegen Jedermann und als die zu Paris gegen Reisende, deren Koffer -die Aufschrift Berlin trägt? Wie viel ehrlicher sind sie als die zu -Konstantinopel, die den Koffer nicht durchwühlen, wenn man ihnen zwei -Francs überreichen lässt, oder die zu Smyrna, die unsere Waschgeräthe -auf die Strasse packen und darnach Bakschisch heischen?</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Die Werke, die ich auf der Seereise, z. Th. auch in -Japan, gelesen oder durchgesehen, und denen ich zu grossem Danke -verpflichtet bin, sind die folgenden: -</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>1. Handbook f. travellers in Japan by B. H. Chamberlain & W. B. -Mason. London 1891.</p> - -<p>2. Things Japanese, by B. H. Chamberlain, London 1891. (Geistreich -und witzig.)</p> - -<p>3. Japanese houses by Morse, London 1888.</p> - -<p>4. The real Japan. By H. Norman, London 1892. (Gut, aber eine -Partei-Schrift.)</p></div> - -<p>Dazu kamen noch <em class="gesperrt">später</em>, zu Hause:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>5. <em class="gesperrt">Rein</em>, Japan, Leipzig 1881–1886. (Unbestritten das -<em class="gesperrt">Hauptwerk</em> über Japan.)</p> - -<p>6. Die preussische Expedition nach Ostasien. Nach amtl. Quellen. -Berlin 1864. (Königl. G. Oberhofbuchdruckerei.)</p> - -<p>7. <em class="gesperrt">Exner</em>, Japan, Leipzig 1891.</p> - -<p>8. <em class="gesperrt">Netto</em>, Papierschmetterlinge aus Japan, Leipzig 1888. (Das -beste volksthümliche Buch über Japan.)</p> - -<p>9. <em class="gesperrt">Wernich</em>, Geogr. med. Studien, Berlin 1878.</p> - -<p>10. <em class="gesperrt">G. Bousquet</em>, Le Japon de nos jours, Paris -1877.</p></div> - -<p>Ferner E. <em class="gesperrt">Kämpfer</em>, Japon, Lemgo, 1777, sowie einige Abhd. d. -<em class="gesperrt">deutsch. ostas. Gesellsch.</em>, und auch der englischen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Nach chinesischen Annalen drangen um 1200 vor Chr. -tatarische Stämme nach Korea und den östlichen Inseln vor.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Die Photographien der Japaner sind eigentlich besser und -billiger, als die unsrigen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Die Chinesin und Malayin gefällt dem europäischen Auge -minder; selbst die Hindufrau ist trotz der „arischen“ Abstammung nicht -anmuthend für uns.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Struppiges Haar, das man bei Frauen und Mädchen in -Südchina und Vorderindien oft genug sieht, habe ich bei keiner -Japanerin gefunden, auch nicht bei einer Bäuerin oder Bettlerin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Dies gilt für die Samurai (Adligen), welche <em class="gesperrt">früher</em> -in dem Gürtel links <em class="gesperrt">zwei Schwerter</em> trugen. — Was heutzutage im -Gürtel der Japaner wie ein Dolch in der Scheide aussieht, ist — ein -Besteck für die Tabakspfeife.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Früher waren sehr abenteuerliche üblich: Kappen, -wie die der Lazzaroni; Deckel, wie die Cerevis unserer Studenten. -Heutzutage tragen manche bei japanischem Gewand europäische Fuss- und -Kopfbedeckung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Mikado heisst <em class="gesperrt">hohe Pforte</em>, <em class="gesperrt">Tenno hoher -König</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> <em class="gesperrt">Shogun</em> heisst Obergeneral. Die Europäer setzten -irrthümlich <em class="gesperrt">Taikun</em>. Aber <em class="gesperrt">Taikô</em> oder Taikô-sama wurde -<em class="gesperrt">Hideyoshi</em> (1591 n. Chr.), nachdem er vom Bauernsohn zum -Herrscher von Japan sich emporgeschwungen, zum Zeichen seiner -<em class="gesperrt">Rangerhöhung</em>, benannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Dai = gross, mijo = Name.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Wörtlich <em class="gesperrt">Wächter</em> (nämlich der Fürsten). 1878 wurde -zur Bezeichnung des niederen Adels das chinesische Wort <em class="gesperrt">Shizoku</em> -eingeführt. — Heutzutage giebt es höheren Adel (kwaziku), niederen -(shizoku) und Volk (heimin). Die beiden ersten Classen machen 5 Procent -der Bevölkerung aus. Jeder Bürger muss seinen Namen und Stand auf einem -Holztäfelchen am Hauseingang anbringen, auch die im Innern des Landes -lebenden Europäer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, der sich hauptsächlich auf -<em class="gesperrt">Satow</em> stützt. (Things Japanese. London 1891, 314 fgd.)</p> - -<p>Rein, Japan, Leipzig 1881, I, S. 513 fgd.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Auch bei den alten Aegyptern wird das Opfer für den -Todten als königliches Geschenk bezeichnet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Lehrer aus der Familie Çakya. (Nach Andern Einsiedler von -Çakya?)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> In einem kleinen Orte Schottlands sah ich die drei -Kirchen dreier verschiedener Secten: aber an jeder war die gleiche -Inschrift: „Nach dem Gottesdienst findet eine Geldsammlung statt.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Wir nennen ihn Confucius, und Mencius seinen Schüler -<em class="gesperrt">Moschi</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Ein fast 2000 Jahre altes Buch des <em class="gesperrt">Cho-kiu-kei</em>, -des chinesischen Hippocrates.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> <em class="gesperrt">Rein</em>, Japan, I. Abschnitt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Uebrigens ist es eine <em class="gesperrt">Missheirath</em>. Die Fichte ist -in Japan so herrlich, wie irgendwo in der Welt; die Palme klein und -verkümmert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> 1883 zählte die Stadt 80000 Einwohner mit 4000 Fremden. -Unter letzteren waren 2681 Chinesen mit 150 Firmen, 595 Engländer -mit 55 Firmen, 253 Nordamerikaner mit 27 Firmen, 160 Deutsche mit 22 -Firmen, 109 Franzosen mit 15 Firmen. 1890 waren es 720 Engländer, 257 -Amerikaner, 201 Deutsche, 120 Franzosen. Der Einfluss der deutschen -Kaufleute ist in stetiger Zunahme begriffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Der fünfte, Niigata, an der Ostküste von Nippon, steht -nur auf dem Papier der Verträge, da fremde Schiffe, wegen der Sandbarre -an der Flussmündung, nicht in den Hafen gelangen können.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Japans gesammte Ausfuhr betrug 70, die Einfuhr 66 -Millionen Yen im Jahre 1889.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Beide Verkehrsanstalten sind in vorzüglicher Ordnung. -Depeschengebühr nach Europa für das Wort ungefähr 9 Mark. Nach 24 -Stunden hat man die Antwort. Sie wurde mir, ohne dass ich es verlangt -hatte, nach Nikko nachdepeschirt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Bund oder Bunder heisst Uferstrasse.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Man zählt in Japan durchschnittlich 66 Erdbeben im -Jahre.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Ich sah solche Prachtstücke in anatomischen Sammlungen -Japans.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> Hori-mono = tätowiren, und horu, graben; mono, ein Ding.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> 10000 Pfd. Sterl. kostete die Meile mit englischen -Ingenieuren, später 3600 mit japanischen. Bis 1882 baute die Regierung -allein. 1890 gab es 551 englische Meilen Staatsbahn, 569 Privatbahn, -etwa 700 Meilen waren in Bau, und ebensoviele in Aussicht genommen. -Wie gewaltig ist auch in dieser Hinsicht das ungeheure China von dem -thatkräftigen Japan überholt! — Es giebt mehrere kleine und eine -grosse japanische <em class="gesperrt">Dampfschifffahrts-Gesellschaft</em> (Nippon Yusen -Kwaisha), die nicht bloss die japanischen Häfen, sondern auch Shanghai -anläuft.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> Jeder Japaner, ob hoch oder niedrig, nimmt täglich (oder -mindestens zwei Mal in der Woche) ein heisses Bad (Yu, von 38–45° C.), -das in den öffentlichen Anstalten etwa 2 Pfennige kostet. Professor -<em class="gesperrt">Bälz</em> hat auf Grund einer 16jährigen Erfahrung die Vorzüge dieser -heissen Bäder hervorgehoben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_107_107" id="Fussnote_107_107"></a><a href="#FNAnker_107_107"><span class="label">[107]</span></a> 4 Yen den Tag für die ganze Verpflegung mit grossem -Zimmer im ersten Stockwerk.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_108_108" id="Fussnote_108_108"></a><a href="#FNAnker_108_108"><span class="label">[108]</span></a> <em class="gesperrt">Odawara hyōgi.</em> Die Hojo-Daimio’s beriethen -1590 n. Chr. im Schloss zu Odawara, ob sie ausfallen und angreifen -oder auf die Vertheidigung sich beschränken sollten. Ehe sie zu einer -Entscheidung kommen konnten, stürmte <em class="gesperrt">Hideyoshi</em> das Schloss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_109_109" id="Fussnote_109_109"></a><a href="#FNAnker_109_109"><span class="label">[109]</span></a> 1 Yen Gehalt, 1 Zehrung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_110_110" id="Fussnote_110_110"></a><a href="#FNAnker_110_110"><span class="label">[110]</span></a> In dem Budget des Kaiserreiches Japan für 1889/90 sind -die Ausgaben für die Polizei mit 382554 Yen angesetzt. (Unsere gute -Stadt Berlin hat 4000000 Mark jährlich für die Polizei beizusteuern.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_111_111" id="Fussnote_111_111"></a><a href="#FNAnker_111_111"><span class="label">[111]</span></a> In Japan werden sie jetzt als „Fremde“ bezeichnet. Hier -müssen die Herren Engländer sich selbst „foreigners“ nennen, ein Titel, -mit dem sie in Europa alle Nichtengländer — beehren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_112_112" id="Fussnote_112_112"></a><a href="#FNAnker_112_112"><span class="label">[112]</span></a> Mit dem <em class="gesperrt">Gold</em> sind die Japaner schlecht gefahren. -Im 15. Jahrhundert n. Chr. galt 1 Theil Gold = 9½ Silber, 1765 1 -Gold = 11,35 Silber, 1855–1860 1 Gold = 4,6 Silber. So verschwand -das Gold aus dem Lande. Und da nunmehr die Regierung den Preis der -Goldmünzen höher ansetzte, als ihr Werth in Europa war; so erhielt sie -den noch nicht eingeschmolzenen Rest zurück und machte wieder Schaden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_113_113" id="Fussnote_113_113"></a><a href="#FNAnker_113_113"><span class="label">[113]</span></a> Bekanntermassen ist der Silberdollar der Vereinigten -Staaten genau ebenso gross und schwer und von demselben Feingehalt, -gilt aber 4 Mark 20 Pfennig — wegen des Credits der Vereinigten -Staaten. Aber im gewöhnlichen Verkehr Ostasiens gelingt es nicht, -diesen höheren Preis zu erzielen. [Wenige Monate, nachdem ich dies -geschrieben, ist der <em class="gesperrt">Silbersturz</em> erfolgt.]</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_114_114" id="Fussnote_114_114"></a><a href="#FNAnker_114_114"><span class="label">[114]</span></a></p> - -<p> -1 Mon = 0,01 Sen = 0,03 Pfennig.<br /> -4 Mon = 0,04 Sen = 0,12 Pfennig.<br /> -</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_115_115" id="Fussnote_115_115"></a><a href="#FNAnker_115_115"><span class="label">[115]</span></a> Die Staatsschuld betrug 1889 gegen 300 Millionen Yen, -darunter gegen 50 Millionen Banknoten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_116_116" id="Fussnote_116_116"></a><a href="#FNAnker_116_116"><span class="label">[116]</span></a> Sha = Wagen, chinesisch. Oft hört man nur diese -Silbe ausrufen. (Japanisch heisst der Wagen Kuruma.) Die Engländer -schneiden dem Wort den Kopf ab und zerquälen die Selbstlauter, bis sie -<em class="gesperrt">rikshaw</em> fertig bringen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_117_117" id="Fussnote_117_117"></a><a href="#FNAnker_117_117"><span class="label">[117]</span></a> H. Meyer wurde im Winter bei 3° in 4 Stunden 46 km weit -gezogen!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_118_118" id="Fussnote_118_118"></a><a href="#FNAnker_118_118"><span class="label">[118]</span></a> Ganz anders in Indien. Von Abu Road nach Abu Mountain -(16 englische Meilen) befördert uns die Jinrikisha in sechs Stunden. -Sechs Mann sind dabei thätig. Als ich ein Drittel des Weges gemacht, -versuchten sie, mir einen schlechtgesattelten Ponny aufzuschwatzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_119_119" id="Fussnote_119_119"></a><a href="#FNAnker_119_119"><span class="label">[119]</span></a> -Als ich 1890 mit meiner Frau <a name="vorstadt" id="vorstadt"></a>in der Vorstadt Pankaldi, -wo wir unser Mittagsmahl in einer befreundeten Familie genommen, Abends -nach Pera zurückfuhr, setzte sich mein Wirth mit gespanntem Revolver -auf den Kutscherbock.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_120_120" id="Fussnote_120_120"></a><a href="#FNAnker_120_120"><span class="label">[120]</span></a> <em class="gesperrt">Tenno Mutsu Hito</em>, geb. 1852, regiert seit 1868 -mit Eifer und Weisheit. Als die Kammern kürzlich die Panzerschiffe -nicht bewilligten, sagte er: „Die Worte sind überflüssig. Die Schiffe -müssen gebaut werden. <em class="gesperrt">Ich</em> steuere aus meinem Privatvermögen -600000 Yen bei.“ Ebensoviel gab er für den Biwa-Canal. (Die Civilliste -betrug 1889/90 3½ Millionen Yen, doch sind Apanagen und Tempel auf -sie angewiesen. — Staatseinnahmen 76½ <em class="gesperrt">Millionen Yen</em>, 42 aus -Grundsteuer, 14 vom Schnaps (Sake), 4 Zölle. Ausgaben 76½ Millionen -Yen, 20 für Staatsschuld, 12 Ministerium des Krieges, 6 der Marine.) -Als ein Reiterstandbild des Kaisers auf der Niju-Brücke vorgeschlagen -wurde, verwarf er den Plan, damit nicht die Fremden unter den Füssen -eines Pferdes hindurch in den Palast kommen müssten. Er hat, nach altem -Gebrauch, seiner Regierungszeit einen besonderen Namen gegeben, und -zwar Mei-ji, d. h. erleuchteter Frieden. Verschiedene Briefe meiner -japanischen Freunde aus dem Jahre meiner Reise (1892) sind datirt: -Im Jahre 25 Mei-ji. Seit dem Jahr 1873 ist unser Kalender in Japan -angenommen, statt der schwerfälligen und zusammengesetzten Zeitrechnung -der Chinesen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_121_121" id="Fussnote_121_121"></a><a href="#FNAnker_121_121"><span class="label">[121]</span></a> „Das Feuer ist die Blume Tokyo’s.“ Japanisches -Sprichwort.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_122_122" id="Fussnote_122_122"></a><a href="#FNAnker_122_122"><span class="label">[122]</span></a> Im Gegensatz zu Saikyo, östliche Hauptstadt, d. i. -Kyoto.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_123_123" id="Fussnote_123_123"></a><a href="#FNAnker_123_123"><span class="label">[123]</span></a> Und der anderen japanischen Städte. Dieselben sehen sich -zum Verwechseln ähnlich, soweit nicht ein altes Schloss ihnen Eigenart -verleiht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_124_124" id="Fussnote_124_124"></a><a href="#FNAnker_124_124"><span class="label">[124]</span></a> <em class="gesperrt">Rein</em> I, 480.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_125_125" id="Fussnote_125_125"></a><a href="#FNAnker_125_125"><span class="label">[125]</span></a> Das ganze <em class="gesperrt">Clubhaus</em> kann in <em class="gesperrt">eine</em> Halle -umgewandelt werden, wenn die Zahl der Gäste dies erfordert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_126_126" id="Fussnote_126_126"></a><a href="#FNAnker_126_126"><span class="label">[126]</span></a> Das japanische Papier, aus dem Rindenbast des -Maulbeerbaumes, ist zäh und zerfliesst nicht im Wasser. Beim Schreiben -braucht man kein Löschblatt. Es ist brauchbar als Fensterabschluss; mit -Firniss behandelt, wird es lederartig: mit Oel getränkt, wasserdicht, -zu Regenmänteln. Werth der japanischen Papierfabrikation 5 Millionen -Yen 1887, der Ausfuhr 244000 Yen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_127_127" id="Fussnote_127_127"></a><a href="#FNAnker_127_127"><span class="label">[127]</span></a> Ein englischer Arzt in Kyoto überreichte mir eine -„Denkschrift zur Verhütung der Kurzsichtigkeit unter den höheren -Classen,“ worin er die Fenster aus Papier tadelt und solche aus Glas -empfiehlt. Aber es ist unmöglich, diese für 40 Millionen Menschen -augenblicklich zu beschaffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_128_128" id="Fussnote_128_128"></a><a href="#FNAnker_128_128"><span class="label">[128]</span></a> Schlafgewand, Matratze und <em class="gesperrt">Halsschemel</em> (makuro) -mit Schlummerrolle, besonders für die Frauen, um den Kopfputz zu -schonen. Ich sah dies seltsame Möbel auch in Krankenhäusern.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_129_129" id="Fussnote_129_129"></a><a href="#FNAnker_129_129"><span class="label">[129]</span></a> Japanese houses by <em class="gesperrt">Morse</em>, London 1888, (Sampson -Low, Fleetstreet).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_130_130" id="Fussnote_130_130"></a><a href="#FNAnker_130_130"><span class="label">[130]</span></a> Ich ersuche ihn, erst den Strassenschmutz in New-York, -Chicago, Frisco mit der Nase zu prüfen und dann nach Berlin zu kommen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_131_131" id="Fussnote_131_131"></a><a href="#FNAnker_131_131"><span class="label">[131]</span></a> Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen -aber, wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere -Bedeutung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_132_132" id="Fussnote_132_132"></a><a href="#FNAnker_132_132"><span class="label">[132]</span></a> <em class="gesperrt">Harakiri</em> heisst Bauch-Schnitt; den Japanern -scheint das chinesische Wort <em class="gesperrt">seppuku</em> gewählter, wie manchem -meiner Fachgenossen — <em class="gesperrt">Laparotomie</em>.</p> - -<p>Im Mittelalter eine Sitte der besiegten Krieger, die nicht -in Feindeshand fallen wollten, wurde es um 1500 n. Chr. ein -<em class="gesperrt">Vorrecht</em> der Daimio und Samurai, um, zur Todesstrafe -verurtheilt, dem Henker zu entgehen, — gerade wie früher in manchen -Ländern <em class="gesperrt">Europa’s</em> wohl der Edelmann enthauptet, der Bürger -gehängt wurde.</p> - -<p>Hinter dem japanischen Edelmann stand sein Freund; sowie der erste den -Dolch in den Leib stiess, hieb der zweite ihm mit scharfem Schwert das -Haupt ab.</p> - -<p>Harakiri als Strafe ist abgeschafft, als Selbstmord kommt es noch -vor. 1881 hat ein junger Officier aus Yezo im Tempel von Saitokuji zu -Tokyo, an dem Grabe seiner Ahnen, so den Tod gesucht und gefunden, um -durch die That sein Vaterland auf die von den Russen drohende Gefahr -eindringlicher aufmerksam zu machen, als seine Worte es vermocht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_133_133" id="Fussnote_133_133"></a><a href="#FNAnker_133_133"><span class="label">[133]</span></a> Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An -dem Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die -weisen und klugen Männer gestatten nicht, dass man mit ihm zusammen -unter dem Himmel lebe. Wenn Jemand Rache nehmen will, so ist in -den Registern des Gerichtshofes nach Jahr und Monat der Zeitpunkt -festzusetzen, bis zu dem er seine Absicht auszuführen hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_134_134" id="Fussnote_134_134"></a><a href="#FNAnker_134_134"><span class="label">[134]</span></a> Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel: -Eine junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über -der Schulter, schrieb Liebeslieder und hing sie an die Zweige des -Kirschbaums.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Tragen möcht’ ich ein Kleid, wie die Blüthe der Kirschen gefärbet;</div> - <div class="verse">Sind erst die Blumen verwelkt, mahnt es mich später an sie.“</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse tdr mright1">(Japan. Liedersammlung, übersetzt von Dr. Lange.)</div> - </div> - </div> -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_135_135" id="Fussnote_135_135"></a><a href="#FNAnker_135_135"><span class="label">[135]</span></a> Dieselbe Beobachtung machte ich in den Museen von -Hongkong, Calcutta, Bombay.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_136_136" id="Fussnote_136_136"></a><a href="#FNAnker_136_136"><span class="label">[136]</span></a> Auch die alten Aegypter gaben der Mumie kleine -Thon-Figuren mit ins Grab, die sogenannten <em class="gesperrt">Stellvertreter</em> -(„wòsbt“), die in den elysäischen Gefilden des Jenseits für den -Todten die Arbeit leisten sollten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_137_137" id="Fussnote_137_137"></a><a href="#FNAnker_137_137"><span class="label">[137]</span></a> Es ist das immerhin nicht so schlimm gewesen, wie die -Mittel der spanischen Inquisition.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_138_138" id="Fussnote_138_138"></a><a href="#FNAnker_138_138"><span class="label">[138]</span></a> In dieser Künstelei leistet die japanische Gärtnerei -geradezu Erstaunliches.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_139_139" id="Fussnote_139_139"></a><a href="#FNAnker_139_139"><span class="label">[139]</span></a> Bis Yokohama hatten meine Havanna’s gereicht. In Japan -giebt es billige Manilla-Cigarren, wie wir sie bei uns kaum kennen, von -der Form der Havanna-Cigarren und den geringeren Sorten derselben an -Güte nur wenig nachstehend; das Stück kostet 15 Pfennige. — Dass der -gebildete Japaner dem Gast das eigne Tabakspfeifchen aufnöthige, ist -eine Fabel.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_140_140" id="Fussnote_140_140"></a><a href="#FNAnker_140_140"><span class="label">[140]</span></a> <em class="gesperrt">West-Haupt-Gebet-Tempel.</em> In der späteren -Beschreibung von Kyoto folgen einige Bemerkungen über Tempel und Secten -der Buddhisten in Japan.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_141_141" id="Fussnote_141_141"></a><a href="#FNAnker_141_141"><span class="label">[141]</span></a> Auch unsere geliebten Griechen waren in diesem Punkte -nicht viel klüger. Beim Hippocrates steht ein unsinniger Satz, von dem -wir jetzt wissen, dass die Griechen ihn von den alten Aegyptern sich -einreden liessen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_142_142" id="Fussnote_142_142"></a><a href="#FNAnker_142_142"><span class="label">[142]</span></a> Jetzt sind dieselben, in kleinerem Maassstab, für den -Hausgebrauch, auch bei uns eingeführt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_143_143" id="Fussnote_143_143"></a><a href="#FNAnker_143_143"><span class="label">[143]</span></a> Nikko = Sonnen-Glanz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_144_144" id="Fussnote_144_144"></a><a href="#FNAnker_144_144"><span class="label">[144]</span></a> Das japanische Maass ist <em class="gesperrt">Koku</em> = 180 Liter, im -Werth von 2½-5 Dollar. (Das Einkommen des Daimio betrug jährlich -10000 Koku Reis und bei den mächtigsten sogar 1 Million Koku.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_145_145" id="Fussnote_145_145"></a><a href="#FNAnker_145_145"><span class="label">[145]</span></a> Vgl. Von „New-York nach S. Francisco“, Leipzig, 1888, S. -195.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_146_146" id="Fussnote_146_146"></a><a href="#FNAnker_146_146"><span class="label">[146]</span></a> Naturgetreue Nachbildungen des japanischen Hauses sind -hier am besten zu haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_147_147" id="Fussnote_147_147"></a><a href="#FNAnker_147_147"><span class="label">[147]</span></a> Der Tempel zu Eleusis, dessen Grundlagen jetzt glücklich -freigelegt sind, scheint mir nach ägyptischen Mustern, wenngleich mit -einigen Abweichungen, erbaut zu sein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_148_148" id="Fussnote_148_148"></a><a href="#FNAnker_148_148"><span class="label">[148]</span></a> Wer in <em class="gesperrt">Ostindien</em> eine Moschee betritt, ist im -ersten Augenblick ganz verwirrt, da die Gebetnische nach <em class="gesperrt">Westen</em> -liegt; aber die Richtung (Kibla) muss immer nach Mohammed’s Grab -hinweisen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_149_149" id="Fussnote_149_149"></a><a href="#FNAnker_149_149"><span class="label">[149]</span></a> <em class="gesperrt">Ise</em> (südöstlich von Kyoto, an der Owaribucht) -mit dem Tempel der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu ist das -<em class="gesperrt">Nationalheiligthum der Japaner</em>. Fremde können wohl hinreisen, -bekommen aber nicht viel zu sehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_150_150" id="Fussnote_150_150"></a><a href="#FNAnker_150_150"><span class="label">[150]</span></a> Pagode, angeblich vom indischen bhagurati = heiliges -Haus; richtiger wohl von <em class="gesperrt">Dagoba</em>, Reliquien-Schrein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_151_151" id="Fussnote_151_151"></a><a href="#FNAnker_151_151"><span class="label">[151]</span></a> Kranich und Schildkröte sind Sinnbilder des Glücks und -des langen Lebens.