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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Um die Erde
- Eine Reisebeschreibung
-
-Author: Julius Hirschberg
-
-Release Date: June 16, 2016 [EBook #52353]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche,
- altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen, insbesondere bei
- Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten (z.B. ‚Cannon‘
- anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘) bleiben
- unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht
- berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen
- im Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text
- folgt auch hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘
- wurden zum Teil apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent
- durchgeführt.
-
- Die aufgeführten Errata im Abschnitt ‚Verbesserungen‘ wurden nicht
- in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen Korrekturen,
- bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht eindeutig
- zugeordnet werden.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text
- angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden
- eingefügt bzw. berichtigt.
-
- Auf S. 372 wird eine Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘
- angegeben. Beim metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die
- Größenordnung zu ‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der
- genaue Wert eigentlich bei 1372 m liegen müsste; es erscheint
- ohnehin fraglich, ob der erste Zahlenwert nicht bereits eine grobe
- Schätzung darstellt.
-
- Kursive Passagen werden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet,
- Fettdruck wird durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben, gesperrter
- Text wird von +Pluszeichen+ umgeben.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Um die Erde.
-
- +Eine Reisebeschreibung+
-
- von
-
- Dr. J. Hirschberg,
-
- a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin.
-
-
- Leipzig.
-
- +Verlag von Georg Thieme+.
-
- 1894.
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
- Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
-
-
-
-
- Seiner lieben Frau gewidmet.
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger
-Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden,
-ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze
-herauszugeben.
-
-Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art. Dieselben
-beschreiben die Reisen von +Hildebrandt+ aus den Jahren 1862 und 1863,
-die des Freiherrn v. +Hübner+ aus dem Jahre 1871, die von Dr. H.
-Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die des Grafen +Lanckorónski+ aus
-dem Jahre 1889, die von Dr. +Eugen Böninger+ aus dem Jahre 1890. Der
-Thierforscher L. K. +Schmarda+ (1853 bis 1857) und der Volkswirth +Hugo
-Zöller+ (1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger
-betretenen Pfaden.
-
-Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften
-festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit,
-Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat.
-
-Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde ich
-auf den folgenden Blättern mittheilen: aber +nicht+, wie gelegentlich
-ein angehender Schriftsteller versichert, in der „ursprünglichen Form“,
-sondern einigermassen ausgearbeitet und abgerundet, wie die im Lauf
-der Jahre stets wachsende Rücksicht auf den Leser es erfordert, und
-mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet, welche zum Verständniss des
-Geschilderten nothwendig sind.
-
- =Dr. J. Hirschberg.=
-
-
-
-
-+Inhalt+.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 1
-
- I. Das atlantische Weltmeer 3
-
- II. Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen
- Continent 27
-
- III. Der stille Ocean 40
-
- IV. Japan 58
- Yokohama 69
- Tokyo 73
- Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura 95
- Eine Theater-Vorstellung in Tokyo 108
- Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus 115
- Deutschland in Japan 124
- Nach Nagoya 138
- Nach Kyoto 145
- Nach Osaka, Kobe, Nagasaki 170
- Abschied von Japan 188
-
- V. Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong
- über Singapore nach Colombo 191
-
- VI. Ceylon 243
- Colombo 251
- Kandy 273
- Nuwara Eliya 295
- Nach Anuradhapura 309
-
- VII. Ostindien 329
- Calcutta 345
- Darjeeling im Himalaya 363
- Benares 371
- Lucknow 387
- Cawnpur 400
- Agra 405
- Delhi 426
- Jaipur 439
- Berg Abu 459
- Ahmedabad 466
- Bombay 475
- Ellora 505
-
- VIII. Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal) 517
- Entfernungen 530
-
- +Verbesserungen+ 531
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-+Den Alten war die Welt eine Scheibe+ von Ländern um das Mittelmeer,
-wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine Kugel sei. Nachdem
-die Römer ihre +Weltherrschaft+ begründet und Ordnung in den das
-Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen, wurden zur Belehrung und
-zum Vergnügen +Weltreisen+ unternommen; diese führten von Rom nach
-Griechenland, Klein-Asien, Aegypten, zum Besuch der sieben Schaustücke
-oder +Weltwunder+. Dazu gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia,
-der Tempel der Artemis zu Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria,
-die Pyramiden zu Memphis. Von +Naturwundern+ war noch keine Rede;
-die Naturempfindung war bei den Alten wohl vorhanden, aber nicht
-so vollkommen entwickelt, wie seit Rousseau’s Einfluss im vorigen
-Jahrhundert und in dem unsrigen.
-
-+Heutzutage+ führt eine Weltreise +rings um die Erde+. Die bedeutende
-Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und See-Dampfer hat
-die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es handelt sich
-für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der Natur und dem
-Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch den Süden von
-Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst kennen zu lernen.
-
-Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht
-zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der
-Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet;
-so war ich +vorbereitet+ und konnte einen kurzen und bündigen Plan
-entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den
-Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen,
-verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner
-wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht
-angebracht; mit +Häckel+ sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder nie.
-
-Die +Jahreszeit+ ist mir +vorgeschrieben+. Am 1. August beginnen die
-grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die +Richtung+ der
-Reise ist durch die +Jahreszeit+ bestimmt. Ich muss über Nordamerika
-nach Japan und nach Indien fahren, um in den beiden letztgenannten
-Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die canadische
-Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika und über den
-stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs, geleiten. Ich
-reise +allein+, zu eigner Belehrung.
-
-
-
-
-I.
-
-Das atlantische Weltmeer.
-
-
-Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof
-Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich
-unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der
-echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche
-Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit
-errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und
-Jünglinge um die Erde zu senden.
-
-Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug
-der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen
-Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der
-Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den
-kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d.
-h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden
-Schnelldampfer +Spree+ hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und
-flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die
-Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.[1]
-
-Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte[2]
-und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die
-Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus
-gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt
-zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125
-zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache
-Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre 1890 auf
-dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle
-Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht
-gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von
-Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt
-werden.[3]
-
-Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen[4], die in
-Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den
-Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort
-riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei
-16-17 Knoten 120 Tonnen Kohlen).
-
-Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der
-Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem
-Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören
-und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir
-nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden[5]
-nicht beobachten.
-
-Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit
-derjenigen auf der Eider[6] (1887, von Bremerhafen nach New-York,)
-vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen
-Nussschalen verglich.
-
-Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und
-bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter
-Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar
-auf der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose
-Weltmeer gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes,
-eines ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei
-dieser Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen
-meiner Landsleute, welche zur +Stärkung ihrer Gesundheit+ Seereisen
-unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der
-Schiffsärzte und -- auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer
-und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es
-angeht, vorzuziehen.
-
-Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289
-Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei
-der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer
-Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst
-behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die
-Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen
-ist, zu machen.
-
-Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise
-Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum
-zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald
-eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen
-jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen
-deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse
-Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben.
-
-Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit
-+einzelnen+ Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit
-einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und
-gebührend zurückgewiesen werden müssen.
-
-Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese
-garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten
-Deutsch-Amerikaner auf +unserem+ Schiffe waren geneigt, die grossen
-Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten 20
-Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in
-Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren.
-
-Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der
-holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon
-angezündeten Leuchtfeuern versehen ist.
-
-Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine
-vortreffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal
-der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier
-verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um
-7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind
-gleichzeitig Aufwärter[7] der zweiten Cajüte.
-
-So lässt es sich ganz gut leben unter der +Flagge des norddeutschen
-Lloyd+, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker
-vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen
-Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes
-zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des
-norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige
-Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach
-Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den
-besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat
-grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in
-Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der
-Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark[8] vom deutschen
-Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und
-mit Australien. Einige +seiner grössten+ Schiffe, Spree, Havel (zu je
-13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen Werften
-(Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche Lloyd
-203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000 Tonnen
-Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute die
-grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10
-Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer.
-Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus;
-man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach
-Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden.
-
-Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit
-zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel
-von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Foreland.
-Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen.
-Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger
-Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight. Zwischen
-ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der Hauptinsel
-von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht von
-+Southampton+ und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8 Stunden
-393[9] Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben.
-
-Die Insel +Wight+ ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss Osborne
-dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben liegt
-Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen und
-herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der Nordküste
-von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des deutschen
-Kaisers mit der Adlerstandarte.
-
-Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die
-grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von
-Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen,
-aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück
-hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung.
-
-Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt
-Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses.
-
-Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt
-an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser
-Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die
-Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er
-bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass
-die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten
-und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut
-sich zeigten.
-
-Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder
-den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und
-erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die
-berühmten drei Klippen, welche den Namen der +Nadeln+[10] führen: +von
-hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet+.
-
-Jeden Mittag um 12 Uhr wird der +Logbericht+[11] auf einer Tafel, am
-Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erdkarte unser
-augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet.
-
-Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige
-schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden
-Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten
-Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton
-nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach
-der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er --
-neun Dollar gewonnen.
-
-Dies ist die erste Art von +Wetten+[12], denen die müssigen Reisenden
-sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem Eifrigen
-zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar Einsatz
-zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und neben dem
-Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das gefaltete,
-mit +einer+ der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus dem als Urne
-benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf dem Logbericht
-erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf einen
-bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)[13]
-
-Unser Logbericht lautet folgendermassen:
-
- Donnerstag, 4. August, 49° 56′ N. Breite,
- 10° 37′ W. Länge.[14]
-
-(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von
-Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362
-Seemeilen[15]. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen.
-
- 0 Tage 19,2 Stunden.
- Freitag, den 5. August, 50° 38′ N. Br.
- 22° 23′ W. L.
-
-(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.)
-
- Z. E. 453 S. M.
- G. E. b. h. 815 S. M.
- 1 Tag 19,2 Stunden.
-
- Sonnabend, den 6. August, 49° 11′ N. Br.
- 33° 38′ W. L.
-
-(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt
-und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige
-Insel trifft.)
-
- Z. E. 444 S. M.
- G. E. b. h. 1259 S. M.
- 2 Tage 19,2 Stunden.
-
- Sonntag, den 7. August, 47° 5′ N. Br.
- 44° 25′ W. L.
-
-(D. h. auf demjenigen Meridian, der +ungefähr+ die Mitte hält zwischen
-den Azoren und Neu-Fundland.)
-
- Z. E. 450 S. M.
- G. E. b. h. 1709 S. M.
- 3 Tage 19,2 Stunden.
-
- Montag, den 8. August, 44° 13′ N. Br.
- 54° 14′ W. L.
-
-(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel
-Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.)
-
- Z. E. 450 S. M.
- G. E. b. h. 2159 S. M.
- 4 Tage 19,2 Stunden.
-
- Dienstag, den 9. August, 41° 43′ N. Br.
- 64° 1′ W. L.
-
-(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel
-Neuschottlands von dem Rest abtrennt.)
-
- Z. E. 452 S. M.
- G. E. b. h. 2611 S. M.
- 5 Tage 19,2 Stunden.
- Rest 445 S. M.
-
-Am Mittwoch, den 10. August, wurde +Sandyhook+, an der Einfahrt in
-den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der
-+Meeresfahrt+, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte. Auf
-der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle.
-
-Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch
-+Vergleich+. Es ist nicht nöthig auf +Columbus+ zurückzugreifen,
-welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die Ausbesserung des
-beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um auf einem 19 Meter
-langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei günstigem Winde
-zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen Winden, um
-heimzukehren.
-
-Die Zeit der +Segelschiffe+, welche in mehr als vier Wochen[16]
-zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen
-Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande
-Amerika beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das
-fünfzigjährige Jubelfest der +Dampfschiffverbindung+ zwischen der alten
-und der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem
-+Fulton+ zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem
-Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde
-befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und
-vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen
-Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen
-17 Tagen.[17] Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber
-leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) +Schraube+,
-gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in
-England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine
-Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten.
-
-Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte
-Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19
-und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der
-Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert
-jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen
-Linien sechs Tage und einige Stunden,[18] so dass täglich 450 und sogar
-500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene
-Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier
-Tage.
-
-Sehr merkwürdig ist der +Vergleich der Fahrgeschwindigkeit+ bei
-einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich
-450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390
-Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen.
-(Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274-280,
-ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. & O. Gesellsch.). 5) Von
-Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. & O.).
-6) Von Bombay nach Triest 300 bis 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind
-im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.)
-
-Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des
-Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez)
-ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt
-genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten.
-
-Der +aufmerksame+ Reisende sucht möglichst bald über das Dampfschiff
-und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu unterrichten; doch
-pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn das offne, insellose
-Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste Maschinist Zeit und
-Lust zur Unterweisung zu gewinnen.
-
-Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean,
-stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen
-Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem
-Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen
-zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts,
-Rückwärts, Halt“, -- von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll
-in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten
-Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag.
-Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde,
-so dass gegen 600 000 Umdrehungen[19] nothwendig sind, um uns von
-Europa nach Amerika zu befördern.
-
-Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für
-die gewaltige Schraubenwelle[20] liefert, sind noch mehrere kleinere
-Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen,
-eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit
-Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des
-Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge,
-welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die
-Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im
-Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.[21]
-
-Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn
-grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend
-Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die
-Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier
-Stunden beträgt die Schicht;[22] der Arbeitslohn ist beträchtlich,
-und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren
-Lloydschiffen verwendet.
-
-Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken
-in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für
-die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge
-aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2-3
-Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut.
-
-Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande
-verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern
-Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse
-Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken
-die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam
-befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir
-schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage
-ausgefahren.[23] Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben
-wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es
-ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten.
-
-Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte
-Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier
-verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am Rade
-die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns mit
-den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt das
-Meer hauptsächlich nach der +Karte+. Der Kurs über den atlantischen
-Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals nach dem
-Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten Kreise der
-Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.[24] Dies erkennt man
-leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den Landkarten
-nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden erhabene,
-krumme Linie erscheint.
-
-Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts,
-auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch,
-da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her
-grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an
-denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher
-nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen.
-
-Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu
-finden, ist für den Schiffer der +Compass+.
-
-Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie
-den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung
-der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers
-Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten[25] 121 n. Chr.;
-benutzten dieselbe zuerst, um auf dem +Lande+, in ihrem ungeheuren
-Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie
-(265-469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die
-Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der
-Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt
-haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in
-Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit
-nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer
-Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel
-befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung,
-wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht,
-und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32,
-am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber
-gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der
-Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass
-von Prof. +Thompson+ (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und
-gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der Windrose an Seidenfäden
-aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist
-mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in
-wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der
-Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten
-Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad.
-Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet,
-bestimmt den Kurs des Schiffes.
-
-Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung +eiserner+ Schiffe;
-um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben dem Compass
-schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit Thompson’s
-Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird +auch+ zufrieden sein, da er
-durch das Patent ein bedeutendes Einkommen gewinnt und als Besitzer
-einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport huldigen kann.
-
-Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum +Lothen+, d.
-h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20 Kilogramm
-Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen und saust
-in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit grosser
-Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier, dem der
-Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das Gewicht unten
-aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln des Drahtes
-wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten offenes
-Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und unten
-offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem Silberoxyd)
-roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser in die
-Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das
-Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der
-Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d.
-h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens.
-
-Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus
-der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele
-Faden[26] das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument
-genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr
-als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.)
-
-Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo
-einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz
-langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen
-Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser.
-
-Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen
-vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen +Ort+ des
-Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem
-Logbericht zu verzeichnen?
-
-Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder
-Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend
-verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf
-hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind,
-braucht man nur die +Fahrgeschwindigkeit+ während der 24 Stunden zu
-wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes
-wird gemessen mit dem Log.
-
-Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf
-kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem
-Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat
-die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser
-und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert,
-dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der
-Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die
-Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang
-wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche
-Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens)
-beträgt 25 Fuss.
-
-25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1
-Stunde) = 1:240.[27]
-
-So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele
-Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende
-des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das
-Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das
-Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers
-durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die
-Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die
-Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche
-Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten.
-
-Das +Patentlog+, welches auf den grösseren Dampfern benutzt wird, hat
-Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit sich drehen;
-das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende des Schiffsbords
-angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl an.
-
-Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine +einzige+ Messungsart;
-er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die +geographische Länge und
-Breite+ seines augenblicklichen Standortes.
-
-Eine vollständig zuverlässige Uhr (+Chronometer+) zeigt den Augenblick,
-wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der Meridiantheilung, Mittag
-ist, d. h. die Sonne den Meridian von Greenwich passirt. Da die
-Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade durchläuft, so legt sie in
-einer Stunde 15 Bogengrade, in einer Zeitminute 15 Bogenminuten,
-in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden zurück. Ein 15° westlich von
-Greenwich gelegener Punkt hat Mittag, wenn die Uhr von Greenwich 1
-Uhr Nachmittags zeigt. So wird die westliche (oder östliche) Länge
-festgestellt. Die nördliche (oder südliche) Breite aber mittelst des
-von +Newton+ erfundenen +Spiegelsextanten+, mit dem man die grösste
-Erhebung der Sonne über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in
-Winkelgraden abmisst.
-
-Was aber leitet den Seemann +bei Nacht und bei Nebel+, um den so
-gefürchteten +Zusammenstoss zu vermeiden+?
-
-Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am
-vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten +drei
-Lichter+ gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen muss.
-Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand zu
-halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze des
-Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in einer
-dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar ist.
-Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von den
-Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten oder
-Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein
-rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn
-Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts
-neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von
-links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen
-bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein.
-
-+Nach rechts wird ausgewichen+, wenn man die drei Lichter eines andern
-Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber auf
-hoher See sehr selten erlebt.
-
-Und bei +Nebelwetter+, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist, hat jedes
-Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu geben, die
-Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das +Nebelhorn+,
-wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat, dass man kaum über
-die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann.
-
-Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen
-die Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken
-Nebel das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen;
-aber bald verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander
-entfernt. Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und
-Unwetter bildet auf hoher See die +Hauptgefahr+ für ein gutes Schiff,
-sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das
-begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York
-zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet,
-die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber
-man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander
-vorbeigefahren.
-
-Auch die +Verzögerung+ der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab; denn
-bei dickem Nebel +darf+ das Schiff nicht mit vollem Dampf fahren.
-
-Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht
-langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach
-eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der
-vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben
-eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.)
-
-Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und
-Wellen, die Temperatur u. dgl.,[28] mache einen Morgenspaziergang
-und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit
-Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das
-Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in
-dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf
-so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf
-einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war
-mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer
-Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die
-nützlichste Auskunft zu geben.
-
-Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke
-(Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher Kleidung auf
-dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich
-anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es
-scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte
-zu vertilgen[29]. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern.
-
-Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets
-gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre
-Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf
-deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen
-Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit
-Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl[30] auf, um
-sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes Segel-
-oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt hat,
-weiss nicht, +wie leer das Weltmeer+, sogar das atlantische, trotz der
-grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen, französischen,
-deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen New-York
-zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach dem Schiff
-gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich erörtert, wobei
-einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten Behauptungen
-entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen, durch welche
-gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht. Es besteht ein
-Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden Völkern. In unsrer
-Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen alle Betheiligten
-wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf hoher See gesehen
-worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt werden. Gelegentlich
-spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe an. Sie wird im Falle
-der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst; die Gesellschaft des
-hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu bezahlen; aber der
-Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch sehr beträchtlich.
-Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150 Mann Besatzung führt,
-über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat bedeutenden Nachtheil,
-wenn es einen Tag später in New-York ankommt, zumal die einträgliche
-amerikanische Post immer dem schnellsten von den Postdampfern übergeben
-zu werden pflegt.
-
-Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit
-ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel
-weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug
-von Delphinen,[31] die munter und anmuthig über die Wellenthäler
-forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken.
-Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war
-aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt,
-d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer
-ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt
-links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer
-ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers
-sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt
-zurück, vom Gelächter der Andern empfangen.
-
-Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.[32] Alle, mit Ausnahme
-der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die
-zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren.
-Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen
-Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen.
-
-Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag
-gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass
-Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben.
-
-Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und
-noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf
-Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig
-ausschreiten kann.
-
-Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des
-steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff
-wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, --
-Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen
-würde.
-
-Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den
-Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist
-natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur
-Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der Seemann
-ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der
-Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel.
-
-Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und
-freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen
-der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen.
-
-Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet,
-ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer,
-wo auch die kräftigen +Getränke+ zu haben sind; später der Salon der
-zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls
-ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September
-sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,)
-erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen.
-
-So einen Tag wie den andern. Und die +Langeweile+? Ich habe sie nie
-empfunden.
-
-Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des
-Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der
-auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten
-Nachthimmels[33], des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung
-des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe,
-des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die
-wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben
-vollauf Beschäftigung.
-
-Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und
-Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und
-Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel
-eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten
-her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch eine
-schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und plötzlich
-versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden Griechen war
-dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen, versteht
-die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden Sonnenrosse am
-Giebel des Parthenon. Natürlich +messe+ ich die Zeitdauer vom Anfang
-(_A_) bis zum Ende (_E_) des Eintauchens; und die wissensdurstige
-Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen zugeschaut, betheiligt
-sich eifrigst an der Zeitmessung mit der Secundenuhr.
-
-Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B.
-
- _A_ = 7 Uhr 12 Minuten
- _B_ = 7 Uhr 15 Minuten und
-
-sehr wenige Secunden.[34]
-
-Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze
-Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar
-
- um 360° in 24 Stunden,
- um 15° in 1 Stunde,
- um 15′ in 1 Minute.
-
-Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die
-Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische
-Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern:
-sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch
-vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben
-darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die
-Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen +Auwers+.
-
-[Illustration]
-
-Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und
-braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen
-Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn +schräg+ auf den
-Horizont _HH_ zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und den
-Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der Sonne sich um
-den Durchmesser _AB_ erniedrige, oder dieser durch den Horizont gehe,
-muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg _SS′_ = _BB′_ = (_AB_)/(sinφ)
-zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum Untergehen am 15. August 3
-Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter 45° nördlicher Breite 3′ 9″
-bezw. 3′ 6″.
-
-Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der
-Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, -- offenbar, weil
-bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt
-werden kann.
-
-Das +Meeresleuchten+ kann Abends den aufmerksamen Beobachter
-stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche,
-bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an dem
-Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem
-das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere
-Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse
-Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem
-Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.
-
-Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des +Meereshorizontes+
-und findet zu seinem Staunen, dass der Halbmesser nur 5-6 Seemeilen
-beträgt.[35] Wie ein Kind freut sich jeder, der zum ersten Mal die
-Kugelgestalt der Erde sich selbst vorbeweist, indem er zunächst den
-Schornstein, und später, bei grösserer Annäherung, den Rumpf eines
-fahrenden Dampfers erblickt.
-
-Zu den +Spielkarten+ brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. Ich
-verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten
-Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt
-von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte Kartenspieler,
-namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind.
-Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem
-waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige
-Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in
-Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.
-
-Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. +Himmel und Hölle+,
-doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der
-Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich
-sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine
-Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen
-wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist
-senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus
-dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10-15
-Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur
-dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich
-lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren
-Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)
-
-Von +Erlebnissen+ oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu melden.
-Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, nur kleine
-weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, aber doch
-freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der röthlich
-schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit denen ich so
-oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut hatte, so
-dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete Kentuckyer
-über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir die gute
-Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August tönte
-das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. In
-der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland ist immer Nebel. An diesem
-Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8.
-August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue
-See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller
-Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum
-Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den
-Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot
-auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber.
-Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine
-Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann,
-der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt,
-der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt
-hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.
-
-Dienstag, den 9. August, kam der +Lootse+ an Bord. Er fährt in seinem
-Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene See und kreuzt
-dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das Lootsengeschäft
-ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss Tiefgang des
-Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr Fahrwasser kennen.
-Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die Leitung des Schiffes
-und erleichtert dem Capitän die Verantwortung für den Rest der Fahrt.
-Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, wenn der gewandte Mann
-die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, mit denen er die Taschen
-vollgestopft hat, werden ihm schleunigst abgenommen, namentlich von den
-Neulingen, welche möglichst rasch Nachrichten von dem Weltgetriebe,
-dem sie für 6 Tage entrückt waren, zu erhalten streben. Aber sehr bald
-legen sie enttäuscht die Blätter wieder fort; dieselben enthalten
-nichts Neues; wenige Stunden nach unserer Abfahrt war der Lootse von
-New-York abgesegelt.
-
-Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen?
-Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa
-herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach
-dem Ausgang der Jachtwettfahrten.
-
-Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen
-Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24,
-auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige
-gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein
-vortreffliches Doppelfernrohr[36], das bisher edleren Zwecken gedient,
-wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter
-Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen. Hierbei ereignete sich ein
-spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet,
-dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das
-Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“,
-sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit
-dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“
-war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch
-entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston
-kommen.
-
-Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze
-Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet
-einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten.
-
-Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf
-deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen
-stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht
-doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag
-für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man
-dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch
-nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten
-Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen
-schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt
-und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen.
-
-Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen
-landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an
-die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären.
-Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen
-deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere.
-
-Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen
-auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche
-Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht,
-fällt diesmal aus wegen des Nebels.
-
-Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns
-herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen.
-Um 8½ Uhr Morgens erscheint +Fire-Island+[37], dann Long-Island und
-+Sandyhook+, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis hierher
-rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden gedauert.[38]
-
-Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows
-sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf
-die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von
-New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von
-Brooklyn.
-
-Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den
-Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen
-Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss
-vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden.
-Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es kommen
-Freunde. Wir landen in +Hoboken+ am westlichen Ufer des Hudsonflusses
-in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit klingender
-Musik in deutschen Weisen empfangen.[39]
-
-
-
-
-II.
-
-Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent.
-
-
-Einen +Erdtheil+ zu +durchqueren+, von dem einen Weltmeer zum andern,
-ist für den +Einzelnen+ ebenso reizvoll und belehrend, wie die
-erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen, wichtig und
-epochemachend für die +Geschichte des gesammten Menschengeschlechts+
-geworden.
-
-Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den
-+nordamerikanischen Continent+ machen.
-
-Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien,
-Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen
-unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee
-zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir
-aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein
-Anhängsel von Asien.
-
-+Nordamerika+ bietet noch dazu den besonderen Vortheil, dass seine
-ganze +Cultur eine neue+ ist, da die spärlichen Reste der Ureinwohner
-kaum noch in Betracht kommen. Neben dem +geographischen+ Gesetz, dass
-der Continent ziemlich ringsum von Rand- und Küstengebirgen umgeben,
-+erst+ einen mehr oder minder breiten Gürtel +fruchtbaren+ Landes und
-+dann+ in seiner Mitte einen mehr +öden+ und selbst wüsten Bezirk
-enthält, tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt-
-und dichtbesiedelten Europa, auch das +politische+ Gesetz entgegen,
-dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen
-der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig
-abnehmen.
-
-Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen
-Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der
-Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia durchsaust,
-im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne
-lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten
-wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in
-der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in
-die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen
-jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und
-Ostindien harren.
-
-+Fünf pacifische Eisenbahnen+, die ein gewaltiges Stück Culturarbeit
-enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen zum stillen
-Ocean: 1. Die +centrale+ von +S. Francisco+ nach Ogden in Utah und
-weiter nach +Omaha+ in Nebraska. (Von hier ist Verbindung mit Chicago
-und New-York.) Dies ist die +älteste+ dieser Bahnen, im Jahre 1869
-vollendet. 2. Die +Atlantic- and Pacific-Bahn+ von +S. Francisco+ nach
-+St. Louis+, an der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die
-+südliche+ Pacific-Bahn von +S. Francisco+ nach +New-Orleans+. 4. Die
-nördliche Pacific-Bahn von +Tacoma+ in Washington nach +St. Paul+ in
-+Minnesota+, (und von da weiter nach der östlichen Küste,) im Jahre
-1883 vollendet.
-
-Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die
-dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen +Büchlein+ (Von New-York
-bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt.
-
-5. Jetzt habe ich auch die +canadische+ Pacificbahn[40] durchfahren,
-die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906 engl. Meilen
-sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den Vorzug vor den
-anderen.
-
-Vor Allem ist sie +malerischer+ und +reizvoller+, sodann reich an
-Abwechslung. Die bequeme Verbindung der canadischen Pacificbahn mit
-ihren Dampfern, welche die ungeheure Süsswasseranhäufung der grossen
-Seen (Lake Huron, L. Superior) durchkreuzen, ermöglicht es uns,
-den vierten Theil der ganzen Reise als angenehme und erfrischende
-+Wasserpartie+ zu machen.[41] Wird noch ein kurzer Aufenthalt am
-+Niagara+ und im +Felsengebirge+ eingeschoben, so gelangt man in etwa
-12 Tagen bequem von dem einen Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit
-dem Postzuge von Montreal nach Vancouver in sechs Tagen.
-
-Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns
-einigermassen mit der +Geschichte+ dieser gewaltigen Eisenbahn vertraut
-zu machen.
-
-Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean
-zu bauen, war lange Zeit hindurch der +patriotische Traum+ einzelner
-canadischer Männer. Es wurde eine +politische Nothwendigkeit+, nachdem
-im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika zum Dominion
-Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 Millionen
-Einwohnern) sich vereinigt hatten.
-
-Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen
-Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und
-erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung
-begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an
-eine +Gesellschaft+ übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso
-vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging
-die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist
-die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean
-3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die
-gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.
-
-Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im
-Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz
-gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan
-und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada
-gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die
-bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.[42] Dies
-ist wenigstens die +Ansicht der Canadier+, während die eifersüchtigen
-Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und Geringschätzung
-auf Canada herabblicken.
-
-Von der gewaltigen Hauptstadt +New-York+, wo der vaterländische
-Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem +Tagdampfer+[43]
-stromaufwärts auf dem +Hudson-Fluss+ bis +Albany+, der Hauptstadt des
-Staates New-York.
-
-Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden
-aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild
-dieses +unvergleichlichen Hafens+ von New-York und die Stadt selber mit
-ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, Madison
-Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin das
-Landschaftsbild des +majestätischen Hudsonflusses+, den man in diesem
-Lande den +Rhein von Amerika+ nennt und in dem üblichen Superlativ-Stil
-nicht bloss zu den grössten Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten
-rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern Rhein zu erheben
-pflegt.[44]
-
-Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir
-der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich,
-die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und
-Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.
-
-Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt,
-dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter
-+stromaufwärts+ man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese Stadt,
-143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der
-+Gezeiten+.
-
-Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während
-am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge[45] vorbeisausen, links
-(westlich) die +Pallisaden+, säulenartig gegliederte, bis 300 Fuss
-hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); rechts
-(östlich), +Yonkers+, eine der ältesten Ansiedelungen im Hudsonthal;
-und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s +Sunnyside+, der
-ehemalige Wohnsitz des Dichters +Washington Irving+, weiter das
-berüchtigte Zuchthaus +Sing-Sing+, und endlich +Crotonpoint+, von wo
-New-York sein Trink-Wasser bezieht.
-
-Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die +Highlands+,
-mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist auch der Fluss mit
-schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits der Kadettenschule zu
-+Westpoint+ erblickt man in der Ferne die +Catskillberge+, und erreicht
-+Albany+ (w.) am späten Nachmittag.
-
-Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des +Capitols+, eines
-erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe, bringt
-mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über +Buffalo+ nach +Niagara+, wo
-ich natürlich einen Tag verbleibe.[46]
-
-Sodann fahre ich nach dem nahen +Toronto+, am Nordwestufer des
-Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen.
-
-Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren
-mit dem Begriff des Canadiers den der +Unkenntniss von Europa’s
-übertünchter Höflichkeit+ gewissermassen unbewusst und zwangsweise
-verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere
-Vorstellung von dem +heutigen Canada+ beigebracht, wenn wir gelesen
-haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200 Einwohner zählte,
-1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht und erstaunt, mit
-+eignen+ Augen diese +riesigen+, acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser
-und die ungeheure Zahl der +electrischen Strassenwagen+ in -- +Canada+
-zu sehen! Die +Staats-Universität+ von Toronto ist ein gewaltiges
-Gebäude in normannischem Stil.
-
-Die Wissenschaft ist +international+. In dem biologischen Institut
-der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer &
-Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr.
-Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die
-ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer
-in Dresden, construirt hat.
-
-Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich
-die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel
-nach dem tiefblauen +Owen Sund+ am Huron-See. Hier nimmt uns der
-Schrauben-Dampfer +Manitoba+ auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss
-lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.[47] +Die Fahrt ist
-entzückend.+
-
-Sie +vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt+. Denn unser See
-ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer, die
-Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns der
-kreisförmige Horizont des Meeres.
-
-Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz +gewaltigen Zahl
-von Dampf- und Segelschiffen+, wie man sie nie auf offenem Meere
-antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen,
-sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue
-Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen,
-wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte
-Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr
-praktisch.[48]
-
-Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass +Sault St. Marie+
-ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem
-Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne[49]
-sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst,
-müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere
-Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See
-emporgehoben werden.
-
-Durch +Sault St. Marie+ soll jährlich eine grössere Tonnenzahl gehen,
-als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten Jahre,
-58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.[50]
-
-Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch
-weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet
-(am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht
-zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von +Zollkrieg+, weshalb die
-Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig zu machen
-bestrebt sind.
-
-Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf
-dem +Oberen See+; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter am
-Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des
-Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags
-in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser
-geworfen.
-
-Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige +Donnerkap+, das 1600 Fuss
-hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die Donner-Bay
-und erreichen Nachmittags +Port Arthur+.
-
-Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes
-Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses
-Kaministiquia, nach +Fort William+: dort erwartet uns der Zug der
-+canadischen Pacificbahn+.
-
-Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei
-Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man
-nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in
-Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je
-einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den
-Mittelgang abgeschlossen.)
-
-Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende
-Schilderungen von der +Pracht+ und +Bequemlichkeit+ dieser Wagen.
-+Vieles ist richtig+; aber wenn der Wagen mit 24 Personen, dazu mit
-etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine mehrtägige Reise
-nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck und endlich mit
-Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so geht ein gut
-Theil der Bequemlichkeit wieder verloren.
-
-Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die
-Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu
-versagen. +In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit
-unbedeutenden Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien
-Bewegung förderlich.+ Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf
-nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke
-auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil
-eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich
-oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe.
-
-Eine +viertägige Eisenbahnfahrt+ steht uns bevor; oder, wenn wir
-in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die
-Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21
-Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.)
-
-Der +erste Morgen+ bietet uns ein reizvolles Bild, +Rat Portage+ am
-hauptsächlichsten Ausfluss des +Lake of the Wood+, des grössten Sees,
-welchen die Bahn zwischen dem Oberen See und dem Stillen Ocean berührt:
-Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine Felsdurchbrüche, kleine Häuser,
-riesige Mühlen.
-
-Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und --
-gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und
-werden von den meisten anstandslos bewältigt.
-
-Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem
-Busch bedeckten Haide, welche als +ebene Prairie+ bezeichnet wird, die
-Hauptstadt der Provinz Manitoba, +Winipeg+. Hier war ein alter Sitz
-der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen Kaufleute,
-welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere des
-amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort (früher
-Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner. Die Stadt
-liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die für
-Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn.
-
-Hier ist das +Land-Amt+ der Eisenbahnen und das der Regierung.
-Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch,
-polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung
-harren auch am Bahnhof.
-
-Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der
-Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen,
-weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein
-idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines +Knaus+, war,
-behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein
-russischer Jude. Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er
-in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block
-mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, -- wie einst
-Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte.
-
-Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie, der
-+Glanz von Manitoba+ beginnt, +eine+ Ansiedelung der anderen folgt, und
-so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht zweckmässig, ein
-paar Worte über die +Auswanderung nach Canada+ zu sagen.
-
-Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist, ein
-schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen Werk
-„+Manitoba+“ (by John +Macoun+, M. A., Dominion Governments-Explorer of
-the North-West, London 1883, S. 637) das Folgende anführen:
-
-„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für den
-Acre aufwärts; und 160 Acres +freien+ Landes kann man als +Heimstätte+
-belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“[51] Die Auslagen für das
-erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den Besitz nach fünf
-Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar.
-
-+Weniger verlässlich+ sind die Schriften der Eisenbahngesellschaft,
-welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite, beiderseits von der
-Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in jedem Bezirk Land
-besitzt und -- an den Mann bringen will. Sie bietet Land an zum Preise
-von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel baar, das Uebrige
-stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen. Aus ihrer Schrift
-+„Successful Farming in Manitoba+ (1891)“ ist zu ersehen, dass einzelne
-Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars mitbrachten, -- andere
-+gar nichts+, „und gut vorwärts kamen, namentlich wenn sie zunächst als
-+Arbeiter+ einige Ersparnisse gemacht.“[52] (Vergl. auch „Farming and
-Ranching in Western Canada.“) Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar
-noch verkäuflich ist, und der Besitztitel erst nach Ablauf von fünf
-Jahren regelmässiger Bearbeitung erworben wird; so giebt es doch
-Banken, welche, mit Erlaubniss der Regierung, den Ansiedlern von vorn
-herein mit Vorschüssen aufhelfen.
-
-+Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel+ für Europa im Allgemeinen und
-für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer Auswanderer geht
-nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele besser wäre, nach
-Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage. Deutsche Ansiedler sind
-in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr gut fort.
-
-Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die +wellige+
-und dann in die +ansteigende+ Prairie, die auch noch gut bebaut ist.
-Hier liegt Bell’s berühmte +Riesenfarm+ von 100 Quadratmeilen, die mit
-militärischer Ordnung bewirthschaftet wird; man pflügt in Brigaden und
-erntet in Divisionen.
-
-Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt +Regina+ in
-der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit
-2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der
-canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des
-Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen,
-rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die +musterhafte
-Ordnung+ des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die
-+Indianer+.
-
-Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die
-Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige
-Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung
-des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben,
-singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele
-sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe
-des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und
-die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und
-Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu
-verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es
-geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen.
-
-Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen
-zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art
-leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die
-katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die
-weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den
-dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen
-nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter
-begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit
-schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen;
-aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von
-Europäern unterscheiden kann.
-
-Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine +Ebene+,
-+die keinen Baum enthält+. Bis zum Horizont reicht die einsame, öde
-Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen Wüste annimmt;
-der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch bilden die ganze
-Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen in Sicht. Nur
-selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein Haus, einen
-Kuhhirten unterbrochen.
-
-Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei +Medicine Hat+
-(2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende Fackeln des
-natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir in die +hohe
-Prairie+.
-
-Am +dritten Morgen+, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten der
-Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die
-scharfkantigen Gipfel der Berge,[53] auf denen nur hier und da ein
-kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000
-Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild.
-
-Um 6 Uhr Morgens erreichen wir +Banff+, das 4500 Fuss hoch, 2346
-Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die
-Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut.
-Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei
-Fuss lange Baumstämme unterhalten.
-
-Von der Höhe des +Tunnelberges+, 1000 Fuss über dem Thal, hat man einen
-Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine seeartige
-Ausweitung des grünen Flusses,[54] das kleine Dorf Banff, das 200 Fuss
-höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden Felsen, die
-amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des Gasthauses,
-sind mit Schnee und Gletschern bedeckt.
-
-800 Fuss über dem Thal entspringt eine +warme Schwefelquelle+.[55]
-Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus[56]
-sind Krücken angenagelt mit +ruhmrednerischen Heilberichten+,
--- ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im
-Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen
-Wallfahrts-Orten unserer Tage.
-
-Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer +Höhle+ des
-Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit
-grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen
-aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.
-
-In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain,
-der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal
-abfällt, nach dem Teufels-See[57] und befährt diesen auf einem ganz
-kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von
-den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen,
-nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.
-
-Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum
-ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein
-+Schlafwagen wird abgehängt+.
-
-+Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön.+ (Im Eisenbahnbuch steht: 1.
-„Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause
-soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ -- Das ist
-so die +Geschäftssprache der neuen Welt+.)
-
-Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des
-Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die
-Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der
-gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.
-
-Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.[58] Zwei
-kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte.
-Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay
-und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss,
-bezw. in den pacifischen Ocean.
-
-Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst +Stephen+ sowohl die
-Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil
-der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass,
-wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt,
-umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss
-über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns
-einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die
-Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.
-
-Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon,
-wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht
-streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss.
-Tunnel sind nur sparsam und kurz.
-
-Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei +Golden+
-aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken wir vor uns den
-Columbiafluss und die schöne Kette des +Selkirk+-Gebirges, die
-annähernd parallel ist mit der des Felsengebirges.
-
-Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der
-Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die
-enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss
-1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken,
-250 Fuss über dem Bach; und erreichen die +Passhöhe der Selkirks+
-(Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher +Gletscherberge+:
-Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche
-+Gletscherhaus+.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind mächtige
-Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer.
-
-Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug
-hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den
-schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst.
-
-Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den
-Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks
-gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem +mächtigen+, +schiffbaren+
-Strom angewachsen ist.
-
-Am +letzten Morgen+ ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch
-den +Fraser-Cannon+ (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in
-Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte
-Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss
-über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über
-den Schluchten gestützt ist.
-
-Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf,
-entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock
-befestigt. Man sieht die +Indianer+ ihren Lachs fischen oder dörren.
-Dann erscheinen Häuschen von +Chinesen+, die Gold waschen. Dazwischen
-einzelne Zelte von +Abenteurern kaukasischer Rasse+.
-
-Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss
-zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten
-Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder
-auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem
-Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die
-Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen
-Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit
-breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen.
-
-Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und +Vancouver+, das
-+Ende+ der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige Stadt ist
-sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat grossartige
-Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und mehrere
-Dampf-Sägemühlen, welche die 1-2 Meter dicken Föhrenstämme von
-gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter
-unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der
-holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach
-Montreal und nach Europa versenden.
-
-Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den
-+Urwald+[59] auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen
-entfernten +New-Westminster+.
-
-Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen
-langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in
-dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft
-unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of
-Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, +westwärts nach dem
-fernen Osten+.
-
-
-
-
-III.
-
-Der stille Ocean.
-
-
-Schon der +Name des stillen Oceans+ macht auf den Landbewohner von
-Mitteleuropa einen +überwältigenden+ Eindruck; der Begriff der
-ungeheuren +Grösse+,[60] welche ja die der sämmtlichen fünf Erdtheile
-übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen +Entfernung+ von der
-Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht. Als ich, im
-Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum ersten Mal das
-Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten, konnte ich
-nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold, meine Stirn
-mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene merkwürdige
-Zeit zu versetzen, wo +Vasco Nunnez de Balboa+ (am 25. September
-1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „+das Südmeer+“
-erblickte, -- um vier Jahre später von dem neidischen Gouverneur
-Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und +Fernão de
-Magalhães, der erste Weltumsegler+, nach stürmischer Fahrt auf dem
-atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien herumsegelnd (Nov.
-1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel vorfand und dadurch zur
-+Benennung des stillen Oceans+ veranlasst wurde.
-
-Jetzt hatte ich diese gewaltige +Wasserwüste+ zu durchkreuzen, in
-nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch
-auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht
-bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa
-und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien.
-
-Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen
-= 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch
-die Leistung der +ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft+[61], die
-Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei
-einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder
-20 Tagen zurückzulegen.
-
-Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser
-Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen
-einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als
-80. Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die +canadische Pacific-Bahn+[62] hat
-ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen
-Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“
-führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen =
-8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen in
-13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat +die Post von London
-nach Yokohama+ in 28 +Tagen+ hinschaffen, während der Weg durch den
-Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht.
-
-Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer
-das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“[63] der
-Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von
-Burrard’s Einlass[64] hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser
-emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und
-51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die
-Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten
-gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube,
-dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich
-verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.
-
-+Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer+ drängt sich
-dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort;
-Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so
-bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte
-erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.[65] Es ist doch eine
-grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich
-in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es
-ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie
-an der Tafel wird von +Chinesen+ geleistet. Der Asiate ist von Natur
-ein besserer Diener,[66] als der Europäer, -- wenn man nicht zu viel
-von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises
-Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche
-Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich
-mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.
-
-Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in
-blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über
-dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen,
-unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden
-die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen
-können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, von
-Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer[67] zu
-fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter und
-Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei dem
-Reisenden hervorzurufen. Freilich, die +herrschende Stellung hat der
-Kaukasier sich vorbehalten+, -- gradeso wie in dem Gasthaus von Wawona
-bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner Neger,
-der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein weisser
-Mann war!
-
-Auch die +Reisegesellschaft+ war auf dem atlantischen Weltmeer ganz
-anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.
-
-Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach
-New-York, herrscht der +Irländer+ vor, der zu Hause in die frische Luft
-gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, das
-Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von Tammany-Ring
-und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.
-
-Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach
-New-York bilden +deutsche Bauern+ mit ihren Familien und +Handwerker+
-die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) und Skandinavier. Bei gutem
-Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, „das deutsche Lied“ wird gesungen,
-auch „die Wacht am Rhein“, und „Deutschland, Deutschland über Alles“.
-Liederbücher und Abschriften einzelner Lieder wandern von Hand zu
-Hand. Es tönt die Fiedel und die Ziehharmonica, es tanzen Germanen und
-Slaven. Deutsche Werkmeister, die in den Vereinigten Staaten eine gute
-Stellung gefunden, kehren von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt
-nicht das Wandervolk Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland;
-für sie stellt Amerika eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt
-sich Haar und Bart, der Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu
-thatkräftigem Handeln; ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr
-von der russischen Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an
-die moderne friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean,
-welche weit beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das
-römische Reich zerstört hat.
-
-Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen
-Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich
-zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den +Chinesen+, die von der
-pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als
-Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige
-Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des
-grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.
-
-Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt
-erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den
-sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr
-und mehr alle Besonderheiten abschleift.
-
-Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der +Deutsch-Amerikaner+
-vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von Bekleidungsgegenständen und
-Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine Badereise nach Carlsbad
-oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch das hastige Essen
-und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten Magen zu neuer
-Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland besucht, seine
-Kinder dorthin gebracht hat; -- und nun wieder seiner Thätigkeit
-in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die dort so
-manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, der
-Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-,
-Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.
-
-Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und
-Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten,
-trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte
-Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings,
-seitdem die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, +echte
-Amerikaner+: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen
-Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind
-und mindestens 54 verschiedenen -- Theelöffeln (aus den europäischen
-Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren,
-um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den
-erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht
-wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte
-sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.
-
-Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei
-den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit[68]
-herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer
-Vertreter.
-
-Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „+Kaiserin von
-Japan+“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl
-vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und
-unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien
-studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller
-Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem
-Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon
-in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist. Da
-bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von 84) sind
-+Missionäre+ aller Arten, aller Secten, -- Amerikaner und Engländer:
-alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der gewöhnlichen
-Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit Weib und Kind;
-„grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen die Tagesblätter
-von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde Fräulein, die
-hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe gehen, den
-altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden.
-
-Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam
-vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie
-aus Bombay. Weit zahlreicher waren die +Muss-Asiaten+ aus Europa,
-Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China[69] als Zollbeamte so
-lange leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der
-Heimath ausreichen.
-
-Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein
-Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden.
-
-Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so
-gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die
-eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer
-(+Globetrotter+), eine Menschengattung, auf die ich noch bei
-Gelegenheit zurückkommen werde.
-
-Was nun unseren +Kurs+ anlangt, so geht derselbe, sowie wir die offene
-See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver nach
-der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder auf
-Karten nach Kremer’s Grundriss[70] eine nach Norden erhabene Linie
-darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht.
-
-Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen
-Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen
-Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz
-richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw
-zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.[71]
-
-Ein Blick auf meine +eigne Karte+ und auf den folgenden +Logbericht+
-wird das Gesagte erläutern.
-
- ========+=========+==========+===========+=============+===============
- | Datum | Breite | Länge | Entfernung | Bemerkungen
- ========+=========+===+======+===========+=============+===============
- Mittw. |31. Aug. | | | | |Ab Vanc.
- | | | | | | 4^h 35′ Nchm.,
- | | | | | | an Victor.
- | | | | | | 9^h 45′ N.
- Donn. | 1. Sept.|48°|20′ N.|123°|55′ W.|111 Seemeilen|Ab Vict. 6^h
- | | | | | | 30′ Vorm.
- Freitag | 2. Sept.|50°| |133°|40′ W.|395 Seemeilen|
- Sonnab. | 3. Sept.|50°|58′ N.|143°|45′ W.|390 Seemeilen|
- Sonntag | 4. Sept.|51°| 0′ N.|154°|10′ W.|393 Seemeilen|
- Montag | 5. Sept.|51°| 0′ N.|164°|25′ W.|387 Seemeilen|
- Dienst. | 6. Sept.|50°|26′ N.|174°|18′ W.|377 Seemeilen| Orkan.
- Mittw. | 7. Sept.| | | | | | Ausgelassen.
- Donn. | 8. Sept.|49°|19′ N.|176°| 8′ Ö.|376 Seemeilen|
- Freitag | 9. Sept.|47°|53′ N.|166°|44′ Ö.|383 Seemeilen|
- Sonnab. |10. Sept.|45°|47′ N.|157°|48′ Ö.|387 Seemeilen|
- Sonnt. |11. Sept.|42°|47′ N.|149°|37′ Ö.|393 Seemeilen|
- Montag |12. Sept.|39°| 4′ N.|142°| 4′ Ö.|367 Seemeilen|
- Dienst. |13. Sept | | | | | Um 12^h Mittags
- | | | | | | | auf der Rhede
- | | | | | | | von Yokohama.
-
-Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen
-Erlebnisse auf derselben.
-
-Der Hafen von +Vancouver+ ist prachtvoll und tief; das grosse Schiff
-liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke an
-Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang der
-Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax in
-Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung
-braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus
-Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von
-Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.
-
-Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus +Burrard’s+
-Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen umgebenen Meerbusens,
-an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch den schmalen, mit
-Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die schönumwaldete
-+englische Bay+ und dann in den eigentlichen +Puget-Sund+ südwestlich,
-zwischen flachen Inseln, nach der Strasse San Juan di Fuca, welche
-die zum Dominion Canada gehörige +Insel Vancouver+ von dem Festlande
-von Washington trennt, das erst vor Kurzem die Kinderschuhe des
-Territoriums ausgezogen hat und zu einem Staat in dem Bunde der
-Vereinigten Staaten Nordamerikas befördert ist. +Victoria+, auf der
-Insel Vancouver, die Hauptstadt von Britisch Columbia (mit 20000
-Einwohnern), erreichen wir erst spät Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst
-vor Anker bis zum nächsten Morgen um 6½ Uhr.
-
-Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und
-erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher
-noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende
-Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst
-ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die
-Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es
-ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und
-immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch
-wieder sich zu verengen.
-
-Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in
-Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.
-
-Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die
-Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht
-hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.
-
-Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz
-einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist,
-wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen erworben, und
-zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden
-Schiff.
-
-Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche
-Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis
-zur Nacht.
-
-Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig
-gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir
-seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und
-Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen
-und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in
-Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt.
-Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika
-und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr
-gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American
-commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine
-Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie
-nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen
-Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden
-Amerikaner.
-
-Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die
-Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer
-waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte,
-um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den
-eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von
-Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen
-Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen
-Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische
-Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben
-sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig
-zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende
-Stellung in der Wissenschaft einnimmt.
-
-Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute
-leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen
-Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte,
-um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen
-der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle
-Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben
-wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene,
-die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die
-Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem
-Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich lernte auch Manches über
-die Einrichtungen +unseres+ Vaterlandes; denn das ist der grosse
-Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden
-vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches
-auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar.
-Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich
-Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.
-
-Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen
-Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.
-
-Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende,
-wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig
-ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.
-
-Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa
-und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes
-Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr
-arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei
-uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu
-sehen waren.
-
-Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit
-gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es,
-gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen
-schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie
-seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind
-sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen
-Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass +Cipangu+, nach dem Columbus
-ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner weltfernen
-Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit unbekannte und
-ungeahnte Amerika.
-
-Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe
-der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden
-(Dienstag, 6. September) haben wir den +Sturm+, und zwar aus Osten,
-so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu durch
-den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt.
-Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte
-Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich
-gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem
-ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen
-sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und
-geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen
-ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts
-sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns
-zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort
-hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg
-weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden
-waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.
-
-Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres
-philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer;
-freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch
-stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.
-
-Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die Wuth
-der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder
-möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles
-durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.
-
-Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt,
-schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den
-8. September.
-
-Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so
-doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde
-in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm
-vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren
-Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in
-westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen,
-als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen
-Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen
-hätten, einen Tag zu verzeichnen.
-
-Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der
-Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in
-Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts
-davon Mitternacht, der Beginn des 8. September.
-
-Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung
-mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen
-zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des
-Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;[72] also
-in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade
-zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren
-Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser
-Reise die Sonne ein Mal weniger durch seinen Meridian gegangen,
-als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen
-Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad
-westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu
-überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes -- Glück
-hat, sogar um seinen Geburtstag kommen!
-
-Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung
-der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der
-Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um
-10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade
-überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian
-gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um
-einen Tag weiter.
-
-Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es
-selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche
-Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180°
-Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben,
-dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei
-aufeinander folgenden Tagen ansetzte.
-
-Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen
-des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die
-Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später
-auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach
-hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt
-ist heiter.
-
-Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September)
-ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von
-Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem
-atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge,
-aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter
-südlich die Nebel.
-
-Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan
-zu lesen und um
-
-
-Zwei ernste Reisegeschichten
-
-zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu
-schildern.
-
-
-1. Der russische Weber im Felsengebirge.
-
-Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der
-Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren
-Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über dem
-schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei
-+Golden+.
-
-Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht
-bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein
-vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster
-Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an
-sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen
-Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur
-wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen
-Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau
-zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes
-Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein
-kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.
-
-In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute,
-lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen
-recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert
-und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des
-stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen
-Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat
-ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie,
-die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf
-die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der
-langen Fahrt erduldet, -- allerdings, wie ich höre, ganz andere als die
-Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch
-nach dem goldenen Vliess auszogen.
-
-Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden.
-An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie +diesen+ Theil der Reise
-noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, bitten;
-man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.
-
-Aber +jetzt+ haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes Amerika
-betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden entgegen.
-
-+Elf Tage+ sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis
-hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder
-an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über
-die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein
-Mensch hat sich um sie bekümmert;[73] nur Einer, eben so arm wie sie,
-hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr
-Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt,
-sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.
-
-Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen
-Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu -- ganz
-unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25
-Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke
-besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer
-Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen
-ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur
-trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die
-Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den
-Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der
-sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie
-vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer
-Verzweiflung sich nachschleppen liess.
-
-Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse +Hartherzigkeit
-gegen Bettler+ bei Amerikanern und auch bei Engländern zu beobachten.
-Aber +dieses+ Mal war der Ertrag einer für die armen Leute
-veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie förmlich verdutzt
-dreinschauten.
-
-Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des
-Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten
-wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie
-an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern
-schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.
-
-
-2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.
-
-Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner
-Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von
-Japan“, nichts hatte anthun können, -- mehr den Insassen und unsrem
-Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine
-Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir
-nachher in der Ecke des Rauchzimmers.
-
-Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne
-nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und
-überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen
-Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen
-Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen
-von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von
-England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel
-der Reisenden auf unserem Schiff.
-
-Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben,
-sie beten für ihn.
-
-Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver am
-Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das nur
-+ein+ Stockwerk, +ein+ Fenster, +einen+ Wohnraum besitzt, vom Morgen
-bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen und des quälenden
-Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, die den bezopften
-Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der „rothharigen Barbaren“
-verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und Ueberlegenheit seiner
-uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses Ziel zu erreichen.
-Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte er genug, um in
-seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner Frau und seinem
-drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton zurückgelassen, und
-sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu sichern. Jeden Abend
-zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine Papiere und rechnete
-die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch in der Verbannung
-zuzubringen hatte, -- obwohl er ja schon lange mit zierlicher Schrift
-über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt und den Dampfer,
-der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da kam der 30. August,
-ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am folgenden Tag segelt
-ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, nach dem märchenhaften
-Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; alle Cajütenpassagiere
-haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er schafft unverdrossen, die
-Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat früher, als er geträumt und
-gehofft, wird er die Heimath schauen. Kräftig presst er das heisse
-Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als wäre es das Steuerruder des
-Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.
-
-Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt
-empor und will ihn ersticken, -- ein Strom von Blut; und mit einem
-Angstschrei sinkt er zu Boden.
-
-Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an
-sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland, seine
-Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.
-
-Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt
-sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er
-erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s
-Schiff; ich will nach Hause.“
-
-Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser
-Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein
-Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im
-Sturm der Tod.
-
-Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch
-Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach
-ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss
-fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, -- und war der Verstorbene
-mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, --
-sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein
-Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung
-ihr Leib aufgeschnitten wird, -- von jenem barbarischen Doctor, dessen
-Hilfe sie bei ihren +Lebzeiten+ unter keinen Umständen in Anspruch
-nehmen.
-
-Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt,
-kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht.
-Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon
-öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von
-wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“
-
- * * * * *
-
-Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche
-unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.
-
-Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über
-die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen
-englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für
-die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern
-bleiben.
-
-Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser
-Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin
-vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten.
-Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie
-vollendet habe, vollende und vollenden werde.
-
-Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavierspiel,
-Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik
-liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren
-Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen
-mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische
-Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden
-Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl
-jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht
-nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der
-„Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische
-Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und
-aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen
-zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und
-der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss
-ausstellte.
-
-Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von
-Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die
-Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug
-durch den Ort gesungen haben:
-
- Jonny[74] is a Gentleman,
- But Willy[74] is a fool,
- Before he goes to Parliament,
- He best returns to school.
-
-Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere
-Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit
-seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise
-unternimmt,[75] ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch
-später den Abzug des Bildes erhalten.
-
-Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land
-gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe
-meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht
-über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein
-Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich erblickten wir die
-+bergige Küste+ der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, nach
-unseren Schulerinnerungen, +Nippon+, die Japaner aber Hondo nennen.
-Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen Form
-des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An den
-mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir
-in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der
-Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es
-war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch
-schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen.
-Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern.
-Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz
-bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in
-die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen
-zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an
-die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und
-ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung,
-wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.
-
-Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem
-Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen
-ihrer Beschäftigung und ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen
-sehr vertrauenerweckenden Eindruck.
-
-Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der +Portugiese+[76] des
-grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit
-seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie
-in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen;
-vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der
-Wettbewerb ein. Der +Japaner+ vom Clubhotel, das auch gerühmt wird,
-übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. Wir
-nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig die
-schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, der
-uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus von
-Yokohama landet.[77] Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen von
-einem muskelstarken Japaner, befördert mich zu dem am Meeresufer
-schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert
-wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste,
-ununterbrochene Seereise hinter mir.
-
-
-
-
-IV.
-
-Japan.
-
-
-Wer eine +derartige+ Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne
-Theelöffel aus den fremden Städten, sondern +Belehrung+ heimzubringen,)
-wird immer gut thun, sich einigermassen +vorzubereiten+,[78] damit in
-dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche
-seinem Blick entgehe. +Manches+ meinen wir ja zu +wissen+; wir glauben
-z. B. das +Aussehen+ der Japaner zu +kennen+. Jeder von uns hat eine
-ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die
-weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung
-würdevoll einherschreiten. Aber wie +oberflächlich+ unsere Kenntniss
-der Japaner bleibt, lernt man erst in +ihrem+ Lande kennen.
-
-Die +Japaner+ selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die
-europäischen Forscher erklären sie für eine +mongolische+ Bevölkerung,
-welche aus der Tatarei über +Korea+[79] auf die Inseln vorgedrungen
-sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s,
-sich vermischt habe, +vielleicht+ auch mit einigen vom Süden her
-eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden)
-turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.
-
-Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch
-eigne dazu erfunden.
-
-Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar,
-sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase
-und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist
-etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter);
-die japanische Frau entsprechend kleiner.
-
-Sie ist in +Wirklichkeit+ schöner, als das sattsam bekannte +Ideal+
-der japanischen +Maler+ mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg
-liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen
-Rosenmündchen.
-
-Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet
-der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen,
-getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in +Kobe+
-gekauft habe.
-
-Ich bemerke, dass die Schönheit der +jungen Mädchen+ von den Japanern
-mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der
-Europäer muss, wie man sagt, 12 +Monate+ im Lande verweilen, bis er
-vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber
-+hässlich+ wird +Niemand+ sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die
-kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen,
-das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche
-rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82]
-ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte
-schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel
-(obi), -- alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen,
-das auf den Beschauer einen +gefälligen+ Eindruck macht, trotz der
-hölzernen Stöckelschuhe. (+Geta+, aus einem Brettchen mit zwei unteren
-Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan,
-bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die
-europäische zu verdrängen.
-
-[Illustration]
-
-Und die japanischen +Männer+ sehen in dem weiten und weitärmeligen,
-etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit
-dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten
-Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche +über+
-dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls
-wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku),
-auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen
-gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack
-mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die
-Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte
-Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist
-weit besser gelungen, als +Rein’s+ Bild japanischer Typen (I, 454) und
-stellt jedenfalls die +neueste+ Mode der Hauptstadt dar. Die Herren
-hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht,
-gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der +Provinz+ hatten die Aerzte
-bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, +europäische+ Kleidung
-angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.
-
-Von der +Geschichte der Japaner+ weiss der gebildete Europäer
-gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns
-eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten
-Geschichtsforschern, wie von +Ranke+, nicht dazu gerechnet wird. Das
-ist eine +Thatsache+. Die +Redensarten+, dass wir Japans Geschichte
-nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben,
-dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische
-Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben -- Redensarten.
-
-Wenn das +Bestreben+ des Gebildeten dahin geht, +alles Geschehene zu
-begreifen+; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und
-guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft,
-nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das
-kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso
-einseitig wie +Plato+ es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine
-Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.
-
-[Illustration]
-
-Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können
-uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer
-Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht
-noch Manches von +ihnen+ lernen, die jetzt -- unsere wissensdurstigsten
-Schüler darstellen.
-
-Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine
-Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie +von
-der Gabelentz+; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von
-Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan
-vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in
-der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen
-Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu
-einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte
-vorher +gar keine Entwicklung+ gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu
-leugnen, weil wir sie nicht kennen.
-
-Die +japanische Geschichte+ reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert
-unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift;
-das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen,
-eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste
-Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.
-
-+Alles Frühere ist Mythe.+ Wir übergehen die japanischen Sagen von der
-+Weltschöpfung+ und von dem +göttlichen Zeitalter+, in dem Götter über
-Japan herrschten.
-
-Der erste menschliche Kaiser (+Mikado+),[85] +Jim-mu-Tenno+, ein
-Abkömmling der Sonnengöttin (+Amaterasu+) soll 600 v. Chr. gelebt
-haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die
-Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden;
-dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der
-Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der
-Kaiserin Jingō erobert sein.
-
-1. Sicher ist, dass der +Buddhismus+ um die Mitte des 6. Jahrhunderts
-n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift
-und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado,
-der Schützer des alten Ahnendienstes (+Shinto+), lebte, dem Volke
-unsichtbar, zu Kyoto.
-
-2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n.
-Chr. +Yoritomo+ zum Hausmeier (+Shogun+)[86] oder weltlichen Herrscher
-ernannt. 1274-1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen,
-ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587
-begann ihre Austreibung.
-
-3. 1603 kam die kraftvolle +Tokugawa+-Familie, die den Buddhismus
-förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher
-waren +Jeyasu+, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616;
-Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. +Von 1614 bis 1854 war Japan den
-Fremden verschlossen.+ (Nur die +Holländer+ durften in Nagasaki eine
-Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe.
-Es herrschte eine +Feudalverfassung+ mit Fürsten (+Daimio+)[87] und
-Rittern (+Samurai+)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (+heimin+) gehörten
-alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2.
-Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine,
-+Eta+.)
-
-4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore
-Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen
-Staaten kam es zu einer +Revolution+, aus welcher der +Mikado+ 1868
-siegreich hervorging.
-
-Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten,
-neue Gesetze eingeführt und 1889 eine +Verfassung+ mit Volksvertretung,
-nach preussischem Muster, gegeben.
-
-Es besteht vollkommene +Religionsfreiheit+, doch wird neuerdings Shinto
-wieder mehr begünstigt.
-
-Und wie steht es mit der +Religion+? Das wird sofort so mancher
-+Europäer+ fragen. Aber der +gebildete Japaner+ wird lächelnd
-erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von
-Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. -- Geh’ aufs Land. Der
-Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem
-Tode vom Buddha-Priester bestattet.“
-
-Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat
-keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller
-unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen
-Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen
-und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel
-besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.
-
-+Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.+
-
-In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr.,
-hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere
-Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen
-Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu
-dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi)
-thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott:
-aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des
-Mikado waltete im heiligen Hain zu +Ise+ über den Spiegel, das Schwert
-und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der
-Sonnengöttin +Amaterasu+, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die
-eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.
-
-Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts
-n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug,
-die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s,
-in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen +Shin-to+.
-(+Shin+, Geist und +dô+, Lehre -- chinesisch. Auf japanisch heisst der
-Geist +Kami+, daher der Name +Kami-Lehre+.) Die buddhistischen Priester
-verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado
-Saga-Tennô (810-823 n. Chr.) die +Mischreligion Riyobu-Shinto+, d. h.
-beiderlei Götterlehre.
-
-Die +Neugestaltung+, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr.
-und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s,
-zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte
-wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius
-wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen
-die „+Reinigung+“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern,
-wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern
-und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet
-wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind,
-haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch
-Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu
-übergeben.
-
-Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen
-Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.
-
-Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet
-durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken,
-von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts
-gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter
-Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes
-(Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde
-desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos
-und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt
-ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen
-einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90]
-+angeblich+ Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch
-ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami;
-endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera
-japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du
-thronest im hohen Himmelsfelde.
-
-Der +Buddhismus+ beherrscht den Osten von Asien, wie der
-Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner,
-d. i. +ein Drittel der Erdbevölkerung+.
-
-Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn +Siddhârta+
-seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna,
-in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die
-Einsamkeit. Unter dem heiligen +Bo+ oder Bohi-Baum (Ficus religiosa)
-widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde +Buddha+ (ein Heiliger),
-+Çakyamuni+[91] +Gautama Buddha+. Im gelben Gewand, geschorenen
-Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und
-verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach +Eitel+ und
-+Rein+): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die
-Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3.
-Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in +Nirwana+, wo die Seele das
-Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet
-in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“
-
-Nach den fünf +Hauptgeboten+ darf der Buddhist nicht tödten ein
-lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen,
-kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der
-Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.
-
-+Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich
-zu einem groben Götzendienst entartet.+ Neben den sieben Glücksgöttern
-(der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack,
-ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und
-den sechs Nothhelfern sowie dem „+Dorfarzt+“ Binzuru, dessen sitzende
-Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz
-empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (+Kannón+) und
-die +Buddha’s+, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer
-ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm
-sich emporringenden Reinheit.
-
-Hochberühmt sind die +grossen Buddha’s+ (Dai-buts) von Kamakura bei
-Yokohama, von Nara und Kyoto.
-
-Der Buddhatempel in Japan (+tera+) liegt gewöhnlich in einem Hain.
-Verschiedene Thore (+mon+), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und
-Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen,
-Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll
-geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem
-Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit
-den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes +Skimmi+ (Stern-Anis,
-Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem
-europäischen nicht unähnlich.
-
-Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida
-Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In +einem+ Punkt sind Shinto- und
-Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine
-Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]
-
-Der weise +Koshi+[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in
-China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die
-Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das
-Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue,
-Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen
-(Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau,
-zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des
-+Koshi+ in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai
-sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus
-der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado +Asada
-Shokaku+ den folgenden Grundsatz auf: +„Koshi bildet den Charakter,
-Shokanron[94] erhält das Leben.“+
-
-Ueber die +Geographie+ genügen wenige Worte[95]. Japan ist das
-östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br.
-und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und
-erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es
-mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer
-ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres
-gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise
-rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen
-91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner
-zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent
-jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)
-
-Die Hauptinsel heisst +Hondo+, bei uns +Nippon+, die beiden südlichen
-Inseln +Kiushiu+ (Neunland) und +Shikoku+ (Vierland). Die nördliche
-Insel +Yezo+ ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von
-Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die
-Kurilen und die Riu-kiu Inseln.
-
-Als +Marco Polo+ den staunenden Europäern von der goldreichen Insel
-+Zipangu+ im fernen Osten erzählte -- die zu erreichen, zu plündern,
-zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, -- hat er die chinesische
-Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land.
-Die +Japaner+ nannten ihr Land zuerst +Yamato+, nach einer mittleren
-Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst
-seit 670 n. Chr. +Nihon+ oder +Nippon+, von Nitsu, Sonne, und hon,
-Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene
-Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch
-+früher+, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche
-Kenntniss hatten, +Dai-Nippon+, das grosse Nippon; doch haben sie,
-klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.
-
-So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche
-„den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] -- aber ich fand
-Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land
-und Leuten auf das freudigste überrascht.
-
-Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr,
-befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung
-ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht
-miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die
-Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs
-am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in
-Japan.
-
-Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen
-ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst
-des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden
-beschieden ist.
-
-Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach
-der Hauptstadt Tokyo streben.
-
-+Yokohama+ („Querstrand“) war ein unbedeutendes +Fischerdorf+, als
-Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von
-der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den
-Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich
-von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der
-östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen
-Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht
-Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte
-man 1858 den Vertragshafen nach +Yokohama+: 1860 wurde hierselbst
-die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu
-aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern
-besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die
-Quellwasserleitung eröffnet.
-
-Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte
-sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal
-an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl
-schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier
-+Vertragshäfen+[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881-1885
-an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser
-Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil
-des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war
-der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen
-= 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die
-+Deutschen mit 15 Procent+ betheiligt waren. Die japanische Regierung
-hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige
-Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und
-Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare
-Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im
-britischen Ostindien.
-
-In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. &
-O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen
-Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach
-Vancouver und nach Frisco.
-
-Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101]
-vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren
-gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die
-Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch
-die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und
-Wagenziehern.
-
-Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des +norddeutschen+ Lloyd,
-das Consulat des +deutschen+ Reiches, den +deutschen+ Club. In
-letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft
-von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen
-Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich
-besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo,
-Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in
-dem englischen Führer (Bradshaw) die +ärgerliche+ Bestätigung: „There
-are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die
-Hälfte des Handels in deutschen Händen. +Deutschland ist eine Macht in
-Ostasien+. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen
-wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als
-unser Recht und unser Vortheil es zulassen.
-
-Im deutschen +Club+ gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine
-Probe +ostasiatischer Sitten+. Ich erhielt bei Tisch einen Brief
-von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen
-Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun
-fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich
-von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club
-eingeführt werden könne.
-
-Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der
-jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber
-die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung
-empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz
-sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging
-zu meinen östlichen Freunden.
-
-Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst +bebte die
-Erde+,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich,
-der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu
-Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der
-Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser
-Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.
-
-Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich
-schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein
-Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte
-er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm
-antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ +Er+ hatte +mich+ wohl nicht
-verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges
-gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.
-
-Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von
-chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung
-beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten
-beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen
-Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und
-farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung
-als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen
-von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von
-Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt -- sogar unter Anwendung
-des schmerzstillenden Cocaïns!
-
-Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der
-Eisenbahn von Yokohama +nach Tokyo+ (18 englische Meilen = 32,4 km.) in
-50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die +älteste Eisenbahn+
-in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.
-
-Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz;
-aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper
-wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den
-Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der
-Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am
-Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt
-dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen
-erster Classe; aber das angebotene +Trinkgeld+ weist er kurz und würdig
-zurück.
-
-Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit
-dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft
-geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper
-der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden
-Halteplatz.
-
-+Eilzüge giebt es nicht.+ Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf;
-sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche
-die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.
-
-Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten +Kanagawa+, in dessen
-seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt
-man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen)
-Feuer-Berg +Fuji+, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle
-spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.
-
-Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des +Tokaïdo+, mit
-ihrer doppelten Pinienreihe.
-
-Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche,
-kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen,
-sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die
-nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die +Hauptstadt+ erreicht, der
-Zug rollt in den grossen +Shimbashi-Bahnhof+, der nahe der Mitte der
-Uferlinie von Tokyo gelegen ist.
-
-Hier harrte meiner die angenehmste +Ueberraschung+. Der ganze
-Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal
-werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich
-werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen
-Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die
-kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen)
-Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder
-Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit
-zwei Mann hinter einander bespannt war. Das +Imperial-Hotel+ ist
-schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das +beste+, welches ich
-wenigstens in +Asien+ gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit
-prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut
-ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter
-Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von
-Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen
-Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der
-Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.
-
-Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier
-zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie
-konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner
-frisch gebackenen Weisheit, die „+Odawara-Sitzung+“[108] beendete und
-ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und
-Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die
-sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.
-
-Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht
-reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch
-hatten sie mir einen +Führer+ gemiethet, was in den Reisebüchern
-dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man
-auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht
-zu erlernen vermag.
-
-Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner,
-pockennarbiger Herr, der das +Gymnasium+ durchgemacht hat, mehreren
-von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 +Yen+
-Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.
-
-Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir,
-dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht
-besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein
-Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch,
-sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache.
-Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten
-seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das -- +englische+ Reisebuch
-in der Hand halten, +deutsch+ denken, +französisch+ fragen, die
-französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch
-vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den
-ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei
-von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen
-hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt,
-in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel,
-sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten.
-Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens
-mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der
-Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der
-+Gutartigkeit+ des Volkes und der +mustergiltigen Polizei+.[110]
-
-Allerdings einen +Pass+ muss der Reisende haben, sowie er die sieben
-offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate,
-Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri
-= 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die
-Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne
-japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der
-Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt.
-Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe,
-worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt
-man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko
-(nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die
-Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.
-
-Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer
-Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten
-mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr
-gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich
-ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass
-zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man
-nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist -- etwa wie mancher
-türkische Zaptieh -- nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines
-Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre.
-Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten
-Vertragshafen befördert.
-
-Unser Landsmann Dr. +Scriba+, Professor der Chirurgie an der
-Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende
-Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische
-Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden
-war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort
-mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren.
-„Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen
-Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja
-mit dem Mikado,“ erwiederte jener. -- „Das nützt mir nichts,“ sagte
-unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des
-Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen
-Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu
-jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber
-jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.
-
-Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung
-+japanisches Geld+. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h.
-solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine
-Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der
-+Silber-Yen+, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische
-Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine
-bedeutend schönere Prägung aufweist.
-
-Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben
-offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige
-Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen.
-Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam
-verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift
-und „+one Yen+“ in lateinischen Buchstaben.
-
-Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind
-Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die +Kupfermünzen+[114]
-kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch
-gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten +alten+
-Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch
-besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann;
-träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen
-ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. +Papiergeld+ kannte Ostasien
-schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert.
-Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums
-und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen
-dem +Dondorf+’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist
-gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach
-Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115]
-Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern
-aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder
-übervortheilt wird.
-
-Hat man Pass und Geld, so braucht man +Verkehrsmittel+. Diese sind
-leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff.
-Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die
-+Jin-riki-sha+, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz
-leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach,
-in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen
-mit den Händen ergreift und munter forttrabt.
-
-Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch
-bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und
-China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt
-herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong
-und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute
-Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie
-der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine
-Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher
-aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des
-Morgens drei rohe Eier. Aber seine +Leistung+ ist +staunenswerth+;
-kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm
-gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne
-Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen
-den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein
-gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er
-bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen
-Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während
-neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit
-„entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung
-Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der
-Erzeugnisse von Manchester zu heben.
-
-Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim
-Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur
-solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster
-dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte
-Naturwahrheit wiedergeben könnte.
-
-Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die
-Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich
-nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste
-Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7-15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen,
-etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1-1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber
-bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen +Gullivan’s+ auf dem
-Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny
-den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der
-Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit
-freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]
-
-Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz
-dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten
-besten Wagenmann zu fahren; -- in manchen Gegenden von Italien und
-Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen.
-Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder
-Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends
-die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der
-Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns,
-Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch
-gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er
-selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von
-Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut
-den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in
-einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst
-versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden,
-wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches
-Verhältniss herausgebildet. Allerdings, +englisch+ können diese Leute
-nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie
-man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht
-werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder
-Dolmetscher.
-
-Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der
-vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu
-ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.
-
-Die Stadt +Yedo+ ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet
-+Wasser-Thor+. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich
-ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo
-durch +Jeyasu+ zur militärischen +Hauptstadt+ von Japan umgestaltet.
-In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine
-Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642,
-einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten
-+Festungsgräben+, ein Theil der riesigen +Umfassungsmauern+ und der 27
-Thore, die Jeyasu geschaffen.
-
-Burg (+Shiro+) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der
-Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch
-einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit
-dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten +Palast des
-Mikado+[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.
-
-Den Umkreis der Burg (+Sotoshiro+) bildet die Handels- und
-Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die
-Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt
-über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und
-zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der
-Vororte) 1300000 Einwohner.
-
-Die +Geschichte Tokyo’s+ zeigt uns eine Kette von
-+Feuersbrünsten+[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt
-ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und
-1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten,
-wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein
-starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren.
-Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man
-ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich
-verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300
-Yen) oder 1:60. Man +sagte+ mir, dass ein Haus nur 5-7 Jahre stehe, bis
-es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten
-Brand-Statistik.
-
-Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken
-sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der
-Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der
-Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn
-aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.
-
-Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und
-eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch
-scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.
-
-1650-1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868
-der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt.
-1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den
-Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in
-demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn
-in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890
-Telephon eingeführt.
-
-Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es
-liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche
-Wasserläufe durchziehen die Stadt.
-
-Die +Strassen+ der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen
-Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame
-Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf
-einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.
-
-Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten
-Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben.
-Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen
-versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der
-fremden Gesandten befinden sich in +einem+ Stadttheil, und zum
-Theil hinter Mauern und Gärten.
-
-Das +japanische Haus+[124] ist von überraschender Einfachheit und
-Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau,
-ohne Fundament.
-
-Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken
-des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren
-Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine
-umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2-3 Fuss über
-den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der
-Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke
-Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast,
-den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische,
-Sofa’s gleichzeitig vertreten.
-
-Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von
-2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der
-Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in
-jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der
-Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen
-dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder
-geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama)
-ausgefüllt.
-
-Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein
-rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem
-+Papier+[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches
-diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar
-für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei
-gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des
-Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine
-fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt
-es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite,
-mit Ausblick auf den winzigen Garten, -- wie in Pompeji. Hier ist an
-der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei
-Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das
-Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.
-
-Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus
-geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der
-Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört
-missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter
-in einer Lade, dem „Brettsack.“
-
-Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) +entbehrt
-der Dauerhaftigkeit+, da es nur aus Holz und Papier besteht, und
-der +Behaglichkeit+, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch
-fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren
-Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat
-diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner
-+Morse+, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129]
-veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130]
-vergeblich dagegen an.
-
-+Zwei Vortheile+ hat das japanische Haus, es ist sehr billig und
-widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus +Rein’s+ Angabe,
-dass der Herstellungswerth 150-1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich
-zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor
-Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt
-geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40
-Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu
-nicht vorhanden ist.
-
-Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich
-nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier
-Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die
-der Einwohner angegeben.
-
-In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten
-Japan’s) schmale +feuerfeste+ Gebäude (Kura), worin Nachts und bei
-Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen
-aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich
-wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen
-Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt
-ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen
-nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen
-bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche
-werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält
-Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.
-
-Das +Volksleben+ ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und
-Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm
-noch Gedränge.
-
-Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der
-mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und
-der Käufer sie davon trägt.
-
-Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich
-in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle
-Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse,
-welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden
-und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen
-Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.
-
-Zu den +Hauptsehenswürdigkeiten+ von Tokyo gehört der Park von Shiba
-und der von Ueno.
-
-+Shiba+, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von
-Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von
-+Jeyasu+ dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der
-Tokugawa-Familie aufzunehmen.
-
-Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der
-zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).
-
-Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den
-Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit
-kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der
-göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.
-
-Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten
-Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges,
-schön geschnitztes +Holzthor+, das der beiden Dewa-Könige oder
-Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen
-Hof, der in einer +ganz eigenthümlichen+, echt japanischen Weise
-geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den
-Ehrengaben der Daimio. Jede +Laterne+ besteht aus vier Theilen, nämlich
-aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist,
-aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen
-ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus
-einem phantastischen Pagodendach.
-
-Ein +zweites Thor+, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die
-Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil
-es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado
-geschrieben, enthält, bringt uns nach dem +zweiten Hof+, der noch
-schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen +Bronze-Laternen+
-geziert ist.
-
-Das +dritte Thor+ finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist
-von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten
-Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines
-Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze,
-bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen +Todten-Tempel+, dessen
-Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die
-mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.
-
-Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger
-Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend
-verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht
-aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem
-schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter
-Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen,
-betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang,
-die Samurai in der Vorhalle, -- ganz ähnlich wie in den Tempeln der
-alten Aegypter.
-
-Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt.
-Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei
-Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich -- denn die Thüren
-werden nie geöffnet! -- das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun,
-der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu
-beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann
-das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der
-Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï
-Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz
-(Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das
-buddhistische Sinnbild der Reinheit.
-
-Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude
-besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „+Symphonie
-von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit+“ darstellt, fragt
-kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder -- der Verfasser
-des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel
-nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika,
-sondern für den +japanischen+ Geschmack errichtet ist; und ferner den
-Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und
-prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu
-der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges
-Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack
-befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist
-ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes
-Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig
-sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und
-ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt
-allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische
-Kunstschöpfung +über+ die europäische zu erheben.
-
-Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die
-Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von +Nikko+
-Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.
-
-Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und
-durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist,
-gelangen wir über eine Steintreppe empor in die +tiefe Einsamkeit+, wo,
-von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen,
-unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die +sterblichen Reste+ der
-verehrten Shogune ruhen, -- geschützt gegen Zerfall durch eine dicke
-Lage von Zinnober und Kohle.
-
-Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche
-Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des
-Irdischen.
-
-Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und
-vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des
-jetzigen Mikado.
-
-Von hier führt der Weg zu dem +Kloster+ von Zojoji und zu dem neuen,
-noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule
-von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass
-er in Ostasien weilt.
-
-Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen +Gokoku-den+, welches in einem
-goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets
-als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden
-erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.
-
-Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, -- ein
-„nasser Heiliger“ (nure botoke), -- vom Jahre 1761.
-
-Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der
-Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler
-das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte
-achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers
-enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste
-Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige
-der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit
-den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in
-Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine
-Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz
-ähnlich, wie in den +Turbe’s+ der Sultane zu Stambul.
-
-In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo +Jeyasu+ auch
-als +Shintogottheit+ verehrt wird, und ferner +Kōyō-kwan+, das
-Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen
-sollte.
-
-Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe
-genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils
-um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; --
-denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt
-den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und
-freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine
-Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch +Mitford’s tales of
-old Japan+ in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch,
-der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht
-kennen und -- im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in
-Kürze anschliessen.
-
-+Ronin+ heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in
-dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der
-beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch
-heute gefeiert.
-
-Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den
-jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken,
-auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die
-Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine
-Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel
-und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen
-Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi
-wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert
-einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen
-Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber
-zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine
-Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi
-Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod
-ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die
-46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu
-Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und
-trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur
-Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich
-Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die
-Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten.
-In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten
-alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren
-Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei
-ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre
-gesetzt, niedergehauen, -- aber dieser selber nicht zu finden, bis er
-endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich
-vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner
-sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen
-Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens
-anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus
-Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben
-Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den
-Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus,
-um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in
-blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der
-Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie
-anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine
-Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess
-sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und
-legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss
-des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri;
-und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.
-
-Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende
-Weihrauchkerzen.
-
-Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das
-Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den
-Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte
-ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die
-hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient
-es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben
-unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder
-deines Herren.“[133]
-
-Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark
-gelegenen +Bazar+ (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die
-niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse
-japanischer Kunstfertigkeit. +Alles+ ist hier zu haben, was der Japaner
-braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck,
-Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und
-Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher
-Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt
-sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen
-mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter
-erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte
-Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings
-nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes
-handzüglich vorwies.
-
-Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel
-+Atago-yama+. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der
-„weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr
-merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da
-die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche,
-offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich
-geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick
-schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay
-von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.
-
-Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke
-der Stadt belegenen +Ueno+-Park, der +Nachmittags+ sich besser
-darstellt. +Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.+ Ueno-Park,
-ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun
-+Jemitsu+ übernommen; er wollte hier eine Reihe von +Buddha-Tempeln+
-gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.
-
-Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier
-musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen,
-so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der
-Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit
-dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem
-Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach
-Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser
-Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den
-Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner
-Stelle steht jetzt das +Museum+. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen
-Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.
-
-Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht
-auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber -- nicht
-belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man
-Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner
-Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch
-von den andern rasch besänftigt.
-
-Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes
-+Denkmal+ ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado
-gefallenen Soldaten gewidmet.
-
-Der berühmte +Kirschbaumweg+, im Frühling zur Zeit der Blüthe das
-Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön,
-wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf
-einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der
-Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich
-gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park
-widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n.
-Chr., ist unschön.
-
-Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen
-zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit
-einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des
-+Gongen-Sama+ (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die
-Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9.
-und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass
-der +Mensch ein Dreieck+ sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber
-ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist
-thatsächlich ein solches Dreieck. Das +Ueno-Museum+, ein grosses
-Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten
-japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist
-sehr gering, die Räume sind gut besucht von +Einheimischen+.[135] Die
-Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden
-hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils
-nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen.
-Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für
-+unsre+ Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten
-in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische
-und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die
-wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für
-Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun.
-Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die,
-zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer-
-und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine,
-+irdene Figuren von Mann und Ross+, die (seit dem Gesetz des elften
-Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten
-Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse,
-mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer,
-besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus
-Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der
-portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura,
-der 1614-1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein
-Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen
-Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und -- im Gegensatz dazu
--- die +Trampelbretter+ (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung
-des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach
-Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen
-Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser
-Lehre hielt, +trampeln+[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu
-reinigen.
-
-Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für
-schweres Geld geliefert haben.
-
-Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in
-der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten,
-der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die
-japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.
-
-Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die +Shogun-Gräber+ (Go
-Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der
-fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen
-hier begraben.
-
-Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen,
-im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem
-Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt
-wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7
-Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.
-
-Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.
-
-Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige
-+Verkaufs-Ausstellung+, die auch hier sich befindet, und bewundern
-wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren.
-Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen
-Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des
-Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.
-
-Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der
-gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind
-die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der
-Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell
-mit starkem Papier verklebt; auf +unseren+ Reisen würde derselbe
-beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für
-Buddha’s Bildsäule sind alle nach +einem+ Muster, innen vergoldet.
-Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen
-kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein
-genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem
-Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem
-zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten +Zwergpflanzen+[138]
-ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf.
-In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen
-jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren
-Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.
-
-Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von +Asakusa+.
-
-Zuerst fällt auf +Higashi Hongwanji+[140], der Haupttempel von Tokyo,
-im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach,
-aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140
-Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von
-Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten
-Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher
-Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein
-ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge,
-welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!
-
-Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende
-Buddhisten-Tempel +Asakusa Kwannon+. Das eigentliche Cultbild der
-Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst
-von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit
-einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt.
-Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem
-Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von
-Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.
-
-Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in
-japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk
-für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck,
-Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer,
-Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf
-den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die
-Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt.
-Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem
-kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.
-
-Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem,
-als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie
-in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr
-auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester
-und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.
-
-Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich
-durch das zweistöckige Thor (an dem rechts +Riesen-Sandalen+ hängen,
-Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit
-einer +Gebetmühle+ sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe
-das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen,
-Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den
-Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock
-werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen
-und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule
-des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, -- an der Stelle, wo es ihnen
-weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi;
-jetzt ist es mürbe und abgerieben, -- wie bei uns ein lebendiger,
-vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder
-Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der
-Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit,
-als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten
-verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in
-Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]
-
-Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als
-Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen
-und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen
-Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische
-Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo,
-den seine Rosa weckt“; -- endlich Engel, die letzteren in den höchsten
-Regionen, nämlich am Dach, -- das sind die Gegenstände der wichtigeren
-Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.
-
-Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein
-freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu,
-verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits
-bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der
-Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke
-abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum,
-dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von
-Augenleidenden herrühren.
-
-Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von
-(verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der
-Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf
-dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen
-Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura)
-erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches
-Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch +einen+
-kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die
-buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner
-sie nicht alle durchlesen. Aber ein +annähernd gleiches+ Verdienst
-erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. -- Ein
-chinesischer Priester +Fu Daishi+ im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese
-Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.
-
-Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen
-Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch
-electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.
-
-Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der
-östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer
-entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt
-es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt.
-Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich
-geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben
-vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.
-
-Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine
-Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der
-japanische Polichinell geprügelt.
-
-Eigenartig ist der japanische +Geschäfts-Garten+. Die Pflanzen stehen
-ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die
-Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase
-wird das Auge geweidet.
-
-Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen
-Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“
-haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener
-Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und
-ihren Blüthenduft.
-
-So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:
-
- „Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch.
- Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“
-
-Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz
-allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als
-bei irgend einem andern Volke.
-
-Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2-3 Jahren, auf dem
-Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine
-Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann,
-vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag
-leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für
-einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes
-Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei
-Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.
-
-Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den
-Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen
-entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu
-senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.
-
-Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil
-seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der
-Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine
-kleine Silbermünze.
-
-
-Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura.
-
-Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk
-von +Nikko+[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der
-Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H.
-+Meyer+ 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen
-und Diener mitnehmen.
-
-Nikko kekko, Nikko ist entzückend, -- dies hört man so häufig in Japan,
-wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.
-
-Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle,
-Maulbeerbäume, Gemüsefelder, -- Alles wechselt in bunter Reihe mit
-kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter
-Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47
-Ar auf den Einwohner, in Japan +genügen elf+. Die Felder sind selten
-grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die
-Wirthschaften sind klein, 1-1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40
-Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.
-
-40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent
-betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen
-kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe,
-wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird
-wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der
-menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche
-Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird
-das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man
-zahlreiche Ziehbrunnen. +Reisfelder+ müssen ganz unter Wasser gesetzt
-werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder
-2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen
-Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.
-
-Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der
-Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf
-Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen.
-„Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches
-Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird,
-das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung
-herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin)
-stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und
-der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das
-Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten
-wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z.
-B. eine Papierfabrik, unterbrochen.
-
-Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die
-Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach
-Nikko.
-
-Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene
-Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune
-hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite
-(Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die
-Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen
-Jeyasu brachte. Die +Fichten+ (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so
-gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145],
-nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige,
-wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2-3 Meter Umfang. Mit
-grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der
-Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko
-schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.
-
-Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem
-Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang.
-In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die
-Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des
-heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146]
-ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile
-von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s,
-sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller
-Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer
-Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.
-
-Im +Nikko-Hotel+, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde
-ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den
-Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.
-
-Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er
-ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel
-wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem
-die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen,
-z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss
-bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte
-Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus
-der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater +Jeyasu+. Im
-folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin
-gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des
-Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der
-letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita
-Shirakawa.)
-
-Auch der dritte Shogun (+Jemitsu+) hat in Nikko sein Grabdenkmal.
-
-Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in
-vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist
-die +Begründung+ der Gefühlsschwärmerei durch genaue +Beschreibung+.
-
-Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel
-eintritt, ist +zunächst enttäuscht+, -- namentlich, wenn er durch
-unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen
-Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel,
-Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte
-durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck.
-Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das
-Erhabene und das Schöne.
-
-Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile.
-Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung
-anzuwenden.
-
-Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den
-Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner
-voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als
-gelungen und vollkommen angesehen werden.
-
-Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des
-Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den +Gedanken
-des Göttlichen im Tempelbau+ auszudrücken versucht! Da ich weder
-Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das
-beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.
-
-So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der
-+altägyptischen+ Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als
-sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben
-von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme
-(Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und
-Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen
-Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese
-Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in
-majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“
-zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen
-Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie
-nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls
-konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen,
-säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu,
-eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des
-Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte
-eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher
-Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten
-Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings
-+unserem+ Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt,
-endlich das +Allerheiligste+, ein ganz dunkles Gemach, aus einem
-ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der
-Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.
-
-In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes
-folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der
-gradlinigen Flucht +erscheint+ nicht bloss dem Beschauer auf dem
-Hofe perspectivisch verkleinert, sondern +ist+ thatsächlich kleiner,
-als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck
-einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das
-empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht
-werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür
-des Allerheiligsten hervorschimmerten.
-
-Die alten +Hebräer+ waren original in ihren religiösen Schriften, aber
-nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen
-Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk
-errichtet.
-
-Die Entwicklung[147] des +altgriechischen+ Tempels zu schildern,
-übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten
-Zeit den +Parthenon+ auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs
-und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener
-Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus,
-welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden,
-berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.
-
-Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an
-der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der
-gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin
-und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.
-
-Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus
-Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt
-den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die
-Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu
-dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.
-
-So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten
-Gebäude, die jemals errichtet worden, -- er diente wohl der Betrachtung
-und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche +Verehrung+ hatte
-draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar +vor+ dem Tempel wurden
-die Opfer verbrannt.
-
-Die +Römer+, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft
-waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern
-verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der
-Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland.
-Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus,
-wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist
-grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des
-Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.
-
-Trotzdem +diese+ Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche
-des Römerreiches, der +Basilica+, auftritt, scheint die letztere nicht
-aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der
-römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und
-theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der
-prächtig geschmückte Altar und in der nach +Osten+ gerichteten Nische
-das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San
-Paolo fuori le mura im ewigen Rom.
-
-Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den +centralen
-Kuppelbau+, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben
-war, und den +gothischen Dom+. Den ersteren bewundern wir in der
-heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem +Köln+.
-
-Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des +Himmelsgewölbes+, während
-die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen
-den Blick gewissermassen in eine +unergründliche+ Höhe emporlenken.
-
-Die +Mohammedaner+ haben in der ersten Zeit sicher die Basilica
-nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7.
-Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.
-
-Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie
-einfach in eine Moschee +umgewandelt+: die prachtvollen Mosaiken
-übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine
-Gebetnische (Michrab) nach +Südosten+,[148] in der Richtung auf das
-Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem
-Fussboden +schräg+ gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann
-eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und +vor+ dem Tempel ihre
-schlanken Spitzthürme (+Minaret+) erbaut, von deren Höhe der Muezzin
-mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.
-
-Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen
-erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia.
-Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die +Kuppel-Bauten der
-Grossmogul zu Agra und Delhi+, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite
-stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich
-unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.
-
-Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten
-vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich
-am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.
-
-Ob die Japaner +Religion+ besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten
-streiten. +Tempel+ haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die
-Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. +Sie weichen wesentlich
-ab+ von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber +Natur und
-Kunst+ haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den +Eindruck
-des Feierlichen+ hervorzurufen.
-
-Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte
-+Zugangsstrasse+ wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf
-das Kommende vorbereitet.
-
-Am oberen Ende des Dorfes liegt +Mihashi+, eine lebhaft roth lackirte
-Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss
-(Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit
-Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter
-für +gewöhnliche Sterbliche+ stets verschlossen ist. Hundert Fuss
-flussabwärts findet man die +gangbare+ Brücke und kommt über dieselbe
-in die +heilige Strasse+. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so
-dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes
-liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit
-und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte
-Cypressenhain von Skutari.
-
-Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem
-Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum +Mausoleum des Jeyasu+.
-
-Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf
-zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss Dicke
-der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst
-anmuthiger fünfstöckiger Thurm (+Pagode+),[150] der in lebhaften Farben
-prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um
-den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der
-chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.
-
-Ein gepflasterter Weg führt zum +ersten Thor, Ni-o-mon+, d. h. Thor
-der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen
-entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle
-Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen
-Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut
-ausgeführte Tiger.
-
-Jetzt folgt der +erste Hof+ mit drei lebhaft gefärbten, hübschen
-+Schatzhäusern+, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu
-aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit
-falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss
-eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines
-Steingitters, eine stattliche +Fichte+, dieselbe, welche Jeyasu, als
-sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte.
-Daneben befindet sich der (ehemalige) +Stall+ für die heiligen weissen
-Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten.
-Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, +Affen+, welche mit
-ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche
-die Augen zuschliessen.
-
-Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien)
-genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen,
-Verläumdungen, Begehrlichkeiten.
-
-Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als
-+Weihwasser-Becken+ und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige
-Dreh-+Bücherei+ mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen
-Schriften.
-
-Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem +Vorhof+.
-Hier stehen +Huldigungsgaben+ der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber
-vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von
-Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas
-schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser
-Schönheit, haben die Daimio gestiftet.
-
-Eine weitere Treppe führt empor zu dem +zweiten Thor+ (Yomei-mon).
-Dieses ist von wunderbarer Schönheit -- „und doch bloss ein Thor.“
-Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die
-letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des
-Thores, -- +nach unten+, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den
-äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den
-inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten
-und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.
-
-Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren
-Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln,
-Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und
-Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester
-geschaffen. +Ich+ sah aber hier einen +japanischen Maler+ eingerichtet,
-der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu
-+Oelbilder+ dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in
-+Chicago+ anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen
-europäischen Lehrmeister gehabt.
-
-Der +zweite Hof+, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein
-Gebäude zum +Verbrennen+ des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines
-für den +heiligen+ Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht:
-eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend,
-auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit
-den +heiligen Wagen+, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden,
-wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und
-Yoritomo darin verweilen.
-
-Geradeaus kommt man an den eigentlichen +Tempelbezirk+, der von einem
-niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein
-führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.
-
-Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als
-Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem
-Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen
-Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen
-von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf
-Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige
-Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben
-eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen --
-verschliesst.
-
-Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten
-Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der
-Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die
-Farben auf das anmuthigste.
-
-Wunderbar ist der +Zugang zu dem Grabmal+. Erst kommt man an ein Thor,
-mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk
-einer schlafenden +Katze+ (von +Hidari Jingorō+) und steigt empor
-über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und
-überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das +Grabmal+ selbst
-ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer
-Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und
-ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.
-
-Etwas weiter liegt das +Grabmal+ des +Jemitsu+, des dritten Shogun aus
-der Tokugawa-Familie († 1651).
-
-Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren
-Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152]
-und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.
-
-Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches
-Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle
-und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal
-ähnlich.
-
-Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist +bequem+. Man ersteht eine
-Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten
-Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein +heiliges Paar+
-Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere
-der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder
-nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem
-Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. --
-
-Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach
-dem +Urami-ga-taki+ oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem
-Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen
-Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht
-der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches
-Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die
-Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen
-und feuern sich gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer
-aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so
-leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde
-zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten
-das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein
-Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.
-
-Auf dem Rückweg besuchen wir +Kamman-ga-fuchi+, wo über den
-Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein
-Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, -- +angeblich+ durch den
-heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am
-Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die +angeblich+ kein Mensch
-richtig zählen könne.
-
-Der Aberglauben ist etwas +einförmig+, auch -- in Japan. Doch +lächeln+
-die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.
-
-Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, -- die Priester
-schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, -- fuhr ich
-nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den +zweiten Ausflug+,
-nach +Miyanoshita+.
-
-Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht
-weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche
-Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz
-kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach
-Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1
-Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke
-sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk
-zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch
-zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.
-
-+Odowara+ war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre
-Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen
-Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf
-Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss
-und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die
-+Odowarasitzung+ sprichwörtlich geworden.
-
-Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische
-Schlucht bergaufwärts nach +Miyanoshita+. Das beste Gasthaus ist
-+Fuji-ya+.
-
-Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach +Nara-ya+. Das Haus war
-auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein
-nervenkranker Engländer da, und -- zahlreiche +Ratten+, die man Nachts
-über der Decke nur allzu deutlich hörte.
-
-Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen
-kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses
-Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan
-nicht -- zu +Fuss+ gehen soll.
-
-An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine
-Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit
-gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa
-schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte
-ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich
-anhob.
-
-Der dritte Ausflug ist der nach +Kamakura+ und +Enoshima+. Kamakura,
-südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein
-Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es
-die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.
-
-+Yoritomo+ (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der
-Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der
-Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan,
-die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des
-Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben.
-Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.
-
-Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist +Dai-butsu+, der grosse Buddha.
-Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49
-Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr.
-und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber
-1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth
-zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am
-reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus
-Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.
-
-Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die +ich+ zu sehen
-bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte
-der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.
-
-In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform
-Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch dort keine
-kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel
-bedeutend länger.
-
-Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei
-wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns
-gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche
-Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu +betrachten+
-braucht, um sie zu verstehen und zu +bewundern+.[155]
-
-Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der
-Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum
-halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas
-schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen
-halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss
-Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto
-schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade
-und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische
-Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche
-Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten
-gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.
-
-Die liebliche, immergrüne Insel +Enoshima+, seit alter Zeit der +Göttin
-der Liebe+ (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem
-Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus
-bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum
-Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie
-künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man
-ein +japanisches Santa Lucia+ vor sich zu sehen. Ich raste oben auf
-der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten,
-dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden
-Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch
-zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und
-Duldsamkeit.
-
-
-Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.
-
-Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund
-ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung
-für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt
-worden, -- einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter
-erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.
-
-„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und
-rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei
-hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter
-dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich
-zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.
-
-Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus,
-meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen
-Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein
-kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser
-Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen
-oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend,
-uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner,
-bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem
-+Theehause+ des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf
-der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange.
-Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen
-Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des
-grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände
-hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber
-(und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben
-oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu
-erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen,
-hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie,
-das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei
-uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen
-Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht
-und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und
-vielerlei Süssigkeiten.
-
-Wir befinden uns in dem +Haupttheater+ zu +Tokyo+, der Residenz des
-Mikado.
-
-Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei
-Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische --
-Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe
-der Sperrsitz-Gäste hinweg +umsonst+ zusehen; und ausser ihnen Jeder,
-der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in
-kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf
-den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf,
-Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat.
-Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen
-sie auf den Zwischenbalustraden, die man -- Blumenpfade nennt, entlang
-turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt
-ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der
-Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und
-ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten
-Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist
-in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere
-Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen
-hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der
-Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz
-wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]
-
-Das Stück beginnt. Den +Namen+[158] zu erfahren war schon recht
-schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des
-Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die
-wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene
-Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel
-Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt
-hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen
-scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan
-eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben,
-aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist,
-bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159]
-spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der
-in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in
-einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für
-unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die
-Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber +wir+ sind hier
-nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der
-Europäer.
-
-Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai,
-von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in
-der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus
-und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet.
-Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes
-Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird
-er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht
-lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.
-
-Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer
-Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten
-Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und
-leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie
-einst die alten Aegypter; sie schreiben +Alles+ auf, auch Hamlet’sche
-Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
-
-Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar
-„auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten
-Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen
-hindurch geleiteter Holzsteg.
-
-Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen
-That kommt, ergreift er -- nicht das Schwert, sondern zunächst den
-Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der
-Nachwelt zu überliefern.
-
-Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar
-nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus
-einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei
-bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende
-Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber
-werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während
-gleichzeitig aus einem Verschlag +links+ von der Bühne ein Sänger
-der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in
-etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken,
-Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine
-eignen Rathschläge hinzufügt.
-
-Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von
-Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes
-einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!
-
-Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine
-„Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert,
-das scharfe, und setzt es -- nicht gegen die Brust, das ist nicht fein
-in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt
-der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen
-Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln
-den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.
-
-Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre
-Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht
-ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus
-und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn
-ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von
-Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt
-ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger.
-Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die
-Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit
-ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei
-der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des
-Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er
-zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in
-den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.
-
-Der Vorhang -- er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen
-befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von
-der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser,
-nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander
-übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu
-kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.
-
-Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns
-in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen
-ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner
-ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.
-
-Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus.
-Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in
-Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.
-
-Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass
-die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er
-verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt
-einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der
-Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein
-Schwert.
-
-Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen
-Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem
-Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der
-Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei)
-erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert
-ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt
-den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen
-Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht
-bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach
-dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst,
-da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen
-halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden
-in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in
-der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten
-Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule
-ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten,
-sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus
-erfolgreiche Studien angestellt hat.
-
-Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die
-+Polizei+. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder
-+darf+ nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze
-Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer
-in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert
-kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein
-Geschick.
-
-Die ganze Scene ist sprachlos.
-
-+Harakiri+ nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in
-den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief
-dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie
-man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine
-linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen
-Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.
-
-Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie
-ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu
-sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne
-und höre, dass es wirklich vorbei ist.
-
-Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin
-eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen;
-es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.
-
-Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie
-das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde
-sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese
-Frage.[164]
-
-Ein +gewisser+ Einfluss des +griechischen+ Drama’s auf das +indische+
-ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach +Klein+,[165] gegen
-+Weber+] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind
-dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan
-vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen
-Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre
-später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s.
-Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein einheimisches
-geschichtliches Schauspiel vor, das +offenbar an Ort und Stelle+
-entstanden war.
-
-Jedenfalls hat +das japanische Drama[166] einen nationalen+ Ursprung
-in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden.
-Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden
-Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei
-Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung
-vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst +No+. Sie ist
-geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten
-Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber
-die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es
-ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der
-Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts
-zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel
-verwendet haben.
-
-In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung
-veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen
-bekommt.
-
-Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin,
--- alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem
-Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der
-kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden
-Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der
-Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die
-Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten
-wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen,
-die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll
-nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen
-(Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.
-
-Es wird gewiss auch +inhaltreichere+ Stücke der Art geben; aber ich
-habe andere nicht gesehen.
-
-Das +Volkstheater+ (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr.
-seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von
-6-7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, -- gerade wie die alten
-Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.
-
-Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.
-
-Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18.
-Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten
-die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater
-liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene
-Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater
-ist der einzige Platz, wo das +alte Schopf-Japan+ noch naturgetreu
-vorgeführt wird, und gleichzeitig das +heutige+ Leben des Völkchens,
-an den +Zuschauern+, studirt werden kann. Dass das japanische Theater
-sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer
-Unmöglichkeit.
-
-Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des
-Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.
-
-
-Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.
-
-Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner
-Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein +Festmahl+. Die
-+Speisekarte+, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem
-schön bemalten +Fächer+, der sinnbildlich den Namen des Gastes und
-des Wirthes (Sikayama = +Hirschberg+, Inouye = Ueber dem +Brunnen+),
-vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch
-die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand,
-aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige
-erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und
-Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und
-noch vieles Andere.
-
-Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders
-aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen
-oder vielmehr +ganz niedrigen+ Tischchen (Zen) angeordnet. Ein
-volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (+Tischen+), und jeder
-Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich
-aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können
-wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine
-Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern
-Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es
-nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so
-zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum
-Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der +rohe Fisch+, ganz
-fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht,
-schmeckte mir besser, als -- eine lebendige Auster. Natürlich,
-in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade +dieses
-Fisch-Gericht+ nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen
-verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden
-überhäuft worden ist.
-
-Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es
-zahlreiche Arten giebt.
-
-Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die
-+Uebersetzung der Speisekarte+ beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo,
-Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen,
-für mich anzufertigen die Güte hatte.
-
- A. Der erste Tisch.
-
- 1) +Suimono+: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).
-
- 2) +Kuchitori+, dessen Materialien:
- a) Wildes Geflügel,
- b) Krebse,
- c) Eier,
- d) Essbare Kastanien,
- e) Süsse Citrone.
-
- 3) +Sashimi+, dessen Materialien:
- a) Suzuki-Fisch,
- b) Aralia edulis,
- c) Junge Gurken.
- Gewürz: Meerrettig.
-
- 4) +Hachizakana+, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz,
- frischem Ingwer.
-
- 5) +Donburi+, dessen Material: Anago-Fisch.
-
- 6) +Mizubachi+, dessen Materialien:
- a) Namami-Fisch,
- b) Nori (Meerpflanze).
- Gewürz: Frischer Ingwer.
-
- 7) +Chawanmushi+, dessen Materialien:
- a) Geflügel,
- b) Krebse,
- c) Essbare Kastanien.
- Das Verbindungsmittel bilden Eier.
-
- B. Der zweite Tisch.
-
- 8) +Namasu+, dessen Materialien:
- a) Akagai-Muscheln,
- b) Melonen,
- c) Iwatake-Pilz.
-
- 9) +Shiru+ (Suppe).
-
- 10) +Komono+, dessen Bestandtheile:
- a) Narazuke, Wurzel und Früchte,
- b) Misozuke, Wurzel und Früchte,
- c) Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).
-
- 11) +Hira+, dessen Bestandtheile:
- a) Grosse Krebse (eine Art von Hummern),
- b) Shiitake-Pilz,
- c) Gemüse.
- Gewürz: Süsse Citronen.
-
- 12) +Choko+, dessen Material: Awabi-Muscheln.
-
- 13) +Tsubo+, dessen Materialien:
- a) Tai-Fisch,
- b) Essbare Kastanien,
- c) Eier.
-
- 14) +Hikimono+, dessen Bestandtheile:
- a) Tai-Fisch,
- b) Hummer,
- c) Hamaguri-Muscheln.
-
- =Getränke:=
-
- 1) +Kamenotoshi+, }
- 2) +Shisoshu+, }
- 3) +Umeshu+, }
- 4) +Awamori+, } japanisch.
- 5) +Mirin+, }
- 6) +Jōrōshu+, }
- 7) +Irozakari+, }
- 8) +Hōmeishu+, }
- 9) +Champagner+, europäisch.
-
-Der Uebersetzer bemerkt: +Alle+ vierzehn Teller stellen verschiedene
-Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu
-übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu
-übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei
-Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d)
-zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare
-Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori
-(Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse
-Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam
-machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen Thieres (sei es
-Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt.
-Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es
-darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein
-europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten
-Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie
-manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens
-sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr
-billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. --
-
-Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. +Musik+
-ist nach +Montesquieu+ ein +angenehmes+ Geräusch; ein +unangenehmes+
-aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern
-Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder
-Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen,
-Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten
-Staaten oder in Canada.
-
-Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige
-mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen
-Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie
-von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die
-Guitarre (+Samisen+), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem
-spanischen Manila.
-
-Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik.
-Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner
-fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) -- wie „fünf
-Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.
-
-Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt,
-erklärte mir, dass er die Musik von +Richard Wagner+ für sehr schön
-halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik
-seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie
-ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.
-
-Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern
-des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von
-5-10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern
-bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener
-und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen
-konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den
-aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln
-und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.
-
-Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden,
-dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde.
-Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen,
-die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen
-bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird
-im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und
-Freunde, der +kunstgemässe+ Tanz von den Töchtern vorgeführt.
-
-Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches
-vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.
-
-Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als
-+Gastgeschenk+ einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und
-höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste,
-die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.
-
-Natürlich bekommt der +gewöhnliche+ Japaner nicht ein solches
-Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage,
-Morgens, Mittags, Abends. +Reis+ ist die Hauptsache. Deshalb heissen
-die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-+Reis+, wie bei uns Morgen-,
-Mittag-, Abend-+Brod+.
-
-Dazu kommen +Bohnen+ und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170],
-und +Früchte+. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und
-Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr
-gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber
-schlecht schmecken. +Brod+, +Butter+, +Käse+, +Milch+ fehlen; Eier
-werden genossen.
-
-Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen
-vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die
-festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind,
-mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand
-hält und geschickt wie eine Zange anwendet.
-
-Die drei +Genussmittel+ der Japaner sind 1. +cha+ (Thee), ein leichter
-Aufguss, grün, lau, bitter; 2. +sake+ (Reisschnaps), dünn, nicht sehr
-berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im
-Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90
-an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte einen
-Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887:
-128 Millionen.) 3. +tabako+, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den
-Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem
-fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und -- Weib.
-
-Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt
-das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.
-
-Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an
-Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut
-zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind
-kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht
-hinreichend Bewegung haben.
-
-In der +Ernährung der japanischen+ (und chinesischen) +Arbeiter+
-spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach +Scheube+
-etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden
-Classe zu 750-1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g
-täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig,
-Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen.
-Diese Kost bietet nach +Scheube+, +Kellner+ und Y. +Mori+ und, nach
-den neuesten Bestimmungen von R. +Mori+, +Oi+ und +Jhisima+[171] an
-der Truppenreiskost, 78-100 g Eiweiss, 10-17 g Fett und 335-620 g
-Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine,
-meistens nur 42-58 kg schwere Leute sind!
-
-Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der
-japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich.
-+Scheube+ will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er
-unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen
-grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach
-einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel
-schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht
-verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis
-(7-8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen
-das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen
-Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen
-Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt
-nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]
-
-Dies Hauptnahrungsmittel, der +Reis+, wird in China seit 5000 Jahren
-angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach
-Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174]
-(Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die
-Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu
-Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta
-und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien
-eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das
-Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen
-leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis
-70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in
-guten Erntejahren) ausgeführt. --
-
-Am 24. September 1892 war das +Festessen+, welches die +Aerzte+
-von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich
-Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer
-volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser
-Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt,
-einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen
-Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass
-sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den
-andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine
-Sache ausgezeichnet.
-
-Danach besuchen wir den Shinto-Tempel +Shokonsha+,[176] der zum
-Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen
-Soldaten 1868 errichtet ist.
-
-Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein
-gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem
-Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein
-Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine
-Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch,
-ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen
-den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung
-versetzen.
-
-Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz
-entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen
-Schilden zusammengedrängt ist.
-
-Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen
-Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen
-brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine
-Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume
-und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren
-Gestalten gezwungen werden.
-
-Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume,
-wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien,
-Azaleen, Lotos, +Chrysanthemum+. (+Kiku+, von dieser Blume stammt das
-Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)
-
-Der +Versammlungsort+ ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes.
-Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl
-an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht
-der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von
-dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden
-Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen
-Zwischenwände in +einen+ ungeheuren Saal mit rings herumlaufender,
-offener Halle umgewandelt und mit +deutschen+ und +japanischen Fahnen+
-(der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein
-ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten
-des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen.
-Der Japaner liebt es hierbei, seine +Besuchskarte+ zu überreichen
-und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald
-erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen
-meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in
-japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes
-übersenden.
-
-Die +Festordnung+ war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein
-+Schnellmaler+. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa
-1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen
-Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für
-mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den
-Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig.
-Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen
-Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir
-ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die
-Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht
-vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was
-unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er
-mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack und weisser
-Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen,
-gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick,
-nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens
-stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr
-berühmter Maler (+Kuboto Beisen+). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke
-von seiner Hand.
-
-Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen
-hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau.
-Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe-
-und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden +mit
-Perspective+ und +Oel+malerei, entzieht sich heute noch unserer
-Beurtheilung.
-
-Hierauf folgte das +Festessen+. Die Japaner nahmen in der
-landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich
-selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.
-
-Die +Speisekarte+ für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf,
-unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji
-erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich
-in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen
-voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt
-dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor
-Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem
-kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn
-ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt,
-austrank.
-
-Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.
-
-Die +Festreden+ behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die
-deutschen Lehrer der Heilkunde. Die +Musik+ war die übliche. Die
-+Tänzerinnen+ in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen
-Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche
-und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen
-echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit
-sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.
-
-Der +Taschenspieler+ war höchst geschickt und unterhaltend. Sein
-Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor,
-gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume
-geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus
-gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er
-die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch; aber wunderbar fand ich
-die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen,
-gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete
-und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus
-einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein
-Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst
-er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn
-brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende
-grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das
-Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der
-freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern
-Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit
-überlegen.
-
-Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten
-Einladungen erhalten.
-
-
-Deutschland in Japan.
-
-Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über
-den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen
-Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein
-+liebliches Märchenland+, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber
-in seiner Eigenart doch höchst +anmuthig+ und gefällig erscheint.
-Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der
-Laut der +Heimathsprache+ klingt, die er auf der Fahrt über den
-nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten
-vernommen. +Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.+
-
-Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen
-Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer
-Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil
-noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren
-japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem
-Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird
-von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland
-seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der
-Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen
-Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im
-Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.
-
-Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der
-Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die
-japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa
-ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine
-Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir
-die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen
-von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren,
-doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat.
-Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste
-Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise
-nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein
-Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich
-empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die
-heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen,
-als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
-
-Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen
-Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. +Miyashita+,
-eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner
-eigenen Handschrift, mittheilen möchte.
-
- „Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!
-
- Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein
- ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich
- soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn
- Prof. +Hirschberg+, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt
- hat, begrüssen und willkommen heissen.
-
- Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der
- freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in
- kurzen Worten schildere.
-
- Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem
- Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten
- Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich
- rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das
- Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu
- dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse
- Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der
- chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem
- tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in
- die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei
- Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan
- sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland
- und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen
- Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.
-
- Mit dem bekannten Kriege von 1870-1871, den Deutschland glorreich
- erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt
- geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher,
- es waren +Müller+ und +Hoffmann+.[177] Nachdem diese Herren
- glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der
- Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere
- Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät
- der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt.
- Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein
- nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache
- ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität
- in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo
- wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie
- viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische
- übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das
- Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie
- es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland
- sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ --
-
-Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen
-Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. +Inouye+. Der
-letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht
-und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.
-
-Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich
-vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die
-allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt,
-und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte
-erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede,
-verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen +über Wundbehandlung in der
-Augenheilkunde+, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl
-der japanischen Collegen gehalten. +Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu
-Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte
-erzielen können.+
-
-Die +Universitätskliniken+ besuchte ich unter freundlicher Führung
-des Herrn Collegen +Scriba+. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel
-mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in
-eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise
-des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu
-verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht
-vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener
-sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz
-eigenartige Gestalt annehmen.
-
-Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der
-Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe
-der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung
-besitzen.
-
-Die innere Klinik wird von Prof. +Baelz+ verwaltet, der zur Zeit gerade
-nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische
-Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst
-von unserem Berliner Collegen +Wernich+ begründet, steht unter einem
-Japaner. Ebenso die Augenklinik.
-
-Die +Körnerkrankheit+ (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist
-ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum
-vorgedrungen; und +sicher nicht erst von den Europäern ins Land
-gebracht+. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich
-mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche
-die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu
-Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.
-
-Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den
-chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der
-Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt:
-nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo
-ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und
-Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so
-grossen Hitze und Feuchtigkeit.
-
-Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer,
-namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.
-
-Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität,
-in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden
-300 Betten. Sie wird von Prof. +Hasime Sakaki+ verwaltet, der ein
-Schüler meines Freundes +Mendel+ war und bei mir in gutem Andenken
-steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von
-Augenspiegelbildern.
-
-Die Kranken werden mit +ausgesuchter Höflichkeit+ behandelt und
-benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die
-Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.
-
-Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die
-+Fuchskrankheit+ oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von
-China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann
-der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]
-
-Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige,
-stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten,
-immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der
-Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor,
-wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am
-tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.
-
-An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die
-+Universität zu Tokyo+ anschliessen.
-
-Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der
-Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.
-
-Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft,
-Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte
-Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der
-Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser
-neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die
-ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat
-entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer
-Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister
-unterstellt.
-
-Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan
-geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im
-Einzelnen verfolgen.
-
-Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern
-Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre,
-bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.
-
-Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen
-Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen
-eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den
-Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel
-Zeit und Mühe verwendet. +Dem Professor bleibt wenig Musse für die
-Privatpraxis.+ Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling
-eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der
-japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam,
-fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt
-zusprechen, +wird ausserordentlich strenge+ gehalten. Auf seinem Zimmer
-darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss
-an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man
-auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden
-um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und
-zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des
-Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern
-von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.
-
-Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu
-wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger
-Entwicklung der Muskulatur.
-
-Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig
-unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.
-
-Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht
-schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten
-die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen
-überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai)
-waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der
-Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine
-oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne
-Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen
-eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster
-dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige
-Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn
-in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige
-Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen
-hauptsächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist
-der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.
-
-22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter
-zwei deutsche, Dr. +Bälz+ für innere Krankheiten, Dr. +Scriba+ für
-Chirurgie.
-
-Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.
-
-Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster
-eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im
-letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch
-Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine
-Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.
-
-Ein Band von +Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu
-Tokyo+ und einer von den +Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen
-Lehranstalt+ ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]
-
-Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität
-nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist
-ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu
-300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in
-einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z.
-B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht,
-hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar
-keine, in der Heil+wissenschaft+ gelehrt wird. Dabei sind die Türken,
-Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern.
-+Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern
-zusammengestellt zu werden.+
-
-Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt
-Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.
-
-+Das Lazaret des rothen Kreuzes+, welches unter dem in der deutschen
-Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath,
-Professor und Generalarzt +Hashimoto+[183] steht, ist ausserordentlich
-reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche
-ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den
-englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was
-ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen
-Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.
-
-[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.]
-
-Im Leichenhaus war gerade +Cursus der Stabsärzte+, nach deutschem
-Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und
-vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen
-verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von
-Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften
-mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.
-
-Auch das +Charitékrankenhaus+ (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr
-günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen
-Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden
-vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische
-gleichzeitig vertreten,[186] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets
-am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige
-Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden
-blitzt nur vor Sauberkeit.
-
-Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die +Leprösen+. Die
-Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier
-Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn
-ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn
-unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte
-verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan
-Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei;
-aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass
-Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche
-andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der
-Pubertät.
-
-[Illustration: Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.]
-
-Nur durch grosse +Zähigkeit+, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten
-auf Reisen, setzte ich es durch, in +diesem+ Krankenhaus wirklich etwas
-zu +sehen+. Die Fälle, die mir schliesslich gezeigt wurden, waren fast
-alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer
-specifischen Behandlung mit einem +Eucalyptus-+Präparat darthun. Ein
-Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz
-rasch geschrumpft und vernarbt waren.
-
-Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten,
-mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn,
-nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der
-+älteren chinesisch-japanischen+ und der neueren europäischen Heilkunde
-darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben,
-ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls
-erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass
-Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.
-
-Dass wir Deutsche ein vorzügliches +Seemannskrankenhaus+ in Yokohama
-besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.
-
-Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs
-Medicinschulen, von denen ich die +vier wichtigsten+ besucht habe.
-
-Ich reiste von Yokohama zunächst nach +Nagoya+.
-
-Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein
-solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In
-dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren
-Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt.
-Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.
-
-In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches
-Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des +Dr. Kítagawa+,
-der seine Studien in Berlin unter +Virchow+, +Langenbeck+, +Schröder+
-gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in
-meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter
-Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. +Wir blicken mit
-Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.+
-
-Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten +Kyoto+, sah
-ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in
-der volkreichen Handelsstadt +Osaka+. Die Unterrichtsmittel sind
-hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen
-+Operationssaal+ waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall
-ausgeführt worden.
-
-Recht interessant ist das +Privatkrankenhaus+ zu Suma bei Kobe,
-an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen,
-fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die
-Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für
-Europäer und Japaner.
-
-Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach
-+Nagasaki+ auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier
-etwas älteren Ursprungs, da unser v. +Siebold+[189] im ersten Drittel
-unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber
-gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.
-
-Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s
-in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von +Müller+, +Hoffmann+,
-+Schultz+, +Wernich+, +Dönitz+, +Langgaard+, +Bälz+, +Scriba+ war
-nicht vergeblich; die Erwartungen, welche +Hoffmann+ und +Wernich+
-aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte
-bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der
-+Universitätslehrer in Deutschland+, zu denen so viele junge Japaner
-pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um
-die +geistige Eroberung+ eines der einsichtigsten und thatkräftigsten
-Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie
-auf manche seiner Waffenthaten.
-
- * * * * *
-
-Die +Geschichte der japanischen Heilkunde+[190] kann zwanglos in +vier
-Zeitabschnitte+ eingetheilt werden:
-
-I. Die +älteste, altjapanische+ (mythische) Zeit vom unbekannten
-Uranfang bis etwa 200 v. Chr.
-
-II. Die +alte, chinesische+ Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16.
-Jahrhunderts n. Chr.
-
-III. Die +neue+ Zeit, in welcher +europäischer+ Einfluss gegen den
-+chinesischen+ ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16.
-Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.
-
-IV. Die +neueste, europäische+ Zeit, etwa von der Mitte unseres
-Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen
-Tage.
-
-Die +vereinzelten europäischen Aerzte+, welche von der Mitte des 16.
-bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend,
-längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den
-chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu
-ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die
-Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.
-
-Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen,
-welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan
-thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten
-Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im
-fernen Weltmeer übermittelt haben.
-
-Ein sehr merkwürdiger Mann war +Engelbrecht Kämpfer+, der nach seinen
-eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und
-Heilkunde unterrichtet hat.
-
-Wenn +Marco Polo+ die erste Kunde von der Existenz Japan’s den
-Europäern überliefert, +Mendez Pinto+ als erster Europäer seine
-Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. +Kämpfer+ als der erste
-wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651
-zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während
-und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland,
-Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging
-mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei
-nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen
-Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei
-Jahre (1690-1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki
-und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach
-Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken +Amoenit. exot.+
-und +Geschichte von Japan+ hat er zum ersten Mal über Geographie,
-Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes
-und Volkes berichtet.
-
-Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger
-gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach +Kämpfer+ kommt
-wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der
-holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.
-
-Es war Ph. F. v. +Siebold+ (1797-1866), der Verfasser des
-ausgezeichneten Werkes +Nippon+, Archiv zur Beschreibung von Japan.
-Von 1823-1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang
-es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf
-der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger
-Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu
-verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk
-zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des
-japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord
-(Harakiri) gezwungen und +Siebold+ für immer des Landes verwiesen[194].
-
-Drei +japanische Specialitäten+ sind zu beachten: 1. +das
-Nadelstechen+, 2. +das Brennen+, 3. +das Kneten+.
-
-1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur
-1/48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder
-Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen
-Figuren, ½-¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven
-nahe an die Oberfläche treten, -- gegen Krampf, Schmerz und sonstige
-Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die
-Regeln für das Nadelstechen enthalten.
-
-Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der
-japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in
-Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun
-Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden +Sugiyama Waichi+.[195]
-
-2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder
-(von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich
-Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle
-abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss
-zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte
-+bezeichnen+ die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und
-zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist
-nicht sonderlich schmerzhaft.
-
-+Kämpfer+ hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem
-chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten
-abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I,
-3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei
-schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am
-linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.
-
-3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten,
-nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung
-des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends
-die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So
-ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur
-Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld
-verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für
-deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar
-(Yen) zu leisten war!
-
-Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche
-mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der
-oberflächlichen Muskel.
-
-Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht
-und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und
-Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und +nach+ der Entbindung,
-um die Brüste weich zu machen.
-
-Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. --
-
-Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete,
-wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien.
-Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die
-Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht,
-wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir
-aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.
-
-+Aberglauben+ auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in
-Japan wie in Deutschland.[200]
-
-Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten
-Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre
-1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden +Atsumori+ besuchte, fand
-ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen
-Sohne; und da ich fragte, +weshalb+ sie die Pilgerfahrt unternommen,
-hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des
-Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse
-Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade +diese+
-Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe
-geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.
-
-Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren
-Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die
-Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen
-Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden
-sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.
-
-In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder
-Heilgottes (+Binzuru+, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha,
--- +ausserhalb+ der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt
-hatte). +Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen
-selber weh thut+; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In
-Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum
-noch zu erkennen.
-
-Schon +Kämpfer+ berichtet von einem frommen oder schlauen
-Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“
-erhalten hatte.
-
-
-Nach Nagoya.
-
-Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn
-südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof.
-Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem
-Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit
-der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen
-von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu
-einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner
-eignen Zuschauerbühne anzubieten.
-
-Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem
-er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von
-mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat,
-damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies
-ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. +Japan ist das sicherste Land
-der Erde+, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals
-ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201]
-gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und
-Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der
-Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit
-begründet sein.
-
-Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem
-Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft
-und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern
-sehr unvorsichtig sein würde.
-
-Ich befahre also die +Tokaïdo-Eisenbahn+. Tokaïdo heisst
-Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125
-ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des
-Mikado, +längs der östlichen Seeküste+[203] nach Yedo (Tokyo), der
-Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an
-mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer
-gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre
-Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’
-ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe
-belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht
-man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die
-+Eisenbahn+ (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen)
-ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.
-
-Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach
-Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten
-Maschine über Brücken und durch Tunnel nach +Gotembo+ (1500 Fuss hoch),
-in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit
-nach +Nagoya+, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der
-Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie
-verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron
-des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.
-
-Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine,
-verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig,
-allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern
-der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch
-das ganze Dach mit Blumen.
-
-Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer
-freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit
-denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte,
-waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll
-gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten
-mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit
-unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen.
-Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das
-in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere
-Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen,
-endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen
-Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3-4 Cts. Jedenfalls ist in
-Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.
-
-Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen
-Anbau eines japanischen Hotels.
-
-+Der folgende Tag+ übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein
-Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin
-und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder
-unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan,
-wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und
-gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das
-geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so
-doch nach der Hauptstadt zusammenzog.
-
-Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer
-rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes
-die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der
-offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt
-werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder
-Unglück anrichte.
-
-Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von
-dem in Tokyo.
-
-Wir besuchen zuerst eine grosse +Porzellan-Handlung+. Es mag sein, dass
-mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend
-entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang
-durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender.
-Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr
-von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre
-beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden.
-Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker
-für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst.
-Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch
-und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen
-und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch +einiges+
-Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000
-Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als
-in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea
-eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte
-„alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800-1850. In der Provinz Hizen,
-in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter
-Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden
-wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren,
-und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses
-kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse,
-ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt,
-feilgehalten und verkauft.
-
-Sodann fuhren wir zu einem Künstler in +Zellenschmelz+ (Email
-cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter
-Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall,
-Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz
-bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume
-werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten
-Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in
-Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf
-unsere Tage geübt worden sein.
-
-Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine
-rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber
-die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind
-die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast
-unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von
-Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die
-der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen
-kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1-2 Yen täglich!
-Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr
-warten, bis sie fertig wird.
-
-Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser +Buddhatempel+
-aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (+Higoshi Hongwanji+), natürlich
-aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das
-zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk
-von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann
-folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der
-scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine
-geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist
-120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile
-getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen
-Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von
-Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck.
-+Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.+
-
-Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der +Bezirksregierung+, das in
-dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier
-werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich
-nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat
-stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse
-im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben
-und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch
-die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und
-geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz
-(Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.
-
-Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der +Tempel der+ 500 +Rakan+
-oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und
-grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander
-verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier
-Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.
-
-Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das +Schloss+ (O-shiro), 1610
-von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s
-Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren
-und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der
-Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung.
-Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige
-Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus
-unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses
-ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung
-das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu
-spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der
-Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten
-Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen
-und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung
-durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler
-ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan,
-Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der
-fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen,
-aber doch recht gefällig. +Zwei Spitzdächer, eines+, ein +kleines,
-keines+, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke.
-Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden
-goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa
-verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer
-der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den
-beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz
-angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet,
-versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber
-glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel
-der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe
-der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000
-Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von
-dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf
-einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für
-eine Fabel halten.
-
-Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und
-erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die
-unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des
-heiligen Ise.
-
-Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst
-auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden
-war, begab ich mich nach dem Theehaus zum +Festessen+, zu dem 80 Aerzte
-sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren,
-mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die +Kunst
-Nagoya’s+, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die
-von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den
-üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses
-geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines
-Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich
-eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen,
-hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf
-aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen,
-sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt,
-waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt
-auftreiben konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie
-gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.
-
-Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich
-einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler,
-welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von
-Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.
-
-Zuerst kam ein schöner und feierlicher +Nationaltanz+, der die
-Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik
-begleitet. Dann folgte der (Reis-) +Erntetanz+, ein höchst anmuthiger,
-heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll
-bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang
-begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir
-lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir
-diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch
-einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da
-offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte
-vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort
-entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo
-sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen,
-nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich
-sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa
-mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen
-ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan
-nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen
-müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht
-verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen.
-Und damit war sie vollkommen +zufrieden+, und ich habe ja mein Wort
-gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten,
-Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, -- zu
-Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls,
-nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch:
-„Schön ist bei uns anders“, -- hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl
-am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies
-mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im
-übrigen Japan.
-
-Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte
-mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem
-Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen
-auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern
-dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit
-und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der
-zahllosen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und
-Berg Fuji erschien, sowie eine +deutsche Unterschrift ohne jeglichen
-Fehler+, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer
-europäischen Schrift verstand.
-
-Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack
-für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.
-
-
-Nach Kyoto.
-
-Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts
-durch eine liebliche Gegend, -- Reisfelder, von fernen blauen Bergen
-im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen
-Kisogawafluss -- nach +Gifu+. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich
-durch die grossen Mengen roher +Seide+, die hier gewonnen werden,
-zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus
-Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen
-+Laternen+ und drittens durch die +Kormoran-Fischerei+. Der zu der
-Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax
-carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und
-zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als
-1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der
-altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts
-werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel
-schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält
-bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen
-Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die
-Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine
-Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein
-Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings
-müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten,
-wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist
-ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund
-auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der
-äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne
-Wirkung erzielt.
-
-Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes
-und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in
-Nagoya bewundert, zum Geschenk.
-
-Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen
-Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint
-ein stattlicher, oben nackter Berg, +Ibuki-yama+ (4300 Fuss hoch),
-einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen
-+Arzneimittellehre+ wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That
-sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel
-frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der
-Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner
-Südseite, bei +Baba-Otsu+, zu Gesicht bekommen, dann durch einen
-Tunnel; sofort erscheinen die +fichtenbekränzten Hügel+, welche die
-alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.
-
-Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen
-Reiches, darunter +Yamato+, wo seit uralter Zeit das Hoflager des
-Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher
-gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz
-für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr.
-bis 783 zu Nara; von 793 an zu +Miyako+ oder +Kyoto+. Das erste Wort
-ist der japanische, das zweite der chinesische Name für +Hauptstadt+.
-Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost
-nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 1/15 der Fläche, in der
-Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (+Heianjo+ =
-Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss
-Breite senkrecht nach Süden.
-
-Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit
-angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse
-u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die
-Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach,
-wie +derzeit+ nirgends in Europa, ja wie wir sie auch +heutzutage+
-nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende
-so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in
-dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten
-im Kreise des +Hofadels+ (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen
-Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in
-der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft
-genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten,
-um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen,
-ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der
-Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte in seinem weitläufigen
-Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado
-+Mutsu Hito+ hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er
-die +weltliche+ Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo
-verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll
-regiert worden war.
-
-So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten
-Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform
-Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die +erste+ Stadt Japan’s im
-+Kunstgewerbe+, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen;
-und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter
-vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft
-gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an
-sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die
-+interessanteste+ Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206]
-die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt
-einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer
-durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.
-
-Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht.
-(Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der
-Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die +heilige Stadt der
-Buddhisten+ geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von
-Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt
-geblieben.
-
-Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und
-der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster
-und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters
-anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in
-die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen,
-die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.
-
-Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten
-+Kyoto-Hotel+,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten
-Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers
-erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen,
-die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die
-dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid
-eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean
-gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter
-Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon
-nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch
-dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die
-den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier,
-welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht
-Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“
-
-Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten
-Tempel der Stadt gewidmet, nach +Sanjusangendo+. Das Wort bedeutet
-„33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der
-Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die
-Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit
-hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die
-Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen
-dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen
-Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald
-von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise
-aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur
-1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder
-an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu
-rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon,
-darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen
-von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen
-Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten)
-neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.
-
-Folglich hat +Kämpfer+ (1690-1692) die +jetzige+ Gestalt des Tempels
-gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte
-der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem
-Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die
-achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht
-man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner
-Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als
-ich sonst irgendwo in Japan gefunden.
-
-Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem
-Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm
-ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren
-Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem
-Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von
-dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst
-erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen
-und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt.
-Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung
-des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren
-Aristophanes so ergötzlich beschrieben.
-
-In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (+Daibutsu+) aus
-Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801
-durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo
-einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen
-Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden
-Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem
-umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und -- zu Kupfermünzen
-eingeschmolzen worden.
-
-Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden +grössten Glocken+ Japan’s, 14
-Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer,
-gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder
-mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden
-angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man +einmal+
-mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das
-Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner
-heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken
-Europas.
-
-Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener
-Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner
-Aussicht und zu dem Tempel +Kiyomizu-dera+, der geburtshelfenden
-Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von
-Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man
-vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher
-Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der
-Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30
-Jahre einmal geöffnet.
-
-Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem
-Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton,
-die +Theaterstrasse+ von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel liegt. Das
-ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand,
-Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das
-festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen
-Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend.
-Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war,
-und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers
-nicht verstanden.
-
-Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht
-bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt
-mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen
-Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.
-
-Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs
-Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein
-dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab;
-das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein
-Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in
-Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.
-
-Der folgende Tag war den +Palästen+ gewidmet.
-
-Der des Mikado (+Gosho+ genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich
-durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im
-alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt
-26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten
-Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die
-Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt.
-Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein
-kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen
-Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer
-Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den
-Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die
-grosse Fläche zerstreut sind.
-
-Zuerst nach +Seiryōden+, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36
-Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis),
-aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen
-rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde
-desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war
-es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten
-benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden aus Cement, worauf jeden
-Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu
-verlassen, seinen Vorfahren auf +erdigem+ Grunde die vorgeschriebenen
-Opfer darbringen konnte.
-
-Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz
-eine Matte.
-
-Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach +Shi-shin-den+,
-d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche
-Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen)
-sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18
-Rangklassen, -- auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten.
-Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. +nieder in
-den Staub+.
-
-Von hier kamen wir nach des Mikado’s +Studirzimmer+, wo ihm Vorlesungen
-gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch
-das No-Spiel. Hier sind prachtvolle +Schränke+ und bemalte Gleit-Wände.
-Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.
-
-[Illustration]
-
-1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des
-japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren,
-5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende
-Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der
-Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.
-
-Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem
-wagerechten Durchschnitt dargestellt.
-
-[Illustration]
-
-1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die
-Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren.
-Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt
-nebenstehender Figur.
-
-Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.
-
-[Illustration]
-
-Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften,
-Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne
-sogar recht wild aussehen.
-
-Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den
-Behausungen des Gefolges.
-
-Der +Palast des Shogun+, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier
-gegründet, hiess auf japanisch +Nijo-no-Shiro+, d. h. +Nijo-Burg+. In
-der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung
-aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte
-wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid
-abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung
-und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde
-der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und,
-nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung
-erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und
-1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die
-drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des
-Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider
-sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!
-
-Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das
-mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt
-verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen
-eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten
-ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch
-einträgt.
-
-Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern
-geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern,
-Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil
-(Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari
-Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden.
-Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle
-Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der +nasse
-Reiher+, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese
-Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben
-lassen!
-
-In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände
-nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier,
-bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist,
-vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur
-Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig, ja
-überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach
-der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.
-
-Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung,
-um erstlich +Porzellan-+ und +Seiden-Fabriken+,[211] zweitens +Klöster+
-und +Kirchen+ zu besichtigen.
-
-+Kurodani+, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13.
-Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt
-reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische
-Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in
-einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem
-feindlichen Clan, +Atsumori+, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um
-ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen,
--- wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, --
-überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne
-zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder
-keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und
-widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für +Atsumori+. Die Begebenheit
-bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.
-
-Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der
-einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren,
-an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet.
-Die Japaner treiben eine wahre +Orthopaedie der Bäume+.
-
-Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die
-Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem
-Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so
-beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer
-auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine
-ist ein Gemälde und stellt +Mandara+ dar, das Paradies der Buddhisten
-mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine
-Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in
-Nirwana (+Nehanzō+). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen
-Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm
-anbetende Bewunderung.
-
-Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer
-und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers,
-in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein
-lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida
-Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von
-Naozone.
-
-Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit
-zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten +Kirchhof+
-gelangen wir zu dem grossen Tempel +Shinnyo-do+.
-
-Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen +Kobo
-Daishi+ (774-834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das
-japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem
-römischen: mitunter schläft auch Homer.
-
-+Ginkakuji+, das +silberne Gartenhaus+, liegt jenseits der
-Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.
-
-Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde
-des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er
-philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich
-an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher
-aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung.
-Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da
-Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier
-wurden die berühmten +Thee-Ceremonien+ erfunden. Der Priester, welcher
-als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man
-aber ohne Ceremonien nehmen darf.
-
-Nachdem wir noch das +Nanzenji-Kloster+ besucht, mit seinem Riesenthor,
-und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen
-wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches
-Schaustück, +der Canal+ des +Biwa-See+.
-
-+Biwa+ heisst Guitarre. Der +Biwa-See+, nach japanischer Ueberlieferung
-im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während
-gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36
-englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer
-See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat
-eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und
-einzelne kleine Felseninseln. +Seine acht Schönheiten+ werden von der
-Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher
-Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als
-Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei
-Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.
-
-Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von
-der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem
-natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von
-einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch
-unter seiner Leitung 1885-1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von
-denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei
-Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche
-Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer
-lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss.
-Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto
-ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst
-einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen
-Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem
-offenen Canal mit einer Schleuse.
-
-Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches
-Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher
-Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In
-Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich
-von Europäern hergestellt.
-
-Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des
-Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte,
-dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten
-bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man
-in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und
-mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang
-ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar
-nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche
-Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des
-Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.
-
-Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das
-hauptsächlichste der buddhistischen +Jodo-Secte+, +Chion-in+, auf einem
-Hügel wie eine Festung belegen.
-
-Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und
-grundgelehrten +Honen Shonin+, der eine besondere Lehre begründet,
-von der Erlösung oder dem Wege zu dem +reinen Land+. (Japan. Jodo, im
-Sanscrit +Sukhavâti+, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das
-Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen
-Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).
-
-Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in
-dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und
-seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über
-die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und
-auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet
-ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich
-sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die
-1633 n. Chr. gegossene +grosse Glocke+ (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit,
-74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient,
-welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel,
-167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist
-dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21
-Fuss Höhe in Bronzegefässen.
-
-In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind
-berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer
-anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die
-Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet
-wurde.
-
-Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem +Ausflug+ gewidmet
-und zwar nach den +Wasserfällen des Katsura-gawa+.
-
-Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten
-vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei
-jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer,
-der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den
-Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.
-
-Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht
-anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als
-riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten
-Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich
-dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach
-dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle
-beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen
-ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz
-und Kohlen.
-
-Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken
-biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das
-letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben.
-Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter
-fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen,
-oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere
-Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur
-Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen
-getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts
-fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen +Stromschnellen+, die trotz ihrer
-hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich
-oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, -- gerade so wie die
-an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen
-Theehaus zu +Arashiyama+ ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des
-mitgebrachten Frühstücks.
-
-Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes
-kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie
-in Rom.
-
-Wir besuchten zunächst +Kitano Tenjin+. Dieser Tempel ist dem +Tenjin
-Sama+ geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in
-Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt,
-daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der
-Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte,
-findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund.
-Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche,
-hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von
-verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche
-sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück
-Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der
-Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.
-
-Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo
-Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum
-Verweilen einladen.
-
-Weit vornehmer ist +Kinkakuji+, ein Kloster der +buddhistischen+
-Zen-Secte. +Kinkaku+ heisst +goldenes Gartenhaus+. Das war das Vorbild
-für das silberne (+Ginkaku+), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre
-1397 n. Chr. zog sich +Yoshimitsu+ hierher zurück, nachdem er drei
-Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor
-sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte
-in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den
-Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der
-Fünfte (1556-1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse
-Jeyasu.
-
-Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus,
-33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s
-im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken
-Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen
-Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See,
-dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser
-uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen,
-sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den
-Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in
-den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B.
-Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen,
-in der Art wie +Murillo+ -- in Japan sie gemalt haben könnte; mit
-Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder
-mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.
-
-Die Fahrt über den +Biwa See+ (am 3. October) war darum besonders
-genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich
-zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen
-fuhr ich nach +Otsu+, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und
-der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es,
-wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers
-begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken
-gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm
-hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu
-schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!
-
-Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel,
-den +Rein+ rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt
-war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende
-von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von
-Vulkanen besitzen.
-
-Wir fahren fort, -- erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter
-der +alten Brücke von Seta+, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo
-er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am
-+Nakasendo+, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem
-achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige
-ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke,
-da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss
-Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage
-und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer
-ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn
-von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer
-wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.
-
-Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit
-so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.
-
-Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem
-berühmten Kloster +Ishiyama-dera+. Der Name heisst wörtlich
-Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten
-schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes
-hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur
-Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet
-ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17.
-Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten
-Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss
-Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung,
-eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen
-Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen,
-und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält
-12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse
-und drückt: dann springt +ein+ Stab hervor, gerade so wie aus den
-niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein
-„Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es
-ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai
-geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai,
-sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener
-wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen.
-Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag,
-sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses
-„Gottesdienstes.“
-
-Ein Punkt, welcher auf japanisch als +Baum der Vollmondbetrachtung+
-bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss,
-die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen
-ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu
-tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen
-Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten
-Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache
-verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des
-Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.
-
-Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach
-+Karasaki+[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan +berühmte
-Fichte+ steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat
-die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber
-seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar
-von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und
-beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf
-das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar
-die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.
-
-Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man
-allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in
-Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes
-verwendet.
-
-Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht
-mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung
-eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch
-steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im
-Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22
-Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei
-Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der
-Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die
-bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei
-Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.
-
-Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen
-Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles
-herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der
-Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der
-Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses
-sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von +Karasaki+ und
-den noch heiligeren +Bo-Baum+ zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen
-Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege
-bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen
-seine Schicksale verzeichnet haben.
-
-Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte
-Tempel von +Mi-i-dera+, im Norden der Stadt, besucht. Der Name
-bedeutet +Drei-Quellen-Tempel+. Das Heiligthum ist der Göttin der
-Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu
-verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.
-
-In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre +Kunstschätze+ aus,
-die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner
-Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen
-bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem -- +Hausarzt+
-des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich +hängende Bilder+
-(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden
-Kindern. Sodann +Rollbilder+ (Makimono) von bedeutender Länge, 10
-Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem
-(natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter
-langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der
-Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine
-+zusammengehörige Reihe+, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.
-
-Ein Bild stellt die +sieben Nöthe+ dar. Zuerst kommt das Erdbeben,
-dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den
-Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der
-Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der
-ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange,
-welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen
-Künstler +Okyo+ vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die
-+sieben Freuden+ und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl.
-Grässlich erscheint uns das Bild von den +Räubern+ und +Mördern+, sowie
-das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen,
-Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers
-Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes
-+allegorisches Weltbild+, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan,
-dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch
-Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen
-Baum. (+San-Koku+, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene
-Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch
-einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die
-Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder
-Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar
-sich anschliessen.
-
-Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der
-Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein
-heiliges hielt, -- aber nach drei Tagen +hatte+ ich mein Abbild.
-
-Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller
-Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht
-ein wunderliches Denkmal, -- ein +Obelisk+ aus Granit, zum Gedächtniss
-an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung
-von Satsuma (1877) gefallen sind.
-
-Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt,
-so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte
-+Sammelbüchse+, welche in englischer Sprache +Beiträge+ zur Erhaltung
-der umgebenden Gartenanlage fordert.
-
-Hier war es auch, wo +der Angriff auf den russischen Thronfolger+
-am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den
-Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der
-engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der
-Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem
-Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem
-japanischen Prinzen und Anderen.
-
-Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten
-Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher,
-aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des
-Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten
-gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den
-Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein
-schien.
-
-Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen
-ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die
-Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch
-die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib
-rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des
-Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber
-wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers
-bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie
-einen Sklaven missachte; und -- getödtet werden müsse.
-
-Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer.
-Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer
-Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer
-schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn
-von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische
-Prinz, der griechische Prinz, -- als sie den Lärm vernahmen, eilten sie
-zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an
-eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber
-hatte +augenblicklich+, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht
-verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den
-Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert.
-Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt
-kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die
-Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von
-dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff
-gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt
-und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That
-verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist,
-dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit
-eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des
-Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt
-von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom
-Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er
-bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.
-
-Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das
-religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt
-hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That
-eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende
-hat nichts in Japan zu befürchten. --
-
-Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem
-Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der
-Eisenbahn zurück nach Kyoto.
-
-Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den +Tempeln+
-gewidmet.
-
-Zunächst kamen wir nach +Nishi Hon-gwan-ji+.
-(+West-Haupt-Gebet-Tempel+.) Hier ist das Haupt-Quartier der
-buddhistischen +Shin+ (Geist-) oder +Monto+ (Thorfolger)-Secte, die von
-Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert
-die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt.
-Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie
-verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von
-gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an
-Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher
-Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und
--Schrift in den Gottesdienst ein.
-
-Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der
-Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes
-Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf
-dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer,
-damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere
-versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude --
-vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine
-Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich
-nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie
-solchem Aberglauben huldigen.
-
-Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist
-einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der
-Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss,
-worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde)
-aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50
-Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht
-man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig
-sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss);
-geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.
-
-Der Oberpriester, der uns geleitet, +Akamzu Rensio+, gleichzeitig
-Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht
-und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon
-drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort
-gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach
-+Eduard von Hartmann+ gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm
-Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes
-Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während
-er +Schopenhauer+ aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der
-Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt
-durch +Chokushi Mon+, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst
-die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines
-Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.
-
-„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass +Dir+ dieses so gefällt
-(und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister
-aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe
-Gegenstand +unser+ Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne
-Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen.
-Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen
-einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es
-viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“
-
-Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in
-der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel
-lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.
-
-Die +japanische Bildhauerei+ ist hauptsächlich Holzschnitzerei und
-kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara
-stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen
-von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert.
-Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration
-und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der +japanische Phidias+,
-Hidari[216] Jingoro (1594-1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die
-schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm
-wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der
-Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.
-
-Der zweite Tempel, den die Shin oder +Hongwanji+-Secte in Kyoto (wie
-in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst +Higashi Hon-gwan-ji+
-(Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864
-in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch
-nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan
-noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern
-vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die
-Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von
-260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief
-herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern
-gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und
-ferner -- ein +Riesenseil aus Menschenhaar.+ 38000 Frauen haben ihren
-blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden
-heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft
-haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben
-persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet
-werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch
-wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach
-der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten
-benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz
-krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V.
-Dynastie) bei Sakkara kennen.
-
-+Toji+, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts
-n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem +Kobo Daishi+
-übergeben, dem Gründer der buddhistischen +Shingon+[217]-Secte, die
-heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten
-sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der
-Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach,
-durch das +Gebet+ von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,)
-wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo
-der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier
-empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch
-die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten
-zurückstehen, und deren Ausstattung mit +elektrischen Glühlampen+
-beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In
-einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das
-Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die
-Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo,
-bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche
--- freiwillig gezeichnet werden.
-
-Meine Freunde führten mich dann in den +Haus-Garten eines wohlhabenden
-Japaners+, um mir das +Fussballspiel+ zu zeigen. Die Theilnehmer waren
-prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und
-ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt
-werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken
-geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern
-zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt.
-Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber
-weniger gewandt, ausgeführt wurde.
-
-Nachmittags besuchte ich +Krankenhaus+ und +Medizinschule+. Abends
-hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden
-und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes
-+geschichtliches Bilderbuch+ mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde,
-den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von
-Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in
-einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten
-Schränken, eine alte +Goldlackbüchse+[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein
-ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von
-+Weihrauch+. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht
-heiter.
-
-+Uji+ war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.
-
-In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier
-liegt +Tofukuji+, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte,
-die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan
-nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. +Zen+ bedeutet etwa +ernste
-Gedanken+. +Tofukuji+ ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine
-wundervolle Lage. +Ahornbäume+, die grade schon ihr rothes Herbstgewand
-anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche
-die überdachte „+Himmelsbrücke+“ gespannt ist. Der grösste Schatz
-des Klosters ist ein riesiges +Rollbild+ (Kakemono), 48 Fuss lang,
-24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt
-um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo,
-+Cho Densu+, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im
-Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt
-und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende
-Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu
-sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher
-Bitte, dem +Oberpriester+ übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs
-dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke
-der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks
-erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem
-Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste
-aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe
-Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im
-Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel,
-Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]
-
-Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu
-sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen
-vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen
-können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle.
-Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen
-nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte
-des japanischen Papiers.
-
-Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den
-Erdboden gelegt wurde. Es stellt den +Himmel+ dar und ist von einem
-chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch
-Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden
-konnte.
-
-In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche
-+Shinto-Tempel+ von +Inari+, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet,
-als der Buddhist +Kobo Daishi+ hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf
-und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half
-dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem
-er den Fels spaltete, -- wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese
-japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.
-
-Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.
-
-Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften
-des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem
-allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai
-zurückbefördert.[220]
-
-+Füchse+ sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse,
-werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein,
-einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt.
-Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln
-im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen.
-Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und
-legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben
-sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um
-sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den
-heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler
-vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die
-vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem
-Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer
-ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt.
-Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit
-zahlreichen Fuchslöchern.
-
-Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl.
-Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen
-Oertchen +Uji+, das rings von +Theepflanzungen+ umgeben ist. Thee
-ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach
-Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von
-den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu
-verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts
-angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der
-Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein
-Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen
-der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.
-
-Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee
-aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren
-eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten
-(Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist
-ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der
-wichtigste +Ausfuhrgegenstand+ Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund
-im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika.
-Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der
-schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends
-umherfliegen.[222]
-
-Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster +Byōdō-in+ der
-buddhistischen +Tendai+ (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und
-in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n.
-Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige
-Held +Yorisama+, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann
-gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das
-gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.
-
-Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die +Phoenix+-Halle
-(Hōō-dō), eine der +ältesten Holzbauten+ Japan’s. Der zweistöckige
-Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu
-beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von
-der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen
-zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine
-Vierecke eingetheilt und mit +Perlmutter+ eingelegt. Rings um den
-Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter
-auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen.
-Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter
-eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige
-Haupttempel sieht ärmlich aus.
-
-In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser
-mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind
-schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das
-Ausziehen der Schuhe zu ersparen.
-
-Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und
-Briefschreiben.
-
-
-Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.
-
-Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die
-Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist
-feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um
-mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner
-beharrlichsten Zuhörer, Dr. +Ogata+, dessen Vater bereits vor 40
-Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches
-Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die
-bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen
-des +Nachtlagers+. Die blühende Handelsstadt +Osaka+,[223] die an der
-Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt
-ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein +einziges Gasthaus+,
-das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische
-Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen
-Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen,
-in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und
-mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu
-übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem
-Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und
-den schneeweissen Bettüberzug,[225] -- Reinlichkeit wird in Japan
-nicht vermisst, -- sondern auch die europäischen Geräthe, die sie
-besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden
-Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch
-zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer
-geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.
-
-Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem +Schlosse+;
-die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr.
-beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko +Hideyoshi+, der Bauernsohn,
-welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich
-zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle
-des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem
-Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört
-worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz
-zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter
-wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen
-waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine
-herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.
-
-+Will Adams+, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von
-fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach
-Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als
-Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu
-seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten,
-hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke
-geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600
-auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken
-so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und
-stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen
-beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten
-und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die
-Mauern 6-7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die
-Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.
-
-In der That war der Graben 80-120 Fuss breit und 12-24 Fuss tief.
-Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des
-Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.
-
-1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die
-fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb
-der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des
-Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört.
-Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein.
-Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.
-
-Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer,
-und nicht so leicht.
-
-Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet.
-Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die
-Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger
-Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst
-kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau
-entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und
-Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach
-oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die
-im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von
-Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es
-ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen.
-Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine
-Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht
-ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3
-Fuss.[226]
-
-Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und
-genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt
-steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde
-anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt,
-das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu
-tränken.
-
-Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche
-kaiserlich japanische +Waffenfabrik+. Zunächst wurden wir wieder in
-das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern
-unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf
-Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf
-diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter
-von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit,
-welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und
-gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise
-nach +unseren+[227] Gegenden zu unternehmen.
-
-Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht
-mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht
-hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier
-beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln
-und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht
-in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich
-Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in
-Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver.
-Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf
-allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa
-56000 unter Waffen stehen.
-
-Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann,
-ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.
-
-Die +Münze+, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden,
-konnte ich leider nicht sehen.
-
-Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und
-der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt,
-Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man
-mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.
-
-Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen
-Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen
-durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig
-machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man
-nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste im
-Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und
-die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit
-bedingen und verbreiten.
-
-Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden
-und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel
-(in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In
-der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums
-für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse
-ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der
-Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon
-eingeführt.
-
-Das +Festessen+ ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen
-Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im
-Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen
-Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.
-
-Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt.
-Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse
-Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und
-vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse +Asaki+-Brauerei, die
-von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische
-Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern,
-man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht
-sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so
-viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur
-13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr
-deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen
-im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr
-und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein
-No-Drama aufgeführt, und ein +Gedicht+ mir überreicht.
-
-Um den +chinesischen+ Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die
-Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese
-Mittheilung nicht -- als Eitelkeit auslegen werde.