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_152_152" id="Fussnote_152_152"></a><a href="#FNAnker_152_152"><span class="label">[152]</span></a> <em class="gesperrt">Aeolus</em>, der Schaffner der Winde, gab dem Odysseus -einen <em class="gesperrt">Schlauch</em> aus Ochsenhaut, worin er die Sturmwinde fest -eingebunden. (Odyssee, X, 19). Die Uebereinstimmung kann auf Zufall -beruhen. (Aber die Schiffersagen des zehnten Buches der Odyssee waren -wenigstens den Singhalesen auf Ceylon im 4. Jahrhundert n. Chr. -geläufig, da sie dieselben in ihre Chronik hineinflochten.) -</p> -<p> -In einem der Mausoleen sah ich einen Mann aus Bronze als -Laternenträger, dem Entwurf nach ähnlich demjenigen von Pompeji. Aber -ich erschrak förmlich über die ostasiatische Ausführung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_153_153" id="Fussnote_153_153"></a><a href="#FNAnker_153_153"><span class="label">[153]</span></a> Mit der Eisenbahn in 50 Minuten zu erreichen, wenn man -in Ofuna Anschluss an die Zweigbahn findet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_154_154" id="Fussnote_154_154"></a><a href="#FNAnker_154_154"><span class="label">[154]</span></a> Die Bildsäule besteht aus Bronzeplatten, die einzeln -gegossen, dann zusammengeschweisst und schliesslich noch mit dem -Meissel bearbeitet sind. Das Gewicht soll 9000 Centner betragen. Man -kann von hinten in das Innere hineinsteigen. Globetrotter haben früher -sich auf Buddha’s Schooss photographiren lassen. Jetzt steht in der -Nähe eine englische Inschrift: „Wandrer, wer du auch seist, ehre dieses -uralte Heiligthum.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_155_155" id="Fussnote_155_155"></a><a href="#FNAnker_155_155"><span class="label">[155]</span></a> Dazu gehört der Hermes des Praxiteles. — Zu Cairo sagte -mir einst ein englischer Oberst von grosser Reiseerfahrung, er theile -die Menschen in zwei Classen ein, je nachdem sie den Hermes zu Olympia -gesehen oder nicht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_156_156" id="Fussnote_156_156"></a><a href="#FNAnker_156_156"><span class="label">[156]</span></a> Und einen grossen Theil des Gewinnstes vorwegnimmt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_157_157" id="Fussnote_157_157"></a><a href="#FNAnker_157_157"><span class="label">[157]</span></a> Wenigstens in dem der Chinesenstadt zu St. Francisco -sassen die Damen, gleichförmig weiss gekleidet und weiss geschminkt, -steif und wie leblos, zusammen hoch oben auf einer einzigen Galerie. -In dem chinesischen Theater zu Hongkong sah ich nur ganz vereinzelte -Frauen und Mädchen. — Die höheren Stände in Japan erlauben ihren -Töchtern nicht, die gewöhnlichen Theater zu besuchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_158_158" id="Fussnote_158_158"></a><a href="#FNAnker_158_158"><span class="label">[158]</span></a> Im Theater zu Kyoto vermochte der „Führer und -Dolmetscher“ durchaus nicht, den poetischen Namen des Stückes in -verständliches Englisch zu übersetzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_159_159" id="Fussnote_159_159"></a><a href="#FNAnker_159_159"><span class="label">[159]</span></a> Ichikawa Danyūro gilt für den grössten -Schauspieler Japan’s. Seine Darstellungskraft und Gewandtheit ist -bewunderungswürdig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_160_160" id="Fussnote_160_160"></a><a href="#FNAnker_160_160"><span class="label">[160]</span></a> Wie im Theater der alten Griechen und — Shakespeare’s, -so werden auch im japanischen Theater Frauenrollen von Männern -dargestellt. Ebenso im Theater der Chinesen, nicht aber in dem der -Hindu und Parsi. Für das Theater der Japaner ist dies um so seltsamer, -als ihre moderne Bühne, im 17. Jahrhundert, von zwei Frauen (O-Kuri -und O-Tsu) gegründet wurde. — Die erstere war Priesterin, entfloh -mit einem Krieger, verursachte durch ihre Schönheit den Tod eines -Nebenbuhlers, trat mit ihrem Gatten in Yedo auf und wurde nach seinem -Tode erst Lehrerin der Dichtkunst und endlich Nonne, um für die Seele -ihres Opfers zu beten. — Dass Frauen auf der japanischen Bühne nicht -auftreten, wird verschieden erklärt, ein Mal aus Gründen der Sitte, das -andre Mal — weil es den Frauen an Begabung zur Schauspielkunst fehle!</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_161_161" id="Fussnote_161_161"></a><a href="#FNAnker_161_161"><span class="label">[161]</span></a> Aehnlich wie in der Götterdämmerung vor Brunhild’s -Felsgemach.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_162_162" id="Fussnote_162_162"></a><a href="#FNAnker_162_162"><span class="label">[162]</span></a> Das griechische Theater besass bereits eine Maschine -(Ekkyklema), um das Innere eines Hauses, wenn es erforderlich wurde, -nach aussen zu drehen. Vgl. <em class="gesperrt">Aristophanes</em>, die Acharner, -Z. 409. <em class="gesperrt">Euripides</em>: „Man drehe mich heraus.“ (Ἀλλ’ -ἐκκυκλήσομαι).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_163_163" id="Fussnote_163_163"></a><a href="#FNAnker_163_163"><span class="label">[163]</span></a> Gelegentlich sieht man das heutzutage auch auf unserer -Bühne.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_164_164" id="Fussnote_164_164"></a><a href="#FNAnker_164_164"><span class="label">[164]</span></a> J. L. <em class="gesperrt">Klein</em> erklärt, im III. Band seiner so -ausführlichen Geschichte des Drama, die Schauspiele der Japaner für -„matte Abbilder oder groteske Nachahmungen des Theaters der Hindu -oder Chinesen.“ Aber er schrieb 1866, d. h. zu einer Zeit, wo unsere -Kenntniss von Japan noch sehr gering war.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_165_165" id="Fussnote_165_165"></a><a href="#FNAnker_165_165"><span class="label">[165]</span></a> Mit Recht betont er (1866) des Königs Çudraka’s Stück -„Der Kinderwagen“ (aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.), dasselbe Stück, das -wir heutzutage als <em class="gesperrt">Vasantasena</em> so sehr bewundern.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_166_166" id="Fussnote_166_166"></a><a href="#FNAnker_166_166"><span class="label">[166]</span></a> Chamberlain, Things Japanese, S. 412.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_167_167" id="Fussnote_167_167"></a><a href="#FNAnker_167_167"><span class="label">[167]</span></a> Chikamatsu Monzaemon und Takeda Izumo.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_168_168" id="Fussnote_168_168"></a><a href="#FNAnker_168_168"><span class="label">[168]</span></a> Dies Stück ist ins Englische übersetzt und auch einige -No-Dichtungen. Aber wir sind noch weit davon entfernt, den Inhalt des -japanischen Theaters zu kennen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_169_169" id="Fussnote_169_169"></a><a href="#FNAnker_169_169"><span class="label">[169]</span></a> Auch zur Bereitung der beliebten Tunke <em class="gesperrt">Soya</em> -verwendet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_170_170" id="Fussnote_170_170"></a><a href="#FNAnker_170_170"><span class="label">[170]</span></a> Fleisch wird wenig genossen, die Buddhisten verabscheuen -es wegen der Lehre von der Seelenwanderung. 1882 wurden im ganzen -Reich nur 36000 Stück Rindvieh geschlachtet; in Berlin 1890/91: 124593 -Rinder und 115431 Kälber. Der Fisch wurde in Japan nothgedrungen von -der Seelenwanderung ausgenommen. Das Meer von Japan wie seine süssen -Gewässer wimmeln von Fischen, da der Räuber Hecht fehlt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_171_171" id="Fussnote_171_171"></a><a href="#FNAnker_171_171"><span class="label">[171]</span></a> Arbeiten aus der K. jap. Militärärztlichen Lehranstalt. -I, 1. 1892.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_172_172" id="Fussnote_172_172"></a><a href="#FNAnker_172_172"><span class="label">[172]</span></a> Vergl. die Erörterung bei J. <em class="gesperrt">Munk</em>, Virchow’s -Arch. B. 132, S. 150. Bei uns braucht der Arbeiter täglich 110 -g Eiweiss, 56 g Fett und 500 g Kohlehydrat. (J. <em class="gesperrt">Munk</em> & -<em class="gesperrt">Uffelmann</em>: „Die Ernährung“. 2. Aufl. 1891. S. 346.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_173_173" id="Fussnote_173_173"></a><a href="#FNAnker_173_173"><span class="label">[173]</span></a> Ebendaselbst. S. 329.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_174_174" id="Fussnote_174_174"></a><a href="#FNAnker_174_174"><span class="label">[174]</span></a> Victor Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere. 5. Aufl. -Berlin 1887. S. 406.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_175_175" id="Fussnote_175_175"></a><a href="#FNAnker_175_175"><span class="label">[175]</span></a> Die getuschten Lichtbilder von Land und Leuten, die -man in Tokyo, Yokohama, Kobe kaufen kann, sind eigentlich besser und -billiger, als die unsrigen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_176_176" id="Fussnote_176_176"></a><a href="#FNAnker_176_176"><span class="label">[176]</span></a> Man könnte es „Aller-Seelen-Tempel“ übersetzen. -(Chinesisch sho = einladen, kon = Geist, sha = Tempel.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_177_177" id="Fussnote_177_177"></a><a href="#FNAnker_177_177"><span class="label">[177]</span></a> Die japanische Regierung hatte <em class="gesperrt">bereits</em> 1869 die -preussische gebeten, ihr einige tüchtige militärärztliche Kräfte zu -überlassen. Die Herren Oberstabsarzt Dr. <em class="gesperrt">Müller</em> und Stabsarzt -Dr. <em class="gesperrt">Hoffmann</em> kamen, da ihre Abreise durch den Krieg verzögert -ward, im August 1871 in Yedo an.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_178_178" id="Fussnote_178_178"></a><a href="#FNAnker_178_178"><span class="label">[178]</span></a> Kitsune-tsuki. — Es giebt auch auf dem Lande -Fuchs-Eigner (Kitsune-mochi), schlaue Betrüger, welche den Aberglauben -zu unrechtmässigem Vortheil ausbeuten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_179_179" id="Fussnote_179_179"></a><a href="#FNAnker_179_179"><span class="label">[179]</span></a> Ist es doch noch nicht lange her, dass wir sogar in -unserem Vaterland von Besessenheit und Teufelaustreibung vernommen -haben. — <em class="gesperrt">Kämpfer</em> (Geschichte von Japan III, 2) fand schon 1692 -in Japan „den Glauben, dass der Fuchs manche Menschen (gerade wie bei -den Christen der Teufel) besitze.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_180_180" id="Fussnote_180_180"></a><a href="#FNAnker_180_180"><span class="label">[180]</span></a> Dazu kommen noch neuerdings eine Ackerbau- und eine -technische Hochschule.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_181_181" id="Fussnote_181_181"></a><a href="#FNAnker_181_181"><span class="label">[181]</span></a> Oder in Familien, die eine besondere <em class="gesperrt">Erlaubniss</em> -dazu erhalten haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_182_182" id="Fussnote_182_182"></a><a href="#FNAnker_182_182"><span class="label">[182]</span></a> Auch eine <em class="gesperrt">allgemein wissenschaftliche Zeitschrift</em> -„Von West nach Ost“ ist neuerdings von Japanern herausgegeben worden, -jedoch nicht lange: „In Deutschland ist die Hauptquelle des Stromes der -Wissenschaft unserer Tage zu suchen.“ So lautete ein Satz in dieser -Zeitschrift.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_183_183" id="Fussnote_183_183"></a><a href="#FNAnker_183_183"><span class="label">[183]</span></a> Er hat eine verschluckte Zahnbürste aus dem Magen durch -Schnitt <em class="gesperrt">erfolgreich</em> entfernt. — Die japanische Zahnbürste -(Yoji) ist ein Weidenstäbchen, an einem Ende durch zolltiefe -Einschnitte in einen steifen Faserpinsel umgewandelt; kostet etwa 1½ -Pfennig und ist ein Werkzeug, das <em class="gesperrt">jeder</em> Japaner ohne Ausnahme -anwendet, so allgemein, wie kein anderes Volk der Erde.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_184_184" id="Fussnote_184_184"></a><a href="#FNAnker_184_184"><span class="label">[184]</span></a> Die Krankenpflegerinnen machen einen sehr günstigen -Eindruck, obwohl sie in ihren Mussestunden — mit <em class="gesperrt">Puppen</em> -spielen, wie manche erwachsene Japanerin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_185_185" id="Fussnote_185_185"></a><a href="#FNAnker_185_185"><span class="label">[185]</span></a> Der in der ersten Hauptstadt ist unzugänglich, den in -der zweiten (älteren) Hauptstadt Kyoto befindlichen konnte ich in -Augenschein nehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_186_186" id="Fussnote_186_186"></a><a href="#FNAnker_186_186"><span class="label">[186]</span></a> Trotz der japanischen Reinlichkeit ist -Lungenschwindsucht recht häufig, besonders bei den höheren Classen und -Gelehrten, die mehr im Hause leben. Möglich, dass die Matten hier eine -wichtige Rolle in der Uebertragung der Keime spielen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_187_187" id="Fussnote_187_187"></a><a href="#FNAnker_187_187"><span class="label">[187]</span></a> On Leprosy by Masana Goto, Cooper Med. College, San -Francisco, in the <em class="gesperrt">Sei-J-Kwai</em> Medical Journal, Tôkyô, Mai 1888.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_188_188" id="Fussnote_188_188"></a><a href="#FNAnker_188_188"><span class="label">[188]</span></a> Am Abend meines Ankunftstages (13. September 1892) fand -ein kleines statt. — Wegen der Erdbeben sind die japanischen Häuser -meist aus Holz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_189_189" id="Fussnote_189_189"></a><a href="#FNAnker_189_189"><span class="label">[189]</span></a> 1826–1830.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_190_190" id="Fussnote_190_190"></a><a href="#FNAnker_190_190"><span class="label">[190]</span></a> Vgl. meine Darstellung in der deutsch. med. Wochenschr. -1893.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_191_191" id="Fussnote_191_191"></a><a href="#FNAnker_191_191"><span class="label">[191]</span></a> Geschichte und Beschreibung von Japan, Lemgo 1777, -Vorrede. — Vgl. ferner Things Japanese, S. 242–244.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_192_192" id="Fussnote_192_192"></a><a href="#FNAnker_192_192"><span class="label">[192]</span></a> Er hat neuerdings dort ein <em class="gesperrt">Denkmal</em> erhalten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_193_193" id="Fussnote_193_193"></a><a href="#FNAnker_193_193"><span class="label">[193]</span></a> 1775 kam ein schwedischer Arzt und Naturforscher, -<em class="gesperrt">Thunberg</em>, welcher um die <em class="gesperrt">Flora</em> Japan’s die grössten -Verdienste sich erworben hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_194_194" id="Fussnote_194_194"></a><a href="#FNAnker_194_194"><span class="label">[194]</span></a> <em class="gesperrt">Kämpfer</em>, <em class="gesperrt">v. Sieboldt</em> und <em class="gesperrt">Rein</em> -(Prof. in Marburg und Bonn, Verfasser von <em class="gesperrt">Japan</em>, Leipzig -1881–1886, zwei Bände) sind die drei Männer, denen die Welt das Meiste -über Japan verdankt. Bezüglich der Sprache, Literatur, Götter- und -Sagenlehre, Kunst, sind auch einige Engländer und Franzosen (Satow, -Chamberlain, Anderson, Gonse) rühmend zu erwähnen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_195_195" id="Fussnote_195_195"></a><a href="#FNAnker_195_195"><span class="label">[195]</span></a> Der Shogun, sehr zufrieden mit seiner Behandlung, -forderte ihn auf, eine Belohnung zu verlangen. „Möge es Ew. Hoheit -belieben, dass ich <em class="gesperrt">ein</em> Auge wiedererlange.“ — Der Shogun -schenkte ihm ein Haus in der <em class="gesperrt">Ein Auge-Strasse</em> in Yedo.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_196_196" id="Fussnote_196_196"></a><a href="#FNAnker_196_196"><span class="label">[196]</span></a> Amma-San = Knet-Herr.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_197_197" id="Fussnote_197_197"></a><a href="#FNAnker_197_197"><span class="label">[197]</span></a> Etwa 50 Procent der Blindheit war durch Pockenkrankheit -bedingt. (35 Procent in Europa, vor Einführung der Schutzpockenimpfung. -Vgl. meine Mittheilung. Berliner klin. Wochenschr., 1873, No. 5). — -Nach der Volkszählung vom Jahre 1875 waren in Japan unter 33110825 -Einwohnern 101587 blind, taub, oder verkrüppelt; es ist wahrscheinlich, -dass die meisten <em class="gesperrt">blind</em> waren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_198_198" id="Fussnote_198_198"></a><a href="#FNAnker_198_198"><span class="label">[198]</span></a> Heirath zwischen <em class="gesperrt">zwei</em> Blinden war streng -verboten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_199_199" id="Fussnote_199_199"></a><a href="#FNAnker_199_199"><span class="label">[199]</span></a> Es giebt auch sehr billige. Sie rufen: „Amma kami shimo -ni-ju-shi mon!“ „Kneten von oben bis unten für 1½ Pfennige!“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_200_200" id="Fussnote_200_200"></a><a href="#FNAnker_200_200"><span class="label">[200]</span></a> Ich habe <em class="gesperrt">thatsächlich</em> gehört, als ich hier -in Berlin vor etlichen Jahren einem Knaben den Blasenwurm aus dem -Augeninnern durch Schnitt entfernt hatte, dass von der Mutter vorher -ein — <em class="gesperrt">Geist</em> befragt worden sei und meinen Plan gebilligt habe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_201_201" id="Fussnote_201_201"></a><a href="#FNAnker_201_201"><span class="label">[201]</span></a> Zur Zeit der Revolution sind allerdings einige Europäer -angegriffen und getödtet worden, namentlich solche, die nicht den -grossen Fürsten, wie das Landesgesetz es gebot, auf der Landstrasse -Platz machten. — Von der Verwundung des russischen Thronfolgers werde -ich noch sprechen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_202_202" id="Fussnote_202_202"></a><a href="#FNAnker_202_202"><span class="label">[202]</span></a> Ich fand auch amerikanische Damen, die ohne Führer und -ohne Kenntniss der Sprache allein reisten, ohne je einen Grund zur -Klage zu finden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_203_203" id="Fussnote_203_203"></a><a href="#FNAnker_203_203"><span class="label">[203]</span></a> Naku-sen-do, Zwischenberg-Strasse, 132 ri lang, führte -quer durch das Land über die Gebirgspässe von Kyoto nach Yedo und -stammt aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. — Ausserdem gab es noch eine -nördliche Landstrasse (Hokurokudo).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_204_204" id="Fussnote_204_204"></a><a href="#FNAnker_204_204"><span class="label">[204]</span></a> Angeblich auch in China. — Von den Holländern wurde der -Sport im Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht, nach England -und Frankreich verpflanzt, und wird in Holland gelegentlich noch heute -geübt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_205_205" id="Fussnote_205_205"></a><a href="#FNAnker_205_205"><span class="label">[205]</span></a> Franz Xavier gab der Stadt 90000 Häuser und 450000 -Seelen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_206_206" id="Fussnote_206_206"></a><a href="#FNAnker_206_206"><span class="label">[206]</span></a> Kyoto hat 975 Buddha-, 93 Shinto-Tempel, und zusammen -mit der nächsten Umgebung gegen 3000 Tempel.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_207_207" id="Fussnote_207_207"></a><a href="#FNAnker_207_207"><span class="label">[207]</span></a> Die meisten Deutschen, deren Reisebeschreibungen ich -gelesen, wohnten auf dem Hügel, im <em class="gesperrt">Yaami-Hotel</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_208_208" id="Fussnote_208_208"></a><a href="#FNAnker_208_208"><span class="label">[208]</span></a> Also weniger weit und höher, im Ganzen schlanker, als -bei uns, wo die grösste Weite das 15fache, die Höhe (aussen schräg -an der Glocke gemessen) das 12fache der Metallstärke am Schlagring -beträgt. Unsere grösste, <em class="gesperrt">die Kaiserglocke im Dom zu Köln</em> (1875), -ist 3,25 m hoch und 26250 kg schwer; also bedeutend kleiner als die zu -Kyoto. Grösser, aber nie benutzt ist <em class="gesperrt">Zar-Kolokol</em> zu Moskau (5,8 -m hoch, 200000 kg schwer); und eine eiserne zu Peking vom Jahre 1403: -4,5 m hoch und 65000 kg schwer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_209_209" id="Fussnote_209_209"></a><a href="#FNAnker_209_209"><span class="label">[209]</span></a> Ich sah ein grosses japanisches Gemälde, welches -Feuersbrunst im kaiserlichen Palast und Gewühl der Fliehenden -darstellte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_210_210" id="Fussnote_210_210"></a><a href="#FNAnker_210_210"><span class="label">[210]</span></a> 1 Acre = 40½ Ar, 1 Ar = 100 Quadratmeter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_211_211" id="Fussnote_211_211"></a><a href="#FNAnker_211_211"><span class="label">[211]</span></a> Kyoto ist berühmt durch seine Brocate, Damaste, Seiden- -und Sammtgewebe. 18000 Seidenweber in Kyoto und Umgebung schaffen -jährlich für 20 Millionen Yen Gewebe. 1888 führte Japan für 28 -Millionen Yen Rohseide aus und für 1600000 Yen Seidengewebe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_212_212" id="Fussnote_212_212"></a><a href="#FNAnker_212_212"><span class="label">[212]</span></a> Jugendliche Globetrotter haben die Aufwärterinnen -der Theehäuser als ausnehmend frech beschrieben. Ich habe das nicht -beobachtet. Als wir nahten, verneigten sich die am Eingang stehenden -Mädchen und riefen: „Ruhen Sie aus, meine Herren, unter dem Dach dieses -niedrigen Hauses. Sie dürften erschöpft sein von der langen Reise.“ So -übersetzten es mir meine jungen Freunde.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_213_213" id="Fussnote_213_213"></a><a href="#FNAnker_213_213"><span class="label">[213]</span></a> 1½ ri, d. h. 3¾ englische Meilen oder 6,75 km -nördlich von Otsu.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_214_214" id="Fussnote_214_214"></a><a href="#FNAnker_214_214"><span class="label">[214]</span></a> Weit besser, als die der berühmten Bittschriften-Linde -<em class="gesperrt">Friedrichs des Grossen</em> neben dem Stadt-Schloss zu Potsdam, deren -Lehm-Ausschmierung recht armselig aussieht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_215_215" id="Fussnote_215_215"></a><a href="#FNAnker_215_215"><span class="label">[215]</span></a> Rein I, 527.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_216_216" id="Fussnote_216_216"></a><a href="#FNAnker_216_216"><span class="label">[216]</span></a> Hidari heisst Link-Hand. Dieser Name erklärt sich -selber, hat aber Veranlassung zu einer artigen Sage gegeben. Des -Künstlers Fürst musste seinen Feinden die eigene Tochter opfern. Da -schlug der Bildhauer seiner lebenden Galatea den Kopf ab und sandte ihn -den Feinden als das Haupt der Fürstentochter. Aber ein treuer Diener -des Fürsten, überzeugt, dass der Bildhauer wirklich die Tochter seines -Herrn getödtet, schlug ergrimmt dem Künstler die rechte Hand ab.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_217_217" id="Fussnote_217_217"></a><a href="#FNAnker_217_217"><span class="label">[217]</span></a> D. h. wahre Worte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_218_218" id="Fussnote_218_218"></a><a href="#FNAnker_218_218"><span class="label">[218]</span></a> Der Lackbaum (Rhus vernicifera, Urushi-no-ki) wird im -Hochsommer angeritzt, der Rohlack ausgekratzt, geklärt, eingedampft, -mit Oel, Zinnober, Eisenoxyd u. A. versetzt. Die Lackindustrie kam von -China nach Japan. Hier hat sie erst in der Mitte des 17. Jahrhundert -ihre hohe Blüthe erreicht. Jetzt wird für die Ausfuhr billige -Dutzendwaare angefertigt, aber es giebt auch heute noch vorzügliche -Goldlackarbeiter. Werth der Ausfuhr von Lackwaaren (1888) gegen -600000 Yen. — Japan’s Lackindustrie hat in <em class="gesperrt">Rein’s</em> Werk ihre -<em class="gesperrt">klassische</em> Beschreibung gefunden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_219_219" id="Fussnote_219_219"></a><a href="#FNAnker_219_219"><span class="label">[219]</span></a> In Ostindien sieht man nur die <em class="gesperrt">einbuckligen</em> -Dromedare, deren Heimath Arabien, während ihr Verbreitungsgebiet nach -Nordafrika und Westasien hinüberreicht. — Das <em class="gesperrt">zweibucklige</em> -Trampelthier stammt aus den mongolischen Steppen (und aus China). Unser -Künstler dürfte in Japan weder einen Elephanten noch ein Trampelthier -gesehen, sondern diese Thiere nach chinesischen Vorbildern entworfen -haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_220_220" id="Fussnote_220_220"></a><a href="#FNAnker_220_220"><span class="label">[220]</span></a> Diese <em class="gesperrt">Reisen der Götter</em> erinnern an -<em class="gesperrt">altägyptische</em> Gebräuche: wiederholt ist in den Inschriften des -Horus-Tempels zu Edfu von Besuchen die Rede, welche das Bild des Gottes -von Edfu dem der Göttin Hathor von Dendera machte, und umgekehrt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_221_221" id="Fussnote_221_221"></a><a href="#FNAnker_221_221"><span class="label">[221]</span></a> Ich kenne so manche nervöse Dame in unseren Gegenden, -welche behauptet, Nachts nicht schlafen zu können, wenn sie spät Abends -eine Tasse Thee genommen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_222_222" id="Fussnote_222_222"></a><a href="#FNAnker_222_222"><span class="label">[222]</span></a> Die Japaner halten Leuchtkäfer in Gazekästchen an der -Wand der Häuschen und erfreuen sich Abends an dem milden Glanz der -Thiere.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_223_223" id="Fussnote_223_223"></a><a href="#FNAnker_223_223"><span class="label">[223]</span></a> Berg der grossen See-Bucht, O-ye-no-saka.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_224_224" id="Fussnote_224_224"></a><a href="#FNAnker_224_224"><span class="label">[224]</span></a> Privatleute dürfen in Japan Fremde nicht beherbergen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_225_225" id="Fussnote_225_225"></a><a href="#FNAnker_225_225"><span class="label">[225]</span></a> Im Peloponnes giebt es neue Bettwäsche und neueste. Da -ich ein wenig Neugriechisch vorher gelernt, liess ich jedes Mal vor -meinen Augen die neue abziehen und neueste anlegen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_226_226" id="Fussnote_226_226"></a><a href="#FNAnker_226_226"><span class="label">[226]</span></a> Die Architrave des Mittelgangs im Säulensaal von Seti I -zu Karnak sind 9 m lang, sie messen 31 cbm und wiegen 65 Tonnen. Aber -die gewöhnlichen Bausteine der Aegypter sind 0,80 bis 1,20 m hoch, 1 -bis 2,50 m lang und 0,5 bis 1,80 m dick. (Allerdings, der nach London -gebrachte <em class="gesperrt">Obelisk</em> wiegt 186 Tonnen, zehn Mal so viel, als der -grösste Stein zu Stonehenge. Die Pompejus-Säule zu Alexandrien wird auf -300, die Steinbildsäule von Ramses II zu Memphis gleichfalls auf 300 -Tonnen geschätzt.) — Ich bat meine Freunde um genauere Messung der -grössten Bausteine des Schlosses von Osaka und erhielt brieflich die -folgenden Zahlen, die Herr Stabsarzt <em class="gesperrt">Egutzi</em> festgestellt hat:</p> - -<table summary="Abmessungen der Steine"> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdc"> - - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - <em class="gesperrt">Höhe</em>: - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - <em class="gesperrt">Länge</em>: - </td> - <td class="tdc"> - <em class="gesperrt">Dicke:</em> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - I. - </td> - <td class="tdc"> - Stein - </td> - <td class="tdc"> - 4,70 - </td> - <td class="tdc"> - Meter - </td> - <td class="tdc"> - 14,50 - </td> - <td class="tdc"> - Meter - </td> - <td class="dicke" rowspan="5"> - Die Dicke jedes Steines ist etwa doppelt so gross, wie die - Höhe; kann aber nicht genau gemessen werden, weil jeder - Stein allseitig von anderen umgeben ist. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - II. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 4,50 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 13,00 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - III. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 5,00 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 10,70 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - IV. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 5,00 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 10,50 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - V. - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 3,60 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - 11,00 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_227_227" id="Fussnote_227_227"></a><a href="#FNAnker_227_227"><span class="label">[227]</span></a> So ist es immer. Als ich einst durch die nächtlich -dunklen Strassen von Tunis schritt, sagte mein Führer, er möchte -einmal, ehe er sterbe, eine Stadt in Europa sehen, welche die ganze -Nacht hindurch künstlich erleuchtet ist.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_228_228" id="Fussnote_228_228"></a><a href="#FNAnker_228_228"><span class="label">[228]</span></a> The pictorial Arts of Japan, by William Anderson, London -1886, Sampson Low & Co.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_229_229" id="Fussnote_229_229"></a><a href="#FNAnker_229_229"><span class="label">[229]</span></a> Schildkröte und Goldfische tummelten sich in den Wellen, -als Gott Shiwa in einer Lotusknospe über den Wassern waltete.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_230_230" id="Fussnote_230_230"></a><a href="#FNAnker_230_230"><span class="label">[230]</span></a> Die chinesischen Schriftzeichen sind stylisirte -Wortbilder oder Hieroglyphen. Zu dem eigentlichen Zeichen -(<em class="gesperrt">Radical</em>) kommt noch eine Hinzufügung bezüglich der -<em class="gesperrt">Aussprache</em> und der dadurch bedingten Sonderbedeutung -(<em class="gesperrt">Phonetic</em>), — gerade wie die alten Aegypter dem Wortbild -(Hieroglyph) noch ein Deutzeichen (Determinativ) beifügten. Die -Chinesen und Japaner schreiben von oben nach unten in senkrechten -Reihen, die von rechts nach links auf einander folgen; und zwar mit -Tusche und Pinsel auf Papier.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_231_231" id="Fussnote_231_231"></a><a href="#FNAnker_231_231"><span class="label">[231]</span></a> <em class="gesperrt">Kata Seite</em> oder Hälfte, Kari entlehnen, na Name.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_232_232" id="Fussnote_232_232"></a><a href="#FNAnker_232_232"><span class="label">[232]</span></a> Kobe heisst Götter-Thor, Hiogo aber Waffen-Platz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_233_233" id="Fussnote_233_233"></a><a href="#FNAnker_233_233"><span class="label">[233]</span></a> Das Wort ist hindostanisch.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_234_234" id="Fussnote_234_234"></a><a href="#FNAnker_234_234"><span class="label">[234]</span></a> Die Fahrt ist auch sehr billig, 150 Mark für 6 Tage = 25 -für den Tag. (Auf dem atlantischen Ocean 50, dem stillen Ocean 62, dem -indischen 32, Bombay-Triest 36.) — Vancouver-Yokohama 4283 Seemeilen -für 800 Mark; Kobe-Hongkong 1367 Seemeilen für 150 Mark, oder ⅓ des -Weges für weniger als ⅕ des Preises.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_235_235" id="Fussnote_235_235"></a><a href="#FNAnker_235_235"><span class="label">[235]</span></a> 1881–1885 (nach Rein):</p> - -<table summary="Import- und Exportanteile"> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - Yokohama - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - Kobe-Osaka - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - Nagasaki - </td> - <td class="tdc" colspan="2"> - Hakodate - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - Ausfuhr: - </td> - <td class="tdr"> - 69 - </td> - <td class="tdc"> - Procent - </td> - <td class="tdr"> - 20 - </td> - <td class="tdc"> - Procent - </td> - <td class="tdr"> - 9,3 - </td> - <td class="tdc"> - Procent - </td> - <td class="tdr"> - 1,7 - </td> - <td class="tdc"> - Procent - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - Einfuhr: - </td> - <td class="tdr"> - 67,5 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 28,8 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 3,4 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 0,3 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_236_236" id="Fussnote_236_236"></a><a href="#FNAnker_236_236"><span class="label">[236]</span></a> „Vorinselchen“, für die Portugiesen künstlich -geschaffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_237_237" id="Fussnote_237_237"></a><a href="#FNAnker_237_237"><span class="label">[237]</span></a> „In dieser Dienstbarkeit haben wir uns viele -beschimpfende Einschränkungen von den stolzen Heiden gefallen lassen -müssen.“ Kämpfer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_238_238" id="Fussnote_238_238"></a><a href="#FNAnker_238_238"><span class="label">[238]</span></a> Marco Polo hat glühende Schilderungen von dem -Gold-Reichthum Cipangu’s entworfen. Die Holländer führten noch -reichlich Gold und Silber aus. Aber jetzt sind die Minen erschöpft. Nur -Kupfer und Antimon sind reichlich vorhanden, sowie Eisen und Kohle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_239_239" id="Fussnote_239_239"></a><a href="#FNAnker_239_239"><span class="label">[239]</span></a> Man <em class="gesperrt">schreibt</em>, wie oben, und spricht -<em class="gesperrt">Nangasaki</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_240_240" id="Fussnote_240_240"></a><a href="#FNAnker_240_240"><span class="label">[240]</span></a> Der Anblick eines nackten Oberkörpers macht auf -den Japaner keinen Eindruck. Er ist uns darin überlegen. In den -öffentlichen Badehäusern kam nie etwas Unziemliches vor. Jetzt hat die -Regierung eine Bretterwand zur Trennung der Geschlechter gezogen. Sie -hat auch den zimperlichen Gattinnen englischer Baumwollenstoffhändler -nachgegeben und die Wagenmänner bekleidet, die früher nur ihre -Tätowirung trugen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_241_241" id="Fussnote_241_241"></a><a href="#FNAnker_241_241"><span class="label">[241]</span></a> Trunkenheit kommt wohl vor, da die Japaner nicht viel -vertragen. Einmal sah ich einen stark angeheiterten Bauern auf dem -Bahnhof zu Tokyo. Der Polizist ersuchte ihn höflich, sein Räuschchen -auszuschlafen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_242_242" id="Fussnote_242_242"></a><a href="#FNAnker_242_242"><span class="label">[242]</span></a> Zum Glück hatte ich <em class="gesperrt">Müller’s</em> kosmische Physik -in meinem Koffer, ein Buch, das mir auch sonst gute Dienste leistete. -Es giebt Reisende, die stets das Buch ihres Nächsten begehren. Stumm -reichte ich ihnen den Müller, — um sofort unbehelligt zu bleiben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_243_243" id="Fussnote_243_243"></a><a href="#FNAnker_243_243"><span class="label">[243]</span></a> Arabisch = Jahreszeit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_244_244" id="Fussnote_244_244"></a><a href="#FNAnker_244_244"><span class="label">[244]</span></a> <em class="gesperrt">Chinesisch</em> = grosser Wind. Typhon ist eine -lächerliche Schreibweise. Mit dem Riesen Typhon der griechischen Sage -hat das Wort ebensowenig etwas zu schaffen, als — <em class="gesperrt">Orkan</em> mit -Orcus. Das Wort Orkan stammt aus Westindien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_245_245" id="Fussnote_245_245"></a><a href="#FNAnker_245_245"><span class="label">[245]</span></a> Auf keiner andern Linie in Asien ist so gutes Essen, -ist ein Glas Pilsener für 25 Pfennige zu haben, sowie eine rauchbare -Cigarre für so mässigen Preis. Ich bedaure, dass der norddeutsche Lloyd -nicht zwei Mal im Monat fährt, wie die andern Linien; dann wird er bald -im Wettbewerbe siegen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_246_246" id="Fussnote_246_246"></a><a href="#FNAnker_246_246"><span class="label">[246]</span></a> Odyssee, V, 279. οἴη δ’ἄμμορός ἐστι λοετρῶν Ὠκεανοῖο.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_247_247" id="Fussnote_247_247"></a><a href="#FNAnker_247_247"><span class="label">[247]</span></a></p> - -<table class="collapse mleft1" summary="Nagasaki-Hongkong"> - <tr> - <td class="tdr"> - Kobe-Hongkong - </td> - <td class="tdr"> - 1367 - </td> - <td class="tdl"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr bbot"> - Kobe-Nagasaki - </td> - <td class="tdr bbot"> - 391 - </td> - <td class="tdl bbot"> - - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Nagasaki-Hongkong - </td> - <td class="tdr"> - 976 - </td> - <td class="tdl"> - See-Meilen. - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_248_248" id="Fussnote_248_248"></a><a href="#FNAnker_248_248"><span class="label">[248]</span></a> Hier sind bedeutende Docks angelegt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_249_249" id="Fussnote_249_249"></a><a href="#FNAnker_249_249"><span class="label">[249]</span></a> Die Hauptlinie geht von Bremen bis Hongkong und Shangai, -von Hongkong aus fahren kleine Dampfer nach Japan und zurück.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_250_250" id="Fussnote_250_250"></a><a href="#FNAnker_250_250"><span class="label">[250]</span></a> Chinesisch: Heung-kong, d. i. duftender Fluss. Vgl. A -Guide to H., W. Brewer (1892.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_251_251" id="Fussnote_251_251"></a><a href="#FNAnker_251_251"><span class="label">[251]</span></a> Nach anderen Angaben 79.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_252_252" id="Fussnote_252_252"></a><a href="#FNAnker_252_252"><span class="label">[252]</span></a> Die Ly-ee-moon Meeresenge zwischen Hongkong und Cawloon -ist nur ½ englische Meile, also kaum 1 km breit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_253_253" id="Fussnote_253_253"></a><a href="#FNAnker_253_253"><span class="label">[253]</span></a> Die ganze Insel hatte 1891 an 221441 Einwohner, also -2800 auf den Quadratkilometer; der grösste Theil entfällt auf die Stadt -Victoria.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_254_254" id="Fussnote_254_254"></a><a href="#FNAnker_254_254"><span class="label">[254]</span></a> Der letzte erfolgte auf dieser Fahrt vor 14 Jahren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_255_255" id="Fussnote_255_255"></a><a href="#FNAnker_255_255"><span class="label">[255]</span></a> Ein Glas Sherry und zwei Glas Bier zum Mittagsmahl sind -einbegriffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_256_256" id="Fussnote_256_256"></a><a href="#FNAnker_256_256"><span class="label">[256]</span></a> „No hab got eyes, no can go“ („Wer keine Augen hat, -kann nicht gehen.“) Dies ist die Geschäftssprache. (Pidgin English = -<em class="gesperrt">business</em> English).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_257_257" id="Fussnote_257_257"></a><a href="#FNAnker_257_257"><span class="label">[257]</span></a> Der Mann ist auf Arbeit den Tag über abwesend, — nicht -aber, wie es in manchen Reisebeschreibungen heisst, „auf der Bärenhaut -liegend und mit Opium-Rauchen beschäftigt.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_258_258" id="Fussnote_258_258"></a><a href="#FNAnker_258_258"><span class="label">[258]</span></a> Daher der Name Canton.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_259_259" id="Fussnote_259_259"></a><a href="#FNAnker_259_259"><span class="label">[259]</span></a> Wir kennen es nur als Verbannungsort des Dichters der -Lusiaden, Camoëns, und als Namen eines Hazardspieles. In der That -wimmelt <em class="gesperrt">Macao</em> von chinesischen Spielhöhlen, wo auch die goldne -Jugend von Hongkong dem Laster fröhnt, das auf englischem Gebiet nicht -geduldet wird.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_260_260" id="Fussnote_260_260"></a><a href="#FNAnker_260_260"><span class="label">[260]</span></a> = Very.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_261_261" id="Fussnote_261_261"></a><a href="#FNAnker_261_261"><span class="label">[261]</span></a> Das sogenannte Reispapier wird aus dem Mark eines -Strauches (Aralia papyrifera) bereitet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_262_262" id="Fussnote_262_262"></a><a href="#FNAnker_262_262"><span class="label">[262]</span></a> Mandarin stammt aus dem indischen <em class="gesperrt">mantrin</em> = -Rathgeber. Das chinesische Wort heisst <em class="gesperrt">Kuan</em>. Es giebt neun -Rangstufen und drei literarische Grade. (Candidat, Doctor, Professor.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_263_263" id="Fussnote_263_263"></a><a href="#FNAnker_263_263"><span class="label">[263]</span></a> Im Mittelalter bettelten bei uns auf dem Lande die -Aussätzigen gleichfalls mit einem Beutelchen an langer Stange; sie -mussten aber noch eine Glocke tragen, um vor Annäherung zu warnen. Und -dabei ist die Ansteckungsfähigkeit des Aussatzes (Lepra) so gering.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_264_264" id="Fussnote_264_264"></a><a href="#FNAnker_264_264"><span class="label">[264]</span></a> Vgl. Report of the medical Missionary Society in China -for the year 1889. Hongkong 1890. Die Berichte für 1890 und 1891 -sind bezüglich der Operationserfolge zu schweigsam, als dass man sie -kritisch verwerthen könnte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_265_265" id="Fussnote_265_265"></a><a href="#FNAnker_265_265"><span class="label">[265]</span></a> Von den Missions-Doctor-Fräuleins heisst es S. 6: to -minister like angels.... with laurels on her brow.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_266_266" id="Fussnote_266_266"></a><a href="#FNAnker_266_266"><span class="label">[266]</span></a> Durch optische Täuschung scheinen die Häuser, Kirchen, -Signal-Stangen ganz schief. Man muss den Kopf stark nach vorn neigen, -um sie wieder senkrecht zu sehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_267_267" id="Fussnote_267_267"></a><a href="#FNAnker_267_267"><span class="label">[267]</span></a> Gap = Kluft, zwischen den höchsten Spitzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_268_268" id="Fussnote_268_268"></a><a href="#FNAnker_268_268"><span class="label">[268]</span></a> Ich habe mir eine kleine Sammlung der Silbermünzen -Ostasiens mit- und in einem Kästchen untergebracht. Links liegt die -Rupie Ostindiens, rechts der Yen Japans, jedes von beiden umgeben von -dem entsprechenden Kleingeld. In der Mitte befindet sich die einzige -Silbermünze Chinas, das <span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span> -Dollar-Stück (7,<sub>2</sub> candareen) aus der Münze von Canton.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_269_269" id="Fussnote_269_269"></a><a href="#FNAnker_269_269"><span class="label">[269]</span></a> General-Consul des deutschen Reiches für Canton; z. Z. -in Stellvertretung, für Hongkong.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_270_270" id="Fussnote_270_270"></a><a href="#FNAnker_270_270"><span class="label">[270]</span></a> Dieser Teich versorgt übrigens nur den oberen und -hinteren Theil der Insel.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_271_271" id="Fussnote_271_271"></a><a href="#FNAnker_271_271"><span class="label">[271]</span></a> Ein Gramm Papayotin löst 200 Gramm Eiweiss (Faserstoff) -und verwandelt es in Pepton, d. i. gelöstes, zur Aufnahme in die -Saftcanäle des Verdauungsschlauches geeignetes Eiweiss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_272_272" id="Fussnote_272_272"></a><a href="#FNAnker_272_272"><span class="label">[272]</span></a> Nachdem ich in Vancouver die ersten Alarm-Nachrichten -über das Wüthen der Krankheit in Hamburg gelesen, hatte ich in -Japan grosse Mühe aus den spärlichen Nachrichten der englischen und -japanischen Zeitungen (die Depeschen von Europa nach Japan sind zu -theuer für die Zeitungen!) und der deutschen Consuln und Kaufleute mir -ein vollständiges Bild zu machen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_273_273" id="Fussnote_273_273"></a><a href="#FNAnker_273_273"><span class="label">[273]</span></a> Zwei Vorlesungen von J. H. Berlin 1882.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_274_274" id="Fussnote_274_274"></a><a href="#FNAnker_274_274"><span class="label">[274]</span></a> Davon der Name <em class="gesperrt">China</em>. Die Chinesen selber nennen -ihr Land <em class="gesperrt">Tschung Kue</em>, Reich der Mitte, die Tataren aber Katâi. -— Der zweite Kaiser dieser Dynastie, Tsching-wang, <em class="gesperrt">soll</em> -die Zerstörung aller Bücher, die damals auf Holztafeln geschrieben -wurden, mit Ausnahme derer über Ackerbau und Heilkunde, geboten -und durchgesetzt und dadurch eine Lücke in die Ueberlieferung der -chinesischen Klassiker gerissen haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_275_275" id="Fussnote_275_275"></a><a href="#FNAnker_275_275"><span class="label">[275]</span></a> Confucianism and Taouism. By Prof. R. K. Douglas, -London, 1879.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_276_276" id="Fussnote_276_276"></a><a href="#FNAnker_276_276"><span class="label">[276]</span></a> „Wenn ich die eine Ecke des Gegenstandes zeige, und der -Hörer daraus nicht die drei andern lernen kann, so wiederhole ich meine -Lehre nicht.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_277_277" id="Fussnote_277_277"></a><a href="#FNAnker_277_277"><span class="label">[277]</span></a> Die Ehe des Confucius war unglücklich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_278_278" id="Fussnote_278_278"></a><a href="#FNAnker_278_278"><span class="label">[278]</span></a> Dagegen lehrt <em class="gesperrt">Buddha</em>, Uebelthat mit Güte zu -vergelten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_279_279" id="Fussnote_279_279"></a><a href="#FNAnker_279_279"><span class="label">[279]</span></a> Das Haus, welches zwei derselben bewohnten, war mir -schon angenehm aufgefallen durch die deutsche Inschrift: „Luginsland.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_280_280" id="Fussnote_280_280"></a><a href="#FNAnker_280_280"><span class="label">[280]</span></a> Fortieth annual Report of the Berlin Foundling house for -1890. Der Bestand war 79, zwei davon verheiratheten sich, vier starben, -hauptsächlich im zarten Alter; 13 wurden aufgenommen, von diesen -starben fünf, so dass der Bestand 81 beträgt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_281_281" id="Fussnote_281_281"></a><a href="#FNAnker_281_281"><span class="label">[281]</span></a> In Frankreich gab es ein <em class="gesperrt">örtliches</em>, d. h. die -Kinder wurden in entfernte Bezirke zur Pflege gebracht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_282_282" id="Fussnote_282_282"></a><a href="#FNAnker_282_282"><span class="label">[282]</span></a> Ausserdem giebt es noch einen hauptsächlich, aber -nicht ausschliesslich englischen <em class="gesperrt">Hongkong-Club</em> und einen -<em class="gesperrt">Lusitano-Club</em> für die Portugiesen, die doch von den Europäern -nicht für voll angesehen werden. — Die deutschen Handwerker und -Bediensteten, denen der Club zu theuer ist, versammeln sich in einem -<em class="gesperrt">Gesangverein</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_283_283" id="Fussnote_283_283"></a><a href="#FNAnker_283_283"><span class="label">[283]</span></a> Man erhält dort auch in einem deutschen Laden ganz -rauchbare <em class="gesperrt">Manila-Cigarren</em>, das Hundert zu 3½ Dollar.