-
-„Abschiedsgruss an Herrn Professor +Hirschberg+.
-
-(Altchinesisch.)
-
- Professor +Hirschberg+ ist nach Japan gekommen und hat sich um
- die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine
- Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne
- und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der
- unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so
- erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte
- verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der
- Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so
- vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes
- Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich
- seine ganze Umgebung nach seiner Art. -- Solch’ einem Manne gleicht
- Herr Professor +Hirschberg+. Im Namen der Wissenschaft spreche ich
- ihm den grössten Dank aus.
-
-Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.
-
- +Nahamye Syisakka+, Arzt in Osaka.“
-
-Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders
-hoch gepriesen wird, verfasst von +Jeizo Jshii+, Vorsitzendem des
-medizinischen Vereins zu +Nagoya+, lautet folgendermaassen: „Ein Wort
-zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll
-entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen
-schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor +Hirschberg+ nach
-Japan gekommen.
-
-Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo
-gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser
-gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan
-berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland,
-wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen
-Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche
-Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ -- --
--- -- --
-
-Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach +Nara+, der mir
-heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt.
-+Nara+ war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz
-des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war
-früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der
-früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am
-Fusse der Berge, in der Provinz +Yamato+, 25 engl. Meilen östlich von
-Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse
-seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine
-Holzspielsachen. (Nara ningyō).
-
-Dr. +Ogata+ und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der
-Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge
-in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst
-+Horuji+. Hier liegt das +älteste Kloster+ von Japan, 607 n. Chr.
-vollendet und berühmt -- durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen,
-dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als
-die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen
-sonderlichen Eindruck machen.
-
-Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade
-gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben
-des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im
-Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (+Kondo+), der älteste Holzbau
-Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha,
-Amida u. A., und +wirkliche Fresco-Gemälde<g/> an den Wänden, in alter
-Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und
-nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind
-überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.
-
-Die +Geschichte der japanischen Malerei+[228] ist für den +Europäer
-kurz+ zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den
-buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule
-(Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung
-der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13.
-Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“.
-Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem
-Einfluss. Der buddhistische Priester +Cho Densu+ malte heilige
-Gegenstände, +Josetsu+ Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen
-folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule +Mitsunobu+, +Sesshu+,
-+Kano+. Im 18. Jahrhundert kamen die +realistischen+ Schulen:
-+Hishigawa+, der volksthümliche Bücher illustrirte, +Okyo+, der Vögel
-und Fische genau nach der Natur zeichnete, und +Hokusai+ (1760-1849),
-der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des
-Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches
-Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt
-und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im
-Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht
-allzuwörtlich nehmen.
-
-Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, +Yakushi+,
-geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein
-Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind
-ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind
-Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel Geist
-des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit;
-Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte,
-dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein
-Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.
-
-In +Nara+ übernahmen die dortigen +Aerzte+ sofort die Führung. Der
-+Park+, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind
-rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen
-die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen
-Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und
-freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu
-sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende
-des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten
-Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.
-
-Aber -- der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe
-ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n.
-Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien
-heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen
-schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein.
-Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die
-Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des
-ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.
-
-Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit
-zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den
-Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden
-Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für
-kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider
-unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche
-Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen
-nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth
-seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit
-beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.
-
-Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen
-des +Tempels Wakamiya+ die Priester auf jeden Fremdling oder auch
-begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten
-heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam
-gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen
-tragen.
-
-Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse
-Shinto-Tempel +Tamuke-yama no Hachiman+. Denn auf ihn bezieht sich ein
-altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie
-es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme.
-Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:
-
- „Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,
- Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.
- Statt rothen Goldes bring’ ich heut
- Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
-
-In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem
-Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen
-Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.
-
-Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch
-Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200
-n. Chr. gelebt haben soll.
-
-An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in
-kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das
-Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.
-
-Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel +Nigwatsu-do+,
-welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet
-und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig
-gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist.
-Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er
-sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder.
-Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte
-an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das
-(weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein
-rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen
-Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes
-Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe
-mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und
-Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf
-zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem +Jahrmarkt+
-mit ihren Kindern erschienen.
-
-Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein
-Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen
-empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst.
-Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen,
-wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem
-Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine
-Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige
-Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am 3. Februar jedes Jahres wird hier
-auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll
-ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt
-zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.
-
-Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf
-einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler
-und Berge.
-
-Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von +Todaiji+, zuerst die
-+grosse Glocke+, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit
-ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren
-(750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290
-Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den +Daibutsu+
-unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch,
-also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus
-dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst
-abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.
-
-Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist
-hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger.
-Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des
-Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.
-
-Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das
-Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um
-die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der
-Ausstellung von +Alterthümern+, die in einem Nebenraume des Tempels
-aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter,
-Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl.
-m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem
-chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben
-wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon)
-mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o),
-die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse
-Rolle spielen.
-
-Den Schluss der Betrachtung macht +Kobukuji+, einst ein grosser Tempel,
-707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch
-eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den
-angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der
-Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.
-
-Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute
-Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.
-
-Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen
-Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert.
-Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter
-schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir
-selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich
-seine Vorhalle zur Aussicht anbot.
-
-Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt
-wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber
-zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus
-Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht
-liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im
-Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier
-über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein
-leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem
-Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn
-die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen,
-bis -- ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben
-Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters
-vertilgt.[229]
-
-Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach
-dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der
-bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter
-seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.
-
-In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein
-altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war
-geschmückt mit einem Holzschnitt des -- +Hippocrates+, den der Besitzer
-des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen
-Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige
-Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas
-auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that
-sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie
-auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches
-und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die
-Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens
-schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem
-Lande, nach der Verheiratung, es machen.
-
-Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als
-zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte
-die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen
-schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt
-seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht
-so leicht.
-
-Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus
-Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230]
-der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr
-Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr
-wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber
-auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam
-das +Kata-kana+[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47
-chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele
-Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen
-werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln
-und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu
-umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu
-Tokyo.
-
-+Hiragana+ (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem
-8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form
-wiedergiebt, -- wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine
-hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen
-Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana
-geschrieben, keines in Kata-kana allein.
-
-Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen
-zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So
-zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt
-schneller nach Dictat, als der Europäer, -- natürlich wenn letzterer
-nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die
-japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben,
-hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.
-
-Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie
-auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf
-die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte
-sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich
-etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn
-begleiteten.
-
-Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater
-führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz
-ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum,
-und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter
-Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann.
-Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“
-
-Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen
-gegen die Eltern kommen gar nicht vor.
-
-Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn
-die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach +Kobe+,[232] an der
-Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen
-vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem
-auswärtigen Handel geöffnet ist, eine +Fremden-Siedelung+, längs
-der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen
-geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, +Bund+[233]
-genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von
-ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]
-
-Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft
-aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil
-der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es
-Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen
-Yen.
-
-Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:
-
- 134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt,
- 9 japanische „ „ 6400 „ „ ,
-
-und liefen aus nach dem Ausland:
-
- 159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt,
- 2 japanische „ „ 1341 „ „ .
-
-Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel
-Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu
-sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die
-Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen Anforderungen.
-Dicht dabei ist die +Agentur unseres norddeutschen Lloyd+, die
-mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine
-Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer +Nürnberg+, der am 9. October
-von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische
-Reichsdampferlinie.
-
-Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus
-zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt
-braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte
-mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig
-gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch
-englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes
-begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr
-als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste
-bis zu dem Denkmal des Helden +Atsumori+; und dann in dem von einem
-Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan
-noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.
-
-Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an
-Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal
-mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen
-photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und
-fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine
-schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.
-
-Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10.
-October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine
-werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte.
-Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun
-hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa
-befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den
-norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.
-
-Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord
-unseres guten Dampfers +Nürnberg+ vom norddeutschen Lloyd: Capitän
-Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist
-Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.
-
-Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit
-dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234]
-Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen
-Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz.
-Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur
-+kleinere+ Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama
-vermitteln.
-
-Unser +Nürnberg+ hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss
-Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die
-chinesisch-japanischen Gewässer befahren.
-
-Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die +Inland-See+,
-welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon)
-und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji)
-sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von
-Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20
-Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste
-8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren
-Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee
-liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der +Seemann+ hat
-fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die
-übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten
-werden.
-
-Der +Reisende+ ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend
-kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst
-malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.
-
-Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche
-die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die
-kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.
-
-Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden
-Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen
-Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl
-kleineren mit 1-3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln
-und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit
-Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern
-belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner
-haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier
-Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.);
-ihre Dichter sprechen nicht davon.
-
-Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff.
-Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von
-Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm
-verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein
-französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich
-vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte
-von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem
-amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.
-
-Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen,
-rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden
-uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern
-mächtige +Kohlenlager+; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische
-Meer, um nach Süden umbiegend Abends +Nagasaki+ an der Westküste der
-Insel Kiushiu zu erreichen.
-
-Logbericht Kobe-Nagasaki:
-
- 1. Tag (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min.
- 2. „ (11. Okt. bis Mittag) 287 „ 24 „
- 3. „ (11. Okt. Nachmittag) 81 „ 8 „
- ------------------------------------------------------
- Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.
-
-In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker,
-angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute
-nicht mehr besuchen.
-
-An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter,
-australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe
-verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner
-ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin
-gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen
-schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von
-Wladiwostok.
-
-Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt
-sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische
-Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter
-den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei
-Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen
-Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile
-breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl
-der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und
-Kobe weit überflügelt worden.[235]
-
-Dabei hat dieser +westlichste Punkt+ des japanischen Inselreiches die
-längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.
-
-Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu
-grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16.
-Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals
-bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen
-und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen
-Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo
-(Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre
-ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde
-Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen
-zugewiesen.
-
-Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten
-Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher
-Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes
-willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass
-die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt
-1690-1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines
-Fell.“ Während die Holländer 1611-1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher
-im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90-95 Procent Gewinn ausgeführt
-hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf
-40-45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die
-hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts
-hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst.
-Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von
-Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten
-wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen
-aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.
-
-1888 liefen ein:
-
- 427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt,
- 171 japanische „ „ 183000 „ „ ;
-
-und liefen aus:
-
- 488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt,
- 161 japanische „ „ 178000 „ „ .
-
-Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die
-fremden Dampfer mit +Kohlen+ sich versorgen. 1888 wurde hier für 3
-Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer)
-zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich
-hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu.
-Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und
-englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.
-
-Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene
-Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll
-Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben
-ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt.
-Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen
-schaffen; sie bekommen 10-15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann
-hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen
-Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen
-die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die
-ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche
-Verfahren.
-
-Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher,
-Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den
-Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.
-
-Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von
-Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung,
-als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000
-Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.
-
-Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten,
-besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte
-Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste
-zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie
-zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten,
-sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich
-der aufgehenden Sonne eingezogen ist.
-
-Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich
-Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse
-Shinto-Tempel +O-Suwa+ ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine
-Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben
-luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug +Kunichi+,
-der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt,
-meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten
-auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner
-Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der
-Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur
-Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art
-darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung
-des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten,
-sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese
-japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.
-
-Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen
-Reiches, Herr Dr. +Lenze+. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl
-der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter,
-das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die
-ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine
-Cajütenfenster.
-
-
-Abschied von Japan.
-
- Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;
- Die Landschaft lieblich, voller Leben,
- Die Felder zierlich, die Häuser nett,
- Das Volk manierlich, fein, adrett;
- Das Leben köstlich und amüsant
- In diesem östlich geleg’nen Wunderland.
-
-Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde,
-ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie
-der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts)
-das japanische Volk als das +Entzücken seiner Seele+ bezeichnete.
-Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln
-verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die +Schattenseiten+
-zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit
-Befremden vermissen.
-
-Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich,
-reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel,
-geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien,
-konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu
-tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher,
-als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der
-reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der
-Philosophie, -- das zu entscheiden will ich Andern überlassen.
-
-Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren,
-gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die
-gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den
-Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit
-das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten.
-Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.
-
-In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende
-Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme.
-Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber
-nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie
-zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel
-anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos
-Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die
-drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin
-gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.
-
-Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung
-verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in
-schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.
-
-Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich
-befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus
-der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich
-fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath
-zwischen Edelmann und Tänzerin noch +niemals+ in Europa vorgekommen
-sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa
-sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.
-
-Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen;
-das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als
-das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich
-eine Sirene ehelicht, so ist er sicher +nicht+, wie oft bei uns, ein
-Substrat der lex Heinze.
-
-Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends
-einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen;
-überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der
-zimperlichsten Dame beleidigen könnte.
-
-Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht
-sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in
-Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in
-Europa.
-
-Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich
-zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund
-freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und
-floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit
-artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen
-fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen,
-Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen
-zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches
-„Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der
-Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan
-scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen
-Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe
-gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.
-
-Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für
-den Reisenden natürlich das Urtheil über die +Zukunft+. Japan befindet
-sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird
-das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als
-vollberechtigtes Glied eintreten?
-
-Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die
-Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls
-das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe,
-wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende
-Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller
-für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich
-scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage
-zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des
-deutschen Einflusses.
-
-
-
-
-V.
-
-Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore
-nach Colombo.
-
-
-Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat,
-namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in
-seinem Gehirn die Begriffe +Taifun+ und +Monsun+ ordentlich verpackt
-unterzubringen.[242]
-
-In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und
-fliesst +oben+ nach den beiden Polen ab, +unten+ strömt von den Polen
-kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert,
-gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche
-(gewissermassen unter ihr fort) +schneller+ um die Erdachse von
-Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft,
-gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen
-setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der
-südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten
-liegt die Gegend der Windstillen.
-
-Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch
-die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen
-Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb
-des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April,
-Südwest-Monsun vom April bis September.
-
-Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber
-erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst eine
-Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen
-Südwestwind verwandelt wird.
-
-+Tai-fun+[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen
-Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis
-November, am häufigsten im September und +October+, vorkommen. Ihre
-Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW.,
-während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen
-Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die
-Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten,
-und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer
-die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.
-
-Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich.
-Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.
-
-Ich lese +Byron’s Harold+, den ich glücklicher Weise in der Bücherei
-des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster
-Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die
-Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz
-vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch
-seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor
-allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte,
-wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger
-scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz
-ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch
-seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden,
-der den Anfang des dritten Gesangs vom +Corsaren+ kannte, -- jene
-wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen,
-den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender
-Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das +Hohelied
-vom Reisen+, das unser +Goethe+ gedichtet:
-
- Doch ist es jedem eingeboren,
- Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
- Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
- Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
- Wenn über schroffen Fichtenhöhen
- Der Adler ausgebreitet schwebt,
- Und über Flächen, über Seen,
- Der Kranich nach der Heimath strebt.
-
-Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist,
-werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen
-Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen,
-zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch
-20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die
-Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten,
--- wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von
-dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, -- guckt mit mir nach den
-Sternen.
-
-Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den +grossen Bären+, aber zur
-Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er
-allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen
-Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate
-dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.
-
-Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen
-wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste,
-gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam
-eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig
-innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer
-zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden
-Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach +Hongkong+. Wir
-haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in
-vier Tagen vollendet.
-
-Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht
-prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke
-aus.
-
-+Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.+ Die Stadt liegt auf
-der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie +Neapel+.
-Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem
-prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die
-stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige
-Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten
-Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der
-Höhe die neuen Gasthäuser.
-
-Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248]
-die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer
-„Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des
-Hongkong-Hotel hinübergeschafft.
-
-Der Quai und Landungsplatz waren +weiss von Menschengewimmel+;
-denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht
-schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war
-die allgemeine Frage. Das Postschiff +Bokhara+, von Shangai nach
-Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts
-melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine
-fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen.
-Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der
-P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten
-nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara
-gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die
-Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht,
-der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa.
-Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen
-Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte
-in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie
-hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in
-übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben
-die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen
-zu sein. Allerdings besteht +diese Gefahr+ auf den ostindischen
-Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die
-Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich
-mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr
-auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben
-Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs
-zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht
-wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen
-+chinesischen Fischer+ auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin.
-Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara
-und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia,
--- es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns
-unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren
-fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der +Ostküste+
-der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte
-er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.
-
-Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen +Kabel+. Ich hatte
-sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen
-Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben
-kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im
-Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das
-Scheitern der Bokhara bekannt.
-
-Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt
-einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel
-ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die +Punka+
-genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem
-Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in
-Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt
-sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird.
-Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong
-bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer
-Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende
-„Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit
-verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel
-ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes
-Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen
-Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und
-merkte, dass +Hongkong weit heisser+ ist, als ich es mir vorgestellt.
-Das Thermometer zeigte 23° C.
-
-Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und
-setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und
-lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren
-asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.
-
-Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht
-unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract
-des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114°
-östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des
-Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz
-Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und
-misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong
-gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten +Ladrones+.
-
-Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden
-von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen,
-zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die
-darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften,
-das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum
-abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen,
-steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (+Victoria+), welche
-an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn,
-die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen
-Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem +Pik+)
-verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren
-Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen
-Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben,
-bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen,
-ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf
-der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem
-Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der
-Pforte von Südchina.
-
-Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und
-Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England
-abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem
-dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf
-dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige
-chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst
-versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253]
-darunter waren nur 8000 Europäer.
-
-Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung
-von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus
-indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen,
-rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die
-ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der
-Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon.
-Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral
-(Commodore), ein General.
-
-Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen
-Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind
-befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den
-Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der
-Handel ist bedeutend, da Victoria einen +Freihafen+ besitzt, jedoch
-nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen
-an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin
-handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa,
-sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels
-liegt in den Händen der +Deutschen+, die in bester Lage der Stadt
-ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem
-Hongkong-Granit errichtet haben, eines der +schönsten Gebäude+ in
-Ostasien.
-
-Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere
-Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit
-Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit
-Amerika und Australien in reger Verbindung.
-
-1884 liefen ein;
-
- 26763 Schiffe mit 5000000 Tonnen,
- darunter 2976 Dampfer „ 3259000 „ ,
- 314 Segler „ 290000 „ ,
- 23473 Dschunken „ 1687000 „ .
-
-2397 Schiffe waren britisch, 474 +deutsch+. 1890 verkehrten im Hafen
-von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich
-auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe,
-ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr
-besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381
-Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.
-
-Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der
-Engländer in der Colonisation.
-
-Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen
-Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen
-Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre
-1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857,
-als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde,
-versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch
-arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig
-gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet
-war. Während 1860-1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die
-Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach
-eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel
-endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr
-als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.
-
-1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen
-Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der
-Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum
-durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so
-warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen
-die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch
-musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen
-fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind
-auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen
-feuersicher anzulegen.
-
-Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und
-ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische
-Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus
-Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der
-Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig
-mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen
-Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und
-führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne
-Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer
-lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der
-Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und
-Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die
-hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des
-Gouverneurs.
-
-Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem
-Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den
-Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria,
-ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht
-ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4
-Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht
-glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann
-folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen
-Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist
-das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels,
-Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.
-
-Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem
-Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte
-Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria
-und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach
-dem +glückseligen Thal+ (Happy valley) am Ostende der Stadt.
-
-Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen,
-prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird
-von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich
-nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen,
-dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr
-europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto
-mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen
-die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück
-Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von
-Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur
-nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch
-der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte
-gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über
-seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern
-den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische
-Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die
-Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle
-Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner
-und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur
-Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein
-Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere,
-aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich
-sammeln.
-
-Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo
-ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet,
-ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im
-gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes,
-auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube
-verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr.
-+Schild+, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr.
-+Pauluhn+, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „+Iltis+“,
-das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.
-
-Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der
-„Nürnberg“ zusammen mit Capitän +Schmölder+ vom „Neckar“, und
-betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach
-der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen
-vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer
-Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche
-Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig
-Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen
-Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf
-unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre
-wünschenswerth.
-
-Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann
-Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden.
-Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag
-erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die +später+
-reichlich +Früchte+ tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde
-ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in
-Asien sich umgesehen.
-
-Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. +Gerlach+, einen ausgezeichneten
-deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für
-die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen
-darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und
-grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen
-Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich
-geschmückt hat.
-
-Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der
-chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten
-Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten
-die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die
-jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden
-von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen
-ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich
-gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen
-Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden,
-dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden
-wären.
-
-Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und
-Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach +Canton+, der drei Tage
-in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer +Hankow+, der in
-Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht
-
-Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren
-fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche
-Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist
-noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen,
-geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.
-
-Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl
-in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen,
-niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft
-oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute
-werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe
-des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind
-von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an
-die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.
-
-Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6-8 Cajütreisenden,
-deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen,
-kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95
-englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also
-macht das Schiff fast 14 Knoten.
-
-Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren.
-Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf
-einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können.
-Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder
-Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte
-Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung
-des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun,
-von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also
-Tiger-Rachen, genannt wird.
-
-Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt
-eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen
-auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer
-erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern
-mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas
-anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind
-unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien
-Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden,
-jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die
-ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit
-ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und
-Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.
-
-Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer
-nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die +Heckradschiffe+,
-deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10-20
-Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit
-20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw.
-amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so
-billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass
-denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem
-bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen
-angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden
-bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich
-zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen,
-thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo
-die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die
-Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist
-sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur
-20-36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher
-erster Classe.
-
-Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode.
-Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm,
-offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und
-auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem
-Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein
-Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder
-vertreiben soll.
-
-Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in
-+Wampoa+, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen
-Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die
-merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier
-Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel +Schamin+. An’s
-Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer
-tüchtigen +Chinesin+, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust
-mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich
-ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie
-besitzt keine andere Heimstätte.[257]
-
-Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck,
-bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre
-Hilfe brauchen werden.
-
-Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso
-hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem
-Vertreter des deutschen Reiches, Herrn +Lange+, als auch von dem
-des norddeutschen Lloyd, Herrn +Melchers+, auf das liebenswürdigste
-angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe
-angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn
-das +Schamin-Hotel+ genügt mässigen Ansprüchen.
-
-Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn +Melchers+ und statteten
-auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.
-
-Canton, chinesisch +Kwang-chow-foo+ (Kwangtschou), liegt an dem linken
-oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung
-von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung
-und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches.
-Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3
-Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz
-und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7-13 Meter
-hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.
-
-Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei
-Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere
-Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder --
-Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.
-
-Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen
-China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su)
-und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten
-Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich
-ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, -- denn das Gebäude der
-Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.
-
-Die Stadt hat den +ältesten+ Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt
-vermittelt und trägt dem +neuesten+ Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert
-unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen
-Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die +Portugiesen+,
-wurden aber wieder vertrieben.
-
-+Macao+ (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist
-das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine
-Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat
-die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische
-gerichtet, Macao[259] zu räumen!
-
-Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die
-+Holländer+. Deren Erbschaft haben die +Engländer+ angetreten.
-Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine
-Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842
-dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel
-eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer
-Bauart:
-
- 1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen und
- 1147 Segler „ „ „ „ .
-
-+Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle+, nach der englischen.
-Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78
-Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia,
-Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen,
-Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und
-ein hervorragender Markt für den +inländischen+ Handel.
-
-Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl
-der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der
-eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.
-
-Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel
-aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden.
-Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege,
-bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club,
-einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein
-Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn
-nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem
-betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die
-Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an
-die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein
-der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange
-her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt
-nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für
-die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden
-aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte.
-Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den
-Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf
-kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel
-verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt,
-lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen,
-und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein
-Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.
-
-Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben
-Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende
-des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom
-Anfang des Jahrhunderts kennen.
-
-Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.
-
-Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens
-über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner
-Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln,
-Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der
-Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die
-Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine
-Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher
-in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte.
-Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit
-einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns
-unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den
-„rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei).
-Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie
-kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an
-diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam
-auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies:
-„Belly[260] young, no education.“
-
-Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um
-Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und
-Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit
-ihrem Gruss: „+Tchin, tchin+“ den Fremden empfangen.
-
-Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne
-getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner
-Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen,
-Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit
-der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei,
-vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste
-der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir
-wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles
-langsam und behaglich betrachten.
-
-Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das
-besser, wir würden das Alles sehr gut in +einem+ Tage sehen. Er hatte
-Recht.
-
-Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend
-für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch
-nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt
-der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die
-Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die
-Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie
-eine Rundfahrt in einem Caroussel.
-
-Erstaunlich ist die +Menschenanhäufung+ in den engen, kaum drei
-Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen
-farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten
-Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem
-Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum,
-dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende
-Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie
-nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste
-ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und
-des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger
-Volks-Auflauf.
-
-Was wir besuchen, sind I) +Läden+. Zuvörderst (1) einen, wo die
-bekannten +Reispapier+[261]-+Malereien+ feil geboten werden. Ich kaufe
-ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten,
-darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst
-angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser
-Meister +Hildebrandt+ hat sehr abfällig geurtheilt über diese
-Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis
-ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das
-Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere
-Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine
-Photographien kaufte.)
-
-Sodann (2) kommt die +Klein-Mosaik-Arbeit+. Auf Spangen und andere
-Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen
-von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld
-und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen,
-verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem
-Schmuck Gefallen finden.
-
-Hierauf folgt (3 u. 4) +Seiden-Weberei+ und +Seiden-Stickerei+.
-Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere
-nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein
-Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an
-Licht fehlt.
-
-Beim +Schwertfeger+ (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan,
-abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.
-
-Der +Elfenbeinschnitzer+ (6) endlich suchte riesengrosse
-Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen,
-sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns
-ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa
-zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet;
-sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige
-Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem
-Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.
-
-Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere
-Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von
-+Sehenswürdigkeiten+, den +Tempeln+ (II.), deren 800 in Canton sich
-befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.
-
-7) +Der Tempel der+ 500 +Genien+ oder Buddha-Schüler enthält, wie der
-Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so
-manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen
-Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem
-Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als +Marco Polo+ vorgestellt.
-
-In der Nähe dieses Tempels ist der +Edelstein-Markt+. Die Chinesen
-schätzen den +Nierenstein+ (Nephrit, englisch Jade), der aus dem
-Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder
-Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein,
-Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.
-
-8) Der +Tempel des Schreckens+ zeigt eine gute Sammlung von
-Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der
-armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. --
-
-In einem Tempelthurm ist eine alte +Wasseruhr+. Vier Kupferbecken sind
-so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das
-andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab.
-Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen
-schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten
-Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war
-etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die
-ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer
-von Canton.
-
-Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung
-eines besseren Namens als +Vermischtes+ bezeichnen.
-
-Natürlich wurden wir nach einem +Gefängniss+ (10) geschleppt. Wer eine
-solche Besserungs-Anstalt im +wirklichen+ Europa unsrer Tage oder in
-den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt
-hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen
-niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen
-Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten
-Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf
-Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten,
-gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten
-Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von
-dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die
-einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum
-würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit
-beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen,
-wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch
-die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein
-Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.
-
-Die +Hinrichtungsstätte+ (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer
-schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen
-Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld.
-Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines
-Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er
-hatte mich vollständig beruhigt.
-
-+Squeezi Pidgin+ oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen
-Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber
-mit vollem Recht auch die +chinesische Staatsprüfung+ genannt
-werden. Da sind in der +Prüfungshalle+ (12) 12000 oder gar 15000
-käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge
-streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse
-von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000
-erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn
-hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze
-das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und
-mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke,
-die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber
-leider unvermeidliches Uebel.
-
-Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten
-+Wall+ (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und
-Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen
-Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand
-vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen
-Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich
-von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem
-Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind
-die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn
-Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.)
-Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines
-Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene +Frühstück+
-(14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und
-gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein
-einschloss.
-
-Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich
-einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die
-Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.
-
-Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der +fünfstöckige Thurm+
-(Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit
-leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und
-der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt,
-friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und
-theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht:
-einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen
-die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade
-so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits
-auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen,
-gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer
-Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in
-einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll
-das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!
-
-Der Rückweg brachte uns zunächst an einen +Begräbnissplatz+ (16)
-reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in
-denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die
-einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den
-Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und
-verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können.
-Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen;
-so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte
-uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500
-Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn
-man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen
-Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die
-Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.
-
-Hierauf gelangen wir in die +Tatarenstadt+ (17), die eine besondere
-Umwallung besitzt.
-
-Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem
-stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd
-und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde
-oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht,
-sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern
-und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.
-
-Den Schluss der Besichtigungen macht ein +chinesischer Club+ (18) der
-sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden,
-Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.
-
-Das +Volksgewühl+ war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber
-alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im
-Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.
-
-Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck,
-Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden
-allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich
-nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen,
-durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden
-sind.
-
-Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden,
-da er seine +Aufgabe gelöst+. Ich glaube seiner Führung und der Stadt
-Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten
-mit +fortlaufenden Nummern+ bezeichnet habe.
-
-Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach
-den +Blumenbooten+ fahren. Das gilt für eine der grössten
-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt,
-viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind
-grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert
-sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese
-schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die
-ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe
-herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar
-wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle
-oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren
-„Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten
-Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen
-und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen,
-wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde
-und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen
-Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird
-erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke
-nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.
-
-Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in
-dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem +Missions-Krankenhaus+.
-Unterwegs hatten wir Gelegenheit die +schwimmende Vorstadt+ von Canton
-kennen zu lernen.
-
-+Jedes Boot ist Heimstätte+ einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben
-auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt.
-Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In
-regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne
-Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen
-Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die
-Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit,
-die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.
-
-Es giebt auch +Flussbettler+, die nie an’s Land kommen, namentlich
-Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und
-die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt,
-erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und
-erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der
-mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]
-
-Das +Missions-Krankenhaus+ ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt
-religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht.
-Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war
-nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie
-zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen
-Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die
-ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden,
-erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger
-nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene
-Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge
-sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5
-Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die
-„befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.
-
-Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer)
-Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die
-andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine
-Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an
-solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein.
-So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser
-Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von
-Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der
-harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn
-ein gut geschulter +deutscher+ Wundarzt in Canton ein +rein ärztliches+
-Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für +unser
-Vaterland+ zu stärken. Auch Herr Generalconsul +Budler+, dem ich meine
-Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange
-zu derselben Ueberzeugung gekommen.
-
-Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in
-dem gedruckten Bericht.[265]
-
-Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen
-Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein;
-denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch
-dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten
-zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen
-Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im
-Krankenhaus feilgehalten.
-
-In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die +verkrüppelten Füsse+ einer
-(ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer
-Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere
-Frauen, ihren Körper zu entblössen.
-
-Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten
-eingebogen, -- wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt,
--- und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.
-
-Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der
-eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin
-geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht
-sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.
-
-Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der
-unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für
-ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.
-
-Vom Krankenhaus fuhren wir nach den +Blumen-Gärten+ in der westlichen
-Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und
-aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen,
-Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon
-gebildet und eingesetzt.
-
-Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten,
-dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur
-Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht
-in den prachtvoll erleuchteten +Hafen von Hongkong+ zurück.
-
-Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner
-Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der
-Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus
-der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der
-Dampfer „+Brindisi+“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere
-Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher
-Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich
-hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren
-können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen
-haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das +Museum+
-von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich
-bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele
-Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge
-unterhalten, ist täglich von 10-5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und
-enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer
-Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan;
-2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien;
-endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene
-Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden
-mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)
-
-Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der +Drahtseilbahn+.
-Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der
-Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben
-kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich
-steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert.
-Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die
-unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden
-Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf
-die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen
-Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie
-ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe
-(Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station
-sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln,
-mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten
-Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit
-vom Mai bis October. Leider sind es +mehrere+, der Wettbewerb schmälert
-den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie
-jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern
-Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. +Austin
-Hotel+. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren
-eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das
-gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von
-Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen
-Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf
-die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst
-ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom
-eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und
-Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier
-sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen
-Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis
-zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen
-Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes
-gestiftet.
-
-Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der
-Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von
-Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das
-Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische
-Herr angenommen, -- ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die
-Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; --
-und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu
-zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als
-Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem
-ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit
-der Nachbarschaft weniger zufrieden.
-
-Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen
-Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein
-schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit
-eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6
-Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und
-gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul +Budler+,[269] der nach
-Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“
-Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels
-erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40
-Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.
-
-So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir
-noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche
-Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie
-überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind
-das Werk der zahlreichen chinesischen +Uebelthäter+, die von den
-südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter
-den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong
-geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische
-Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit
-bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch
-Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.
-
-Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen.
-Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder
-gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man
-eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste
-und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich
-für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene
-zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert
-Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel
-in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein
-langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich
-seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit
-bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier +französisch+,
--- zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich
-allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist +Bethanie+,
-eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und
-Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen.
-Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich
-liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den
-verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht
-verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.
-
-Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet
-in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und
-Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen
-Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment
-enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet,
-erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte
-Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen.
-Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen,
-haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze
-kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher
-zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche
-Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.
-
-Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als
-bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte
-ich zu Fuss bergab, um die +öffentlichen Gärten+ Hongkongs, die auf
-halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem
-Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die
-eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser
-Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig,
-aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man
-die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings
-hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die
-sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl
-und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem
-Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder,
-Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem
-Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.
-
-Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen
-verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk,
-australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende
-Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran
-gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.
-
-Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen
-Aussichtspunkten ist +Bowen road+. Dieser Weg führt über den verdeckten
-Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die
-Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.
-
-Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an
-den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen,
-die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen
-Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen
-Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen
-Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]
-
-Natürlich, +von China wissen wir ebenso wenig+, wie von Japan, und
-glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist
-eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit
-beginnen?
-
-„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber
-
- „Pulver kannten die Chinesen,
- Konnten auch Gedrucktes lesen,
- Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,
- Und Amerika war immer da,
- Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]
-
-Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten
-lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der
-neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen
-jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu
-erlernen und sicher zu behalten.
-
-Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber
-zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.
-
-Höchst anziehend sind die +Sagen von den ältesten Kaisern+. Shin-nung
-(angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen
-als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China
-seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück
-Ackerland umpflügt.
-
- „Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,
- Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“
-
-Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt
-und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für
-alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.
-
-Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert,
-wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen
-Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall,
-Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende)
-Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit,
-Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll
-auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen
-geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.
-
-In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123-246 v. Chr.) wurde das
-Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von
-der vierten Dynastie (Tsin[274] 246-206 v. Chr.) begründete
-Alleinherrschaft des Fürsten und Einheit des Reiches, das er
-vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es
-folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete
-sich die Buddha-Lehre aus.
-
-Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und
-geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.
-
-1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan,
-Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen
-Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein
-Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu
-Stifter der +Ming Dynastie+ (der XX., 1368 bis 1644). Katholische
-Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die
-Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der
-erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten
-genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten
-Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die
-Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten +Unruhen+.
-
-1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische
-Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten
-hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong
-abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den
-Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten
-in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.
-
-Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin,
-die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im
-Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen,
-der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug
-die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie
-+Taiping+ (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen
-mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt +Nanking+.
-
-Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen
-des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie
-als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden
-chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857,
-zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October
-1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen
-in die Flucht trieben, nach +Pecking+ vor, wo die Franzosen den
-Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter
-Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte
-Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen
-Vertrag mit +Preussen+, gleichzeitig für den Zollverein.
-
-Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai
-und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die
-+Taiping-Revolution+ 1863 durch Eroberung von Nanking +beendigt+ wurde.
-Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die
-Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.
-
-England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit
-China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet
-und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame
-Rolle in Ostasien spielen.
-
-Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen
-des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur
-+Unterdrückung der Seeräuberei+ an den chinesischen Küsten beigetragen.
-
-Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von
-Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland
-drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen
-annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882
-Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson
-siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen
-die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu.
-Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten
-20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.
-
-Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine
-balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“
-nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den
-Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.
-
-Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der +weise
-Khung-futse+[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten
-Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten,
-hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse
-Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit
-30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten
-Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte
-Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch
-der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines
-Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte
-so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister
-ernannte.
-
-In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen
-verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur
-Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte
-Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn
-niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht
-in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich
-für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für
-solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der
-Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben
-straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch
-gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel
-er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.
-
-Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht
-günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge
-voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im
-dreissigsten.
-
-Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte
-er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen
-(Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende
-selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine
-Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu,
-Confucius’sche Analekten.)
-
-Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste
-das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber
-ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst
-sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und
-hochverehrt.
-
-Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der
-Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles
-Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden.
-Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu
-(C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).
-
-Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch
-ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine
-Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist
-die Stellung der idealen Männer im Universum. +Die Art der Menschen
-ist gut von Natur+. In dem +Weisen+ erreicht die Natur ihre höchste
-Entwicklung.
-
-Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist
-überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am
-besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in
-einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.
-
-Nächst dem Weisen kommt der +hervorragende Mann+. Er ist Fehlern
-unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne,
-und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird
-auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein
-Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht
-zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so
-handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe
-verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht
-sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die
-stete Sorge des Confucius.
-
-Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten;
-kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt
-Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich
-fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des
-Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70
-konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu
-überschreiten.“
-
-Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden
-werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern
-zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer
-selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die
-Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend
-regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen,
-Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der
-Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist
-Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur
-Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.
-
-Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den
-Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates
-hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn
-fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie
-willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und
-Güte mit Güte.“[278]
-
-Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es
-heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt
-werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und
-unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der
-Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen
-Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde
-nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom
-Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.
-
-Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine
-Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten,
-seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand
-der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen
-den Worten dieses Mannes.
-
-Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul
-verdanke, ist das über die +tugendhaften Weiber+. (Englisch von Miss
-A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der
-erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde
-es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene,
-zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des
-Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der
-kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen
-Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen
-Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen
-Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff
-und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren
-Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden
-das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von
-solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. +Hildebrandt+ spöttelt
-über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten
-errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein
-müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was +er+ dabei unter
-+Frauen-Tugend+ versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen
-und nicht weiter gepriesen.
-
-Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude
-gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete:
-er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei
-hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch
-meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal
-auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und
-deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts
-zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem
-landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr
-gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu
-den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.
-
-Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung
-des Herrn Collegen Gerlach, +Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten+ von
-Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.
-
-1) Das +Regierungs-Krankenhaus+ ist europäisch eingerichtet und von
-englischen Aerzten geleitet. Das +Alice-Krankenhaus+ (Alice memorial
-hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die
-Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. +Jordan+,
-Augenarzt, und Dr. +Thompson+, Chirurg und Missionär) sind Engländer.
-Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor
-der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin
-geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr
-Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die
-wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder
-ägyptischen Augenentzündung.
-
-2) +Asile de St. Enfance+ liegt am Meeresufer im Osten der Stadt.
-Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte
-Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind
-sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches
-sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar
-erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen.
-Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie
-fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze
-hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!
-
-3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte +das Berliner
-Findling-Haus+. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier
-in Ostasien eine von +Berlinern+ gegründete und verwaltete
-Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch
-irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es
-würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue
-Freunde und -- Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte
-ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine
-„Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei
-uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit
-gebe.
-
-[Illustration: Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.]
-
-Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas
-grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die
-Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor
-Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und
-Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen
-singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe
-der chinesischen Classiker. Gegen das 20^{te} Jahr werden sie an
-chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden
-sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen
-im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl +ihrer+ Kinder
-betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in
-das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von
-3-5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam
-jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als
-ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme
-Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“,
-von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des
-Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung
-folgt.
-
-Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine +„Landpartie+ nach
-dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.
-
-Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr
-Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor
-Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders
-zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, +war+ die +Fröhlichkeit+
-der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der
-Berichte.[280]
-
-In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht
-aufziehen will oder +kann+, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber
-nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden
-das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung
-kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, -- was in +Europa und
-Amerika+ geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der
-Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich +in der Stadt New-York
-getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende+. Findelhäuser sind in
-Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier,
-1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687
-in London.
-
-Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte,
-stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder
-bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der
-Kindesmorde.
-
-Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine
-Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der
-Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind
-+bringt+, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, -- weil es zu häufig die
-eigne Mutter war; durch dieses persönliche +Deplacement+[281] wurde die
-Zahl der Findlinge erheblich verringert.
-
-4) Die +Basler Mission+ hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch
-ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. +Reusch+ begrüsste.
-
-Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem +deutschen
-Club+[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im
-Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf
-der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.
-
-Am Nachmittag besuchten wir auch die +Chinesenstadt+. In der mit der
-Uferstrasse gleichlaufenden +Queensroad+ befinden sich neben Banken
-und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen,
-wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u.
-dergl. verführerisch ausgelegt sind.
-
-Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig,
-sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe
-vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen
-aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der
-Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit
-erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt
-nach dem Begehren.
-
-Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere
-Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer,
-Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel,
-Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und
-ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel,
-da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt
-werden.
-
-Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder
-Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann
-man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar
-Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot
-ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise
-nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische
-Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin
-changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn
-und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing
-an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein
-Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum
-Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.
-
-Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren
-geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels
-(d. h. 50×37,_{783} Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch
-abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze,
-ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs
-= 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig.
-Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich
-werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen
-ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig
-von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen
-lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze
-wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das
-Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch
-darüber cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon
-vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde
-es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste
-Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.
-
-Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für
-chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden
-Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell
-und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene
-Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und
-die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am
-Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben
-besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.
-
-Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin,
-dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss
-genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des
-Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer
-beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird
-bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.
-
-Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit
-besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich
-und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der
-Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.
-
-Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse
-Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor
-seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen
-Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als
-Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene
-Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen
-Inschriften von unten bis oben bedeckt.
-
-Die +gewöhnlichen chinesischen Aerzte+ sind schäbige Gesellen; man soll
-aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht
-mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen
-vergleichen. Während es +früher Kaiserliche Schulen+ der Heilkunde in
-China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde
-ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland
-(Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen.
-Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen
-Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst
-aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf
-der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere
-Diener sind mit dem Raspeln von Wurzeln und dergleichen beschäftigt.
-Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin,
-dass er „niemals schneidet.“
-
-Natürlich giebt es auch +feinere Aerzte+ in China. In neuester Zeit hat
-die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht;
-sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige
-Europäer und Amerikaner dorthin berufen.
-
-Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die
-einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren
-geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und
-Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren
-zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco,
-die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen
-und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die
-chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt
-kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.
-
-Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen -- Freunde jede
-Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und
-Todesfälle sind thatsächlich selten.
-
-Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten
-da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore;
-der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch
-chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.
-
-Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich
-beträchtlich. +Cho-Chiu-Kei+, der chinesische Hippocrates, welcher
-während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt
-hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch
-heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin
-er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch
-einen +Giftstoff+, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf
-verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift
-wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift
-ausgetrieben werden. -- Noch vor einem Menschenalter hielten die
-europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber
-in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz
-ähnlichen Anschauungen gelangt.
-
-Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die
-+Tempel+. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter
-Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor
-ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.
-
-Natürlich giebt es hier auch +Opium-Kneipen+. Aber die Ansicht, welche
-einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische
-Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte
-den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten
-schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in
-Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich
-bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.
-
-Chinesische +Spielhäuser+, wie ich sie in Portland und S. Francisco
-gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar
-monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie
-neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind +spielwüthig+ und
-fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die
-beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den
-Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.
-
-Die +Strassenscenen+ sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht
-und hört man +Fruchtverkäufer+. Die Hauptsorten sind +Litchi+
-(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; +Pumelo+, eine
-Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen
-und Mandarinen; ferner die +Canton-Stachelbeere+ (Averrhoa carambola),
-eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack;
-ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an
-dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.
-
-Dort hat ein wandernder +Barbier+ seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt
-das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und
-Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der +Geschichtenerzähler+
-bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne
-die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. +Hochzeits-+ und
-+Begräbnisszüge+ werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die
-bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist
-die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.
-
-Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong,
-das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha,
-und für die Hügel der Palankin.
-
-Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer
-Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer
-hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht
-38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,
-nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich
-meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische
-Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie
-von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren
-Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.
-
-Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der
-Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das
-auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das
-elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz
-dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten
-enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und
-Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um
-sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der
-tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen
-legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich
-selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur
-wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“
-des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse
-verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen
-der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff.
-Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem
-Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal
-aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.
-
-Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle,
-die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und
-uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn
-sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder
-Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus
-Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht,
-aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer
-Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige
-hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte
-sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen
-Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich
-konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er,
-wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen
-Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen
-Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore
-zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem
-Schlafe.
-
-Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte;
-einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige
-Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit
-zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation)
-ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind
-geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge
-fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet,
-und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr,
-Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste;
-jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.
-
-Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche
-da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine
-angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R.,
-der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war
-während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben
-und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig
-geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei
-der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung
-des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe,
-der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste
-hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in
-die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht,
-denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb
-wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer
-Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann
-noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen,
-ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu
-Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft
-aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse
-Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit
-seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes
-überwunden werden kann.
-
-Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je
-zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean
-her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und
-Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen
-Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich,
-als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein
-sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments,
-unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der
-Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint
-mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung
-zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer
-Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem
-Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen
-wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern
-die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren,
-Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.
-
-Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der
-zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die
-Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser
-Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein
-erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine
-Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem
-Reisetagebuch schrieb.
-
-Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte
-Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen
-ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir
-angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat
-oder gelebt haben soll.[286]
-
-Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar
-Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel
-mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen
-Linien dringend empfehlen, auch ein solches +Taschenbuch+[287]
-herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation
-Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft:
-gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu
-300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle
-Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies
-Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.
-
-Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887
-Tonnen im Mittel.
-
-Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach
-Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für
-die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £
-Unterstützung.
-
-In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter
-P. & O. zurück, in der +Ertragsfähigkeit+.
-
- * * * * *
-
-Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:
-
- Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.
- Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.
- Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.
- Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.
- Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.
- Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.
- Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.
- Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.
- Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.
- Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.
- Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.
- Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.
- Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.
- Abends, 8. November, an Colombo.
-
- * * * * *
-
-Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt
-die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau
-zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe
-ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die
-Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über
-Indien.
-
-Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag)
-erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln,
-auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald
-längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb
-der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische
-Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die
-nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge
-zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny
-gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke
-(„gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen
-thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen,
-gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.
-
-+Singapore+ an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom
-Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der
-englischen Colonie +Strait-Settlements+, welche die Insel Singapore,
-den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig
-nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang
-umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka,
-vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit
-von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise
-nördlich von Java[288], nach +Ratzel’s+ Worten „an eine jener
-praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist
-48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer,
-ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben,
-da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs
-bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist
-4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (+Djohor+)
-durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,_{2} Kilometer
-breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für
-England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die
-britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone
-abgetreten.
-
-Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen
-Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer
-in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus,
-die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon
-einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der
-Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen
-sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen
-Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung
-beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen
-und werden hier Klings genannt. -- Unter den (1900) Europäern sind
-viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch
-einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses
-Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat
-deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier
-einen Consul.
-
-Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26-27° C. im Schatten,
-innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind und
-häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler.
-Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht
-die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6
-Uhr Abends unter.
-
-Singapore ist seit der Gründung (1819) +Freihafen+, der Handel der
-Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling
-(Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden
-hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse,
-Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der
-Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie
-beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels
-nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000
-Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.
-
-Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R.
-nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem +botanischen Garten+,
-der mein Staunen und Entzücken erregte.
-
-Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno
-und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568
-in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam,
-an allen deutschen Universitäten, wobei +Berlin+ sowohl durch
-Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine
-der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst
-und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen
-Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die
-Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder.
-Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste
-Vollendung.
-
-Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore,
-bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den
-letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom
-Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl
-er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.
-
-Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen
-in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern,
-Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art,
-Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen
-Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit
-ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen,
-sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen
-sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen mit
-durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung
-des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln,
-Casuaren.
-
-Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem
-Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten
-Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.
-
-Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe
-des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen
-bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.
-
-Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler
-wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen --
-alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser
-Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte
-(allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen
-kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und
-zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt,
-seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er
-zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind.
-Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel
-zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener,
-die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm
-beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser
-besprengen.
-
-Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land.
-Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der
-Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig
-verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber -- nur für kurze Zeit; sofort
-schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff
-pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt.
-Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt
-seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es
-regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es,
-dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder
-Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.
-
-Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht
-so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus
-einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach
-abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden
-Trichter zu erreichen.
-
-Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die
-Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland,
-da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.
-
-Am 5. November fand ich Nachmittags 4^h +28° C., um 5½^h +27¾°. Am
-6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die
-sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7^h +27° C., um 9^h
-+28°, um 1^h +29°, um 4½^h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach
-dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November
-Morgens 7½^h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. +Also von Sonnen-Aufgang
-bis Untergang+ 26 bis 29° C.
-
-In +Oberägypten+ hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse
-geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor
-Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde
-zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden;
-Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch
-+30°, und Abends um 9^h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan
-(dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3^h aufstand, um das Kreuz
-des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5^h wurde
-es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.
-
-Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten
-theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete.
-Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum
-Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen
-grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke,
-weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine
-fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein
-des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf
-blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die
-weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort
-wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur
-wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.
-
-Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von +Georgetown+, an der
-Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2
-Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.
-
-Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende
-kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger
-englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden
-und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter
-aus England gekommen, zu begrüssen und zu -- heirathen. Den Versuch,
-mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich
-zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit.
-Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt
-machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.
-
-Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber
-hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern.
-Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der
-verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das
-Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s
-Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz;
-derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein
-Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die
-fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.
-
- „Mondbeglänzte Zaubernacht,
- Die den Sinn gefangen hält,
- Wundervolle Märchenwelt,
- Steig’ auf in der alten Pracht.“
-
-Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän
-R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk
-gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen
-verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah -- meine
-Rückkehr.
-
-Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt
-genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen
-Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen
-nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische
-Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit
-fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten
-Wasser emporschnellen.
-
-Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir
-den Anblick einer vollständigen +Mondfinsterniss+. Am nächsten
-Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem
-berühmten +Atschin+. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die
-Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem
-allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie
-nur -- wirklich wollten.
-
-Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die
-Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich
-Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von
-Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die
-besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft
-entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den
-Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so
-weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei
-„bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35
-Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.
-
-Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist +Ceylon+,
-der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte
-Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von +Point de
-Galle+: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine
-Flaggenstange, keine Schiffe!
-
-Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht
-nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem
-Nachtheil.
-
-Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von +Colombo+ Anker. Die meisten
-Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf
-einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen
-soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl -- mein ganzes
-Gepäck -- in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.
-
-Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen
-Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr
-gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur
-Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer
-in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen +Oriental-Hotel+,
-wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und
-schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner
-Moskito (oder +eine+, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand
-sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das
-verrätherische Summen; denkt, es wird nicht gleich so schlimm werden,
-bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf,
-macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem
-das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen
-Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das
-von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des
-Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in
-diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum -- offenen Fenster hinaus
-zu werfen.
-
-
-
-
-VI.
-
-Ceylon.
-
-
-Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen
-Reisebeschreibungen unserer +Landsleute+ (+Schmarda+ 1854,
-+Hildebrandt+ 1862, Dr. H. +Meyer+ 1882, Graf +Lanckorónski+ 1889,
-Dr. Eugen +Böninger+ 1890); ferner aus Professor +Häckel’s+ indischen
-Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk
-von Eugen +Ransonnet-Villez+ (Braunschweig 1868), das aber leider
-vergriffen und sehr selten geworden ist.
-
-Jedoch die eigentliche +Quelle+ unserer Kenntniss von dieser
-merkwürdigen Insel ist das zweibändige +klassische+ Werk: +Ceylon+,
-by Sir James +Emerson Tennent+ (5. Auflage, London 1860, Longman,
-Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und
-Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in
-seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die
-ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und
-Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.
-
-Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche
-Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben
-über den +gegenwärtigen+ Zustand, ist sehr nützlich +Ceylon+ in 1893,
-by +John Ferguson+ (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei
-Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von +Tennent+, für welches
-Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer
-Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als
-einmal aber spöttische Bemerkungen.
-
-Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält
-das originale +Prachtwerk+: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von
-Dr. Paul +Sarasin+ und Dr. Fritz +Sarasin+, III. Band. Die Wedda’s
-von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die
-Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel
-in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs
-umschritten.
-
-Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. +Skeen+, C, 1892)
-ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck
-darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten.
-Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.
-
-Einen +Führer nach Kandy und Nuwara Eliya+ schrieb S. M. +Burrows+, der
-Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya
-gelesen: +The burried cities of Ceylon+. (Colombo und London, Trübner
-1881).
-
-Der „+Murray+“ für Indien und +Caine+’s Picturesque India (London 1891)
-widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.
-
-Die alte +Geschichte+ von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk
-unseres Prof. +Lassen+ (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874,
-1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische
-+Sonderschriften+ über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen,
-da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.
-
-Hauptquellen für die +Alterthümer+ sind das letztgenannte Werk, und das
-oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. +Fergusson+’s +Indian and
-Eastern Architecture+ (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der
-neuesten Ausgrabungen, +John Ferguson+’s +Ceylon in 1893+.
-
-Schon über die +Namen+ der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie
-+Lassen+ und +Bournouf+, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im
-Sanskrit heisst sie +Lanka+ (d. i. glückliche Insel), in den Schriften
-der Eingebornen Sihala oder +Sinhala+, d. i. +Loewen-Sitz+, bei den
-makedonischen Griechen +Taprobane+ (Tambapanni d. i. Kupferland,
-wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago
-sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen
-+Palai-Simundu+ (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes);
-bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei
-den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine
-Nacht“, Selendib oder +Serendib+ d. i. Sinhala oder Silan-dwipa =
-Silan-+Insel+. Aus Silan haben dann die Portugiesen +Zeilan+, die
-Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.
-
-Das +glänzende+ Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den
-+Perlohrring+ am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das +Land der
-Edelsteine+, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die
-Mohammedaner das +Nach-Paradies+ von Adam und Eva. So zeugen auch die
-+dichterischen+ Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu
-alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.
-
-Wenn +Sancho Pansa+, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen
-strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich +diese+
-Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns
-Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu,
-Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die
-+Palme+. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie +besitzt+ die Palme,
-im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der
-neugeprägten Silbermünzen.
-
-Ceylon ist übrigens eine ganz +stattliche+ Insel. Wir täuschen uns
-leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien
-schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben
-haben.
-
-Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen
-5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in
-der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer
-und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass
-Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so
-gross wie die Insel Sicilien.
-
-Die +Bevölkerungszahl+ ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei
-Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den
-Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken
-von Ostindien.
-
-Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von
-dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen
-Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer
-Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden
-waren, haben +Emerson Tennent+ zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in
-seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich
-12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch +Ferguson+ dies
-für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die
-Vettern +Sarrasin+ in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der
-+Völkerverschiebung+, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl
-sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei
-Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den
-südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige
-Reisland der Nordhälfte auf +weite Strecken+ ziemlich öde geworden
-und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten
-Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und
-andern Gegenden des Südens.
-
-Ceylon ist ein +natürliches Treibhaus+, warm und feucht, mit einem
-ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C.
-Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen
-Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den +üppigsten
-Pflanzenwuchs+ hervorzurufen.
-
-Für den mitteleuropäischen +Menschen+ ist das Klima +weniger+
-behaglich. Aber zwei angenehme +Erfrischungen+ helfen ihm, die Hitze zu
-ertragen.
-
-Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden
-Abend ein tüchtiger +Regen+, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in
-Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt
-der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November
-durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).
-
-Sodann besitzt Ceylon eine +Gebirgsgegend+ (hill country), welche
-⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702)
-umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen
-die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und
-Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige
-Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten
-Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe
-Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern
-auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der
-letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung
-freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese
-Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von
-Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen
-Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.
-
-+Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.+ Wie in den Gefilden der
-Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.
-
-Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee -- das sind
-die +Reichthümer+ der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.
-
-Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10
-Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe,
-5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000
-Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000
-Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war
-1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos
-100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und -- Kaffee
-600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.
-
-Ausgeführt wird auch +Eben-+ und +Teak-Holz+. Aber +Nährgetreide (Reis)
-muss eingeführt[297] werden+.
-
-(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)
-
-Die früher so berühmten +Edelsteinlager+ Ceylons (Rubinen, Saphire,
-Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch
-mehr sind es die +Perlenfischereien+ im Golf von Manaar, zwischen
-Ceylon und Cap Comorin.
-
-Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten,
-sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen
-aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen
-Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt
-und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur +eine
-Gesteinsart+ ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant,
-einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der
-+Graphit+, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln
-und zu +Anstrichfarben+, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299]
-5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7
-Millionen.
-
-Ganz anders war der +Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit+. +Edrisi+,
-im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s:
-Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.
-
-Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind
-+Singhalesen+, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und
-feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind
-ein +Mischvolk+ aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her
-eingewanderten +arischen Hindu+ und den schon lange vorher auf der
-Insel ansässigen Ureinwohnern.
-
-Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die +Tamilen+,
-dunkelbraune +Dravida+, die aus Südindien, besonders von der
-Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon
-vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils
-neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung
-suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und
-beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).
-
-Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger
-Bildungsstufe verblieben sind, den +Wedda+, ist noch ein geringer Rest,
-etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern
-+Sarrasin+ stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den
-Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung
-dar.
-
-Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die
-Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die
-Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu
-verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge
-abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000;
-ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der
-Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als
-Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich
-6000 +Europäer+ und angeblich 20 000 +Eur-asier+, d. h. Mischlinge
-von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von
-Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]
-
-Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine
-Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000
-Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die
-Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der
-nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken
-durch ihre Missions-Gesellschaften, -- bischöfliche, presbyterianische,
-wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische
-Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen
-sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein
-Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und
-dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.
-
-Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht.
-Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess
-+Maha-wanso+, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische
-+Chronik+, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre
-ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen -- +Elu+
-genannt -- ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus
-einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die
-gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt;
-aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der
-Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen
-Apostel aus Maghada).
-
-170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte
-König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern
-abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre
-eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite
-Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.
-
-Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem
-Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und
-vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8.
-Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die
-letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig
-geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden
-sie 1632-1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich
-von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten
-die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan;
-sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen
-Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch
-wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs
-der ganzen Südwestküste.
-
-1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten
-und 1815 zu einer +Kron-Colonie+ gemacht, nachdem das Königreich Kandy,
-welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden,
-endgiltig besiegt worden war.
-
-Ein +Gouverneur+ herrscht über die Insel, selbstherrlich und
-uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das
-aber ziemlich fern weilt, -- in Downingstreet zu London. Sechs Jahre
-pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit
-von jährlich 80000 Rupien bezieht.
-
-(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen
-die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last
-der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der
-Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes
-berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu
-den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste
-Kron-Colonie Englands darstellt.
-
- The best and brightest gem
- In Britain’s orient diadem.
-
-1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten
-jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur
-Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte
-der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £;
-im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das
-Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893
-wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen
-R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu
-zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im
-Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht
-worden.
-
-Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem
-Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme
-begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den
-Weltmarkt zu erobern.
-
-
-Colombo,
-
-die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss.
-(Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen
-Geographen als +Calambu+, die grösste und schönste Stadt von Serendib,
-erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte
-Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet;
-fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die
-Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt:
-1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser
-und 120000 Einwohner.
-
- * * * * *
-
-Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich,
-wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen
-nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das
-übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das
-erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen,
-Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa
-40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem
-Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten
-Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die
-von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort
-und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden
-europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so
-dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung
-Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten
-Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner
-Morgen-Cigarre.
-
-Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen
-weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten
-einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.
-
-Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk,
-nämlich mir einen +Ueberblick über die Stadt Colombo+ zu verschaffen.
-Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen,
-die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine
-Ferse heften, wohin er auch gehen mag.
-
-Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz,
-barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm
-in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die
-Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „+Po+“, d.
-h. Pack’ dich -- zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als
-auch in der der Tamilen.
-
-Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf
-denselben, liegt unser riesiges, weisses +Oriental-Hotel+[306] mit 125
-Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer
-massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h.
-Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden,
-Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien,
-Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während
-Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer,
-Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich
-herumtreiben.
-
-Ueber einen freien Platz, vorbei an einem +Kiosk+, wo die Gesellschaft
-der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack
-vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die
-Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung
-feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten
-+Landungsplatz+,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr
-herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern
-und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt
-von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel,
-welche die Fahrpreise regelt.
-
-Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen
-sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den
-Ecken.
-
-Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende,
-welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch
-noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong,
-verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn
-er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit
-ist die +Rupie+; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe
-von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie
-geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in
-den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.
-
-Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch
-die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten,
-ist der Werth des Silbers von 1874-1892 stetig gesunken, so dass die
-Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war.
-Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen
-Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn
-nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib
-und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden
-Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr;
-Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere
-Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser,
-als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung
-eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 +Cents+, die Viertel-Rupie 25
-Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte
-Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria,
-auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und
-die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält
-der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler
-würdevoll zurück.
-
-Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die
-Mehrzahl der +Boote+ im Wasser daneben.
-
-Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der
-Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig
-die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen
-Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents
-für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher
-und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am
-zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der
-+Auslegerkahn+[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15-20 Fuss Länge
-bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die
-Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den
-Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen
-kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der
-linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe
-aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler
-Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche
-Fahrzeug vor dem Kentern schützt.
-
-Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum
-Fischen am Strande. +Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.+
-
-Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander
-befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das
-gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat
-vielleicht mit Veranlassung zu der +Sage vom Magnetberg+ gegeben, der
-in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings
-hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von
-älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr.,
-von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius
-zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von
-älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer
-Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.
-
-Das +Katamaran+, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne
-Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen.
-Der Name bedeutet +Holz-Gebinde+[315]; das Fahrzeug ist eigentlich
-ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht
-gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten,
-sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander
-gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest
-verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst
-zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der
-Regierung geleistet!
-
-So leer die Rhede von Point de Galle, +so voll ist der Hafen+ von
-Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und
-Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay,
-Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren
-Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach
-Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O.
-Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd,
-der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch
-vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line,
-Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. --
-Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des
-Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.
-
-Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten
-vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen
-Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen
-und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das
-Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört
-das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges
-Völkchen vergröberter Yankees.
-
-Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen
-Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken
-können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in
-einen der +sichersten und bequemsten Häfen+ des Ostens umzugestalten.
-Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der +Wellenbrecher+
-(Breakwater).
-
-Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss
-ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer
-Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm.
-Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16-32 Tonnen Gewicht,
-die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über
-Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die
-Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.
-
-500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens;
-die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für
-die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet.
-Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie
-die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich
-in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet.
-Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der
-Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der
-Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen.
-Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1/10 der Kosten
-des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf
-eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock
-herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand
-der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen
-werden.
-
-Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck
-hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem
-Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme
-Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das
-Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende
-Sonne entzückend. Ich war aber +ganz allein+, wie schon öfters auf den
-berühmten Spazierwegen der Reisebücher, -- nur zahlreiche eilfertige
-+Krabben+ kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.
-
-Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung
-des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller
-Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.
-
-Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das
-Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber
-endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild
-des +europäischen Stadttheiles von Colombo+ sehr gefällig ist. Der Name
-Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen
-Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt
-sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um
-Begrüssungsschüsse abzufeuern.)
-
-Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard
-(+Yorkstreet+) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei
-Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün.
-Der stattliche +Tulpenbaum+ (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in
-den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen
-Schatten.
-
-Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P.
-& O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen
-Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.
-
-Von dem Landungsplatz nach Osten zieht +Churchstreet+, an deren Ende
-ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (+Gordon’s+ G.) und
-der +Wohnsitz des Gouverneurs+ (Queen’s house). Vor diesem steht
-die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard +Barnes+. Das Kunstwerk ist
-mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren
-1820-1822 und 1824-1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch +Anlegung
-von Strassen+. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine
-einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute
-Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war
-die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die
-erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post
-von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur
-Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben
-sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55.
-Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung
-zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.
-
-Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen
-und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die
-Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die
-reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen,
-ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu
-lassen; und biege nach rechts in die +Princess-Street+ ein, wo in
-riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die
-vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.
-
-Es zieht mich zur +Post+, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird.
-Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige,
-von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die
-Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die
-Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich
-mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12
-Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)
-
-In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor
-ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken
-nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab
-Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen
-wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren schliessen. Aber
-der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den
-Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte
-die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden
-war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen
-Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New
-Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste
-im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen.
-(Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch
-diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht
-das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt
-es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen;
-darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.
-
-Ich gehe noch weiter südlich nach +Chatam-Street+, die mit
-Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen
-Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die
-Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der
-+Glockenthurm+, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm
-benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist
-einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf
-17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das
-mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des
-Herrn +Freudenberg+, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu
-den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt
-er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch
-Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen
-Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und
-ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene
-Bristol-Hotel.
-
-Danach tritt die +tropische Mittagshitze+ in ihre Rechte. Ich
-verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige
-Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage
-nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot)
-und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr
-wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und
-wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten
-in der Veranda.
-
-Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und
-+Schlangenzauberer+[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen
-Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem
-flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt
-auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt
-und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten
-Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch
-einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt,
-ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen
-worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen
-vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler
-einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit
-des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz
-unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum
-Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein
-auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie
-ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres
-(Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die
-Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der
-alte +Schlangendienst+ der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren
-bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man
-sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb
-eingeschlossen und in den Fluss geworfen.
-
-Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist +das Wachsen des
-Mangobaumes+, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf
-den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und
-bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand
-eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht
-nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige
-Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere
-Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.
-
-Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch
-nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in
-derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit
-der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige
-Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag
-über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.
-
-Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und
-grauem Vollbart; es ist +Arabi Pascha+ aus Aegypten, den die Engländer
-nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen
-Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem
-Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und
-zum Ersatz erhalten haben.
-
-Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen
-Einspänner, natürlich mit einem +Pferde+; 2 Rupien beträgt
-der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die +Ochsendroschken+[320]
-der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die
-Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für
-die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder
-Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach
-Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder
-nicht, zunächst nach den +Zimmtgärten+ (Cinamom gardens).
-
-Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das
-Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (+Pettah+,
-d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten
-Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und
-angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur
-linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen
-fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die
-Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.
-
-Dann kommt der +Trödelmarkt+, der eigentliche Anfang von Pettah,
-mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren
-und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten
-Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde
-der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen
-Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet.
-Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt.
-
-Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der
-mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es
-vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen
-unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld
-und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der
-Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu
-schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein +Hindu-Tempel+,[321]
-ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl
-von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten
-und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball
-von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch
-ein vereinzeltes Andenken an die +holländische+ Zeit, ein alter
-Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute)
-Wolvendal-Kirche der Reformirten.
-
-Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach +Lake+ oder
-Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des
-Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt +nördlich+ von Colombo in’s Meer
-fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich
-aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die +Sklaven Insel+ (Slave Island),
-so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die
-Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es
-ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um
-diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf
-die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende
-von Colombo, die Vorstadt +Kollupitya+, von den Engländern kürzer
-Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch
-zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem
-Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von
-den +Zimmt-Gärten+ eingenommen wird.
-
-Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem
-Namen verbunden und gar die alte +Fabel+[322] geglaubt hat, dass die
-würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien,
-wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.
-
-Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die
-Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch
-besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige
-abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich
-Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des
-Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten
-aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum
-Verkauf an.
-
-+Zimmt+, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten
-Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen
-Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird es
-erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den
-Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.
-
-Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und
-erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter
-blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus
-China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt
-unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen +Zimmt-Insel+
-veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der
-Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss
-Ceylon’s vor +Ibn Batuta+, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr.,
-jemals erwähnt wird.
-
-Die +Holländer+ machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten
-den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen
-Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich
-aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde;
-aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der
-Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie
-den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu
-beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss
-in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste
-Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von
-8 bis 18 Mark das Pfund.
-
-Unter der +englischen+ Herrschaft erhielt zuerst die ostindische
-Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund
-aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis
-½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze
-gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus
-Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323]
-ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare.
-Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3
-Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum
-bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen
-bearbeitet.
-
-Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss
-Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von
-diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne
-Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der
-Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von
-1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der
-fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15-20 englische
-Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten
-des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die
-Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4
-bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.
-
-Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu
-vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss
-lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser
-abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich
-geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die
-Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten,
-auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf
-werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel
-gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine
-Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert.
-Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die
-Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem
-Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im
-Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von
-30 Pfund fest verpackt.
-
-Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische +Zimmtöl+. Dasselbe
-wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation
-mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu
-wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die
-+Zimmtblüthen+ kommen hauptsächlich aus China.
-
-Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die +Ackerbauschule+,
-die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H.
-+Meyer+ darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte
-bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund
-Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt
-einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah
-neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes
-Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen
-verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“
-
-Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische
-Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der
-Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu
-verbreiten.
-
-Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige
-+Victoria-Park+, in dessen Bereich das +Museum+ liegt. Dieses habe ich
-wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte
-und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen,
-dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde.
-Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis
-ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige
-Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.
-
-Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. +Gregory+, der
-von 1872-1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt,
-dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an
-die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That
-ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den
-Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine
-Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £
-gekostet.
-
-Der Inhalt der +Sammlungen+ ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst
-mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und
-eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen
-Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster
-Gegenstand die +singhalesischen Alterthümer+ zu erwähnen: die berühmten
-Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann,
-meinem Studiengenossen Dr. +Goldschmidt+ verdanken, der als Professor
-zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist;
-Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich
-gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und
-Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch
-solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden,
-sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten
-+Masken der Teufel-Tänzer+, welche die Krankheiten beschwören. Diese
-Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der
-Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der
-Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der
-Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer
-(Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz
-nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um
-Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger
-Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber
-Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und
-noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon
-1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.
-
-Ferner sind vorhanden +Natur- und Kunsterzeugnisse+ der Insel. Die
-ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen
-hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch
-gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und
-Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine +ethnographische+
-Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der
-Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An
-der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das
-spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.
-
-Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der
-Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die
-Buddha-Lehre noch lebendig ist.
-
-Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung mit ihren Säugethieren,
-Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen
-ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke,
-wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei
-Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der
-erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie
-mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und
-angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene
-Eisenbahnschienen verwundern.
-
-Die +Rückfahrt+ nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum
-(Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte
-Säulenhalle bildet, über +Southern drive+, eine unvergleichlich schöne,
-vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein
-Denkstein meldet, dass Sir Henry +Ward+ diesen Weg 1856 begonnen, 1859
-vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der
-Frauen und Kinder von Colombo.
-
-Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des
-Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die
-Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und
-blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des
-Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger
-und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren
-Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch
-den kleinen Stadttheil +Galle-Face+ mit seinen prachtvollen Palmen
-zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft des Abendessens die
-unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke
-ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball
-sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den +Häckel+
-vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu
-sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze
-Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder
-in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten
-und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht
-lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.
-
-Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick
-in +Gordon’s Garten+ zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur
-Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von
-einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot
-der +singhalesische Don Juan+, das lange rabenschwarze Haar zierlich
-gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend,
-geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel,
-einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste
-gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von
-tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll,
-wie bei uns im Herzen von Europa.
-
-Das +Mittagessen+ im +Oriental-Hotel+ (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die
-ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder
-kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s
-Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft
-zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber
-mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier
-erträglich. Kühlung fächelt die Punka.
-
-Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine
-Cigarre dazu, -- in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für
-alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst
-höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen
-der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), -- als ob es keine
-Frauen in der Welt gäbe.
-
-In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.
-
-Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der
-Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung
-zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den
-Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.
-
-Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener
-Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22°
-C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers
-sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige
-Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.
-
-Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt,
-schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen
-des +Höllenlärms+ auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre
-Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer
-mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt
-gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht
-gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der
-friedlichen Vorstadt.
-
-Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und
-verscheucht die Nachtschwärmer.
-
- * * * * *
-
-Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in
-der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten
-zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien,
-Banya in der nördlichen Vorstadt +Kotahena+, in der südlichen Colpetty
-und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten.
-Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow)
-entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe,
-Rheinland.
-
-Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten,
-wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach
-des darauf erbauten +Wasserbehälters+ erklimmt. Hier, in einer Höhe
-von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an
-ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen
-+Palmenwald+, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie
-vergraben.
-
-Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7
-Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu
-Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern
-der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen
-Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt, welcher
-8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei
-Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.
-
-Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen
-wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen
-Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines
-Einspruchs.
-
-In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich
-Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein
-Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und
-geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den
-wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der
-durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem
-italienischen Dorfe stehen.
-
-Einer der schönsten +Ausflüge+ von Colombo geht nach dem
-+Buddhistentempel von Kelani+. Durch Pettah und die nördliche
-Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo
-einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen
-stehen.
-
-Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges
-Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den
-Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die
-feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen);
-ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt.
-Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der
-Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an
-den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein
-Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit
-entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz
-bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.
-
-„In dieser Armuth, welche Fülle!“
-
-Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz
-(curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak);
-gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und
-unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche
-Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird
-allenthalben feilgeboten.
-
-Wir erreichen den besuchten +Grandpass-Markt+ mit echt asiatischem
-Dorfleben und die Schiffsbrücke über den +Kelani Ganga+.[329]
-
-Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten;
-sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem
-Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch
-noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um
-die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag
-zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne
-Gürtelbrücke errichtet werden.
-
-Der +Kelani+- (oder Kalany) +Fluss+ hat eine Länge von 157 km und ein
-Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem
-Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten
-Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen +Tempel+. Der
-letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden
-Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200
-Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches
-Werk.
-
-Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von
-Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern.
-Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.
-
-Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches
-Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser
-Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer
-Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt,
-dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere,
-sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen
-lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren.
-Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.
-
-Nunmehr bekam ich auch +Buddha+ zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss
-lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner
-rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame
-Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich
-praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen
-früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum
-Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen
-in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat,
-findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu,
-Shiva und Ganesa.[330]
-
-In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang.
-Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.
-
-Einen zweiten Ausflug, nach +Mount Lavinia+, machten wir mit dem
-Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten
-die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die
-Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden
-mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten,
-herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere,
-kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam
-bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern
-um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung
-erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem
-Dämon (Yakha) geweiht ist, -- oder auch dem Buddha oder dem Vishnu
-oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges
-Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben
-will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen,
-jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist
-das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine
-wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und
-auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem
-Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe
-ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein
-biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete
-Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.
-
-Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten
-anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint,
-zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann
-der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und
-aufrecht erhalten.
-
-Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen,
-mir eine +Kokosnuss+ herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht
-gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in
-Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in
-einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen
-Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts
-gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und
-mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten
-des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse
-Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem
-grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein
-wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss
-ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem
-Europäer vorkommt,[332] -- Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall
-die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der
-Mittagsgluth wieder zu Hause.
-
-So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem
-Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie
-sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.
-
-Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers
-gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern;
-dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende
-Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit
-zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die
-stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und
-darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen
-Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort
-draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische
-Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer
-Betrachtung, die Menschen, -- Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso
-fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu
-entziehen vermag.
-
-Der +Singhalese+ ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis
-zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem
-und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten
-auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus
-Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die
-eigenthümliche weibische Haartracht der Singhalesen ist schon vor mehr
-als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten
-besonders angemerkt worden.[333]
-
-Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen
-langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus
-einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der
-schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch
-ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock
-und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und
-zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das
-lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen
-und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur
-Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.
-
-Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den
-Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer;
-aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit
-Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche
-für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom
-Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem
-unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.
-
-Bei den +Tamilfrauen+ ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu
-kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind,
-auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis
-drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe.
-Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht;
-namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke
-Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein
-lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.
-
-Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen,
-kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln,
-dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel
-um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig
-herabhängt.
-
-Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die +Chetties+
-mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein
-grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den
-Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und Baumwolle
-und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie
-vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl
-sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum
-heutigen Tage auf Palmblätter.
-
-Die mohammedanischen Indo-Araber oder +Mohren+, in Colombo ein Fünftel
-der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge;
-sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen
-und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder
-Pantoffel.
-
-+Juden+ sollen in Ceylon fehlen.
-
-Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.
-rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen,
-welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer-
-und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12.
-Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon
-aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier
-Christen, vier Muselmännern, vier Juden.
-
-Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten
-wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder
-und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen
-abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei,
-erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das
-+Abkömmlinge der alten+ sind, oder +neue Ankömmlinge aus Bagdad+, deren
-man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.
-
-
-Kandy.
-
-Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von
-Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach +Kandy+.
-
-Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein
-hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein
-Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie.
-
-Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und weiter
-bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya,
-128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy
-bis Matale, 22 engl. Meilen.
-
-Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen)
-und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]
-
-(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist
-man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch
-hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna
-vorbereitet.)
-
-Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut,
-mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll,
-mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von
-1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.
-
-Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der
-Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen
-Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland
-durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.
-
-Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in
-englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss
-ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling
-im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine
-Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche
-Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den
-bevorzugten, ja unvergesslichen.
-
-Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer
-gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich
-geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen
-gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen
-Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl
-Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo
-und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure
-Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der
-Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien,
-aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam
-ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die
-verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer
-muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen;
-in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.
-
-Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt.
-In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein
-Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz.
-(Fort-Station.)
-
-Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch,
-aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger
-Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter
-Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.
-
-Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da
-112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto
-mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die
-Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter
-Classe.[339]
-
-Wir fahren um den See herum nach dem +Haupt-Halteplatz+ von Colombo
-und von da über +Maradana-Anschluss+,[340] wo reichlich Gelegenheit
-zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird,
-nordöstlich zur +Eisenbahnbrücke+ über den Kelani-Fluss.
-
-Der erste Theil der Fahrt geht durch +ebene Gegend+, hauptsächlich
-+Reisfelder+, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch
-zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im
-Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe
-auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu
-suchen.
-
-Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit,
-1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis
-gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.
-
-Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und
-Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf
-niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter,
-umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume
-mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen
-Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen
-weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie
-Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit
-offen gegen eine Palmenpflanzung.
-
-+Reisbau+ ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen
-im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel.
-Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die
-künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser
-Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v.
-Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von
-den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört
-worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür
-von 1867-1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000
-Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen
-unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide
-bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige
-Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342]
-oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der
-Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich
-zugenommen.
-
-+John Ferguson+, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon
-zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines
-Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der
-+Reisbau-Steuer+ (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre
-gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das
-Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere
-Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der
-armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.
-
-Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen +Gartenbau+ in Betracht
-(Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein
-wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.
-
-Sehr zahlreich sind die +Halteplätze+, über ein Dutzend. Der Zug
-braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer;
-macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.
-
-Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen
-Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern
-von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die
-kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.
-
-Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet
-der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine
-frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für
-uns ist ein +Erfrischungswagen+ eingeschoben, in dem ein vollständiges
-Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte,
-nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.
-
-Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne
-die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des
-Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn
-sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die
-Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man
-sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte
-Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich
-steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten
-geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar:
-fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder,
-die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und
-Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss
-Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald
-(Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz
-stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen
-Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.
-
-Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher
-den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist:
-ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im
-Felsengebirge von Canada geniesst.
-
-Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug
-an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten
-schweift, ohne einen Halt zu entdecken. +Sensationrock+ heisst diese
-Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.
-
-Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem
-eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse
-denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel
-Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir
-einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach
-+Queen’s Hotel+, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem
-Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet,
-sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.
-
-+Kandy+, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der
-erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie
-die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von
-drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der
-Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die
-Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu
-Peradenia.
-
- * * * * *
-
-Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den
-singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden
-zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel
-gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen
-Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.
-
-1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von
-Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine
-Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm.
-Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586
-in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren
-Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung.
-Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in
-den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst
-gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder
-in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der
-+Gallas+-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man +höre+,
-wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke
-bei Malwané hinabgestossen, damit man +sähe+, wie die Krokodile sie
-verschlingen.
-
-Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die
-Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen
-Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen
-gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in ihre Gewalt
-zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern
-und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, -- schon
-1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien
-der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in
-Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638
-und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der
-Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen.
-Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel
-der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in
-Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.
-
-Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es
-zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische
-Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu
-kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672
-mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer
-Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine
-Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und
-als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die
-Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die
-Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.
-
-Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der
-holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.
-
-Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen
-Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein
-blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber
-der englische Gouverneur, Herr F. +North+, Earl of Guilford, nahm
-thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers
-Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als
-ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts
-und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine
-englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth
-der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer
-sowie den Schatten-König ermorden.
-
-Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer
-Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten
-Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb
-aufgeschoben.
-
-Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen
-Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten
-und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen
-Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter
-Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König
-einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische
-Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man
-eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.
-
-In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das
-Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass
-die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt
-und -- ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte
-bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so
-dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an
-die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen
-eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der
-Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem
-herrscht Frieden im Lande.
-
- * * * * *
-
-Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte
-rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.
-
- ----+-----------+-----------+----------+-------+---------------
- Jahr|Bevölkerung| Einkommen | Bebautes | Handel| Tonnengehalt
- | |der Colonie| Land | |der Schifffahrt
- | | £ | Acres | £ |
- ====+===========+===========+==========+=======+===============
- 1815| 750000 | 226000 | 400000 | 546000| 75000
- 1888| 2800000 | 1540000 | -- |9800000| 4500000
- 1893| 3000000 | 1300000 |4850000[345]|9200000| 5000000
- | | (Ausgabe | | |
- | | desgl.) | | |
-
- ----+-------------+--------------+-------------
- Jahr|Reg.-Ausgabe | Reg.-Ausgabe | Armen-
- |für Erziehung|für Gesundheit|unterstützung
- | £ | £ | £
- ====+=============+==============+=============
- 1815| 3000 | 1000 | 3000[346]
- 1888| 46000 | 60000 | --
- 1893| 50000 | 50000 | 8000
-
-Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von
-anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern
-die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.
-
-Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder
-Buddha-Tempel seine Schule.
-
-Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen
-ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind
-unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der
-Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken
-beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle;
-es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten,
-Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90
-Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)
-
-Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im
-Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht,
-um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den
-Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien
-geliefert werden.
-
-Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer
-zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde
-Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft.
-Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden,
-schliessen jeden Einheimischen aus ihren +Clubs+ aus. Und dabei
-spotten sie über +Kasten-Vorurtheile+, die übrigens im buddhistischen
-Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war
-im +Polizeigericht+ zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am
-Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein
-schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser
-Flüstersprache, -- wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm
-zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien,
-die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende
-Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren
-zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes
-von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde
-sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete,
-zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich
-fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von
-der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte
-er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ -- „Kann sie nicht
-Berufung anmelden?“ fragte ich. -- „Oh nein, dann müsste sie 50
-Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am
-Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf
-nicht.“
-
-Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht
-auf kostenlose Vertheidigung erzählte.
-
-Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts.
-Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht
-der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen
-beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller
-Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.)
-Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein
-bürgerliches in Bearbeitung.
-
-Ein +Armen-Gesetz+ giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in
-diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in
-London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines
-neunjährigen Aufenthaltes.
-
- * * * * *
-
-Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von
-Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten
-Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken
-mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich
-Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.
-
-Als +Buddha+ bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach
-zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt
-haben. Ihre Vorschriften sind +bana+, das Wort; ihre Lehre +dharma+,
-die +Wahrheit+. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue
-Lebensform über, sondern ein in das +Nirwana+, einen Zustand seliger
-Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger
-Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.
-
-24 Buddha waren +vor Gautama+, welcher der vierte in der jetzigen
-+Kalpa+ oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis
-ein neuer Buddha erscheinen wird.
-
-Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze
-von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde
-von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll,
-bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als +drei
-Mal die Insel Ceylon besucht+ haben. Der heilige Fussabdruck auf dem
-Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss
-seines letzten Abschieds verehrt.
-
-Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an
-seinem Todestage, 543 v. Chr., +Wijayo+, der Sohn eines Kleinfürsten
-aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete
-und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings
-geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie
-begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der
-Singhalesen (Mahawanso) als +Yakkho+ oder Dämonen und als +Naga+ oder
-Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.
-
-Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte
-die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha.
-Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und,
-nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung
-der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt.
-Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie
-Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des
-Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta
-nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen
-Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens
-über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen
-Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung
-gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der
-Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss
-mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der
-Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura
-eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen
-verehrt wird.
-
-Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis
-auf unsre Tage gekommen sind:
-
-1) +Dagoba+ oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan
-Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte
-Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und
-grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh
-verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle
-das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.
-
-2) +Wihara+ oder Klöster für die Priester.
-
-3) +Chaitya+ oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem
-dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder
-er liegt in seliger Nirwana.
-
- * * * * *
-
-Aber ich eile zu der Geschichte des +heiligen Zahnes+. (Dhata datu
-zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche
-Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter
-linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga,
-gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in
-einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen
-Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und
-überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert,
-deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem
-Reisebericht des Chinesen +Fa-Hian+, der kurze Zeit darauf nach Ceylon
-gepilgert.
-
-Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien
-zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und
-die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von
-Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder
-ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu
-gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den
-heiligsten der buddhistischen Welt.
-
-Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der
-Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der
-Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold
-gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der
-eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich
-dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch
-Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und
-bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das
-Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der
-Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den
-Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die
-See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger
-der Portugiesen, als bald danach (1566) +zwei+ heilige Zähne an Stelle
-des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder
-von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen
-nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566
-angefertigt, ein Stück vergilbten Elfenbeins von 2 Zoll Länge und
-fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines
-Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu
-und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt
-geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.
-
-In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.
-
-1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da
-die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen,
-1818-1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der
-englischen Regierung den Priestern überliefert.
-
- * * * * *
-
-Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das
-Gasthaus von dem +Tempel des heiligen Zahnes+. Die Gebäude von Kandy
-erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen
-Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn
-ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit
-dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert
-worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem
-zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen
-Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische
-Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen
-Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen
-Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma
-um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen
-Portugiesen hatte erbauen lassen.
-
-Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche
-älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls
-alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen
-Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen
-enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht
-leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre
-Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch
-handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und
-bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass
-sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess
-auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“
-ganz ungehört verschallen.[351]
-
-In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die
-grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt.
-Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im
-Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen,
-welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.
-
-Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende
-Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen
-Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer
-Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der
-eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den
-Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube
-ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.
-
-Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den
-Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und
-Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich
-war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen
-Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine
-Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das
-geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch
-duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um,
-die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die
-Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum
-genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche
-diesem Zwecke dienen.
-
-Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden
-von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen,
-goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere
-Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das
-Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.
-
-In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und
-dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen
-mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen
-Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch
-gelegene Priesterwohnungen.
-
- * * * * *
-
-+Kandy hat eine reizende Lage+ an dem Ufer eines stattlichen See’s,
-den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen,
-zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten
-gut bewachsene Hügel, von 500-600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal
-einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer
-Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit
-einem Park von Rosenbäumen.
-
-An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die
-wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich
-in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen
-gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger
-Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als
-einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von
-den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der
-Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus
-(Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.
-
-Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen
-einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen +Reste
-des alten Königspalastes+ zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die
-Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet
-sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten
-Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung
-entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von
-reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine
-neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.
-
-Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem
-hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit
-Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge
-eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des
-Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen
-war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als
-Bezirksgericht verwendet.
-
-Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der +Stadt der
-Eingeborenen+. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der
-Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens-
-und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen
-Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von
-Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit,
-mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht
-uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die
-Armen-Pflege ausgiebt.
-
-Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie
-auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den
-lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden,
-vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.
-
-Mit dem +Einspänner+, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer
-ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s
-und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an
-deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das
-Thal und das felsige Bett des +Mahaweli-Ganga+[353] gewährt. Es ist
-dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer,
-sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er
-entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des
-Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in
-einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um
-schliesslich bei Trinkomale zu münden.
-
-Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück
-+jungfräulichen Buschwaldes+ (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch,
-jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün
-und blumig von unten bis oben.
-
-Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach +Askyra+, auf guter Strasse
-und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli
-überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen
-Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen.
-Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und --
-Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf
-Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der
-Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er
-behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.
-
-Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist,
-wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem
-Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt
-keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die
-Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen
-antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer
-voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden.
-„Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer
-des Flusses ist einer.“ -- „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel;
-das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ -- „Wenn du zu
-Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst, weshalb reisest
-du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu
-besichtigen?“
-
-Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen
-Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind
-seinen Puppenwagen.
-
-Der schönste Ausflug von Kandy geht nach +Peradenia+. Eine Zweiglinie
-der +Eisenbahn+ führt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und
-unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“
-dazu, um +sie+ für den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit
-sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur
-im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner
-des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine
-zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit
-Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen
-Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen
-kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und
-Lebensmitteln versorgen.
-
-Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum
-Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine
-Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen,
-welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel
-unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel
-mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar
-reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine
-grosse +Thee-Factorei+, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des
-Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein
-nahm.
-
-Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und
-Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die
-Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem
-Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner
-und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.
-
-An der Einfahrt zum +botanischen+ Garten von Peradenia empfing mich
-freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn
-Dr. +Trimen+; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten
-Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke
-zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder
-der Pflanzenwelt.
-
-Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen +Gummi-Bäumen+
-(Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und
-gewaltige Kronen von 50-60 Fuss Durchmesser ausbreiten, während
-ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt,
-schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine
-säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden.
-
-Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von +Palmen+, die kaum ihres
-Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der Insel
-+einheimischen+ Palmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es
-doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die
-Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf
-nahezu 1000 gestiegen.)
-
-1) Da ist die schlanke +Kokospalme+ (Cocos nucifera), deren
-walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100
-Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18-20 Fuss
-langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen
-von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.
-
-2) Die kerzengrade und dünne +Areca-Palme+ (Areca catechu), die bis
-über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter
-Fiederblätter, -- ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der
-Hindu-Dichter.
-
-3) Die +Fächer-+ oder +Palmyra+[354]-Palme (Borassus flabelliformis)
-wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone
-bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.
-
-4) Die +Zucker-Palme+ oder Kitul (Caryota urens).
-
-5) Die herrlichste aller Palmen ist die +Talipot+ oder Schattenpalme
-(Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100
-Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden,
-fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40
-Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich +einmal+
-aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm
-schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut,
-ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe
-ich leider nicht zu Gesicht bekommen.
-
-6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar
-nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der
-Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren
-Wurzeln kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren
-Riesenfächer dar.
-
-Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen
-und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa,
-aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein
-paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon
-besitzen.
-
-Die +Kokospalme+ scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie
-ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika
-verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser
-gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem
-Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse
-und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der
-Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen;
-Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet.
-Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung
-ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch
-der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist
-das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon.
-Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen
-und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen
-Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von
-Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer,
-z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber
-auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen
-angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der
-Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten
-1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss
-wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines
-Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und
-bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken
-der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu
-Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten
-und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die +hundert nützlichen
-Anwendungen+ der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen,
-wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch
-ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten
-in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss,
-und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B.
-in Anuradhapura, angepflanzt. Die Früchte reifen in Ceylon zu jeder
-Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8
-bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir
-Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich.
-Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume
-auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit
-Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt,
-die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500
-Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus
-folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen
-bringen.)
-
-Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die
-+Palmyra+-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern
-70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme.
-Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150
-bis 300 Jahre alt werden. Die +Palmyrapalme liefert ein Viertel der
-Lebensbedürfnisse+ für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem
-+Tamil-Gedicht+ werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes
-beschrieben.
-
-Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der
-Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte,
-Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und +Schreibpapier+ für die
-Schriften der Singhalesen.
-
-Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig
-gemacht, in Streifen (ola) von 2-3 Zoll Breite und 1-3 Fuss Länge
-geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen
-und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz
-kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser
-waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem
-Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von
-Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter
-dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die
-heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein
-wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit,
-die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit
-angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl
-als im Bau abweicht.
-
-Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen
-Bücher sind in Versen abgefasst.
-
-Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in
-592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten
-sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die
-550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und
-füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.
-
-Das +feinste+ Schreibpapier wird von dem Blatt der +Talipot-Palme+
-gewonnen.
-
-Die +Zucker-Palme+ liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24
-Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit
-dieser Palme bepflanzt.
-
-Die +Nuss der Areca-Palme+ hat einen weissen, rothgeäderten Kern,
-welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff
-enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des
-+Betel+-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei
-bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert
-Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne
-schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust
-anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker
-befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als
-Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder
-Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren
-Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas
-(calcinirten Muschel-) Kalk -- chunam -- enthält. Als ich im Postwagen
-den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse
-genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke;
-solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass
-schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten,
-welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass
-Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen
-zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte
-ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde
-sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so -- dem
-geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus
-Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt
-werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol.
-Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe
-von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000
-Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.
-
-Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des
-heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische
-Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt.
-Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch +andere
-Pflanzenwunder+, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das
-undurchdringliche grüne Dickicht des +Riesen-Bambus+. Es ist nur ein
-Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder
-1-2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer
-Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe,
--- bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus
-in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine
-Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.
-
-Von den tropischen +Farnbäumen+ werde ich bald, bei andrer Gelegenheit,
-ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-,
-Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen
-decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet.
-Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt
-zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer
-vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch
-die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen
-und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder
-Orchideen und alle Blumen des Südens.
-
-Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen
-Vegetation liegt. +Schmarda+, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf
-Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse
-Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige
-Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.
-
-150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten
-und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist.
-Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein
-solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das
-Denkmal für Dr. +Gardner+ verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner
-Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also
-mehr als ganz Deutschland. Dr. +Thwaites+, der vorletzte Director des
-Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000
-verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige
-Leiter des Garten, Dr. +Trimen+, hat einen Catalog der Pflanzen des
-Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er
-noch beschäftigt.
-
-Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit
-zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,
-kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen
-Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer
-+botanischen Station+, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer
-zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns
-Prof. +Dohrn+ in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von
-einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor +Häckel+,
-hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren
-betrieben und hierselbst eine +landwirthschaftliche+ Hochschule nach
-deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet
-werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung
-+wissenschaftlich+ erläutert und dargelegt werden könnten. +Praktisch+
-kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen,
-als auf Ceylon.
-
- * * * * *
-
-=Brief aus Kandy,= 11. November 1892.
-
- Das +Paradies+ war hier, wo jetzt ich weile.
- Das glauben Hindu und Buddhisten,
- Mohammedaner, Juden, Christen,
- Und schrieben davon manche Zeile.
-
- Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke:
- Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle,
- Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle;
- Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.
-
- Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden?
- Ich +glaub’+, ich bin mit einem Fuss im Paradiese,
- Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese.
- Und doch ist’s +falsch+. Es fehlt -- das +Weib+ in Eden.
-
- * * * * *
-
-
-Nuwara Eliya.
-
-Sonntag, den 13. November, Vormittags 10^h 45′, fuhr ich mit der
-+Eisenbahn+[359] südwärts und bergauf nach +Nanu-Oya+, 53 englische
-Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach +Nuwara Eliya+,
-5 englische Meilen in 1 Stunde.
-
-Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des
-Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen
-Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der
-Pflanzenwuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss
-über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien,
-Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen,
-ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in
-hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen
-Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze
-grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf,
-die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs
-der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel,
-die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel
-und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus
-deren Mitte der +Blüthenschaft+, einem Baumstamm gleich, emporragt.
-Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler,
-die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt.
-Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch
-+Theepflanzungen+.
-
-Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der
-Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren
-Maschinen-Häusern oder +Factoreien+, und kleinen Gruppen von Hütten,
-in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind
-hausen.
-
-Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die
-einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt.
-Die +neuen+ Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich
-in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten
-stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien,
-und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man
-auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.
-
- * * * * *
-
-Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind
-ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass
-sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie
-zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass
-viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John Ferguson
-räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine
-Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of
-pecuniary independence, +sisters would be exchanged+.
-
-Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon
-öfters gehört und seither noch genauer gelesen, +die merkwürdige
-Geschichte der Pflanzungen in Ceylon+, welche die Aufmerksamkeit des
-deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren
-gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch
-im Werden begriffen ist.
-
-Vor 12-15 Jahren war +Kaffe+ der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der
-immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné)
-stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in
-Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-+Getränk+ ist weder
-dort noch sonst irgendwo +vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr.+
-erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das +Coffeïn+,
-welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten
-ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein
-eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz
-schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die
-Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen
-aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des
-Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr.
-+Trimen+, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen,
-dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben,
-bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft,
-+van Horn+, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und
-dieselben in Batavia auf +Java+[364] anpflanzte. In demselben Jahre
-verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie
-den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre
-Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den
-Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel
-Java’s zu beeinträchtigen.
-
-Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den
-Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten
-der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und Galle. Im
-Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute
-unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2)
-Pflanzer-Kaffe.
-
-Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige
-Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.
-
-Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo
-nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365]
-+Höhen-Pflanzung+ von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei
-Peradenia.
-
-Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung
-des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in
-England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den
-Ertrag Westindiens.[367]
-
-Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368]
-und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von
-Kronland den Betrag von 40000 Acres.
-
-+So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine
-unternehmende Ackerbau-Colonie.+ Alle Hügel von Kandy bedeckten sich
-mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya
-(6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des
-Kegels vom Adams-Pik.
-
-Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel
-Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und
-Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche
-Erfolge zu zeitigen.
-
-Die ersten +Pioniere+, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in
-Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden
-behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und
-Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837
-betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde
-das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der
-Kaffe-Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000
-Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die +Kaffe-Begeisterung+
-den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter,
-Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien,
-englische Capitalisten, -- Alles kaufte Kronland und barg Gold in den
-Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre
-später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen
-Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und -- grossentheils verloren.
-
-Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die
-Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine +unglaubliche
-Bestürzung+ folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises
-wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht
-behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und
-der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.
-
-Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte
-den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften,
-mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und
-überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel
-herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha)
-unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen,
-jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der
-Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer.
-So kam ein +zweiter Zeitabschnitt des Glückes+, ja schliesslich des
-Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £
-107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £
-4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche
-einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien
-sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche
-Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England
-und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (=
-70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte
-5 Centner, oder einen Gewinn von 7-10 £, d. h. 20-25 Procent des
-aufgewendeten Capitals.
-
-1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu
-gestalten. Da kam das +Unheil+. Es war ein +unsichtbarer+ Feind,
-ein mikroskopischer +Rostpilz+, der die Blätter des Kaffebaumes
-angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in
-Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen
-liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel
-verringerte. Dieser Pilz (+Hemileja vastatrix+, Uredineae) ist zuerst
-in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von +Berkley+ und
-+Broome+ in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden.
-Nach Dr. +Thwaites+, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber
-von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen
-Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den
-Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet.
-Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum
-Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien.
-
-Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave
-disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der
-steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die
-jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000
-bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten
-sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein
-Mittel half.
-
-Der berühmte Botaniker Dr. +Marshall Ward+, der im Auftrage der
-Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit
-zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das
-heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.
-
-1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370]
-
-Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung
-war doch nicht so gross, wie 1845. Die +Gläubiger+ waren +vernünftig+
-genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als
-durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren.
-Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung £ 10000 werth ist. Das
-versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich
-später in +Tennent’s+ Darstellung der früheren Verhältnisse.
-
-Die +Pflanzer+ waren +muthig+ genug, sofort eine neue Thätigkeit zu
-unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien,
-wurden sie +gefällt+, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren
-275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer,
-die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha).
-Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern
-den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch
-Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit;
-die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao.
-
-Der +immergrüne Theestrauch+ (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die
-wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel.
-Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken
-schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um
-die Mitte des 17. Jahrhunderts.
-
-Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den
-Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast
-kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne
-mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist.
-Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate.
-Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss
-über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und
-darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873
-waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000
-und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.
-
-Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an
-8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein
-ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr
-der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland
-92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis
-1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf 4,95 für den Kopf der
-Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82
-Pfund.
-
-Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von
-feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon
-empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.
-
-Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372]
-gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den
-Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre
-von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.
-
-Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee
-günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373]
-weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die
-Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60
-Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen
-Tamilen gut auskommen.
-
-Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und
-Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen
-Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele
-Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf
-Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das
-gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen
-und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der
-Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr
-von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das
-zehnfache angestiegen ist.
-
-Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach
-Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer
-Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich
-sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen
-ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.
-
-Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind
-dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.
-
-+Cacao+ (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von
-nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10-20 Centimeter lange, 5-7
-Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem
-Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den
-Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die +Chocolade+ geben.
-Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und +latl+ = Wasser.
-Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den +Mexicanern+
-vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach
-Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt
-unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade
-verkündigt.
-
-Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das
-+Theobromin+, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr
-ähnlich ist.
-
-Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege
-von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen
-Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer
-Uebersetzung eifrigst studirte.
-
-Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878
-betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen
-Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (=
-4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen
-können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie
-beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute,
-windgeschützte Lage erfordern.
-
-Mit +Cinchona+, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus
-den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres
-auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879
-der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres =
-24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15
-Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen
-plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377]
-Chinin, von 12 Shilling), der für die Leidenden zwar sehr glücklich,
-aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von
-Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891
-war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen.
-
-Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller
-ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine +Ergänzung+ der
-Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.
-
- * * * * *
-
-+Nuwara Eliya+[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der
-Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu
-einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That
-ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die
-Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen +
-2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es
-giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen,
-als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene
-zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100
-englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein
-Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu
-finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar
-eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.
-
-Das +Grand Hotel+ von Nuwara Eliya preist sich selber als das
-+schöngelegene Curhaus von Ceylon+ und druckt einen Brief ab von dem
-früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die
-Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.
-
-Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und
-Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus
-Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima
-behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden +Kaminfeuer+, --
-das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit Banff im canadischen
-Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder
-mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden
-Europäer, als für die Durchreisenden.
-
-Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras
-+fette+ Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit
-gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall
-Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten;
-aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen
-See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die
-ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem
-Pedurutallagalla.
-
-Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut
-ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit
-Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die
-Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein
-Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.
-
-Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges
-Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als
-Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim
-schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich
-ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als
-Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht
-zur Unterhaltung anzuregen.
-
-Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines
-einheimischen Knaben, auf den Gipfel des +Pedurutallagalla+,[382]
-des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel,
-2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von
-dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer,
-waldbedeckter Maulwurfshügel“.
-
-Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen
-konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.
-
-Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohnsitz der
-Eingeborenen, dem sogenannten +Markt+ (Bazar), wo wieder verschiedene
-englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden
-betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit
-zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen
-des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern.
-
-Nur +Laubbäume+ sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in
-Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem
-Garten von Hakkagalla.
-
-Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt
-mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von
-Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang
-herabhängenden +Moosbärten+ geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus,
-als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch
-zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein
-förmlicher Urwald.
-
-Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit,
-theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört
-der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.
-
-Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald
-nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist
-seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen +wir+ erst hinein und
-müssen sie in uns tragen.
-
-Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort
-oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe
-mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren
-Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag
-dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie
-von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war
-nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild;
-für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel
-in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So
-blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst
-auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei
-dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind
-unvergesslich.
-
-In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich,
-ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das
-ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.
-
-Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem +botanischen Garten+ der
-Regierung, der in +Hakkagalla+ liegt, 6 englische Meilen südöstlich
-von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm,
-für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s,
-dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker
-und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen
-+Baumfarn+ besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich
-erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen
-und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht
-der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte
-mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht,
-sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner
-Besuchs-Karte befindlichen Wortes +Ophthalmology+[387] rathlos
-grübelte, dann der Director selber, Herr +Nock+, der mir alles auf das
-freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen
-Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir
-auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen
-bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in
-Ceylon das Wichtigste geleistet habe.
-
-An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus
-der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche +Mimose+,[389]
-die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren
-Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen
-über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.
-
-Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und
-die beiden kleineren Kinder, -- die grösseren waren natürlich in
-England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier
-und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen
-(Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem
-Tisch lag Ceylon von Ferguson und +Häckel+’s indische Reisebriefe in
-englischer Uebersetzung.
-
-Mit +Vergnügen+ erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten
-Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm
-beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen
-Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das +Buch von Häckel+
-wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt,
-und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen
-Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen,
-klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen,
-an +eine Bemerkung+, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und
-vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] -- vom Schlangen-Klein in
-der Reis-Würze.
-
-„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle
-Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch
-deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem
-sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry
-vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich
-für einen Aal hielt.“
-
-Seltsamer Weise spricht auch +Hildebrandt+ (Reise um die Erde, Berlin
-1879, I, 44) vom +Schlangen-Gericht+ auf Ceylon.
-
-„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein
-neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie
-wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack
-liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal,
-bis mich die grössere +Härte+ eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend
-ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom
-Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.
-
-Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392]
-aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt
-werden, und zwar +milde+, d. h. solche, die weniger brennen, und
-+scharfe+,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im
-2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik
-Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche
-Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der
-Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit
-Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen
-sie noch Fisch oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach
-den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich,
-mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.
-
-
-Nach Anuradhapura.
-
-Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den
-Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der
-+nördlichen Centralprovinz+ von Ceylon. (North Central Province.)
-
-Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel
-zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der
-alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung
-einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben
-gerufen.
-
-Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich
-verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen
-dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht
-haben.
-
-Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya
-durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit
-der Eisenbahn nach Kandy.
-
-Auf der letzteren Strecke wird der +Adams-Pik+ in seiner vollen
-Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen
-Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten
-Wolke verhüllt. Um +diese Jahreszeit+ regnet es auf dem Gipfel fast
-unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da
-aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich
-doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten
-Berges andeuten.
-
-Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden
-Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen
-der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha,
-nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von
-Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens
-(sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in
-frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen
-und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.
-
-Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen
-die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz
-schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter
-Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche
-Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene
-Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird
-der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur
-2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die
-Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige
-Berge diesen +unbeschränkten+ Blick bieten. Die beiden +Sarrasin+
-hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu
-beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig,
-heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des
-Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche
-die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.
-
-+Häckel+ lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte
-aber die vom schneebedeckten Pik von +Teneriffa+, der fast die doppelte
-Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.
-
-In +Kandy+ war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395]
-geht nordwärts nach +Matale+, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr
-Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-,
-sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack
-in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die
-Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten
-Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach
-Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung
-(über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je
-einer Rupie erhoben.
-
-Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht
-man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.
-
-Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten
-Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy,
-nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000
-Einwohner.
-
-Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem +Rast-Haus+[396]
-zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind
-in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohlthätigen Leuten
-erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons
-hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen
-Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem
-festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings
-soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der
-Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz
-machen.
-
-Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den
-Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht
-hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem
-gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten
-gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen
-schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt
-sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient,
-und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach
-ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit.
-Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des
-„Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit
-ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.
-
-Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten.
-Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des
-Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post
-weilt, -- natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit
-voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft
-zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch,
-Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren
-Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung.
-So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei
-europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten
-und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die
-ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der
-Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.
-
-Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden
-und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz,
-wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus
-mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.
-
-Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der
-Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt
-zur Fahrt nach +Anuradhapura+. Die Zeit der Alleinherrschaft des
-Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig
-gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur +einen+ leidlich
-bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des
-verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und
-dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch
-gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben
-Fahrpreis zu zahlen.
-
-Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der
-Nordhälfte von Ceylon.
-
-Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen,
-treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung
-grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen
-und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter
-grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau
-wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den
-Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse
-ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar
-nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn
-zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer
-sehen ärmlich aus.
-
-Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen
-anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht,
-eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig
-schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht,
-dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen.
-Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen
-die Hand und lassen sich betrachten.
-
-Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls
-einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand
-und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung,
-wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen
-ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles
-Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie
-natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.
-
-Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl.
-Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden
-führte, wie +arm die Thierwelt+ in Ceylon erscheint gegenüber dem
-Reichthum der Pflanzenwelt. Auch +Häckel+ erklärt offen, dass er in
-dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die
-beiden +Sarrasins+, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel
-in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt
-Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa;
-aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also
-eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will,
-muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf
-die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.
-
-Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde,
-Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde,
-Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und
-unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein
-Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen
-empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit
-braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf;
-Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer
-Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge
-sind sparsamer, als in Süd-Europa.
-
-Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die
-von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer
-Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter
-dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel,
-so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets
-sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung
-dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen
-Schlangen[401] sich aufzuhalten.
-
-Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken
-überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch
-kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome,
-liefern schöne Landschaftsbilder.
-
-Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu +Dambulla+, das nur
-noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem von
-+Anuradhapura+ (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer.
-Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle
-des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische
-Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr +Jever+,[402]
-dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am
-nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen
-werde.
-
-Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und
-gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers.
-Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie
-hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden.
-Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt
-man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im
-grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber
-ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe
-Decke fliegt und +oben+ hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel
-ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und
-das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren
-Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten
-Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des
-+Sumpffiebers+. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten
-eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe
-Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der
-ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in
-meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo
-die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.
-
-Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer
-sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.
-
- * * * * *
-
- +Anuradhapura, den 17. November+ 1892.
-
-Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern
-geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen
-Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche,
-der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit
-beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre
-Weichen mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden
-in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in
-ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; +in+ dem Wagen
-kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber,
-in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut,
-bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen
-des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch
-zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von
-+Anuradhapura+.
-
-Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den
-+Weltstädten+ gehört er nicht; diese sind +zweisilbig+. Geneigte,
-eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über
-Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich
-vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden,
-ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.
-
-Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort
-bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den
-sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche,
-seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher
-hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.
-
-Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das +ewige Rom+;
-und auch in +religiöser Bedeutsamkeit+ mit Rom zu vergleichen: nur
-war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich
-begeisterten, ganz erheblich viel grösser.
-
-Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt
-bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines
-Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses
-Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn
-diese Völker haben früh schreiben gelernt, und +einige+ von ihnen haben
-+furchtbar viel aufgeschrieben+.
-
-Vor allen die +Singhalesen+; diese besitzen eine +fortlaufende+ Chronik
-ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.
-
-Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum
-ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass
-die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich
-auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer +Tournour+,
-ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften
-buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht
-mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf
-Palmblätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische
-Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n.
-Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer
-Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang
-es +Tournour+, mit Hilfe der später aufgefundenen +Erläuterungen+,
-das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der
-Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die
-Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben
-worden.[403]
-
-+Mahawanso+ ist der Titel dieser Chronik, das heisst +grosse Dynastie+,
-und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v.
-Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der
-aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie
-erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477
-n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar
-auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern.
-Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit
-Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes (†
-550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde
-haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken.
-Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige
-von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n.
-Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die
-Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.
-
-Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in
-Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften
-der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute
-Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist,
-liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des
-indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten,
-der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des
-Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die
-Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660
-bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.
-
-Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen
-dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.
-
-So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die
-Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355
-Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten
-Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha,
-im Jahre 1815.
-
-Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v.
-Chr., wurde die Stadt +Anuradhapura+[405] gegründet, in der Mitte
-des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit
-unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406]
-als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde
-errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete
-Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da
-jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit
-goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des
-heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern
-für fromme Väter.
-
-Schon von dem Erdbeschreiber +Ptolemaeus+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.)
-wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der
-chinesische Pilger +Fa Hian+, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr.
-Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer.
-60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs.
-Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon
-gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera)
-dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und
-mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben
-mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.
-
-Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista
-riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse
-von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung
-von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden
-Hauptdurchmessern.
-
-Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. +Bell+, ist der
-Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von
-den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.
-
-Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen,
-da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos
-Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass
-die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten
-2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch
-nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen
-Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.
-
-Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr.
-aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die
-kriegerischen Angriffe der +Tamilen+ aus dem südlichen Theil von Indien.
-
-Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung
-von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der
-Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen
-gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach
-einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in
-verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in
-Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen
-und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte.
-Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte
-der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen
-Hügelgegend suchen.
-
-Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und
-von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv,
-Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns
-wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben
-hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; +Anuradhapura ist
-buchstäblich vom Wald überwachsen+;[410] das dichteste Gebüsch und
-gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das
-meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von +Urwald+ umgewandelt.
-
-Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus.
-Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man +gerade hier+ recht
-merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit
-mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter
-Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30
-Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer
-Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern
-und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten
-Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall
-hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die
-kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.
-
-Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der
-letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die
-Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen
-Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit
-Brücken und Wege verbessert.
-
-Uebrigens war der Ort +nie vollständig verlassen und vergessen+. Eine
-Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern,
-von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten
-soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch
-die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die
-Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.
-
-Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner
-untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben
-die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem
-Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen
-wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier
-wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf
-von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind
-fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder
-die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten,
-sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte
-von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum
-Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich
-der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher,
-als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte
-Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über
-unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten
-Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das
-grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das
-Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues,
-noch nicht bezogenes Krankenhaus.
-
-+Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?+ Zunächst die +Dagoba+ oder
-Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.
-
-Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder
-glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der
-würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem
-Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem
-Sonnenschirm.
-
-Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr
-viele sind nur 10-20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit
-den +Pyramiden+ von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind
-der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.
-
-Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim
-Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den
-ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein
-müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der
-Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre
-Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren
-Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone
-gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk
-von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein
-paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.
-
-Den merkwürdigsten Anblick gewährt die +Jayta-wanarama-Dagoba+, die 330
-n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt
-aus wie ein +bewaldeter Berg+, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus
-grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze
-einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss
-in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt
-des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen
-Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre
-daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund
-Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss
-Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.
-
-Die +grösste Dagoba+ (+Abhayagiri+ = Berg der Sicherheit) wurde 87
-n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an
-die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches.
-Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405
-Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.
-
-Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist
-neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst
-getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.
-
-Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am
-merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, +Ruan-welle+, d.
-h. Goldstaub, unter +Dutugaimunu+, dem Besieger des Tamil Elala, und
-seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit
-vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber
-durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch
-ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig
-mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber
-der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der
-umgebenden Pflasterung.
-
-Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres
-Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier
-Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das
-ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist,
-während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen
-Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den
-Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.
-
-Hier findet man auch überlebensgrosse +Bildsäulen+. Zunächst die
-eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar,
-von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier
-aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn
-unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit
-altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha
-in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, -- höchstens mit denen aus
-der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch
-nicht ganz überwunden hatte.
-
-Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth.
-Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so
-vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher
-Apollo; es sind die +Dwarpals+ oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen
-Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen +(Mond-)
-Steine+ vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine
-stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum
-eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant,
-Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.
-
-Am Eingang zu einem +Felsentempel+ (Isurumuniya, ausserhalb des
-Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst
-anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, -- wenn es dem Gott
-nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.
-
-Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der
-beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die +heiligste+
-aller Dagoba, die +Thuparama+, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa
-errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.
-
-+Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien+, das auf unsre Tage
-gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold
-geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer
-Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den
-Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache
-Hülle von Stuck.
-
-Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser
-und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9
-Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei
-Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus
-je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient
-noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.
-
-Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie
-auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr
-davon zu sehen.
-
-Dagegen steht noch die +Lankaramaya Dagoba+ (von 32 Fuss Höhe), die
-allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die
-achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen +Buddha-Putten am Capitäl+.
-
-Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten
-+Paläste+. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur
-sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden,
-nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever
-zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr
-viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in
-absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach
-dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. +Bell+, statt der jetzigen
-60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen
-von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von
-Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet
-sind.
-
-Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber
-die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter
-der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch
-nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man
-tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie
-Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum
-des Orts einverleibt worden.
-
-Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste
-bezeichnet, sind Ruinen von +Klöstern+.
-
-Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch
-die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht;
-alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der
-Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue
-Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der
-Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten.
-Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen
-von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die
-Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss
-misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht,
-entsprechend den heutigen Klöstern in +Birma+,) aus Holz errichtet
-waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000
-Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes
-Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des
-Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross
-wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude
-im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute
-in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht
-geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände
-trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen
-gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer
-Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse
-Baldachin des Kaisers (Chatta).
-
-Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden
-obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde
-dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört,
-jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen
-Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.
-
-Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert.
-Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die
-einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz
-roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit
-denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als
-der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk
-(chunnam) getragen.
-
-Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen
-Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen
-sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen
-Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die
-ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss
-besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach
-Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen
-+Predigthallen+ darstellen.
-
-Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen
-empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend
-Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist
-in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in
-zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der
-Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit
-Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.
-
-Die +dritte Sehenswürdigkeit+ von Anuradhapura sind die +Wasserbauten+.
-Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der
-Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit
-zierlichen Treppen versehen.
-
-Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit +aufgemauertem+ Damm,
-was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst
-beim Volk und beim Führer der +See der Riesen+.[418] Er wurde in alter
-Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt.
-Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen
-und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.
-
-Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach
-eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen
-See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische
-Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm,
-der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So
-entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische
-Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90
-Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch
-und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die
-gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die
-Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch
-den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der
-Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so
-grosse Seen geschaffen.
-
-König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast
-erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch
-die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela
-geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben
-haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.),
-hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere
-Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke,
-die verfallen waren, wieder erneuert.
-
-Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen
-Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche
-wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere
-Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals
-Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt,
-und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.
-
-So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000
-Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an
-hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.
-
-Aber die +allergrösste Merkwürdigkeit+ von Anuradhapura, wenigstens
-nach Ansicht der Eingeborenen, ist der +heilige Feigenbaum+. Sein
-Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte,
-höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.
-
-Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter
-dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom
-König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen
-Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen
-Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste
-geschichtliche Baum der Welt.
-
-Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt
-wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen.
-Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen,
-langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden
-als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5.
-Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am
-heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459-478 n. Chr.)
-schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der
-Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem
-prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige
-Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein
-fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt
-einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer
-(Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden
-Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden
-Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.
-
-In der Nähe sind Priester-Wohnungen.
-
-Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte
-der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser
-unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.
-
-Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden
-Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie
-zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten
-vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien
-oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden
-verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit
-zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum
-vorstellen, dass auch dieses Volk eine +mehrtausendjährige+ Geschichte
-besitzt.
-
-Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das
-Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung
-gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur
-zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr
-denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche
-einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer
-heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.)
-hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf
-gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder
-vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte
-Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen
-Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.
-
-Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben
-waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die
-Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8.
-Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die
-neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach
-der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr.
-eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war,
-die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in
-Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli,
-„weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken
-und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes
-Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern
-vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten
-und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.
-
- * * * * *
-
-Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur
-geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens
-8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war
-etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich
-den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die
-+Felsentempel bei Dambulla+ nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der
-bläuliche Glanz der +Leuchtkäfer+, die zu Tausenden um die feuchten
-Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender
-Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und
-Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch
-angemeldet.[421]
-
-Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser,
-Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen
-Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der
-Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die
-Fahrt nach Colombo fort.
-
-Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von
-der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z.
-B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders
-deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der
-Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht
-bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden
-beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets
-lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom
-Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling).
-Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht
-zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu
-erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die
-Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei
-noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in
-dieser Hinsicht bevorzugt.
-
-Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war
-ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in
-Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie
-Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld
-und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die
-Silber-Rupie wird in beiden genommen.
-
-Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes
-+Lebewohl+, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.
-
-
-
-
-VII.
-
-Ostindien.
-
-
-Der Dampfer +Shannon+ ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten
-Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht
-gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern
-auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen +missbräuchlich+
-die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin
-wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der
-Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler
-und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die
-im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff
-umkreisen und nach Münzen tauchen.
-
-Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze
-von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem
-Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der
-Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von
-Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht
-weniger als sechs Tage, da einerseits in +Madras+ gehalten wird,
-andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den +Hugli-Fluss+,
-an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu
-liegen, um die Fluth abzuwarten.
-
- * * * * *
-
-Log-Bericht.
-
- Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.
-
- Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53
- bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.
-
- Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.
-
- Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.
-
- Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel
- Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem
- Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.
-
- Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer
-Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten
-Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere,
-Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme.
-Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur
-kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist.
-Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters,
-eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine
-gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern
-des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche
-Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter
-vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in
-der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war
-ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen
-über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen
-gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von
-der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit
-angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum
-Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter,
-namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die
-Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff,
-einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen.
-Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch
-achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath
-herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach
-25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als
-Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es.
-Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr
-Grab in Indien.
-
-Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6
-Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste
-von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten
-Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des
-25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt.
-Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der
-Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so
-ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie
-die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der
-Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.
-
-Ich lese +Thackeray’s+ Vanity fair und bereite mich auch für Indien
-vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen
-Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem
-erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen:
-erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich
-sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie
-derselben.
-
-Nachmittag um 5 Uhr sind wir in +Madras+. Dies ist die dritte Stadt
-Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der
-gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000
-Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.
-
-Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat +keinen Hafen+.
-Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt
-von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren
-freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die
-Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische
-Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen
-ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten
-Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des
-Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht
-als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu
-Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die
-vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der
-neuen Schutzanlagen.
-
-Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den
-flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne
-Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines
-kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich,
-weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine
-kräftige Hafenpolizei am Platz.
-
-Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen,
-an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen
-und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche
-beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High
-court), sehe ich vom Schiff aus.
-
-Sehr bald beginnt ein unerhörtes +Gewühl+ am Schiffsbord.
-Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln,
-Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine +Gaukler-Familie+
-erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der
-+Spiritisten+, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des
-Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird
-an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch
-einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser
-mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; --
-und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb
-hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.
-
-Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an
-Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November,
-Morgens früh um 6 Uhr, dass wir +vor Anker+ liegen, und zwar gegenüber
-der niedrigen Tiger-Insel (+Saugar Island+) mit Flaggenstange, einem
-eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit
-einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu
-den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen
-sein soll.
-
-Der Hugli ist höchst +gefährlich+, kann bei Nacht gar nicht und bei
-Tage nur +mit+ der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen
-Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die
-tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz
-besonders gut bezahlt und geachtet.
-
-Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie
-wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem
-Wasser emporragenden Masten des Wracks der +Anglia+, eines grossen
-Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch
-Nachmittags vor +Diamant-Harbour+ wieder Anker und verbleiben so über
-Nacht.
-
-Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem
-Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt
-worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war
-geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen
-Herrn, die ihnen vorgestellt waren.
-
-Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker.
-Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten
-Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der
-Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen
-„Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch
-mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt
-belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der
-Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir
-sind in +Calcutta+, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.
-
-Schon vorher waren die +Zollbeamten+ an Bord gekommen. Sie benahmen
-sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag
-ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium,
-die +Niemand+ in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen
-Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die +Jeder+ mit sich führte.
-Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen
-Revolver aus der Tasche.
-
-Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig,
-den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem
-grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr
-von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen,
-andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.
-
-Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu
-erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist
-das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422],
-der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen
-Räume eilt, -- aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die
-gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe
-wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon
-keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein
-schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.
-
-Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem
-Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche
-die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen
-stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen
-und für den +Nachweis+ der Droschke -- deren Hunderte dastehen, -- und
-des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen
-beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen
-einfach den Rücken dreht.
-
-Das +Great Eastern Hotel+, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten
-Reisenden unseres Dampfers, des +Postschiffes+ von London nach
-Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die
-Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit,
-mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir
-eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in
-dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die
-Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in
-meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich
-allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich
-schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es
-gilt eben für fein, in +diesem+ Gasthaus[423] abzusteigen und hieher
-die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese
-englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit
-vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (+Bellevue+
-der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach
-indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein
-eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und
-Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich,
-einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und
-mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee
-und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden
-behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert
-er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden
-und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem
-Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über
-den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade,
-zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz,
-wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in
-einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf
-meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich
-gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen
-Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen
-Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien
-mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig,
-dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse,
-wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute
-in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und
-erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen
-veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei
-unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.
-
-So bin ich also in Indien, dem +Märchenland+ für die Europäer von den
-Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft
-des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land,
-so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so
-räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die +Literatur+ über Indien.
-Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser
-heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er
-als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu
-bringen.
-
-Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich
-in englischer Sprache, von +Murray+. Ferner Führer durch die
-hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay).
-Aber die Hauptquelle ist +The Indian Empire+ by Sir William Wilson
-+Hunter+, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus
-seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des +Statistical Survey+ erst die
-14 Bände des +Imperial Gazetteer of India+ und daraus das erwähnte Werk
-gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich
-und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger
-Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich
-Ostindien“ von +Werner+, Jena 1884.) Ausserdem hat +Hunter+ noch zwei
-Werke verfasst: +A brief history of the Indian people+ und +Englands
-Work in India+. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere
-Zeit ist von +Mount Stuart Elphinstone+, der selber so thätigen Antheil
-an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of
-the Indian +Mutiny+ by Col. S. B. Malleson.
-
-Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat
-Prof. +Lefmann+ in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881-1885).
-
-Für die indische Kunst kommt in Betracht +Industrial arts of India
-by Sir G. Birdwood+. +J. Fergusson’s History of Indian und Eastern
-Architecture+ scheint das einzige Werk über +indische Baukunst+ zu
-sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen
-wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden
-Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in
-Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr
-lehrreich ist Albert +Grünwald’s+ buddhistische Kunst in Indien, Berlin
-1893.
-
-Ueber +Alterthümer+ erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke
-immer nur +Jas. Prinsep’s+ Essays on Indian Antiquities (zwei Bände,
-London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen
-Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir
-Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch
-heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. +Lassen+
-in Bonn (1844-1861 und 1867-1874, vier Bände).
-
-Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges
-Büchlein von unserem +Max Müller+ in Oxford: +Indien+ in seiner
-weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat
-bekanntlich den ganzen +Rigveda+ herausgegeben, das unermüdliche
-Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische
-fertiggestellt. Die +indische Literaturgeschichte+ verdanken wir
-unserem Berliner Professor +Albrecht Weber+ (II. Auflage, Berlin 1876).
-
-Ueber die +Religionen+ in Indien belehrt uns ein Werk von A. +Barth+ in
-Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.
-
-Die Zahl der +englischen Reisebeschreibungen+ über Indien ist gewaltig.
-Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter +Sir E. Arnolds+, und
-Picturesque India by W. S. +Caine+ (London 1891).
-
-Von +deutschen Reisewerken+ kommen in Betracht die einschlägigen
-Capitel der schon genannten Bücher von +Hildebrandt+, H. +Meyer+,
-+Lanckorónski+. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von
-Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen +Waldemar von Preussen+
-(1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer
-Zeit von unserem Professor +Reuleaux+ „Quer durch Indien im Jahre 1881“
-(Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort
-und Bild von +Schlagintweit+ (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem
-Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild
-geschilderten Landes nicht beschieden war.
-
-Die +allgemeine Länderkunde+ unseres bibliographischen Instituts
-enthält in dem 1892 erschienenen Band +Asien+ eine Beschreibung von
-Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8.
-Band von E. +Reclus+’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883)
-nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene
-+Erdkunde+ unseres +Ritter+, trotz der inzwischen eingetretenen
-Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu
-Rathe gezogen zu werden.
-
-Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über
-Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so
-sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.
-
- * * * * *
-
-Unser Name +Indien+ stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der
-grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier
-zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im
-Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria
-von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.
-
-Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der
-Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den
-Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa
-zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu
-entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im
-äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und
-begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber
-als +Ostindien+ zu bezeichnen.
-
-Das Riesendreieck von +Ostindien+ ruht mit der Grundfläche am Himalaya
-und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen
-Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur
-heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat
-eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen,
-d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte
-von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein
-Erdtheil, als ein Land.
-
-Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der
-Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von
-Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit
-seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem
-Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta
-mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland
-der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das
-Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des
-Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und
-Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II
-mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]
-
-Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch
-unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit
-anerkennen. Der britische +Vicekönig+ (oder Governor General, zur Zeit
-Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta,
-im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom
-Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.
-
-Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der
-Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück
-erwartet wurde.
-
-Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen
-(Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal,
-Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh.
-Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)
-
-Die Volkszählung von 1891 ergab:
-
- 1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,
-
- 2) 66908147 „ „ „ Schutzstaaten,
-
- 3) 561384 „ „ „ portugiesischen Ansiedlungen
- (Goa u. s. w.),
-
- 4) 282923 „ „ „ französischen (Pondichery u. s. w.).
-
-Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt
-(einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. +Noch
-nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder
-beherrscht worden.+
-
-Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und
-ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen
-fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89:
-42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den
-Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]
-
-In England leben 53,_{22} Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit
-mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,_{84} Procent
-in 225 Städten dieser Grösse. +Indien ist ein Acker-Land.+ In den
-übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt
-es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere
-+Vertheilung+ des Volkes.
-
-In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich +vier Stämme+:
-
-1) +Ureinwohner+ (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge
-17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).
-
-2) Verhältnissmässig reine +Arier+ (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.
-
-3) Die +gemischte+ Bevölkerung der +Hindu+, die aus der arischen und
-nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen
-ist, 111 Millionen.
-
-4) +Mohammedaner+ 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter
-britischer Regierung im Jahre 1872.[431])
-
-Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der
-Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen
-Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen
-Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man
-die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien
-noch 11, in ganz Indien 14 Millionen +wilder Wald-Stämme+ vorhanden
-sind.
-
-In der +ältesten+ Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken
-wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden
-Indiens. Der eine Stamm war ein +hellfarbiges+ Volk, vor Kurzem
-aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien
-vorgedrungen; +Aryer+, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten
-eine prachtvolle Sprache. Die anderen, +dunkler+ und von niederer
-Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen
-theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie
-selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den
-Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda)
-+Feinde+ (Dasyus) oder +Sklaven+ (Dásas) genannt, Schwarzhäute,
-Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen
-sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen
-die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der
-mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.
-
-Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie
-vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.
-
-Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt.
-Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die
-ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen
-und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der
-Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden
-von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer
-Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch
-die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen
-machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von
-der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt.
-Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf
-Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden.
-Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den
-+Linga+, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind
-die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also
-von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die
-dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt;
-aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon
-seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur
-ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr
-ursprünglicher Sitz war Central-Asien.
-
-Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der
-Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den
-Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese +Rig-Veda+
-sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000
-v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v.
-Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.
-
-Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter
-Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh
-war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier
-(aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in
-Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“
-Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später
-verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die
-Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem
-Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den
-Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und
-elf im glänzenden Luftkreis.
-
-Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so
-begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra.
-Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen
-Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni.
-Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige
-Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (+Brahma+, +Wischnu+,
-+Schiwa+), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch
-der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.
-
-Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen
-mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien,
-welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung.
-Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester
-Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche.
-Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den +Veda+ (dem +Wissen+, lat.
-vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die
-vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die +Offenbarung+
-(Sruti, das aus Gottes Mund +Gehörte+); die späteren +Sutra+ (oder
-+Reihen+ von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste
-dargestellt sind, fügen die +Ueberlieferung+ (Smriti, das Erinnerte)
-hinzu.
-
-Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse
-der +Kshattriya+ (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage
-+Rájput+ = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (+Vaisya+, von vis
-= Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten,
-aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. +Unter+
-ihnen stand eine vierte oder +dienende+ Klasse, +Súdra+, Ueberbleibsel
-der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den
-grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich
-theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass
-nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf
-um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern,
-aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen
-weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde
-und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.
-
-Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des
-Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:
-
-1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende
-der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen
-bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der
-armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte
-weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu,
-von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.
-
-2) Darauf gründet er eine Familie.
-
-3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln
-und führt die religiösen Gebräuche aus.
-
-4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.
-
-Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen
-Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.
-
-Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter
-sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und
-geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der
-Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die
-Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses
-gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache
-und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und
-nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus
-welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.
-
-Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss
-der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract.
-Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur +einen+ grossen Sitz
-seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn
-Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und
-Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa,
-der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen
-bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben
-und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften
-ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen
-Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren
-männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter
-der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas,
-Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu
-geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste
-(Sankya, 500 v. Chr.) die +Entwicklungslehre+, welche heute den Beifall
-so vieler Denker in Europa findet.
-
-Die Bráhmanen schufen die +Wissenschaft+. Pánini’s Grammatik des
-Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der
-Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man
-Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes
-gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“
-gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die
-Sanskrit-Literatur wurde +mündlich+ überliefert und ist darum ganz in
-Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien
-giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht
-älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in
-einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten
-Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v.
-Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen
-abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.
-
-Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die
-Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie
-sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0
-ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.
-
-Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder
-ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde
-ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu
-sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt.
-Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat
-in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler
-hinterlassen.
-
-Das +Gesetzbuch von Manu+, das die Kasten feststellt und die Vorrechte
-der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem
-Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v.
-Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein,
-als 500 n. Chr.
-
-Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen
-(Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier
-in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und
-nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische
-Dichtungen. Von Kalisada’s Drama +Sakuntala+ (550 n.Chr.) ist 1789
-eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche
-+Veranlassung+ für das Studium der indischen Sprache, Kunst und
-Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16.
-Jahrhundert) entstanden dann noch die +Purana+ (die „alten Schriften“),
-1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.
-
-Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von
-Gautama +Buddha+. (622-543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er
-478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler
-und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der
-Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss
-von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem
-Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung +allen+ Menschen eröffnet
-sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch
-eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So
-beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der
-Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.
-
-Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.),
-König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion
-und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen
-Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte
-Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder
-scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche
-Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka
-oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440
-Werken) hervorgegangen.
-
-Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander
-1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung
-entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in
-neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren
-aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen,
-was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht
-unmöglich.
-
-Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.)
-beginnt die Beeinflussung Indiens durch +Fremde+, beginnt für uns die
-indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie
-Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr.
-folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche
-grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in
-der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht
-arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.
-
-Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5.
-Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich
-wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz
-gegriffen. +Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu+, und ihre
-Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem
-Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die
-Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.
-
-Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von
-+Afghanistan+ aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische
-Turanier Baber das Reich des +Grossmogul+, das machtvoll Indien,
-zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die +Portugiesen+ hatten
-(seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber
-weder diese noch ihre Erben, die +Holländer+ im 17. Jahrhundert, die
-+Engländer+ und die +Franzosen+, gewannen zunächst Macht im Lande.
-Erst nach der +Zersplitterung des Mogul-Reiches+ (1707) +gelang es den
-Engländern+, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen,
-+festen Fuss in Indien zu fassen+. 1757 besiegte Clive den Nawab von
-Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris
-ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert
-besiegten die Engländer den Sultan Tipu von +Mysore+ in Südindien, der
-1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses
-Jahrhunderts die brahmanischen +Maraten+ in Centralindien, welche schon
-die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte
-unseres Jahrhunderts die +Sikhs+ in Punjab. Nachdem sie den Aufstand
-der einheimischen Soldaten (+Sepoy+) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde
-die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, +Indien unter die Verwaltung
-der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben+.
-
-
-Calcutta,
-
-die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste
-und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre
-1891) hat zwar den Namen von einem +uralten Wallfahrtsort+ zu Ehren
-der +Kali+, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine
-durchaus +neue+ Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige
-Städte, wie Benares oder Delhi.
-
-Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der
-englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu
-einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch
-die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender
-Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl
-der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen
-eingerichtet.
-
-Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von
-Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes
-Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta,
-eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen
-Engländer (146, Männer und Frauen,) in das +schwarze Loch+ stecken
-(+Black hole+;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in
-Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern).
-Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren
-entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden
-Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.
-
-Sofort segelten +Clive+ und Watson mit allen verfügbaren Truppen von
-Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den
-Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg
-zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive
-auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von
-Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem
-Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung
-veranstaltet, der denkwürdige Sieg von +Plassy+ (80 engl. Meilen
-nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der
-Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab
-gesetzt. +Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in
-Indien.+
-
-Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude
-sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790
-und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.
-
-Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von
-Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, +also dicht unter dem
-Wendekreis+, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt
-sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von
-Osten nach Westen 2-3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird +begrenzt+
-durch den +Fluss+ und die +Gürtelstrasse+ (Circular road, ehemals ein
-Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21
-Quadratkilometer.
-
-Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist +freigelassen+. Der
-riesige Exercirplatz (+Maidan+, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser
-fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht
-das +Denkmal für Sir David Ochterlone+, der 1823 englischer Resident
-zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher
-eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die
-Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1
-Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über
-den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule
-emporzuklimmen.
-
-Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert
-über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt
-liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des
-Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen
-zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich
-befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen
-Chowringhee-Strasse, in welcher auch der +General-Consul+ des
-Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das
-liebenswürdigste empfangen hat.
-
-Der Haupttheil der „+Stadt der Paläste+“, nördlich von dem Exercirplatz
-bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen
-sehr -- +mittelmässigen+. +Der Palast des Vicekönigs+ liegt inmitten
-eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus
-einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit
-jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch
-verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende
-nicht hineinkommt.
-
-Westlich von dem Palast liegt das +Stadthaus+ (Town-hall) in
-jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her
-genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von +Warren
-Hastings+ zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies
-ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in
-Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben
-sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz
-gleich, die Bekenner beider mit der gleichen -- Ueberhebung. Vollends
-Warren Hastings (1772-1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz
-+gleicher Rücksichtslosigkeit+ den Hindu-Fürsten von Benares und
-die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst
-wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie
-zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark,
-er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar
-freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.
-
-Das +Obergericht+ (High Court), das Secretariat und die andern
-Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen
-liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich
-und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die
-+Post+ mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider
-ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen
-Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (+Babu+)[438], welche eine grosse
-Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren
-einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die
-Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert.
-Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine
-englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe.
-Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der
-Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über
-Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing.
-(In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine
-Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen;
-die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich
-beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung
-nicht abgeschickt worden wäre.)
-
-Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,
-Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die
-englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für
-die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind
-lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man
-weit billiger einkaufen.
-
-Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (+Bow Bazar+)
-quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss
-jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East
-India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen.
-(Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie
-der letzteren.)
-
-Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die
-+Dhurumtolla-Strasse+, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich
-von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer
-kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn
-des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den
-einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände
-des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen
-feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels.
-Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch
-gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als
-Hausirer auf der Strasse.
-
-Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch
-ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber
-eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus
-zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine
-Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden
-fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur
-einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen
-Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.
-
-Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und
-Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der
-kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah
-sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich nach Abgabe eines
-Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.
-
-Seine Visitenkarte lautet:
-
-[Illustration: Rajah Sir Sourindro Mohun Tagore, K^t.,
-
- Mus. Doc.,
-
-Companion of the Order of the Indian Empire; Knight Grand Cross,
-Commander, or Chevalier of several Imperial, Royal, or Republican
-Orders, Nawab of the Persian Empire]
-
-Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.
-
-Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht,
-wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen.
-Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische
-Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein
-sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir
-indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr
-musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien
-haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten
-durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie
-nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht,
-die +Musik+ seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch
-wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass
-sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr
-durchaus gefällig schien.
-
-Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt,
-sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus +Hindu-Dörfern+
-(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche
-Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die
-Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm
-verschmiert ist. Die Vorderseite der Hütte steht bei Tage offen und
-wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier
-wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden
-sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.
-
-Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.
-
-Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke
-über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten
-gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind
-am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl
-der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen
-des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf
-lohnende Rückfracht.
-
-Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke
-sieht einer +europäischen Fabrikstadt+ ähnlich. Da schnurren
-die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen
-Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und
-Baumwollenspinnereien.
-
-Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt
-werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und
-daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.
-
-1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem
-ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden
-Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890-91) beherrscht Calcutta wie
-Bombay je 40 Procent.
-
-Die Zahl der +Sehenswürdigkeiten+ in Calcutta ist gering.
-
-Am bemerkenswerthesten ist das +indische Museum+ in der
-Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten
-Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist
-frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah
-ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban
-und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend, aber ganz
-unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. +Meyer+,
-Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt,
-wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von
-dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen,
-noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte
-Bildsäulen aller +indischen Völkerschaften+ mit ihrer Kleidung, ihrem
-Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen
-Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst,
-dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen
-ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.
-
-Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung giebt eine vollständige
-Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.
-
-+Eisenerz+ wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten
-in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.
-
-Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute
-+Kohle+[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr
-billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen,
-doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile
-der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei
-einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die
-Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast
-zu Ballastfrachtsatz.
-
-+Steinsalz+ im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der
-Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden
-Indier so nöthige +Speisesalz+ und der Regierung ein beträchtliches
-Einkommen.[444]
-
-Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal
-(Nord-Behar) einen grossen Theil des +Salpeters+ für das Schiesspulver
-Europa’s.
-
-+Silber+, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im
-Lande gefunden. +Gold+ wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die
-Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die
-neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt. +Kupfer+
-wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden.
-Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).
-
-+Kalkstein+ (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam)
-wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra
-bestehen aus dem rosafarbenen +Marmor+ der Rajputana.
-
-Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an +Edelsteinen+, der Indien
-zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr +reich+ an kostbaren
-Steinen; jener Reichthum kam von der +Jahrhunderte+ lang fortgesetzten
-Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in
-der Gegend von +Golconda+ gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay
-und in der Gegend von Madura.
-
-Uebrigens sind thatsächlich alle +Diamanten+[445] bis 1728 n. Chr.
-aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in
-Südafrika gefunden.
-
-Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) +Kohinur+
-„Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien
-erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen
-Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs
-abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz
-einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu
-20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben.
-2) Der +Orlow+ an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem
-Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel
-angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht
-197¾ Karat. 3) Der +Regent+, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus
-Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans
-gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.
-
-Vergeblich suchte ich die +Glasmodelle+ der grossen indischen
-Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd
-sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein
-dummer Teufel sie -- gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was
-wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der
-mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass
-ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum
-von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet.
-Das erste ist der indische +Magneteisenstein+, der vielleicht schon
-seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden:
-in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das
-vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine
-Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das
-zweite ist der indische +Beryll+, ein meergrüner, durchsichtiger
-Halbedelstein. +Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache+
-übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch
-bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im
-Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon
-stammt unser Wort +Brille+.
-
-Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der
-vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die +Alterthümer+.
-
-Am besten gefallen +uns+ die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem
-äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar
-unter +griechisch-baktrischem+ Einfluss entstanden sind: kleine
-Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus
-Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom
-herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine
-ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha
-betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in
-schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr
-Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser
-Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.
-
-Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die +Reste buddhistischer
-Bauwerke+. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die
-Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit
-mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört
-ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die
-Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen.
-Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in
-Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten
-für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele
-Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an
-elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta
-ganz reichlich gedeckt ist.
-
-Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von
-+Bharhut+,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer
-Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind
-dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter,
-mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten
-ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten
-(Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser
-Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser
-merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend
-einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in
-den -- Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig
-eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.
-
-Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge
-von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem
-+Rad+ des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden
-Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss
-hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von
-Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften
-enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der
-heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den
-Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so
-scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine
-lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.
-
-Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die
-Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum
-seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein
-Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König,
-der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine
-Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum
-niederknieen.
-
-Der +zoologische Garten+, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen
-gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung
-dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel
-gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut gepflegt und mit
-Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man
-drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und
-Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen.
-Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht
-sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige
-Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt
-vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei
-Flitter und Zierath.
-
-Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber
-mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter
-den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders
-die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter
-bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter.
-Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr
-belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge
-nach oben, sein linkes nach unten wendet.
-
-An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe
-ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten
-an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im +Baustil+ gewahrt ist,
-so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die +braunen
-Menschen+ und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft
-ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen
-Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.
-
-Aber weit berühmter ist der +botanische Garten+. Der Besuch desselben
-nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich
-bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am
-Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des
-botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so
-ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht.
-Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger
-Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren
-alle sehr berühmte Botaniker.
-
-An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein
-indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume
-(Ficus religiosa).
-
-Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen,
-nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr
-schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein
-Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen Inschrift:
-Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That
-ein wenig glücklicher Gedanke.
-
-Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen
-(Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der
-Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch
-einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild
-für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch
-stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.
-
-Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem
-Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des
-Gartens ist ein +Banyanbaum+ (+Ficus indica+), der laut Inschrift
-genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu
-einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren
-Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42,
-der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.
-
-Es ist sehr merkwürdig, dass bereits +Milton+ († 1674) den wunderbaren
-Banyan-Baum besungen hat:
-
- Branching so broad along, that in the ground
- The bending twigs take root and daughters grow
- About the mother tree, a pillared shade,
- High overarched with echoing walks between.
-
-Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege
-der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische
-Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses
-Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s
-reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in
-Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung
-getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die +Flora of British India+
-in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London
-beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer
-der Engländer.
-
-Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit
-Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse
-(von 3-4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.
-
-Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und
-Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über
-den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.
-
-Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist
-ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen
-in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab in’s
-Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das,
-künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen
-sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne,
-was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in
-unseren hoch gesitteten Seebädern.
-
-Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die
-Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.
-
-Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre
-zum Empfang des Vicekönigs an +Prinseps Ghat+, der Landungstreppe im
-Süden des Hafens.
-
-Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle.
-Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der
-Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete
-Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken,
-zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem
-Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen
-Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen
-und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.
-
-So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren
-auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch
-Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen
-überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind.
-Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner
-selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen
-jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In
-dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und
-trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.
-
-Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren
-Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige
-Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter
-Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne,
-z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und
-eigenartig.
-
-Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass
-der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden
-sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.
-
-Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem
-Glanz.
-
-Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche
-+Fort-William+, das von 1757-1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es
-ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem
-50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus
-mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer
-Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches
-Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal
-und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht
-hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im
-Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844
-errichtet.
-
-Zwischen der Festung und dem Palast liegt der +Eden-Garten+, wo Abends
-die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen
-und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil
-der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen
-am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das
-Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern
-von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen
-freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist
-eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten
-Fabelthieren.
-
-Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein
-Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.
-
-Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist
-von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit
-zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der
-Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla
-und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die
-Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer,
-aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M.,
-des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der
-Landhäuser sind schon von 1768-1780 erbaut.
-
-Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen
-englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die
-Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der
-Muttersprache ermöglichte.
-
-Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch
-eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unverheiratheten)
-aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich
-einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn
-hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf
-von Jute, nach Calcutta gereist war.
-
-Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und
-eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich
-verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das
-Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten
-Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich
-hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das
-indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien
-nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten
-Flasche entnommen wurde.
-
-Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische
-Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um
-den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun
-scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel
-gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder
-gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes
-Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.
-
-Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth.
--- Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde
-Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. -- Mein
-Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in
-Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen,
-war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke
-durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse
-zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich,
-zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr
-merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein
-Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess
-„Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder
-sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften
-Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen
-erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und
-Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen,
-noch in den lustigen Abschnitten.
-
-Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach
-Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das
-Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.
-
- * * * * *
-
-Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die +Universität+ und dabei das
-+Krankenhaus der Schule für Heilkunde+ (der medicinischen Facultät).
-Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt,
-die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie
-auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach
-betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von
-allgemeiner Bedeutung kurz berühren. +Lungenentzündung+, die bei uns
-von den Nichtärzten für eine auserlesene +Erkältungskrankheit+ gehalten
-wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in
-der -- +wärmeren+ Jahreszeit vor. +Lungenschwindsucht+ ist in Indien
-sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon
-befallen. +Cholera+ kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens
-davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden
-von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene +Mayo-Krankenhaus+ für
-Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden,
-besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari
-auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle
-aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer
-in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die
-Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch
-gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht.
-Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat
-mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen,
-da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der
-Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen
-sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner
-hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat
-Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle
-eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer
-Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls
-und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und
-gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche
-Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch
-vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und
-über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls,
-besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke
-nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie
-gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun
-solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes
-geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht
-gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu
-Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.
-
-Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so
-verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen
-einzugehen. Die alten Griechen (auch schon +Hippocrates+, der Vater
-der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen
-schöpfende Römer +Celsus+, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall
-mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten
-die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als
-Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten,
-als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa
-sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird
-der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die
-epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18.
-Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit
-in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im
-Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser +Robert
-Koch+ hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses
-Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache
-der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten +Kleinpilz+
-(Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln
-der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche
-die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie
-schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei
-einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom
-Tausend der Bevölkerung.[458]
-
-An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist
-ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom
-Tausend. (In Deutschland 28.)
-
-
-Darjeeling im Himalaya.
-
-Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien
-(und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach
-Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der
-nördlichen Eisenbahn von +Bengalen+.
-
-Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht
-unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse,
-Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die
-Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.
-
-Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des
-Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein
-bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der
-Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der
-Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der
-trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den
-Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen)
-zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz +Sara Ghat+
-einigermassen zu verringern.
-
-Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert
-jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck
-wird uns ein Abendessen aufgetragen. +Zum ersten Mal in Indien ist es
-empfindlich kühl.+
-
-Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal
-railway). Diese hat eine +Meter-Spurweite+.
-
-Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli
-wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei,
-entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen
-Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes
-Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.
-
-So beginne ich meine erste +Nachtfahrt+ auf indischer Eisenbahn. Der
-Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei
-auf den beiden gepolsterten Seitenbänken +bequem+ schlafen können; die
-beiden andern +leidlich+, auf den obern Klappbänken. Betten werden
-nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im
-Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den
-Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe,
-Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.
-
-Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund)
-Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne
-Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder
-Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten
-sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen,
-nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der
-Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen
-nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden
-und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und
-ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte
-Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass
-fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen
-kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier
-Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte
-Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige
-Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen
-Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.
-
-Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im
-heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen
-leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist
-jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.
-
-Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein
-Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch
-nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen
-wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der
-Staatsbahn.
-
-Hier beginnt die private +Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn+, die
-eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn
-und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis
-1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um
-1000 Fuss.
-
-Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem
-Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der
-Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je
-eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der
-Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48
-englischen Meilen in acht Stunden zurück.
-
-Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10
-Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien
-für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis
-Siliguri nur 30 Rupien kosten.)
-
-Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der
-zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue
-Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.
-
-Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung
-die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom
-Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir
-emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen,
-welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen
-eingenommen.
-
-Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der
-Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.
-
-Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen
-wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen
-Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen.
-Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer,
-prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe,
-welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist
-etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.
-
-Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen
-sich geändert. Zunächst sieht man noch viele +Bengalen+, namentlich
-dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu
-unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann
-kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten
-Backenknochen. Es sind +Nepauler+ mit eigner Sprache, Buddhisten. Die
-Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und
-mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen.
-Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel.
-Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen
-Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge,
-dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und
-Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in
-Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf
-diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede,
-die ich leider nicht verstand.
-
-Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss
-über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön
-terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.
-
-In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen,
-vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren +Woodland’s Hotel+ sehe
-ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem
-herrliche Cypressen und Laubbäume.
-
-Sehr interessant war der +Bazar+ der Eingeborenen wegen des Gedränges
-verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.
-
-Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft;
-zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen
-englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um
-einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen
-Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den
-Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich
-ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte,
-sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“
-
-Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C.
-im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den
-wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.
-
-Der Bezirk +Darjeeling+, der zwischen die unabhängigen Staaten
-Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die
-Himalayakette fortreichenden Schutzstaat +Sikkim+ grenzt, war im Jahre
-1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den
-Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22
-Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er
-baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für
-die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000
-Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.
-
-Die +Theepflanzungen+ wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200
-Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83
-wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.
-
-Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher
-Colonisation.
-
-Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December)
-um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines
-Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem
-Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von
-Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.
-
-Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem
-Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings
-von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen
-Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir
-noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen
-zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah
-ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt
-über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und
-darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont
-emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es
-war doch noch empfindlich kalt.
-
-Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher,
-wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich
-entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.
-
-Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten
-Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk
-bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus
-Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten.
-Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele
-Selbstmorde vorkamen.
-
-Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl
-zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz
-tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten
-Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss
-beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir
-bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung)
-vom Hotel aus erspähen können.
-
-Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich
-zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die
-stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung
-des unruhigen Sikkim gehalten wird.
-
-Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch
-die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine
-Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und
-Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man
-Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor
-von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier
-Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht,
-Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch
-zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu
-spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von
-Bengalen errichtete +Eden-Sanitarium+, eine Pflegestätte für Genesende.
-Dr. +Russel+, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir,
-dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber
-und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen
-Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus
-den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die
-Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in
-der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen -- Duldsamkeit
-der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen
-ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.
-
-Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine,
-aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.
-
-In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich
-schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige
-und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz
-von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt,
-zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, -- aber nicht etwa, um
-ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das
-Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare,
-der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen
-verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf
-geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!
-
-Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren
-Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen
-Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter
-Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse
-wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei.
-Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch,
-darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn
-geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere
-Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.
-
-Nachmittags besuchte ich das Dorf +Bhutia Busti+, das 1 englische
-Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg
-führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick
-in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser
-der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt
-tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und
-enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten
-Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen,
-in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine
-halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch,
-erhielten aber nichts.
-
-Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei
-starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen
-ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein
-Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge
-sind umfangreich, aber geschmackvoll.
-
-Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland
-üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus
-dickem Wollenzeug.
-
-Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere
-Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine
-Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag
-abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr
-(am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der +Himalayakette+
-hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze
-Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der
-Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren
-Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der
-Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den
-Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt
-den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser
-erscheinen.
-
-Es ist gewiss eine grosse Freude, die +höchsten Berge der Erde+
-zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die
-Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der
-öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa
-gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.
-
-Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In
-der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz
-heiteren Himmel überspannt.
-
-Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse
-regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns
-der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und
-fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.
-
- * * * * *
-
-Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240
-Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen
-Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte
-und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung
-gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung
-leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals
-und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit
-Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien
-verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt
-durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler
-Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der
-Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien
-begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien
-gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209
-englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805
-der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte
-Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der
-beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter
-25 Millionen, im Jahre 1891.
-
-Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi,
-Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay
-nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es
-fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des
-schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli
-besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in
-Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse
-der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche
-Hindernisse dar. -- 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta
-nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in
-36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die
-Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht
-fertig.
-
-
-Benares.
-
-East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen
-Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische
-Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen:
-zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46
-Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch
-Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor
-Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch
-fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht
-war ziemlich kühl.
-
-Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von
-demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein
-Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze
-Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70
-Millionen Einwohner.)
-
-Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465]
-der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und
-hält um 1 Uhr in Benares. In +Clark’s Hotel+ finde ich ein leidliches
-Zimmer und Frühstück.
-
-Die Gasthäuser im +Innern+ von Indien sind mittelmässig.[466] Die
-kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der
-mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings
-umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, -- fast so wie auf
-mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang
-vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die
-Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden.
-In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den
-Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen
-langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe
-von Schlafzimmern nebst Zubehör.
-
-Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber,
-wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um
-Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der
-Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen
-in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner,
-der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum
-Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit
-1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn
-aber +zwei+ Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu
-werden.
-
-Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in
-die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von
-ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte
-zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges
-(oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen
-unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis
-zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die
-Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág),
-wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem
-geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in
-Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens
-getragen, neuerdings auch -- in europäischen Glasflaschen massenhaft
-versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der
-grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er
-befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.
-
-Es ist sehr merkwürdig, wie +seltsam+ der Ganges in die deutsche
-Literatur eingeführt worden ist.
-
- „Am Ganges duftet’s und leuchtet’s
- Und Riesenbäume blühn,
- Und schöne stille Menschen
- Vor Lotos[467]-Blumen knien.“
-
- „Fort nach den Fluren des Ganges --
- Dort liegt ein rothblühender Garten
- Im stillen Mondenschein,
- Die Lotosblumen erwarten
- Ihr trautes Schwesterlein.“
-
- „Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,
- Der Himalaya steht im Abendscheine
- Und aus der Nacht der Banianenhaine
- Die Elephantenheerde stürzt und brüllt --“
-
-+Wann Benares+ (Waranasi) +gegründet worden, wie die Schicksale+ der
-Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig
-unbekannt, da die Hindu, das +ungeschichtlichste+ Volk der Erde, keine
-Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert
-v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine
-Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein
-chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und
-mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so
-ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes
-Dunkel gehüllt.
-
-Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den
-+geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner+. Im Jahre 1194 n. Chr.
-wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der
-Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer
-des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der
-Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. +Von dieser Zeit herrschten
-Mohammedaner+ über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle
-traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer
-ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das
-über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.
-
-Aber trotzdem +herrscht jetzt der Dienst des Schiwa+, dessen
-schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken
-die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an
-der Zahl -- nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger
-leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein
-Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000
-Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende
-wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die
-heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert,
-obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt.
-Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die
-Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die
-Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334
-Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab
-für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste
-Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den
-inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.
-
-Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten
-des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz
-kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache
-des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter
-gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die
-Vortragssprache.
-
-Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer
-Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über
-1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa
-100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5
-Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen
-heiligen +Treppen+ (+ghats+), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer
-hinabführen.
-
-Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück
-vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich
-miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der
-Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der
-Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer
-hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten
-in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich
-hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.
-
-Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470]
-um die +Fluss-Ufer+ entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und
-zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.
-
-Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.
-
-Die mächtigen +Treppen+ sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber
-ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste
-empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in
-ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster
-Heiligkeit lodern +Scheiterhaufen+, umringt von weissgekleideten
-Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig
-und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen
-möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land
-steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer
-Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des
-Scheiterhaufens blickt.
-
-Der nächste Tag (8. December) war einer +planmässigen Betrachtung+
-der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471]
-schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen
-Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein
-schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen
-Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem
-+Haupthalteplatz der Boote+. Wir rudern zum äussersten Westende der
-Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts
-treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen
-Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre
-gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt
-für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick
-auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.
-
-Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für
-die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der
-Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis
-und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss
-des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre
-Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der
-Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen
-Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das
-so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die
-Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint
-die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das
-Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen
-Festtagen in Benares vereinigt sein.
-
-Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher
-gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher,
-die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will
-ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die
-Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.
-
-47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von
-West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht,
-von +Süd+-West nach +Nord+-Ost.
-
-Die erste ist +Ashi Ghat+, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier
-in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen,
-obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von
-dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen
-am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung
-zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.
-
-Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er
-heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er
-alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber
-sich neu schafft. Das sechste ist +Shivala Ghat+, diese Treppe ist sehr
-schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens
-um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester
-sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten
-Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen,
-Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer
-und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das
-ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen,
-Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung,
-und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig,
-die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu
-trocknen.
-
-Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem +Chait Sing+, der
-Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte,
-behauptete +Warren Hastings+, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde
-stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam
-durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz
-eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung
-an seinen Neffen ausgehändigt.