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_284_284" id="Fussnote_284_284"></a><a href="#FNAnker_284_284"><span class="label">[284]</span></a> Die mittleren Chinesen sind gelblich, die nördlichen -röthlich; die südlichen aber bräunlich, namentlich wenn sie sich der -Sonne viel aussetzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_285_285" id="Fussnote_285_285"></a><a href="#FNAnker_285_285"><span class="label">[285]</span></a> Der Zopf ist erst 1644 n. Chr. durch die -Mandschu-Dynastie eingeführt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_286_286" id="Fussnote_286_286"></a><a href="#FNAnker_286_286"><span class="label">[286]</span></a> Nach Duncker etwa 1000 v. Chr. — Ich hatte mir vor -der Abreise das kleine Conversations-Lexicon von <em class="gesperrt">Kürschner</em> -schon, wie immer, in den Koffer gepackt; liess mich aber überreden, es -wieder heraus zu nehmen: was ich nachträglich bereute. Auf keinem der -vielen Schiffe, die ich befahren, in keinem Hotel Asiens sah ich ein -Conversations-Lexicon, sondern allein in der Bücherei des deutschen -Clubs zu Hongkong.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_287_287" id="Fussnote_287_287"></a><a href="#FNAnker_287_287"><span class="label">[287]</span></a> Travellers P. & O. Pocket Book.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_288_288" id="Fussnote_288_288"></a><a href="#FNAnker_288_288"><span class="label">[288]</span></a> Dem Rath und der Versuchung, einen Ausflug von Singapore -nach Java zu machen, um die Linie, d. h. den Aequator, zu kreuzen, habe -ich siegreich und ohne Reue widerstanden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_289_289" id="Fussnote_289_289"></a><a href="#FNAnker_289_289"><span class="label">[289]</span></a> Das Kunststück ist nicht so gross, wie es scheint. Die -kleine Silbermünze sinkt langsam und bleibt im Sinken gut sichtbar; der -Knabe ergreift sie, ehe sie den Boden erreicht hat, steckt sie in den -Mund, taucht empor und erhebt triumphirend den rechten Arm.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_290_290" id="Fussnote_290_290"></a><a href="#FNAnker_290_290"><span class="label">[290]</span></a> 164 englische Quadratmeilen, 75000 Einwohner. Zucker und -Tapioca wird in der dazu gehörigen Provinz Wellesley auf dem Festland -von Malakka angebaut.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_291_291" id="Fussnote_291_291"></a><a href="#FNAnker_291_291"><span class="label">[291]</span></a> Die Geographen des Alterthums und Mittelalters haben -die Grösse der Insel weit <em class="gesperrt">überschätzt</em>, da sie dieselbe nur vom -<em class="gesperrt">Hören-Sagen</em> kannten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_292_292" id="Fussnote_292_292"></a><a href="#FNAnker_292_292"><span class="label">[292]</span></a> -In Deutschland 91,<sub>4</sub>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_293_293" id="Fussnote_293_293"></a><a href="#FNAnker_293_293"><span class="label">[293]</span></a> Nach der ersten Kaffe-Ernte mussten die Pflanzer öfters -schon zur künstlichen Düngung ihre Zuflucht nehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_294_294" id="Fussnote_294_294"></a><a href="#FNAnker_294_294"><span class="label">[294]</span></a> Dies gilt für den Südwesten und das Centralgebirge, -die feuchte Gegend Ceylon’s. Der Südwest-Monsun bringt vom April bis -Juni den Regen, dringt aber nicht über das Gebirge. Der übrige Theil -von Ceylon ist trocken und erhält nur von October bis December die -einmalige Regenzeit durch den Nordwest-Monsun; die feuchte Gegend hat -dann ihre zweite Regenzeit. In Colombo fällt fast noch ein Mal soviel -Regen, als in Trincomale.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_295_295" id="Fussnote_295_295"></a><a href="#FNAnker_295_295"><span class="label">[295]</span></a> Pfund Sterling.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_296_296" id="Fussnote_296_296"></a><a href="#FNAnker_296_296"><span class="label">[296]</span></a> 25000 Acres sind jetzt damit bepflanzt und liefern den -Einheimischen Kraut für ihre Bedürfnisse, sowie 50000 Centner (im Werth -von £ 150000) zur Ausfuhr nach Indien. In Anuradhapura wollte ich -Cigarren kaufen, mochte aber die <em class="gesperrt">Jaffnas</em>, die wie Regenwürmer -aussahen, nicht nehmen, sondern zog ein Päckchen amerikanischen -<em class="gesperrt">Bird’s Eye Tabak</em> vor. In Colombo kaufte ich indische Cigarren -(Cheroots) und noch lieber holländische aus Java, im Kiosk sowie in den -Läden. Sie sind billig, aber nicht gut.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_297_297" id="Fussnote_297_297"></a><a href="#FNAnker_297_297"><span class="label">[297]</span></a> Seit dem 13. Jahrhundert n. Chr., d. h. seitdem die in -uralter Zeit hergestellten künstlichen Seen in der Nordhälfte der Insel -durch die erobernden Tamilen (aus Südindien) vernachlässigt wurden. Den -Portugiesen blieb es vorbehalten, die Wasserläufe zur Berieselung der -Reisfelder — gradewegs zu <em class="gesperrt">zerstören</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_298_298" id="Fussnote_298_298"></a><a href="#FNAnker_298_298"><span class="label">[298]</span></a> Die letzteren werden hauptsächlich von den Händlern -angeboten; sie bestehen aus grünlich durchschimmerndem Quarz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_299_299" id="Fussnote_299_299"></a><a href="#FNAnker_299_299"><span class="label">[299]</span></a> Hauptabnehmer ist Krupp in Essen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_300_300" id="Fussnote_300_300"></a><a href="#FNAnker_300_300"><span class="label">[300]</span></a></p> - -<table class="mleft1" summary="Ceylon, Census 1881"> - <tr> - <td class="tdr"> - Census von 1881: - </td> - <td class="tdr"> - 2760000 - </td> - <td class="tdl"> - Einwohner. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Singhalesen: - </td> - <td class="tdr"> - 1847000 - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Tamilen: - </td> - <td class="tdr"> - 687000 - </td> - <td class="tdl"> - (257000 wandernd), - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Mohren: - </td> - <td class="tdr"> - 185000 - </td> - <td class="tdl"> - (17000 aus Indien), - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Eurasier: - </td> - <td class="tdr"> - 18500 - </td> - <td class="tdl"> - (einschliesslich Burghers), - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Malayen: - </td> - <td class="tdr"> - 8000 - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Andere: - </td> - <td class="tdr"> - 7000 - </td> - <td class="tdl"> - (Chinesen, Parsi u. s. w.), - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Europäer: - </td> - <td class="tdr"> - 5000 - </td> - <td class="tdl"> - , - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - Wedda: - </td> - <td class="tdr"> - 2228 - </td> - <td class="tdl"> - . - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_301_301" id="Fussnote_301_301"></a><a href="#FNAnker_301_301"><span class="label">[301]</span></a> Dies wird neuerdings wieder bestritten. Natürlich hat -die Tamil-Sprache gar keine Verwandtschaft mit den Sanskrit-Sprachen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_302_302" id="Fussnote_302_302"></a><a href="#FNAnker_302_302"><span class="label">[302]</span></a> The governement of Ceylon, like that of every Crown -colony, is virtually a despotism. (W. S. <em class="gesperrt">Caine</em>, M. o. P.) -— Paternal despotism (<em class="gesperrt">Ferguson</em>.) — The system of Crown -colonies is supposed to be that of a benevolent despostism, a paternal -autocracy. It is in many cases that of a narrow and selfish oligarchy. -(<em class="gesperrt">Spectator</em>, London.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_303_303" id="Fussnote_303_303"></a><a href="#FNAnker_303_303"><span class="label">[303]</span></a> Die Rupie hatte ursprünglich den Werth von 2 Mark, -später von 1½ Mark, jetzt von 1¼ Mark.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_304_304" id="Fussnote_304_304"></a><a href="#FNAnker_304_304"><span class="label">[304]</span></a> „Sie lassen uns für ein nothwendiges Bedürfniss -besonders bezahlen“, sagte, mit strafendem Blick, ein Reisender zu -dem Leiter des Gasthauses. Dieser zuckte stillschweigend die Achseln. -— Ich würde es mit Freuden begrüssen, wenn bei uns in Deutschland -die Gastwirthe sich entschliessen könnten, das Bad nicht besonders zu -berechnen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_305_305" id="Fussnote_305_305"></a><a href="#FNAnker_305_305"><span class="label">[305]</span></a> Natürlich hat man daselbst im Lesezimmer ein Fernrohr -aufgestellt, um die Namen und Flaggen der einlaufenden Schiffe lesen zu -können.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_306_306" id="Fussnote_306_306"></a><a href="#FNAnker_306_306"><span class="label">[306]</span></a> Verpflegung und Wohnung 8 Rupien täglich, ohne Wein und -Bier und ohne Bad.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_307_307" id="Fussnote_307_307"></a><a href="#FNAnker_307_307"><span class="label">[307]</span></a> Ich möchte den deutschen Hausfrauen einen Versuch -anrathen. In Ceylon ist der Preis 18 d. (also etwa 1 Mark 50 Pfennige) -für das Pfund.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_308_308" id="Fussnote_308_308"></a><a href="#FNAnker_308_308"><span class="label">[308]</span></a> Custom house.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_309_309" id="Fussnote_309_309"></a><a href="#FNAnker_309_309"><span class="label">[309]</span></a> Jetty.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_310_310" id="Fussnote_310_310"></a><a href="#FNAnker_310_310"><span class="label">[310]</span></a> Während ich dieses schreibe (Sommer 1893) ist in -Ostindien die freie Silberprägung aufgehoben, und der Uebergang zur -Goldwährung angebahnt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_311_311" id="Fussnote_311_311"></a><a href="#FNAnker_311_311"><span class="label">[311]</span></a> Für Deutsch-Ost-Afrika werden auch Rupien, mit dem -Bildniss unsres Kaisers, geprägt. Unser Zwei-Mark-Stück wiegt 11 Gramm, -die Rupie 11,<sub>6</sub> Gramm.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_312_312" id="Fussnote_312_312"></a><a href="#FNAnker_312_312"><span class="label">[312]</span></a> Im gewöhnlichen Verkehr werden diese beiden Münzen auch -Shilling und Sixpence genannt. Wenn der Reisende einen geforderten -„Shilling“ wirklich in englischer Münze bezahlt, so hat er ein Drittel -zu viel gegeben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_313_313" id="Fussnote_313_313"></a><a href="#FNAnker_313_313"><span class="label">[313]</span></a> Out-rigger canoe. (Orowah.) Dasselbe ist über die -südostasiatischen Inseln weit verbreitet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_314_314" id="Fussnote_314_314"></a><a href="#FNAnker_314_314"><span class="label">[314]</span></a> <em class="gesperrt">Pallad</em>., De gentibus Indiae et Bragmanis. (Graece -et latine.) Londini 1665. p. 4.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_315_315" id="Fussnote_315_315"></a><a href="#FNAnker_315_315"><span class="label">[315]</span></a> <em class="gesperrt">Kattu</em> binden, <em class="gesperrt">maram</em> Baum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_316_316" id="Fussnote_316_316"></a><a href="#FNAnker_316_316"><span class="label">[316]</span></a> Ich erlebte die Landung des Dampfers „Rome“ -(London-Melbourne), der 200 Cajüt- und nur sechs Zwischendeck-Reisende -mitbrachte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_317_317" id="Fussnote_317_317"></a><a href="#FNAnker_317_317"><span class="label">[317]</span></a> Diese Angabe des Reiseführers kann ich aus dem amtlichen -Werk über die Leuchtfeuer in Indien und Australien bestätigen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_318_318" id="Fussnote_318_318"></a><a href="#FNAnker_318_318"><span class="label">[318]</span></a> Nach der Volkszählung von 1891 leben 121 -Schlangenbeschwörer und 36 Gaukler in Ceylon. Es sind meist Tamilen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_319_319" id="Fussnote_319_319"></a><a href="#FNAnker_319_319"><span class="label">[319]</span></a> Naja tripudians, Cobra di capello.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_320_320" id="Fussnote_320_320"></a><a href="#FNAnker_320_320"><span class="label">[320]</span></a> Sie fahren natürlich langsam. Es giebt aber auch kleine -Renn-Zebu vor einsitzigem Wägelchen, die in ihrem Trab recht sonderbar -aussehen. Gelenkt werden die Ochsen mit einem Strick, der an einem -durch die Nasenscheidewand gezogenen Ring befestigt ist. Vor den -Lastwagen der Landstrasse und an den Drehmühlen ziehen die Ochsenpaare -im Joch: der Balken liegt vor dem Höcker der Thiere.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_321_321" id="Fussnote_321_321"></a><a href="#FNAnker_321_321"><span class="label">[321]</span></a> Eintritt in Hindu-Tempel ist Andersgläubigen nicht -gestattet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_322_322" id="Fussnote_322_322"></a><a href="#FNAnker_322_322"><span class="label">[322]</span></a> Ein lustiger Schiffsarzt hat wohl einmal des Morgens, -ehe Ceylon in Sicht kam, heimlich Zimmtöl über das Verdeck gesprengt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_323_323" id="Fussnote_323_323"></a><a href="#FNAnker_323_323"><span class="label">[323]</span></a> Bark; chips. Der Ceylon-Zimmt heisst auch Canel. -(Canella oder Cannella, d. h. Röhre, der Venezianer und Portugiesen.) -Zimmt kommt auch aus Indien, Java, den Philippinen und China, Senegal, -Brasilien, Westindien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_324_324" id="Fussnote_324_324"></a><a href="#FNAnker_324_324"><span class="label">[324]</span></a> Cinnamomum Ceylonicum, ein zur Familie der Lauraceen -gehöriger immergrüner Baum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_325_325" id="Fussnote_325_325"></a><a href="#FNAnker_325_325"><span class="label">[325]</span></a> Des Abends entzündet der Diener unaufgefordert die an -der Wand befindliche Gasflamme. Kerzen werden nicht verabfolgt, sie -gelten für feuergefährlich. In der That gebieten die Moskito-Netze und -windbewegten Vorhänge grosse Vorsicht. Das Haus ist allerdings aus -Stein gebaut und mit steinerner Haupttreppe versehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_326_326" id="Fussnote_326_326"></a><a href="#FNAnker_326_326"><span class="label">[326]</span></a> Danach wäre der Bedarf für den Kopf und Tag nur 100 -Liter, etwas wenig in so heisser Gegend.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_327_327" id="Fussnote_327_327"></a><a href="#FNAnker_327_327"><span class="label">[327]</span></a> Musa sapientium, ein baumartiger <em class="gesperrt">Strauch</em>, der bis -40 kg Früchte trägt. Auf gleicher Grundfläche liefert derselbe 44 Mal -so viel Nahrungsstoff als die Kartoffel und 133 Mal so viel als der -Weizen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_328_328" id="Fussnote_328_328"></a><a href="#FNAnker_328_328"><span class="label">[328]</span></a> Artocarpus nobilis und integrifolia, nächst Cocus- -und Palmyra-Palme der wichtigste Baum für den Singhalesen; an jedem -Hause, in jedem Garten wird er gepflanzt; seine (5 bis 12 kg schweren) -Früchte, Jaka genannt, nähren den Menschen, seine Blätter das Vieh; -sein Stamm liefert Holz für jeden Zweck.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_329_329" id="Fussnote_329_329"></a><a href="#FNAnker_329_329"><span class="label">[329]</span></a> Kaljani = glücklich. Ganga = Fluss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_330_330" id="Fussnote_330_330"></a><a href="#FNAnker_330_330"><span class="label">[330]</span></a> Gott der Weisheit, mit dem Kopf des Elephanten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_331_331" id="Fussnote_331_331"></a><a href="#FNAnker_331_331"><span class="label">[331]</span></a> Sehr oft wird der Vergleich zwischen der Pflanzenwelt -von Java und der von Ceylon gezogen. Einer der besten Schriftsteller -über Java, der auch Ceylon genau kennt, <em class="gesperrt">Junghahn</em>, erklärt -freimüthig, dass er solchen Kokoswald, wie auf Ceylon, weder auf Java -noch auf Sumatra gesehen habe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_332_332" id="Fussnote_332_332"></a><a href="#FNAnker_332_332"><span class="label">[332]</span></a> <em class="gesperrt">Häckel</em> schildert, wie sein Ganymed in der Frühe -jedes Tages mit der frisch eröffneten Kokosnuss erschien, aus der er -ihm den kühlen Morgen-Trunk kredenzte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_333_333" id="Fussnote_333_333"></a><a href="#FNAnker_333_333"><span class="label">[333]</span></a> Bei Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) heisst es: -μαλλοῖς γυναικαίοις εἰς ἅπαν ἀναδεδεμένος.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_334_334" id="Fussnote_334_334"></a><a href="#FNAnker_334_334"><span class="label">[334]</span></a> Aber sie sind auch Ackerbauer und Fischer, auf dem Lande -und an den Küsten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_335_335" id="Fussnote_335_335"></a><a href="#FNAnker_335_335"><span class="label">[335]</span></a> Ausserdem kommen noch in Betracht Licenz für -Arrak-Verkauf (⅛), Salzsteuer, Quittungssteuer, Landverkauf.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_336_336" id="Fussnote_336_336"></a><a href="#FNAnker_336_336"><span class="label">[336]</span></a> Dieser Theil war 1867 fertig, der folgende erst 1885.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_337_337" id="Fussnote_337_337"></a><a href="#FNAnker_337_337"><span class="label">[337]</span></a> 205 englische Meilen im ganzen waren 1892 auf Ceylon -im Betrieb und 32 Meilen südwärts von Nanu-Oya nach Haputalé in der -Südprovinz Uva so weit fertiggestellt, dass die Eröffnung im Frühjahr -1893 zu erwarten stand. — 122 Meilen für 1½ Millionen £ sind freies -Eigenthum der Colonie, die Grundschuld für die andern 148 Meilen -beträgt nicht viel mehr als 2 Millionen £.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_338_338" id="Fussnote_338_338"></a><a href="#FNAnker_338_338"><span class="label">[338]</span></a> Also etwa 7 Pfennige für den Kilometer; oder 10 -Pfennige, wenn die Rupie zu ihrem vollen Werth gerechnet wird. Das -stimmt ungefähr mit unseren Schnellzugspreisen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_339_339" id="Fussnote_339_339"></a><a href="#FNAnker_339_339"><span class="label">[339]</span></a> Auf der Rückfahrt lernte ich eine thörichte Einrichtung -kennen. Eine Stunde, bevor der Zug an dem Haupthaltepunkt ankommt, -werden die Wagen an beiden Seiten von aussen mit einem Schlüssel fest -verschlossen, — wegen der Fahrkarten-Prüfung. Da die Fenster sehr -klein sind, kann der Reisende im Unglücksfall nicht heraus, falls er -nicht eine Holzaxt bei sich hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_340_340" id="Fussnote_340_340"></a><a href="#FNAnker_340_340"><span class="label">[340]</span></a> M.-Junction.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_341_341" id="Fussnote_341_341"></a><a href="#FNAnker_341_341"><span class="label">[341]</span></a> 1 Acre = 40.467 Ar, 1 Ar = 100 Quadrat-Meter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_342_342" id="Fussnote_342_342"></a><a href="#FNAnker_342_342"><span class="label">[342]</span></a> 1 Bushel = 35 Liter; 1 hl Roggen = 72 Pfund, also 2 -Millionen hl Reis wohl <em class="gesperrt">ungefähr</em> 72000 Tonnen. (In das deutsche -Reich sind 1887 eingeführt 91701 Tonnen Reis, im Werth von 15954000 -Mark.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_343_343" id="Fussnote_343_343"></a><a href="#FNAnker_343_343"><span class="label">[343]</span></a> Die patriarchalische Dorfverwaltung, aus Indien -entlehnt, hat seit uralter Zeit in Ceylon bestanden; die Gemeinde -verwaltete sich selbst und sorgte namentlich für die Wasserläufe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_344_344" id="Fussnote_344_344"></a><a href="#FNAnker_344_344"><span class="label">[344]</span></a> Von den Portugiesen haben dies die Kandyer gelernt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_345_345" id="Fussnote_345_345"></a><a href="#FNAnker_345_345"><span class="label">[345]</span></a> Diese Zahl steht in Ferguson’s neuester Ausgabe, -ist aber wohl „Zukunftsmusik“. Denn auf der Karte, die er seinem -Werk beigegeben, steht deutlich zu lesen: <em class="gesperrt">Letzte Statistik</em>: -Bevölkerung 3100000. Flächeninhalt der Insel 15800000 Acres. Bebautes -Land 3212310 Acres. (Reis 700000, Kokos 500000, Kaffe 38000, Thee -255000, Cinchona 9000, Natürliche Weide 100000.) — An Kron-Land wurde -verkauft (1860–1893) eine Million Acres für 2 Millionen £.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_346_346" id="Fussnote_346_346"></a><a href="#FNAnker_346_346"><span class="label">[346]</span></a> Einschliesslich der Geistlichkeit. Jetzt sind -<em class="gesperrt">alle</em> Religionen in Ceylon frei von Aufsicht und Unterstützung -des Staates.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_347_347" id="Fussnote_347_347"></a><a href="#FNAnker_347_347"><span class="label">[347]</span></a> Europäische Kinder sterben in Ceylon, bevor sie -erwachsen sind.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_348_348" id="Fussnote_348_348"></a><a href="#FNAnker_348_348"><span class="label">[348]</span></a> Regierungsbeamte im Innern müssen allerdings die -Landessprache erlernen, Pflanzer können ohne einige Kenntniss der -Tamil-Sprache nicht wirthschaften.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_349_349" id="Fussnote_349_349"></a><a href="#FNAnker_349_349"><span class="label">[349]</span></a> Seine Begegnung mit der Fürstentochter hat sehr grosse -Aehnlichkeit mit der des Odysseus und der Kirke.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_350_350" id="Fussnote_350_350"></a><a href="#FNAnker_350_350"><span class="label">[350]</span></a> Zahn-Stadt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_351_351" id="Fussnote_351_351"></a><a href="#FNAnker_351_351"><span class="label">[351]</span></a> Blinde Bettler giebt es natürlich auch auf Ceylon, -wie allenthalben. Aber im Ganzen fand ich den Zustand der Augen sehr -gut auf dieser heissen Insel. Die ägyptische Augenentzündung, die in -Calcutta und besonders in Bombay gar nicht so selten vorkommt, ist -in Ceylon fast unbekannt; ein neuer Beweis zu den vielen anderen, -dass Hitze und grelles Sonnenlicht nicht die Ursache der Krankheit -darstellen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_352_352" id="Fussnote_352_352"></a><a href="#FNAnker_352_352"><span class="label">[352]</span></a> Nerium odorum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_353_353" id="Fussnote_353_353"></a><a href="#FNAnker_353_353"><span class="label">[353]</span></a> Maha-vali = grosse Linie.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_354_354" id="Fussnote_354_354"></a><a href="#FNAnker_354_354"><span class="label">[354]</span></a> Von den Engländern so genannt, bei den Einheimischen -heisst sie Tal Gaha.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_355_355" id="Fussnote_355_355"></a><a href="#FNAnker_355_355"><span class="label">[355]</span></a> So genannt, weil die Blätter erfrischenden Saft -enthalten für den müden Wandrer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_356_356" id="Fussnote_356_356"></a><a href="#FNAnker_356_356"><span class="label">[356]</span></a> 1 Quart = 1,145 Liter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_357_357" id="Fussnote_357_357"></a><a href="#FNAnker_357_357"><span class="label">[357]</span></a> Nicht 40, wie Häckel schon 1882 angegeben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_358_358" id="Fussnote_358_358"></a><a href="#FNAnker_358_358"><span class="label">[358]</span></a> Zu 0,9 Liter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_359_359" id="Fussnote_359_359"></a><a href="#FNAnker_359_359"><span class="label">[359]</span></a> Fahrpreis erster Classe 6 Rupien 57 Cts., für Hin- und -Rückfahrt 10 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_360_360" id="Fussnote_360_360"></a><a href="#FNAnker_360_360"><span class="label">[360]</span></a> Fahrpreis 2 Rupien; für das Gepäck, das im Ochsenwagen -befördert wurde 1 Rupie.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_361_361" id="Fussnote_361_361"></a><a href="#FNAnker_361_361"><span class="label">[361]</span></a> Mein Reise-Aneroïd-Barometer nebst Compass (von P. -Dörffel in Berlin) hat mir, namentlich bei Bergfahrten, vielfach -Belehrung und — Zerstreuung gewährt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_362_362" id="Fussnote_362_362"></a><a href="#FNAnker_362_362"><span class="label">[362]</span></a> Die Culturpalme geht bis 3000 Fuss Höhe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_363_363" id="Fussnote_363_363"></a><a href="#FNAnker_363_363"><span class="label">[363]</span></a> Agave americana. Stammt aus Amerika, hat aber zusammen -mit ihrer Landsmännin, der Cactusfeige (Opuntia), das Aussehen unsrer -<em class="gesperrt">Mittelmeer-Landschaft</em> völlig verändert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_364_364" id="Fussnote_364_364"></a><a href="#FNAnker_364_364"><span class="label">[364]</span></a> <em class="gesperrt">Eine</em> Pflanze sandte er an den botanischen -Garten von Amsterdam. Von dem Samen dieser Pflanze stammen fast alle -Kaffebäume der Erde ab, nachweislich alle in Amerika.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_365_365" id="Fussnote_365_365"></a><a href="#FNAnker_365_365"><span class="label">[365]</span></a> Nach Einigen war die Pflanzung von Georg Birch bei -Gampola schon ein Jahr früher eingerichtet worden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_366_366" id="Fussnote_366_366"></a><a href="#FNAnker_366_366"><span class="label">[366]</span></a> 8 Millionen Pfund 1824, 15 im Jahre 1827.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_367_367" id="Fussnote_367_367"></a><a href="#FNAnker_367_367"><span class="label">[367]</span></a></p> - -<table class="mleft1" summary="Kaffeeimport nach England"> - <tr> - <td class="tdr"> - Nach England - </td> - <td class="tdc"> - sind - </td> - <td class="tdc"> - 1827 - </td> - <td class="tdc"> - von - </td> - <td class="tdc"> - Westindien - </td> - <td class="tdr"> - 29 - </td> - <td class="tdc"> - Mill., - </td> - <td class="tdc"> - von - </td> - <td class="tdc"> - Ceylon - </td> - <td class="tdl"> - fast 2 Mill., - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - - </td> - <td class="tdc"> - aber - </td> - <td class="tdc"> - 1857 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdr"> - 4 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - 67 Millionen - </td> - </tr> -</table> - -<p>Pfund Kaffe eingeführt worden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_368_368" id="Fussnote_368_368"></a><a href="#FNAnker_368_368"><span class="label">[368]</span></a> An den steilen Abhängen wurden die obersten Reihen der -uralten Bäume gefällt und auf die darunter stehenden, an einer Seite -eingeschnittenen gestürzt: lawinenartig setzte sich der Sturz fort bis -zur Thalsohle: dann wurde der ganze, niedergelegte Urwald angezündet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_369_369" id="Fussnote_369_369"></a><a href="#FNAnker_369_369"><span class="label">[369]</span></a> Aber noch 1854 tadelt Schmarda, der 8 Monate auf -der Insel verweilte, das Ueberwiegen der Speculation bei den -Kaffe-Pflanzern.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_370_370" id="Fussnote_370_370"></a><a href="#FNAnker_370_370"><span class="label">[370]</span></a> -1884 war die Kaffe-Ernte des Erdballs etwa:</p> - -<table class="mleft1" summary="Globale Kaffee-Ernte 1884"> - <tr> - <td class="tdr"> - 7250000 - </td> - <td class="tdc"> - metr. - </td> - <td class="tdc"> - Centner - </td> - <td class="tdl"> - (zu 100 kg) oder 1450 Millionen Pfund; davon - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 3891000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - aus Brasilien, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 907000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - aus Java, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 146000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - aus Ceylon. - </td> - </tr> -</table> - -<p>Ferguson berechnet die ganze Erzeugung von Kaffe auf:</p> - -<table class="mleft1" summary="Kaffee-Erzeugung nach Ferguson"> - <tr> - <td class="tdr"> - 869000 - </td> - <td class="tdc"> - Tonnen - </td> - <td class="tdl"> - (oder 17 Mill. Centner, im Werthe von £ 70000000); davon - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 128000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - auf örtlichen Verbrauch, - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr"> - 740000 - </td> - <td class="tdc"> - „ - </td> - <td class="tdl"> - auf Ausfuhr. - </td> - </tr> -</table> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_371_371" id="Fussnote_371_371"></a><a href="#FNAnker_371_371"><span class="label">[371]</span></a> Ferguson berechnet die Gesammterzeugung der Erde auf -1385 Millionen Pfund Thee (also beinahe so viel wie die des Kaffe); die -Ausfuhr auf 504 Millionen, den Verbrauch in China auf 800 Millionen, -den in England auf 210 Millionen, den in Deutschland auf 4½ -Millionen Pfund. 1885 betrug die Gesammtausfuhr von Thee etwa 380 -Millionen Pfund, davon aus China 256 im Werth von 173 Millionen Mark. -— Einzelne Sachverständige behaupten, dass man nach 30 Jahren Thee aus -Ceylon nicht mehr werde ausführen können. (?)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_372_372" id="Fussnote_372_372"></a><a href="#FNAnker_372_372"><span class="label">[372]</span></a> Ceylon Tea Plantation Company, die 1891 an 4 Millionen -Pfund Thee auf den Markt gebracht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_373_373" id="Fussnote_373_373"></a><a href="#FNAnker_373_373"><span class="label">[373]</span></a> Angeblich hat nur ein Zehntel der Pflanzer Glück gehabt. -Aber England hat doch ungeheure Summen aus Ceylon gezogen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_374_374" id="Fussnote_374_374"></a><a href="#FNAnker_374_374"><span class="label">[374]</span></a> Nach Ferguson verdient der Mann 2½ bis 3½ Shilling -die Woche, nach Caine 6 bis 9 Pence täglich; nach Schmarda, 1854, 9 -Pence bis 1 Shilling. 50 Millionen £ sind in den letzten 50 Jahren den -Einheimischen an Arbeitslohn gezahlt worden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_375_375" id="Fussnote_375_375"></a><a href="#FNAnker_375_375"><span class="label">[375]</span></a> D. h. Götterspeise.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_376_376" id="Fussnote_376_376"></a><a href="#FNAnker_376_376"><span class="label">[376]</span></a> <em class="gesperrt">Quina</em> = Rinde, in der Inka-Sprache. 1638 wurde -die Gräfin <em class="gesperrt">Cinchon</em>, Frau des Vicekönigs von Peru, durch die -Rinde vom Fieber geheilt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelangte -das Mittel nach England, Frankreich und Deutschland. Die wirksamen -Stoffe der Rinde sind die Alkaloïde Chinin und Cinchonin. Die Holländer -verpflanzten 1852 die Cinchona nach Java, die Engländer 10 Jahre später -nach Indien und Ceylon.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_377_377" id="Fussnote_377_377"></a><a href="#FNAnker_377_377"><span class="label">[377]</span></a> Bei uns kostet jetzt, im <em class="gesperrt">Einzelverkauf</em>, 1 Gramm -15 Pfennige.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_378_378" id="Fussnote_378_378"></a><a href="#FNAnker_378_378"><span class="label">[378]</span></a> Im Mittel 5 Procent Alkaloïde. Das deutsche Arzneibuch -verlangt von der China-Rinde mindestens 3,5 Procent Alkaloïde. Der -jährliche Bedarf der ganzen Erde ist etwa 6 Millionen kg China-Rinde, -1881 wurden etwa 9 Millionen geerntet, das meiste stammt doch noch aus -Südamerika, die Fabriken verarbeiten jährlich 4,3 Millionen kg Rinde -und gewinnen daraus 86400 kg Alkaloïde oder 120000 kg Chininsulfat und -entsprechende Salze.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_379_379" id="Fussnote_379_379"></a><a href="#FNAnker_379_379"><span class="label">[379]</span></a> D. h. die königliche Stadt des Lichtes, — seitdem 1610 -n. Chr. die Könige von Kandy vor den Portugiesen dorthin geflüchtet -waren. Man findet auch die Schreibweise Neura-ellia. Kein Wunder, dass -die Engländer New Aurelia schreiben und nurélia aussprechen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_380_380" id="Fussnote_380_380"></a><a href="#FNAnker_380_380"><span class="label">[380]</span></a> Etwa 10 Rupien täglich, ohne Wein u. dgl.; bei längerem -Aufenthalt 7 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_381_381" id="Fussnote_381_381"></a><a href="#FNAnker_381_381"><span class="label">[381]</span></a> Wer nicht zu Fuss gehen will, kann für 4 Rupien sich -hinauftragen lassen oder für 5 Rupien auf einem Ponny hinaufreiten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_382_382" id="Fussnote_382_382"></a><a href="#FNAnker_382_382"><span class="label">[382]</span></a> Wörtlich Matten-Rippen-Fels. Der Berg bringt Pflanzen -hervor, die geeignet sind zum Flechten von Matten (pedura); talla = -Blattstreif oder Rippe; galla = Berg. — Der abgekürzte Name lautet -Pedro.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_383_383" id="Fussnote_383_383"></a><a href="#FNAnker_383_383"><span class="label">[383]</span></a> Rhododendrum arboreum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_384_384" id="Fussnote_384_384"></a><a href="#FNAnker_384_384"><span class="label">[384]</span></a> Allerdings beherrscht der hohe Standpunkt eine -Kreisfläche von etwa 150 km Halbmesser oder 300 km Durchmesser, während -die grösste Breite der Insel nur 235 km beträgt. <em class="gesperrt">Häckel</em> hat hier -oben westlich wie östlich einen Silberstreif des Meeres gesehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_385_385" id="Fussnote_385_385"></a><a href="#FNAnker_385_385"><span class="label">[385]</span></a> Für 1 Rupie.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_386_386" id="Fussnote_386_386"></a><a href="#FNAnker_386_386"><span class="label">[386]</span></a> Für 6 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_387_387" id="Fussnote_387_387"></a><a href="#FNAnker_387_387"><span class="label">[387]</span></a> Ich hatte mir natürlich auch englische machen lassen, da -in englischen Gegenden fremde Sprachen nicht verstanden werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_388_388" id="Fussnote_388_388"></a><a href="#FNAnker_388_388"><span class="label">[388]</span></a> Alsophila.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_389_389" id="Fussnote_389_389"></a><a href="#FNAnker_389_389"><span class="label">[389]</span></a> Mimosa pudica.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_390_390" id="Fussnote_390_390"></a><a href="#FNAnker_390_390"><span class="label">[390]</span></a> Vgl. seine indischen Reisebriefe S. 339.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_391_391" id="Fussnote_391_391"></a><a href="#FNAnker_391_391"><span class="label">[391]</span></a> S. 231.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_392_392" id="Fussnote_392_392"></a><a href="#FNAnker_392_392"><span class="label">[392]</span></a> Kadi, Kari, Kuri ist saure Milch, mit Reis gesotten. -Hieraus haben die Engländer <em class="gesperrt">curry</em> gemacht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_393_393" id="Fussnote_393_393"></a><a href="#FNAnker_393_393"><span class="label">[393]</span></a> Sweet and hot.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_394_394" id="Fussnote_394_394"></a><a href="#FNAnker_394_394"><span class="label">[394]</span></a> Wörtlich: des Glückes Fusstapfen. Der Adams-Pik heisst -in Pali Sumanakuta = Götterberg, der neuere Name ist Samanella.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_395_395" id="Fussnote_395_395"></a><a href="#FNAnker_395_395"><span class="label">[395]</span></a> Ausser — Freitags! Die Fahrt dauert eine Stunde, die -Entfernung beträgt 22 englische Meilen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_396_396" id="Fussnote_396_396"></a><a href="#FNAnker_396_396"><span class="label">[396]</span></a> Rest-house.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_397_397" id="Fussnote_397_397"></a><a href="#FNAnker_397_397"><span class="label">[397]</span></a> Auch für die Rast unter dem schattigen Dach muss -besonders bezahlt werden, allerdings nicht viel, etwa ½ Rupie.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_398_398" id="Fussnote_398_398"></a><a href="#FNAnker_398_398"><span class="label">[398]</span></a> Matale-Anaradhapura, 30 Rupien für Hin- und Rückfahrt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_399_399" id="Fussnote_399_399"></a><a href="#FNAnker_399_399"><span class="label">[399]</span></a> Die indische Tonga ist zweirädrig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_400_400" id="Fussnote_400_400"></a><a href="#FNAnker_400_400"><span class="label">[400]</span></a> Semnopithecus, Wanderu. (Singhalesisch Wandura.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_401_401" id="Fussnote_401_401"></a><a href="#FNAnker_401_401"><span class="label">[401]</span></a> Durch Schlangenbiss und wilde Thiere sterben in Ceylon -jährlich 150 Menschen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_402_402" id="Fussnote_402_402"></a><a href="#FNAnker_402_402"><span class="label">[402]</span></a> Derselbe hat grosse Verdienste nicht bloss um die -Alterthümer, sondern auch um die Wiederherstellung der Bewässerung, -Anpflanzung von Palmen und Reisfeldern, den Bau von Krankenhäusern u. -dgl.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_403_403" id="Fussnote_403_403"></a><a href="#FNAnker_403_403"><span class="label">[403]</span></a> E. Tournour, The Mahawanso, Ceylon 1837. L. C. -Wijesingha, The Mahavansa, part II, Colombo 1889. Wie man sieht, wird -der Titel etwas verschieden mit europäischen Buchstaben geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_404_404" id="Fussnote_404_404"></a><a href="#FNAnker_404_404"><span class="label">[404]</span></a> D. h. Victor, der Siegreiche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_405_405" id="Fussnote_405_405"></a><a href="#FNAnker_405_405"><span class="label">[405]</span></a> Anurádha war der Schwager des zweiten Königs Panduwása. -Pura heisst Grossstadt. Tennent, unsre Hauptquelle, schreibt -Anarajapoora.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_406_406" id="Fussnote_406_406"></a><a href="#FNAnker_406_406"><span class="label">[406]</span></a> Es gab Krankenhäuser für Menschen und Thiere, -öffentliche Gärten, Strassenreinigung, Begräbnissplätze.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_407_407" id="Fussnote_407_407"></a><a href="#FNAnker_407_407"><span class="label">[407]</span></a> Gam oder gramma = Stadt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_408_408" id="Fussnote_408_408"></a><a href="#FNAnker_408_408"><span class="label">[408]</span></a> Jetzt 9598, nach der Volkszählung von 1891.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_409_409" id="Fussnote_409_409"></a><a href="#FNAnker_409_409"><span class="label">[409]</span></a> 769 n. Chr. wurde der Herrschersitz südwärts verlegt -nach Pollanarus. Diese Stadt blühte besonders im 12. Jahrhundert und -sank dann gleichfalls in Ruinen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_410_410" id="Fussnote_410_410"></a><a href="#FNAnker_410_410"><span class="label">[410]</span></a> Aehnliches gilt von einigen Städten der Ureinwohner von -Central-Amerika.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_411_411" id="Fussnote_411_411"></a><a href="#FNAnker_411_411"><span class="label">[411]</span></a> Die grosse Pyramide von Gizeh enthält 2½ Millionen -Cubikmeter, also über 67½ Millionen Cubikfuss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_412_412" id="Fussnote_412_412"></a><a href="#FNAnker_412_412"><span class="label">[412]</span></a> Dies scheint mir vom baukünstlerischen Standpunkt -vernünftiger, als wenn ein Ptolemäer den Riesen-Obelisk des grossen -Thutmes auf vier — <em class="gesperrt">Krabben</em> aus Bronze stellt. Der Beobachter -(im Centralpark zu New-York, wohin dies Wunderwerk verschlagen ward,) -befürchtet fast, den Zusammenkrach zu hören und zu sehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_413_413" id="Fussnote_413_413"></a><a href="#FNAnker_413_413"><span class="label">[413]</span></a> Im Pâli <em class="gesperrt">hanza</em>, also derselbe Stamm, wie im -Griechischen, Lateinischen, Deutschen und den daraus abgeleiteten -Sprachen. Die Buddhisten nahmen an, dass die Wanderzüge der Gänse -nach dem heiligen See von Manasa (in ihrem mythischen Himalaya) sich -erstrecken.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_414_414" id="Fussnote_414_414"></a><a href="#FNAnker_414_414"><span class="label">[414]</span></a> Nach Fergusson wäre es der rechte Backenknochen (yaw -bone).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_415_415" id="Fussnote_415_415"></a><a href="#FNAnker_415_415"><span class="label">[415]</span></a> Hauptquellen für diese Alterthümer sind neben Burrows -und den kurzen Mittheilungen, die Herr Bell bisher gemacht hat, noch -immer <em class="gesperrt">Tennent</em> und J. <em class="gesperrt">Fergusson</em>, Verfasser von Indian -Architecture. Fergusson war nie auf Ceylon, er tadelt Tennent, wirft -der Regierung Gleichgiltigkeit gegen die Alterthümer vor und verspottet -unsern Landsmann Dr. <em class="gesperrt">Goldschmidt</em>, der die <em class="gesperrt">Inschriften</em> -studire: offenbar kann er deren Werth nicht würdigen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_416_416" id="Fussnote_416_416"></a><a href="#FNAnker_416_416"><span class="label">[416]</span></a> Wie der unvollendete Obelisk im Steinbruch bei Assuan in -Oberägypten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_417_417" id="Fussnote_417_417"></a><a href="#FNAnker_417_417"><span class="label">[417]</span></a> Vom Führer als Tränke bezeichnet; doch wird man damals, -wie heute, Elephanten und Ochsen in Teichen getränkt haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_418_418" id="Fussnote_418_418"></a><a href="#FNAnker_418_418"><span class="label">[418]</span></a> <em class="gesperrt">Giants Tank.</em> Aber auf Ferguson’s Karte heisst so -ein Teich nahe der Nordwestküste von Ceylon.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_419_419" id="Fussnote_419_419"></a><a href="#FNAnker_419_419"><span class="label">[419]</span></a> Ich sage <em class="gesperrt">vielleicht</em>, da Herodot in der -Beschreibung des Moeris-See’s wahrscheinlich sich getäuscht hat, indem -er den Fayum zur Ueberschwemmungszeit besuchte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_420_420" id="Fussnote_420_420"></a><a href="#FNAnker_420_420"><span class="label">[420]</span></a> Tennent sah, vor 40 Jahren, einen Knaben, der geradlinig -von einem der Begleiter des heiligen Bo-Baumes abstammte. Er hatte -den Titel „Prinz des Löwen und der Sonne“. Gegen diesen Stammbaum -verschwinden die des europäischen Adels.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_421_421" id="Fussnote_421_421"></a><a href="#FNAnker_421_421"><span class="label">[421]</span></a> Preis des Telegramms in Ceylon: a) dringend, 1 Rup. -60 Cts., b) gewöhnlich, 80 Cts., c) aufschiebbar, 40 Cts., für acht -Wörter. Jedes Zusatzwort noch 20, 10, 5 Cts. Adresse frei. Ich wählte -b). — Es giebt 1550 engl. Meilen Telegraphen-Draht in Ceylon.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_422_422" id="Fussnote_422_422"></a><a href="#FNAnker_422_422"><span class="label">[422]</span></a> Hindu-Schreiber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_423_423" id="Fussnote_423_423"></a><a href="#FNAnker_423_423"><span class="label">[423]</span></a> In ganz Ostasien, von Hongkong bis Bombay, sind die -Gasthäuser schlecht. Es fehlt der Wettbewerb. Auch gehört viel Geld -dazu, so grosse Häuser, wie die in Colombo, Calcutta, Bombay, zu -errichten und zu unterhalten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_424_424" id="Fussnote_424_424"></a><a href="#FNAnker_424_424"><span class="label">[424]</span></a> Die Hauptzeit dauert vom 20. Dezember bis 10. Januar; -da kommt jeder in Bengal lebende Engländer nach Calcutta; da sind die -Bälle und Empfänge des Vice-Königs und der Vornehmen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_425_425" id="Fussnote_425_425"></a><a href="#FNAnker_425_425"><span class="label">[425]</span></a></p> - -<table summary="Werte der Münzen"> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <em class="gesperrt">Silbermünzen</em>: - </td> - <td class="tdr"> - 1 Rupie - </td> - <td class="tdl" colspan="2"> - (= 16 Annas), eigentlich 2 sh, wirklich 1 sh 2½ d, etwa 130 Pfennige. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - ½ Rupie - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - 8 Annas (65 Pfennige). - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - ¼ Rupie - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - 4 Annas (32½ Pfennige). - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl"> - - </td> - <td class="tdr"> - ⅛ Rupie - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - 2 Annas (16 Pfennige, ein bequemes <em class="gesperrt">Trinkgeld</em>). - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - <em class="gesperrt">Kupfermünzen</em>: - </td> - <td class="tdr"> - ½ Anna - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - 4 Pfennige. - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat"> - - </td> - <td class="tdr"> - ¼ Anna - </td> - <td class="tdc"> - = - </td> - <td class="tdl"> - 1 paisá, englisch pice, 2 Pfennige, ein <em class="gesperrt">Almosen</em>. - </td> - </tr> -</table> - -<p>1 Anna = 4 pices = 12 pies. (Für die Armuth des Landes spricht der -Umstand, dass in manchen einheimischen Märkten die Anna in 912 Theile -— Kauri — getheilt wird!)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_426_426" id="Fussnote_426_426"></a><a href="#FNAnker_426_426"><span class="label">[426]</span></a> Wörtlich Schnee-Palast; vom Sanskritischen <em class="gesperrt">hima</em> = -Frost oder Schnee und álaya = Wohnung. Der erstgenannte Stamm ist auch -im Griechischen und Lateinischen vorhanden. (χεῖμα, hiems = -Winter.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_427_427" id="Fussnote_427_427"></a><a href="#FNAnker_427_427"><span class="label">[427]</span></a> In engerem Sinne bedeutet Dekkan das Hochland zwischen -den beiden Flüssen, Narbada, der ungefähr unter 21° nördl. Br. in -das arabische Meer (den Golf von Cambay) fliesst, und Krishna oder -Kistna, der ungefähr unter 16° nördl. Br. in das Meer von Bengalen sich -ergiesst.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_428_428" id="Fussnote_428_428"></a><a href="#FNAnker_428_428"><span class="label">[428]</span></a> Treppengebirge, von ghát = Landungstreppe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_429_429" id="Fussnote_429_429"></a><a href="#FNAnker_429_429"><span class="label">[429]</span></a> Burma mit 7½ Mill. Einwohnern gehört jetzt mit zum -Kaiserreich Indien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_430_430" id="Fussnote_430_430"></a><a href="#FNAnker_430_430"><span class="label">[430]</span></a> 1 Acre = 40,5 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_431_431" id="Fussnote_431_431"></a><a href="#FNAnker_431_431"><span class="label">[431]</span></a> Die Eintheilung ist üblich, aber nicht folgerichtig. Die -Mohammedaner sind nicht ein besonderer Stamm.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_432_432" id="Fussnote_432_432"></a><a href="#FNAnker_432_432"><span class="label">[432]</span></a> Vom portugiesischen <em class="gesperrt">casta</em>, Geschlecht; -Uebersetzung des indischen <em class="gesperrt">dschâti</em>, Stand.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_433_433" id="Fussnote_433_433"></a><a href="#FNAnker_433_433"><span class="label">[433]</span></a> d. i. Vihara = Kloster.