-
-Am neunten oder +Smashan Ghat+ sieht man stets +Scheiterhaufen+; die
-Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre
-(aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke
-aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass
-die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser
-Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend
-+Ram+, +Ram+[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während
-die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu
-wiederholten Malen.)
-
-Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer
-Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen
-zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden,
-armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis
-auf geringe Reste zu verbrennen.[474]
-
- „Unsterbliche heben verlorene Kinder
- Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,
-
-singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:
-
- „Wenn der Funke sprüht,
- Wenn die Asche glüht,
- Eilen wir den alten Göttern zu.“
-
-Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters
-dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die
-dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.
-
-Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der
-Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der
-Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da
-will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die
-Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.
-
-Die elfte Treppe ist +Kedar Ghat+. Nach den heiligen Büchern der Hindu
-wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar
-ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya.
-Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60
-Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im
-Umfang, -- ein Fetisch.
-
-Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus
-der Religion der Ureinwohner von Indien.
-
-Das vierzehnte ist +Someshwar Ghat+ (von +Soma+, Mond, und +I’shwar+,
-Herr). Dies ist die +Poliklinik+ der Hindu, denn hier werden alle
-Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine
-besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der
-Pocken.
-
-Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert
-sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die
-Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele
-Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.
-
-Das zweiundzwanzigste ist +Munshi-Ghat+, das schönste von allen,
-oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit
-wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri
-Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.
-
-Aber das +merkwürdigste+ von allen ist das fünfundzwanzigste,
-+Dasashwamedh Ghat+. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen,
-die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten
-Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von
-zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen,
-unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und
-Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen,
-so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke
-auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss
-vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen
-von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges
-verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die
-heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.
-
-Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des
-Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf
-einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der
-Glaubenswuth: +Satí+,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten
-Gatten verbrannte +Wittwen+.
-
-In den alten +Rig-Veda+ der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch
-ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu
-Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar
-die +entgegengesetzte+ Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der
-Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib
-gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die
-Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon
-der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln
-geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit
-eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse +Akbar+ (1556-1605
-n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht
-ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die
-frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen
-allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden
-sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den
-kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz
-des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat
-der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William +Bentinck+ am 24.
-December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung
-Vorschub leisten, +des Mordes schuldig+ erklärt werden. Seitdem hat
-in dem +englischen+ Gebiet die Wittwen-Verbrennung +aufgehört+. In
-den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten,
-vorkommen.
-
-Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen
-uns einen erfreulicheren Anblick, den der +Sternwarte+. Diese gehört
-zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt
-einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So
-schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die
-Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah
-Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem
-Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er
-astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln,
-die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la
-Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären)
-das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.
-
-Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares,
-Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu
-sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.
-
-Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser
-der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da
-ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite,
-um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den
-Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss
-Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an
-dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf
-den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne
-bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten
-der Sonnenuhr genau festzustellen -- und noch zahlreiche ähnliche
-Einrichtungen.
-
-Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert,
-bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich
-richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen,
-mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis
-28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit
-der Veda werden die Planeten (+graha+, Greifer), erst sieben, dann
-neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des
-Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.
-
-Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu
-wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6.
-Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben
-den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren
-Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n.
-Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern
-und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen
-Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu
-stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai
-Singh.
-
-Das dreiunddreissigste ist +Manikaranika Ghat+, nicht bloss einer der
-fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig
-der Mittelpunkt der Stadt.
-
-Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen
-hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern
-bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige
-Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon.
-Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre
-mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift
-angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser
-ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert
-würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit
-schlimmer gewesen sein.
-
-Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von
-+Tarkeshwara+,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen
-von Wischnu.
-
-Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum
-Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines
-Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr
-reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.
-
-Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481]
-sieht man die Moschee, welche der Kaiser +Aurangzeb+ (1658 bis 1707),
-ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines
-zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja
-kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle
-Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus.
-Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben
-die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den
-Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein
-Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.
-
-Die letzte Treppe ist +Raj Ghat+ an der Eisenbahnbrücke.
-
-So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im
-Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite
-Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der
-Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.
-
-Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche
-unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke
-mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses
-Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde
-auslegen.
-
-Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen
-sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss
-aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus
-allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft,
-die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde
-des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den
-Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der
-Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt
-schliesslich in +einem+ (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein
-schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht
-vollendet hat.
-
-Das Allerheiligste in Benares ist +der goldene Tempel+, dem +Schiwa+
-geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht
-genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die
-Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen;
-dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen
-Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der
-eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder
-Bisheshwar.[483]
-
-In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene +Brunnen
-der Weisheit+ (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule
-des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine
-+Unannehmlichkeit+ ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen,
--- trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse
-Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide
-mit grosser Achtung behandelt werden müssen.
-
-Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und
-wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt,
-etwas zu naschen.
-
-Der Tempel der +Durga+, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen
-Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst
-bei den Europäern gewöhnlich der +Affen-Tempel+, weil Hunderte von
-Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so
-dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und
-sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf
-einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.
-
-Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden
-Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der
-des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484]
-wo die +Bettler+ das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.
-
-Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die +Bazare+.
-Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten
-+Metallarbeiten+ von Benares verfertigt und feilgehalten werden.
-
-Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die
-geometrischen Verzierungen in dem +Messingteller+ ausgräbt. Teller,
-Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge
-für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen
-und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren
-Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für
-die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare
-hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der
-Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.
-
-Benares ist auch die eigentliche +Götterfabrik+ für die Hindu. Für die
-kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie
-eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch
-Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester
-haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und
-goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen
-und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder
-der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss
-geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder
-für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile
-fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.
-
-Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind
-+Gewebe+, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich
-Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden
-mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden
-und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und
-Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.
-
-Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den
-Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines
-Abenteuer. Mein +Reisebuch+ (Murray’s Handbook to India) in dem
-bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens
-+verschwunden+: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht
-ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das
-Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der +Polizei+ an.
-
-Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten
-eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es
-war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung
-aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch
-gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den
-Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht
-wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.
-
-Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über
-die +einheimischen Sprachen+ Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer
-Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische
-Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte
-+Schrift-Sprache+, das +Sanskrit+, und redeten damit verwandte, aber
-einfachere Mundarten, +Prakrit+. Sie bezeichneten die nichtarischen
-Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit
-gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in
-Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte
-Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine
-volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des
-Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche
-Literatur geschaffen.
-
-Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei
-Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt.
-2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande
-geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten
-Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der
-Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2)
-Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5)
-Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung
-abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine
-eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten,
-reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und
-selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie
-in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder +Urdu+ (wörtlich
-Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner
-in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der
-Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen
-Buchstaben gedruckt. -- Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es
-hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets
-die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr.
-ihre Literatur begründet.
-
-In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern
-von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen,
-angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die
-+Münze+, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer
-zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das
-gelbe Gartenhaus (+yellow bungalow+), wo Warren Hastings lebte, und
-die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (+Queens
-college+), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude
-betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der
-Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director
-ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer
-jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der
-vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem
-Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich
-sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten.
-Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und
-eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den
-pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich
-ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte,
-lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz
-gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er
-hatte Recht.
-
-Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums
-gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer
-Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch
-im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich
-ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht
-erfahren.
-
-+Zwei Ausflüge+ kann man von Benares machen. Erstlich nach +Sarnath+
-oder +Alt-Benares+. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und
-Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½
-Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen.
-Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach
-Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo
-Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst
-predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte
-der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China,
-deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben
-Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.
-
-Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich
-von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei.
-+Hiouen Tsang+ (629-645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei
-Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss
-Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung
-an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v.
-Chr.) errichtete.
-
-Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement
-erbaut waren, so konnten sie nach der +Entheiligung+ den Hindu, welche
-Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern
-keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.
-
-Der Thurm zu Sarnath (+Dhamek Stupa+), den der Reisende heutzutage noch
-sieht, ist 1835-1836 vom General +Cunningham+ genau durchforscht und
-als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.
-
-Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus
-soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9
-Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss
-ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark
-verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.
-
-Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische,
-wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter
-ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das
-rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um
-das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner
-unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und
-Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit
-denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und
-Delhi angebracht haben.
-
-Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals
-gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine
-Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst
-herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu
-fordern.
-
-In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und
-auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?)
-Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein
-von einer Mauer umgebener +Jain-Tempel+, der durch gute Erhaltung und
-grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um
-die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In
-jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus,
-und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene
-Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen
-Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u.
-s. w.)
-
-Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach +Ramnagar+,
-dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der
-Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine
-kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte
-Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten.
-Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von
-Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der
-Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und
-führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.
-
-Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack
-ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse
-Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer
-Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als
-der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten
-des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen
-Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen
-Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das
-ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der
-heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach +Lucknow+.
-
-
-Lucknow.
-
-Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten
-nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7
-Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46
-Kilometer in der Stunde.)
-
-Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und
-dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten,
-war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal
-vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf
-der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh
-gewesen, hegt +Ajodhya+, noch heute mit einem Pracht-Tempel
-des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala,
-„dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen,
-deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die
-Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten
-sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege
-der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis
-645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten;
-eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre
-1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre
-1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein
-Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren
-schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen
-Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon
-zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft
-in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst
-und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von
-Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen,
-sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern
-getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen
-wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren
-und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche
-in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus
-den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt
-Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener
-Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten
-Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter
-diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und
-die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft
-verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres
-Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die
-englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte
-entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes
-von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch
-den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von
-den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet.
-Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh
-hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000
-Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen
-Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.
-
-Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün
-und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut
-mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker,
-Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der
-jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen,
-besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden.
-Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen
-wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer)
-geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der
-Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in
-kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder
-arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt
-sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.
-
-Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande
-in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von
-Mohammedanern beherrscht worden.
-
-Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen
-Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so
-befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die
-zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere,
-ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und
-Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der
-Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz
-kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung
-von Lucknow und sein Sohn, in +Pelzjacken+ gekleidet. In
-Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.
-
-+Hill’s+ Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist
-natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern
-von Indien, aber doch leidlich.
-
-+Lucknow+ (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in
-dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati,
-die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte;
-hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen
-Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775
-seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die
-+Hauptstadt+ von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der
-Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz
-Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891
-aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel
-sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.
-
-Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem +Gumti+,
-einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem
-ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei
-näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige
-Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche
-wirken sollen.
-
-Wenn +Heber+, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude
-der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist
-dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack
-besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über
-Baukunst zu misstrauen.
-
-+Fergusson+, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude
-der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung
-bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint;
-wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die
-Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem
-+einen+ Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien
-durchgängig von schlechtem Geschmack.
-
-Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der
-Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der +Residenz+.
-
-Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten
-der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen
-Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10.
-Mai 1857 die Sepoy[487] zu Meerut und am nächsten Morgen zu Delhi
-die Fahne des Aufruhrs erhoben; begann +Sir Henry Lawrence+, der
-Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz
-zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln,
-Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss
-lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai
-brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende
-Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen,
-am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde
-geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt
-zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der
-Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu
-geblieben, in die Residenz zurück. Die +Belagerung+ begann am 1. Juli.
-
-Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich
-verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er
-zwei Tage später.
-
-Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die
-Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und
-Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und
-vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.
-
-Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (+tykhana+,
-eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen
-und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als
-Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren
-unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem
-Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der
-Feinde zu überwachen.
-
-Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet,
-den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25.
-September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der
-Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter
-den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die
-letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene,
-waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402
-Eingeborene vermindert.
-
-Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen
-+umzingelt+. Erst am 16. November drang +Sir Colin Campbell+ nach
-Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten
-Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten
-Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach
-Cawnpur, zurückgelassen und schlug alle Angriffe der Belagerer zurück,
-bis +Campbell+ am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender
-Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000
-Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt
-Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach
-dem andern eroberte. Mit der +Zurückeroberung von Lucknow+ war der
-gefährliche Aufstand niedergeworfen.
-
-Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch
-die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert,
-dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den
-Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im
-Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände
-zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten-
-und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch
-andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil
-der Wunden, die das Gemäuer erlitten.
-
-Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht.
-Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in
-dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und
-Frauen ruhen, darunter auch Sir +Henry Lawrence+. In der Nähe steht auf
-einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum Andenken an
-die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen sind.
-
-Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum
-Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser
-Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.
-
-Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven
-Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen
-letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist
-ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der
-Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die
-vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.
-
- * * * * *
-
- Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest
- Uns hier liegen gesehn, +wie das Gesetz es gebeut+.
-
- Herodot, VII, 228.
-
-Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300
-Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die
-Uebermacht der Perser gefallen waren.
-
-Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur +die
-Pflicht+ des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein von
-Lawrence:
-
- Here lies
- Henry Lawrence
- +Who tried to do his duty+.
-
-Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft
-reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen
-Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen
-vergeblich versucht, -- das ist den Engländern vollständig gelungen:
-mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich
-von 280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei
-der Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart
-haben, nach +Hunter+, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1)
-Eine erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte
-zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in
-Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen
-zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4)
-Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes.
-Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste
-Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie
-bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der
-englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden
-hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten
-und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and
-I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744
-Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und
-der +bengalischen Handelsgesellschaft+ 1753 seinen königlichen
-Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen
-Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk,
-broke or destroyed.“[488]
-
-Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte,
-so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein
-neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu
-erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten
-den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer
-Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen
-Einverleibung reif geworden.
-
-Die Engländer rühmen sich ihrer +Verwaltung+. Im Jahre 1858, nach der
-blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der
-ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht
-des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und
-Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen
-Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf
-5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta -- für vier
-Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem
-Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.[489] Verantwortlich
-ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets.
-Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath
-(Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden
-General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die
-Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die
-Engländer sagen, eines +constitutionellen+ Herrschers, so ist das
-nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden Rath,
-worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte und
-einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz haben.
-Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der
-Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen
-Kaiserreiches.[490]
-
-Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen
-als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder
-Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.)
-Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren
-Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen
-besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt
-ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen:
-1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des
-englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und
-Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in Angelegenheiten,
-die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen.
-Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon
-(Vicekönig von 1881-1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte
-auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm
-von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden
-werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer
-das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die
-Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen
-Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht
-verlangen, welches die Briten geniessen.
-
-Ueber die +Provinzverwaltung+ möchte ich nicht ausführlicher sprechen.
-Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin vielleicht aus
-Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an den fetten
-Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten der edlen
-Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes der --
-+Collector+ ist. Vor allem hat er die +Einkünfte+ für die Regierung
-zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines Bezirkes. Es
-giebt 250 Bezirke; +durchschnittlich+ beträgt die Grösse derselben 859
-englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.
-
-Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die +Land-Taxe+.
-Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde;
-nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei Seite
-gestellt. Die Mogul nahmen +ein Drittel+ und bestellten Steuer-Pächter
-(zamindar). +Die Engländer haben dies Verfahren beibehalten und die
-Bürde der Bauern nicht erleichtert.+ Im Gegentheil geriethen die
-letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit mehr und mehr in Schulden,
-verloren ihr Eigenthum und selbst ihre Freiheit, so dass in den Jahren
-1879 und 1881 besondere Gesetze zum Schutz der Bauern gegen die
-Geldverleiher (Hindu) erlassen werden mussten. 1890/91 brachte die
-Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen oder 1½ Rupien für den Acre.[491]
-Die Salzsteuer brachte Rx 8½ Millionen, die Accise für berauschende
-Getränke, Opium u. dgl. Rx 3½ Millionen.[492] Im Ganzen bringt das Land
-an Steuern Rx 41¼ Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen
-verlangt haben; doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich
-erhielten. Mit den Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post,
-Telegraphen, Frachten, Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen
-(Rx 1700000). Gewinn am Opium (Rx 5½ Millionen[493]) betrugen die
-Staats-Einnahmen 1890/01 an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000.
-Unter den Ausgaben steht obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein
-+Viertel davon ist in England zu zahlen+. Die Schulden betragen Rx 207
-Millionen. +Der Cursverlust+ an £ 15000000, +die in England zu zahlen
-waren+, +betrug+ 1890/91 +gegen+ Rx 5087000 +oder+ 75 +Millionen Mark+.
-Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000 Einheimische. Dazu kommen
-150000 Polizisten.
-
-Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug
-1890/91 an Rx 196 Millionen. +Die Ausfuhr überwiegt+, und zwar um
-jährlich Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10
-Millionen) baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England,
-das letzte Drittel deckt die +Home-Charges+. (Gehälter, Pensionen,
-Heeres- und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel +von den
-Hindu gespart+ wird, wie +Hunter+ meint, oder von den Engländern in
-Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von
-unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl
-der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen
-sei.
-
-So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien
-zieht.[494]
-
-+Is that not a wonderful job, our India?+ Das fragte mich der
-gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel
-des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen
-Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt
-keine einträgliche und verantwortliche Stelle.
-
-Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine
-grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse,
-Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend
-besetzt.
-
-Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und
-unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa
-seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm
-sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet
-und Europa in Frieden lässt.
-
- * * * * *
-
-Zu den sonstigen +Sehenswürdigkeiten+ von Lucknow gehören hauptsächlich
-die Paläste der früheren Herrscher:
-
-1) +Kaiser Bagh+, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s
-Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren
-Einrichtung 80 lakh[495] Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark
-verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger
-Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten
-von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss
-getüncht, -- so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind
-einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den
-Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.
-
-Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut
-Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.
-
-2) +Chatr Manzil+, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam halbitalienischem
-Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem am Ufer des
-Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz mit Lese- und
-Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service Club), dessen
-Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl eingerichtetes
-Zimmer erhalten können.
-
-Gegenüber ist ein +Museum+, welches die Kunsthandwerke Indiens zeigt,
-nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und Messingarbeiten
-von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra, Teppiche und bemalte
-kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus Lucknow, ausserdem
-wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme, naturwissenschaftliche
-Sammlungen aus den drei Reichen.
-
-3) +Muchi Bhawan+, eine ältere Festung, die ihren Namen „Fischhaus“
-von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den Engländern,
-die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei Gelegenheit
-der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen machte, bevor
-in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria als Kaiserin
-von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den Mohammedanern
-zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden Palast) aus
-einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König noch bei
-seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen wieder
-hergestellt worden.
-
-Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen
-geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die
-Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt
-der Zinnen gekrönt.
-
-Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten
-eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch,
-entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.
-
-Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, +Imambara+ oder Haus des
-Propheten genannt[496] „das Juwel von Lucknow“, das hauptsächlichste
-Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.
-
-Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung
-Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £.
-Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber
-eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von
-saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt
-in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit
-einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der
-Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an
-sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden
-Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten)
-geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von
-Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte
-ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.
-
-4) +Hoseïnabad Imambara+ oder Licht-Palast des Propheten, den
-Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das
-Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines
-grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine
-Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber
-geschmacklos.
-
-Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte
-Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden
-Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen.
-Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter,
-bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem
-Silber.
-
-5) Die beiden sehr belebten +Bazare+ der Stadt zeigen uns Silber-,
-Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und
-Pfeifen,[497] sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl.
-Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen,
-leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so
-dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags
-ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen
-jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die
-Behörden verboten ist.
-
-6) Das +Cantonment+ ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält eine
-Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten, die
-Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und
-Geschäfte, sowie unser Gasthaus.
-
-Eine hübsche Parkanlage (+Wingfield Park+) giebt Gelegenheit zu
-Spazier-Gängen und -Fahrten.
-
-7) +Dilkusha+, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss; hier
-starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.
-
-8) +Sikandara Bagh+, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit
-einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu
-ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines
-schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier
-Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment
-(Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet
-niedergemacht.
-
-9) Die +Martinière+ ist ein steinernes Zeugniss von jenen europäischen
-Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der Könige von Oudh
-ihr Glück machten.
-
-Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow
-gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien,
-gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen
-als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in
-der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier
-eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser und Paläste,
-pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für
-den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische
-Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein
-ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung
-von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein
-letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch
-aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang,
-das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.
-
-Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh
-zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder
-Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“
-Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb,
-ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig
-wurde.
-
-Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen
-Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt.
-Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt,
-steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich
-schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich
-anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen,
-Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.
-
-Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und
-unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren
-munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt
-lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als
-Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben.
-Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische
-Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.
-
-
-Cawnpur.
-
-Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer
-des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke
-überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien,
-Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)
-
-Lee’s +Eisenbahn-Hotel+ ist nicht mit seinen Namens-Vettern in Berlin
-oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen
-Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak Bungalow
-genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa
-sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung
-mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig
-geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.
-
-Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist
-Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich
-von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des
-Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene
-befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben.
-Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit
-dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl
-die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht
-erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und
-Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in
-dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier
-hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra)
-gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen +Ganges-Canal+, der hier
-seinen Ausgang nimmt.
-
-Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem +Doab+ (Zweistromland
-zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den
-Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.
-
-Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk
-des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende
-Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher
-Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80°
-östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300
-englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des
-Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere
-Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von
-Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben
-eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer
-Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der
-Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4
-Procent des Capitals.
-
-+Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan
-haben.+ Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit
-Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.
-
-Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken
-und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der +geschichtlichen
-Erinnerung+ aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem
-ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch
-nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler
-beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib),
-eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem
-Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil
-seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens
-befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete,
-durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern
-umzog ganz +unzweckmässiger Weise in der Ebene+ den Standort von
-zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt
-einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die
-Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten
-die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und
-Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen
-Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt,
-dass der Angriff beginnen werde.
-
-1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische
-Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut
-bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige
-Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der
-Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte.
-Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem
-tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei
-Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig
-zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten
-und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die
-Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann
-mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts
-nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die
-Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren
-noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die
-einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein
-mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank
-gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen,
-die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht
-wurden. +Ein+ Boot trieb flussabwärts, aber nur +vier+ Männer,
-vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden
-eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder
-zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1.
-und 14. Juli 28 starben.
-
-Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen
-Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff
-von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück
-und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast
-lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die
-Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei;
-eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben;
-am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast
-unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.
-
-Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem
-General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit
-wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort
-wahrscheinlich gestorben.
-
-Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der
-schmählichen Metzelei.
-
-Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes.
-Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von
-Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4
-Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte
-mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow
-gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia
-Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden.
-Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb
-sie in wildeste Flucht.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den
-Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen.
-Mein Führer ist +Morton+, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei
-gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier
-Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch
-Cawnpur von den Gwalior gesäubert.
-
-Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung
-(Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang
-des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die
-Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.
-
-In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am
-27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und
-Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern
-eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.
-
-Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen
-erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere
-Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der
-ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £,
-und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein
-Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.
-
-Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch
-vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung
-der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter
-einander, +binnen+ 24 +Stunden+, sieben von den etwa fünfzehn
-Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress
-of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!
-
-Die Mord-Treppe, 1,_{3} Kilometer nördlich von der Kirche, führt von
-einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den
-Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht
-erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu
-sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.
-
-Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer
-geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb
-eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der
-Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.
-
-Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten
-und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in
-Stand gehalten. Aber +kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten
-betreten+, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1.
-November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung
-von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert
-worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht
-völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute
-und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden
-von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein +Deutscher+, der
-übrigens recht vielseitig zu sein scheint.
-
-
-Agra.
-
-Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East
-Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach
-Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem
-Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.
-
-Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der
-Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt,
-ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche
-Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen.
-Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein,
-bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf
-den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir
-weit von der Heimath entfernt sind.
-
-Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt
-sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und
-Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns
-sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der
-Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe
-immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht
-einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.
-
-+Laurie’s+ Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von
-Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von
-Cawnpur.
-
-Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul
-scheint es zweckmässig, die +Geschichte der mohammedanischen
-Eroberungen+ in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu
-lassen.
-
-Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den
-Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung.
-Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch
-West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen,
-ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit
-hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der
-Blüthe der Grossmogul (1560-1707) geboten Hindu-Fürsten über weite
-Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die
-Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und
-nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat
-verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.
-
-Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der
-Westgrenze des Punjab, ging von den +ersteren+ aus.
-
-Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach
-Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen,
-wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu
-Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1
-Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere
-auf Rath der Brahmanen +nicht+ zahlte, stürmte Subuktigin durch
-die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn +Mahmúd
-von Ghazni+(1001-1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und
-schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt,
-verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem
-Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines
-Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan)
-über diejenige von Ghazni; +Mahmud von Ghor+ begann neue Einfälle nach
-Indien.
-
-Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu
-gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte,
-fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf
-gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir,
-endlich Kanauj.[505]
-
-Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die
-Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.
-
-Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203
-sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig
-überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen
-hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen
-den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.
-
-Sein Vicekönig +Kutab-ud-din+ erklärte sich zum Selbstherrscher von
-Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290
-regierte und die der +Sklaven-Könige+ heisst, da Kutab ursprünglich ein
-türkischer Sklave gewesen.
-
-Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und
-seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.
-
-Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale,
-Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der
-Mongolen.
-
-Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, +Altamsh+, dessen Namen
-gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal,
-erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich
-anerkannt. Der vorletzte, +Balban+ (1265-1287), hatte die heftigsten
-Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in
-Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe
-lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den
-Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.
-
-1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.
-
-+Alá-ud-din+, der zweite Herrscher (1295-1315) dieser Linie, drang
-sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er
-fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach
-Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die
-Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen
-Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen
-General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien
-siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse
-mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen)
-nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem
-wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.
-
-1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín +Tughlak+, der vom
-türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein
-grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325-1351) sendete vergeblich Heere
-gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800
-englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad
-gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338-1351 unablässig mit
-Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.
-
-+Fíruz Tughlak+ (1351-1388) regierte menschlicher und lebt noch
-fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des
-alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden
-durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der
-Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere
-Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die
-Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.
-
-Mahmud kehrte zurück; von 1414-1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von
-1450-1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.
-
-1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das +mongolische
-Kaiserreich von Delhi+, dessen letzter Vertreter -- 1862 als britischer
-Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul
-verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben
-vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten,
-indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, +Hindu in die
-Regierung des Landes aufnahmen+.
-
-+Bábar+, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana
-am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das
-unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten
-getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu +Panipat+, nördlich von
-Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte
-er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb,
-hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum
-Ganges-Delta reichte.
-
-Sein Sohn +Humayun+ (1530-1556) hatte Kabul und den westlichen Theil
-des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes
-beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von
-Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi,
-begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die +Rupie+, wurde aber
-schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn
-folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand
-ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam
-die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von
-+Panipat+.
-
-+Akbar der Grosse+, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der
-Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis
-1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge
-im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und
-Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan,
-bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der +Versöhnung+.
-Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem
-Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur
-Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter
-von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die
-erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen
-waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner
-wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen
-festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame
-Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen;
-aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der
-Regierung verlegte er nach +Agra und baute 1566 die Festung+, deren
-zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch
-emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten.
-1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu +Sikandra+ begraben, dessen
-aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter
-Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.
-
-Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen
-(Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen.
-Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht
-und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die
-Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung
-bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf
-Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £
-12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen
-nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen
-geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an
-Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen,
-mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509]
-begreifen wir den +sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul+.)
-
-Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen
-+Jehangir+,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht,
-die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft
-in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu
-regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und
-leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller
-konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser
-sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte
-ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die
-Kaiserin +Núr Jahán+, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser
-Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre
-Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie
-schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne
-gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde
-getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit
-lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin
-Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber
-später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich
-veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und
-die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.
-
-Sein aufrührerischer Sohn +Schah Jahan+, der nach dem Dekkan geflohen
-war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches
-Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte
-nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise
-und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein
-glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte
-Landschaften es zuliessen.
-
-Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf
-mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar)
-erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut
-gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten,
-er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er
-+Taj-Mahal+,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der
-achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, -- das schönste
-Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s
-Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante,
-den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die
-unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.
-
-Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn
-+Aurangzeb+[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem
-Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah
-Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während
-sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall
-einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die
-Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden
-aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½
-Millionen £ bewerthet.
-
-+Aurangzeb+ erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír,
-Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann
-bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den
-dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein
-viertel Jahrhundert (1658-1673) fochten seine Generale vergebens; 1676
-machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen
-selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den
-Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb
-24 +Jahre im Felde+. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die
-Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb
-er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora,
-zu +Roza+, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer
-Sprache geschriebenen) +Briefe an seinen Sohn+ sind noch heute ein
-beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen
-strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.
-
-Die nächsten sechs Kaiser waren nur +Puppen+ in der Hand der Generale.
-Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten
-gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.
-
-Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig
-(1720-1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).
-
-Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten
-(1710-1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die
-Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und
-Orissa (1751).
-
-1739 plünderte +Nadir Schah+ aus Persien Delhi und nahm eine Beute von
-32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747-1761) und
-brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem
-blutgedüngten Felde von +Panipat+ die Marathen. Inzwischen bauten die
-Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und
-liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt
-(von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen
-und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen
-Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu
-Rangoon im Jahre 1862.
-
- * * * * *
-
-+Agra+,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer
-des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne
-Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine
-plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher
-Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine
-mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über
-160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen.
-Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment
-168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½
-Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist.
-
-In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der
-Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488-1517) machte es zu seinem
-Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die
-Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar
-baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem
-Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und
-das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618
-verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu
-Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die
-Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.
-
-1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen
-erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche
-dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835
-wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.
-
-Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die
-Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei
-Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt;
-und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel
-zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche
-Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für
-4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von
-der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre
-vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus
-den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die
-flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien
-gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten +Greathed+ aus
-Delhi, der +vor+ ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am
-6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.
-
-1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra
-wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt
-des Nord-Westens.
-
- * * * * *
-
-Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit
-Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden
-Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal +ohne+ Führer, was ja
-natürlich viel behaglicher ist.
-
-Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der +Taj+.[516] Denn
-nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf
-das höchste gespannt.
-
-+Taj+ (persisch) heisst Krone; +Taj Mahal+ Kron-Palast; +Taj bibi ke
-Roza+, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.
-
-Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine
-Lieblingsgattin +Arjmand Banu+, mit dem Beinamen +Mumtaz Mahal+, d. h.
-die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin
-des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um
-sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur
-Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des
-Schatzmeisters (+Itimadu’ d-daulah+[517]) emporstieg.
-
-Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm
-sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im
-Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten
-beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau,
-der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen
-Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der
-Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen
-erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen
-werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt.
-Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut
-von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“
-bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind
-aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.
-
-Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll
-Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals
-in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine
-persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient,
-nennt +Isa Muhammed+ als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000
-Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister
-der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute
-von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.
-
-Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer
-östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von
-1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem +grossen
-Thor+ des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus
-rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk.
-Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der
-Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen
-Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der
-Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen
-arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran
-predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem
-Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen
-mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der
-Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten,
-viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit
-drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher
-hindurch in den +Garten+. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf
-eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.
-
-Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und
-Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen
-langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000
-Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen
-Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und
-Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger
-Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben
-Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten
-Weibes niederzulegen.
-
-Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel
-und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der
-Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor,
-nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume
-verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die
-vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es
-ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden.
-Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem
-Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz
-alle Töchter der Erde übertroffen habe.
-
-Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur
-Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen,
-gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich
-mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine
-viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken
-besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze
-Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu
-bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch
-die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt
-wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend
-weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern
-erst fortgegangen. Eine quadratische +Erhebung+ von 18 Fuss Höhe und
-313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit
-fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die
-meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind
-und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren
-darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich
-in drei Stockwerken ein schlanker +Marmor-Minaret+. Er wirkt nur
-durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden
-Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die
-ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]
-
-Diese sind für das +Hauptgebäude+ aufgespart. Das letztere steht in
-der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge,
-dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind,
-so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch
-schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr
-gefällige Hauptkuppel stellt +zwei Drittel+ einer Kugelfläche dar,
-misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch
-eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen
-+Aufsatz+ über, der (244 Fuss über dem Boden) den +Halbmond+ trägt. Die
-Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der
-Thürme 134 Fuss.
-
-Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei
-seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei
-ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen
-geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen,
-über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit
-eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und
-Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis
-Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten
-Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen
-darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach
-Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen
-an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen
-Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen
-der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie
-in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.
-
-Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem
-Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen
-Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen
-Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander,
-zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter
-Blumenverzierung.
-
-Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren
-Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken
-steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder
-und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen
-Eindruck.
-
-Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge
-gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien,
-Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen
-Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern.
-Aber wunderbar ist die grosse achteckige +Kuppel-Halle+, 70 Fuss
-weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter
-von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der
-Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt
-+Fergusson+, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und
-in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den
-blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die
-Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind
-wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die
-blumigen +Lauben des Koran-Paradieses+ darzustellen. Ein achteckiger
-+Schrein+ aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem
-Blumenschmuck, umgiebt die beiden +Leersärge+ aus Marmor. Nach dem
-Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der
-so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um
-einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe,
-die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die
-Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.
-
-Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die
-einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute
-bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den
-Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen
-Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer
-feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische
-Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte
-Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen
-lassen.
-
-Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen
-Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen
-arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier
-liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“
-
-Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst
-alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den
-„+Ueberlieferungen+“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese
-Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt
-ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt,
-kannst du nicht schauen.“
-
-Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf
-den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt
-und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen
-abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine
-eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt;
-erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um
-von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem
-Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf
-baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“
-
-Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen
-Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem
-Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser
-Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke
-von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche
-die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der
-Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt,
--- oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige,
-urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B.
-Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt
-und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen,
-dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein
-Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch
-wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege.
--- Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der
-Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.
-
-Auf dem Gebiete der Baukunst sind die +Tataren+ ausgezeichnet durch
-ihre grosse Neigung zu +Grabes-Bauten+; hierdurch unterscheiden sie
-sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen
-Abschnitts der Erde theilen.
-
-Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei
-Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern
-oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor
-der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und
-mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer
-Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der
-Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige +Festhalle+,
-mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach
-seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch
-der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das
-Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der
-Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’
-den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der
-ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der
-Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich
-zusammenwirken.
-
-Das Grabmal des +Itima du daulah+ (am linken Ufer des Jumna, wohin man
-von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert
-das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein
-+heiteres Gartenhaus+.
-
-Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen,
-kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten,
-konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt
-und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten
-und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben
-eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk
-ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu
-sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen,
-Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister
-und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter,
-die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und
-seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind
-noch einmal die Leer-Gräber angebracht.
-
-Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen +Akbar+ im
-Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.
-
-Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit
-weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier
-zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung
-von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen
-führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.
-
-Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem
-Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320
-Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen
-von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren
-in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen
-eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und
-Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben
-Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor
-der schönsten Muster gebildet.
-
-Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten
-Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses:
-„Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler
-steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt
-und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen.
-Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die
-Besteigung.
-
-Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich
-erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die
-sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von
-Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit
-gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam
-Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal,
-das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines
-Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen
-Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in
-schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben
-20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.
-
-Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten:
-erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem
-Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer
-Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner
-ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen
-tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen
-Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes
-Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.
-
-Das +Fort Akbar’s+,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch
-heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen
-Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss)
-tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein.
-Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein
-Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der
-grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der
-Anblick von der andern Seite des Flusses.
-
-Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder
-+Delhi-Thor+ fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere
-oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den
-berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache.
-
-Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere
-ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt
-nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.
-
-+Deshalb+ ist auch die +Perlmoschee+ (Moti Musjid), das nächste
-Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz +leer+ von Gläubigen.
-
-Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen,
-vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte
-entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie
-leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir
-freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.
-
-Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den
-(154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer
-ausübt. Alles, was wir sehen, ist +Marmor+. In der Mitte liegt der
-Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden)
-ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von
-einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen
-Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche
-ist offen.
-
-Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in
-welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der
-+Moschee+ eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben
-zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser
-Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und
-gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein
-andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt
-habe.
-
-Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus
-schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass
-diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie
-allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.
-
-Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und
-durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen
-von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem
-Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als
-auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen
-Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren
-Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander
-schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.
-
-Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in
-rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert
-beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan
-erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum
-Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern
-fertig geworden.
-
-Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte
-der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse +Waffenplatz+
-(Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich
-tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht
-Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen
-liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn
-+Colin+, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9.
-September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das
-Denkmal in -- gothischem Styl!
-
-Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird
-von Schah Jahan’s +öffentlicher Audienz-Halle+ (+Diwan-i-Am+[528])
-eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung
-von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und
-eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun
-Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei
-Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus
-rothem Sandstein getragen.
-
-An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber
-ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte
-ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war
-es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die
-Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales
-1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und
-Edlen abgehalten.
-
-Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des
-prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den +Palast von Schah
-Jahan+.
-
-Hinter der Audienzhalle liegt +Machchi Bawan+, +der Fisch-Teich+,
-und nördlich davon die +Edelstein-Moschee+ (Naginah Musjid), die
-Privatkapelle der Damen des Hofes.
-
-Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an
-der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer
-geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der +schwarze Thron+ steht
-und die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von
-Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34
-Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief
-und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art
-zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was
-britische Vandalen hier zerstört hatten.
-
-In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess
-seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der
-beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit
-auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der
-Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der
-Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben,
-sein letzter Blick noch suchte die Taj.
-
-Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der
-Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder
-+Jasmin-Thurm+) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit,
-der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht,
-ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes +Badehaus+ (Shish Mahal =
-Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine +offene Halle+ mit reichstem
-Schmuck (Khas Mahal).
-
-Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast
-von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen
-Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst.
-Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und
-ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen
-Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, -- nach
-+Fergusson+ ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden
-Rassen zu vergleichen.
-
-In einer Umgitterung werden einige +geschichtliche Andenken+
-aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder
-Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die
-berüchtigten +Thore von Somnath+. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und
-plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte
-den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch
-das +Sandelholz-Thor+ des Heiligthums fort.
-
-1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord
-Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch
-Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die
-Hindu-Priester verweigerten die Annahme.
-
-Das Thor ist übrigens aus +Ceder-Holz+, saracenische Arbeit, und wohl
-eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name
-Subuktugin vorkommen soll.
-
-Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) -- zu verbrennen oder
-wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.
-
-Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von +Jahangir+, unmittelbar
-nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne
-Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in
-der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze
-und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden
-Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so
-farbenprächtig geschildert worden ist.
-
-Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die +Hauptmoschee+ der Stadt
-(Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter
-Jahanara im Mogul-Stil erbaut.
-
-Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei
-niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein
-Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee
-öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit
-einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien
-erbaut ist.
-
-Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der +Koran-Schule+ in den
-offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus
-dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte
-ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum
-Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk
-von dem Sahib.
-
-Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die
-Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.
-
-Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige
-Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.
-
-Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.
-
-Das Haupterzeugniss des +Kunsthandwerks+ ist eingelegte Marmorarbeit.
-In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus
-farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis
-Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze
-und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem
-Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in
-den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein
-reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in
-verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese
-verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt
-worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.
-
-Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich
-Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem
-Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt,
-ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die
-Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche
-Landhäuser und unser Gasthaus.
-
-
-Delhi.
-
-Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am
-folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts
-weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen
-giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist
-also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die
-Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und
-aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December
-die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15.
-December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)
-
-Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz
-Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction
-nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs
-Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)
-
-Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder
-besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen
-Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit
-flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern;
-doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten
-Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde
-Pfauen, ernste Marabut.
-
-Um 4 Uhr sind wir in Delhi. +Imperial Hotel+, das mir am meisten
-empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; +Grand Hotel+, wo ich
-Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch
-die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.
-
-Delhi wird als +Rom Asien’s+ bezeichnet. Seine +älteste Geschichte+
-ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der
-jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von
-5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von +sieben+
-verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet
-worden sind. Die älteste war +Indraprastha+. Diese wird schon in dem
-altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom
-8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als
-erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter
-seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich
-24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde.
-Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten
-Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg
-erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert.
-(1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den
-Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von
-Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert.
-Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die
-Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht
-haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die
-Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:
-
-1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb
-Minar) und der grossen Moschee.
-
-2) Feroz Tughlak (1351-1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher,
-unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder
-hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.
-
-3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und
-erbaute einen Palast und eine Moschee.
-
-4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von
-„Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s
-2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.
-
-Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März
-wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte,
-vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine
-Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach
-Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte
-eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £
-geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten
-die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es
-bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja
-sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.
-
-Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens,
-72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche
-im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung
-von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die
-Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach
-Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische
-Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges
-Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit
-den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen
-Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten
-sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin
-befindlichen Forts.
-
-Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen
-Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen
-und besetzte den Bergrücken (+Ridge+) dicht bei der Nordwest-Ecke von
-Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer.
-Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den
-Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten
-Schiessbedarf.
-
-Am 7. August kam General +Nicholson+ mit Verstärkungen an, am 4.
-September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten,
-nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden;
-am 8. September Richard +Lawrence+ mit weiteren Verstärkungen. Aber
-zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten
-die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken
-Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer
-eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen.
-Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm
-unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der
-Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das
-in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu
-sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach
-sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern
-schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der
-Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm +Hodson+, ein Reiteroberst,
-den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen
-Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am
-folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die
-Söhne zu bedrängen schien, so +schoss er die Prinzen mit eigener Hand
-nieder+. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden,
-Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern
-nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.
-
-Das +jetzige Delhi+ liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter
-über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des
-Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und
-72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern
-gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi
-und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser
-+Handelsplatz+, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien
-gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits
-mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die
-Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.
-
-Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner
-und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger
-gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt
-ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein
-Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten
-Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen
-Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden,
-den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut
-Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser
-Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den
-Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des
-Gesehenen zu geben.
-
-Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die
-Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen
-die +Burg des Kaiser Jahan+ an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes
-Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite
-von West nach Ost.
-
-Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch
-(40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra;
-aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken
-Minarets desto gefälliger.
-
-Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria
-G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und
-die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt,
-vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.
-
-Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast
-Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte
-unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch
-allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie
-unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und
-von dem Schattenkaiser[531] -- bis 1857 -- bewohnt,) sondern zunächst
-nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser
-geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren
-Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.
-
-+Fergusson+ nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas
-nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts
-Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und
-Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan
-brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen,
-welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen
-haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst
-ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern
-niederlegen.
-
-Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das
-Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub
-durchschlüpfe, wurde der +kostbarste Palast der Erde förmlich
-ausgeweidet+!
-
-Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch +geplündert+.
-Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten
-Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie
-nach England und -- verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass
-man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.
-
-In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen,
-quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die
-+Musik-Halle+ stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der
-+öffentlichen Audienz-Halle+. Im Norden dieser Gebäude-Reihe
-von 1600 Fuss Länge lagen die +Gast-Räume+ mit Gärten und der
-+Privat-Audienzhalle+. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss
-Länge, war von den +Wohngemächern+ und dem Harem eingenommen. Somit
-bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines
-Schlosses in Europa.
-
-Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:
-
-1) Die öffentliche Audienz-Halle (+Diwan-i-Am+). Sie ist ähnlich der
-zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss
-breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen
-von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung
-geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen
-mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der
-Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier
-weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt
-wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich
-ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik
-geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das
-Werk von +Austin de Bordeaux+ und hat mir nicht sonderlich gefallen,
-namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken
-von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er
-daheim -- verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)
-
-Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah,
-fand ich +hier+ wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und
-Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das
-schlagendste ist, ein +Orpheus+ mit der Cither in der Hand, von Thieren
-umgeben.“
-
-Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine
-herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der
-Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige
-Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und
-wieder zurückgeleitet.
-
-2) Die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige
-Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf
-gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch
-drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte
-Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt.
-Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste
-und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In
-der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst
-der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke
-war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und
-ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der
-berühmte persische Vers:
-
- Giebt es auf Erden ein Paradies,
- So ist es dies, so ist es dies.
-
-In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde
-einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.
-
-3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (+Rung Mahal+), die jetzt von den
-Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster
-aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die +Wage der
-Gerechtigkeit+ (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken,
-sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils
-ausgemeisselt.
-
-4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte
-Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die +Bäder+,
-drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte
-Glasfenster erleuchtet.
-
-5) Dicht dabei ist die kleine +Perl-Moschee+ aus weissem und grauem
-Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit
-flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut
-und kostete 160000 Rupien.
-
-Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine
-Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores
-liegt die +Jumma Musjid+, die als Hof-Kirche benutzt wurde.
-
-Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der
-Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde.
-5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische
-Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah
-Jahan -- von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach
-unserer Zeitrechnung.)
-
-Auf einem mächtigen +Unterbau+ erhebt sich die offene, mit 15 Fuss
-langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle,
-welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und
-den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der
-Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der
-Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange +Freitreppe+ von 36
-Stufen empor zu einem +Thorgebäude+. Das hauptsächlichste, östliche,
-der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes
-durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein
-gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie
-mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im
-Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt.
-
-Der +Hof+, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten
-schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss.
-In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen.
-
-Die +Moschee+ selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet
-sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren
-mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem
-Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei
-Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss
-hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht
-auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände
-vollständig mit Marmor bekleidet.
-
-Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten
-Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede
-stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533]
-über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000
-Gläubige zusammen.
-
-In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten
-Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n.
-Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem +Haar aus dem Bart
-des Propheten+. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem
-Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie
-spendet.
-
-Die +Hauptstrasse+ von Delhi ist +Chandni Chauk+, die Silberstrasse.
-Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt
-(Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den
-grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter
-Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast
-versorgende Wasserleitung bedeckt.
-
-In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer
-zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden,
-Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen
-fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren,
-allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte
-ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein
-Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte
-ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in
-Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager,
-das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich
-ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den
-einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich
-vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst
-Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler
-und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.
-
-Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in
-der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus
-für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen
-morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.
-
-In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk
-fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen
-Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der
-+goldnen+ empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der
-unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.
-
-Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten
-(+Queen’s Gardens+), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht
-ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht
-worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und
-daneben das +Museum+. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen
-der Kunstindustrie; zunächst aus +Delhi+ eingelegte Metallwaaren,
-Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens,
-aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und
-Lampen.
-
-Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des
-Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben
-werden.
-
-Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm
-zum Andenken an den Meuter-Kampf (+Mutiny Memorial+). Nördlich davon
-in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von
-England als +Kaiserin von Indien+ verkündigt wurde. Lord Lytton hatte
-alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und
-50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten
-Prunk entfaltet.
-
-Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der
-Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi
-erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter
-ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den
-Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi
-konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.
-
-Wenn Delhi, wegen seiner +Ruinen+, das Rom Asiens genannt wird, so
-verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse
-bezeichnet zu werden.
-
-Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts
-auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem
-ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug
-unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die
-Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten
-sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer
-+Vorgängerin+ Jahrhunderte lang als +Steinbruch+ ausgebeutet hat.
-
-Das erste Gebäude von Bedeutung ist +Jai Sing’s Sternwarte+, ähnlich
-der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat
-Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks,
-dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das
-Grabmal des +Safdar Jang+, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des
-vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50
-von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um
-Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht
-auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge
-mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und -- Stuck. Von
-Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die
-Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh,
-deren Stärke im Stuck liegt.
-
-Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener +britischer
-Artillerie+, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung
-schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar
-so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien
-antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen
-die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab
-für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei
-Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den
-Ernstfall birgt es grosse Gefahren.
-
-Das Endziel der Ausfahrt, +Kutb Minar+, liegt 19 Kilometer südlich vom
-Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli
-einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was
-es ist und sein soll, ein +Denkmal des Sieges+ der Mohammedaner über
-die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller
-aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das
-Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften
-doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu
-haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein +Volksmärchen+, dass der
-Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der
-Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge
-zum Bad im Jumna-Fluss auszog.
-
-Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller
-abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem
-Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis
-auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist.
-In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter
-die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren
-Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche
-schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide
-abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst
-gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.
-
-Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder
-kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter
-dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden
-sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.
-
-Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der
-Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der
-allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den
-Massen der benachbarten Kathedrale.)
-
-390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche
-der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum
-dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der
-Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige
-Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht
-trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der
-Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss
-erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.
-
-In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der
-Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der
-im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung
-Tughlakabad.
-
-Kutb Minar steht neben der +Moschee+, die Kutab-ud-din unmittelbar nach
-der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der
-mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen,
-dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein
-wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss
-breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger
-Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten
-Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen
-wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden
-Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen
-Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh
-(1210-1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren
-gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so
-Kutb Minar mit eingeschlossen.
-
-In dem ursprünglichen Hof steht der +Eisenpfeiler+, 23 Fuss 8 Zoll
-hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit
-einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen
-Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es
-ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler
-aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht
-häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist
-der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)
-
-In den äussersten Hof führt +Alaud-din’s Thor+, ein viereckiges Gebäude
-aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift
-umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und
-gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des
-früheren mohammedanischen oder +Pathan-Stiles+ in Indien.
-
-Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das +Grabmal von
-Altamsh+, das älteste in Indien.
-
-Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s
-Denkmal noch die vom Führer so genannte +Halle der+ 64 Säulen, das Grab
-von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters
-+Amir Khusran+, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern
-noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen
-+Nizam-u-din+ (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester
-gepflegt; und endlich das der +Jahanara+, der frommen und gehorsamen
-Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner
-siebenjährigen Gefangenschaft. (1658-1665) und ist 1681 verstorben. Das
-Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält
-die schönen Verse:
-
- Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt.
- Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.
-
-Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische
-Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie
-sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts
-geläufig waren.
-
-In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss
-tiefer +Teich+, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte
-Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes,
-bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert.
-Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.
-
-Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das
-Grabdenkmal von +Humayun+, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau
-hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste
-Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer
-Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen
-Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen,
-alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor
-geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder
-andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der
-Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König
-+Bahadur+ Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit
-eigener Hand niederschoss.
-
-1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich
-von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt +Indrapat+,
-eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533
-ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck
-hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor.
-Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten
-aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art
-den Fremdling. +Sher Schah+’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache
-Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit
-hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der
-Nähe steht ein achteckiges Gebäude, +die Bücherei von Humayun+, der
-hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen
-herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.
-
-Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen
-Ruinen von +Ferozabad+, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354
-erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler
-(+lat+) des Königs +Asoka+ (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo
-der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali,
-verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe
-entziffern.
-
-
-Jaipur.[537]
-
-+Die indische Heilkunde+.
-
-Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi
-nach +Jaipur+, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and
-Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien.
-Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in
-der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine
-Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)
-
-Ich komme also in die +Rajputana+, jenes grosse Gebiet im
-nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches,
-unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen
-einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur
-zwei Mohammedaner.
-
-Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881
-an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina,
-nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.
-
-Von der ursprünglichen Kriegerkaste der +Rajput+ (im Sanskrit
-Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana,
-hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz
-auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d.
-h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll
-in ihrem Auftreten.
-
-Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen
-zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist
-aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei
-Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man
-erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die
-Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken
-bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.
-
-Abends spät gelange ich in das +Gasthaus zur Kaiserin von Indien+
-(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in
-Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes,
-mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder
-Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach,
-wollten sie +von aussen+ ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir
-natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des
-Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer,
-seinen Platz eingenommen.
-
-Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche,
-gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die
-Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich
-auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht
-hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir
-nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde
-zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh
-er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung
-seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen
-machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese
-nächtlichen Lieder aufhörten.
-
- * * * * *
-
-Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n.
-Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff,
-Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten
-erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit
-andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und
-gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana)
-tragen.
-
-Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige
-Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst
-Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare
-Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und
-Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen
-musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen
-Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul
-geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.
-
-Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der
-Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig
-besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur
-britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen
-Meuter-Aufstands.
-
-Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist +Jaipur+ mit 37000
-Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als
-2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste
-Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der
-35^{te}; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama,
-den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. +Jai Singh+,[543] der
-sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt
-Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch
-den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der
-Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden
-haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen
-Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst
-der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die
-Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. +Hans Meyer+
-dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)
-
-Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen
-von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die
-Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen
-und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat.
-Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch
-üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus.
-Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.
-
-Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über
-dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten
-Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im
-Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss,
-Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in
-den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule)
-mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas
-schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug
-1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst
-Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den
-einheimischen Staaten Indiens.
-
-Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur
-Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst
-mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.
-
-Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die
-fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein
-Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein
-+eigenhändig+ unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen
-Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich
-mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen
-Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so
-findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor.
-Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen
-in den +Schutzstaaten+ überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt,
-wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen
-Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss
-zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser
-nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die +Erlaubniss
-zur Besichtigung der Paläste+ nur auf schriftlichen Antrag von dem
-englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig
-lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand
-hier reisen wollte, +ohne+ die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so
-würde er erst recht auffallen.
-
-Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten
-Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei
-munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment)
-gelegenen Gasthaus nach der Stadt.
-
-Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie
-krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort +Welcome+ eingelegt. Grosse,
-mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns
-entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in
-den vorigen Tagen gesehen.
-
-Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von
-6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden
-Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen,
-sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer
-noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten
-Winkeln.)
-
-Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die
-einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the
-Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit
-Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie
-mit weissen Zierrathen versehen liess.
-
-Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine
-Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich
-Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch
-seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil
-nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als
-tüchtig gebaut.
-
-Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen
-waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in
-die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern
-eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge
-sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens.
-Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine
-Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen
-Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.
-
-Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen +Laden+ geschleppt, wo die
-berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so
-geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er
-mit mir kein Glück.
-
-Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem
-prachtvollen +Park+ ausserhalb der Mauern, der als der schönste
-von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28
-Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die
-Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.
-
-In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des +Lord Mayo+ errichtet,
-welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine
-Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der
-Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines
-Mörders sein Leben eingebüsst hat.
-
-In dem Garten sind +Vogelhäuser+ mit Riesen-Pfauen, auch den
-schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit
-+wilden Thieren+, namentlich mit +Tigern+.
-
-Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere
-zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er
-reizt den Tiger zu höchster Wuth und -- hält dann die Hand auf, um
-ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei
-einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich
-erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden,
-+Menschenfresser+ seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn,
-der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger
-in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich
-vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst
-Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück
-seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.
-
-Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein
-zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250
-englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen
-getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis
-ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798
-Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an
-einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.
-
-+Gefangen+ werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber
-legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube
-belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und
-unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und
-zur Schau ausgestellt.
-
-Der Hauptschmuck des Gartens ist +Albert Hall+, ein neues Gebäude,
-zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit
-den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der
-Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle,
-an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n.
-Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus
-den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt.
-Das Innere ist ein +Kunstmuseum+; dasselbe enthält die Ergebnisse
-der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883
-hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer
-stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen
-der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die +vollständigste+.
-Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da
-sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter,
-Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür
-die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten;
-Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit
-wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles
-mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.
-
-Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen
-herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward
-ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen
-von unserem Prof. +Herter+ erblickte, offenbar als Muster, um den Blick
-und Geschmack der Einheimischen zu bilden.
-
-Es giebt auch eine wirkliche +Kunstschule+ in Jaipur, welche Metall-
-und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern
-neu beleben soll.
-
-Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um
-die +Stadt selber+ genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe
-der einander ähnlichen Häuser in der ersten +Hauptstrasse+, alle
-rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck,
-theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem
-Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen
-Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen
-ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.
-
-Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit +Läden+,
-unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden,
-welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und --
-Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.
-
-Der +Marktplatz+ am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings
-um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit
-Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses
-Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer
-aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und
-einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen
-grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre
-Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen
-Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse
-verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die
-jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm
-trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring
-aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das
-begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.
-
-Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den
-Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen +Grünhörner+
-im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner
-Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In
-verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig
-fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas
-Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die
-echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in
-der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen,
-sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die
-Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput
-vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole,
-Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen
-suchen.
-
-Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh
-erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt
-mit seinen Gärten ein +Siebentel+ ihrer Flächenausdehnung.
-
-Nahe dem Haupteingang erhebt sich der +Himmelsthurm+, der von dem
-Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem
-gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.
-
-Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother,
-zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten -- ohne
-Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien
-üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.
-
-Der Haupttheil des Palastes (+Chandra Mahal+) ist ein in sieben sich
-verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude
-aus neuerer Zeit, -- wenn man will, in indisch-italienischem Stil;
-unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer
-der Frauen enthält.
-
-Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch
-verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten
-gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine
-schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind
-leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.
-
-Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der
-Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (+Hawal Mahal+), auch
-von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen,
-unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, -- von den
-Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549] aber in der
-That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.
-
-Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.
-
-Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine
-Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine
-Staatsdruckerei.
-
-Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber
-unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.
-
-Besser gehalten sind die +Ställe+, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten
-gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und
-den Silber-+Prunkwagen+ des Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht
-in die Bewunderung einstimmt.
-
-Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von +Elephanten+, die
-auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren
-Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei
-festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.
-
-In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der
-+Krokodil-Teich+.[550]
-
-Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten;
-aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich
-sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber
-unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer
-flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der
-Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt
-haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell,
-wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die
-Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein
-Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick
-festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den
-ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die
-Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie
-schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und
-wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken,
-so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses
-zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils
-verschwindet.
-
-Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in
-raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an
-der Beute herausholt.
-
-Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den
-+Fürsten+ zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse
-Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen,
-fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von
-einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher
-Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart,
-in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden
-erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.
-
-+Tempel+ giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des
-Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig
-sind diese Bauten nicht. Der berühmte +goldne+ Tempel ist ein offner
-Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im
-Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.
-
-Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine
-Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten
-sind noch zu erwähnen die +Grabdenkmäler+ der Fürsten, ausserhalb
-der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von
-ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem
-Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten
-Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind +Leergräber+ oder
-Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit
-Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)
-
-Der alte +Garten+ (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge
-Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit,
-hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen.
-
-Das +Hauptvergnügen+ in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die
-Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens
-aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz
-vor +Albert Hall+, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten
-auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu
-lauschen.
-
-Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert
-Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich
-sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der
-einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend
-entgegenzunehmen.
-
-Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen.
-Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von
-+einheimischen Verkäufern+. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den
-nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es
-für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war
-beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die
-dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis
-abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten
-kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er
-von der Hand in den Mund lebt.
-
-Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die
-fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen;
-sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der
-Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen
-hat.
-
-Der +Haupt-Ausflug ist nach Amber+.[551] Montag, den 19. December,
-stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.
-
-Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus,
-durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem
-aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener
-+Wasserpalast+ des Fürsten emporragt.
-
-Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick
-auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten.
-Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete,
-auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur
-Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor,
-ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½
-Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts
-weniger, als angenehm.
-
-Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein
-Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand
-bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige
-Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen
-Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.
-
-Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier
-enthüllt sich uns ein +wunderbares Schauspiel+: oben auf dem hohen
-Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden
-Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an
-der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt +Amber+.
-
-Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im
-Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten,
-bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.
-
-Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit
-festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in
-das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige
-Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.
-
-Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo
-die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst
-und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist
-es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich
-geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und
-Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch
-Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau
-vollendet.
-
-Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige
-Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch
-pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem
-scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener
-Kuppeln.
-
-Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und
-bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und
-Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges
-Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem
-die öffentliche +Audienz-Halle+ steht. Die Marmorsäulen, in zwei
-Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein
-massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit
-durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den
-Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza
-Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung
-zu schützen.
-
-Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen
-Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss
-getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns
-vor Einführung der Papiertapeten üblich war!
-
-Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der
-blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege
-geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung
-der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die
-besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.
-
-Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte +Thor
-Jai Singh’s+ eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener
-Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des
-Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten
-als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai
-Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster;
-kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch
-eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B.
-Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in
-die Alabaster-Täfelungen eingelegt.
-
-Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die
-verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die
-als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.
-
-Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und
-eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch
-grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem
-Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu
-dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die
-tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert
-worden.
-
-Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung
-sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den
-zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten
-Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben
-mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel
-steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll;
-+Murray+ sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als
-alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der
-Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie
-gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen
-Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben
-über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe,
-deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen
-gestalteten Enden berühren.
-
-Auf der Rückfahrt sehe ich die +Dungkuchen-Herstellung+, eine
-Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen
-„Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der
-Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus
-platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte
-zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient
-und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz
-ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen
-plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht
-werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen
-sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs
-der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem
-abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.
-
- * * * * *
-
-Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen
-bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem
-ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der
-+altindischen Heilkunde+ nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage
-sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende
-Aufgabe.
-
-Die Heilkunde hat in der +brahmanischen+ Zeit selbständig sich
-entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für
-die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende
-Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung
-vom Leben) den +Göttern+ zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der
-Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen
-für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon
-die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren
-Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten.
-Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem
-Namen des +Susruta+ und +Charaka+ überlieferten Schriften, gehören den
-+späteren+ Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. +Wann+ sie in der
-jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.
-
-Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die
-indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei.
-Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über
-Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer
-Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an
-ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich
-denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen,
-enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist.
-Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten
-und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir
-Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt
-haben.
-
-Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau
-und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend,
-ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so
-sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute
-nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder
-betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die
-Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet
-den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige
-abgeht, gleicht einem Vogel mit nur +einem+ Flügel.
-
-Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des
-Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche
-Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde
-gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen
-Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn
-Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen
-und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige
-ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die
-Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.
-
-Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den
-Grundstock für die erwähnten Schriften.
-
-Als der heutige Hinduismus entstand (750-1000 n. Chr.), und die Kasten
-sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde
-auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen
-der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad
-(750-960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor
-im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind
-vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.
-
-In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der
-Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben
-englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich
-Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch
-noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen.
-Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.
-
-Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer
-Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter
-den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner,
-538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann
-für diese Zahlen (+Hunter+), erwähnt nicht die weiblichen Studenten,
-doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung
-von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur
-Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht
-worden.
-
-Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher
-Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die +Nasenbildung+ und der
-+Star-Stich+.
-
-Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher,
-als +gesetzliche Strafe+ in Indien vorkommt; so ist es doch noch
-+Sitte+ in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die
-Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends,
-auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte
-Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder
-von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung +wird+ ausgeführt in
-Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts
-englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der
-+Ziegelstreicher-Kaste+, sondern von Schülern der englischen
-Universitäten und Krankenhäuser.
-
-Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten
-beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst
-in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene
-Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.
-
-Der +Star-Stich+[555] war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit
-gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei
-Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. +Celsus+ (zur Zeit
-Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert;
-+Galen+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit
-in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich
-gab; +Paulus von Aegina+ (im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner
-Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und
-der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften
-des grossen Galen, uns überliefert. Die +Araber+ des Mittelalters
-beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer
-eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine
-zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einen kleinen
-Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und
-darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben.
-
-Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde
-erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf
-Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch
-Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit
-ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten
-ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den
-umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.
-
-Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren
-der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben
-diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen,
-auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher
-sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England;
-im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer
-Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat
-aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre
-Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556]
-
-Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, +welchem Volke+ (oder gar
-welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint
-mir zur Zeit völlig unlösbar.
-
-Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres
-Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren
-in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es
-zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine
-Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen
-ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine
-Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.
-
-Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim
-Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren)
-bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner
-geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu
-Gunsten des Star-Schnitts.
-
-Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst
-sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so
-dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei
-längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der
-+Star-Schnitt+ durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher
-geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt
-und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.
-
-Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen
-Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden
-und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich
-die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien.
-Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische
-Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher
-unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu
-Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst
-Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen,
-obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem
-Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings
-der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille
-gefallen.
-
-In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter
-einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen,
-in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel
-Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus
-befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt
-ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend,
-einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in
-+seinem+ Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.
-
-Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse
-von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den
-bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen
-und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit
-und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse
-Schwierigkeiten bereiteten.
-
-Sie waren zwischen 50-60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach
-zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit
-worden. (+Wasser+ nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter
-und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen
-vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren
-operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind.
-Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher
-operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt
-im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.
-
-Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die
-Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf
-seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er
-müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem
-Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.
-
-Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der
-geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von
-Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich
-fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen
-konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu
-dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen
-wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und
-fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem
-Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich
-auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse
-fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut
-gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine
-Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie
-zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein
-Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated
-into Urdu. Agra 1884.“
-
-In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen,
-ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien
-Geldstrafe.
-
-Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich
-verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40
-Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische
-Unzuverlässigkeit. +Einer+ war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden
-Augen vor neun Jahren von jenem operirt, -- mit gutem Erfolge.
-
-Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein
-einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen
-sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen
-Kranken +von ihren Ketten nicht befreit+ sind! Die Briten, die in so
-vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle
-Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut
-operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem
-ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte
-ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.
-
-Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher
-trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge
-erzielen.
-
-Das +Geheimniss+ liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne
-in Indien der Alters-Star +zwanzig Jahre früher+ reift, als bei uns. In
-Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre.
-Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im
-höheren.
-
-Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den
-Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die
-+Gerechtigkeit+ anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten,
-vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker
-ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe
-Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte
-Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu
-beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch
-in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der
-englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden
-nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder
-Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.
-
-
-Berg Abu.
-
-Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road.
-(Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda
-and Central India Railway.)
-
-In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000
-Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern
-mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung
-genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.
-
-Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen
-aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt
-ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein
-gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel;
-plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.
-
-Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem
-Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu,
-beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni
-und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten +Hügel+ auf (+Arawali+
-hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur
-Viehzucht benutzt.
-
-Auf dem Halteplatz +Abu Road+ lasse ich meinen Koffer zurück, sende die
-zwei Stücke Handgepäck hinauf nach +Abu Mountain+, das 24 Kilometer
-entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558]
-
-Ich selber bestieg die +Jinrikisha+, welche von sechs einander
-ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559]
-
-Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25°
-nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern
-auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte
-sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“
-zu entnehmen war.
-
-Der +Berg Abu+ gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein
-fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt
-sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem
-Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu
-als Heiligthum verehrt wurde.
-
-Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat +Sirohi+, der
-unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800
-Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.
-
-Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden
-Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit
-zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht
-romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben
-reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien
-und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen
-Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem
-Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe
-Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem
-einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der
-Pistolenkolben aus der Rocktasche.
-
-Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier
-beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber
-ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz
-Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder
-Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.
-
-Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht
-gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine
-Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen
-schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.
-
-Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein
-+Fakir+[560] sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein Zelt,
-sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen
-Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die
-Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem
-Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut
-aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes
-Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit
-Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den
-Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn
-die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.
-
-Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser
-+Jain-Tempel+. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach tiefe,
-sogar schraubenförmige Löcher, die an +ehemalige Gletscher+ erinnern;
-auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen unter,
-Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit dem
-letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im Gasthaus.
-
-Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen
-Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.
-
-Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen
-alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes
-Plauderstündchen mit ihm verlebte, -- hier befiel mich zum ersten Male
-ernstlich das +Heimweh+.
-
-Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth
-und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die
-wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die
-merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und
-grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun
-sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.
-
- * * * * *
-
-Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½
-Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten
-(Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten
-und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h.
-die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem
-Meere, die Temperatur ist angenehm.
-
-Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den
-Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.
-
-Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen
-weiden +fette Kühe+, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht
-mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus
-Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den
-ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische
-Brunnen bezeichnet werden.
-
-Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem
-Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den
-Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten +Jain-Tempel+ (Delwara[561])
-zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen
-wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten
-+Edelstein-See+ (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom
-Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.
-
-Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem
-der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer
-entfernten Tempeln.
-
-Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren
-Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige
-Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern
-mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten
-Tempeln angehören.
-
-+Das Innere ist überraschend.+ Der prachtvollere der beiden Tempel
-ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf
-feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen,
-sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen
-Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18
-Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des
-Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der
-460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden
-musste!
-
-Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel
-errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.
-
-Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah,
-um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich
-geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die
-Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.
-
-In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer
-Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in
-ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und
-oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine
-prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang
-des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen
-weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.
-
-Achtundvierzig +freistehende+, herrlich geschmückte +Säulen+ setzen
-diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die
-Wölbung aus +wagerechten+ Steinen; die +strahlenförmige+ der Römer muss
-ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch,
-wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.)
-
-Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und
-90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs)
-von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben
-ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von
-diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten
-Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem
-Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles
-ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere
-und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und
-mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an
-jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs.
-Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries
-von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht,
-darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen.
-Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor
-in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen
-auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben
-in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren
-geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren
-Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten
-Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In
-dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die
-scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)
-
-Das +Ganze+ macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren
-Eindruck, obwohl manche +Einzelheiten+ uns weniger anziehen.
-
-Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im
-Baustoff als auch in der Ausführung.
-
-Ein grässlich lärmender +Gottesdienst+ mit Gong und Pauken wurde grade
-abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie
-sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir
-zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.
-
-Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt
-waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine
-grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist
-von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.
-
-Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom
-Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein.
-+Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,+ sind
-hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von
-Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir
-angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien
-werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.
-
-Die Frage der +Jaina+ ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu
-keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina
-erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied
-zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint.
-
-Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit
-und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste
-Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von
-seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge
-und üben +ahimsâ+, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer
-gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich
-des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes
-Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie
-niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören.
-Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen +Triratna+ (d. h. die drei
-Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3)
-vollkommenes Leben.
-
-Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die
-Jaina erkennen +vierundzwanzig Jina+ an, (d. h. Siegreiche, oder
-+Thirthankara+, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche
-das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den
-vorletzten +Parsvanath+ und den letzten +Mahavira+, (d. h. grosser
-Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha
-gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind,
-Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion
-begründet haben soll.
-
-+Jetzt+ giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den
-Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben
-wird.
-
-Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist
-Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und
-unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen
-Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben
-sind. Sie theilen sich in +Yati+ oder Büsser und +Çravaka+ oder Hörer
-(Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut neue,
-prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. Aber
-weit grösser war ihr Einfluss in +früherer+ Zeit; nur ist es sehr
-schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.
-
-Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen
-Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine
-Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine
-besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich
-Hindu.
-
-Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt.
-Unser Landsmann +Jacobi+ hat neuerdings (1884) dargethan, dass
-Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben,
-nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse
-Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war
-die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und
-verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt
-wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr.
-verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n.
-Chr. Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der +Swetambara+ oder
-Weissgekleideten und +Digambara+ oder Nackten (Luft-gekleideten) zwei
-oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese Theilung
-besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara Yati)
-jetzt Nacktheit nicht mehr +öffentlich+ zur Schau tragen. Der Streit
-zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den kanonischen
-Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) wird die
-Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), in den
-Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. Chr.
-aber beide Secten der Jaina erwähnt.
-
-Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr.,
-war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί
-übersetzte.[567]
-
- * * * * *
-
-Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am
-Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha
-wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben
-gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer
-Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie
-sich zum Schmause lagern.
-
-
-Ahmedabad.
-
-Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568] wo ich Morgens
-6 Uhr ankomme. (Ortszug der +Bombay, Baroda and Central India+
-Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also
-kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)
-
-In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal
-wieder das +Kreuz des Südens+ zu erblicken. +Dante+, dem es wohl nur
-aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem
-Anblick; +Vespucci+ sah es auf seiner dritten Reise (1501); +Corsali+
-(1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.
-
-Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so
-gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war
-mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem
-nördlichen Wendekreis.
-
-Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in
-den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.
-
-Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte,
-ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.
-
-Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des
-Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf
-Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche
-Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines
-Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.
-
-Die Stadt +Ahmedabad+ (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein
-wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer
-148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer,
-welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und
-fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite
-der Stadt) nach dem +Rasthaus+, das dicht vor dem in der Mitte der
-Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des
-Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein
-Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der
-Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.
-
-+Ahmedabad ist äusserst lohnend.+ Die Stadt ist die erste im Bezirk
-+Guzerat+ und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren
-nördlichen Theil jener Bezirk bildet.
-
-Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20
-und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und
-besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem
-daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den
-Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer
-und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000
-Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster
-+Baroda+ ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf
-britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren
-Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.
-
-Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als
-Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet,
-bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.
-
-Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die
-byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen
-Baruch (+Barotsch+) an der Mündung des Nerbudda.
-
-Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara),
-der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land
-zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100
-hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der
-Brahmanen.
-
-Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches
-von Delhi.[571]
-
-Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig.
-Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem
-Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat
-eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen
-Sohn +Ahmed Schah+ erbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt
-(Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem
-Namen benannte Stadt +Ahmedabad+, stattete sie mit breiten Strassen,
-prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu
-einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter
-seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum
-und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada
-(1459-1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der
-Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt
-verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von
-einer Partei desselben +Akbar+ herbeigerufen, drang ohne erheblichen
-Widerstand in Ahmedabad ein und machte Guzerat zu einer Provinz des
-Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann
-eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000
-Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer
-Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht
-geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen
-Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort,
-„sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572]
-
-Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der
-Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt,
-bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz
-der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen
-Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.
-
-Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch
-Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück,
-da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark
-bestellte, -- sein Vorgänger für 1½ Millionen.
-
-Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in
-nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573]
-zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und
-umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege
-enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen
-gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche
-abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.
-
-Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss,
-der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings
-mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite
-beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt
-zieht die Eisenbahn hin.
-
-Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig
-bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen;
-und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste
-mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrer
-+hindu-saracenischen Baukunst+. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange
-Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen
-Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten indisch geblieben. Die
-Gestalt ihrer +Verzierungen+ ist gradezu unübertrefflich.
-
-Zuerst fahren wir nach der +Hauptsehenswürdigkeit+, der +Jumma Musjid+.
-Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichen
-+Hauptstrasse+ (Manik Chauk).
-
-Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen
-des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den
-gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu
-demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers,
-nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000
-Quadratfuss misst.
-
-Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu
-jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten
-und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings
-als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch
-ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte
-jedes der beiden Thürme[574] ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819
-herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das
-Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind
-grösser und höher, als die andern.
-
-Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und
-den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.
-
-In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes,
-eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des
-Sultans ist oben in der Mitte.
-
-Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden
-Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese
-hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut
-auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. --
-Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern
-neben ihm. -- Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn
-von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“
-
-Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze
-Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine
-umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren
-Fuss setzen.
-
-An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah.
-Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von
-achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit.
-Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit
-Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit
-Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines
-Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber
-der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der
-durchbrochenen Fenster.[576]
-
-Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt,
-bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an
-der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch,
-sondern echt hindostanisch sein.
-
-Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der
-Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (+Minarets+)
-versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet
-versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds
-Grab zeigt (+Kiblah+), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen
-wird. (+Mimbar+.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den
-vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein
-Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (+Roza+) des Begründers. Gegen das
-Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt
-an 1000 Moscheen und Gärten.
-
-Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das
-Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem
-Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger,
-so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen.
-Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s
-+dreifaches Thor+ (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher
-Bildhauerverzierung.
-
-Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute +Burg+
-(+Badr+ genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali,
-der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan,
-1636 erbaute +Palast+, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude,
-jetzt als Gefängniss benutzt; die +Rubin-Bastion+ (Manik Burj), um den
-Grundstein der Stadt erbaut, und, in der Nordostecke der Umwallung,
-+Sidi Said’s Moschee+, jetzt allerdings für die örtliche +Verwaltung+
-benutzt. Aber die durchbrochene +Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster+
-lohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad.
-
-Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche
-Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen.
-Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die
-feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die
-Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist
-naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten
-Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.
-
-Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem
-Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der +Rani
-Sipri+ liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat
-1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss
-in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.
-
-Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern
-aus weissem Marmor.
-
-Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang
-stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss
-hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss
-hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein
-Triumph des Bildhauers.
-
-Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen
-zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener
-Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt
-und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.
-
-1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der +Kankariya+- oder
-+Bergkrystall-See+, 1451 von dem Sultan +Kutbudin+ angelegt und 1872
-von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in Ordnung gebracht. Sein
-Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und bildet ein regelmässiges
-Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss lang ist; sein Flächeninhalt
-beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. Es ist die grösste Anlage
-dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem Südende führt ein Damm mit
-Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen Insel, auf der, inmitten
-von Palmen und violettblühenden Bäumen mit prachtvollem Grün, eine
-Erholungshalle angebracht ist.
-
-Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von
-weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die
-Sperlinge.
-
-Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal von
-+Schah Alam+, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher Berather
-von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die durchbrochene
-Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und aus Bronze an den
-Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder Beschreibung. Wunderbar
-ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die Minarets der Moschee von
-90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit Rundgängen.
-
-Zum Schluss kommt die Betrachtung der +Bazare+.
-
-Goldschmied-[577] und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten,
-Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen
-Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann,
-Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön
-bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold-
-und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-[578] und Papier-Waaren, --
-alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.
-
-Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn
-lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte
-Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die
-Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der
-Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden
-als Stadt-Haupt anerkannt.
-
-So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten
-Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr
-ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.
-
-Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst die
-innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der +Königin+
-(+Rani Musjid+), die wahrscheinlich zur Zeit von Ahmed Schah erbaut
-worden ist.
-
-Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von
-einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33
-Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die
-Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als
-die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der
-Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von
-durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,[579]
-aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets
-reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie
-unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört
-worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind
-zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.
-
-In der Nähe ist die Moschee von +Mohammed Chisti+ aus dem Jahre 1565,
-mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu
-finden.
-
-Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen +Jain-Tempel+, den,
-ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati Singh,
-nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen
-Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch lebendig, lebendig
-ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens in der Stadt eine
-Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere (+Panjrapol+) erbaut haben
-und unterhalten, sowie ausserordentlich zahlreiche, schön geschnitzte
-und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf hohen Pfeilern.
-
-Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu,
-auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und
-überaus +sauber+ gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss
-breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild
-und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.
-
-Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen
-Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen
-(angeblich des Dharmmanatha, des 15^{ten} der 24 Thirthankara), mit
-Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind
-nicht so unduldsam, wie die Hindu.
-
-Danach kamen die +Wasserwerke+ an die Reihe, die ebenso wenig wie der
-Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen ist
-gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen
-wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt
-das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von
-18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von
-dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend
-ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa
-sechzehn Wasserhähnen draussen am Umfang, so dass zu den bestimmten
-Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch
-entnommen werden kann.
-
-Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles auf
-das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich nach
-meiner Heimath. Als ich +Berlin+ nenne, fasst er meine Hand, und bittet
-um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung der weltberühmten
-Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich verspreche ihm das,
-aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi halten unser Wort
-heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ Ich war ein wenig
-geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und habe ihm auch, mit
-Hilfe unsres vortrefflichen Director +Gille+, seinen Wunsch erfüllt.
-
-Den Schluss machte die Besichtigung des +Hospitals+, dessen Arzt ein
-Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche Impf-Stelle
-ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit Pockennarben, auch
-viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.
-
-Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir,
-dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann,
-wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich
-mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den
-Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu
-bestellen.[580]
-
-
-Bombay.
-
-Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23.
-December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. --
-310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch
-meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und
-von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in
-Watson’s +Esplanade Hotel+, dem besten in Indien.
-
-Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen
-Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem
-Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann
-alsdann die Besichtigung der +zweiten Hauptstadt+ von Indien beginnen.
-
-Bombay,[581] +das Auge von Indien+, das nach Westen schaut, die
-Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien
-fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach
-Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König
-Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an
-die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es
-820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000
-Europäer.
-
-Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl
-von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste
-Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem
-sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel)
-durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′
-nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat
-11_{,5} Kilometer Länge, 3_{,5} Breite und etwa 55 Quadratkilometer
-Flächeninhalt,[582] und ungefähr die Gestalt einer länglichen,
-unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet
-sind. Die kürzere, östliche Spitze ist +Malabar-Hügel+, der Wohnsitz
-der Reichen; die längere westliche +Kolaba+, das Hauptquartier des
-Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back
-Bay).
-
-Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel,
-liegt die alte +Festung und der Hafen+, und westlich davon die
-+Esplanade+, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten
-schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583] Stadt
-der Eingeborenen an (+Black town+) und reicht nördlich bis zu den
-Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des
-Malabar-Hügels.
-
-Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich
-seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche
-Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil der Insel, wo
-allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich
-habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und
-erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu
-behandeln hat.[584]
-
-Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt
-günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun
-beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum
-Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70
-Zoll im Jahre.
-
-In +geschichtlicher+ Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre
-1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran
-grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen
-abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine
-befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König
-Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen
-Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon
-1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische
-Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund
-Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung
-(Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das
-Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug
-bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.
-
-Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste
-Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.
-
-Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war
-
- 1716: 16000,
- 1815: 221000,
- 1834: 234000,
- 1864: 816000[585],
- 1872: 640000,
- 1881: 773000[586],
- 1891: 821000 (einschliesslich des Cantonment).
-
-Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel der
-Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier
-Procent.
-
-Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der
-englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung
-der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).
-
-Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen
-Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen
-gewesen sein, nach dem +Guide of Bombay+, 1892. Aber hier zeigt sich
-die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach +Hunter’s amtlichen+
-Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen.
-Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent
-auf Calcutta. +Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.+
-
-Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen
-Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen
-Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr
-gehen durch den Suez-Canal.
-
-Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch
-seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester.
-1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5
-Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8
-Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen
-Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften
-unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.
-
- * * * * *
-
-+Esplanade Hotel+ hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt.
-Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road),
-nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale
-Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft
-emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben
-ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich
-Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre
-Schmarotzer der Reisenden.
-
-Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde,
-mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien
-lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und
-gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen
-Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem
-Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo
-hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.
-
-Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr
-gross, noch glänzend ausgestattet war.[587]
-
-Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle,
-die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine
-Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588] ein Postamt,
-ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum,
-wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger
-innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das
-letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates
-sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll
-grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso
-wie die Pförtner und Diener.
-
-Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen
-Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen
-Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren
-eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.
-
-Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze
-Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen
-einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen
-den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten
-verplaudert.
-
-In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende,
-theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die
-Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine
-Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu
-entgehen.[590]
-
-Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser
-indischen Grossstadt nicht.
-
-Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist
-gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und,
-nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.
-
-Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich
-am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die
-englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge
-geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das
-Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung
-zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt.
-Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir
-mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme
-Morgenstunde.
-
-Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist
-es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen +Prachtgebäude+
-zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von
-einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der
-indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um
-es kurz zu sagen, +geschmacklosere Bauten+, als die der Engländer in
-Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf
-so engem Baum zusammengedrängt gesehen.
-
-Das +Secretariat+ der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus
-(mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft
-mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge
-und vier Stockwerken; -- für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar,
-ausserdem aber soll es „+venetianisch+“ sein.
-
-Die +Universitäts-Halle+ ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott
-im „+französischen+“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss
-lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach
-Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien
-dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im
-+Innern+, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die
-Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts
-zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)
-
-Die +Universitäts-Bücherei+ mit dem Glocken-Thurme, von demselben
-Sir Gilbert Scott in dem „+gothischen Stil des 14. Jahrhunderts+“
-entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss
-langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem
-plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast
-200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne,
-deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der
-von +Rajabi+, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand
-Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und
-ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die
-vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber
-nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen
-Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung
-zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude
-an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die
-Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir
-führt.
-
-Das +Gerichtsgebäude+, in „+altenglischem+“ Stil von Gen. J. A. Fuller
-entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet,
-ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch
-+drinnen+; das beste, was man dort sieht, ist die +Aussicht+.
-
-+Postgebäude+ „im mittelalterlichen Stil“, +Telegraphenamt+ „im neuen
-gothischen“ und +Bau-Amt+, die hier in der Nähe und dicht bei einander
-liegen, verdienen nur genannt zu werden.
-
-Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so
-stösst man zuerst auf die +Cathedrale+, die 1718 erbaut, 1833 mit
-einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen
-und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen
-Rundgarten (+Elphinstone Circle+), der von hohen Geschäftshäusern
-umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (+Town Hall+), das mit
-seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle
-etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000
-£ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen Saal von 100 Fuss Länge
-und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu +Bällen+
-benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien
-keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige
-Bücherei der +asiatischen Gesellschaft+ und hierdurch den deutschen
-Fachgelehrten genügend bekannt.
-
-Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die +Münze+,
-welche 300000 Rupien an +einem+ Tage zu prägen im Stande ist und früher
-bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann
-konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen
-Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung
-nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden.
-
-Ob das neue Stadthaus (+Municipal Office+) am Nordende des
-Europäer-Viertels[596] nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird,
-weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe
-zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die +mohammedanische
-Mädchen-Schule+, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung
-anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude
-des +Victoria-Eisenbahnhalteplatzes+,[597] das allenthalben nach vorn
-Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem
-Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen
-den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät
-gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der
-prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war
-der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig,
-die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der
-Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.
-
-Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf
-denjenigen, der aus Indien +kommt+ und so viel schönes gesehen.
-
-Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die +Bildsäulen+.
-
-Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz,
-steht die bronzene +Reiterstatue des Prinzen von Wales+, die Sir
-+Albert Sassoon+[598] zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben
-(1875/76) durch Herrn +Böhm+ für 12500 £ anfertigen liess und der Stadt
-Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt.
-Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist
-12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe,
-also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält
-der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die
-Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der
-Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern
-steht.
-
-An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem
-gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe +die Königin+ im Staatsgewande.
-Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, von +Noble+. Die
-Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien,
-wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein
-gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende
-Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh
-gesehen.
-
-Bombay’s Bedeutung beruht auf dem +Seehandel+.
-
-Naturgemäss wendet man sich zum +Hafen+. Es ist nicht weit. Man
-verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke,
-geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die
-Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem +Seemanns-Heim+[599] und dem
-+Jacht-Club+ zur Linken und einem +Erfrischungshause+ zur Rechten.
-Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönte
-+Landungstreppe+ in den Hafen vor, die den für uns seltsamen Namen
-+Apollo Bunder+ führt.
-
-+Bunder+ oder Bandar heisst auf hindostanisch +Uferstrasse+. Das Wort
-Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h.
-+Fisch+, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie
-eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.
-
-+Apollo Bunder+ oder, wie der +amtliche+ Name jetzt lautet,
-+Wellington Damm+ (W. Pier) ist das wirkliche +Eingangs-Thor+ zur
-Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O.
-Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge
-und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick
-von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der
-schönsten +Seelandschaften+ der Erde. Vor uns liegen in dem von schier
-unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die
-zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von
-den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung
-darstellt, -- denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen
-+Kastell+ sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die
-Waffensammlung (+Arsenal+), -- so ist doch für die +Vertheidigung des
-Hafens+ einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia
-und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt
-sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer
-Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der
-Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter
-nach Osten die Schlacht-Insel (+Butcher’s Island+), wo die Mannschaften
-zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.
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-Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu
-schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die
-berühmte +Elephanta+ und die Berge des Festlandes, die westlichen
-+Ghats+, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll
-ist das Bild +gegen Abend+, wenn die tiefer stehende Sonne auf
-den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten
-hervorruft.
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-Dann sammelt sich auf diesem Platz „+ganz Bombay+“ oder wenigstens
-eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner.
-Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und
-anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem
-Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um
-für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich
-vorzubereiten.
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-Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der
-Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran.
-Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch
-gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an
-die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen
-die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das
-lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt
-geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren
-Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen)
-und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch
-Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu
-unterscheiden.
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-Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit
-Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen
-und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung;
-Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen;
-Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um
-den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus
-Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören.
-Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet,
-das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig
-verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit
-den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen
-sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.
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-Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die
-fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten
-sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei
-Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder,
-Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die
-Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer
-Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre
-Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet
-in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen
-Richtungen.
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-Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die +Werft+ (Dockyard),
-1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen
-Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820
-wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig
-gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches
-Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut,
-hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere
-Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere
-Docks zu erbauen.
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-Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte +Sassoon-Dock+ zum
-Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19
-Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der
-Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, +Prince’s Dock+, das 30
-Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie
-+Victoria Dock+, von 25 Acres = 10 Hektaren.
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-Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen
-bis zur Münze sind der See +abgewonnen+,[600] wodurch der Hafen
-erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche
-Geschäftsviertel umgewandelt wurden.
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-+Hundert Millionen+ Mark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung
-der Backbay, ausgegeben worden.
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-Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen,
-nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren
-und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde
-daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer
-+Schwalbe+, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen
-angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern
-lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn
-Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor
-Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf
-bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der
-blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste.
-Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von
-+einem+ Mann gedreht und gerichtet.
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-Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten.
-Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten
-Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel
-(Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen
-darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit
-wird die Sache sich wohl anders entwickeln.
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-Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein
-Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst
-ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die
-Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer
-Löhnung.
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-Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und
-mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.
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-Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche
-Postdampfer +Imperatrix+ des östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1.
-Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert
-lag.
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-Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf
-das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die
-Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur
-eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.
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-Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich
-den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein
-Geschenk (bakschisch) zu verlangen.
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-Schlechter ist es mit den +Droschken+ bestellt, wenn auch nicht ganz
-so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie
-bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z.
-B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben
-angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei,
-und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach
-solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der
-Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für
-den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere
-Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer
-Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn
-benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.
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-Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken +zu Fuss+
-zurückzulegen.
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-Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road,
-durch +Colaba causeway+. Hier kommt man zu dem +Baumwollen-Paradies+.
-Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde.
-4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000
-in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000
-Menschen Beschäftigung finden.
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-Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland
-als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen
-Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800
-Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere
-Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit
-dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden
-in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und
-durchmustert von Kauflustigen.
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-Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu
-den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts
-beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass
-in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz
-beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der
-Europäer hat in +einem+ Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet,
-als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.
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-Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort
-Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien
-von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch
-zinspflichtig bleiben.
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-Umfassend ist hier am +Südende+ die +Aussicht+ auf Bombay.
-Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der
-Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte,
-mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der
-Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter
-der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des
-sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am
-Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“
-der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay
-kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige
-rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen
-der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.
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-Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische
-Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und
-Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum
-Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine
-Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist,
-seitdem ein neuer (+Prong Light+) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze
-gelegenen Klippe erbaut worden.
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-Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten +Uferstrasse+, (Drive,
-Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber
-von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel
-hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die
-Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier
-und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von
-Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags
-belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den
-Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse
-lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von
-Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.
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-Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein
-+Reitplatz+ von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich
-+Rotten Row+ genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine
-heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis
-zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.
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-Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central
-India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und
-eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine
-Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.
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-Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (+Gymkhana+). Hier hatte
-einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England,
-der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das
-Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine
-gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur
-grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich
-aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer
-einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603]
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-Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den +Begräbnissstätten+
--- der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen.
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-Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.
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-Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer
-umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener
-Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem
-Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich
-dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und
-alles betrachten wolle. Das verstand +er+ wieder nicht. Schliesslich
-aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift
-des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen
-Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon
-gesehen und ging meines Weges.
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-Die +einheimische Stadt+ erreicht man am besten über Hornby road, die
-von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt;
-und von da weiter[604] nördlich zum +Crawfort Markt+, dem Anfang der
-„schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605]
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-Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen
-Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit
-Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.
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-Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865-1871, hat natürlich
-die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche
-gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt
-dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe
-des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay,
-verlegte.
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-Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von
-einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen
-sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und
-frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe
-des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der
-unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.
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-Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den
-Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango
-zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und
-viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer,
-wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide
-Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in
-besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig
-weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch
-essen.
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-Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen
-Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen
-und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die
-aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand.
-Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel
-betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)
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-Von dem Markt ist es nicht weit zu den +Bazaren+, wo die Erzeugnisse
-des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die
-Fortsetzung von Hornby road, die +Abduraman+- (oder Aboulrehman)
-Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.
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-Einen sehr grossen Raum nimmt der +Kupferschmied-Bazar+ ein, er macht
-sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar.
-Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen
-feilgehalten und verkauft.
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-Berühmt sind ferner die +Holzschnitzereien+ und eingelegten
-Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien,
-Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der
-Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und
-Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen
-Massen gebraucht.
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-Die +Strassen+ der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne
-Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von
-der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen,
-ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten
-Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die
-Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben
-in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.
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-Von +Tempeln+ bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit
-abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren
-und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets
-hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es
-heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.
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-Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so
-sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie
-in Calcutta.
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-Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die +Fabriken+ mit ihren
-hohen Schornsteinen.
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-Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn
-Sassoon, die 1200 Menschen, nur +Asiaten+, beschäftigt.
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-Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der
-Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne
-und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte
-das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden
-nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das
-ist das doppelte des Rohstoff-Preises.
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-In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen die
-+Krankenhäuser der Medicin-Schule+ (Grant Medical College).
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-Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier
-Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind
-Eingeborene, ebenso die Studenten.
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-Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das
-Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn
-Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den
-andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig
-ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja
-die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und
-Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel
-nicht erdrosselt, sondern schlachtet.
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-Derselbe +Jamshidji Jijibhai+ hat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme
-und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut;
-ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von +Fardunji Sorabji Parak+
-zum Andenken an ihre Mutter begründet.
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-Die +Gewerbeschule+, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von
-dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem
-Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei
-versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.
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-Ganz im +Norden der Stadt+, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla,
-liegt der +Victoria-Garten+.
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-Hier steht das +Albert-Museum+. Sir G. +Birdwood+ sammelte 1 lakh
-durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871
-das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm
-dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen
-Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der
-Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das
-möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht
-so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll
-und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und
-Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.
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-Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand
-durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten
-Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen
-Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten
-kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche
-Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten
-erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe
-Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden
-war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren
-und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal
-ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten
-Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.
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-Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich
-mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen
-Europäer dort gesehen.
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-Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten
-+Victoria-Garten+, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat,
-auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der
-Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in
-Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger
-und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch
-durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig
-ist der +Schlangen-Zwinger+. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube
-enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten
-Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie
-auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger
-Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten
-Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen
-ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen
-Leibes darstellt.
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-+Malabar-Hügel+ besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den +Parsi+
-gewidmet.
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-Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen
-Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er
-drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner
-jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die
-letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor
-unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen
-Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen
-Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches
-Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr
-dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch
-niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich
-suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über
-die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein
-Urtheil zu bilden.
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-Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise
-europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht
-viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine
-Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes
-für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger
-Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich
-doch geradezu erstaunt, +den Inbegriff der Parsi-Lehre+ zu erfahren:
-
-+Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.+ Zur Erinnerung an
-diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten +Zend-Avesta+,[607]
-betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr
-alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen
-denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote
-ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man
-kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen
-sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit.
-Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare
-hatten +gar keine Erfolge+ bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd
-mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf
-bestätigen.
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-Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden
-schilt, werden sie sich zu trösten wissen, -- mit dem alten Propheten
-+Jesajas+,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und
-den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden
-+Herodot+,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten,
-weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von
-Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische
-Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion
-der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt;
-da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie
-namentlich +Haug+,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen
-und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden
-wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den +einen+
-allmächtigen Gott lehren und preisen.
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-Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist +Zoroaster+
-(Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran)
-gelebt hat. Die Quelle ist das Buch +Zend-Avesta+, d. h. Erklärung vom
-Gesetz.[611]
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-In der +altiranischen+ Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend
-genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe
-verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache
-der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist,
-wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber
-diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere
-Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu
-werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und
-von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt.
-Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser
-uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des
-Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der
-Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion
-des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien
-die herrschende gewesen.
-
-Nachdem +Alexander der Grosse+ Persien erobert, in seiner Trunkenheit
-auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen
-Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen
-Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der
-turanischen +Parther+ aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis
-226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des
-alten Glaubens unter den +Sassaniden+ des mittelpersischen Reiches
-(226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur
-noch +geringe Ueberreste+ der alten Bücher sich vorfanden, die in
-die +damals übliche Schriftart+[612] umgeschrieben und mit einer
-Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. +Der Name
-Zend-Avesta kam erst damals auf+; unter der +Erläuterung+ wurden die
-Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig
-verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd
-III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und
-Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber
-ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.
-
-In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der
-Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings
-umgeben von den schiitischen Mohammedanern des +neupersischen+ Reiches,
-das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber
-gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.
-
-Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich
-nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das
-heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten,
-gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien
-Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach
-+Bombay+. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der
-Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert.
-Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre
-+heiligen Schriften+ haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus
-Persien ergänzt.
-
-So gelang es dem französischen Gelehrten +Anquetil Desperons+, der 1755
-unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre
-dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift
-des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung,
-die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung
-herausgab. Die +Zweifel der Engländer+ über das Alter der Schrift und
-sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen
-Sprachforscher +Rask+ beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem
-Sanskrit erkannte, und von +Eugen Bournouf+, der ihre Grammatik
-feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829-1843). Seitdem hat man
-auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht.
-Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser
-als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der
-deutschen Uebersetzung von +Spiegel+ (Leipzig, 1852-1863), weit besser
-aber in der von +Haug+ (Leipzig, 1858-1860) und in dessen umfassendem
-Werk,[614] sowie in den von +Max Müller+ herausgegebenen Sacred books
-of the East die uralten heiligen Gesänge (+Gâthâs+[615]) des Zoroaster
-mit Bequemlichkeit lesen.
-
-Der leitende Gedanke von +Spitama Zarathushtra+ war in der
-+Glaubenslehre+ die +Einheit+ Gottes, in der +Weisheitslehre+
-die +Zwiefältigkeit+ der Dinge, der guten und der bösen, in der
-+Sittenlehre+ die +Dreifältigkeit+ (Gedanken, Worte, Thaten). Er war
-einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher
-auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in
-den alten Gesängen des Zarathushtra +Ahurô mazdâo+,[616] lebendiger
-Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der
-ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die
-Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur +ein+
-Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.
-
-Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein
-wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro
-mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des
-Ahuramazda (+Ormazd+) aufgefasst und Angro mainyush (+Ahriman+) als
-sein Widersacher.
-
-So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle;
-die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.
-
-Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie
-herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta
-und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das
-Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100
-Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende
-Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren
-Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum
-Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade
-bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: +Indien den
-Indern+. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer
-soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria
-soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.
-
-Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre
-häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf
-dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi
-sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch
-sitzen dürfen. Daran kehrte +ich+ mich allerdings nicht und nöthigte
-meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, -- unbekümmert
-um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu
-reden wagte keiner von ihnen.
-
-Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem
-Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche
-und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi
-besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem
-Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark
-monatlich an Europäer vermiethet werden.
-
-Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir
-vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen
-aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h.
-gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er
-aber nicht.
-
-Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher
-beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (+Dhakma+, +Thurm des
-Schweigens+), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150
-Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel
-aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher
-Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf
-seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels
-angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.
-
-Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor
-zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem
-Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir
-ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund,
-vermag ich nicht zu sagen.
-
-Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen
-werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine
-herrliche Aussicht auf Bombay.
-
-Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der
-Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am
-Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der
-Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der
-Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.
-
-Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört
-und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre,
-dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens
-betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer
-in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.
-
-Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu
-Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige
-denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es
-darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst
-Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer
-Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche
-Darstellung.
-
-Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von
-40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die
-Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt
-und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche
-abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser
-und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden
-wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete
-Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren
-Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen,
-in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte
-Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen
-Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen
-+Geier+, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere
-Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger
-als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in
-der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen,
-wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und
-durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen
-geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht
-so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich
-erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen,
-sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos,
-die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung
-des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach
-gebaut und weiss getüncht.
-
-Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen
-die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer
-beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode,
-nach dem Wort des +Zerduscht+,[618] Reich und Arm sich begegnen.
-Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den
-einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und
-den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen,
-kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden
-Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung
-der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere
-Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde
-vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer
-Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden
-wir gerechter sein gegen Andersdenkende. +Sir Lyon Playfair+[619] sagt
-über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung
-verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu
-berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute
-noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als
-ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten
-angesehen werden.“[620]
-
-Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter
-südwärts fährt, sieht östlich die schönen +Gartenanlagen+, die am
-Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an
-den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen +Bungalow+, die
-in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten,
-Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch -- leer stehen, wegen
-der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel
-zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte
-Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben
-gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel,
-erfordert.
-
-Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene
-heilige Dorf der Hindu, +Walkeschwar+, d. h. des Sandes Herr. +Rama+,
-der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von
-Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita
-zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen
-Pfeil in den Boden: sofort erschien der +heilige Teich+ (Vanatirtha,
-Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und
-Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm
-sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht
-rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem +Sand+ des Bodens.
-
-Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur
-Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer
-Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von
-den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs,
-die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines
-Auges zu beklagen hatten.
-
-Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit
-wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde
-sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.
-
-Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen
-Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf
-den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und
-wohlthätigen Hindu errichtet.
-
-An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche
-Meile von dem Fort) befindet sich der +Palast des Statthalters+.
-(Gouvernements house at Malabar Point.)
-
-Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss
-über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und
-Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt
-eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst
-und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo
-er seinen Namen in das Buch einträgt.
-
-Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um
-Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.
-
-Nach dem Abendessen fuhren wir zum +Parsi-Theater+. Das ist ein ganz
-stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer
-Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind,
-mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.
-
-Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der
-mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut
-gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher
-gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und
-in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch
-angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.
-
-Das Stück, welches gegeben wurde, war -- +Molière’s Geizhals+, aber
-nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung
-und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es
-ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi
-die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten,
-nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden,
-Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr
-belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber
-gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben.
-Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne
-gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das
-englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York
-gesehen.
-
-Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten,
-aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und
-Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.
-
-Zu den +Ausflügen+, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach +Mahim+
-an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu
-seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend.
-Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die
-Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander
-liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch
-die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat.
-
-Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem
-+Palmenhain+ des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht
-finden, weil er -- nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des
-Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb
-der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war
-nichts Neues für mich.
-
-So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und
-durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling
-betrachteten.
-
-Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel +Elephanta+. Ich will
-nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem +ersten+ Nachmittag in Bombay
-unternommen.
-
-Die Gasthausverwaltung[622] veranstaltet diese Fahrten, mehrmals
-wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die
-Person.
-
-Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10
-Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu
-erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in
-dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der
-1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay gebracht wurde
-und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel
-Gharapur, d. h. Grottenstadt.
-
-Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so
-werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus
-der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe
-und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die
-ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge
-der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel
-Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel
-ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man
-überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen
-zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben
-Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.
-
-+Wann+ diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet,
-zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein
-achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel
-als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger
-Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser
-ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die
-Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich
-gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht
-seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten +Niebuhr+ (1774-1778) die
-erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des
-Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.
-
-Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga)
-+Tempels+ ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter
-Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen
-genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen
-Pfeilern,[623] die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein
-bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der
-Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der
-Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter-
-oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine
-gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (+Trimurti+); das mittlere, milde
-Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu
-oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen
-Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16
-Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich
-gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem
-westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati
-12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht
-reden.
-
-Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa
-und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.
-
-Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes
-Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.
-
-In andern Gemächern erscheint +Schiwa+, wie er auf seinem Berge
-Kailas thront, und +Ravana+, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den
-Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie
-er von +Daksha+, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter
-geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult
-siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava)
-in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette
-von Schädeln.
-
-Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch
-die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige
-Wirkung ausübt, die +wir+ allerdings lieber mit andern Mitteln
-hervorbringen möchten.
-
-Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister +Goethe+ zu
-den folgenden Versen veranlassten:
-
- Und so will ich, ein für allemal,
- Keine Bestien in dem Göttersaal!
- Die leidigen Elephantenrüssel,
- Das umgeschlungene Schlangengenüssel,
- Tief Urschildkröte im Weltensumpf,
- Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,
- Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,
- Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.
-
- * * * * *
-
- Der Ost hat sie schon längst verschlungen:
- Kalidas und andre sind durchgedrungen;
- Sie haben mit Dichterzierlichkeit
- Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.
- In Indien möchte ich selber leben,
- Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.
- Was will man denn vergnüglicher wissen,
- Sakontola, Nala, die muss man küssen;
- Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,
- Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.
-
-Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da
-unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre
-geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer
-ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in +einen+
-Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum
-nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in
-der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen
-Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns
-als Kunstschöpfungen ersten Ranges.
-
-Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu
-Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der
-ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in
-den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir
-ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von
-Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl
-nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck
-hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.
-
-Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der
-künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie
-Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich
-heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt
-werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für
-unsren +heutigen+ Kunstgeschmack aufzustellen.
-
- * * * * *
-
-Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss
-ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach
-den noch weit berühmteren +Grotten-Tempeln+ von +Ellora+ zu benutzen.
-Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise
-erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des
-mohammedanischen Nizam von Haiderabad.
-
-Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22^h 30′“) von Bombay mit dem
-Schnellzug[624] der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich
-178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem
-kleinen Halteplatz +Nandgaon+, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und
-die telegraphisch vorher bestellte +Extrapost+ vorfindet, die den
-Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich
-nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625]
-
-Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen
-Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt
-werden.
-
-Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient
-die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen
-Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten
-ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der
-Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und
-Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten
-Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.
-
-Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde
-werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende
-Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen
-zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo
-wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die
-Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl
-ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die
-Land-Strasse ist leidlich.
-
-Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein
-und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das
-merkwürdige +Reich des Nizam+, betreten hatten.
-
-Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen
-(oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden
-9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900
-Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die
-herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich
-anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)
-
-Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan
-nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem
-Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich +nicht-arischer+
-Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und
-Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie
-des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinen
-Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die
-Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte
-von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur
-Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee.
-
-Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341)
-empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die
-Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer
-General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des
-jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den
-Süden des Dekkan-Dreiecks.
-
-Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in
-fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der
-Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich
-besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in
-kleinere Herrschaften.
-
-Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder
-erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann
-hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den
-Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670
-entstanden, die der +Marathen+. Diese konnte Aurangzeb nicht
-vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.
-
-Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der
-Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817
-endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen
-Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte
-sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah
-im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die
-Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als
-unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und
-mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des
-Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren,
-eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land
-Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten.
-Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden
-abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen
-Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein
-Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er
-hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige
-Regimenter Truppen zu stellen.
-
-Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber
-einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon,
-erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist
-einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr
-Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich
-aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zu
-+Aurangabad+ und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres
-Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen.
-
-Die erste ist das Grabmal von +Rabi’ a Durani+, der Lieblings-Tochter
-von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild
-von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen.
-Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch
-unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das
-Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem
-die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung
-in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des
-Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um
-das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, -- was
-von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts
-kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der
-Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der
-Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im
-Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden.
-
-Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen
-Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder
-wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.
-
-Auch die +Jumma Musjid+, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik
-Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb,
-erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites
-Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner
-Kuppel, kleinen Thürmen, -- aber sehr gut in Ordnung gehalten.
-
-Der Priester, der uns den Ein+tritt+ verwehrte, (der Ein+blick+ von
-aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir
-schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das
-Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen
-Feigenbäume, die den Weg beschatten.
-
-Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir
-wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.
-
-Das Städtchen +Aurangabad+ ist noch gar nicht so alt, hat aber sehr
-wechselnde Schicksale durchgemacht.
-
-Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem
-Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es von +Aurangzeb+ zu seinem
-+südlichen Herrschersitz+ erkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum
-Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge
-den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der
-grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?)
-Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten
-in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre
-Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz
-lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.
-
-Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem
-Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen
-Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der
-indische Kutscher hat sein Schätzchen.
-
-Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch
-ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische
-Meilen = 12½ Kilometer entfernten +Daulatabad+, früher Deogiri genannt.
-Das ist eine indische +Festung+ des 13. Jahrhunderts, höchst malerisch
-und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist
-unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner
-mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch
-einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und
-durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang
-zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen,
-in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt
-Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund
-Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626]
-als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen
-Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach
-Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die
-Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten.
-
-Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan
-und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein
-schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten
-Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge
-und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines
-europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.
-
-Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten
-Maratha-Krieg (1803-4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge
-aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist
-die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier
-ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.
-
-Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige
-bewohnte Hütten übrig geblieben.
-
-Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer
-entfernten +Roza+, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen
-Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in
-dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten.
-
-Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse,
-bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen
-Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren
-Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit
-gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm
-der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.
-
-Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, -- Roza (Rauza)
-bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan.
-Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah,
-der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte
-König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.
-
-Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da
-das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu
-seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den
-Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer
-Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen
-überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des
-Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem
-Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben
-ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein
-umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden
-ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.
-
-Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer
-Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet
-wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem
-einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln
-des Dorfes +Ellora+, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher
-Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von
-Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden
-verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder
-von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass
-sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht
-vollständig.
-
-Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus
-merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst
-Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert
-n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s
-Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus
-Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt
-wurde.
-
-Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner
-Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen
-Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In
-dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in
-dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder
-Hindu-Gläubigen (17).
-
-Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v.
-Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und
-dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert
-n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen
-Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von
-der 9/10 der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900
-auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der
-mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die
-Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke
-und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich
-geeignet für den Höhlenbau.
-
-Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die
-indischen Leistungen sind weit grossartiger.
-
-Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen
-gehauenen Tempels[627] ist selbstverständlich, während unsere
-mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die
-oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.
-
-Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt
-in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem
-prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem
-+Kailas+.
-
-Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer
-Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen
-errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist
-aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628] Ein
-rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100
-Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein
-Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss
-Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen
-Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit
-7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen
-getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes
-Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor
-verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan
-= Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher
-beschrieben ist, stellt gewissermassen +einen+ Einzelblock-Tempel dar.
-Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern
-und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen. +Fergusson+
-setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller
-genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als
-Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und
-bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das
-Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung.
-
-Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs
-gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite
-ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit
-einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht
-als Musik-Halle benutzt.
-
-Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen
-besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste
-Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser
-Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken Mauern,
-einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern.
-Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des
-Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen
-freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und
-mehr seitlich den Elephanten.
-
-Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige
-bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629] Rechts und
-links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit
-Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem
-schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die
-anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.
-
-Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im
-Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil
-des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen
-getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in
-Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den
-Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste
-Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem
-zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der
-ihn zu entführen trachtet.
-
-Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind
-dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut
-bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.
-
-Hätte +Goethe+ das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete
-Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen
-Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie
-die über Sakuntala, ergänzt haben.
-
-Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof
-umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts,
-das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den
-Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert
-herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die
-Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.
-
-In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga,
-Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.
-
-So viel über den einen Bau, den +Kailas+.
-
-Von den brahmanischen, d. h. nach +nordindischem+ Stil errichteten
-Tempeln, ist der schönste +Dumar Lena+, wahrscheinlich zwischen 600 und
-750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von
-drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150
-Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie
-in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand.
-
-Unter den +buddhistischen+ Tempeln ist der merkwürdigste +Vishwakarma+,
-von den Engländern +Zimmermann’s Höhle+ (Carpenter’s cave) genannt,
-wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den
-Vorhof,[630] der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und
-Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst
-geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist.
-
-Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche,
-(85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,[631]
-als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände
-bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten
-Säulen,[632] über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung
-ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden
-Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur
-von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im
-Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den
-dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.
-
-Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (+chaitya+) aus späterer
-Zeit,[633] jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. errichtet.
-
-Eine Reihe von Klöstern (+Vihara+) sind in der Nähe dieser Kirche in
-den Fels gegraben. Das grösste ist +Dherwara+,[634] 100×70 Fuss.
-
-Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha
-dargestellt.
-
-+Do-Tal+ ist zweistöckig, +Tin-Tal+ sogar dreistöckig, wie schon die
-Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.
-
-Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von +Das Avatar+, aber der
-Stil ist +brahmanisch+, mit einer Halle für den heiligen Stier des
-Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der
-Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten.
-Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.
-
-An dem Nordende des Hügels liegen die +Jaina+-Tempel. Der eine, +Indra
-Subha+, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende
-Schrein vor der Höhle, nach +Fergusson+ aus dem 7. Jahrhundert n. Chr.,
-das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und
-seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora.
-
-Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten,
-betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635] der
-gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der
-Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.
-
- * * * * *
-
-+Brief aus Roza bei Ellora.+ Donnerstag, den 29. December 1892. --
-Diesen Brief schreibe ich im +Grabe+. Es ist aber natürlich nicht mein
-eigenes, sondern das -- eines +längstverstorbenen+ Mohammedaners,
-eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen
-Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen,
-für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.
-
-Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht
-gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken
-des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.
-
-Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der
-Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung
-gebracht, schlief ich ganz gut.
-
-Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt,
-Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur
-Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden
-liess.
-
-Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche
-Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten
-zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu
-wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in
-seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der
-dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie
-viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er
-sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück.
-Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. -- -- -- --
-
- * * * * *
-
-Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir
-ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort +Ellora+ sehen wir einen
-+Hindu-Tempelbezirk+, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt
-zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von
-hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und
-von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein,
-deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den
-Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem
-Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.
-
-Nachmittags erlebten wir einen +Radreifenbruch+. Wir liehen uns in
-einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken,
-so gut es ging, an der Achse.
-
-Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie
-forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von +Europa+
-vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als
-ich ihnen 16 gab.
-
-Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein
-ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten
-Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10
-Stunden, keine sonderliche Leistung.)
-
-In +Bombay+ machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte
-die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte
-Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um
-unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend
-ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord
-der Imperatrix und winkte von dort mein +Lebewohl+ dem märchenhaft
-schönen Lande Indien zu.
-
-
-
-
-VIII.
-
-Heimfahrt.
-
-
-Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser
-gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch
-die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock
-heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der
-auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort
-genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine
-vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns
-das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das
-persisch-arabische Meer, auf +Aden+ zu.
-
-+Log-Bericht+.
-
-Bombay-Aden = 1664 Seemeilen.
-
- Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags.
- (18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.)
-
- I) 1. Januar, Mittags, 18° 48′ nördl. Br., |
- 72° 16′ östl. Lg. 40 S.-M.|Summe
- II) 2. „ „ 17° 52′ „ „ |
- 67° „ „ 300 „ | 340.
- III) 3. „ „ 16° 41′ „ „ |
- 61° 58′ „ „ 301 „ | 641.
- IV) 4. „ „ 15° 30′ „ „ |
- 56° 46′ „ „ 312 „ | 953.
- V) 5. „ „ 14° 10′ „ „ |
- 51° 5′ „ „ 336 „ |1289.
- VI) 6. „ „ 12° 47′ „ „ |
- 45° 35′ „ „ 336 „ |1625.
-
- Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags.
- Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens.
-
-Aden-Suez 1310 Seemeilen.
-
- VII) 7. Jan., Mittags, 13° 20′ nördl. Br., |
- 43° 4′ östl. Lg., 139 S.-M.|Summe
- VIII) 8. „ „ 17° 52′ „ „ |
- 40° 2′ „ „ 327 „ | 466.
- IX) 9. „ „ 22° 13′ „ „ |
- 37° 32′ „ „ 296 „ | 762.
- X) 10. „ „ 26° 32′ „ „ |
- 34° 46′ „ „ 300 „ |1062.
- XI) 11. Januar, Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez.
- Suez-Portsaid 160 Kilometer.
- 11. „ Vorm. 10½ Uhr Abfahrt durch den Kanal.
- XII) 12. „ „ 8 „ Ankunft in Portsaid.
-
- Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher
- Breite, 32° 20′ östlicher Länge.)
-
-
-Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen.
-
- XIII) 13. Januar, Mittags, 33° 41′ nördl. Br., |
- 27° 36′ östl. Lg., 280 S.M.|Summe
- XIV) 14. „ „ 35° 42′ „ „ |
- 23° 5′ „ „ 250 „ | 530.
- XV) 15. „ „ 39° 12′ „ „ |
- 19° 26′ „ „ 285 „ | 815.
-
- Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags.
- Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags.
-
-
-Brindisi-Trieste 372 Seemeilen.
-
- XVI) 16. Januar, Mittags, 43° 3′ nördl. Br., 15° 52′ östl. Lg., 109 M.
- XVII) 17. „ Morgens, Trieste.
-
-Unser gutes Schiff +Imperatrix+ vom östreichischen Lloyd hat 4914
-Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die Höhe
-des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der
-Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten,
-die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän +Egger+
-ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die anderen
-Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch deutsch.
-Zum ersten Male wieder seit Kobe -- Hongkong ist auf dem Schiffe meine
-Muttersprache vorherrschend.
-
-Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die
-Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen
-recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem
-Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre
-mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner
-Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein
-Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen.
-
-Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus
-Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu
-Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und
-Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lidränder
-und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus
-Portsaid.
-
-Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer.
-
-Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte
-+26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor
-dem +raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt+ ist unbegründet, wie
-meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne
-Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay
-nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7
-Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen:
-
- 2. Januar +24½° C.
- 3. „ +25½° C.
- 4. „ +24° C.
- 5. „ +25° C.
- 6. „ +25° C.
- 7. „ +25° C.
- 8. „ +26½° C.
- 9. „ +23° C. (Nachmittags 19½° C.)
- 10. „ kühler. (Nordwind).[637]
- 11. „ +15½° C.
- 12. „ +12½° C. (4½ Uhr 20° C.)
- 13. „ +18° C. (Mittags 19° C.)
- 14. „ +13° C.
- 15. „ +10½° C. (Mittags 10° C.)
- 16. „ +10° C.
- 17. „ -2° C, im Steuerhäuschen.
-
-Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem
-Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt.
-
-Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4.
-Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen
-englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship).
-
-Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen
-von +Aden+ Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei
-Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän
-Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete
-Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust
-gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten
-Aden’s brachte.
-
-Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden,
-welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden
-Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb,
-unter 12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur
-20 Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel +Aden+, die
-allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige
-und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland
-zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient.
-
-Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little
-Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der
-Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden
-Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer
-weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und
-Nagasaki.
-
-Obwohl +Aden+ einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten
-Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne Nass
-darstellt;[638] so hat der +herrliche Hafen+ und die +vortreffliche
-Lage+, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika und Indien gradezu
-einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche und blühende
-Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur von den
-Einwohnern als +Paradies+ (Eden) bezeichnet, schon von dem Propheten
-+Ezechiel+[639] gepriesen, im Periplus als Arabia Eudaimon[640]
-beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana, Athana, Arabia
-Felix gekannt war.
-
-Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber
-gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der
-Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze
-Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien.
-1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von
-den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie
-wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der
-Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838
-versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese
-in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und
-beschönigten den Raub mit dem Vorwand, es sei ein hier gescheitertes
-Schiff geplündert worden.[641] Zur Behauptung des Platzes waren nur
-unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der
-Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des
-Besitzes hinzu gekauft.
-
-Aber die +Engländer+ haben mit ihrem unleugbarem +Geschick+ aus dem
-Felsennest etwas +ordentliches+ gemacht.
-
-Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000[642]
-verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000.
-Zwei Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: +Araber+ und
-+Somali+,[643] während reine +Neger+ nur sparsamer vertreten sind. Die
-Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, schwarzem
-Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, übrigens
-auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem Haar, das
-sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und Kutscher,
-die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen ihnen Parsi
-und Hindu den Gewinn streitig.
-
-Die Besatzung besteht aus +Hindu+ (Sepoy). Dazu kommen 200 +Juden+, die
-an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso viele +Europäer+, --
-Officiere, Baumeister und Ingenieure, Hafenbeamte, Kaufleute.
-
-Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer
-durch Bauten noch stärker befestigt und so ein +Gibraltar des Ostens+
-geschaffen.[644] Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei +Steamer
-Point+ an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für den
-Schiffsverkehr hergestellt und einen +Freihafen+ geschaffen. Besonders
-hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich gehoben,
-da es der wichtige und unentbehrliche +Halteplatz+ aller Dampfer
-zwischen Suez und Ostindien geworden.
-
-Riesige Lager von +Steinkohlen+ sind hier eingerichtet, um die
-Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen 165000
-Tonnen; der +Gesammthandel+ (Aus- und Einfuhr) 5 Millionen £.[645];
-Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. Ausgeführt wird Kaffe (aus
-Südarabien), Gummi, Häute und Felle, Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze;
-eingeführt werden Getreide und Mehl, Baumwollenwaaren, Stückgüter,
-Petroleum, Tabak. Der örtliche Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar
-ist nicht unbeträchtlich. Ackerbau giebt es natürlich nicht auf
-diesem nackten Felsen, und der Gewerbefleiss erzeugt allein --
-+Trinkwasser+, Eis, Kochsalz. Letzteres wird an der seichten Nordküste
-des Hafens durch Verdampfen von Meerwasser hergestellt; man sieht die
-schneeweissen Haufen auf dem Sande liegen. Regen ist nicht viel zu
-befürchten; der Regenfall misst jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth
-ist ausreichend; beträgt ja die mittlere Temperatur + 29½° C. im
-Schatten, das ganze Jahr hindurch.
-
-Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den
-Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der
-Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay,
-schon merklich schlechter, als in Ostindien.
-
-Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine
-schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis
-zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber
-durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen,
-überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post-
-und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für
-den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel
-zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich
-der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut
-gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen,
-vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen
-Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge
-sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang[646] zwischen zwei
-nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken
-Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die
-natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses
-Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier,
-wenngleich in bürgerlicher Kleidung.
-
-Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns
-erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten
-Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren,
-rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die
-regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit
-platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die
-Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater
-des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer
-Vorzeit abgebrochen ist.
-
-Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet.
-Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die
-letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im
-Einspänner mit ihren Frauen spazieren.
-
-Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur
-Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die
-Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.[647]
-
-So wird das +Getränk+ künstlich hergestellt; die +Nahrung+ aber
-eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der
-Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien.
-
-Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss
-getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem
-Dorfe bei Scutari findet.
-
-Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien
-und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken
-starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt
-möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem
-Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste
-Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon
-sind.
-
-Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel
-Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse,
-welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu
-den berühmten +Wasserbehältern+, ist eine schüchterne Pflanzung
-von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus
-Tiefbrunnen unterhalten.
-
-Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt
-betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt.
-Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des
-Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der
-Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet.
-
-Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse,
-in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete,
-oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die
-zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die
-Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens
-zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige
-Lache enthalten.
-
-Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden derartige
-Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen
-600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat
-Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle
-Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal
-zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der
-ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen
-Wasserbehälter zusammenfliessen.
-
-Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz
-von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken
-wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30
-Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch
-haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit
-des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte
-Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das
-gewünschte.
-
- * * * * *
-
-Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag
-in der „+Thränen-Strasse+“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen
-Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres
-verzweifelten +Segelschiffern+ erhalten hat und heutzutage, in der
-Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. In der
-Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel +Perim+.
-Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem guten
-Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für den
-Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste
-Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die
-Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen
-Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie
-wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln.
-Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12
-Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien,
-nur ¾ Seemeilen.
-
-Ueberhaupt ist wohl das System +Aden+ -- +Perim+ für den Kriegsfall
-nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in friedlichen
-Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie genügen nur, die
-einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.
-
-Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige
-Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.
-
-Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen
-Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das
-zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis
-er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim
-zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift
-geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in
-Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier,
-augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge
-zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden
-sie -- den Tisch besetzt.
-
-Wir sind also in dem +rothen Meer+, dessen erstickende Gluthhitze in
-den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert
-wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis
-Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York;
-seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch
-ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung
-zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die
-grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser
-für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender
-Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder den
-rothen Felsen bei Suez oder von +Edom+, der umwohnenden Völkerschaft,
-der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.
-
-Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die
-gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf
-Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich
-hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf
-dem Fusse, -- eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung
-eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)
-
-Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter
-dem schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die +Sukur-Inseln+
-werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor,
-wie ein Springquell, -- von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in
-dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren.
-
-Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens
-26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein
-+Gewitter+, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser Capitän, der
-zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht erinnern, jemals
-im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben. Erstaunlich ist die
-zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters. Es dauert ¼ Tag,
-während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt das Schiff nach allen
-vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist auch die Häufigkeit der
-Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht hoch über dem Horizont,
-eine Gewitterwolke. Diese flammt auf, alle 5 oder 10 Sekunden, von
-bläulichem Licht erglühend; der Rand heller, als die Mitte. Mitunter
-wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns befindlichen Himmelsgewölbes für
-einen Augenblick erhellt, so dass man dabei die Uhr erkennen kann.
-Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so, wie jenes Aufleuchten.
-Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht unbedeutender Breite,
-mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume umschreibend; nicht bloss
-nach unten, sondern auch fast wagerecht verlaufend. Donner ist sparsam,
-nur für einen Theil des Gewitters hörbar.
-
-Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23,
-Nachmittags 19½° C. Wir haben +Nordwind+; zum ersten Mal seit Bombay,
-finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu +sitzen+. Zwanzig
-Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht Zeichen eines
-grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im Suez-Canal, das
-etwa 24 Stunden angedauert.
-
-Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde,
-zackige +Sinai-Halbinsel+ und ferner an der afrikanischen Küste die
-Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm.
-
-Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten
-des Golf von +Suez+; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide
-sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an
-der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor
-Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits
-schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den
-+Kanal+ hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild.
-
-Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen
-Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren
-weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper
-Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der
-Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt
-belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt;
-nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte
-Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez
-sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste
-und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel.
-
-Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern
-versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen,
-kleinen Ortschaften bringen Abwechslung.
-
-Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst
-zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der
-Dunkelheit noch gerade +Ismalija+. Dann aber werden die electrischen
-Scheinwerfer[648] vorn auf unserem Schiff entzündet, das majestätisch
-und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem kleinen Hafen des
-Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und Morgens um 8 Uhr in
-+Portsaid+ vor Anker geht.
-
-Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen
-Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der
-ältesten Culturvölker der Erde zu fahren.
-
-Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen
-Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen.
-Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben
-einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer,
-Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen
-Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen.
-
-Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von
-dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben.
-
-Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals
-zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon
-Bonaparte liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen
-anstellen, die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten,
-dass der Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als
-der des Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden
-Meere gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung
-von Ebbe und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt
-sie 1 bis 2 Meter. +Ferdinand de Lesseps+ gebührt das Verdienst, die
-300 Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle
-Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung,
-der Oertlichkeit,[649] der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer
-Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den
-Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,[650] „fertig gestellt zu
-haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“
-
-Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel
-50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter.
-Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer den andern
-vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und
-Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt
-dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40
-Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss.
-
-Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen
-£, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf
-Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.)
-
-Der Ueberschuss, den die Gesellschaft 1887 erzielt, betrug 29_{,7}
-Millionen Francs. (Einnahmen 60_{,5}, Ausgaben 30_{,8} Millionen
-Francs.) Sie nimmt 10 Francs für die Tonne und ebenso viel für
-jeden Reisenden. Die Gebühr, die ein Schiff zu zahlen hat, ist ganz
-anständig, für unsre Imperatrix in runder Summe 50000 Francs. Im Jahre
-1887 benutzten den Kanal 3137 Schiffe mit einem Netto-Gehalt von
-5900000 Tonnen, davon 2330 englische, 185 französische, 159 deutsche.
-Die Entfernung von London nach Bombay ist um das Cap der guten Hoffnung
-10719 Seemeilen, durch den Suez-Kanal 6274. Die Abkürzung der Fahrt
-durch den Suez-Kanal beträgt für Dampfer nach Bombay von Brindisi 37,
-von London 24, von Hamburg 24 Tage. Aber da Dampferfahrt um das Cap
-nicht lohnend war, wegen der Schwierigkeit der Kohlenbeschaffung, so
-hat man eigentlich gegenüberzustellen:
-
- Segelfahrt von London nach Bombay 100 Tage.
- Dampfschifffahrt „ „ „ 26 „
-
-Die Eröffnung des Suez-Kanals hat bewirkt, dass der Welthandel von
-der Segel- zur Dampf-Schifffahrt überging, zumal gleichzeitig die
-zusammengesetzten Maschinen aufkamen.
-
-+Portsaid+, eine Schöpfung des Kanals, hat schon 21000 Einwohner,
-Niederlassungen aller grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften, auch
-unsres norddeutschen Lloyd, und einen äusserst lebhaften Verkehr.
-Nachdem ich mich an dem fesselnden Hafenbild der aus- und einladenden
-Schiffe aller Nationen erfreut, gehe ich an’s Land, kaufe ägyptische
-Cigaretten und vertraue mein Haupt einem italienischen Haarkünstler an.
-
-Mittags fahren wir ab, am 14. Januar erblicken wir Morgens die
-schneebedeckten Felsen von Candia und haben bei rauhem Wetter gegen
-den Wind zu kämpfen, so dass unser Log-Bericht von 250 Seemeilen der
-schlechteste wird, den unser Capitän jemals gemacht. Am 15. Januar
-erblicken wir Morgens Cephalonia, um 11 Uhr Korfu und lagern Abends für
-eine Stunde im Hafen von Brindisi.
-
-Dienstag, den 17. Januar, Morgens, erreichen wir unter Schneegestöber
-(bei - 2° C. im Steuerhäuschen) die Stadt Triest, können aber nicht in
-den Hafen hinein, der leider an +unrichtiger+ Stelle angelegt zu sein
-scheint, sondern landen in der Bucht von Muggia.
-
-Wunderbar ist der Anblick des von dem Nordwind (Bora) gepeitschten
-Meeres. In Triest war es grimmig kalt. Der Nachtzug brachte mich trotz
-der Schneeanhäufungen glücklich über den Karst und nach Wien. Von hier
-fuhr ich mit dem Eilzug nach Dresden. +Am 19. Januar+ 1893 +kam ich in
-Berlin an+, nach einer Reise von 171 Tagen über eine Strecke von 48092
-Kilometern.
-
-Fast ist es mir, wie ein schöner +Traum+. Aber die wechselnden Bilder
-stehen +lebendig+ vor meinem Auge. Mein Herz ist voll Dankbarkeit gegen
-das +neunzehnte Jahrhundert+, das die Entfernung vernichtet und solche
-Reisen ermöglicht hat.
-
-
-Entfernungen:
-
- Kilometer
- 1. Berlin -- Bremerhafen | 408.
- 2. Bremerhafen -- New-York 3600 See-M. | 6660.
- 3. New-York, Washington, Baltimore, |
- Philadelphia, New-York 456 Engl. M. | 753.
- 4. New-York -- Albany 143 E. M. | 229.
- 5. Albany -- Niagara -- Owen Sound 486 E. M. | 782.
- 6. Owen Sound -- Fort William 555 See-M. | 893.
- 7. Fort William -- Vancouver 1900 E. M. | 3058.
- 8. Vancouver -- Yokohama 4283 See-M. | 7744.
- 9. In Japan bis Kobe 614 E. M. | 987.
- 10. Kobe -- Hongkong 1367 See-M. | 2637.
- 11. Hongkong -- Colombo 3096 See-M. | 5875.
- 12. In Ceylon 444 E. M. | 714.
- 13. Colombo -- Calcutta 1380 See-M. | 2550.
- 14. In Indien |
- Calcutta -- Darjeeling |
- und zurück 758 E. M. |
- Calcutta -- Benares 476 „ |
- Benares -- Lucknow 200 „ |
- Lucknow -- Cawnpur 35 „ |
- Cawnpur -- Agra 240 „ |
- Agra -- Delhi 243 „ |
- Delhi -- Bombay 890 „ |
- Bombay -- Ellora |
- und zurück 468 „ 3310 E. M. | 5330.
- Bombay -- Triest 4367 See-M. | 8082.
- Triest -- Wien -- Berlin | 1390.
- --------------+------
- 48092.
-
-
-
-
-Verbesserungen.
-
-
-Seite 49, letzte Zeile, lies 1440/360 = 4.
-
-S. 56, Z. 21, lies +ihre Nummer+.
-
-S. 68, Z. 13, lies +deutsche Meilen+.
-
-S. 78, Z. 3 von unten, lies +von der Vorstadt+.
-
-S. 84, Z. 2, lies +Papst+.
-
-S. 178, Z. 8 von unten, lies +Der mit+.
-
-S. 190, Z. 19, lies +seit Jahrhunderten+.
-
-S. 215, Z. 27, lies +Verpflegung+.
-
-S. 236, Z. 10, lies +einer jener+.
-
-S. 264, Z. 26, lies +der leider zu früh f. d. W.+
-
-S. 304, Z. 17, lies +von wenig mehr als+ 100.
-
-S. 337, Z. 17, lies +gelangten, und+.
-
-S. 349, Z. 15, lies +Ghulam+.
-
-S. 352, Z. 30, lies +im Louvre+.
-
-S. 363, Note 1, füge zu: 8590 +in ganz Deutschland+ 1892.
-
-S. 370, Z. 10 von unten, lies +dauert+ 60 +Stunden+.
-
-S. 371, Z. 21, lies +Reuleaux+.
-
-S. 411, Z. 19, lies +Schah+.
-
-S. 419, Note, füge hinzu: In einem zweiten Briefe schreibt Herr Dr.
-Ign. Goldziher: Der Satz, die Welt ist eine Brücke, gehet darüber,
-aber nehmet darauf nicht bleibenden Aufenthalt, wird als von Christus
-(Al Masîh, Messias) herrührend in der mohamedanischen Spruch-Literatur
-erwähnt. Meine Quelle ist Al-Garîb al-Isfahânî, Muhâdarât al udabâ’,
-ed. Kairo, II, 217.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Der Platz in der ersten Cajüte kostet 400 bis 500 Mark, also
-ungefähr 50 Mark für den Tag; der Platz im Zwischendeck etwa 100 Mark.
-Die ganze Verpflegung ist eingeschlossen, nur Bier und Wein müssen
-besonders bezahlt werden.
-
-[2] Zu 75 Kilogramm-Meter in 1 Secunde; also gleich 12×13000 = 156000
-Menschenkräften.
-
-[3] Die 1884 in England gebaute „Eider“, 450′ lang, hatte 6 Millionen
-Mark gekostet. Die Flotte des norddeutschen Lloyd zählt 76 Dampfer, von
-denen nur 25 weniger als 1000 Tonnen messen.
-
-[4] Ein Drittel der vollen Ladung ist Kohle. (Für ungefähr 17 Tage.)
-
-[5] Auf meiner ersten Reise über den atlantischen Ocean im Jahre
-1887 habe ich (natürlich in Begleitung des Capitäns, da es sonst
-nicht gestattet ist,) das Zwischendeck besucht. 600 Reisende waren
-dort untergebracht, in drei Abtheilungen; die erste ist für ledige
-Frauen, die zweite für Familien, die dritte für ledige Männer. Jeder
-hat seine eigene Lagerstätte mit Stroh-Sack und Kopf-Kissen; für
-eine Decke hat er selber zu sorgen, doch kann er dieselbe, die er
-auf seiner Fahrt durch den amerikanischen Continent so nothwendig
-braucht, zum Selbstkostenpreis von der Gesellschaft des norddeutschen
-Lloyd in Bremen oder Bremerhafen beziehen. Dies Zwischendeck war
-besser eingerichtet und gelüftet, als irgend eines, das ich zuvor
-gesehen. Namentlich denke ich noch mit einem gewissen Grauen an das
-des russischen Dampfers, welcher 500 russisch-katholische Pilger von
-Odessa nach Palästina beförderte. Aber bei bewegter See herrschte auch
-im Zwischendeck der „Eider“ das graue Elend. Willenlos liegen oder
-hocken alle, jung und alt, auf Betten und Gängen. Pausbäckige Kinder,
-denen die dicken Thränen über die Wangen laufen, klagen „Mutting, ich
-sterbe,“ lassen aber doch das wohlgeschmierte Butterbrod nicht fallen.
-
-[6] Die Schiffe haben ihre Schicksale. Die „Eider“ ist inzwischen
-wrack geworden; und die „Spree“ hatte, ehe ich die Heimath wieder
-erreichte, einen Bruch der Schraubenwelle erlitten, wobei die Umsicht
-und Thatkraft des Capitäns aufs beste sich bewährt hat.
-
-[7] Stewards.
-
-[8] Frankreich zahlt Unterstützung an Dampferlinien gegen 27000000 Mark.
-
- England gegen 17500000 Mark
- Deutschland „ 4720000 „
- Italien „ 7000000 „
- Oestr.-Ungarn „ 4000000 „
- Russland „ 5000000 „
- Vereinigte Staaten „ 1100000 „
- Mexico „ 2000000 „
- Japan „ 897000 „
-
-
-[9] Von Southampton bis Bremen 420 Seemeilen.
-
-[10] Needles.
-
-[11] log record.
-
-[12] pool, wörtlich Einsatz.
-
-[13] Nach Westen macht, wenn alles übrige gleich ist, der Dampfer
-scheinbar über ein Dutzend Meilen mehr an jedem Tage, als nach Osten.
-Denn nach Westen zu werden jedem Tag ungefähr 45 Minuten zugegeben,
-nach Osten abgezogen.
-
-[14] Von Greenwich.
-
-[15] Von den +Nadeln+ ab gerechnet.
-
-[16] Wegen des zwischen Europa und Nordamerika vorherrschenden
-Südwestwindes legten die Packetboote die Fahrt von Liverpool nach
-New-York durchschnittlich in 40 Tagen, den Rückweg in 23 Tagen zurück.
-
-[17] 1818 war das mit Dampfmaschine versehene Segelschiff Savannah von
-Nordamerika bis Liverpool in 26 Tagen gefahren, wobei 18 Tage unter
-Dampf.
-
-[18] 1887 auf der Eider noch sieben Tage und etliche Stunden. -- Der
-Hamburger Schnelldampfer Bismarck hat 1892 nur 5 T. 20 St. gebraucht.
-
-[19] 1 Tag = 24 Stunden = 24×60×60 = 86400 Secunden.
-
-7 Tage = 7×86400 = 604800 Secunden oder Umdrehungen. Auf der Eider
-waren es etwa 777600.
-
-[20] So eine Welle hat einen Durchmesser von mehr als 2 Fuss, die
-Schraubenflügel von mehr als 20 Fuss. Die Welle geht von der Maschine,
-die in der +Mitte+ des Schiffes sich befindet, bis zum hinteren
-Ende, besteht aus mehreren Theilen und besitzt Widerlager, so dass
-sie bei der Drehung nicht nach vorn gleiten kann. Natürlich ist ihre
-Austrittsstelle durch eine mächtige Stopfbüchse gegen das Eindringen
-des Wassers geschützt.
-
-[21] Höchst mangelhaft war die Einrichtung auf dem Dampfer Brindisi der
-englischen P. & O. Gesellschaft, von Hongkong nach Colombo. Um 11 Uhr
-wurde die Dynamomaschine abgestellt, alle Cajüten waren dunkel. Mein
-Nachbar, ein Capitän unserer Kriegsflotte, und ich selber forderten
-(und erlangten) Kerzen für die leeren Leuchter unserer Cajüten.
-
-[22] Die 24 Stunden des Tages sind in sieben Wachen eingetheilt: Erste
-Wacht von 8 Uhr Abends bis Mitternacht; mittlere Wacht von Mitternacht
-bis 4 Uhr Morgens, Morgenwacht von 4-8 Uhr, Vormittagswacht von 8-12
-Uhr, Nachmittagswacht von Mittag bis 4 Uhr. Erste Hundewacht von 4-6
-Uhr, zweite Hundewacht von 6-8. Durch diese Eintheilung ändern sich die
-Wachen für jeden Mann an jedem Tag.
-
-[23] Die „+Elbe+“ des norddeutschen Lloyd führte 1887 für 1000 Menschen
-28000 Pfund Fleisch, 24000 Pfund Mehl u. dgl., 48000 Pfund Eis, 8000
-Flaschen Bier und dazu noch 1000 Liter, 2000 Fl. Rheinwein u. s. w.
-
-[24] Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten auf einer Kugeloberfläche
-liegt in dem grössten Kreis, der durch jene beiden Punkte und den
-Mittelpunkt der Kugel gelegt wird.
-
-[25] Klaproth, 1841. Vgl. Poggendorff’s Geschichte der Physik, 1879, S.
-98.
-
-[26] 1 Faden gleich 6 Fuss.
-
-[27] Die Seemeile ist gleich der mittleren Meridianminute = 1852 Meter.
-
-Die preussische Meile ist 24000′ = 7420 Meter, die engl. (Statute m.)
-5280′ = 1609 Meter.
-
-
-[28] Auf dem Weltmeer ist es doch etwas kühler. Während diesseits und
-jenseits die fürchterlichste Hitze wüthete, mass ich auf dem Schiffe
-um die Mittagszeit 19° C. im Schatten, in der Nähe von New-York 22°C.
-und selbst 23°C. Die Temperatur des Wassers war 13°, aber so lange wir
-im Golfstrom verweilten, 15-17°. (Zu New-York +Nachts+ im Schlafzimmer
-22°, zu Washington 30° C, August 1892.)
-
-[29] Stets mässig, habe ich während der 65 Seefahrtstage auf dieser
-Reise nicht eine einzige Mahlzeit versäumt, wohl aber manche Gänge.
-Oliven, wie Sardinen in Oel, Kraut, Thunfisch vermeide ich stets an
-Schiffsbord.
-
-[30] Man miethet ihn für 4 Mark und lässt ihn mit seinem Namen
-bezeichnen. Früher musste man einen Stuhl kaufen, was auch jetzt noch
-zwischen Vancouver und Bombay nothwendig ist.
-
-[31] Phocaena communis, 2-3 Meter lang, lebt gesellig im
-nordatlantischen Ocean. Von den Matrosen Meerschwein genannt. (Englisch
-porpoise.)
-
-[32] Alle halbe Stunden schlägt die Schiffsglocke, um 8½ Uhr Vormittags
-1 Mal, um 9 Uhr 2 Mal und so fort, d. h. um 12 Uhr Mittags 8 Mal. Dann
-beginnt das Spiel von vorn, für jede der sechs Schichten von je 4
-Stunden.
-
-[33] Besonders im Süden, wo neue Sternbilder auftauchen.
-
-[34] Ohne dunkles Schutzglas ist die Beobachtung schwierig und nicht
-ganz genau.
-
-[35]
-
-[Illustration]
-
- (_a_ + _c_)^2 = _b_^2 + _c_^2
- _b_^2 = _a_^2 + 2_ac_ oder, da _a_^2 gegen 2_ca_ verschwindet,
- _b_ =√(2_c_×_a_).
-
-2_c_, der Erddurchmesser, ist 1900×24000′ = 45000000′.
-
- √(2_c_) = 6500′ = 1 Seemeile.
- _b_ = 6500′ · √(_a_′) = √(_a_′) in Seemeilen.
-
-Ist unsere Erhebung über den Wasserspiegel
-
- _a_ = 9 Fuss, so wird _b_ = 3 Seemeilen,
- _a_ = 25 „ „ „ _b_ = 5 „
- _a_ = 36 „ „ „ _b_ = 6 „
-
-Diese +angenäherte+ Formel ist leichter zu behalten, als die
-genauere, welche ich später in +Breusing’s+ Steuermannskunst
-(Bremen 1890, Seite 184) gefunden. [_b_ = 3568 Meter×√_a_.].
-Unser „Handbuch der Navigation, herausgegeben vom Reichs-Marineamt
-(Berlin 1891)“ enthält die folgenden +genauen+ Angaben, mit denen
-meine angenäherten genügend stimmen.
-
- Augeshöhe Sichtweite
-
- M. Sm.
-
- 3 3,6
- 8 5,89
- 12 7,21
- . . . . . . . . . .
- 33 11,95
-
-Hat der gesehene Punkt _P_ die Erhöhung α und unser Auge
-diejenige von _a_; so ist die Gesammtentfernung _AP_ = _b_ + β
- = √(_a_′) + √(α′).
-
-Ist α = 100′ (Mastspitze), _a_ = 25′; so sieht man _P_ doch
-nicht auf 10 + 5 = 15 Seemeilen, weil die Mastspitze zu wenig sich
-abhebt. Aber Leuchtfeuer werden auf 20 bis 30 Seemeilen gesehen, --
-jedoch nicht auf 75, wie der prahlerische Reisende dem rechnenden
-vergeblich weiss zu machen sucht. Denn 5000′ hoch stellt man kein
-Leuchtfeuer.]
-
-[36] Von P. Dörffel, Berlin.
-
-[37] Damals ahnten wir noch nicht, wie berüchtigt die Einwohner durch
-selbstsüchtige, feige Roheit einige Wochen später, zur Cholerazeit,
-sich machen sollten: mit Dolchen, Revolvern, Flinten, Aexten hinderten
-sie die Landung der Reisenden, welche von der amerikanischen Regierung
-dorthin geschickt worden waren.
-
-[38] Mein Brief, der meine Erlebnisse auf dem Dampfer meldete,
-wurde, mit deutschen Briefmarken ausgestattet, in den deutschen
-Postbriefkasten an Bord unseres Schiffes geworfen. Wir haben einen
-Postbeamten an Bord, der die nach Deutschland bestimmten Briefe sofort
-im Hafen auf einen heimkehrenden Postdampfer befördert, (wozu in
-New-York an jedem Tag Gelegenheit sich bietet,) so dass mein Schreiben
-nach 10 Tagen in Berlin sein kann. Meine glückliche Ankunft brauche
-ich nicht nach Hause zu telegraphiren. Sowie wir in Sandyhook sichtbar
-geworden, ist die Nachricht durch den Draht nach New-York, und von hier
-nach Bremen und Berlin befördert worden. Zehn Minuten nach Ankunft
-des Telegramms in Berlin hat die Gesellschaft des norddeutschen Lloyd
-dasselbe in mein Haus zu den Meinigen gesendet.
-
-[39] Da ich diesmal nur New-York, Washington, Baltimore, Philadelphia
-besucht; so verzichte ich auf eine genaue Schilderung der Reise durch
-die +Vereinigten Staaten+ und verweise den Leser auf mein Büchlein:
-„+Von New-York nach S. Francisco+“ (Leipzig 1888), wo er eine
-Schilderung der amerikanischen Eisenbahnen, der Städte Chicago, St.
-Paul und Minneapolis, Portland, S. Francisco, Mormon City, Denver,
-ferner vom Niagarafall, vom Nationalpark und vom Yosemite-Thal finden
-kann.
-
-[40] Canadian Pacific Railroad, C. P. R.
-
-[41] Das ist allerdings auch mit der nördlichen Pacificbahn
-durchführbar.
-
-[42] Vgl. die Schrift „Canadian Pacific Railway“.
-
-[43] Day-line.
-
-[44] „No European river is so lordly in its bearing.“ Das ist
-amerikanische Ausdrucksweise. (Spread eagle style.)
-
-[45] West-shore und N. Y. Central.
-
-[46] Es ist nicht angebracht, an dieser Stelle den Niagara zu
-beschreiben. Meine eigene Schilderung findet der geneigte Leser in dem
-letzten Kapitel des obenerwähnten Büchleins.
-
-[47] An Bord des Dampfers ist weder Bier noch Wein, ja nicht einmal
-Selterswasser zu haben! Das ist gesundheitswidrig, übertrieben und
-heuchlerisch.
-
-[48] Auf der Meeresfahrt haben sie sich +nicht+ bewährt.
-
-[49] Rapids.
-
-[50] Im Jahre 1890 gingen durch S. St. M. 8,4 Millionen Tonnen; durch
-den Suezcanal 6,9. Aber die Waaren, die den letzteren passiren, sind
-kostbarer.
-
-[51] Das ist ebenso, wie in den Vereinigten Staaten. Vgl. mein
-Büchlein, S. 14.
-
-[52] Natürlich ist das auch in den Vereinigten Staaten möglich.
-Aber dort werden Erschwerungen der Einwanderung geplant, und die
-socialen Streitigkeiten sind gelegentlich recht unangenehm. Als ich
-durch Buffalo kam, war die Eisenbahn von Soldaten besetzt, da die
-Ausständigen die Wagen anzuzünden suchten.
-
-[53] Three sisters.
-
-[54] Bow river.
-
-[55] Hot Springs.
-
-[56] Grand View.
-
-[57] Devils lake oder Minnewonka.
-
-[58] Great Divide.
-
-[59] Mitten im Urwald liest man an den Bäumen die Ankündigung:
-„Werthvolles Land preiswürdig zu verkaufen.“
-
-[60] Flächeninhalt des stillen (grossen) Oceans 160 Millionen qkm, des
-atlantischen 80, des indischen 73, des südlichen Eismeeres 20, des
-nördlichen 15, der Erdoberfläche 509, der fünf Erdtheile nebst den
-beiden Polargebieten 135.
-
-[61] Occidental and Oriental Steamship Co.
-
-[62] An der Nordwestecke der Vereinigten Staaten (Washington, Oregon)
-ist man neidisch auf das Aufblühen von Vancouver und gründet eine neue
-„pacifische“ Eisenbahnlinie mit Anschluss für Yokohama.
-
-[63] Beaver.
-
-[64] Inlet, eine nur durch eine schmale Strasse mit dem Pugetsund
-zusammenhängende Bucht.
-
-[65] Ich hatte in New-York meine Fahrkarte von dort bis Yokohama
-gekauft (für 276 Dollar) und die schriftliche Versicherung einer
-eignen Cajüte erhalten. -- Wie anders, als bei der Gesellschaft
-Florio-Rubattino, auf deren Schiffen ich sowohl zu Tunis wie auch zu
-Neapel die bezahlte Cajüte für meine Frau und mich erst durch ein
-besonderes Trinkgeld an Schiffsbord erlangen konnte!
-
-[66] +Boy+ heisst er, von Vancouver bis Bombay.
-
-[67] Number one, Number two u. s. w. -- Zwei mal zwei amerikanische
-Dollar zahlt der anständige Reisende für die Aufwartung von Vancouver
-bis Yokohama, und noch einige Kleinigkeiten dazu.
-
-[68] „You +will+ fight with Russia, -- when the Russian have occupied
-London, not earlier.“ Solche Aussprüche kennzeichnen den wagehalsigen
-Character der üblichen Kannegiessereien.
-
-[69] Die Chinesische Regierung zieht Europäer als Zollbeamte vor.
-
-[70] Mercator’s Projection.
-
-[71] Es sind da zwei verschiedene Kurse für Hin- und Rückfahrt
-gezeichnet.
-
-[72] 24×60 = 1440.
-
-1444/360 = 4.
-
-[73] Ich schreibe dies in der Hoffnung, dass durch Veröffentlichung
-dieser haarsträubenden Schäden eine Besserung angebahnt werde. Im
-vorigen Jahrhundert wurden Auswandrer zu Schiff von Europa nach
-Amerika befördert, ohne dass der Capitän die Verpflichtung übernahm,
-sie zu verpflegen; gelegentlich sprang ein Unglücklicher mit Weib und
-Kind über Bord, um dem Hungertod zu entgehen. Dies ist gesetzlich
-abgestellt. Aber die Eisenbahngesellschaften dürfen noch heute
-Auswandrer elf Tage hindurch befördern, ohne für ihre Verpflegung Sorge
-zu tragen.
-
-[74] Ich gebe, aus leicht begreiflichen Gründen, nicht die wirklichen
-Namen.
-
-[75] Für den Forschungsreisenden ist das +Lichtbildgeräth+ gewiss
-unentbehrlich, für den Vergnügungsreisenden eine Last. Allenthalben
-kann man weit bessere Lichtbilder +kaufen+. Im Nationalpark von
-Yellowstone stellte ein Amerikaner den Ausbruch des Bienenkorb-Geisers
-ein, ohne das überraschende Naturschauspiel mit seinen Augen zu sehen.
-In Indien sah ich eine Sammlung von Lichtbildern japanischer und
-indischer Tempel; die +Gattin+ des Amerikaners war auf +jedem+ Bilde zu
-erkennen, die Tempel viel weniger.
-
-[76] Portugiesen heissen im Osten die Mischlinge, die in den beiden
-Colonien +Macao+ (China) und +Goa+ (Indien) leben und nur wenig
-portugiesisches Blut besitzen. Die meisten sind in untergeordneter
-Stellung, Führer, Aufwärter zu Wasser und zu Lande, Handwerker; wenige
-Gasthofsbesitzer und Kaufleute, Aerzte.
-
-
-[77] Die Untersuchung ist eingehend, aber höflich und ehrlich. Wie
-viel höflicher sind diese Beamten, als die in New-York und in Ala
-gegen Jedermann und als die zu Paris gegen Reisende, deren Koffer
-die Aufschrift Berlin trägt? Wie viel ehrlicher sind sie als die zu
-Konstantinopel, die den Koffer nicht durchwühlen, wenn man ihnen zwei
-Francs überreichen lässt, oder die zu Smyrna, die unsere Waschgeräthe
-auf die Strasse packen und darnach Bakschisch heischen?
-
-[78] Die Werke, die ich auf der Seereise, z. Th. auch in Japan, gelesen
-oder durchgesehen, und denen ich zu grossem Danke verpflichtet bin,
-sind die folgenden:
-
- 1. Handbook f. travellers in Japan by B. H. Chamberlain & W. B.
- Mason. London 1891.
-
- 2. Things Japanese, by B. H. Chamberlain, London 1891. (Geistreich
- und witzig.)
-
- 3. Japanese houses by Morse, London 1888.
-
- 4. The real Japan. By H. Norman, London 1892. (Gut, aber eine
- Partei-Schrift.)
-
-Dazu kamen noch +später+, zu Hause:
-
- 5. +Rein+, Japan, Leipzig 1881-1886. (Unbestritten das +Hauptwerk+
- über Japan.)
-
- 6. Die preussische Expedition nach Ostasien. Nach amtl. Quellen.
- Berlin 1864. (Königl. G. Oberhofbuchdruckerei.)
-
- 7. +Exner+, Japan, Leipzig 1891.
-
- 8. +Netto+, Papierschmetterlinge aus Japan, Leipzig 1888. (Das
- beste volksthümliche Buch über Japan.)
-
- 9. +Wernich+, Geogr. med. Studien, Berlin 1878.
-
- 10. +G. Bousquet+, Le Japon de nos jours, Paris 1877.
-
- Ferner E. +Kämpfer+, Japon, Lemgo, 1777, sowie einige Abhd. d.
- +deutsch. ostas. Gesellsch.+, und auch der englischen.
-
-[79] Nach chinesischen Annalen drangen um 1200 vor Chr. tatarische
-Stämme nach Korea und den östlichen Inseln vor.
-
-[80] Die Photographien der Japaner sind eigentlich besser und billiger,
-als die unsrigen.
-
-[81] Die Chinesin und Malayin gefällt dem europäischen Auge minder;
-selbst die Hindufrau ist trotz der „arischen“ Abstammung nicht
-anmuthend für uns.
-
-[82] Struppiges Haar, das man bei Frauen und Mädchen in Südchina und
-Vorderindien oft genug sieht, habe ich bei keiner Japanerin gefunden,
-auch nicht bei einer Bäuerin oder Bettlerin.
-
-[83] Dies gilt für die Samurai (Adligen), welche +früher+ in dem Gürtel
-links +zwei Schwerter+ trugen. -- Was heutzutage im Gürtel der Japaner
-wie ein Dolch in der Scheide aussieht, ist -- ein Besteck für die
-Tabakspfeife.
-
-[84] Früher waren sehr abenteuerliche üblich: Kappen, wie die der
-Lazzaroni; Deckel, wie die Cerevis unserer Studenten. Heutzutage tragen
-manche bei japanischem Gewand europäische Fuss- und Kopfbedeckung.
-
-[85] Mikado heisst +hohe Pforte+, +Tenno hoher König+.
-
-[86] +Shogun+ heisst Obergeneral. Die Europäer setzten irrthümlich
-+Taikun+. Aber +Taikô+ oder Taikô-sama wurde +Hideyoshi+ (1591
-n. Chr.), nachdem er vom Bauernsohn zum Herrscher von Japan sich
-emporgeschwungen, zum Zeichen seiner +Rangerhöhung+, benannt.
-
-[87] Dai = gross, mijo = Name.
-
-[88] Wörtlich +Wächter+ (nämlich der Fürsten). 1878 wurde zur
-Bezeichnung des niederen Adels das chinesische Wort +Shizoku+
-eingeführt. -- Heutzutage giebt es höheren Adel (kwaziku), niederen
-(shizoku) und Volk (heimin). Die beiden ersten Classen machen 5 Procent
-der Bevölkerung aus. Jeder Bürger muss seinen Namen und Stand auf einem
-Holztäfelchen am Hauseingang anbringen, auch die im Innern des Landes
-lebenden Europäer.
-
-[89] +Chamberlain+, der sich hauptsächlich auf +Satow+ stützt. (Things
-Japanese. London 1891, 314 fgd.)
-
-Rein, Japan, Leipzig 1881, I, S. 513 fgd.
-
-[90] Auch bei den alten Aegyptern wird das Opfer für den Todten als
-königliches Geschenk bezeichnet.
-
-[91] Lehrer aus der Familie Çakya. (Nach Andern Einsiedler von Çakya?)
-
-[92] In einem kleinen Orte Schottlands sah ich die drei Kirchen dreier
-verschiedener Secten: aber an jeder war die gleiche Inschrift: „Nach
-dem Gottesdienst findet eine Geldsammlung statt.“
-
-[93] Wir nennen ihn Confucius, und Mencius seinen Schüler +Moschi+.
-
-[94] Ein fast 2000 Jahre altes Buch des +Cho-kiu-kei+, des chinesischen
-Hippocrates.
-
-[95] +Rein+, Japan, I. Abschnitt.
-
-[96] Uebrigens ist es eine +Missheirath+. Die Fichte ist in Japan so
-herrlich, wie irgendwo in der Welt; die Palme klein und verkümmert.
-
-[97] 1883 zählte die Stadt 80000 Einwohner mit 4000 Fremden. Unter
-letzteren waren 2681 Chinesen mit 150 Firmen, 595 Engländer mit
-55 Firmen, 253 Nordamerikaner mit 27 Firmen, 160 Deutsche mit 22
-Firmen, 109 Franzosen mit 15 Firmen. 1890 waren es 720 Engländer, 257
-Amerikaner, 201 Deutsche, 120 Franzosen. Der Einfluss der deutschen
-Kaufleute ist in stetiger Zunahme begriffen.
-
-[98] Der fünfte, Niigata, an der Ostküste von Nippon, steht nur auf
-dem Papier der Verträge, da fremde Schiffe, wegen der Sandbarre an der
-Flussmündung, nicht in den Hafen gelangen können.
-
-[99] Japans gesammte Ausfuhr betrug 70, die Einfuhr 66 Millionen Yen im
-Jahre 1889.