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_434_434" id="Fussnote_434_434"></a><a href="#FNAnker_434_434"><span class="label">[434]</span></a> Ueber 50 Procent Hindu, 39 Procent Mohammedaner, ferner -Christen, Juden, Parsi u. s. w. 1881 waren unter 684000 Einwohnern -428000 Hindu, 221000 Mohammedaner, 30000 Christen und, nach der -Nationalität, 7000 Europäer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_435_435" id="Fussnote_435_435"></a><a href="#FNAnker_435_435"><span class="label">[435]</span></a> Der jetzige Tempel mit seiner Treppe (ghat) heisst -Kali-ghat und liegt einige englische Meilen südlich von der Stadt am -Ufer von Tolly’s Nulla (Nalla). Er ist vor etwa 300 Jahren von einer -reichen Hindu-Familie erbaut und mit einer Landschenkung ausgerüstet -und wird von wohlhabenden Priestern, den Nachkommen der Gründer, -verwaltet. Es ist der einzige Ort in Calcutta für den öffentlichen -Gottesdienst der Hindu; wiewohl in jedem Haus ein Altar für den -Familien-Gott sich vorfindet. Kali, „die schwarze“, ist eine grausame -Göttin, die Pest und Hungersnoth sendet und nur durch Blutopfer -besänftigt wird. Gewöhnlich werden Ziegen geopfert: aber, wie in alten -Tagen, so wurden auch noch 1866, während der schrecklichen Hungersnoth, -Menschenköpfe, mit Blumen bedeckt, vor ihrem Altar gefunden. Und -sogar noch 1893 ist ihr in der Nähe von Calcutta ein Menschenopfer -dargebracht worden. — Die Schreibweise Kalkutta mag richtiger sein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_436_436" id="Fussnote_436_436"></a><a href="#FNAnker_436_436"><span class="label">[436]</span></a> Das Gebäude ist nicht mehr vorhanden; der Eingang lag -in einer Gasse hinter dem jetzigen Postgebäude; 1884 wurde der Ort mit -einem schönen Steinpflaster versehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_437_437" id="Fussnote_437_437"></a><a href="#FNAnker_437_437"><span class="label">[437]</span></a> Ich verschmähte denselben und fand weit besser meinen -weichen, hellgrauen, breitkrämpigen Filzhut, den ich schon in -Oberägypten erprobt hatte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_438_438" id="Fussnote_438_438"></a><a href="#FNAnker_438_438"><span class="label">[438]</span></a> <em class="gesperrt">Babu</em> heisst Herr auf hindostanisch und bedeutet -einen Inder, der englisch lesen und schreiben kann. Die Babu sind -das halbgebildete, neuerungssüchtige, unzufriedene Element in -Indien. Europäer in Indien werden mit dem arabischen Wort für Herr, -<em class="gesperrt">Sahib</em>, angeredet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_439_439" id="Fussnote_439_439"></a><a href="#FNAnker_439_439"><span class="label">[439]</span></a> Am ersten Tag in Calcutta entnahm ich Geld auf meinen -Creditbrief in der Chartered bank of India, Australia, China. Ich -erhielt 74 Zehnrupienscheine der Regierung und 54 Silberrupien in einem -Beutelchen. (50 £ = 794 R.) <em class="gesperrt">Mit 58 £ bin ich in 33 Tagen sehr bequem -durch Indien gekommen.</em> Es ist eine unsinnige Behauptung, dass man -täglich 5 £ braucht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_440_440" id="Fussnote_440_440"></a><a href="#FNAnker_440_440"><span class="label">[440]</span></a> Sprich Tanjor.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_441_441" id="Fussnote_441_441"></a><a href="#FNAnker_441_441"><span class="label">[441]</span></a> Jute, Calcutta-Hanf, die Bastfaser von Corchorus, 1,5 -bis 2,5 Meter lang, besonders seit dem Krimkriege, während dessen der -russische Flachs und Hanf nicht nach England kamen, eingeführt. (Der -Name Jute stammt aus Orissa.) 1890/91 wurden aus Indien ausgeführt an -Jute 12 Millionen Centner (Rx 7½ Millionen), an Jutesäcken für Rx -2½ Millionen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_442_442" id="Fussnote_442_442"></a><a href="#FNAnker_442_442"><span class="label">[442]</span></a> Rx = 10 Rupien, ein durch den schwankenden Silberpreis -neuerdings eingeführtes Zeichen, während früher Rx = £ gewesen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_443_443" id="Fussnote_443_443"></a><a href="#FNAnker_443_443"><span class="label">[443]</span></a> Auch Steinöl ist vorhanden, in Punjab, in Assam, -aber weder lohnend, noch ausreichend, so dass Indien angewiesen ist -auf Einfuhren aus Amerika und aus Russland, die hier mittwegs sich -begegnen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_444_444" id="Fussnote_444_444"></a><a href="#FNAnker_444_444"><span class="label">[444]</span></a> Rx 8 Millionen, also fast ¼ der ganzen Steuern. -(35½ Millionen.) Folglich zahlt die ärmste Familie von vier Personen -der Regierung an Salz-Steuer jährlich 2⅓ Shilling oder den Lohn -einer Woche und mehr.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_445_445" id="Fussnote_445_445"></a><a href="#FNAnker_445_445"><span class="label">[445]</span></a> Adamas, griechisch, der unzerbrechliche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_446_446" id="Fussnote_446_446"></a><a href="#FNAnker_446_446"><span class="label">[446]</span></a> Vergleiche meine Arbeit: Ueber die Ergebnisse der -Magnetoperation in der Augenheilkunde, in A. v. Graefe’s Archiv, Band -XXXV, 1890.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_447_447" id="Fussnote_447_447"></a><a href="#FNAnker_447_447"><span class="label">[447]</span></a> Im Norden der Centralprovinz.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_448_448" id="Fussnote_448_448"></a><a href="#FNAnker_448_448"><span class="label">[448]</span></a> <em class="gesperrt">Fergusson</em> verficht mit Eifer die Ansicht, dass -„allenthalben unterhalb des Buddha-Glaubens eine Lage von Schlangen- -und Baumdienst gefunden wird“, dass hauptsächlich nur die alten -Ureinwohner, die Schlangen und Bäume verehrten, den Buddha-Glauben -angenommen haben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_449_449" id="Fussnote_449_449"></a><a href="#FNAnker_449_449"><span class="label">[449]</span></a> Der <em class="gesperrt">sachverständige</em> Prinz Waldemar von -Preussen beschreibt es folgendermaassen: „Es bildet ein achtseitiges -Vauban’sches Polygon, dessen fünf Landseiten bastionirt, dagegen die -drei dem Hugli zugekehrten <em class="gesperrt">tenaillirt</em> sind, d. h. abwechselnd -ein- und ausspringende Winkel bilden.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_450_450" id="Fussnote_450_450"></a><a href="#FNAnker_450_450"><span class="label">[450]</span></a> Für 1 R.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_451_451" id="Fussnote_451_451"></a><a href="#FNAnker_451_451"><span class="label">[451]</span></a> Die Wasserleitung Calcutta’s schöpft aus dem Ganges.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_452_452" id="Fussnote_452_452"></a><a href="#FNAnker_452_452"><span class="label">[452]</span></a> Die der Wirth für 2 Annas d. h. etwa 16 Pfennige -liefert, mein Landsmann aber auf den Werth von 1 Annas abschätzt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_453_453" id="Fussnote_453_453"></a><a href="#FNAnker_453_453"><span class="label">[453]</span></a> Für 2–4 R.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_454_454" id="Fussnote_454_454"></a><a href="#FNAnker_454_454"><span class="label">[454]</span></a> 1891 wurden im Mayo-Krankenhaus 176 Fälle von Cholera -aufgenommen, von denen 105 tödlich endigten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_455_455" id="Fussnote_455_455"></a><a href="#FNAnker_455_455"><span class="label">[455]</span></a> Schon die alten Griechen waren im Zwiespalt, die Einen -leiten das Wort von χολή (chole) „die Galle“, die Anderen -von χολάς (cholas) „Dünndarm“ ab. Bei den späteren Griechen -bedeutet dasselbe Wort eine Dachrinne.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_456_456" id="Fussnote_456_456"></a><a href="#FNAnker_456_456"><span class="label">[456]</span></a> Vgl. Reports on the epidemic cholera, Bombay 1819.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_457_457" id="Fussnote_457_457"></a><a href="#FNAnker_457_457"><span class="label">[457]</span></a> Unter dem Namen Bisúchika, während in einer -Sanskrit-Handschrift aus dem 17. Jahrhundert der Name Haidsa auftritt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_458_458" id="Fussnote_458_458"></a><a href="#FNAnker_458_458"><span class="label">[458]</span></a> In Berlin sind in den 15 Epidemien von 1831 bis 1873 im -Ganzen 18916 Menschen an Cholera verstorben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_459_459" id="Fussnote_459_459"></a><a href="#FNAnker_459_459"><span class="label">[459]</span></a> Den Koffer liess ich im Gasthaus. Calcutta-Darjeeling, -378 englische Meilen in 24 Stunden, also durchschnittlich nur 25 -Kilometer in der Stunde. Fahrpreis erster Classe 50 Rupien, wovon 20 -auf die letzten 50 Meilen (privater Gebirgsbahn) entfallen. Die erste -Classe kostet in Indien höchstens 1 anna 6 pies für die Meile (oder -etwa 8 Pfennige für den Kilometer), ungefähr wie bei uns, die zweite -die Hälfte, die dritte den sechsten Theil. Hin- und Rückfahrtskarte -kostet 1⅓ der Hinfahrt, ungefähr wie bei uns. Madras-Zeit gilt auf -allen Bahnen. Auf grösseren Halteplätzen zeigt eine Uhr die Madras- -oder Eisenbahnzeit, eine zweite die Ortszeit, und zwar recht deutlich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_460_460" id="Fussnote_460_460"></a><a href="#FNAnker_460_460"><span class="label">[460]</span></a> Der Ganges ist 2500 Kilometer lang und hat ein Gebiet -von 1 Million Quadratkilometer. Zu Rajmahal in Bengalen, noch 640 -Kilometer von der Mündung, ist er 1500 Meter breit, und entsendet -während der Hochfluth 1800000 Cubikfuss in der Secunde, sonst 207000. -Die Dauer der Hochfluth beträgt 40 Tage. (Die grösste Entladung des -Mississippi beträgt 1200000 Cubikfuss.) Der Innenhandel von und nach -Calcutta auf dem Ganges und seinen Nebenflüssen und Canälen beträgt -jährlich 400 Millionen Rupien, davon 153 auf einheimischen Böten. 1876 -wurden deren zu Hugli 124000 registrirt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_461_461" id="Fussnote_461_461"></a><a href="#FNAnker_461_461"><span class="label">[461]</span></a> Nicht weniger als fünf verschiedene Spurweiten -sind auf indischen Eisenbahnen zu finden, was vom Standpunkt der -Landesvertheidigung seltsam erscheint. Die grösste ist auf der Strecke -Calcutta-Delhi, nämlich 66 Zoll, 9½ Zoll mehr, als bei uns. (Die -kleinen Spurweiten sind billiger, aber weniger haltbar.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_462_462" id="Fussnote_462_462"></a><a href="#FNAnker_462_462"><span class="label">[462]</span></a> Auch Nepal oder Nipal geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_463_463" id="Fussnote_463_463"></a><a href="#FNAnker_463_463"><span class="label">[463]</span></a> Ponny und Führer 6 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_464_464" id="Fussnote_464_464"></a><a href="#FNAnker_464_464"><span class="label">[464]</span></a> In Deutschland 43156 Kilometer (dazu 2487 Kilometer -Industrie-Bahnen); in England 32304 Kilometer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_465_465" id="Fussnote_465_465"></a><a href="#FNAnker_465_465"><span class="label">[465]</span></a> 1881 musste Professor Reulaux im Fährboot über den -Ganges setzen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_466_466" id="Fussnote_466_466"></a><a href="#FNAnker_466_466"><span class="label">[466]</span></a> Natürlich besser, als <em class="gesperrt">Rasthäuser</em> (Dak Bungalow): -auf letztere war ich nur zwei Mal angewiesen, in Ahmedabad und bei -Ellora, in einheimischen Schutzstaaten, wo überhaupt noch keine -Gasthäuser für Europäer errichtet sind.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_467_467" id="Fussnote_467_467"></a><a href="#FNAnker_467_467"><span class="label">[467]</span></a> Nelumbium speciosum, indische Teichrose, Nil-lilie, die -heilige Padena-Pflanze der Inder.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_468_468" id="Fussnote_468_468"></a><a href="#FNAnker_468_468"><span class="label">[468]</span></a> -2 Rupien für den Tag.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_469_469" id="Fussnote_469_469"></a><a href="#FNAnker_469_469"><span class="label">[469]</span></a> -6   „   „  „  „.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_470_470" id="Fussnote_470_470"></a><a href="#FNAnker_470_470"><span class="label">[470]</span></a> Für 2 bis 3 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_471_471" id="Fussnote_471_471"></a><a href="#FNAnker_471_471"><span class="label">[471]</span></a> Die Vorschrift der Religion ist gewiss sehr förderlich -für die Gesundheit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_472_472" id="Fussnote_472_472"></a><a href="#FNAnker_472_472"><span class="label">[472]</span></a> Sikra oder Vimanah, mit zahlreichen Nebenthürmchen. (Es -soll die aufsteigende Flamme bedeuten.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_473_473" id="Fussnote_473_473"></a><a href="#FNAnker_473_473"><span class="label">[473]</span></a> Rama ist einer der „Niederstiege“ (Avatáras, -Incarnationen) des Wischnu.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_474_474" id="Fussnote_474_474"></a><a href="#FNAnker_474_474"><span class="label">[474]</span></a> Soll in Europa die Leichenverbrennung, welche ja -altgermanische Sitte gewesen, wieder Fortschritte machen, so werden -wir von den Asiaten Einfachheit lernen müssen. In Japan kostet die -Verbrennung erster Classe 7 Yen, zweiter Classe 2½ Yen, dritter -Classe 1½ Yen. (1 Yen = 3 Mark.) In Indien sind die Preise noch -niedriger, — wenigstens für die <em class="gesperrt">Armen</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_475_475" id="Fussnote_475_475"></a><a href="#FNAnker_475_475"><span class="label">[475]</span></a> Das = zehn; ashva (equus) = Ross. Ross-Opfer kommen in -den alten Gesängen der Veden vor, wie bei den alten Germanen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_476_476" id="Fussnote_476_476"></a><a href="#FNAnker_476_476"><span class="label">[476]</span></a> Auch Sutti, Suttee geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_477_477" id="Fussnote_477_477"></a><a href="#FNAnker_477_477"><span class="label">[477]</span></a> Tij Muhamed Sháhi, Tafeln des Kaiser Muhamed.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_478_478" id="Fussnote_478_478"></a><a href="#FNAnker_478_478"><span class="label">[478]</span></a> Grade sowie bei denen unseres Dr. Hevelius in Danzig, um -die Mitte des 17. Jahrhunderts, welcher die neu erfundenen Fernröhre -verabscheute.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_479_479" id="Fussnote_479_479"></a><a href="#FNAnker_479_479"><span class="label">[479]</span></a> Mani = Juwel, Karna = Ohr. Devi (Mahadeo) soll seinen -Ohrring hinein geworfen haben. Daher die Heiligkeit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_480_480" id="Fussnote_480_480"></a><a href="#FNAnker_480_480"><span class="label">[480]</span></a> Tarak = der hinüber trägt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_481_481" id="Fussnote_481_481"></a><a href="#FNAnker_481_481"><span class="label">[481]</span></a> Fünf-Fluss-Treppe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_482_482" id="Fussnote_482_482"></a><a href="#FNAnker_482_482"><span class="label">[482]</span></a> Unten 2,5 Meter, oben 2,2 Meter dick. Wegen des -mächtigen Unterbaues ist das Ganze vom Fluss bis zur Spitze der -Minarete 300 Fuss hoch.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_483_483" id="Fussnote_483_483"></a><a href="#FNAnker_483_483"><span class="label">[483]</span></a> Vissva, das All; Issvara, der Herr: also <em class="gesperrt">Herr der -Welt</em>. Mahadeva (Magnus divus) ist eigentlich dasselbe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_484_484" id="Fussnote_484_484"></a><a href="#FNAnker_484_484"><span class="label">[484]</span></a> Von Anna = Nahrung, purna = anfüllend.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_485_485" id="Fussnote_485_485"></a><a href="#FNAnker_485_485"><span class="label">[485]</span></a> An Grösse gleich Holland und Belgien, übertrifft es -diese dicht bevölkerten Länder noch um zwei Millionen. Es hat 180 -Einwohner auf den Quadratkilometer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_486_486" id="Fussnote_486_486"></a><a href="#FNAnker_486_486"><span class="label">[486]</span></a> Nach Calcutta, Bombay, Madras, Haiderabad.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_487_487" id="Fussnote_487_487"></a><a href="#FNAnker_487_487"><span class="label">[487]</span></a> Eigentlich <em class="gesperrt">Sipahi</em>, ein eingeborener Soldat, von -<em class="gesperrt">sipáh</em>, Armee. (Persisch.) Bei den Türken hiessen <em class="gesperrt">Spahi</em> -die Reiter; so heissen auch noch jetzt die vier Reiterregimenter, -welche die Franzosen in Algier und Tunis aus den Eingeborenen gebildet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_488_488" id="Fussnote_488_488"></a><a href="#FNAnker_488_488"><span class="label">[488]</span></a> Der Antheil am indischen Handel, welchen der König von -Preussen im vorigen Jahrhundert für sein Volk vergeblich erstrebt, -ist in unserem Jahrhundert von der Thatkraft der deutschen Kaufleute -errungen worden. In den letzten fünf Jahren ist der deutsche Handel mit -Calcutta auf das Dreifache gewachsen, der englische Handel dagegen von -65 Procent des Ganzen auf 57 gesunken.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_489_489" id="Fussnote_489_489"></a><a href="#FNAnker_489_489"><span class="label">[489]</span></a> Dies spricht beredt für die Kraft und Sicherheit -der Regierung. Sollte aber einmal ein feindliches Heer rasch durch -Punjab vorrücken, so kann ganz Simla leicht von dem übrigen Indien -abgeschnitten werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_490_490" id="Fussnote_490_490"></a><a href="#FNAnker_490_490"><span class="label">[490]</span></a> Die vaterlandsliebenden Inder haben bisher ganz -vergeblich in ihrem <em class="gesperrt">National-Congress</em> freie Wahlen zu einer -indischen Volksvertretung gefordert. In diesem Jahre, zu Lahore, -wollen sie erklären, dass durch die erdrückende Besteuerung und den -Geldabfluss nach England Indien verbluten müsse. — Pressfreiheit -besteht in Indien seit 1835, durch Macaulay, aber vollständiger erst -seit 1867.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_491_491" id="Fussnote_491_491"></a><a href="#FNAnker_491_491"><span class="label">[491]</span></a> Rx = 10 Rupien, also 275 Millionen Rupien; beim jetzigen -Curs an 400 Millionen Mark.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_492_492" id="Fussnote_492_492"></a><a href="#FNAnker_492_492"><span class="label">[492]</span></a> Lucri bonus odor. Die Regierung verkauft unter Monopol -den schlimmsten Schnaps, ferner Majoon (= Haschisch, vom indischen -Hanf, zum Essen,) und Churra (aus derselben Pflanze, zum Rauchen,) -ferner Opium an die Einheimischen. Die genauere Schilderung hat das -Parlaments-Mitglied Caine (Picturesque India, S. 292) geliefert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_493_493" id="Fussnote_493_493"></a><a href="#FNAnker_493_493"><span class="label">[493]</span></a> Ausfuhr nach China 1878/79 91000 Kisten, für Rx -13 Millionen; 1890/91 85000 Kisten (119000 Centner) für Rx 9¼ -Millionen. 140 Pfund Opium bringen in Canton 300 bis 600 Dollar.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_494_494" id="Fussnote_494_494"></a><a href="#FNAnker_494_494"><span class="label">[494]</span></a> Der Vicekönig erhält 500000 + 240000 Mark jährlich, die -Beamten des covenanted civil service von 12000 bis 72000 Mark. (1880.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_495_495" id="Fussnote_495_495"></a><a href="#FNAnker_495_495"><span class="label">[495]</span></a> Lakh = 100000.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_496_496" id="Fussnote_496_496"></a><a href="#FNAnker_496_496"><span class="label">[496]</span></a> So nennt man die Prachtgebäude zur Feier des Moharram (= -Allerheiligsten), des Neumonds vom ersten mohammedanischen Monat, der -gleichfalls Moharram genannt wird. Das Fest ist zu Ehren der Märtyrer -Hosein und Hussein, der Söhne von Ali, dem Vetter, und von Fatimah, -der Tochter von Mohammed; und wird nur von den <em class="gesperrt">Shiahs</em> gefeiert, -nicht von den <em class="gesperrt">Sunnies</em>. Zu den Shiah gehören die Perser, ein -Theil der Einwohner von Oudh und andre Mohammedaner Nordindien’s; zu -den Sunnies, welche neben dem Qoran auch die Ueberlieferung Mohammeds -(Sunna) gelten lassen, die Araber, Türken, Afghanen u. A. 90 Procent -der Moslem in Indien sollen Sunniten sein; zu ihnen gehörten auch die -Grossmogul.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_497_497" id="Fussnote_497_497"></a><a href="#FNAnker_497_497"><span class="label">[497]</span></a> Die Tabakspfeife, Hukha, des Volkes ist eine Art von -Thontrichter mit flachem Teller. Nicht selten wird sie in den von -den beiden Händen gebildeten Hohlraum gesteckt, und aus dem Spalt -zwischen den beiden Händen der Rauch gesogen. So können mehrere an -derselben Pfeife rauchen, ohne Kastenvorurtheile (oder die Gesetze der -Gesundheitspflege) zu beleidigen. Der fleissige Handwerker steckt diese -Pfeife in ein Wassergefäss, aus dem ein langes Rohr herausragt: so hat -er eine Wasser-Pfeife (Nargileh).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_498_498" id="Fussnote_498_498"></a><a href="#FNAnker_498_498"><span class="label">[498]</span></a> Lang fortgesetzte Dürre, da 1876 <em class="gesperrt">beide Monsun-Regen -ausblieben</em> und 1877 nur <em class="gesperrt">wenig</em> Regen erfolgte, bewirkte -1877/78 eine so gewaltige Hungersnoth im Dekkan und auch zum Theil in -Nord-Indien, dass trotz aller Anstrengung der Regierung und trotz einer -Aufwendung von 11 Millionen £ gegen 5¼ Millionen Menschen durch -Nahrungsmangel und die davon herrührenden Krankheiten zu Grunde gingen. -Das war die grösste Hungersnoth in Indien seit 1770.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_499_499" id="Fussnote_499_499"></a><a href="#FNAnker_499_499"><span class="label">[499]</span></a> Rx = 10 Rupien, also beträgt obige Summe weit über 100 -Millionen Mark.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_500_500" id="Fussnote_500_500"></a><a href="#FNAnker_500_500"><span class="label">[500]</span></a> Wagen und Führer für den Vormittag 5 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_501_501" id="Fussnote_501_501"></a><a href="#FNAnker_501_501"><span class="label">[501]</span></a> Die ringsum laufende Inschrift lautet: Sacred to the -perpetual Memory of a great company of Christian people, chiefly Women -and Children, who near this spot were cruelly murdered by the followers -of the rebel Nana Dhundu Pant, of Bilhur, and cast, the dying with the -dead, into the well below, on the XV<sup>th</sup> day of July, MDCCCLVII.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_502_502" id="Fussnote_502_502"></a><a href="#FNAnker_502_502"><span class="label">[502]</span></a> Darbár (Durbar), persisch, eine königliche Hof- oder -Empfangs-Sitzung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_503_503" id="Fussnote_503_503"></a><a href="#FNAnker_503_503"><span class="label">[503]</span></a> 1 Rupie 8 Annas; dazu 8 Annas für ½ Fl. Bier.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_504_504" id="Fussnote_504_504"></a><a href="#FNAnker_504_504"><span class="label">[504]</span></a> Der Islam hat dort die verschiedenen Völkerschaften, -Iranier (Arier), Turanier, Semiten zu einer Nation vereinigt. Die -eigentlichen Afghanen behaupten aus Syrien eingewandert zu sein. -Diejenigen Leute, die in Indien als Afghanen bezeichnet werden, -sehen echt semitisch aus. Von 664 bis 683 n. Chr. hatten die Araber -Afghanistan erobert. 812 erfolgte die Auflehnung der einheimischen -Statthalter gegen den Chalifen. Die Dynastie der Ghasnawiden bestand -von 961 bis 1140.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_505_505" id="Fussnote_505_505"></a><a href="#FNAnker_505_505"><span class="label">[505]</span></a> Die Afghanen- und Türken-Könige von Delhi (1193–1526) -vor den Mogul werden gelegentlich <em class="gesperrt">Pathán</em> genannt, und mit diesem -Namen auch ihre Bauwerke bezeichnet. Pathan ist der einheimische -Name für die Bevölkerung der nach Indien sich abdachenden Thäler von -Afghanistan.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_506_506" id="Fussnote_506_506"></a><a href="#FNAnker_506_506"><span class="label">[506]</span></a> Babar heisst Löwe, ebenso wie Singh, Haidar, Sher.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_507_507" id="Fussnote_507_507"></a><a href="#FNAnker_507_507"><span class="label">[507]</span></a> So genannt nach ihrem mongolischen (in Wirklichkeit -tatarischen) Ursprung. Sie selber nannten sich Schah, die Hofsprache -war persisch. Wir müssen uns die Grossmogul als Verwandte der Osmanen, -nicht etwa der Chinesen vorstellen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_508_508" id="Fussnote_508_508"></a><a href="#FNAnker_508_508"><span class="label">[508]</span></a> Die Kaufkraft des Silbers, in Getreide ausgedrückt, war -zu Akbar’s Zeiten zwei bis drei Mal so gross, wie heute.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_509_509" id="Fussnote_509_509"></a><a href="#FNAnker_509_509"><span class="label">[509]</span></a> 1709 betrug der Staatsaufwand in England 7 Millionen -£, eine damals für ungeheuer gehaltene Summe, 1884/85 waren die -Staatseinnahmen 88 Millionen £.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_510_510" id="Fussnote_510_510"></a><a href="#FNAnker_510_510"><span class="label">[510]</span></a> Auch Jahangir geschrieben. Jehangir fand ich, als -Vornamen, auf der Besuchskarte eines Parsi, der in London Heilkunde -studirt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_511_511" id="Fussnote_511_511"></a><a href="#FNAnker_511_511"><span class="label">[511]</span></a> Auch <em class="gesperrt">Nur-Mahal</em>, Licht des Palastes, genannt; uns -wenigstens vom — Ballet bekannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_512_512" id="Fussnote_512_512"></a><a href="#FNAnker_512_512"><span class="label">[512]</span></a> Kron-Palast, persisch.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_513_513" id="Fussnote_513_513"></a><a href="#FNAnker_513_513"><span class="label">[513]</span></a> Aurangzib, Aurangzeyb, d. h. Zierde des Throns.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_514_514" id="Fussnote_514_514"></a><a href="#FNAnker_514_514"><span class="label">[514]</span></a> 841 englische Meilen auf der Eisenbahn von Calcutta -entfernt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_515_515" id="Fussnote_515_515"></a><a href="#FNAnker_515_515"><span class="label">[515]</span></a> Im Punjab, jetzt noch 4 Millionen, scythischen, d. h. -turanischen Ursprungs, angeblich die Getae der Alten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_516_516" id="Fussnote_516_516"></a><a href="#FNAnker_516_516"><span class="label">[516]</span></a> Sprich Tadsch. Man liest wohl auch, dass Taj Mahal eine -Abkürzung sei von Mumtaz Mahal.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_517_517" id="Fussnote_517_517"></a><a href="#FNAnker_517_517"><span class="label">[517]</span></a> Sein prachtvolles Grabmal ist erhalten und wird alsbald -beschrieben werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_518_518" id="Fussnote_518_518"></a><a href="#FNAnker_518_518"><span class="label">[518]</span></a> 1 Lakh = 100000 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_519_519" id="Fussnote_519_519"></a><a href="#FNAnker_519_519"><span class="label">[519]</span></a> Mit der Rose in der Hand ist er abgebildet; die -Photographien von ihm und seiner Gattin, die von den zu ihren Lebzeiten -angefertigten Bildern genommen sind, werden in Agra verkauft. -Beide sind schön, <em class="gesperrt">er</em> würdevoll, <em class="gesperrt">sie</em> lieblich. (Graf -Lanckoronski sah in der Privatsammlung des Colonel Hanna zu Delhi -Bilder von Mogul-Kaisern, so fein gezeichnet, wie von Albrecht Dürer.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_520_520" id="Fussnote_520_520"></a><a href="#FNAnker_520_520"><span class="label">[520]</span></a> Der Vergleich ist oft genug gemacht worden, aber -gegenstandslos. Jedes ist in seiner Art vollendet, das griechische -insofern höherer Art, als es durch seine <em class="gesperrt">Bildwerke</em> dem -geistreichsten Gebiet menschlicher Kunst angehört. <em class="gesperrt">Fergusson</em>, in -seiner grillenhaften Lehre vom Schönen, giebt dem Parthenon 24 Nummern, -der Taj 20. „Ihre Schönheit mag nicht von der höchsten Art sein, aber -in ihrer Art ist sie unübertroffen.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_521_521" id="Fussnote_521_521"></a><a href="#FNAnker_521_521"><span class="label">[521]</span></a> Der Besuch des Prinzen von Wales in Indien war sehr -nützlich. Vieles wurde ausgebessert und vor weiterem Zerfall geschützt; -so auch die Marmorplatten, welche die aus Ziegeln gebaute Kuppel der -Taj decken und zum Theil durch Verdickung der rostenden Eisenklammern -aus ihrer Lage gekommen waren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_522_522" id="Fussnote_522_522"></a><a href="#FNAnker_522_522"><span class="label">[522]</span></a> Wie weise das ist, sieht man an den <em class="gesperrt">Nachbildungen</em> -der Taj, die zu Agra verfertigt und feilgehalten werden. Dieselben -entbehren jeder Wirkung. Wer diesen Unterschied staunend erwägt, findet -alsbald, dass der heutige Künstler erstlich die Verhältnisse nicht -richtig wiedergegeben, zweitens sein Klein-Werk mit Verzierungen, auch -der Thürme, überladen hat. Weit besser ist es, naturgetreue Lichtbilder -mitzubringen, als solche Bildhauerei im Zuckerbäcker-Stil. Auf den -Photographien ist der Fugenschnitt auch weit zarter als in den üblichen -Holzschnittbildern der Taj, die alle von <em class="gesperrt">einem</em> mittelmässigen -Urbild abzustammen scheinen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_523_523" id="Fussnote_523_523"></a><a href="#FNAnker_523_523"><span class="label">[523]</span></a> Reuleaux bestreitet dies, da erstlich die (persischen) -Quellen über den Bau davon schweigen, und zweitens die florentinische -Kunstübung ganz und gar von der zu Agra verschieden sei, was offenbar -richtig ist. Denn bei der Pietra-dura-Mosaik von Florenz wird der -harte Stein von <em class="gesperrt">hinten</em> in die Grundplatte eingefügt, bei dem -Agra-Werk als dünne Scheibe von vorn. Aber in Schah Jahan’s Palast zu -<em class="gesperrt">Delhi</em> sind zweifellos europäische Arbeiter thätig gewesen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_524_524" id="Fussnote_524_524"></a><a href="#FNAnker_524_524"><span class="label">[524]</span></a> Um diesen merkwürdigen Satz aufzuklären, habe ich -mich an verschiedene Gelehrte gewendet. Herr Prof. theol. Herrmann -L. <em class="gesperrt">Strack</em> (Berlin) schreibt mir: Im neuen Testament habe ich -den Gedanken nicht finden können. Herr Dr. Ign. Goldziher (Budapest) -schreibt mir: Man darf nie sagen, dieser oder jener Satz komme im -„<em class="gesperrt">Hadith</em>“ nicht vor. Die Literatur desselben ist so riesig, dass -das Material kaum übersehbar ist. Was ich sagen kann, ist, dass mir -der Satz aus den sechs kanonischen Sammlungen nicht erinnerlich ist. -Ich bemerke noch, dass es in der muhammedanischen Literatur gang und -gäbe ist, irgend einen weisen Satz an den Namen irgend einer beliebigen -geheiligten Person anzuhängen. Dies machte ihnen niemals Scrupel, wie -ich auch in meinen „Muhammedanischen Studien“, Bd. II, S. 156 ff., -ausgeführt habe. Unter meinen Notizen über Aussprüche, die man in Islam -Jesus zugeschrieben, finde ich die Inschrift der Tâdschmoschee nicht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_525_525" id="Fussnote_525_525"></a><a href="#FNAnker_525_525"><span class="label">[525]</span></a> Nach Sikander Lodi (1489 n. Chr.) benannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_526_526" id="Fussnote_526_526"></a><a href="#FNAnker_526_526"><span class="label">[526]</span></a> <em class="gesperrt">Akbar-Abad</em>, d. h. Akbar’s Wohnung, genannt; auch -<em class="gesperrt">Lal Kila</em> (hindost.), d. h. rothes Schloss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_527_527" id="Fussnote_527_527"></a><a href="#FNAnker_527_527"><span class="label">[527]</span></a> Reuleaux sah 1881 hier einen prachtvollen Blumengarten, -angeblich (?) aus der Zeit von Aurangzeb.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_528_528" id="Fussnote_528_528"></a><a href="#FNAnker_528_528"><span class="label">[528]</span></a> <em class="gesperrt">Am</em>, arabisch, heisst öffentlich; <em class="gesperrt">Khas</em>, -abgesondert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_529_529" id="Fussnote_529_529"></a><a href="#FNAnker_529_529"><span class="label">[529]</span></a> Doab, Zweiflussland oder Zwischenflussland, zwischen -Ganges und Jumna.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_530_530" id="Fussnote_530_530"></a><a href="#FNAnker_530_530"><span class="label">[530]</span></a> Indisch Dilli oder Dihli.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_531_531" id="Fussnote_531_531"></a><a href="#FNAnker_531_531"><span class="label">[531]</span></a> Er wohnte darin mit Hunderten von Dienern und zwei -Regimentern, und hatte auch einige Landhäuser, während allerdings schon -vor dem Thor seiner Veste die englischen Schildwachen standen. (Ganz -ähnlich, wie jetzt der Papst im Vatican.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_532_532" id="Fussnote_532_532"></a><a href="#FNAnker_532_532"><span class="label">[532]</span></a> Derselbe soll unter der Aufsicht von Austin de Bordeaux -angefertigt sein und 5 Millionen £ verschlungen haben; scheint aber -mehr kostbar, als geschmackvoll gewesen zu sein. Nadir Schah hat ihn -von Delhi 1739 entführt; im königlichen Palast zu Teheran soll er noch -zu sehen sein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_533_533" id="Fussnote_533_533"></a><a href="#FNAnker_533_533"><span class="label">[533]</span></a> 200×120 = 24000, getheilt durch 4,5 = 5444.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_534_534" id="Fussnote_534_534"></a><a href="#FNAnker_534_534"><span class="label">[534]</span></a> Polarstern des Rechts.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_535_535" id="Fussnote_535_535"></a><a href="#FNAnker_535_535"><span class="label">[535]</span></a> Die Brüstung oben ist etwas breiter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_536_536" id="Fussnote_536_536"></a><a href="#FNAnker_536_536"><span class="label">[536]</span></a> Also etwa 3 Millionen Mark.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_537_537" id="Fussnote_537_537"></a><a href="#FNAnker_537_537"><span class="label">[537]</span></a> Jeypore, Jeypoor, Jeypur, Jaipur, Dschaipur — das sind -die Schreibweisen, die man findet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_538_538" id="Fussnote_538_538"></a><a href="#FNAnker_538_538"><span class="label">[538]</span></a> Im Ganzen giebt es in Ostindien 153 Lehnsträger der -britischen Krone, die meisten dieser Fürstenfamilien sind erst seit -dem Zerfall der Mogul-Herrschaft emporgekommen. Sie beherrschen ein -Drittel des Landes und ein Viertel der Bevölkerung von Ostindien. Von -den Lehnsfürsten sind 124 Hindu, 28 Mohammedaner, 1 (der von Sikkim) -Buddhist. Ihre Einnahmen betragen 260 Millionen Mark jährlich, 15 -Millionen müssen sie an Tribut entrichten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_539_539" id="Fussnote_539_539"></a><a href="#FNAnker_539_539"><span class="label">[539]</span></a> Also hat es fast denselben Flächeninhalt, wie das -Königreich Preussen, aber nur ein Drittel seiner Einwohner. Die Hälfte -der Rajputana ist Steppe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_540_540" id="Fussnote_540_540"></a><a href="#FNAnker_540_540"><span class="label">[540]</span></a> Die Rajput besitzen alte, überlieferte Gesänge und -religiöse Dichtungen, die noch jetzt im Munde des Volkes leben. -<em class="gesperrt">Dadu</em>, ein Glaubenseiferer, 1544 n. Chr. zu Ahmedabad geboren, -hinterliess heilige Dichtkunst in 20000 Versen; von neun seiner -Hauptschüler haben zwei je 120000 Verse geschaffen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_541_541" id="Fussnote_541_541"></a><a href="#FNAnker_541_541"><span class="label">[541]</span></a> ⅛ Rapjut, ⅝ andre Hindu-Kasten, -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span> Jain, -<span class="zaehler">3</span>⁄<span class="nenner">16</span> -Mohammedaner, nach andrer Quelle.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_542_542" id="Fussnote_542_542"></a><a href="#FNAnker_542_542"><span class="label">[542]</span></a> Gross-Fürst, Gross-König.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_543_543" id="Fussnote_543_543"></a><a href="#FNAnker_543_543"><span class="label">[543]</span></a> Sieges-Löwe.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_544_544" id="Fussnote_544_544"></a><a href="#FNAnker_544_544"><span class="label">[544]</span></a> 1891 Einnahmen 6½, Ausgaben 5 Millionen Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_545_545" id="Fussnote_545_545"></a><a href="#FNAnker_545_545"><span class="label">[545]</span></a> Ausserdem eine „Ritterakademie“ für die Söhne der -adligen Rajput, eine „höhere Töchter-Schule“ und 30 Volksschulen für -Knaben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_546_546" id="Fussnote_546_546"></a><a href="#FNAnker_546_546"><span class="label">[546]</span></a> Gas wird hier nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem -billigen Ricinusöl gewonnen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_547_547" id="Fussnote_547_547"></a><a href="#FNAnker_547_547"><span class="label">[547]</span></a> 1877 waren dieselben recht thätig, um die einheimischen -Fürsten aufzuwiegeln, jedoch erfolglos. Ob sie 1857 ihre Hände im Spiel -gehabt, konnte ich nirgends finden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_548_548" id="Fussnote_548_548"></a><a href="#FNAnker_548_548"><span class="label">[548]</span></a> Deshalb konnte ich nicht nach Gwalior fahren, da der -englische Beamte, mit dem einheimischen Fürsten zu Felddienstübungen -abwesend, meinen Brief gar nicht beantwortete.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_549_549" id="Fussnote_549_549"></a><a href="#FNAnker_549_549"><span class="label">[549]</span></a> „A vision of daring and dainty loveliness.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_550_550" id="Fussnote_550_550"></a><a href="#FNAnker_550_550"><span class="label">[550]</span></a> Die Thiere werden gewöhnlich Alligatoren genannt, doch -kommen solche nur in Amerika vor; in Indien lebt das Leisten-Krokodil -(C. biporcatus), das bis 10 Meter lang wird.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_551_551" id="Fussnote_551_551"></a><a href="#FNAnker_551_551"><span class="label">[551]</span></a> Die Entfernung beträgt 9 Kilometer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_552_552" id="Fussnote_552_552"></a><a href="#FNAnker_552_552"><span class="label">[552]</span></a> Ich hatte gehört, dass Soldat nebst Lenker 2 bis 3 -Rupien Trinkgeld erwarten. Als ich ihnen 3 gab, waren sie nicht -zufrieden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_553_553" id="Fussnote_553_553"></a><a href="#FNAnker_553_553"><span class="label">[553]</span></a> Die Zerstörung muss rasche Fortschritte machen, nach dem -Vergleich des jetzigen Zustandes mit etwas älteren Abbildungen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_554_554" id="Fussnote_554_554"></a><a href="#FNAnker_554_554"><span class="label">[554]</span></a> Nach Böthlink, viel später nach Weber.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_555_555" id="Fussnote_555_555"></a><a href="#FNAnker_555_555"><span class="label">[555]</span></a> Star ist Verdunkelung der Crystall-Linse. (Die -Schreibweise Staar ist falsch, wie ich nachgewiesen.) Der Greisen-Star -wird heutzutage (seit 1750 n. Chr.) so beseitigt, dass man durch einen -passenden <em class="gesperrt">Schnitt</em> die getrübte Linse <em class="gesperrt">herauszieht</em>. Vorher -wurde die letztere durch eine in’s Augeninnere <em class="gesperrt">gestochene</em> Nadel -aus dem Sehloch nach <em class="gesperrt">unten geschoben</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_556_556" id="Fussnote_556_556"></a><a href="#FNAnker_556_556"><span class="label">[556]</span></a> Ich habe zwei von ihm operirte Fälle nachträglich -gesehen. Es ist erstaunlich, wie in Berlin erwachsene Menschen einem -hergelaufenen, geldgierigen Hinter-Indier sich anvertrauen konnten, -während ihnen zahlreiche gelehrte, geübte Wundärzte unentgeltlich zur -Verfügung stehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_557_557" id="Fussnote_557_557"></a><a href="#FNAnker_557_557"><span class="label">[557]</span></a> Diseases of the Eye by <em class="gesperrt">Macnamara</em>, Surgeon to -Calcutta Hospital. London 1868. S. 479. The native <em class="gesperrt">Huckeems</em> -and <em class="gesperrt">Kobrages</em> allways operate for the cure of cataract (by -depression) and hardly a week passes that I do not see several of their -patients suffering from either inflammation of the choroïd or from -retinochoroïditis.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_558_558" id="Fussnote_558_558"></a><a href="#FNAnker_558_558"><span class="label">[558]</span></a> Zu meiner Beschämung erfahre ich am Abend vom Gastwirth, -dass der weibliche Träger, welcher meine Sachen auf seinem Haupte nach -oben befördert, ganze neun Anna, also etwa 72 Pfennige, beansprucht und -erhalten hatte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_559_559" id="Fussnote_559_559"></a><a href="#FNAnker_559_559"><span class="label">[559]</span></a> Für diese Leistung von sechs Stunden wurden 6 Rupien -gefordert und sieben bezahlt. Man kann auch zu Pferde hinauf reiten. -(Die Beförderung mittelst Elephant oder Palankin scheint jetzt veraltet -zu sein.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_560_560" id="Fussnote_560_560"></a><a href="#FNAnker_560_560"><span class="label">[560]</span></a> Das Wort ist arabisch und bedeutet arm, d. h. einen -Büsser, der das Gelübde der Armuth auf sich genommen. Meist vermied ich -unterwegs die Begegnung mit solchen Unglücklichen, die an religiösem -Wahnsinn leiden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_561_561" id="Fussnote_561_561"></a><a href="#FNAnker_561_561"><span class="label">[561]</span></a> Auch Dilwarra geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_562_562" id="Fussnote_562_562"></a><a href="#FNAnker_562_562"><span class="label">[562]</span></a> Auch Perl-See (Nucki Talao) genannt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_563_563" id="Fussnote_563_563"></a><a href="#FNAnker_563_563"><span class="label">[563]</span></a> Pârçvanâtha, der vorletzte Jina oder Siegreiche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_564_564" id="Fussnote_564_564"></a><a href="#FNAnker_564_564"><span class="label">[564]</span></a> Die Bildsäulen der Jaina-Heiligen sowie der Hindu-Götter -werden stets in eine viereckige (quadratische) Zelle gesetzt, der Thurm -über der Zelle hat eine krummlinige Begrenzung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_565_565" id="Fussnote_565_565"></a><a href="#FNAnker_565_565"><span class="label">[565]</span></a> Den Jaina schien es wichtig, ihre Heiligen zu ehren -durch <em class="gesperrt">eine grosse Zahl von Bildsäulen</em> und für jede ein eignes -Heim zu schaffen. Dies ist aber nicht, wie Fergusson meint, auf die -Jaina beschränkt. Eine ungeheure Zahl von gleichen Bildsäulen fanden -wir auch schon in dem buddhistischen Kwannon-Tempel zu Kyoto. (Vgl. -<a href="#Seite_148">S. 148</a>.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_566_566" id="Fussnote_566_566"></a><a href="#FNAnker_566_566"><span class="label">[566]</span></a> Bei dem römischen oder gothischen Dom wäre ein -gewaltiger Stützbau erforderlich; bei dem indischen fügt das Hängewerk -nur sein eignes Gewicht dem des Domes hinzu.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_567_567" id="Fussnote_567_567"></a><a href="#FNAnker_567_567"><span class="label">[567]</span></a> Jeni = nackte Weise.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_568_568" id="Fussnote_568_568"></a><a href="#FNAnker_568_568"><span class="label">[568]</span></a> Auch Ahmadabad geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_569_569" id="Fussnote_569_569"></a><a href="#FNAnker_569_569"><span class="label">[569]</span></a> Auch Gudscharat geschrieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_570_570" id="Fussnote_570_570"></a><a href="#FNAnker_570_570"><span class="label">[570]</span></a> Nur 5½ Procent Muselmänner.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_571_571" id="Fussnote_571_571"></a><a href="#FNAnker_571_571"><span class="label">[571]</span></a> -Vgl. <a href="#Seite_407">S. 407</a>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_572_572" id="Fussnote_572_572"></a><a href="#FNAnker_572_572"><span class="label">[572]</span></a> 6 Gramm Silber wurden zu Fäden von 2000 Meter Länge -ausgezogen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_573_573" id="Fussnote_573_573"></a><a href="#FNAnker_573_573"><span class="label">[573]</span></a> 1881 waren es 130000, davon 68 Procent Hindu, 22 Procent -Mohammedaner, der Rest Jaina, ausser 848 Christen und etlichen Parsi.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_574_574" id="Fussnote_574_574"></a><a href="#FNAnker_574_574"><span class="label">[574]</span></a> Die schon im vorigen Jahrhundert von Reisenden recht -<em class="gesperrt">wacklig</em> befunden worden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_575_575" id="Fussnote_575_575"></a><a href="#FNAnker_575_575"><span class="label">[575]</span></a> Auf dem Dach fand ich aber hier und da an wenig -auffälligen Orten „Hindu-Götterfratzen“ ausgemeisselt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_576_576" id="Fussnote_576_576"></a><a href="#FNAnker_576_576"><span class="label">[576]</span></a> Es möchte doch sehr lohnend sein, junge Baumeister aus -Deutschland zum Studium der mohammedanisch-hindostanischen Baukunst und -Verzierung nach Indien zu senden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_577_577" id="Fussnote_577_577"></a><a href="#FNAnker_577_577"><span class="label">[577]</span></a> Besonders berühmt ist das <em class="gesperrt">Stück-Werk</em>: flache oder -würfelförmige oder achteckige Gold-Stückchen werden auf einen rothen -Seiden-Faden gezogen. Das ist die älteste Goldarbeit in Indien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_578_578" id="Fussnote_578_578"></a><a href="#FNAnker_578_578"><span class="label">[578]</span></a> In Indien wird wegen der Kasten-Gesetze viel -Töpfer-Arbeit verbraucht. Der einheimische Branntweinladen ist leicht -zu erkennen an den Haufen zerbrochener Töpfchen, da Jeder das seinige -zerbricht, nachdem er ausgetrunken.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_579_579" id="Fussnote_579_579"></a><a href="#FNAnker_579_579"><span class="label">[579]</span></a> Ganz ähnlich im grossen Saal zu Karnak.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_580_580" id="Fussnote_580_580"></a><a href="#FNAnker_580_580"><span class="label">[580]</span></a> German beer; es ist nach Pilsener Art in Bremen gebraut, -auf Schiffen des Bremer Lloyd eingeführt und kostet 1 Rupie die -Flasche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_581_581" id="Fussnote_581_581"></a><a href="#FNAnker_581_581"><span class="label">[581]</span></a> Der Name soll aus dem Portugiesischen stammen, bon -bahia = schöne Bay. Das ist wohl <em class="gesperrt">unrichtig</em>. Die Inder schreiben -es <em class="gesperrt">Mambe</em> oder auch Bambe von der Göttin Mamba Devi, deren -Tempel noch vor 120 Jahren auf der jetzigen Esplanade vorhanden war. -Der Maratha-Name ist Mambai, von Mahima, d. h. „die grosse Mutter“ -und ist ein Name derselben Göttin, der auch noch in dem der Vorstadt -<em class="gesperrt">Mahim</em> erhalten ist.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_582_582" id="Fussnote_582_582"></a><a href="#FNAnker_582_582"><span class="label">[582]</span></a> Die Angabe von 110 Quadratkilometer in Sievers’ Asien -(Leipzig 1892, S. 660) u. a. a. O. beruht auf Irrthum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_583_583" id="Fussnote_583_583"></a><a href="#FNAnker_583_583"><span class="label">[583]</span></a> Auf eine Person kommen 6<sub>,5</sub> Quadratmeter; im -dichtesten Theil von London 10<sub>,5</sub>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_584_584" id="Fussnote_584_584"></a><a href="#FNAnker_584_584"><span class="label">[584]</span></a> Die Regierung liefert ihm nicht Chinin, sondern das -billigere Cinchonin.