-
-[100] Beide Verkehrsanstalten sind in vorzüglicher Ordnung.
-Depeschengebühr nach Europa für das Wort ungefähr 9 Mark. Nach 24
-Stunden hat man die Antwort. Sie wurde mir, ohne dass ich es verlangt
-hatte, nach Nikko nachdepeschirt.
-
-[101] Bund oder Bunder heisst Uferstrasse.
-
-[102] Man zählt in Japan durchschnittlich 66 Erdbeben im Jahre.
-
-[103] Ich sah solche Prachtstücke in anatomischen Sammlungen Japans.
-
-[104] Hori-mono = tätowiren, und horu, graben; mono, ein Ding.
-
-[105] 10000 Pfd. Sterl. kostete die Meile mit englischen Ingenieuren,
-später 3600 mit japanischen. Bis 1882 baute die Regierung allein.
-1890 gab es 551 englische Meilen Staatsbahn, 569 Privatbahn, etwa 700
-Meilen waren in Bau, und ebensoviele in Aussicht genommen. Wie gewaltig
-ist auch in dieser Hinsicht das ungeheure China von dem thatkräftigen
-Japan überholt! -- Es giebt mehrere kleine und eine grosse japanische
-+Dampfschifffahrts-Gesellschaft+ (Nippon Yusen Kwaisha), die nicht
-bloss die japanischen Häfen, sondern auch Shanghai anläuft.
-
-[106] Jeder Japaner, ob hoch oder niedrig, nimmt täglich (oder
-mindestens zwei Mal in der Woche) ein heisses Bad (Yu, von 38-45° C.),
-das in den öffentlichen Anstalten etwa 2 Pfennige kostet. Professor
-+Bälz+ hat auf Grund einer 16jährigen Erfahrung die Vorzüge dieser
-heissen Bäder hervorgehoben.
-
-[107] 4 Yen den Tag für die ganze Verpflegung mit grossem Zimmer im
-ersten Stockwerk.
-
-[108] +Odawara hyōgi.+ Die Hojo-Daimio’s beriethen 1590 n. Chr. im
-Schloss zu Odawara, ob sie ausfallen und angreifen oder auf die
-Vertheidigung sich beschränken sollten. Ehe sie zu einer Entscheidung
-kommen konnten, stürmte +Hideyoshi+ das Schloss.
-
-[109] 1 Yen Gehalt, 1 Zehrung.
-
-[110] In dem Budget des Kaiserreiches Japan für 1889/90 sind die
-Ausgaben für die Polizei mit 382554 Yen angesetzt. (Unsere gute Stadt
-Berlin hat 4000000 Mark jährlich für die Polizei beizusteuern.)
-
-[111] In Japan werden sie jetzt als „Fremde“ bezeichnet. Hier müssen
-die Herren Engländer sich selbst „foreigners“ nennen, ein Titel, mit
-dem sie in Europa alle Nichtengländer -- beehren.
-
-[112] Mit dem +Gold+ sind die Japaner schlecht gefahren. Im 15.
-Jahrhundert n. Chr. galt 1 Theil Gold = 9½ Silber, 1765 1 Gold = 11,35
-Silber, 1855-1860 1 Gold = 4,6 Silber. So verschwand das Gold aus dem
-Lande. Und da nunmehr die Regierung den Preis der Goldmünzen höher
-ansetzte, als ihr Werth in Europa war; so erhielt sie den noch nicht
-eingeschmolzenen Rest zurück und machte wieder Schaden.
-
-[113] Bekanntermassen ist der Silberdollar der Vereinigten Staaten
-genau ebenso gross und schwer und von demselben Feingehalt, gilt aber 4
-Mark 20 Pfennig -- wegen des Credits der Vereinigten Staaten. Aber im
-gewöhnlichen Verkehr Ostasiens gelingt es nicht, diesen höheren Preis
-zu erzielen. [Wenige Monate, nachdem ich dies geschrieben, ist der
-+Silbersturz+ erfolgt.]
-
-[114]
-
- 1 Mon = 0,01 Sen = 0,03 Pfennig.
- 4 Mon = 0,04 Sen = 0,12 Pfennig.
-
-[115] Die Staatsschuld betrug 1889 gegen 300 Millionen Yen, darunter
-gegen 50 Millionen Banknoten.
-
-[116] Sha = Wagen, chinesisch. Oft hört man nur diese Silbe ausrufen.
-(Japanisch heisst der Wagen Kuruma.) Die Engländer schneiden dem Wort
-den Kopf ab und zerquälen die Selbstlauter, bis sie +rikshaw+ fertig
-bringen.
-
-[117] H. Meyer wurde im Winter bei 3° in 4 Stunden 46 km weit gezogen!
-
-[118] Ganz anders in Indien. Von Abu Road nach Abu Mountain (16
-englische Meilen) befördert uns die Jinrikisha in sechs Stunden.
-Sechs Mann sind dabei thätig. Als ich ein Drittel des Weges gemacht,
-versuchten sie, mir einen schlechtgesattelten Ponny aufzuschwatzen.
-
-[119] Als ich 1890 mit meiner Frau in der Vorstadt Pankaldi, wo wir
-unser Mittagsmahl in einer befreundeten Familie genommen, Abends nach
-Pera zurückfuhr, setzte sich mein Wirth mit gespanntem Revolver auf den
-Kutscherbock.
-
-[120] +Tenno Mutsu Hito+, geb. 1852, regiert seit 1868 mit Eifer und
-Weisheit. Als die Kammern kürzlich die Panzerschiffe nicht bewilligten,
-sagte er: „Die Worte sind überflüssig. Die Schiffe müssen gebaut
-werden. +Ich+ steuere aus meinem Privatvermögen 600000 Yen bei.“
-Ebensoviel gab er für den Biwa-Canal. (Die Civilliste betrug 1889/90
-3½ Millionen Yen, doch sind Apanagen und Tempel auf sie angewiesen. --
-Staatseinnahmen 76½ +Millionen Yen+, 42 aus Grundsteuer, 14 vom Schnaps
-(Sake), 4 Zölle. Ausgaben 76½ Millionen Yen, 20 für Staatsschuld,
-12 Ministerium des Krieges, 6 der Marine.) Als ein Reiterstandbild
-des Kaisers auf der Niju-Brücke vorgeschlagen wurde, verwarf er den
-Plan, damit nicht die Fremden unter den Füssen eines Pferdes hindurch
-in den Palast kommen müssten. Er hat, nach altem Gebrauch, seiner
-Regierungszeit einen besonderen Namen gegeben, und zwar Mei-ji, d. h.
-erleuchteter Frieden. Verschiedene Briefe meiner japanischen Freunde
-aus dem Jahre meiner Reise (1892) sind datirt: Im Jahre 25 Mei-ji.
-Seit dem Jahr 1873 ist unser Kalender in Japan angenommen, statt der
-schwerfälligen und zusammengesetzten Zeitrechnung der Chinesen.
-
-[121] „Das Feuer ist die Blume Tokyo’s.“ Japanisches Sprichwort.
-
-[122] Im Gegensatz zu Saikyo, östliche Hauptstadt, d. i. Kyoto.
-
-[123] Und der anderen japanischen Städte. Dieselben sehen sich zum
-Verwechseln ähnlich, soweit nicht ein altes Schloss ihnen Eigenart
-verleiht.
-
-[124] +Rein+ I, 480.
-
-[125] Das ganze +Clubhaus+ kann in +eine+ Halle umgewandelt werden,
-wenn die Zahl der Gäste dies erfordert.
-
-[126] Das japanische Papier, aus dem Rindenbast des Maulbeerbaumes,
-ist zäh und zerfliesst nicht im Wasser. Beim Schreiben braucht man
-kein Löschblatt. Es ist brauchbar als Fensterabschluss; mit Firniss
-behandelt, wird es lederartig: mit Oel getränkt, wasserdicht, zu
-Regenmänteln. Werth der japanischen Papierfabrikation 5 Millionen Yen
-1887, der Ausfuhr 244000 Yen.
-
-[127] Ein englischer Arzt in Kyoto überreichte mir eine „Denkschrift
-zur Verhütung der Kurzsichtigkeit unter den höheren Classen,“ worin
-er die Fenster aus Papier tadelt und solche aus Glas empfiehlt. Aber
-es ist unmöglich, diese für 40 Millionen Menschen augenblicklich zu
-beschaffen.
-
-[128] Schlafgewand, Matratze und +Halsschemel+ (makuro) mit
-Schlummerrolle, besonders für die Frauen, um den Kopfputz zu schonen.
-Ich sah dies seltsame Möbel auch in Krankenhäusern.
-
-[129] Japanese houses by +Morse+, London 1888, (Sampson Low,
-Fleetstreet).
-
-[130] Ich ersuche ihn, erst den Strassenschmutz in New-York, Chicago,
-Frisco mit der Nase zu prüfen und dann nach Berlin zu kommen.
-
-[131] Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen aber,
-wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere
-Bedeutung.
-
-[132] +Harakiri+ heisst Bauch-Schnitt; den Japanern scheint das
-chinesische Wort +seppuku+ gewählter, wie manchem meiner Fachgenossen
--- +Laparotomie+.
-
-Im Mittelalter eine Sitte der besiegten Krieger, die nicht in
-Feindeshand fallen wollten, wurde es um 1500 n. Chr. ein +Vorrecht+
-der Daimio und Samurai, um, zur Todesstrafe verurtheilt, dem Henker zu
-entgehen, -- gerade wie früher in manchen Ländern +Europa’s+ wohl der
-Edelmann enthauptet, der Bürger gehängt wurde.
-
-Hinter dem japanischen Edelmann stand sein Freund; sowie der erste den
-Dolch in den Leib stiess, hieb der zweite ihm mit scharfem Schwert das
-Haupt ab.
-
-Harakiri als Strafe ist abgeschafft, als Selbstmord kommt es noch
-vor. 1881 hat ein junger Officier aus Yezo im Tempel von Saitokuji zu
-Tokyo, an dem Grabe seiner Ahnen, so den Tod gesucht und gefunden, um
-durch die That sein Vaterland auf die von den Russen drohende Gefahr
-eindringlicher aufmerksam zu machen, als seine Worte es vermocht.
-
-[133] Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An dem
-Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die weisen
-und klugen Männer gestatten nicht, dass man mit ihm zusammen unter dem
-Himmel lebe. Wenn Jemand Rache nehmen will, so ist in den Registern des
-Gerichtshofes nach Jahr und Monat der Zeitpunkt festzusetzen, bis zu
-dem er seine Absicht auszuführen hat.
-
-[134] Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel: Eine
-junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über der Schulter,
-schrieb Liebeslieder und hing sie an die Zweige des Kirschbaums.
-
- „Tragen möcht’ ich ein Kleid, wie die Blüthe der Kirschen gefärbet;
- Sind erst die Blumen verwelkt, mahnt es mich später an sie.“
-
- (Japan. Liedersammlung, übersetzt von Dr. Lange.)
-
-[135] Dieselbe Beobachtung machte ich in den Museen von Hongkong,
-Calcutta, Bombay.
-
-[136] Auch die alten Aegypter gaben der Mumie kleine Thon-Figuren mit
-ins Grab, die sogenannten +Stellvertreter+ („wòsbt“), die in den
-elysäischen Gefilden des Jenseits für den Todten die Arbeit leisten
-sollten.
-
-[137] Es ist das immerhin nicht so schlimm gewesen, wie die Mittel der
-spanischen Inquisition.
-
-[138] In dieser Künstelei leistet die japanische Gärtnerei geradezu
-Erstaunliches.
-
-[139] Bis Yokohama hatten meine Havanna’s gereicht. In Japan giebt es
-billige Manilla-Cigarren, wie wir sie bei uns kaum kennen, von der Form
-der Havanna-Cigarren und den geringeren Sorten derselben an Güte nur
-wenig nachstehend; das Stück kostet 15 Pfennige. -- Dass der gebildete
-Japaner dem Gast das eigne Tabakspfeifchen aufnöthige, ist eine Fabel.
-
-[140] +West-Haupt-Gebet-Tempel.+ In der späteren Beschreibung von Kyoto
-folgen einige Bemerkungen über Tempel und Secten der Buddhisten in
-Japan.
-
-[141] Auch unsere geliebten Griechen waren in diesem Punkte nicht viel
-klüger. Beim Hippocrates steht ein unsinniger Satz, von dem wir jetzt
-wissen, dass die Griechen ihn von den alten Aegyptern sich einreden
-liessen.
-
-[142] Jetzt sind dieselben, in kleinerem Maassstab, für den
-Hausgebrauch, auch bei uns eingeführt.
-
-[143] Nikko = Sonnen-Glanz.
-
-[144] Das japanische Maass ist +Koku+ = 180 Liter, im Werth von 2½-5
-Dollar. (Das Einkommen des Daimio betrug jährlich 10000 Koku Reis und
-bei den mächtigsten sogar 1 Million Koku.)
-
-[145] Vgl. Von „New-York nach S. Francisco“, Leipzig, 1888, S. 195.
-
-[146] Naturgetreue Nachbildungen des japanischen Hauses sind hier am
-besten zu haben.
-
-[147] Der Tempel zu Eleusis, dessen Grundlagen jetzt glücklich
-freigelegt sind, scheint mir nach ägyptischen Mustern, wenngleich mit
-einigen Abweichungen, erbaut zu sein.
-
-[148] Wer in +Ostindien+ eine Moschee betritt, ist im ersten Augenblick
-ganz verwirrt, da die Gebetnische nach +Westen+ liegt; aber die
-Richtung (Kibla) muss immer nach Mohammed’s Grab hinweisen.
-
-[149] +Ise+ (südöstlich von Kyoto, an der Owaribucht) mit dem Tempel
-der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu ist das +Nationalheiligthum der
-Japaner+. Fremde können wohl hinreisen, bekommen aber nicht viel zu
-sehen.
-
-[150] Pagode, angeblich vom indischen bhagurati = heiliges Haus;
-richtiger wohl von +Dagoba+, Reliquien-Schrein.
-
-[151] Kranich und Schildkröte sind Sinnbilder des Glücks und des langen
-Lebens.
-
-[152] +Aeolus+, der Schaffner der Winde, gab dem Odysseus einen
-+Schlauch+ aus Ochsenhaut, worin er die Sturmwinde fest eingebunden.
-(Odyssee, X, 19). Die Uebereinstimmung kann auf Zufall beruhen. (Aber
-die Schiffersagen des zehnten Buches der Odyssee waren wenigstens den
-Singhalesen auf Ceylon im 4. Jahrhundert n. Chr. geläufig, da sie
-dieselben in ihre Chronik hineinflochten.)
-
-In einem der Mausoleen sah ich einen Mann aus Bronze als
-Laternenträger, dem Entwurf nach ähnlich demjenigen von Pompeji. Aber
-ich erschrak förmlich über die ostasiatische Ausführung.
-
-[153] Mit der Eisenbahn in 50 Minuten zu erreichen, wenn man in Ofuna
-Anschluss an die Zweigbahn findet.
-
-[154] Die Bildsäule besteht aus Bronzeplatten, die einzeln gegossen,
-dann zusammengeschweisst und schliesslich noch mit dem Meissel
-bearbeitet sind. Das Gewicht soll 9000 Centner betragen. Man kann von
-hinten in das Innere hineinsteigen. Globetrotter haben früher sich auf
-Buddha’s Schooss photographiren lassen. Jetzt steht in der Nähe eine
-englische Inschrift: „Wandrer, wer du auch seist, ehre dieses uralte
-Heiligthum.“
-
-[155] Dazu gehört der Hermes des Praxiteles. -- Zu Cairo sagte mir
-einst ein englischer Oberst von grosser Reiseerfahrung, er theile die
-Menschen in zwei Classen ein, je nachdem sie den Hermes zu Olympia
-gesehen oder nicht.
-
-[156] Und einen grossen Theil des Gewinnstes vorwegnimmt.
-
-[157] Wenigstens in dem der Chinesenstadt zu St. Francisco sassen die
-Damen, gleichförmig weiss gekleidet und weiss geschminkt, steif und
-wie leblos, zusammen hoch oben auf einer einzigen Galerie. In dem
-chinesischen Theater zu Hongkong sah ich nur ganz vereinzelte Frauen
-und Mädchen. -- Die höheren Stände in Japan erlauben ihren Töchtern
-nicht, die gewöhnlichen Theater zu besuchen.
-
-[158] Im Theater zu Kyoto vermochte der „Führer und Dolmetscher“
-durchaus nicht, den poetischen Namen des Stückes in verständliches
-Englisch zu übersetzen.
-
-[159] Ichikawa Danyūro gilt für den grössten Schauspieler Japan’s.
-Seine Darstellungskraft und Gewandtheit ist bewunderungswürdig.
-
-[160] Wie im Theater der alten Griechen und -- Shakespeare’s, so werden
-auch im japanischen Theater Frauenrollen von Männern dargestellt.
-Ebenso im Theater der Chinesen, nicht aber in dem der Hindu und Parsi.
-Für das Theater der Japaner ist dies um so seltsamer, als ihre moderne
-Bühne, im 17. Jahrhundert, von zwei Frauen (O-Kuri und O-Tsu) gegründet
-wurde. -- Die erstere war Priesterin, entfloh mit einem Krieger,
-verursachte durch ihre Schönheit den Tod eines Nebenbuhlers, trat mit
-ihrem Gatten in Yedo auf und wurde nach seinem Tode erst Lehrerin
-der Dichtkunst und endlich Nonne, um für die Seele ihres Opfers zu
-beten. -- Dass Frauen auf der japanischen Bühne nicht auftreten, wird
-verschieden erklärt, ein Mal aus Gründen der Sitte, das andre Mal --
-weil es den Frauen an Begabung zur Schauspielkunst fehle!
-
-[161] Aehnlich wie in der Götterdämmerung vor Brunhild’s Felsgemach.
-
-[162] Das griechische Theater besass bereits eine Maschine (Ekkyklema),
-um das Innere eines Hauses, wenn es erforderlich wurde, nach aussen zu
-drehen. Vgl. +Aristophanes+, die Acharner, Z. 409. +Euripides+: „Man
-drehe mich heraus.“ (Ἀλλ’ ἐκκυκλήσομαι).
-
-[163] Gelegentlich sieht man das heutzutage auch auf unserer Bühne.
-
-[164] J. L. +Klein+ erklärt, im III. Band seiner so ausführlichen
-Geschichte des Drama, die Schauspiele der Japaner für „matte Abbilder
-oder groteske Nachahmungen des Theaters der Hindu oder Chinesen.“ Aber
-er schrieb 1866, d. h. zu einer Zeit, wo unsere Kenntniss von Japan
-noch sehr gering war.
-
-[165] Mit Recht betont er (1866) des Königs Çudraka’s Stück „Der
-Kinderwagen“ (aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.), dasselbe Stück, das wir
-heutzutage als +Vasantasena+ so sehr bewundern.
-
-[166] Chamberlain, Things Japanese, S. 412.
-
-[167] Chikamatsu Monzaemon und Takeda Izumo.
-
-[168] Dies Stück ist ins Englische übersetzt und auch einige
-No-Dichtungen. Aber wir sind noch weit davon entfernt, den Inhalt des
-japanischen Theaters zu kennen.
-
-[169] Auch zur Bereitung der beliebten Tunke +Soya+ verwendet.
-
-[170] Fleisch wird wenig genossen, die Buddhisten verabscheuen es
-wegen der Lehre von der Seelenwanderung. 1882 wurden im ganzen Reich
-nur 36000 Stück Rindvieh geschlachtet; in Berlin 1890/91: 124593
-Rinder und 115431 Kälber. Der Fisch wurde in Japan nothgedrungen von
-der Seelenwanderung ausgenommen. Das Meer von Japan wie seine süssen
-Gewässer wimmeln von Fischen, da der Räuber Hecht fehlt.
-
-[171] Arbeiten aus der K. jap. Militärärztlichen Lehranstalt. I, 1.
-1892.
-
-[172] Vergl. die Erörterung bei J. +Munk+, Virchow’s Arch. B. 132, S.
-150. Bei uns braucht der Arbeiter täglich 110 g Eiweiss, 56 g Fett und
-500 g Kohlehydrat. (J. +Munk+ & +Uffelmann+: „Die Ernährung“. 2. Aufl.
-1891. S. 346.)
-
-[173] Ebendaselbst. S. 329.
-
-[174] Victor Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere. 5. Aufl. Berlin 1887.
-S. 406.
-
-[175] Die getuschten Lichtbilder von Land und Leuten, die man in Tokyo,
-Yokohama, Kobe kaufen kann, sind eigentlich besser und billiger, als
-die unsrigen.
-
-[176] Man könnte es „Aller-Seelen-Tempel“ übersetzen. (Chinesisch sho =
-einladen, kon = Geist, sha = Tempel.)
-
-[177] Die japanische Regierung hatte +bereits+ 1869 die preussische
-gebeten, ihr einige tüchtige militärärztliche Kräfte zu überlassen. Die
-Herren Oberstabsarzt Dr. +Müller+ und Stabsarzt Dr. +Hoffmann+ kamen,
-da ihre Abreise durch den Krieg verzögert ward, im August 1871 in Yedo
-an.
-
-[178] Kitsune-tsuki. -- Es giebt auch auf dem Lande Fuchs-Eigner
-(Kitsune-mochi), schlaue Betrüger, welche den Aberglauben zu
-unrechtmässigem Vortheil ausbeuten.
-
-[179] Ist es doch noch nicht lange her, dass wir sogar in unserem
-Vaterland von Besessenheit und Teufelaustreibung vernommen haben. --
-+Kämpfer+ (Geschichte von Japan III, 2) fand schon 1692 in Japan „den
-Glauben, dass der Fuchs manche Menschen (gerade wie bei den Christen
-der Teufel) besitze.“
-
-[180] Dazu kommen noch neuerdings eine Ackerbau- und eine technische
-Hochschule.
-
-[181] Oder in Familien, die eine besondere +Erlaubniss+ dazu erhalten
-haben.
-
-[182] Auch eine +allgemein wissenschaftliche Zeitschrift+ „Von West
-nach Ost“ ist neuerdings von Japanern herausgegeben worden, jedoch
-nicht lange: „In Deutschland ist die Hauptquelle des Stromes der
-Wissenschaft unserer Tage zu suchen.“ So lautete ein Satz in dieser
-Zeitschrift.
-
-[183] Er hat eine verschluckte Zahnbürste aus dem Magen durch Schnitt
-+erfolgreich+ entfernt. -- Die japanische Zahnbürste (Yoji) ist ein
-Weidenstäbchen, an einem Ende durch zolltiefe Einschnitte in einen
-steifen Faserpinsel umgewandelt; kostet etwa 1½ Pfennig und ist ein
-Werkzeug, das +jeder+ Japaner ohne Ausnahme anwendet, so allgemein, wie
-kein anderes Volk der Erde.
-
-[184] Die Krankenpflegerinnen machen einen sehr günstigen Eindruck,
-obwohl sie in ihren Mussestunden -- mit +Puppen+ spielen, wie manche
-erwachsene Japanerin.
-
-[185] Der in der ersten Hauptstadt ist unzugänglich, den in der zweiten
-(älteren) Hauptstadt Kyoto befindlichen konnte ich in Augenschein
-nehmen.
-
-[186] Trotz der japanischen Reinlichkeit ist Lungenschwindsucht recht
-häufig, besonders bei den höheren Classen und Gelehrten, die mehr im
-Hause leben. Möglich, dass die Matten hier eine wichtige Rolle in der
-Uebertragung der Keime spielen.
-
-[187] On Leprosy by Masana Goto, Cooper Med. College, San Francisco, in
-the +Sei-J-Kwai+ Medical Journal, Tôkyô, Mai 1888.
-
-[188] Am Abend meines Ankunftstages (13. September 1892) fand ein
-kleines statt. -- Wegen der Erdbeben sind die japanischen Häuser meist
-aus Holz.
-
-[189] 1826-1830.
-
-[190] Vgl. meine Darstellung in der deutsch. med. Wochenschr. 1893.
-
-[191] Geschichte und Beschreibung von Japan, Lemgo 1777, Vorrede. --
-Vgl. ferner Things Japanese, S. 242-244.
-
-[192] Er hat neuerdings dort ein +Denkmal+ erhalten.
-
-[193] 1775 kam ein schwedischer Arzt und Naturforscher, +Thunberg+,
-welcher um die +Flora+ Japan’s die grössten Verdienste sich erworben
-hat.
-
-[194] +Kämpfer+, +v. Sieboldt+ und +Rein+ (Prof. in Marburg und Bonn,
-Verfasser von +Japan+, Leipzig 1881-1886, zwei Bände) sind die drei
-Männer, denen die Welt das Meiste über Japan verdankt. Bezüglich der
-Sprache, Literatur, Götter- und Sagenlehre, Kunst, sind auch einige
-Engländer und Franzosen (Satow, Chamberlain, Anderson, Gonse) rühmend
-zu erwähnen.
-
-[195] Der Shogun, sehr zufrieden mit seiner Behandlung, forderte ihn
-auf, eine Belohnung zu verlangen. „Möge es Ew. Hoheit belieben, dass
-ich +ein+ Auge wiedererlange.“ -- Der Shogun schenkte ihm ein Haus in
-der +Ein Auge-Strasse+ in Yedo.
-
-[196] Amma-San = Knet-Herr.
-
-[197] Etwa 50 Procent der Blindheit war durch Pockenkrankheit bedingt.
-(35 Procent in Europa, vor Einführung der Schutzpockenimpfung. Vgl.
-meine Mittheilung. Berliner klin. Wochenschr., 1873, No. 5). --
-Nach der Volkszählung vom Jahre 1875 waren in Japan unter 33110825
-Einwohnern 101587 blind, taub, oder verkrüppelt; es ist wahrscheinlich,
-dass die meisten +blind+ waren.
-
-[198] Heirath zwischen +zwei+ Blinden war streng verboten.
-
-[199] Es giebt auch sehr billige. Sie rufen: „Amma kami shimo ni-ju-shi
-mon!“ „Kneten von oben bis unten für 1½ Pfennige!“
-
-[200] Ich habe +thatsächlich+ gehört, als ich hier in Berlin vor
-etlichen Jahren einem Knaben den Blasenwurm aus dem Augeninnern durch
-Schnitt entfernt hatte, dass von der Mutter vorher ein -- +Geist+
-befragt worden sei und meinen Plan gebilligt habe.
-
-[201] Zur Zeit der Revolution sind allerdings einige Europäer
-angegriffen und getödtet worden, namentlich solche, die nicht den
-grossen Fürsten, wie das Landesgesetz es gebot, auf der Landstrasse
-Platz machten. -- Von der Verwundung des russischen Thronfolgers werde
-ich noch sprechen.
-
-[202] Ich fand auch amerikanische Damen, die ohne Führer und ohne
-Kenntniss der Sprache allein reisten, ohne je einen Grund zur Klage zu
-finden.
-
-[203] Naku-sen-do, Zwischenberg-Strasse, 132 ri lang, führte quer
-durch das Land über die Gebirgspässe von Kyoto nach Yedo und stammt
-aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. -- Ausserdem gab es noch eine nördliche
-Landstrasse (Hokurokudo).
-
-[204] Angeblich auch in China. -- Von den Holländern wurde der Sport
-im Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht, nach England und
-Frankreich verpflanzt, und wird in Holland gelegentlich noch heute
-geübt.
-
-[205] Franz Xavier gab der Stadt 90000 Häuser und 450000 Seelen.
-
-[206] Kyoto hat 975 Buddha-, 93 Shinto-Tempel, und zusammen mit der
-nächsten Umgebung gegen 3000 Tempel.
-
-[207] Die meisten Deutschen, deren Reisebeschreibungen ich gelesen,
-wohnten auf dem Hügel, im +Yaami-Hotel+.
-
-[208] Also weniger weit und höher, im Ganzen schlanker, als bei uns, wo
-die grösste Weite das 15fache, die Höhe (aussen schräg an der Glocke
-gemessen) das 12fache der Metallstärke am Schlagring beträgt. Unsere
-grösste, +die Kaiserglocke im Dom zu Köln+ (1875), ist 3,25 m hoch und
-26250 kg schwer; also bedeutend kleiner als die zu Kyoto. Grösser, aber
-nie benutzt ist +Zar-Kolokol+ zu Moskau (5,8 m hoch, 200000 kg schwer);
-und eine eiserne zu Peking vom Jahre 1403: 4,5 m hoch und 65000 kg
-schwer.
-
-[209] Ich sah ein grosses japanisches Gemälde, welches Feuersbrunst im
-kaiserlichen Palast und Gewühl der Fliehenden darstellte.
-
-[210] 1 Acre = 40½ Ar, 1 Ar = 100 Quadratmeter.
-
-[211] Kyoto ist berühmt durch seine Brocate, Damaste, Seiden- und
-Sammtgewebe. 18000 Seidenweber in Kyoto und Umgebung schaffen jährlich
-für 20 Millionen Yen Gewebe. 1888 führte Japan für 28 Millionen Yen
-Rohseide aus und für 1600000 Yen Seidengewebe.
-
-[212] Jugendliche Globetrotter haben die Aufwärterinnen der Theehäuser
-als ausnehmend frech beschrieben. Ich habe das nicht beobachtet.
-Als wir nahten, verneigten sich die am Eingang stehenden Mädchen
-und riefen: „Ruhen Sie aus, meine Herren, unter dem Dach dieses
-niedrigen Hauses. Sie dürften erschöpft sein von der langen Reise.“ So
-übersetzten es mir meine jungen Freunde.
-
-[213] 1½ ri, d. h. 3¾ englische Meilen oder 6,75 km nördlich von Otsu.
-
-[214] Weit besser, als die der berühmten Bittschriften-Linde
-+Friedrichs des Grossen+ neben dem Stadt-Schloss zu Potsdam, deren
-Lehm-Ausschmierung recht armselig aussieht.
-
-[215] Rein I, 527.
-
-[216] Hidari heisst Link-Hand. Dieser Name erklärt sich selber,
-hat aber Veranlassung zu einer artigen Sage gegeben. Des Künstlers
-Fürst musste seinen Feinden die eigene Tochter opfern. Da schlug der
-Bildhauer seiner lebenden Galatea den Kopf ab und sandte ihn den
-Feinden als das Haupt der Fürstentochter. Aber ein treuer Diener des
-Fürsten, überzeugt, dass der Bildhauer wirklich die Tochter seines
-Herrn getödtet, schlug ergrimmt dem Künstler die rechte Hand ab.
-
-[217] D. h. wahre Worte.
-
-[218] Der Lackbaum (Rhus vernicifera, Urushi-no-ki) wird im Hochsommer
-angeritzt, der Rohlack ausgekratzt, geklärt, eingedampft, mit Oel,
-Zinnober, Eisenoxyd u. A. versetzt. Die Lackindustrie kam von China
-nach Japan. Hier hat sie erst in der Mitte des 17. Jahrhundert
-ihre hohe Blüthe erreicht. Jetzt wird für die Ausfuhr billige
-Dutzendwaare angefertigt, aber es giebt auch heute noch vorzügliche
-Goldlackarbeiter. Werth der Ausfuhr von Lackwaaren (1888) gegen 600000
-Yen. -- Japan’s Lackindustrie hat in +Rein’s+ Werk ihre +klassische+
-Beschreibung gefunden.
-
-[219] In Ostindien sieht man nur die +einbuckligen+ Dromedare, deren
-Heimath Arabien, während ihr Verbreitungsgebiet nach Nordafrika und
-Westasien hinüberreicht. -- Das +zweibucklige+ Trampelthier stammt aus
-den mongolischen Steppen (und aus China). Unser Künstler dürfte in
-Japan weder einen Elephanten noch ein Trampelthier gesehen, sondern
-diese Thiere nach chinesischen Vorbildern entworfen haben.
-
-[220] Diese +Reisen der Götter+ erinnern an +altägyptische+ Gebräuche:
-wiederholt ist in den Inschriften des Horus-Tempels zu Edfu von
-Besuchen die Rede, welche das Bild des Gottes von Edfu dem der Göttin
-Hathor von Dendera machte, und umgekehrt.
-
-[221] Ich kenne so manche nervöse Dame in unseren Gegenden, welche
-behauptet, Nachts nicht schlafen zu können, wenn sie spät Abends eine
-Tasse Thee genommen.
-
-[222] Die Japaner halten Leuchtkäfer in Gazekästchen an der Wand der
-Häuschen und erfreuen sich Abends an dem milden Glanz der Thiere.
-
-[223] Berg der grossen See-Bucht, O-ye-no-saka.
-
-[224] Privatleute dürfen in Japan Fremde nicht beherbergen.
-
-[225] Im Peloponnes giebt es neue Bettwäsche und neueste. Da ich ein
-wenig Neugriechisch vorher gelernt, liess ich jedes Mal vor meinen
-Augen die neue abziehen und neueste anlegen.
-
-[226] Die Architrave des Mittelgangs im Säulensaal von Seti I zu
-Karnak sind 9 m lang, sie messen 31 cbm und wiegen 65 Tonnen. Aber
-die gewöhnlichen Bausteine der Aegypter sind 0,80 bis 1,20 m hoch, 1
-bis 2,50 m lang und 0,5 bis 1,80 m dick. (Allerdings, der nach London
-gebrachte +Obelisk+ wiegt 186 Tonnen, zehn Mal so viel, als der grösste
-Stein zu Stonehenge. Die Pompejus-Säule zu Alexandrien wird auf 300,
-die Steinbildsäule von Ramses II zu Memphis gleichfalls auf 300 Tonnen
-geschätzt.) -- Ich bat meine Freunde um genauere Messung der grössten
-Bausteine des Schlosses von Osaka und erhielt brieflich die folgenden
-Zahlen, die Herr Stabsarzt +Egutzi+ festgestellt hat:
-
- +Höhe+: +Länge+: +Dicke:+
-
- I. Stein 4,70 Meter 14,50 Meter Die Dicke jedes Steines ist
- II. „ 4,50 „ 13,00 „ etwa doppelt so gross, wie die
- III. „ 5,00 „ 10,70 „ Höhe; kann aber nicht genau
- IV. „ 5,00 „ 10,50 „ gemessen werden, weil jeder
- V. „ 3,60 „ 11,00 „ Stein allseitig von anderen
- umgeben ist.
-
-[227] So ist es immer. Als ich einst durch die nächtlich dunklen
-Strassen von Tunis schritt, sagte mein Führer, er möchte einmal, ehe
-er sterbe, eine Stadt in Europa sehen, welche die ganze Nacht hindurch
-künstlich erleuchtet ist.
-
-[228] The pictorial Arts of Japan, by William Anderson, London 1886,
-Sampson Low & Co.
-
-[229] Schildkröte und Goldfische tummelten sich in den Wellen, als Gott
-Shiwa in einer Lotusknospe über den Wassern waltete.
-
-[230] Die chinesischen Schriftzeichen sind stylisirte Wortbilder oder
-Hieroglyphen. Zu dem eigentlichen Zeichen (+Radical+) kommt noch eine
-Hinzufügung bezüglich der +Aussprache+ und der dadurch bedingten
-Sonderbedeutung (+Phonetic+), -- gerade wie die alten Aegypter dem
-Wortbild (Hieroglyph) noch ein Deutzeichen (Determinativ) beifügten.
-Die Chinesen und Japaner schreiben von oben nach unten in senkrechten
-Reihen, die von rechts nach links auf einander folgen; und zwar mit
-Tusche und Pinsel auf Papier.
-
-[231] +Kata Seite+ oder Hälfte, Kari entlehnen, na Name.
-
-[232] Kobe heisst Götter-Thor, Hiogo aber Waffen-Platz.
-
-[233] Das Wort ist hindostanisch.
-
-[234] Die Fahrt ist auch sehr billig, 150 Mark für 6 Tage = 25 für
-den Tag. (Auf dem atlantischen Ocean 50, dem stillen Ocean 62, dem
-indischen 32, Bombay-Triest 36.) -- Vancouver-Yokohama 4283 Seemeilen
-für 800 Mark; Kobe-Hongkong 1367 Seemeilen für 150 Mark, oder ⅓ des
-Weges für weniger als ⅕ des Preises.
-
-[235] 1881-1885 (nach Rein):
-
- Yokohama Kobe-Osaka Nagasaki Hakodate
- Ausfuhr: 69 Procent 20 Procent 9,3 Procent 1,7 Procent.
- Einfuhr: 67,5 „ 28,8 „ 3,4 „ 0,3 „ .
-
-[236] „Vorinselchen“, für die Portugiesen künstlich geschaffen.
-
-[237] „In dieser Dienstbarkeit haben wir uns viele beschimpfende
-Einschränkungen von den stolzen Heiden gefallen lassen müssen.“ Kämpfer.
-
-[238] Marco Polo hat glühende Schilderungen von dem Gold-Reichthum
-Cipangu’s entworfen. Die Holländer führten noch reichlich Gold und
-Silber aus. Aber jetzt sind die Minen erschöpft. Nur Kupfer und Antimon
-sind reichlich vorhanden, sowie Eisen und Kohle.
-
-[239] Man +schreibt+, wie oben, und spricht +Nangasaki+.
-
-[240] Der Anblick eines nackten Oberkörpers macht auf den Japaner
-keinen Eindruck. Er ist uns darin überlegen. In den öffentlichen
-Badehäusern kam nie etwas Unziemliches vor. Jetzt hat die Regierung
-eine Bretterwand zur Trennung der Geschlechter gezogen. Sie hat
-auch den zimperlichen Gattinnen englischer Baumwollenstoffhändler
-nachgegeben und die Wagenmänner bekleidet, die früher nur ihre
-Tätowirung trugen.
-
-[241] Trunkenheit kommt wohl vor, da die Japaner nicht viel vertragen.
-Einmal sah ich einen stark angeheiterten Bauern auf dem Bahnhof zu
-Tokyo. Der Polizist ersuchte ihn höflich, sein Räuschchen auszuschlafen.
-
-[242] Zum Glück hatte ich +Müller’s+ kosmische Physik in meinem Koffer,
-ein Buch, das mir auch sonst gute Dienste leistete. Es giebt Reisende,
-die stets das Buch ihres Nächsten begehren. Stumm reichte ich ihnen den
-Müller, -- um sofort unbehelligt zu bleiben.
-
-[243] Arabisch = Jahreszeit.
-
-[244] +Chinesisch+ = grosser Wind. Typhon ist eine lächerliche
-Schreibweise. Mit dem Riesen Typhon der griechischen Sage hat das Wort
-ebensowenig etwas zu schaffen, als -- +Orkan+ mit Orcus. Das Wort Orkan
-stammt aus Westindien.
-
-[245] Auf keiner andern Linie in Asien ist so gutes Essen, ist ein Glas
-Pilsener für 25 Pfennige zu haben, sowie eine rauchbare Cigarre für so
-mässigen Preis. Ich bedaure, dass der norddeutsche Lloyd nicht zwei Mal
-im Monat fährt, wie die andern Linien; dann wird er bald im Wettbewerbe
-siegen.
-
-[246] Odyssee, V, 279. οἴη δ’ἄμμορός ἐστι λοετρῶν Ὠκεανοῖο.
-
-[247]
-
- Kobe-Hongkong 1367
- Kobe-Nagasaki 391
- ---------------------------------
- Nagasaki-Hongkong 976 See-Meilen.
-
-[248] Hier sind bedeutende Docks angelegt.
-
-[249] Die Hauptlinie geht von Bremen bis Hongkong und Shangai, von
-Hongkong aus fahren kleine Dampfer nach Japan und zurück.
-
-[250] Chinesisch: Heung-kong, d. i. duftender Fluss. Vgl. A Guide to
-H., W. Brewer (1892.)
-
-[251] Nach anderen Angaben 79.
-
-[252] Die Ly-ee-moon Meeresenge zwischen Hongkong und Cawloon ist nur ½
-englische Meile, also kaum 1 km breit.
-
-[253] Die ganze Insel hatte 1891 an 221441 Einwohner, also 2800 auf den
-Quadratkilometer; der grösste Theil entfällt auf die Stadt Victoria.
-
-[254] Der letzte erfolgte auf dieser Fahrt vor 14 Jahren.
-
-[255] Ein Glas Sherry und zwei Glas Bier zum Mittagsmahl sind
-einbegriffen.
-
-[256] „No hab got eyes, no can go“ („Wer keine Augen hat, kann nicht
-gehen.“) Dies ist die Geschäftssprache. (Pidgin English = +business+
-English).
-
-[257] Der Mann ist auf Arbeit den Tag über abwesend, -- nicht aber, wie
-es in manchen Reisebeschreibungen heisst, „auf der Bärenhaut liegend
-und mit Opium-Rauchen beschäftigt.“
-
-[258] Daher der Name Canton.
-
-[259] Wir kennen es nur als Verbannungsort des Dichters der Lusiaden,
-Camoëns, und als Namen eines Hazardspieles. In der That wimmelt +Macao+
-von chinesischen Spielhöhlen, wo auch die goldne Jugend von Hongkong
-dem Laster fröhnt, das auf englischem Gebiet nicht geduldet wird.
-
-[260] = Very.
-
-[261] Das sogenannte Reispapier wird aus dem Mark eines Strauches
-(Aralia papyrifera) bereitet.
-
-[262] Mandarin stammt aus dem indischen +mantrin+ = Rathgeber. Das
-chinesische Wort heisst +Kuan+. Es giebt neun Rangstufen und drei
-literarische Grade. (Candidat, Doctor, Professor.)
-
-[263] Im Mittelalter bettelten bei uns auf dem Lande die Aussätzigen
-gleichfalls mit einem Beutelchen an langer Stange; sie mussten aber
-noch eine Glocke tragen, um vor Annäherung zu warnen. Und dabei ist die
-Ansteckungsfähigkeit des Aussatzes (Lepra) so gering.
-
-[264] Vgl. Report of the medical Missionary Society in China for the
-year 1889. Hongkong 1890. Die Berichte für 1890 und 1891 sind bezüglich
-der Operationserfolge zu schweigsam, als dass man sie kritisch
-verwerthen könnte.
-
-[265] Von den Missions-Doctor-Fräuleins heisst es S. 6: to minister
-like angels.... with laurels on her brow.
-
-[266] Durch optische Täuschung scheinen die Häuser, Kirchen,
-Signal-Stangen ganz schief. Man muss den Kopf stark nach vorn neigen,
-um sie wieder senkrecht zu sehen.
-
-[267] Gap = Kluft, zwischen den höchsten Spitzen.
-
-[268] Ich habe mir eine kleine Sammlung der Silbermünzen Ostasiens mit-
-und in einem Kästchen untergebracht. Links liegt die Rupie Ostindiens,
-rechts der Yen Japans, jedes von beiden umgeben von dem entsprechenden
-Kleingeld. In der Mitte befindet sich die einzige Silbermünze Chinas,
-das 1/10 Dollar-Stück (7,_{2} candareen) aus der Münze von Canton.
-
-[269] General-Consul des deutschen Reiches für Canton; z. Z. in
-Stellvertretung, für Hongkong.
-
-[270] Dieser Teich versorgt übrigens nur den oberen und hinteren Theil
-der Insel.
-
-[271] Ein Gramm Papayotin löst 200 Gramm Eiweiss (Faserstoff) und
-verwandelt es in Pepton, d. i. gelöstes, zur Aufnahme in die Saftcanäle
-des Verdauungsschlauches geeignetes Eiweiss.
-
-[272] Nachdem ich in Vancouver die ersten Alarm-Nachrichten über das
-Wüthen der Krankheit in Hamburg gelesen, hatte ich in Japan grosse Mühe
-aus den spärlichen Nachrichten der englischen und japanischen Zeitungen
-(die Depeschen von Europa nach Japan sind zu theuer für die Zeitungen!)
-und der deutschen Consuln und Kaufleute mir ein vollständiges Bild zu
-machen.
-
-[273] Zwei Vorlesungen von J. H. Berlin 1882.
-
-[274] Davon der Name +China+. Die Chinesen selber nennen ihr Land
-+Tschung Kue+, Reich der Mitte, die Tataren aber Katâi. -- Der zweite
-Kaiser dieser Dynastie, Tsching-wang, +soll+ die Zerstörung aller
-Bücher, die damals auf Holztafeln geschrieben wurden, mit Ausnahme
-derer über Ackerbau und Heilkunde, geboten und durchgesetzt und dadurch
-eine Lücke in die Ueberlieferung der chinesischen Klassiker gerissen
-haben.
-
-[275] Confucianism and Taouism. By Prof. R. K. Douglas, London, 1879.
-
-[276] „Wenn ich die eine Ecke des Gegenstandes zeige, und der Hörer
-daraus nicht die drei andern lernen kann, so wiederhole ich meine Lehre
-nicht.“
-
-[277] Die Ehe des Confucius war unglücklich.
-
-[278] Dagegen lehrt +Buddha+, Uebelthat mit Güte zu vergelten.
-
-[279] Das Haus, welches zwei derselben bewohnten, war mir schon
-angenehm aufgefallen durch die deutsche Inschrift: „Luginsland.“
-
-[280] Fortieth annual Report of the Berlin Foundling house for 1890.
-Der Bestand war 79, zwei davon verheiratheten sich, vier starben,
-hauptsächlich im zarten Alter; 13 wurden aufgenommen, von diesen
-starben fünf, so dass der Bestand 81 beträgt.
-
-[281] In Frankreich gab es ein +örtliches+, d. h. die Kinder wurden in
-entfernte Bezirke zur Pflege gebracht.
-
-[282] Ausserdem giebt es noch einen hauptsächlich, aber nicht
-ausschliesslich englischen +Hongkong-Club+ und einen +Lusitano-Club+
-für die Portugiesen, die doch von den Europäern nicht für voll
-angesehen werden. -- Die deutschen Handwerker und Bediensteten, denen
-der Club zu theuer ist, versammeln sich in einem +Gesangverein+.
-
-[283] Man erhält dort auch in einem deutschen Laden ganz rauchbare
-+Manila-Cigarren+, das Hundert zu 3½ Dollar.
-
-[284] Die mittleren Chinesen sind gelblich, die nördlichen röthlich;
-die südlichen aber bräunlich, namentlich wenn sie sich der Sonne viel
-aussetzen.
-
-[285] Der Zopf ist erst 1644 n. Chr. durch die Mandschu-Dynastie
-eingeführt.
-
-[286] Nach Duncker etwa 1000 v. Chr. -- Ich hatte mir vor der
-Abreise das kleine Conversations-Lexicon von +Kürschner+ schon, wie
-immer, in den Koffer gepackt; liess mich aber überreden, es wieder
-heraus zu nehmen: was ich nachträglich bereute. Auf keinem der
-vielen Schiffe, die ich befahren, in keinem Hotel Asiens sah ich ein
-Conversations-Lexicon, sondern allein in der Bücherei des deutschen
-Clubs zu Hongkong.
-
-[287] Travellers P. & O. Pocket Book.
-
-[288] Dem Rath und der Versuchung, einen Ausflug von Singapore nach
-Java zu machen, um die Linie, d. h. den Aequator, zu kreuzen, habe ich
-siegreich und ohne Reue widerstanden.
-
-[289] Das Kunststück ist nicht so gross, wie es scheint. Die kleine
-Silbermünze sinkt langsam und bleibt im Sinken gut sichtbar; der Knabe
-ergreift sie, ehe sie den Boden erreicht hat, steckt sie in den Mund,
-taucht empor und erhebt triumphirend den rechten Arm.
-
-[290] 164 englische Quadratmeilen, 75000 Einwohner. Zucker und Tapioca
-wird in der dazu gehörigen Provinz Wellesley auf dem Festland von
-Malakka angebaut.
-
-[291] Die Geographen des Alterthums und Mittelalters haben die Grösse
-der Insel weit +überschätzt+, da sie dieselbe nur vom +Hören-Sagen+
-kannten.
-
-[292] In Deutschland 91,4.
-
-[293] Nach der ersten Kaffe-Ernte mussten die Pflanzer öfters schon zur
-künstlichen Düngung ihre Zuflucht nehmen.
-
-[294] Dies gilt für den Südwesten und das Centralgebirge, die feuchte
-Gegend Ceylon’s. Der Südwest-Monsun bringt vom April bis Juni den
-Regen, dringt aber nicht über das Gebirge. Der übrige Theil von Ceylon
-ist trocken und erhält nur von October bis December die einmalige
-Regenzeit durch den Nordwest-Monsun; die feuchte Gegend hat dann ihre
-zweite Regenzeit. In Colombo fällt fast noch ein Mal soviel Regen, als
-in Trincomale.
-
-[295] Pfund Sterling.
-
-[296] 25000 Acres sind jetzt damit bepflanzt und liefern den
-Einheimischen Kraut für ihre Bedürfnisse, sowie 50000 Centner (im
-Werth von £ 150000) zur Ausfuhr nach Indien. In Anuradhapura wollte
-ich Cigarren kaufen, mochte aber die +Jaffnas+, die wie Regenwürmer
-aussahen, nicht nehmen, sondern zog ein Päckchen amerikanischen +Bird’s
-Eye Tabak+ vor. In Colombo kaufte ich indische Cigarren (Cheroots) und
-noch lieber holländische aus Java, im Kiosk sowie in den Läden. Sie
-sind billig, aber nicht gut.
-
-[297] Seit dem 13. Jahrhundert n. Chr., d. h. seitdem die in uralter
-Zeit hergestellten künstlichen Seen in der Nordhälfte der Insel durch
-die erobernden Tamilen (aus Südindien) vernachlässigt wurden. Den
-Portugiesen blieb es vorbehalten, die Wasserläufe zur Berieselung der
-Reisfelder -- gradewegs zu +zerstören+.
-
-[298] Die letzteren werden hauptsächlich von den Händlern angeboten;
-sie bestehen aus grünlich durchschimmerndem Quarz.
-
-[299] Hauptabnehmer ist Krupp in Essen.
-
-[300]
-
- Census von 1881: 2760000 Einwohner.
- Singhalesen: 1847000,
- Tamilen: 687000 (257000 wandernd),
- Mohren: 185000 (17000 aus Indien),
- Eurasier: 18500 (einschliesslich Burghers),
- Malayen: 8000,
- Andere: 7000 (Chinesen, Parsi u. s. w.),
- Europäer: 5000,
- Wedda: 2228.
-
-[301] Dies wird neuerdings wieder bestritten. Natürlich hat die
-Tamil-Sprache gar keine Verwandtschaft mit den Sanskrit-Sprachen.
-
-[302] The governement of Ceylon, like that of every Crown colony, is
-virtually a despotism. (W. S. +Caine+, M. o. P.) -- Paternal despotism
-(+Ferguson+.) -- The system of Crown colonies is supposed to be that of
-a benevolent despostism, a paternal autocracy. It is in many cases that
-of a narrow and selfish oligarchy. (+Spectator+, London.)
-
-[303] Die Rupie hatte ursprünglich den Werth von 2 Mark, später von 1½
-Mark, jetzt von 1¼ Mark.
-
-[304] „Sie lassen uns für ein nothwendiges Bedürfniss besonders
-bezahlen“, sagte, mit strafendem Blick, ein Reisender zu dem Leiter des
-Gasthauses. Dieser zuckte stillschweigend die Achseln. -- Ich würde es
-mit Freuden begrüssen, wenn bei uns in Deutschland die Gastwirthe sich
-entschliessen könnten, das Bad nicht besonders zu berechnen.
-
-[305] Natürlich hat man daselbst im Lesezimmer ein Fernrohr
-aufgestellt, um die Namen und Flaggen der einlaufenden Schiffe lesen zu
-können.
-
-[306] Verpflegung und Wohnung 8 Rupien täglich, ohne Wein und Bier und
-ohne Bad.
-
-[307] Ich möchte den deutschen Hausfrauen einen Versuch anrathen. In
-Ceylon ist der Preis 18 d. (also etwa 1 Mark 50 Pfennige) für das Pfund.
-
-[308] Custom house.
-
-[309] Jetty.
-
-[310] Während ich dieses schreibe (Sommer 1893) ist in Ostindien die
-freie Silberprägung aufgehoben, und der Uebergang zur Goldwährung
-angebahnt.
-
-[311] Für Deutsch-Ost-Afrika werden auch Rupien, mit dem Bildniss
-unsres Kaisers, geprägt. Unser Zwei-Mark-Stück wiegt 11 Gramm, die
-Rupie 11,_{6} Gramm.
-
-[312] Im gewöhnlichen Verkehr werden diese beiden Münzen auch Shilling
-und Sixpence genannt. Wenn der Reisende einen geforderten „Shilling“
-wirklich in englischer Münze bezahlt, so hat er ein Drittel zu viel
-gegeben.
-
-[313] Out-rigger canoe. (Orowah.) Dasselbe ist über die
-südostasiatischen Inseln weit verbreitet.
-
-[314] +Pallad+., De gentibus Indiae et Bragmanis. (Graece et latine.)
-Londini 1665. p. 4.
-
-[315] +Kattu+ binden, +maram+ Baum.
-
-[316] Ich erlebte die Landung des Dampfers „Rome“ (London-Melbourne),
-der 200 Cajüt- und nur sechs Zwischendeck-Reisende mitbrachte.
-
-[317] Diese Angabe des Reiseführers kann ich aus dem amtlichen Werk
-über die Leuchtfeuer in Indien und Australien bestätigen.
-
-[318] Nach der Volkszählung von 1891 leben 121 Schlangenbeschwörer und
-36 Gaukler in Ceylon. Es sind meist Tamilen.
-
-[319] Naja tripudians, Cobra di capello.
-
-[320] Sie fahren natürlich langsam. Es giebt aber auch kleine Renn-Zebu
-vor einsitzigem Wägelchen, die in ihrem Trab recht sonderbar aussehen.
-Gelenkt werden die Ochsen mit einem Strick, der an einem durch die
-Nasenscheidewand gezogenen Ring befestigt ist. Vor den Lastwagen der
-Landstrasse und an den Drehmühlen ziehen die Ochsenpaare im Joch: der
-Balken liegt vor dem Höcker der Thiere.
-
-[321] Eintritt in Hindu-Tempel ist Andersgläubigen nicht gestattet.
-
-[322] Ein lustiger Schiffsarzt hat wohl einmal des Morgens, ehe Ceylon
-in Sicht kam, heimlich Zimmtöl über das Verdeck gesprengt.
-
-[323] Bark; chips. Der Ceylon-Zimmt heisst auch Canel. (Canella oder
-Cannella, d. h. Röhre, der Venezianer und Portugiesen.) Zimmt kommt
-auch aus Indien, Java, den Philippinen und China, Senegal, Brasilien,
-Westindien.
-
-[324] Cinnamomum Ceylonicum, ein zur Familie der Lauraceen gehöriger
-immergrüner Baum.
-
-[325] Des Abends entzündet der Diener unaufgefordert die an der Wand
-befindliche Gasflamme. Kerzen werden nicht verabfolgt, sie gelten
-für feuergefährlich. In der That gebieten die Moskito-Netze und
-windbewegten Vorhänge grosse Vorsicht. Das Haus ist allerdings aus
-Stein gebaut und mit steinerner Haupttreppe versehen.
-
-[326] Danach wäre der Bedarf für den Kopf und Tag nur 100 Liter, etwas
-wenig in so heisser Gegend.
-
-[327] Musa sapientium, ein baumartiger +Strauch+, der bis 40 kg Früchte
-trägt. Auf gleicher Grundfläche liefert derselbe 44 Mal so viel
-Nahrungsstoff als die Kartoffel und 133 Mal so viel als der Weizen.
-
-[328] Artocarpus nobilis und integrifolia, nächst Cocus- und
-Palmyra-Palme der wichtigste Baum für den Singhalesen; an jedem Hause,
-in jedem Garten wird er gepflanzt; seine (5 bis 12 kg schweren)
-Früchte, Jaka genannt, nähren den Menschen, seine Blätter das Vieh;
-sein Stamm liefert Holz für jeden Zweck.
-
-[329] Kaljani = glücklich. Ganga = Fluss.
-
-[330] Gott der Weisheit, mit dem Kopf des Elephanten.
-
-[331] Sehr oft wird der Vergleich zwischen der Pflanzenwelt von Java
-und der von Ceylon gezogen. Einer der besten Schriftsteller über Java,
-der auch Ceylon genau kennt, +Junghahn+, erklärt freimüthig, dass er
-solchen Kokoswald, wie auf Ceylon, weder auf Java noch auf Sumatra
-gesehen habe.
-
-[332] +Häckel+ schildert, wie sein Ganymed in der Frühe jedes Tages mit
-der frisch eröffneten Kokosnuss erschien, aus der er ihm den kühlen
-Morgen-Trunk kredenzte.
-
-[333] Bei Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) heisst es: μαλλοῖς
-γυναικαίοις εἰς ἅπαν ἀναδεδεμένος.
-
-[334] Aber sie sind auch Ackerbauer und Fischer, auf dem Lande und an
-den Küsten.
-
-[335] Ausserdem kommen noch in Betracht Licenz für Arrak-Verkauf (⅛),
-Salzsteuer, Quittungssteuer, Landverkauf.
-
-[336] Dieser Theil war 1867 fertig, der folgende erst 1885.
-
-[337] 205 englische Meilen im ganzen waren 1892 auf Ceylon im Betrieb
-und 32 Meilen südwärts von Nanu-Oya nach Haputalé in der Südprovinz Uva
-so weit fertiggestellt, dass die Eröffnung im Frühjahr 1893 zu erwarten
-stand. -- 122 Meilen für 1½ Millionen £ sind freies Eigenthum der
-Colonie, die Grundschuld für die andern 148 Meilen beträgt nicht viel
-mehr als 2 Millionen £.
-
-[338] Also etwa 7 Pfennige für den Kilometer; oder 10 Pfennige, wenn
-die Rupie zu ihrem vollen Werth gerechnet wird. Das stimmt ungefähr mit
-unseren Schnellzugspreisen.
-
-[339] Auf der Rückfahrt lernte ich eine thörichte Einrichtung kennen.
-Eine Stunde, bevor der Zug an dem Haupthaltepunkt ankommt, werden
-die Wagen an beiden Seiten von aussen mit einem Schlüssel fest
-verschlossen, -- wegen der Fahrkarten-Prüfung. Da die Fenster sehr
-klein sind, kann der Reisende im Unglücksfall nicht heraus, falls er
-nicht eine Holzaxt bei sich hat.
-
-[340] M.-Junction.
-
-[341] 1 Acre = 40.467 Ar, 1 Ar = 100 Quadrat-Meter.
-
-[342] 1 Bushel = 35 Liter; 1 hl Roggen = 72 Pfund, also 2 Millionen hl
-Reis wohl +ungefähr+ 72000 Tonnen. (In das deutsche Reich sind 1887
-eingeführt 91701 Tonnen Reis, im Werth von 15954000 Mark.)
-
-[343] Die patriarchalische Dorfverwaltung, aus Indien entlehnt, hat
-seit uralter Zeit in Ceylon bestanden; die Gemeinde verwaltete sich
-selbst und sorgte namentlich für die Wasserläufe.
-
-[344] Von den Portugiesen haben dies die Kandyer gelernt.
-
-[345] Diese Zahl steht in Ferguson’s neuester Ausgabe, ist aber wohl
-„Zukunftsmusik“. Denn auf der Karte, die er seinem Werk beigegeben,
-steht deutlich zu lesen: +Letzte Statistik+: Bevölkerung 3100000.
-Flächeninhalt der Insel 15800000 Acres. Bebautes Land 3212310 Acres.
-(Reis 700000, Kokos 500000, Kaffe 38000, Thee 255000, Cinchona 9000,
-Natürliche Weide 100000.) -- An Kron-Land wurde verkauft (1860-1893)
-eine Million Acres für 2 Millionen £.
-
-[346] Einschliesslich der Geistlichkeit. Jetzt sind +alle+ Religionen
-in Ceylon frei von Aufsicht und Unterstützung des Staates.
-
-[347] Europäische Kinder sterben in Ceylon, bevor sie erwachsen sind.
-
-[348] Regierungsbeamte im Innern müssen allerdings die Landessprache
-erlernen, Pflanzer können ohne einige Kenntniss der Tamil-Sprache nicht
-wirthschaften.
-
-[349] Seine Begegnung mit der Fürstentochter hat sehr grosse
-Aehnlichkeit mit der des Odysseus und der Kirke.
-
-[350] Zahn-Stadt.
-
-[351] Blinde Bettler giebt es natürlich auch auf Ceylon, wie
-allenthalben. Aber im Ganzen fand ich den Zustand der Augen sehr gut
-auf dieser heissen Insel. Die ägyptische Augenentzündung, die in
-Calcutta und besonders in Bombay gar nicht so selten vorkommt, ist
-in Ceylon fast unbekannt; ein neuer Beweis zu den vielen anderen,
-dass Hitze und grelles Sonnenlicht nicht die Ursache der Krankheit
-darstellen.
-
-[352] Nerium odorum.
-
-[353] Maha-vali = grosse Linie.
-
-[354] Von den Engländern so genannt, bei den Einheimischen heisst sie
-Tal Gaha.
-
-[355] So genannt, weil die Blätter erfrischenden Saft enthalten für den
-müden Wandrer.
-
-[356] 1 Quart = 1,145 Liter.
-
-[357] Nicht 40, wie Häckel schon 1882 angegeben.
-
-[358] Zu 0,9 Liter.
-
-[359] Fahrpreis erster Classe 6 Rupien 57 Cts., für Hin- und Rückfahrt
-10 Rupien.
-
-[360] Fahrpreis 2 Rupien; für das Gepäck, das im Ochsenwagen befördert
-wurde 1 Rupie.
-
-[361] Mein Reise-Aneroïd-Barometer nebst Compass (von P. Dörffel in
-Berlin) hat mir, namentlich bei Bergfahrten, vielfach Belehrung und --
-Zerstreuung gewährt.
-
-[362] Die Culturpalme geht bis 3000 Fuss Höhe.
-
-[363] Agave americana. Stammt aus Amerika, hat aber zusammen mit
-ihrer Landsmännin, der Cactusfeige (Opuntia), das Aussehen unsrer
-+Mittelmeer-Landschaft+ völlig verändert.
-
-[364] +Eine+ Pflanze sandte er an den botanischen Garten von Amsterdam.
-Von dem Samen dieser Pflanze stammen fast alle Kaffebäume der Erde ab,
-nachweislich alle in Amerika.
-
-[365] Nach Einigen war die Pflanzung von Georg Birch bei Gampola schon
-ein Jahr früher eingerichtet worden.
-
-[366] 8 Millionen Pfund 1824, 15 im Jahre 1827.
-
-[367]
-
- Nach England sind 1827 von Westindien 29 Mill., von Ceylon fast 2 Mill.,
- aber 1857 „ „ 4 „ „ „ 67 Millionen
- Pfund Kaffe eingeführt worden.
-
-[368] An den steilen Abhängen wurden die obersten Reihen der uralten
-Bäume gefällt und auf die darunter stehenden, an einer Seite
-eingeschnittenen gestürzt: lawinenartig setzte sich der Sturz fort bis
-zur Thalsohle: dann wurde der ganze, niedergelegte Urwald angezündet.
-
-[369] Aber noch 1854 tadelt Schmarda, der 8 Monate auf der Insel
-verweilte, das Ueberwiegen der Speculation bei den Kaffe-Pflanzern.
-
-[370]
-
- 1884 war die Kaffe-Ernte des Erdballs etwa:
-
- 7250000 metr. Centner (zu 100 kg) oder 1450 Millionen Pfund; davon
- 3891000 „ „ aus Brasilien,
- 907000 „ „ aus Java,
- 146000 „ „ aus Ceylon.
-
- Ferguson berechnet die ganze Erzeugung von Kaffe auf:
-
- 869000 Tonnen (oder 17 Mill. Centner, im Werthe von £ 70000000); davon
- 128000 „ auf örtlichen Verbrauch,
- 740000 „ auf Ausfuhr.
-
-[371] Ferguson berechnet die Gesammterzeugung der Erde auf 1385
-Millionen Pfund Thee (also beinahe so viel wie die des Kaffe); die
-Ausfuhr auf 504 Millionen, den Verbrauch in China auf 800 Millionen,
-den in England auf 210 Millionen, den in Deutschland auf 4½ Millionen
-Pfund. 1885 betrug die Gesammtausfuhr von Thee etwa 380 Millionen
-Pfund, davon aus China 256 im Werth von 173 Millionen Mark. -- Einzelne
-Sachverständige behaupten, dass man nach 30 Jahren Thee aus Ceylon
-nicht mehr werde ausführen können. (?)
-
-[372] Ceylon Tea Plantation Company, die 1891 an 4 Millionen Pfund Thee
-auf den Markt gebracht.
-
-[373] Angeblich hat nur ein Zehntel der Pflanzer Glück gehabt. Aber
-England hat doch ungeheure Summen aus Ceylon gezogen.
-
-[374] Nach Ferguson verdient der Mann 2½ bis 3½ Shilling die Woche,
-nach Caine 6 bis 9 Pence täglich; nach Schmarda, 1854, 9 Pence
-bis 1 Shilling. 50 Millionen £ sind in den letzten 50 Jahren den
-Einheimischen an Arbeitslohn gezahlt worden.
-
-[375] D. h. Götterspeise.
-
-[376] +Quina+ = Rinde, in der Inka-Sprache. 1638 wurde die Gräfin
-+Cinchon+, Frau des Vicekönigs von Peru, durch die Rinde vom Fieber
-geheilt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelangte das Mittel nach
-England, Frankreich und Deutschland. Die wirksamen Stoffe der Rinde
-sind die Alkaloïde Chinin und Cinchonin. Die Holländer verpflanzten
-1852 die Cinchona nach Java, die Engländer 10 Jahre später nach Indien
-und Ceylon.
-
-[377] Bei uns kostet jetzt, im +Einzelverkauf+, 1 Gramm 15 Pfennige.
-
-[378] Im Mittel 5 Procent Alkaloïde. Das deutsche Arzneibuch verlangt
-von der China-Rinde mindestens 3,5 Procent Alkaloïde. Der jährliche
-Bedarf der ganzen Erde ist etwa 6 Millionen kg China-Rinde, 1881 wurden
-etwa 9 Millionen geerntet, das meiste stammt doch noch aus Südamerika,
-die Fabriken verarbeiten jährlich 4,3 Millionen kg Rinde und gewinnen
-daraus 86400 kg Alkaloïde oder 120000 kg Chininsulfat und entsprechende
-Salze.
-
-[379] D. h. die königliche Stadt des Lichtes, -- seitdem 1610 n. Chr.
-die Könige von Kandy vor den Portugiesen dorthin geflüchtet waren.
-Man findet auch die Schreibweise Neura-ellia. Kein Wunder, dass die
-Engländer New Aurelia schreiben und nurélia aussprechen.
-
-[380] Etwa 10 Rupien täglich, ohne Wein u. dgl.; bei längerem
-Aufenthalt 7 Rupien.
-
-[381] Wer nicht zu Fuss gehen will, kann für 4 Rupien sich hinauftragen
-lassen oder für 5 Rupien auf einem Ponny hinaufreiten.
-
-[382] Wörtlich Matten-Rippen-Fels. Der Berg bringt Pflanzen hervor, die
-geeignet sind zum Flechten von Matten (pedura); talla = Blattstreif
-oder Rippe; galla = Berg. -- Der abgekürzte Name lautet Pedro.
-
-[383] Rhododendrum arboreum.
-
-[384] Allerdings beherrscht der hohe Standpunkt eine Kreisfläche von
-etwa 150 km Halbmesser oder 300 km Durchmesser, während die grösste
-Breite der Insel nur 235 km beträgt. +Häckel+ hat hier oben westlich
-wie östlich einen Silberstreif des Meeres gesehen.
-
-[385] Für 1 Rupie.
-
-[386] Für 6 Rupien.
-
-[387] Ich hatte mir natürlich auch englische machen lassen, da in
-englischen Gegenden fremde Sprachen nicht verstanden werden.
-
-[388] Alsophila.
-
-[389] Mimosa pudica.
-
-[390] Vgl. seine indischen Reisebriefe S. 339.
-
-[391] S. 231.
-
-[392] Kadi, Kari, Kuri ist saure Milch, mit Reis gesotten. Hieraus
-haben die Engländer +curry+ gemacht.
-
-[393] Sweet and hot.
-
-[394] Wörtlich: des Glückes Fusstapfen. Der Adams-Pik heisst in Pali
-Sumanakuta = Götterberg, der neuere Name ist Samanella.
-
-[395] Ausser -- Freitags! Die Fahrt dauert eine Stunde, die Entfernung
-beträgt 22 englische Meilen.
-
-[396] Rest-house.
-
-[397] Auch für die Rast unter dem schattigen Dach muss besonders
-bezahlt werden, allerdings nicht viel, etwa ½ Rupie.
-
-[398] Matale-Anaradhapura, 30 Rupien für Hin- und Rückfahrt.
-
-[399] Die indische Tonga ist zweirädrig.
-
-[400] Semnopithecus, Wanderu. (Singhalesisch Wandura.)
-
-[401] Durch Schlangenbiss und wilde Thiere sterben in Ceylon jährlich
-150 Menschen.
-
-[402] Derselbe hat grosse Verdienste nicht bloss um die Alterthümer,
-sondern auch um die Wiederherstellung der Bewässerung, Anpflanzung von
-Palmen und Reisfeldern, den Bau von Krankenhäusern u. dgl.
-
-[403] E. Tournour, The Mahawanso, Ceylon 1837. L. C. Wijesingha, The
-Mahavansa, part II, Colombo 1889. Wie man sieht, wird der Titel etwas
-verschieden mit europäischen Buchstaben geschrieben.
-
-[404] D. h. Victor, der Siegreiche.
-
-[405] Anurádha war der Schwager des zweiten Königs Panduwása. Pura
-heisst Grossstadt. Tennent, unsre Hauptquelle, schreibt Anarajapoora.
-
-[406] Es gab Krankenhäuser für Menschen und Thiere, öffentliche Gärten,
-Strassenreinigung, Begräbnissplätze.
-
-[407] Gam oder gramma = Stadt.
-
-[408] Jetzt 9598, nach der Volkszählung von 1891.
-
-[409] 769 n. Chr. wurde der Herrschersitz südwärts verlegt nach
-Pollanarus. Diese Stadt blühte besonders im 12. Jahrhundert und sank
-dann gleichfalls in Ruinen.
-
-[410] Aehnliches gilt von einigen Städten der Ureinwohner von
-Central-Amerika.
-
-[411] Die grosse Pyramide von Gizeh enthält 2½ Millionen Cubikmeter,
-also über 67½ Millionen Cubikfuss.
-
-[412] Dies scheint mir vom baukünstlerischen Standpunkt vernünftiger,
-als wenn ein Ptolemäer den Riesen-Obelisk des grossen Thutmes auf vier
--- +Krabben+ aus Bronze stellt. Der Beobachter (im Centralpark zu
-New-York, wohin dies Wunderwerk verschlagen ward,) befürchtet fast, den
-Zusammenkrach zu hören und zu sehen.
-
-[413] Im Pâli +hanza+, also derselbe Stamm, wie im Griechischen,
-Lateinischen, Deutschen und den daraus abgeleiteten Sprachen. Die
-Buddhisten nahmen an, dass die Wanderzüge der Gänse nach dem heiligen
-See von Manasa (in ihrem mythischen Himalaya) sich erstrecken.
-
-[414] Nach Fergusson wäre es der rechte Backenknochen (yaw bone).
-
-[415] Hauptquellen für diese Alterthümer sind neben Burrows und den
-kurzen Mittheilungen, die Herr Bell bisher gemacht hat, noch immer
-+Tennent+ und J. +Fergusson+, Verfasser von Indian Architecture.
-Fergusson war nie auf Ceylon, er tadelt Tennent, wirft der Regierung
-Gleichgiltigkeit gegen die Alterthümer vor und verspottet unsern
-Landsmann Dr. +Goldschmidt+, der die +Inschriften+ studire: offenbar
-kann er deren Werth nicht würdigen.
-
-[416] Wie der unvollendete Obelisk im Steinbruch bei Assuan in
-Oberägypten.
-
-[417] Vom Führer als Tränke bezeichnet; doch wird man damals, wie
-heute, Elephanten und Ochsen in Teichen getränkt haben.
-
-[418] +Giants Tank.+ Aber auf Ferguson’s Karte heisst so ein Teich nahe
-der Nordwestküste von Ceylon.
-
-[419] Ich sage +vielleicht+, da Herodot in der Beschreibung des
-Moeris-See’s wahrscheinlich sich getäuscht hat, indem er den Fayum zur
-Ueberschwemmungszeit besuchte.
-
-[420] Tennent sah, vor 40 Jahren, einen Knaben, der geradlinig von
-einem der Begleiter des heiligen Bo-Baumes abstammte. Er hatte
-den Titel „Prinz des Löwen und der Sonne“. Gegen diesen Stammbaum
-verschwinden die des europäischen Adels.
-
-[421] Preis des Telegramms in Ceylon: a) dringend, 1 Rup. 60 Cts., b)
-gewöhnlich, 80 Cts., c) aufschiebbar, 40 Cts., für acht Wörter. Jedes
-Zusatzwort noch 20, 10, 5 Cts. Adresse frei. Ich wählte b). -- Es giebt
-1550 engl. Meilen Telegraphen-Draht in Ceylon.
-
-[422] Hindu-Schreiber.
-
-[423] In ganz Ostasien, von Hongkong bis Bombay, sind die Gasthäuser
-schlecht. Es fehlt der Wettbewerb. Auch gehört viel Geld dazu, so
-grosse Häuser, wie die in Colombo, Calcutta, Bombay, zu errichten und
-zu unterhalten.
-
-[424] Die Hauptzeit dauert vom 20. Dezember bis 10. Januar; da kommt
-jeder in Bengal lebende Engländer nach Calcutta; da sind die Bälle und
-Empfänge des Vice-Königs und der Vornehmen.
-
-[425]
-
- +Silbermünzen+: 1 Rupie (= 16 Annas), eigentlich 2 sh, wirklich
- 1 sh 2½ d, etwa 130 Pfennige.
-
- ½ Rupie = 8 Annas (65 Pfennige).
-
- ¼ Rupie = 4 Annas (32½ Pfennige).
-
- ⅛ Rupie = 2 Annas (16 Pfennige, ein bequemes
- +Trinkgeld+).
-
- +Kupfermünzen+: ½ Anna = 4 Pfennige.
-
- ¼ Anna = 1 paisá, englisch pice, 2 Pfennige, ein
- +Almosen+.
-
-1 Anna = 4 pices = 12 pies. (Für die Armuth des Landes spricht der
-Umstand, dass in manchen einheimischen Märkten die Anna in 912 Theile
--- Kauri -- getheilt wird!)
-
-[426] Wörtlich Schnee-Palast; vom Sanskritischen +hima+ = Frost
-oder Schnee und álaya = Wohnung. Der erstgenannte Stamm ist auch im
-Griechischen und Lateinischen vorhanden. (χεῖμα, hiems = Winter.)
-
-[427] In engerem Sinne bedeutet Dekkan das Hochland zwischen den beiden
-Flüssen, Narbada, der ungefähr unter 21° nördl. Br. in das arabische
-Meer (den Golf von Cambay) fliesst, und Krishna oder Kistna, der
-ungefähr unter 16° nördl. Br. in das Meer von Bengalen sich ergiesst.
-
-[428] Treppengebirge, von ghát = Landungstreppe.
-
-[429] Burma mit 7½ Mill. Einwohnern gehört jetzt mit zum Kaiserreich
-Indien.
-
-[430] 1 Acre = 40,5 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter.
-
-[431] Die Eintheilung ist üblich, aber nicht folgerichtig. Die
-Mohammedaner sind nicht ein besonderer Stamm.
-
-[432] Vom portugiesischen +casta+, Geschlecht; Uebersetzung des
-indischen +dschâti+, Stand.
-
-[433] d. i. Vihara = Kloster.
-
-[434] Ueber 50 Procent Hindu, 39 Procent Mohammedaner, ferner Christen,
-Juden, Parsi u. s. w. 1881 waren unter 684000 Einwohnern 428000 Hindu,
-221000 Mohammedaner, 30000 Christen und, nach der Nationalität, 7000
-Europäer.
-
-[435] Der jetzige Tempel mit seiner Treppe (ghat) heisst Kali-ghat
-und liegt einige englische Meilen südlich von der Stadt am Ufer von
-Tolly’s Nulla (Nalla). Er ist vor etwa 300 Jahren von einer reichen
-Hindu-Familie erbaut und mit einer Landschenkung ausgerüstet und wird
-von wohlhabenden Priestern, den Nachkommen der Gründer, verwaltet.
-Es ist der einzige Ort in Calcutta für den öffentlichen Gottesdienst
-der Hindu; wiewohl in jedem Haus ein Altar für den Familien-Gott sich
-vorfindet. Kali, „die schwarze“, ist eine grausame Göttin, die Pest und
-Hungersnoth sendet und nur durch Blutopfer besänftigt wird. Gewöhnlich
-werden Ziegen geopfert: aber, wie in alten Tagen, so wurden auch noch
-1866, während der schrecklichen Hungersnoth, Menschenköpfe, mit Blumen
-bedeckt, vor ihrem Altar gefunden. Und sogar noch 1893 ist ihr in
-der Nähe von Calcutta ein Menschenopfer dargebracht worden. -- Die
-Schreibweise Kalkutta mag richtiger sein.
-
-[436] Das Gebäude ist nicht mehr vorhanden; der Eingang lag in einer
-Gasse hinter dem jetzigen Postgebäude; 1884 wurde der Ort mit einem
-schönen Steinpflaster versehen.
-
-[437] Ich verschmähte denselben und fand weit besser meinen weichen,
-hellgrauen, breitkrämpigen Filzhut, den ich schon in Oberägypten
-erprobt hatte.
-
-[438] +Babu+ heisst Herr auf hindostanisch und bedeutet einen Inder,
-der englisch lesen und schreiben kann. Die Babu sind das halbgebildete,
-neuerungssüchtige, unzufriedene Element in Indien. Europäer in Indien
-werden mit dem arabischen Wort für Herr, +Sahib+, angeredet.
-
-[439] Am ersten Tag in Calcutta entnahm ich Geld auf meinen Creditbrief
-in der Chartered bank of India, Australia, China. Ich erhielt
-74 Zehnrupienscheine der Regierung und 54 Silberrupien in einem
-Beutelchen. (50 £ = 794 R.) +Mit 58 £ bin ich in 33 Tagen sehr bequem
-durch Indien gekommen.+ Es ist eine unsinnige Behauptung, dass man
-täglich 5 £ braucht.
-
-[440] Sprich Tanjor.
-
-[441] Jute, Calcutta-Hanf, die Bastfaser von Corchorus, 1,5 bis 2,5
-Meter lang, besonders seit dem Krimkriege, während dessen der russische
-Flachs und Hanf nicht nach England kamen, eingeführt. (Der Name Jute
-stammt aus Orissa.) 1890/91 wurden aus Indien ausgeführt an Jute 12
-Millionen Centner (Rx 7½ Millionen), an Jutesäcken für Rx 2½ Millionen.
-
-[442] Rx = 10 Rupien, ein durch den schwankenden Silberpreis neuerdings
-eingeführtes Zeichen, während früher Rx = £ gewesen.
-
-[443] Auch Steinöl ist vorhanden, in Punjab, in Assam, aber weder
-lohnend, noch ausreichend, so dass Indien angewiesen ist auf Einfuhren
-aus Amerika und aus Russland, die hier mittwegs sich begegnen.
-
-[444] Rx 8 Millionen, also fast ¼ der ganzen Steuern. (35½ Millionen.)
-Folglich zahlt die ärmste Familie von vier Personen der Regierung an
-Salz-Steuer jährlich 2⅓ Shilling oder den Lohn einer Woche und mehr.
-
-[445] Adamas, griechisch, der unzerbrechliche.
-
-[446] Vergleiche meine Arbeit: Ueber die Ergebnisse der Magnetoperation
-in der Augenheilkunde, in A. v. Graefe’s Archiv, Band XXXV, 1890.
-
-[447] Im Norden der Centralprovinz.
-
-[448] +Fergusson+ verficht mit Eifer die Ansicht, dass „allenthalben
-unterhalb des Buddha-Glaubens eine Lage von Schlangen- und Baumdienst
-gefunden wird“, dass hauptsächlich nur die alten Ureinwohner, die
-Schlangen und Bäume verehrten, den Buddha-Glauben angenommen haben.
-
-[449] Der +sachverständige+ Prinz Waldemar von Preussen beschreibt es
-folgendermaassen: „Es bildet ein achtseitiges Vauban’sches Polygon,
-dessen fünf Landseiten bastionirt, dagegen die drei dem Hugli
-zugekehrten +tenaillirt+ sind, d. h. abwechselnd ein- und ausspringende
-Winkel bilden.“
-
-[450] Für 1 R.
-
-[451] Die Wasserleitung Calcutta’s schöpft aus dem Ganges.
-
-[452] Die der Wirth für 2 Annas d. h. etwa 16 Pfennige liefert, mein
-Landsmann aber auf den Werth von 1 Annas abschätzt.
-
-[453] Für 2-4 R.
-
-[454] 1891 wurden im Mayo-Krankenhaus 176 Fälle von Cholera
-aufgenommen, von denen 105 tödlich endigten.
-
-[455] Schon die alten Griechen waren im Zwiespalt, die Einen leiten
-das Wort von χολή (chole) „die Galle“, die Anderen von χολάς (cholas)
-„Dünndarm“ ab. Bei den späteren Griechen bedeutet dasselbe Wort eine
-Dachrinne.
-
-[456] Vgl. Reports on the epidemic cholera, Bombay 1819.
-
-[457] Unter dem Namen Bisúchika, während in einer Sanskrit-Handschrift
-aus dem 17. Jahrhundert der Name Haidsa auftritt.
-
-[458] In Berlin sind in den 15 Epidemien von 1831 bis 1873 im Ganzen
-18916 Menschen an Cholera verstorben.
-
-[459] Den Koffer liess ich im Gasthaus. Calcutta-Darjeeling, 378
-englische Meilen in 24 Stunden, also durchschnittlich nur 25 Kilometer
-in der Stunde. Fahrpreis erster Classe 50 Rupien, wovon 20 auf die
-letzten 50 Meilen (privater Gebirgsbahn) entfallen. Die erste Classe
-kostet in Indien höchstens 1 anna 6 pies für die Meile (oder etwa 8
-Pfennige für den Kilometer), ungefähr wie bei uns, die zweite die
-Hälfte, die dritte den sechsten Theil. Hin- und Rückfahrtskarte kostet
-1⅓ der Hinfahrt, ungefähr wie bei uns. Madras-Zeit gilt auf allen
-Bahnen. Auf grösseren Halteplätzen zeigt eine Uhr die Madras- oder
-Eisenbahnzeit, eine zweite die Ortszeit, und zwar recht deutlich.
-
-[460] Der Ganges ist 2500 Kilometer lang und hat ein Gebiet von 1
-Million Quadratkilometer. Zu Rajmahal in Bengalen, noch 640 Kilometer
-von der Mündung, ist er 1500 Meter breit, und entsendet während der
-Hochfluth 1800000 Cubikfuss in der Secunde, sonst 207000. Die Dauer
-der Hochfluth beträgt 40 Tage. (Die grösste Entladung des Mississippi
-beträgt 1200000 Cubikfuss.) Der Innenhandel von und nach Calcutta auf
-dem Ganges und seinen Nebenflüssen und Canälen beträgt jährlich 400
-Millionen Rupien, davon 153 auf einheimischen Böten. 1876 wurden deren
-zu Hugli 124000 registrirt.
-
-[461] Nicht weniger als fünf verschiedene Spurweiten sind auf indischen
-Eisenbahnen zu finden, was vom Standpunkt der Landesvertheidigung
-seltsam erscheint. Die grösste ist auf der Strecke Calcutta-Delhi,
-nämlich 66 Zoll, 9½ Zoll mehr, als bei uns. (Die kleinen Spurweiten
-sind billiger, aber weniger haltbar.)
-
-[462] Auch Nepal oder Nipal geschrieben.
-
-[463] Ponny und Führer 6 Rupien.
-
-[464] In Deutschland 43156 Kilometer (dazu 2487 Kilometer
-Industrie-Bahnen); in England 32304 Kilometer.
-
-[465] 1881 musste Professor Reulaux im Fährboot über den Ganges setzen.
-
-[466] Natürlich besser, als +Rasthäuser+ (Dak Bungalow): auf letztere
-war ich nur zwei Mal angewiesen, in Ahmedabad und bei Ellora, in
-einheimischen Schutzstaaten, wo überhaupt noch keine Gasthäuser für
-Europäer errichtet sind.
-
-[467] Nelumbium speciosum, indische Teichrose, Nil-lilie, die heilige
-Padena-Pflanze der Inder.
-
-[468] 2 Rupien für den Tag.
-
-[469] 6 „ „ „ „.
-
-[470] Für 2 bis 3 Rupien.
-
-[471] Die Vorschrift der Religion ist gewiss sehr förderlich für die
-Gesundheit.
-
-[472] Sikra oder Vimanah, mit zahlreichen Nebenthürmchen. (Es soll die
-aufsteigende Flamme bedeuten.)
-
-[473] Rama ist einer der „Niederstiege“ (Avatáras, Incarnationen) des
-Wischnu.
-
-[474] Soll in Europa die Leichenverbrennung, welche ja altgermanische
-Sitte gewesen, wieder Fortschritte machen, so werden wir von den
-Asiaten Einfachheit lernen müssen. In Japan kostet die Verbrennung
-erster Classe 7 Yen, zweiter Classe 2½ Yen, dritter Classe 1½ Yen. (1
-Yen = 3 Mark.) In Indien sind die Preise noch niedriger, -- wenigstens
-für die +Armen+.
-
-[475] Das = zehn; ashva (equus) = Ross. Ross-Opfer kommen in den alten
-Gesängen der Veden vor, wie bei den alten Germanen.
-
-[476] Auch Sutti, Suttee geschrieben.
-
-[477] Tij Muhamed Sháhi, Tafeln des Kaiser Muhamed.
-
-[478] Grade sowie bei denen unseres Dr. Hevelius in Danzig, um die
-Mitte des 17. Jahrhunderts, welcher die neu erfundenen Fernröhre
-verabscheute.
-
-[479] Mani = Juwel, Karna = Ohr. Devi (Mahadeo) soll seinen Ohrring
-hinein geworfen haben. Daher die Heiligkeit.
-
-[480] Tarak = der hinüber trägt.
-
-[481] Fünf-Fluss-Treppe.
-
-[482] Unten 2,5 Meter, oben 2,2 Meter dick. Wegen des mächtigen
-Unterbaues ist das Ganze vom Fluss bis zur Spitze der Minarete 300 Fuss
-hoch.
-
-[483] Vissva, das All; Issvara, der Herr: also +Herr der Welt+.
-Mahadeva (Magnus divus) ist eigentlich dasselbe.
-
-[484] Von Anna = Nahrung, purna = anfüllend.
-
-[485] An Grösse gleich Holland und Belgien, übertrifft es diese dicht
-bevölkerten Länder noch um zwei Millionen. Es hat 180 Einwohner auf den
-Quadratkilometer.
-
-[486] Nach Calcutta, Bombay, Madras, Haiderabad.
-
-[487] Eigentlich +Sipahi+, ein eingeborener Soldat, von +sipáh+, Armee.
-(Persisch.) Bei den Türken hiessen +Spahi+ die Reiter; so heissen auch
-noch jetzt die vier Reiterregimenter, welche die Franzosen in Algier
-und Tunis aus den Eingeborenen gebildet.
-
-[488] Der Antheil am indischen Handel, welchen der König von Preussen
-im vorigen Jahrhundert für sein Volk vergeblich erstrebt, ist in
-unserem Jahrhundert von der Thatkraft der deutschen Kaufleute errungen
-worden. In den letzten fünf Jahren ist der deutsche Handel mit Calcutta
-auf das Dreifache gewachsen, der englische Handel dagegen von 65
-Procent des Ganzen auf 57 gesunken.
-
-[489] Dies spricht beredt für die Kraft und Sicherheit der Regierung.
-Sollte aber einmal ein feindliches Heer rasch durch Punjab vorrücken,
-so kann ganz Simla leicht von dem übrigen Indien abgeschnitten werden.
-
-[490] Die vaterlandsliebenden Inder haben bisher ganz vergeblich
-in ihrem +National-Congress+ freie Wahlen zu einer indischen
-Volksvertretung gefordert. In diesem Jahre, zu Lahore, wollen sie
-erklären, dass durch die erdrückende Besteuerung und den Geldabfluss
-nach England Indien verbluten müsse. -- Pressfreiheit besteht in Indien
-seit 1835, durch Macaulay, aber vollständiger erst seit 1867.
-
-[491] Rx = 10 Rupien, also 275 Millionen Rupien; beim jetzigen Curs an
-400 Millionen Mark.
-
-[492] Lucri bonus odor. Die Regierung verkauft unter Monopol den
-schlimmsten Schnaps, ferner Majoon (= Haschisch, vom indischen
-Hanf, zum Essen,) und Churra (aus derselben Pflanze, zum Rauchen,)
-ferner Opium an die Einheimischen. Die genauere Schilderung hat das
-Parlaments-Mitglied Caine (Picturesque India, S. 292) geliefert.
-
-[493] Ausfuhr nach China 1878/79 91000 Kisten, für Rx 13 Millionen;
-1890/91 85000 Kisten (119000 Centner) für Rx 9¼ Millionen. 140 Pfund
-Opium bringen in Canton 300 bis 600 Dollar.
-
-[494] Der Vicekönig erhält 500000 + 240000 Mark jährlich, die Beamten
-des covenanted civil service von 12000 bis 72000 Mark. (1880.)
-
-[495] Lakh = 100000.
-
-[496] So nennt man die Prachtgebäude zur Feier des Moharram (=
-Allerheiligsten), des Neumonds vom ersten mohammedanischen Monat, der
-gleichfalls Moharram genannt wird. Das Fest ist zu Ehren der Märtyrer
-Hosein und Hussein, der Söhne von Ali, dem Vetter, und von Fatimah, der
-Tochter von Mohammed; und wird nur von den +Shiahs+ gefeiert, nicht
-von den +Sunnies+. Zu den Shiah gehören die Perser, ein Theil der
-Einwohner von Oudh und andre Mohammedaner Nordindien’s; zu den Sunnies,
-welche neben dem Qoran auch die Ueberlieferung Mohammeds (Sunna) gelten
-lassen, die Araber, Türken, Afghanen u. A. 90 Procent der Moslem in
-Indien sollen Sunniten sein; zu ihnen gehörten auch die Grossmogul.
-
-[497] Die Tabakspfeife, Hukha, des Volkes ist eine Art von Thontrichter
-mit flachem Teller. Nicht selten wird sie in den von den beiden
-Händen gebildeten Hohlraum gesteckt, und aus dem Spalt zwischen den
-beiden Händen der Rauch gesogen. So können mehrere an derselben
-Pfeife rauchen, ohne Kastenvorurtheile (oder die Gesetze der
-Gesundheitspflege) zu beleidigen. Der fleissige Handwerker steckt diese
-Pfeife in ein Wassergefäss, aus dem ein langes Rohr herausragt: so hat
-er eine Wasser-Pfeife (Nargileh).
-
-[498] Lang fortgesetzte Dürre, da 1876 +beide Monsun-Regen ausblieben+
-und 1877 nur +wenig+ Regen erfolgte, bewirkte 1877/78 eine so gewaltige
-Hungersnoth im Dekkan und auch zum Theil in Nord-Indien, dass trotz
-aller Anstrengung der Regierung und trotz einer Aufwendung von 11
-Millionen £ gegen 5¼ Millionen Menschen durch Nahrungsmangel und die
-davon herrührenden Krankheiten zu Grunde gingen. Das war die grösste
-Hungersnoth in Indien seit 1770.
-
-[499] Rx = 10 Rupien, also beträgt obige Summe weit über 100 Millionen
-Mark.
-
-[500] Wagen und Führer für den Vormittag 5 Rupien.
-
-[501] Die ringsum laufende Inschrift lautet: Sacred to the perpetual
-Memory of a great company of Christian people, chiefly Women and
-Children, who near this spot were cruelly murdered by the followers of
-the rebel Nana Dhundu Pant, of Bilhur, and cast, the dying with the
-dead, into the well below, on the XV^{th} day of July, MDCCCLVII.
-
-[502] Darbár (Durbar), persisch, eine königliche Hof- oder
-Empfangs-Sitzung.
-
-[503] 1 Rupie 8 Annas; dazu 8 Annas für ½ Fl. Bier.
-
-[504] Der Islam hat dort die verschiedenen Völkerschaften, Iranier
-(Arier), Turanier, Semiten zu einer Nation vereinigt. Die eigentlichen
-Afghanen behaupten aus Syrien eingewandert zu sein. Diejenigen Leute,
-die in Indien als Afghanen bezeichnet werden, sehen echt semitisch
-aus. Von 664 bis 683 n. Chr. hatten die Araber Afghanistan erobert.
-812 erfolgte die Auflehnung der einheimischen Statthalter gegen den
-Chalifen. Die Dynastie der Ghasnawiden bestand von 961 bis 1140.
-
-[505] Die Afghanen- und Türken-Könige von Delhi (1193-1526) vor den
-Mogul werden gelegentlich +Pathán+ genannt, und mit diesem Namen auch
-ihre Bauwerke bezeichnet. Pathan ist der einheimische Name für die
-Bevölkerung der nach Indien sich abdachenden Thäler von Afghanistan.
-
-[506] Babar heisst Löwe, ebenso wie Singh, Haidar, Sher.
-
-[507] So genannt nach ihrem mongolischen (in Wirklichkeit tatarischen)
-Ursprung. Sie selber nannten sich Schah, die Hofsprache war persisch.
-Wir müssen uns die Grossmogul als Verwandte der Osmanen, nicht etwa der
-Chinesen vorstellen.
-
-[508] Die Kaufkraft des Silbers, in Getreide ausgedrückt, war zu
-Akbar’s Zeiten zwei bis drei Mal so gross, wie heute.
-
-[509] 1709 betrug der Staatsaufwand in England 7 Millionen £, eine
-damals für ungeheuer gehaltene Summe, 1884/85 waren die Staatseinnahmen
-88 Millionen £.
-
-[510] Auch Jahangir geschrieben. Jehangir fand ich, als Vornamen, auf
-der Besuchskarte eines Parsi, der in London Heilkunde studirt.
-
-[511] Auch +Nur-Mahal+, Licht des Palastes, genannt; uns wenigstens vom
--- Ballet bekannt.
-
-[512] Kron-Palast, persisch.
-
-[513] Aurangzib, Aurangzeyb, d. h. Zierde des Throns.
-
-[514] 841 englische Meilen auf der Eisenbahn von Calcutta entfernt.
-
-[515] Im Punjab, jetzt noch 4 Millionen, scythischen, d. h. turanischen
-Ursprungs, angeblich die Getae der Alten.
-
-[516] Sprich Tadsch. Man liest wohl auch, dass Taj Mahal eine Abkürzung
-sei von Mumtaz Mahal.
-
-[517] Sein prachtvolles Grabmal ist erhalten und wird alsbald
-beschrieben werden.
-
-[518] 1 Lakh = 100000 Rupien.
-
-[519] Mit der Rose in der Hand ist er abgebildet; die Photographien von
-ihm und seiner Gattin, die von den zu ihren Lebzeiten angefertigten
-Bildern genommen sind, werden in Agra verkauft. Beide sind schön, +er+
-würdevoll, +sie+ lieblich. (Graf Lanckoronski sah in der Privatsammlung
-des Colonel Hanna zu Delhi Bilder von Mogul-Kaisern, so fein
-gezeichnet, wie von Albrecht Dürer.)
-
-[520] Der Vergleich ist oft genug gemacht worden, aber gegenstandslos.
-Jedes ist in seiner Art vollendet, das griechische insofern höherer
-Art, als es durch seine +Bildwerke+ dem geistreichsten Gebiet
-menschlicher Kunst angehört. +Fergusson+, in seiner grillenhaften
-Lehre vom Schönen, giebt dem Parthenon 24 Nummern, der Taj 20. „Ihre
-Schönheit mag nicht von der höchsten Art sein, aber in ihrer Art ist
-sie unübertroffen.“
-
-[521] Der Besuch des Prinzen von Wales in Indien war sehr nützlich.
-Vieles wurde ausgebessert und vor weiterem Zerfall geschützt; so auch
-die Marmorplatten, welche die aus Ziegeln gebaute Kuppel der Taj decken
-und zum Theil durch Verdickung der rostenden Eisenklammern aus ihrer
-Lage gekommen waren.
-
-[522] Wie weise das ist, sieht man an den +Nachbildungen+ der Taj,
-die zu Agra verfertigt und feilgehalten werden. Dieselben entbehren
-jeder Wirkung. Wer diesen Unterschied staunend erwägt, findet alsbald,
-dass der heutige Künstler erstlich die Verhältnisse nicht richtig
-wiedergegeben, zweitens sein Klein-Werk mit Verzierungen, auch der
-Thürme, überladen hat. Weit besser ist es, naturgetreue Lichtbilder
-mitzubringen, als solche Bildhauerei im Zuckerbäcker-Stil. Auf den
-Photographien ist der Fugenschnitt auch weit zarter als in den üblichen
-Holzschnittbildern der Taj, die alle von +einem+ mittelmässigen Urbild
-abzustammen scheinen.
-
-[523] Reuleaux bestreitet dies, da erstlich die (persischen) Quellen
-über den Bau davon schweigen, und zweitens die florentinische
-Kunstübung ganz und gar von der zu Agra verschieden sei, was offenbar
-richtig ist. Denn bei der Pietra-dura-Mosaik von Florenz wird der harte
-Stein von +hinten+ in die Grundplatte eingefügt, bei dem Agra-Werk als
-dünne Scheibe von vorn. Aber in Schah Jahan’s Palast zu +Delhi+ sind
-zweifellos europäische Arbeiter thätig gewesen.
-
-[524] Um diesen merkwürdigen Satz aufzuklären, habe ich mich an
-verschiedene Gelehrte gewendet. Herr Prof. theol. Herrmann L. +Strack+
-(Berlin) schreibt mir: Im neuen Testament habe ich den Gedanken nicht
-finden können. Herr Dr. Ign. Goldziher (Budapest) schreibt mir: Man
-darf nie sagen, dieser oder jener Satz komme im „+Hadith+“ nicht
-vor. Die Literatur desselben ist so riesig, dass das Material kaum
-übersehbar ist. Was ich sagen kann, ist, dass mir der Satz aus den
-sechs kanonischen Sammlungen nicht erinnerlich ist. Ich bemerke noch,
-dass es in der muhammedanischen Literatur gang und gäbe ist, irgend
-einen weisen Satz an den Namen irgend einer beliebigen geheiligten
-Person anzuhängen. Dies machte ihnen niemals Scrupel, wie ich auch
-in meinen „Muhammedanischen Studien“, Bd. II, S. 156 ff., ausgeführt
-habe. Unter meinen Notizen über Aussprüche, die man in Islam Jesus
-zugeschrieben, finde ich die Inschrift der Tâdschmoschee nicht.
-
-[525] Nach Sikander Lodi (1489 n. Chr.) benannt.
-
-[526] +Akbar-Abad+, d. h. Akbar’s Wohnung, genannt; auch +Lal Kila+
-(hindost.), d. h. rothes Schloss.
-
-[527] Reuleaux sah 1881 hier einen prachtvollen Blumengarten, angeblich
-(?) aus der Zeit von Aurangzeb.
-
-[528] +Am+, arabisch, heisst öffentlich; +Khas+, abgesondert.
-
-[529] Doab, Zweiflussland oder Zwischenflussland, zwischen Ganges und
-Jumna.
-
-[530] Indisch Dilli oder Dihli.
-
-[531] Er wohnte darin mit Hunderten von Dienern und zwei Regimentern,
-und hatte auch einige Landhäuser, während allerdings schon vor dem Thor
-seiner Veste die englischen Schildwachen standen. (Ganz ähnlich, wie
-jetzt der Papst im Vatican.)
-
-[532] Derselbe soll unter der Aufsicht von Austin de Bordeaux
-angefertigt sein und 5 Millionen £ verschlungen haben; scheint aber
-mehr kostbar, als geschmackvoll gewesen zu sein. Nadir Schah hat ihn
-von Delhi 1739 entführt; im königlichen Palast zu Teheran soll er noch
-zu sehen sein.
-
-[533] 200×120 = 24000, getheilt durch 4,5 = 5444.
-
-[534] Polarstern des Rechts.
-
-[535] Die Brüstung oben ist etwas breiter.
-
-[536] Also etwa 3 Millionen Mark.
-
-[537] Jeypore, Jeypoor, Jeypur, Jaipur, Dschaipur -- das sind die
-Schreibweisen, die man findet.
-
-[538] Im Ganzen giebt es in Ostindien 153 Lehnsträger der britischen
-Krone, die meisten dieser Fürstenfamilien sind erst seit dem Zerfall
-der Mogul-Herrschaft emporgekommen. Sie beherrschen ein Drittel
-des Landes und ein Viertel der Bevölkerung von Ostindien. Von den
-Lehnsfürsten sind 124 Hindu, 28 Mohammedaner, 1 (der von Sikkim)
-Buddhist. Ihre Einnahmen betragen 260 Millionen Mark jährlich, 15
-Millionen müssen sie an Tribut entrichten.
-
-[539] Also hat es fast denselben Flächeninhalt, wie das Königreich
-Preussen, aber nur ein Drittel seiner Einwohner. Die Hälfte der
-Rajputana ist Steppe.
-
-[540] Die Rajput besitzen alte, überlieferte Gesänge und religiöse
-Dichtungen, die noch jetzt im Munde des Volkes leben. +Dadu+, ein
-Glaubenseiferer, 1544 n. Chr. zu Ahmedabad geboren, hinterliess heilige
-Dichtkunst in 20000 Versen; von neun seiner Hauptschüler haben zwei je
-120000 Verse geschaffen.
-
-[541] ⅛ Rapjut, ⅝ andre Hindu-Kasten, 1/16 Jain, 3/16 Mohammedaner,
-nach andrer Quelle.
-
-[542] Gross-Fürst, Gross-König.
-
-[543] Sieges-Löwe.
-
-[544] 1891 Einnahmen 6½, Ausgaben 5 Millionen Rupien.
-
-[545] Ausserdem eine „Ritterakademie“ für die Söhne der adligen Rajput,
-eine „höhere Töchter-Schule“ und 30 Volksschulen für Knaben.
-
-[546] Gas wird hier nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem billigen
-Ricinusöl gewonnen.
-
-[547] 1877 waren dieselben recht thätig, um die einheimischen Fürsten
-aufzuwiegeln, jedoch erfolglos. Ob sie 1857 ihre Hände im Spiel gehabt,
-konnte ich nirgends finden.
-
-[548] Deshalb konnte ich nicht nach Gwalior fahren, da der englische
-Beamte, mit dem einheimischen Fürsten zu Felddienstübungen abwesend,
-meinen Brief gar nicht beantwortete.
-
-[549] „A vision of daring and dainty loveliness.“
-
-[550] Die Thiere werden gewöhnlich Alligatoren genannt, doch kommen
-solche nur in Amerika vor; in Indien lebt das Leisten-Krokodil (C.
-biporcatus), das bis 10 Meter lang wird.
-
-[551] Die Entfernung beträgt 9 Kilometer.
-
-[552] Ich hatte gehört, dass Soldat nebst Lenker 2 bis 3 Rupien
-Trinkgeld erwarten. Als ich ihnen 3 gab, waren sie nicht zufrieden.
-
-[553] Die Zerstörung muss rasche Fortschritte machen, nach dem
-Vergleich des jetzigen Zustandes mit etwas älteren Abbildungen.
-
-[554] Nach Böthlink, viel später nach Weber.
-
-[555] Star ist Verdunkelung der Crystall-Linse. (Die Schreibweise Staar
-ist falsch, wie ich nachgewiesen.) Der Greisen-Star wird heutzutage
-(seit 1750 n. Chr.) so beseitigt, dass man durch einen passenden
-+Schnitt+ die getrübte Linse +herauszieht+. Vorher wurde die letztere
-durch eine in’s Augeninnere +gestochene+ Nadel aus dem Sehloch nach
-+unten geschoben+.
-
-[556] Ich habe zwei von ihm operirte Fälle nachträglich gesehen. Es ist
-erstaunlich, wie in Berlin erwachsene Menschen einem hergelaufenen,
-geldgierigen Hinter-Indier sich anvertrauen konnten, während ihnen
-zahlreiche gelehrte, geübte Wundärzte unentgeltlich zur Verfügung
-stehen.
-
-[557] Diseases of the Eye by +Macnamara+, Surgeon to Calcutta Hospital.
-London 1868. S. 479. The native +Huckeems+ and +Kobrages+ allways
-operate for the cure of cataract (by depression) and hardly a week
-passes that I do not see several of their patients suffering from
-either inflammation of the choroïd or from retinochoroïditis.
-
-[558] Zu meiner Beschämung erfahre ich am Abend vom Gastwirth, dass
-der weibliche Träger, welcher meine Sachen auf seinem Haupte nach oben
-befördert, ganze neun Anna, also etwa 72 Pfennige, beansprucht und
-erhalten hatte.
-
-[559] Für diese Leistung von sechs Stunden wurden 6 Rupien gefordert
-und sieben bezahlt. Man kann auch zu Pferde hinauf reiten. (Die
-Beförderung mittelst Elephant oder Palankin scheint jetzt veraltet zu
-sein.)
-
-[560] Das Wort ist arabisch und bedeutet arm, d. h. einen Büsser, der
-das Gelübde der Armuth auf sich genommen. Meist vermied ich unterwegs
-die Begegnung mit solchen Unglücklichen, die an religiösem Wahnsinn
-leiden.
-
-[561] Auch Dilwarra geschrieben.
-
-[562] Auch Perl-See (Nucki Talao) genannt.
-
-[563] Pârçvanâtha, der vorletzte Jina oder Siegreiche.
-
-[564] Die Bildsäulen der Jaina-Heiligen sowie der Hindu-Götter werden
-stets in eine viereckige (quadratische) Zelle gesetzt, der Thurm über
-der Zelle hat eine krummlinige Begrenzung.
-
-[565] Den Jaina schien es wichtig, ihre Heiligen zu ehren durch +eine
-grosse Zahl von Bildsäulen+ und für jede ein eignes Heim zu schaffen.
-Dies ist aber nicht, wie Fergusson meint, auf die Jaina beschränkt.
-Eine ungeheure Zahl von gleichen Bildsäulen fanden wir auch schon in
-dem buddhistischen Kwannon-Tempel zu Kyoto. (Vgl. S. 148.)
-
-[566] Bei dem römischen oder gothischen Dom wäre ein gewaltiger
-Stützbau erforderlich; bei dem indischen fügt das Hängewerk nur sein
-eignes Gewicht dem des Domes hinzu.
-
-[567] Jeni = nackte Weise.
-
-[568] Auch Ahmadabad geschrieben.
-
-[569] Auch Gudscharat geschrieben.
-
-[570] Nur 5½ Procent Muselmänner.
-
-[571] Vgl. S. 407.
-
-[572] 6 Gramm Silber wurden zu Fäden von 2000 Meter Länge ausgezogen.
-
-[573] 1881 waren es 130000, davon 68 Procent Hindu, 22 Procent
-Mohammedaner, der Rest Jaina, ausser 848 Christen und etlichen Parsi.
-
-[574] Die schon im vorigen Jahrhundert von Reisenden recht +wacklig+
-befunden worden.
-
-[575] Auf dem Dach fand ich aber hier und da an wenig auffälligen Orten
-„Hindu-Götterfratzen“ ausgemeisselt.
-
-[576] Es möchte doch sehr lohnend sein, junge Baumeister aus
-Deutschland zum Studium der mohammedanisch-hindostanischen Baukunst und
-Verzierung nach Indien zu senden.
-
-[577] Besonders berühmt ist das +Stück-Werk+: flache oder würfelförmige
-oder achteckige Gold-Stückchen werden auf einen rothen Seiden-Faden
-gezogen. Das ist die älteste Goldarbeit in Indien.
-
-[578] In Indien wird wegen der Kasten-Gesetze viel Töpfer-Arbeit
-verbraucht. Der einheimische Branntweinladen ist leicht zu erkennen
-an den Haufen zerbrochener Töpfchen, da Jeder das seinige zerbricht,
-nachdem er ausgetrunken.
-
-[579] Ganz ähnlich im grossen Saal zu Karnak.
-
-[580] German beer; es ist nach Pilsener Art in Bremen gebraut, auf
-Schiffen des Bremer Lloyd eingeführt und kostet 1 Rupie die Flasche.
-
-[581] Der Name soll aus dem Portugiesischen stammen, bon bahia = schöne
-Bay. Das ist wohl +unrichtig+. Die Inder schreiben es +Mambe+ oder auch
-Bambe von der Göttin Mamba Devi, deren Tempel noch vor 120 Jahren auf
-der jetzigen Esplanade vorhanden war. Der Maratha-Name ist Mambai, von
-Mahima, d. h. „die grosse Mutter“ und ist ein Name derselben Göttin,
-der auch noch in dem der Vorstadt +Mahim+ erhalten ist.
-
-[582] Die Angabe von 110 Quadratkilometer in Sievers’ Asien (Leipzig
-1892, S. 660) u. a. a. O. beruht auf Irrthum.
-
-[583] Auf eine Person kommen 6_{,5} Quadratmeter; im dichtesten Theil
-von London 10_{,5}.
-
-[584] Die Regierung liefert ihm nicht Chinin, sondern das billigere
-Cinchonin.
-
-[585] Durch Gründerschwindel, da wegen des nordamerikanischen
-Bürgerkrieges die ostindische Baumwolle so begehrt war.
-
-[586] In 28000 Häusern. 502000 waren Hindu, 158000 Mohammedaner, 48600
-Parsen, 30000 eingeborene Christen, 17000 Jain und Buddhisten, 10500
-Europäer, 1168 Eurasier.
-
-[587] Natürlich mit eignem Bad, für 8 Rupien täglich, einschliesslich
-der Verpflegung, aber ohne Bier und Wein.
-
-[588] Kleinhändler treiben sich auf dem Flur herum und bieten dem
-Fremden für den Sovereign 2 Anna mehr, als der Wechsler giebt, machen
-aber keine sonderlichen Geschäfte.
-
-[589] In den „Waarenhäusern für Officiere“ (Army and Navy
-Cooperative-Stores for India, A. & N. Stores) werden die indischen
-Cigarren zu 3½ Rupien das Hundert verkauft, d. i. 5 Pfennige für das
-Stück. Sie sind mittelmässig. Man bekommt auch theurere, aber nicht
-bessere.
-
-[590] „Geben Sie doch Elsass-Lothringen an die Franzosen,“ sagte am
-ersten Abend in Bombay mein zufälliger Tischnachbar, ein Brite, nachdem
-er meine Herkunft erkundigt. „Geben Sie,“ erwiderte ich, „Gibraltar,
-Malta, Cypern, Aegypten an ihre Eigenthümer, und keinen Rath an
-diejenigen, die ihn nicht wollen.“
-
-[591] Vom Parsi-Theater werde ich noch sprechen.
-
-[592] Weiter nördlich mit ihr sich kreuzt.
-
-[593] Wir finden den Namen „+Baargeld+“ nicht so anmuthig, als er den
-Morgenländern erscheinen mag. Aber schon den alten Persern galt, nächst
-dem Lügen, das +Schuldenmachen+ für die grösste Schande. (Herodot I,
-138.)
-
-[594] Parsi, Juden, Mohammedaner sind es, welche hier Gebäude errichtet
-und Stiftungen zum Allgemeinwohl gemacht; aber kein einziger von den in
-Indien reich gewordenen Briten.
-
-[595] Wem mein Urtheil zu strenge vorkommt, namentlich im Vergleich
-mit den üblichen Lobeserhebungen der Reisebücher, der vergleiche
-+Fergusson+ (S. 5): It is only in India that the two systems can now be
-seen practised side by side, -- the educated and intellectual European
-always failing because his principles are wrong, the feeble and
-uneducated native as inevitably succeeding because his principles are
-right. The Indian builders think only of what they are doing and how
-they can best produce the effect they desire. In the European system it
-is considered more essential that a building should be a correct +copy+
-of something else than good in itself -- -- --
-
-[596] An der Ecke zwischen Esplanade Market road und Cruikshank road.
-
-[597] Victoria Terminus, Great Indian Peninsular Railway.
-
-[598] Ein wohlhabender Jude, der Wohlthäter seiner armen
-Glaubensgenossen aus Bagdad, der Gründer grossartiger Fabriken (von
-Baumwollen- und Seiden-Stoffen) und Docks, der Stifter zahlreicher
-öffentlicher Anstalten, wie der Gewerbe-Schule und des Albert-Museum.
-
-[599] Wo die Seeleute, Dank der Wohlthätigkeit indischer Fürsten,
-namentlich des von Baroda, billige und angenehme Wohnung finden.
-
-[600] Elphinstone reclamation, Mody Bay reclamation.
-
-[601] New-Orleans hat 1885/86 über 6 Millionen Centner ausgeführt.
-
-[602] Gesammtwerth dieser 6 Millionen Centner 240 Millionen Mark. --
-Die Baumwollen-Ernte der Erde betrug 1884 an 1600 Millionen Kilogramm
-= 32 Millionen Centner. Von den 1882/83 im Welthandel nachweisbaren
-42 Millionen Centner stammten 32 aus den Vereinigten Staaten, 7 aus
-Ostindien, 2½ aus Aegypten. Für 1890 beziffert sich die +gesammte+
-Baumwollengewinnung auf 2800 Millionen Kilogramm, davon entfallen auf
-Ostindien 552.
-
-[603] Ein Deutscher, der grade nach Bombay kam, wurde von einem
-Engländer gefragt, ob er die Reise wegen Lord Hawkin’s Kampfspiel
-unternommen. Der Deutsche erwiederte: „Dann müsste ich verrückt sein.“
-Der Engländer fragte: „Wie so?“
-
-[604] Dieser Theil von Hornby road wird auch auf einzelnen Karten als
-Esplanade Market road bezeichnet.
-
-[605] Noch vor zehn Jahren war dieser +Zwischenraum+ zwischen der
-englischen und der einheimischen Stadt +fast unbebaut+.
-
-[606] An ihrer Kreuzung mit Parell road.
-
-[607] +Zendavesta+, Vendidad V, 67 und 68. (Es spricht Ahura-mazda.)
-„Das ist die Reinigkeit, o Zarathustra, das Gesetz: Wer sich selbst
-rein hält durch gute Gedanken, Worte, Handlungen.“ Z., Jaçna, XII, 2:
-„Ich ergreife alle guten Gedanken, Worte und Werke.“ Und an sehr vielen
-anderen Stellen.
-
-[608] Cap. 44, 45.
-
-[609] I, 131.
-
-[610] Geboren 1827 in Würtemberg, 1859 Professor im Poona College bei
-Bombay. 1868 Professor in München, † 1876.
-
-[611] Der eigentliche Namen in den Pehlwi- (Pahlavi-) Büchern der Parsi
-lautet Avistak va zand, d. h. Lehre und Erklärung. +Avistak+ (von
-vista, das gewusste, offenbarte, vid = wissen, das an Veda erinnert,)
-bedeutet die +Lehre+ des Zoroaster und seiner Nachfolger; +Zand+ die
-Erklärung dieser alten, dunklen Lehre, erst in der alten Sprache,
-später und hauptsächlich aber in Pahlavi. Das Wort +Zand+ gehört zur
-Wurzel zan (Sanskrit jnâ, griechisch γνω) und bedeutet eigentlich
-+Wissenschaft+. In der Bibel der Parsi folgt immer auf einen Vers
-der eigentlichen altiranischen Avesta eine wörtliche Uebersetzung im
-mitteliranischen Pahlavi, mitunter mit erläuternden Erklärungen.
-
-[612] Es ist wahrscheinlich, dass die alten Gesänge erst von Mund
-zu Mund, wie die Veden, fortgepflanzt und dann, in Keilschrift, auf
-Kuhhäute verzeichnet worden waren. -- +Pahlavi+ scheint = +parthisch+
-zu sein und „alt“ zu bedeuten.
-
-[613] Beim Gottesdienst entzünden sie ein Feuer auf heiligem Becken.
-
-[614] Nach seinem Tode wurde von E. W. +West+ die zweite Auflage
-besorgt: Essays on the sacred language, writings and religion of the
-Parsis. London 1878.
-
-[615] Von +gai+, singen; derselbe Name kommt auch in der
-Sanskrit-Literatur vor.
-
-[616] Ahura = lebendig, wie ayur = Leben im Sanskrit; mad = gesammt;
-dhao = Schöpfer.
-
-[617] Unser Wort +Paradies+ stammt aus dem Iranischen +pairi-deza+,
-Um-Wallung, Garten (wie περί-βολος). Das Wort gelangte in’s Hebräische
-(pardes) und ins Griechische (παράδεισος).
-
-[618] So heisst heute Zarathustra.
-
-[619] 1819 zu Meerut +in Indien geboren+, hat er zu Glasgow und Giessen
-Chemie studirt, wurde Professor der Chemie in Edinburgh, Oberaufseher
-der Museen und Gewerbe-Schulen, Generalpostmeister, Sprecher des
-Unterhauses und hat ausser vielen andren Werken eines über die
-Grundsätze der Chemie verfasst.
-
-[620] Procès verbal de la séance de la douzième assemblée générale de
-la Société pour la propagation de la +crémation+.
-
-[621] unter den Parsi sind, wie unter den Chinesen und Japanern und
-allen Völkern alter Cultur, viele kurzsichtige Brillenträger; unter
-den Hindu weniger, da bei ihnen die Gesammtzahl der Gebildeten stets
-geringer geblieben.
-
-[622] Ausserdem auch Tho. Cook.
-
-[623] Acht von ihnen sind jetzt zerbrochen.
-
-[624] Derselbe macht etwa 35 Kilometer in der Stunde.
-
-[625] Der zweispännige Postwagen kostet für die dreitägige Fahrt hin
-und zurück nur 42 Rupien.
-
-[626] 1 + 2 = 20 + 2 Millionen Mark, 3 und 4 unschätzbar.
-
-[627] Das einzige, was man sieht, sind Tropflöcher unmittelbar am
-Eingang der Felsentempel und beginnende Verwitterung einzelner
-Bildsäulen. Hier und da ist von roher Hand absichtlich Verstümmelung
-verübt worden. -- In Elephanta haben die Portugiesen schlimmer gehaust.
-
-[628] Aus +frei stehenden Felsblöcken+ haben die dravidischen Hindu
-einsteinige Tempel ausgehauen, z. B. zu Mahavellipur bei Madras.
-
-[629] Auf jedem Pfeiler steht ein Blumenkorb, aus dem die von frei
-ausgemeisselten Blumenwindungen umgebene Säule zur Decke emporsteigt.
-
-[630] Da der Abfall des Hügelrückens nicht sehr steil ist, war meist
-ein Vorhof nothwendig.
-
-[631] Die +meisten+ dieser Höhlen haben eine +flache+ Decke.
-
-[632] Der Schmuck der Säulen mit Figuren und Palmenblättern ist
-wunderbar.
-
-[633] Bildsäulen von Buddha und ihre Verehrung sind, nach den
-Denkmälern, nicht bekannt vor dem 1. Jahrhundert n. Chr. (+Caïne+ setzt
-jenen Bau in das Jahr 1306 n. Chr.?)
-
-[634] D. h. der Auswurf. Ob die Buddhisten von den Schiwa-Verehrern so
-genannt wurden?
-
-[635] Auch eine +klingende Säule+ wird dem Reisenden gezeigt. Das
-Klingen hängt ab von der Spannung.
-
-[636] Dabei ist die Rupie dieses Staates von Haiderabad minderwerthig;
-die Kupferscheidemünze sieht aus wie ein gestempelter Bonbon.
-
-[637] An diesem Tag vergass ich, die Zahl aufzuschreiben.
-
-[638] Der in der Mitte der Insel (mit der Erhebung des Djebel
-Schamschan) bis zu 1760 Fuss emporsteigt.
-
-[639] XXVII, 23 und 24. „Haran und Canne und Eden, sammt den Kaufleuten
-aus Seba, Assur und Kilmad sind auch deine (Tyrus’) Kaufleute gewesen.
-Die haben alle mit Dir gehandelt mit köstlichem Gewand, mit seidenen
-und gestickten Tüchern, welche sie in köstlichen Kasten, von Cedern
-gemacht und wohl verwahrt, auf deine Märkte geführet haben.“
-
-[640] εὐδαίμων, glücklich.
-
-[641] +Three hours in Aden+. Bombay, Educational Society Press, 1891.
-
-[642] Die deutschen Quellen setzen meist 600.
-
-[643] Das neueste Conversations-Lexicon von Brockhaus (1893, I, 140)
-sagt irrthümlich: „41960 E., +meist mohammedanische Hindu+.“
-
-[644] Aden ist der Präsidentschaft Bombay unterstellt, doch sind dem
-Befehlshaber seit 1864 grössere Befugnisse eingeräumt.
-
-[645] 1892 Einfuhr (aus ausserindischen Ländern) 26¾, Ausfuhr 30
-Millionen Rupien.
-
-[646] Main-Pass.
-
-[647] Die Rupie reicht bis hierher.
-
-[648] Die Kanal-Gesellschaft stellt dieselbe und die Arbeiter, lässt
-sich aber dafür tüchtig bezahlen.
-
-[649] Eine besondere Süsswasserleitung vom Nil nach Ismailija, in der
-Mitte der Land-Enge, und von da südlich bis Suez musste angelegt,
-Baggermaschinen von vorher ungekannter Mächtigkeit gebaut werden.
-
-[650] Le canal de Suez, par Ferdinand de Lesseps.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE ***
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-
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Um die Erde
- Eine Reisebeschreibung
-
-Author: Julius Hirschberg
-
-Release Date: June 16, 2016 [EBook #52353]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote mtop3 break-before">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen,
-insbesondere bei Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten
-(z.B. ‚Cannon‘ anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘)
-bleiben unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht
-berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen im
-Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text folgt auch
-hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘ wurden zum Teil
-apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent durchgeführt.</p>
-
-<p class="p0">Die aufgeführten Errata im Abschnitt <a href="#Verbesserungen">‚Verbesserungen‘</a>
-wurden nicht in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen
-Korrekturen, bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht
-eindeutig zugeordnet werden.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text
-angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden
-eingefügt bzw. berichtigt.</p>
-
-<p class="p0">Auf <a href="#Seite_372">S. 372</a> wird eine
-Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘ angegeben. Beim
-metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die Größenordnung zu
-‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der genaue Wert eigentlich
-bei 1372 m liegen müsste; es erscheint ohnehin fraglich, ob der erste
-Zahlenwert nicht bereits eine grobe Schätzung darstellt.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Die im Original gesperrt gedruckten Passagen wurden
-in der vorliegenden Bearbeitung in <em class="gesperrt">serifenloser
-Schrift</em> wiedergegeben.</p>
-
-</div>
-
-<h1><b>Um die Erde.</b></h1>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Eine Reisebeschreibung</em></p>
-
-<p class="s5 center">von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>D<span class="smaller">R</span>. J. Hirschberg,</b></p>
-
-<p class="s5 center">a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin.</p>
-
-<hr class="title" />
-
-<p class="s3 center"><b>Leipzig.</b></p>
-
-<p class="s5 center"><em class="gesperrt">Verlag von Georg Thieme</em>.</p>
-
-<p class="s5 center">1894.</p>
-
-<p class="s4 center padtop5 mbot5 break-before">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-<p class="s5 center">Druck von Fischer &amp; Wittig in Leipzig.</p>
-
-<p class="s2 center padtop5 mbot2">Seiner lieben Frau gewidmet.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorrede">Vorrede.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger
-Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden,
-ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze
-herauszugeben.</p>
-
-<p>Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art.
-Dieselben beschreiben die Reisen von <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> aus den
-Jahren 1862 und 1863, die des Freiherrn v. <em class="gesperrt">Hübner</em> aus dem
-Jahre 1871, die von Dr. H. Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die
-des Grafen <em class="gesperrt">Lanckorónski</em> aus dem Jahre 1889, die von Dr.
-<em class="gesperrt">Eugen Böninger</em> aus dem Jahre 1890. Der Thierforscher L. K.
-<em class="gesperrt">Schmarda</em> (1853 bis 1857) und der Volkswirth <em class="gesperrt">Hugo Zöller</em>
-(1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger
-betretenen Pfaden.</p>
-
-<p>Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften
-festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit,
-Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat.</p>
-
-<p>Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde
-ich auf den folgenden Blättern mittheilen: aber <em class="gesperrt">nicht</em>, wie
-gelegentlich ein angehender Schriftsteller versichert, in der
-„ursprünglichen Form“, sondern einigermassen ausgearbeitet und
-abgerundet, wie die im Lauf der Jahre stets wachsende Rücksicht auf
-den Leser es erfordert, und mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet,
-welche zum Verständniss des Geschilderten nothwendig sind.</p>
-
-<p class="tdr mright2"><b>Dr. J. Hirschberg.</b></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><em class="gesperrt">Inhalt</em>.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="kap">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="pgnum">
- <span class="smaller">Seite</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="hkap">
- Einleitung
- </td>
- <td class="pgtop">
- <a href="#Seite_1">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- I.
- </td>
- <td class="kap">
- Das atlantische Weltmeer
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_3">3</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- II.
- </td>
- <td class="kap">
- Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen Continent
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_27">27</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- III.
- </td>
- <td class="kap">
- Der stille Ocean
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_40">40</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- IV.
- </td>
- <td class="kap">
- Japan
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_58">58</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Yokohama
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_69">69</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Tokyo
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_73">73</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Ausflüge von Tokyo. &mdash; Nikko, Miyanoshita, Kamakura
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_95">95</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Eine Theater-Vorstellung in Tokyo
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_108">108</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_115">115</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Deutschland in Japan
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_124">124</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Nach Nagoya
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_138">138</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Nach Kyoto
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_145">145</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Nach Osaka, Kobe, Nagasaki
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_170">170</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Abschied von Japan
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_188">188</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- V.
- </td>
- <td class="kap">
- Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über
- Singapore nach Colombo
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_191">191</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- VI.
- </td>
- <td class="kap">
- Ceylon
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_243">243</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Colombo
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_251">251</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Kandy
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_273">273</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Nuwara Eliya
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_295">295</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Nach Anuradhapura
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_309">309</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- VII.
- </td>
- <td class="kap">
- Ostindien
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_329">329</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Calcutta
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_345">345</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Darjeeling im Himalaya
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_363">363</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Benares
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_371">371</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Lucknow
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_387">387</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Cawnpur
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_400">400</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Agra
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_405">405</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Delhi
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_426">426</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Jaipur
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_439">439</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Berg Abu
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_459">459</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Ahmedabad
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_466">466</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Bombay
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_475">475</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Ellora
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_505">505</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- VIII.
- </td>
- <td class="kap">
- Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal)
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_517">517</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="ukap">
- Entfernungen
- </td>
- <td class="pgnum">
- <a href="#Seite_530">530</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="teil">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="hkap">
- <em class="gesperrt">Verbesserungen</em>
- </td>
- <td class="pgtop">
- <a href="#Seite_531">531</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Den Alten war die Welt eine Scheibe</em> von Ländern um das
-Mittelmeer, wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine
-Kugel sei. Nachdem die Römer ihre <em class="gesperrt">Weltherrschaft</em> begründet
-und Ordnung in den das Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen,
-wurden zur Belehrung und zum Vergnügen <em class="gesperrt">Weltreisen</em> unternommen;
-diese führten von Rom nach Griechenland, Klein-Asien, Aegypten,
-zum Besuch der sieben Schaustücke oder <em class="gesperrt">Weltwunder</em>. Dazu
-gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia, der Tempel der Artemis zu
-Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria, die Pyramiden zu Memphis. Von
-<em class="gesperrt">Naturwundern</em> war noch keine Rede; die Naturempfindung war bei
-den Alten wohl vorhanden, aber nicht so vollkommen entwickelt, wie seit
-Rousseau’s Einfluss im vorigen Jahrhundert und in dem unsrigen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heutzutage</em> führt eine Weltreise <em class="gesperrt">rings um die Erde</em>.
-Die bedeutende Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und
-See-Dampfer hat die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es
-handelt sich für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der
-Natur und dem Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch
-den Süden von Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst
-kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht
-zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der
-Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet;
-so war ich <em class="gesperrt">vorbereitet</em> und konnte einen kurzen und bündigen Plan
-entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den
-Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen,
-verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner
-wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht
-angebracht; mit <em class="gesperrt">Häckel</em> sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder
-nie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Jahreszeit</em> ist mir <em class="gesperrt">vorgeschrieben</em>. Am 1. August
-beginnen die grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die
-<em class="gesperrt">Richtung</em> der Reise ist durch die <em class="gesperrt">Jahreszeit</em> bestimmt.
-Ich muss über Nordamerika nach Japan und nach Indien fahren, um in den
-beiden letztgenannten Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die
-canadische Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika
-und über den stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs,
-geleiten. Ich reise <em class="gesperrt">allein</em>, zu eigner Belehrung.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="I">I.<br />
-<b>Das atlantische Weltmeer.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_a.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof
-Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich
-unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der
-echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche
-Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit
-errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und
-Jünglinge um die Erde zu senden.</p>
-
-<p>Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug
-der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen
-Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der
-Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den
-kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d.
-h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden
-Schnelldampfer <em class="gesperrt">Spree</em> hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und
-flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die
-Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
-
-<p>Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>
-und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die
-Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus
-gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt
-zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125
-zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache
-Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> 1890 auf
-dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle
-Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht
-gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von
-Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt
-werden.<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<p>Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>, die in
-Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den
-Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort
-riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei
-16&ndash;17 Knoten 120 Tonnen Kohlen).</p>
-
-<p>Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der
-Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem
-Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören
-und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir
-nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>
-nicht beobachten.</p>
-
-<p>Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit
-derjenigen auf der Eider<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> (1887, von Bremerhafen nach New-York,)
-vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen
-Nussschalen verglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<p>Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und
-bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter
-Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar auf
-der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose Weltmeer
-gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes, eines
-ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei dieser
-Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen meiner
-Landsleute, welche zur <em class="gesperrt">Stärkung ihrer Gesundheit</em> Seereisen
-unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der
-Schiffsärzte und &mdash; auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer
-und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es
-angeht, vorzuziehen.</p>
-
-<p>Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289
-Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei
-der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer
-Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst
-behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die
-Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen
-ist, zu machen.</p>
-
-<p>Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise
-Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum
-zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald
-eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen
-jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen
-deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse
-Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben.</p>
-
-<p>Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit
-<em class="gesperrt">einzelnen</em> Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit
-einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und
-gebührend zurückgewiesen werden müssen.</p>
-
-<p>Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese
-garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten
-Deutsch-Amerikaner auf <em class="gesperrt">unserem</em> Schiffe waren geneigt, die
-grossen Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten
-20 Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in
-Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren.</p>
-
-<p>Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der
-holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon
-angezündeten Leuchtfeuern versehen ist.</p>
-
-<p>Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine
-vor<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>treffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal
-der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier
-verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um
-7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind
-gleichzeitig Aufwärter<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> der zweiten Cajüte.</p>
-
-<p>So lässt es sich ganz gut leben unter der <em class="gesperrt">Flagge des norddeutschen
-Lloyd</em>, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker
-vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen
-Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes
-zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des
-norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige
-Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach
-Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den
-besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat
-grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in
-Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der
-Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> vom deutschen
-Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und
-mit Australien. Einige <em class="gesperrt">seiner grössten</em> Schiffe, Spree, Havel
-(zu je 13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen
-Werften (Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche
-Lloyd 203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000
-Tonnen Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute
-die grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10
-Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer.
-Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus;
-man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach
-Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden.</p>
-
-<p>Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit
-zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel
-von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Fore<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>land.
-Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen.
-Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger
-Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight.
-Zwischen ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der
-Hauptinsel von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht
-von <em class="gesperrt">Southampton</em> und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8
-Stunden 393<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben.</p>
-
-<p>Die Insel <em class="gesperrt">Wight</em> ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss
-Osborne dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben
-liegt Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen
-und herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der
-Nordküste von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des
-deutschen Kaisers mit der Adlerstandarte.</p>
-
-<p>Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die
-grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von
-Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen,
-aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück
-hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung.</p>
-
-<p>Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt
-Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses.</p>
-
-<p>Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt
-an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser
-Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die
-Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er
-bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass
-die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten
-und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut
-sich zeigten.</p>
-
-<p>Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder
-den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und
-erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die
-berühmten drei Klippen, welche den Namen der <em class="gesperrt">Nadeln</em><a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> führen:
-<em class="gesperrt">von hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet</em>.</p>
-
-<p>Jeden Mittag um 12 Uhr wird der <em class="gesperrt">Logbericht</em><a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> auf einer Tafel,
-am Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erd<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>karte unser
-augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet.</p>
-
-<p>Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige
-schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden
-Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten
-Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton
-nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach
-der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er &mdash;
-neun Dollar gewonnen.</p>
-
-<p>Dies ist die erste Art von <em class="gesperrt">Wetten</em><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>, denen die müssigen
-Reisenden sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem
-Eifrigen zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar
-Einsatz zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und
-neben dem Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das
-gefaltete, mit <em class="gesperrt">einer</em> der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus
-dem als Urne benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf
-dem Logbericht erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf
-einen bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p>Unser Logbericht lautet folgendermassen:</p>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td>
- Donnerstag, 4. August,
- </td>
- <td>
- 49° 56′ N. Breite,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 10° 37′ W. Länge.<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von
-Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362
-Seemeilen<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen.</p>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <span class="padleft4">0 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Freitag, den 5. August,
- </td>
- <td>
- 50° 38′ N. Br.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 22° 23′ W. L.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.)</p>
-
-<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen">
- <tr>
- <td>
- Z. E.
- </td>
- <td>
- 453 S. M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- G. E. b. h.&nbsp;
- </td>
- <td>
- 815 S. M.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <span class="padleft4">1 Tag 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sonnabend, den 6. August,
- </td>
- <td>
- 49° 11′ N. Br.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 33° 38′ W. L.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt
-und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige
-Insel trifft.)</p>
-
-<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen">
- <tr>
- <td>
- Z. E.
- </td>
- <td>
- 444 S. M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- G. E. b. h.&nbsp;
- </td>
- <td>
- 1259 S. M.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <span class="padleft4">2 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sonntag, den 7. August,
- </td>
- <td>
- 47° 5′ N. Br.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 44° 25′ W. L.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, der <em class="gesperrt">ungefähr</em> die Mitte hält
-zwischen den Azoren und Neu-Fundland.)</p>
-
-<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen">
- <tr>
- <td>
- Z. E.
- </td>
- <td>
- 450 S. M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- G. E. b. h.&nbsp;
- </td>
- <td>
- 1709 S. M.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <span class="padleft4">3 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Montag, den 8. August,
- </td>
- <td>
- 44° 13′ N. Br.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 54° 14′ W. L.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel
-Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.)</p>
-
-<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen">
- <tr>
- <td>
- Z. E.
- </td>
- <td>
- 450 S. M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- G. E. b. h.&nbsp;
- </td>
- <td>
- 2159 S. M.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td colspan="2">
- <span class="padleft4">4 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Dienstag, den 9. August,
- </td>
- <td>
- 41° 43′ N. Br.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- 64° 1′ W. L.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel
-Neuschottlands von dem Rest abtrennt.)</p>
-
-<table class="logentfernung" summary="Log, Zurückgelegte Entfernungen">
- <tr>
- <td>
- Z. E.
- </td>
- <td>
- 452 S. M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- G. E. b. h.&nbsp;
- </td>
- <td>
- 2611 S. M.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="logdatum" summary="Datum des Logberichts">
- <tr>
- <td>
- <span class="padleft4">5 Tage 19,<span class="smaller">2</span> Stunden.</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padleft5">Rest 445 S. M.</span>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Am Mittwoch, den 10. August, wurde <em class="gesperrt">Sandyhook</em>, an der Einfahrt in
-den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der
-<em class="gesperrt">Meeresfahrt</em>, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte.
-Auf der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle.</p>
-
-<p>Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch
-<em class="gesperrt">Vergleich</em>. Es ist nicht nöthig auf <em class="gesperrt">Columbus</em>
-zurückzugreifen, welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die
-Ausbesserung des beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um
-auf einem 19 Meter langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei
-günstigem Winde zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen
-Winden, um heimzukehren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p>Die Zeit der <em class="gesperrt">Segelschiffe</em>, welche in mehr als vier Wochen<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>
-zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen
-Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande Amerika
-beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das fünfzigjährige
-Jubelfest der <em class="gesperrt">Dampfschiffverbindung</em> zwischen der alten und
-der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem
-<em class="gesperrt">Fulton</em> zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem
-Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde
-befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und
-vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen
-Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen
-17 Tagen.<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber
-leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) <em class="gesperrt">Schraube</em>,
-gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in
-England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine
-Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten.</p>
-
-<p>Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte
-Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19
-und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der
-Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert
-jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen
-Linien sechs Tage und einige Stunden,<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> so dass täglich 450 und sogar
-500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene
-Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier
-Tage.</p>
-
-<p>Sehr merkwürdig ist der <em class="gesperrt">Vergleich der Fahrgeschwindigkeit</em> bei
-einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich
-450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390
-Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen.
-(Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274&ndash;280,
-ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. &amp; O. Gesellsch.). 5) Von
-Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. &amp; O.).
-6) Von Bombay nach Triest 300 bis<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind
-im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.)</p>
-
-<p>Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des
-Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez)
-ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt
-genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">aufmerksame</em> Reisende sucht möglichst bald über das
-Dampfschiff und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu
-unterrichten; doch pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn
-das offne, insellose Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste
-Maschinist Zeit und Lust zur Unterweisung zu gewinnen.</p>
-
-<p>Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean,
-stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen
-Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem
-Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen
-zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts,
-Rückwärts, Halt“, &mdash; von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll
-in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten
-Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag.
-Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde,
-so dass gegen 600 000 Umdrehungen<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> nothwendig sind, um uns von
-Europa nach Amerika zu befördern.</p>
-
-<p>Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für
-die gewaltige Schraubenwelle<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> liefert, sind noch mehrere kleinere
-Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen,
-eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit
-Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des
-Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge,
-welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die
-Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im
-Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn
-grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend
-Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die
-Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier
-Stunden beträgt die Schicht;<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> der Arbeitslohn ist beträchtlich,
-und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren
-Lloydschiffen verwendet.</p>
-
-<p>Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken
-in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für
-die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge
-aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2&ndash;3
-Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut.</p>
-
-<p>Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande
-verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern
-Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse
-Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken
-die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam
-befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir
-schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage
-ausgefahren.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben
-wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es
-ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten.</p>
-
-<p>Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte
-Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier
-verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am
-Rade die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns
-mit den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt
-das Meer hauptsächlich nach der <em class="gesperrt">Karte</em>. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> Kurs über den
-atlantischen Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals
-nach dem Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten
-Kreise der Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> Dies
-erkennt man leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den
-Landkarten nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden
-erhabene, krumme Linie erscheint.</p>
-
-<p>Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts,
-auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch,
-da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her
-grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an
-denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher
-nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen.</p>
-
-<p>Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu
-finden, ist für den Schiffer der <em class="gesperrt">Compass</em>.</p>
-
-<p>Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie
-den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung
-der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers
-Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> 121 n. Chr.;
-benutzten dieselbe zuerst, um auf dem <em class="gesperrt">Lande</em>, in ihrem ungeheuren
-Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie
-(265&ndash;469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die
-Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der
-Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt
-haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in
-Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit
-nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer
-Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel
-befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung,
-wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht,
-und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32,
-am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber
-gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der
-Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass
-von Prof. <em class="gesperrt">Thompson</em> (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und
-gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> Windrose an Seidenfäden
-aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist
-mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in
-wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der
-Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten
-Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad.
-Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet,
-bestimmt den Kurs des Schiffes.</p>
-
-<p>Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung <em class="gesperrt">eiserner</em>
-Schiffe; um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben
-dem Compass schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit
-Thompson’s Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird <em class="gesperrt">auch</em>
-zufrieden sein, da er durch das Patent ein bedeutendes Einkommen
-gewinnt und als Besitzer einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport
-huldigen kann.</p>
-
-<p>Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum <em class="gesperrt">Lothen</em>,
-d. h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20
-Kilogramm Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen
-und saust in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit
-grosser Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier,
-dem der Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das
-Gewicht unten aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln
-des Drahtes wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten
-offenes Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und
-unten offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem
-Silberoxyd) roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser
-in die Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das
-Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der
-Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d.
-h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens.</p>
-
-<p>Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus
-der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele
-Faden<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument
-genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr
-als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.)</p>
-
-<p>Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo
-einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz
-langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen
-Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p>Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen
-vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen <em class="gesperrt">Ort</em> des
-Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem
-Logbericht zu verzeichnen?</p>
-
-<p>Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder
-Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend
-verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf
-hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind,
-braucht man nur die <em class="gesperrt">Fahrgeschwindigkeit</em> während der 24 Stunden
-zu wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des
-Schiffes wird gemessen mit dem Log.</p>
-
-<p>Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf
-kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem
-Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat
-die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser
-und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert,
-dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der
-Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die
-Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang
-wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche
-Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens)
-beträgt 25 Fuss.</p>
-
-<p>25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1
-Stunde) = 1:240.<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a></p>
-
-<p>So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele
-Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende
-des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das
-Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das
-Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers
-durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die
-Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die
-Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche
-Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Patentlog</em>, welches auf den grösseren Dampfern benutzt
-wird, hat Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit
-sich drehen; das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> des
-Schiffsbords angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl
-an.</p>
-
-<p>Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine <em class="gesperrt">einzige</em>
-Messungsart; er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die
-<em class="gesperrt">geographische Länge und Breite</em> seines augenblicklichen
-Standortes.</p>
-
-<p>Eine vollständig zuverlässige Uhr (<em class="gesperrt">Chronometer</em>) zeigt
-den Augenblick, wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der
-Meridiantheilung, Mittag ist, d. h. die Sonne den Meridian von
-Greenwich passirt. Da die Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade
-durchläuft, so legt sie in einer Stunde 15 Bogengrade, in einer
-Zeitminute 15 Bogenminuten, in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden
-zurück. Ein 15° westlich von Greenwich gelegener Punkt hat Mittag,
-wenn die Uhr von Greenwich 1 Uhr Nachmittags zeigt. So wird die
-westliche (oder östliche) Länge festgestellt. Die nördliche (oder
-südliche) Breite aber mittelst des von <em class="gesperrt">Newton</em> erfundenen
-<em class="gesperrt">Spiegelsextanten</em>, mit dem man die grösste Erhebung der Sonne
-über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in Winkelgraden abmisst.</p>
-
-<p>Was aber leitet den Seemann <em class="gesperrt">bei Nacht und bei Nebel</em>, um den so
-gefürchteten <em class="gesperrt">Zusammenstoss zu vermeiden</em>?</p>
-
-<p>Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am
-vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten <em class="gesperrt">drei
-Lichter</em> gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen
-muss. Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand
-zu halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze
-des Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in
-einer dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar
-ist. Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von
-den Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten
-oder Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein
-rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn
-Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts
-neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von
-links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen
-bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nach rechts wird ausgewichen</em>, wenn man die drei Lichter eines
-andern Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber
-auf hoher See sehr selten erlebt.</p>
-
-<p>Und bei <em class="gesperrt">Nebelwetter</em>, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist,
-hat jedes Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu
-geben, die Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das
-<em class="gesperrt">Nebel<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>horn</em>, wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat,
-dass man kaum über die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann.</p>
-
-<p>Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen die
-Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken Nebel
-das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen; aber bald
-verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander entfernt.
-Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und Unwetter
-bildet auf hoher See die <em class="gesperrt">Hauptgefahr</em> für ein gutes Schiff,
-sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das
-begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York
-zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet,
-die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber
-man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander
-vorbeigefahren.</p>
-
-<p>Auch die <em class="gesperrt">Verzögerung</em> der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab;
-denn bei dickem Nebel <em class="gesperrt">darf</em> das Schiff nicht mit vollem Dampf
-fahren.</p>
-
-<p>Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht
-langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach
-eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der
-vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben
-eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.)</p>
-
-<p>Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und
-Wellen, die Temperatur u. dgl.,<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> mache einen Morgenspaziergang
-und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit
-Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das
-Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in
-dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf
-so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf
-einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war
-mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer
-Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die
-nützlichste Auskunft zu geben.</p>
-
-<p>Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke
-(Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Kleidung auf
-dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich
-anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es
-scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte
-zu vertilgen<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern.</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets
-gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre
-Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf
-deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen
-Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit
-Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> auf,
-um sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes
-Segel- oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt
-hat, weiss nicht, <em class="gesperrt">wie leer das Weltmeer</em>, sogar das atlantische,
-trotz der grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen,
-französischen, deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen
-New-York zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach
-dem Schiff gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich
-erörtert, wobei einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten
-Behauptungen entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen,
-durch welche gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht.
-Es besteht ein Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden
-Völkern. In unsrer Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen
-alle Betheiligten wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf
-hoher See gesehen worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt
-werden. Gelegentlich spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe
-an. Sie wird im Falle der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst;
-die Gesellschaft des hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu
-bezahlen; aber der Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch
-sehr beträchtlich. Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150
-Mann Besatzung führt, über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat
-bedeutenden Nachtheil, wenn es einen Tag später in New-York ankommt,
-zumal die einträgliche amerikanische Post immer dem schnellsten von den
-Postdampfern übergeben zu werden pflegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p>Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit
-ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel
-weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug
-von Delphinen,<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> die munter und anmuthig über die Wellenthäler
-forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken.
-Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war
-aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt,
-d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer
-ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt
-links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer
-ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers
-sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt
-zurück, vom Gelächter der Andern empfangen.</p>
-
-<p>Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> Alle, mit Ausnahme
-der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die
-zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren.
-Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen
-Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen.</p>
-
-<p>Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag
-gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass
-Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben.</p>
-
-<p>Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und
-noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf
-Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig
-ausschreiten kann.</p>
-
-<p>Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des
-steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff
-wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, &mdash;
-Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen
-würde.</p>
-
-<p>Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den
-Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist
-natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur
-Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der See<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>mann
-ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der
-Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel.</p>
-
-<p>Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und
-freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen
-der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen.</p>
-
-<p>Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet,
-ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer, wo
-auch die kräftigen <em class="gesperrt">Getränke</em> zu haben sind; später der Salon der
-zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls
-ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September
-sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,)
-erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen.</p>
-
-<p>So einen Tag wie den andern. Und die <em class="gesperrt">Langeweile</em>? Ich habe sie
-nie empfunden.</p>
-
-<p>Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des
-Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der
-auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten
-Nachthimmels<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a>, des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung
-des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe,
-des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die
-wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben
-vollauf Beschäftigung.</p>
-
-<p>Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und
-Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und
-Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel
-eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten
-her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch
-eine schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und
-plötzlich versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden
-Griechen war dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen,
-versteht die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden
-Sonnenrosse am Giebel des Parthenon. Natürlich <em class="gesperrt">messe</em> ich die
-Zeitdauer vom Anfang (<i>A</i>) bis zum Ende (<i>E</i>) des Eintauchens; und
-die wissensdurstige Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen
-zugeschaut, betheiligt sich eifrigst an der Zeitmessung mit der
-Secundenuhr.</p>
-
-<p>Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><i>A</i> = 7 Uhr 12 Minuten</div>
- <div class="verse"><i>B</i> = 7 Uhr 15 Minuten und</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">sehr wenige Secunden.<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p>Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze
-Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">um 360° in 24 Stunden,</div>
- <div class="verse">um&ensp; 15° in 1 Stunde,</div>
- <div class="verse">um&ensp; 15′&nbsp; in 1 Minute.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die
-Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische
-Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern:
-sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch
-vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben
-darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die
-Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen <em class="gesperrt">Auwers</em>.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="sonnenuntergang" name="sonnenuntergang">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0027.jpg"
- alt="Sonnenuntergang" /></a>
-</div>
-
-<p>Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und
-braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen
-Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn <em class="gesperrt">schräg</em> auf
-den Horizont <i>HH</i> zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und
-den Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der
-Sonne sich um den Durchmesser <i>AB</i> erniedrige, oder dieser durch den
-Horizont gehe, muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg</p>
-
-<div class="center">
- <i>SS′</i> = <i>BB′</i> =
- <span class="horbruch"><i>AB</i><br /><span class="bordertop">sin
- φ</span></span>
-</div>
-
-<p class="p0">zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum
-Untergehen am 15. August 3 Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter
-45° nördlicher Breite 3′ 9″ bezw. 3′ 6″.</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der
-Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, &mdash; offenbar, weil
-bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt
-werden kann.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Meeresleuchten</em> kann Abends den aufmerksamen Beobachter
-stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche,
-bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> dem
-Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem
-das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere
-Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse
-Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem
-Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.</p>
-
-<p>Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des
-<em class="gesperrt">Meereshorizontes</em> und findet zu seinem Staunen, dass der
-Halbmesser nur 5&ndash;6 Seemeilen beträgt.<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> Wie ein Kind freut sich
-jeder, der zum ersten Mal die Kugelgestalt der Erde sich selbst
-vorbeweist, indem er zunächst den Schornstein, und später, bei
-grösserer Annäherung, den Rumpf eines fahrenden Dampfers erblickt.</p>
-
-<p>Zu den <em class="gesperrt">Spielkarten</em> brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen.
-Ich verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten
-Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt
-von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Kartenspieler,
-namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind.
-Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem
-waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige
-Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in
-Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.</p>
-
-<p>Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. <em class="gesperrt">Himmel und Hölle</em>,
-doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der
-Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich
-sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine
-Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen
-wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist
-senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus
-dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10&ndash;15
-Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur
-dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich
-lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren
-Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)</p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">Erlebnissen</em> oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu
-melden. Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt,
-nur kleine weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau,
-aber doch freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der
-röthlich schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit
-denen ich so oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut
-hatte, so dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete
-Kentuckyer über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir
-die gute Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August
-tönte das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht.
-In der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> ist immer Nebel. An diesem
-Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8.
-August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue
-See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller
-Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum
-Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den
-Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot
-auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber.
-Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine
-Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann,
-der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt,
-der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt
-hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.</p>
-
-<p>Dienstag, den 9. August, kam der <em class="gesperrt">Lootse</em> an Bord. Er fährt
-in seinem Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene
-See und kreuzt dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das
-Lootsengeschäft ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss
-Tiefgang des Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr
-Fahrwasser kennen. Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die
-Leitung des Schiffes und erleichtert dem Capitän die Verantwortung
-für den Rest der Fahrt. Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick,
-wenn der gewandte Mann die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen,
-mit denen er die Taschen vollgestopft hat, werden ihm schleunigst
-abgenommen, namentlich von den Neulingen, welche möglichst rasch
-Nachrichten von dem Weltgetriebe, dem sie für 6 Tage entrückt waren,
-zu erhalten streben. Aber sehr bald legen sie enttäuscht die Blätter
-wieder fort; dieselben enthalten nichts Neues; wenige Stunden nach
-unserer Abfahrt war der Lootse von New-York abgesegelt.</p>
-
-<p>Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen?
-Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa
-herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach
-dem Ausgang der Jachtwettfahrten.</p>
-
-<p>Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen
-Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24,
-auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige
-gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein
-vortreffliches Doppelfernrohr<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>, das bisher edleren Zwecken gedient,
-wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter
-Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen.<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Hierbei ereignete sich ein
-spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet,
-dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das
-Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“,
-sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit
-dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“
-war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch
-entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston
-kommen.</p>
-
-<p>Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze
-Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet
-einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten.</p>
-
-<p>Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf
-deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen
-stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht
-doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag
-für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man
-dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch
-nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten
-Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen
-schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt
-und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen.</p>
-
-<p>Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen
-landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an
-die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären.
-Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen
-deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere.</p>
-
-<p>Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen
-auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche
-Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht,
-fällt diesmal aus wegen des Nebels.</p>
-
-<p>Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns
-herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen. Um
-8½ Uhr Morgens erscheint <em class="gesperrt">Fire-Island</em><a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>, dann Long-Island
-und <em class="gesperrt">Sandyhook</em>, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis
-hier<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>her rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden
-gedauert.<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a></p>
-
-<p>Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows
-sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf
-die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von
-New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von
-Brooklyn.</p>
-
-<p>Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den
-Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen
-Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss
-vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden.
-Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es
-kommen Freunde. Wir landen in <em class="gesperrt">Hoboken</em> am westlichen Ufer des
-Hudsonflusses in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit
-klingender Musik in deutschen Weisen empfangen.<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="II">II.<br />
-<b>Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_e.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Einen <em class="gesperrt">Erdtheil</em> zu <em class="gesperrt">durchqueren</em>, von dem einen Weltmeer zum
-andern, ist für den <em class="gesperrt">Einzelnen</em> ebenso reizvoll und belehrend,
-wie die erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen,
-wichtig und epochemachend für die <em class="gesperrt">Geschichte des gesammten
-Menschengeschlechts</em> geworden.</p>
-
-<p>Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den
-<em class="gesperrt">nordamerikanischen Continent</em> machen.</p>
-
-<p>Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien,
-Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen
-unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee
-zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir
-aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein
-Anhängsel von Asien.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Nordamerika</em> bietet noch dazu den besonderen Vortheil,
-dass seine ganze <em class="gesperrt">Cultur eine neue</em> ist, da die spärlichen
-Reste der Ureinwohner kaum noch in Betracht kommen. Neben dem
-<em class="gesperrt">geographischen</em> Gesetz, dass der Continent ziemlich ringsum
-von Rand- und Küstengebirgen umgeben, <em class="gesperrt">erst</em> einen mehr oder
-minder breiten Gürtel <em class="gesperrt">fruchtbaren</em> Landes und <em class="gesperrt">dann</em> in
-seiner Mitte einen mehr <em class="gesperrt">öden</em> und selbst wüsten Bezirk enthält,
-tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt- und
-dichtbesiedelten Europa, auch das <em class="gesperrt">politische</em> Gesetz entgegen,
-dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen
-der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig
-abnehmen.</p>
-
-<p>Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen
-Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der
-Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> durchsaust,
-im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne
-lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten
-wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in
-der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in
-die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen
-jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und
-Ostindien harren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fünf pacifische Eisenbahnen</em>, die ein gewaltiges Stück
-Culturarbeit enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen
-zum stillen Ocean: 1. Die <em class="gesperrt">centrale</em> von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach
-Ogden in Utah und weiter nach <em class="gesperrt">Omaha</em> in Nebraska. (Von hier ist
-Verbindung mit Chicago und New-York.) Dies ist die <em class="gesperrt">älteste</em>
-dieser Bahnen, im Jahre 1869 vollendet. 2. Die <em class="gesperrt">Atlantic- and
-Pacific-Bahn</em> von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach <em class="gesperrt">St. Louis</em>, an
-der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die <em class="gesperrt">südliche</em>
-Pacific-Bahn von <em class="gesperrt">S. Francisco</em> nach <em class="gesperrt">New-Orleans</em>. 4. Die
-nördliche Pacific-Bahn von <em class="gesperrt">Tacoma</em> in Washington nach <em class="gesperrt">St.