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_585_585" id="Fussnote_585_585"></a><a href="#FNAnker_585_585"><span class="label">[585]</span></a> Durch Gründerschwindel, da wegen des nordamerikanischen -Bürgerkrieges die ostindische Baumwolle so begehrt war.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_586_586" id="Fussnote_586_586"></a><a href="#FNAnker_586_586"><span class="label">[586]</span></a> In 28000 Häusern. 502000 waren Hindu, 158000 -Mohammedaner, 48600 Parsen, 30000 eingeborene Christen, 17000 Jain und -Buddhisten, 10500 Europäer, 1168 Eurasier.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_587_587" id="Fussnote_587_587"></a><a href="#FNAnker_587_587"><span class="label">[587]</span></a> Natürlich mit eignem Bad, für 8 Rupien täglich, -einschliesslich der Verpflegung, aber ohne Bier und Wein.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_588_588" id="Fussnote_588_588"></a><a href="#FNAnker_588_588"><span class="label">[588]</span></a> Kleinhändler treiben sich auf dem Flur herum und bieten -dem Fremden für den Sovereign 2 Anna mehr, als der Wechsler giebt, -machen aber keine sonderlichen Geschäfte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_589_589" id="Fussnote_589_589"></a><a href="#FNAnker_589_589"><span class="label">[589]</span></a> In den „Waarenhäusern für Officiere“ (Army and Navy -Cooperative-Stores for India, A. & N. Stores) werden die indischen -Cigarren zu 3½ Rupien das Hundert verkauft, d. i. 5 Pfennige für das -Stück. Sie sind mittelmässig. Man bekommt auch theurere, aber nicht -bessere.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_590_590" id="Fussnote_590_590"></a><a href="#FNAnker_590_590"><span class="label">[590]</span></a> „Geben Sie doch Elsass-Lothringen an die Franzosen,“ -sagte am ersten Abend in Bombay mein zufälliger Tischnachbar, ein -Brite, nachdem er meine Herkunft erkundigt. „Geben Sie,“ erwiderte ich, -„Gibraltar, Malta, Cypern, Aegypten an ihre Eigenthümer, und keinen -Rath an diejenigen, die ihn nicht wollen.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_591_591" id="Fussnote_591_591"></a><a href="#FNAnker_591_591"><span class="label">[591]</span></a> Vom Parsi-Theater werde ich noch sprechen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_592_592" id="Fussnote_592_592"></a><a href="#FNAnker_592_592"><span class="label">[592]</span></a> Weiter nördlich mit ihr sich kreuzt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_593_593" id="Fussnote_593_593"></a><a href="#FNAnker_593_593"><span class="label">[593]</span></a> Wir finden den Namen „<em class="gesperrt">Baargeld</em>“ nicht so -anmuthig, als er den Morgenländern erscheinen mag. Aber schon den alten -Persern galt, nächst dem Lügen, das <em class="gesperrt">Schuldenmachen</em> für die -grösste Schande. (Herodot I, 138.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_594_594" id="Fussnote_594_594"></a><a href="#FNAnker_594_594"><span class="label">[594]</span></a> Parsi, Juden, Mohammedaner sind es, welche hier Gebäude -errichtet und Stiftungen zum Allgemeinwohl gemacht; aber kein einziger -von den in Indien reich gewordenen Briten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_595_595" id="Fussnote_595_595"></a><a href="#FNAnker_595_595"><span class="label">[595]</span></a> Wem mein Urtheil zu strenge vorkommt, namentlich im -Vergleich mit den üblichen Lobeserhebungen der Reisebücher, der -vergleiche <em class="gesperrt">Fergusson</em> (S. 5): It is only in India that the two -systems can now be seen practised side by side, — the educated and -intellectual European always failing because his principles are wrong, -the feeble and uneducated native as inevitably succeeding because his -principles are right. The Indian builders think only of what they are -doing and how they can best produce the effect they desire. In the -European system it is considered more essential that a building should -be a correct <em class="gesperrt">copy</em> of something else than good in itself — — —</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_596_596" id="Fussnote_596_596"></a><a href="#FNAnker_596_596"><span class="label">[596]</span></a> An der Ecke zwischen Esplanade Market road und -Cruikshank road.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_597_597" id="Fussnote_597_597"></a><a href="#FNAnker_597_597"><span class="label">[597]</span></a> Victoria Terminus, Great Indian Peninsular Railway.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_598_598" id="Fussnote_598_598"></a><a href="#FNAnker_598_598"><span class="label">[598]</span></a> Ein wohlhabender Jude, der Wohlthäter seiner armen -Glaubensgenossen aus Bagdad, der Gründer grossartiger Fabriken (von -Baumwollen- und Seiden-Stoffen) und Docks, der Stifter zahlreicher -öffentlicher Anstalten, wie der Gewerbe-Schule und des Albert-Museum.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_599_599" id="Fussnote_599_599"></a><a href="#FNAnker_599_599"><span class="label">[599]</span></a> Wo die Seeleute, Dank der Wohlthätigkeit indischer -Fürsten, namentlich des von Baroda, billige und angenehme Wohnung -finden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_600_600" id="Fussnote_600_600"></a><a href="#FNAnker_600_600"><span class="label">[600]</span></a> Elphinstone reclamation, Mody Bay reclamation.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_601_601" id="Fussnote_601_601"></a><a href="#FNAnker_601_601"><span class="label">[601]</span></a> New-Orleans hat 1885/86 über 6 Millionen Centner -ausgeführt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_602_602" id="Fussnote_602_602"></a><a href="#FNAnker_602_602"><span class="label">[602]</span></a> Gesammtwerth dieser 6 Millionen Centner 240 Millionen -Mark. — Die Baumwollen-Ernte der Erde betrug 1884 an 1600 Millionen -Kilogramm = 32 Millionen Centner. Von den 1882/83 im Welthandel -nachweisbaren 42 Millionen Centner stammten 32 aus den Vereinigten -Staaten, 7 aus Ostindien, 2½ aus Aegypten. Für 1890 beziffert sich -die <em class="gesperrt">gesammte</em> Baumwollengewinnung auf 2800 Millionen Kilogramm, -davon entfallen auf Ostindien 552.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_603_603" id="Fussnote_603_603"></a><a href="#FNAnker_603_603"><span class="label">[603]</span></a> Ein Deutscher, der grade nach Bombay kam, wurde von -einem Engländer gefragt, ob er die Reise wegen Lord Hawkin’s Kampfspiel -unternommen. Der Deutsche erwiederte: „Dann müsste ich verrückt sein.“ -Der Engländer fragte: „Wie so?“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_604_604" id="Fussnote_604_604"></a><a href="#FNAnker_604_604"><span class="label">[604]</span></a> Dieser Theil von Hornby road wird auch auf einzelnen -Karten als Esplanade Market road bezeichnet.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_605_605" id="Fussnote_605_605"></a><a href="#FNAnker_605_605"><span class="label">[605]</span></a> Noch vor zehn Jahren war dieser <em class="gesperrt">Zwischenraum</em> -zwischen der englischen und der einheimischen Stadt <em class="gesperrt">fast -unbebaut</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_606_606" id="Fussnote_606_606"></a><a href="#FNAnker_606_606"><span class="label">[606]</span></a> An ihrer Kreuzung mit Parell road.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_607_607" id="Fussnote_607_607"></a><a href="#FNAnker_607_607"><span class="label">[607]</span></a> <em class="gesperrt">Zendavesta</em>, Vendidad V, 67 und 68. (Es spricht -Ahura-mazda.) „Das ist die Reinigkeit, o Zarathustra, das Gesetz: Wer -sich selbst rein hält durch gute Gedanken, Worte, Handlungen.“ Z., -Jaçna, XII, 2: „Ich ergreife alle guten Gedanken, Worte und Werke.“ Und -an sehr vielen anderen Stellen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_608_608" id="Fussnote_608_608"></a><a href="#FNAnker_608_608"><span class="label">[608]</span></a> Cap. 44, 45.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_609_609" id="Fussnote_609_609"></a><a href="#FNAnker_609_609"><span class="label">[609]</span></a> I, 131.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_610_610" id="Fussnote_610_610"></a><a href="#FNAnker_610_610"><span class="label">[610]</span></a> Geboren 1827 in Würtemberg, 1859 Professor im Poona -College bei Bombay. 1868 Professor in München, † 1876.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_611_611" id="Fussnote_611_611"></a><a href="#FNAnker_611_611"><span class="label">[611]</span></a> Der eigentliche Namen in den Pehlwi- (Pahlavi-) -Büchern der Parsi lautet Avistak va zand, d. h. Lehre und Erklärung. -<em class="gesperrt">Avistak</em> (von vista, das gewusste, offenbarte, vid = wissen, das -an Veda erinnert,) bedeutet die <em class="gesperrt">Lehre</em> des Zoroaster und seiner -Nachfolger; <em class="gesperrt">Zand</em> die Erklärung dieser alten, dunklen Lehre, -erst in der alten Sprache, später und hauptsächlich aber in Pahlavi. -Das Wort <em class="gesperrt">Zand</em> gehört zur Wurzel zan (Sanskrit jnâ, griechisch -γνω) und bedeutet eigentlich <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. In der Bibel -der Parsi folgt immer auf einen Vers der eigentlichen altiranischen -Avesta eine wörtliche Uebersetzung im mitteliranischen Pahlavi, -mitunter mit erläuternden Erklärungen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_612_612" id="Fussnote_612_612"></a><a href="#FNAnker_612_612"><span class="label">[612]</span></a> Es ist wahrscheinlich, dass die alten Gesänge erst von -Mund zu Mund, wie die Veden, fortgepflanzt und dann, in Keilschrift, -auf Kuhhäute verzeichnet worden waren. — <em class="gesperrt">Pahlavi</em> scheint = -<em class="gesperrt">parthisch</em> zu sein und „alt“ zu bedeuten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_613_613" id="Fussnote_613_613"></a><a href="#FNAnker_613_613"><span class="label">[613]</span></a> Beim Gottesdienst entzünden sie ein Feuer auf heiligem -Becken.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_614_614" id="Fussnote_614_614"></a><a href="#FNAnker_614_614"><span class="label">[614]</span></a> Nach seinem Tode wurde von E. W. <em class="gesperrt">West</em> die zweite -Auflage besorgt: Essays on the sacred language, writings and religion -of the Parsis. London 1878.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_615_615" id="Fussnote_615_615"></a><a href="#FNAnker_615_615"><span class="label">[615]</span></a> Von <em class="gesperrt">gai</em>, singen; derselbe Name kommt auch in der -Sanskrit-Literatur vor.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_616_616" id="Fussnote_616_616"></a><a href="#FNAnker_616_616"><span class="label">[616]</span></a> Ahura = lebendig, wie ayur = Leben im Sanskrit; mad = -gesammt; dhao = Schöpfer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_617_617" id="Fussnote_617_617"></a><a href="#FNAnker_617_617"><span class="label">[617]</span></a> Unser Wort <em class="gesperrt">Paradies</em> stammt aus dem Iranischen -<em class="gesperrt">pairi-deza</em>, Um-Wallung, Garten (wie περί-βολος). Das -Wort gelangte in’s Hebräische (pardes) und ins Griechische (παράδεισος).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_618_618" id="Fussnote_618_618"></a><a href="#FNAnker_618_618"><span class="label">[618]</span></a> So heisst heute Zarathustra.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_619_619" id="Fussnote_619_619"></a><a href="#FNAnker_619_619"><span class="label">[619]</span></a> 1819 zu Meerut <em class="gesperrt">in Indien geboren</em>, hat -er zu Glasgow und Giessen Chemie studirt, wurde Professor der -Chemie in Edinburgh, Oberaufseher der Museen und Gewerbe-Schulen, -Generalpostmeister, Sprecher des Unterhauses und hat ausser vielen -andren Werken eines über die Grundsätze der Chemie verfasst.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_620_620" id="Fussnote_620_620"></a><a href="#FNAnker_620_620"><span class="label">[620]</span></a> Procès verbal de la séance de la douzième assemblée -générale de la Société pour la propagation de la <em class="gesperrt">crémation</em>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_621_621" id="Fussnote_621_621"></a><a href="#FNAnker_621_621"><span class="label">[621]</span></a> unter den Parsi sind, wie unter den Chinesen und -Japanern und allen Völkern alter Cultur, viele kurzsichtige -Brillenträger; unter den Hindu weniger, da bei ihnen die Gesammtzahl -der Gebildeten stets geringer geblieben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_622_622" id="Fussnote_622_622"></a><a href="#FNAnker_622_622"><span class="label">[622]</span></a> Ausserdem auch Tho. Cook.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_623_623" id="Fussnote_623_623"></a><a href="#FNAnker_623_623"><span class="label">[623]</span></a> Acht von ihnen sind jetzt zerbrochen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_624_624" id="Fussnote_624_624"></a><a href="#FNAnker_624_624"><span class="label">[624]</span></a> Derselbe macht etwa 35 Kilometer in der Stunde.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_625_625" id="Fussnote_625_625"></a><a href="#FNAnker_625_625"><span class="label">[625]</span></a> Der zweispännige Postwagen kostet für die dreitägige -Fahrt hin und zurück nur 42 Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_626_626" id="Fussnote_626_626"></a><a href="#FNAnker_626_626"><span class="label">[626]</span></a> 1 + 2 = 20 + 2 Millionen Mark, 3 und 4 unschätzbar.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_627_627" id="Fussnote_627_627"></a><a href="#FNAnker_627_627"><span class="label">[627]</span></a> Das einzige, was man sieht, sind Tropflöcher unmittelbar -am Eingang der Felsentempel und beginnende Verwitterung einzelner -Bildsäulen. Hier und da ist von roher Hand absichtlich Verstümmelung -verübt worden. — In Elephanta haben die Portugiesen schlimmer gehaust.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_628_628" id="Fussnote_628_628"></a><a href="#FNAnker_628_628"><span class="label">[628]</span></a> Aus <em class="gesperrt">frei stehenden Felsblöcken</em> haben die -dravidischen Hindu einsteinige Tempel ausgehauen, z. B. zu Mahavellipur -bei Madras.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_629_629" id="Fussnote_629_629"></a><a href="#FNAnker_629_629"><span class="label">[629]</span></a> Auf jedem Pfeiler steht ein Blumenkorb, aus dem die -von frei ausgemeisselten Blumenwindungen umgebene Säule zur Decke -emporsteigt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_630_630" id="Fussnote_630_630"></a><a href="#FNAnker_630_630"><span class="label">[630]</span></a> Da der Abfall des Hügelrückens nicht sehr steil ist, war -meist ein Vorhof nothwendig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_631_631" id="Fussnote_631_631"></a><a href="#FNAnker_631_631"><span class="label">[631]</span></a> Die <em class="gesperrt">meisten</em> dieser Höhlen haben eine -<em class="gesperrt">flache</em> Decke.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_632_632" id="Fussnote_632_632"></a><a href="#FNAnker_632_632"><span class="label">[632]</span></a> Der Schmuck der Säulen mit Figuren und Palmenblättern -ist wunderbar.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_633_633" id="Fussnote_633_633"></a><a href="#FNAnker_633_633"><span class="label">[633]</span></a> Bildsäulen von Buddha und ihre Verehrung sind, nach den -Denkmälern, nicht bekannt vor dem 1. Jahrhundert n. Chr. (<em class="gesperrt">Caïne</em> -setzt jenen Bau in das Jahr 1306 n. Chr.?)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_634_634" id="Fussnote_634_634"></a><a href="#FNAnker_634_634"><span class="label">[634]</span></a> D. h. der Auswurf. Ob die Buddhisten von den -Schiwa-Verehrern so genannt wurden?</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_635_635" id="Fussnote_635_635"></a><a href="#FNAnker_635_635"><span class="label">[635]</span></a> Auch eine <em class="gesperrt">klingende Säule</em> wird dem Reisenden -gezeigt. Das Klingen hängt ab von der Spannung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_636_636" id="Fussnote_636_636"></a><a href="#FNAnker_636_636"><span class="label">[636]</span></a> Dabei ist die Rupie dieses Staates von Haiderabad -minderwerthig; die Kupferscheidemünze sieht aus wie ein gestempelter -Bonbon.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_637_637" id="Fussnote_637_637"></a><a href="#FNAnker_637_637"><span class="label">[637]</span></a> An diesem Tag vergass ich, die Zahl aufzuschreiben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_638_638" id="Fussnote_638_638"></a><a href="#FNAnker_638_638"><span class="label">[638]</span></a> Der in der Mitte der Insel (mit der Erhebung des Djebel -Schamschan) bis zu 1760 Fuss emporsteigt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_639_639" id="Fussnote_639_639"></a><a href="#FNAnker_639_639"><span class="label">[639]</span></a> XXVII, 23 und 24. „Haran und Canne und Eden, sammt -den Kaufleuten aus Seba, Assur und Kilmad sind auch deine (Tyrus’) -Kaufleute gewesen. Die haben alle mit Dir gehandelt mit köstlichem -Gewand, mit seidenen und gestickten Tüchern, welche sie in köstlichen -Kasten, von Cedern gemacht und wohl verwahrt, auf deine Märkte geführet -haben.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_640_640" id="Fussnote_640_640"></a><a href="#FNAnker_640_640"><span class="label">[640]</span></a> εὐδαίμων, glücklich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_641_641" id="Fussnote_641_641"></a><a href="#FNAnker_641_641"><span class="label">[641]</span></a> <em class="gesperrt">Three hours in Aden</em>. Bombay, Educational Society -Press, 1891.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_642_642" id="Fussnote_642_642"></a><a href="#FNAnker_642_642"><span class="label">[642]</span></a> Die deutschen Quellen setzen meist 600.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_643_643" id="Fussnote_643_643"></a><a href="#FNAnker_643_643"><span class="label">[643]</span></a> Das neueste Conversations-Lexicon von Brockhaus -(1893, I, 140) sagt irrthümlich: „41960 E., <em class="gesperrt">meist mohammedanische -Hindu</em>.“</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_644_644" id="Fussnote_644_644"></a><a href="#FNAnker_644_644"><span class="label">[644]</span></a> Aden ist der Präsidentschaft Bombay unterstellt, doch -sind dem Befehlshaber seit 1864 grössere Befugnisse eingeräumt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_645_645" id="Fussnote_645_645"></a><a href="#FNAnker_645_645"><span class="label">[645]</span></a> 1892 Einfuhr (aus ausserindischen Ländern) 26¾, -Ausfuhr 30 Millionen Rupien.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_646_646" id="Fussnote_646_646"></a><a href="#FNAnker_646_646"><span class="label">[646]</span></a> Main-Pass.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_647_647" id="Fussnote_647_647"></a><a href="#FNAnker_647_647"><span class="label">[647]</span></a> Die Rupie reicht bis hierher.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_648_648" id="Fussnote_648_648"></a><a href="#FNAnker_648_648"><span class="label">[648]</span></a> Die Kanal-Gesellschaft stellt dieselbe und die Arbeiter, -lässt sich aber dafür tüchtig bezahlen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_649_649" id="Fussnote_649_649"></a><a href="#FNAnker_649_649"><span class="label">[649]</span></a> Eine besondere Süsswasserleitung vom Nil nach Ismailija, -in der Mitte der Land-Enge, und von da südlich bis Suez musste -angelegt, Baggermaschinen von vorher ungekannter Mächtigkeit gebaut -werden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_650_650" id="Fussnote_650_650"></a><a href="#FNAnker_650_650"><span class="label">[650]</span></a> Le canal de Suez, par Ferdinand de Lesseps.</p></div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE *** - -***** This file should be named 52353-h.htm or 52353-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/3/5/52353/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/52353-h/images/cover.jpg b/old/52353-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 104f1a8..0000000 --- a/old/52353-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/drop_cap_a.jpg b/old/52353-h/images/drop_cap_a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8d295df..0000000 --- a/old/52353-h/images/drop_cap_a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/drop_cap_d.jpg b/old/52353-h/images/drop_cap_d.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c654d4f..0000000 --- a/old/52353-h/images/drop_cap_d.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/drop_cap_e.jpg b/old/52353-h/images/drop_cap_e.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 024ca04..0000000 --- a/old/52353-h/images/drop_cap_e.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/drop_cap_s.jpg b/old/52353-h/images/drop_cap_s.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ebfe1ff..0000000 --- a/old/52353-h/images/drop_cap_s.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/drop_cap_w.jpg b/old/52353-h/images/drop_cap_w.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b0b1126..0000000 --- a/old/52353-h/images/drop_cap_w.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0022.jpg b/old/52353-h/images/i_0022.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 363bbb7..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0022.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0027.jpg b/old/52353-h/images/i_0027.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b6bf025..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0027.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0060.jpg b/old/52353-h/images/i_0060.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d4aa527..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0060.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0062.jpg b/old/52353-h/images/i_0062.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a4f583..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0062.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0117.jpg b/old/52353-h/images/i_0117.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1c02cf8..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0117.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0131.jpg b/old/52353-h/images/i_0131.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e6bf4d8..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0131.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0132.jpg b/old/52353-h/images/i_0132.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d58abe1..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0132.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0225.jpg b/old/52353-h/images/i_0225.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cfec6d1..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0225.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0350.jpg b/old/52353-h/images/i_0350.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cdfbdfd..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0350.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0533.jpg b/old/52353-h/images/i_0533.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e7aff0a..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0533.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_0533_hr.jpg b/old/52353-h/images/i_0533_hr.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5df2765..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_0533_hr.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_151_a.jpg b/old/52353-h/images/i_151_a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1470895..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_151_a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_151_b.jpg b/old/52353-h/images/i_151_b.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 17f74ba..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_151_b.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52353-h/images/i_151_c.jpg b/old/52353-h/images/i_151_c.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 92be0e3..0000000 --- a/old/52353-h/images/i_151_c.jpg +++ /dev/null |