-Paul</em> in <em class="gesperrt">Minnesota</em>, (und von da weiter nach der östlichen
-Küste,) im Jahre 1883 vollendet.</p>
-
-<p>Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die
-dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen <em class="gesperrt">Büchlein</em> (Von
-New-York bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt.</p>
-
-<p>5. Jetzt habe ich auch die <em class="gesperrt">canadische</em> Pacificbahn<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>
-durchfahren, die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906
-engl. Meilen sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den
-Vorzug vor den anderen.</p>
-
-<p>Vor Allem ist sie <em class="gesperrt">malerischer</em> und <em class="gesperrt">reizvoller</em>,
-sodann reich an Abwechslung. Die bequeme Verbindung der
-canadischen Pacificbahn mit ihren Dampfern, welche die ungeheure
-Süsswasseranhäufung der grossen Seen (Lake Huron, L. Superior)
-durchkreuzen, ermöglicht es uns, den vierten Theil der ganzen Reise als
-angenehme und erfrischende <em class="gesperrt">Wasserpartie</em> zu machen.<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> Wird noch
-ein kurzer Aufenthalt am <em class="gesperrt">Niagara</em> und im <em class="gesperrt">Felsengebirge</em>
-eingeschoben, so gelangt man in etwa 12 Tagen bequem von dem einen
-Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit dem Postzuge von Montreal
-nach Vancouver in sechs Tagen.</p>
-
-<p>Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns
-einigermassen mit der <em class="gesperrt">Geschichte</em> dieser gewaltigen Eisenbahn
-vertraut zu machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean zu
-bauen, war lange Zeit hindurch der <em class="gesperrt">patriotische Traum</em> einzelner
-canadischer Männer. Es wurde eine <em class="gesperrt">politische Nothwendigkeit</em>,
-nachdem im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika
-zum Dominion Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5
-Millionen Einwohnern) sich vereinigt hatten.</p>
-
-<p>Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen
-Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und
-erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung
-begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an
-eine <em class="gesperrt">Gesellschaft</em> übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso
-vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging
-die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist
-die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean
-3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die
-gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.</p>
-
-<p>Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im
-Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz
-gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan
-und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada
-gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die
-bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>
-Dies ist wenigstens die <em class="gesperrt">Ansicht der Canadier</em>, während die
-eifersüchtigen Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und
-Geringschätzung auf Canada herabblicken.</p>
-
-<p>Von der gewaltigen Hauptstadt <em class="gesperrt">New-York</em>, wo der
-vaterländische Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem
-<em class="gesperrt">Tagdampfer</em><a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> stromaufwärts auf dem <em class="gesperrt">Hudson-Fluss</em> bis
-<em class="gesperrt">Albany</em>, der Hauptstadt des Staates New-York.</p>
-
-<p>Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden
-aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild
-dieses <em class="gesperrt">unvergleichlichen Hafens</em> von New-York und die Stadt
-selber mit ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World,
-Madison Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin
-das Landschaftsbild des <em class="gesperrt">majestätischen Hudsonflusses</em>, den man
-in diesem Lande den <em class="gesperrt">Rhein von Amerika</em> nennt und in dem üblichen
-Superlativ-Stil nicht bloss zu<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> den grössten Sehenswürdigkeiten der
-Vereinigten Staaten rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern
-Rhein zu erheben pflegt.<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a></p>
-
-<p>Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir
-der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich,
-die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und
-Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.</p>
-
-<p>Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt,
-dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter
-<em class="gesperrt">stromaufwärts</em> man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese
-Stadt, 143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der
-<em class="gesperrt">Gezeiten</em>.</p>
-
-<p>Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während
-am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> vorbeisausen, links
-(westlich) die <em class="gesperrt">Pallisaden</em>, säulenartig gegliederte, bis 300
-Fuss hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang);
-rechts (östlich), <em class="gesperrt">Yonkers</em>, eine der ältesten Ansiedelungen
-im Hudsonthal; und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s
-<em class="gesperrt">Sunnyside</em>, der ehemalige Wohnsitz des Dichters <em class="gesperrt">Washington
-Irving</em>, weiter das berüchtigte Zuchthaus <em class="gesperrt">Sing-Sing</em>, und
-endlich <em class="gesperrt">Crotonpoint</em>, von wo New-York sein Trink-Wasser bezieht.</p>
-
-<p>Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die
-<em class="gesperrt">Highlands</em>, mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist
-auch der Fluss mit schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits
-der Kadettenschule zu <em class="gesperrt">Westpoint</em> erblickt man in der Ferne
-die <em class="gesperrt">Catskillberge</em>, und erreicht <em class="gesperrt">Albany</em> (w.) am späten
-Nachmittag.</p>
-
-<p>Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des <em class="gesperrt">Capitols</em>,
-eines erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe,
-bringt mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über <em class="gesperrt">Buffalo</em> nach
-<em class="gesperrt">Niagara</em>, wo ich natürlich einen Tag verbleibe.<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a></p>
-
-<p>Sodann fahre ich nach dem nahen <em class="gesperrt">Toronto</em>, am Nordwestufer des
-Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen.</p>
-
-<p>Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren
-mit dem Begriff des Canadiers den der <em class="gesperrt">Unkenntniss von Europa’s
-übertünchter Höflichkeit</em> gewissermassen unbewusst<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> und zwangsweise
-verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere
-Vorstellung von dem <em class="gesperrt">heutigen Canada</em> beigebracht, wenn wir
-gelesen haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200
-Einwohner zählte, 1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht
-und erstaunt, mit <em class="gesperrt">eignen</em> Augen diese <em class="gesperrt">riesigen</em>,
-acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser und die ungeheure Zahl der
-<em class="gesperrt">electrischen Strassenwagen</em> in &mdash; <em class="gesperrt">Canada</em> zu sehen! Die
-<em class="gesperrt">Staats-Universität</em> von Toronto ist ein gewaltiges Gebäude in
-normannischem Stil.</p>
-
-<p>Die Wissenschaft ist <em class="gesperrt">international</em>. In dem biologischen Institut
-der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer &amp;
-Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr.
-Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die
-ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer
-in Dresden, construirt hat.</p>
-
-<p>Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich
-die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel
-nach dem tiefblauen <em class="gesperrt">Owen Sund</em> am Huron-See. Hier nimmt uns der
-Schrauben-Dampfer <em class="gesperrt">Manitoba</em> auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss
-lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> <em class="gesperrt">Die Fahrt ist
-entzückend.</em></p>
-
-<p>Sie <em class="gesperrt">vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt</em>. Denn unser
-See ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer,
-die Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns
-der kreisförmige Horizont des Meeres.</p>
-
-<p>Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz <em class="gesperrt">gewaltigen Zahl
-von Dampf- und Segelschiffen</em>, wie man sie nie auf offenem Meere
-antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen,
-sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue
-Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen,
-wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte
-Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr
-praktisch.<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a></p>
-
-<p>Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass <em class="gesperrt">Sault St. Marie</em>
-ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem
-Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>
-sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>
-müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere
-Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See
-emporgehoben werden.</p>
-
-<p>Durch <em class="gesperrt">Sault St. Marie</em> soll jährlich eine grössere Tonnenzahl
-gehen, als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten
-Jahre, 58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a></p>
-
-<p>Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch
-weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet
-(am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht
-zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von <em class="gesperrt">Zollkrieg</em>,
-weshalb die Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig
-zu machen bestrebt sind.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf
-dem <em class="gesperrt">Oberen See</em>; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter
-am Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des
-Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags
-in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser
-geworfen.</p>
-
-<p>Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige <em class="gesperrt">Donnerkap</em>, das
-1600 Fuss hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die
-Donner-Bay und erreichen Nachmittags <em class="gesperrt">Port Arthur</em>.</p>
-
-<p>Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes
-Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses
-Kaministiquia, nach <em class="gesperrt">Fort William</em>: dort erwartet uns der Zug der
-<em class="gesperrt">canadischen Pacificbahn</em>.</p>
-
-<p>Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei
-Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man
-nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in
-Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je
-einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den
-Mittelgang abgeschlossen.)</p>
-
-<p>Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende
-Schilderungen von der <em class="gesperrt">Pracht</em> und <em class="gesperrt">Bequemlichkeit</em> dieser
-Wagen. <em class="gesperrt">Vieles ist richtig</em>; aber wenn der Wagen mit 24 Personen,
-dazu mit etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine
-mehrtägige Reise nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck
-und endlich mit Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so
-geht ein gut Theil der Bequemlichkeit wieder verloren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p>Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die
-Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu versagen.
-<em class="gesperrt">In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit unbedeutenden
-Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien Bewegung
-förderlich.</em> Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf
-nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke
-auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil
-eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich
-oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe.</p>
-
-<p>Eine <em class="gesperrt">viertägige Eisenbahnfahrt</em> steht uns bevor; oder, wenn
-wir in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die
-Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21
-Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.)</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">erste Morgen</em> bietet uns ein reizvolles Bild, <em class="gesperrt">Rat
-Portage</em> am hauptsächlichsten Ausfluss des <em class="gesperrt">Lake of the
-Wood</em>, des grössten Sees, welchen die Bahn zwischen dem Oberen
-See und dem Stillen Ocean berührt: Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine
-Felsdurchbrüche, kleine Häuser, riesige Mühlen.</p>
-
-<p>Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und &mdash;
-gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und
-werden von den meisten anstandslos bewältigt.</p>
-
-<p>Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem
-Busch bedeckten Haide, welche als <em class="gesperrt">ebene Prairie</em> bezeichnet wird,
-die Hauptstadt der Provinz Manitoba, <em class="gesperrt">Winipeg</em>. Hier war ein
-alter Sitz der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen
-Kaufleute, welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere
-des amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort
-(früher Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner.
-Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die
-für Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn.</p>
-
-<p>Hier ist das <em class="gesperrt">Land-Amt</em> der Eisenbahnen und das der Regierung.
-Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch,
-polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung
-harren auch am Bahnhof.</p>
-
-<p>Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der
-Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen,
-weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein
-idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines <em class="gesperrt">Knaus</em>,
-war, behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein
-russischer Jude.<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er
-in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block
-mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, &mdash; wie einst
-Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte.</p>
-
-<p>Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie,
-der <em class="gesperrt">Glanz von Manitoba</em> beginnt, <em class="gesperrt">eine</em> Ansiedelung der
-anderen folgt, und so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht
-zweckmässig, ein paar Worte über die <em class="gesperrt">Auswanderung nach Canada</em> zu
-sagen.</p>
-
-<p>Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist,
-ein schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen
-Werk „<em class="gesperrt">Manitoba</em>“ (by John <em class="gesperrt">Macoun</em>, M. A., Dominion
-Governments-Explorer of the North-West, London 1883, S. 637) das
-Folgende anführen:</p>
-
-<p>„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für
-den Acre aufwärts; und 160 Acres <em class="gesperrt">freien</em> Landes kann man als
-<em class="gesperrt">Heimstätte</em> belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> Die
-Auslagen für das erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den
-Besitz nach fünf Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Weniger verlässlich</em> sind die Schriften der
-Eisenbahngesellschaft, welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite,
-beiderseits von der Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in
-jedem Bezirk Land besitzt und &mdash; an den Mann bringen will. Sie bietet
-Land an zum Preise von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel
-baar, das Uebrige stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen.
-Aus ihrer Schrift <em class="gesperrt">„Successful Farming in Manitoba</em> (1891)“ ist
-zu ersehen, dass einzelne Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars
-mitbrachten, &mdash; andere <em class="gesperrt">gar nichts</em>, „und gut vorwärts kamen,
-namentlich wenn sie zunächst als <em class="gesperrt">Arbeiter</em> einige Ersparnisse
-gemacht.“<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> (Vergl. auch „Farming and Ranching in Western Canada.“)
-Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar noch verkäuflich ist, und der
-Besitztitel erst nach Ablauf von fünf Jahren regelmässiger Bearbeitung
-erworben wird; so giebt es doch Banken, welche, mit Erlaubniss der
-Regierung, den Ansiedlern von vorn herein mit Vorschüssen aufhelfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel</em> für Europa im
-Allgemeinen und für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer
-Auswanderer geht nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele
-besser wäre, nach Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage.
-Deutsche Ansiedler sind in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr
-gut fort.</p>
-
-<p>Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die
-<em class="gesperrt">wellige</em> und dann in die <em class="gesperrt">ansteigende</em> Prairie, die auch
-noch gut bebaut ist. Hier liegt Bell’s berühmte <em class="gesperrt">Riesenfarm</em> von
-100 Quadratmeilen, die mit militärischer Ordnung bewirthschaftet wird;
-man pflügt in Brigaden und erntet in Divisionen.</p>
-
-<p>Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt <em class="gesperrt">Regina</em>
-in der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit
-2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der
-canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des
-Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen,
-rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die <em class="gesperrt">musterhafte
-Ordnung</em> des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die
-<em class="gesperrt">Indianer</em>.</p>
-
-<p>Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die
-Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige
-Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung
-des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben,
-singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele
-sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe
-des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und
-die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und
-Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu
-verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es
-geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen.</p>
-
-<p>Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen
-zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art
-leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die
-katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die
-weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den
-dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen
-nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter
-begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit
-schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen;
-aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von
-Europäern unterscheiden kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<p>Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine
-<em class="gesperrt">Ebene</em>, <em class="gesperrt">die keinen Baum enthält</em>. Bis zum Horizont reicht
-die einsame, öde Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen
-Wüste annimmt; der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch
-bilden die ganze Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen
-in Sicht. Nur selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein
-Haus, einen Kuhhirten unterbrochen.</p>
-
-<p>Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei <em class="gesperrt">Medicine
-Hat</em> (2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende
-Fackeln des natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir
-in die <em class="gesperrt">hohe Prairie</em>.</p>
-
-<p>Am <em class="gesperrt">dritten Morgen</em>, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten
-der Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die
-scharfkantigen Gipfel der Berge,<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> auf denen nur hier und da ein
-kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000
-Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild.</p>
-
-<p>Um 6 Uhr Morgens erreichen wir <em class="gesperrt">Banff</em>, das 4500 Fuss hoch, 2346
-Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die
-Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut.
-Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei
-Fuss lange Baumstämme unterhalten.</p>
-
-<p>Von der Höhe des <em class="gesperrt">Tunnelberges</em>, 1000 Fuss über dem Thal, hat
-man einen Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine
-seeartige Ausweitung des grünen Flusses,<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> das kleine Dorf Banff,
-das 200 Fuss höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden
-Felsen, die amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des
-Gasthauses, sind mit Schnee und Gletschern bedeckt.</p>
-
-<p>800 Fuss über dem Thal entspringt eine <em class="gesperrt">warme Schwefelquelle</em>.<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>
-Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>
-sind Krücken angenagelt mit <em class="gesperrt">ruhmrednerischen Heilberichten</em>,
-&mdash; ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im
-Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen
-Wallfahrts-Orten unserer Tage.</p>
-
-<p>Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer <em class="gesperrt">Höhle</em> des
-Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit
-grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen
-aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p>In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain,
-der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal
-abfällt, nach dem Teufels-See<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> und befährt diesen auf einem ganz
-kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von
-den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen,
-nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.</p>
-
-<p>Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum
-ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein
-<em class="gesperrt">Schlafwagen wird abgehängt</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön.</em> (Im Eisenbahnbuch steht:
-1. „Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause
-soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ &mdash; Das ist
-so die <em class="gesperrt">Geschäftssprache der neuen Welt</em>.)</p>
-
-<p>Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des
-Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die
-Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der
-gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.</p>
-
-<p>Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> Zwei
-kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte.
-Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay
-und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss,
-bezw. in den pacifischen Ocean.</p>
-
-<p>Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst <em class="gesperrt">Stephen</em> sowohl
-die Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil
-der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass,
-wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt,
-umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss
-über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns
-einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die
-Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.</p>
-
-<p>Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon,
-wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht
-streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss.
-Tunnel sind nur sparsam und kurz.</p>
-
-<p>Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei
-<em class="gesperrt">Golden</em> aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken
-wir vor uns<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> den Columbiafluss und die schöne Kette des
-<em class="gesperrt">Selkirk</em>-Gebirges, die annähernd parallel ist mit der des
-Felsengebirges.</p>
-
-<p>Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der
-Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die
-enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss
-1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken,
-250 Fuss über dem Bach; und erreichen die <em class="gesperrt">Passhöhe der Selkirks</em>
-(Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher <em class="gesperrt">Gletscherberge</em>:
-Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche
-<em class="gesperrt">Gletscherhaus</em>.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind
-mächtige Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer.</p>
-
-<p>Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug
-hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den
-schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst.</p>
-
-<p>Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den
-Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks
-gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem <em class="gesperrt">mächtigen</em>,
-<em class="gesperrt">schiffbaren</em> Strom angewachsen ist.</p>
-
-<p>Am <em class="gesperrt">letzten Morgen</em> ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch
-den <em class="gesperrt">Fraser-Cannon</em> (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in
-Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte
-Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss
-über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über
-den Schluchten gestützt ist.</p>
-
-<p>Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf,
-entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock
-befestigt. Man sieht die <em class="gesperrt">Indianer</em> ihren Lachs fischen oder
-dörren. Dann erscheinen Häuschen von <em class="gesperrt">Chinesen</em>, die Gold waschen.
-Dazwischen einzelne Zelte von <em class="gesperrt">Abenteurern kaukasischer Rasse</em>.</p>
-
-<p>Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss
-zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten
-Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder
-auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem
-Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die
-Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen
-Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit
-breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p>Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und <em class="gesperrt">Vancouver</em>,
-das <em class="gesperrt">Ende</em> der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige
-Stadt ist sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat
-grossartige Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und
-mehrere Dampf-Sägemühlen, welche die 1&ndash;2 Meter dicken Föhrenstämme
-von gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter
-unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der
-holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach
-Montreal und nach Europa versenden.</p>
-
-<p>Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den
-<em class="gesperrt">Urwald</em><a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen
-entfernten <em class="gesperrt">New-Westminster</em>.</p>
-
-<p>Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen
-langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in
-dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft
-unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of
-Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, <em class="gesperrt">westwärts nach
-dem fernen Osten</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="III">III.<br />
-<b>Der stille Ocean.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_s.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Schon der <em class="gesperrt">Name des stillen Oceans</em> macht auf den Landbewohner
-von Mitteleuropa einen <em class="gesperrt">überwältigenden</em> Eindruck; der Begriff
-der ungeheuren <em class="gesperrt">Grösse</em>,<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> welche ja die der sämmtlichen fünf
-Erdtheile übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen <em class="gesperrt">Entfernung</em>
-von der Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht.
-Als ich, im Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum
-ersten Mal das Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten,
-konnte ich nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold,
-meine Stirn mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene
-merkwürdige Zeit zu versetzen, wo <em class="gesperrt">Vasco Nunnez de Balboa</em> (am 25.
-September 1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „<em class="gesperrt">das
-Südmeer</em>“ erblickte, &mdash; um vier Jahre später von dem neidischen
-Gouverneur Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und
-<em class="gesperrt">Fernão de Magalhães, der erste Weltumsegler</em>, nach stürmischer
-Fahrt auf dem atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien
-herumsegelnd (Nov. 1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel
-vorfand und dadurch zur <em class="gesperrt">Benennung des stillen Oceans</em> veranlasst
-wurde.</p>
-
-<p>Jetzt hatte ich diese gewaltige <em class="gesperrt">Wasserwüste</em> zu durchkreuzen,
-in nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch
-auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht
-bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa
-und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen
-= 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch
-die Leistung der <em class="gesperrt">ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft</em><a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a>, die
-Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei
-einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder
-20 Tagen zurückzulegen.</p>
-
-<p>Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser
-Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen
-einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als 80.
-Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die <em class="gesperrt">canadische Pacific-Bahn</em><a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> hat
-ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen
-Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“
-führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen =
-8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen
-in 13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat <em class="gesperrt">die Post von
-London nach Yokohama</em> in 28 <em class="gesperrt">Tagen</em> hinschaffen, während der
-Weg durch den Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht.</p>
-
-<p>Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer
-das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> der
-Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von
-Burrard’s Einlass<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser
-emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und
-51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die
-Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten
-gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube,
-dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich
-verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer</em> drängt
-sich dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort;
-Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so
-bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte
-erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> Es<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> ist doch eine
-grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich
-in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es
-ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie
-an der Tafel wird von <em class="gesperrt">Chinesen</em> geleistet. Der Asiate ist von
-Natur ein besserer Diener,<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> als der Europäer, &mdash; wenn man nicht zu
-viel von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises
-Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche
-Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich
-mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.</p>
-
-<p>Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in
-blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über
-dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen,
-unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden
-die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen
-können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald,
-von Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a>
-zu fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter
-und Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei
-dem Reisenden hervorzurufen. Freilich, die <em class="gesperrt">herrschende Stellung hat
-der Kaukasier sich vorbehalten</em>, &mdash; gradeso wie in dem Gasthaus von
-Wawona bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner
-Neger, der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein
-weisser Mann war!</p>
-
-<p>Auch die <em class="gesperrt">Reisegesellschaft</em> war auf dem atlantischen Weltmeer
-ganz anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.</p>
-
-<p>Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach
-New-York, herrscht der <em class="gesperrt">Irländer</em> vor, der zu Hause in die frische
-Luft gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses,
-das Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von
-Tammany-Ring und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.</p>
-
-<p>Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach
-New-York bilden <em class="gesperrt">deutsche Bauern</em> mit ihren Familien und<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-<em class="gesperrt">Handwerker</em> die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren)
-und Skandinavier. Bei gutem Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit,
-„das deutsche Lied“ wird gesungen, auch „die Wacht am Rhein“, und
-„Deutschland, Deutschland über Alles“. Liederbücher und Abschriften
-einzelner Lieder wandern von Hand zu Hand. Es tönt die Fiedel und die
-Ziehharmonica, es tanzen Germanen und Slaven. Deutsche Werkmeister,
-die in den Vereinigten Staaten eine gute Stellung gefunden, kehren
-von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt nicht das Wandervolk
-Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland; für sie stellt Amerika
-eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt sich Haar und Bart, der
-Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu thatkräftigem Handeln;
-ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr von der russischen
-Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an die moderne
-friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean, welche weit
-beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das römische Reich
-zerstört hat.</p>
-
-<p>Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen
-Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich
-zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den <em class="gesperrt">Chinesen</em>, die von
-der pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als
-Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige
-Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des
-grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.</p>
-
-<p>Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt
-erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den
-sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr
-und mehr alle Besonderheiten abschleift.</p>
-
-<p>Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der
-<em class="gesperrt">Deutsch-Amerikaner</em> vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von
-Bekleidungsgegenständen und Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine
-Badereise nach Carlsbad oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch
-das hastige Essen und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten
-Magen zu neuer Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland
-besucht, seine Kinder dorthin gebracht hat; &mdash; und nun wieder seiner
-Thätigkeit in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die
-dort so manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht,
-der Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-,
-Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.</p>
-
-<p>Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und
-Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten,<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte
-Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings, seitdem
-die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, <em class="gesperrt">echte
-Amerikaner</em>: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen
-Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind
-und mindestens 54 verschiedenen &mdash; Theelöffeln (aus den europäischen
-Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren,
-um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den
-erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht
-wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte
-sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.</p>
-
-<p>Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei
-den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>
-herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer
-Vertreter.</p>
-
-<p>Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „<em class="gesperrt">Kaiserin von
-Japan</em>“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl
-vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und
-unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien
-studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller
-Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem
-Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon
-in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist.
-Da bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von
-84) sind <em class="gesperrt">Missionäre</em> aller Arten, aller Secten, &mdash; Amerikaner
-und Engländer: alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der
-gewöhnlichen Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit
-Weib und Kind; „grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen
-die Tagesblätter von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde
-Fräulein, die hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe
-gehen, den altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden.</p>
-
-<p>Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam
-vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie aus
-Bombay. Weit zahlreicher waren die <em class="gesperrt">Muss-Asiaten</em> aus Europa,
-Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> als Zollbeamte so
-lange<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der
-Heimath ausreichen.</p>
-
-<p>Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein
-Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden.</p>
-
-<p>Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so
-gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die
-eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer
-(<em class="gesperrt">Globetrotter</em>), eine Menschengattung, auf die ich noch bei
-Gelegenheit zurückkommen werde.</p>
-
-<p>Was nun unseren <em class="gesperrt">Kurs</em> anlangt, so geht derselbe, sowie wir die
-offene See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver
-nach der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder
-auf Karten nach Kremer’s Grundriss<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> eine nach Norden erhabene Linie
-darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht.</p>
-
-<p>Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen
-Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen
-Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz
-richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw
-zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a></p>
-
-<p>Ein Blick auf meine <em class="gesperrt">eigne Karte</em> und auf den folgenden
-<em class="gesperrt">Logbericht</em> wird das Gesagte erläutern.</p>
-
-<table class="p45" summary="Tabelle Seite 45">
- <tr>
- <th class="bright">
- &nbsp;
- </th>
- <th class="bright" colspan="2">
- Datum
- </th>
- <th class="bright" colspan="2">
- Breite
- </th>
- <th class="bright" colspan="2">
- Länge
- </th>
- <th class="bright">
- Entfernung
- </th>
- <th>
- Bemerkungen
- </th>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Mittw.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 31.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Aug.
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- Ab Vanc. 4<sup>h</sup> 35′ Nchm.,
- an Victor. 9<sup>h</sup> 45′ N.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Donn.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 1.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 48°
- </td>
- <td class="bright">
- 20′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 123°
- </td>
- <td class="bright">
- 55′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 111 Seemeilen
- </td>
- <td>
- Ab Vict. 6<sup>h</sup> 30′ Vorm.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Freitag
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 2.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 50°
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- 133°
- </td>
- <td class="bright">
- 40′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 395 Seemeilen
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Sonnab.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 3.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 50°
- </td>
- <td class="bright">
- 58′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 143°
- </td>
- <td class="bright">
- 45′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 390 Seemeilen
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Sonntag
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 4.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 51°
- </td>
- <td class="bright">
- &ensp;0′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 154°
- </td>
- <td class="bright">
- 10′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 393 Seemeilen
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Montag
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 5.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 51°
- </td>
- <td class="bright">
- &ensp;0′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 164°
- </td>
- <td class="bright">
- 25′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 387 Seemeilen
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Dienst.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 6.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 50°
- </td>
- <td class="bright">
- 26′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 174°
- </td>
- <td class="bright">
- 18′ W.
- </td>
- <td class="bright">
- 377 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- Orkan.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Mittw.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 7.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- Ausgelassen.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Donn.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 8.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 49°
- </td>
- <td class="bright">
- 19′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 176°
- </td>
- <td class="bright">
- &ensp;8′ Ö.
- </td>
- <td class="bright">
- 376 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Freitag
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 9.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 47°
- </td>
- <td class="bright">
- 53′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 166°
- </td>
- <td class="bright">
- 44′ Ö.
- </td>
- <td class="bright">
- 383 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Sonnab.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 10.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 45°
- </td>
- <td class="bright">
- 47′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 157°
- </td>
- <td class="bright">
- 48′ Ö.
- </td>
- <td class="bright">
- 387 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Sonnt.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 11.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 42°
- </td>
- <td class="bright">
- 47′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 149°
- </td>
- <td class="bright">
- 37′ Ö.
- </td>
- <td class="bright">
- 393 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Montag
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 12.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- 39°
- </td>
- <td class="bright">
- &ensp;4′ N.
- </td>
- <td class="bright">
- 142°
- </td>
- <td class="bright">
- &ensp;4′ Ö.
- </td>
- <td class="bright">
- 367 Seemeilen
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bright vam">
- Dienst.
- </td>
- <td class="tdr vam">
- 13.
- </td>
- <td class="bright vam">
- Sept.
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- Um 12<sup>h</sup> Mittags auf der Rhede von Yokohama.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen
-Erlebnisse auf derselben.</p>
-
-<p>Der Hafen von <em class="gesperrt">Vancouver</em> ist prachtvoll und tief; das grosse
-Schiff liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke
-an Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang
-der Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax
-in Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung
-braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus
-Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von
-Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.</p>
-
-<p>Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus
-<em class="gesperrt">Burrard’s</em> Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen
-umgebenen Meerbusens, an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch
-den schmalen, mit Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die
-schönumwaldete <em class="gesperrt">englische Bay</em> und dann in den eigentlichen
-<em class="gesperrt">Puget-Sund</em> südwestlich, zwischen flachen Inseln, nach der
-Strasse San Juan di Fuca, welche die zum Dominion Canada gehörige
-<em class="gesperrt">Insel Vancouver</em> von dem Festlande von Washington trennt, das
-erst vor Kurzem die Kinderschuhe des Territoriums ausgezogen hat und
-zu einem Staat in dem Bunde der Vereinigten Staaten Nordamerikas
-befördert ist. <em class="gesperrt">Victoria</em>, auf der Insel Vancouver, die Hauptstadt
-von Britisch Columbia (mit 20000 Einwohnern), erreichen wir erst spät
-Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst vor Anker bis zum nächsten Morgen
-um 6½ Uhr.</p>
-
-<p>Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und
-erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher
-noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende
-Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst
-ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die
-Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es
-ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und
-immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch
-wieder sich zu verengen.</p>
-
-<p>Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in
-Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.</p>
-
-<p>Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die
-Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht
-hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.</p>
-
-<p>Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz
-einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist,
-wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen er<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>worben, und
-zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden
-Schiff.</p>
-
-<p>Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche
-Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis
-zur Nacht.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig
-gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir
-seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und
-Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen
-und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in
-Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt.
-Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika
-und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr
-gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American
-commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine
-Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie
-nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen
-Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden
-Amerikaner.</p>
-
-<p>Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die
-Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer
-waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte,
-um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den
-eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von
-Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen
-Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen
-Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische
-Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben
-sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig
-zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende
-Stellung in der Wissenschaft einnimmt.</p>
-
-<p>Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute
-leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen
-Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte,
-um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen
-der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle
-Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben
-wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene,
-die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die
-Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem
-Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> lernte auch Manches über
-die Einrichtungen <em class="gesperrt">unseres</em> Vaterlandes; denn das ist der grosse
-Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden
-vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches
-auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar.
-Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich
-Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.</p>
-
-<p>Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen
-Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.</p>
-
-<p>Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende,
-wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig
-ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.</p>
-
-<p>Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa
-und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes
-Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr
-arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei
-uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu
-sehen waren.</p>
-
-<p>Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit
-gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es,
-gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen
-schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie
-seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind
-sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen
-Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass <em class="gesperrt">Cipangu</em>, nach dem
-Columbus ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner
-weltfernen Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit
-unbekannte und ungeahnte Amerika.</p>
-
-<p>Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe
-der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden
-(Dienstag, 6. September) haben wir den <em class="gesperrt">Sturm</em>, und zwar aus
-Osten, so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu
-durch den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt.
-Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte
-Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich
-gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem
-ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen
-sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und
-geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen
-ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts
-sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns
-zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg
-weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden
-waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.</p>
-
-<p>Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres
-philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer;
-freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch
-stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.</p>
-
-<p>Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die
-Wuth der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder
-möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles
-durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.</p>
-
-<p>Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt,
-schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den
-8. September.</p>
-
-<p>Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so
-doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde
-in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm
-vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren
-Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in
-westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen,
-als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen
-Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen
-hätten, einen Tag zu verzeichnen.</p>
-
-<p>Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der
-Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in
-Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts
-davon Mitternacht, der Beginn des 8. September.</p>
-
-<p>Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung
-mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen
-zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des
-Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> also
-in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade
-zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren
-Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser
-Reise die Sonne ein Mal weniger durch<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> seinen Meridian gegangen,
-als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen
-Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad
-westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu
-überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes &mdash; Glück
-hat, sogar um seinen Geburtstag kommen!</p>
-
-<p>Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung
-der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der
-Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um
-10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade
-überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian
-gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um
-einen Tag weiter.</p>
-
-<p>Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es
-selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche
-Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180°
-Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben,
-dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei
-aufeinander folgenden Tagen ansetzte.</p>
-
-<p>Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen
-des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die
-Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später
-auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach
-hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt
-ist heiter.</p>
-
-<p>Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September)
-ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von
-Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem
-atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge,
-aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter
-südlich die Nebel.</p>
-
-<p>Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan
-zu lesen und um</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">Zwei ernste Reisegeschichten</p>
-
-<p>zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu
-schildern.</p>
-
-<p class="s5 center mtop1 mbot1"><b>1. Der russische Weber im Felsengebirge.</b></p>
-
-<p>Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der
-Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren
-Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> dem
-schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei
-<em class="gesperrt">Golden</em>.</p>
-
-<p>Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht
-bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein
-vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster
-Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an
-sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen
-Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur
-wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen
-Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau
-zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes
-Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein
-kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.</p>
-
-<p>In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute,
-lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen
-recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert
-und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des
-stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen
-Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat
-ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie,
-die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf
-die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der
-langen Fahrt erduldet, &mdash; allerdings, wie ich höre, ganz andere als die
-Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch
-nach dem goldenen Vliess auszogen.</p>
-
-<p>Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden.
-An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie <em class="gesperrt">diesen</em> Theil der
-Reise noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen,
-bitten; man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.</p>
-
-<p>Aber <em class="gesperrt">jetzt</em> haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes
-Amerika betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden
-entgegen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Elf Tage</em> sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis
-hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder
-an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über
-die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein
-Mensch hat sich um sie bekümmert;<a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> nur Einer,<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> eben so arm wie sie,
-hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr
-Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt,
-sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.</p>
-
-<p>Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen
-Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu &mdash; ganz
-unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25
-Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke
-besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer
-Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen
-ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur
-trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die
-Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den
-Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der
-sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie
-vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer
-Verzweiflung sich nachschleppen liess.</p>
-
-<p>Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse
-<em class="gesperrt">Hartherzigkeit gegen Bettler</em> bei Amerikanern und auch bei
-Engländern zu beobachten. Aber <em class="gesperrt">dieses</em> Mal war der Ertrag einer
-für die armen Leute veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie
-förmlich verdutzt dreinschauten.</p>
-
-<p>Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des
-Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten
-wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie
-an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern
-schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.</p>
-
-<p class="s5 center mtop1 mbot1"><b>2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.</b></p>
-
-<p>Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner
-Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von
-Japan“, nichts hatte anthun können, &mdash; mehr den Insassen und unsrem
-Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine
-Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir
-nachher in der Ecke des Rauchzimmers.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p>Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne
-nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und
-überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen
-Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen
-Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen
-von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von
-England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel
-der Reisenden auf unserem Schiff.</p>
-
-<p>Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben,
-sie beten für ihn.</p>
-
-<p>Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver
-am Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das
-nur <em class="gesperrt">ein</em> Stockwerk, <em class="gesperrt">ein</em> Fenster, <em class="gesperrt">einen</em> Wohnraum
-besitzt, vom Morgen bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen
-und des quälenden Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten,
-die den bezopften Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der
-„rothharigen Barbaren“ verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und
-Ueberlegenheit seiner uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses
-Ziel zu erreichen. Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte
-er genug, um in seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner
-Frau und seinem drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton
-zurückgelassen, und sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu
-sichern. Jeden Abend zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine
-Papiere und rechnete die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch
-in der Verbannung zuzubringen hatte, &mdash; obwohl er ja schon lange mit
-zierlicher Schrift über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt
-und den Dampfer, der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da
-kam der 30. August, ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am
-folgenden Tag segelt ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“,
-nach dem märchenhaften Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt;
-alle Cajütenpassagiere haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er
-schafft unverdrossen, die Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat
-früher, als er geträumt und gehofft, wird er die Heimath schauen.
-Kräftig presst er das heisse Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als
-wäre es das Steuerruder des Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.</p>
-
-<p>Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt
-empor und will ihn ersticken, &mdash; ein Strom von Blut; und mit einem
-Angstschrei sinkt er zu Boden.</p>
-
-<p>Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an
-sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland,<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> seine
-Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.</p>
-
-<p>Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt
-sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er
-erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s
-Schiff; ich will nach Hause.“</p>
-
-<p>Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser
-Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein
-Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im
-Sturm der Tod.</p>
-
-<p>Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch
-Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach
-ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss
-fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, &mdash; und war der Verstorbene
-mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, &mdash;
-sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein
-Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung
-ihr Leib aufgeschnitten wird, &mdash; von jenem barbarischen Doctor, dessen
-Hilfe sie bei ihren <em class="gesperrt">Lebzeiten</em> unter keinen Umständen in Anspruch
-nehmen.</p>
-
-<p>Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt,
-kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht.
-Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon
-öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von
-wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche
-unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.</p>
-
-<p>Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über
-die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen
-englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für
-die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern
-bleiben.</p>
-
-<p>Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser
-Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin
-vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten.
-Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie
-vollendet habe, vollende und vollenden werde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p>Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavier­spiel,
-Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik
-liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren
-Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen
-mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische
-Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden
-Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl
-jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht
-nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der
-„Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische
-Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und
-aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen
-zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und
-der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss
-ausstellte.</p>
-
-<p>Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von
-Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die
-Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug
-durch den Ort gesungen haben:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">Jonny<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> is a Gentleman,</div>
- <div class="verse">But Willy<a name="FNAnker_74a_74" id="FNAnker_74a_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> is a fool,</div>
- <div class="verse">Before he goes to Parliament,</div>
- <div class="verse">He best returns to school.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere
-Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit
-seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise
-unternimmt,<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch
-später den Abzug des Bildes erhalten.</p>
-
-<p>Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land
-gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe
-meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht
-über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein
-Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> erblickten wir die
-<em class="gesperrt">bergige Küste</em> der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir,
-nach unseren Schulerinnerungen, <em class="gesperrt">Nippon</em>, die Japaner aber Hondo
-nennen. Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen
-Form des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An
-den mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir
-in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der
-Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es
-war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch
-schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen.
-Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern.
-Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz
-bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in
-die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen
-zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an
-die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und
-ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung,
-wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.</p>
-
-<p>Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem
-Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen
-ihrer Beschäftigung und <a name="ihrenummer" id="ihrenummer"></a>ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen
-sehr vertrauenerweckenden Eindruck.</p>
-
-<p>Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der <em class="gesperrt">Portugiese</em><a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> des
-grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit
-seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie
-in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen;
-vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der
-Wettbewerb ein. Der <em class="gesperrt">Japaner</em> vom Clubhotel, das auch gerühmt
-wird, übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch.
-Wir nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig
-die schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer,
-der uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus
-von Yokohama landet.<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen
-von einem muskelstarken Japaner,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> befördert mich zu dem am Meeresufer
-schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert
-wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste,
-ununterbrochene Seereise hinter mir.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="IV">IV.<br />
-<b>Japan.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Wer eine <em class="gesperrt">derartige</em> Reise unternommen (nicht in der Absicht,
-silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern <em class="gesperrt">Belehrung</em>
-heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen
-<em class="gesperrt">vorzubereiten</em>,<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> damit in dem schnellen Wechsel der
-vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe.
-<em class="gesperrt">Manches</em> meinen wir ja zu <em class="gesperrt">wissen</em>; wir glauben z. B. das
-<em class="gesperrt">Aussehen</em> der Japaner zu <em class="gesperrt">kennen</em>. Jeder von uns hat eine
-ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die
-weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung
-würdevoll einherschreiten. Aber wie <em class="gesperrt">oberflächlich</em> unsere
-Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in <em class="gesperrt">ihrem</em> Lande
-kennen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Japaner</em> selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse.
-Die europäischen Forscher erklären sie für eine <em class="gesperrt">mongolische</em>
-Be<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>völkerung, welche aus der Tatarei über <em class="gesperrt">Korea</em><a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> auf die
-Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den
-mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, <em class="gesperrt">vielleicht</em> auch mit
-einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu
-der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.</p>
-
-<p>Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch
-eigne dazu erfunden.</p>
-
-<p>Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar,
-sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase
-und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist
-etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter);
-die japanische Frau entsprechend kleiner.</p>
-
-<p>Sie ist in <em class="gesperrt">Wirklichkeit</em> schöner, als das sattsam bekannte
-<em class="gesperrt">Ideal</em> der japanischen <em class="gesperrt">Maler</em> mit dem ovalen Gesicht, den
-übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem
-ganz kleinen Rosenmündchen.</p>
-
-<p>Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet
-der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen,
-getuschten Lichtbildes<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> einer jungen Japanerin, das ich in
-<em class="gesperrt">Kobe</em> gekauft habe.</p>
-
-<p>Ich bemerke, dass die Schönheit der <em class="gesperrt">jungen Mädchen</em> von den
-Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern.
-Der Europäer muss, wie man sagt, 12 <em class="gesperrt">Monate</em> im Lande verweilen,
-bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat.
-Aber <em class="gesperrt">hässlich</em> wird <em class="gesperrt">Niemand</em> sie finden.<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> Die zierliche
-Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren,
-lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt
-wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte
-Anordnung<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft
-gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel
-(obi), &mdash; alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das
-auf den Beschauer einen <em class="gesperrt">gefälligen</em>
-Eindruck<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> macht, trotz der
-hölzernen Stöckelschuhe. (<em class="gesperrt">Geta</em>, aus einem Brettchen mit zwei
-unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von
-Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht
-durch die europäische zu verdrängen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="japanese_woman" name="japanese_woman">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0060.jpg"
- alt="Japanerin" /></a>
-</div>
-
-<p>Und die japanischen <em class="gesperrt">Männer</em> sehen in dem weiten und
-weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem
-Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen
-Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> den sehr weiten Hosen
-(Hakawa), welche <em class="gesperrt">über</em> dem Kimono mit einem Gürtel befestigt
-werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand
-(kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den
-(mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit
-staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser
-Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes,
-welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu
-Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als
-<em class="gesperrt">Rein’s</em> Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls
-die <em class="gesperrt">neueste</em> Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in
-richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu
-keine Kopfbedeckung.<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> In der <em class="gesperrt">Provinz</em> hatten die Aerzte bei
-ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, <em class="gesperrt">europäische</em> Kleidung
-angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.</p>
-
-<p>Von der <em class="gesperrt">Geschichte der Japaner</em> weiss der gebildete Europäer
-gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns
-eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten
-Geschichtsforschern, wie von <em class="gesperrt">Ranke</em>, nicht dazu gerechnet wird.
-Das ist eine <em class="gesperrt">Thatsache</em>. Die <em class="gesperrt">Redensarten</em>, dass wir Japans
-Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst
-haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche
-organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben &mdash;
-Redensarten.</p>
-
-<p>Wenn das <em class="gesperrt">Bestreben</em> des Gebildeten dahin geht, <em class="gesperrt">alles
-Geschehene zu begreifen</em>; so können wir ein grosses Volk Asiens, das
-an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa
-übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen
-wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> wir ganz
-ebenso einseitig wie <em class="gesperrt">Plato</em> es zu seinem Bedauern gewesen, da er
-die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="japanese_men" name="japanese_men">
- <img class="mtop1 mbot1" src="images/i_0062.jpg"
- alt="Japaner" /></a>
-</div>
-
-<p>Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können
-uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer
-Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir
-vielleicht noch Manches von <em class="gesperrt">ihnen</em> lernen, die jetzt &mdash; unsere
-wissensdurstigsten Schüler darstellen.</p>
-
-<p>Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine
-Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie <em class="gesperrt">von
-der Gabelentz</em>; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von
-Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan
-vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in
-der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen
-Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu
-einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte
-vorher <em class="gesperrt">gar keine Entwicklung</em> gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge
-zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">japanische Geschichte</em> reicht nicht zurück über das 6.
-Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan
-die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage
-gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der
-älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Alles Frühere ist Mythe.</em> Wir übergehen die japanischen Sagen von
-der <em class="gesperrt">Weltschöpfung</em> und von dem <em class="gesperrt">göttlichen Zeitalter</em>, in
-dem Götter über Japan herrschten.</p>
-
-<p>Der erste menschliche Kaiser (<em class="gesperrt">Mikado</em>),<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> <em class="gesperrt">Jim-mu-Tenno</em>,
-ein Abkömmling der Sonnengöttin (<em class="gesperrt">Amaterasu</em>) soll 600 v. Chr.
-gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die
-Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden;
-dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der
-Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der
-Kaiserin Jingō erobert sein.</p>
-
-<p>1. Sicher ist, dass der <em class="gesperrt">Buddhismus</em> um die Mitte des 6.
-Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach
-chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich
-verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (<em class="gesperrt">Shinto</em>),
-lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p>2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n.
-Chr. <em class="gesperrt">Yoritomo</em> zum Hausmeier (<em class="gesperrt">Shogun</em>)<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> oder weltlichen
-Herrscher ernannt. 1274&ndash;1281 wurden die Einfälle der Mongolen
-zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die
-Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.</p>
-
-<p>3. 1603 kam die kraftvolle <em class="gesperrt">Tokugawa</em>-Familie, die den Buddhismus
-förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher
-waren <em class="gesperrt">Jeyasu</em>, der grösste Mann der japanischen Geschichte, †
-1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. <em class="gesperrt">Von 1614 bis 1854 war
-Japan den Fremden verschlossen.</em> (Nur die <em class="gesperrt">Holländer</em> durften
-in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen
-in hoher Blüthe. Es herrschte eine <em class="gesperrt">Feudalverfassung</em> mit Fürsten
-(<em class="gesperrt">Daimio</em>)<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> und Rittern (<em class="gesperrt">Samurai</em>)<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>. Zum gewöhnlichen
-Volk (<em class="gesperrt">heimin</em>) gehörten alle, ausser Fürstendienern und
-Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber
-und Todtengräber galten als Unreine, <em class="gesperrt">Eta</em>.)</p>
-
-<p>4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen
-Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und
-europäischen Staaten kam es zu einer <em class="gesperrt">Revolution</em>, aus welcher der
-<em class="gesperrt">Mikado</em> 1868 siegreich hervorging.</p>
-
-<p>Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter
-verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine <em class="gesperrt">Verfassung</em> mit
-Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.</p>
-
-<p>Es besteht vollkommene <em class="gesperrt">Religionsfreiheit</em>, doch wird neuerdings
-Shinto wieder mehr begünstigt.</p>
-
-<p>Und wie steht es mit der <em class="gesperrt">Religion</em>? Das wird sofort so mancher
-<em class="gesperrt">Europäer</em> fragen. Aber der <em class="gesperrt">gebildete Japaner</em> wird lächelnd
-erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von
-Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. &mdash; Geh’ aufs Land. Der
-Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem
-Tode vom Buddha-Priester bestattet.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Und die europäischen Kenner<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> stimmen vollkommen bei. Shinto hat
-keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller
-unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen
-Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen
-und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel
-besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.</em></p>
-
-<p>In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr.,
-hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere
-Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen
-Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu
-dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi)
-thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber
-sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado
-waltete im heiligen Hain zu <em class="gesperrt">Ise</em> über den Spiegel, das Schwert
-und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der
-Sonnengöttin <em class="gesperrt">Amaterasu</em>, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen,
-die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.</p>
-
-<p>Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts
-n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug,
-die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer
-Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den
-Namen <em class="gesperrt">Shin-to</em>. (<em class="gesperrt">Shin</em>, Geist und <em class="gesperrt">dô</em>, Lehre &mdash;
-chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist <em class="gesperrt">Kami</em>, daher der Name
-<em class="gesperrt">Kami-Lehre</em>.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die
-meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810&ndash;823
-n. Chr.) die <em class="gesperrt">Mischreligion Riyobu-Shinto</em>, d. h. beiderlei
-Götterlehre.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Neugestaltung</em>, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700
-n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des
-Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen
-und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und
-Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren
-Tagen die „<em class="gesperrt">Reinigung</em>“ der Shintotempel von buddhistischen
-Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen
-Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk
-für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester,<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> so duldsam sie auch
-im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen,
-das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den
-Shinto-Priestern zu übergeben.</p>
-
-<p>Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen
-Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.</p>
-
-<p>Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet
-durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken,
-von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts
-gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter
-Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes
-(Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde
-desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos
-und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt
-ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen
-einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)<a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a>
-<em class="gesperrt">angeblich</em> Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch
-ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami;
-endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera
-japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du
-thronest im hohen Himmelsfelde.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Buddhismus</em> beherrscht den Osten von Asien, wie der
-Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner,
-d. i. <em class="gesperrt">ein Drittel der Erdbevölkerung</em>.</p>
-
-<p>Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn
-<em class="gesperrt">Siddhârta</em> seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar,
-südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und
-Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen <em class="gesperrt">Bo</em>
-oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara)
-und wurde <em class="gesperrt">Buddha</em> (ein Heiliger), <em class="gesperrt">Çakyamuni</em><a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>
-<em class="gesperrt">Gautama Buddha</em>. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen
-Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine
-neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach <em class="gesperrt">Eitel</em> und <em class="gesperrt">Rein</em>):
-1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von
-der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung
-durch eigne Kraft und Uebergang in <em class="gesperrt">Nirwana</em>, wo die Seele das
-Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet
-in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p>Nach den fünf <em class="gesperrt">Hauptgeboten</em> darf der Buddhist nicht tödten ein
-lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen,
-kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der
-Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist
-allmählich zu einem groben Götzendienst entartet.</em> Neben den sieben
-Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf
-einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch
-dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „<em class="gesperrt">Dorfarzt</em>“
-Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle
-reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin
-der Gnade (<em class="gesperrt">Kannón</em>) und die <em class="gesperrt">Buddha’s</em>, die in Milde und
-Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des
-Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.</p>
-
-<p>Hochberühmt sind die <em class="gesperrt">grossen Buddha’s</em> (Dai-buts) von Kamakura
-bei Yokohama, von Nara und Kyoto.</p>
-
-<p>Der Buddhatempel in Japan (<em class="gesperrt">tera</em>) liegt gewöhnlich in einem
-Hain. Verschiedene Thore (<em class="gesperrt">mon</em>), von fratzenhaften Wächtern
-(„Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen,
-Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das
-prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und
-farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem
-Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes <em class="gesperrt">Skimmi</em>
-(Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst
-ist manchem europäischen nicht unähnlich.</p>
-
-<p>Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida
-Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In <em class="gesperrt">einem</em> Punkt sind Shinto-
-und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine
-Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a></p>
-
-<p>Der weise <em class="gesperrt">Koshi</em><a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr.
-in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die
-Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das
-Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue,
-Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen
-(Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener,<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Mann und Frau,
-zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des
-<em class="gesperrt">Koshi</em> in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der
-Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte
-der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado
-<em class="gesperrt">Asada Shokaku</em> den folgenden Grundsatz auf: <em class="gesperrt">„Koshi bildet den
-Charakter, Shokanron<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> erhält das Leben.“</em></p>
-
-<p>Ueber die <em class="gesperrt">Geographie</em> genügen wenige Worte<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a>. Japan ist das
-östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br.
-und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und
-erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es
-mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer
-ein <a name="deuschemeilen" id="deuschemeilen"></a>450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres
-gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise
-rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen
-91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner
-zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent
-jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)</p>
-
-<p>Die Hauptinsel heisst <em class="gesperrt">Hondo</em>, bei uns <em class="gesperrt">Nippon</em>, die
-beiden südlichen Inseln <em class="gesperrt">Kiushiu</em> (Neunland) und <em class="gesperrt">Shikoku</em>
-(Vierland). Die nördliche Insel <em class="gesperrt">Yezo</em> ist sehr schwach bevölkert
-(3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten
-besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Marco Polo</em> den staunenden Europäern von der goldreichen
-Insel <em class="gesperrt">Zipangu</em> im fernen Osten erzählte &mdash; die zu erreichen,
-zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, &mdash; hat er
-die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo,
-Sonnen-Aufgang-Land. Die <em class="gesperrt">Japaner</em> nannten ihr Land zuerst
-<em class="gesperrt">Yamato</em>, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das
-grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. <em class="gesperrt">Nihon</em>
-oder <em class="gesperrt">Nippon</em>, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben
-die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán
-abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch <em class="gesperrt">früher</em>, als
-sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten,
-<em class="gesperrt">Dai-Nippon</em>, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere
-Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p>So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche
-„den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> &mdash; aber ich fand
-Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land
-und Leuten auf das freudigste überrascht.</p>
-
-<p>Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr,
-befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung
-ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht
-miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die
-Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs
-am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in
-Japan.</p>
-
-<p>Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen
-ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst
-des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden
-beschieden ist.</p>
-
-<p>Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach
-der Hauptstadt Tokyo streben.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="nodisplay" id="Yokohama" title="Yokohama"></h3>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Yokohama</em> („Querstrand“) war ein unbedeutendes
-<em class="gesperrt">Fischerdorf</em>, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf
-und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste
-Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen
-Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen
-an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im
-Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten
-und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen
-konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach <em class="gesperrt">Yokohama</em>:
-1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer
-Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff)
-mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen,
-1887 die Quellwasserleitung eröffnet.</p>
-
-<p>Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel)
-lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen
-breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die
-Einwohnerzahl schon 120000.<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> Yokohama ist der wichtigste von den
-vier <em class="gesperrt">Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>tragshäfen</em><a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und
-hat 1881&ndash;1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr
-geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den
-grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im
-Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen
-Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>,
-woran die <em class="gesperrt">Deutschen mit 15 Procent</em> betheiligt waren. Die
-japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst:
-eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze,
-Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten<a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> erbaut und
-brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die
-Hindu’s im britischen Ostindien.</p>
-
-<p>In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. &amp;
-O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen
-Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach
-Vancouver und nach Frisco.</p>
-
-<p>Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse
-(Bund)<a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren
-gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die
-Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch
-die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und
-Wagenziehern.</p>
-
-<p>Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des <em class="gesperrt">norddeutschen</em> Lloyd,
-das Consulat des <em class="gesperrt">deutschen</em> Reiches, den <em class="gesperrt">deutschen</em> Club.
-In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft
-von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen
-Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich
-besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo,
-Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem
-englischen Führer (Bradshaw) die <em class="gesperrt">ärgerliche</em> Bestätigung: „There
-are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die
-Hälfte des Handels in deutschen Händen. <em class="gesperrt">Deutschland ist eine<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Macht
-in Ostasien</em>. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich;
-nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr
-Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.</p>
-
-<p>Im deutschen <em class="gesperrt">Club</em> gab es gutes Essen und gutes Bier, aber
-auch eine Probe <em class="gesperrt">ostasiatischer Sitten</em>. Ich erhielt bei Tisch
-einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo,
-ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht
-und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr
-ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club
-eingeführt werden könne.</p>
-
-<p>Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der
-jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber
-die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung
-empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz
-sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging
-zu meinen östlichen Freunden.</p>
-
-<p>Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst <em class="gesperrt">bebte die
-Erde</em>,<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn
-ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu
-Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der
-Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser
-Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.</p>
-
-<p>Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich
-schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein
-Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte
-er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm
-antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ <em class="gesperrt">Er</em> hatte <em class="gesperrt">mich</em> wohl nicht
-verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges
-gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.</p>
-
-<p>Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von
-chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung
-beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten
-beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen
-Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und
-farbenprächtig schmücken liessen;<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a> aber seit 1868 von der Regierung
-als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen
-von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> von
-Hori<a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt &mdash; sogar unter Anwendung
-des schmerzstillenden Cocaïns!</p>
-
-<p>Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der
-Eisenbahn von Yokohama <em class="gesperrt">nach Tokyo</em> (18 englische Meilen = 32,4
-km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die <em class="gesperrt">älteste
-Eisenbahn</em> in Japan,<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> sie wurde 1872 eröffnet.</p>
-
-<p>Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz;
-aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper
-wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den
-Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der
-Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am
-Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt
-dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen
-erster Classe; aber das angebotene <em class="gesperrt">Trinkgeld</em> weist er kurz und
-würdig zurück.</p>
-
-<p>Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit
-dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft
-geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper
-der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden
-Halteplatz.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eilzüge giebt es nicht.</em> Die Eisenbahn hält an jedem grösseren
-Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden,
-welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.</p>
-
-<p>Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten <em class="gesperrt">Kanagawa</em>, in
-dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen,
-erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen)
-Feuer-Berg <em class="gesperrt">Fuji</em>, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle
-spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.</p>
-
-<p>Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des <em class="gesperrt">Tokaïdo</em>,
-mit ihrer doppelten Pinienreihe.</p>
-
-<p>Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche,
-kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen,
-sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> die
-nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> erreicht,
-der Zug rollt in den grossen <em class="gesperrt">Shimbashi-Bahnhof</em>, der nahe der
-Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="nodisplay" id="Tokyo" title="Tokyo"></h3>
-
-</div>
-
-<p>Hier harrte meiner die angenehmste <em class="gesperrt">Ueberraschung</em>. Der ganze
-Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal
-werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich
-werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen
-Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die
-kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen)
-Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder
-Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit
-zwei Mann hinter einander bespannt war. Das <em class="gesperrt">Imperial-Hotel</em> ist
-schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das <em class="gesperrt">beste</em>, welches
-ich wenigstens in <em class="gesperrt">Asien</em> gefunden: ein sehr stattliches Gebäude
-mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut
-ausgestatteten Zimmern und Bädern,<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> electrischer Beleuchtung, guter
-Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von
-Japanern geleitet, die Preise sind mässig:<a name="FNAnker_107_107" id="FNAnker_107_107"></a><a href="#Fussnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a> das Hotel hat einen
-Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der
-Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.</p>
-
-<p>Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier
-zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie
-konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner
-frisch gebackenen Weisheit, die „<em class="gesperrt">Odawara-Sitzung</em>“<a name="FNAnker_108_108" id="FNAnker_108_108"></a><a href="#Fussnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> beendete
-und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und
-Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die
-sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.</p>
-
-<p>Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht
-reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch
-hatten sie mir einen <em class="gesperrt">Führer</em> gemiethet, was in den Reisebüchern
-dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> scheint, da man
-auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht
-zu erlernen vermag.</p>
-
-<p>Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner,
-pockennarbiger Herr, der das <em class="gesperrt">Gymnasium</em> durchgemacht hat,
-mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2
-<em class="gesperrt">Yen</em> Tageslohn,<a name="FNAnker_109_109" id="FNAnker_109_109"></a><a href="#Fussnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> die er zu empfangen hat.</p>
-
-<p>Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir,
-dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht
-besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein
-Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch,
-sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache.
-Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten
-seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das &mdash; <em class="gesperrt">englische</em>
-Reisebuch in der Hand halten, <em class="gesperrt">deutsch</em> denken, <em class="gesperrt">französisch</em>
-fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem
-englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der
-zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine
-amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich
-½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita
-nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle
-empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir
-hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste
-allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem
-Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist,
-als in Japan; das liegt in der <em class="gesperrt">Gutartigkeit</em> des Volkes und der
-<em class="gesperrt">mustergiltigen Polizei</em>.<a name="FNAnker_110_110" id="FNAnker_110_110"></a><a href="#Fussnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a></p>
-
-<p>Allerdings einen <em class="gesperrt">Pass</em> muss der Reisende haben, sowie er die
-sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki,
-Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von
-10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt.
-Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer<a name="FNAnker_111_111" id="FNAnker_111_111"></a><a href="#Fussnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a>
-erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein
-Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere
-Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>sandtschaft seines
-Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet;
-gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den
-Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für
-drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt
-des Mikado.</p>
-
-<p>Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer
-Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten
-mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr
-gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich
-ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass
-zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man
-nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist &mdash; etwa wie mancher
-türkische Zaptieh &mdash; nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines
-Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre.
-Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten
-Vertragshafen befördert.</p>
-
-<p>Unser Landsmann Dr. <em class="gesperrt">Scriba</em>, Professor der Chirurgie an der
-Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende
-Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische
-Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden
-war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort
-mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren.
-„Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen
-Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja
-mit dem Mikado,“ erwiederte jener. &mdash; „Das nützt mir nichts,“ sagte
-unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des
-Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen
-Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu
-jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber
-jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.</p>
-
-<p>Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung
-<em class="gesperrt">japanisches Geld</em>. Goldstücke<a name="FNAnker_112_112" id="FNAnker_112_112"></a><a href="#Fussnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a> sieht man nur in den Museen,
-d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka
-eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> worden,
-der <em class="gesperrt">Silber-Yen</em>, der genau so gross und so schwer ist wie der
-mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;<a name="FNAnker_113_113" id="FNAnker_113_113"></a><a href="#Fussnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a>
-aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.</p>
-
-<p>Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben
-offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige
-Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen.
-Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam
-verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift
-und „<em class="gesperrt">one Yen</em>“ in lateinischen Buchstaben.</p>
-
-<p>Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld
-sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die
-<em class="gesperrt">Kupfermünzen</em><a name="FNAnker_114_114" id="FNAnker_114_114"></a><a href="#Fussnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a> kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in
-den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen
-geopferten <em class="gesperrt">alten</em> Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen,
-die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf
-einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die
-Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen.
-<em class="gesperrt">Papiergeld</em> kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner
-schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5,
-10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also
-sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem <em class="gesperrt">Dondorf</em>’schen
-Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit
-Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der
-Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.<a name="FNAnker_115_115" id="FNAnker_115_115"></a><a href="#Fussnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a> Mit dem
-japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus,
-da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder
-übervortheilt wird.</p>
-
-<p>Hat man Pass und Geld, so braucht man <em class="gesperrt">Verkehrsmittel</em>. Diese sind
-leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff.
-Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die
-<em class="gesperrt">Jin-riki-sha</em>, d. h. Mann-Kraft-Wagen.<a name="FNAnker_116_116" id="FNAnker_116_116"></a><a href="#Fussnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> Es sind<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> dies ganz
-leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach,
-in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen
-mit den Händen ergreift und munter forttrabt.</p>
-
-<p>Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch
-bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und
-China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt
-herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong
-und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine
-gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen.
-Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich
-und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als
-mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch
-Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine <em class="gesperrt">Leistung</em> ist
-<em class="gesperrt">staunenswerth</em>; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt
-hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei
-Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf
-guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km
-für ein gutes Tagewerk.<a name="FNAnker_117_117" id="FNAnker_117_117"></a><a href="#Fussnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a> Früher trabte der Wagenmann noch bequemer,
-da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder
-einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug;
-während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische
-Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane
-Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die
-Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.</p>
-
-<p>Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim
-Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur
-solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster
-dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte
-Naturwahrheit wiedergeben könnte.</p>
-
-<p>Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die
-Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach
-langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld.
-(Fahrgeld ist 7&ndash;15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa
-60 Sen für einen halben Tag, 1&ndash;1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber
-bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen <em class="gesperrt">Gullivan’s</em> auf dem
-Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny
-den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der
-Männer zu schonen; aber ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit
-freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.<a name="FNAnker_118_118" id="FNAnker_118_118"></a><a href="#Fussnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a></p>
-
-<p>Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz
-dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten
-besten Wagenmann zu fahren; &mdash; in manchen Gegenden von Italien und
-Constantinopel<a name="FNAnker_119_119" id="FNAnker_119_119"></a><a href="#Fussnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen.
-Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder
-Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends
-die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der
-Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns,
-Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch
-gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er
-selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von
-Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut
-den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in
-einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst
-versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden,
-wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches
-Verhältniss herausgebildet. Allerdings, <em class="gesperrt">englisch</em> können diese
-Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber
-sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die
-besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen
-Führer oder Dolmetscher.</p>
-
-<p>Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der
-vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu
-ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.</p>
-
-<p>Die Stadt <em class="gesperrt">Yedo</em> ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet
-<em class="gesperrt">Wasser-Thor</em>. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich
-ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo
-durch <em class="gesperrt">Jeyasu</em> zur militärischen <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> von Japan
-umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich
-seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit
-1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten
-<em class="gesperrt">Festungs<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>gräben</em>, ein Theil der riesigen <em class="gesperrt">Umfassungsmauern</em>
-und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.</p>
-
-<p>Burg (<em class="gesperrt">Shiro</em>) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk
-der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und,
-durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen
-Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten
-<em class="gesperrt">Palast des Mikado</em><a name="FNAnker_120_120" id="FNAnker_120_120"></a><a href="#Fussnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a>, zu dem eine prächtige Brücke (Niju)
-führt.</p>
-
-<p>Den Umkreis der Burg (<em class="gesperrt">Sotoshiro</em>) bildet die Handels- und
-Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die
-Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt
-über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und
-zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der
-Vororte) 1300000 Einwohner.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte Tokyo’s</em> zeigt uns eine Kette von
-<em class="gesperrt">Feuersbrünsten</em><a name="FNAnker_121_121" id="FNAnker_121_121"></a><a href="#Fussnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a>, Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze
-Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel
-und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten,
-wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein
-starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren.
-Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man
-ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich
-verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je
-300 Yen) oder 1:60. Man <em class="gesperrt">sagte</em> mir, dass ein Haus nur 5&ndash;7 Jahre
-stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben
-angeführten Brand-Statistik.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p>Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken
-sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der
-Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der
-Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn
-aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.</p>
-
-<p>Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und
-eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch
-scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.</p>
-
-<p>1650&ndash;1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868
-der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,<a name="FNAnker_122_122" id="FNAnker_122_122"></a><a href="#Fussnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> umgewandelt.
-1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den
-Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in
-demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn
-in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890
-Telephon eingeführt.</p>
-
-<p>Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es
-liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche
-Wasserläufe durchziehen die Stadt.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Strassen</em> der Millionstadt Tokyo<a name="FNAnker_123_123" id="FNAnker_123_123"></a><a href="#Fussnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a> zeigen zwar dem
-aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber
-nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen
-glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich
-zu befinden.</p>
-
-<p>Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten
-Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben.
-Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen
-versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der
-fremden Gesandten befinden sich in <em class="gesperrt">einem</em> Stadttheil, und zum
-Theil hinter Mauern und Gärten.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">japanische Haus</em><a name="FNAnker_124_124" id="FNAnker_124_124"></a><a href="#Fussnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a> ist von überraschender Einfachheit und
-Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau,
-ohne Fundament.</p>
-
-<p>Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken
-des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren
-Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> dass eine
-umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2&ndash;3 Fuss über
-den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der
-Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke
-Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast,
-den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische,
-Sofa’s gleichzeitig vertreten.</p>
-
-<p>Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von
-2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der
-Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in
-jedem Augenblick zu vergrössern<a name="FNAnker_125_125" id="FNAnker_125_125"></a><a href="#Fussnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a> oder zu verkleinern. Die Höhe der
-Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen
-dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder
-geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama)
-ausgefüllt.</p>
-
-<p>Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein
-rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem
-<em class="gesperrt">Papier</em><a name="FNAnker_126_126" id="FNAnker_126_126"></a><a href="#Fussnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches
-diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar
-für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.<a name="FNAnker_127_127" id="FNAnker_127_127"></a><a href="#Fussnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a> Den Tag über und bei
-gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des
-Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine
-fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt
-es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite,
-mit Ausblick auf den winzigen Garten, &mdash; wie in Pompeji. Hier ist an
-der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei
-Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das
-Schlafzeug<a name="FNAnker_128_128" id="FNAnker_128_128"></a><a href="#Fussnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a>, auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus
-geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der
-Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört
-missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter
-in einer Lade, dem „Brettsack.“</p>
-
-<p>Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) <em class="gesperrt">entbehrt
-der Dauerhaftigkeit</em>, da es nur aus Holz und Papier besteht, und
-der <em class="gesperrt">Behaglichkeit</em>, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und
-Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die
-kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein
-hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner
-<em class="gesperrt">Morse</em>, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner<a name="FNAnker_129_129" id="FNAnker_129_129"></a><a href="#Fussnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a>
-veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass<a name="FNAnker_130_130" id="FNAnker_130_130"></a><a href="#Fussnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a>
-vergeblich dagegen an.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zwei Vortheile</em> hat das japanische Haus, es ist sehr billig und
-widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus <em class="gesperrt">Rein’s</em> Angabe,
-dass der Herstellungswerth 150&ndash;1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich
-zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor
-Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt
-geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40
-Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu
-nicht vorhanden ist.</p>
-
-<p>Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich
-nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier
-Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die
-der Einwohner angegeben.</p>
-
-<p>In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten
-Japan’s) schmale <em class="gesperrt">feuerfeste</em> Gebäude (Kura), worin Nachts und
-bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen
-aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich
-wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen
-Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt
-ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen
-nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen
-bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche
-werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält
-Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Volksleben</em> ist unbeschreiblich anmuthig wegen der
-Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs
-giebt es weder Lärm noch Gedränge.</p>
-
-<p>Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der
-mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und
-der Käufer sie davon trägt.</p>
-
-<p>Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich
-in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle
-Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse,
-welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden
-und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen
-Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.</p>
-
-<p>Zu den <em class="gesperrt">Hauptsehenswürdigkeiten</em> von Tokyo gehört der Park von
-Shiba und der von Ueno.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Shiba</em>, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels
-von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von
-<em class="gesperrt">Jeyasu</em> dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln<a name="FNAnker_131_131" id="FNAnker_131_131"></a><a href="#Fussnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a> (ihai) der
-Tokugawa-Familie aufzunehmen.</p>
-
-<p>Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der
-zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi †
-1866).</p>
-
-<p>Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den
-Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit
-kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der
-göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.</p>
-
-<p>Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten
-Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges,
-schön geschnitztes <em class="gesperrt">Holzthor</em>, das der beiden Dewa-Könige oder
-Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen
-Hof, der in einer <em class="gesperrt">ganz eigenthümlichen</em>, echt japanischen Weise
-geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den
-Ehrengaben der Daimio. Jede <em class="gesperrt">Laterne</em> besteht aus vier Theilen,
-nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch
-gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus
-dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen
-Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">zweites Thor</em>, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings
-um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>nannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand
-des <a name="pabst" id="pabst"></a>Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem <em class="gesperrt">zweiten
-Hof</em>, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen
-<em class="gesperrt">Bronze-Laternen</em> geziert ist.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">dritte Thor</em> finden wir noch prachtvoller, als das zweite;
-es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten
-und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs
-mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier
-führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen
-<em class="gesperrt">Todten-Tempel</em>, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei
-geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und
-absteigender Drache bezeichnet werden.</p>
-
-<p>Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger
-Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend
-verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht
-aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem
-schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter
-Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen,
-betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem
-Gang, die Samurai in der Vorhalle, &mdash; ganz ähnlich wie in den Tempeln
-der alten Aegypter.</p>
-
-<p>Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt.
-Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei
-Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich &mdash; denn die Thüren
-werden nie geöffnet! &mdash; das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun,
-der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu
-beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann
-das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der
-Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï
-Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz
-(Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das
-buddhistische Sinnbild der Reinheit.</p>
-
-<p>Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude
-besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „<em class="gesperrt">Symphonie
-von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit</em>“ darstellt, fragt
-kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder &mdash; der Verfasser
-des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel
-nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern
-für den <em class="gesperrt">japanischen</em> Geschmack errichtet ist; und ferner den
-Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und
-prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>holten Besuchen, zu
-der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges
-Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack
-befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist
-ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes
-Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig
-sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und
-ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt
-allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische
-Kunstschöpfung <em class="gesperrt">über</em> die europäische zu erheben.</p>
-
-<p>Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die
-Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von <em class="gesperrt">Nikko</em>
-Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.</p>
-
-<p>Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor
-und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt
-ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die <em class="gesperrt">tiefe
-Einsamkeit</em>, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen
-Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die
-<em class="gesperrt">sterblichen Reste</em> der verehrten Shogune ruhen, &mdash; geschützt
-gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.</p>
-
-<p>Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche
-Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des
-Irdischen.</p>
-
-<p>Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und
-vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des
-jetzigen Mikado.</p>
-
-<p>Von hier führt der Weg zu dem <em class="gesperrt">Kloster</em> von Zojoji und zu dem
-neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit
-der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl
-vergessen, dass er in Ostasien weilt.</p>
-
-<p>Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen <em class="gesperrt">Gokoku-den</em>, welches in
-einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu
-stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den
-Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.</p>
-
-<p>Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, &mdash; ein
-„nasser Heiliger“ (nure botoke), &mdash; vom Jahre 1761.</p>
-
-<p>Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der
-Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler
-das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte
-achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers
-enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste
-Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Löwen, dem Könige
-der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit
-den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in
-Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine
-Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz
-ähnlich, wie in den <em class="gesperrt">Turbe’s</em> der Sultane zu Stambul.</p>
-
-<p>In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo <em class="gesperrt">Jeyasu</em> auch als
-<em class="gesperrt">Shintogottheit</em> verehrt wird, und ferner <em class="gesperrt">Kōyō-kwan</em>,
-das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen
-lernen sollte.</p>
-
-<p>Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe
-genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils
-um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; &mdash;
-denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt
-den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und
-freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine
-Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch <em class="gesperrt">Mitford’s tales of
-old Japan</em> in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch,
-der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht
-kennen und &mdash; im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in
-Kürze anschliessen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ronin</em> heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in
-dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der
-beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch
-heute gefeiert.</p>
-
-<p>Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den
-jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken,
-auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die
-Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine
-Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel
-und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen
-Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi
-wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert
-einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen
-Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber
-zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.<a name="FNAnker_132_132" id="FNAnker_132_132"></a><a href="#Fussnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a> Seine
-Dienstmannen, jetzt Ronin,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi
-Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod
-ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die
-46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu
-Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und
-trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur
-Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich
-Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die
-Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten.
-In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten
-alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren
-Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei
-ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre
-gesetzt, niedergehauen, &mdash; aber dieser selber nicht zu finden, bis er
-endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich
-vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner
-sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen
-Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens
-anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus
-Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben
-Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den
-Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus,
-um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in
-blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der
-Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie
-anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine
-Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess
-sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und
-legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss
-des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri;
-und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p>
-
-<p>Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende
-Weihrauchkerzen.</p>
-
-<p>Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das
-Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den
-Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte
-ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die
-hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient
-es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben
-unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder
-deines Herren.“<a name="FNAnker_133_133" id="FNAnker_133_133"></a><a href="#Fussnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a></p>
-
-<p>Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark
-gelegenen <em class="gesperrt">Bazar</em> (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die
-niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse
-japanischer Kunstfertigkeit. <em class="gesperrt">Alles</em> ist hier zu haben, was
-der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme,
-Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke,
-Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut
-behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste
-verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die
-Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches
-Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die
-geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen
-allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil
-seines Gewerbes handzüglich vorwies.</p>
-
-<p>Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel
-<em class="gesperrt">Atago-yama</em>. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist
-steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist
-nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen
-von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse
-russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich
-etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist
-sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und
-andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.</p>
-
-<p>Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke
-der Stadt belegenen <em class="gesperrt">Ueno</em>-Park, der <em class="gesperrt">Nachmittags</em> sich
-besser darstellt. <em class="gesperrt">Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.</em><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625
-vom Shogun <em class="gesperrt">Jemitsu</em> übernommen; er wollte hier eine Reihe von
-<em class="gesperrt">Buddha-Tempeln</em> gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen
-sollten.</p>
-
-<p>Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier
-musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen,
-so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der
-Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit
-dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem
-Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach
-Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser
-Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den
-Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner
-Stelle steht jetzt das <em class="gesperrt">Museum</em>. Der ganze Ueno-Park ist seit
-einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.</p>
-
-<p>Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht
-auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber &mdash; nicht
-belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man
-Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner
-Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch
-von den andern rasch besänftigt.</p>
-
-<p>Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes
-<em class="gesperrt">Denkmal</em> ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado
-gefallenen Soldaten gewidmet.</p>
-
-<p>Der berühmte <em class="gesperrt">Kirschbaumweg</em>, im Frühling zur Zeit der Blüthe
-das Entzücken der Japaner<a name="FNAnker_134_134" id="FNAnker_134_134"></a><a href="#Fussnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a>, war auch jetzt, im Herbst, recht
-schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See,
-auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der
-Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich
-gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park
-widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n.
-Chr., ist unschön.</p>
-
-<p>Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt,
-tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> langen
-Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des <em class="gesperrt">Gongen-Sama</em>
-(Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33
-Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert.
-Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der <em class="gesperrt">Mensch ein
-Dreieck</em> sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner,
-der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich
-ein solches Dreieck. Das <em class="gesperrt">Ueno-Museum</em>, ein grosses Gebäude in
-europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen
-Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr
-gering, die Räume sind gut besucht von <em class="gesperrt">Einheimischen</em>.<a name="FNAnker_135_135" id="FNAnker_135_135"></a><a href="#Fussnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a> Die
-Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden
-hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils
-nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen.
-Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe
-für <em class="gesperrt">unsre</em> Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer
-Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die
-zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu
-fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir
-Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das
-Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen
-aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen
-wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter
-kleine, <em class="gesperrt">irdene Figuren von Mann und Ross</em>, die (seit dem Gesetz
-des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem
-todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen
-und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.<a name="FNAnker_136_136" id="FNAnker_136_136"></a><a href="#Fussnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> Sodann buddhistische
-Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato,
-und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus
-der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners
-Hashikura, der 1614&ndash;1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt
-hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der
-katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und &mdash; im
-Gegensatz dazu &mdash; die <em class="gesperrt">Trampelbretter</em> (fumi-ita), Metalltafeln
-mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau,
-auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der
-christlichen Religion, diejenigen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Japaner, welche man für heimliche
-Anhänger dieser Lehre hielt, <em class="gesperrt">trampeln</em><a name="FNAnker_137_137" id="FNAnker_137_137"></a><a href="#Fussnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a> mussten, um sich von
-dem Verdacht zu reinigen.</p>
-
-<p>Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für
-schweres Geld geliefert haben.</p>
-
-<p>Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in
-der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten,
-der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die
-japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.</p>
-
-<p>Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die <em class="gesperrt">Shogun-Gräber</em>
-(Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680),
-der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858)
-liegen hier begraben.</p>
-
-<p>Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen,
-im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem
-Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt
-wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7
-Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.</p>
-
-<p>Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.</p>
-
-<p>Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige
-<em class="gesperrt">Verkaufs-Ausstellung</em>, die auch hier sich befindet, und bewundern
-wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren.
-Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen
-Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des
-Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.</p>
-
-<p>Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der
-gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind
-die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der
-Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell
-mit starkem Papier verklebt; auf <em class="gesperrt">unseren</em> Reisen würde derselbe
-beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für
-Buddha’s Bildsäule sind alle nach <em class="gesperrt">einem</em> Muster, innen vergoldet.
-Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen
-kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug
-vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort
-für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum
-Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten <em class="gesperrt">Zwergpflanzen</em><a name="FNAnker_138_138" id="FNAnker_138_138"></a><a href="#Fussnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a>
-ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> einem tellergrossen Blumentopf.
-In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen
-jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren
-Cigarre<a name="FNAnker_139_139" id="FNAnker_139_139"></a><a href="#Fussnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.</p>
-
-<p>Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von <em class="gesperrt">Asakusa</em>.</p>
-
-<p>Zuerst fällt auf <em class="gesperrt">Higashi Hongwanji</em><a name="FNAnker_140_140" id="FNAnker_140_140"></a><a href="#Fussnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a>, der Haupttempel von
-Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar
-einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst
-140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von
-Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten
-Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher
-Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein
-ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge,
-welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!</p>
-
-<p>Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende
-Buddhisten-Tempel <em class="gesperrt">Asakusa Kwannon</em>. Das eigentliche Cultbild der
-Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von
-einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem
-Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein
-grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk
-gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von
-Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.</p>
-
-<p>Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in
-japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk
-für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck,
-Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer,
-Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf
-den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die
-Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt.
-Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem
-kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.</p>
-
-<p>Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> Jerusalem,
-als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie
-in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr
-auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester
-und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.</p>
-
-<p>Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch
-das zweistöckige Thor (an dem rechts <em class="gesperrt">Riesen-Sandalen</em> hängen,
-Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein
-mit einer <em class="gesperrt">Gebetmühle</em> sich befindet,) hinein in die grosse
-Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche
-Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem
-Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze
-in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen
-aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche
-die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, &mdash; an der
-Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk
-von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, &mdash; wie bei uns
-ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem
-Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet.
-Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber
-gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden
-Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht,
-ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.<a name="FNAnker_141_141" id="FNAnker_141_141"></a><a href="#Fussnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a></p>
-
-<p>Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als
-Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen
-und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen
-Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische
-Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo,
-den seine Rosa weckt“; &mdash; endlich Engel, die letzteren in den höchsten
-Regionen, nämlich am Dach, &mdash; das sind die Gegenstände der wichtigeren
-Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.</p>
-
-<p>Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein
-freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu,
-verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits
-bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der
-Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Gebete für Kranke
-abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum,
-dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von
-Augenleidenden herrühren.</p>
-
-<p>Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von
-(verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der
-Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem
-Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage
-gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht
-man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches
-Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch <em class="gesperrt">einen</em>
-kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die
-buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie
-nicht alle durchlesen. Aber ein <em class="gesperrt">annähernd gleiches</em> Verdienst
-erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. &mdash; Ein
-chinesischer Priester <em class="gesperrt">Fu Daishi</em> im 6. Jahrhundert n. Chr. soll
-diese Dreh-Bücherei<a name="FNAnker_142_142" id="FNAnker_142_142"></a><a href="#Fussnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a> erfunden haben.</p>
-
-<p>Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen
-Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch
-electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.</p>
-
-<p>Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der
-östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer
-entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt
-es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt.
-Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich
-geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben
-vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.</p>
-
-<p>Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine
-Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der
-japanische Polichinell geprügelt.</p>
-
-<p>Eigenartig ist der japanische <em class="gesperrt">Geschäfts-Garten</em>. Die Pflanzen
-stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden
-kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr
-als die Nase wird das Auge geweidet.</p>
-
-<p>Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen
-Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“
-haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener
-Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und
-ihren Blüthenduft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p>So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch.</div>
- <div class="verse">Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz
-allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als
-bei irgend einem andern Volke.</p>
-
-<p>Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2&ndash;3 Jahren, auf dem
-Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine
-Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann,
-vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag
-leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für
-einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes
-Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei
-Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.</p>
-
-<p>Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den
-Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen
-entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu
-senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.</p>
-
-<p>Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil
-seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der
-Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine
-kleine Silbermünze.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Ausfluege_von_Tokyo">Ausflüge von Tokyo. &mdash; Nikko, Miyanoshita, Kamakura.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von
-<em class="gesperrt">Nikko</em><a name="FNAnker_143_143" id="FNAnker_143_143"></a><a href="#Fussnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a>, 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der
-Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte
-H. <em class="gesperrt">Meyer</em> 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie
-Kochofen und Diener mitnehmen.</p>
-
-<p>Nikko kekko, Nikko ist entzückend, &mdash; dies hört man so häufig in Japan,
-wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.</p>
-
-<p>Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle,
-Maulbeerbäume, Gemüsefelder, &mdash; Alles wechselt in bunter Reihe mit
-kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar
-unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan <em class="gesperrt">genügen elf</em>. Die Felder
-sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter
-gross. Die Wirthschaften sind klein, 1&ndash;1½ ha. Grossgüter giebt es
-nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.</p>
-
-<p>40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent
-betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen
-kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe,
-wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird
-wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird
-der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet.
-Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem
-Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch
-sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. <em class="gesperrt">Reisfelder</em> müssen ganz unter
-Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel<a name="FNAnker_144_144" id="FNAnker_144_144"></a><a href="#Fussnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> werden jährlich
-geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des
-japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.</p>
-
-<p>Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der
-Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf
-Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen.
-„Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches
-Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird,
-das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung
-herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin)
-stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und
-der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das
-Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten
-wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z.
-B. eine Papierfabrik, unterbrochen.</p>
-
-<p>Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die
-Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach
-Nikko.</p>
-
-<p>Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene
-Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune
-hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite
-(Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die
-Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-Jeyasu brachte. Die <em class="gesperrt">Fichten</em> (Cryptomerien) Japan’s sind nicht
-so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien<a name="FNAnker_145_145" id="FNAnker_145_145"></a><a href="#Fussnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a>,
-nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige,
-wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2&ndash;3 Meter Umfang. Mit
-grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der
-Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko
-schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.</p>
-
-<p>Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem
-Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang.
-In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die
-Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des
-heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,<a name="FNAnker_146_146" id="FNAnker_146_146"></a><a href="#Fussnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a>
-ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile
-von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s,
-sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller
-Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer
-Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.</p>
-
-<p>Im <em class="gesperrt">Nikko-Hotel</em>, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel,
-finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von
-den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.</p>
-
-<p>Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward
-aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde
-767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem
-die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen,
-z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss
-bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte
-Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus
-der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater <em class="gesperrt">Jeyasu</em>.
-Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit
-dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn
-des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko.
-(Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz
-Kita Shirakawa.)</p>
-
-<p>Auch der dritte Shogun (<em class="gesperrt">Jemitsu</em>) hat in Nikko sein Grabdenkmal.</p>
-
-<p>Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in
-vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> schwieriger,
-ist die <em class="gesperrt">Begründung</em> der Gefühlsschwärmerei durch genaue
-<em class="gesperrt">Beschreibung</em>.</p>
-
-<p>Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt,
-ist <em class="gesperrt">zunächst enttäuscht</em>, &mdash; namentlich, wenn er durch unser
-klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen
-Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel,
-Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte
-durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck.
-Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das
-Erhabene und das Schöne.</p>
-
-<p>Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile.
-Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung
-anzuwenden.</p>
-
-<p>Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den
-Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner
-voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als
-gelungen und vollkommen angesehen werden.</p>
-
-<p>Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des
-Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den <em class="gesperrt">Gedanken
-des Göttlichen im Tempelbau</em> auszudrücken versucht! Da ich weder
-Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das
-beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.</p>
-
-<p>So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der
-<em class="gesperrt">altägyptischen</em> Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen,
-als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen,
-umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige
-Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren
-Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten
-Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes
-Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder
-aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die
-„Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der
-römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien,
-obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden.
-Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten,
-gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach
-innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden
-Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt
-war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von
-unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern
-und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und
-zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>losen (allerdings <em class="gesperrt">unserem</em> Geschmack nicht entsprechenden)
-Götterbildern geschmückt, endlich das <em class="gesperrt">Allerheiligste</em>, ein ganz
-dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das
-eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.</p>
-
-<p>In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende
-niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen
-Flucht <em class="gesperrt">erscheint</em> nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe
-perspectivisch verkleinert, sondern <em class="gesperrt">ist</em> thatsächlich kleiner,
-als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck
-einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das
-empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht
-werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür
-des Allerheiligsten hervorschimmerten.</p>
-
-<p>Die alten <em class="gesperrt">Hebräer</em> waren original in ihren religiösen Schriften,
-aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht
-ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s
-Wunderwerk errichtet.</p>
-
-<p>Die Entwicklung<a name="FNAnker_147_147" id="FNAnker_147_147"></a><a href="#Fussnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a> des <em class="gesperrt">altgriechischen</em> Tempels zu schildern,
-übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten
-Zeit den <em class="gesperrt">Parthenon</em> auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des
-Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht
-überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige
-Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der
-glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.</p>
-
-<p>Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an
-der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der
-gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin
-und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.</p>
-
-<p>Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus
-Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt
-den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die
-Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu
-dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.</p>
-
-<p>So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten
-Gebäude, die jemals errichtet worden, &mdash; er diente wohl der Betrachtung
-und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche <em class="gesperrt">Verehrung</em><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar <em class="gesperrt">vor</em> dem
-Tempel wurden die Opfer verbrannt.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Römer</em>, gross als Staatenbildner, in der Kunst und
-Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den
-Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend
-war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder
-Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien
-fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die
-Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im
-Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.</p>
-
-<p>Trotzdem <em class="gesperrt">diese</em> Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen
-Kirche des Römerreiches, der <em class="gesperrt">Basilica</em>, auftritt, scheint die
-letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern
-aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte
-Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor,
-der prächtig geschmückte Altar und in der nach <em class="gesperrt">Osten</em> gerichteten
-Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde
-ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.</p>
-
-<p>Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den
-<em class="gesperrt">centralen Kuppelbau</em>, für den im heidnischen Pantheon zu Rom
-ein Vorbild gegeben war, und den <em class="gesperrt">gothischen Dom</em>. Den ersteren
-bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren
-in unserem <em class="gesperrt">Köln</em>.</p>
-
-<p>Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des <em class="gesperrt">Himmelsgewölbes</em>,
-während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die
-Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine <em class="gesperrt">unergründliche</em> Höhe
-emporlenken.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Mohammedaner</em> haben in der ersten Zeit sicher die Basilica
-nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7.
-Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.</p>
-
-<p>Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach
-in eine Moschee <em class="gesperrt">umgewandelt</em>: die prachtvollen Mosaiken
-übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine
-Gebetnische (Michrab) nach <em class="gesperrt">Südosten</em>,<a name="FNAnker_148_148" id="FNAnker_148_148"></a><a href="#Fussnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a> in der Richtung auf
-das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf
-dem Fussboden <em class="gesperrt">schräg</em> gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen;
-sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und <em class="gesperrt">vor</em> dem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-Tempel ihre schlanken Spitzthürme (<em class="gesperrt">Minaret</em>) erbaut, von deren
-Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.</p>
-
-<p>Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen
-erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia.
-Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die <em class="gesperrt">Kuppel-Bauten der
-Grossmogul zu Agra und Delhi</em>, die dem Parthenon ebenbürtig zur
-Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich
-unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.</p>
-
-<p>Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten
-vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich
-am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.</p>
-
-<p>Ob die Japaner <em class="gesperrt">Religion</em> besitzen, darüber lass’ ich die
-Gelehrten streiten. <em class="gesperrt">Tempel</em> haben sie; ihre schönsten in
-Nikko,<a name="FNAnker_149_149" id="FNAnker_149_149"></a><a href="#Fussnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a> die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher.
-<em class="gesperrt">Sie weichen wesentlich ab</em> von den vorher geschilderten der
-andern Völker. Aber <em class="gesperrt">Natur und Kunst</em> haben die Japaner hier
-geschmackvoll vereinigt, um den <em class="gesperrt">Eindruck des Feierlichen</em>
-hervorzurufen.</p>
-
-<p>Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte
-<em class="gesperrt">Zugangsstrasse</em> wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und
-auf das Kommende vorbereitet.</p>
-
-<p>Am oberen Ende des Dorfes liegt <em class="gesperrt">Mihashi</em>, eine lebhaft roth
-lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss
-breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an
-das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie
-zu beiden Seiten durch Gitter für <em class="gesperrt">gewöhnliche Sterbliche</em>
-stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die
-<em class="gesperrt">gangbare</em> Brücke und kommt über dieselbe in die <em class="gesperrt">heilige
-Strasse</em>. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die
-Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen,
-durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und,
-weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte
-Cypressenhain von Skutari.</p>
-
-<p>Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit
-dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum <em class="gesperrt">Mausoleum des
-Jeyasu</em>.</p>
-
-<p>Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf
-zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein
-höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (<em class="gesperrt">Pagode</em>),<a name="FNAnker_150_150" id="FNAnker_150_150"></a><a href="#Fussnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a> der
-in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss
-Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich,
-bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des
-Thierkreises.</p>
-
-<p>Ein gepflasterter Weg führt zum <em class="gesperrt">ersten Thor, Ni-o-mon</em>, d. h.
-Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren
-Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle
-Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen
-Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut
-ausgeführte Tiger.</p>
-
-<p>Jetzt folgt der <em class="gesperrt">erste Hof</em> mit drei lebhaft gefärbten, hübschen
-<em class="gesperrt">Schatzhäusern</em>, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen
-Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten
-mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war
-gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht,
-innerhalb eines Steingitters, eine stattliche <em class="gesperrt">Fichte</em>, dieselbe,
-welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich
-zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) <em class="gesperrt">Stall</em>
-für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an
-den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte
-Holzschnitzereien, <em class="gesperrt">Affen</em>, welche mit ihren Händen den Mund,
-andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.</p>
-
-<p>Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien)
-genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen,
-Verläumdungen, Begehrlichkeiten.</p>
-
-<p>Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient
-als <em class="gesperrt">Weihwasser-Becken</em> und ein Gebäude daneben enthält eine
-achteckige Dreh-<em class="gesperrt">Bücherei</em> mit der vollständigen Sammlung der
-buddhistischen Schriften.</p>
-
-<p>Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem
-<em class="gesperrt">Vorhof</em>. Hier stehen <em class="gesperrt">Huldigungsgaben</em> der Lehns-Staaten:
-ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse
-Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den
-Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen,
-zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.</p>
-
-<p>Eine weitere Treppe führt empor zu dem <em class="gesperrt">zweiten Thor</em> (Yomei-mon).
-Dieses ist von wunderbarer Schönheit &mdash; „und doch bloss<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> ein Thor.“
-Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die
-letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des
-Thores, &mdash; <em class="gesperrt">nach unten</em>, um den Neid des Himmels abzuwenden. In
-den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in
-den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit
-Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige
-Formen.</p>
-
-<p>Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren
-Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln,
-Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen-
-und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame
-Priester geschaffen. <em class="gesperrt">Ich</em> sah aber hier einen <em class="gesperrt">japanischen
-Maler</em> eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und
-sehr naturgetreu <em class="gesperrt">Oelbilder</em> dieser klassischen Stätte für die
-Weltausstellung in <em class="gesperrt">Chicago</em> anfertigte. Auf Befragen gab er an,
-dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">zweite Hof</em>, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten
-ein Gebäude zum <em class="gesperrt">Verbrennen</em> des duftenden, heiligen Cedernholzes
-und eines für den <em class="gesperrt">heiligen</em> Tanz. Ich sah den letzteren und
-merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich
-neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links
-ist ein Gebäude mit den <em class="gesperrt">heiligen Wagen</em>, die im Festzug am 1.
-Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen
-von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.</p>
-
-<p>Geradeaus kommt man an den eigentlichen <em class="gesperrt">Tempelbezirk</em>, der von
-einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist.
-Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.</p>
-
-<p>Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als
-Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem
-Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen
-Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen
-von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf
-Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige
-Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben
-eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen &mdash;
-verschliesst.</p>
-
-<p>Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten
-Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der
-Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die
-Farben auf das anmuthigste.</p>
-
-<p>Wunderbar ist der <em class="gesperrt">Zugang zu dem Grabmal</em>. Erst kommt<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> man an
-ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen
-Schnitzwerk einer schlafenden <em class="gesperrt">Katze</em> (von <em class="gesperrt">Hidari
-Jingorō</em>) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe,
-240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu
-herrlichen Cryptomerien. Das <em class="gesperrt">Grabmal</em> selbst ist eine kleine
-Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte)
-ein Bronzekranich<a name="FNAnker_151_151" id="FNAnker_151_151"></a><a href="#Fussnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a> mit einem Leuchter im Schnabel und ein
-Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.</p>
-
-<p>Etwas weiter liegt das <em class="gesperrt">Grabmal</em> des <em class="gesperrt">Jemitsu</em>, des dritten
-Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).</p>
-
-<p>Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren
-Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch<a name="FNAnker_152_152" id="FNAnker_152_152"></a><a href="#Fussnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a>
-und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.</p>
-
-<p>Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches
-Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle
-und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal
-ähnlich.</p>
-
-<p>Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist <em class="gesperrt">bequem</em>. Man ersteht eine
-Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten
-Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein <em class="gesperrt">heiliges Paar</em>
-Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere
-der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder
-nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem
-Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. &mdash;</p>
-
-<p>Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach
-dem <em class="gesperrt">Urami-ga-taki</em> oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei
-dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen
-Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht
-der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches
-Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die
-Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen
-und feuern sich<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer
-aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so
-leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde
-zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten
-das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein
-Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.</p>
-
-<p>Auf dem Rückweg besuchen wir <em class="gesperrt">Kamman-ga-fuchi</em>, wo über
-den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein
-Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, &mdash; <em class="gesperrt">angeblich</em> durch den
-heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am
-Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die <em class="gesperrt">angeblich</em> kein
-Mensch richtig zählen könne.</p>
-
-<p>Der Aberglauben ist etwas <em class="gesperrt">einförmig</em>, auch &mdash; in Japan. Doch
-<em class="gesperrt">lächeln</em> die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen
-Kulis.</p>
-
-<p>Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, &mdash; die Priester
-schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, &mdash; fuhr
-ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den <em class="gesperrt">zweiten
-Ausflug</em>, nach <em class="gesperrt">Miyanoshita</em>.</p>
-
-<p>Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht
-weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche
-Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz
-kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach
-Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1
-Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke
-sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk
-zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch
-zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Odowara</em> war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde
-ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem
-festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen
-oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das
-Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern
-die <em class="gesperrt">Odowarasitzung</em> sprichwörtlich geworden.</p>
-
-<p>Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische
-Schlucht bergaufwärts nach <em class="gesperrt">Miyanoshita</em>. Das beste Gasthaus ist
-<em class="gesperrt">Fuji-ya</em>.</p>
-
-<p>Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach <em class="gesperrt">Nara-ya</em>. Das Haus
-war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein
-nervenkranker Engländer da, und &mdash; zahlreiche <em class="gesperrt">Ratten</em>, die man
-Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen
-kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses
-Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan
-nicht &mdash; zu <em class="gesperrt">Fuss</em> gehen soll.</p>
-
-<p>An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine
-Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit
-gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa
-schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte
-ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich
-anhob.</p>
-
-<p>Der dritte Ausflug ist der nach <em class="gesperrt">Kamakura</em> und <em class="gesperrt">Enoshima</em>.
-Kamakura, südwärts von Yokohama,<a name="FNAnker_153_153" id="FNAnker_153_153"></a><a href="#Fussnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a> an der Sagami-Bucht gelegen, ist
-jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama;
-einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Yoritomo</em> (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der
-Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der
-Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan,
-die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des
-Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben.
-Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.</p>
-
-<p>Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist <em class="gesperrt">Dai-butsu</em>, der grosse
-Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von
-49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,<a name="FNAnker_154_154" id="FNAnker_154_154"></a><a href="#Fussnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a> seit dem Jahre 1252 n. Chr.
-und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber
-1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth
-zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am
-reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus
-Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.</p>
-
-<p>Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die <em class="gesperrt">ich</em> zu
-sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der
-Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.</p>
-
-<p>In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform
-Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> dort keine
-kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel
-bedeutend länger.</p>
-
-<p>Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei
-wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für
-uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls
-sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man
-nur zu <em class="gesperrt">betrachten</em> braucht, um sie zu verstehen und zu
-<em class="gesperrt">bewundern</em>.<a name="FNAnker_155_155" id="FNAnker_155_155"></a><a href="#Fussnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a></p>
-
-<p>Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der
-Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum
-halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas
-schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen
-halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss
-Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto
-schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade
-und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische
-Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche
-Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten
-gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.</p>
-
-<p>Die liebliche, immergrüne Insel <em class="gesperrt">Enoshima</em>, seit alter Zeit der
-<em class="gesperrt">Göttin der Liebe</em> (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne
-mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo
-Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum
-Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie
-künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man
-ein <em class="gesperrt">japanisches Santa Lucia</em> vor sich zu sehen. Ich raste oben
-auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten,
-dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden
-Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch
-zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und
-Duldsamkeit.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Theater_in_Tokyo">Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund
-ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung
-für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt
-worden, &mdash; einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter
-erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und
-rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei
-hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter
-dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich
-zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.</p>
-
-<p>Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus,
-meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen
-Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein
-kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser
-Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen
-oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend,
-uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner,
-bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in
-dem <em class="gesperrt">Theehause</em> des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den
-Verkauf der Einlasskarten verwaltet.<a name="FNAnker_156_156" id="FNAnker_156_156"></a><a href="#Fussnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a> Aber wir verweilen hier nicht
-lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und
-kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen
-des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände
-hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber
-(und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben
-oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu
-erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen,
-hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie,
-das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei
-uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen
-Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht
-und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und
-vielerlei Süssigkeiten.</p>
-
-<p>Wir befinden uns in dem <em class="gesperrt">Haupttheater</em> zu <em class="gesperrt">Tokyo</em>, der
-Residenz des Mikado.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei
-Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische
-&mdash; Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über
-die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg <em class="gesperrt">umsonst</em> zusehen; und
-ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist
-schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern
-ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze
-Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich
-häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren
-Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man
-&mdash; Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar
-ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle
-Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen
-japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll
-geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das
-wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur
-geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit
-der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene
-Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des
-Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem
-verwandten chinesischen.<a name="FNAnker_157_157" id="FNAnker_157_157"></a><a href="#Fussnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a></p>
-
-<p>Das Stück beginnt. Den <em class="gesperrt">Namen</em><a name="FNAnker_158_158" id="FNAnker_158_158"></a><a href="#Fussnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a> zu erfahren war schon recht
-schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des
-Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die
-wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene
-Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel
-Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat
-und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint.
-Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist.
-In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für
-die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es
-den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro<a name="FNAnker_159_159" id="FNAnker_159_159"></a><a href="#Fussnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> spielt,
-einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem
-Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen
-Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere
-Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel
-des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber <em class="gesperrt">wir</em> sind hier
-nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der
-Europäer.</p>
-
-<p>Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai,
-von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in
-der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus
-und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen<a name="FNAnker_160_160" id="FNAnker_160_160"></a><a href="#Fussnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a> bearbeitet.
-Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes
-Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird
-er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht
-lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.</p>
-
-<p>Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer
-Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten
-Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und
-leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig,
-wie einst die alten Aegypter; sie schreiben <em class="gesperrt">Alles</em> auf, auch
-Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“</p>
-
-<p>Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar
-„auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten
-Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen
-hindurch geleiteter Holzsteg.</p>
-
-<p>Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen
-That kommt, ergreift er &mdash; nicht das Schwert, sondern zunächst den
-Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der
-Nachwelt zu überliefern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar
-nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus
-einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei
-bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende
-Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber
-werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während
-gleichzeitig aus einem Verschlag <em class="gesperrt">links</em> von der Bühne ein Sänger
-der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in
-etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken,
-Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine
-eignen Rathschläge hinzufügt.</p>
-
-<p>Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von
-Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes
-einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!</p>
-
-<p>Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine
-„Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert,
-das scharfe, und setzt es &mdash; nicht gegen die Brust, das ist nicht fein
-in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt
-der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen
-Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln
-den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.</p>
-
-<p>Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre
-Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht
-ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus
-und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn
-ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von
-Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt
-ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger.
-Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die
-Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit
-ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei
-der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des
-Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er
-zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in
-den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.</p>
-
-<p>Der Vorhang &mdash; er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen
-befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von
-der Seite her vorgeschoben.<a name="FNAnker_161_161" id="FNAnker_161_161"></a><a href="#Fussnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> Er zeigte Riesenblumen im Wasser,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander
-übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu
-kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.</p>
-
-<p>Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns
-in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen
-ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner
-ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.</p>
-
-<p>Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus.
-Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in
-Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.</p>
-
-<p>Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass
-die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er
-verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt
-einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der
-Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein
-Schwert.</p>
-
-<p>Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen
-Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem
-Zapfen sich dreht.<a name="FNAnker_162_162" id="FNAnker_162_162"></a><a href="#Fussnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der
-Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei)
-erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert
-ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt
-den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen
-Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht
-bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach
-dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst,
-da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen
-halten,<a name="FNAnker_163_163" id="FNAnker_163_163"></a><a href="#Fussnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a> folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden
-in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in
-der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten
-Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule
-ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten,
-sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus
-erfolgreiche Studien angestellt hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die
-<em class="gesperrt">Polizei</em>. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder
-<em class="gesperrt">darf</em> nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die
-ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen
-Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er
-rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein
-Geschick.</p>
-
-<p>Die ganze Scene ist sprachlos.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Harakiri</em> nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert
-in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief
-dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie
-man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine
-linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen
-Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.</p>
-
-<p>Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie
-ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu
-sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne
-und höre, dass es wirklich vorbei ist.</p>
-
-<p>Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin
-eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen;
-es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.</p>
-
-<p>Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie
-das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde
-sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese
-Frage.<a name="FNAnker_164_164" id="FNAnker_164_164"></a><a href="#Fussnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a></p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">gewisser</em> Einfluss des <em class="gesperrt">griechischen</em> Drama’s auf das
-<em class="gesperrt">indische</em> ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach
-<em class="gesperrt">Klein</em>,<a name="FNAnker_165_165" id="FNAnker_165_165"></a><a href="#Fussnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a> gegen <em class="gesperrt">Weber</em>] nicht überschätzt werden.
-Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach
-China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des
-auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert
-n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des
-chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in
-Peru ein ein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>heimisches geschichtliches Schauspiel vor, das <em class="gesperrt">offenbar
-an Ort und Stelle</em> entstanden war.</p>
-
-<p>Jedenfalls hat <em class="gesperrt">das japanische Drama<a name="FNAnker_166_166" id="FNAnker_166_166"></a><a href="#Fussnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> einen nationalen</em>
-Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet
-wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den
-kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben
-dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer
-Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung
-heisst <em class="gesperrt">No</em>. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in
-gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich.
-Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von
-geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der
-Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt
-und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen
-grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.</p>
-
-<p>In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung
-veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen
-bekommt.</p>
-
-<p>Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin,
-&mdash; alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem
-Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der
-kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden
-Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der
-Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die
-Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten
-wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen,
-die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll
-nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen
-(Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.</p>
-
-<p>Es wird gewiss auch <em class="gesperrt">inhaltreichere</em> Stücke der Art geben; aber
-ich habe andere nicht gesehen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Volkstheater</em> (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n.
-Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe
-von 6&ndash;7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, &mdash; gerade wie die
-alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.</p>
-
-<p>Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.</p>
-
-<p>Die beiden grössten Schauspieldichter<a name="FNAnker_167_167" id="FNAnker_167_167"></a><a href="#Fussnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a> der Japaner lebten im 18.
-Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> die
-„Rache der 47 Knappen“<a name="FNAnker_168_168" id="FNAnker_168_168"></a><a href="#Fussnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a> auf die Bühne. Im Volkstheater liebt
-man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen
-unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der
-einzige Platz, wo das <em class="gesperrt">alte Schopf-Japan</em> noch naturgetreu
-vorgeführt wird, und gleichzeitig das <em class="gesperrt">heutige</em> Leben des
-Völkchens, an den <em class="gesperrt">Zuschauern</em>, studirt werden kann. Dass
-das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die
-vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.</p>
-
-<p>Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des
-Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Gastmahl_im_Clubhaus">Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner
-Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein <em class="gesperrt">Festmahl</em>. Die
-<em class="gesperrt">Speisekarte</em>, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem
-schön bemalten <em class="gesperrt">Fächer</em>, der sinnbildlich den Namen des Gastes
-und des Wirthes (Sikayama = <em class="gesperrt">Hirschberg</em>, Inouye = Ueber dem
-<em class="gesperrt">Brunnen</em>), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer
-langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische
-Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr
-Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten
-Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben,
-Polypen, Reis und noch vieles Andere.</p>
-
-<p>Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders
-aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen
-oder vielmehr <em class="gesperrt">ganz niedrigen</em> Tischchen (Zen) angeordnet. Ein
-volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (<em class="gesperrt">Tischen</em>), und
-jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich
-aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können
-wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine
-Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern
-Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt
-es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist
-so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte
-es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der <em class="gesperrt">rohe
-Fisch</em>, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige
-Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als &mdash; eine lebendige<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Auster.
-Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade
-<em class="gesperrt">dieses Fisch-Gericht</em> nicht so vortrefflich sein und alle
-die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und
-amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.</p>
-
-<p>Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es
-zahlreiche Arten giebt.</p>
-
-<p>Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die
-<em class="gesperrt">Uebersetzung der Speisekarte</em> beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo,
-Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen,
-für mich anzufertigen die Güte hatte.</p>
-
-<ol class="tisch">
- <li><b>Der erste Tisch.</b>
-
- <ol class="gericht1">
- <li><em class="gesperrt">Suimono</em>: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).</li>
- <li><em class="gesperrt">Kuchitori</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Wildes Geflügel,</li>
- <li>Krebse,</li>
- <li>Eier,</li>
- <li>Essbare Kastanien,</li>
- <li>Süsse Citrone.</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Sashimi</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Suzuki-Fisch,</li>
- <li>Aralia edulis,</li>
- <li>Junge Gurken.<br />
- Gewürz: Meerrettig.</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Hachizakana</em>, dessen Material:
- Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.</li>
-
- <li><em class="gesperrt">Donburi</em>, dessen Material: Anago-Fisch.</li>
-
- <li><em class="gesperrt">Mizubachi</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Namami-Fisch,</li>
- <li>Nori (Meerpflanze).<br />
- Gewürz: Frischer Ingwer.</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Chawanmushi</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Geflügel,</li>
- <li>Krebse,</li>
- <li>Essbare Kastanien.<br />
- Das Verbindungsmittel bilden Eier.</li>
- </ol></li>
-
- </ol></li>
-
- <li><b>Der zweite Tisch.</b>
-
- <ol class="gericht2">
- <li><em class="gesperrt">Namasu</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Akagai-Muscheln,</li>
- <li>Melonen,</li>
- <li>Iwatake-Pilz.</li>
- </ol><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Shiru</em> (Suppe).</li>
-
- <li><em class="gesperrt">Komono</em>, dessen Bestandtheile:
-
- <ol class="gang">
- <li>Narazuke, Wurzel und Früchte,</li>
- <li>Misozuke, Wurzel und Früchte,</li>
- <li>Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Hira</em>, dessen Bestandtheile:
-
- <ol class="gang">
- <li>Grosse Krebse (eine Art von Hummern),</li>
- <li>Shiitake-Pilz,</li>
- <li>Gemüse.<br />
- Gewürz: Süsse Citronen.</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Choko</em>, dessen Material: Awabi-Muscheln.</li>
-
- <li><em class="gesperrt">Tsubo</em>, dessen Materialien:
-
- <ol class="gang">
- <li>Tai-Fisch,</li>
- <li>Essbare Kastanien,</li>
- <li>Eier.</li>
- </ol></li>
-
- <li><em class="gesperrt">Hikimono</em>, dessen Bestandtheile:
-
- <ol class="gang">
- <li>Tai-Fisch,</li>
- <li>Hummer,</li>
- <li>Hamaguri-Muscheln.</li>
- </ol></li>
-
- </ol></li>
-
-</ol>
-
-<ol class="tisch2">
- <li><b>Getränke:</b>
-
-<table class="drink" summary="Getränkeliste">
- <tr>
- <td>
- 1) <em class="gesperrt">Kamenotoshi</em>,
- </td>
- <td class="tdc vam" rowspan="8">
- <div class="figcenter">
- <a id="klammer_p_117" name="klammer_p_117">
- <img class="klammer_117" src="images/i_0117.jpg"
- alt="" /></a>
- </div>
- </td>
- <td class="tdc vam" rowspan="8">
- japanisch.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 2) <em class="gesperrt">Shisoshu</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 3) <em class="gesperrt">Umeshu</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 4) <em class="gesperrt">Awamori</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 5) <em class="gesperrt">Mirin</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 6) <em class="gesperrt">Jōrōshu</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 7) <em class="gesperrt">Irozakari</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 8) <em class="gesperrt">Hōmeishu</em>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="3">
- 9) <em class="gesperrt">Champagner</em>, europäisch.
- </td>
- </tr>
-</table>
- </li>
-
-</ol>
-
-<p>Der Uebersetzer bemerkt: <em class="gesperrt">Alle</em> vierzehn Teller stellen
-verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu
-erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen
-verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten
-feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei
-Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten
-feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken,
-k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und
-Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig
-etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend
-eines vierfüssigen<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel,
-sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns
-nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht
-vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa
-ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns
-nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen
-Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere
-in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen
-Leuten gegessen. &mdash;</p>
-
-<p>Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz.
-<em class="gesperrt">Musik</em> ist nach <em class="gesperrt">Montesquieu</em> ein <em class="gesperrt">angenehmes</em>
-Geräusch; ein <em class="gesperrt">unangenehmes</em> aber wird es für den Europäer, wenn
-es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“
-in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna,
-oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende
-Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.</p>
-
-<p>Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige
-mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen
-Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie
-von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die
-Guitarre (<em class="gesperrt">Samisen</em>), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von
-dem spanischen Manila.</p>
-
-<p>Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik.
-Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner
-fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) &mdash; wie „fünf
-Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.</p>
-
-<p>Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt,
-erklärte mir, dass er die Musik von <em class="gesperrt">Richard Wagner</em> für sehr
-schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische
-Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung,
-gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die
-europäischen.</p>
-
-<p>Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern
-des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von
-5&ndash;10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern
-bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener
-und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen
-konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den
-aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln
-und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden,
-dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde.
-Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen,
-die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen
-bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird
-im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und
-Freunde, der <em class="gesperrt">kunstgemässe</em> Tanz von den Töchtern vorgeführt.</p>
-
-<p>Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches
-vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.</p>
-
-<p>Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als
-<em class="gesperrt">Gastgeschenk</em> einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet
-und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine
-Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.</p>
-
-<p>Natürlich bekommt der <em class="gesperrt">gewöhnliche</em> Japaner nicht ein solches
-Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage,
-Morgens, Mittags, Abends. <em class="gesperrt">Reis</em> ist die Hauptsache. Deshalb
-heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-<em class="gesperrt">Reis</em>, wie bei
-uns Morgen-, Mittag-, Abend-<em class="gesperrt">Brod</em>.</p>
-
-<p>Dazu kommen <em class="gesperrt">Bohnen</em> und andere Hülsenfrüchte<a name="FNAnker_169_169" id="FNAnker_169_169"></a><a href="#Fussnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a>, Hirse,
-Fisch<a name="FNAnker_170_170" id="FNAnker_170_170"></a><a href="#Fussnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a>, und <em class="gesperrt">Früchte</em>. Unter letzteren sind besonders beliebt
-Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie
-Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt
-geschält werden, aber schlecht schmecken. <em class="gesperrt">Brod</em>, <em class="gesperrt">Butter</em>,
-<em class="gesperrt">Käse</em>, <em class="gesperrt">Milch</em> fehlen; Eier werden genossen.</p>
-
-<p>Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen
-vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die
-festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind,
-mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand
-hält und geschickt wie eine Zange anwendet.</p>
-
-<p>Die drei <em class="gesperrt">Genussmittel</em> der Japaner sind 1. <em class="gesperrt">cha</em> (Thee),
-ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. <em class="gesperrt">sake</em> (Reisschnaps),
-dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der
-Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer
-brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres
-bewirkte<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen
-Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. <em class="gesperrt">tabako</em>, der im Anfang des 17.
-Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus
-Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und
-Alt, Mann und &mdash; Weib.</p>
-
-<p>Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt
-das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.</p>
-
-<p>Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an
-Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut
-zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind
-kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht
-hinreichend Bewegung haben.</p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">Ernährung der japanischen</em> (und chinesischen)
-<em class="gesperrt">Arbeiter</em> spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht
-nach <em class="gesperrt">Scheube</em> etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird
-von der arbeitenden Classe zu 750&ndash;1050 g, nach Wernich zuweilen
-sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste,
-Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen
-etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach <em class="gesperrt">Scheube</em>,
-<em class="gesperrt">Kellner</em> und Y. <em class="gesperrt">Mori</em> und, nach den neuesten Bestimmungen
-von R. <em class="gesperrt">Mori</em>, <em class="gesperrt">Oi</em> und <em class="gesperrt">Jhisima</em><a name="FNAnker_171_171" id="FNAnker_171_171"></a><a href="#Fussnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> an der
-Truppenreiskost, 78&ndash;100 g Eiweiss, 10&ndash;17 g Fett und 335&ndash;620 g
-Kohlehydrat<a name="FNAnker_172_172" id="FNAnker_172_172"></a><a href="#Fussnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a>. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine,
-meistens nur 42&ndash;58 kg schwere Leute sind!</p>
-
-<p>Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der
-japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich.
-<em class="gesperrt">Scheube</em> will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass
-er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit
-einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach
-einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel
-schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht
-verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis
-(7&ndash;8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen
-das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen
-Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen
-Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt
-nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.<a name="FNAnker_173_173" id="FNAnker_173_173"></a><a href="#Fussnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p>Dies Hauptnahrungsmittel, der <em class="gesperrt">Reis</em>, wird in China seit 5000
-Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China
-kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den
-Griechen.<a name="FNAnker_174_174" id="FNAnker_174_174"></a><a href="#Fussnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus
-machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen
-Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach
-dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier
-auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina,
-Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750
-Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40
-Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan
-geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. &mdash;</p>
-
-<p>Am 24. September 1892 war das <em class="gesperrt">Festessen</em>, welches die
-<em class="gesperrt">Aerzte</em> von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses
-werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in
-ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser
-Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt,
-einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen
-Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass
-sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den
-andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler<a name="FNAnker_175_175" id="FNAnker_175_175"></a><a href="#Fussnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> macht seine
-Sache ausgezeichnet.</p>
-
-<p>Danach besuchen wir den Shinto-Tempel <em class="gesperrt">Shokonsha</em>,<a name="FNAnker_176_176" id="FNAnker_176_176"></a><a href="#Fussnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a> der zum
-Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen
-Soldaten 1868 errichtet ist.</p>
-
-<p>Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein
-gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem
-Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein
-Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine
-Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch,
-ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen
-den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung
-versetzen.</p>
-
-<p>Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz
-entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen
-Schilden zusammengedrängt ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p>Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen
-Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen
-brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine
-Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume
-und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren
-Gestalten gezwungen werden.</p>
-
-<p>Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume,
-wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien,
-Azaleen, Lotos, <em class="gesperrt">Chrysanthemum</em>. (<em class="gesperrt">Kiku</em>, von dieser Blume
-stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Versammlungsort</em> ist Kojo-kan, das Haus des rothen
-Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen,
-allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch
-auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste
-Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf
-den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist
-durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in <em class="gesperrt">einen</em> ungeheuren
-Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit
-<em class="gesperrt">deutschen</em> und <em class="gesperrt">japanischen Fahnen</em> (der rothen Sonne in
-weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl.
-Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst
-kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es
-hierbei, seine <em class="gesperrt">Besuchskarte</em> zu überreichen und die des Gastes
-entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht
-unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue
-anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und
-dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Festordnung</em> war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt
-ein <em class="gesperrt">Schnellmaler</em>. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier
-von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt
-mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist
-ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann
-einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber
-sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel.
-Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so
-naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar
-fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen
-in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten
-gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit
-dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie
-einen Europäer in Frack<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand,
-gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er
-sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht
-nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie
-ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (<em class="gesperrt">Kuboto
-Beisen</em>). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.</p>
-
-<p>Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen
-hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau.
-Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe-
-und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden <em class="gesperrt">mit
-Perspective</em> und <em class="gesperrt">Oel</em>malerei, entzieht sich heute noch unserer
-Beurtheilung.</p>
-
-<p>Hierauf folgte das <em class="gesperrt">Festessen</em>. Die Japaner nahmen in der
-landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich
-selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Speisekarte</em> für Jeden war wieder ein bemalter Fächer,
-worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der
-Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste
-reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen
-Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes;
-letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll
-Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin,
-die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde
-waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es
-eigentlich der Brauch heischt, austrank.</p>
-
-<p>Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Festreden</em> behandelten den Dank der japanischen Aerzte an
-die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die <em class="gesperrt">Musik</em> war die übliche.
-Die <em class="gesperrt">Tänzerinnen</em> in prachtvoller Gewandung führten einen
-eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne
-hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in
-den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen
-Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen
-Leinwandtüchern.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Taschenspieler</em> war höchst geschickt und unterhaltend. Sein
-Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor,
-gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume
-geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus
-gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er
-die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch;<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> aber wunderbar fand ich
-die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen,
-gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete
-und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus
-einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein
-Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst
-er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn
-brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende
-grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und
-das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit
-der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern
-Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit
-überlegen.</p>
-
-<p>Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten
-Einladungen erhalten.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Deutschland_in_Japan">Deutschland in Japan.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über
-den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen
-Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein
-<em class="gesperrt">liebliches Märchenland</em>, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber
-in seiner Eigenart doch höchst <em class="gesperrt">anmuthig</em> und gefällig erscheint.
-Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der
-Laut der <em class="gesperrt">Heimathsprache</em> klingt, die er auf der Fahrt über den
-nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten
-vernommen. <em class="gesperrt">Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.</em></p>
-
-<p>Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen
-Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer
-Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil
-noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren
-japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem
-Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird
-von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland
-seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der
-Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen
-Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im
-Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der
-Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die
-japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa
-ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine
-Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir
-die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen
-von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren,
-doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat.
-Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste
-Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise
-nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein
-Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich
-empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die
-heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen,
-als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.</p>
-
-<p>Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des
-rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr.
-<em class="gesperrt">Miyashita</em>, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich
-hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!</p>
-
-<p>Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein
-ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich
-soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn
-Prof. <em class="gesperrt">Hirschberg</em>, der uns heute durch seine Anwesenheit
-beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.</p>
-
-<p>Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der
-freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in
-kurzen Worten schildere.</p>
-
-<p>Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem
-Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten
-Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich
-rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das
-Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu
-dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse
-Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der
-chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem
-tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in
-die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei
-Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan
-sich<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland
-und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen
-Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.</p>
-
-<p>Mit dem bekannten Kriege von 1870&ndash;1871, den Deutschland glorreich
-erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt
-geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher,
-es waren <em class="gesperrt">Müller</em> und <em class="gesperrt">Hoffmann</em>.<a name="FNAnker_177_177" id="FNAnker_177_177"></a><a href="#Fussnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> Nachdem diese
-Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in
-der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene
-andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische
-Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster
-reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr
-aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in
-jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige
-Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war.
-Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen
-empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen
-in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben!
-Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so
-inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben
-Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ &mdash;</p></div>
-
-<p>Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen
-Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T.
-<em class="gesperrt">Inouye</em>. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise
-durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.</p>
-
-<p>Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich
-vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die
-allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt,
-und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte
-erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede,
-verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen <em class="gesperrt">über Wundbehandlung
-in der Augenheilkunde</em>, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und
-nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. <em class="gesperrt">Mein Vortrag ist so
-fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder
-Paris nicht hätte erzielen können.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Universitätskliniken</em> besuchte ich unter freundlicher Führung
-des Herrn Collegen <em class="gesperrt">Scriba</em>. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser
-fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der
-in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise
-des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu
-verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht
-vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener
-sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz
-eigenartige Gestalt annehmen.</p>
-
-<p>Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der
-Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe
-der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung
-besitzen.</p>
-
-<p>Die innere Klinik wird von Prof. <em class="gesperrt">Baelz</em> verwaltet, der zur Zeit
-gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische
-Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst
-von unserem Berliner Collegen <em class="gesperrt">Wernich</em> begründet, steht unter
-einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Körnerkrankheit</em> (Trachoma, aegyptische Augenentzündung)
-ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum
-vorgedrungen; und <em class="gesperrt">sicher nicht erst von den Europäern ins Land
-gebracht</em>. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich
-mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche
-die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu
-Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den
-chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der
-Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt:
-nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo
-ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und
-Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so
-grossen Hitze und Feuchtigkeit.</p>
-
-<p>Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer,
-namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.</p>
-
-<p>Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in
-einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300
-Betten. Sie wird von Prof. <em class="gesperrt">Hasime Sakaki</em> verwaltet, der ein
-Schüler meines Freundes <em class="gesperrt">Mendel</em> war und bei mir in gutem Andenken
-steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von
-Augenspiegelbildern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>Die Kranken werden mit <em class="gesperrt">ausgesuchter Höflichkeit</em> behandelt und
-benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die
-Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.</p>
-
-<p>Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die
-<em class="gesperrt">Fuchskrankheit</em> oder Fuchsbesessenheit.<a name="FNAnker_178_178" id="FNAnker_178_178"></a><a href="#Fussnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> Nach einem alten,
-von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben
-kann der Fuchs in einen Menschen fahren.<a name="FNAnker_179_179" id="FNAnker_179_179"></a><a href="#Fussnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a></p>
-
-<p>Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige,
-stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten,
-immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der
-Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor,
-wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am
-tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.</p>
-
-<p>An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die
-<em class="gesperrt">Universität zu Tokyo</em> anschliessen.</p>
-
-<p>Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der
-Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.</p>
-
-<p>Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft,
-Literatur.<a name="FNAnker_180_180" id="FNAnker_180_180"></a><a href="#Fussnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a> Der Grundstock für die drei letzten war eine alte
-Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der
-Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser
-neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die
-ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat
-entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer
-Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister
-unterstellt.</p>
-
-<p>Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan
-geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im
-Einzelnen verfolgen.</p>
-
-<p>Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern
-Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre,
-bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p>Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen
-Gebäuden<a name="FNAnker_181_181" id="FNAnker_181_181"></a><a href="#Fussnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a> innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen
-eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den
-Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel
-Zeit und Mühe verwendet. <em class="gesperrt">Dem Professor bleibt wenig Musse für
-die Privatpraxis.</em> Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im
-Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen
-statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam,
-gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort
-geschickt zusprechen, <em class="gesperrt">wird ausserordentlich strenge</em> gehalten.
-Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak
-rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber
-in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt
-seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist
-oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den
-grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen,
-sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind,
-wie Manche in Europa.</p>
-
-<p>Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu
-wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger
-Entwicklung der Muskulatur.</p>
-
-<p>Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig
-unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.</p>
-
-<p>Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht
-schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten
-die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen
-überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai)
-waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der
-Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine
-oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne
-Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen
-eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster
-dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige
-Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn
-in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige
-Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen
-haupt<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>sächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist
-der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.</p>
-
-<p>22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo,
-darunter zwei deutsche, Dr. <em class="gesperrt">Bälz</em> für innere Krankheiten, Dr.
-<em class="gesperrt">Scriba</em> für Chirurgie.</p>
-
-<p>Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.</p>
-
-<p>Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster
-eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im
-letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch
-Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine
-Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.</p>
-
-<p>Ein Band von <em class="gesperrt">Mittheilungen aus der medicinischen Facultät
-zu Tokyo</em> und einer von den <em class="gesperrt">Arbeiten der Kaiserlich
-militärärztlichen Lehranstalt</em> ist 1892 zu Tokyo in deutscher
-Sprache erschienen.<a name="FNAnker_182_182" id="FNAnker_182_182"></a><a href="#Fussnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a></p>
-
-<p>Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität
-nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist
-ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu
-300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem
-einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die
-Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter
-der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine,
-in der Heil<em class="gesperrt">wissenschaft</em> gelehrt wird. Dabei sind die Türken,
-Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern.
-<em class="gesperrt">Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern
-zusammengestellt zu werden.</em></p>
-
-<p>Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt
-Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Lazaret des rothen Kreuzes</em>, welches unter dem in der
-deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen
-Staatsrath, Professor und Generalarzt <em class="gesperrt">Hashimoto</em><a name="FNAnker_183_183" id="FNAnker_183_183"></a><a href="#Fussnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a> steht, ist
-ausser<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>ordentlich reinlich und gut eingerichtet;<a name="FNAnker_184_184" id="FNAnker_184_184"></a><a href="#Fussnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> es gehört zu den
-besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner
-Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden
-überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei
-uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="lazarett" name="lazarett">
- <img class="mtop1" src="images/i_0131.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="s5 center mbot2">Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.</p>
-</div>
-
-<p>Im Leichenhaus war gerade <em class="gesperrt">Cursus der Stabsärzte</em>, nach deutschem
-Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und
-vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen
-verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von
-Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften
-mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.</p>
-
-<p>Auch das <em class="gesperrt">Charitékrankenhaus</em> (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr
-günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen
-Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast<a name="FNAnker_185_185" id="FNAnker_185_185"></a><a href="#Fussnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a>, den Fussboden
-vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische
-gleichzeitig vertreten,<a name="FNAnker_186_186" id="FNAnker_186_186"></a><a href="#Fussnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> (weshalb man ja auch seine Schuhe stets
-am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige
-Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden
-blitzt nur vor Sauberkeit.</p>
-
-<p>Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die <em class="gesperrt">Leprösen</em>. Die
-Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier
-Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn
-ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn
-unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte
-verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan
-Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei;
-aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation<a name="FNAnker_187_187" id="FNAnker_187_187"></a><a href="#Fussnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a> giebt er zu, dass
-Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche
-andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der
-Pubertät.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="lazarett_hauptgebaeude" name="lazarett_hauptgebaeude">
- <img class="mtop1" src="images/i_0132.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="s5 center mbot2">Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.</p>
-</div>
-
-<p>Nur durch grosse <em class="gesperrt">Zähigkeit</em>, wie vielfach bei anderen
-Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in <em class="gesperrt">diesem</em>
-Krankenhaus wirklich etwas zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Die Fälle, die mir<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich.
-Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem
-<em class="gesperrt">Eucalyptus-</em>Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen
-faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt
-waren.</p>
-
-<p>Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten,
-mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn,
-nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der
-<em class="gesperrt">älteren chinesisch-japanischen</em> und der neueren europäischen
-Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht
-ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen
-Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom
-Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen
-werden sollen.</p>
-
-<p>Dass wir Deutsche ein vorzügliches <em class="gesperrt">Seemannskrankenhaus</em> in
-Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.</p>
-
-<p>Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs
-Medicinschulen, von denen ich die <em class="gesperrt">vier wichtigsten</em> besucht habe.</p>
-
-<p>Ich reiste von Yokohama zunächst nach <em class="gesperrt">Nagoya</em>.</p>
-
-<p>Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.<a name="FNAnker_188_188" id="FNAnker_188_188"></a><a href="#Fussnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a> Ein
-solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In
-dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren
-Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt.
-Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.</p>
-
-<p>In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches
-Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des <em class="gesperrt">Dr.
-Kítagawa</em>, der seine Studien in Berlin unter <em class="gesperrt">Virchow</em>,
-<em class="gesperrt">Langenbeck</em>, <em class="gesperrt">Schröder</em> gemacht, auch bei mir zwei Semester
-gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus
-der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen
-20 Minuten. <em class="gesperrt">Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen
-Heilkunde.</em></p>
-
-<p>Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten <em class="gesperrt">Kyoto</em>,
-sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie
-in der volkreichen Handelsstadt <em class="gesperrt">Osaka</em>. Die Unterrichtsmittel
-sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem
-neuen <em class="gesperrt">Operationssaal</em> waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne
-Todesfall ausgeführt worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>Recht interessant ist das <em class="gesperrt">Privatkrankenhaus</em> zu Suma bei Kobe,
-an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen,
-fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die
-Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für
-Europäer und Japaner.</p>
-
-<p>Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach
-<em class="gesperrt">Nagasaki</em> auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind
-hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. <em class="gesperrt">Siebold</em><a name="FNAnker_189_189" id="FNAnker_189_189"></a><a href="#Fussnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a> im ersten
-Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber
-gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.</p>
-
-<p>Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen
-Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von <em class="gesperrt">Müller</em>,
-<em class="gesperrt">Hoffmann</em>, <em class="gesperrt">Schultz</em>, <em class="gesperrt">Wernich</em>, <em class="gesperrt">Dönitz</em>,
-<em class="gesperrt">Langgaard</em>, <em class="gesperrt">Bälz</em>, <em class="gesperrt">Scriba</em> war nicht vergeblich; die
-Erwartungen, welche <em class="gesperrt">Hoffmann</em> und <em class="gesperrt">Wernich</em> aussprachen,
-sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft
-für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der <em class="gesperrt">Universitätslehrer
-in Deutschland</em>, zu denen so viele junge Japaner pilgerten,
-hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die
-<em class="gesperrt">geistige Eroberung</em> eines der einsichtigsten und thatkräftigsten
-Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie
-auf manche seiner Waffenthaten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte der japanischen Heilkunde</em><a name="FNAnker_190_190" id="FNAnker_190_190"></a><a href="#Fussnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> kann zwanglos in
-<em class="gesperrt">vier Zeitabschnitte</em> eingetheilt werden:</p>
-
-<p>I. Die <em class="gesperrt">älteste, altjapanische</em> (mythische) Zeit vom unbekannten
-Uranfang bis etwa 200 v. Chr.</p>
-
-<p>II. Die <em class="gesperrt">alte, chinesische</em> Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des
-16. Jahrhunderts n. Chr.</p>
-
-<p>III. Die <em class="gesperrt">neue</em> Zeit, in welcher <em class="gesperrt">europäischer</em> Einfluss
-gegen den <em class="gesperrt">chinesischen</em> ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der
-Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.</p>
-
-<p>IV. Die <em class="gesperrt">neueste, europäische</em> Zeit, etwa von der Mitte unseres
-Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen
-Tage.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">vereinzelten europäischen Aerzte</em>, welche von der Mitte
-des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils
-lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten
-den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> zu
-ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die
-Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.</p>
-
-<p>Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen,
-welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan
-thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten
-Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im
-fernen Weltmeer übermittelt haben.</p>
-
-<p>Ein sehr merkwürdiger Mann war <em class="gesperrt">Engelbrecht Kämpfer</em>, der nach
-seinen eigenen Aufzeichnungen<a name="FNAnker_191_191" id="FNAnker_191_191"></a><a href="#Fussnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a> einige Japaner in der Anatomie und
-Heilkunde unterrichtet hat.</p>
-
-<p>Wenn <em class="gesperrt">Marco Polo</em> die erste Kunde von der Existenz Japan’s den
-Europäern überliefert, <em class="gesperrt">Mendez Pinto</em> als erster Europäer seine
-Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. <em class="gesperrt">Kämpfer</em> als der
-erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre
-1651 zu Lemgo,<a name="FNAnker_192_192" id="FNAnker_192_192"></a><a href="#Fussnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er
-während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland,
-Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften
-und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch
-Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der
-holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von
-da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690&ndash;1692) verblieb er als
-Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene
-alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen
-beiden Werken <em class="gesperrt">Amoenit. exot.</em> und <em class="gesperrt">Geschichte von Japan</em>
-hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte,
-Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.</p>
-
-<p>Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger
-gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre<a name="FNAnker_193_193" id="FNAnker_193_193"></a><a href="#Fussnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a> nach <em class="gesperrt">Kämpfer</em> kommt
-wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der
-holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.</p>
-
-<p>Es war Ph. F. v. <em class="gesperrt">Siebold</em> (1797&ndash;1866), der Verfasser des
-ausgezeichneten Werkes <em class="gesperrt">Nippon</em>, Archiv zur Beschreibung von
-Japan. Von 1823&ndash;1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima.
-Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt
-1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als
-einziger<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen
-Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das
-Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine
-Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum
-Selbstmord (Harakiri) gezwungen und <em class="gesperrt">Siebold</em> für immer des Landes
-verwiesen<a name="FNAnker_194_194" id="FNAnker_194_194"></a><a href="#Fussnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a>.</p>
-
-<p>Drei <em class="gesperrt">japanische Specialitäten</em> sind zu beachten: 1. <em class="gesperrt">das
-Nadelstechen</em>, 2. <em class="gesperrt">das Brennen</em>, 3. <em class="gesperrt">das Kneten</em>.</p>
-
-<p>1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur
-<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">48</span>
-Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl,
-mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren,
-½&ndash;¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe
-an die Oberfläche treten, &mdash; gegen Krampf, Schmerz und sonstige
-Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die
-Regeln für das Nadelstechen enthalten.</p>
-
-<p>Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der
-japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in
-Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun
-Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden <em class="gesperrt">Sugiyama Waichi</em>.<a name="FNAnker_195_195" id="FNAnker_195_195"></a><a href="#Fussnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a></p>
-
-<p>2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder
-(von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich
-Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle
-abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss
-zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte
-<em class="gesperrt">bezeichnen</em> die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus,
-und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist
-nicht sonderlich schmerzhaft.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kämpfer</em> hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem
-chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten
-abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I,
-3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei
-schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am
-linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>3. Das Kneten (amma)<a name="FNAnker_196_196" id="FNAnker_196_196"></a><a href="#Fussnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> wird geübt, und zwar von oben nach unten,
-nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung
-des Körpers; hauptsächlich von den Blinden<a name="FNAnker_197_197" id="FNAnker_197_197"></a><a href="#Fussnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a> (mojin), welche Abends
-die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So
-ernähren sie ihre Familien,<a name="FNAnker_198_198" id="FNAnker_198_198"></a><a href="#Fussnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> statt wie bei uns der Gemeinde zur
-Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld
-verleihen.<a name="FNAnker_199_199" id="FNAnker_199_199"></a><a href="#Fussnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a> Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für
-deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar
-(Yen) zu leisten war!</p>
-
-<p>Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche
-mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der
-oberflächlichen Muskel.</p>
-
-<p>Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht
-und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und
-Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und <em class="gesperrt">nach</em> der
-Entbindung, um die Brüste weich zu machen.</p>
-
-<p>Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. &mdash;</p>
-
-<p>Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete,
-wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien.
-Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die
-Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht,
-wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir
-aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aberglauben</em> auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet,
-in Japan wie in Deutschland.<a name="FNAnker_200_200" id="FNAnker_200_200"></a><a href="#Fussnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a></p>
-
-<p>Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten
-Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im
-Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden <em class="gesperrt">Atsumori</em>
-besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-27jährigen Sohne; und da ich fragte, <em class="gesperrt">weshalb</em> sie die Pilgerfahrt
-unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen
-Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung,
-eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass
-gerade <em class="gesperrt">diese</em> Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern
-von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige
-Miene.</p>
-
-<p>Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren
-Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die
-Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen
-Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden
-sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.</p>
-
-<p>In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen
-oder Heilgottes (<em class="gesperrt">Binzuru</em>, eines der 16 Rakan oder Sendboten
-des Buddha, &mdash; <em class="gesperrt">ausserhalb</em> der Kanzel, weil er die Schönheit
-eines Weibes bemerkt hatte). <em class="gesperrt">Die Gläubigen reiben die Bildsäule
-an dem Theile, der ihnen selber weh thut</em>; und danach ihre eigne
-schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark
-abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.</p>
-
-<p>Schon <em class="gesperrt">Kämpfer</em> berichtet von einem frommen oder schlauen
-Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“
-erhalten hatte.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Nach_Nagoya">Nach Nagoya.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn
-südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof.
-Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem
-Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit
-der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen
-von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu
-einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner
-eignen Zuschauerbühne anzubieten.</p>
-
-<p>Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem
-er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von
-mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet
-hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es
-ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. <em class="gesperrt">Japan ist das
-sicherste Land der Erde</em>, sogar mit Einschluss der Schweiz<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> und
-Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben
-eines Reisenden<a name="FNAnker_201_201" id="FNAnker_201_201"></a><a href="#Fussnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a> gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von
-Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der
-Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner
-mit begründet sein.</p>
-
-<p>Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,<a name="FNAnker_202_202" id="FNAnker_202_202"></a><a href="#Fussnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a> mit vollem
-Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft
-und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern
-sehr unvorsichtig sein würde.</p>
-
-<p>Ich befahre also die <em class="gesperrt">Tokaïdo-Eisenbahn</em>. Tokaïdo heisst
-Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri
-lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado,
-<em class="gesperrt">längs der östlichen Seeküste</em><a name="FNAnker_203_203" id="FNAnker_203_203"></a><a href="#Fussnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a> nach Yedo (Tokyo), der
-Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an
-mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer
-gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre
-Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’
-ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe
-belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht
-man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die
-<em class="gesperrt">Eisenbahn</em> (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376
-Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.</p>
-
-<p>Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach
-Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten
-Maschine über Brücken und durch Tunnel nach <em class="gesperrt">Gotembo</em> (1500 Fuss
-hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der
-Dunkelheit nach <em class="gesperrt">Nagoya</em>, einer Stadt von 162000 Einwohnern,
-dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die
-der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen
-Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer
-Erbe nicht vorhanden war.</p>
-
-<p>Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine,
-verschieden<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>artige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig,
-allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern
-der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch
-das ganze Dach mit Blumen.</p>
-
-<p>Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer
-freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit
-denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte,
-waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll
-gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten
-mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit
-unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen.
-Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das
-in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere
-Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen,
-endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen
-Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3&ndash;4 Cts. Jedenfalls ist in
-Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.</p>
-
-<p>Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen
-Anbau eines japanischen Hotels.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der folgende Tag</em> übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein
-Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin
-und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder
-unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan,
-wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und
-gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das
-geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so
-doch nach der Hauptstadt zusammenzog.</p>
-
-<p>Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer
-rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes
-die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der
-offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt
-werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder
-Unglück anrichte.</p>
-
-<p>Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von
-dem in Tokyo.</p>
-
-<p>Wir besuchen zuerst eine grosse <em class="gesperrt">Porzellan-Handlung</em>. Es mag
-sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch
-nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und
-fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden
-weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> sind, d.
-h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel
-Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr
-zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach
-als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn
-aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den
-gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach
-den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben
-wollen, natürlich auch <em class="gesperrt">einiges</em> Gute. Der Werth der Ausfuhr von
-Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist
-in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n.
-Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre
-Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus
-den Jahren 1800&ndash;1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto
-sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen
-voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen
-Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu
-erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk
-gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit
-Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und
-verkauft.</p>
-
-<p>Sodann fuhren wir zu einem Künstler in <em class="gesperrt">Zellenschmelz</em> (Email
-cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter
-Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall,
-Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz
-bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume
-werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten
-Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in
-Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf
-unsere Tage geübt worden sein.</p>
-
-<p>Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine
-rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber
-die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind
-die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast
-unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von
-Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die
-der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen
-kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1&ndash;2 Yen täglich!
-Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr
-warten, bis sie fertig wird.</p>
-
-<p>Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser
-<em class="gesperrt">Buddhatempel</em> aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (<em class="gesperrt">Higoshi
-Hong<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>wanji</em>), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen
-und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen
-zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie
-ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und
-darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das
-Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des
-Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von
-vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die
-Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten
-Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen
-höchst feierlichen Eindruck. <em class="gesperrt">Der Europäer vergisst hier, dass er in
-Ostasien weilt.</em></p>
-
-<p>Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der <em class="gesperrt">Bezirksregierung</em>,
-das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut
-ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess
-natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das
-Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben
-sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der
-Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der
-Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig
-aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal
-der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.</p>
-
-<p>Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der <em class="gesperrt">Tempel der</em> 500
-<em class="gesperrt">Rakan</em> oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2
-Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle
-von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem
-Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.</p>
-
-<p>Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das <em class="gesperrt">Schloss</em> (O-shiro),
-1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für
-Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem
-äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern
-der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung.
-Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige
-Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus
-unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses
-ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung
-das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu
-spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der
-Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten
-Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen
-und die Rammas von<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung
-durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der
-Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich,
-Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten
-ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem
-unsrigen, aber doch recht gefällig. <em class="gesperrt">Zwei Spitzdächer, eines</em>,
-ein <em class="gesperrt">kleines, keines</em>, das ist das Gesetz des Emporsteigens
-der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die
-Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des
-berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den
-Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“,
-die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit
-emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach
-Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem
-französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde
-emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem
-alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss,
-der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen
-wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied,
-wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen
-emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.</p>
-
-<p>Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und
-erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die
-unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des
-heiligen Ise.</p>
-
-<p>Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst
-auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden
-war, begab ich mich nach dem Theehaus zum <em class="gesperrt">Festessen</em>, zu dem
-80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort
-verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht
-die <em class="gesperrt">Kunst Nagoya’s</em>, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher
-Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in
-das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen
-des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches
-auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet.
-Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein
-Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem
-grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit
-Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu,
-geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren
-in der Stadt auftreiben<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal,
-nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen
-betrachte.</p>
-
-<p>Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich
-einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler,
-welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von
-Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.</p>
-
-<p>Zuerst kam ein schöner und feierlicher <em class="gesperrt">Nationaltanz</em>, der
-die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik
-begleitet. Dann folgte der (Reis-) <em class="gesperrt">Erntetanz</em>, ein höchst
-anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen,
-prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften
-Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik
-mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir
-diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch
-einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da
-offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte
-vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort
-entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo
-sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen,
-nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich
-sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa
-mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen
-ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen
-Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach
-umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen
-nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu
-erwähnen. Und damit war sie vollkommen <em class="gesperrt">zufrieden</em>, und ich
-habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und
-Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden
-vorgeführt wird, &mdash; zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause
-des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz
-gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, &mdash; hat der Tanz
-zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen
-Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche
-Musik munterer sei, als im übrigen Japan.</p>
-
-<p>Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte
-mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem
-Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen
-auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern
-dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit
-und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der
-zahl<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>losen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg
-Fuji erschien, sowie eine <em class="gesperrt">deutsche Unterschrift ohne jeglichen
-Fehler</em>, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer
-europäischen Schrift verstand.</p>
-
-<p>Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack
-für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Nach_Kyoto">Nach Kyoto.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts
-durch eine liebliche Gegend, &mdash; Reisfelder, von fernen blauen Bergen
-im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen
-Kisogawafluss &mdash; nach <em class="gesperrt">Gifu</em>. Dieses Städtchen ist berühmt
-erstlich durch die grossen Mengen roher <em class="gesperrt">Seide</em>, die hier gewonnen
-werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll
-aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen
-<em class="gesperrt">Laternen</em> und drittens durch die <em class="gesperrt">Kormoran-Fischerei</em>.
-Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran
-(Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird
-gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan<a name="FNAnker_204_204" id="FNAnker_204_204"></a><a href="#Fussnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a> jedenfalls seit
-mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des
-Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt
-wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt,
-die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im
-Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der
-einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen.
-Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine
-Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein
-Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings
-müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten,
-wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist
-ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund
-auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der
-äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne
-Wirkung erzielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes
-und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in
-Nagoya bewundert, zum Geschenk.</p>
-
-<p>Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene,
-die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein
-stattlicher, oben nackter Berg, <em class="gesperrt">Ibuki-yama</em> (4300 Fuss hoch),
-einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen
-<em class="gesperrt">Arzneimittellehre</em> wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der
-That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse
-Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt
-der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner
-Südseite, bei <em class="gesperrt">Baba-Otsu</em>, zu Gesicht bekommen, dann durch einen
-Tunnel; sofort erscheinen die <em class="gesperrt">fichtenbekränzten Hügel</em>, welche
-die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.</p>
-
-<p>Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen
-Reiches, darunter <em class="gesperrt">Yamato</em>, wo seit uralter Zeit das Hoflager des
-Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher
-gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz
-für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr.
-bis 783 zu Nara; von 793 an zu <em class="gesperrt">Miyako</em> oder <em class="gesperrt">Kyoto</em>. Das
-erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für
-<em class="gesperrt">Hauptstadt</em>. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½
-Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach
-Süd. <span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">15</span>
-der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast
-des Herrschers (<em class="gesperrt">Heianjo</em> = Friedensschloss) eingeräumt; von hier
-zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.</p>
-
-<p>Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit
-angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse
-u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die
-Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und
-einfach, wie <em class="gesperrt">derzeit</em> nirgends in Europa, ja wie wir sie auch
-<em class="gesperrt">heutzutage</em> nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf
-das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem
-neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu
-Kyoto lebten im Kreise des <em class="gesperrt">Hofadels</em> (Kuge), dem Volk verborgen,
-die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n.
-Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose
-Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend,
-zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen
-Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603
-bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels
-hin. Der jetzige Mikado <em class="gesperrt">Mutsu Hito</em> hat, in richtiger Würdigung
-der Verhältnisse, nachdem er die <em class="gesperrt">weltliche</em> Herrschaft wieder
-erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während
-der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.</p>
-
-<p>So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten
-Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform
-Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die <em class="gesperrt">erste</em> Stadt Japan’s
-im <em class="gesperrt">Kunstgewerbe</em>, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der
-Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner.
-(Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.<a name="FNAnker_205_205" id="FNAnker_205_205"></a><a href="#Fussnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a>) Noch werden Kunst
-und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und
-die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen
-Reisenden die <em class="gesperrt">interessanteste</em> Stadt Japan’s, welche in Palästen
-und Tempeln<a name="FNAnker_206_206" id="FNAnker_206_206"></a><a href="#Fussnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem
-längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem
-japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.</p>
-
-<p>Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht.
-(Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der
-Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die <em class="gesperrt">heilige Stadt
-der Buddhisten</em> geworden und geblieben: das spricht für einen Grad
-von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch
-unbekannt geblieben.</p>
-
-<p>Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und
-der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster
-und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters
-anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in
-die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen,
-die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.</p>
-
-<p>Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten
-<em class="gesperrt">Kyoto-Hotel</em>,<a name="FNAnker_207_207" id="FNAnker_207_207"></a><a href="#Fussnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a> 20 Jinrikisha hinter einander, mit den
-schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des
-Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der
-Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen,
-Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und
-erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den
-stillen Ocean<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so
-gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer
-hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch
-haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen
-halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen
-Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt,
-ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte)
-„wenigstens Delphoi.“</p>
-
-<p>Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten
-Tempel der Stadt gewidmet, nach <em class="gesperrt">Sanjusangendo</em>. Das Wort bedeutet
-„33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der
-Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die
-Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit
-hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die
-Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen
-dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen
-Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald
-von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise
-aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur
-1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder
-an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu
-rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon,
-darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen
-von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen
-Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten)
-neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.</p>
-
-<p>Folglich hat <em class="gesperrt">Kämpfer</em> (1690&ndash;1692) die <em class="gesperrt">jetzige</em> Gestalt
-des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine
-merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten
-sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das
-Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite.
-Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl
-grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere
-Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.</p>
-
-<p>Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem
-Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm
-ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren
-Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem
-Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von
-dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopf<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>schmerz! Als der Fürst
-erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen
-und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt.
-Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung
-des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren
-Aristophanes so ergötzlich beschrieben.</p>
-
-<p>In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (<em class="gesperrt">Daibutsu</em>)
-aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801
-durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo
-einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen
-Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden
-Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem
-umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und &mdash; zu Kupfermünzen
-eingeschmolzen worden.</p>
-
-<p>Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden <em class="gesperrt">grössten Glocken</em>
-Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,<a name="FNAnker_208_208" id="FNAnker_208_208"></a><a href="#Fussnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a>
-63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken
-sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der
-unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken,
-den man <em class="gesperrt">einmal</em> mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist
-sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden
-die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren
-Glocken Europas.</p>
-
-<p>Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener
-Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner
-Aussicht und zu dem Tempel <em class="gesperrt">Kiyomizu-dera</em>, der geburtshelfenden
-Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von
-Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man
-vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher
-Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der
-Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30
-Jahre einmal geöffnet.</p>
-
-<p>Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem
-Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus
-Canton, die <em class="gesperrt">Theaterstrasse</em> von Kyoto, die dicht bei unserm
-Hotel<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater,
-Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen
-Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von
-der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten
-sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich
-gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des
-mitgenommenen Führers nicht verstanden.</p>
-
-<p>Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht
-bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt
-mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen
-Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.</p>
-
-<p>Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs
-Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein
-dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab;
-das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein
-Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in
-Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.</p>
-
-<p>Der folgende Tag war den <em class="gesperrt">Palästen</em> gewidmet.</p>
-
-<p>Der des Mikado (<em class="gesperrt">Gosho</em> genannt), 798 n. Chr. erbaut,
-wiederholentlich durch Feuer zerstört<a name="FNAnker_209_209" id="FNAnker_209_209"></a><a href="#Fussnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a> und neu erbaut, das letzte
-Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr
-bewohnt, bedeckt 26 Acres<a name="FNAnker_210_210" id="FNAnker_210_210"></a><a href="#Fussnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a> (= 10 ha) und ist von einem niedrigen
-geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten,
-welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts
-verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird
-in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet
-seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein
-höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht,
-den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über
-die grosse Fläche zerstreut sind.</p>
-
-<p>Zuerst nach <em class="gesperrt">Seiryōden</em>, das heisst die kühle Halle. Das
-Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki,
-chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht
-mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach
-(aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck.
-Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur
-zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> aus
-Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der
-Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf <em class="gesperrt">erdigem</em>
-Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.</p>
-
-<p>Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz
-eine Matte.</p>
-
-<p>Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach
-<em class="gesperrt">Shi-shin-den</em>, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer
-Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel.
-Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen
-standen, entsprechend den 18 Rangklassen, &mdash; auf den 18 Treppenstufen,
-die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge
-genannt, d. h. <em class="gesperrt">nieder in den Staub</em>.</p>
-
-<p>Von hier kamen wir nach des Mikado’s <em class="gesperrt">Studirzimmer</em>, wo ihm
-Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in
-der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolle <em class="gesperrt">Schränke</em> und
-bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="mikado_studierzimmer" name="mikado_studierzimmer">
- <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_151_a.jpg"
- alt="Studierzimmer des Mikado; Flächenansicht" /></a>
-</div>
-
-<p>1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des
-japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren,
-5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende
-Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der
-Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.</p>
-
-<p>Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem
-wagerechten Durchschnitt dargestellt.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="waagerechter_schnitt" name="waagerechter_schnitt">
- <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_151_b.jpg"
- alt="Studierzimmer des Mikado; waagerechter Schnitt" /></a>
-</div>
-
-<p>1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die
-Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren.
-Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt
-nebenstehender Figur.</p>
-
-<div class="figright">
- <a id="gleitende_waende" name="gleitende_waende">
- <img src="images/i_151_c.jpg"
- alt="Rillen der gleitenden Wände" /></a>
-</div>
-
-<p>Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p>
-
-<p>Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften,
-Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne
-sogar recht wild aussehen.</p>
-
-<p>Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den
-Behausungen des Gefolges.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Palast des Shogun</em>, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier
-gegründet, hiess auf japanisch <em class="gesperrt">Nijo-no-Shiro</em>, d. h.
-<em class="gesperrt">Nijo-Burg</em>. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von
-aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige
-Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des
-Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung
-mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung
-regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des
-Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen
-Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als
-Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals
-wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an
-allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige
-Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen
-Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!</p>
-
-<p>Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das
-mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt
-verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen
-eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten
-ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch
-einträgt.</p>
-
-<p>Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern
-geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern,
-Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil
-(Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari
-Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden.
-Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle
-Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der <em class="gesperrt">nasse
-Reiher</em>, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese
-Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben
-lassen!</p>
-
-<p>In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände
-nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier,
-bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist,
-vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur
-Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig,<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> ja
-überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach
-der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.</p>
-
-<p>Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung,
-um erstlich <em class="gesperrt">Porzellan-</em> und <em class="gesperrt">Seiden-Fabriken</em>,<a name="FNAnker_211_211" id="FNAnker_211_211"></a><a href="#Fussnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a> zweitens
-<em class="gesperrt">Klöster</em> und <em class="gesperrt">Kirchen</em> zu besichtigen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kurodani</em>, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13.
-Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt
-reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische
-Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in
-einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus
-dem feindlichen Clan, <em class="gesperrt">Atsumori</em>, überwältigt; reisst ihm den
-Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz
-tief ergriffen, &mdash; wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen
-mit Lionel, &mdash; überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der
-heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber
-Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in
-dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet
-für <em class="gesperrt">Atsumori</em>. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines
-geschichtlichen Schauspiels der Japaner.</p>
-
-<p>Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der
-einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren,
-an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet.
-Die Japaner treiben eine wahre <em class="gesperrt">Orthopaedie der Bäume</em>.</p>
-
-<p>Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die
-Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem
-Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so
-beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer
-auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine
-ist ein Gemälde und stellt <em class="gesperrt">Mandara</em> dar, das Paradies der
-Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere
-ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt
-Buddha’s in Nirwana (<em class="gesperrt">Nehanzō</em>). Buddha liegt ausgestreckt auf
-einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und
-bezeugen ihm anbetende Bewunderung.</p>
-
-<p>Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer
-und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Gründers,
-in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein
-lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida
-Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von
-Naozone.</p>
-
-<p>Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit
-zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten <em class="gesperrt">Kirchhof</em>
-gelangen wir zu dem grossen Tempel <em class="gesperrt">Shinnyo-do</em>.</p>
-
-<p>Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen <em class="gesperrt">Kobo
-Daishi</em> (774&ndash;834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher
-das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich
-dem römischen: mitunter schläft auch Homer.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ginkakuji</em>, das <em class="gesperrt">silberne Gartenhaus</em>, liegt jenseits der
-Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.</p>
-
-<p>Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde
-des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er
-philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich
-an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher
-aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung.
-Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da
-Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier
-wurden die berühmten <em class="gesperrt">Thee-Ceremonien</em> erfunden. Der Priester,
-welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee,
-die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.</p>
-
-<p>Nachdem wir noch das <em class="gesperrt">Nanzenji-Kloster</em> besucht, mit seinem
-Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern,
-deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein
-weltliches Schaustück, <em class="gesperrt">der Canal</em> des <em class="gesperrt">Biwa-See</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Biwa</em> heisst Guitarre. Der <em class="gesperrt">Biwa-See</em>, nach japanischer
-Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich
-entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob,
-ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie
-der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem
-Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen,
-und einzelne kleine Felseninseln. <em class="gesperrt">Seine acht Schönheiten</em> werden
-von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein
-natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt,
-erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa,
-bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.</p>
-
-<p>Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von
-der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst.<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> Zu diesem
-natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von
-einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch
-unter seiner Leitung 1885&ndash;1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen,
-von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei
-Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche
-Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer
-lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss.
-Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto
-ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst
-einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen
-Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem
-offenen Canal mit einer Schleuse.</p>
-
-<p>Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches
-Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher
-Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In
-Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich
-von Europäern hergestellt.</p>
-
-<p>Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des
-Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte,
-dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten
-bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man
-in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und
-mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang
-ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar
-nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche
-Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des
-Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.</p>
-
-<p>Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das
-hauptsächlichste der buddhistischen <em class="gesperrt">Jodo-Secte</em>, <em class="gesperrt">Chion-in</em>,
-auf einem Hügel wie eine Festung belegen.</p>
-
-<p>Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und
-grundgelehrten <em class="gesperrt">Honen Shonin</em>, der eine besondere Lehre begründet,
-von der Erlösung oder dem Wege zu dem <em class="gesperrt">reinen Land</em>. (Japan. Jodo,
-im Sanscrit <em class="gesperrt">Sukhavâti</em>, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist
-das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen
-Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).</p>
-
-<p>Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in
-dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und
-seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Aussicht über
-die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und
-auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet
-ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch,
-ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus,
-Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene <em class="gesperrt">grosse Glocke</em> (10,8 Fuss
-hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer
-Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt.
-Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in
-Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische
-Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.</p>
-
-<p>In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind
-berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer
-anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die
-Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet
-wurde.</p>
-
-<p>Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem <em class="gesperrt">Ausflug</em>
-gewidmet und zwar nach den <em class="gesperrt">Wasserfällen des Katsura-gawa</em>.</p>
-
-<p>Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten
-vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei
-jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer,
-der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den
-Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.</p>
-
-<p>Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht
-anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als
-riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten
-Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich
-dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach
-dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle
-beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen
-ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz
-und Kohlen.</p>
-
-<p>Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken
-biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das
-letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben.
-Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter
-fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen,
-oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere
-Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur
-Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> und wird mittelst Seilen
-getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts
-fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen <em class="gesperrt">Stromschnellen</em>, die trotz ihrer
-hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich
-oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, &mdash; gerade so wie die
-an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen
-Theehaus zu <em class="gesperrt">Arashiyama</em> ruhen wir aus<a name="FNAnker_212_212" id="FNAnker_212_212"></a><a href="#Fussnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> und erfreuen uns des
-mitgebrachten Frühstücks.</p>
-
-<p>Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes
-kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie
-in Rom.</p>
-
-<p>Wir besuchten zunächst <em class="gesperrt">Kitano Tenjin</em>. Dieser Tempel ist dem
-<em class="gesperrt">Tenjin Sama</em> geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der
-901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel
-Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem
-auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu
-reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf
-dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen
-Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben
-schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu
-sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen
-ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet,
-ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.</p>
-
-<p>Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo
-Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum
-Verweilen einladen.</p>
-
-<p>Weit vornehmer ist <em class="gesperrt">Kinkakuji</em>, ein Kloster der
-<em class="gesperrt">buddhistischen</em> Zen-Secte. <em class="gesperrt">Kinkaku</em> heisst <em class="gesperrt">goldenes
-Gartenhaus</em>. Das war das Vorbild für das silberne (<em class="gesperrt">Ginkaku</em>),
-von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich
-<em class="gesperrt">Yoshimitsu</em> hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde
-des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die
-Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit,
-aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so,
-wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556&ndash;1558) zu San Yuste
-in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.</p>
-
-<p>Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus,
-33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Amida’s
-im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken
-Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen
-Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See,
-dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser
-uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen,
-sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den
-Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in
-den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B.
-Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen,
-in der Art wie <em class="gesperrt">Murillo</em> &mdash; in Japan sie gemalt haben könnte; mit
-Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder
-mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.</p>
-
-<p>Die Fahrt über den <em class="gesperrt">Biwa See</em> (am 3. October) war darum besonders
-genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich
-zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr
-ich nach <em class="gesperrt">Otsu</em>, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und
-der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es,
-wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers
-begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken
-gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm
-hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu
-schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!</p>
-
-<p>Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel,
-den <em class="gesperrt">Rein</em> rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig
-bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem
-Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt
-von Vulkanen besitzen.</p>
-
-<p>Wir fahren fort, &mdash; erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter
-der <em class="gesperrt">alten Brücke von Seta</em>, die den Fluss Setagawa da überspannt,
-wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier,
-am <em class="gesperrt">Nakasendo</em>, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo
-(aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden.
-Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine
-Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 +
-576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt
-in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf
-Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und
-zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der
-nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit
-so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.</p>
-
-<p>Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem
-berühmten Kloster <em class="gesperrt">Ishiyama-dera</em>. Der Name heisst wörtlich
-Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten
-schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes
-hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur
-Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet
-ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17.
-Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten
-Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss
-Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung,
-eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen
-Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen,
-und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält
-12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und
-drückt: dann springt <em class="gesperrt">ein</em> Stab hervor, gerade so wie aus den
-niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein
-„Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es
-ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai
-geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai,
-sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener
-wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen.
-Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag,
-sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses
-„Gottesdienstes.“</p>
-
-<p>Ein Punkt, welcher auf japanisch als <em class="gesperrt">Baum der
-Vollmondbetrachtung</em> bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne
-Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge.
-Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der
-gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon
-hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so
-muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen,
-die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die
-Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an
-den Tag legten.</p>
-
-<p>Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei,
-nach <em class="gesperrt">Karasaki</em><a name="FNAnker_213_213" id="FNAnker_213_213"></a><a href="#Fussnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a> am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan
-<em class="gesperrt">berühmte Fichte</em> steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig
-gehaltene<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss
-Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig
-von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380
-an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss.
-Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,<a name="FNAnker_214_214" id="FNAnker_214_214"></a><a href="#Fussnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> ein
-kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart
-und schutzbedürftig ansieht.</p>
-
-<p>Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man
-allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in
-Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes
-verwendet.</p>
-
-<p>Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht
-mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung
-eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch
-steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im
-Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22
-Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei
-Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der
-Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die
-bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei
-Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.</p>
-
-<p>Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen
-Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles
-herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der
-Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der
-Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses
-sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von <em class="gesperrt">Karasaki</em>
-und den noch heiligeren <em class="gesperrt">Bo-Baum</em> zu Anuradhapura auf Ceylon,
-der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die
-zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren
-ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.</p>
-
-<p>Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte
-Tempel von <em class="gesperrt">Mi-i-dera</em>, im Norden der Stadt, besucht. Der Name
-bedeutet <em class="gesperrt">Drei-Quellen-Tempel</em>. Das Heiligthum ist der Göttin der
-Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu
-verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre <em class="gesperrt">Kunstschätze</em>
-aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner
-Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen
-bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem &mdash; <em class="gesperrt">Hausarzt</em>
-des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich <em class="gesperrt">hängende Bilder</em>
-(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden
-Kindern. Sodann <em class="gesperrt">Rollbilder</em> (Makimono) von bedeutender Länge,
-10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem
-(natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter
-langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden.
-Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher,
-sondern eine <em class="gesperrt">zusammengehörige Reihe</em>, wie bei manchem unserer
-Romanschriftsteller.</p>
-
-<p>Ein Bild stellt die <em class="gesperrt">sieben Nöthe</em> dar. Zuerst kommt das Erdbeben,
-dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den
-Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der
-Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der
-ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange,
-welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen
-Künstler <em class="gesperrt">Okyo</em> vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst
-die <em class="gesperrt">sieben Freuden</em> und behandelt die Reisernte, das Gastmahl
-und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den <em class="gesperrt">Räubern</em>
-und <em class="gesperrt">Mördern</em>, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung
-(durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig
-fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der
-Absperrung von Japan, gemaltes <em class="gesperrt">allegorisches Weltbild</em>, da diese
-Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu,
-die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch
-Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (<em class="gesperrt">San-Koku</em>,
-die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die
-Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der
-Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku,
-die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und
-andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.</p>
-
-<p>Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der
-Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein
-heiliges hielt, &mdash; aber nach drei Tagen <em class="gesperrt">hatte</em> ich mein Abbild.</p>
-
-<p>Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller
-Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht
-ein wunderliches Denkmal, &mdash; ein <em class="gesperrt">Obelisk</em> aus Granit,<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> zum
-Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen
-die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.</p>
-
-<p>Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt,
-so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte
-<em class="gesperrt">Sammelbüchse</em>, welche in englischer Sprache <em class="gesperrt">Beiträge</em> zur
-Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.</p>
-
-<p>Hier war es auch, wo <em class="gesperrt">der Angriff auf den russischen Thronfolger</em>
-am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den
-Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der
-engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der
-Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem
-Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem
-japanischen Prinzen und Anderen.</p>
-
-<p>Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten
-Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher,
-aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des
-Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten
-gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den
-Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein
-schien.</p>
-
-<p>Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen
-ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die
-Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch
-die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib
-rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des
-Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber
-wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers
-bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie
-einen Sklaven missachte; und &mdash; getödtet werden müsse.</p>
-
-<p>Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer.
-Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer
-Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer
-schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn
-von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische
-Prinz, der griechische Prinz, &mdash; als sie den Lärm vernahmen, eilten
-sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da
-sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann
-aber hatte <em class="gesperrt">augenblicklich</em>, ehe der Polizeisoldat zum
-zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich
-niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und
-Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff
-thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte,
-sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein
-Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren
-tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die
-schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde.
-Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf
-Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche
-Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein
-Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen
-konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen,
-wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.</p>
-
-<p>Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das
-religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt
-hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That
-eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende
-hat nichts in Japan zu befürchten. &mdash;</p>
-
-<p>Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem
-Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der
-Eisenbahn zurück nach Kyoto.</p>
-
-<p>Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den
-<em class="gesperrt">Tempeln</em> gewidmet.</p>
-
-<p>Zunächst kamen wir nach <em class="gesperrt">Nishi Hon-gwan-ji</em>.
-(<em class="gesperrt">West-Haupt-Gebet-Tempel</em>.) Hier ist das Haupt-Quartier
-der buddhistischen <em class="gesperrt">Shin</em> (Geist-) oder <em class="gesperrt">Monto</em>
-(Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber
-erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und
-13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie<a name="FNAnker_215_215" id="FNAnker_215_215"></a><a href="#Fussnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> die Protestanten des
-japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester,
-die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung,
-lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln.
-Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die
-Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.</p>
-
-<p>Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der
-Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes
-Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf
-dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> Mauer,
-damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere
-versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude &mdash;
-vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine
-Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich
-nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie
-solchem Aberglauben huldigen.</p>
-
-<p>Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff
-ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der
-Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss,
-worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde)
-aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50
-Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht
-man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig
-sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss);
-geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.</p>
-
-<p>Der Oberpriester, der uns geleitet, <em class="gesperrt">Akamzu Rensio</em>, gleichzeitig
-Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht
-und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon
-drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort
-gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach
-<em class="gesperrt">Eduard von Hartmann</em> gefragt und grosse Freude geäussert, als
-ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und
-lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen
-habe, während er <em class="gesperrt">Schopenhauer</em> aus der Uebersetzung ganz
-gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in
-Erstaunen. Der Ausgang führt durch <em class="gesperrt">Chokushi Mon</em>, das Gitter des
-kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen
-Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari
-Jingoro, meine Bewunderung erregten.</p>
-
-<p>„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass <em class="gesperrt">Dir</em> dieses
-so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein
-Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass
-derselbe Gegenstand <em class="gesperrt">unser</em> Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch
-hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und
-den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht,
-duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr
-Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“</p>
-
-<p>Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in
-der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ost<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>asien viel
-lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">japanische Bildhauerei</em> ist hauptsächlich Holzschnitzerei und
-kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara
-stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen
-von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert.
-Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und
-in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der <em class="gesperrt">japanische Phidias</em>,
-Hidari<a name="FNAnker_216_216" id="FNAnker_216_216"></a><a href="#Fussnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> Jingoro (1594&ndash;1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die
-schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm
-wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der
-Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.</p>
-
-<p>Der zweite Tempel, den die Shin oder <em class="gesperrt">Hongwanji</em>-Secte in
-Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst <em class="gesperrt">Higashi
-Hon-gwan-ji</em> (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602
-gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet,
-aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre
-in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen,
-sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass
-die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge
-von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige,
-tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern
-gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang,
-und ferner &mdash; ein <em class="gesperrt">Riesenseil aus Menschenhaar.</em> 38000 Frauen
-haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum
-Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der
-Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern
-haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll
-errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus.
-Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie
-nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten
-benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz
-krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V.
-Dynastie) bei Sakkara kennen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Toji</em>, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8.
-Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado
-dem <em class="gesperrt">Kobo Daishi</em> übergeben, dem Gründer der buddhistischen
-<em class="gesperrt">Shingon</em><a name="FNAnker_217_217" id="FNAnker_217_217"></a><a href="#Fussnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a>-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan
-besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber
-leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum
-Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das <em class="gesperrt">Gebet</em> von
-Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet
-wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner
-Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher
-Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue
-Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung
-mit <em class="gesperrt">elektrischen Glühlampen</em> beweist, dass in Japan auch die
-Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch
-die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die
-Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte
-ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige
-Summen für die Zwecke der Kirche &mdash; freiwillig gezeichnet werden.</p>
-
-<p>Meine Freunde führten mich dann in den <em class="gesperrt">Haus-Garten eines
-wohlhabenden Japaners</em>, um mir das <em class="gesperrt">Fussballspiel</em> zu zeigen.
-Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite
-blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht
-mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird
-er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen
-Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich
-lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es
-von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.</p>
-
-<p>Nachmittags besuchte ich <em class="gesperrt">Krankenhaus</em> und <em class="gesperrt">Medizinschule</em>.
-Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden
-und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes
-<em class="gesperrt">geschichtliches Bilderbuch</em> mit Kleinmalerei, ein grosses
-Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder
-von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in
-einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten
-Schränken, eine alte <em class="gesperrt">Goldlackbüchse</em><a name="FNAnker_218_218" id="FNAnker_218_218"></a><a href="#Fussnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a> im Werthe von<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> 1500
-Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche
-Verbrennen von <em class="gesperrt">Weihrauch</em>. Es wurde viel geredet und getrunken.
-Wir waren alle recht heiter.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uji</em> war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von
-Kyoto.</p>
-
-<p>In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt.
-Hier liegt <em class="gesperrt">Tofukuji</em>, eines der Hauptklöster der buddhistischen
-Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet
-ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. <em class="gesperrt">Zen</em>
-bedeutet etwa <em class="gesperrt">ernste Gedanken</em>. <em class="gesperrt">Tofukuji</em> ist schon im 13.
-Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. <em class="gesperrt">Ahornbäume</em>,
-die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von
-beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte
-„<em class="gesperrt">Himmelsbrücke</em>“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters
-ist ein riesiges <em class="gesperrt">Rollbild</em> (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss
-breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das
-im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, <em class="gesperrt">Cho
-Densu</em>, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre
-wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem
-anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester
-lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen.
-Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte,
-dem <em class="gesperrt">Oberpriester</em> übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs
-dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke
-der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks
-erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem
-Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste
-aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe
-Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im
-Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel,
-Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.<a name="FNAnker_219_219" id="FNAnker_219_219"></a><a href="#Fussnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu
-sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen
-vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen
-können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle.
-Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen
-nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte
-des japanischen Papiers.</p>
-
-<p>Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den
-Erdboden gelegt wurde. Es stellt den <em class="gesperrt">Himmel</em> dar und ist von
-einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber
-durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil
-bilden konnte.</p>
-
-<p>In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche
-<em class="gesperrt">Shinto-Tempel</em> von <em class="gesperrt">Inari</em>, der Reis-Göttin, 711 n. Chr.
-begründet, als der Buddhist <em class="gesperrt">Kobo Daishi</em> hier einen Mann mit
-einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin
-erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten
-Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, &mdash; wie Siegfried
-mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines
-No-Schauspiels.</p>
-
-<p>Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.</p>
-
-<p>Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften
-des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem
-allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai
-zurückbefördert.<a name="FNAnker_220_220" id="FNAnker_220_220"></a><a href="#Fussnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Füchse</em> sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und
-grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse
-aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter
-aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber
-mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in
-Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht-
-(Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen:
-sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen
-Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen
-unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach,
-aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz
-hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> Ungeheuer an den
-Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der
-sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll
-Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad
-der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.</p>
-
-<p>Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen
-entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen
-<em class="gesperrt">Uji</em>, das rings von <em class="gesperrt">Theepflanzungen</em> umgeben ist. Thee
-ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach
-Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von
-den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu
-verscheuchen.<a name="FNAnker_221_221" id="FNAnker_221_221"></a><a href="#Fussnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a> In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts
-angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der
-Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein
-Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen
-der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.</p>
-
-<p>Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee
-aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren
-eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten
-(Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund;
-das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst
-Seide der wichtigste <em class="gesperrt">Ausfuhrgegenstand</em> Japan’s. (Jährlich 40
-Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach
-Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji
-wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des
-Abends umherfliegen.<a name="FNAnker_222_222" id="FNAnker_222_222"></a><a href="#Fussnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a></p>
-
-<p>Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster
-<em class="gesperrt">Byōdō-in</em> der buddhistischen <em class="gesperrt">Tendai</em>
-(Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel
-besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo
-nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held <em class="gesperrt">Yorisama</em>,
-um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000
-Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte
-durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.</p>
-
-<p>Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die <em class="gesperrt">Phoenix</em>-Halle
-(Hōō-dō), eine der <em class="gesperrt">ältesten Holzbauten</em> Japan’s.
-Der zweistöckige<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die
-rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die
-Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz.
-Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im
-Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit <em class="gesperrt">Perlmutter</em>
-eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25
-Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern
-besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack
-bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist
-zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.</p>
-
-<p>In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser
-mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind
-schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das
-Ausziehen der Schuhe zu ersparen.</p>
-
-<p>Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und
-Briefschreiben.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Nach_Osaka">Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die
-Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist
-feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um
-mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner
-beharrlichsten Zuhörer, Dr. <em class="gesperrt">Ogata</em>, dessen Vater bereits vor
-40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches
-Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die
-bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen
-des <em class="gesperrt">Nachtlagers</em>. Die blühende Handelsstadt <em class="gesperrt">Osaka</em>,<a name="FNAnker_223_223" id="FNAnker_223_223"></a><a href="#Fussnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a>
-die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt,
-400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein
-<em class="gesperrt">einziges Gasthaus</em>, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur
-eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen
-in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte
-also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde
-zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen
-Vertragshafen Kobe zu übernachten.<a name="FNAnker_224_224" id="FNAnker_224_224"></a><a href="#Fussnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a> Aber meine Freunde führen
-mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das
-frisch gescheuerte Zimmer und den<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> schneeweissen Bettüberzug,<a name="FNAnker_225_225" id="FNAnker_225_225"></a><a href="#Fussnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a>
-&mdash; Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, &mdash; sondern auch die
-europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden
-und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar
-versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte
-ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.</p>
-
-<p>Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem
-<em class="gesperrt">Schlosse</em>; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform.
-1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko <em class="gesperrt">Hideyoshi</em>,
-der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer
-und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich
-emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters
-zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit
-der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu
-seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei
-Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar
-unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen
-ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s
-errichtet.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Will Adams</em>, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte
-von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru
-nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und
-als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis
-zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten,
-hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke
-geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600
-auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken
-so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und
-stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen
-beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten
-und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die
-Mauern 6&ndash;7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die
-Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.</p>
-
-<p>In der That war der Graben 80&ndash;120 Fuss breit und 12&ndash;24 Fuss tief.
-Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des
-Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-<p>1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die
-fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb
-der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des
-Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört.
-Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein.
-Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.</p>
-
-<p>Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer,
-und nicht so leicht.</p>
-
-<p>Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet.
-Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die
-Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger
-Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst
-kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau
-entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und
-Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach
-oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die
-im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von
-Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es
-ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen.
-Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine
-Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht
-ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3
-Fuss.<a name="FNAnker_226_226" id="FNAnker_226_226"></a><a href="#Fussnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a></p>
-
-<p>Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und
-genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt
-steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittags<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>stunde
-anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt,
-das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu
-tränken.</p>
-
-<p>Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche
-kaiserlich japanische <em class="gesperrt">Waffenfabrik</em>. Zunächst wurden wir
-wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit
-Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen
-auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf
-diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter
-von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit,
-welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und
-gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise
-nach <em class="gesperrt">unseren</em><a name="FNAnker_227_227" id="FNAnker_227_227"></a><a href="#Fussnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> Gegenden zu unternehmen.</p>
-
-<p>Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht
-mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht
-hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier
-beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln
-und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht
-in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich
-Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in
-Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver.
-Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf
-allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa
-56000 unter Waffen stehen.</p>
-
-<p>Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann,
-ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Münze</em>, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden,
-konnte ich leider nicht sehen.</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und
-der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt,
-Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man
-mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.</p>
-
-<p>Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen
-Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen
-durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig
-machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man
-nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> im
-Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und
-die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit
-bedingen und verbreiten.</p>
-
-<p>Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden
-und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel
-(in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In
-der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums
-für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse
-ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe).
-Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon
-eingeführt.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Festessen</em> ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen
-Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im
-Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen
-Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.</p>
-
-<p>Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt.
-Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse
-Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und
-vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse <em class="gesperrt">Asaki</em>-Brauerei, die
-von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische
-Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern,
-man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht
-sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so
-viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur
-13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr
-deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen
-im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr
-und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein
-No-Drama aufgeführt, und ein <em class="gesperrt">Gedicht</em> mir überreicht.</p>
-
-<p>Um den <em class="gesperrt">chinesischen</em> Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge
-ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir
-diese Mittheilung nicht &mdash; als Eitelkeit auslegen werde.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="center">„Abschiedsgruss an Herrn Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em>.</p>
-
-<p class="center mbot1">(Altchinesisch.)</p>
-
-<p>Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em> ist nach Japan gekommen und hat sich
-um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine
-Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den
-Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unauf<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>hörlich
-dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau
-den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann
-sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist
-er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist,
-verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender
-Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. &mdash;
-Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em>. Im Namen
-der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.</p>
-
-<p>Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.</p>
-
-<p class="tdr mright1"><em class="gesperrt">Nahamye Syisakka</em>, Arzt in Osaka.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch
-gepriesen wird, verfasst von <em class="gesperrt">Jeizo Jshii</em>, Vorsitzendem des
-medizinischen Vereins zu <em class="gesperrt">Nagoya</em>, lautet folgendermaassen: „Ein
-Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll
-entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen
-schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor <em class="gesperrt">Hirschberg</em>
-nach Japan gekommen.</p>
-
-<p>Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo
-gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser
-gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan
-berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland,
-wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen
-Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche
-Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach <em class="gesperrt">Nara</em>, der
-mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll
-vorkommt. <em class="gesperrt">Nara</em> war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr.
-Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als
-Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten
-Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt
-reizend am Fusse der Berge, in der Provinz <em class="gesperrt">Yamato</em>, 25 engl.
-Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden.
-Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer,
-kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).</p>
-
-<p>Dr. <em class="gesperrt">Ogata</em> und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der
-Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge
-in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst
-<em class="gesperrt">Horuji</em>. Hier liegt das <em class="gesperrt">älteste Kloster</em> von Japan, 607
-n. Chr.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> vollendet und berühmt &mdash; durch seine Berühmtheiten. Ich muss
-gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth
-sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung
-keinen sonderlichen Eindruck machen.</p>
-
-<p>Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade
-gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben
-des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im
-Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (<em class="gesperrt">Kondo</em>), der älteste Holzbau
-Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha,
-Amida u. A., und <em class="gesperrt">wirkliche Fresco-Gemälde</em> an den Wänden, in
-alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt
-und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind
-überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Geschichte der japanischen Malerei</em><a name="FNAnker_228_228" id="FNAnker_228_228"></a><a href="#Fussnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> ist für den
-<em class="gesperrt">Europäer kurz</em> zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über
-Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische
-Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet.
-Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals,
-wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und
-mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance
-unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester <em class="gesperrt">Cho
-Densu</em> malte heilige Gegenstände, <em class="gesperrt">Josetsu</em> Landschaften,
-Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der
-Tosa-Schule <em class="gesperrt">Mitsunobu</em>, <em class="gesperrt">Sesshu</em>, <em class="gesperrt">Kano</em>. Im 18.
-Jahrhundert kamen die <em class="gesperrt">realistischen</em> Schulen: <em class="gesperrt">Hishigawa</em>,
-der volksthümliche Bücher illustrirte, <em class="gesperrt">Okyo</em>, der Vögel und
-Fische genau nach der Natur zeichnete, und <em class="gesperrt">Hokusai</em> (1760&ndash;1849),
-der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des
-Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches
-Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt
-und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im
-Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht
-allzuwörtlich nehmen.</p>
-
-<p>Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, <em class="gesperrt">Yakushi</em>,
-geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein
-Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind
-ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind
-Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> Geist
-des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit;
-Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte,
-dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein
-Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Nara</em> übernahmen die dortigen <em class="gesperrt">Aerzte</em> sofort die
-Führung. Der <em class="gesperrt">Park</em>, den wir durchschreiten, ist wie ein
-Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen
-Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die
-Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie
-blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie
-müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin,
-die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen
-Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.</p>
-
-<p>Aber &mdash; der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe
-ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n.
-Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien
-heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen
-schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein.
-Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die
-Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des
-ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.</p>
-
-<p>Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit
-zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den
-Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden
-Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für
-kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider
-unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche
-Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen
-nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth
-seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit
-beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.</p>
-
-<p>Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen
-des <em class="gesperrt">Tempels Wakamiya</em> die Priester auf jeden Fremdling oder auch
-begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten
-heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam
-gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen
-tragen.</p>
-
-<p>Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse
-Shinto-Tempel <em class="gesperrt">Tamuke-yama no Hachiman</em>. Denn auf ihn bezieht<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder
-Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls
-ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,</div>
- <div class="verse">Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.</div>
- <div class="verse">Statt rothen Goldes bring’ ich heut</div>
- <div class="verse">Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem
-Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen
-Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.</p>
-
-<p>Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch
-Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200
-n. Chr. gelebt haben soll.</p>
-
-<p>An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in
-kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das
-Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.</p>
-
-<p>Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel <em class="gesperrt">Nigwatsu-do</em>,
-welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet
-und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig
-gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist.
-Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er
-sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder.
-Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte
-an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das
-(weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein
-rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen
-Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes
-Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe
-mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und
-Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am
-Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem
-<em class="gesperrt">Jahrmarkt</em> mit ihren Kindern erschienen.</p>
-
-<p><a name="dermit" id="dermit"></a>Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein
-Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen
-empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst.
-Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen,
-wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem
-Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine
-Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige
-Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> 3. Februar jedes Jahres wird hier
-auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll
-ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt
-zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.</p>
-
-<p>Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf
-einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler
-und Berge.</p>
-
-<p>Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von <em class="gesperrt">Todaiji</em>, zuerst die
-<em class="gesperrt">grosse Glocke</em>, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9
-Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann
-den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten)
-Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den
-<em class="gesperrt">Daibutsu</em> unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist
-53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche
-Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine
-Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.</p>
-
-<p>Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist
-hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger.
-Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des
-Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.</p>
-
-<p>Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das
-Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um
-die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der
-Ausstellung von <em class="gesperrt">Alterthümern</em>, die in einem Nebenraume des
-Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe,
-Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u.
-dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem
-chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben
-wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon)
-mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o),
-die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse
-Rolle spielen.</p>
-
-<p>Den Schluss der Betrachtung macht <em class="gesperrt">Kobukuji</em>, einst ein grosser
-Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist
-nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger
-Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes
-Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen
-Blumenspenden.</p>
-
-<p>Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute
-Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p>
-
-<p>Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen
-Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert.
-Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter
-schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir
-selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich
-seine Vorhalle zur Aussicht anbot.</p>
-
-<p>Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt
-wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber
-zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus
-Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht
-liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im
-Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier
-über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein
-leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem
-Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn
-die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen,
-bis &mdash; ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben
-Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters
-vertilgt.<a name="FNAnker_229_229" id="FNAnker_229_229"></a><a href="#Fussnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a></p>
-
-<p>Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach
-dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der
-bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter
-seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.</p>
-
-<p>In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein
-altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war
-geschmückt mit einem Holzschnitt des &mdash; <em class="gesperrt">Hippocrates</em>, den der
-Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig
-gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die
-sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich
-leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch
-gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen.
-Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber
-ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den
-Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten
-werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche
-Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span></p>
-
-<p>Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als
-zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte
-die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen
-schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt
-seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht
-so leicht.</p>
-
-<p>Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus
-Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,<a name="FNAnker_230_230" id="FNAnker_230_230"></a><a href="#Fussnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a>
-der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr
-Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr
-wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber
-auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam
-das <em class="gesperrt">Kata-kana</em><a name="FNAnker_231_231" id="FNAnker_231_231"></a><a href="#Fussnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a> auf, eine japanische Silbenschrift, welche
-47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele
-Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen
-werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln
-und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu
-umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu
-Tokyo.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hiragana</em> (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus
-dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form
-wiedergiebt, &mdash; wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine
-hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen
-Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana
-geschrieben, keines in Kata-kana allein.</p>
-
-<p>Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen
-zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So
-zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt
-schneller nach Dictat, als der Europäer, &mdash; natürlich wenn letzterer
-nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die
-japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben,
-hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span></p>
-
-<p>Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie
-auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf
-die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte
-sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich
-etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn
-begleiteten.</p>
-
-<p>Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater
-führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz
-ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum,
-und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter
-Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann.
-Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“</p>
-
-<p>Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen
-gegen die Eltern kommen gar nicht vor.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn
-die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach <em class="gesperrt">Kobe</em>,[232]
-an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt
-einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868
-dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine <em class="gesperrt">Fremden-Siedelung</em>,
-längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die
-Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien,
-<em class="gesperrt">Bund</em><a name="FNAnker_233_233" id="FNAnker_233_233"></a><a href="#Fussnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a> genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den
-Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt
-Hiogo.<a name="FNAnker_232_232" id="FNAnker_232_232"></a><a href="#Fussnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a></p>
-
-<p>Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft
-aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil
-der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es
-Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen
-Yen.</p>
-
-<p>Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:</p>
-
-<table summary="Kobe, Einfuhr">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 134
- </td>
- <td class="tdl">
- fremde
- </td>
- <td class="tdc">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdr">
- 220000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdc">
- Gehalt
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 9
- </td>
- <td class="tdl">
- japanische
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 6400
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>und liefen aus nach dem Ausland:</p>
-
-<table summary="Kobe, Ausfuhr">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 159
- </td>
- <td class="tdl">
- fremde
- </td>
- <td class="tdc">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdr">
- 260000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdc">
- Gehalt
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 2
- </td>
- <td class="tdl">
- japanische
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1341
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel
-Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu
-sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die
-Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> Anforderungen.
-Dicht dabei ist die <em class="gesperrt">Agentur unseres norddeutschen Lloyd</em>, die mir
-erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte
-ausstellt für ihren Dampfer <em class="gesperrt">Nürnberg</em>, der am 9. October von
-Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische
-Reichsdampferlinie.</p>
-
-<p>Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus
-zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt
-braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte
-mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig
-gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch
-englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes
-begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr
-als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste
-bis zu dem Denkmal des Helden <em class="gesperrt">Atsumori</em>; und dann in dem von
-einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in
-Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.</p>
-
-<p>Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an
-Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal
-mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen
-photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und
-fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine
-schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.</p>
-
-<p>Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10.
-October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine
-werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte.
-Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun
-hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa
-befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. &amp; O. Gesellschaft und den
-norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.</p>
-
-<p>Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord
-unseres guten Dampfers <em class="gesperrt">Nürnberg</em> vom norddeutschen Lloyd: Capitän
-Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist
-Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.</p>
-
-<p>Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit
-dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.<a name="FNAnker_234_234" id="FNAnker_234_234"></a><a href="#Fussnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a>
-Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. &amp; O., die franz.
-Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus
-nur <em class="gesperrt">kleinere</em> Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe,
-Yokohama vermitteln.</p>
-
-<p>Unser <em class="gesperrt">Nürnberg</em> hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss
-Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die
-chinesisch-japanischen Gewässer befahren.</p>
-
-<p>Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die <em class="gesperrt">Inland-See</em>,
-welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon)
-und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji)
-sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von
-Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20
-Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste
-8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren
-Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee
-liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der <em class="gesperrt">Seemann</em>
-hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die
-übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten
-werden.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Reisende</em> ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die
-tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein
-höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.</p>
-
-<p>Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche
-die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die
-kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.</p>
-
-<p>Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden
-Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen
-Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl
-kleineren mit 1&ndash;3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln
-und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit
-Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern
-belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner
-haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier
-Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.);
-ihre Dichter sprechen nicht davon.</p>
-
-<p>Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff.
-Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Strasse
-von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm
-verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein
-französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich
-vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte
-von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem
-amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.</p>
-
-<p>Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen,
-rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir
-winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden
-Ufern mächtige <em class="gesperrt">Kohlenlager</em>; dann müssen wir weit hinaus in’s
-japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends <em class="gesperrt">Nagasaki</em> an der
-Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.</p>
-
-<table class="collapse" summary="Logbericht Kobe-Nagasaki">
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="8">
- Logbericht Kobe-Nagasaki:
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 1.
- </td>
- <td class="tdc">
- Tag&nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- (10. Okt. bis Mittag)
- </td>
- <td class="tdr">
- 23
- </td>
- <td class="tdc">
- Meilen
- </td>
- <td class="tdr">
- 2
- </td>
- <td class="tdc">
- Std.
- </td>
- <td class="tdl">
- 1 Min.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 2.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- (11. Okt. bis Mittag)
- </td>
- <td class="tdr">
- 287
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 24
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- 3.
- </td>
- <td class="tdc bbot">
- „
- </td>
- <td class="tdl bbot">
- (11. Okt. Nachmittag)
- </td>
- <td class="tdr bbot">
- 81
- </td>
- <td class="tdc bbot">
- „
- </td>
- <td class="tdr bbot">
- 8
- </td>
- <td class="tdc bbot">
- „
- </td>
- <td class="tdl bbot">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="8">
- Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker,
-angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute
-nicht mehr besuchen.</p>
-
-<p>An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter,
-australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe
-verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner
-ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin
-gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen
-schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von
-Wladiwostok.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt
-sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische
-Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter
-den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei
-Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen
-Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼
-Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht
-die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von
-Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.<a name="FNAnker_235_235" id="FNAnker_235_235"></a><a href="#Fussnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-<p>Dabei hat dieser <em class="gesperrt">westlichste Punkt</em> des japanischen Inselreiches
-die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.</p>
-
-<p>Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu
-grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16.
-Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals
-bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen
-und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen
-Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo
-(Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre
-ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde
-Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen
-zugewiesen.</p>
-
-<p>Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten
-Halbinsel Deshima<a name="FNAnker_236_236" id="FNAnker_236_236"></a><a href="#Fussnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a> über 200 Jahre lang in unrühmlicher
-Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,<a name="FNAnker_237_237" id="FNAnker_237_237"></a><a href="#Fussnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a> um des schnöden Gewinnstes
-willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass
-die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt
-1690&ndash;1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines
-Fell.“ Während die Holländer 1611&ndash;1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher
-im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90&ndash;95 Procent Gewinn ausgeführt
-hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf
-40&ndash;45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die
-hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts
-hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst.
-Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von
-Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten
-wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen
-aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.</p>
-
-<p>1888 liefen ein:</p>
-
-<table summary="Nagasaki, Einfuhr">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 427
- </td>
- <td class="tdl">
- fremde
- </td>
- <td class="tdc">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdr">
- 436000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdc">
- Gehalt
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 171
- </td>
- <td class="tdl">
- japanische
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 183000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- ;
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>und liefen aus:</p>
-
-<table summary="Nagasaki, Ausfuhr">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 488
- </td>
- <td class="tdl">
- fremde
- </td>
- <td class="tdc">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdr">
- 523000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdc">
- Gehalt
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 161
- </td>
- <td class="tdl">
- japanische
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 178000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die
-fremden Dampfer mit <em class="gesperrt">Kohlen</em> sich versorgen. 1888 wurde hier<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> für
-3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer)
-zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen<a name="FNAnker_238_238" id="FNAnker_238_238"></a><a href="#Fussnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> Japans; sie findet sich
-hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu.
-Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und
-englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.</p>
-
-<p>Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene
-Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll
-Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben
-ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt.
-Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen
-schaffen; sie bekommen 10&ndash;15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann
-hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen
-Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen
-die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die
-ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche
-Verfahren.</p>
-
-<p>Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher,
-Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den
-Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.</p>
-
-<p>Nagasaki,<a name="FNAnker_239_239" id="FNAnker_239_239"></a><a href="#Fussnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a> schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von
-Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung,
-als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000
-Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.</p>
-
-<p>Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten,
-besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte
-Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste
-zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie
-zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten,
-sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich
-der aufgehenden Sonne eingezogen ist.</p>
-
-<p>Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich
-Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse
-Shinto-Tempel <em class="gesperrt">O-Suwa</em> ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt;
-seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben
-luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug
-<em class="gesperrt">Kunichi</em>, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur
-der Stadt,<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen
-Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner
-Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der
-Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur
-Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art
-darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung
-des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten,
-sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese
-japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.</p>
-
-<p>Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen
-Reiches, Herr Dr. <em class="gesperrt">Lenze</em>. Wir leerten mehr als ein Glas auf
-das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem
-Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war
-die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine
-Cajütenfenster.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Abschied_von_Japan">Abschied von Japan.</h3>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container-right">
- <div class="poetry">
- <div class="verse mleft1">Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;</div>
- <div class="verse">Die Landschaft lieblich, voller Leben,</div>
- <div class="verse">Die Felder zierlich, die Häuser nett,</div>
- <div class="verse">Das Volk manierlich, fein, adrett;</div>
- <div class="verse">Das Leben köstlich und amüsant</div>
- <div class="verse">In diesem östlich geleg’nen Wunderland.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde,
-ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie
-der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das
-japanische Volk als das <em class="gesperrt">Entzücken seiner Seele</em> bezeichnete.
-Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen
-Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die
-<em class="gesperrt">Schattenseiten</em> zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen
-Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.</p>
-
-<p>Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich,
-reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel,
-geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien,
-konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu
-tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher,
-als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der
-reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der
-Philosophie, &mdash; das zu entscheiden will ich Andern überlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren,
-gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die
-gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den
-Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit
-das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten.
-Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.</p>
-
-<p>In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende
-Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme.
-Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber
-nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie
-zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel
-anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos
-Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die
-drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin
-gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.</p>
-
-<p>Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung
-verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit<a name="FNAnker_240_240" id="FNAnker_240_240"></a><a href="#Fussnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> herrsche. Wer nur in
-schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.</p>
-
-<p>Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich
-befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen
-aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten
-sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine
-Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch <em class="gesperrt">niemals</em> in Europa
-vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen
-in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.</p>
-
-<p>Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen;
-das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das
-unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine
-Sirene ehelicht, so ist er sicher <em class="gesperrt">nicht</em>, wie oft bei uns, ein
-Substrat der lex Heinze.</p>
-
-<p>Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends
-einen unordentlichen Menschen, sei es Mann<a name="FNAnker_241_241" id="FNAnker_241_241"></a><a href="#Fussnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> oder Weib gesehen;<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der
-zimperlichsten Dame beleidigen könnte.</p>
-
-<p>Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht
-sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in
-Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in
-Europa.</p>
-
-<p>Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich
-zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund
-freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und
-floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit
-artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen
-fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen,
-Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen
-zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches
-„Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der
-Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan
-scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen
-Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe
-gilt <a name="seitjahrhunderten" id="seitjahrhunderten"></a>seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.</p>
-
-<p>Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für
-den Reisenden natürlich das Urtheil über die <em class="gesperrt">Zukunft</em>. Japan
-befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was
-wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als
-vollberechtigtes Glied eintreten?</p>
-
-<p>Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die
-Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls
-das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe,
-wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende
-Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller
-für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich
-scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage
-zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des
-deutschen Einflusses.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="V">V.<br />
-<b>Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore
-nach Colombo.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, namentlich
-bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in seinem Gehirn
-die Begriffe <em class="gesperrt">Taifun</em> und <em class="gesperrt">Monsun</em> ordentlich verpackt
-unterzubringen.<a name="FNAnker_242_242" id="FNAnker_242_242"></a><a href="#Fussnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a></p>
-
-<p>In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und
-fliesst <em class="gesperrt">oben</em> nach den beiden Polen ab, <em class="gesperrt">unten</em> strömt von
-den Polen kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich
-nähert, gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden,
-welche (gewissermassen unter ihr fort) <em class="gesperrt">schneller</em> um die Erdachse
-von Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft,
-gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen
-setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der
-südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten
-liegt die Gegend der Windstillen.</p>
-
-<p>Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch
-die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen
-Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb
-des Aequators, weht Nordost-Monsun<a name="FNAnker_243_243" id="FNAnker_243_243"></a><a href="#Fussnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a> vom September bis April,
-Südwest-Monsun vom April bis September.</p>
-
-<p>Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber
-erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> eine
-Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen
-Südwestwind verwandelt wird.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tai-fun</em><a name="FNAnker_244_244" id="FNAnker_244_244"></a><a href="#Fussnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> sind Wirbelstürme in den chinesischen und
-japanischen Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom
-Juli bis November, am häufigsten im September und <em class="gesperrt">October</em>,
-vorkommen. Ihre Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO.
-nach WNW., während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der
-nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind
-für die Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten
-auftreten, und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen,
-innerhalb derer die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.</p>
-
-<p>Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich.
-Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.</p>
-
-<p>Ich lese <em class="gesperrt">Byron’s Harold</em>, den ich glücklicher Weise in der
-Bücherei des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in
-vollkommenster Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold
-nennt er die Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem
-Ehrgeiz vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es
-durch seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden,
-vor allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit
-hatte, wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger
-scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz
-ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch
-seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden,
-der den Anfang des dritten Gesangs vom <em class="gesperrt">Corsaren</em> kannte, &mdash; jene
-wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen,
-den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender
-Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das <em class="gesperrt">Hohelied
-vom Reisen</em>, das unser <em class="gesperrt">Goethe</em> gedichtet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">Doch ist es jedem eingeboren,</div>
- <div class="verse">Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,</div>
- <div class="verse">Wenn über uns, im blauen Raum verloren,</div>
- <div class="verse">Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,</div>
- <div class="verse">Wenn über schroffen Fichtenhöhen</div>
- <div class="verse">Der Adler ausgebreitet schwebt,</div>
- <div class="verse">Und über Flächen, über Seen,</div>
- <div class="verse">Der Kranich nach der Heimath strebt.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>Auf dem vaterländischen Schiffe,<a name="FNAnker_245_245" id="FNAnker_245_245"></a><a href="#Fussnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a> das vorzüglich eingerichtet ist,
-werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen
-Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen,
-zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch
-20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die
-Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten,
-&mdash; wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von
-dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, &mdash; guckt mit mir nach den
-Sternen.</p>
-
-<p>Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den <em class="gesperrt">grossen Bären</em>, aber
-zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt,
-dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.<a name="FNAnker_246_246" id="FNAnker_246_246"></a><a href="#Fussnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> Die
-jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als
-zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.</p>
-
-<p>Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen
-wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste,
-gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam
-eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig
-innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer
-zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden
-Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach <em class="gesperrt">Hongkong</em>. Wir
-haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong<a name="FNAnker_247_247" id="FNAnker_247_247"></a><a href="#Fussnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> in
-vier Tagen vollendet.</p>
-
-<p>Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht
-prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke
-aus.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.</em> Die Stadt liegt
-auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie
-<em class="gesperrt">Neapel</em>. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe
-und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener
-Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse,
-darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben
-die loggien-<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen
-prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.</p>
-
-<p>Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,<a name="FNAnker_248_248" id="FNAnker_248_248"></a><a href="#Fussnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a>
-die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer
-„Neckar“ vom Bremer Lloyd,<a name="FNAnker_249_249" id="FNAnker_249_249"></a><a href="#Fussnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> und werden in dem winzigen Dampfer des
-Hongkong-Hotel hinübergeschafft.</p>
-
-<p>Der Quai und Landungsplatz waren <em class="gesperrt">weiss von Menschengewimmel</em>;
-denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht
-schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die
-allgemeine Frage. Das Postschiff <em class="gesperrt">Bokhara</em>, von Shangai nach
-Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts
-melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine
-fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen.
-Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der
-P. &amp; O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten
-nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara
-gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die
-Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht,
-der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur
-zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen
-(Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den
-Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die
-Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener
-Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort
-nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein.
-Allerdings besteht <em class="gesperrt">diese Gefahr</em> auf den ostindischen Gewässern,
-dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der
-Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft
-ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung,
-als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere
-mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver
-und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber
-jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen <em class="gesperrt">chinesischen
-Fischer</em> auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie
-thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und
-von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia,
-&mdash; es waren dies die beiden einzigen<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Schiffe, die unmittelbar vor
-uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30
-Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der
-<em class="gesperrt">Ostküste</em> der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu
-werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt
-haben.</p>
-
-<p>Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen <em class="gesperrt">Kabel</em>.
-Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner
-glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn
-Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war
-ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa
-das Scheitern der Bokhara bekannt.</p>
-
-<p>Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt
-einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein
-befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die <em class="gesperrt">Punka</em>
-genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem
-Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in
-Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt
-sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird.
-Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong
-bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer
-Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende
-„Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit
-verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel
-ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes
-Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen
-Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und
-merkte, dass <em class="gesperrt">Hongkong weit heisser</em> ist, als ich es mir
-vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.</p>
-
-<p>Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und
-setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und
-lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren
-asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.</p>
-
-<p>Die Felseninsel Hongkong<a name="FNAnker_250_250" id="FNAnker_250_250"></a><a href="#Fussnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a> liegt unter 22° nördl. Breite, dicht
-unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract
-des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114°
-östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des
-Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz
-Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und
-misst 83 qkm.<a name="FNAnker_251_251" id="FNAnker_251_251"></a><a href="#Fussnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong
-gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten <em class="gesperrt">Ladrones</em>.</p>
-
-<p>Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden
-von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen,
-zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die
-darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften,
-das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum
-abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen,
-steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (<em class="gesperrt">Victoria</em>), welche
-an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn,
-die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen
-Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem <em class="gesperrt">Pik</em>)
-verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren
-Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen
-Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben,
-bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen,
-ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf
-der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem
-Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der
-Pforte von Südchina.</p>
-
-<p>Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und
-Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England
-abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem
-dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon<a name="FNAnker_252_252" id="FNAnker_252_252"></a><a href="#Fussnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a> auf
-dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige
-chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst
-versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,<a name="FNAnker_253_253" id="FNAnker_253_253"></a><a href="#Fussnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a>
-darunter waren nur 8000 Europäer.</p>
-
-<p>Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung
-von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus
-indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen,
-rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die
-ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der
-Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon.
-Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral
-(Commodore), ein General.</p>
-
-<p>Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind
-befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den
-Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der
-Handel ist bedeutend, da Victoria einen <em class="gesperrt">Freihafen</em> besitzt,
-jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene
-Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind.
-Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar
-mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil
-des Handels liegt in den Händen der <em class="gesperrt">Deutschen</em>, die in bester
-Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus
-grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der <em class="gesperrt">schönsten
-Gebäude</em> in Ostasien.</p>
-
-<p>Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere
-Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit
-Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit
-Amerika und Australien in reger Verbindung.</p>
-
-<p>1884 liefen ein;</p>
-
-<table class="hongkong" summary="Hongkong, Einfuhr">
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- 26763
- </td>
- <td class="tdl">
- Schiffe
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdr">
- 5000000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- darunter
- </td>
- <td class="tdr">
- 2976
- </td>
- <td class="tdl">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 3259000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- 314
- </td>
- <td class="tdl">
- Segler
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 290000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- 23473
- </td>
- <td class="tdl">
- Dschunken
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1687000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>2397 Schiffe waren britisch, 474 <em class="gesperrt">deutsch</em>. 1890 verkehrten im
-Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr
-beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für
-Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für
-Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der
-Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174
-Millionen Mark.</p>
-
-<p>Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der
-Engländer in der Colonisation.</p>
-
-<p>Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen
-Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen
-Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre
-1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857,
-als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde,
-versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch
-arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig
-gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet
-war. Während 1860&ndash;1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die
-Gasbeleuchtung, 1866 die Münze ein<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>gerichtet,) so folgte darnach
-eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel
-endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr
-als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.</p>
-
-<p>1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen
-Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der
-Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum
-durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so
-warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen
-die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch
-musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen
-fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind
-auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen
-feuersicher anzulegen.</p>
-
-<p>Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer
-und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die
-europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste,
-massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser
-der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig
-mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen
-Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor
-und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der
-granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über
-3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft,
-erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der
-Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof,
-Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen
-Garten das Haus des Gouverneurs.</p>
-
-<p>Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem
-Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den
-Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria,
-ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht
-ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4
-Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht
-glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann
-folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen
-Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist
-das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels,
-Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem
-Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> holte
-Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria
-und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach
-dem <em class="gesperrt">glückseligen Thal</em> (Happy valley) am Ostende der Stadt.</p>
-
-<p>Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen,
-prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird
-von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich
-nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen,
-dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr
-europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto
-mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen
-die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück
-Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von
-Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur
-nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch
-der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte
-gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über
-seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern
-den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische
-Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die
-Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle
-Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner
-und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur
-Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein
-Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere,
-aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich
-sammeln.</p>
-
-<p>Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo
-ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet,
-ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im
-gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes,
-auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube
-verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr.
-<em class="gesperrt">Schild</em>, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn
-Dr. <em class="gesperrt">Pauluhn</em>, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes
-„<em class="gesperrt">Iltis</em>“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge
-entfaltet.</p>
-
-<p>Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der
-„Nürnberg“ zusammen mit Capitän <em class="gesperrt">Schmölder</em> vom „Neckar“, und
-betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> nach
-der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen
-vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer
-Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche
-Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig
-Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen
-Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf
-unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre
-wünschenswerth.</p>
-
-<p>Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann
-Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden.
-Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag
-erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die <em class="gesperrt">später</em>
-reichlich <em class="gesperrt">Früchte</em> tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen
-finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen
-in Asien sich umgesehen.</p>
-
-<p>Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. <em class="gesperrt">Gerlach</em>, einen
-ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt
-und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in
-allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter,
-liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein
-Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und
-japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.</p>
-
-<p>Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der
-chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten
-Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten
-die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die
-jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden
-von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen
-ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich
-gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen
-Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden,
-dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden
-wären.</p>
-
-<p>Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und
-Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach <em class="gesperrt">Canton</em>, der drei Tage
-in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer <em class="gesperrt">Hankow</em>, der in
-Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht</p>
-
-<p>Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren
-fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche
-Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist
-noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> dem Oberdeck gelegenen,
-geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.</p>
-
-<p>Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,<a name="FNAnker_254_254" id="FNAnker_254_254"></a><a href="#Fussnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a> obwohl
-in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen,
-niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft
-oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute
-werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe
-des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind
-von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an
-die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.</p>
-
-<p>Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6&ndash;8 Cajütreisenden,
-deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung<a name="FNAnker_255_255" id="FNAnker_255_255"></a><a href="#Fussnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a> zahlen,
-kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95
-englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also
-macht das Schiff fast 14 Knoten.</p>
-
-<p>Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren.
-Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf
-einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können.
-Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder
-Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte
-Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung
-des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun,
-von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also
-Tiger-Rachen, genannt wird.</p>
-
-<p>Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt
-eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen
-auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer
-erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern
-mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas
-anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind
-unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien
-Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden,
-jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die
-ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit
-ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und
-Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></p>
-
-<p>Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur
-unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die <em class="gesperrt">Heckradschiffe</em>,
-deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10&ndash;20
-Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit
-20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw.
-amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so
-billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass
-denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem
-bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen
-angemalten Augen<a name="FNAnker_256_256" id="FNAnker_256_256"></a><a href="#Fussnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden
-bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich
-zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen,
-thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo
-die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die
-Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist
-sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur
-20&ndash;36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher
-erster Classe.</p>
-
-<p>Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode.
-Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm,
-offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und
-auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem
-Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein
-Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder
-vertreiben soll.</p>
-
-<p>Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in
-<em class="gesperrt">Wampoa</em>, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen
-Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die
-merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier
-Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel <em class="gesperrt">Schamin</em>.
-An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer
-tüchtigen <em class="gesperrt">Chinesin</em>, die durch ein neusilbernes Schild auf der
-Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels
-sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die
-Familie besitzt keine andere Heimstätte.<a name="FNAnker_257_257" id="FNAnker_257_257"></a><a href="#Fussnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<p>Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck,
-bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre
-Hilfe brauchen werden.</p>
-
-<p>Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso
-hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter
-des deutschen Reiches, Herrn <em class="gesperrt">Lange</em>, als auch von dem des
-norddeutschen Lloyd, Herrn <em class="gesperrt">Melchers</em>, auf das liebenswürdigste
-angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe
-angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn
-das <em class="gesperrt">Schamin-Hotel</em> genügt mässigen Ansprüchen.</p>
-
-<p>Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn <em class="gesperrt">Melchers</em> und
-statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.</p>
-
-<p>Canton, chinesisch <em class="gesperrt">Kwang-chow-foo</em> (Kwangtschou), liegt an
-dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier
-eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der
-Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des
-chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die
-alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10
-Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6
-Meter dick und 7&ndash;13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt
-als Neustadt bezeichnet.</p>
-
-<p>Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei
-Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere
-Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder &mdash;
-Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.</p>
-
-<p>Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen
-China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung<a name="FNAnker_258_258" id="FNAnker_258_258"></a><a href="#Fussnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a> und Kwang-Su)
-und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten
-Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich
-ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, &mdash; denn das Gebäude der
-Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.</p>
-
-<p>Die Stadt hat den <em class="gesperrt">ältesten</em> Verkehr der Chinesen mit der
-Aussenwelt vermittelt und trägt dem <em class="gesperrt">neuesten</em> Rechnung. Schon im
-10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer
-von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die
-<em class="gesperrt">Portugiesen</em>, wurden aber wieder vertrieben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Macao</em> (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton)
-ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat
-die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische
-gerichtet, Macao<a name="FNAnker_259_259" id="FNAnker_259_259"></a><a href="#Fussnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a> zu räumen!</p>
-
-<p>Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die
-<em class="gesperrt">Holländer</em>. Deren Erbschaft haben die <em class="gesperrt">Engländer</em>
-angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine
-Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842
-dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel
-eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer
-Bauart:</p>
-
-<table summary="Macao, europäische Einfuhr">
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1107
- </td>
- <td class="tdl">
- Dampfer
- </td>
- <td class="tdc">
- mit
- </td>
- <td class="tdc">
- 1
- </td>
- <td class="tdc">
- Million
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- und
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1147
- </td>
- <td class="tdl">
- Segler
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><em class="gesperrt">Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle</em>, nach der
-englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon
-entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker,
-Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren,
-Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt
-China’s und ein hervorragender Markt für den <em class="gesperrt">inländischen</em> Handel.</p>
-
-<p>Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl
-der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der
-eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.</p>
-
-<p>Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel
-aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden.
-Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege,
-bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club,
-einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein
-Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn
-nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem
-betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die
-Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an
-die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein
-der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange
-her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt
-nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für
-die letztere, aus dem einfachen Grunde,<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> weil sie für jeden Schaden
-aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte.
-Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den
-Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf
-kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel
-verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt,
-lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen,
-und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein
-Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.</p>
-
-<p>Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben
-Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende
-des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom
-Anfang des Jahrhunderts kennen.</p>
-
-<p>Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.</p>
-
-<p>Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens
-über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner
-Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln,
-Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der
-Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die
-Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine
-Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher
-in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte.
-Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit
-einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns
-unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den
-„rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei).
-Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie
-kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an
-diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam
-auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies:
-„Belly<a name="FNAnker_260_260" id="FNAnker_260_260"></a><a href="#Fussnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a> young, no education.“</p>
-
-<p>Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um
-Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und
-Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit
-ihrem Gruss: „<em class="gesperrt">Tchin, tchin</em>“ den Fremden empfangen.</p>
-
-<p>Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne
-getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner
-Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> mit Käppchen,
-Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit
-der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei,
-vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste
-der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir
-wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles
-langsam und behaglich betrachten.</p>
-
-<p>Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das
-besser, wir würden das Alles sehr gut in <em class="gesperrt">einem</em> Tage sehen. Er
-hatte Recht.</p>
-
-<p>Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend
-für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch
-nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt
-der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die
-Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die
-Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie
-eine Rundfahrt in einem Caroussel.</p>
-
-<p>Erstaunlich ist die <em class="gesperrt">Menschenanhäufung</em> in den engen, kaum drei
-Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen
-farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten
-Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem
-Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum,
-dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende
-Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie
-nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste
-ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und
-des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger
-Volks-Auflauf.</p>
-
-<p>Was wir besuchen, sind I) <em class="gesperrt">Läden</em>. Zuvörderst (1) einen, wo
-die bekannten <em class="gesperrt">Reispapier</em><a name="FNAnker_261_261" id="FNAnker_261_261"></a><a href="#Fussnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a>-<em class="gesperrt">Malereien</em> feil geboten
-werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den
-kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während
-die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht
-finden. Unser Meister <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> hat sehr abfällig geurtheilt
-über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber
-der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt
-das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere
-Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine
-Photographien kaufte.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span></p>
-
-<p>Sodann (2) kommt die <em class="gesperrt">Klein-Mosaik-Arbeit</em>. Auf Spangen und andere
-Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen
-von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld
-und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen,
-verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem
-Schmuck Gefallen finden.</p>
-
-<p>Hierauf folgt (3 u. 4) <em class="gesperrt">Seiden-Weberei</em> und
-<em class="gesperrt">Seiden-Stickerei</em>. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl
-betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden
-haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so
-dass es nicht an Licht fehlt.</p>
-
-<p>Beim <em class="gesperrt">Schwertfeger</em> (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan,
-abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Elfenbeinschnitzer</em> (6) endlich suchte riesengrosse
-Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen,
-sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns
-ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa
-zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet;
-sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige
-Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem
-Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.</p>
-
-<p>Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross
-unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe
-von <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em>, den <em class="gesperrt">Tempeln</em> (II.), deren 800
-in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig
-erachtet wurden.</p>
-
-<p>7) <em class="gesperrt">Der Tempel der</em> 500 <em class="gesperrt">Genien</em> oder Buddha-Schüler enthält,
-wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von
-denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen
-europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und
-wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als <em class="gesperrt">Marco
-Polo</em> vorgestellt.</p>
-
-<p>In der Nähe dieses Tempels ist der <em class="gesperrt">Edelstein-Markt</em>. Die Chinesen
-schätzen den <em class="gesperrt">Nierenstein</em> (Nephrit, englisch Jade), der aus dem
-Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder
-Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein,
-Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.</p>
-
-<p>8) Der <em class="gesperrt">Tempel des Schreckens</em> zeigt eine gute Sammlung von
-Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der
-armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-<p>In einem Tempelthurm ist eine alte <em class="gesperrt">Wasseruhr</em>. Vier Kupferbecken
-sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer
-in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit
-Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln
-mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser
-vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die
-ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten
-chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine
-hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.</p>
-
-<p>Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung
-eines besseren Namens als <em class="gesperrt">Vermischtes</em> bezeichnen.</p>
-
-<p>Natürlich wurden wir nach einem <em class="gesperrt">Gefängniss</em> (10) geschleppt.
-Wer eine solche Besserungs-Anstalt im <em class="gesperrt">wirklichen</em> Europa unsrer
-Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in
-Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück
-halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes
-Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von
-der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die
-halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen,
-theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett
-gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln.
-Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu
-betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren
-Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller
-Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung
-sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein
-nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum
-Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich
-abgenommen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Hinrichtungsstätte</em> (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer
-schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen
-Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld.
-Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines
-Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er
-hatte mich vollständig beruhigt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Squeezi Pidgin</em> oder Quälgeschäft heisst in dem
-englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung;
-so könnte aber mit vollem Recht auch die <em class="gesperrt">chinesische
-Staatsprüfung</em> genannt werden. Da sind in der <em class="gesperrt">Prüfungshalle</em>
-(12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die
-unglücklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des
-Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben.
-Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere
-Beamten-<a name="FNAnker_262_262" id="FNAnker_262_262"></a><a href="#Fussnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a>Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte
-uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das
-auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als
-Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind
-ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.</p>
-
-<p>Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten
-<em class="gesperrt">Wall</em> (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und
-Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen
-Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand
-vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen
-Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich
-von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem
-Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute
-sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von
-Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst
-an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen
-eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene
-<em class="gesperrt">Frühstück</em> (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen
-Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und
-Rothwein einschloss.</p>
-
-<p>Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich
-einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die
-Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.</p>
-
-<p>Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der <em class="gesperrt">fünfstöckige
-Thurm</em> (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit
-leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und
-der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt,
-friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und
-theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht:
-einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen
-die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade
-so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits
-auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen,
-gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> Uebung einer
-Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in
-einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll
-das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!</p>
-
-<p>Der Rückweg brachte uns zunächst an einen <em class="gesperrt">Begräbnissplatz</em> (16)
-reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in
-denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die
-einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den
-Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und
-verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können.
-Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen;
-so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte
-uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500
-Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn
-man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen
-Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die
-Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.</p>
-
-<p>Hierauf gelangen wir in die <em class="gesperrt">Tatarenstadt</em> (17), die eine
-besondere Umwallung besitzt.</p>
-
-<p>Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem
-stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd
-und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde
-oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht,
-sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern
-und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.</p>
-
-<p>Den Schluss der Besichtigungen macht ein <em class="gesperrt">chinesischer Club</em> (18)
-der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden,
-Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Volksgewühl</em> war Nachmittags noch grösser als Vormittags;
-aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole
-im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.</p>
-
-<p>Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck,
-Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden
-allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich
-nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen,
-durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden
-sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da
-er seine <em class="gesperrt">Aufgabe gelöst</em>. Ich glaube seiner Führung und der Stadt
-Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten
-mit <em class="gesperrt">fortlaufenden Nummern</em> bezeichnet habe.</p>
-
-<p>Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach
-den <em class="gesperrt">Blumenbooten</em> fahren. Das gilt für eine der grössten
-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt,
-viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind
-grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert
-sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese
-schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die
-ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe
-herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar
-wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle
-oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren
-„Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten
-Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen
-und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen,
-wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde
-und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen
-Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird
-erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke
-nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.</p>
-
-<p>Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem
-Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem <em class="gesperrt">Missions-Krankenhaus</em>.
-Unterwegs hatten wir Gelegenheit die <em class="gesperrt">schwimmende Vorstadt</em> von
-Canton kennen zu lernen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jedes Boot ist Heimstätte</em> einer Familie. Ueber 300000 Menschen
-leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande
-gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt.
-In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine
-eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen
-Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die
-Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit,
-die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.</p>
-
-<p>Es giebt auch <em class="gesperrt">Flussbettler</em>, die nie an’s Land kommen, namentlich
-Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und
-die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt,
-erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> und
-erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der
-mildherzige Fremde eine Münze wirft.<a name="FNAnker_263_263" id="FNAnker_263_263"></a><a href="#Fussnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a></p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Missions-Krankenhaus</em> ist eine seltsame Einrichtung. Es
-gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen
-Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr.
-Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr.
-Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre
-Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören,
-bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen
-werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und
-billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus
-aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt!<a name="FNAnker_264_264" id="FNAnker_264_264"></a><a href="#Fussnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a> Die
-Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt
-lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber
-die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.</p>
-
-<p>Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer)
-Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die
-andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine
-Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an
-solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein.
-So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser
-Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von
-Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe
-der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig,
-wenn ein gut geschulter <em class="gesperrt">deutscher</em> Wundarzt in Canton ein <em class="gesperrt">rein
-ärztliches</em> Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen
-für <em class="gesperrt">unser Vaterland</em> zu stärken. Auch Herr Generalconsul
-<em class="gesperrt">Budler</em>, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner
-reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.</p>
-
-<p>Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in
-dem gedruckten Bericht.<a name="FNAnker_265_265" id="FNAnker_265_265"></a><a href="#Fussnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<p>Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen
-Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein;
-denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch
-dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten
-zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen
-Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im
-Krankenhaus feilgehalten.</p>
-
-<p>In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die <em class="gesperrt">verkrüppelten Füsse</em>
-einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach
-langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie
-unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.</p>
-
-<p>Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten
-eingebogen, &mdash; wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt,
-&mdash; und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.</p>
-
-<p>Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der
-eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin
-geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht
-sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.</p>
-
-<p>Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der
-unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für
-ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.</p>
-
-<p>Vom Krankenhaus fuhren wir nach den <em class="gesperrt">Blumen-Gärten</em> in der
-westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich
-gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet,
-wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile
-sind aus Thon gebildet und eingesetzt.</p>
-
-<p>Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten,
-dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur
-Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht
-in den prachtvoll erleuchteten <em class="gesperrt">Hafen von Hongkong</em> zurück.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner
-Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der
-Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus
-der P. &amp; O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der
-Dampfer „<em class="gesperrt">Brindisi</em>“ wird am 27. October abfahren. Ich habe
-mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf
-solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu
-klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M.
-M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar
-nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> und besuchte
-sogar das <em class="gesperrt">Museum</em> von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen
-Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer
-ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch
-freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10&ndash;5 Uhr offen, ohne
-Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie
-Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus
-Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen,
-Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und
-gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein
-Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der <em class="gesperrt">Drahtseilbahn</em>.
-Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der
-Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben
-kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich
-steil.<a name="FNAnker_266_266" id="FNAnker_266_266"></a><a href="#Fussnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a> Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert.
-Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die
-unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden
-Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf
-die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen
-Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie
-ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe
-(Gap)<a name="FNAnker_267_267" id="FNAnker_267_267"></a><a href="#Fussnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a> befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station
-sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln,
-mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten
-Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen
-Zeit vom Mai bis October. Leider sind es <em class="gesperrt">mehrere</em>, der
-Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der
-Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers
-in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.<a name="FNAnker_268_268" id="FNAnker_268_268"></a><a href="#Fussnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a> Das
-beste ist Mt. <em class="gesperrt">Austin Hotel</em>. Entzückend ist die Aussicht von
-dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der
-Nähe desselben<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> auf das gegenüberliegende Festland von China mit den
-Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische
-Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen
-Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute
-Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist
-die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange
-errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer
-abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria,
-namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der
-Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu
-hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten
-zum Vergnügen des Volkes gestiftet.</p>
-
-<p>Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der
-Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von
-Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das
-Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische
-Herr angenommen, &mdash; ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die
-Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; &mdash;
-und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu
-zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als
-Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem
-ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit
-der Nachbarschaft weniger zufrieden.</p>
-
-<p>Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen
-Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein
-schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit
-eignem Bad, nebst <a name="verpflegung" id="verpflegung"></a>guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6
-Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und
-gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul <em class="gesperrt">Budler</em>,<a name="FNAnker_269_269" id="FNAnker_269_269"></a><a href="#Fussnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a>
-der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem
-„deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die
-Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der
-Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts.
-kostet.</p>
-
-<p>So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir
-noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche
-Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie
-überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind
-das Werk der zahlreichen chinesischen <em class="gesperrt">Uebelthäter</em>, die<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> von den
-südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter
-den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong
-geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische
-Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit
-bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch
-Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.</p>
-
-<p>Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen.
-Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder
-gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man
-eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste
-und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich
-für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene
-zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert
-Fuss höher liegt.<a name="FNAnker_270_270" id="FNAnker_270_270"></a><a href="#Fussnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> An der Südküste finde ich auf steilem Hügel
-in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein
-langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich
-seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit
-bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier <em class="gesperrt">französisch</em>,
-&mdash; zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der
-ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist
-<em class="gesperrt">Bethanie</em>, eine Heilstätte für die französischen Missionäre
-in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und
-Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester,
-ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr
-mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern
-kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.</p>
-
-<p>Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet
-in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und
-Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen
-Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment
-enthalten.<a name="FNAnker_271_271" id="FNAnker_271_271"></a><a href="#Fussnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a> Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet,
-erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte
-Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen.
-Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen,
-haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze
-kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche
-Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.</p>
-
-<p>Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet
-als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte
-ich zu Fuss bergab, um die <em class="gesperrt">öffentlichen Gärten</em> Hongkongs, die
-auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem
-Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die
-eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser
-Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig,
-aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man
-die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings
-hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die
-sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl
-und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem
-Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder,
-Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem
-Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.</p>
-
-<p>Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen
-verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk,
-australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende
-Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran
-gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.</p>
-
-<p>Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen
-Aussichtspunkten ist <em class="gesperrt">Bowen road</em>. Dieser Weg führt über den
-verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von
-Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.</p>
-
-<p>Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an
-den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen,
-die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen
-Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen
-Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen
-Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.<a name="FNAnker_272_272" id="FNAnker_272_272"></a><a href="#Fussnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a></p>
-
-<p>Natürlich, <em class="gesperrt">von China wissen wir ebenso wenig</em>, wie von Japan,
-und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen.<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> Aber das
-ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit
-beginnen?</p>
-
-<p>„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Pulver kannten die Chinesen,</div>
- <div class="verse">Konnten auch Gedrucktes lesen,</div>
- <div class="verse">Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,</div>
- <div class="verse">Und Amerika war immer da,</div>
- <div class="verse">Stets wie jetzt uns fern und nah.“<a name="FNAnker_273_273" id="FNAnker_273_273"></a><a href="#Fussnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a></div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten
-lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der
-neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen
-jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu
-erlernen und sicher zu behalten.</p>
-
-<p>Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber
-zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.</p>
-
-<p>Höchst anziehend sind die <em class="gesperrt">Sagen von den ältesten Kaisern</em>.
-Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird
-gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von
-China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein
-Stück Ackerland umpflügt.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,</div>
- <div class="verse">Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt
-und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für
-alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.</p>
-
-<p>Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert,
-wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen
-Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall,
-Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende)
-Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit,
-Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll
-auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen
-geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.</p>
-
-<p>In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123&ndash;246 v. Chr.) wurde das
-Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von
-der vierten Dynastie (Tsin<a name="FNAnker_274_274" id="FNAnker_274_274"></a><a href="#Fussnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a> 246&ndash;206 v. Chr.) begründete
-Alleinherrschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> des Fürsten und Einheit des Reiches, das er
-vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es
-folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete
-sich die Buddha-Lehre aus.</p>
-
-<p>Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und
-geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.</p>
-
-<p>1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan,
-Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen
-Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein
-Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu
-Stifter der <em class="gesperrt">Ming Dynastie</em> (der XX., 1368 bis 1644). Katholische
-Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die
-Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der
-erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten
-genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten
-Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden
-die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten
-<em class="gesperrt">Unruhen</em>.</p>
-
-<p>1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische
-Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten
-hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong
-abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den
-Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten
-in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.</p>
-
-<p>Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin,
-die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im
-Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen,
-der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug
-die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie
-<em class="gesperrt">Taiping</em> (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen
-mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt <em class="gesperrt">Nanking</em>.</p>
-
-<p>Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen
-des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie
-als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden
-chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857,
-zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October
-1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Euro<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>päer 50000 Chinesen
-in die Flucht trieben, nach <em class="gesperrt">Pecking</em> vor, wo die Franzosen den
-Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter
-Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte
-Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen
-Vertrag mit <em class="gesperrt">Preussen</em>, gleichzeitig für den Zollverein.</p>
-
-<p>Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus
-Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren
-Hülfe die <em class="gesperrt">Taiping-Revolution</em> 1863 durch Eroberung von Nanking
-<em class="gesperrt">beendigt</em> wurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg
-hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.</p>
-
-<p>England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit
-China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet
-und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame
-Rolle in Ostasien spielen.</p>
-
-<p>Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen
-des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur
-<em class="gesperrt">Unterdrückung der Seeräuberei</em> an den chinesischen Küsten
-beigetragen.</p>
-
-<p>Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von
-Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland
-drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen
-annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882
-Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson
-siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen
-die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu.
-Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten
-20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.</p>
-
-<p>Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine
-balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“
-nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den
-Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.</p>
-
-<p>Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der <em class="gesperrt">weise
-Khung-futse</em><a name="FNAnker_275_275" id="FNAnker_275_275"></a><a href="#Fussnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a>. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten
-Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten,
-hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft<a name="FNAnker_276_276" id="FNAnker_276_276"></a><a href="#Fussnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> stellte, und mit
-30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten
-Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte
-Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch
-der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines
-Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte
-so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister
-ernannte.</p>
-
-<p>In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen
-verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur
-Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte
-Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn
-niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht
-in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich
-für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für
-solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der
-Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben
-straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch
-gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel
-er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.</p>
-
-<p>Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht
-günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge
-voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im
-dreissigsten.</p>
-
-<p>Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte
-er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen
-(Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende
-selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine
-Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu,
-Confucius’sche Analekten.)</p>
-
-<p>Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste
-das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber
-ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst
-sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und
-hochverehrt.</p>
-
-<p>Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der
-Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles
-Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden.
-Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler ent<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>halten: Lun Yu
-(C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).</p>
-
-<p>Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch
-ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine
-Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist
-die Stellung der idealen Männer im Universum. <em class="gesperrt">Die Art der Menschen
-ist gut von Natur</em>. In dem <em class="gesperrt">Weisen</em> erreicht die Natur ihre
-höchste Entwicklung.</p>
-
-<p>Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist
-überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am
-besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in
-einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.</p>
-
-<p>Nächst dem Weisen kommt der <em class="gesperrt">hervorragende Mann</em>. Er ist Fehlern
-unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne,
-und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird
-auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein
-Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht
-zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so
-handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe
-verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht
-sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die
-stete Sorge des Confucius.</p>
-
-<p>Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten;
-kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt
-Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich
-fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des
-Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70
-konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu
-überschreiten.“</p>
-
-<p>Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden
-werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern
-zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer
-selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die
-Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend
-regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen,
-Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der
-Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist
-Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur
-Erde.<a name="FNAnker_277_277" id="FNAnker_277_277"></a><a href="#Fussnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a> Der Mann sei stark und die Frau sanft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span></p>
-
-<p>Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den
-Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates
-hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn
-fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie
-willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und
-Güte mit Güte.“<a name="FNAnker_278_278" id="FNAnker_278_278"></a><a href="#Fussnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a></p>
-
-<p>Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es
-heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt
-werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und
-unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der
-Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen
-Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde
-nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom
-Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.</p>
-
-<p>Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine
-Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten,
-seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand
-der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen
-den Worten dieses Mannes.</p>
-
-<p>Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul
-verdanke, ist das über die <em class="gesperrt">tugendhaften Weiber</em>. (Englisch von
-Miss A. C. Stafford. Kelly &amp; Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der
-erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde
-es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene,
-zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des
-Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der
-kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen
-Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen
-Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen
-Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff
-und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren
-Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden
-das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von
-solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. <em class="gesperrt">Hildebrandt</em>
-spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen
-Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten
-in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was
-<em class="gesperrt">er</em> dabei unter <em class="gesperrt">Frauen-Tugend</em> versteht, wird in Asien als
-der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-<p>Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude
-gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete:
-er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei
-hauptsächlichsten Familien<a name="FNAnker_279_279" id="FNAnker_279_279"></a><a href="#Fussnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a> der deutschen Colonie ein und auch
-meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal
-auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und
-deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts
-zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem
-landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr
-gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu
-den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.</p>
-
-<p>Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung
-des Herrn Collegen Gerlach, <em class="gesperrt">Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten</em>
-von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.</p>
-
-<p>1) Das <em class="gesperrt">Regierungs-Krankenhaus</em> ist europäisch eingerichtet
-und von englischen Aerzten geleitet. Das <em class="gesperrt">Alice-Krankenhaus</em>
-(Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die
-Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte
-(Dr. <em class="gesperrt">Jordan</em>, Augenarzt, und Dr. <em class="gesperrt">Thompson</em>, Chirurg und
-Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem
-Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden,
-eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach
-dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70
-Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an
-der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.</p>
-
-<p>2) <em class="gesperrt">Asile de St. Enfance</em> liegt am Meeresufer im Osten der Stadt.
-Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte
-Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind
-sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches
-sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar
-erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen.
-Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie
-fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze
-hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!</p>
-
-<p>3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte <em class="gesperrt">das Berliner
-Findling-Haus</em>. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier
-in<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225"></a></span><span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Ostasien eine von <em class="gesperrt">Berlinern</em> gegründete und verwaltete
-Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch
-irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es
-würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue
-Freunde und &mdash; Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte
-ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine
-„Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei
-uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit
-gebe.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="findlingshaus_hongkong" name="findlingshaus_hongkong">
- <img class="mtop1" src="images/i_0225.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="s5 center mbot1">Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses
- zu Hongkong.</p>
-</div>
-
-<p>Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas
-grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die
-Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor
-Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und
-Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen
-singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe
-der chinesischen Classiker. Gegen das 20<sup>te</sup> Jahr werden sie an
-chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden
-sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen
-im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl <em class="gesperrt">ihrer</em> Kinder
-betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in
-das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von
-3&ndash;5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam
-jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als
-ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme
-Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“,
-von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des
-Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung
-folgt.</p>
-
-<p>Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine <em class="gesperrt">„Landpartie</em>
-nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.</p>
-
-<p>Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr
-Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn
-Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich
-besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, <em class="gesperrt">war</em> die
-<em class="gesperrt">Fröhlichkeit</em> der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und
-Thatsachen der Berichte.<a name="FNAnker_280_280" id="FNAnker_280_280"></a><a href="#Fussnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p>
-
-<p>In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht
-aufziehen will oder <em class="gesperrt">kann</em>, in einem Korb auf die Strasse gesetzt,
-aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen.
-Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche
-Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, &mdash; was in <em class="gesperrt">Europa
-und Amerika</em> geschieht. Der medical Record, eine amerikanische
-Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich <em class="gesperrt">in der
-Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende</em>.
-Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand,
-1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris,
-1380 in Venedig, 1687 in London.</p>
-
-<p>Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte,
-stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder
-bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der
-Kindesmorde.</p>
-
-<p>Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine
-Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der
-Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind
-<em class="gesperrt">bringt</em>, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, &mdash; weil es zu häufig
-die eigne Mutter war; durch dieses persönliche <em class="gesperrt">Deplacement</em><a name="FNAnker_281_281" id="FNAnker_281_281"></a><a href="#Fussnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a>
-wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.</p>
-
-<p>4) Die <em class="gesperrt">Basler Mission</em> hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält
-nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. <em class="gesperrt">Reusch</em>
-begrüsste.</p>
-
-<p>Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem <em class="gesperrt">deutschen
-Club</em><a name="FNAnker_282_282" id="FNAnker_282_282"></a><a href="#Fussnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im
-Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf
-der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.</p>
-
-<p>Am Nachmittag besuchten wir auch die <em class="gesperrt">Chinesenstadt</em>. In der
-mit der Uferstrasse gleichlaufenden <em class="gesperrt">Queensroad</em> befinden sich
-neben Banken und europäischen Läden<a name="FNAnker_283_283" id="FNAnker_283_283"></a><a href="#Fussnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a> aller Art auch die feineren
-chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-,
-Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<p>Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig,
-sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe
-vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen
-aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der
-Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit
-erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt
-nach dem Begehren.</p>
-
-<p>Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere
-Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer,
-Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel,
-Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und
-ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel,
-da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt
-werden.</p>
-
-<p>Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder
-Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann
-man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar
-Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot
-ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise
-nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische
-Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin
-changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn
-und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing
-an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein
-Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum
-Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.</p>
-
-<p>Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren
-geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels
-(d. h. 50×37,<sub>783</sub> Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch
-abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze,
-ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10
-Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig.
-Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich
-werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen
-ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig
-von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen
-lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze
-wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das
-Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch
-darüber<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon
-vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde
-es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste
-Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.</p>
-
-<p>Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für
-chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden
-Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell
-und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene
-Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und
-die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am
-Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben
-besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.</p>
-
-<p>Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin,
-dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss
-genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des
-Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer
-beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird
-bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.</p>
-
-<p>Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit
-besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich
-und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der
-Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.</p>
-
-<p>Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse
-Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor
-seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen
-Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als
-Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene
-Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen
-Inschriften von unten bis oben bedeckt.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">gewöhnlichen chinesischen Aerzte</em> sind schäbige Gesellen; man
-soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht
-mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen
-vergleichen. Während es <em class="gesperrt">früher Kaiserliche Schulen</em> der Heilkunde
-in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde
-ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland
-(Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen.
-Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen
-Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst
-aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf
-der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere
-Diener sind mit dem Raspeln<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> von Wurzeln und dergleichen beschäftigt.
-Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin,
-dass er „niemals schneidet.“</p>
-
-<p>Natürlich giebt es auch <em class="gesperrt">feinere Aerzte</em> in China. In neuester
-Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern
-gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und
-einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.</p>
-
-<p>Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die
-einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren
-geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und
-Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren
-zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco,
-die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen
-und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die
-chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt
-kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.</p>
-
-<p>Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen &mdash; Freunde jede
-Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und
-Todesfälle sind thatsächlich selten.</p>
-
-<p>Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten
-da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore;
-der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch
-chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.</p>
-
-<p>Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich
-beträchtlich. <em class="gesperrt">Cho-Chiu-Kei</em>, der chinesische Hippocrates,
-welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.)
-gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das
-noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und
-worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch
-einen <em class="gesperrt">Giftstoff</em>, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er
-auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift
-wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift
-ausgetrieben werden. &mdash; Noch vor einem Menschenalter hielten die
-europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber
-in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz
-ähnlichen Anschauungen gelangt.</p>
-
-<p>Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die
-<em class="gesperrt">Tempel</em>. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter,
-bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf
-dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende
-Weihrauchstäbchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span></p>
-
-<p>Natürlich giebt es hier auch <em class="gesperrt">Opium-Kneipen</em>. Aber die Ansicht,
-welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze
-chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich.
-Man betrachte den nackten braunen<a name="FNAnker_284_284" id="FNAnker_284_284"></a><a href="#Fussnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a> Oberkörper der Kuli, welche
-ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in
-Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den
-Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.</p>
-
-<p>Chinesische <em class="gesperrt">Spielhäuser</em>, wie ich sie in Portland und S.
-Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten
-sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie
-neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind <em class="gesperrt">spielwüthig</em> und
-fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die
-beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den
-Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Strassenscenen</em> sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht
-und hört man <em class="gesperrt">Fruchtverkäufer</em>. Die Hauptsorten sind <em class="gesperrt">Litchi</em>
-(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; <em class="gesperrt">Pumelo</em>, eine
-Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen
-und Mandarinen; ferner die <em class="gesperrt">Canton-Stachelbeere</em> (Averrhoa
-carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig
-Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und
-Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen
-in Aegypten.</p>
-
-<p>Dort hat ein wandernder <em class="gesperrt">Barbier</em> seinen Sitz aufgeschlagen,
-rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf<a name="FNAnker_285_285" id="FNAnker_285_285"></a><a href="#Fussnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a> und holt aus
-Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der
-<em class="gesperrt">Geschichtenerzähler</em> bricht geschickt ab, wenn der junge
-Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash
-einzusammeln. <em class="gesperrt">Hochzeits-</em> und <em class="gesperrt">Begräbnisszüge</em> werden
-von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche
-Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die
-Trauer-Kleidung.</p>
-
-<p>Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong,
-das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha,
-und für die Hügel der Palankin.</p>
-
-<p>Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer
-Brindisi (von der P. &amp; O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer
-hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht
-38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>
-nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich
-meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische
-Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. &amp; O.) vernachlässigt die Nebenlinie
-von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren
-Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.</p>
-
-<p>Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der
-Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das
-auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das
-elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz
-dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten
-enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und
-Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um
-sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der
-tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen
-legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich
-selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur
-wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“
-des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse
-verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen
-der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff.
-Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem
-Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal
-aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.</p>
-
-<p>Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle,
-die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und
-uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn
-sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder
-Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus
-Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht,
-aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer
-Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige
-hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte
-sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen
-Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich
-konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er,
-wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen
-Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen
-Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore
-zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem
-Schlafe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span></p>
-
-<p>Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte;
-einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige
-Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit
-zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation)
-ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind
-geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge
-fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet,
-und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr,
-Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste;
-jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.</p>
-
-<p>Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche
-da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine
-angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R.,
-der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war
-während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben
-und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig
-geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei
-der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung
-des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe,
-der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste
-hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in
-die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht,
-denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb
-wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer
-Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann
-noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen,
-ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu
-Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft
-aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse
-Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit
-seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes
-überwunden werden kann.</p>
-
-<p>Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je
-zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean
-her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und
-Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen
-Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich,
-als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein
-sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments,
-unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der
-Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> dieses Versuchs scheint
-mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung
-zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer
-Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem
-Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen
-wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern
-die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren,
-Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.</p>
-
-<p>Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der
-zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die
-Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser
-Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein
-erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine
-Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem
-Reisetagebuch schrieb.</p>
-
-<p>Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte
-Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen
-ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir
-angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat
-oder gelebt haben soll.<a name="FNAnker_286_286" id="FNAnker_286_286"></a><a href="#Fussnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a></p>
-
-<p>Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar
-Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel
-mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen
-Linien dringend empfehlen, auch ein solches <em class="gesperrt">Taschenbuch</em><a name="FNAnker_287_287" id="FNAnker_287_287"></a><a href="#Fussnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a>
-herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation
-Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft:
-gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu
-300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle
-Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies
-Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.</p>
-
-<p>Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887
-Tonnen im Mittel.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach
-Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>
-die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £
-Unterstützung.</p>
-
-<p>In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter
-P. &amp; O. zurück, in der <em class="gesperrt">Ertragsfähigkeit</em>.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:</p>
-
-<p class="p0">Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.<br />
-Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.<br />
-Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.<br />
-Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.<br />
-Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.<br />
-Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.<br />
-Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.<br />
-<span class="mleft2">Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.</span><br />
-Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.<br />
-Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.<br />
-Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.<br />
-Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.<br />
-Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.<br />
-Abends, 8. November, an Colombo.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt
-die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau
-zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe
-ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die
-Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über
-Indien.</p>
-
-<p>Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag)
-erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln,
-auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald
-längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb
-der Stadt an der Werft (P. &amp; O. Wharf, in New Harbour, 3 englische
-Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die
-nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge
-zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny
-gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke
-(„gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen
-thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen,
-gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Singapore</em> an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich
-vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt
-der englischen Colonie <em class="gesperrt">Strait-Settlements</em>, welche die Insel
-Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die
-ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel
-Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse
-von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich
-und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine
-Dampfertagereise nördlich von Java<a name="FNAnker_288_288" id="FNAnker_288_288"></a><a href="#Fussnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a>, nach <em class="gesperrt">Ratzel’s</em> Worten
-„an <a name="einerjener" id="einerjener"></a>eine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“
-Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687
-Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist
-ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und
-mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der
-Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland
-(<em class="gesperrt">Djohor</em>) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis
-1,<sub>2</sub> Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir
-Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan
-von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die
-englische Krone abgetreten.</p>
-
-<p>Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen
-Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer
-in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus,
-die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon
-einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der
-Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen
-sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen
-Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung
-beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen
-und werden hier Klings genannt. &mdash; Unter den (1900) Europäern sind
-viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch
-einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses
-Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat
-deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier
-einen Consul.</p>
-
-<p>Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26&ndash;27° C. im Schatten,
-innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> und
-häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler.
-Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht
-die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6
-Uhr Abends unter.</p>
-
-<p>Singapore ist seit der Gründung (1819) <em class="gesperrt">Freihafen</em>, der Handel
-der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling
-(Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden
-hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse,
-Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der
-Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie
-beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels
-nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000
-Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.</p>
-
-<p>Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän
-R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem <em class="gesperrt">botanischen
-Garten</em>, der mein Staunen und Entzücken erregte.</p>
-
-<p>Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno
-und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568
-in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam,
-an allen deutschen Universitäten, wobei <em class="gesperrt">Berlin</em> sowohl durch
-Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine
-der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst
-und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen
-Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die
-Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder.
-Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste
-Vollendung.</p>
-
-<p>Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore,
-bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den
-letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom
-Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl
-er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.</p>
-
-<p>Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen
-in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern,
-Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art,
-Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen
-Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit
-ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen,
-sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen
-sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> mit
-durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung
-des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln,
-Casuaren.</p>
-
-<p>Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem
-Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten
-Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.</p>
-
-<p>Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe
-des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen
-bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler
-wieder ein<a name="FNAnker_289_289" id="FNAnker_289_289"></a><a href="#Fussnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a>, Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen &mdash;
-alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser
-Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte
-(allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen
-kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und
-zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt,
-seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er
-zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind.
-Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel
-zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener,
-die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm
-beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser
-besprengen.</p>
-
-<p>Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land.
-Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der
-Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig
-verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber &mdash; nur für kurze Zeit; sofort
-schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff
-pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt.
-Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt
-seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es
-regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es,
-dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder
-Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span></p>
-
-<p>Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht
-so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus
-einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach
-abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden
-Trichter zu erreichen.</p>
-
-<p>Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½°
-C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem
-Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.</p>
-
-<p>Am 5. November fand ich Nachmittags 4<sup>h</sup> +28° C., um 5½<sup>h</sup> +27¾°.
-Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen
-die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7<sup>h</sup> +27° C., um
-9<sup>h</sup> +28°, um 1<sup>h</sup> +29°, um 4½<sup>h</sup> +29° C. Am 7. November Mittags, wo
-es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8.
-November Morgens 7½<sup>h</sup> +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. <em class="gesperrt">Also
-von Sonnen-Aufgang bis Untergang</em> 26 bis 29° C.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Oberägypten</em> hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse
-geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor
-Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde
-zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden;
-Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch
-+30°, und Abends um 9<sup>h</sup> noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan
-(dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3<sup>h</sup> aufstand, um das Kreuz
-des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5<sup>h</sup>
-wurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.</p>
-
-<p>Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten
-theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete.
-Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum
-Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen
-grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke,
-weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine
-fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein
-des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf
-blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die
-weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort
-wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur
-wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.</p>
-
-<p>Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von <em class="gesperrt">Georgetown</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> an
-der Ostseite der Insel Penang<a name="FNAnker_290_290" id="FNAnker_290_290"></a><a href="#Fussnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2
-Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.</p>
-
-<p>Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende
-kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger
-englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden
-und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter
-aus England gekommen, zu begrüssen und zu &mdash; heirathen. Den Versuch,
-mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich
-zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit.
-Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt
-machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.</p>
-
-<p>Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber
-hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern.
-Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der
-verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das
-Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s
-Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz;
-derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein
-Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die
-fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Mondbeglänzte Zaubernacht,</div>
- <div class="verse">Die den Sinn gefangen hält,</div>
- <div class="verse">Wundervolle Märchenwelt,</div>
- <div class="verse">Steig’ auf in der alten Pracht.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän
-R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk
-gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen
-verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah &mdash; meine
-Rückkehr.</p>
-
-<p>Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt
-genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen
-Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen
-nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische
-Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit
-fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten
-Wasser emporschnellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p>
-
-<p>Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir den
-Anblick einer vollständigen <em class="gesperrt">Mondfinsterniss</em>. Am nächsten Morgen
-fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem berühmten
-<em class="gesperrt">Atschin</em>. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die
-Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem
-allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie
-nur &mdash; wirklich wollten.</p>
-
-<p>Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die
-Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich
-Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von
-Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die
-besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft
-entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den
-Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so
-weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei
-„bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35
-Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.</p>
-
-<p>Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist
-<em class="gesperrt">Ceylon</em>, der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar,
-langgestreckte Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen
-von <em class="gesperrt">Point de Galle</em>: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein
-Leuchtthurm, eine Flaggenstange, keine Schiffe!</p>
-
-<p>Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht
-nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem
-Nachtheil.</p>
-
-<p>Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von <em class="gesperrt">Colombo</em> Anker. Die
-meisten Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass
-man auf einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht
-scheuen soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl &mdash;
-mein ganzes Gepäck &mdash; in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.</p>
-
-<p>Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen
-Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr
-gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur
-Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer
-in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em>,
-wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und
-schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner
-Moskito (oder <em class="gesperrt">eine</em>, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand
-sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das
-verrätherische Summen; denkt, es wird nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> gleich so schlimm werden,
-bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf,
-macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem
-das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen
-Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das
-von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des
-Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in
-diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum &mdash; offenen Fenster hinaus
-zu werfen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="VI">VI.<br />
-<b>Ceylon.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_w.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen
-Reisebeschreibungen unserer <em class="gesperrt">Landsleute</em> (<em class="gesperrt">Schmarda</em>
-1854, <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> 1862, Dr. H. <em class="gesperrt">Meyer</em> 1882, Graf
-<em class="gesperrt">Lanckorónski</em> 1889, Dr. Eugen <em class="gesperrt">Böninger</em> 1890); ferner aus
-Professor <em class="gesperrt">Häckel’s</em> indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und
-vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen <em class="gesperrt">Ransonnet-Villez</em>
-(Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten
-geworden ist.</p>
-
-<p>Jedoch die eigentliche <em class="gesperrt">Quelle</em> unserer Kenntniss von dieser
-merkwürdigen Insel ist das zweibändige <em class="gesperrt">klassische</em> Werk:
-<em class="gesperrt">Ceylon</em>, by Sir James <em class="gesperrt">Emerson Tennent</em> (5. Auflage,
-London 1860, Longman, Green, L. &amp; Roberts). Der Verfasser hat als
-höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit
-grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von
-Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die
-Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste
-abgehandelt.</p>
-
-<p>Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche
-Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch
-Angaben über den <em class="gesperrt">gegenwärtigen</em> Zustand, ist sehr nützlich
-<em class="gesperrt">Ceylon</em> in 1893, by <em class="gesperrt">John Ferguson</em> (London, Huddon &amp; Co.
-1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie
-das von <em class="gesperrt">Tennent</em>, für welches Ferguson, ein ganz geschickter
-Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein
-Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.</p>
-
-<p>Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das
-originale <em class="gesperrt">Prachtwerk</em>: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon
-von Dr. Paul <em class="gesperrt">Sarasin</em> und Dr. Fritz <em class="gesperrt">Sarasin</em>, III. Band.
-Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit
-Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½
-Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel
-des Umfangs umschritten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span></p>
-
-<p>Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. <em class="gesperrt">Skeen</em>, C, 1892)
-ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck
-darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten.
-Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.</p>
-
-<p>Einen <em class="gesperrt">Führer nach Kandy und Nuwara Eliya</em> schrieb S. M.
-<em class="gesperrt">Burrows</em>, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im
-Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: <em class="gesperrt">The burried cities of Ceylon</em>.
-(Colombo und London, Trübner 1881).</p>
-
-<p>Der „<em class="gesperrt">Murray</em>“ für Indien und <em class="gesperrt">Caine</em>’s Picturesque India
-(London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.</p>
-
-<p>Die alte <em class="gesperrt">Geschichte</em> von Ceylon wird auch in dem klassischen
-Werk unseres Prof. <em class="gesperrt">Lassen</em> (Indische Alterthumskunde, Leipzig
-1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere
-englische <em class="gesperrt">Sonderschriften</em> über Ceylon’s Geschichte, die ich aber
-nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.</p>
-
-<p>Hauptquellen für die <em class="gesperrt">Alterthümer</em> sind das letztgenannte Werk,
-und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. <em class="gesperrt">Fergusson</em>’s
-<em class="gesperrt">Indian and Eastern Architecture</em> (London 1891, J. Murray) sowie,
-bezüglich der neuesten Ausgrabungen, <em class="gesperrt">John Ferguson</em>’s <em class="gesperrt">Ceylon
-in 1893</em>.</p>
-
-<p>Schon über die <em class="gesperrt">Namen</em> der Insel haben die berühmtesten Gelehrten,
-wie <em class="gesperrt">Lassen</em> und <em class="gesperrt">Bournouf</em>, ausführliche Abhandlungen
-veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie <em class="gesperrt">Lanka</em> (d. i. glückliche
-Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder <em class="gesperrt">Sinhala</em>, d.
-i. <em class="gesperrt">Loewen-Sitz</em>, bei den makedonischen Griechen <em class="gesperrt">Taprobane</em>
-(Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der
-Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei
-den späteren Griechen <em class="gesperrt">Palai-Simundu</em> (Pali-Simanta im Sanskrit =
-Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d.
-i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend
-und eine Nacht“, Selendib oder <em class="gesperrt">Serendib</em> d. i. Sinhala oder
-Silan-dwipa = Silan-<em class="gesperrt">Insel</em>. Aus Silan haben dann die Portugiesen
-<em class="gesperrt">Zeilan</em>, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">glänzende</em> Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den
-<em class="gesperrt">Perlohrring</em> am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das
-<em class="gesperrt">Land der Edelsteine</em>, die späteren Griechen das des Hyacinth und
-Rubins, die Mohammedaner das <em class="gesperrt">Nach-Paradies</em> von Adam und Eva.
-So zeugen auch die <em class="gesperrt">dichterischen</em> Bezeichnungen von der hohen
-Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West,
-sich zu erfreuen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-<p>Wenn <em class="gesperrt">Sancho Pansa</em>, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen
-strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich <em class="gesperrt">diese</em>
-Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns
-Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu,
-Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die
-<em class="gesperrt">Palme</em>. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie <em class="gesperrt">besitzt</em>
-die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen
-der neugeprägten Silbermünzen.</p>
-
-<p>Ceylon ist übrigens eine ganz <em class="gesperrt">stattliche</em> Insel. Wir täuschen
-uns leicht über ihre Grösse,<a name="FNAnker_291_291" id="FNAnker_291_291"></a><a href="#Fussnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a> wenn wir nur auf die Karte von Asien
-schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben
-haben.</p>
-
-<p>Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen
-5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in
-der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer
-und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass
-Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so
-gross wie die Insel Sicilien.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Bevölkerungszahl</em> ist die gleiche für beide Inseln, nämlich
-drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für
-den Quadratkilometer<a name="FNAnker_292_292" id="FNAnker_292_292"></a><a href="#Fussnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a>, d. h. ebenso gross wie in den mittleren
-Bezirken von Ostindien.</p>
-
-<p>Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von
-dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen
-Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer
-Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden
-waren, haben <em class="gesperrt">Emerson Tennent</em> zu der Annahme bewogen, dass Ceylon
-in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl,
-nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch
-<em class="gesperrt">Ferguson</em> dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen
-zulassen will, und die Vettern <em class="gesperrt">Sarrasin</em> in den verlassenen
-Teichen nur den Ausdruck der <em class="gesperrt">Völkerverschiebung</em>, nicht einer
-ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine
-Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte
-des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben,
-während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf <em class="gesperrt">weite Strecken</em>
-ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilo<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>meter
-zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon
-wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.</p>
-
-<p>Ceylon ist ein <em class="gesperrt">natürliches Treibhaus</em>, warm und feucht, mit einem
-ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C.
-Obwohl der Boden nicht so reich<a name="FNAnker_293_293" id="FNAnker_293_293"></a><a href="#Fussnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a> ist, wie z. B. in dem vulkanischen
-Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den <em class="gesperrt">üppigsten
-Pflanzenwuchs</em> hervorzurufen.</p>
-
-<p>Für den mitteleuropäischen <em class="gesperrt">Menschen</em> ist das Klima <em class="gesperrt">weniger</em>
-behaglich. Aber zwei angenehme <em class="gesperrt">Erfrischungen</em> helfen ihm, die
-Hitze zu ertragen.</p>
-
-<p>Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden
-Abend ein tüchtiger <em class="gesperrt">Regen</em>, meist unter Gewitter. (Die
-Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.<a name="FNAnker_294_294" id="FNAnker_294_294"></a><a href="#Fussnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> Colombo,
-die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate
-November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll
-im Jahre).</p>
-
-<p>Sodann besitzt Ceylon eine <em class="gesperrt">Gebirgsgegend</em> (hill country), welche
-⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702)
-umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen
-die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und
-Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige
-Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten
-Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe
-Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern
-auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der
-letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung
-freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese
-Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von
-Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen
-Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.</em> Wie in den Gefilden der
-Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-<p>Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee &mdash; das sind
-die <em class="gesperrt">Reichthümer</em> der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.</p>
-
-<p>Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10
-Millionen £.<a name="FNAnker_295_295" id="FNAnker_295_295"></a><a href="#Fussnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a> Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe,
-5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000
-Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000
-Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war
-1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos
-100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak<a name="FNAnker_296_296" id="FNAnker_296_296"></a><a href="#Fussnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a> 80000 und &mdash; Kaffee
-600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.</p>
-
-<p>Ausgeführt wird auch <em class="gesperrt">Eben-</em> und <em class="gesperrt">Teak-Holz</em>. Aber
-<em class="gesperrt">Nährgetreide (Reis) muss eingeführt<a name="FNAnker_297_297" id="FNAnker_297_297"></a><a href="#Fussnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> werden</em>.</p>
-
-<p>(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)</p>
-
-<p>Die früher so berühmten <em class="gesperrt">Edelsteinlager</em> Ceylons (Rubinen,
-Saphire, Granaten, Katzenaugen)<a name="FNAnker_298_298" id="FNAnker_298_298"></a><a href="#Fussnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a> scheinen ziemlich erschöpft zu
-sein; noch mehr sind es die <em class="gesperrt">Perlenfischereien</em> im Golf von
-Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.</p>
-
-<p>Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten,
-sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen
-aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser
-edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders
-erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur
-<em class="gesperrt">eine Gesteinsart</em> ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie
-der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem:
-das ist der <em class="gesperrt">Graphit</em>, der Stoff für unsre Bleistifte, zu
-unschmelzbaren Tiegeln und zu <em class="gesperrt">Anstrichfarben</em>, zum Ueberzug bei
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> Galvanoplastik.<a name="FNAnker_299_299" id="FNAnker_299_299"></a><a href="#Fussnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr
-1883 und neuerdings 7 Millionen.</p>
-
-<p>Ganz anders war der <em class="gesperrt">Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit</em>.
-<em class="gesperrt">Edrisi</em>, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände
-Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und
-wohlriechende Stoffe.</p>
-
-<p>Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind
-<em class="gesperrt">Singhalesen</em>, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar
-und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind
-ein <em class="gesperrt">Mischvolk</em> aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her
-eingewanderten <em class="gesperrt">arischen Hindu</em> und den schon lange vorher auf der
-Insel ansässigen Ureinwohnern.</p>
-
-<p>Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die <em class="gesperrt">Tamilen</em>,
-dunkelbraune <em class="gesperrt">Dravida</em>, die aus Südindien, besonders von der
-Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon
-vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils
-neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung
-suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und
-beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).</p>
-
-<p>Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger
-Bildungsstufe verblieben sind, den <em class="gesperrt">Wedda</em>, ist noch ein geringer
-Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der
-Vettern <em class="gesperrt">Sarrasin</em> stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische,
-aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene
-Bevölkerung dar.</p>
-
-<p>Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die
-Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die
-Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu
-verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge
-abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel
-Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung
-der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten
-verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000
-<em class="gesperrt">Europäer</em> und angeblich 20 000 <em class="gesperrt">Eur-asier</em>, d. h. Mischlinge
-von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von
-Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.<a name="FNAnker_300_300" id="FNAnker_300_300"></a><a href="#Fussnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine
-Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000
-Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die
-Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der
-nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken
-durch ihre Missions-Gesellschaften, &mdash; bischöfliche, presbyterianische,
-wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische
-Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen
-sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein
-Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und
-dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.</p>
-
-<p>Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht.
-Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess
-<em class="gesperrt">Maha-wanso</em>, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die
-dichterische <em class="gesperrt">Chronik</em>, welche in der dem Sanskrit verwandten
-Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der
-Singhalesen &mdash; <em class="gesperrt">Elu</em> genannt &mdash; ist gemischt, ähnlich wie
-die englische, und zwar aus einem angeblich<a name="FNAnker_301_301" id="FNAnker_301_301"></a><a href="#Fussnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a> der Tamilsprache
-verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die
-einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion;
-und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die
-Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).</p>
-
-<p>170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte
-König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern
-abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre
-eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite
-Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.</p>
-
-<p>Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem
-Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und
-vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8.
-Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die
-letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig
-geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt,<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> wurden
-sie 1632&ndash;1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich
-von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten
-die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan;
-sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen
-Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch
-wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs
-der ganzen Südwestküste.</p>
-
-<p>1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten
-und 1815 zu einer <em class="gesperrt">Kron-Colonie</em> gemacht, nachdem das Königreich
-Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern
-widerstanden, endgiltig besiegt worden war.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Gouverneur</em> herrscht über die Insel, selbstherrlich und
-uneingeschränkt,<a name="FNAnker_302_302" id="FNAnker_302_302"></a><a href="#Fussnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das
-aber ziemlich fern weilt, &mdash; in Downingstreet zu London. Sechs Jahre
-pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit
-von jährlich 80000 Rupien bezieht.</p>
-
-<p>(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen
-die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last
-der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der
-Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes
-berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu
-den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste
-Kron-Colonie Englands darstellt.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">The best and brightest gem</div>
- <div class="verse">In Britain’s orient diadem.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten
-jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur
-Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte
-der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £;
-im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das
-Einkommen 17962701 Rupien;<a name="FNAnker_303_303" id="FNAnker_303_303"></a><a href="#Fussnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a> 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr
-1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾
-Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen
-zu zahlen. Die Schuld der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und
-ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke
-verbraucht worden.</p>
-
-<p>Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem
-Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme
-begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den
-Weltmarkt zu erobern.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Colombo">Colombo,</h3>
-
-</div>
-
-<p>die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss.
-(Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen
-Geographen als <em class="gesperrt">Calambu</em>, die grösste und schönste Stadt von
-Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte
-Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet;
-fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die
-Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt:
-1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser
-und 120000 Einwohner.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich,
-wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen
-nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das
-übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;<a name="FNAnker_304_304" id="FNAnker_304_304"></a><a href="#Fussnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> dann das
-erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen,
-Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa
-40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem
-Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten
-Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die
-von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort
-und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden
-europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so
-dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung
-Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten
-Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner
-Morgen-Cigarre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-<p>Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen
-weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten
-einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.</p>
-
-<p>Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk,
-nämlich mir einen <em class="gesperrt">Ueberblick über die Stadt Colombo</em> zu
-verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“
-abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich
-an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.</p>
-
-<p>Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz,
-barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm
-in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über
-die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt:
-„<em class="gesperrt">Po</em>“, d. h. Pack’ dich &mdash; zum Glück sowohl in der Sprache der
-Singhalesen als auch in der der Tamilen.</p>
-
-<p>Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht<a name="FNAnker_305_305" id="FNAnker_305_305"></a><a href="#Fussnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a> auf
-denselben, liegt unser riesiges, weisses <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em><a name="FNAnker_306_306" id="FNAnker_306_306"></a><a href="#Fussnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a> mit
-125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von
-einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d.
-h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden,
-Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien,
-Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während
-Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer,
-Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich
-herumtreiben.</p>
-
-<p>Ueber einen freien Platz, vorbei an einem <em class="gesperrt">Kiosk</em>, wo die
-Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem
-Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige)
-die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung
-feil<a name="FNAnker_307_307" id="FNAnker_307_307"></a><a href="#Fussnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a> bietet, gelangt man zu dem Zollhaus<a name="FNAnker_308_308" id="FNAnker_308_308"></a><a href="#Fussnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> und dem überdachten
-<em class="gesperrt">Landungsplatz</em>,<a name="FNAnker_309_309" id="FNAnker_309_309"></a><a href="#Fussnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a> wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr
-herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern
-und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>
-von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel,
-welche die Fahrpreise regelt.</p>
-
-<p>Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen
-sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den
-Ecken.</p>
-
-<p>Ceylon gehört zu Ostasien, Silber<a name="FNAnker_310_310" id="FNAnker_310_310"></a><a href="#Fussnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> ist die Währung. Der Reisende,
-welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch
-noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong,
-verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er
-nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist
-die <em class="gesperrt">Rupie</em>; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe
-von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie
-geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria<a name="FNAnker_311_311" id="FNAnker_311_311"></a><a href="#Fussnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> in
-den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.</p>
-
-<p>Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch
-die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten,
-ist der Werth des Silbers von 1874&ndash;1892 stetig gesunken, so dass die
-Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war.
-Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen
-Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn
-nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib
-und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden
-Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr;
-Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere
-Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser,
-als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung
-eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 <em class="gesperrt">Cents</em>, die Viertel-Rupie
-25 Cents.<a name="FNAnker_312_312" id="FNAnker_312_312"></a><a href="#Fussnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a> Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon
-geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin
-Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der
-Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½
-Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der
-Bettler würdevoll zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span></p>
-
-<p>Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die
-Mehrzahl der <em class="gesperrt">Boote</em> im Wasser daneben.</p>
-
-<p>Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der
-Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig
-die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen
-Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents
-für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher
-und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am
-zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der
-<em class="gesperrt">Auslegerkahn</em><a name="FNAnker_313_313" id="FNAnker_313_313"></a><a href="#Fussnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a>. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15&ndash;20 Fuss
-Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter
-sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum
-zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener
-darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt.
-Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte,
-gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein
-dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das
-schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.</p>
-
-<p>Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum
-Fischen am Strande. <em class="gesperrt">Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie
-gewesen.</em></p>
-
-<p>Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander
-befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das
-gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und
-hat vielleicht mit Veranlassung zu der <em class="gesperrt">Sage vom Magnetberg</em>
-gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage
-allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird
-schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert
-n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem
-Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit<a name="FNAnker_314_314" id="FNAnker_314_314"></a><a href="#Fussnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> und ferner
-von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas
-andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Katamaran</em>, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht
-ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern
-überlassen. Der Name bedeutet <em class="gesperrt">Holz-Gebinde</em><a name="FNAnker_315_315" id="FNAnker_315_315"></a><a href="#Fussnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a>; das Fahrzeug
-ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken,
-aber<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht
-sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten
-so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und
-mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher
-den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller
-Zufriedenheit der Regierung geleistet!</p>
-
-<p>So leer die Rhede von Point de Galle, <em class="gesperrt">so voll ist der Hafen</em>
-von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und
-Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay,
-Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren
-Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach
-Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. &amp; O.
-Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd,
-der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch
-vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line,
-Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. &mdash;
-Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des
-Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.</p>
-
-<p>Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten
-vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen
-Australien-Dampfern<a name="FNAnker_316_316" id="FNAnker_316_316"></a><a href="#Fussnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen
-und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das
-Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört
-das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges
-Völkchen vergröberter Yankees.</p>
-
-<p>Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und
-gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht
-bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von
-Colombo in einen der <em class="gesperrt">sichersten und bequemsten Häfen</em> des
-Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der
-<em class="gesperrt">Wellenbrecher</em> (Breakwater).</p>
-
-<p>Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss
-ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer
-Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm.
-Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16&ndash;32 Tonnen Gewicht,
-die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über
-Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die
-Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p>
-
-<p>500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens;
-die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für
-die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet.
-Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie
-die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich
-in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet.
-Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der
-Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der
-Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen.
-Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr
-<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span> der Kosten
-des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf
-eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock
-herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand
-der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen
-werden.</p>
-
-<p>Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck
-hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem
-Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme
-Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das
-Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende
-Sonne entzückend. Ich war aber <em class="gesperrt">ganz allein</em>, wie schon öfters
-auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, &mdash; nur zahlreiche
-eilfertige <em class="gesperrt">Krabben</em> kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere
-Beute zu finden.</p>
-
-<p>Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung
-des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller
-Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.</p>
-
-<p>Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der
-das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen
-kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass
-auch das Bild des <em class="gesperrt">europäischen Stadttheiles von Colombo</em> sehr
-gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten
-portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt
-und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat
-man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)</p>
-
-<p>Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard
-(<em class="gesperrt">Yorkstreet</em>) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei
-Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten
-Grün. Der stattliche <em class="gesperrt">Tulpenbaum</em> (Suriya, Thespesia populnea)
-gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch
-angenehmen Schatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span></p>
-
-<p>Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P.
-&amp; O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen
-Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.</p>
-
-<p>Von dem Landungsplatz nach Osten zieht <em class="gesperrt">Churchstreet</em>, an deren
-Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (<em class="gesperrt">Gordon’s</em>
-G.) und der <em class="gesperrt">Wohnsitz des Gouverneurs</em> (Queen’s house). Vor diesem
-steht die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard <em class="gesperrt">Barnes</em>. Das Kunstwerk
-ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den
-Jahren 1820&ndash;1822 und 1824&ndash;1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch
-<em class="gesperrt">Anlegung von Strassen</em>. Als die Engländer in Ceylon landeten,
-gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede
-Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir
-Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am
-13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt
-ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist
-das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut
-begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann
-zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine
-entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten
-hatte.</p>
-
-<p>Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und
-schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne
-macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen
-Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne
-mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen;
-und biege nach rechts in die <em class="gesperrt">Princess-Street</em> ein, wo in
-riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die
-vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.</p>
-
-<p>Es zieht mich zur <em class="gesperrt">Post</em>, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet
-wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige,
-von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die
-Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die
-Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich
-mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12
-Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)</p>
-
-<p>In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor
-ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken
-nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab
-Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen
-wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> schliessen. Aber
-der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den
-Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte
-die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden
-war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen
-Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New
-Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste
-im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen.
-(Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch
-diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht
-das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt
-es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen;
-darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.</p>
-
-<p>Ich gehe noch weiter südlich nach <em class="gesperrt">Chatam-Street</em>, die mit
-Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen
-Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander.
-Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt
-der <em class="gesperrt">Glockenthurm</em>, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch
-als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem
-Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge
-bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.<a name="FNAnker_317_317" id="FNAnker_317_317"></a><a href="#Fussnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a>
-Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte
-Geschäftshaus unseres Consuls, des Herrn <em class="gesperrt">Freudenberg</em>, dessen
-Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit
-der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit
-werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines
-Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien
-in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän
-zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.</p>
-
-<p>Danach tritt die <em class="gesperrt">tropische Mittagshitze</em> in ihre Rechte. Ich
-verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige
-Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage
-nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot)
-und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr
-wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und
-wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten
-in der Veranda.</p>
-
-<p>Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und
-<em class="gesperrt">Schlangen<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>zauberer</em><a name="FNAnker_318_318" id="FNAnker_318_318"></a><a href="#Fussnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a> erspäht, durch Wort und Geberden seinen
-Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem
-flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange<a name="FNAnker_319_319" id="FNAnker_319_319"></a><a href="#Fussnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a> und spielt
-auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt
-und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten
-Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch
-einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt,
-ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen
-worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen
-vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler
-einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit
-des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz
-unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum
-Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein
-auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie
-ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres
-(Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die
-Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der
-alte <em class="gesperrt">Schlangendienst</em> der Ureinwohner (Naga) noch deutliche
-Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren
-man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb
-eingeschlossen und in den Fluss geworfen.</p>
-
-<p>Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist <em class="gesperrt">das Wachsen des
-Mangobaumes</em>, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde
-auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt
-und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem
-Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer
-sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige
-Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere
-Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.</p>
-
-<p>Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch
-nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in
-derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit
-der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige
-Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag
-über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez
-und grauem Vollbart; es ist <em class="gesperrt">Arabi Pascha</em> aus Aegypten, den
-die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten,
-mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als
-sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum
-Trost und zum Ersatz erhalten haben.</p>
-
-<p>Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen
-Einspänner, natürlich mit einem <em class="gesperrt">Pferde</em>; 2 Rupien beträgt
-der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die <em class="gesperrt">Ochsendroschken</em><a name="FNAnker_320_320" id="FNAnker_320_320"></a><a href="#Fussnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a>
-der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die
-Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für
-die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder
-Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach
-Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder
-nicht, zunächst nach den <em class="gesperrt">Zimmtgärten</em> (Cinamom gardens).</p>
-
-<p>Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das
-Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (<em class="gesperrt">Pettah</em>,
-d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten
-Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und
-angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur
-linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen
-fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die
-Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.</p>
-
-<p>Dann kommt der <em class="gesperrt">Trödelmarkt</em>, der eigentliche Anfang von Pettah,
-mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren
-und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten
-Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde
-der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen
-Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet.
-Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt</p>
-
-<p>Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der
-mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es
-vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen
-unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld
-und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der
-Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> zu
-schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein <em class="gesperrt">Hindu-Tempel</em>,<a name="FNAnker_321_321" id="FNAnker_321_321"></a><a href="#Fussnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a>
-ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl
-von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten
-und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball
-von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein
-vereinzeltes Andenken an die <em class="gesperrt">holländische</em> Zeit, ein alter
-Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute)
-Wolvendal-Kirche der Reformirten.</p>
-
-<p>Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach <em class="gesperrt">Lake</em>
-oder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung
-des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt <em class="gesperrt">nördlich</em> von Colombo
-in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite,
-künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die <em class="gesperrt">Sklaven Insel</em>
-(Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert
-hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt
-ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen.
-Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf
-die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von
-Colombo, die Vorstadt <em class="gesperrt">Kollupitya</em>, von den Engländern kürzer
-Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch
-zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem
-Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von
-den <em class="gesperrt">Zimmt-Gärten</em> eingenommen wird.</p>
-
-<p>Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem
-Namen verbunden und gar die alte <em class="gesperrt">Fabel</em><a name="FNAnker_322_322" id="FNAnker_322_322"></a><a href="#Fussnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a> geglaubt hat, dass
-die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar
-seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.</p>
-
-<p>Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die
-Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch
-besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige
-abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich
-Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des
-Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten
-aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum
-Verkauf an.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zimmt</em>, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten
-Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen
-Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> es
-erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den
-Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.</p>
-
-<p>Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt
-und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im
-Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste,
-dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der
-Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen
-<em class="gesperrt">Zimmt-Insel</em> veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in
-fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt
-als Handelserzeugniss Ceylon’s vor <em class="gesperrt">Ibn Batuta</em>, d. h. vor dem 14.
-Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Holländer</em> machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und
-bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung
-eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den
-Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er
-geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der
-Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund
-aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft
-völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den
-Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten.
-Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund,
-im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.</p>
-
-<p>Unter der <em class="gesperrt">englischen</em> Herrschaft erhielt zuerst die ostindische
-Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund
-aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis
-½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze
-gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus
-Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne<a name="FNAnker_323_323" id="FNAnker_323_323"></a><a href="#Fussnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a>
-ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare.
-Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3
-Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum
-bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen
-bearbeitet.</p>
-
-<p>Der Zimmtbaum<a name="FNAnker_324_324" id="FNAnker_324_324"></a><a href="#Fussnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss
-Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von
-diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und ein<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>zelne
-Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der
-Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von
-1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der
-fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15&ndash;20 englische
-Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten
-des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die
-Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4
-bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.</p>
-
-<p>Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu
-vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss
-lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser
-abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich
-geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die
-Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten,
-auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf
-werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel
-gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine
-Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert.
-Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die
-Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem
-Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im
-Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von
-30 Pfund fest verpackt.</p>
-
-<p>Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische <em class="gesperrt">Zimmtöl</em>. Dasselbe
-wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation
-mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu
-wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die
-<em class="gesperrt">Zimmtblüthen</em> kommen hauptsächlich aus China.</p>
-
-<p>Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die
-<em class="gesperrt">Ackerbauschule</em>, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn
-Jahren äusserte sich H. <em class="gesperrt">Meyer</em> darüber folgendermaassen: „Ein
-reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit
-der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine
-landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem
-Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener
-Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten
-Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen;
-das war das Mustergut.“</p>
-
-<p>Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische
-Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der
-Dorf<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>schulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu
-verbreiten.</p>
-
-<p>Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige
-<em class="gesperrt">Victoria-Park</em>, in dessen Bereich das <em class="gesperrt">Museum</em> liegt. Dieses
-habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit
-genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür
-zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch
-von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und
-warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand
-ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige
-Ceylonesen.</p>
-
-<p>Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. <em class="gesperrt">Gregory</em>,
-der von 1872&ndash;1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt,
-dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an
-die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That
-ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den
-Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine
-Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £
-gekostet.</p>
-
-<p>Der Inhalt der <em class="gesperrt">Sammlungen</em> ist, wie gewöhnlich in Ostasien,
-äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung
-und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen
-Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster
-Gegenstand die <em class="gesperrt">singhalesischen Alterthümer</em> zu erwähnen: die
-berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem
-Landsmann, meinem Studiengenossen Dr. <em class="gesperrt">Goldschmidt</em> verdanken,
-der als Professor zu Strassburg, <a name="zufrueh" id="zufrueh"></a>leider zu früh für die Wissenschaft,
-verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht
-hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten,
-Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden,
-Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der
-Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und
-Reiterpistolen; endlich die bekannten <em class="gesperrt">Masken der Teufel-Tänzer</em>,
-welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf
-unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo
-Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede
-besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem
-besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die
-entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter
-Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den
-Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst
-bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer,
-Eng<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>länder in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen.
-Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige
-Teufel-Tänzer.</p>
-
-<p>Ferner sind vorhanden <em class="gesperrt">Natur- und Kunsterzeugnisse</em> der Insel.
-Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren
-fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen
-haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber
-Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine
-<em class="gesperrt">ethnographische</em> Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen
-Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen
-in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer
-Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen
-Beifall gefunden zu haben.</p>
-
-<p>Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der
-Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die
-Buddha-Lehre noch lebendig ist.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche</em> Abtheilung mit ihren Säugethieren,
-Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen
-ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke,
-wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei
-Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der
-erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie
-mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und
-angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene
-Eisenbahnschienen verwundern.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Rückfahrt</em> nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen
-Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine
-prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, über <em class="gesperrt">Southern drive</em>,
-eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse
-längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir Henry <em class="gesperrt">Ward</em>
-diesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern
-an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.</p>
-
-<p>Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des
-Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die
-Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und
-blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des
-Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger
-und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren
-Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch
-den kleinen Stadttheil <em class="gesperrt">Galle-Face</em> mit seinen prachtvollen Palmen
-zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> des Abendessens die
-unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke
-ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball
-sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den <em class="gesperrt">Häckel</em>
-vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu
-sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze
-Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder
-in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten
-und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht
-lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.</p>
-
-<p>Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick
-in <em class="gesperrt">Gordon’s Garten</em> zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich
-nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von
-einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot der
-<em class="gesperrt">singhalesische Don Juan</em>, das lange rabenschwarze Haar zierlich
-gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend,
-geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel,
-einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste
-gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von
-tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll,
-wie bei uns im Herzen von Europa.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Mittagessen</em> im <em class="gesperrt">Oriental-Hotel</em> (um 7½ Uhr
-Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit
-zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in
-Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter
-überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt.
-Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch;
-der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.</p>
-
-<p>Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine
-Cigarre dazu, &mdash; in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für
-alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst
-höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen
-der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), &mdash; als ob es keine
-Frauen in der Welt gäbe.</p>
-
-<p>In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.</p>
-
-<p>Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der
-Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung
-zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den
-Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.</p>
-
-<p>Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offen<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>gehaltener
-Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme<a name="FNAnker_325_325" id="FNAnker_325_325"></a><a href="#Fussnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a> seufzend + 22°
-C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers
-sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige
-Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.</p>
-
-<p>Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt,
-schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen des
-<em class="gesperrt">Höllenlärms</em> auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre
-Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer
-mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt
-gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht
-gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der
-friedlichen Vorstadt.</p>
-
-<p>Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und
-verscheucht die Nachtschwärmer.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in
-der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten
-zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien,
-Banya in der nördlichen Vorstadt <em class="gesperrt">Kotahena</em>, in der südlichen
-Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu
-betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern
-(Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe,
-Wilhelmsruhe, Rheinland.</p>
-
-<p>Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten,
-wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach
-des darauf erbauten <em class="gesperrt">Wasserbehälters</em> erklimmt. Hier, in einer
-Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar
-an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen
-<em class="gesperrt">Palmenwald</em>, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig
-wie vergraben.</p>
-
-<p>Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7
-Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu
-Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern
-der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen
-Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> welcher
-8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf<a name="FNAnker_326_326" id="FNAnker_326_326"></a><a href="#Fussnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a> für drei
-Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.</p>
-
-<p>Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen
-wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen
-Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines
-Einspruchs.</p>
-
-<p>In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich
-Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein
-Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und
-geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den
-wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der
-durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem
-italienischen Dorfe stehen.</p>
-
-<p>Einer der schönsten <em class="gesperrt">Ausflüge</em> von Colombo geht nach dem
-<em class="gesperrt">Buddhistentempel von Kelani</em>. Durch Pettah und die nördliche
-Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo
-einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen
-stehen.</p>
-
-<p>Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges
-Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den
-Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die
-feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen);
-ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt.
-Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane<a name="FNAnker_327_327" id="FNAnker_327_327"></a><a href="#Fussnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a> und der
-Brodfruchtbaum<a name="FNAnker_328_328" id="FNAnker_328_328"></a><a href="#Fussnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a> und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an
-den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein
-Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit
-entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz
-bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.</p>
-
-<p>„In dieser Armuth, welche Fülle!“</p>
-
-<p>Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz
-(curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak);
-gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und
-unentbehr<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span>lichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche
-Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird
-allenthalben feilgeboten.</p>
-
-<p>Wir erreichen den besuchten <em class="gesperrt">Grandpass-Markt</em> mit echt asiatischem
-Dorfleben und die Schiffsbrücke über den <em class="gesperrt">Kelani Ganga</em>.<a name="FNAnker_329_329" id="FNAnker_329_329"></a><a href="#Fussnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a></p>
-
-<p>Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten;
-sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem
-Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch
-noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um
-die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag
-zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne
-Gürtelbrücke errichtet werden.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Kelani</em>- (oder Kalany) <em class="gesperrt">Fluss</em> hat eine Länge von 157
-km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel.
-(Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km)
-längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen
-<em class="gesperrt">Tempel</em>. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet,
-später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen
-Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch
-für ein verdienstliches Werk.</p>
-
-<p>Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von
-Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern.
-Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.</p>
-
-<p>Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches
-Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser
-Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer
-Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt,
-dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere,
-sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen
-lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren.
-Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.</p>
-
-<p>Nunmehr bekam ich auch <em class="gesperrt">Buddha</em> zu sehen. Die Bildsäule ist
-36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf
-seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame
-Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich
-praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen
-früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum
-Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span>
-in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat,
-findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu,
-Shiva und Ganesa.<a name="FNAnker_330_330" id="FNAnker_330_330"></a><a href="#Fussnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a></p>
-
-<p>In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang.
-Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.</p>
-
-<p>Einen zweiten Ausflug, nach <em class="gesperrt">Mount Lavinia</em>, machten wir mit dem
-Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten
-die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die
-Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden
-mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten,
-herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.<a name="FNAnker_331_331" id="FNAnker_331_331"></a><a href="#Fussnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a> Derselbe ist in grössere,
-kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam
-bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern
-um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung
-erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem
-Dämon (Yakha) geweiht ist, &mdash; oder auch dem Buddha oder dem Vishnu
-oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges
-Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben
-will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen,
-jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist
-das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine
-wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und
-auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem
-Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe
-ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein
-biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete
-Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten
-anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint,
-zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann
-der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und
-aufrecht erhalten.</p>
-
-<p>Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen,
-mir eine <em class="gesperrt">Kokosnuss</em> herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht
-gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> in
-Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in
-einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen
-Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts
-gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und
-mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten
-des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse
-Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem
-grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein
-wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss
-ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem
-Europäer vorkommt,<a name="FNAnker_332_332" id="FNAnker_332_332"></a><a href="#Fussnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a> &mdash; Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall
-die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der
-Mittagsgluth wieder zu Hause.</p>
-
-<p>So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem
-Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie
-sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.</p>
-
-<p>Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers
-gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern;
-dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende
-Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit
-zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die
-stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und
-darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen
-Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort
-draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische
-Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer
-Betrachtung, die Menschen, &mdash; Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso
-fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu
-entziehen vermag.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Singhalese</em> ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis
-zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem
-und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten
-auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus
-Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die
-eigenthümliche weibische Haartracht der<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> Singhalesen ist schon vor mehr
-als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten
-besonders angemerkt worden.<a name="FNAnker_333_333" id="FNAnker_333_333"></a><a href="#Fussnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a></p>
-
-<p>Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen
-langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus
-einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der
-schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch
-ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock
-und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und
-zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das
-lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen
-und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur
-Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.</p>
-
-<p>Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den
-Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer;
-aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit
-Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche
-für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom
-Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem
-unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.</p>
-
-<p>Bei den <em class="gesperrt">Tamilfrauen</em> ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel;
-dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt
-sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand,
-zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-,
-Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und
-Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die
-linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu
-oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz
-gut steht.</p>
-
-<p>Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen,
-kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln,
-dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel
-um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig
-herabhängt.</p>
-
-<p>Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die
-<em class="gesperrt">Chetties</em> mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht,
-ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu
-den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Baumwolle
-und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie
-vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl
-sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum
-heutigen Tage auf Palmblätter.</p>
-
-<p>Die mohammedanischen Indo-Araber oder <em class="gesperrt">Mohren</em>, in Colombo ein
-Fünftel der Bevölkerung,<a name="FNAnker_334_334" id="FNAnker_334_334"></a><a href="#Fussnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> haben oft ganz deutlich arabische
-Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche
-Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und
-Schuhe oder Pantoffel.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Juden</em> sollen in Ceylon fehlen.</p>
-
-<p>Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr.
-rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen,
-welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer-
-und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12.
-Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon
-aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier
-Christen, vier Muselmännern, vier Juden.</p>
-
-<p>Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten
-wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder
-und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen
-abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei,
-erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob
-das <em class="gesperrt">Abkömmlinge der alten</em> sind, oder <em class="gesperrt">neue Ankömmlinge aus
-Bagdad</em>, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht
-erfahren.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Kandy">Kandy.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von
-Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach <em class="gesperrt">Kandy</em>.</p>
-
-<p>Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein
-hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein
-Fünftel des Gesammt-Einkommens<a name="FNAnker_335_335" id="FNAnker_335_335"></a><a href="#Fussnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a> der Colonie.</p>
-
-<p>Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy<a name="FNAnker_336_336" id="FNAnker_336_336"></a><a href="#Fussnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> und<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> weiter
-bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya,
-128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy
-bis Matale, 22 engl. Meilen.</p>
-
-<p>Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen)
-und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.<a name="FNAnker_337_337" id="FNAnker_337_337"></a><a href="#Fussnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a></p>
-
-<p>(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist
-man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch
-hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna
-vorbereitet.)</p>
-
-<p>Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut
-gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6
-Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung
-von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.</p>
-
-<p>Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der
-Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen
-Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland
-durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.</p>
-
-<p>Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in
-englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss
-ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling
-im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine
-Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche
-Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den
-bevorzugten, ja unvergesslichen.</p>
-
-<p>Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer
-gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich
-geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen
-gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen
-Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl
-Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo
-und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure
-Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der
-Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien,
-aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam
-ausgeglichen, als wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die
-verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer
-muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen;
-in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.</p>
-
-<p>Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt.
-In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein
-Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz.
-(Fort-Station.)</p>
-
-<p>Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch,
-aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger
-Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien<a name="FNAnker_338_338" id="FNAnker_338_338"></a><a href="#Fussnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a> (zweiter
-Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.</p>
-
-<p>Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da
-112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto
-mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die
-Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter
-Classe.<a name="FNAnker_339_339" id="FNAnker_339_339"></a><a href="#Fussnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a></p>
-
-<p>Wir fahren um den See herum nach dem <em class="gesperrt">Haupt-Halteplatz</em> von
-Colombo und von da über <em class="gesperrt">Maradana-Anschluss</em>,<a name="FNAnker_340_340" id="FNAnker_340_340"></a><a href="#Fussnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> wo reichlich
-Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens
-geboten wird, nordöstlich zur <em class="gesperrt">Eisenbahnbrücke</em> über den
-Kelani-Fluss.</p>
-
-<p>Der erste Theil der Fahrt geht durch <em class="gesperrt">ebene Gegend</em>, hauptsächlich
-<em class="gesperrt">Reisfelder</em>, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch
-zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im
-Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe
-auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu
-suchen.</p>
-
-<p>Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit,
-1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis
-gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.</p>
-
-<p>Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und
-Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reis<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>felder. Auf
-niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter,
-umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume
-mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen
-Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen
-weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie
-Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit
-offen gegen eine Palmenpflanzung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Reisbau</em> ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen
-im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel.
-Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die
-künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser
-Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v.
-Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von
-den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört
-worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür
-von 1867&ndash;1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000
-Acres,<a name="FNAnker_341_341" id="FNAnker_341_341"></a><a href="#Fussnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen
-unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide
-bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige
-Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,<a name="FNAnker_342_342" id="FNAnker_342_342"></a><a href="#Fussnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a>
-oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der
-Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich
-zugenommen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">John Ferguson</em>, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf
-Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines
-Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der
-<em class="gesperrt">Reisbau-Steuer</em> (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre
-gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das
-Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere
-Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der
-armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.</p>
-
-<p>Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen <em class="gesperrt">Gartenbau</em> in
-Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr),
-sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.</p>
-
-<p>Sehr zahlreich sind die <em class="gesperrt">Halteplätze</em>, über ein Dutzend. Der Zug<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span>
-braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer;
-macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.</p>
-
-<p>Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen
-Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern
-von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die
-kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.</p>
-
-<p>Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet
-der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine
-frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze.
-Für uns ist ein <em class="gesperrt">Erfrischungswagen</em> eingeschoben, in dem ein
-vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von
-mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.</p>
-
-<p>Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne
-die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des
-Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn
-sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die
-Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man
-sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte
-Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich
-steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten
-geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar:
-fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder,
-die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und
-Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss
-Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald
-(Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz
-stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen
-Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.</p>
-
-<p>Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher
-den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist:
-ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im
-Felsengebirge von Canada geniesst.</p>
-
-<p>Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug
-an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten
-schweift, ohne einen Halt zu entdecken. <em class="gesperrt">Sensationrock</em> heisst
-diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.</p>
-
-<p>Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem
-eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben
-aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und
-zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der
-Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach <em class="gesperrt">Queen’s<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span>
-Hotel</em>, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem
-Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet,
-sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kandy</em>, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der
-erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie
-die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf<a name="FNAnker_343_343" id="FNAnker_343_343"></a><a href="#Fussnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a> oder eine Gruppe von
-drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der
-Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die
-Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu
-Peradenia.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den
-singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden
-zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel
-gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen
-Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.</p>
-
-<p>1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von
-Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine
-Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm.
-Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586
-in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren
-Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung.
-Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in
-den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst
-gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder
-in Getreidemörsern zu zerstampfen,<a name="FNAnker_344_344" id="FNAnker_344_344"></a><a href="#Fussnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> und danach geköpft; Kinder
-der <em class="gesperrt">Gallas</em>-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man
-<em class="gesperrt">höre</em>, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von
-der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit man <em class="gesperrt">sähe</em>, wie die
-Krokodile sie verschlingen.</p>
-
-<p>Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die
-Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen
-Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen
-gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> ihre Gewalt
-zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern
-und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, &mdash; schon
-1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien
-der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in
-Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638
-und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der
-Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen.
-Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel
-der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in
-Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.</p>
-
-<p>Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es
-zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische
-Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu
-kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672
-mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer
-Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine
-Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und
-als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die
-Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die
-Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.</p>
-
-<p>Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der
-holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.</p>
-
-<p>Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen
-Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein
-blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber
-der englische Gouverneur, Herr F. <em class="gesperrt">North</em>, Earl of Guilford, nahm
-thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers
-Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als
-ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts
-und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine
-englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth
-der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer
-sowie den Schatten-König ermorden.</p>
-
-<p>Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer
-Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten
-Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb
-aufgeschoben.</p>
-
-<p>Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen
-Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span>
-und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen
-Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter
-Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König
-einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische
-Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man
-eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.</p>
-
-<p>In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das
-Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass
-die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt
-und &mdash; ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte
-bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so
-dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an
-die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen
-eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der
-Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem
-herrscht Frieden im Lande.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte
-rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.</p>
-
-<table class="p285 collapse smaller" summary="Zahlen über Ceylon 1815 bis 1893">
- <tr>
- <th class="bright">
- Jahr
- </th>
- <th class="bright">
- Bevölkerung
- </th>
- <th class="bright">
- Einkommen<br />
- der Colonie<br />
- £
- </th>
- <th class="bright">
- Bebautes<br />
- Land<br />
- <span class="smaller">Acres</span>
- </th>
- <th class="bright">
- Handel<br />
- &nbsp;<br />
- £
- </th>
- <th class="bright">
- Tonnengehalt<br />
- der Schifffahrt<br />
- &nbsp;
- </th>
- <th class="bright">
- Reg.-Ausgabe<br />
- für Erziehung<br />
- £
- </th>
- <th class="bright">
- Reg.-Ausgabe<br />
- für Gesundheit<br />
- £
- </th>
- <th>
- Armen-<br />
- unterstützung<br />
- £
- </th>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr bright">
- 1815
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 750000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 226000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 400000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 546000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 75000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 3000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 1000
- </td>
- <td class="tdr">
- 3000<a name="FNAnker_346_346" id="FNAnker_346_346"></a><a href="#Fussnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr bright">
- 1888
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 2800000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 1540000
- </td>
- <td class="tdc bright">
- &mdash;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 9800000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 4500000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 46000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 60000
- </td>
- <td class="tdc">
- &mdash;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr bright">
- 1893
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 3000000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 1300000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 4850000<a name="FNAnker_345_345" id="FNAnker_345_345"></a><a href="#Fussnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a>
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 9200000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 5700000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 50000
- </td>
- <td class="tdr bright">
- 50000
- </td>
- <td class="tdr">
- 8000
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc bright">
- <span class="smaller">(Ausgabe<br />
- desgl.)</span>
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von
-anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern
-die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p>
-
-<p>Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder
-Buddha-Tempel seine Schule.</p>
-
-<p>Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen
-ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind
-unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der
-Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken
-beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle;
-es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten,
-Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90
-Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)</p>
-
-<p>Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im
-Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht,
-um seine Kinder in England<a name="FNAnker_347_347" id="FNAnker_347_347"></a><a href="#Fussnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a> zu erziehen), sagte mir, dass er den
-Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien
-geliefert werden.</p>
-
-<p>Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer
-zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde
-Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft.
-Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden,
-schliessen jeden Einheimischen aus ihren <em class="gesperrt">Clubs</em> aus. Und
-dabei spotten sie über <em class="gesperrt">Kasten-Vorurtheile</em>, die übrigens im
-buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen
-Indien. Ich war im <em class="gesperrt">Polizeigericht</em> zu Kandy. Zuvorkommend gab
-man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der
-englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht,
-müden Mienen und leiser Flüstersprache, &mdash; wie ein junger Proconsul.
-Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie
-im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.<a name="FNAnker_348_348" id="FNAnker_348_348"></a><a href="#Fussnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> Eine
-verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt.
-Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der
-Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz
-ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und
-die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss
-verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt,
-ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“,
-erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ &mdash; „Kann sie
-nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. &mdash; „Oh<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> nein, dann müsste sie
-50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt
-am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf
-nicht.“</p>
-
-<p>Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht
-auf kostenlose Vertheidigung erzählte.</p>
-
-<p>Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts.
-Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht
-der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen
-beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller
-Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.)
-Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein
-bürgerliches in Bearbeitung.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Armen-Gesetz</em> giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es
-in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in
-London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines
-neunjährigen Aufenthaltes.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von
-Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten
-Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken
-mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich
-Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Buddha</em> bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche
-nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit
-erlangt haben. Ihre Vorschriften sind <em class="gesperrt">bana</em>, das Wort; ihre
-Lehre <em class="gesperrt">dharma</em>, die <em class="gesperrt">Wahrheit</em>. Nach ihrem Tode gehen sie
-nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in das <em class="gesperrt">Nirwana</em>,
-einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die
-Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre
-ohne Gottheit.</p>
-
-<p>24 Buddha waren <em class="gesperrt">vor Gautama</em>, welcher der vierte in der jetzigen
-<em class="gesperrt">Kalpa</em> oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll,
-bis ein neuer Buddha erscheinen wird.</p>
-
-<p>Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze
-von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde
-von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll,
-bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als
-<em class="gesperrt">drei Mal die Insel Ceylon besucht</em> haben. Der heilige Fussabdruck
-auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das
-Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span></p>
-
-<p>Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als
-an seinem Todestage, 543 v. Chr., <em class="gesperrt">Wijayo</em>, der Sohn eines
-Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf
-Ceylon landete und, nachdem er die Tochter<a name="FNAnker_349_349" id="FNAnker_349_349"></a><a href="#Fussnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a> eines einheimischen
-Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine
-Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten
-Chronik der Singhalesen (Mahawanso) als <em class="gesperrt">Yakkho</em> oder Dämonen und
-als <em class="gesperrt">Naga</em> oder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.</p>
-
-<p>Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte
-die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha.
-Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und,
-nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung
-der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt.
-Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie
-Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des
-Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta
-nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen
-Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens
-über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen
-Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung
-gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der
-Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss
-mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der
-Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura
-eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen
-verehrt wird.</p>
-
-<p>Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis
-auf unsre Tage gekommen sind:</p>
-
-<p>1) <em class="gesperrt">Dagoba</em> oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie,
-gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte
-Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und
-grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh
-verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle
-das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.</p>
-
-<p>2) <em class="gesperrt">Wihara</em> oder Klöster für die Priester.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span></p>
-
-<p>3) <em class="gesperrt">Chaitya</em> oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem
-dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder
-er liegt in seliger Nirwana.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Aber ich eile zu der Geschichte des <em class="gesperrt">heiligen Zahnes</em>. (Dhata datu
-zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche
-Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter
-linker Hundszahn nach Dantapura,<a name="FNAnker_350_350" id="FNAnker_350_350"></a><a href="#Fussnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a> der Hauptstadt von Kalinga,
-gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in
-einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen
-Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und
-überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert,
-deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem
-Reisebericht des Chinesen <em class="gesperrt">Fa-Hian</em>, der kurze Zeit darauf nach
-Ceylon gepilgert.</p>
-
-<p>Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien
-zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und
-die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von
-Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder
-ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu
-gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den
-heiligsten der buddhistischen Welt.</p>
-
-<p>Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der
-Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der
-Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold
-gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der
-eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich
-dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch
-Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und
-bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das
-Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der
-Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den
-Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die
-See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger
-der Portugiesen, als bald danach (1566) <em class="gesperrt">zwei</em> heilige Zähne an
-Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy.
-Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten
-einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar
-1566 angefertigt, ein Stück vergilbten<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> Elfenbeins von 2 Zoll Länge und
-fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines
-Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu
-und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt
-geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.</p>
-
-<p>In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.</p>
-
-<p>1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da
-die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen,
-1818&ndash;1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der
-englischen Regierung den Priestern überliefert.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das
-Gasthaus von dem <em class="gesperrt">Tempel des heiligen Zahnes</em>. Die Gebäude von
-Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen
-Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn
-ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit
-dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert
-worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem
-zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen
-Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische
-Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen
-Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen
-Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma
-um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen
-Portugiesen hatte erbauen lassen.</p>
-
-<p>Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche
-älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls
-alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen
-Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen
-enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht
-leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre
-Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch
-handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und
-bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass
-sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess
-auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“
-ganz ungehört verschallen.<a name="FNAnker_351_351" id="FNAnker_351_351"></a><a href="#Fussnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a></p>
-
-<p>In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> die
-grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt.
-Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im
-Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen,
-welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.</p>
-
-<p>Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende
-Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen
-Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer
-Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der
-eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den
-Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube
-ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.</p>
-
-<p>Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den
-Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und
-Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich
-war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen
-Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine
-Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das
-geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch
-duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um,
-die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die
-Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum
-genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,<a name="FNAnker_352_352" id="FNAnker_352_352"></a><a href="#Fussnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> welche
-diesem Zwecke dienen.</p>
-
-<p>Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden
-von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen,
-goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere
-Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das
-Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.</p>
-
-<p>In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und
-dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen
-mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen
-Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch
-gelegene Priesterwohnungen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Kandy hat eine reizende Lage</em> an dem Ufer eines stattlichen
-See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span> niedrigen,
-zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten
-gut bewachsene Hügel, von 500&ndash;600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal
-einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer
-Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit
-einem Park von Rosenbäumen.</p>
-
-<p>An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die
-wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich
-in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen
-gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger
-Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als
-einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von
-den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der
-Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus
-(Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.</p>
-
-<p>Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen
-einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen <em class="gesperrt">Reste
-des alten Königspalastes</em> zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt,
-die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet
-sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten
-Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung
-entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von
-reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine
-neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.</p>
-
-<p>Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem
-hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit
-Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge
-eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des
-Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen
-war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als
-Bezirksgericht verwendet.</p>
-
-<p>Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der <em class="gesperrt">Stadt der
-Eingeborenen</em>. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in
-der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens-
-und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen
-Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von
-Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit,
-mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht
-uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die
-Armen-Pflege ausgiebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span></p>
-
-<p>Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie
-auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den
-lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden,
-vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.</p>
-
-<p>Mit dem <em class="gesperrt">Einspänner</em>, der allerdings hier in den Bergen etwas
-theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady
-Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet
-und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick
-über das Thal und das felsige Bett des <em class="gesperrt">Mahaweli-Ganga</em><a name="FNAnker_353_353" id="FNAnker_353_353"></a><a href="#Fussnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a>
-gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst
-270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von
-Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten
-Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich
-umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder
-nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.</p>
-
-<p>Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück
-<em class="gesperrt">jungfräulichen Buschwaldes</em> (Dschungel): undurchdringliches
-Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt.
-Alles grün und blumig von unten bis oben.</p>
-
-<p>Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach <em class="gesperrt">Askyra</em>, auf guter Strasse
-und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli
-überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen
-Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen.
-Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und &mdash;
-Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf
-Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der
-Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er
-behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.</p>
-
-<p>Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist,
-wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem
-Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt
-keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die
-Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen
-antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer
-voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden.
-„Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer
-des Flusses ist einer.“ &mdash; „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel;
-das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ &mdash; „Wenn du zu
-Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst,<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> weshalb reisest
-du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu
-besichtigen?“</p>
-
-<p>Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen
-Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind
-seinen Puppenwagen.</p>
-
-<p>Der schönste Ausflug von Kandy geht nach <em class="gesperrt">Peradenia</em>. Eine
-Zweiglinie der <em class="gesperrt">Eisenbahn</em> führt dorthin; aber es gehört die
-ganze Thorheit und unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für
-Reise-Gesellschaften“ dazu, um <em class="gesperrt">sie</em> für den Besuch des Gartens zu
-empfehlen, der meilenweit sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht
-zu Fuss, sondern nur im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in
-meinem Einspänner des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche
-eigentlich eine zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen,
-vorn mit Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt
-einen hübschen Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von
-Eingeborenen kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen
-Früchten und Lebensmitteln versorgen.</p>
-
-<p>Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum
-Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine
-Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen,
-welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel
-unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel
-mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar
-reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier
-eine grosse <em class="gesperrt">Thee-Factorei</em>, die ich, nach mürrischer Gewährung
-seitens des Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in
-Augenschein nahm.</p>
-
-<p>Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und
-Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die
-Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem
-Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner
-und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.</p>
-
-<p>An der Einfahrt zum <em class="gesperrt">botanischen</em> Garten von Peradenia empfing
-mich freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters,
-Herrn Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die
-wichtigsten Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen
-und eine Strecke zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem
-Englisch die Wunder der Pflanzenwelt.</p>
-
-<p>Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen
-<em class="gesperrt">Gummi-Bäumen</em> (Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die
-Lüfte sich erheben und gewaltige Kronen von 50&ndash;60 Fuss Durchmesser
-ausbreiten,<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> während ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm
-emporsteigt, schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und
-da durch eine säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren
-Zweigen verbunden.</p>
-
-<p>Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von <em class="gesperrt">Palmen</em>, die
-kaum ihres Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle
-auf der Insel <em class="gesperrt">einheimischen</em> Palmenarten sind hier vereinigt.
-(Uebrigens sind es doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der
-Wissenschaft um die Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist
-die Gesammtzahl auf nahezu 1000 gestiegen.)</p>
-
-<p>1) Da ist die schlanke <em class="gesperrt">Kokospalme</em> (Cocos nucifera), deren
-walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100
-Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18&ndash;20 Fuss
-langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen
-von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.</p>
-
-<p>2) Die kerzengrade und dünne <em class="gesperrt">Areca-Palme</em> (Areca catechu), die
-bis über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter
-Fiederblätter, &mdash; ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der
-Hindu-Dichter.</p>
-
-<p>3) Die <em class="gesperrt">Fächer-</em> oder <em class="gesperrt">Palmyra</em><a name="FNAnker_354_354" id="FNAnker_354_354"></a><a href="#Fussnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a>-Palme (Borassus
-flabelliformis) wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine
-prachtvolle Krone bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.</p>
-
-<p>4) Die <em class="gesperrt">Zucker-Palme</em> oder Kitul (Caryota urens).</p>
-
-<p>5) Die herrlichste aller Palmen ist die <em class="gesperrt">Talipot</em> oder
-Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70
-und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus
-herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser
-besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann
-plötzlich <em class="gesperrt">einmal</em> aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40
-Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von
-neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt.
-Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.</p>
-
-<p>6) Die Palme des Reisenden<a name="FNAnker_355_355" id="FNAnker_355_355"></a><a href="#Fussnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a> (Urania speciosa), gehört gar
-nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der
-Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren
-Wurzeln<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren
-Riesenfächer dar.</p>
-
-<p>Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen
-und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa,
-aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein
-paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon
-besitzen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Kokospalme</em> scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie
-ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika
-verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser
-gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem
-Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse
-und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der
-Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen;
-Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet.
-Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung
-ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch
-der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist
-das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon.
-Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen
-und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen
-Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von
-Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer,
-z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber
-auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen
-angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der
-Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten
-1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss
-wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines
-Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und
-bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken
-der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel
-zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von
-Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die <em class="gesperrt">hundert
-nützlichen Anwendungen</em> der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss
-sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme
-wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert.
-Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis
-zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den
-neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span>
-Früchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum
-liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart<a name="FNAnker_356_356" id="FNAnker_356_356"></a><a href="#Fussnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a> Oel) und bringt
-etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz
-der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860
-an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es
-30 Millionen sein.<a name="FNAnker_357_357" id="FNAnker_357_357"></a><a href="#Fussnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a> Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres
-(oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den
-Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf
-Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den
-vollen Ertrag an Nüssen bringen.)</p>
-
-<p>Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die
-<em class="gesperrt">Palmyra</em>-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und
-liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der
-Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und
-sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die <em class="gesperrt">Palmyrapalme liefert ein
-Viertel der Lebensbedürfnisse</em> für die Bewohner der Nordprovinzen
-Ceylons. In einem <em class="gesperrt">Tamil-Gedicht</em> werden 800 Nutzanwendungen des
-prachtvollen Baumes beschrieben.</p>
-
-<p>Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der
-Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte,
-Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und <em class="gesperrt">Schreibpapier</em> für die
-Schriften der Singhalesen.</p>
-
-<p>Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig
-gemacht, in Streifen (ola) von 2&ndash;3 Zoll Breite und 1&ndash;3 Fuss Länge
-geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen
-und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz
-kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser
-waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem
-Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von
-Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter
-dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die
-heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein
-wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit,
-die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit
-angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl
-als im Bau abweicht.</p>
-
-<p>Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen
-Bücher sind in Versen abgefasst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span></p>
-
-<p>Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in
-592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten
-sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die
-550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und
-füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">feinste</em> Schreibpapier wird von dem Blatt der
-<em class="gesperrt">Talipot-Palme</em> gewonnen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Zucker-Palme</em> liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in
-24 Stunden 100 Pinten<a name="FNAnker_358_358" id="FNAnker_358_358"></a><a href="#Fussnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit
-dieser Palme bepflanzt.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Nuss der Areca-Palme</em> hat einen weissen, rothgeäderten
-Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen
-Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt
-des <em class="gesperrt">Betel</em>-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit
-Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut.
-Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die
-Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die
-Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden
-Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und
-Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem
-Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer
-grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren
-etwas (calcinirten Muschel-) Kalk &mdash; chunam &mdash; enthält. Als ich im
-Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese
-Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre
-Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso
-erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das
-Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden
-pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba
-die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen
-Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren
-Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu
-holen, und so &mdash; dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die
-Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der
-von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000
-Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner
-ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande
-verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p>
-
-<p>Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des
-heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische
-Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt.
-Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch
-<em class="gesperrt">andere Pflanzenwunder</em>, die den Blick nicht minder fesseln. Da
-ist das undurchdringliche grüne Dickicht des <em class="gesperrt">Riesen-Bambus</em>. Es
-ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige
-Stämme, jeder 1&ndash;2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus
-gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100
-Fuss Höhe, &mdash; bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie
-sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der
-eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.</p>
-
-<p>Von den tropischen <em class="gesperrt">Farnbäumen</em> werde ich bald, bei andrer
-Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-,
-Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen
-decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet.
-Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt
-zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer
-vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch
-die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen
-und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder
-Orchideen und alle Blumen des Südens.</p>
-
-<p>Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen
-Vegetation liegt. <em class="gesperrt">Schmarda</em>, ein feiner Naturbeobachter, stellte
-fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die
-grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das
-kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden
-Flächen.</p>
-
-<p>150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten
-und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist.
-Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein
-solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das
-Denkmal für Dr. <em class="gesperrt">Gardner</em> verdienen besichtigt zu werden. Nach
-seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen,
-also mehr als ganz Deutschland. Dr. <em class="gesperrt">Thwaites</em>, der vorletzte
-Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in
-welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind.
-Der jetzige Leiter des Garten, Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>, hat einen Catalog
-der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen
-Beschreibung ist er noch beschäftigt.</p>
-
-<p>Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit
-zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span>
-kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen
-Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu
-einer <em class="gesperrt">botanischen Station</em>, gradeso wie der blaue Golf von
-Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft
-unsres Landsmanns Prof. <em class="gesperrt">Dohrn</em> in’s Leben gerufen worden.
-Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden
-Forscher, von Professor <em class="gesperrt">Häckel</em>, hervorgehoben worden. Aber
-neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst
-eine <em class="gesperrt">landwirthschaftliche</em> Hochschule nach deutschem Muster,
-wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden,
-wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung
-<em class="gesperrt">wissenschaftlich</em> erläutert und dargelegt werden könnten.
-<em class="gesperrt">Praktisch</em> kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt
-besser erlernen, als auf Ceylon.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="poetry-container smaller">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft2"><b>Brief aus Kandy,</b> 11. November 1892.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Das <em class="gesperrt">Paradies</em> war hier, wo jetzt ich weile.</div>
- <div class="verse">Das glauben Hindu und Buddhisten,</div>
- <div class="verse">Mohammedaner, Juden, Christen,</div>
- <div class="verse">Und schrieben davon manche Zeile.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke:</div>
- <div class="verse">Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle,</div>
- <div class="verse">Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle;</div>
- <div class="verse">Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden?</div>
- <div class="verse">Ich <em class="gesperrt">glaub’</em>, ich bin mit einem Fuss im Paradiese,</div>
- <div class="verse">Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese.</div>
- <div class="verse">Und doch ist’s <em class="gesperrt">falsch</em>. Es fehlt &mdash; das <em class="gesperrt">Weib</em> in Eden.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Nuwara_Eliya">Nuwara Eliya.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Sonntag, den 13. November, Vormittags 10<sup>h</sup> 45′, fuhr ich mit der
-<em class="gesperrt">Eisenbahn</em><a name="FNAnker_359_359" id="FNAnker_359_359"></a><a href="#Fussnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> südwärts und bergauf nach <em class="gesperrt">Nanu-Oya</em>, 53
-englische Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen<a name="FNAnker_360_360" id="FNAnker_360_360"></a><a href="#Fussnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a> nach
-<em class="gesperrt">Nuwara Eliya</em>, 5 englische Meilen in 1 Stunde.</p>
-
-<p>Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des
-Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen
-Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der
-Pflanzen<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>wuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe<a name="FNAnker_361_361" id="FNAnker_361_361"></a><a href="#Fussnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> von 2000 Fuss
-über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien,
-Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen,
-ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in
-hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen
-Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze
-grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen<a name="FNAnker_362_362" id="FNAnker_362_362"></a><a href="#Fussnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> auf,
-die Bananen noch nicht gleich. Alöe<a name="FNAnker_363_363" id="FNAnker_363_363"></a><a href="#Fussnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a> bildet mächtige Hecken längs
-der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel,
-die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel und
-Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus deren
-Mitte der <em class="gesperrt">Blüthenschaft</em>, einem Baumstamm gleich, emporragt.
-Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler,
-die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt.
-Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch
-<em class="gesperrt">Theepflanzungen</em>.</p>
-
-<p>Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der
-Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren
-Maschinen-Häusern oder <em class="gesperrt">Factoreien</em>, und kleinen Gruppen von
-Hütten, in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib
-und Kind hausen.</p>
-
-<p>Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die
-einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. Die
-<em class="gesperrt">neuen</em> Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich
-in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten
-stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien,
-und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man
-auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind
-ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass
-sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie
-zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass
-viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> Ferguson
-räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine
-Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of
-pecuniary independence, <em class="gesperrt">sisters would be exchanged</em>.</p>
-
-<p>Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon
-öfters gehört und seither noch genauer gelesen, <em class="gesperrt">die merkwürdige
-Geschichte der Pflanzungen in Ceylon</em>, welche die Aufmerksamkeit des
-deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren
-gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch
-im Werden begriffen ist.</p>
-
-<p>Vor 12&ndash;15 Jahren war <em class="gesperrt">Kaffe</em> der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s.
-Der immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné)
-stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in
-Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-<em class="gesperrt">Getränk</em> ist
-weder dort noch sonst irgendwo <em class="gesperrt">vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts
-n. Chr.</em> erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das
-<em class="gesperrt">Coffeïn</em>, welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen
-Bohnen enthalten ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe,
-Gerbsäure, ein eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das
-Nervensystem; das Herz schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller.
-Die Araber sollen die Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon
-gebracht, die Singhalesen aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur
-die Blätter zum Würzen des Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck
-benutzt haben. Doch hat Dr. <em class="gesperrt">Trimen</em>, Leiter des botanischen
-Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, dass im tropischen Asien die
-Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, bis der Generalgouverneur
-der holländisch-ostindischen Gesellschaft, <em class="gesperrt">van Horn</em>, im Jahre
-1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und dieselben in Batavia
-auf <em class="gesperrt">Java</em><a name="FNAnker_364_364" id="FNAnker_364_364"></a><a href="#Fussnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a> anpflanzte. In demselben Jahre verpflanzten die
-Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie den Anbau hier
-auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre Ausfuhr nie über
-1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den Kaffe-Anbau
-auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel Java’s zu
-beeinträchtigen.</p>
-
-<p>Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den
-Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten
-der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Galle. Im
-Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute
-unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2)
-Pflanzer-Kaffe.</p>
-
-<p>Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige
-Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.</p>
-
-<p>Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo
-nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste<a name="FNAnker_365_365" id="FNAnker_365_365"></a><a href="#Fussnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a>
-<em class="gesperrt">Höhen-Pflanzung</em> von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei
-Peradenia.</p>
-
-<p>Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung
-des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch<a name="FNAnker_366_366" id="FNAnker_366_366"></a><a href="#Fussnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> in
-England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den
-Ertrag Westindiens.<a name="FNAnker_367_367" id="FNAnker_367_367"></a><a href="#Fussnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a></p>
-
-<p>Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt<a name="FNAnker_368_368" id="FNAnker_368_368"></a><a href="#Fussnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a>
-und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von
-Kronland den Betrag von 40000 Acres.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine
-unternehmende Ackerbau-Colonie.</em> Alle Hügel von Kandy bedeckten
-sich mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara
-Eliya (6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des
-Kegels vom Adams-Pik.</p>
-
-<p>Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel
-Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und
-Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche
-Erfolge zu zeitigen.</p>
-
-<p>Die ersten <em class="gesperrt">Pioniere</em>, hauptsächlich hartköpfige Schotten,
-lebten in Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber
-entstanden behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden
-Elephanten und Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück.
-Im Jahre 1837 betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner.
-Dann wurde das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem
-„Vater der Kaffe-<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span>Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis
-auf 200000 Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die
-<em class="gesperrt">Kaffe-Begeisterung</em> den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch
-thätige Richter, Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern
-auch aus Ostindien, englische Capitalisten, &mdash; Alles kaufte Kronland
-und barg Gold in den Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus
-dem Boden drei Jahre später in Californien herauszuscharren suchte.
-Angeblich 100 Millionen Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und
-&mdash; grossentheils verloren.</p>
-
-<p>Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner
-die Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine
-<em class="gesperrt">unglaubliche Bestürzung</em> folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel
-des Erwerbspreises wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen,
-da sie nicht behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz
-verlassen und der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.</p>
-
-<p>Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.<a name="FNAnker_369_369" id="FNAnker_369_369"></a><a href="#Fussnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a> Man lernte
-den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften,
-mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und
-überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel
-herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha)
-unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen,
-jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der
-Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer.
-So kam ein <em class="gesperrt">zweiter Zeitabschnitt des Glückes</em>, ja schliesslich
-des Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £
-107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £
-4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche
-einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien
-sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche
-Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England
-und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (=
-70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte
-5 Centner, oder einen Gewinn von 7&ndash;10 £, d. h. 20&ndash;25 Procent des
-aufgewendeten Capitals.</p>
-
-<p>1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu
-gestalten. Da kam das <em class="gesperrt">Unheil</em>. Es war ein <em class="gesperrt">unsichtbarer</em>
-Feind,<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> ein mikroskopischer <em class="gesperrt">Rostpilz</em>, der die Blätter des
-Kaffebaumes angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren
-Bäume in Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf
-den Bergen liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf
-ein Fünftel verringerte. Dieser Pilz (<em class="gesperrt">Hemileja vastatrix</em>,
-Uredineae) ist zuerst in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und
-von <em class="gesperrt">Berkley</em> und <em class="gesperrt">Broome</em> in Gardener’s Chronicle (1869,
-S. 1157) beschrieben worden. Nach Dr. <em class="gesperrt">Thwaites</em>, der vergeblich
-seine warnende Stimme erhob, aber von den Pflanzern verlacht wurde, ist
-der Pilz einer ceylonischen Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat
-sich dann, als er auf den Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener
-Weise ausgebreitet. Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin,
-Java, Sumatra zum Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber
-nicht in Brasilien.</p>
-
-<p>Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave
-disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der
-steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die
-jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000
-bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten
-sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein
-Mittel half.</p>
-
-<p>Der berühmte Botaniker Dr. <em class="gesperrt">Marshall Ward</em>, der im Auftrage der
-Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit
-zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das
-heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.</p>
-
-<p>1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000!<a name="FNAnker_370_370" id="FNAnker_370_370"></a><a href="#Fussnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a></p>
-
-<p>Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung
-war doch nicht so gross, wie 1845. Die <em class="gesperrt">Gläubiger</em> waren
-<em class="gesperrt">vernünftig</em> genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu
-verzichten, als durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal
-zu verlieren. Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> £ 10000
-werth ist. Das versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen,
-das las ich später in <em class="gesperrt">Tennent’s</em> Darstellung der früheren
-Verhältnisse.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Pflanzer</em> waren <em class="gesperrt">muthig</em> genug, sofort eine neue
-Thätigkeit zu unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume
-verloren seien, wurden sie <em class="gesperrt">gefällt</em>, um andern Pflanzungen Raum
-zu geben. 1878 waren 275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt,
-die höchste Ziffer, die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000
-Acres (= 14000 ha). Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million
-Centner, sondern den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft
-Einseitigkeit durch Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in
-der Mannigfaltigkeit; die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona,
-Cacao.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">immergrüne Theestrauch</em> (Thea) scheint aus Assam zu
-stammen. Die wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und
-ätherisches Oel. Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist
-das Theetrinken schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach
-Europa kam es um die Mitte des 17. Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den
-Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast
-kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne
-mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist.
-Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate.
-Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss
-über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und
-darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873
-waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000
-und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.</p>
-
-<p>Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an
-8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein
-ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr
-der Erde.<a name="FNAnker_371_371" id="FNAnker_371_371"></a><a href="#Fussnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a> Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland
-92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis
-1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> 4,95 für den Kopf der
-Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82
-Pfund.</p>
-
-<p>Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von
-feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon
-empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.</p>
-
-<p>Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft<a name="FNAnker_372_372" id="FNAnker_372_372"></a><a href="#Fussnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a>
-gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den
-Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre
-von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.</p>
-
-<p>Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee
-günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern<a name="FNAnker_373_373" id="FNAnker_373_373"></a><a href="#Fussnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a>
-weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die
-Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60
-Cts.,<a name="FNAnker_374_374" id="FNAnker_374_374"></a><a href="#Fussnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a> nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen
-Tamilen gut auskommen.</p>
-
-<p>Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und
-Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen
-Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele
-Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf
-Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon
-das gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen
-und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der
-Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr
-von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das
-zehnfache angestiegen ist.</p>
-
-<p>Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach
-Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer
-Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich
-sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen
-ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.</p>
-
-<p>Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind
-dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Cacao</em> (Theobroma<a name="FNAnker_375_375" id="FNAnker_375_375"></a><a href="#Fussnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a> Cacao) ist ein aus Amerika stammender
-Baum von nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10&ndash;20 Centimeter
-lange, 5&ndash;7 Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune
-Frucht in einem Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet
-und zerrieben, den Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt,
-die <em class="gesperrt">Chocolade</em> geben. Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i.
-Cacao, und <em class="gesperrt">latl</em> = Wasser. Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch
-der Chocolade bei den <em class="gesperrt">Mexicanern</em> vor und brachten denselben nach
-Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach Italien, Frankreich, England,
-Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt unsres grossen Kurfürsten, hat
-bereits 1667 das Lob der Chocolade verkündigt.</p>
-
-<p>Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das
-<em class="gesperrt">Theobromin</em>, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr
-ähnlich ist.</p>
-
-<p>Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege
-von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen
-Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer
-Uebersetzung eifrigst studirte.</p>
-
-<p>Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878
-betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen
-Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (=
-4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen
-können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie
-beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute,
-windgeschützte Lage erfordern.</p>
-
-<p>Mit <em class="gesperrt">Cinchona</em>, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum<a name="FNAnker_376_376" id="FNAnker_376_376"></a><a href="#Fussnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a>
-aus den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500
-Acres auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit
-1879 der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres
-= 24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15
-Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen
-plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm<a name="FNAnker_377_377" id="FNAnker_377_377"></a><a href="#Fussnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a>
-Chinin, von 12 Shilling), der<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> für die Leidenden zwar sehr glücklich,
-aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau
-von Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre
-1891 war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund
-gefallen.</p>
-
-<p>Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller
-ist.<a name="FNAnker_378_378" id="FNAnker_378_378"></a><a href="#Fussnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a> Immerhin bildet Cinchona eine <em class="gesperrt">Ergänzung</em> der
-Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Nuwara Eliya</em><a name="FNAnker_379_379" id="FNAnker_379_379"></a><a href="#Fussnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a> wurde 1826 von englischen Officieren auf der
-Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu
-einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That
-ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die
-Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen +
-2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es
-giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen,
-als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene
-zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise <a name="wenigmehr" id="wenigmehr"></a>von weniger als 100
-englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein
-Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu
-finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar
-eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Grand Hotel</em> von Nuwara Eliya preist sich selber als das
-<em class="gesperrt">schöngelegene Curhaus von Ceylon</em> und druckt einen Brief ab von
-dem früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem
-die Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.</p>
-
-<p>Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und
-Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus
-Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima
-behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden <em class="gesperrt">Kaminfeuer</em>,
-&mdash; das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> Banff im canadischen
-Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder
-mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden
-Europäer, als für die Durchreisenden.</p>
-
-<p>Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras
-<em class="gesperrt">fette</em> Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit
-gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall
-Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten;
-aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen
-See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die
-ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem
-Pedurutallagalla.</p>
-
-<p>Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut
-ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit
-Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig<a name="FNAnker_380_380" id="FNAnker_380_380"></a><a href="#Fussnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> ist es nicht, und die
-Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein
-Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges
-Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als
-Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim
-schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich
-ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als
-Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht
-zur Unterhaltung anzuregen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen ganz früh ging<a name="FNAnker_381_381" id="FNAnker_381_381"></a><a href="#Fussnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a> ich, unter Führung eines
-einheimischen Knaben, auf den Gipfel des <em class="gesperrt">Pedurutallagalla</em>,<a name="FNAnker_382_382" id="FNAnker_382_382"></a><a href="#Fussnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a>
-des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel,
-2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von
-dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer,
-waldbedeckter Maulwurfshügel“.</p>
-
-<p>Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen
-konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.</p>
-
-<p>Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohn<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span>sitz
-der Eingeborenen, dem sogenannten <em class="gesperrt">Markt</em> (Bazar), wo wieder
-verschiedene englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die
-Seelen der Heiden betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten,
-schattigen Wald mit zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir
-ihn in den Bergen des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken
-durchwandern.</p>
-
-<p>Nur <em class="gesperrt">Laubbäume</em> sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht
-in Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem
-Garten von Hakkagalla.</p>
-
-<p>Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt
-mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von
-Rosenbaum<a name="FNAnker_383_383" id="FNAnker_383_383"></a><a href="#Fussnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a> mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang
-herabhängenden <em class="gesperrt">Moosbärten</em> geschmückt; einzelne Bäume sehen
-so aus, als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet.
-Das Gebüsch zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig,
-undurchdringlich, ein förmlicher Urwald.</p>
-
-<p>Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit,
-theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört
-der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.</p>
-
-<p>Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald
-nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist
-seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen <em class="gesperrt">wir</em> erst hinein
-und müssen sie in uns tragen.</p>
-
-<p>Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort
-oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe
-mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren
-Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag
-dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste<a name="FNAnker_384_384" id="FNAnker_384_384"></a><a href="#Fussnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a>, vom Adams-Pik sowie
-von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war
-nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild;
-für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel
-in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So
-blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst
-auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei
-dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind
-unvergesslich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p>
-
-<p>In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich,
-ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier<a name="FNAnker_385_385" id="FNAnker_385_385"></a><a href="#Fussnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a> und ein Mittagsschläfchen, das
-ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.</p>
-
-<p>Nachmittags fuhr ich im Wagen<a name="FNAnker_386_386" id="FNAnker_386_386"></a><a href="#Fussnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> nach dem <em class="gesperrt">botanischen Garten</em>
-der Regierung, der in <em class="gesperrt">Hakkagalla</em> liegt, 6 englische Meilen
-südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr
-angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des
-See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S.
-Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen
-<em class="gesperrt">Baumfarn</em> besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich
-erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen
-und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht
-der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte
-mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht,
-sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner
-Besuchs-Karte befindlichen Wortes <em class="gesperrt">Ophthalmology</em><a name="FNAnker_387_387" id="FNAnker_387_387"></a><a href="#Fussnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a> rathlos
-grübelte, dann der Director selber, Herr <em class="gesperrt">Nock</em>, der mir alles
-auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie
-anmuthigen Baumfarn,<a name="FNAnker_388_388" id="FNAnker_388_388"></a><a href="#Fussnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a> die der Unkundige so leicht für Palmen hält,
-und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen
-bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in
-Ceylon das Wichtigste geleistet habe.</p>
-
-<p>An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte
-aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche
-<em class="gesperrt">Mimose</em>,<a name="FNAnker_389_389" id="FNAnker_389_389"></a><a href="#Fussnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a> die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter
-zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond
-in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.</p>
-
-<p>Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und
-die beiden kleineren Kinder, &mdash; die grösseren waren natürlich in
-England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier
-und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen
-(Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem
-Tisch lag Ceylon von Ferguson und <em class="gesperrt">Häckel</em>’s indische Reisebriefe
-in englischer Uebersetzung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span></p>
-
-<p>Mit <em class="gesperrt">Vergnügen</em> erinnerte er sich an den Besuch unsres
-berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;<a name="FNAnker_390_390" id="FNAnker_390_390"></a><a href="#Fussnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a> und Jeder wird ihm
-beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen
-Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das <em class="gesperrt">Buch von
-Häckel</em> wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch
-beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt
-die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen
-anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung
-abzusprechen, an <em class="gesperrt">eine Bemerkung</em>, die eigentlich wohl ein Witz
-sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,<a name="FNAnker_391_391" id="FNAnker_391_391"></a><a href="#Fussnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a> &mdash; vom
-Schlangen-Klein in der Reis-Würze.</p>
-
-<p>„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle
-Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch
-deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem
-sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry
-vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich
-für einen Aal hielt.“</p>
-
-<p>Seltsamer Weise spricht auch <em class="gesperrt">Hildebrandt</em> (Reise um die Erde,
-Berlin 1879, I, 44) vom <em class="gesperrt">Schlangen-Gericht</em> auf Ceylon.</p>
-
-<p>„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein
-neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie
-wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack
-liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für
-Aal, bis mich die grössere <em class="gesperrt">Härte</em> eines Besseren belehrte.“
-Ueberzeugend ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein
-vom Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)<a name="FNAnker_392_392" id="FNAnker_392_392"></a><a href="#Fussnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a>
-aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt werden,
-und zwar <em class="gesperrt">milde</em>, d. h. solche, die weniger brennen, und
-<em class="gesperrt">scharfe</em>,<a name="FNAnker_393_393" id="FNAnker_393_393"></a><a href="#Fussnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a> die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im
-2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik
-Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche
-Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der
-Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit
-Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen
-sie noch Fisch<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach
-den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich,
-mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Nach_Anuradhapura">Nach Anuradhapura.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den
-Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der
-<em class="gesperrt">nördlichen Centralprovinz</em> von Ceylon. (North Central Province.)</p>
-
-<p>Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel
-zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der
-alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung
-einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben
-gerufen.</p>
-
-<p>Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich
-verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen
-dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht
-haben.</p>
-
-<p>Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya
-durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit
-der Eisenbahn nach Kandy.</p>
-
-<p>Auf der letzteren Strecke wird der <em class="gesperrt">Adams-Pik</em> in seiner vollen
-Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen
-Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke
-verhüllt. Um <em class="gesperrt">diese Jahreszeit</em> regnet es auf dem Gipfel fast
-unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da
-aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich
-doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten
-Berges andeuten.</p>
-
-<p>Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden
-Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen
-der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha,
-nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von
-Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens
-(sripada<a name="FNAnker_394_394" id="FNAnker_394_394"></a><a href="#Fussnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a>); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in
-frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen
-und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span></p>
-
-<p>Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen
-die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz
-schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter
-Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche
-Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene
-Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren
-wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt
-nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel;
-aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr
-wenige Berge diesen <em class="gesperrt">unbeschränkten</em> Blick bieten. Die beiden
-<em class="gesperrt">Sarrasin</em> hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den
-Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu,
-Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren
-Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an
-der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Häckel</em> lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren,
-möchte aber die vom schneebedeckten Pik von <em class="gesperrt">Teneriffa</em>, der fast
-die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Kandy</em> war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein
-Zug<a name="FNAnker_395_395" id="FNAnker_395_395"></a><a href="#Fussnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a> geht nordwärts nach <em class="gesperrt">Matale</em>, dem Ende der Zweigbahn, vor
-11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein
-Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und
-Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche
-für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir
-bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen
-Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich,
-die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird
-Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.</p>
-
-<p>Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht
-man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.</p>
-
-<p>Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten
-Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy,
-nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000
-Einwohner.</p>
-
-<p>Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem
-<em class="gesperrt">Rast-Haus</em><a name="FNAnker_396_396" id="FNAnker_396_396"></a><a href="#Fussnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a> zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen,
-für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten
-Zeiten von wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span>thätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den
-öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen
-von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet,
-wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und
-Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur
-für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt,
-dem neuen Reisenden Platz machen.</p>
-
-<p>Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den
-Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht
-hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem
-gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten
-gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen
-schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt
-sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient,
-und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach
-ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit.
-Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des
-„Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit
-ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.</p>
-
-<p>Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten.
-Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des
-Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen<a name="FNAnker_397_397" id="FNAnker_397_397"></a><a href="#Fussnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a> mit der Post
-weilt, &mdash; natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit
-voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft
-zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch,
-Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren
-Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung.
-So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei
-europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten
-und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die
-ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der
-Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.</p>
-
-<p>Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden
-und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz,
-wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus
-mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span></p>
-
-<p>Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der
-Postkutsche,<a name="FNAnker_398_398" id="FNAnker_398_398"></a><a href="#Fussnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a> die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur
-Fahrt nach <em class="gesperrt">Anuradhapura</em>. Die Zeit der Alleinherrschaft des
-Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig
-gewechselt werden, und vier Räder,<a name="FNAnker_399_399" id="FNAnker_399_399"></a><a href="#Fussnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a> allerdings nur <em class="gesperrt">einen</em>
-leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere
-des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht
-und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch
-gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben
-Fahrpreis zu zahlen.</p>
-
-<p>Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der
-Nordhälfte von Ceylon.</p>
-
-<p>Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen,
-treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung
-grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen
-und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter
-grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau
-wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den
-Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse
-ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar
-nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn
-zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer
-sehen ärmlich aus.</p>
-
-<p>Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen
-anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht,
-eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig
-schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht,
-dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen.
-Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen
-die Hand und lassen sich betrachten.</p>
-
-<p>Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls
-einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand
-und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung,
-wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen
-ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles
-Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie
-natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span></p>
-
-<p>Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½
-engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde
-Gegenden führte, wie <em class="gesperrt">arm die Thierwelt</em> in Ceylon erscheint
-gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch <em class="gesperrt">Häckel</em> erklärt
-offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde.
-Dagegen fanden die beiden <em class="gesperrt">Sarrasins</em>, die allerdings während
-2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen
-durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei,
-namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer
-jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der
-ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher
-studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die
-ich zu sehen bekam.</p>
-
-<p>Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde,
-Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde,
-Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und
-unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein
-Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen
-empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit
-braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf;
-Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer
-Affen<a name="FNAnker_400_400" id="FNAnker_400_400"></a><a href="#Fussnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a> gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge
-sind sparsamer, als in Süd-Europa.</p>
-
-<p>Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die
-von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer
-Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter
-dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel,
-so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets
-sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung
-dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen
-Schlangen<a name="FNAnker_401_401" id="FNAnker_401_401"></a><a href="#Fussnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> sich aufzuhalten.</p>
-
-<p>Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken
-überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch
-kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome,
-liefern schöne Landschaftsbilder.</p>
-
-<p>Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu <em class="gesperrt">Dambulla</em>,
-das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span>
-von <em class="gesperrt">Anuradhapura</em> (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein
-Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in
-der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso
-der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr
-<em class="gesperrt">Jever</em>,<a name="FNAnker_402_402" id="FNAnker_402_402"></a><a href="#Fussnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte,
-dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der
-Ausgrabungen abholen werde.</p>
-
-<p>Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und
-gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers.
-Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie
-hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden.
-Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt
-man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im
-grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber
-ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die
-hohe Decke fliegt und <em class="gesperrt">oben</em> hinaus will. Ein geschleuderter
-Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld
-fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit
-kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit
-den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger
-des <em class="gesperrt">Sumpffiebers</em>. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir
-aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst
-eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund
-geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe
-ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen
-Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines
-Fracks zu beseitigen.</p>
-
-<p>Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer
-sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="tdr mright2 mbot1"><em class="gesperrt">Anuradhapura, den 17.
-November</em> 1892.</p>
-
-<p>Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern
-geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen
-Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche,
-der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit
-beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre
-Weichen <span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span>mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden
-in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in
-ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; <em class="gesperrt">in</em> dem Wagen
-kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber,
-in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut,
-bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen
-des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch
-zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von
-<em class="gesperrt">Anuradhapura</em>.</p>
-
-<p>Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den
-<em class="gesperrt">Weltstädten</em> gehört er nicht; diese sind <em class="gesperrt">zweisilbig</em>.
-Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über
-Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich
-vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden,
-ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.</p>
-
-<p>Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort
-bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den
-sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche,
-seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher
-hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.</p>
-
-<p>Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das <em class="gesperrt">ewige
-Rom</em>; und auch in <em class="gesperrt">religiöser Bedeutsamkeit</em> mit Rom zu
-vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre
-Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.</p>
-
-<p>Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt
-bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines
-Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses
-Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn
-diese Völker haben früh schreiben gelernt, und <em class="gesperrt">einige</em> von ihnen
-haben <em class="gesperrt">furchtbar viel aufgeschrieben</em>.</p>
-
-<p>Vor allen die <em class="gesperrt">Singhalesen</em>; diese besitzen eine
-<em class="gesperrt">fortlaufende</em> Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei
-Jahrtausende sich erstreckt.</p>
-
-<p>Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum
-ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die
-Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf
-dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer <em class="gesperrt">Tournour</em>,
-ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften
-buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht
-mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf
-Palm<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>blätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische
-Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n.
-Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende
-ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten
-gelang es <em class="gesperrt">Tournour</em>, mit Hilfe der später aufgefundenen
-<em class="gesperrt">Erläuterungen</em>, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch
-starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst
-vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem
-Einheimischen herausgegeben worden.<a name="FNAnker_403_403" id="FNAnker_403_403"></a><a href="#Fussnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mahawanso</em> ist der Titel dieser Chronik, das heisst <em class="gesperrt">grosse
-Dynastie</em>, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung
-vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige
-Wijayo,<a name="FNAnker_404_404" id="FNAnker_404_404"></a><a href="#Fussnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit
-dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil
-zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu
-Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten
-Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter
-Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes
-(† 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde
-haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken.
-Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige
-von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n.
-Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die
-Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.</p>
-
-<p>Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in
-Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften
-der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute
-Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist,
-liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des
-indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten,
-der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des
-Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die
-Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660
-bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span></p>
-
-<p>Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen
-dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.</p>
-
-<p>So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die
-Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355
-Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten
-Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha,
-im Jahre 1815.</p>
-
-<p>Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert
-v. Chr., wurde die Stadt <em class="gesperrt">Anuradhapura</em><a name="FNAnker_405_405" id="FNAnker_405_405"></a><a href="#Fussnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a> gegründet, in der
-Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit
-unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig<a name="FNAnker_406_406" id="FNAnker_406_406"></a><a href="#Fussnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a>
-als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde
-errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete
-Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da
-jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit
-goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des
-heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern
-für fromme Väter.</p>
-
-<p>Schon von dem Erdbeschreiber <em class="gesperrt">Ptolemaeus</em> (im 2. Jahrhundert n.
-Chr.) wird Anuragrammum<a name="FNAnker_407_407" id="FNAnker_407_407"></a><a href="#Fussnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der
-chinesische Pilger <em class="gesperrt">Fa Hian</em>, der im Anfang des 5. Jahrhunderts
-n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der
-Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,<a name="FNAnker_408_408" id="FNAnker_408_408"></a><a href="#Fussnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a> 6000 auf Kosten
-des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien
-nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug
-(perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen
-bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von
-Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des
-Festes.</p>
-
-<p>Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista
-riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse
-von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung
-von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden
-Hauptdurchmessern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p>
-
-<p>Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. <em class="gesperrt">Bell</em>, ist der
-Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von
-den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.</p>
-
-<p>Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen,
-da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos
-Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass
-die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten
-2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch
-nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen
-Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.</p>
-
-<p>Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert<a name="FNAnker_409_409" id="FNAnker_409_409"></a><a href="#Fussnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> n. Chr.
-aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die
-kriegerischen Angriffe der <em class="gesperrt">Tamilen</em> aus dem südlichen Theil von
-Indien.</p>
-
-<p>Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung
-von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der
-Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen
-gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach
-einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in
-verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in
-Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen
-und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte.
-Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte
-der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen
-Hügelgegend suchen.</p>
-
-<p>Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und
-von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv,
-Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns
-wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben
-hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; <em class="gesperrt">Anuradhapura
-ist buchstäblich vom Wald überwachsen</em>;<a name="FNAnker_410_410" id="FNAnker_410_410"></a><a href="#Fussnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a> das dichteste Gebüsch
-und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das
-meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von <em class="gesperrt">Urwald</em> umgewandelt.</p>
-
-<p>Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus.
-Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man <em class="gesperrt">gerade hier</em><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> recht
-merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit
-mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter
-Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30
-Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer
-Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern
-und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten
-Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall
-hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die
-kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.</p>
-
-<p>Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der
-letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die
-Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen
-Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit
-Brücken und Wege verbessert.</p>
-
-<p>Uebrigens war der Ort <em class="gesperrt">nie vollständig verlassen und vergessen</em>.
-Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den
-Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen
-Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf
-schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie
-Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.</p>
-
-<p>Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner
-untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben
-die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem
-Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen
-wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier
-wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf
-von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind
-fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder
-die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten,
-sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte
-von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum
-Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich
-der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher,
-als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte
-Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über
-unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten
-Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das
-grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das
-Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues,
-noch nicht bezogenes Krankenhaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?</em> Zunächst die <em class="gesperrt">Dagoba</em>
-oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha
-einschliessen.</p>
-
-<p>Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder
-glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der
-würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem
-Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem
-Sonnenschirm.</p>
-
-<p>Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr
-viele sind nur 10&ndash;20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit
-den <em class="gesperrt">Pyramiden</em> von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba
-sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.</p>
-
-<p>Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim
-Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den
-ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein
-müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der
-Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre
-Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren
-Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone
-gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk
-von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein
-paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.</p>
-
-<p>Den merkwürdigsten Anblick gewährt die <em class="gesperrt">Jayta-wanarama-Dagoba</em>,
-die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht
-sie jetzt aus wie ein <em class="gesperrt">bewaldeter Berg</em>, auf dem ein kleiner Thurm
-steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen,
-dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt
-jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss,
-so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst
-gegen 20 Millionen Cubikfuss<a name="FNAnker_411_411" id="FNAnker_411_411"></a><a href="#Fussnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a> betrug. Fünfhundert unserer Maurer
-hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent,
-eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine
-Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh
-herstellen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">grösste Dagoba</em> (<em class="gesperrt">Abhayagiri</em> = Berg der Sicherheit)
-wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur
-Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung
-des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> zur Spitze des
-Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die
-Höhe noch 231 Fuss.</p>
-
-<p>Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist
-neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst
-getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.</p>
-
-<p>Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am
-merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, <em class="gesperrt">Ruan-welle</em>, d.
-h. Goldstaub, unter <em class="gesperrt">Dutugaimunu</em>, dem Besieger des Tamil Elala,
-und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit
-vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber
-durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch
-ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig
-mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber
-der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der
-umgebenden Pflasterung.</p>
-
-<p>Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres
-Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier
-Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das
-ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist,
-während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen
-Bau zu tragen scheinen.<a name="FNAnker_412_412" id="FNAnker_412_412"></a><a href="#Fussnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a> Der fromme Pilger reibt noch heute den
-Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.</p>
-
-<p>Hier findet man auch überlebensgrosse <em class="gesperrt">Bildsäulen</em>. Zunächst
-die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar,
-von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier
-aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn
-unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit
-altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha
-in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, &mdash; höchstens mit denen aus
-der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch
-nicht ganz überwunden hatte.</p>
-
-<p>Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die
-Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach
-angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo;
-es sind die <em class="gesperrt">Dwarpals</em> oder Thürhüter, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> siebenköpfigen
-Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen
-<em class="gesperrt">(Mond-) Steine</em> vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit
-rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen
-Gänsen,<a name="FNAnker_413_413" id="FNAnker_413_413"></a><a href="#Fussnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a> darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine
-Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine
-pflanzliche Verzierung.</p>
-
-<p>Am Eingang zu einem <em class="gesperrt">Felsentempel</em> (Isurumuniya, ausserhalb des
-Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst
-anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, &mdash; wenn es dem Gott
-nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.</p>
-
-<p>Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle
-der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die
-<em class="gesperrt">heiligste</em> aller Dagoba, die <em class="gesperrt">Thuparama</em>, 307 v. Chr. vom
-König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen<a name="FNAnker_414_414" id="FNAnker_414_414"></a><a href="#Fussnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> von
-Buddha zu bergen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien</em>, das auf unsre
-Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit
-Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer
-Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den
-Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache
-Hülle von Stuck.</p>
-
-<p>Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser
-und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9
-Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei
-Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus
-je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient
-noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.</p>
-
-<p>Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie
-auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr
-davon zu sehen.</p>
-
-<p>Dagegen steht noch die <em class="gesperrt">Lankaramaya Dagoba</em> (von 32 Fuss Höhe),
-die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n.
-Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen <em class="gesperrt">Buddha-Putten am
-Capitäl</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p>
-
-<p>Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten
-<em class="gesperrt">Paläste</em>. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da
-bisher nur sehr wenige Inschriften<a name="FNAnker_415_415" id="FNAnker_415_415"></a><a href="#Fussnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a> gefunden sind. Die Ausgrabungen
-werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr
-Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr
-viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in
-absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem
-Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. <em class="gesperrt">Bell</em>, statt der jetzigen
-60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen
-von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von
-Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet
-sind.</p>
-
-<p>Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber
-die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter
-der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch
-nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man
-tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie
-Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum
-des Orts einverleibt worden.</p>
-
-<p>Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste
-bezeichnet, sind Ruinen von <em class="gesperrt">Klöstern</em>.</p>
-
-<p>Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch
-die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht;
-alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der
-Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue
-Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der
-Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten.
-Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen
-von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die
-Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss
-misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht,
-entsprechend den heutigen Klöstern in <em class="gesperrt">Birma</em>,) aus Holz errichtet
-waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000
-Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes
-Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> war und so den Namen des
-Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross
-wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude
-im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute
-in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht
-geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände
-trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen
-gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer
-Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse
-Baldachin des Kaisers (Chatta).</p>
-
-<p>Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden
-obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde
-dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört,
-jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen
-Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.</p>
-
-<p>Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert.
-Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die
-einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz
-roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,<a name="FNAnker_416_416" id="FNAnker_416_416"></a><a href="#Fussnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> mit
-denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als
-der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk
-(chunnam) getragen.</p>
-
-<p>Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen
-Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen
-sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen
-Elephanten-Trog,<a name="FNAnker_417_417" id="FNAnker_417_417"></a><a href="#Fussnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a> der wie ein steinernes Boot aussieht und die
-ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss
-besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach
-Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen
-<em class="gesperrt">Predigthallen</em> darstellen.</p>
-
-<p>Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen
-empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend
-Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist
-in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in
-zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der
-Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit
-Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">dritte Sehenswürdigkeit</em> von Anuradhapura sind die
-<em class="gesperrt">Wasserbauten</em>. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad
-des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken
-ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.</p>
-
-<p>Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit <em class="gesperrt">aufgemauertem</em>
-Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und
-heisst beim Volk und beim Führer der <em class="gesperrt">See der Riesen</em>.<a name="FNAnker_418_418" id="FNAnker_418_418"></a><a href="#Fussnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a> Er
-wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung
-der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer
-Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen
-Landstrichs.</p>
-
-<p>Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach
-eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen
-See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische
-Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm,
-der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So
-entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische
-Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90
-Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch
-und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die
-gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die
-Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch
-den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der
-Erde, vielleicht<a name="FNAnker_419_419" id="FNAnker_419_419"></a><a href="#Fussnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a> mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so
-grosse Seen geschaffen.</p>
-
-<p>König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast
-erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch
-die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela
-geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben
-haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.),
-hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere
-Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke,
-die verfallen waren, wieder erneuert.</p>
-
-<p>Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen
-Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche
-wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere
-Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span>
-Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt,
-und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.</p>
-
-<p>So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000
-Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an
-hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.</p>
-
-<p>Aber die <em class="gesperrt">allergrösste Merkwürdigkeit</em> von Anuradhapura,
-wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der <em class="gesperrt">heilige
-Feigenbaum</em>. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der
-siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.</p>
-
-<p>Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter
-dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom
-König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen
-Reihe frommer Wächter<a name="FNAnker_420_420" id="FNAnker_420_420"></a><a href="#Fussnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> gepflegt, worüber die singhalesischen
-Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste
-geschichtliche Baum der Welt.</p>
-
-<p>Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt
-wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen.
-Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen,
-langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden
-als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5.
-Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am
-heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459&ndash;478 n. Chr.)
-schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der
-Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem
-prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige
-Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein
-fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt
-einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer
-(Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden
-Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden
-Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.</p>
-
-<p>In der Nähe sind Priester-Wohnungen.</p>
-
-<p>Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte
-der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser
-unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span></p>
-
-<p>Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden
-Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie
-zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten
-vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen
-Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar
-Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler
-mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich
-kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine <em class="gesperrt">mehrtausendjährige</em>
-Geschichte besitzt.</p>
-
-<p>Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das
-Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung
-gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur
-zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr
-denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche
-einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer
-heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.)
-hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf
-gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder
-vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte
-Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen
-Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.</p>
-
-<p>Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben
-waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die
-Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8.
-Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die
-neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach
-der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr.
-eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war,
-die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in
-Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli,
-„weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken
-und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes
-Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern
-vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten
-und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock
-nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November,
-Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span>
-war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte
-ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich
-die <em class="gesperrt">Felsentempel bei Dambulla</em> nicht zu sehen bekam. Abends
-gewährte der bläuliche Glanz der <em class="gesperrt">Leuchtkäfer</em>, die zu Tausenden
-um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis
-wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich
-gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft
-telegraphisch angemeldet.<a name="FNAnker_421_421" id="FNAnker_421_421"></a><a href="#Fussnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a></p>
-
-<p>Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser,
-Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen
-Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der
-Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die
-Fahrt nach Colombo fort.</p>
-
-<p>Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von
-der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z.
-B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders
-deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der
-Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht
-bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden
-beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets
-lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom
-Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling).
-Mit dem Verhalten der P. &amp; O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht
-zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu
-erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die
-Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei
-noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in
-dieser Hinsicht bevorzugt.</p>
-
-<p>Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war
-ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in
-Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie
-Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld
-und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die
-Silber-Rupie wird in beiden genommen.</p>
-
-<p>Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes
-<em class="gesperrt">Lebewohl</em>, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="VII">VII.<br />
-<b>Ostindien.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_d.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Der Dampfer <em class="gesperrt">Shannon</em> ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten
-Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht
-gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern
-auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen <em class="gesperrt">missbräuchlich</em>
-die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin
-wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der
-Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler
-und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die
-im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff
-umkreisen und nach Münzen tauchen.</p>
-
-<p>Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze
-von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem
-Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen
-der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der
-Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert
-aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in <em class="gesperrt">Madras</em>
-gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den
-<em class="gesperrt">Hugli-Fluss</em>, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere
-Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Log-Bericht.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.</p>
-
-<p>Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53
-bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.</p>
-
-<p>Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.</p>
-
-<p>Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span></p>
-
-<p>Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel
-Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem
-Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.</p>
-
-<p>Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer
-Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten
-Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere,
-Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme.
-Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur
-kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist.
-Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters,
-eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine
-gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern
-des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche
-Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter
-vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in
-der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war
-ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen
-über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen
-gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von
-der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit
-angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum
-Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter,
-namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die
-Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff,
-einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen.
-Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch
-achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath
-herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach
-25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als
-Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es.
-Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr
-Grab in Indien.</p>
-
-<p>Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6
-Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste
-von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten
-Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Regen. Am Morgen des
-25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt.
-Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der
-Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so
-ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie
-die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der
-Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.</p>
-
-<p>Ich lese <em class="gesperrt">Thackeray’s</em> Vanity fair und bereite mich auch für
-Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen
-Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem
-erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen:
-erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich
-sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie
-derselben.</p>
-
-<p>Nachmittag um 5 Uhr sind wir in <em class="gesperrt">Madras</em>. Dies ist die dritte
-Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt
-der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von
-361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.</p>
-
-<p>Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat <em class="gesperrt">keinen
-Hafen</em>. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut
-in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und
-mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen
-tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine
-englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird;
-drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten
-Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des
-Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht
-als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu
-Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die
-vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der
-neuen Schutzanlagen.</p>
-
-<p>Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den
-flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne
-Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines
-kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich,
-weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine
-kräftige Hafenpolizei am Platz.</p>
-
-<p>Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen,
-an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen
-und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span> Besuche
-beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High
-court), sehe ich vom Schiff aus.</p>
-
-<p>Sehr bald beginnt ein unerhörtes <em class="gesperrt">Gewühl</em> am Schiffsbord.
-Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln,
-Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine
-<em class="gesperrt">Gaukler-Familie</em> erscheint und macht unter andern das gewöhnliche
-Kunststück der <em class="gesperrt">Spiritisten</em>, aber bei Tagesbeleuchtung und auf
-den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr-
-und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus
-Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem
-Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger
-Richtung durchstochen; &mdash; und schliesslich kriecht sie unverletzt und
-ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends
-10 Uhr fahren wir ab.</p>
-
-<p>Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an
-Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November,
-Morgens früh um 6 Uhr, dass wir <em class="gesperrt">vor Anker</em> liegen, und zwar
-gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (<em class="gesperrt">Saugar Island</em>) mit
-Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem
-Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des
-Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die
-hauptsächlichste gewesen sein soll.</p>
-
-<p>Der Hugli ist höchst <em class="gesperrt">gefährlich</em>, kann bei Nacht gar nicht und
-bei Tage nur <em class="gesperrt">mit</em> der Fluth befahren werden. Abgesehen von
-gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem
-Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese
-Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.</p>
-
-<p>Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie
-wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem
-Wasser emporragenden Masten des Wracks der <em class="gesperrt">Anglia</em>, eines grossen
-Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch
-Nachmittags vor <em class="gesperrt">Diamant-Harbour</em> wieder Anker und verbleiben so
-über Nacht.</p>
-
-<p>Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem
-Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt
-worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war
-geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen
-Herrn, die ihnen vorgestellt waren.</p>
-
-<p>Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor
-Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim
-ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> und Dörfer
-der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen
-„Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch
-mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt
-belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der
-Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir
-sind in <em class="gesperrt">Calcutta</em>, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.</p>
-
-<p>Schon vorher waren die <em class="gesperrt">Zollbeamten</em> an Bord gekommen. Sie
-benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu
-enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps
-und Opium, die <em class="gesperrt">Niemand</em> in zollpflichtiger Menge bei sich führte;
-und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die <em class="gesperrt">Jeder</em>
-mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren
-holte seinen Revolver aus der Tasche.</p>
-
-<p>Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig,
-den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem
-grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr
-von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen,
-andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.</p>
-
-<p>Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu
-erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist
-das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu<a name="FNAnker_422_422" id="FNAnker_422_422"></a><a href="#Fussnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a>,
-der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen
-Räume eilt, &mdash; aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die
-gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe
-wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon
-keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein
-schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.</p>
-
-<p>Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem
-Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche
-die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen
-stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen
-und für den <em class="gesperrt">Nachweis</em> der Droschke &mdash; deren Hunderte dastehen,
-&mdash; und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche
-Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man
-ihnen einfach den Rücken dreht.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Great Eastern Hotel</em>, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten
-Reisenden unseres Dampfers, des <em class="gesperrt">Postschiffes</em> von London<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span>
-nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die
-Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit,
-mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir
-eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in
-dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die
-Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in
-meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich
-allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich
-schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt
-eben für fein, in <em class="gesperrt">diesem</em> Gasthaus<a name="FNAnker_423_423" id="FNAnker_423_423"></a><a href="#Fussnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> abzusteigen und hieher
-die Einladungsbriefe<a name="FNAnker_424_424" id="FNAnker_424_424"></a><a href="#Fussnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> zu erhalten. Aber da ich nicht an diese
-englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit
-vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (<em class="gesperrt">Bellevue</em>
-der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach
-indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein
-eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und
-Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich,
-einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie<a name="FNAnker_425_425" id="FNAnker_425_425"></a><a href="#Fussnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a> zu fordern hat und
-mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee
-und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden
-behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert
-er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden
-und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem
-Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über
-den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> auf die Esplanade,
-zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz,
-wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in
-einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf
-meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich
-gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen
-Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen
-Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien
-mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig,
-dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse,
-wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute
-in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und
-erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen
-veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei
-unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.</p>
-
-<p>So bin ich also in Indien, dem <em class="gesperrt">Märchenland</em> für die Europäer von
-den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft
-des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land,
-so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so
-räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die <em class="gesperrt">Literatur</em> über
-Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter
-Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was
-er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher
-zu bringen.</p>
-
-<p>Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in
-englischer Sprache, von <em class="gesperrt">Murray</em>. Ferner Führer durch die
-hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber
-die Hauptquelle ist <em class="gesperrt">The Indian Empire</em> by Sir William Wilson
-<em class="gesperrt">Hunter</em>, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus
-seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des <em class="gesperrt">Statistical Survey</em>
-erst die 14 Bände des <em class="gesperrt">Imperial Gazetteer of India</em> und daraus
-das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das
-Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die
-man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches
-Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von <em class="gesperrt">Werner</em>, Jena 1884.)
-Ausserdem hat <em class="gesperrt">Hunter</em> noch zwei Werke verfasst: <em class="gesperrt">A brief
-history of the Indian people</em> und <em class="gesperrt">Englands Work in India</em>. Die
-ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von <em class="gesperrt">Mount
-Stuart Elphinstone</em>, der selber so thätigen Antheil an der neueren
-Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian
-<em class="gesperrt">Mutiny</em> by Col. S. B. Malleson.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span></p>
-
-<p>Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat
-Prof. <em class="gesperrt">Lefmann</em> in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881&ndash;1885).</p>
-
-<p>Für die indische Kunst kommt in Betracht <em class="gesperrt">Industrial arts of India
-by Sir G. Birdwood</em>. <em class="gesperrt">J. Fergusson’s History of Indian und
-Eastern Architecture</em> scheint das einzige Werk über <em class="gesperrt">indische
-Baukunst</em> zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind
-seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten
-des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den
-Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an
-deutlich. Sehr lehrreich ist Albert <em class="gesperrt">Grünwald’s</em> buddhistische
-Kunst in Indien, Berlin 1893.</p>
-
-<p>Ueber <em class="gesperrt">Alterthümer</em> erwähnen die Verfasser der englischen
-Reisewerke immer nur <em class="gesperrt">Jas. Prinsep’s</em> Essays on Indian Antiquities
-(zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und
-schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden.
-Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und
-noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr.
-<em class="gesperrt">Lassen</em> in Bonn (1844&ndash;1861 und 1867&ndash;1874, vier Bände).</p>
-
-<p>Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges
-Büchlein von unserem <em class="gesperrt">Max Müller</em> in Oxford: <em class="gesperrt">Indien</em> in
-seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat
-bekanntlich den ganzen <em class="gesperrt">Rigveda</em> herausgegeben, das unermüdliche
-Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische
-fertiggestellt. Die <em class="gesperrt">indische Literaturgeschichte</em> verdanken wir
-unserem Berliner Professor <em class="gesperrt">Albrecht Weber</em> (II. Auflage, Berlin
-1876).</p>
-
-<p>Ueber die <em class="gesperrt">Religionen</em> in Indien belehrt uns ein Werk von A.
-<em class="gesperrt">Barth</em> in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891)
-besitze.</p>
-
-<p>Die Zahl der <em class="gesperrt">englischen Reisebeschreibungen</em> über Indien ist
-gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter <em class="gesperrt">Sir E.
-Arnolds</em>, und Picturesque India by W. S. <em class="gesperrt">Caine</em> (London 1891).</p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">deutschen Reisewerken</em> kommen in Betracht die einschlägigen
-Capitel der schon genannten Bücher von <em class="gesperrt">Hildebrandt</em>, H.
-<em class="gesperrt">Meyer</em>, <em class="gesperrt">Lanckorónski</em>. Ausserdem haben wir eigne
-Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des
-Prinzen <em class="gesperrt">Waldemar von Preussen</em> (1844 bis 1846) und seines
-Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor
-<em class="gesperrt">Reuleaux</em> „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885);
-endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von
-<em class="gesperrt">Schlagintweit</em> (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem
-Verfasser leider die<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span> eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild
-geschilderten Landes nicht beschieden war.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">allgemeine Länderkunde</em> unseres bibliographischen Instituts
-enthält in dem 1892 erschienenen Band <em class="gesperrt">Asien</em> eine Beschreibung
-von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt,
-den 8. Band von E. <em class="gesperrt">Reclus</em>’ Nouvelle Géographie universelle
-(Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern
-erschienene <em class="gesperrt">Erdkunde</em> unseres <em class="gesperrt">Ritter</em>, trotz der inzwischen
-eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch
-heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.</p>
-
-<p>Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über
-Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so
-sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unser Name <em class="gesperrt">Indien</em> stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde
-der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier
-<a name="gelangtenund" id="gelangtenund"></a>zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im
-Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria
-von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.</p>
-
-<p>Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der
-Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den
-Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa
-zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu
-entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im
-äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und
-begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber
-als <em class="gesperrt">Ostindien</em> zu bezeichnen.</p>
-
-<p>Das Riesendreieck von <em class="gesperrt">Ostindien</em> ruht mit der Grundfläche am
-Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen
-Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur
-heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat
-eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen,
-d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte
-von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein
-Erdtheil, als ein Land.</p>
-
-<p>Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der
-Himálaja<a name="FNAnker_426_426" id="FNAnker_426_426"></a><a href="#Fussnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a>-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>
-Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit
-seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem
-Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta
-mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland
-der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan<a name="FNAnker_427_427" id="FNAnker_427_427"></a><a href="#Fussnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a>, d. h. Süden. Das
-Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des
-Dreiecks, die Ost- und West-Ghats<a name="FNAnker_428_428" id="FNAnker_428_428"></a><a href="#Fussnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> die beiden Seiten (Malabar- und
-Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II
-mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.<a name="FNAnker_429_429" id="FNAnker_429_429"></a><a href="#Fussnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a></p>
-
-<p>Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch
-unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit
-anerkennen. Der britische <em class="gesperrt">Vicekönig</em> (oder Governor General,
-zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter
-zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des
-östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher
-europäische König.</p>
-
-<p>Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der
-Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück
-erwartet wurde.</p>
-
-<p>Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen
-(Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal,
-Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh.
-Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)</p>
-
-<p>Die Volkszählung von 1891 ergab:</p>
-
-<table class="zaehlung_1891" summary="Volkszählung 1891">
- <tr>
- <td class="tdl vat padright1">
- 1)
- </td>
- <td class="tdr vat">
- 221434862
- </td>
- <td class="tdc vat">
- Einwohner
- </td>
- <td class="tdc vat">
- in
- </td>
- <td class="tdc vat">
- den
- </td>
- <td class="tdl">
- britischen Besitzungen,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padright1">
- 2)
- </td>
- <td class="tdr vat">
- 66908147
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- Schutzstaaten,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padright1">
- 3)
- </td>
- <td class="tdr vat">
- 561384
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- portugiesischen Ansiedlungen<br />
- <span class="padleft2">(Goa u. s. w.),</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat padright1">
- 4)
- </td>
- <td class="tdr vat">
- 282923
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdc vat">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- französischen (Pondichery u. s. w.).
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt
-(einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. <em class="gesperrt">Noch
-nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder
-beherrscht worden.</em></p>
-
-<p>Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und
-ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den briti<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span>schen Besitzungen
-fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89:
-42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den
-Erzeugnissen eines einzigen Acre.<a name="FNAnker_430_430" id="FNAnker_430_430"></a><a href="#Fussnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a></p>
-
-<p>In England leben 53,<sub>22</sub> Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit
-mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,<sub>84</sub> Procent
-in 225 Städten dieser Grösse. <em class="gesperrt">Indien ist ein Acker-Land.</em>
-In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch
-giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere
-<em class="gesperrt">Vertheilung</em> des Volkes.</p>
-
-<p>In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich <em class="gesperrt">vier Stämme</em>:</p>
-
-<p>1) <em class="gesperrt">Ureinwohner</em> (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten
-Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).</p>
-
-<p>2) Verhältnissmässig reine <em class="gesperrt">Arier</em> (Bráhmanen, Rájputen) 16
-Millionen.</p>
-
-<p>3) Die <em class="gesperrt">gemischte</em> Bevölkerung der <em class="gesperrt">Hindu</em>, die aus der
-arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der
-letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.</p>
-
-<p>4) <em class="gesperrt">Mohammedaner</em> 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter
-britischer Regierung im Jahre 1872.<a name="FNAnker_431_431" id="FNAnker_431_431"></a><a href="#Fussnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a>)</p>
-
-<p>Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der
-Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼
-Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen
-Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess
-man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch
-Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen <em class="gesperrt">wilder Wald-Stämme</em>
-vorhanden sind.</p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">ältesten</em> Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben,
-entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den
-Boden Indiens. Der eine Stamm war ein <em class="gesperrt">hellfarbiges</em> Volk, vor
-Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach
-Indien vorgedrungen; <em class="gesperrt">Aryer</em>, d. h. Edle, nannten sie sich selber,
-sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, <em class="gesperrt">dunkler</em>
-und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden
-von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der
-Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse
-hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten
-Liedern (Rig-Veda) <em class="gesperrt">Feinde</em> (Dasyus) oder <em class="gesperrt">Sklaven</em> (Dásas)
-genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber
-nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span>
-Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht,
-finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter
-nicht-arischen Herrschern.</p>
-
-<p>Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie
-vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.</p>
-
-<p>Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt.
-Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die
-ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen
-und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der
-Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden
-von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer
-Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch
-die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen
-machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von
-der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt.
-Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf
-Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden.
-Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den
-<em class="gesperrt">Linga</em>, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft;
-sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute
-sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im
-Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen
-Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen
-Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere
-Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder
-indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.</p>
-
-<p>Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der
-Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den
-Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese <em class="gesperrt">Rig-Veda</em>
-sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000
-v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v.
-Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.</p>
-
-<p>Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter
-Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh
-war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier
-(aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in
-Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“
-Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später
-verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die
-Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem
-Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> Agni (Ignis), den
-Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und
-elf im glänzenden Luftkreis.</p>
-
-<p>Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so
-begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra.
-Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen
-Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni.
-Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige
-Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (<em class="gesperrt">Brahma</em>,
-<em class="gesperrt">Wischnu</em>, <em class="gesperrt">Schiwa</em>), von denen in den Veden noch nicht
-gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.</p>
-
-<p>Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen
-mit Priestern und Kasten?<a name="FNAnker_432_432" id="FNAnker_432_432"></a><a href="#Fussnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> Die Schrift war unbekannt. Die
-Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an
-Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine
-Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende
-Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den <em class="gesperrt">Veda</em>
-(dem <em class="gesperrt">Wissen</em>, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und
-deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen
-Brahmana bilden die <em class="gesperrt">Offenbarung</em> (Sruti, das aus Gottes Mund
-<em class="gesperrt">Gehörte</em>); die späteren <em class="gesperrt">Sutra</em> (oder <em class="gesperrt">Reihen</em> von
-Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt
-sind, fügen die <em class="gesperrt">Ueberlieferung</em> (Smriti, das Erinnerte) hinzu.</p>
-
-<p>Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse
-der <em class="gesperrt">Kshattriya</em> (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die
-heutzutage <em class="gesperrt">Rájput</em> = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer
-(<em class="gesperrt">Vaisya</em>, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den
-drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach
-Geborenen oder Ariern. <em class="gesperrt">Unter</em> ihnen stand eine vierte oder
-<em class="gesperrt">dienende</em> Klasse, <em class="gesperrt">Súdra</em>, Ueberbleibsel der überwundenen
-Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern
-theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern,
-theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger
-und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft
-wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren
-siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von
-ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich
-mit der Macht über die Gemüther.</p>
-
-<p>Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des
-Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p>
-
-<p>1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende
-der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen
-bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der
-armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte
-weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu,
-von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.</p>
-
-<p>2) Darauf gründet er eine Familie.</p>
-
-<p>3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln
-und führt die religiösen Gebräuche aus.</p>
-
-<p>4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.</p>
-
-<p>Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen
-Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.</p>
-
-<p>Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter
-sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und
-geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der
-Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die
-Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses
-gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache
-und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und
-nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus
-welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.</p>
-
-<p>Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss
-der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur
-Zeit findet der Reisende in Indien nur <em class="gesperrt">einen</em> grossen Sitz
-seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn
-Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und
-Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa,
-der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen
-bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben
-und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften
-ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen
-Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren
-männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter
-der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas,
-Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu
-geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste
-(Sankya, 500 v. Chr.) die <em class="gesperrt">Entwicklungslehre</em>, welche heute den
-Beifall so vieler Denker in Europa findet.</p>
-
-<p>Die Bráhmanen schufen die <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. Pánini’s Grammatik
-des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man
-Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes
-gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“
-gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die
-Sanskrit-Literatur wurde <em class="gesperrt">mündlich</em> überliefert und ist darum
-ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von
-Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht
-älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in
-einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten
-Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v.
-Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen
-abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.</p>
-
-<p>Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die
-Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie
-sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0
-ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.</p>
-
-<p>Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder
-ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde
-ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu
-sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt.
-Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat
-in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler
-hinterlassen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Gesetzbuch von Manu</em>, das die Kasten feststellt und die
-Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu,
-ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis
-200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter
-sein, als 500 n. Chr.</p>
-
-<p>Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen
-(Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier
-in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und
-nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische
-Dichtungen. Von Kalisada’s Drama <em class="gesperrt">Sakuntala</em> (550 n.Chr.) ist
-1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche
-<em class="gesperrt">Veranlassung</em> für das Studium der indischen Sprache, Kunst
-und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum
-16. Jahrhundert) entstanden dann noch die <em class="gesperrt">Purana</em> (die „alten
-Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.</p>
-
-<p>Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von
-Gautama <em class="gesperrt">Buddha</em>. (622&ndash;543 v. Chr., nach neueren Berechnungen
-starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>
-zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und
-Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke.
-Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung,
-die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung <em class="gesperrt">allen</em>
-Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter
-Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät,
-wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten
-und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den
-Menschen.</p>
-
-<p>Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.),
-König von Magadha oder Behar,<a name="FNAnker_433_433" id="FNAnker_433_433"></a><a href="#Fussnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> machte sie zur Staatsreligion
-und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen
-Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte
-Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder
-scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche
-Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka
-oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440
-Werken) hervorgegangen.</p>
-
-<p>Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander
-1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung
-entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in
-neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren
-aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen,
-was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht
-unmöglich.</p>
-
-<p>Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.)
-beginnt die Beeinflussung Indiens durch <em class="gesperrt">Fremde</em>, beginnt für uns
-die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie
-Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr.
-folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche
-grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in
-der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht
-arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.</p>
-
-<p>Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5.
-Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich
-wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz
-gegriffen. <em class="gesperrt">Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu</em>,
-und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und
-nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die
-Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span></p>
-
-<p>Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer
-von <em class="gesperrt">Afghanistan</em> aus in Nordindien ein. 1526 gründet der
-mohammedanische Turanier Baber das Reich des <em class="gesperrt">Grossmogul</em>,
-das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte.
-Die <em class="gesperrt">Portugiesen</em> hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen
-an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die
-<em class="gesperrt">Holländer</em> im 17. Jahrhundert, die <em class="gesperrt">Engländer</em> und die
-<em class="gesperrt">Franzosen</em>, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach
-der <em class="gesperrt">Zersplitterung des Mogul-Reiches</em> (1707) <em class="gesperrt">gelang es
-den Engländern</em>, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft
-geschaffen, <em class="gesperrt">festen Fuss in Indien zu fassen</em>. 1757 besiegte
-Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen
-im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer.
-Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von
-<em class="gesperrt">Mysore</em> in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten
-Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen
-<em class="gesperrt">Maraten</em> in Centralindien, welche schon die Erbschaft des
-Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts
-die <em class="gesperrt">Sikhs</em> in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen
-Soldaten (<em class="gesperrt">Sepoy</em>) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die
-Ostindische Gesellschaft aufgehoben, <em class="gesperrt">Indien unter die Verwaltung der
-Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben</em>.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Calcutta">Calcutta,</h3>
-
-</div>
-
-<p>die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste
-und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern<a name="FNAnker_434_434" id="FNAnker_434_434"></a><a href="#Fussnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a> im Jahre
-1891) hat zwar den Namen von einem <em class="gesperrt">uralten Wallfahrtsort</em> zu
-Ehren der <em class="gesperrt">Kali</em>, der schrecklichen Gattin von Schiwa,<a name="FNAnker_435_435" id="FNAnker_435_435"></a><a href="#Fussnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a> ist
-aber eine<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> durchaus <em class="gesperrt">neue</em> Gründung und ein wahres Kind gegen so
-altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.</p>
-
-<p>Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der
-englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu
-einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch
-die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender
-Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl
-der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen
-eingerichtet.</p>
-
-<p>Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von
-Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes
-Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta,
-eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen
-Engländer (146, Männer und Frauen,) in das <em class="gesperrt">schwarze Loch</em> stecken
-(<em class="gesperrt">Black hole</em>;<a name="FNAnker_436_436" id="FNAnker_436_436"></a><a href="#Fussnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a> so hiess das Militärgefängniss von Fort
-William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten
-Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen,
-waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am
-folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.</p>
-
-<p>Sofort segelten <em class="gesperrt">Clive</em> und Watson mit allen verfügbaren Truppen
-von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen
-den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa
-Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte
-Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich
-von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in
-seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine
-Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von <em class="gesperrt">Plassy</em> (80
-engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein
-Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron
-des Nawab gesetzt. <em class="gesperrt">Dies ist der eigentliche Anfang von Englands
-Machtstellung in Indien.</em></p>
-
-<p>Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude
-sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790
-und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span></p>
-
-<p>Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von
-Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, <em class="gesperrt">also dicht unter dem
-Wendekreis</em>, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt
-sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und
-von Osten nach Westen 2&ndash;3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird
-<em class="gesperrt">begrenzt</em> durch den <em class="gesperrt">Fluss</em> und die <em class="gesperrt">Gürtelstrasse</em>
-(Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten,
-Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.</p>
-
-<p>Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist
-<em class="gesperrt">freigelassen</em>. Der riesige Exercirplatz (<em class="gesperrt">Maidan</em>,
-Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des
-Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das <em class="gesperrt">Denkmal für Sir David
-Ochterlone</em>, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana
-gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht
-und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den
-Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne
-den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,<a name="FNAnker_437_437" id="FNAnker_437_437"></a><a href="#Fussnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a> über den weiten Platz
-schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.</p>
-
-<p>Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert
-über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt
-liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des
-Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen
-zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich
-befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen
-Chowringhee-Strasse, in welcher auch der <em class="gesperrt">General-Consul</em> des
-Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das
-liebenswürdigste empfangen hat.</p>
-
-<p>Der Haupttheil der „<em class="gesperrt">Stadt der Paläste</em>“, nördlich von dem
-Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen
-Baustil, aber einen sehr &mdash; <em class="gesperrt">mittelmässigen</em>. <em class="gesperrt">Der Palast
-des Vicekönigs</em> liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten
-Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln,
-die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch
-Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so
-gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.</p>
-
-<p>Westlich von dem Palast liegt das <em class="gesperrt">Stadthaus</em> (Town-hall) in
-jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her
-genügend<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von <em class="gesperrt">Warren
-Hastings</em> zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist
-dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer
-in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben
-sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz
-gleich, die Bekenner beider mit der gleichen &mdash; Ueberhebung. Vollends
-Warren Hastings (1772&ndash;1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz
-<em class="gesperrt">gleicher Rücksichtslosigkeit</em> den Hindu-Fürsten von Benares und
-die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst
-wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie
-zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark,
-er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar
-freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Obergericht</em> (High Court), das Secretariat und die andern
-Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen
-liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich
-und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die
-<em class="gesperrt">Post</em> mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider
-ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen
-Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (<em class="gesperrt">Babu</em>)<a name="FNAnker_438_438" id="FNAnker_438_438"></a><a href="#Fussnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a>, welche eine
-grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die
-letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein
-üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief
-abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu
-meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden
-Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus
-der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die
-über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften
-empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas
-für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu
-zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem
-ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die
-Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)</p>
-
-<p>Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>
-Banken<a name="FNAnker_439_439" id="FNAnker_439_439"></a><a href="#Fussnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a> und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die
-englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für
-die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind
-lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man
-weit billiger einkaufen.</p>
-
-<p>Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (<em class="gesperrt">Bow Bazar</em>)
-quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss
-jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East
-India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen.
-(Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie
-der letzteren.)</p>
-
-<p>Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die
-<em class="gesperrt">Dhurumtolla-Strasse</em>, die an dem Palast beginnt und ganz
-allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet.
-Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz <a name="ghulam" id="ghulam"></a>Shulam
-Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf
-Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse
-und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu
-billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des
-Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler.
-Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen
-Gewändern als Hausirer auf der Strasse.</p>
-
-<p>Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch
-ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber
-eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus
-zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine
-Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden
-fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur
-einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen
-Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.</p>
-
-<p>Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und
-Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der
-kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah
-sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> nach Abgabe eines
-Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.</p>
-
-<p>Seine Visitenkarte lautet:</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="visitenkarte" name="visitenkarte">
- <img class="mtop1 mbot2" src="images/i_0350.jpg"
- title="Rajah Sir Sourindro Mohun Tagore, Kt., Mus. Doc., Companion of the Order of the Indian Empire; Knight Grand Cross,
-Commander, or Chevalier of several Imperial, Royal, or Republican
-Orders, Nawab of the Persian Empire" alt="" /></a>
-</div>
-
-<p>Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.</p>
-
-<p>Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht,
-wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen.
-Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische
-Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein
-sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir
-indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr
-musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien
-haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten
-durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie
-nach Europa. Fürst Tagore<a name="FNAnker_440_440" id="FNAnker_440_440"></a><a href="#Fussnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht,
-die <em class="gesperrt">Musik</em> seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und
-auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben,
-dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta
-meinem Ohr durchaus gefällig schien.</p>
-
-<p>Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt,
-sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus <em class="gesperrt">Hindu-Dörfern</em>
-(Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche
-Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die
-Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm
-verschmiert ist. Die Vorderseite der<span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span> Hütte steht bei Tage offen und
-wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier
-wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden
-sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.</p>
-
-<p>Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.</p>
-
-<p>Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke
-über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten
-gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind
-am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl
-der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen
-des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf
-lohnende Rückfracht.</p>
-
-<p>Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke
-sieht einer <em class="gesperrt">europäischen Fabrikstadt</em> ähnlich. Da schnurren
-die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen
-Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und
-Baumwollenspinnereien.</p>
-
-<p>Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt
-werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute<a name="FNAnker_441_441" id="FNAnker_441_441"></a><a href="#Fussnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a>, und
-daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.</p>
-
-<p>1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem
-ganzen indischen Seehandel (Rx<a name="FNAnker_442_442" id="FNAnker_442_442"></a><a href="#Fussnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a> 193 Millionen, oder in runden
-Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890&ndash;91) beherrscht Calcutta wie
-Bombay je 40 Procent.</p>
-
-<p>Die Zahl der <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em> in Calcutta ist gering.</p>
-
-<p>Am bemerkenswerthesten ist das <em class="gesperrt">indische Museum</em> in der
-Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten
-Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist
-frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah
-ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban
-und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend,<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> aber ganz
-unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. <em class="gesperrt">Meyer</em>,
-Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt,
-wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von
-dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen,
-noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte
-Bildsäulen aller <em class="gesperrt">indischen Völkerschaften</em> mit ihrer Kleidung,
-ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem
-arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt
-man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land,
-sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen
-darstellt.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">naturwissenschaftliche</em> Abtheilung giebt eine vollständige
-Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Eisenerz</em> wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten
-Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.</p>
-
-<p>Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute
-<em class="gesperrt">Kohle</em><a name="FNAnker_443_443" id="FNAnker_443_443"></a><a href="#Fussnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr
-billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen,
-doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile
-der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei
-einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die
-Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast
-zu Ballastfrachtsatz.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Steinsalz</em> im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung
-an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem
-pflanzenessenden Indier so nöthige <em class="gesperrt">Speisesalz</em> und der Regierung
-ein beträchtliches Einkommen.<a name="FNAnker_444_444" id="FNAnker_444_444"></a><a href="#Fussnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a></p>
-
-<p>Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal
-(Nord-Behar) einen grossen Theil des <em class="gesperrt">Salpeters</em> für das
-Schiesspulver Europa’s.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Silber</em>, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im
-Lande gefunden. <em class="gesperrt">Gold</em> wird aus dem Flusssand gewaschen; aber
-die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf
-die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt.<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>
-<em class="gesperrt">Kupfer</em> wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich
-gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke
-(surmá).</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kalkstein</em> (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk
-(chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude
-zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen <em class="gesperrt">Marmor</em> der Rajputana.</p>
-
-<p>Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an <em class="gesperrt">Edelsteinen</em>, der
-Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr <em class="gesperrt">reich</em> an
-kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der <em class="gesperrt">Jahrhunderte</em> lang
-fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden
-noch jetzt in der Gegend von <em class="gesperrt">Golconda</em> gefunden, einige Perlen im
-Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.</p>
-
-<p>Uebrigens sind thatsächlich alle <em class="gesperrt">Diamanten</em><a name="FNAnker_445_445" id="FNAnker_445_445"></a><a href="#Fussnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a> bis 1728 n. Chr.
-aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in
-Südafrika gefunden.</p>
-
-<p>Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1)
-<em class="gesperrt">Kohinur</em> „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin
-in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des
-grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den
-Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen
-Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff,
-106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache
-gewogen haben. 2) Der <em class="gesperrt">Orlow</em> an der Spitze des russischen
-Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für
-450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18
-Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der <em class="gesperrt">Regent</em>, von 136 Karat,
-stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem
-Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen
-Kronschatz.</p>
-
-<p>Vergeblich suchte ich die <em class="gesperrt">Glasmodelle</em> der grossen indischen
-Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd
-sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein
-dummer Teufel sie &mdash; gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was
-wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der
-mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass
-ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum
-von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet.
-Das erste ist der indische <em class="gesperrt">Magneteisenstein</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> der vielleicht
-schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet
-worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein
-als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind,
-eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.<a name="FNAnker_446_446" id="FNAnker_446_446"></a><a href="#Fussnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> Das
-zweite ist der indische <em class="gesperrt">Beryll</em>, ein meergrüner, durchsichtiger
-Halbedelstein. <em class="gesperrt">Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache</em>
-übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch
-bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder
-berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall
-und Glas. Davon stammt unser Wort <em class="gesperrt">Brille</em>.</p>
-
-<p>Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine
-der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die
-<em class="gesperrt">Alterthümer</em>.</p>
-
-<p>Am besten gefallen <em class="gesperrt">uns</em> die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem
-äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar
-unter <em class="gesperrt">griechisch-baktrischem</em> Einfluss entstanden sind: kleine
-Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus
-Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom
-herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine
-ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha
-betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in
-schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr
-Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser
-Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.</p>
-
-<p>Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die <em class="gesperrt">Reste buddhistischer
-Bauwerke</em>. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die
-Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit
-mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört
-ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die
-Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen.
-Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in
-Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten
-für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele
-Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an
-elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta
-ganz reichlich gedeckt ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p>
-
-<p>Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von
-<em class="gesperrt">Bharhut</em>,<a name="FNAnker_447_447" id="FNAnker_447_447"></a><a href="#Fussnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer
-Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind
-dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter,
-mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten
-ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten
-(Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser
-Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser
-merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend
-einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in
-den &mdash; Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig
-eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.</p>
-
-<p>Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge
-von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung,
-dem <em class="gesperrt">Rad</em> des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von
-baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst
-war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende
-Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und
-Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und
-dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der
-Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist
-das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein
-eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.</p>
-
-<p>Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die
-Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum
-seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein
-Naga-<a name="FNAnker_448_448" id="FNAnker_448_448"></a><a href="#Fussnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König,
-der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine
-Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum
-niederknieen.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">zoologische Garten</em>, im Süden der Stadt, am
-Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt,
-verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen,
-dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist
-geräumig, gut<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span> gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr
-gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier
-kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in
-Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar
-nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt
-durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken
-Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und
-trägt noch allerlei Flitter und Zierath.</p>
-
-<p>Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber
-mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter
-den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders
-die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter
-bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter.
-Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr
-belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge
-nach oben, sein linkes nach unten wendet.</p>
-
-<p>An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe
-ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten
-an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im <em class="gesperrt">Baustil</em> gewahrt
-ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die
-<em class="gesperrt">braunen Menschen</em> und zweitens Inschriften wie die folgende:
-„Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch
-die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.</p>
-
-<p>Aber weit berühmter ist der <em class="gesperrt">botanische Garten</em>. Der Besuch
-desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen
-nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann
-südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der
-Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der
-Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen
-Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine
-Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und
-King waren alle sehr berühmte Botaniker.</p>
-
-<p>An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein
-indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume
-(Ficus religiosa).</p>
-
-<p>Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen,
-nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr
-schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein
-Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span> Inschrift:
-Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That
-ein wenig glücklicher Gedanke.</p>
-
-<p>Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen
-(Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der
-Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch
-einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild
-für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch
-stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.</p>
-
-<p>Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem
-Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des
-Gartens ist ein <em class="gesperrt">Banyanbaum</em> (<em class="gesperrt">Ficus indica</em>), der laut
-Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen
-Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit
-ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes
-beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.</p>
-
-<p>Es ist sehr merkwürdig, dass bereits <em class="gesperrt">Milton</em> († 1674) den
-wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Branching so broad along, that in the ground</div>
- <div class="verse">The bending twigs take root and daughters grow</div>
- <div class="verse">About the mother tree, a pillared shade,</div>
- <div class="verse">High overarched with echoing walks between.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege
-der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische
-Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses
-Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s
-reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in
-Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung
-getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die <em class="gesperrt">Flora of British
-India</em> in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei
-London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen
-Eifer der Engländer.</p>
-
-<p>Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit
-Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse
-(von 3&ndash;4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.</p>
-
-<p>Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und
-Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über
-den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.</p>
-
-<p>Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist
-ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen
-in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> in’s
-Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das,
-künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen
-sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne,
-was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in
-unseren hoch gesitteten Seebädern.</p>
-
-<p>Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die
-Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.</p>
-
-<p>Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre
-zum Empfang des Vicekönigs an <em class="gesperrt">Prinseps Ghat</em>, der Landungstreppe
-im Süden des Hafens.</p>
-
-<p>Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle.
-Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der
-Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete
-Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken,
-zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem
-Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen
-Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen
-und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.</p>
-
-<p>So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren
-auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch
-Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen
-überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind.
-Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner
-selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen
-jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In
-dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und
-trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.</p>
-
-<p>Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren
-Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige
-Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter
-Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne,
-z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und
-eigenartig.</p>
-
-<p>Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass
-der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden
-sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.</p>
-
-<p>Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem
-Glanz.</p>
-
-<p>Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span>
-<em class="gesperrt">Fort-William</em>, das von 1757&ndash;1773 für 2 Millionen £ erbaut worden.
-Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem
-50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus
-mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer
-Ausfallspforte.<a name="FNAnker_449_449" id="FNAnker_449_449"></a><a href="#Fussnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> Es enthält ein englisches und ein einheimisches
-Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal
-und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht
-hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im
-Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844
-errichtet.</p>
-
-<p>Zwischen der Festung und dem Palast liegt der <em class="gesperrt">Eden-Garten</em>, wo
-Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein,
-Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen
-Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren
-Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich
-in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese,
-sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland,
-die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem
-kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen,
-holzgeschnitzten Fabelthieren.</p>
-
-<p>Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein
-Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.</p>
-
-<p>Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist
-von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit
-zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der
-Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla
-und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die
-Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer,
-aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. &amp; O., der M. M.,
-des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der
-Landhäuser sind schon von 1768&ndash;1780 erbaut.</p>
-
-<p>Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen
-englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die
-Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der
-Muttersprache ermöglichte.</p>
-
-<p>Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch
-eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unver<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span>heiratheten)
-aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich
-einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn
-hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf
-von Jute, nach Calcutta gereist war.</p>
-
-<p>Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und
-eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,<a name="FNAnker_450_450" id="FNAnker_450_450"></a><a href="#Fussnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a> musste aber ernstlich
-verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das
-Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten
-Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich
-hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das
-indische Soda-Wasser.<a name="FNAnker_451_451" id="FNAnker_451_451"></a><a href="#Fussnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a> Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien
-nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten
-Flasche entnommen wurde.</p>
-
-<p>Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre<a name="FNAnker_452_452" id="FNAnker_452_452"></a><a href="#Fussnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> die englische
-Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um
-den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun
-scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel
-gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder
-gar pfeifen zu hören<a name="FNAnker_453_453" id="FNAnker_453_453"></a><a href="#Fussnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a>, dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes
-Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.</p>
-
-<p>Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth.
-&mdash; Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde
-Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. &mdash; Mein
-Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in
-Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen,
-war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke
-durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse
-zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich,
-zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr
-merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein
-Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess
-„Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder
-sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften
-Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen
-erwachsenen Sohn und veranlasst<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span> die Tödtung des letzteren. Spiel und
-Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen,
-noch in den lustigen Abschnitten.</p>
-
-<p>Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach
-Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das
-Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die <em class="gesperrt">Universität</em>
-und dabei das <em class="gesperrt">Krankenhaus der Schule für Heilkunde</em> (der
-medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach
-europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige
-Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen.
-Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen,
-hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren.
-<em class="gesperrt">Lungenentzündung</em>, die bei uns von den Nichtärzten für eine
-auserlesene <em class="gesperrt">Erkältungskrankheit</em> gehalten wird, fehlt keineswegs
-in dem heissen Indien und kommt besonders in der &mdash; <em class="gesperrt">wärmeren</em>
-Jahreszeit vor. <em class="gesperrt">Lungenschwindsucht</em> ist in Indien sogar häufig;
-auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen.
-<em class="gesperrt">Cholera</em> kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon.
-Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von
-Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene <em class="gesperrt">Mayo-Krankenhaus</em> für
-Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden,
-besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari
-auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle
-aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer
-in ein abgesondertes Gebäude.<a name="FNAnker_454_454" id="FNAnker_454_454"></a><a href="#Fussnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a> Die Engländer glauben gegen die
-Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch
-gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht.
-Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat
-mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen,
-da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der
-Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen
-sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner
-hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat
-Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle
-eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer
-Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls
-und sagte kaltblütig,<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und
-gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche
-Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch
-vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und
-über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls,
-besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke
-nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie
-gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun
-solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes
-geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht
-gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu
-Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.</p>
-
-<p>Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so
-verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen
-einzugehen. Die alten Griechen (auch schon <em class="gesperrt">Hippocrates</em>, der
-Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den
-Griechen schöpfende Römer <em class="gesperrt">Celsus</em>, zur Zeit Nero’s,) haben
-den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα<a name="FNAnker_455_455" id="FNAnker_455_455"></a><a href="#Fussnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a>)
-bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in
-Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;<a name="FNAnker_456_456" id="FNAnker_456_456"></a><a href="#Fussnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a> dieser
-Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien
-über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den
-klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall<a name="FNAnker_457_457" id="FNAnker_457_457"></a><a href="#Fussnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a>
-genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung
-nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne
-Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so
-beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe
-dem Meerbusen von Bengalen. Unser <em class="gesperrt">Robert Koch</em> hat aus eigner
-Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes
-genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder
-asiatischen Cholera entdeckten <em class="gesperrt">Kleinpilz</em> (Komma-Bacillus) in
-den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von
-Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien
-alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> schwankte von 1882 bis
-1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa
-198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.<a name="FNAnker_458_458" id="FNAnker_458_458"></a><a href="#Fussnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a></p>
-
-<p>An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist
-ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom
-Tausend. (In Deutschland 28.)</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Darjeeling">Darjeeling im Himalaya.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien
-(und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug<a name="FNAnker_459_459" id="FNAnker_459_459"></a><a href="#Fussnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> nach
-Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der
-nördlichen Eisenbahn von <em class="gesperrt">Bengalen</em>.</p>
-
-<p>Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht
-unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse,
-Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die
-Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.</p>
-
-<p>Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des
-Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett<a name="FNAnker_460_460" id="FNAnker_460_460"></a><a href="#Fussnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a> konnte ein
-bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der
-Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der
-Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der
-trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span>
-Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen)
-zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz <em class="gesperrt">Sara
-Ghat</em> einigermassen zu verringern.</p>
-
-<p>Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert
-jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck
-wird uns ein Abendessen aufgetragen. <em class="gesperrt">Zum ersten Mal in Indien ist es
-empfindlich kühl.</em></p>
-
-<p>Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal
-railway). Diese hat eine <em class="gesperrt">Meter-Spurweite</em>.</p>
-
-<p>Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli
-wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei,
-entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen
-Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes
-Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.</p>
-
-<p>So beginne ich meine erste <em class="gesperrt">Nachtfahrt</em> auf indischer Eisenbahn.
-Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen
-zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken <em class="gesperrt">bequem</em> schlafen
-können; die beiden andern <em class="gesperrt">leidlich</em>, auf den obern Klappbänken.
-Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett.
-Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in
-den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe,
-Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.</p>
-
-<p>Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120
-Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird
-der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen
-Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die
-Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert
-werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten
-sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in
-den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande
-Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross
-und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte
-Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass
-fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen
-kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier
-Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte
-Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige
-Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> gehörigen
-Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.</p>
-
-<p>Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im
-heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen
-leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist
-jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.</p>
-
-<p>Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein
-Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch
-nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen
-wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der
-Staatsbahn.</p>
-
-<p>Hier beginnt die private <em class="gesperrt">Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn</em>, die
-eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.<a name="FNAnker_461_461" id="FNAnker_461_461"></a><a href="#Fussnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> Bahn
-und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis
-1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um
-1000 Fuss.</p>
-
-<p>Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem
-Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der
-Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je
-eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der
-Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48
-englischen Meilen in acht Stunden zurück.</p>
-
-<p>Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10
-Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien
-für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis
-Siliguri nur 30 Rupien kosten.)</p>
-
-<p>Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der
-zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue
-Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.</p>
-
-<p>Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung
-die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom
-Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir
-emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen,
-welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen
-eingenommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span></p>
-
-<p>Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der
-Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.</p>
-
-<p>Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen
-wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen
-Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen.
-Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer,
-prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe,
-welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist
-etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.</p>
-
-<p>Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen
-sich geändert. Zunächst sieht man noch viele <em class="gesperrt">Bengalen</em>,
-namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von
-den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben.
-Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten
-Backenknochen. Es sind <em class="gesperrt">Nepauler</em> mit eigner Sprache, Buddhisten.
-Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist
-mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der
-tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder
-Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel.
-Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten,
-ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband
-ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches
-wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als
-ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt
-mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.</p>
-
-<p>Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss
-über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön
-terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.</p>
-
-<p>In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen,
-vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren <em class="gesperrt">Woodland’s Hotel</em>
-sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem
-herrliche Cypressen und Laubbäume.</p>
-
-<p>Sehr interessant war der <em class="gesperrt">Bazar</em> der Eingeborenen wegen des
-Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler,
-Tibetaner.</p>
-
-<p>Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft;
-zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen
-englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um
-einen<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen
-Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den
-Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich
-ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte,
-sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“</p>
-
-<p>Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C.
-im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den
-wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.</p>
-
-<p>Der Bezirk <em class="gesperrt">Darjeeling</em>, der zwischen die unabhängigen Staaten
-Nepaul<a name="FNAnker_462_462" id="FNAnker_462_462"></a><a href="#Fussnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a> und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die
-Himalayakette fortreichenden Schutzstaat <em class="gesperrt">Sikkim</em> grenzt, war
-im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine
-Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten
-abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung
-übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine
-Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt
-wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Theepflanzungen</em> wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200
-Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83
-wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.</p>
-
-<p>Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher
-Colonisation.</p>
-
-<p>Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December)
-um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines
-Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt<a name="FNAnker_463_463" id="FNAnker_463_463"></a><a href="#Fussnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> nach dem
-Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von
-Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.</p>
-
-<p>Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem
-Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings
-von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen
-Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir
-noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen
-zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah
-ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt
-über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und
-darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont
-emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es
-war doch noch empfindlich kalt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span></p>
-
-<p>Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher,
-wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich
-entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.</p>
-
-<p>Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten
-Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk
-bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus
-Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten.
-Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele
-Selbstmorde vorkamen.</p>
-
-<p>Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl
-zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz
-tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten
-Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss
-beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir
-bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung)
-vom Hotel aus erspähen können.</p>
-
-<p>Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich
-zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die
-stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung
-des unruhigen Sikkim gehalten wird.</p>
-
-<p>Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch
-die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine
-Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und
-Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man
-Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor
-von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier
-Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht,
-Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch
-zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu
-spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von
-Bengalen errichtete <em class="gesperrt">Eden-Sanitarium</em>, eine Pflegestätte für
-Genesende. Dr. <em class="gesperrt">Russel</em>, der Arzt (civil physician) von Darjeeling,
-sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an
-Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus
-der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für
-Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884)
-ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8,
-in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der
-grossen &mdash; Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen.
-Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen
-Thaleinsenkung errichtet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span></p>
-
-<p>Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine,
-aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.</p>
-
-<p>In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich
-schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige
-und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz
-von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt,
-zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, &mdash; aber nicht etwa, um
-ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das
-Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare,
-der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen
-verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf
-geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!</p>
-
-<p>Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren
-Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen
-Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter
-Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse
-wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei.
-Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch,
-darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn
-geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere
-Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.</p>
-
-<p>Nachmittags besuchte ich das Dorf <em class="gesperrt">Bhutia Busti</em>, das 1 englische
-Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg
-führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick
-in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser
-der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt
-tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und
-enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten
-Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen,
-in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine
-halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch,
-erhielten aber nichts.</p>
-
-<p>Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei
-starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen
-ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein
-Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge
-sind umfangreich, aber geschmackvoll.</p>
-
-<p>Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span>
-üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus
-dickem Wollenzeug.</p>
-
-<p>Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere
-Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine
-Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten
-Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und
-Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild
-der <em class="gesperrt">Himalayakette</em> hervor. Erst ragen die Kuppen über den
-Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren
-Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen
-entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure
-Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in
-17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige
-Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die
-Schneefelder noch grösser erscheinen.</p>
-
-<p>Es ist gewiss eine grosse Freude, die <em class="gesperrt">höchsten Berge der Erde</em>
-zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die
-Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der
-öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa
-gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.</p>
-
-<p>Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In
-der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz
-heiteren Himmel überspannt.</p>
-
-<p>Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse
-regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns
-der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und
-fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240
-Kilometer) <a name="dauert60" id="dauert60"></a>dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen
-Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte
-und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung
-gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung
-leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals
-und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit
-Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien
-verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt
-durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler
-Spurweite<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der
-Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien
-begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien
-gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209
-englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,<a name="FNAnker_464_464" id="FNAnker_464_464"></a><a href="#Fussnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a> davon 12805
-der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte
-Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der
-beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter
-25 Millionen, im Jahre 1891.</p>
-
-<p>Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi,
-Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay
-nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es
-fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des
-schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli
-besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in
-Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse
-der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche
-Hindernisse dar. &mdash; 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta
-nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in
-36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die
-Eisenbahnbrücke fand unser <a name="reuleaux" id="reuleaux"></a>Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht
-fertig.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Benares">Benares.</h3>
-
-</div>
-
-<p>East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen
-Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische
-Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen:
-zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46
-Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch
-Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor
-Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch
-fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht
-war ziemlich kühl.</p>
-
-<p>Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von
-demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein
-Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> sichtbar. (Die ganze
-Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70
-Millionen Einwohner.)</p>
-
-<p>Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke<a name="FNAnker_465_465" id="FNAnker_465_465"></a><a href="#Fussnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a>
-der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien,
-und hält um 1 Uhr in Benares. In <em class="gesperrt">Clark’s Hotel</em> finde ich ein
-leidliches Zimmer und Frühstück.</p>
-
-<p>Die Gasthäuser im <em class="gesperrt">Innern</em> von Indien sind mittelmässig.<a name="FNAnker_466_466" id="FNAnker_466_466"></a><a href="#Fussnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a>
-Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von
-der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der
-rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, &mdash; fast so wie auf
-mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang
-vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die
-Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden.
-In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den
-Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen
-langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe
-von Schlafzimmern nebst Zubehör.</p>
-
-<p>Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber,
-wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um
-Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der
-Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen
-in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner,
-der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum
-Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man
-mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann.
-Wenn aber <em class="gesperrt">zwei</em> Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer
-bezahlt zu werden.</p>
-
-<p>Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in
-die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von
-ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte
-zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges
-(oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen
-unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis
-zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die
-Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág),
-wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> mit dem
-geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in
-Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens
-getragen, neuerdings auch &mdash; in europäischen Glasflaschen massenhaft
-versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der
-grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er
-befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.</p>
-
-<p>Es ist sehr merkwürdig, wie <em class="gesperrt">seltsam</em> der Ganges in die deutsche
-Literatur eingeführt worden ist.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s</div>
- <div class="verse">Und Riesenbäume blühn,</div>
- <div class="verse">Und schöne stille Menschen</div>
- <div class="verse">Vor Lotos<a name="FNAnker_467_467" id="FNAnker_467_467"></a><a href="#Fussnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a>-Blumen knien.“</div>
- <div class="stanza">
- </div>
- <div class="verse">„Fort nach den Fluren des Ganges &mdash;</div>
- <div class="verse">Dort liegt ein rothblühender Garten</div>
- <div class="verse">Im stillen Mondenschein,</div>
- <div class="verse">Die Lotosblumen erwarten</div>
- <div class="verse">Ihr trautes Schwesterlein.“</div>
- <div class="stanza">
- </div>
- <div class="verse">„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,</div>
- <div class="verse">Der Himalaya steht im Abendscheine</div>
- <div class="verse">Und aus der Nacht der Banianenhaine</div>
- <div class="verse">Die Elephantenheerde stürzt und brüllt &mdash;“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Wann Benares</em> (Waranasi) <em class="gesperrt">gegründet worden, wie die
-Schicksale</em> der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten,
-ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das <em class="gesperrt">ungeschichtlichste</em>
-Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur,
-dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen,
-wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7.
-Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster
-der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese
-Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt
-worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.</p>
-
-<p>Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den
-<em class="gesperrt">geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner</em>. Im Jahre 1194 n.
-Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie
-der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer
-des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der
-Hindu und baute Moscheen an ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> Stelle. <em class="gesperrt">Von dieser Zeit herrschten
-Mohammedaner</em> über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle
-traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer
-ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das
-über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.</p>
-
-<p>Aber trotzdem <em class="gesperrt">herrscht jetzt der Dienst des Schiwa</em>, dessen
-schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken
-die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an
-der Zahl &mdash; nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger
-leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein
-Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000
-Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende
-wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die
-heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert,
-obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt.
-Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die
-Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die
-Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334
-Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab
-für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste
-Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den
-inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.</p>
-
-<p>Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten
-des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz
-kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache
-des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter
-gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die
-Vortragssprache.</p>
-
-<p>Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer
-Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über
-1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa
-100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5
-Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen
-heiligen <em class="gesperrt">Treppen</em> (<em class="gesperrt">ghats</em>), welche von den Palästen zum
-Fluss-Ufer hinabführen.</p>
-
-<p>Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück
-vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich
-miethete mir einen Führer,<a name="FNAnker_468_468" id="FNAnker_468_468"></a><a href="#Fussnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a> einen Wagen<a name="FNAnker_469_469" id="FNAnker_469_469"></a><a href="#Fussnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> und<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> fuhr nach der
-Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der
-Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer
-hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten
-in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich
-hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.</p>
-
-<p>Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,<a name="FNAnker_470_470" id="FNAnker_470_470"></a><a href="#Fussnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a>
-um die <em class="gesperrt">Fluss-Ufer</em> entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer
-und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen
-Führer.</p>
-
-<p>Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.</p>
-
-<p>Die mächtigen <em class="gesperrt">Treppen</em> sind dicht gedrängt von Andächtigen;
-darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten
-Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und
-nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen
-grösster Heiligkeit lodern <em class="gesperrt">Scheiterhaufen</em>, umringt von
-weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist
-so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er
-sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er
-an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig
-auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die
-Flamme des Scheiterhaufens blickt.</p>
-
-<p>Der nächste Tag (8. December) war einer <em class="gesperrt">planmässigen Betrachtung</em>
-der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich<a name="FNAnker_471_471" id="FNAnker_471_471"></a><a href="#Fussnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a>
-schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen
-Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein
-schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen
-Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom<a name="FNAnker_472_472" id="FNAnker_472_472"></a><a href="#Fussnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a> nach dem
-<em class="gesperrt">Haupthalteplatz der Boote</em>. Wir rudern zum äussersten Westende
-der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang
-ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und
-reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für
-ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau
-gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem
-Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span></p>
-
-<p>Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für
-die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der
-Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis
-und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss
-des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre
-Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der
-Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen
-Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das
-so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die
-Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint
-die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das
-Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen
-Festtagen in Benares vereinigt sein.</p>
-
-<p>Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher
-gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher,
-die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will
-ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die
-Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.</p>
-
-<p>47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von
-West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht,
-von <em class="gesperrt">Süd</em>-West nach <em class="gesperrt">Nord</em>-Ost.</p>
-
-<p>Die erste ist <em class="gesperrt">Ashi Ghat</em>, so genannt nach dem Bächlein Ashi,
-das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich
-verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares
-gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen
-abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die
-Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die
-Strömung des Flusses zu stark ist.</p>
-
-<p>Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er
-heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass
-er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von
-selber sich neu schafft. Das sechste ist <em class="gesperrt">Shivala Ghat</em>, diese
-Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es
-sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges
-baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich
-gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht
-unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme
-empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in
-das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein,
-netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger
-Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männer<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> würdevoll, die
-Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen
-und sich zu trocknen.</p>
-
-<p>Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem <em class="gesperrt">Chait
-Sing</em>, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder
-zahlen wollte, behauptete <em class="gesperrt">Warren Hastings</em>, dass er in
-Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner
-Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt
-wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der
-Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.</p>
-
-<p>Am neunten oder <em class="gesperrt">Smashan Ghat</em> sieht man stets
-<em class="gesperrt">Scheiterhaufen</em>; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt,
-ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen
-Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart
-am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem
-heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei
-weissgekleideten Männern, die fortwährend <em class="gesperrt">Ram</em>, <em class="gesperrt">Ram</em><a name="FNAnker_473_473" id="FNAnker_473_473"></a><a href="#Fussnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a>
-rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden
-folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)</p>
-
-<p>Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer
-Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen
-zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden,
-armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis
-auf geringe Reste zu verbrennen.<a name="FNAnker_474_474" id="FNAnker_474_474"></a><a href="#Fussnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Unsterbliche heben verlorene Kinder</div>
- <div class="verse">Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Wenn der Funke sprüht,</div>
- <div class="verse">Wenn die Asche glüht,</div>
- <div class="verse">Eilen wir den alten Göttern zu.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters
-dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die
-dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span></p>
-
-<p>Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der
-Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der
-Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da
-will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die
-Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.</p>
-
-<p>Die elfte Treppe ist <em class="gesperrt">Kedar Ghat</em>. Nach den heiligen Büchern der
-Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar.
-Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im
-Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben
-von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15
-Fuss im Umfang, &mdash; ein Fetisch.</p>
-
-<p>Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus
-der Religion der Ureinwohner von Indien.</p>
-
-<p>Das vierzehnte ist <em class="gesperrt">Someshwar Ghat</em> (von <em class="gesperrt">Soma</em>, Mond, und
-<em class="gesperrt">I’shwar</em>, Herr). Dies ist die <em class="gesperrt">Poliklinik</em> der Hindu, denn
-hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die
-giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist
-die Göttin der Pocken.</p>
-
-<p>Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert
-sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die
-Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele
-Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.</p>
-
-<p>Das zweiundzwanzigste ist <em class="gesperrt">Munshi-Ghat</em>, das schönste von allen,
-oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit
-wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri
-Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.</p>
-
-<p>Aber das <em class="gesperrt">merkwürdigste</em> von allen ist das fünfundzwanzigste,
-<em class="gesperrt">Dasashwamedh Ghat</em>. Es hat seinen Namen von den zehn<a name="FNAnker_475_475" id="FNAnker_475_475"></a><a href="#Fussnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a>
-Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf
-heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben
-von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen,
-unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und
-Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen,
-so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke
-auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss
-vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen
-von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> grossen Ganges
-verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die
-heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.</p>
-
-<p>Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des
-Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf
-einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der
-Glaubenswuth: <em class="gesperrt">Satí</em>,<a name="FNAnker_476_476" id="FNAnker_476_476"></a><a href="#Fussnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> Denksteine für lebendig mit dem todten
-Gatten verbrannte <em class="gesperrt">Wittwen</em>.</p>
-
-<p>In den alten <em class="gesperrt">Rig-Veda</em> der Arier war dieser fürchterliche
-Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später
-zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar
-die <em class="gesperrt">entgegengesetzte</em> Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu
-der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib
-gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die
-Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon
-der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln
-geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines
-religiösen Gesetzes. Der weise und grosse <em class="gesperrt">Akbar</em> (1556&ndash;1605
-n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht
-ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht,
-die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817
-sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt
-worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute
-mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer
-Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von
-Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William
-<em class="gesperrt">Bentinck</em> am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die
-der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, <em class="gesperrt">des Mordes schuldig</em>
-erklärt werden. Seitdem hat in dem <em class="gesperrt">englischen</em> Gebiet die
-Wittwen-Verbrennung <em class="gesperrt">aufgehört</em>. In den Schutz-Staaten aber soll
-sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.</p>
-
-<p>Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen
-uns einen erfreulicheren Anblick, den der <em class="gesperrt">Sternwarte</em>. Diese
-gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und
-besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker.
-So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die
-Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah
-Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem
-Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er
-astronomische Beobachtungen an und veröffent<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>lichte sie in Sterntafeln,
-die noch heute vorhanden sind<a name="FNAnker_477_477" id="FNAnker_477_477"></a><a href="#Fussnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a> und die einige Angaben von de la
-Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären)
-das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.</p>
-
-<p>Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares,
-Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu
-sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.</p>
-
-<p>Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser
-der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.<a name="FNAnker_478_478" id="FNAnker_478_478"></a><a href="#Fussnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a> Da
-ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite,
-um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den
-Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss
-Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll,
-an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt,
-um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination
-der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den
-Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen &mdash; und noch zahlreiche
-ähnliche Einrichtungen.</p>
-
-<p>Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert,
-bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich
-richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen,
-mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28
-„Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der
-Veda werden die Planeten (<em class="gesperrt">graha</em>, Greifer), erst sieben, dann
-neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des
-Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.</p>
-
-<p>Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu
-wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6.
-Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben
-den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren
-Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n.
-Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern
-und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen
-Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu
-stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai
-Singh.</p>
-
-<p>Das dreiunddreissigste ist <em class="gesperrt">Manikaranika Ghat</em>, nicht bloss
-einer<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste,
-gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.</p>
-
-<p>Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika<a name="FNAnker_479_479" id="FNAnker_479_479"></a><a href="#Fussnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a>-Brunnen, zu dem Stufen
-hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern
-bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige
-Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon.
-Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre
-mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift
-angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser
-ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert
-würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit
-schlimmer gewesen sein.</p>
-
-<p>Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von
-<em class="gesperrt">Tarkeshwara</em>,<a name="FNAnker_480_480" id="FNAnker_480_480"></a><a href="#Fussnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a> dem Erlöser, und dabei die hochverehrten
-Fusstapfen von Wischnu.</p>
-
-<p>Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum
-Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines
-Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr
-reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.</p>
-
-<p>Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,<a name="FNAnker_481_481" id="FNAnker_481_481"></a><a href="#Fussnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a> sieht
-man die Moschee, welche der Kaiser <em class="gesperrt">Aurangzeb</em> (1658 bis 1707),
-ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines
-zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,<a name="FNAnker_482_482" id="FNAnker_482_482"></a><a href="#Fussnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a> ja
-kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle
-Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus.
-Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben
-die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den
-Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein
-Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.</p>
-
-<p>Die letzte Treppe ist <em class="gesperrt">Raj Ghat</em> an der Eisenbahnbrücke.</p>
-
-<p>So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im
-Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite
-Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der
-Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.</p>
-
-<p>Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin,<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> welche
-unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke
-mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses
-Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde
-auslegen.</p>
-
-<p>Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen
-sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss
-aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus
-allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft,
-die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde
-des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den
-Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der
-Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt
-schliesslich in <em class="gesperrt">einem</em> (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel)
-ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht
-vollendet hat.</p>
-
-<p>Das Allerheiligste in Benares ist <em class="gesperrt">der goldene Tempel</em>, dem
-<em class="gesperrt">Schiwa</em> geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der
-Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden,
-wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch
-steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei
-kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt
-sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von
-Schiwa oder Bisheshwar.<a name="FNAnker_483_483" id="FNAnker_483_483"></a><a href="#Fussnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a></p>
-
-<p>In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene
-<em class="gesperrt">Brunnen der Weisheit</em> (Gyankup), in welchen der Hohepriester die
-Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte.
-Seine <em class="gesperrt">Unannehmlichkeit</em> ist nicht geringer, als die des nahe
-beschriebenen, &mdash; trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist
-auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen
-Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.</p>
-
-<p>Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und
-wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt,
-etwas zu naschen.</p>
-
-<p>Der Tempel der <em class="gesperrt">Durga</em>, der Gattin von Schiwa in ihrer
-schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht
-werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der <em class="gesperrt">Affen-Tempel</em>,
-weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am
-Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span>
-Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der
-Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen
-getragen.</p>
-
-<p>Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden
-Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der
-des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,<a name="FNAnker_484_484" id="FNAnker_484_484"></a><a href="#Fussnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a>
-wo die <em class="gesperrt">Bettler</em> das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu
-brandschatzen.</p>
-
-<p>Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die <em class="gesperrt">Bazare</em>.
-Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten
-<em class="gesperrt">Metallarbeiten</em> von Benares verfertigt und feilgehalten werden.</p>
-
-<p>Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der
-die geometrischen Verzierungen in dem <em class="gesperrt">Messingteller</em> ausgräbt.
-Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert
-andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der
-Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden
-vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich
-wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich
-Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden
-und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.</p>
-
-<p>Benares ist auch die eigentliche <em class="gesperrt">Götterfabrik</em> für die Hindu.
-Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben
-sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink
-noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester
-haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und
-goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen
-und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder
-der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss
-geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder
-für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile
-fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.</p>
-
-<p>Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind
-<em class="gesperrt">Gewebe</em>, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung
-(namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die
-kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die
-endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span>
-für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.</p>
-
-<p>Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den
-Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines
-Abenteuer. Mein <em class="gesperrt">Reisebuch</em> (Murray’s Handbook to India) in
-dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens
-<em class="gesperrt">verschwunden</em>: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich
-nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte
-ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der
-<em class="gesperrt">Polizei</em> an.</p>
-
-<p>Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten
-eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es
-war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung
-aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch
-gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den
-Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht
-wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über
-die <em class="gesperrt">einheimischen Sprachen</em> Indiens zu sagen. Um den Beginn
-unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische
-Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte
-<em class="gesperrt">Schrift-Sprache</em>, das <em class="gesperrt">Sanskrit</em>, und redeten damit
-verwandte, aber einfachere Mundarten, <em class="gesperrt">Prakrit</em>. Sie bezeichneten
-die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h.
-Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n.
-Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war
-eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon
-eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des
-Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche
-Literatur geschaffen.</p>
-
-<p>Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei
-Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt.
-2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande
-geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten
-Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der
-Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2)
-Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5)
-Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung
-abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine
-eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten,
-reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr
-und selber<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in
-Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder
-<em class="gesperrt">Urdu</em> (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die
-Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher
-über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit
-persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. &mdash; Dravidische Sprachen in
-Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil.
-Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem
-9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.</p>
-
-<p>In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern
-von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen,
-angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die
-<em class="gesperrt">Münze</em>, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die
-Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da
-ist das gelbe Gartenhaus (<em class="gesperrt">yellow bungalow</em>), wo Warren Hastings
-lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium
-(<em class="gesperrt">Queens college</em>), im hässlichsten englischen Stil erbaut.
-Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch
-verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der
-eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir,
-dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“,
-bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren
-Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit
-folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie
-eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft
-studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter,
-ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner
-wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in
-den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr,
-das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für
-einfache Dinge?“ Er hatte Recht.</p>
-
-<p>Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums
-gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer
-Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch
-im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich
-ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht
-erfahren.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zwei Ausflüge</em> kann man von Benares machen. Erstlich nach
-<em class="gesperrt">Sarnath</em> oder <em class="gesperrt">Alt-Benares</em>. Dieselbe Stadt ist heilig den
-Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span>
-vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu
-predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien
-bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu),
-wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er
-zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen
-Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China,
-deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben
-Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.</p>
-
-<p>Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich
-von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei.
-<em class="gesperrt">Hiouen Tsang</em> (629&ndash;645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark
-bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von
-200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur
-Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka
-(244 v. Chr.) errichtete.</p>
-
-<p>Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem
-Cement erbaut waren, so konnten sie nach der <em class="gesperrt">Entheiligung</em> den
-Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden
-Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in
-trostlosem Zustand.</p>
-
-<p>Der Thurm zu Sarnath (<em class="gesperrt">Dhamek Stupa</em>), den der Reisende heutzutage
-noch sieht, ist 1835&ndash;1836 vom General <em class="gesperrt">Cunningham</em> genau
-durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt
-worden.</p>
-
-<p>Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus
-soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9
-Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss
-ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark
-verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.</p>
-
-<p>Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische,
-wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter
-ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das
-rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um
-das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner
-unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und
-Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit
-denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und
-Delhi angebracht haben.</p>
-
-<p>Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals
-gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> und dem seine
-Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst
-herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu
-fordern.</p>
-
-<p>In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und
-auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?)
-Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein
-von einer Mauer umgebener <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>, der durch gute Erhaltung
-und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle
-um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht.
-In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus,
-und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene
-Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen
-Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u.
-s. w.)</p>
-
-<p>Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach
-<em class="gesperrt">Ramnagar</em>, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten
-Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer
-weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige
-sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem
-abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den
-ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des
-Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann
-kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen
-Herrschersitz.</p>
-
-<p>Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack
-ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse
-Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer
-Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung
-als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die
-Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen
-reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem
-hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht
-auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich
-von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach
-<em class="gesperrt">Lucknow</em>.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Lucknow">Lucknow.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten
-nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span> 12 Rupien 7
-Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46
-Kilometer in der Stunde.)</p>
-
-<p>Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und
-dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten,
-war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal
-vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf
-der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh
-gewesen, hegt <em class="gesperrt">Ajodhya</em>, noch heute mit einem Pracht-Tempel
-des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala,
-„dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen,
-deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die
-Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten
-sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege
-der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis
-645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten;
-eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre
-1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre
-1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein
-Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren
-schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen
-Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon
-zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft
-in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst
-und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von
-Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen,
-sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern
-getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen
-wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren
-und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche
-in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus
-den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt
-Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener
-Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten
-Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter
-diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und
-die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft
-verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres
-Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die
-englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte
-entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span>
-von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch
-den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von
-den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet.
-Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh
-hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000
-Einwohner,<a name="FNAnker_485_485" id="FNAnker_485_485"></a><a href="#Fussnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a> wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen
-Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.</p>
-
-<p>Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün
-und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut
-mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker,
-Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der
-jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen,
-besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden.
-Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen
-wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer)
-geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der
-Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in
-kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder
-arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt
-sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.</p>
-
-<p>Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande
-in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von
-Mohammedanern beherrscht worden.</p>
-
-<p>Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen
-Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so
-befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die
-zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere,
-ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und
-Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der
-Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz
-kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung
-von Lucknow und sein Sohn, in <em class="gesperrt">Pelzjacken</em> gekleidet. In
-Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hill’s</em> Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe,
-ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im
-Innern von Indien, aber doch leidlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lucknow</em> (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar
-schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als
-Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s,
-geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der
-jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh
-1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es
-die <em class="gesperrt">Hauptstadt</em> von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs
-der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in
-ganz Indien.<a name="FNAnker_486_486" id="FNAnker_486_486"></a><a href="#Fussnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303,
-1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei
-Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.</p>
-
-<p>Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem
-<em class="gesperrt">Gumti</em>, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht,
-von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende
-doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke
-mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck,
-Flitterwerk und Tünche wirken sollen.</p>
-
-<p>Wenn <em class="gesperrt">Heber</em>, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren
-Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so
-beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen
-Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen
-über Baukunst zu misstrauen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fergusson</em>, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste
-Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar
-Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint;
-wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die
-Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem
-<em class="gesperrt">einen</em> Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt,
-seien durchgängig von schlechtem Geschmack.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der
-Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der <em class="gesperrt">Residenz</em>.</p>
-
-<p>Dies Gebäude war um das Jahr 1800 vom Nawab Saadut Ali Khan inmitten
-der Stadt auf einer niedrigen Erhebung zum Wohnsitz für den englischen
-Gesandten (Residenten) an seinem Hofe erbaut worden. Als am 10. Mai
-1857 die Sepoy<a name="FNAnker_487_487" id="FNAnker_487_487"></a><a href="#Fussnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a> zu Meerut und am nächsten Morgen<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> zu Delhi die
-Fahne des Aufruhrs erhoben; begann <em class="gesperrt">Sir Henry Lawrence</em>, der
-Oberbevollmächtigte (Chief Commissioner) von Oudh, sofort die Residenz
-zu Lucknow in Vertheidigungszustand zu setzen und mit Lebensmitteln,
-Schiessbedarf und Kanonen zu versehen. Die Umwallung war 2150 Fuss
-lang, 1200 Fuss breit, mit sechs Batterien ausstattet. Am 30. Mai
-brach die Meuterei auch in Lucknow aus. Der Versuch, eine anrückende
-Heeresabtheilung von Meuterern in offener Feldschlacht zu zerstreuen,
-am 30. Mai, schlug vollständig fehl; Sir Henry Lawrence wurde
-geschlagen, verlor 119 englische Soldaten und mehrere Kanonen. Jetzt
-zog er sich mit einem britischen Regiment und allen Europäern aus der
-Gegend, nebst Frauen und Kindern, sowie mit den wenigen Sepoy, die treu
-geblieben, in die Residenz zurück. Die <em class="gesperrt">Belagerung</em> begann am 1.
-Juli.</p>
-
-<p>Schon am 2. Juli wurde Lawrence durch einen Bombensplitter tödtlich
-verwundet, und nachdem er mit Ruhe alle Anordnungen getroffen, starb er
-zwei Tage später.</p>
-
-<p>Fast zwei Monate hielten die Britenhelden muthig Stand gegen die
-Ueberzahl der Belagerer, ertrugen das mörderische Kanonen- und
-Musketenfeuer, trieben jeden Sturm zurück, machten Ausfälle und
-vernagelten Kanonen der Feinde, beseitigten ihre Minen durch Gegenminen.</p>
-
-<p>Die unterirdischen Wohnräume des Residenzschlosses (<em class="gesperrt">tykhana</em>,
-eigentlich eine kühle Sommerwohnung,) wurden als Zuflucht den Frauen
-und Kindern vom 32. Regiment zugewiesen, die Räume zur ebenen Erde als
-Krankenhaus für die Verwundeten benutzt; die oberen Stockwerke waren
-unhaltbar, da fortwährend Kugeln ein- und durchschlugen, aber auf dem
-Gipfel stand immer ein Officier mit Fernrohr, um die Bewegungen der
-Feinde zu überwachen.</p>
-
-<p>Die Augen aller Briten in Indien waren auf diesen Platz gerichtet,
-den einzigen im Königreich Oudh, der noch in ihrem Besitz war. Am 25.
-September kündigte scharfes Musketen- und Kanonen-Feuer das Nahen der
-Ersatztruppen an, aber nur mit grossen Verlusten gelang es diesen unter
-den Generälen Outram und Havelock, zu den Belagerten vorzudringen. Die
-letzteren, im Beginn der Belagerung 927 Europäer und 765 Eingeborene,
-waren durch die täglichen Verluste bis auf 577 Europäer und 402
-Eingeborene vermindert.</p>
-
-<p>Aber das Ersatzheer wurde von frischen Schwärmen der Aufständischen
-<em class="gesperrt">umzingelt</em>. Erst am 16. November drang <em class="gesperrt">Sir Colin Campbell</em>
-nach Lucknow vor, befreite die Besatzung und erzwang den ungehinderten
-Rückzug. Outram’s Abtheilung von 3000 Mann wurde in dem befestigten
-Garten Alum Bagh, 3 englische Meilen von Lucknow auf der Strasse nach
-Cawnpur, zurückgelassen und schlug<span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span> alle Angriffe der Belagerer zurück,
-bis <em class="gesperrt">Campbell</em> am 1. März 1858 mit frischen Truppen und genügender
-Artillerie sie befreite, die von den Meuterern (30000 Sepoy und 50000
-Freiwilligen) stark befestigte und mit 100 Kanonen versehene Stadt
-Lucknow einschloss und binnen 19 Tagen einen befestigten Punkt nach dem
-andern eroberte. Mit der <em class="gesperrt">Zurückeroberung von Lucknow</em> war der
-gefährliche Aufstand niedergeworfen.</p>
-
-<p>Die Residenz zeigt noch heute unverändert die Zerstörung, welche durch
-die Belagerung angerichtet worden; nur so viel ist ausgebessert,
-dass der Zusammensturz verhütet wird, und dass der Besucher den
-Thurm besteigen kann, von dessen Spitze die englische Fahne im
-Winde flattert. Alle Fenster sind vernichtet, selbst Zwischenwände
-zerstört, die Mauern gefurcht und durchbohrt von Bomben, Granaten-
-und Flintenkugeln; die angrenzenden Flügel überhaupt nur noch
-andeutungsweise zu erkennen. Grüner Busch und Laub decken einen Theil
-der Wunden, die das Gemäuer erlitten.</p>
-
-<p>Von der Spitze des 55 Fuss hohen Thurmes ist eine prachtvolle Aussicht.
-Unter uns liegt der mit Blumen und Cypressen geschmückte Kirchhof, in
-dessen Erde die sterblichen Reste von 2000 heldenmüthigen Männern und
-Frauen ruhen, darunter auch Sir <em class="gesperrt">Henry Lawrence</em>. In der Nähe
-steht auf einem künstlichen Hügel ein Kreuz von weissem Marmor zum
-Andenken an die Tapferen, welche in Vertheidigung der Residenz gefallen
-sind.</p>
-
-<p>Dicht beim Eintritt in den Garten ist auch ein Obelisk errichtet zum
-Andenken an die eingeborenen Officiere und Soldaten, welche an dieser
-Stelle in edler Pflichterfüllung ihr Leben eingebüsst haben.</p>
-
-<p>Jeder Punkt in dem ganzen Gebiet ist genau bezeichnet, auch des braven
-Wundarztes Dr. Fayrer’s Wohnhaus, in welchem Sir Lawrence seinen
-letzten Athemzug aushauchte. In dem Kellergeschoss der Residenz ist
-ein genaues Modell des ehemaligen Zustandes mit allen Batterien der
-Engländer und der Feinde zu sehen, gewiss sehr bemerkenswerth für die
-vielen Fachmänner, die nach Lucknow kommen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Wand’rer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest</div>
- <div class="verse">Uns hier liegen gesehn, <em class="gesperrt">wie das Gesetz es gebeut</em>.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse tdr"><span class="mright1">Herodot, VII, 228.</span></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Mit dieser Inschrift ehrten die Amphiktyonen das Grabdenkmal der 300
-Spartaner, welche zu Thermopylae im heldenmüthigen Kampfe gegen die
-Uebermacht der Perser gefallen waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span></p>
-
-<p>Eine Ueberschrift von gleich einfacher Erhabenheit, die nur <em class="gesperrt">die
-Pflicht</em> des Kriegers betont, schmückt den schmucklosen Grabstein
-von Lawrence:</p>
-
-<p class="center">Here lies</p>
-<p class="center">Henry Lawrence</p>
-<p class="center"><em class="gesperrt">Who tried to do his duty</em>.</p>
-
-<p>Was Alexander der Grosse ersehnt, aber nicht errungen, das märchenhaft
-reiche Land Indien zu erobern und mit einer kleinen europäischen
-Macht dauernd zu beherrschen; was Portugiesen, Holländer, Franzosen
-vergeblich versucht, &mdash; das ist den Engländern vollständig gelungen:
-mit weniger als 100000 Briten beherrschen sie das ungeheure Reich von
-280 Millionen Einwohnern. Zum Theil hatten sie wohl Glück bei der
-Eroberung, aber vier Grundbestandtheile ihrer Volks-Eigenart haben,
-nach <em class="gesperrt">Hunter</em>, wesentlich zu dem Erfolg mit beigetragen: 1) Eine
-erstaunliche Zurückhaltung, bis sie wirklich hinreichende Kräfte
-zur Eroberung gesammelt. 2) Eine unbezwingliche Beharrlichkeit in
-Durchführung der einmal unternommenen Pläne. 3) Unbegrenztes Vertrauen
-zu einander unter den Beamten der ostindischen Gesellschaft. 4)
-Kräftigste Unterstützung der letzteren seitens des englischen Volkes.
-Eines scheint mir dabei noch vergessen zu sein, die rücksichtsloseste
-Ausbeutung des eigenen Vortheils. Die Holländer vernichteten sie
-bei Biderra, nicht weit von Chandernagor, ohne Kriegserklärung. Der
-englische Befehlshaber wusste, dass Briten und Holländer Frieden
-hatten, und sandte an Clive um Befehle. Clive spielte gerade Karten
-und schrieb ihm mit Bleistift: „Dear Forbe, fight them to day and
-I will send you an order to morrow.“ Als Friedrich der Grosse 1744
-Ost-Friesland gewonnen, Emden zu einem Handelshafen erhoben und der
-<em class="gesperrt">bengalischen Handelsgesellschaft</em> 1753 seinen königlichen
-Freibrief gegeben; da schrieb der Präsident der englisch-ostindischen
-Gesellschaft: „I am in hopes, that their ships will be either sunk,
-broke or destroyed.“<a name="FNAnker_488_488" id="FNAnker_488_488"></a><a href="#Fussnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a></p>
-
-<p>Wenn irgend ein indischer Fürst den Plänen der Briten widerstrebte,
-so wurde schnell eine Verschwörung gegen ihn angezettelt und ein
-neuer Thronbewerber aufgestellt, von dem grössere Fügsamkeit zu
-erwarten stand; oder ein Vorwand gesucht und gefunden, um dem Fürsten
-den Process zu machen, ihn ab-, und ein Kind unter englischer<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span>
-Vormundschaft an seine Stelle zu setzen, bis sein Staat zur völligen
-Einverleibung reif geworden.</p>
-
-<p>Die Engländer rühmen sich ihrer <em class="gesperrt">Verwaltung</em>. Im Jahre 1858, nach
-der blutigen Lehre des Aufstandes, ist die Verwaltung Indiens von der
-ostindischen Gesellschaft, deren Goldgier nur durch das Aufsichtsrecht
-des Staates beschränkt war, an die Krone von England übergegangen; und
-Pflichttreue, Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit wird den englischen
-Beamten in Indien nachgerühmt. Der Vicekönig wird durch die Krone auf
-5 Jahre ernannt, er hat seinen Herrschersitz in Calcutta &mdash; für vier
-Monate des Jahres; für die übrige Zeit zu Simla im Punjab, auf einem
-Ausläufer des Himalaja, 2160 Meter über dem Meere.<a name="FNAnker_489_489" id="FNAnker_489_489"></a><a href="#Fussnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> Verantwortlich
-ist er dem Staatssecretär zu London, einem Minister des Cabinets.
-Der Vicekönig selber wird unterstützt durch einen ausführenden Rath
-(Executive Council) von fünf Mitgliedern nebst dem commandirenden
-General in Indien, und vereinigt gewissermassen in seiner Person die
-Pflichten eines Herrschers und eines ersten Ministers; wenn aber die
-Engländer sagen, eines <em class="gesperrt">constitutionellen</em> Herrschers, so ist
-das nicht zutreffend. Es giebt wohl auch noch einen gesetzgebenden
-Rath, worin ausser dem ausführenden Rath noch einige höhere Beamte
-und einige ernannte Privatpersonen, Europäer und Eingeborene, Sitz
-haben. Aber ihre Befugniss ist gering. Die eingeborenen Unterthanen der
-Kaiserin Victoria haben keinen Einfluss auf die Regierung des grossen
-Kaiserreiches.<a name="FNAnker_490_490" id="FNAnker_490_490"></a><a href="#Fussnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a></p>
-
-<p>Vier Obergerichte giebt es (sowohl für bürgerliche Streitsachen
-als auch für Verbrechen) in den vier Hauptprovinzen oder
-Präsidentenschaften. (Bengal, Madras, Bombay, Nordwestprovinzen.)
-Die Oberrichter werden aus England gesendet, nur unter den jüngeren
-Richtern (puisne judges) sind einzelne wenige Stellen mit Einheimischen
-besetzt, obwohl deren Befähigung für das Rechtsfach lange anerkannt
-ist. Das herrschende Gesetz in Indien hat vier verschiedene Quellen:
-1) Verfügungen des gesetzgebenden Rathes. 2) Beschlüsse des
-englischen Parlaments, die auf Indien sich beziehen. 3) Erb- und
-Eigenthumsgesetze der Hindu und Mohammedaner, in<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> Angelegenheiten,
-die nur diese betreffen. 4) Gewohnheitsrechte der Kasten und Rassen.
-Ein einheitliches Gesetz ist noch nicht geschaffen. Marquis von Ripon
-(Vicekönig von 1881&ndash;1884) versuchte den Machtbereich der Landgerichte
-auf die Europäer auszudehnen und erregte damit einen wahren Sturm
-von Entrüstung; britischen Unterthanen musste das Recht zugestanden
-werden, ein Geschworenen-Gericht zu verlangen. Ob andere Europäer
-das Recht besitzen, ist zweifelhaft. In den Zeitungen war viel die
-Rede von diesen Fragen. Mir scheint es geboten, dass die europäischen
-Regierungen für ihre in Indien lebenden Unterthanen dasselbe Recht
-verlangen, welches die Briten geniessen.</p>
-
-<p>Ueber die <em class="gesperrt">Provinzverwaltung</em> möchte ich nicht ausführlicher
-sprechen. Doch muss ich hervorheben, zumal der geneigten Leserin
-vielleicht aus Thackeray’s Vanity fair noch eine dunkle Erinnerung an
-den fetten Collector aus Dum-Dum geblieben, dass, wie zu den Zeiten
-der edlen Ostindia-Gesellschaft so auch heute das Haupt des Districtes
-der &mdash; <em class="gesperrt">Collector</em> ist. Vor allem hat er die <em class="gesperrt">Einkünfte</em> für
-die Regierung zu sammeln, nebenbei ist er väterlicher Herrscher seines
-Bezirkes. Es giebt 250 Bezirke; <em class="gesperrt">durchschnittlich</em> beträgt die
-Grösse derselben 859 englische Quadratmeilen, die Bevölkerung 876000.</p>
-
-<p>Die Hauptquelle des Regierungs-Einkommens liefert die <em class="gesperrt">Land-Taxe</em>.
-Im ursprünglichen Hindu-Dorf war das Land Eigenthum der Gemeinde;
-nach der Ernte wurde ein Theil für den Herrscher des Landes bei
-Seite gestellt. Die Mogul nahmen <em class="gesperrt">ein Drittel</em> und bestellten
-Steuer-Pächter (zamindar). <em class="gesperrt">Die Engländer haben dies Verfahren
-beibehalten und die Bürde der Bauern nicht erleichtert.</em> Im
-Gegentheil geriethen die letzteren unter englischer Gerichtsbarkeit
-mehr und mehr in Schulden, verloren ihr Eigenthum und selbst ihre
-Freiheit, so dass in den Jahren 1879 und 1881 besondere Gesetze zum
-Schutz der Bauern gegen die Geldverleiher (Hindu) erlassen werden
-mussten. 1890/91 brachte die Grundsteuer gegen Rx 27½ Millionen
-oder 1½ Rupien für den Acre.<a name="FNAnker_491_491" id="FNAnker_491_491"></a><a href="#Fussnote_491_491" class="fnanchor">[491]</a> Die Salzsteuer brachte Rx 8½
-Millionen, die Accise für berauschende Getränke, Opium u. dgl. Rx
-3½ Millionen.<a name="FNAnker_492_492" id="FNAnker_492_492"></a><a href="#Fussnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a> Im Ganzen bringt das Land an Steuern Rx 41¼
-Millionen jährlich. Die Mogul sollen 60 Millionen verlangt haben;
-doch ist immer noch fraglich, ob sie es wirklich erhielten.<span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span> Mit den
-Einnahmen der Staats-Eisenbahnen, Canäle, Post, Telegraphen, Frachten,
-Tributen der Schutzstaaten, Eingangszöllen (Rx 1700000). Gewinn am
-Opium (Rx 5½ Millionen<a name="FNAnker_493_493" id="FNAnker_493_493"></a><a href="#Fussnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a>) betrugen die Staats-Einnahmen 1890/01
-an Rx 85441000, die Ausgaben Rx 82053000. Unter den Ausgaben steht
-obenan die für das Heer mit Rx 20600000; ein <em class="gesperrt">Viertel davon ist
-in England zu zahlen</em>. Die Schulden betragen Rx 207 Millionen.
-<em class="gesperrt">Der Cursverlust</em> an £ 15000000, <em class="gesperrt">die in England zu zahlen
-waren</em>, <em class="gesperrt">betrug</em> 1890/91 <em class="gesperrt">gegen</em> Rx 5087000 <em class="gesperrt">oder</em>
-75 <em class="gesperrt">Millionen Mark</em>. Die Armee zählt 73000 Europäer und 144000
-Einheimische. Dazu kommen 150000 Polizisten.</p>
-
-<p>Der gesammte Handel Indiens (Aus- und Einfuhr, zur See,) betrug 1890/91
-an Rx 196 Millionen. <em class="gesperrt">Die Ausfuhr überwiegt</em>, und zwar um jährlich
-Rx 30 Millionen. Hiervon erhält Indien ein Drittel (Rx 10 Millionen)
-baar, das zweite Drittel zahlt die Zinsen in England, das letzte
-Drittel deckt die <em class="gesperrt">Home-Charges</em>. (Gehälter, Pensionen, Heeres-
-und Eisenbahnbedürfnisse.) Ob aber das erste Drittel <em class="gesperrt">von den Hindu
-gespart</em> wird, wie <em class="gesperrt">Hunter</em> meint, oder von den Engländern in
-Indien, dürfte doch noch genauerer Untersuchung bedürfen. Denn von
-unparteiischen Engländern wird zugegeben, dass die ungeheuere Mehrzahl
-der Inder in trostloser Armuth lebe, und dass die Verarmung im Zunehmen
-sei.</p>
-
-<p>So viel ist klar, dass England alljährlich riesige Summen aus Indien
-zieht.<a name="FNAnker_494_494" id="FNAnker_494_494"></a><a href="#Fussnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Is that not a wonderful job, our India?</em> Das fragte mich der
-gebildetste Engländer, den ich in Indien kennen gelernt. Ein Viertel
-des indischen Staatseinkommens, klagte der Parsi Naoroji im englischen
-Unterhaus, nehmen die Engländer; und für die eingeborenen Inder bleibt
-keine einträgliche und verantwortliche Stelle.</p>
-
-<p>Werden die Engländer Indien behaupten? Wer weiss es? England ist eine
-grosse Macht, aber keine Grossmacht. Die ganze kaiserliche Weltstrasse,
-Canada, Hongkong, Singapore, Ostindien, Aden, Aegypten, ist ungenügend
-besetzt.</p>
-
-<p>Wir Deutschen aber haben gar kein Interesse, des selbstsüchtigen und
-unersättlichen England’s asiatische Besitzungen zu schützen und etwa
-seinen Beitritt zum Dreibund zu wünschen. Uns könnte es eher angenehm
-sein, wenn unser östlicher Nachbar seinen Thatendrang nach Asien wendet
-und Europa in Frieden lässt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span></p>
-
-<p>Zu den sonstigen <em class="gesperrt">Sehenswürdigkeiten</em> von Lucknow gehören
-hauptsächlich die Paläste der früheren Herrscher:</p>
-
-<p>1) <em class="gesperrt">Kaiser Bagh</em>, das hauptsächliche Bauwerk aus Wajid Ali Schah’s
-Regierung, 1848 begonnen, 1850 vollendet; es hat mit der inneren
-Einrichtung 80 lakh<a name="FNAnker_495_495" id="FNAnker_495_495"></a><a href="#Fussnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> Rupien, also ungefähr 16 Millionen Mark
-verschlungen. Um einen ungeheuren Hof ist ein Viereck zweistöckiger
-Gebäude errichtet, die Fassaden nach innen, mit allen möglichen Arten
-von Fenstern und Pfeilern, die Flächen gelb, die Verzierungen weiss
-getüncht, &mdash; so geschmacklos wie möglich. Im Innern dieser Gebäude sind
-einige grosse Hallen und unzählige Gemächer, die letzteren dienten den
-Damen des Harem (angeblich 200) zur Wohnung.</p>
-
-<p>Der gewölbte Thorweg zeigt das Wappen mit zwei Fischen, welches Saadut
-Khan, der Gründer der königlichen Familie, angenommen hatte.</p>
-
-<p>2) <em class="gesperrt">Chatr Manzil</em>, das Sonnenschirm-Haus, in seltsam
-halbitalienischem Styl, 1827 bis 1837 von Nasir-ud-din für seinen Harem
-am Ufer des Gumti-Flusses erbaut, ist jetzt ein angenehmer Wohnsitz
-mit Lese- und Billard-Räumen für den Officier-Club (United Service
-Club), dessen Mitglieder dort auch für 60 Rupien im Monat ein wohl
-eingerichtetes Zimmer erhalten können.</p>
-
-<p>Gegenüber ist ein <em class="gesperrt">Museum</em>, welches die Kunsthandwerke Indiens
-zeigt, nach den verschiedenen Provinzen geordnet, Bronze- und
-Messingarbeiten von Benares, eingelegte Marmorwaaren von Agra,
-Teppiche und bemalte kleine Thonfiguren in höchster Lebenstreue aus
-Lucknow, ausserdem wieder Darstellungen der indischen Völkerstämme,
-naturwissenschaftliche Sammlungen aus den drei Reichen.</p>
-
-<p>3) <em class="gesperrt">Muchi Bhawan</em>, eine ältere Festung, die ihren Namen
-„Fischhaus“ von Saadut Khan erhielt. Am 30. Juni 1857 ward sie von den
-Engländern, die sie nicht halten konnten, in die Luft gesprengt. Bei
-Gelegenheit der Zugeständnisse, welche man später den Eingeborenen
-machte, bevor in der grossen Versammlung zu Delhi die Königin Victoria
-als Kaiserin von Indien ausgerufen wurde: ward das Gebäude den
-Mohammedanern zurückerstattet, wird jetzt (zusammen mit dem folgenden
-Palast) aus einem Capital verwaltet, das der letzte, abgesetzte König
-noch bei seinen Lebzeiten gestiftet hatte, und ist auch einigermassen
-wieder hergestellt worden.</p>
-
-<p>Die Thorbauten sind mächtig, der Eingang mit den beiden Wappenfischen
-geschmückt und mit zwei Meerweibern, die eine Krone tragen, die
-Umfassungsmauern mit Hunderten von kleinen Kuppeln (aus Stuck) statt
-der Zinnen gekrönt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span></p>
-
-<p>Wenn man unter dem Thorweg eingetreten ist, sieht man zur Rechten
-eine Moschee, Jumma Musjid des Asaf-u daulah, die auch heute noch,
-entsprechend ihrem Namen, des Freitags von den Gläubigen besucht wird.</p>
-
-<p>Gradeaus, nach Norden, steht das Hauptgebäude, <em class="gesperrt">Imambara</em>
-oder Haus des Propheten genannt<a name="FNAnker_496_496" id="FNAnker_496_496"></a><a href="#Fussnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> „das Juwel von Lucknow“, das
-hauptsächlichste Bauwerk von Asaf-u daulah’s Regierung.</p>
-
-<p>Zur Zeit einer Hungersnoth wurde es begonnen, um der Bevölkerung
-Arbeitsgelegenheit zu geben, und 1783 vollendet, für 1 Million £.
-Das Gebäude ist 303 Fuss lang, 163 Fuss breit, 63 Fuss hoch. Ueber
-eine mächtige Freitreppe steigt man empor zu den neun offenen, von
-saracenischen Bögen überwölbten Eingängen. Der Haupteingang führt
-in die Haupthalle, die 163 Fuss lang und 53 Fuss breit und mit
-einem Gewölbe gedeckt ist. Hier liegt Asaf-u daulah begraben. Der
-Sarg ist einfach, aber von einem silbernen Gitter umgeben; die an
-sich feierliche Halle mit Glaskronleuchtern und andern glitzernden
-Schmuckgegenständen (z. B. einer Nachbildung des Grabes vom Propheten)
-geschmacklos ausgeputzt. Das Westthor, Rumi Darwaza oder Thor von
-Constantinopel, soll eine Nachahmung der hohen Pforte sein, doch konnte
-ich die Aehnlichkeit nicht herausfinden.</p>
-
-<p>4) <em class="gesperrt">Hoseïnabad Imambara</em> oder Licht-Palast des Propheten, den
-Muhammed Ali Schah 1837 für sich als Begräbnissplatz erbaut hat. Das
-Hauptgebäude ist erheblich kleiner als das vorige, steht am Ende eines
-grossen mit Teich und Blumen geschmückten Gartens und zeigt gar keine
-Wandflächen, sondern nur Verzierungen; es ist recht heiter, aber
-geschmacklos.</p>
-
-<p>Der vorspringende Mittelbau hat fünf von saracenischen Bögen überwölbte
-Eingänge und oben eine vergoldete und gerippte Kuppel. Die beiden
-Seitenflügel zeigen vier kleinere saracenische Bögen und Freitreppen.
-Im Innern ist ein Doppelgrab, daneben die üblichen Glaskronleuchter,
-bunte Glaskugeln, Spiegel u. dgl., aber auch ein Mimbar aus massivem
-Silber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span></p>
-
-<p>5) Die beiden sehr belebten <em class="gesperrt">Bazare</em> der Stadt zeigen uns Silber-,
-Gold- und Juwelier-Arbeiten, Stickereien, Waaren, Thonfiguren und
-Pfeifen,<a name="FNAnker_497_497" id="FNAnker_497_497"></a><a href="#Fussnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> sehr hübsch bedruckte Baumwollenzeuge in grosser Auswahl.
-Obwohl die Unterstützung des Hofes der Könige von Oudh fortgefallen,
-leben doch noch viele reiche und vornehme Eingeborene in Lucknow, so
-dass die Arbeiter keinen Mangel an Bestellungen verspüren. Nachmittags
-ist das Gewühl in den Bazaren so gross, dass dann in den Bazar-Strassen
-jeder Verkehr mit Wagen, Pferden, Kameelen, Elephanten durch die
-Behörden verboten ist.</p>
-
-<p>6) Das <em class="gesperrt">Cantonment</em> ist wieder sehr geräumig angelegt, enthält
-eine Befestigung, die Bungalow der Officiere in hübschen Gärten,
-die Barracken der Besatzung und auch einzelne europäische Läden und
-Geschäfte, sowie unser Gasthaus.</p>
-
-<p>Eine hübsche Parkanlage (<em class="gesperrt">Wingfield Park</em>) giebt Gelegenheit zu
-Spazier-Gängen und -Fahrten.</p>
-
-<p>7) <em class="gesperrt">Dilkusha</em>, „Herz erweiternd“, ist ein zerstörtes Jagdschloss;
-hier starb am 24. November 1851 General Havelock an seinen Wunden.</p>
-
-<p>8) <em class="gesperrt">Sikandara Bagh</em>, ein grosser Garten ausserhalb der Stadt mit
-einer festen Mauer umgeben, von Wajid Ali für eine seiner Damen zu
-ihrem Vergnügen errichtet, war am 16. November 1857 Schauplatz eines
-schrecklichen Trauerspiels. 2000 der aufrührerischen Sepoy hatten hier
-Zuflucht gesucht und wurden bis zum letzten Mann von dem 43. Regiment
-(Hochländer), dem 52. und dem 4. Regiment der Sikhs mit dem Bajonet
-niedergemacht.</p>
-
-<p>9) Die <em class="gesperrt">Martinière</em> ist ein steinernes Zeugniss von jenen
-europäischen Abenteurern, die an den Höfen der Grossmogul und der
-Könige von Oudh ihr Glück machten.</p>
-
-<p>Claude Martin wurde 1735 in Lyon geboren und ist 1800 zu Lucknow
-gestorben. Er kam 1758 auf der französischen Flotte nach Indien,
-gerieth in Gefangenschaft bei den Engländern, diente unter diesen
-als Capitän mit Auszeichnung und gelangte 1773, ohne seinen Rang in
-der englischen Armee aufzugeben, an den Hof des Nawab von Oudh. Hier
-eröffnete er Banken und andere Geschäfte, baute Häuser<span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span> und Paläste,
-pflanzte Indigo, goss Kanonen, machte Pulver und schlug Münzen für
-den Fürsten und lieh ihm gelegentlich auch Geld, führte europäische
-Waaren ein, wurde General (Lieutnant-Colonel) und sammelte ein
-ungeheures Vermögen. Dieses vermachte er schliesslich zur Gründung
-von Erziehungsanstalten in Lucknow, Calcutta und Lyon. Aber, da sein
-letzter Wille sehr ausführlich von ihm selbst in schlechtem Englisch
-aufgesetzt war, so wurde viel Zeit und Geld verloren, ehe es gelang,
-das englische Gesetz mit der Grammatik zu versöhnen.</p>
-
-<p>Das Gebäude, welches er 2½ Kilometer südöstlich von Sikandara Bagh
-zu seinem Wohnsitz errichtete, heisst nach ihm la Martinière oder
-Constantia-Haus, da es die Inschrift führt: „Labore et Constantia.“
-Asaf-u daulah soll ihm 1 Million £ dafür geboten haben; aber er starb,
-ehe der Handel vollendet war; und Martin starb, ehe das Gebäude fertig
-wurde.</p>
-
-<p>Der Bau ist recht unregelmässig, in einem verdorbenen italienischen
-Styl, wohl nach den eigenen Plänen des würdigen Generals, angelegt.
-Auf einer ziemlichen Erhebung, zu der eine Freitreppe emporführt,
-steht der grillenhafte, mehrstöckige Thurm mit dem Dom aus zwei sich
-schneidenden Halbkreisbögen und die beiden, an das Mittelgebäude sich
-anschliessenden, pfeilergeschmückten, gebogenen Seitenflügel. Löwen,
-Mandarinen, Damen und allerlei Gottheiten schmücken die Dächer.</p>
-
-<p>Jetzt ist hier eine Anstalt, in der 150 Knaben kostenfrei erzogen und
-unterrichtet werden. Ich sah einige von ihnen im Garten; sie waren
-munter mit dem Ballspiel beschäftigt. Aber ich will nicht unerwähnt
-lassen, dass ihre Vorgänger 1857 in der belagerten „Residenz“ als
-Krankenpfleger, Boten und sogar als Kämpfer sich ausgezeichnet haben.
-Vor dem Schloss liegt ein kleiner See, aus dem eine sonderbare jonische
-Säule 130 Fuss hoch emporsteigt und oben mit einer Laterne gekrönt ist.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Cawnpur">Cawnpur.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Nachmittags 6 Uhr fahre ich von Lucknow nach Cawnpur, am rechten Ufer
-des Ganges, der auf einer 862 Meter langen eisernen Gitterbrücke
-überschritten wird. (25 englische Meilen in zwei Stunden für 3 Rupien,
-Cawnpur-Zweig der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn.)</p>
-
-<p>Lee’s <em class="gesperrt">Eisenbahn-Hotel</em> ist nicht mit seinen Namens-Vettern in
-Berlin oder London zu vergleichen. Es stellt die Urform des indischen
-Gasthauses dar, die aus dem Rasthaus (in Ostindien Dak<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Bungalow
-genannt,) hervorgegangen: ein längliches Speisezimmer, in das etwa
-sechs Schlafzimmer einmünden. Dem entsprechend ist auch die Verpflegung
-mehr als einfach, nämlich schlecht; aber der Preis ist nur wenig
-geringer, als in den besseren Gasthäusern zu Benares und Lucknow.</p>
-
-<p>Cawnpur bedeutet die Stadt des Kanh, d. h. des Landwirthes; damit ist
-Gott Krishna gemeint. Alt-Cawnpur lag 2 englische Meilen nordwestlich
-von der neuen Stadt; die letztere hat nach der Besiegung des
-Nawab-Wezir von Oudh (1764/65) um das den Engländern zugestandene
-befestigte Lager am rechten Ufer des Ganges seit 1777 sich erhoben.
-Sie hat keine bemerkenswerthen Bauwerke aufzuweisen, zählt aber (mit
-dem Cantonment) 188712 Einwohner, ist also nach der Bevölkerungszahl
-die neunte Stadt von Ostindien. Ihre wirthschaftliche Bedeutung beruht
-erstlich in den Fabriken von Lederwerk, Schuhen (für die Soldaten) und
-Pferdegeschirr, in grossen Baumwollen-Webereien und Druckereien, in
-dem Getreidehandel, der durch die schiffbaren Wasserwege und die vier
-hier sich kreuzenden Eisenbahnen (von Lucknow, Allahabad, Jhansi, Agra)
-gefördert wird, endlich noch in dem mächtigen <em class="gesperrt">Ganges-Canal</em>, der
-hier seinen Ausgang nimmt.</p>
-
-<p>Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem <em class="gesperrt">Doab</em> (Zweistromland
-zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den
-Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.</p>
-
-<p>Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk
-des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth<a name="FNAnker_498_498" id="FNAnker_498_498"></a><a href="#Fussnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a> leidende
-Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher
-Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite,
-80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa
-300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des
-Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere
-Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von
-Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben
-eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer
-Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.<a name="FNAnker_499_499" id="FNAnker_499_499"></a><a href="#Fussnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a> Der
-Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4
-Procent des Capitals.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan
-haben.</em> Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit
-Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.</p>
-
-<p>Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken
-und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der <em class="gesperrt">geschichtlichen
-Erinnerung</em> aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem
-ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch
-nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler
-beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib),
-eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem
-Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil
-seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens
-befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete,
-durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern
-umzog ganz <em class="gesperrt">unzweckmässiger Weise in der Ebene</em> den Standort von
-zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt
-einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die
-Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten
-die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und
-Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen
-Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt,
-dass der Angriff beginnen werde.</p>
-
-<p>1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische
-Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut
-bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige
-Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der
-Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte.
-Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem
-tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei
-Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig
-zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten
-und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die
-Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann
-mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts
-nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die
-Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren
-noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die
-einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein
-mörderisches<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank
-gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen,
-die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht
-wurden. <em class="gesperrt">Ein</em> Boot trieb flussabwärts, aber nur <em class="gesperrt">vier</em>
-Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80
-wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und
-Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen
-dem 1. und 14. Juli 28 starben.</p>
-
-<p>Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen
-Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff
-von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück
-und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast
-lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die
-Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei;
-eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben;
-am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast
-unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.</p>
-
-<p>Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem
-General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit
-wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort
-wahrscheinlich gestorben.</p>
-
-<p>Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der
-schmählichen Metzelei.</p>
-
-<p>Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes.
-Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von
-Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4
-Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte
-mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow
-gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia
-Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden.
-Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb
-sie in wildeste Flucht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den
-Einspänner,<a name="FNAnker_500_500" id="FNAnker_500_500"></a><a href="#Fussnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen.
-Mein Führer ist <em class="gesperrt">Morton</em>, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht
-dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> der vier
-Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch
-Cawnpur von den Gwalior gesäubert.</p>
-
-<p>Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung
-(Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang
-des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die
-Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.</p>
-
-<p>In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am
-27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und
-Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern
-eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.</p>
-
-<p>Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen
-erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere
-Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der
-ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £,
-und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein
-Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.</p>
-
-<p>Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch
-vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung
-der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter
-einander, <em class="gesperrt">binnen</em> 24 <em class="gesperrt">Stunden</em>, sieben von den etwa fünfzehn
-Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress
-of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!</p>
-
-<p>Die Mord-Treppe, 1,<sub>3</sub> Kilometer nördlich von der Kirche, führt von
-einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den
-Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht
-erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu
-sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.</p>
-
-<p>Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer
-geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb
-eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters<a name="FNAnker_501_501" id="FNAnker_501_501"></a><a href="#Fussnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a> der Engel der
-Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.</p>
-
-<p>Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und
-schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand
-gehalten. Aber <em class="gesperrt">kein Einheimischer darf<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> bis heute diesen Garten
-betreten</em>, trotzdem auf dem grossen Darbár<a name="FNAnker_502_502" id="FNAnker_502_502"></a><a href="#Fussnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> zu Allahabad am 1.
-November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung
-von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert
-worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht
-völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute
-und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden
-von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein <em class="gesperrt">Deutscher</em>, der
-übrigens recht vielseitig zu sein scheint.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Agra">Agra.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East
-Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach
-Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem
-Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen<a name="FNAnker_503_503" id="FNAnker_503_503"></a><a href="#Fussnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> gegönnt worden.</p>
-
-<p>Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der
-Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt,
-ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche
-Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen.
-Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein,
-bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf
-den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir
-weit von der Heimath entfernt sind.</p>
-
-<p>Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt
-sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und
-Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns
-sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der
-Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe
-immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht
-einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Laurie’s</em> Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von
-Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von
-Cawnpur.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span></p>
-
-<p>Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul
-scheint es zweckmässig, die <em class="gesperrt">Geschichte der mohammedanischen
-Eroberungen</em> in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen
-zu lassen.</p>
-
-<p>Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den
-Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung.
-Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch
-West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen,
-ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit
-hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der
-Blüthe der Grossmogul (1560&ndash;1707) geboten Hindu-Fürsten über weite
-Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die
-Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und
-nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat
-verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.</p>
-
-<p>Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der
-Westgrenze des Punjab, ging von den <em class="gesperrt">ersteren</em> aus.</p>
-
-<p>Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach
-Afghanistan<a name="FNAnker_504_504" id="FNAnker_504_504"></a><a href="#Fussnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen,
-wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu
-Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1
-Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf
-Rath der Brahmanen <em class="gesperrt">nicht</em> zahlte, stürmte Subuktigin durch die
-Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn <em class="gesperrt">Mahmúd von
-Ghazni</em>(1001&ndash;1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und
-schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt,
-verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem
-Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines
-Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan)
-über diejenige von Ghazni; <em class="gesperrt">Mahmud von Ghor</em> begann neue Einfälle
-nach Indien.</p>
-
-<p>Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu
-gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte,
-fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> Ganges im Kampf
-gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir,
-endlich Kanauj.<a name="FNAnker_505_505" id="FNAnker_505_505"></a><a href="#Fussnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a></p>
-
-<p>Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die
-Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.</p>
-
-<p>Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203
-sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig
-überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen
-hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen
-den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.</p>
-
-<p>Sein Vicekönig <em class="gesperrt">Kutab-ud-din</em> erklärte sich zum Selbstherrscher
-von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206
-bis 1290 regierte und die der <em class="gesperrt">Sklaven-Könige</em> heisst, da Kutab
-ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.</p>
-
-<p>Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und
-seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.</p>
-
-<p>Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale,
-Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der
-Mongolen.</p>
-
-<p>Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, <em class="gesperrt">Altamsh</em>, dessen
-Namen gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem
-Grabmal, erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr.,
-feierlich anerkannt. Der vorletzte, <em class="gesperrt">Balban</em> (1265&ndash;1287), hatte
-die heftigsten Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal,
-ferner in Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an
-seinem Hofe lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten,
-die von den Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.</p>
-
-<p>1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Alá-ud-din</em>, der zweite Herrscher (1295&ndash;1315) dieser Linie,
-drang sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem
-er fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach
-Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die
-Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen
-Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen
-General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien
-siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse
-mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen)
-nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch<span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span> heute in dem
-wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.</p>
-
-<p>1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín <em class="gesperrt">Tughlak</em>, der vom
-türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein
-grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325&ndash;1351) sendete vergeblich Heere
-gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800
-englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad
-gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338&ndash;1351 unablässig mit
-Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fíruz Tughlak</em> (1351&ndash;1388) regierte menschlicher und lebt noch
-fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des
-alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden
-durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der
-Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere
-Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die
-Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.</p>
-
-<p>Mahmud kehrte zurück; von 1414&ndash;1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von
-1450&ndash;1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.</p>
-
-<p>1526 drang der Mongole Bábar<a name="FNAnker_506_506" id="FNAnker_506_506"></a><a href="#Fussnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a> ein und gründete das <em class="gesperrt">mongolische
-Kaiserreich von Delhi</em>, dessen letzter Vertreter &mdash; 1862 als
-britischer Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die
-Grossmogul verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die
-sieben vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden
-hatten, indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, <em class="gesperrt">Hindu
-in die Regierung des Landes aufnahmen</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bábar</em>, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in
-Fergana am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien
-ein, das unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen
-und Hindu-Fürsten getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu
-<em class="gesperrt">Panipat</em>, nördlich von Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine
-Seite, die Rajput besiegte er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von
-Agra. Als er 1530 starb, hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in
-Central-Asien bis zum Ganges-Delta reichte.</p>
-
-<p>Sein Sohn <em class="gesperrt">Humayun</em> (1530&ndash;1556) hatte Kabul und den westlichen
-Theil des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines
-Stützpunktes beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen
-Statthalter von Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span>
-Kaiser von Delhi, begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die
-<em class="gesperrt">Rupie</em>, wurde aber schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste
-Kalinjar getödtet. Sein Sohn folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter
-seinem Enkel trat ein Aufstand ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn
-Akbar besiegte mit General Bairam die indisch-afghanische Macht 1566 in
-der entscheidenden Schlacht von <em class="gesperrt">Panipat</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Akbar der Grosse</em>, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der
-Grossmogul,<a name="FNAnker_507_507" id="FNAnker_507_507"></a><a href="#Fussnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis
-1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge
-im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul
-und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den
-Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der
-<em class="gesperrt">Versöhnung</em>. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab
-eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager,
-den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern
-Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls
-ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von
-415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der
-Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung
-aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion,
-bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte
-er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen
-werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach <em class="gesperrt">Agra und
-baute 1566 die Festung</em>, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem
-Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal
-dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem
-Mausoleum zu <em class="gesperrt">Sikandra</em> begraben, dessen aus Hindu-Umriss und
-arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit
-des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.</p>
-
-<p>Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen
-(Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen.
-Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht
-und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die
-Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung
-bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf
-Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> er jährlich £ 12½
-Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen
-nahmen.<a name="FNAnker_508_508" id="FNAnker_508_508"></a><a href="#Fussnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a> Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen
-geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an
-Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen,
-mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,<a name="FNAnker_509_509" id="FNAnker_509_509"></a><a href="#Fussnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a>
-begreifen wir den <em class="gesperrt">sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul</em>.)</p>
-
-<p>Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen
-<em class="gesperrt">Jehangir</em>,<a name="FNAnker_510_510" id="FNAnker_510_510"></a><a href="#Fussnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a> d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm
-nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll
-er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise
-zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und
-leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller
-konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser
-sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte
-ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die
-Kaiserin <em class="gesperrt">Núr Jahán</em>, d. h. das Licht der Welt.<a name="FNAnker_511_511" id="FNAnker_511_511"></a><a href="#Fussnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> Geboren in
-grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie
-durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser
-Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir
-zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich
-und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie
-eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als
-Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum
-Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten.
-Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626
-den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der
-Gefangenschaft.</p>
-
-<p>Sein aufrührerischer Sohn <em class="gesperrt">Schah Jahan</em>, der nach dem Dekkan
-geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein
-reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen;
-beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte
-dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so
-sparsam,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span> als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge
-in entfernte Landschaften es zuliessen.</p>
-
-<p>Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf
-mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar)
-erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut
-gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten,
-er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er
-<em class="gesperrt">Taj-Mahal</em>,<a name="FNAnker_512_512" id="FNAnker_512_512"></a><a href="#Fussnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die
-bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, &mdash; das
-schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach
-Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er
-plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute
-dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen
-Palast.</p>
-
-<p>Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn
-<em class="gesperrt">Aurangzeb</em><a name="FNAnker_513_513" id="FNAnker_513_513"></a><a href="#Fussnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a> abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu
-seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter
-Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe,
-während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den
-Verfall einleitete. <a name="schah" id="schah"></a>Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £.
-Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden
-aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½
-Millionen £ bewerthet.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aurangzeb</em> erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír,
-Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann
-bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den
-dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein
-viertel Jahrhundert (1658&ndash;1673) fochten seine Generale vergebens; 1676
-machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen
-selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den
-Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24
-<em class="gesperrt">Jahre im Felde</em>. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die
-Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb
-er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu
-<em class="gesperrt">Roza</em>, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer
-Sprache geschriebenen) <em class="gesperrt">Briefe an seinen Sohn</em> sind noch heute ein
-beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen
-strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p>
-
-<p>Die nächsten sechs Kaiser waren nur <em class="gesperrt">Puppen</em> in der Hand der
-Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge
-arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.</p>
-
-<p>Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig
-(1720&ndash;1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).</p>
-
-<p>Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten
-(1710&ndash;1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die
-Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und
-Orissa (1751).</p>
-
-<p>1739 plünderte <em class="gesperrt">Nadir Schah</em> aus Persien Delhi und nahm eine Beute
-von 32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747&ndash;1761)
-und brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf
-dem blutgedüngten Felde von <em class="gesperrt">Panipat</em> die Marathen. Inzwischen
-bauten die Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie
-Delhi ein und liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen
-Jahresgehalt (von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit
-den Marathen und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für
-einen Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu
-Rangoon im Jahre 1862.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Agra</em>,<a name="FNAnker_514_514" id="FNAnker_514_514"></a><a href="#Fussnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a> die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten
-Ufer des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine
-schöne Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch
-eine plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27°
-nördlicher Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat
-es eine mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug
-1881 über 160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000
-Christen. Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst
-Cantonment 168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet
-von 27½ Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern
-bebaut ist.</p>
-
-<p>In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der
-Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488&ndash;1517) machte es zu seinem
-Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die
-Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar
-baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem
-Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und
-das Grabmal seines Schwiegervaters (des<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Itimadu daulah); aber 1618
-verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu
-Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die
-Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.</p>
-
-<p>1764 wurde Agra von den Jats,<a name="FNAnker_515_515" id="FNAnker_515_515"></a><a href="#Fussnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> 1770 und 1774 von den Marathen
-erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche
-dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835
-wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.</p>
-
-<p>Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die
-Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei
-Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt;
-und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel
-zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche
-Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für
-4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von
-der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre
-vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus
-den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die
-flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien
-gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten <em class="gesperrt">Greathed</em>
-aus Delhi, der <em class="gesperrt">vor</em> ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt
-hatte, am 6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.</p>
-
-<p>1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra
-wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt
-des Nord-Westens.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit
-Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden
-Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal <em class="gesperrt">ohne</em> Führer, was ja
-natürlich viel behaglicher ist.</p>
-
-<p>Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der <em class="gesperrt">Taj</em>.<a name="FNAnker_516_516" id="FNAnker_516_516"></a><a href="#Fussnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a>
-Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier
-auf das höchste gespannt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Taj</em> (persisch) heisst Krone; <em class="gesperrt">Taj Mahal</em> Kron-Palast;
-<em class="gesperrt">Taj bibi ke Roza</em>, (wie der eigentliche Name lautet,) der
-Kron-Dame Grabdenkmal.</p>
-
-<p>Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für
-seine Lieblingsgattin <em class="gesperrt">Arjmand Banu</em>, mit dem Beinamen <em class="gesperrt">Mumtaz
-Mahal</em>, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von
-Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach
-Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine
-Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis
-zum hohen Bange des Schatzmeisters (<em class="gesperrt">Itimadu’ d-daulah</em><a name="FNAnker_517_517" id="FNAnker_517_517"></a><a href="#Fussnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a>)
-emporstieg.</p>
-
-<p>Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm
-sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im
-Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten
-beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau,
-der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen
-Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der
-Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen
-erhielten die Maurer nur 30 Lakh.<a name="FNAnker_518_518" id="FNAnker_518_518"></a><a href="#Fussnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a> Ganze Kameel-Ladungen
-werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt.
-Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut
-von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“
-bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind
-aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.</p>
-
-<p>Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll
-Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals
-in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine
-persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient,
-nennt <em class="gesperrt">Isa Muhammed</em> als Obermeister mit einem Monatsgehalt von
-1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen
-Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt,
-Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.</p>
-
-<p>Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer
-östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838
-angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem <em class="gesperrt">grossen
-Thor</em> des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit,<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> 140 Fuss hoch, aus
-rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk.
-Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der
-Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen
-Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der
-Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen
-arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran
-predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem
-Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen
-mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der
-Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten,
-viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit
-drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher
-hindurch in den <em class="gesperrt">Garten</em>. Drinnen aber macht er Halt und setzt
-sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.</p>
-
-<p>Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und
-Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen
-langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000
-Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen
-Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und
-Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger
-Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben
-Schah Jahan herbeikäme, eine Rose<a name="FNAnker_519_519" id="FNAnker_519_519"></a><a href="#Fussnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> auf das Grab seines geliebten
-Weibes niederzulegen.</p>
-
-<p>Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel
-und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der
-Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor,
-nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume
-verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die
-vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es
-ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden.
-Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem
-Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz
-alle Töchter der Erde übertroffen habe.</p>
-
-<p>Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur
-Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Be<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span>trachtung kommen,
-gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich
-mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine
-viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken
-besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze
-Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu
-bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon<a name="FNAnker_520_520" id="FNAnker_520_520"></a><a href="#Fussnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a> durch
-die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt
-wird; hier aber ist Alles frisch und neu,<a name="FNAnker_521_521" id="FNAnker_521_521"></a><a href="#Fussnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a> der Marmor so blendend
-weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern
-erst fortgegangen. Eine quadratische <em class="gesperrt">Erhebung</em> von 18 Fuss Höhe
-und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit
-fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die
-meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind
-und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren
-darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in
-drei Stockwerken ein schlanker <em class="gesperrt">Marmor-Minaret</em>. Er wirkt nur
-durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden
-Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die
-ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.<a name="FNAnker_522_522" id="FNAnker_522_522"></a><a href="#Fussnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a></p>
-
-<p>Diese sind für das <em class="gesperrt">Hauptgebäude</em> aufgespart. Das letztere
-steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss
-Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss)
-abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von
-je 120 Fuss<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander
-übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt <em class="gesperrt">zwei Drittel</em>
-einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der
-Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in
-einen metallenen <em class="gesperrt">Aufsatz</em> über, der (244 Fuss über dem Boden) den
-<em class="gesperrt">Halbmond</em> trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes
-misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.</p>
-
-<p>Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei
-seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei
-ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen
-geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen,
-über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit
-eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und
-Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis
-Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten
-Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen
-darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach
-Indien eingeführt sein soll,<a name="FNAnker_523_523" id="FNAnker_523_523"></a><a href="#Fussnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a> so beweisen doch diese Verzierungen
-an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen
-Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen
-der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie
-in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.</p>
-
-<p>Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem
-Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen
-Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen
-Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander,
-zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter
-Blumenverzierung.</p>
-
-<p>Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren
-Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken
-steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder
-und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen
-Eindruck.</p>
-
-<p>Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge
-gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien,<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span>
-Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen
-Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber
-wunderbar ist die grosse achteckige <em class="gesperrt">Kuppel-Halle</em>, 70 Fuss
-weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter
-von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der
-Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt
-<em class="gesperrt">Fergusson</em>, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien
-und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den
-blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die
-Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind
-wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen
-die blumigen <em class="gesperrt">Lauben des Koran-Paradieses</em> darzustellen. Ein
-achteckiger <em class="gesperrt">Schrein</em> aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten
-mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden <em class="gesperrt">Leersärge</em> aus
-Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte
-der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der
-des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben
-der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen
-Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren
-gesetzmässigen Ausdruck finde.</p>
-
-<p>Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die
-einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute
-bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den
-Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen
-Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer
-feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische
-Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte
-Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen
-lassen.</p>
-
-<p>Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen
-Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen
-arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier
-liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“</p>
-
-<p>Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst
-alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den
-„<em class="gesperrt">Ueberlieferungen</em>“: „Es sagt Jesus,<a name="FNAnker_524_524" id="FNAnker_524_524"></a><a href="#Fussnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> Friede sei mit ihm:
-Diese Welt ist<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span> eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf.
-Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten.
-Was kommt, kannst du nicht schauen.“</p>
-
-<p>Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf
-den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt
-und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen
-abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine
-eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt;
-erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um
-von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem
-Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf
-baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“</p>
-
-<p>Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen
-Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem
-Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser
-Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke
-von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche
-die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der
-Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt,
-&mdash; oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige,
-urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz
-Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und
-gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass
-auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein
-Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch
-wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege.
-&mdash; Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der
-Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.</p>
-
-<p>Auf dem Gebiete der Baukunst sind die <em class="gesperrt">Tataren</em> ausgezeichnet
-durch ihre grosse Neigung zu <em class="gesperrt">Grabes-Bauten</em>; hierdurch
-unterscheiden sie sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die
-Herrschaft eines grossen Abschnitts der Erde theilen.</p>
-
-<p>Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei
-Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span>
-oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor
-der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben
-und mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf
-einer Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude,
-das der Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige
-<em class="gesperrt">Festhalle</em>, mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen
-benutzte. Nach seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben,
-zuweilen auch der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die
-Sorge für das Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom
-Verkauf der Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal
-ist von all’ den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und
-Gebäude in der ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige
-Stellen der Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so
-erfolgreich zusammenwirken.</p>
-
-<p>Das Grabmal des <em class="gesperrt">Itima du daulah</em> (am linken Ufer des Jumna, wohin
-man von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert
-das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein
-<em class="gesperrt">heiteres Gartenhaus</em>.</p>
-
-<p>Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen,
-kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten,
-konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt
-und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten
-und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben
-eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk
-ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu
-sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen,
-Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister
-und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter,
-die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und
-seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind
-noch einmal die Leer-Gräber angebracht.</p>
-
-<p>Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen <em class="gesperrt">Akbar</em>
-im Dorf Sikandarah,<a name="FNAnker_525_525" id="FNAnker_525_525"></a><a href="#Fussnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a> 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.</p>
-
-<p>Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit
-weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier
-zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung
-von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln ab<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span>geschossen haben. Innen
-führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.</p>
-
-<p>Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem
-Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320
-Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen
-von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren
-in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen
-eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und
-Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben
-Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor
-der schönsten Muster gebildet.</p>
-
-<p>Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten
-Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses:
-„Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler
-steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt
-und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen.
-Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die
-Besteigung.</p>
-
-<p>Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich
-erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die
-sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von
-Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit
-gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam
-Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal,
-das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines
-Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen
-Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in
-schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben
-20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.</p>
-
-<p>Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten:
-erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem
-Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer
-Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner
-ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen
-tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen
-Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes
-Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Fort Akbar’s</em>,<a name="FNAnker_526_526" id="FNAnker_526_526"></a><a href="#Fussnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a> zu seiner Zeit unüberwindlich, steht
-noch<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner
-kräftigen Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30
-Fuss) tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein.
-Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein
-Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der
-grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der
-Anblick von der andern Seite des Flusses.</p>
-
-<p>Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche
-oder <em class="gesperrt">Delhi-Thor</em> fährt der Reisende hinein und gelangt durch das
-innere oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit
-den berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der
-Wache.</p>
-
-<p>Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere
-ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt
-nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Deshalb</em> ist auch die <em class="gesperrt">Perlmoschee</em> (Moti Musjid), das
-nächste Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz <em class="gesperrt">leer</em> von
-Gläubigen.</p>
-
-<p>Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen,
-vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte
-entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie
-leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir
-freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.</p>
-
-<p>Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den
-(154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer
-ausübt. Alles, was wir sehen, ist <em class="gesperrt">Marmor</em>. In der Mitte liegt
-der Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden)
-ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von
-einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen
-Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche
-ist offen.</p>
-
-<p>Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in
-welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der
-<em class="gesperrt">Moschee</em> eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in
-sieben zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser
-Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und
-gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein
-andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt
-habe.</p>
-
-<p>Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus
-schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts,<span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span> dass
-diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie
-allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.</p>
-
-<p>Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und
-durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen
-von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem
-Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als
-auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen
-Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren
-Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander
-schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.</p>
-
-<p>Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in
-rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert
-beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan
-erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum
-Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern
-fertig geworden.</p>
-
-<p>Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der
-Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse <em class="gesperrt">Waffenplatz</em>
-(Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich
-tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht
-Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen
-liegen;<a name="FNAnker_527_527" id="FNAnker_527_527"></a><a href="#Fussnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a> und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn
-<em class="gesperrt">Colin</em>, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9.
-September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das
-Denkmal in &mdash; gothischem Styl!</p>
-
-<p>Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna
-zu, wird von Schah Jahan’s <em class="gesperrt">öffentlicher Audienz-Halle</em>
-(<em class="gesperrt">Diwan-i-Am</em><a name="FNAnker_528_528" id="FNAnker_528_528"></a><a href="#Fussnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a>) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden
-nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat
-eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei
-Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das
-platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige
-Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.</p>
-
-<p>An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber
-ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte
-ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit.<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> Hier war
-es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die
-Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales
-1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und
-Edlen abgehalten.</p>
-
-<p>Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des
-prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den <em class="gesperrt">Palast von Schah
-Jahan</em>.</p>
-
-<p>Hinter der Audienzhalle liegt <em class="gesperrt">Machchi Bawan</em>, <em class="gesperrt">der
-Fisch-Teich</em>, und nördlich davon die <em class="gesperrt">Edelstein-Moschee</em>
-(Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.</p>
-
-<p>Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an
-der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer
-geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der <em class="gesperrt">schwarze Thron</em>
-steht und die <em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em> (Diwan-i-Khas). Das ist ein
-Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss
-lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem
-Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts
-Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten
-ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.</p>
-
-<p>In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess
-seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der
-beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit
-auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der
-Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der
-Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben,
-sein letzter Blick noch suchte die Taj.</p>
-
-<p>Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der
-Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder
-<em class="gesperrt">Jasmin-Thurm</em>) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit,
-der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist
-noch erhalten; sowie ein feenhaftes <em class="gesperrt">Badehaus</em> (Shish Mahal =
-Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine <em class="gesperrt">offene Halle</em> mit
-reichstem Schmuck (Khas Mahal).</p>
-
-<p>Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast
-von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen
-Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst.
-Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und
-ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen
-Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, &mdash; nach
-<em class="gesperrt">Fergusson</em> ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden
-Rassen zu vergleichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span></p>
-
-<p>In einer Umgitterung werden einige <em class="gesperrt">geschichtliche Andenken</em>
-aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder
-Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die
-berüchtigten <em class="gesperrt">Thore von Somnath</em>. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte
-und plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat,
-zerstörte den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen
-Beute auch das <em class="gesperrt">Sandelholz-Thor</em> des Heiligthums fort.</p>
-
-<p>1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord
-Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch
-Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die
-Hindu-Priester verweigerten die Annahme.</p>
-
-<p>Das Thor ist übrigens aus <em class="gesperrt">Ceder-Holz</em>, saracenische Arbeit, und
-wohl eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der
-Name Subuktugin vorkommen soll.</p>
-
-<p>Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) &mdash; zu verbrennen oder
-wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.</p>
-
-<p>Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von <em class="gesperrt">Jahangir</em>,
-unmittelbar nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil
-ohne Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt
-in der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze
-und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden
-Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so
-farbenprächtig geschildert worden ist.</p>
-
-<p>Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die <em class="gesperrt">Hauptmoschee</em> der
-Stadt (Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner
-Tochter Jahanara im Mogul-Stil erbaut.</p>
-
-<p>Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei
-niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein
-Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee
-öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit
-einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien
-erbaut ist.</p>
-
-<p>Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der <em class="gesperrt">Koran-Schule</em>
-in den offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess
-sie aus dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede
-Klasse hatte ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen
-zeigte. Aber zum Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer
-Sitte ein Geschenk von dem Sahib.</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die
-Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span></p>
-
-<p>Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige
-Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.</p>
-
-<p>Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.</p>
-
-<p>Das Haupterzeugniss des <em class="gesperrt">Kunsthandwerks</em> ist eingelegte
-Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige
-Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon,
-Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten,
-Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden
-so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am
-Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse
-Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj
-aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200
-Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für
-Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.</p>
-
-<p>Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich
-Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem
-Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt,
-ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die
-Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche
-Landhäuser und unser Gasthaus.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Delhi">Delhi.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am
-folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts
-weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen
-giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist
-also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die
-Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und
-aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December
-die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15.
-December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)</p>
-
-<p>Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz
-Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction
-nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in
-sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span></p>
-
-<p>Das Land<a name="FNAnker_529_529" id="FNAnker_529_529"></a><a href="#Fussnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a> sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder
-besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen
-Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit
-flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern;
-doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten
-Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde
-Pfauen, ernste Marabut.</p>
-
-<p>Um 4 Uhr sind wir in Delhi. <em class="gesperrt">Imperial Hotel</em>, das mir am meisten
-empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; <em class="gesperrt">Grand Hotel</em>,
-wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt
-durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.</p>
-
-<p>Delhi wird als <em class="gesperrt">Rom Asien’s</em> bezeichnet. Seine <em class="gesperrt">älteste
-Geschichte</em> ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer,
-welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer
-und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind
-die Ueberbleibsel von <em class="gesperrt">sieben</em> verschiedenen Städten, die zu
-ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war
-<em class="gesperrt">Indraprastha</em>. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht
-Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert
-n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt
-genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf
-eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren
-letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit
-erscheint zuerst der Name Delhi,<a name="FNAnker_530_530" id="FNAnker_530_530"></a><a href="#Fussnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a> nach dem Fürsten Dilu, der 10
-Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute.
-792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052
-durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den
-Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von
-Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert.
-Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die
-Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht
-haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die
-Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:</p>
-
-<p>1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb
-Minar) und der grossen Moschee.</p>
-
-<p>2) Feroz Tughlak (1351&ndash;1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher,
-unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Eng<span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span>länder wieder
-hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.</p>
-
-<p>3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und
-erbaute einen Palast und eine Moschee.</p>
-
-<p>4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von
-„Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s
-2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.</p>
-
-<p>Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März
-wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte,
-vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine
-Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach
-Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte
-eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £
-geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten
-die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es
-bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja
-sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.</p>
-
-<p>Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens,
-72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche
-im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung
-von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die
-Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach
-Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische
-Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges
-Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit
-den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen
-Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten
-sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin
-befindlichen Forts.</p>
-
-<p>Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen
-Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen
-und besetzte den Bergrücken (<em class="gesperrt">Ridge</em>) dicht bei der Nordwest-Ecke
-von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als
-Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung
-30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und
-reichlichsten Schiessbedarf.</p>
-
-<p>Am 7. August kam General <em class="gesperrt">Nicholson</em> mit Verstärkungen an, am 4.
-September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten,
-nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden;
-am 8. September Richard <em class="gesperrt">Lawrence</em> mit weiteren<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span> Verstärkungen.
-Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang
-reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter
-starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und
-das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei
-Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde
-der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und
-fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt
-waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor
-mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm
-gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch
-den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das
-Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm <em class="gesperrt">Hodson</em>,
-ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während
-der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s
-Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das
-Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so <em class="gesperrt">schoss
-er die Prinzen mit eigener Hand nieder</em>. Der Alte kam vor das
-Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu
-haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7.
-October 1862 verstorben ist.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">jetzige Delhi</em> liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252
-Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer
-des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu
-und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen,
-sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab
-für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein
-grosser <em class="gesperrt">Handelsplatz</em>, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern
-von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta,
-andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches,
-endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.</p>
-
-<p>Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner
-und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger
-gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt
-ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein
-Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten
-Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen
-Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden,
-den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut
-Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser
-Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> hin, um den
-Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des
-Gesehenen zu geben.</p>
-
-<p>Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die
-Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die
-<em class="gesperrt">Burg des Kaiser Jahan</em> an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes
-Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite
-von West nach Ost.</p>
-
-<p>Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch
-(40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra;
-aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken
-Minarets desto gefälliger.</p>
-
-<p>Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria
-G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und
-die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt,
-vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.</p>
-
-<p>Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast
-Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte
-unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch
-allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie
-unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und
-von dem Schattenkaiser<a name="FNAnker_531_531" id="FNAnker_531_531"></a><a href="#Fussnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a> &mdash; bis 1857 &mdash; bewohnt,) sondern zunächst
-nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser
-geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren
-Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Fergusson</em> nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so
-etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts
-Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und
-Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan
-brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen,
-welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen
-haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst
-ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern
-niederlegen.</p>
-
-<p>Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das
-Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub
-durchschlüpfe, wurde der <em class="gesperrt">kostbarste Palast der Erde förmlich
-ausgeweidet</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span></p>
-
-<p>Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch <em class="gesperrt">geplündert</em>.
-Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten
-Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie
-nach England und &mdash; verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass
-man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.</p>
-
-<p>In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen,
-quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die
-<em class="gesperrt">Musik-Halle</em> stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der
-<em class="gesperrt">öffentlichen Audienz-Halle</em>. Im Norden dieser Gebäude-Reihe
-von 1600 Fuss Länge lagen die <em class="gesperrt">Gast-Räume</em> mit Gärten und der
-<em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em>. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss
-Länge, war von den <em class="gesperrt">Wohngemächern</em> und dem Harem eingenommen.
-Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend
-eines Schlosses in Europa.</p>
-
-<p>Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:</p>
-
-<p>1) Die öffentliche Audienz-Halle (<em class="gesperrt">Diwan-i-Am</em>). Sie ist ähnlich
-der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100
-Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei
-Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und
-Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen
-vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen
-verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der
-von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten
-Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine
-Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist
-mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine
-Löwen. Es gilt für das Werk von <em class="gesperrt">Austin de Bordeaux</em> und hat mir
-nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll
-eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa
-zum Hof des Schah, weil er daheim &mdash; verschiedene Fürsten mit falschen
-Edelsteinen betrogen hatte.)</p>
-
-<p>Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah,
-fand ich <em class="gesperrt">hier</em> wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und
-Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das
-schlagendste ist, ein <em class="gesperrt">Orpheus</em> mit der Cither in der Hand, von
-Thieren umgeben.“</p>
-
-<p>Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine
-herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der
-Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beute<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span>lustige
-Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und
-wieder zurückgeleitet.</p>
-
-<p>2) Die <em class="gesperrt">Privat-Audienzhalle</em> (Diwan-i-Khas). Es ist eine
-rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den
-breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach
-den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf
-Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen
-Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s
-geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung
-geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung,
-auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden
-hat.<a name="FNAnker_532_532" id="FNAnker_532_532"></a><a href="#Fussnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760
-mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle
-steht der berühmte persische Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Giebt es auf Erden ein Paradies,</div>
- <div class="verse">So ist es dies, so ist es dies.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde
-einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.</p>
-
-<p>3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (<em class="gesperrt">Rung Mahal</em>), die jetzt
-von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares
-Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die
-<em class="gesperrt">Wage der Gerechtigkeit</em> (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche
-die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben
-aufgelegt, theils ausgemeisselt.</p>
-
-<p>4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine
-rechte Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die
-<em class="gesperrt">Bäder</em>, drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch
-gefärbte Glasfenster erleuchtet.</p>
-
-<p>5) Dicht dabei ist die kleine <em class="gesperrt">Perl-Moschee</em> aus weissem und
-grauem Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit
-flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut
-und kostete 160000 Rupien.</p>
-
-<p>Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine
-Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores
-liegt die <em class="gesperrt">Jumma Musjid</em>, die als Hof-Kirche benutzt wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span></p>
-
-<p>Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der
-Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde.
-5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische
-Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah
-Jahan &mdash; von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach
-unserer Zeitrechnung.)</p>
-
-<p>Auf einem mächtigen <em class="gesperrt">Unterbau</em> erhebt sich die offene, mit 15 Fuss
-langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle,
-welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und
-den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der
-Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der
-Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange <em class="gesperrt">Freitreppe</em>
-von 36 Stufen empor zu einem <em class="gesperrt">Thorgebäude</em>. Das hauptsächlichste,
-östliche, der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen
-Gebäudes durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte
-ein gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine
-Gallerie mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die
-Thür im Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken
-belegt.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Hof</em>, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und
-Marmorplatten schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge
-von 325 Fuss. In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die
-Abwaschungen.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Moschee</em> selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie
-öffnet sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem
-grösseren mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und
-weissem Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von
-drei Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130
-Fuss hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht
-auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände
-vollständig mit Marmor bekleidet.</p>
-
-<p>Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten
-Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede
-stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung<a name="FNAnker_533_533" id="FNAnker_533_533"></a><a href="#Fussnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a>
-über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000
-Gläubige zusammen.</p>
-
-<p>In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten
-Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n.
-Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem <em class="gesperrt">Haar aus dem Bart
-des Pro<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span>pheten</em>. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem
-Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie
-spendet.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em> von Delhi ist <em class="gesperrt">Chandni Chauk</em>, die
-Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu
-dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit.
-Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von
-doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte,
-den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.</p>
-
-<p>In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer
-zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden,
-Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen
-fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren,
-allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte
-ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein
-Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte
-ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in
-Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager,
-das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich
-ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den
-einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich
-vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst
-Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler
-und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.</p>
-
-<p>Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in
-der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus
-für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen
-morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.</p>
-
-<p>In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk
-fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen
-Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der
-<em class="gesperrt">goldnen</em> empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der
-unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.</p>
-
-<p>Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten
-(<em class="gesperrt">Queen’s Gardens</em>), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang
-steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher
-gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss
-Höhe, und daneben das <em class="gesperrt">Museum</em>. Dasselbe enthält eine Sammlung
-von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus <em class="gesperrt">Delhi</em>
-eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den
-andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien
-(Riesenschachspiel) und Lampen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span></p>
-
-<p>Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des
-Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben
-werden.</p>
-
-<p>Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer
-Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (<em class="gesperrt">Mutiny Memorial</em>).
-Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die
-Königin von England als <em class="gesperrt">Kaiserin von Indien</em> verkündigt wurde.
-Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten
-europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische,
-versammelt und den grössten Prunk entfaltet.</p>
-
-<p>Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der
-Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi
-erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter
-ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den
-Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi
-konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.</p>
-
-<p>Wenn Delhi, wegen seiner <em class="gesperrt">Ruinen</em>, das Rom Asiens genannt wird, so
-verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse
-bezeichnet zu werden.</p>
-
-<p>Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts
-auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem
-ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug
-unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die
-Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten
-sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer
-<em class="gesperrt">Vorgängerin</em> Jahrhunderte lang als <em class="gesperrt">Steinbruch</em> ausgebeutet
-hat.</p>
-
-<p>Das erste Gebäude von Bedeutung ist <em class="gesperrt">Jai Sing’s Sternwarte</em>,
-ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“
-(Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen
-Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst
-folgt das Grabmal des <em class="gesperrt">Safdar Jang</em>, Abu ’l Mansur Khan, der
-um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah
-gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht
-war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh
-Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat
-von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem
-Sandstein und &mdash; Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei
-näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der
-Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span></p>
-
-<p>Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener <em class="gesperrt">britischer
-Artillerie</em>, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung
-schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar
-so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien
-antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen
-die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab
-für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei
-Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den
-Ernstfall birgt es grosse Gefahren.</p>
-
-<p>Das Endziel der Ausfahrt, <em class="gesperrt">Kutb Minar</em>, liegt 19 Kilometer südlich
-vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli
-einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es
-ist und sein soll, ein <em class="gesperrt">Denkmal des Sieges</em> der Mohammedaner über
-die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller
-aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din<a name="FNAnker_534_534" id="FNAnker_534_534"></a><a href="#Fussnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a> (1206 bis 1210) das
-Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch
-Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben.
-Der Führer allerdings erzählt uns ein <em class="gesperrt">Volksmärchen</em>, dass der
-Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der
-Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge
-zum Bad im Jumna-Fluss auszog.</p>
-
-<p>Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller
-abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem
-Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis
-auf 9 Fuss an der Spitze,<a name="FNAnker_535_535" id="FNAnker_535_535"></a><a href="#Fussnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> deren Kuppel allerdings abgefallen ist.
-In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter
-die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren
-Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche
-schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide
-abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst
-gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.</p>
-
-<p>Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder
-kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter
-dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden
-sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.</p>
-
-<p>Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf<span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span> der
-Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der
-allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den
-Massen der benachbarten Kathedrale.)</p>
-
-<p>390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche
-der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum
-dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der
-Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige
-Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht
-trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der
-Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss
-erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.</p>
-
-<p>In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der
-Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der
-im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung
-Tughlakabad.</p>
-
-<p>Kutb Minar steht neben der <em class="gesperrt">Moschee</em>, die Kutab-ud-din unmittelbar
-nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn
-Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den
-Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres
-Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch,
-53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die
-ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von
-ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27
-heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein;
-die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen
-zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit
-gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210&ndash;1236) und Alaud-din (1300) haben
-neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus
-altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.</p>
-
-<p>In dem ursprünglichen Hof steht der <em class="gesperrt">Eisenpfeiler</em>, 23 Fuss 8 Zoll
-hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit
-einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen
-Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es
-ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler
-aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht
-häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist
-der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)</p>
-
-<p>In den äussersten Hof führt <em class="gesperrt">Alaud-din’s Thor</em>, ein viereckiges
-Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span>
-Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den
-Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste
-Beispiel des früheren mohammedanischen oder <em class="gesperrt">Pathan-Stiles</em> in
-Indien.</p>
-
-<p>Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das <em class="gesperrt">Grabmal von
-Altamsh</em>, das älteste in Indien.</p>
-
-<p>Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s
-Denkmal noch die vom Führer so genannte <em class="gesperrt">Halle der</em> 64 Säulen,
-das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des
-Dichters <em class="gesperrt">Amir Khusran</em>, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in
-seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab
-des heiligen <em class="gesperrt">Nizam-u-din</em> (1652), noch heute von den Nachkommen
-seiner Schwester gepflegt; und endlich das der <em class="gesperrt">Jahanara</em>, der
-frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren
-Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658&ndash;1665) und ist
-1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des
-Leichensteins enthält die schönen Verse:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt.</div>
- <div class="verse">Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische
-Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie
-sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts
-geläufig waren.</p>
-
-<p>In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss
-tiefer <em class="gesperrt">Teich</em>, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann.
-Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden
-Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk
-zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.</p>
-
-<p>Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das
-Grabdenkmal von <em class="gesperrt">Humayun</em>, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau
-hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh<a name="FNAnker_536_536" id="FNAnker_536_536"></a><a href="#Fussnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a> gekostet und ist das älteste
-Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer
-Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen
-Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen,
-alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor
-geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder
-andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der
-Wiedereroberung Delhi’s am 12. September<span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span> 1857 Hodson den Mogul-König
-<em class="gesperrt">Bahadur</em> Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne
-mit eigener Hand niederschoss.</p>
-
-<p>1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer
-südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt
-<em class="gesperrt">Indrapat</em>, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings
-von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen
-Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt
-uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche
-Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und
-Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. <em class="gesperrt">Sher Schah</em>’s
-Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein,
-mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom:
-ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges
-Gebäude, <em class="gesperrt">die Bücherei von Humayun</em>, der hier, als er den Aufgang
-des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den
-Folgen der Verletzung gestorben ist.</p>
-
-<p>Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen
-Ruinen von <em class="gesperrt">Ferozabad</em>, der Festung, die Feroz Schah Tughlak
-1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der
-Steinpfeiler (<em class="gesperrt">lat</em>) des Königs <em class="gesperrt">Asoka</em> (257 v. Chr.), von
-den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht:
-die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah
-konnte Niemand dieselbe entziffern.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Jaipur" title="Jaipur."></h3>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center">Jaipur.<a name="FNAnker_537_537" id="FNAnker_537_537"></a><a href="#Fussnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a></p>
-
-<p class="s4 center mbot1"><em class="gesperrt">Die indische Heilkunde</em>.</p>
-
-<p>Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von
-Delhi nach <em class="gesperrt">Jaipur</em>, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay,
-Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer,
-für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur
-30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält,
-in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das
-Mittagsessen.)</p>
-
-<p>Ich komme also in die <em class="gesperrt">Rajputana</em>, jenes grosse Gebiet im
-nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches,
-unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span>
-einheimischen Fürsten regiert wird.<a name="FNAnker_538_538" id="FNAnker_538_538"></a><a href="#Fussnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a> Unter den letzteren sind nur
-zwei Mohammedaner.</p>
-
-<p>Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881
-an 10 Millionen Einwohner,<a name="FNAnker_539_539" id="FNAnker_539_539"></a><a href="#Fussnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a> von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina,
-nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.</p>
-
-<p>Von der ursprünglichen Kriegerkaste der <em class="gesperrt">Rajput</em> (im Sanskrit
-Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana,
-hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz
-auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d.
-h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll
-in ihrem Auftreten.</p>
-
-<p>Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen
-zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist
-aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei
-Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man
-erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die
-Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken
-bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.</p>
-
-<p>Abends spät gelange ich in das <em class="gesperrt">Gasthaus zur Kaiserin von Indien</em>
-(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in
-Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes,
-mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder
-Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach,
-wollten sie <em class="gesperrt">von aussen</em> ein Vorlegeschloss befestigen, was ich
-mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter
-des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem
-Zimmer, seinen Platz eingenommen.</p>
-
-<p>Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche,
-gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die
-Heldenlieder<a name="FNAnker_540_540" id="FNAnker_540_540"></a><a href="#Fussnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich
-auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht
-hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir
-nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde
-zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh
-er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung
-seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen
-machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese
-nächtlichen Lieder aufhörten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n.
-Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff,
-Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten
-erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit
-andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und
-gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana)
-tragen.</p>
-
-<p>Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige
-Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst
-Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare
-Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und
-Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen
-musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen
-Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul
-geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.</p>
-
-<p>Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der
-Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig
-besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur
-britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen
-Meuter-Aufstands.</p>
-
-<p>Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist <em class="gesperrt">Jaipur</em> mit 37000
-Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als
-2315000 Hindu sind.<a name="FNAnker_541_541" id="FNAnker_541_541"></a><a href="#Fussnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste
-Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha<a name="FNAnker_542_542" id="FNAnker_542_542"></a><a href="#Fussnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> ist der
-35<sup>te</sup>; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama,
-den<span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span> Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. <em class="gesperrt">Jai Singh</em>,<a name="FNAnker_543_543" id="FNAnker_543_543"></a><a href="#Fussnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a>
-der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die
-Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig;
-ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den
-Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre
-bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in
-einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man,
-dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut
-und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. <em class="gesperrt">Hans
-Meyer</em> dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)</p>
-
-<p>Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen
-von jährlich 10 Millionen Mark,<a name="FNAnker_544_544" id="FNAnker_544_544"></a><a href="#Fussnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a> wovon er allerdings auch die
-Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen
-und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat.
-Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch
-üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus.
-Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.</p>
-
-<p>Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über
-dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten
-Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im
-Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss,
-Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in
-den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg<a name="FNAnker_545_545" id="FNAnker_545_545"></a><a href="#Fussnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> (Mittelschule)
-mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas
-schüchterne) Gas-Beleuchtung.<a name="FNAnker_546_546" id="FNAnker_546_546"></a><a href="#Fussnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> Die Zahl der Einwohner betrug
-1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst
-Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den
-einheimischen Staaten Indiens.</p>
-
-<p>Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur
-Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst
-mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.</p>
-
-<p>Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die
-fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein
-Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span>Schein
-<em class="gesperrt">eigenhändig</em> unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer
-russischen Freunde<a name="FNAnker_547_547" id="FNAnker_547_547"></a><a href="#Fussnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a> ganz gut heraus und begleiten sie durch
-das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen
-die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah
-besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange
-fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt.
-Vor Allem wird das Reisen in den <em class="gesperrt">Schutzstaaten</em> überwacht. Wo
-es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus
-unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende
-hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.<a name="FNAnker_548_548" id="FNAnker_548_548"></a><a href="#Fussnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a> Wo wegen des
-grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in
-Jaipur, kann man die <em class="gesperrt">Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste</em>
-nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So
-wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz
-vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, <em class="gesperrt">ohne</em> die
-Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.</p>
-
-<p>Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten
-Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei
-munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment)
-gelegenen Gasthaus nach der Stadt.</p>
-
-<p>Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie
-krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort <em class="gesperrt">Welcome</em> eingelegt.
-Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen
-uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche
-ich in den vorigen Tagen gesehen.</p>
-
-<p>Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von
-6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden
-Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen,
-sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer
-noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten
-Winkeln.)</p>
-
-<p>Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die
-einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the
-Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen,<span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span> mit
-Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie
-mit weissen Zierrathen versehen liess.</p>
-
-<p>Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine
-Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich
-Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch
-seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil
-nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als
-tüchtig gebaut.</p>
-
-<p>Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen
-waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in
-die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern
-eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge
-sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens.
-Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine
-Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen
-Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.</p>
-
-<p>Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen <em class="gesperrt">Laden</em> geschleppt, wo
-die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so
-geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er
-mit mir kein Glück.</p>
-
-<p>Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem
-prachtvollen <em class="gesperrt">Park</em> ausserhalb der Mauern, der als der schönste
-von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28
-Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die
-Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.</p>
-
-<p>In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des <em class="gesperrt">Lord Mayo</em>
-errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen,
-eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch
-der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines
-Mörders sein Leben eingebüsst hat.</p>
-
-<p>In dem Garten sind <em class="gesperrt">Vogelhäuser</em> mit Riesen-Pfauen, auch den
-schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit
-<em class="gesperrt">wilden Thieren</em>, namentlich mit <em class="gesperrt">Tigern</em>.</p>
-
-<p>Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere
-zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er
-reizt den Tiger zu höchster Wuth und &mdash; hält dann die Hand auf, um
-ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei
-einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich
-erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden,
-<em class="gesperrt">Menschenfresser</em> seien; der eine habe fünfzehn, der<span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span> andere zehn,
-der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger
-in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich
-vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst
-Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück
-seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.</p>
-
-<p>Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein
-zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250
-englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen
-getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis
-ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798
-Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an
-einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gefangen</em> werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose
-darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in
-der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos
-geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig
-gebracht und zur Schau ausgestellt.</p>
-
-<p>Der Hauptschmuck des Gartens ist <em class="gesperrt">Albert Hall</em>, ein neues
-Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und
-das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der
-Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an
-deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr.
-an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den
-altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das
-Innere ist ein <em class="gesperrt">Kunstmuseum</em>; dasselbe enthält die Ergebnisse
-der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883
-hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer
-stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen
-der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die <em class="gesperrt">vollständigste</em>.
-Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da
-sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter,
-Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür
-die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten;
-Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit
-wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles
-mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.</p>
-
-<p>Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen
-herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward
-ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span>
-von unserem Prof. <em class="gesperrt">Herter</em> erblickte, offenbar als Muster, um den
-Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.</p>
-
-<p>Es giebt auch eine wirkliche <em class="gesperrt">Kunstschule</em> in Jaipur, welche
-Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten
-Mustern neu beleben soll.</p>
-
-<p>Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um
-die <em class="gesperrt">Stadt selber</em> genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange
-Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em>,
-alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck,
-theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem
-Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen
-Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen
-ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.</p>
-
-<p>Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit <em class="gesperrt">Läden</em>,
-unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden,
-welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und &mdash;
-Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Marktplatz</em> am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist
-rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner
-mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses
-Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer
-aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und
-einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen
-grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre
-Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen
-Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse
-verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die
-jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm
-trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring
-aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das
-begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.</p>
-
-<p>Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen
-den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen
-<em class="gesperrt">Grünhörner</em> im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind
-mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder
-Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen.
-Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns
-Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und
-zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart,
-welche<span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span> das Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir
-den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz
-andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem
-Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet,
-mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm
-schreiend Platz zu machen suchen.</p>
-
-<p>Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh
-erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt
-mit seinen Gärten ein <em class="gesperrt">Siebentel</em> ihrer Flächenausdehnung.</p>
-
-<p>Nahe dem Haupteingang erhebt sich der <em class="gesperrt">Himmelsthurm</em>, der von dem
-Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem
-gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.</p>
-
-<p>Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother,
-zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten &mdash; ohne
-Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien
-üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.</p>
-
-<p>Der Haupttheil des Palastes (<em class="gesperrt">Chandra Mahal</em>) ist ein in sieben
-sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes
-Gebäude aus neuerer Zeit, &mdash; wenn man will, in indisch-italienischem
-Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die
-Zimmer der Frauen enthält.</p>
-
-<p>Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch
-verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten
-gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine
-schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind
-leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.</p>
-
-<p>Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse
-aus sehen kann, ist die Halle der Winde (<em class="gesperrt">Hawal Mahal</em>), auch
-von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen,
-unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, &mdash; von den
-Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,<a name="FNAnker_549_549" id="FNAnker_549_549"></a><a href="#Fussnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> aber in der
-That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.</p>
-
-<p>Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.</p>
-
-<p>Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine
-Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine
-Staatsdruckerei.</p>
-
-<p>Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber
-unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span></p>
-
-<p>Besser gehalten sind die <em class="gesperrt">Ställe</em>, wo gute Araber-Rosse für den
-Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den
-Gold- und den Silber-<em class="gesperrt">Prunkwagen</em> des Fürsten und ist erstaunt,
-wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.</p>
-
-<p>Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von <em class="gesperrt">Elephanten</em>,
-die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere,
-deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei
-festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.</p>
-
-<p>In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der
-<em class="gesperrt">Krokodil-Teich</em>.<a name="FNAnker_550_550" id="FNAnker_550_550"></a><a href="#Fussnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a></p>
-
-<p>Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten;
-aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich
-sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber
-unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer
-flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der
-Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt
-haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell,
-wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die
-Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein
-Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick
-festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den
-ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die
-Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie
-schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und
-wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken,
-so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses
-zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils
-verschwindet.</p>
-
-<p>Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in
-raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an
-der Beute herausholt.</p>
-
-<p>Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den
-<em class="gesperrt">Fürsten</em> zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse
-Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen,
-fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von
-einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span>
-Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart,
-in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden
-erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tempel</em> giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte
-des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig
-sind diese Bauten nicht. Der berühmte <em class="gesperrt">goldne</em> Tempel ist ein
-offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt,
-im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.</p>
-
-<p>Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine
-Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten
-sind noch zu erwähnen die <em class="gesperrt">Grabdenkmäler</em> der Fürsten, ausserhalb
-der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von
-ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem
-Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten
-Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind <em class="gesperrt">Leergräber</em> oder
-Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit
-Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)</p>
-
-<p>Der alte <em class="gesperrt">Garten</em> (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin
-der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese
-Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete
-Stündchen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Hauptvergnügen</em> in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch
-die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des
-Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem
-freien Platz vor <em class="gesperrt">Albert Hall</em>, wo die vornehme Welt erscheint,
-um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des
-Maharadscha zu lauschen.</p>
-
-<p>Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert
-Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich
-sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der
-einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend
-entgegenzunehmen.</p>
-
-<p>Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen.
-Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von
-<em class="gesperrt">einheimischen Verkäufern</em>. Ich selber, der ich unterwegs, ausser
-den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich
-es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen,
-war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die
-dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis
-abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten
-kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er
-von der Hand in den Mund lebt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span></p>
-
-<p>Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die
-fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen;
-sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der
-Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen
-hat.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Haupt-Ausflug ist nach Amber</em>.<a name="FNAnker_551_551" id="FNAnker_551_551"></a><a href="#Fussnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> Montag, den 19.
-December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor
-Sonnenaufgang.</p>
-
-<p>Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus,
-durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem
-aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener
-<em class="gesperrt">Wasserpalast</em> des Fürsten emporragt.</p>
-
-<p>Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick
-auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten.
-Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete,
-auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur
-Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor,
-ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es,
-3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist
-nichts weniger, als angenehm.</p>
-
-<p>Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein
-Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand
-bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige
-Waffe ist ein Schild.<a name="FNAnker_552_552" id="FNAnker_552_552"></a><a href="#Fussnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a> In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen
-Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.</p>
-
-<p>Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier
-enthüllt sich uns ein <em class="gesperrt">wunderbares Schauspiel</em>: oben auf dem hohen
-Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden
-Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an
-der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt <em class="gesperrt">Amber</em>.</p>
-
-<p>Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im
-Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten,
-bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.</p>
-
-<p>Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit
-festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span> und dem in
-das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige
-Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.</p>
-
-<p>Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo
-die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst
-und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist
-es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich
-geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und
-Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch
-Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau
-vollendet.</p>
-
-<p>Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige
-Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch
-pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem
-scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener
-Kuppeln.</p>
-
-<p>Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und
-bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und
-Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges
-Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem
-die öffentliche <em class="gesperrt">Audienz-Halle</em> steht. Die Marmorsäulen, in
-zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein
-massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit
-durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den
-Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza
-Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung
-zu schützen.</p>
-
-<p>Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen
-Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss
-getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns
-vor Einführung der Papiertapeten üblich war!</p>
-
-<p>Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der
-blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege
-geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung
-der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die
-besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.</p>
-
-<p>Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte <em class="gesperrt">Thor
-Jai Singh’s</em> eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener
-Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des
-Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten
-als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai
-Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster;
-kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch<span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span>
-eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B.
-Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in
-die Alabaster-Täfelungen eingelegt.</p>
-
-<p>Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die
-verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die
-als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.</p>
-
-<p>Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und
-eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch
-grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem
-Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu
-dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die
-tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert
-worden.</p>
-
-<p>Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung
-sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den
-zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten
-Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben
-mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.<a name="FNAnker_553_553" id="FNAnker_553_553"></a><a href="#Fussnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a> Ein Hindu-Tempel
-steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll;
-<em class="gesperrt">Murray</em> sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger,
-als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt.
-Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist,
-wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen
-reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie
-oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe,
-deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen
-gestalteten Enden berühren.</p>
-
-<p>Auf der Rückfahrt sehe ich die <em class="gesperrt">Dungkuchen-Herstellung</em>, eine
-Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen
-„Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der
-Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus
-platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte
-zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient
-und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz
-ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen
-plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span>
-werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen
-sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs
-der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem
-abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und
-einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in
-dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren
-der <em class="gesperrt">altindischen Heilkunde</em> nachzugehen, die vielleicht bis auf
-unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine
-anziehende Aufgabe.</p>
-
-<p>Die Heilkunde hat in der <em class="gesperrt">brahmanischen</em> Zeit selbständig sich
-entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für
-die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende
-Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung
-vom Leben) den <em class="gesperrt">Göttern</em> zugeschrieben. Die Krankheitsnamen,
-die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.<a name="FNAnker_554_554" id="FNAnker_554_554"></a><a href="#Fussnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a>)
-vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden
-doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in
-Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses
-sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen
-Heilkunde, die unter dem Namen des <em class="gesperrt">Susruta</em> und <em class="gesperrt">Charaka</em>
-überlieferten Schriften, gehören den <em class="gesperrt">späteren</em> Zeiten der
-Sútra oder Ueberlieferungen an. <em class="gesperrt">Wann</em> sie in der jetzigen Form
-niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.</p>
-
-<p>Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die
-indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei.
-Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über
-Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer
-Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an
-ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich
-denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen,
-enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist.
-Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten
-und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir
-Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt
-haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span></p>
-
-<p>Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau
-und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend,
-ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so
-sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute
-nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder
-betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die
-Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet
-den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige
-abgeht, gleicht einem Vogel mit nur <em class="gesperrt">einem</em> Flügel.</p>
-
-<p>Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des
-Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche
-Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde
-gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen
-Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn
-Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen
-und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige
-ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die
-Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.</p>
-
-<p>Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den
-Grundstock für die erwähnten Schriften.</p>
-
-<p>Als der heutige Hinduismus entstand (750&ndash;1000 n. Chr.), und die Kasten
-sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde
-auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen
-der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad
-(750&ndash;960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor
-im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind
-vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.</p>
-
-<p>In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der
-Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben
-englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich
-Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch
-noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen.
-Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.</p>
-
-<p>Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer
-Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter
-den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538
-eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für
-diese Zahlen (<em class="gesperrt">Hunter</em>), erwähnt nicht die<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> weiblichen Studenten,
-doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung
-von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur
-Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht
-worden.</p>
-
-<p>Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher
-Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die <em class="gesperrt">Nasenbildung</em> und
-der <em class="gesperrt">Star-Stich</em>.</p>
-
-<p>Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher,
-als <em class="gesperrt">gesetzliche Strafe</em> in Indien vorkommt; so ist es doch noch
-<em class="gesperrt">Sitte</em> in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte
-die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends,
-auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte
-Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder
-von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung <em class="gesperrt">wird</em> ausgeführt
-in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts
-englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der
-<em class="gesperrt">Ziegelstreicher-Kaste</em>, sondern von Schülern der englischen
-Universitäten und Krankenhäuser.</p>
-
-<p>Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten
-beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst
-in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene
-Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Star-Stich</em><a name="FNAnker_555_555" id="FNAnker_555_555"></a><a href="#Fussnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> war den alten Griechen während ihrer
-Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften
-noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon.
-<em class="gesperrt">Celsus</em> (zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die
-erste Beschreibung geliefert; <em class="gesperrt">Galen</em> (im 2. Jahrhundert n. Chr.)
-erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom
-Fach-Aerzte für den Star-Stich gab; <em class="gesperrt">Paulus von Aegina</em> (im 7.
-Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige
-Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den
-verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. Die
-<em class="gesperrt">Araber</em> des Mittelalters beschreiben sowohl die griechische
-Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die
-Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst
-mit einem Messerchen einen<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span> kleinen Schnitt durch die harte Haut des
-Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den
-Star nach unten zu verschieben.</p>
-
-<p>Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde
-erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf
-Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch
-Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit
-ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten
-ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den
-umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.</p>
-
-<p>Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren
-der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben
-diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen,
-auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher
-sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England;
-im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer
-Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat
-aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre
-Hauptstadt wieder verlassen müssen.<a name="FNAnker_556_556" id="FNAnker_556_556"></a><a href="#Fussnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a></p>
-
-<p>Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, <em class="gesperrt">welchem Volke</em> (oder
-gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei,
-scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.</p>
-
-<p>Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres
-Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren
-in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es
-zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine
-Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen
-ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine
-Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.</p>
-
-<p>Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim
-Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren)
-bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner
-geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu
-Gunsten des Star-Schnitts.</p>
-
-<p>Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst
-sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so
-dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span>
-längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der
-<em class="gesperrt">Star-Schnitt</em> durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher
-geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt
-und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.</p>
-
-<p>Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen
-Aerzten, was ich schon vorher gelesen,<a name="FNAnker_557_557" id="FNAnker_557_557"></a><a href="#Fussnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a> dass die unwissenden
-und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich
-die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien.
-Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische
-Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher
-unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu
-Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst
-Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen,
-obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem
-Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings
-der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille
-gefallen.</p>
-
-<p>In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter
-einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen,
-in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel
-Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus
-befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt
-ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend,
-einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in
-<em class="gesperrt">seinem</em> Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.</p>
-
-<p>Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse
-von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den
-bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen
-und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit
-und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse
-Schwierigkeiten bereiteten.</p>
-
-<p>Sie waren zwischen 50&ndash;60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach
-zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit
-worden. (<em class="gesperrt">Wasser</em> nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter
-und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen
-vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> mehreren Jahren
-operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind.
-Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher
-operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt
-im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.</p>
-
-<p>Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die
-Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf
-seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er
-müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem
-Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.</p>
-
-<p>Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der
-geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von
-Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich
-fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen
-konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu
-dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen
-wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und
-fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem
-Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich
-auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse
-fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut
-gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine
-Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie
-zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein
-Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated
-into Urdu. Agra 1884.“</p>
-
-<p>In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen,
-ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien
-Geldstrafe.</p>
-
-<p>Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich
-verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40
-Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische
-Unzuverlässigkeit. <em class="gesperrt">Einer</em> war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden
-Augen vor neun Jahren von jenem operirt, &mdash; mit gutem Erfolge.</p>
-
-<p>Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein
-einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen
-sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen
-Kranken <em class="gesperrt">von ihren Ketten nicht befreit</em> sind! Die Briten, die in
-so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in
-alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> Pfuscher gut
-operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem
-ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte
-ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.</p>
-
-<p>Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher
-trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge
-erzielen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Geheimniss</em> liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden
-Sonne in Indien der Alters-Star <em class="gesperrt">zwanzig Jahre früher</em> reift, als
-bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei
-mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter
-geringer als im höheren.</p>
-
-<p>Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den
-Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die
-<em class="gesperrt">Gerechtigkeit</em> anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten,
-vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker
-ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe
-Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte
-Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu
-beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch
-in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der
-englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden
-nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder
-Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Berg_Abu">Berg Abu.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road.
-(Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay,
-Baroda and Central India Railway.)</p>
-
-<p>In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000
-Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern
-mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung
-genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.</p>
-
-<p>Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen
-aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt
-ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein
-gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel;
-plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span></p>
-
-<p>Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach
-dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten
-zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen
-Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten <em class="gesperrt">Hügel</em>
-auf (<em class="gesperrt">Arawali</em> hills); das Land sieht recht dürr aus und wird
-hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.</p>
-
-<p>Auf dem Halteplatz <em class="gesperrt">Abu Road</em> lasse ich meinen Koffer zurück,
-sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach <em class="gesperrt">Abu Mountain</em>, das
-24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.<a name="FNAnker_558_558" id="FNAnker_558_558"></a><a href="#Fussnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a></p>
-
-<p>Ich selber bestieg die <em class="gesperrt">Jinrikisha</em>, welche von sechs einander
-ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.<a name="FNAnker_559_559" id="FNAnker_559_559"></a><a href="#Fussnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a></p>
-
-<p>Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25°
-nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern
-auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte
-sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“
-zu entnehmen war.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Berg Abu</em> gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch
-ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und
-erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland
-aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und
-Hindu als Heiligthum verehrt wurde.</p>
-
-<p>Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat <em class="gesperrt">Sirohi</em>, der
-unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800
-Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.</p>
-
-<p>Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden
-Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit
-zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht
-romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben
-reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien
-und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen
-Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem
-Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe
-Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem
-einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der
-Pistolenkolben aus der Rocktasche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p>
-
-<p>Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier
-beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber
-ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz
-Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder
-Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.</p>
-
-<p>Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht
-gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine
-Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen
-schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.</p>
-
-<p>Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein
-<em class="gesperrt">Fakir</em><a name="FNAnker_560_560" id="FNAnker_560_560"></a><a href="#Fussnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein
-Zelt, sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen
-Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die
-Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem
-Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut
-aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes
-Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit
-Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den
-Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn
-die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.</p>
-
-<p>Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser
-<em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach
-tiefe, sogar schraubenförmige Löcher, die an <em class="gesperrt">ehemalige Gletscher</em>
-erinnern; auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen
-unter, Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit
-dem letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im
-Gasthaus.</p>
-
-<p>Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen
-Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.</p>
-
-<p>Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen
-alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes
-Plauderstündchen mit ihm verlebte, &mdash; hier befiel mich zum ersten Male
-ernstlich das <em class="gesperrt">Heimweh</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p>
-
-<p>Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth
-und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die
-wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die
-merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und
-grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun
-sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½
-Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten
-(Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten
-und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h.
-die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem
-Meere, die Temperatur ist angenehm.</p>
-
-<p>Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den
-Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.</p>
-
-<p>Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen
-weiden <em class="gesperrt">fette Kühe</em>, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon
-nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus
-Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den
-ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische
-Brunnen bezeichnet werden.</p>
-
-<p>Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem
-Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den
-Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>
-(Delwara<a name="FNAnker_561_561" id="FNAnker_561_561"></a><a href="#Fussnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a>) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu
-unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich
-angelegten <em class="gesperrt">Edelstein-See</em> (Gem lake<a name="FNAnker_562_562" id="FNAnker_562_562"></a><a href="#Fussnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a>), der einige hundert
-Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.</p>
-
-<p>Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem
-der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer
-entfernten Tempeln.</p>
-
-<p>Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren
-Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige
-Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern
-mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten
-Tempeln angehören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Innere ist überraschend.</em> Der prachtvollere der beiden
-Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung
-auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen,
-sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen
-Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18
-Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des
-Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der
-460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden
-musste!</p>
-
-<p>Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel
-errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.</p>
-
-<p>Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah,
-um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich
-geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die
-Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.</p>
-
-<p>In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer
-Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in
-ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha<a name="FNAnker_563_563" id="FNAnker_563_563"></a><a href="#Fussnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a>) enthält und
-oben das Spitz-Dach<a name="FNAnker_564_564" id="FNAnker_564_564"></a><a href="#Fussnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a> trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine
-prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang
-des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen
-weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.</p>
-
-<p>Achtundvierzig <em class="gesperrt">freistehende</em>, herrlich geschmückte <em class="gesperrt">Säulen</em>
-setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht
-die Wölbung aus <em class="gesperrt">wagerechten</em> Steinen; die <em class="gesperrt">strahlenförmige</em>
-der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk
-aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen
-Strebepfeilern.)</p>
-
-<p>Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und
-90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs)
-von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben
-ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;<a name="FNAnker_565_565" id="FNAnker_565_565"></a><a href="#Fussnote_565_565" class="fnanchor">[565]</a> jede von
-diesen<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten
-Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem
-Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles
-ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere
-und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und
-mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an
-jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs.
-Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries
-von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht,
-darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen.
-Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor
-in feinster Ausführung frei herab,<a name="FNAnker_566_566" id="FNAnker_566_566"></a><a href="#Fussnote_566_566" class="fnanchor">[566]</a> nach Fergusson ohne Gleichen
-auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben
-in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren
-geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren
-Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten
-Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In
-dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die
-scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Ganze</em> macht einen höchst überraschenden, geradezu
-wunderbaren Eindruck, obwohl manche <em class="gesperrt">Einzelheiten</em> uns weniger
-anziehen.</p>
-
-<p>Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im
-Baustoff als auch in der Ausführung.</p>
-
-<p>Ein grässlich lärmender <em class="gesperrt">Gottesdienst</em> mit Gong und Pauken wurde
-grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind
-sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir
-zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.</p>
-
-<p>Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt
-waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine
-grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist
-von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.</p>
-
-<p>Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom
-Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein.
-<em class="gesperrt">Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,</em>
-sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von<span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span>
-Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir
-angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien
-werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.</p>
-
-<p>Die Frage der <em class="gesperrt">Jaina</em> ist darum so schwierig, weil erstens die
-Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern
-der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens
-der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr
-geringfügig erscheint.</p>
-
-<p>Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit
-und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste
-Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von
-seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge
-und üben <em class="gesperrt">ahimsâ</em>, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer
-gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich
-des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes
-Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie
-niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören.
-Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen <em class="gesperrt">Triratna</em> (d. h. die
-drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3)
-vollkommenes Leben.</p>
-
-<p>Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die
-Jaina erkennen <em class="gesperrt">vierundzwanzig Jina</em> an, (d. h. Siegreiche, oder
-<em class="gesperrt">Thirthankara</em>, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise,
-welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich
-den vorletzten <em class="gesperrt">Parsvanath</em> und den letzten <em class="gesperrt">Mahavira</em>,
-(d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von
-Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren
-Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre
-Religion begründet haben soll.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jetzt</em> giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl
-in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen
-angegeben wird.</p>
-
-<p>Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist
-Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und
-unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen
-Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben sind.
-Sie theilen sich in <em class="gesperrt">Yati</em> oder Büsser und <em class="gesperrt">Çravaka</em> oder
-Hörer (Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut
-neue, prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden.
-Aber weit grösser war ihr Einfluss in <em class="gesperrt">früherer</em> Zeit; nur ist es
-sehr schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span></p>
-
-<p>Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen
-Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine
-Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine
-besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich
-Hindu.</p>
-
-<p>Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt.
-Unser Landsmann <em class="gesperrt">Jacobi</em> hat neuerdings (1884) dargethan, dass
-Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben,
-nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse
-Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war
-die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und
-verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt
-wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr.
-verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. Chr.
-Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der <em class="gesperrt">Swetambara</em> oder
-Weissgekleideten und <em class="gesperrt">Digambara</em> oder Nackten (Luft-gekleideten)
-zwei oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese
-Theilung besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara
-Yati) jetzt Nacktheit nicht mehr <em class="gesperrt">öffentlich</em> zur Schau tragen.
-Der Streit zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den
-kanonischen Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.)
-wird die Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen),
-in den Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n.
-Chr. aber beide Secten der Jaina erwähnt.</p>
-
-<p>Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr.,
-war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί
-übersetzte.<a name="FNAnker_567_567" id="FNAnker_567_567"></a><a href="#Fussnote_567_567" class="fnanchor">[567]</a></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am
-Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha
-wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben
-gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer
-Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie
-sich zum Schmause lagern.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Ahmedabad">Ahmedabad.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,<a name="FNAnker_568_568" id="FNAnker_568_568"></a><a href="#Fussnote_568_568" class="fnanchor">[568]</a> wo ich
-Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug der <em class="gesperrt">Bombay, Baroda<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span> and Central
-India</em> Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½
-Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)</p>
-
-<p>In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal
-wieder das <em class="gesperrt">Kreuz des Südens</em> zu erblicken. <em class="gesperrt">Dante</em>, dem es
-wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach
-seinem Anblick; <em class="gesperrt">Vespucci</em> sah es auf seiner dritten Reise (1501);
-<em class="gesperrt">Corsali</em> (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.</p>
-
-<p>Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so
-gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war
-mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem
-nördlichen Wendekreis.</p>
-
-<p>Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in
-den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.</p>
-
-<p>Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte,
-ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.</p>
-
-<p>Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des
-Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf
-Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche
-Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines
-Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.</p>
-
-<p>Die Stadt <em class="gesperrt">Ahmedabad</em> (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also
-ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer
-148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer,
-welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und
-fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite
-der Stadt) nach dem <em class="gesperrt">Rasthaus</em>, das dicht vor dem in der Mitte
-der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse
-des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer,
-mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der
-Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ahmedabad ist äusserst lohnend.</em> Die Stadt ist die erste im
-Bezirk <em class="gesperrt">Guzerat</em> und die zweite in der ganzen Präsidenschaft
-Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.</p>
-
-<p>Guzerat<a name="FNAnker_569_569" id="FNAnker_569_569"></a><a href="#Fussnote_569_569" class="fnanchor">[569]</a> liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20
-und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und
-besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> dem
-daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den
-Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer
-und enthält 7½ Millionen Einwohner.<a name="FNAnker_570_570" id="FNAnker_570_570"></a><a href="#Fussnote_570_570" class="fnanchor">[570]</a> Hiervon entfallen 163000
-Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster
-<em class="gesperrt">Baroda</em> ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern
-auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die
-fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.</p>
-
-<p>Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als
-Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet,
-bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.</p>
-
-<p>Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die
-byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen
-Baruch (<em class="gesperrt">Barotsch</em>) an der Mündung des Nerbudda.</p>
-
-<p>Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara),
-der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land
-zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100
-hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der
-Brahmanen.</p>
-
-<p>Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches
-von Delhi.<a name="FNAnker_571_571" id="FNAnker_571_571"></a><a href="#Fussnote_571_571" class="fnanchor">[571]</a></p>
-
-<p>Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig.
-Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem
-Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat
-eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen
-Sohn <em class="gesperrt">Ahmed Schah</em> erbaute 1411, auf dem Grund einer alten
-Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach
-seinem Namen benannte Stadt <em class="gesperrt">Ahmedabad</em>, stattete sie mit breiten
-Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und
-machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und
-des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an
-Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten.
-Nach Mahmud Begada (1459&ndash;1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu
-sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die
-Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572
-wurde von einer Partei desselben <em class="gesperrt">Akbar</em> herbeigerufen, drang
-ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machte<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span> Guzerat zu
-einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet
-wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine
-Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem
-Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an
-Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit
-seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das
-Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide,
-Gold.“<a name="FNAnker_572_572" id="FNAnker_572_572"></a><a href="#Fussnote_572_572" class="fnanchor">[572]</a></p>
-
-<p>Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der
-Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt,
-bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz
-der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen
-Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.</p>
-
-<p>Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch
-Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück,
-da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark
-bestellte, &mdash; sein Vorgänger für 1½ Millionen.</p>
-
-<p>Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in
-nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner<a name="FNAnker_573_573" id="FNAnker_573_573"></a><a href="#Fussnote_573_573" class="fnanchor">[573]</a>
-zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und
-umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege
-enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen
-gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche
-abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.</p>
-
-<p>Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss,
-der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings
-mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite
-beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt
-zieht die Eisenbahn hin.</p>
-
-<p>Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden
-wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht
-besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die
-bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form
-ihrer <em class="gesperrt">hindu-saracenischen Baukunst</em>. Die Kunst der durch
-Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie
-die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span>
-indisch geblieben. Die Gestalt ihrer <em class="gesperrt">Verzierungen</em> ist gradezu
-unübertrefflich.</p>
-
-<p>Zuerst fahren wir nach der <em class="gesperrt">Hauptsehenswürdigkeit</em>, der <em class="gesperrt">Jumma
-Musjid</em>. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der
-ostwestlichen <em class="gesperrt">Hauptstrasse</em> (Manik Chauk).</p>
-
-<p>Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten
-Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt
-man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter
-Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des
-Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also
-20000 Quadratfuss misst.</p>
-
-<p>Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu
-jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten
-und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings
-als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch
-ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte
-jedes der beiden Thürme<a name="FNAnker_574_574" id="FNAnker_574_574"></a><a href="#Fussnote_574_574" class="fnanchor">[574]</a> ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819
-herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk<a name="FNAnker_575_575" id="FNAnker_575_575"></a><a href="#Fussnote_575_575" class="fnanchor">[575]</a>) tragen das
-Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind
-grösser und höher, als die andern.</p>
-
-<p>Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und
-den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.</p>
-
-<p>In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes,
-eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des
-Sultans ist oben in der Mitte.</p>
-
-<p>Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden
-Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese
-hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut
-auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. &mdash;
-Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern
-neben ihm. &mdash; Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn
-von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“</p>
-
-<p>Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze
-Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine
-umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren
-Fuss setzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span></p>
-
-<p>An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah.
-Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von
-achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit.
-Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit
-Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit
-Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines
-Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber
-der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der
-durchbrochenen Fenster.<a name="FNAnker_576_576" id="FNAnker_576_576"></a><a href="#Fussnote_576_576" class="fnanchor">[576]</a></p>
-
-<p>Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt,
-bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an
-der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch,
-sondern echt hindostanisch sein.</p>
-
-<p>Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“
-An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen
-(<em class="gesperrt">Minarets</em>) versehene eigentliche Moschee, in welcher die
-Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen
-Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (<em class="gesperrt">Kiblah</em>), noch den Platz
-enthält, an dem der Koran gelesen wird. (<em class="gesperrt">Mimbar</em>.) In der Mitte
-des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An
-der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal
-(<em class="gesperrt">Roza</em>) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in
-ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.</p>
-
-<p>Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das
-Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem
-Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger,
-so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen.
-Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s
-<em class="gesperrt">dreifaches Thor</em> (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher
-Bildhauerverzierung.</p>
-
-<p>Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute
-<em class="gesperrt">Burg</em> (<em class="gesperrt">Badr</em> genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der
-Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der
-Mogul, Azam Khan, 1636 erbaute <em class="gesperrt">Palast</em>, zwei gewaltige Thürme mit
-Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; die <em class="gesperrt">Rubin-Bastion</em>
-(Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, in<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span> der
-Nordostecke der Umwallung, <em class="gesperrt">Sidi Said’s Moschee</em>, jetzt allerdings
-für die örtliche <em class="gesperrt">Verwaltung</em> benutzt. Aber die durchbrochene
-<em class="gesperrt">Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster</em> lohnt allein schon die
-Reise nach Ahmedabad.</p>
-
-<p>Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche
-Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen.
-Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die
-feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die
-Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist
-naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten
-Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.</p>
-
-<p>Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem
-Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der <em class="gesperrt">Rani
-Sipri</em> liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat
-1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss
-in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.</p>
-
-<p>Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern
-aus weissem Marmor.</p>
-
-<p>Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang
-stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss
-hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss
-hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein
-Triumph des Bildhauers.</p>
-
-<p>Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen
-zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener
-Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt
-und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.</p>
-
-<p>1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der <em class="gesperrt">Kankariya</em>-
-oder <em class="gesperrt">Bergkrystall-See</em>, 1451 von dem Sultan <em class="gesperrt">Kutbudin</em>
-angelegt und 1872 von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in
-Ordnung gebracht. Sein Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und
-bildet ein regelmässiges Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss
-lang ist; sein Flächeninhalt beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren.
-Es ist die grösste Anlage dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem
-Südende führt ein Damm mit Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen
-Insel, auf der, inmitten von Palmen und violettblühenden Bäumen mit
-prachtvollem Grün, eine Erholungshalle angebracht ist.</p>
-
-<p>Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von
-weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die
-Sperlinge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span></p>
-
-<p>Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal
-von <em class="gesperrt">Schah Alam</em>, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher
-Berather von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die
-durchbrochene Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und
-aus Bronze an den Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder
-Beschreibung. Wunderbar ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die
-Minarets der Moschee von 90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit
-Rundgängen.</p>
-
-<p>Zum Schluss kommt die Betrachtung der <em class="gesperrt">Bazare</em>.</p>
-
-<p>Goldschmied-<a name="FNAnker_577_577" id="FNAnker_577_577"></a><a href="#Fussnote_577_577" class="fnanchor">[577]</a> und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten,
-Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen
-Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann,
-Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön
-bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold-
-und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-<a name="FNAnker_578_578" id="FNAnker_578_578"></a><a href="#Fussnote_578_578" class="fnanchor">[578]</a> und Papier-Waaren, &mdash;
-alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.</p>
-
-<p>Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn
-lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte
-Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die
-Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der
-Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden
-als Stadt-Haupt anerkannt.</p>
-
-<p>So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten
-Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr
-ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.</p>
-
-<p>Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst
-die innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der
-<em class="gesperrt">Königin</em> (<em class="gesperrt">Rani Musjid</em>), die wahrscheinlich zur Zeit von
-Ahmed Schah erbaut worden ist.</p>
-
-<p>Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von
-einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33
-Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die
-Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als
-die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der
-Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span>
-durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,<a name="FNAnker_579_579" id="FNAnker_579_579"></a><a href="#Fussnote_579_579" class="fnanchor">[579]</a>
-aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets
-reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie
-unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört
-worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind
-zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.</p>
-
-<p>In der Nähe ist die Moschee von <em class="gesperrt">Mohammed Chisti</em> aus dem Jahre
-1565, mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu
-finden.</p>
-
-<p>Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen <em class="gesperrt">Jain-Tempel</em>,
-den, ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati
-Singh, nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von
-2 Millionen Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch
-lebendig, lebendig ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens
-in der Stadt eine Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere
-(<em class="gesperrt">Panjrapol</em>) erbaut haben und unterhalten, sowie ausserordentlich
-zahlreiche, schön geschnitzte und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf
-hohen Pfeilern.</p>
-
-<p>Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu,
-auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und
-überaus <em class="gesperrt">sauber</em> gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss
-breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild
-und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.</p>
-
-<p>Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen
-Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen
-(angeblich des Dharmmanatha, des 15<sup>ten</sup> der 24 Thirthankara), mit
-Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind
-nicht so unduldsam, wie die Hindu.</p>
-
-<p>Danach kamen die <em class="gesperrt">Wasserwerke</em> an die Reihe, die ebenso wenig wie
-der Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen
-ist gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen
-wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt
-das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von
-18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von
-dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend
-ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa
-sechzehn Wasserhähnen draussen<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> am Umfang, so dass zu den bestimmten
-Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch
-entnommen werden kann.</p>
-
-<p>Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles
-auf das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich
-nach meiner Heimath. Als ich <em class="gesperrt">Berlin</em> nenne, fasst er meine
-Hand, und bittet um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung
-der weltberühmten Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich
-verspreche ihm das, aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi
-halten unser Wort heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“
-Ich war ein wenig geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und
-habe ihm auch, mit Hilfe unsres vortrefflichen Director <em class="gesperrt">Gille</em>,
-seinen Wunsch erfüllt.</p>
-
-<p>Den Schluss machte die Besichtigung des <em class="gesperrt">Hospitals</em>, dessen
-Arzt ein Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche
-Impf-Stelle ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit
-Pockennarben, auch viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.</p>
-
-<p>Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir,
-dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann,
-wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich
-mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den
-Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu
-bestellen.<a name="FNAnker_580_580" id="FNAnker_580_580"></a><a href="#Fussnote_580_580" class="fnanchor">[580]</a></p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Bombay">Bombay.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23.
-December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. &mdash;
-310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch
-meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und
-von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in
-Watson’s <em class="gesperrt">Esplanade Hotel</em>, dem besten in Indien.</p>
-
-<p>Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen
-Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem
-Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann
-alsdann die Besichtigung der <em class="gesperrt">zweiten Hauptstadt</em> von Indien
-beginnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span></p>
-
-<p>Bombay,<a name="FNAnker_581_581" id="FNAnker_581_581"></a><a href="#Fussnote_581_581" class="fnanchor">[581]</a> <em class="gesperrt">das Auge von Indien</em>, das nach Westen schaut, die
-Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien
-fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach
-Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König
-Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an
-die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es
-820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000
-Europäer.</p>
-
-<p>Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl
-von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste
-Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem
-sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel)
-durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′
-nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat
-11<sub>,5</sub> Kilometer Länge, 3<sub>,5</sub> Breite und etwa 55 Quadratkilometer
-Flächeninhalt,<a name="FNAnker_582_582" id="FNAnker_582_582"></a><a href="#Fussnote_582_582" class="fnanchor">[582]</a> und ungefähr die Gestalt einer länglichen,
-unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden
-gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze ist <em class="gesperrt">Malabar-Hügel</em>,
-der Wohnsitz der Reichen; die längere westliche <em class="gesperrt">Kolaba</em>, das
-Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte
-Hinterbucht (Back Bay).</p>
-
-<p>Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel,
-liegt die alte <em class="gesperrt">Festung und der Hafen</em>, und westlich davon die
-<em class="gesperrt">Esplanade</em>, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach
-Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte<a name="FNAnker_583_583" id="FNAnker_583_583"></a><a href="#Fussnote_583_583" class="fnanchor">[583]</a>
-Stadt der Eingeborenen an (<em class="gesperrt">Black town</em>) und reicht nördlich bis
-zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss
-des Malabar-Hügels.</p>
-
-<p>Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich
-seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche
-Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil<span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span> der Insel, wo
-allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich
-habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und
-erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu
-behandeln hat.<a name="FNAnker_584_584" id="FNAnker_584_584"></a><a href="#Fussnote_584_584" class="fnanchor">[584]</a></p>
-
-<p>Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres
-wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der
-Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen
-hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche
-Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">geschichtlicher</em> Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im
-Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran
-grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen
-abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine
-befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König
-Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen
-Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon
-1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische
-Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund
-Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung
-(Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das
-Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug
-bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.</p>
-
-<p>Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste
-Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.</p>
-
-<p>Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war</p>
-
-<table summary="Einwohnerzahl Bombay">
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1716:
- </td>
- <td class="tdr">
- 16000,
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1815:
- </td>
- <td class="tdr">
- 221000,
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1834:
- </td>
- <td class="tdr">
- 234000,
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1864:
- </td>
- <td class="tdr">
- 816000
- </td>
- <td class="tdl">
- <a name="FNAnker_585_585" id="FNAnker_585_585"></a><a href="#Fussnote_585_585" class="fnanchor">[585]</a>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1872:
- </td>
- <td class="tdr">
- 640000,
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1881:
- </td>
- <td class="tdr">
- 773000
- </td>
- <td class="tdl">
- <a name="FNAnker_586_586" id="FNAnker_586_586"></a><a href="#Fussnote_586_586" class="fnanchor">[586]</a>,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- 1891:
- </td>
- <td class="tdr">
- 821000
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;(einschliesslich des Cantonment).
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span> der
-Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier
-Procent.</p>
-
-<p>Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der
-englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung
-der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).</p>
-
-<p>Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen
-Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen
-gewesen sein, nach dem <em class="gesperrt">Guide of Bombay</em>, 1892. Aber hier
-zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach <em class="gesperrt">Hunter’s
-amtlichen</em> Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx
-196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf
-Bombay, 37 Procent auf Calcutta. <em class="gesperrt">Bombay hat also Calcutta bereits
-überflügelt.</em></p>
-
-<p>Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen
-Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen
-Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr
-gehen durch den Suez-Canal.</p>
-
-<p>Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch
-seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester.
-1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5
-Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8
-Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen
-Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften
-unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Esplanade Hotel</em> hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt.
-Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road),
-nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale
-Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft
-emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben
-ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich
-Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre
-Schmarotzer der Reisenden.</p>
-
-<p>Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde,
-mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien
-lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und
-gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen
-Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem
-Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo
-hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span></p>
-
-<p>Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr
-gross, noch glänzend ausgestattet war.<a name="FNAnker_587_587" id="FNAnker_587_587"></a><a href="#Fussnote_587_587" class="fnanchor">[587]</a></p>
-
-<p>Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle,
-die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine
-Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,<a name="FNAnker_588_588" id="FNAnker_588_588"></a><a href="#Fussnote_588_588" class="fnanchor">[588]</a> ein Postamt,
-ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum,
-wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger
-innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das
-letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates
-sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll
-grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso
-wie die Pförtner und Diener.</p>
-
-<p>Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen
-Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen
-Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren
-eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.</p>
-
-<p>Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze
-Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen
-einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen
-den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre<a name="FNAnker_589_589" id="FNAnker_589_589"></a><a href="#Fussnote_589_589" class="fnanchor">[589]</a> eine Stunde mit Bekannten
-verplaudert.</p>
-
-<p>In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende,
-theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die
-Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine
-Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu
-entgehen.<a name="FNAnker_590_590" id="FNAnker_590_590"></a><a href="#Fussnote_590_590" class="fnanchor">[590]</a></p>
-
-<p>Europäische Abendvergnügen, wie Theater,<a name="FNAnker_591_591" id="FNAnker_591_591"></a><a href="#Fussnote_591_591" class="fnanchor">[591]</a> giebt es in dieser
-indischen Grossstadt nicht.</p>
-
-<p>Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span> ist
-gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und,
-nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.</p>
-
-<p>Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich
-am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die
-englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge
-geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das
-Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung
-zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt.
-Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir
-mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme
-Morgenstunde.</p>
-
-<p>Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es
-Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen <em class="gesperrt">Prachtgebäude</em>
-zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von
-einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der
-indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um
-es kurz zu sagen, <em class="gesperrt">geschmacklosere Bauten</em>, als die der Engländer
-in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika,
-auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Secretariat</em> der Präsidentschaft, westlich von unserem
-Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen
-gleichläuft mit Esplanade Road<a name="FNAnker_592_592" id="FNAnker_592_592"></a><a href="#Fussnote_592_592" class="fnanchor">[592]</a>) ist ein Steinkasten von 443
-Fuss Länge und vier Stockwerken; &mdash; für seinen Zweck ist es gewiss
-brauchbar, ausserdem aber soll es „<em class="gesperrt">venetianisch</em>“ sein.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Universitäts-Halle</em> ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert
-Scott im „<em class="gesperrt">französischen</em>“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104
-Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und
-nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney<a name="FNAnker_593_593" id="FNAnker_593_593"></a><a href="#Fussnote_593_593" class="fnanchor">[593]</a> benannt, der 100000 Rupien
-dazu beigesteuert.<a name="FNAnker_594_594" id="FNAnker_594_594"></a><a href="#Fussnote_594_594" class="fnanchor">[594]</a> Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im
-<em class="gesperrt">Innern</em>, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt.
-(Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber
-nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Universitäts-Bücherei</em> mit dem Glocken-Thurme, von demselben
-Sir Gilbert Scott in dem „<em class="gesperrt">gothischen Stil des 14. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span>hunderts</em>“
-entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss
-langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem
-plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast
-200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne,
-deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von
-<em class="gesperrt">Rajabi</em>, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand
-Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und
-ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die
-vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber
-nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen
-Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung
-zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude
-an dem Werke haben.<a name="FNAnker_595_595" id="FNAnker_595_595"></a><a href="#Fussnote_595_595" class="fnanchor">[595]</a> In dem Garten der Universität steht die
-Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir
-führt.</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Gerichtsgebäude</em>, in „<em class="gesperrt">altenglischem</em>“ Stil von Gen.
-J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000
-£ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe.
-Ich war auch <em class="gesperrt">drinnen</em>; das beste, was man dort sieht, ist die
-<em class="gesperrt">Aussicht</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Postgebäude</em> „im mittelalterlichen Stil“, <em class="gesperrt">Telegraphenamt</em>
-„im neuen gothischen“ und <em class="gesperrt">Bau-Amt</em>, die hier in der Nähe und
-dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.</p>
-
-<p>Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so
-stösst man zuerst auf die <em class="gesperrt">Cathedrale</em>, die 1718 erbaut, 1833 mit
-einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen
-und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen
-Rundgarten (<em class="gesperrt">Elphinstone Circle</em>), der von hohen Geschäftshäusern
-umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (<em class="gesperrt">Town Hall</em>), das mit
-seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle
-etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000
-£ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span> Saal von 100 Fuss Länge und
-Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu <em class="gesperrt">Bällen</em>
-benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine
-Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei
-der <em class="gesperrt">asiatischen Gesellschaft</em> und hierdurch den deutschen
-Fachgelehrten genügend bekannt.</p>
-
-<p>Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die
-<em class="gesperrt">Münze</em>, welche 300000 Rupien an <em class="gesperrt">einem</em> Tage zu prägen
-im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren
-beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen
-lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die
-freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben
-worden.</p>
-
-<p>Ob das neue Stadthaus (<em class="gesperrt">Municipal Office</em>) am Nordende des
-Europäer-Viertels<a name="FNAnker_596_596" id="FNAnker_596_596"></a><a href="#Fussnote_596_596" class="fnanchor">[596]</a> nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird,
-weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei
-Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die <em class="gesperrt">mohammedanische
-Mädchen-Schule</em>, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung
-anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude
-des <em class="gesperrt">Victoria-Eisenbahnhalteplatzes</em>,<a name="FNAnker_597_597" id="FNAnker_597_597"></a><a href="#Fussnote_597_597" class="fnanchor">[597]</a> das allenthalben nach
-vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an
-seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen
-gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll
-„spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als
-der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens
-war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig,
-die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der
-Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.</p>
-
-<p>Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf
-denjenigen, der aus Indien <em class="gesperrt">kommt</em> und so viel schönes gesehen.</p>
-
-<p>Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die <em class="gesperrt">Bildsäulen</em>.</p>
-
-<p>Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz,
-steht die bronzene <em class="gesperrt">Reiterstatue des Prinzen von Wales</em>, die Sir
-<em class="gesperrt">Albert Sassoon</em><a name="FNAnker_598_598" id="FNAnker_598_598"></a><a href="#Fussnote_598_598" class="fnanchor">[598]</a> zur Erinnerung an den Besuch des Thron<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span>erben
-(1875/76) durch Herrn <em class="gesperrt">Böhm</em> für 12500 £ anfertigen liess und
-der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre
-1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die
-Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel
-von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden
-Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit.
-Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die
-Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu
-und Mohammedanern steht.</p>
-
-<p>An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter
-einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe <em class="gesperrt">die Königin</em> im
-Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor,
-von <em class="gesperrt">Noble</em>. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten
-betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000
-beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung
-für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott
-zu Edinburgh gesehen.</p>
-
-<p>Bombay’s Bedeutung beruht auf dem <em class="gesperrt">Seehandel</em>.</p>
-
-<p>Naturgemäss wendet man sich zum <em class="gesperrt">Hafen</em>. Es ist nicht weit.
-Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze
-Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die
-Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem <em class="gesperrt">Seemanns-Heim</em><a name="FNAnker_599_599" id="FNAnker_599_599"></a><a href="#Fussnote_599_599" class="fnanchor">[599]</a> und dem
-<em class="gesperrt">Jacht-Club</em> zur Linken und einem <em class="gesperrt">Erfrischungshause</em> zur
-Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle
-gekrönte <em class="gesperrt">Landungstreppe</em> in den Hafen vor, die den für uns
-seltsamen Namen <em class="gesperrt">Apollo Bunder</em> führt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bunder</em> oder Bandar heisst auf hindostanisch <em class="gesperrt">Uferstrasse</em>.
-Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort
-pallow, d. h. <em class="gesperrt">Fisch</em>, zurecht gemacht haben: wobei nur eines
-wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Apollo Bunder</em> oder, wie der <em class="gesperrt">amtliche</em> Name jetzt lautet,
-<em class="gesperrt">Wellington Damm</em> (W. Pier) ist das wirkliche <em class="gesperrt">Eingangs-Thor</em>
-zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der
-P. &amp; O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes
-Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der
-Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine
-der schönsten <em class="gesperrt">Seelandschaften</em> der Erde. Vor uns liegen<span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span> in dem
-von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten
-Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker
-flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht
-mehr eine Festung darstellt, &mdash; denn von dem nördlich von unserem
-Standpunkt befindlichen <em class="gesperrt">Kastell</em> sind nur noch die Ufermauem
-übrig geblieben und die Waffensammlung (<em class="gesperrt">Arsenal</em>), &mdash; so ist
-doch für die <em class="gesperrt">Vertheidigung des Hafens</em> einigermassen gesorgt.
-Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei
-Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken
-Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der
-Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte
-Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel
-(<em class="gesperrt">Butcher’s Island</em>), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter
-See befindlichen Minen ihren Standort haben.</p>
-
-<p>Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu
-schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die
-berühmte <em class="gesperrt">Elephanta</em> und die Berge des Festlandes, die westlichen
-<em class="gesperrt">Ghats</em>, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders
-reizvoll ist das Bild <em class="gesperrt">gegen Abend</em>, wenn die tiefer stehende
-Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und
-Schatten hervorruft.</p>
-
-<p>Dann sammelt sich auf diesem Platz „<em class="gesperrt">ganz Bombay</em>“ oder wenigstens
-eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner.
-Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und
-anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem
-Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um
-für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich
-vorzubereiten.</p>
-
-<p>Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der
-Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran.
-Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch
-gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an
-die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen
-die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das
-lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt
-geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren
-Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen)
-und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch
-Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu
-unterscheiden.</p>
-
-<p>Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit
-Kasten<span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span>abzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen
-und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung;
-Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen;
-Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um
-den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus
-Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören.
-Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet,
-das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig
-verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit
-den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen
-sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.</p>
-
-<p>Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die
-fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten
-sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei
-Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder,
-Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die
-Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer
-Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre
-Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet
-in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen
-Richtungen.</p>
-
-<p>Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die <em class="gesperrt">Werft</em>
-(Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und
-grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich
-vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar
-von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange
-hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus
-diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist
-der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss)
-hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.</p>
-
-<p>Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte <em class="gesperrt">Sassoon-Dock</em>
-zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19
-Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der
-Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, <em class="gesperrt">Prince’s Dock</em>, das
-30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie
-<em class="gesperrt">Victoria Dock</em>, von 25 Acres = 10 Hektaren.</p>
-
-<p>Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen
-bis zur Münze sind der See <em class="gesperrt">abgewonnen</em>,<a name="FNAnker_600_600" id="FNAnker_600_600"></a><a href="#Fussnote_600_600" class="fnanchor">[600]</a> wodurch der<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span> Hafen
-erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche
-Geschäftsviertel umgewandelt wurden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hundert Millionen</em> Mark sind hierfür, einschliesslich der
-Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.</p>
-
-<p>Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen,
-nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren
-und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde
-daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer
-<em class="gesperrt">Schwalbe</em>, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen
-angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern
-lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn
-Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor
-Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf
-bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der
-blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste.
-Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von
-<em class="gesperrt">einem</em> Mann gedreht und gerichtet.</p>
-
-<p>Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten.
-Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten
-Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel
-(Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen
-darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit
-wird die Sache sich wohl anders entwickeln.</p>
-
-<p>Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein
-Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst
-ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die
-Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer
-Löhnung.</p>
-
-<p>Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und
-mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.</p>
-
-<p>Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche
-Postdampfer <em class="gesperrt">Imperatrix</em> des östreichischen Lloyd, auf dem ich
-am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer
-verankert lag.</p>
-
-<p>Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf
-das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die
-Capitäne der englischen P. &amp; O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur
-eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.</p>
-
-<p>Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich
-den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein
-Geschenk (bakschisch) zu verlangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span></p>
-
-<p>Schlechter ist es mit den <em class="gesperrt">Droschken</em> bestellt, wenn auch nicht
-ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings,
-wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen,
-z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man
-oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank
-sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach
-solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der
-Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für
-den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere
-Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer
-Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn
-benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.</p>
-
-<p>Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken <em class="gesperrt">zu Fuss</em>
-zurückzulegen.</p>
-
-<p>Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade
-road, durch <em class="gesperrt">Colaba causeway</em>. Hier kommt man zu dem
-<em class="gesperrt">Baumwollen-Paradies</em>. Bombay ist nach New-Orleans<a name="FNAnker_601_601" id="FNAnker_601_601"></a><a href="#Fussnote_601_601" class="fnanchor">[601]</a> der
-grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von
-Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt
-verarbeitet,<a name="FNAnker_602_602" id="FNAnker_602_602"></a><a href="#Fussnote_602_602" class="fnanchor">[602]</a> wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.</p>
-
-<p>Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland
-als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen
-Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800
-Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere
-Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit
-dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden
-in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und
-durchmustert von Kauflustigen.</p>
-
-<p>Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu
-den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts
-beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so
-dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch
-Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span> die Thatkraft
-der Europäer hat in <em class="gesperrt">einem</em> Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr
-geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.</p>
-
-<p>Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort
-Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien
-von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch
-zinspflichtig bleiben.</p>
-
-<p>Umfassend ist hier am <em class="gesperrt">Südende</em> die <em class="gesperrt">Aussicht</em> auf Bombay.
-Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der
-Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte,
-mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der
-Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter
-der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des
-sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am
-Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“
-der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay
-kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige
-rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen
-der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.</p>
-
-<p>Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische
-Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und
-Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum
-Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine
-Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist,
-seitdem ein neuer (<em class="gesperrt">Prong Light</em>) auf einer dicht vor der
-Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.</p>
-
-<p>Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten <em class="gesperrt">Uferstrasse</em>,
-(Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel,
-aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem
-Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen
-und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche
-Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die
-fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist
-Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören
-den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse
-lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von
-Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.</p>
-
-<p>Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein
-<em class="gesperrt">Reitplatz</em> von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse,
-natürlich <em class="gesperrt">Rotten Row</em> genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich
-seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin,
-selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span></p>
-
-<p>Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central
-India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und
-eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine
-Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.</p>
-
-<p>Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (<em class="gesperrt">Gymkhana</em>).
-Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus
-England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit
-das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges
-eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur
-grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich
-aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer
-einen ganz geringen Erfolg davon getragen.<a name="FNAnker_603_603" id="FNAnker_603_603"></a><a href="#Fussnote_603_603" class="fnanchor">[603]</a></p>
-
-<p>Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den
-<em class="gesperrt">Begräbnissstätten</em> &mdash; der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so
-auf einander folgen.</p>
-
-<p>Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.</p>
-
-<p>Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer
-umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener
-Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem
-Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe
-nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles
-betrachten wolle. Das verstand <em class="gesperrt">er</em> wieder nicht. Schliesslich
-aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift
-des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen
-Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon
-gesehen und ging meines Weges.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">einheimische Stadt</em> erreicht man am besten über Hornby road,
-die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz
-führt; und von da weiter<a name="FNAnker_604_604" id="FNAnker_604_604"></a><a href="#Fussnote_604_604" class="fnanchor">[604]</a> nördlich zum <em class="gesperrt">Crawfort Markt</em>,
-dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem
-Gasthaus).<a name="FNAnker_605_605" id="FNAnker_605_605"></a><a href="#Fussnote_605_605" class="fnanchor">[605]</a></p>
-
-<p>Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen
-Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit
-Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span></p>
-
-<p>Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865&ndash;1871, hat natürlich
-die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche
-gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt
-dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe
-des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay,
-verlegte.</p>
-
-<p>Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von
-einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen
-sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und
-frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe
-des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der
-unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.</p>
-
-<p>Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den
-Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango
-zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und
-viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer,
-wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide
-Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in
-besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig
-weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch
-essen.</p>
-
-<p>Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen
-Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen
-und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die
-aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand.
-Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel
-betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)</p>
-
-<p>Von dem Markt ist es nicht weit zu den <em class="gesperrt">Bazaren</em>, wo die
-Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden.
-Gleich die Fortsetzung von Hornby road, die <em class="gesperrt">Abduraman</em>- (oder
-Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.</p>
-
-<p>Einen sehr grossen Raum nimmt der <em class="gesperrt">Kupferschmied-Bazar</em> ein,
-er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers
-bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren
-Mengen feilgehalten und verkauft.</p>
-
-<p>Berühmt sind ferner die <em class="gesperrt">Holzschnitzereien</em> und eingelegten
-Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien,
-Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der
-Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span>
-Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen
-Massen gebraucht.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Strassen</em> der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne
-Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von
-der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen,
-ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten
-Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die
-Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben
-in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.</p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">Tempeln</em> bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten
-und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die
-einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und
-Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie
-es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.</p>
-
-<p>Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so
-sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie
-in Calcutta.</p>
-
-<p>Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die <em class="gesperrt">Fabriken</em> mit
-ihren hohen Schornsteinen.</p>
-
-<p>Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn
-Sassoon, die 1200 Menschen, nur <em class="gesperrt">Asiaten</em>, beschäftigt.</p>
-
-<p>Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der
-Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne
-und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte
-das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden
-nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das
-ist das doppelte des Rohstoff-Preises.</p>
-
-<p>In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road<a name="FNAnker_606_606" id="FNAnker_606_606"></a><a href="#Fussnote_606_606" class="fnanchor">[606]</a>) liegen die
-<em class="gesperrt">Krankenhäuser der Medicin-Schule</em> (Grant Medical College).</p>
-
-<p>Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier
-Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind
-Eingeborene, ebenso die Studenten.</p>
-
-<p>Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das
-Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn
-Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den
-andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig
-ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Be<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span>kenntnisses, ja
-die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und
-Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel
-nicht erdrosselt, sondern schlachtet.</p>
-
-<p>Derselbe <em class="gesperrt">Jamshidji Jijibhai</em> hat eine Wohlthätigkeitsanstalt
-für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen
-erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von <em class="gesperrt">Fardunji Sorabji
-Parak</em> zum Andenken an ihre Mutter begründet.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Gewerbeschule</em>, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde
-1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon
-mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten
-Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.</p>
-
-<p>Ganz im <em class="gesperrt">Norden der Stadt</em>, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes
-Byculla, liegt der <em class="gesperrt">Victoria-Garten</em>.</p>
-
-<p>Hier steht das <em class="gesperrt">Albert-Museum</em>. Sir G. <em class="gesperrt">Birdwood</em> sammelte 1
-lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871
-das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm
-dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen
-Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der
-Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das
-möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht
-so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll
-und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und
-Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.</p>
-
-<p>Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand
-durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten
-Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen
-Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten
-kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche
-Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten
-erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe
-Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden
-war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren
-und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal
-ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten
-Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.</p>
-
-<p>Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich
-mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen
-Europäer dort gesehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span></p>
-
-<p>Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten
-<em class="gesperrt">Victoria-Garten</em>, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren
-hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der
-Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in
-Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger
-und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch
-durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist
-der <em class="gesperrt">Schlangen-Zwinger</em>. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube
-enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten
-Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie
-auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger
-Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten
-Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen
-ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen
-Leibes darstellt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Malabar-Hügel</em> besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den
-<em class="gesperrt">Parsi</em> gewidmet.</p>
-
-<p>Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen
-Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er
-drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner
-jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die
-letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor
-unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen
-Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen
-Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches
-Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr
-dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch
-niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich
-suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über
-die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein
-Urtheil zu bilden.</p>
-
-<p>Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise
-europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht
-viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine
-Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes
-für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger
-Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war
-ich doch geradezu erstaunt, <em class="gesperrt">den Inbegriff der Parsi-Lehre</em> zu
-erfahren:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.</em> Zur Erinnerung an
-diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span> <em class="gesperrt">Zend-Avesta</em>,<a name="FNAnker_607_607" id="FNAnker_607_607"></a><a href="#Fussnote_607_607" class="fnanchor">[607]</a>
-betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr
-alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen
-denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote
-ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man
-kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen
-sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit.
-Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare
-hatten <em class="gesperrt">gar keine Erfolge</em> bei den Parsi, wie die letzteren
-lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen,
-vollauf bestätigen.</p>
-
-<p>Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden
-schilt, werden sie sich zu trösten wissen, &mdash; mit dem alten Propheten
-<em class="gesperrt">Jesajas</em>,<a name="FNAnker_608_608" id="FNAnker_608_608"></a><a href="#Fussnote_608_608" class="fnanchor">[608]</a> der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten
-und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden
-<em class="gesperrt">Herodot</em>,<a name="FNAnker_609_609" id="FNAnker_609_609"></a><a href="#Fussnote_609_609" class="fnanchor">[609]</a> dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht
-errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit
-von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische
-Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion
-der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt;
-da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie
-namentlich <em class="gesperrt">Haug</em>,<a name="FNAnker_610_610" id="FNAnker_610_610"></a><a href="#Fussnote_610_610" class="fnanchor">[610]</a> ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren
-lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu
-finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den
-<em class="gesperrt">einen</em> allmächtigen Gott lehren und preisen.</p>
-
-<p>Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist <em class="gesperrt">Zoroaster</em>
-(Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran)
-gelebt hat. Die Quelle ist das Buch <em class="gesperrt">Zend-Avesta</em>, d. h. Erklärung
-vom Gesetz.<a name="FNAnker_611_611" id="FNAnker_611_611"></a><a href="#Fussnote_611_611" class="fnanchor">[611]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span></p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">altiranischen</em> Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend
-genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe
-verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache
-der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist,
-wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber
-diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere
-Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu
-werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und
-von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt.
-Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser
-uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des
-Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der
-Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion
-des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien
-die herrschende gewesen.</p>
-
-<p>Nachdem <em class="gesperrt">Alexander der Grosse</em> Persien erobert, in seiner
-Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der
-masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion
-unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der
-Krieger-Herrschaft der turanischen <em class="gesperrt">Parther</em> aus Khorasan
-(der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich,
-weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den
-<em class="gesperrt">Sassaniden</em> des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr
-als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch <em class="gesperrt">geringe Ueberreste</em>
-der alten Bücher sich vorfanden, die in die <em class="gesperrt">damals übliche
-Schriftart</em><a name="FNAnker_612_612" id="FNAnker_612_612"></a><a href="#Fussnote_612_612" class="fnanchor">[612]</a> umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi
-oder Mittelpersisch versehen wurden. <em class="gesperrt">Der Name Zend-Avesta kam erst
-damals auf</em>; unter der <em class="gesperrt">Erläuterung</em> wurden die Erklärungen in
-Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen
-Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den
-Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen
-die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in
-Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.</p>
-
-<p>In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der
-Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig ge<span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span>blieben, rings
-umgeben von den schiitischen Mohammedanern des <em class="gesperrt">neupersischen</em>
-Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen
-vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.</p>
-
-<p>Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich
-nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das
-heilige Feuer<a name="FNAnker_613_613" id="FNAnker_613_613"></a><a href="#Fussnote_613_613" class="fnanchor">[613]</a> mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten,
-gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung
-und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach <em class="gesperrt">Bombay</em>.
-In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der
-Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert.
-Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre
-<em class="gesperrt">heiligen Schriften</em> haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch
-aus Persien ergänzt.</p>
-
-<p>So gelang es dem französischen Gelehrten <em class="gesperrt">Anquetil Desperons</em>,
-der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und
-sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine
-Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische
-Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr
-Umschreibung herausgab. Die <em class="gesperrt">Zweifel der Engländer</em> über das Alter
-der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem
-dänischen Sprachforscher <em class="gesperrt">Rask</em> beseitigt, der ihre Verwandtschaft
-mit dem Sanskrit erkannte, und von <em class="gesperrt">Eugen Bournouf</em>, der ihre
-Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829&ndash;1843). Seitdem
-hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte
-gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache
-besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in
-der deutschen Uebersetzung von <em class="gesperrt">Spiegel</em> (Leipzig, 1852&ndash;1863),
-weit besser aber in der von <em class="gesperrt">Haug</em> (Leipzig, 1858&ndash;1860) und in
-dessen umfassendem Werk,<a name="FNAnker_614_614" id="FNAnker_614_614"></a><a href="#Fussnote_614_614" class="fnanchor">[614]</a> sowie in den von <em class="gesperrt">Max Müller</em>
-herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge
-(<em class="gesperrt">Gâthâs</em><a name="FNAnker_615_615" id="FNAnker_615_615"></a><a href="#Fussnote_615_615" class="fnanchor">[615]</a>) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.</p>
-
-<p>Der leitende Gedanke von <em class="gesperrt">Spitama Zarathushtra</em> war in
-der <em class="gesperrt">Glaubenslehre</em> die <em class="gesperrt">Einheit</em> Gottes, in der
-<em class="gesperrt">Weisheitslehre</em> die <em class="gesperrt">Zwiefältigkeit</em> der Dinge, der guten
-und der bösen, in der <em class="gesperrt">Sittenlehre</em> die <em class="gesperrt">Dreifältigkeit</em>
-(Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener
-uralten Zeit und ist als<span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span> solcher auch schon von den alten Griechen
-anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra
-<em class="gesperrt">Ahurô mazdâo</em>,<a name="FNAnker_616_616" id="FNAnker_616_616"></a><a href="#Fussnote_616_616" class="fnanchor">[616]</a> lebendiger Schöpfer des All. Ein böser
-Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der
-Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den
-Felsinschriften des Darius ist nur <em class="gesperrt">ein</em> Gott (Auramazda), wie
-Jehovah im alten Testament.</p>
-
-<p>Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein
-wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro
-mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als
-Name des Ahuramazda (<em class="gesperrt">Ormazd</em>) aufgefasst und Angro mainyush
-(<em class="gesperrt">Ahriman</em>) als sein Widersacher.</p>
-
-<p>So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel<a name="FNAnker_617_617" id="FNAnker_617_617"></a><a href="#Fussnote_617_617" class="fnanchor">[617]</a> und Hölle;
-die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.</p>
-
-<p>Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie
-herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta
-und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das
-Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100
-Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende
-Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren
-Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum
-Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade
-bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: <em class="gesperrt">Indien den
-Indern</em>. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer
-soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria
-soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.</p>
-
-<p>Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre
-häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber
-auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die
-Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am
-Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte <em class="gesperrt">ich</em> mich allerdings nicht
-und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen,
-&mdash; unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der
-Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.</p>
-
-<p>Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem
-Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche<span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span>
-und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi
-besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem
-Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark
-monatlich an Europäer vermiethet werden.</p>
-
-<p>Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir
-vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen
-aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h.
-gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er
-aber nicht.</p>
-
-<p>Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher
-beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (<em class="gesperrt">Dhakma</em>, <em class="gesperrt">Thurm des
-Schweigens</em>), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht,
-150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche
-Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei
-wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji
-Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite
-des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof
-geschenkt.</p>
-
-<p>Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor
-zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem
-Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir
-ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund,
-vermag ich nicht zu sagen.</p>
-
-<p>Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen
-werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine
-herrliche Aussicht auf Bombay.</p>
-
-<p>Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der
-Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am
-Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der
-Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der
-Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.</p>
-
-<p>Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört
-und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre,
-dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens
-betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer
-in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.</p>
-
-<p>Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu
-Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige
-denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es
-darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst
-Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span>
-Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche
-Darstellung.</p>
-
-<p>Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von
-40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die
-Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt
-und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche,
-welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss
-Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische
-Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig
-angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In
-der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren
-die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der
-vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die
-beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen,
-grossen <em class="gesperrt">Geier</em>, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch
-die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und
-in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies
-trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen
-Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser
-wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass
-es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub
-füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst
-um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den
-Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren
-regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische
-Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle
-ganz einfach gebaut und weiss getüncht.</p>
-
-<p>Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen
-die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer
-beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode,
-nach dem Wort des <em class="gesperrt">Zerduscht</em>,<a name="FNAnker_618_618" id="FNAnker_618_618"></a><a href="#Fussnote_618_618" class="fnanchor">[618]</a> Reich und Arm sich begegnen.
-Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den
-einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und
-den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen,
-kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden
-Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung
-der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere
-Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde
-vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span> Würmer in längerer
-Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden
-wir gerechter sein gegen Andersdenkende. <em class="gesperrt">Sir Lyon Playfair</em><a name="FNAnker_619_619" id="FNAnker_619_619"></a><a href="#Fussnote_619_619" class="fnanchor">[619]</a>
-sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der
-Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre
-Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen,
-macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der
-Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine
-Entehrung der Todten angesehen werden.“<a name="FNAnker_620_620" id="FNAnker_620_620"></a><a href="#Fussnote_620_620" class="fnanchor">[620]</a></p>
-
-<p>Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter
-südwärts fährt, sieht östlich die schönen <em class="gesperrt">Gartenanlagen</em>, die am
-Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an
-den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen <em class="gesperrt">Bungalow</em>,
-die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten,
-Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch &mdash; leer stehen, wegen
-der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel
-zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte
-Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben
-gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel,
-erfordert.</p>
-
-<p>Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene
-heilige Dorf der Hindu, <em class="gesperrt">Walkeschwar</em>, d. h. des Sandes Herr.
-<em class="gesperrt">Rama</em>, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf
-dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte
-Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss
-er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der <em class="gesperrt">heilige Teich</em>
-(Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen
-Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige
-Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist
-schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem
-<em class="gesperrt">Sand</em> des Bodens.</p>
-
-<p>Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur
-Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer
-Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von
-den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte<span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span> ich sechs,
-die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines
-Auges zu beklagen hatten.</p>
-
-<p>Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit
-wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde
-sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.</p>
-
-<p>Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen
-Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf
-den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und
-wohlthätigen Hindu errichtet.</p>
-
-<p>An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche
-Meile von dem Fort) befindet sich der <em class="gesperrt">Palast des Statthalters</em>.
-(Gouvernements house at Malabar Point.)</p>
-
-<p>Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss
-über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und
-Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt
-eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst
-und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo
-er seinen Namen in das Buch einträgt.</p>
-
-<p>Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um
-Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.</p>
-
-<p>Nach dem Abendessen fuhren wir zum <em class="gesperrt">Parsi-Theater</em>. Das ist
-ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für
-Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten
-zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter
-Gasbeleuchtung.</p>
-
-<p>Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der
-mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut
-gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher
-gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und
-in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch
-angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.</p>
-
-<p>Das Stück, welches gegeben wurde, war &mdash; <em class="gesperrt">Molière’s Geizhals</em>,
-aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung
-und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es
-ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi
-die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten,
-nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden,
-Kneifer tragenden<a name="FNAnker_621_621" id="FNAnker_621_621"></a><a href="#Fussnote_621_621" class="fnanchor">[621]</a> Mitglieder der goldenen Jugend wur<span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span>den in sehr
-belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber
-gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben.
-Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne
-gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das
-englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York
-gesehen.</p>
-
-<p>Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten,
-aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und
-Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.</p>
-
-<p>Zu den <em class="gesperrt">Ausflügen</em>, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach
-<em class="gesperrt">Mahim</em> an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen
-Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und
-auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach
-Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser
-weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich
-einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man
-Mahim erreicht hat.</p>
-
-<p>Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem
-<em class="gesperrt">Palmenhain</em> des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen
-nicht finden, weil er &mdash; nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor
-des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft
-innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber
-das war nichts Neues für mich.</p>
-
-<p>So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und
-durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling
-betrachteten.</p>
-
-<p>Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel <em class="gesperrt">Elephanta</em>. Ich
-will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem <em class="gesperrt">ersten</em> Nachmittag
-in Bombay unternommen.</p>
-
-<p>Die Gasthausverwaltung<a name="FNAnker_622_622" id="FNAnker_622_622"></a><a href="#Fussnote_622_622" class="fnanchor">[622]</a> veranstaltet diese Fahrten, mehrmals
-wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die
-Person.</p>
-
-<p>Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10
-Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu
-erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in
-dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der
-1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay<span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span> gebracht wurde
-und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel
-Gharapur, d. h. Grottenstadt.</p>
-
-<p>Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so
-werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus
-der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe
-und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die
-ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge
-der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel
-Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel
-ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man
-überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen
-zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben
-Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wann</em> diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet,
-zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein
-achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel
-als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger
-Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser
-ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die
-Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich
-gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht
-seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten <em class="gesperrt">Niebuhr</em> (1774&ndash;1778)
-die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des
-Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.</p>
-
-<p>Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga)
-<em class="gesperrt">Tempels</em> ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter
-Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen
-genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen
-Pfeilern,<a name="FNAnker_623_623" id="FNAnker_623_623"></a><a href="#Fussnote_623_623" class="fnanchor">[623]</a> die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein
-bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der
-Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen,
-der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der
-Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang,
-ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (<em class="gesperrt">Trimurti</em>); das
-mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte
-als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit
-gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Neben<span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span>gemach ist
-Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte
-weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier
-Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine
-Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern
-will ich nicht reden.</p>
-
-<p>Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa
-und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.</p>
-
-<p>Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes
-Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.</p>
-
-<p>In andern Gemächern erscheint <em class="gesperrt">Schiwa</em>, wie er auf seinem Berge
-Kailas thront, und <em class="gesperrt">Ravana</em>, der Dämon von Lanka mit zehn Armen,
-den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa,
-wie er von <em class="gesperrt">Daksha</em>, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die
-Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der
-über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der
-Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen
-und einer Brustkette von Schädeln.</p>
-
-<p>Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch
-die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige
-Wirkung ausübt, die <em class="gesperrt">wir</em> allerdings lieber mit andern Mitteln
-hervorbringen möchten.</p>
-
-<p>Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister <em class="gesperrt">Goethe</em>
-zu den folgenden Versen veranlassten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und so will ich, ein für allemal,</div>
- <div class="verse">Keine Bestien in dem Göttersaal!</div>
- <div class="verse">Die leidigen Elephantenrüssel,</div>
- <div class="verse">Das umgeschlungene Schlangengenüssel,</div>
- <div class="verse">Tief Urschildkröte im Weltensumpf,</div>
- <div class="verse">Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,</div>
- <div class="verse">Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,</div>
- <div class="verse">Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse center">&mdash;&ensp;&mdash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der Ost hat sie schon längst verschlungen:</div>
- <div class="verse">Kalidas und andre sind durchgedrungen;</div>
- <div class="verse">Sie haben mit Dichterzierlichkeit</div>
- <div class="verse">Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.</div>
- <div class="verse">In Indien möchte ich selber leben,</div>
- <div class="verse">Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.</div>
- <div class="verse">Was will man denn vergnüglicher wissen,</div>
- <div class="verse">Sakontola, Nala, die muss man küssen;</div>
- <div class="verse">Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,</div>
- <div class="verse">Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span></p>
-
-<p>Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da
-unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre
-geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer
-ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die in
-<em class="gesperrt">einen</em> Schlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des
-Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der
-Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse
-der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am
-Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.</p>
-
-<p>Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu
-Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der
-ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in
-den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir
-ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von
-Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl
-nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck
-hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.</p>
-
-<p>Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der
-künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie
-Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich
-heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt
-werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für
-unsren <em class="gesperrt">heutigen</em> Kunstgeschmack aufzustellen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="section">
-
-<h3 class="nodisplay" id="Ellora" title="Ellora"></h3>
-
-</div>
-
-<p>Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss
-ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach
-den noch weit berühmteren <em class="gesperrt">Grotten-Tempeln</em> von <em class="gesperrt">Ellora</em> zu
-benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken
-Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet
-des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.</p>
-
-<p>Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22<sup>h</sup> 30′“) von Bombay mit dem
-Schnellzug<a name="FNAnker_624_624" id="FNAnker_624_624"></a><a href="#Fussnote_624_624" class="fnanchor">[624]</a> der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178
-englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen
-Halteplatz <em class="gesperrt">Nandgaon</em>, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die
-telegraphisch vorher bestellte <em class="gesperrt">Extrapost</em> vorfindet,<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span> die den
-Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich
-nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.<a name="FNAnker_625_625" id="FNAnker_625_625"></a><a href="#Fussnote_625_625" class="fnanchor">[625]</a></p>
-
-<p>Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen
-Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt
-werden.</p>
-
-<p>Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient
-die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen
-Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten
-ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der
-Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und
-Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten
-Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.</p>
-
-<p>Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde
-werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende
-Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen
-zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo
-wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die
-Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl
-ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die
-Land-Strasse ist leidlich.</p>
-
-<p>Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein
-und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das
-merkwürdige <em class="gesperrt">Reich des Nizam</em>, betreten hatten.</p>
-
-<p>Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen
-(oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden
-9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900
-Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die
-herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich
-anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)</p>
-
-<p>Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan
-nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von
-dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlich
-<em class="gesperrt">nicht-arischer</em> Abkunft, unter drei grossen Oberherren, den der
-Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers
-der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang
-1294 mit seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span> Reiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte
-und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von
-Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik
-Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst
-eine Moschee.</p>
-
-<p>Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341)
-empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die
-Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer
-General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des
-jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den
-Süden des Dekkan-Dreiecks.</p>
-
-<p>Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in
-fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der
-Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich
-besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in
-kleinere Herrschaften.</p>
-
-<p>Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder
-erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann
-hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den
-Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670
-entstanden, die der <em class="gesperrt">Marathen</em>. Diese konnte Aurangzeb nicht
-vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.</p>
-
-<p>Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der
-Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817
-endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen
-Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte
-sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah
-im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die
-Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als
-unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und
-mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des
-Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren,
-eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land
-Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten.
-Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden
-abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen
-Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein
-Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er
-hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige
-Regimenter Truppen zu stellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span></p>
-
-<p>Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber
-einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon,
-erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist
-einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr
-Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich
-aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus
-zu <em class="gesperrt">Aurangabad</em> und benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit
-Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu
-besichtigen.</p>
-
-<p>Die erste ist das Grabmal von <em class="gesperrt">Rabi’ a Durani</em>, der
-Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern,
-ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk,
-herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten,
-so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild
-zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang
-viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die
-mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit
-ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein
-durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein,
-sondern die nackte Erde zeigt, &mdash; was von den Moslim, als Beweis von
-Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen
-und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden
-Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr.
-begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira
-oder 1678 n. Chr. vollendet worden.</p>
-
-<p>Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen
-Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder
-wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.</p>
-
-<p>Auch die <em class="gesperrt">Jumma Musjid</em>, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt,
-Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb,
-erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites
-Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner
-Kuppel, kleinen Thürmen, &mdash; aber sehr gut in Ordnung gehalten.</p>
-
-<p>Der Priester, der uns den Ein<em class="gesperrt">tritt</em> verwehrte, (der
-Ein<em class="gesperrt">blick</em> von aussen in die schmale Halle ist genügend,)
-behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe
-hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern
-die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.</p>
-
-<p>Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir
-wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span></p>
-
-<p>Das Städtchen <em class="gesperrt">Aurangabad</em> ist noch gar nicht so alt, hat aber
-sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.</p>
-
-<p>Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen
-des Staates Ahmadnagar, wurde es von <em class="gesperrt">Aurangzeb</em> zu seinem
-<em class="gesperrt">südlichen Herrschersitz</em> erkoren, nach seinem Namen umgetauft
-und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem
-Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine
-der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?)
-Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten
-in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre
-Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz
-lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.</p>
-
-<p>Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem
-Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen
-Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der
-indische Kutscher hat sein Schätzchen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch
-ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische
-Meilen = 12½ Kilometer entfernten <em class="gesperrt">Daulatabad</em>, früher Deogiri
-genannt. Das ist eine indische <em class="gesperrt">Festung</em> des 13. Jahrhunderts,
-höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von
-500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80
-bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und
-zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei
-Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird.
-Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur
-durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm
-Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst
-ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen,
-75 Pfund Diamanten<a name="FNAnker_626_626" id="FNAnker_626_626"></a><a href="#Fussnote_626_626" class="fnanchor">[626]</a> als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte
-Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte
-die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in
-Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar
-galt. Seine Pläne scheiterten.</p>
-
-<p>Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan
-und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein
-schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten
-Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge
-und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeug<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span>niss unter Leitung eines
-europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.</p>
-
-<p>Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten
-Maratha-Krieg (1803&ndash;4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge
-aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist
-die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier
-ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.</p>
-
-<p>Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige
-bewohnte Hütten übrig geblieben.</p>
-
-<p>Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer
-entfernten <em class="gesperrt">Roza</em>, wo wir in dem den britischen Officieren
-gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu
-Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad
-ausgewirkt hatten.</p>
-
-<p>Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse,
-bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen
-Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren
-Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit
-gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm
-der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.</p>
-
-<p>Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, &mdash; Roza (Rauza)
-bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan.
-Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah,
-der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte
-König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.</p>
-
-<p>Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da
-das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu
-seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den
-Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer
-Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen
-überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des
-Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem
-Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben
-ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein
-umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden
-ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.</p>
-
-<p>Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer
-Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet
-wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem
-ein<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span>heimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln
-des Dorfes <em class="gesperrt">Ellora</em>, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher
-Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von
-Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden
-verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder
-von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass
-sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht
-vollständig.</p>
-
-<p>Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus
-merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst
-Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert
-n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s
-Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus
-Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt
-wurde.</p>
-
-<p>Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner
-Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen
-Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In
-dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in
-dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder
-Hindu-Gläubigen (17).</p>
-
-<p>Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v.
-Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und
-dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert
-n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen
-Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von
-der <span class="zaehler">9</span>⁄<span class="nenner">10</span>
-der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900
-auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der
-mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die
-Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke
-und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich
-geeignet für den Höhlenbau.</p>
-
-<p>Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die
-indischen Leistungen sind weit grossartiger.</p>
-
-<p>Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen
-gehauenen Tempels<a name="FNAnker_627_627" id="FNAnker_627_627"></a><a href="#Fussnote_627_627" class="fnanchor">[627]</a> ist selbstverständlich, während unsere
-mittelalter<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span>lichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die
-oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.</p>
-
-<p>Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt
-in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem
-prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu dem
-<em class="gesperrt">Kailas</em>.</p>
-
-<p>Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer
-Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen
-errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist
-aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.<a name="FNAnker_628_628" id="FNAnker_628_628"></a><a href="#Fussnote_628_628" class="fnanchor">[628]</a> Ein
-rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100
-Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein
-Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss
-Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen
-Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit
-7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen
-getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes
-Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor
-verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan
-= Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher
-beschrieben ist, stellt gewissermassen <em class="gesperrt">einen</em> Einzelblock-Tempel
-dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit
-Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen.
-<em class="gesperrt">Fergusson</em> setzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr.,
-andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die
-Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den
-Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk
-zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte
-Genesung.</p>
-
-<p>Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs
-gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite
-ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit
-einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht
-als Musik-Halle benutzt.</p>
-
-<p>Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen
-besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste
-Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser
-Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dicken<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span> Mauern,
-einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern.
-Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des
-Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen
-freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und
-mehr seitlich den Elephanten.</p>
-
-<p>Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige
-bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.<a name="FNAnker_629_629" id="FNAnker_629_629"></a><a href="#Fussnote_629_629" class="fnanchor">[629]</a> Rechts und
-links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit
-Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem
-schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die
-anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.</p>
-
-<p>Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im
-Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil
-des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen
-getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in
-Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den
-Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste
-Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem
-zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der
-ihn zu entführen trachtet.</p>
-
-<p>Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind
-dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut
-bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.</p>
-
-<p>Hätte <em class="gesperrt">Goethe</em> das Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz
-vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen
-die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere
-anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.</p>
-
-<p>Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof
-umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts,
-das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den
-Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert
-herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die
-Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.</p>
-
-<p>In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga,
-Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.</p>
-
-<p>So viel über den einen Bau, den <em class="gesperrt">Kailas</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span></p>
-
-<p>Von den brahmanischen, d. h. nach <em class="gesperrt">nordindischem</em> Stil errichteten
-Tempeln, ist der schönste <em class="gesperrt">Dumar Lena</em>, wahrscheinlich zwischen
-600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass
-Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist
-riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter
-der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe
-der Hinterwand.</p>
-
-<p>Unter den <em class="gesperrt">buddhistischen</em> Tempeln ist der merkwürdigste
-<em class="gesperrt">Vishwakarma</em>, von den Engländern <em class="gesperrt">Zimmermann’s Höhle</em>
-(Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des
-Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,<a name="FNAnker_630_630" id="FNAnker_630_630"></a><a href="#Fussnote_630_630" class="fnanchor">[630]</a> der an den beiden Seiten
-mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt
-ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der
-zweistöckig gehalten ist.</p>
-
-<p>Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche,
-(85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,<a name="FNAnker_631_631" id="FNAnker_631_631"></a><a href="#Fussnote_631_631" class="fnanchor">[631]</a>
-als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände
-bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten
-Säulen,<a name="FNAnker_632_632" id="FNAnker_632_632"></a><a href="#Fussnote_632_632" class="fnanchor">[632]</a> über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung
-ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden
-Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur
-von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im
-Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den
-dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.</p>
-
-<p>Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (<em class="gesperrt">chaitya</em>) aus
-späterer Zeit,<a name="FNAnker_633_633" id="FNAnker_633_633"></a><a href="#Fussnote_633_633" class="fnanchor">[633]</a> jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr.
-errichtet.</p>
-
-<p>Eine Reihe von Klöstern (<em class="gesperrt">Vihara</em>) sind in der Nähe dieser Kirche
-in den Fels gegraben. Das grösste ist <em class="gesperrt">Dherwara</em>,<a name="FNAnker_634_634" id="FNAnker_634_634"></a><a href="#Fussnote_634_634" class="fnanchor">[634]</a> 100×70 Fuss.</p>
-
-<p>Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha
-dargestellt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Do-Tal</em> ist zweistöckig, <em class="gesperrt">Tin-Tal</em> sogar dreistöckig, wie
-schon die Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span></p>
-
-<p>Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau von <em class="gesperrt">Das Avatar</em>, aber der
-Stil ist <em class="gesperrt">brahmanisch</em>, mit einer Halle für den heiligen Stier
-des Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der
-Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten.
-Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.</p>
-
-<p>An dem Nordende des Hügels liegen die <em class="gesperrt">Jaina</em>-Tempel. Der eine,
-<em class="gesperrt">Indra Subha</em>, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine
-freistehende Schrein vor der Höhle, nach <em class="gesperrt">Fergusson</em> aus dem 7.
-Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die
-Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz
-Ellora.</p>
-
-<p>Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten,
-betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,<a name="FNAnker_635_635" id="FNAnker_635_635"></a><a href="#Fussnote_635_635" class="fnanchor">[635]</a> der
-gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der
-Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><em class="gesperrt">Brief aus Roza bei Ellora.</em> Donnerstag, den 29. December 1892.
-&mdash; Diesen Brief schreibe ich im <em class="gesperrt">Grabe</em>. Es ist aber natürlich
-nicht mein eigenes, sondern das &mdash; eines <em class="gesperrt">längstverstorbenen</em>
-Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche
-die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus
-einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.</p>
-
-<p>Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht
-gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken
-des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.</p>
-
-<p>Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der
-Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung
-gebracht, schlief ich ganz gut.</p>
-
-<p>Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt,
-Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur
-Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden
-liess.</p>
-
-<p>Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche
-Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten
-zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu
-wechseln.<a name="FNAnker_636_636" id="FNAnker_636_636"></a><a href="#Fussnote_636_636" class="fnanchor">[636]</a> Da unser Hartgeld auf die Neige ging,<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span> kamen wir in
-seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der
-dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie
-viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er
-sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück.
-Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren
-wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort <em class="gesperrt">Ellora</em> sehen
-wir einen <em class="gesperrt">Hindu-Tempelbezirk</em>, der den Vorzug hat, neu,
-sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich,
-allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen
-Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen
-aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm
-trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich
-dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in
-kleiner Ausgabe.</p>
-
-<p>Nachmittags erlebten wir einen <em class="gesperrt">Radreifenbruch</em>. Wir liehen uns in
-einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken,
-so gut es ging, an der Achse.</p>
-
-<p>Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus.
-Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von
-<em class="gesperrt">Europa</em> vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten
-sich höflich, als ich ihnen 16 gab.</p>
-
-<p>Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein
-ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten
-Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10
-Stunden, keine sonderliche Leistung.)</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">Bombay</em> machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte
-die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte
-Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um
-unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend
-ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord
-der Imperatrix und winkte von dort mein <em class="gesperrt">Lebewohl</em> dem märchenhaft
-schönen Lande Indien zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak hiline" id="VIII">VIII.<br />
-<b>Heimfahrt.</b></h2>
-
-</div>
-
-<div>
- <img class="drop-cap" src="images/drop_cap_s.jpg" alt="" />
-</div>
-
-<p class="p0 drop-cap">Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser
-gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch
-die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock
-heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der
-auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort
-genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine
-vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns
-das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das
-persisch-arabische Meer, auf <em class="gesperrt">Aden</em> zu.</p>
-
-<p class="mbot1"><em class="gesperrt">Log-Bericht</em>.</p>
-
-<p class="center">Bombay-Aden = 1664 Seemeilen.</p>
-
-<p class="center">Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags.<br />
-(18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.)</p>
-
-<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 1">
- <tr>
- <td class="tdr">
- I)
- </td>
- <td class="tdr">
- 1.
- </td>
- <td class="tdc">
- Januar,
- </td>
- <td class="tdc">
- Mittags,
- </td>
- <td class="tdl">
- 18° 48′
- </td>
- <td class="tdc">
- nördl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Br.,
- </td>
- <td class="tdl">
- 72° 16′
- </td>
- <td class="tdc">
- östl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Lg.
- </td>
- <td class="tdr">
- 40
- </td>
- <td class="tdc bright">
- S.-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- <span class="smaller">Summe</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- II)
- </td>
- <td class="tdr">
- 2.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 17° 52′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 67°
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 300
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 340.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- III)
- </td>
- <td class="tdr">
- 3.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 16° 41′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 61° 58′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 301
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 641.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- IV)
- </td>
- <td class="tdr">
- 4.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 15° 30′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 56° 46′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 312
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 953.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- V)
- </td>
- <td class="tdr">
- 5.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 14° 10′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 51° 5′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 336
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1289.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- VI)
- </td>
- <td class="tdr">
- 6.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 12° 47′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 45° 35′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 336
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1625.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="center">Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags.</p>
-
-<p class="center">Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens.</p>
-
-<p class="center">Aden-Suez 1310 Seemeilen.</p>
-
-<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 2">
- <tr>
- <td class="tdr">
- VII)
- </td>
- <td class="tdr">
- 7.
- </td>
- <td class="tdc">
- Jan.,
- </td>
- <td class="tdc">
- Mittags,
- </td>
- <td class="tdl">
- 13° 20′
- </td>
- <td class="tdc">
- nördl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Br.,
- </td>
- <td class="tdl">
- 43° 4′
- </td>
- <td class="tdc">
- östl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Lg.,
- </td>
- <td class="tdr">
- 139
- </td>
- <td class="tdc bright">
- S.-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- <span class="smaller">Summe</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- VIII)
- </td>
- <td class="tdr">
- 8.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 17° 52′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 40° 2′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 327
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 466.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- IX)
- </td>
- <td class="tdr">
- 9.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 22° 13′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 37° 32′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 296
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 762.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- X)
- </td>
- <td class="tdr">
- 10.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 26° 32′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 34° 46′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 300
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1062.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 3">
- <tr>
- <td class="tdr">
- XI)
- </td>
- <td class="tdr">
- 11.
- </td>
- <td class="tdc">
- Januar,
- </td>
- <td class="tdl" colspan="4">
- Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl" colspan="4">
- Suez&ndash;Portsaid 160 Kilometer.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- 11.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- Vorm.
- </td>
- <td class="tdc">
- 10½
- </td>
- <td class="tdc">
- Uhr
- </td>
- <td class="tdl">
- Abfahrt durch den Kanal.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- XII)
- </td>
- <td class="tdc">
- 12.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 8
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- Ankunft in Portsaid.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="center">Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher Breite,<br />
-32° 20′ östlicher Länge.)</p>
-
-<p class="center">Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen.</p>
-
-<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 4">
- <tr>
- <td class="tdr">
- XIII)
- </td>
- <td class="tdr">
- 13.
- </td>
- <td class="tdc">
- Januar,
- </td>
- <td class="tdc">
- Mittags,
- </td>
- <td class="tdl">
- 33° 41′
- </td>
- <td class="tdc">
- nördl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Br.,
- </td>
- <td class="tdl">
- 27° 36′
- </td>
- <td class="tdc">
- östl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Lg.,
- </td>
- <td class="tdr">
- 280
- </td>
- <td class="tdc bright">
- S.M.
- </td>
- <td class="tdr">
- <span class="smaller">Summe</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- XIV)
- </td>
- <td class="tdr">
- 14.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 35° 42′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 23° 5′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 250
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 530.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- XV)
- </td>
- <td class="tdr">
- 15.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 39° 12′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 19° 26′
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 285
- </td>
- <td class="tdc bright">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 815.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="center">Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags.</p>
-
-<p class="center">Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags.</p>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="center">Brindisi-Trieste 372 Seemeilen.</p>
-
-<table class="collapse" summary="Rückreise, Log 5">
- <tr>
- <td class="tdr">
- XVI)
- </td>
- <td class="tdr">
- 16.
- </td>
- <td class="tdc">
- Januar,
- </td>
- <td class="tdl">
- Mittags,
- </td>
- <td class="tdl">
- 43° 3′
- </td>
- <td class="tdc">
- nördl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Br.,
- </td>
- <td class="tdl">
- 15° 52′
- </td>
- <td class="tdc">
- östl.
- </td>
- <td class="tdc">
- Lg.,
- </td>
- <td class="tdr">
- 109 M.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- XVII)
- </td>
- <td class="tdr">
- 17.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- Morgens,
- </td>
- <td class="tdl" colspan="7">
- Trieste.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p>Unser gutes Schiff <em class="gesperrt">Imperatrix</em> vom östreichischen Lloyd hat
-4914 Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die
-Höhe des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der
-Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten,
-die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän
-<em class="gesperrt">Egger</em> ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die
-anderen Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch
-deutsch. Zum ersten Male wieder seit Kobe &mdash; Hongkong ist auf dem
-Schiffe meine Muttersprache vorherrschend.</p>
-
-<p>Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die
-Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen
-recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem
-Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre
-mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner
-Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein
-Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen.</p>
-
-<p>Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus
-Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu
-Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und
-Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lid<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span>ränder
-und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus
-Portsaid.</p>
-
-<p>Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer.</p>
-
-<p>Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte
-+26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor
-dem <em class="gesperrt">raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt</em> ist unbegründet, wie
-meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne
-Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay
-nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7
-Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen:</p>
-
-<table summary="Temperaturmessungen Rückfahrt">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 2.
- </td>
- <td class="tdc">
- Januar
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 24½° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 3.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 25½° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 4.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 24° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 5.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 25° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 6.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 25° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 7.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 25° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 8.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 26½° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 9.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 23° C. (Nachmittags 19½° C.)
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 10.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- kühler. (Nordwind).<a name="FNAnker_637_637" id="FNAnker_637_637"></a><a href="#Fussnote_637_637" class="fnanchor">[637]</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 11.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 15½° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 12.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 12½° C. (4½ Uhr 20° C.)
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 13.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 18° C. (Mittags 19° C.)
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 14.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 13° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 15.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 10½° C. (Mittags 10° C.)
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 16.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- +
- </td>
- <td class="tdl">
- 10° C.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 17.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- &ndash;
- </td>
- <td class="tdl">
- 2° C, im Steuerhäuschen.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem
-Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt.</p>
-
-<p>Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4.
-Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen
-englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship).</p>
-
-<p>Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen
-von <em class="gesperrt">Aden</em> Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei
-Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän
-Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete
-Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust
-gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten
-Aden’s brachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span></p>
-
-<p>Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden,
-welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden
-Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb, unter
-12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur 20
-Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel <em class="gesperrt">Aden</em>, die
-allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige
-und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland
-zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient.</p>
-
-<p>Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little
-Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der
-Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden
-Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer
-weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und
-Nagasaki.</p>
-
-<p>Obwohl <em class="gesperrt">Aden</em> einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten
-Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne
-Nass darstellt;<a name="FNAnker_638_638" id="FNAnker_638_638"></a><a href="#Fussnote_638_638" class="fnanchor">[638]</a> so hat der <em class="gesperrt">herrliche Hafen</em> und die
-<em class="gesperrt">vortreffliche Lage</em>, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika
-und Indien gradezu einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche
-und blühende Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur
-von den Einwohnern als <em class="gesperrt">Paradies</em> (Eden) bezeichnet, schon von
-dem Propheten <em class="gesperrt">Ezechiel</em><a name="FNAnker_639_639" id="FNAnker_639_639"></a><a href="#Fussnote_639_639" class="fnanchor">[639]</a> gepriesen, im Periplus als Arabia
-Eudaimon<a name="FNAnker_640_640" id="FNAnker_640_640"></a><a href="#Fussnote_640_640" class="fnanchor">[640]</a> beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana,
-Athana, Arabia Felix gekannt war.</p>
-
-<p>Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber
-gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der
-Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze
-Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien.
-1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von
-den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie
-wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der
-Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838
-versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese
-in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und
-beschönigten den Raub mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span> Vorwand, es sei ein hier gescheitertes
-Schiff geplündert worden.<a name="FNAnker_641_641" id="FNAnker_641_641"></a><a href="#Fussnote_641_641" class="fnanchor">[641]</a> Zur Behauptung des Platzes waren nur
-unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der
-Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des
-Besitzes hinzu gekauft.</p>
-
-<p>Aber die <em class="gesperrt">Engländer</em> haben mit ihrem unleugbarem <em class="gesperrt">Geschick</em>
-aus dem Felsennest etwas <em class="gesperrt">ordentliches</em> gemacht.</p>
-
-<p>Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000<a name="FNAnker_642_642" id="FNAnker_642_642"></a><a href="#Fussnote_642_642" class="fnanchor">[642]</a>
-verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. Zwei
-Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: <em class="gesperrt">Araber</em> und
-<em class="gesperrt">Somali</em>,<a name="FNAnker_643_643" id="FNAnker_643_643"></a><a href="#Fussnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a> während reine <em class="gesperrt">Neger</em> nur sparsamer vertreten
-sind. Die Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem,
-schwarzem Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern,
-übrigens auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem
-Haar, das sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und
-Kutscher, die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen
-ihnen Parsi und Hindu den Gewinn streitig.</p>
-
-<p>Die Besatzung besteht aus <em class="gesperrt">Hindu</em> (Sepoy). Dazu kommen 200
-<em class="gesperrt">Juden</em>, die an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso
-viele <em class="gesperrt">Europäer</em>, &mdash; Officiere, Baumeister und Ingenieure,
-Hafenbeamte, Kaufleute.</p>
-
-<p>Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer
-durch Bauten noch stärker befestigt und so ein <em class="gesperrt">Gibraltar des
-Ostens</em> geschaffen.<a name="FNAnker_644_644" id="FNAnker_644_644"></a><a href="#Fussnote_644_644" class="fnanchor">[644]</a> Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei
-<em class="gesperrt">Steamer Point</em> an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für
-den Schiffsverkehr hergestellt und einen <em class="gesperrt">Freihafen</em> geschaffen.
-Besonders hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich
-gehoben, da es der wichtige und unentbehrliche <em class="gesperrt">Halteplatz</em> aller
-Dampfer zwischen Suez und Ostindien geworden.</p>
-
-<p>Riesige Lager von <em class="gesperrt">Steinkohlen</em> sind hier eingerichtet, um
-die Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen
-165000 Tonnen; der <em class="gesperrt">Gesammthandel</em> (Aus- und Einfuhr) 5
-Millionen £.<a name="FNAnker_645_645" id="FNAnker_645_645"></a><a href="#Fussnote_645_645" class="fnanchor">[645]</a>; Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen.
-Ausgeführt wird Kaffe (aus Südarabien), Gummi, Häute und Felle,
-Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; eingeführt werden Getreide und
-Mehl, Baumwollen<span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span>waaren, Stückgüter, Petroleum, Tabak. Der örtliche
-Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar ist nicht unbeträchtlich.
-Ackerbau giebt es natürlich nicht auf diesem nackten Felsen, und der
-Gewerbefleiss erzeugt allein &mdash; <em class="gesperrt">Trinkwasser</em>, Eis, Kochsalz.
-Letzteres wird an der seichten Nordküste des Hafens durch Verdampfen
-von Meerwasser hergestellt; man sieht die schneeweissen Haufen auf dem
-Sande liegen. Regen ist nicht viel zu befürchten; der Regenfall misst
-jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth ist ausreichend; beträgt ja die
-mittlere Temperatur + 29½° C. im Schatten, das ganze Jahr hindurch.</p>
-
-<p>Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den
-Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der
-Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay,
-schon merklich schlechter, als in Ostindien.</p>
-
-<p>Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine
-schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis
-zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber
-durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen,
-überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post-
-und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für
-den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel
-zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich
-der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut
-gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen,
-vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen
-Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge
-sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang<a name="FNAnker_646_646" id="FNAnker_646_646"></a><a href="#Fussnote_646_646" class="fnanchor">[646]</a> zwischen zwei
-nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken
-Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die
-natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses
-Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier,
-wenngleich in bürgerlicher Kleidung.</p>
-
-<p>Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns
-erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten
-Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren,
-rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die
-regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit
-platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die
-Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater
-des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer
-Vorzeit abgebrochen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span></p>
-
-<p>Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet.
-Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die
-letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im
-Einspänner mit ihren Frauen spazieren.</p>
-
-<p>Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur
-Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die
-Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.<a name="FNAnker_647_647" id="FNAnker_647_647"></a><a href="#Fussnote_647_647" class="fnanchor">[647]</a></p>
-
-<p>So wird das <em class="gesperrt">Getränk</em> künstlich hergestellt; die <em class="gesperrt">Nahrung</em>
-aber eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der
-Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien.</p>
-
-<p>Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss
-getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem
-Dorfe bei Scutari findet.</p>
-
-<p>Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien
-und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken
-starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt
-möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem
-Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste
-Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon
-sind.</p>
-
-<p>Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel
-Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse,
-welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu den
-berühmten <em class="gesperrt">Wasserbehältern</em>, ist eine schüchterne Pflanzung
-von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus
-Tiefbrunnen unterhalten.</p>
-
-<p>Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt
-betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt.
-Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des
-Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der
-Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet.</p>
-
-<p>Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse,
-in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete,
-oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die
-zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die
-Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens
-zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige
-Lache enthalten.</p>
-
-<p>Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span> derartige
-Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen
-600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat
-Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle
-Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal
-zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der
-ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen
-Wasserbehälter zusammenfliessen.</p>
-
-<p>Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz
-von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken
-wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30
-Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch
-haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit
-des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte
-Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das
-gewünschte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag
-in der „<em class="gesperrt">Thränen-Strasse</em>“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen
-Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres
-verzweifelten <em class="gesperrt">Segelschiffern</em> erhalten hat und heutzutage,
-in der Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte.
-In der Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel
-<em class="gesperrt">Perim</em>. Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem
-guten Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für
-den Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste
-Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die
-Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen
-Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie
-wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln.
-Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12
-Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien,
-nur ¾ Seemeilen.</p>
-
-<p>Ueberhaupt ist wohl das System <em class="gesperrt">Aden</em> &mdash; <em class="gesperrt">Perim</em> für den
-Kriegsfall nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in
-friedlichen Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie
-genügen nur, die einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.</p>
-
-<p>Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige
-Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.</p>
-
-<p>Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen
-Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das
-zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span>
-er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim
-zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift
-geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in
-Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier,
-augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge
-zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden
-sie &mdash; den Tisch besetzt.</p>
-
-<p>Wir sind also in dem <em class="gesperrt">rothen Meer</em>, dessen erstickende Gluthhitze
-in den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert
-wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis
-Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York;
-seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch
-ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung
-zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die
-grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser
-für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender
-Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder
-den rothen Felsen bei Suez oder von <em class="gesperrt">Edom</em>, der umwohnenden
-Völkerschaft, der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.</p>
-
-<p>Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die
-gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf
-Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich
-hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf
-dem Fusse, &mdash; eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung
-eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)</p>
-
-<p>Der Himmel war grau, der Wasserspiegel blau, die Wellengipfel unter dem
-schaumigen Kamm prachtvoll grün-durchscheinend. Die <em class="gesperrt">Sukur-Inseln</em>
-werden sichtbar. Scheinbar mitten im Meer bäumt sich das Wasser empor,
-wie ein Springquell, &mdash; von unterirdischen Riffen. Vier Wracks sind in
-dieser Gegend, aus den letzten zwanzig Jahren.</p>
-
-<p>Nachmittags wird es windig, und am 8. Januar, an dem ich Morgens
-26, Nachmittags 27° C. auf Deck im Schatten gemessen, erfolgt ein
-<em class="gesperrt">Gewitter</em>, während wir kein Land zu sehen vermögen. Unser
-Capitän, der zwanzig Jahre diese Strasse fährt, kann sich nicht
-erinnern, jemals im rothen Meer ein solches beobachtet zu haben.
-Erstaunlich ist die zeitliche und örtliche Ausdehnung dieses Gewitters.
-Es dauert ¼ Tag, während wir 80 Seemeilen zurücklegen; es umgiebt
-das Schiff nach allen vier Richtungen der Windrose. Erstaunlich ist
-auch die Häufigkeit der Entladungen. Vor uns schwebt, scheinbar nicht
-hoch über dem Horizont, eine Gewitterwolke. Diese flammt auf,<span class="pagenum"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span> alle
-5 oder 10 Sekunden, von bläulichem Licht erglühend; der Rand heller,
-als die Mitte. Mitunter wird plötzlich ⅛ oder ¼ des vor uns
-befindlichen Himmelsgewölbes für einen Augenblick erhellt, so dass man
-dabei die Uhr erkennen kann. Blitzstrahlen sind häufig, aber nicht so,
-wie jenes Aufleuchten. Die Strahlen sind zackig, scheinbar von nicht
-unbedeutender Breite, mitunter verästelt oder fast dreieckige Räume
-umschreibend; nicht bloss nach unten, sondern auch fast wagerecht
-verlaufend. Donner ist sparsam, nur für einen Theil des Gewitters
-hörbar.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage, den 9. Januar, ist es abgekühlt, Vormittags 23,
-Nachmittags 19½° C. Wir haben <em class="gesperrt">Nordwind</em>; zum ersten Mal seit
-Bombay, finden wir es nicht mehr angenehm, auf Deck zu <em class="gesperrt">sitzen</em>.
-Zwanzig Dampfer kommen an diesem Tag in Sicht; das ist aber nicht
-Zeichen eines grossartigen Verkehrs, sondern eines Hindernisses im
-Suez-Canal, das etwa 24 Stunden angedauert.</p>
-
-<p>Am 10. Januar hält der Nordwind an, gegen Abend erblicken wir die öde,
-zackige <em class="gesperrt">Sinai-Halbinsel</em> und ferner an der afrikanischen Küste
-die Insel Schadwan (Scheduan) mit Leuchtthurm.</p>
-
-<p>Mittwoch, den 11. Januar, erscheinen bei Sonnenaufgang beide Küsten des
-Golf von <em class="gesperrt">Suez</em>; die westliche, steilere, roth bestrahlt. Beide
-sind wüst, nur in der Nähe von Suez einige grüne Plätze und Striche, an
-der Süsswasser-Leitung. Von 8 bis 10½ Uhr Vormittags bleiben wir vor
-Anker im Tewfik-Hafen von Suez, vor uns die mit jungen, aber bereits
-schattenspendenden Laubbäumen besetzte Uferstrasse. Als wir in den
-<em class="gesperrt">Kanal</em> hineindampfen, entrollt sich vor uns ein schönes Bild.</p>
-
-<p>Zur linken der blaue Meerbusen und die Wüstenberge der afrikanischen
-Küste, vor uns rothe, steile Felsen und näher heran die Stadt, deren
-weisse Häuser platte Dächer zeigen, hier und da ein niedriger plumper
-Minaret und kleine Kuppeln, schüchterne Anfänge von Palmgärten, der
-Steindamm, auf dem der Eisenbahnzug zu dem an der Kanal-Einfahrt
-belegenen Kriegs- und Handelshafen (Port Ibrahim) hinfährt;
-nördlich von der Stadt der von grünem Pflanzenwuchs eingesäumte
-Süsswasser-Kanal, der hier in das nördliche Horn des Golfs von Suez
-sich ergiesst, zur rechten (und hinter uns) die flache Küste und Wüste
-und die fernen Berge der Sinai-Halbinsel.</p>
-
-<p>Aber nach kurzer Fahrt hört die Aussicht auf, da sie von den Ufern
-versperrt wird; doch nicht für lange. Die Weichen, Signalstationen,
-kleinen Ortschaften bringen Abwechslung.</p>
-
-<p>Bald erreichen wir den Bittersee, durch den das Fahrwasser mittelst
-zweier Reihen von Bojen bezeichnet wird, und erblicken vor der
-Dunkelheit noch gerade <em class="gesperrt">Ismalija</em>. Dann aber werden die
-electrischen<span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span> Scheinwerfer<a name="FNAnker_648_648" id="FNAnker_648_648"></a><a href="#Fussnote_648_648" class="fnanchor">[648]</a> vorn auf unserem Schiff entzündet, das
-majestätisch und sicher durch die Dunkelheit gleitet, den in einem
-kleinen Hafen des Kanals verankerten Truppen-Dampfer überholt, und
-Morgens um 8 Uhr in <em class="gesperrt">Portsaid</em> vor Anker geht.</p>
-
-<p>Es gewährt eine eigenartige Befriedigung, auf einem neu geschaffenen
-Kanal mit Hilfe der neuesten Erfindungen durch das Gebiet eines der
-ältesten Culturvölker der Erde zu fahren.</p>
-
-<p>Schon Setos I. und Ramses II. (um das Jahr 1300 v. Chr.) haben einen
-Kanal vom Nil zum Timsah-See und von da zum rothen Meer graben lassen.
-Necho (um 600 v. Chr.) und Darius Hystaspis (um 500 v. Chr.) haben
-einen neuen Kanal vom Nil zum rothen Meer geführt, die Ptolemäer,
-Trajan (98 bis 117 n. Chr.) daran gebaut, Amr, der Feldherr des Kalifen
-Omar, im 7. Jahrhundert n. Chr. die Wiederherstellung unternommen.</p>
-
-<p>Aber bald war alles wieder verfallen, und nur schwache Spuren sind von
-dem Werk der Pharaonen und ihrer Nachfolger übrig geblieben.</p>
-
-<p>Unser Leibnitz hat 1671 auf die Vortheile eines Schifffahrt-Kanals
-zwischen dem rothen und dem Mittel-Meer hingewiesen. Napoleon Bonaparte
-liess auf seinem Zuge nach Aegypten (1798) Vermessungen anstellen,
-die unglücklicherweise das irrige Ergebniss lieferten, dass der
-Spiegel des rothen Meeres gegen 10 Meter höher liege, als der des
-Mittelmeeres. In Wirklichkeit liegt der Spiegel der beiden Meere
-gleich hoch; nur ist bei Portsaid im Mittelmeer die Bewegung von Ebbe
-und Fluth fast unmerklich, bei Suez im rothen Meer beträgt sie 1 bis
-2 Meter. <em class="gesperrt">Ferdinand de Lesseps</em> gebührt das Verdienst, die 300
-Millionen Europäer den 700 Millionen Asiaten näher gebracht, alle
-Schwierigkeiten widerstrebender Staatsmänner, der Geldbeschaffung,
-der Oertlichkeit,<a name="FNAnker_649_649" id="FNAnker_649_649"></a><a href="#Fussnote_649_649" class="fnanchor">[649]</a> der Arbeit überwunden, mit Hilfe einer
-Aktiengesellschaft 1858 die Durchstechung begonnen und 1869 den
-Suez-Kanal, wie er mit gerechtem Stolz rühmt,<a name="FNAnker_650_650" id="FNAnker_650_650"></a><a href="#Fussnote_650_650" class="fnanchor">[650]</a> „fertig gestellt zu
-haben, frei, neutral, allen zugänglich und offen für den Weltverkehr.“</p>
-
-<p>Die Länge des Kanals beträgt 160 Kilometer, die Breite am Wasserspiegel
-50 bis 100 Meter, an der Sohle 22 Meter, die Tiefe 8½ Meter.
-Ausweich-Stellen sind angebracht, wo ein grosser Dampfer<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span> den andern
-vorbeilässt. Durch die in Ausführung begriffene Erweiterung und
-Vertiefung des Kanals sollen die Ausweichen fortfallen. Die Durchfahrt
-dauert mit dem Scheinwerfer 16 bis 22 Stunden; ohne denselben 40
-Stunden, da dann das Schiff Nachts vor Anker liegen muss.</p>
-
-<p>Die Gesammtkosten des Kanals betragen 400 Millionen Mark. (20 Millionen
-£, von denen 3½ im Besitz der englischen Regierung, die 1876 auf
-Betreiben von Beaconsfield dem Chediw seinen Antheil abkaufte.)</p>
-
-<p>Der Ueberschuss, den die Gesellschaft 1887 erzielt, betrug 29<sub>,7</sub>
-Millionen Francs. (Einnahmen 60<sub>,5</sub>, Ausgaben 30<sub>,8</sub> Millionen
-Francs.) Sie nimmt 10 Francs für die Tonne und ebenso viel für
-jeden Reisenden. Die Gebühr, die ein Schiff zu zahlen hat, ist ganz
-anständig, für unsre Imperatrix in runder Summe 50000 Francs. Im Jahre
-1887 benutzten den Kanal 3137 Schiffe mit einem Netto-Gehalt von
-5900000 Tonnen, davon 2330 englische, 185 französische, 159 deutsche.
-Die Entfernung von London nach Bombay ist um das Cap der guten Hoffnung
-10719 Seemeilen, durch den Suez-Kanal 6274. Die Abkürzung der Fahrt
-durch den Suez-Kanal beträgt für Dampfer nach Bombay von Brindisi 37,
-von London 24, von Hamburg 24 Tage. Aber da Dampferfahrt um das Cap
-nicht lohnend war, wegen der Schwierigkeit der Kohlenbeschaffung, so
-hat man eigentlich gegenüberzustellen:</p>
-
-<table summary="Segelschifffahrt vs. Dampfschifffahrt">
- <tr>
- <td class="tdl">
- Segelfahrt von
- </td>
- <td class="tdc">
- London
- </td>
- <td class="tdc">
- nach
- </td>
- <td class="tdc">
- Bombay
- </td>
- <td class="tdr">
- 100
- </td>
- <td class="tdc">
- Tage.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- Dampfschifffahrt
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 26
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Die Eröffnung des Suez-Kanals hat bewirkt, dass der Welthandel von
-der Segel- zur Dampf-Schifffahrt überging, zumal gleichzeitig die
-zusammengesetzten Maschinen aufkamen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Portsaid</em>, eine Schöpfung des Kanals, hat schon 21000 Einwohner,
-Niederlassungen aller grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften, auch
-unsres norddeutschen Lloyd, und einen äusserst lebhaften Verkehr.
-Nachdem ich mich an dem fesselnden Hafenbild der aus- und einladenden
-Schiffe aller Nationen erfreut, gehe ich an’s Land, kaufe ägyptische
-Cigaretten und vertraue mein Haupt einem italienischen Haarkünstler an.</p>
-
-<p>Mittags fahren wir ab, am 14. Januar erblicken wir Morgens die
-schneebedeckten Felsen von Candia und haben bei rauhem Wetter gegen
-den Wind zu kämpfen, so dass unser Log-Bericht von 250 Seemeilen der
-schlechteste wird, den unser Capitän jemals gemacht. Am 15. Januar
-erblicken wir Morgens Cephalonia, um 11 Uhr Korfu und lagern Abends für
-eine Stunde im Hafen von Brindisi.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span></p>
-
-<p>Dienstag, den 17. Januar, Morgens, erreichen wir unter Schneegestöber
-(bei - 2° C. im Steuerhäuschen) die Stadt Triest, können aber nicht in
-den Hafen hinein, der leider an <em class="gesperrt">unrichtiger</em> Stelle angelegt zu
-sein scheint, sondern landen in der Bucht von Muggia.</p>
-
-<p>Wunderbar ist der Anblick des von dem Nordwind (Bora) gepeitschten
-Meeres. In Triest war es grimmig kalt. Der Nachtzug brachte mich trotz
-der Schneeanhäufungen glücklich über den Karst und nach Wien. Von hier
-fuhr ich mit dem Eilzug nach Dresden. <em class="gesperrt">Am 19. Januar</em> 1893 <em class="gesperrt">kam
-ich in Berlin an</em>, nach einer Reise von 171 Tagen über eine Strecke
-von 48092 Kilometern.</p>
-
-<p>Fast ist es mir, wie ein schöner <em class="gesperrt">Traum</em>. Aber die wechselnden
-Bilder stehen <em class="gesperrt">lebendig</em> vor meinem Auge. Mein Herz ist voll
-Dankbarkeit gegen das <em class="gesperrt">neunzehnte Jahrhundert</em>, das die Entfernung
-vernichtet und solche Reisen ermöglicht hat.</p>
-
-<hr class="sect" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span></p>
-
-<h3 id="Entfernungen">Entfernungen:</h3>
-
-</div>
-
-<table class="collapse" summary="Entfernungstabelle">
- <tr>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- <span class="s6">Kilometer</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 1.
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="5">
- Berlin&ndash;Bremerhafen
- </td>
- <td class="tdr">
- 408.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 2.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Bremerhafen&ndash;New-York
- </td>
- <td class="tdr">
- 3600
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 6660.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 3.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- New-York, Washington, Baltimore, Philadelphia, New-York
- </td>
- <td class="tdr">
- 456
- </td>
- <td class="tdl bright">
- Engl. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 753.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 4.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- New-York&ndash;Albany
- </td>
- <td class="tdr">
- 143
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 229.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 5.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Albany&ndash;Niagara&ndash;Owen Sound
- </td>
- <td class="tdr">
- 486
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 782.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 6.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Owen Sound&ndash;Fort William
- </td>
- <td class="tdr">
- 555
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 893.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 7.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Fort William&ndash;Vancouver
- </td>
- <td class="tdr">
- 1900
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 3058.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 8.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Vancouver&ndash;Yokohama
- </td>
- <td class="tdr">
- 4283
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 7744.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 9.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- In Japan bis Kobe
- </td>
- <td class="tdr">
- 614
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 987.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 10.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Kobe&ndash;Hongkong
- </td>
- <td class="tdr">
- 1367
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 2637.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 11.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Hongkong&ndash;Colombo
- </td>
- <td class="tdr">
- 3096
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 5875.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 12.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- In Ceylon
- </td>
- <td class="tdr">
- 444
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 714.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 13.
- </td>
- <td class="tdl" colspan="3">
- Colombo&ndash;Calcutta
- </td>
- <td class="tdr">
- 1380
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 2550.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 14.
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="5">
- In Indien
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Calcutta&ndash;Darjeeling und zurück
- </td>
- <td class="tdr">
- 758
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Calcutta&ndash;Benares
- </td>
- <td class="tdr">
- 476
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Benares&ndash;Lucknow
- </td>
- <td class="tdr">
- 200
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Lucknow&ndash;Cawnpur
- </td>
- <td class="tdr">
- 35
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Cawnpur&ndash;Agra
- </td>
- <td class="tdr">
- 240
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Agra&ndash;Delhi
- </td>
- <td class="tdr">
- 243
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Delhi&ndash;Bombay
- </td>
- <td class="tdr">
- 890
- </td>
- <td class="tdl bright" colspan="3">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- Bombay&ndash;Ellora und zurück
- </td>
- <td class="tdr">
- 468
- </td>
- <td class="tdl">
- &emsp;„
- </td>
- <td class="tdr">
- 3310
- </td>
- <td class="tdl bright">
- E. M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 5330.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="4">
- Bombay&ndash;Triest
- </td>
- <td class="tdr">
- 4367
- </td>
- <td class="tdl bright">
- See-M.
- </td>
- <td class="tdr">
- 8082.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="4">
- Triest&ndash;Wien&ndash;Berlin
- </td>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl bright bbot">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr bbot">
- 1390.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl" colspan="4">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdl bright">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- 48092.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span></p>
-
-<h2 id="Verbesserungen">Verbesserungen.</h2>
-
-</div>
-
-<p><a href="#Fussnote_72_72">Seite 49, letzte Zeile</a>, lies 1440/360 = 4.</p>
-
-<p><a href="#ihrenummer">S. 56, Z. 21</a>, lies <em class="gesperrt">ihre Nummer</em>.</p>
-
-<p><a href="#deuschemeilen">S. 68, Z. 13</a>, lies <em class="gesperrt">deutsche Meilen</em>.</p>
-
-<p><a href="#vorstadt">S. 78, Z. 3 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">von der Vorstadt</em>.</p>
-
-<p><a href="#pabst">S. 84, Z. 2</a>, lies <em class="gesperrt">Papst</em>.</p>
-
-<p><a href="#dermit">S. 178, Z. 8 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">Der mit</em>.</p>
-
-<p><a href="#seitjahrhunderten">S. 190, Z. 19</a>, lies <em class="gesperrt">seit Jahrhunderten</em>.</p>
-
-<p><a href="#verpflegung">S. 215, Z. 27</a>, lies <em class="gesperrt">Verpflegung</em>.</p>
-
-<p><a href="#einerjener">S. 236, Z. 10</a>, lies <em class="gesperrt">einer jener</em>.</p>
-
-<p><a href="#zufrueh">S. 264, Z. 26</a>, lies <em class="gesperrt">der leider zu früh f. d. W.</em></p>
-
-<p><a href="#wenigmehr">S. 304, Z. 17</a>, lies <em class="gesperrt">von wenig mehr als</em> 100.</p>
-
-<p><a href="#gelangtenund">S. 337, Z. 17</a>, lies <em class="gesperrt">gelangten, und</em>.</p>
-
-<p><a href="#ghulam">S. 349, Z. 15</a>, lies <em class="gesperrt">Ghulam</em>.</p>
-
-<p>S. 352, Z. 30, lies <em class="gesperrt">im Louvre</em>.</p>
-
-<p><a href="#Fussnote_458_458">S. 363, Note 1</a>, füge zu: 8590 <em class="gesperrt">in ganz Deutschland</em> 1892.</p>
-
-<p><a href="#dauert60">S. 370, Z. 10 von unten</a>, lies <em class="gesperrt">dauert</em> 60 <em class="gesperrt">Stunden</em>.</p>
-
-<p><a href="#reuleaux">S. 371, Z. 21</a>, lies <em class="gesperrt">Reuleaux</em>.</p>
-
-<p><a href="#schah">S. 411, Z. 19</a>, lies <em class="gesperrt">Schah</em>.</p>
-
-<p><a href="#Fussnote_524_524">S. 419, Note</a>, füge hinzu: In einem zweiten Briefe schreibt Herr Dr.
-Ign. Goldziher: Der Satz, die Welt ist eine Brücke, gehet darüber,
-aber nehmet darauf nicht bleibenden Aufenthalt, wird als von Christus
-(Al Masîh, Messias) herrührend in der mohamedanischen Spruch-Literatur
-erwähnt. Meine Quelle ist Al-Garîb al-Isfahânî, Muhâdarât al udabâ’,
-ed. Kairo, II, 217.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="figcenter">
- <a id="reiseroute" name="reiseroute">
- <img src="images/i_0533.jpg"
- alt="Reiseroute" /></a>
- <p class="s5 center"><a href="images/i_0533_hr.jpg">&#10063;<br />
- <span class="smaller">GRÖSSERE ANSICHT</span></a></p>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s2 center">Fußnoten:</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Der Platz in der ersten Cajüte kostet 400 bis 500 Mark,
-also ungefähr 50 Mark für den Tag; der Platz im Zwischendeck etwa 100
-Mark. Die ganze Verpflegung ist eingeschlossen, nur Bier und Wein
-müssen besonders bezahlt werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Zu 75 Kilogramm-Meter in 1 Secunde; also gleich 12×13000 =
-156000 Menschenkräften.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die 1884 in England gebaute „Eider“, 450′ lang, hatte 6
-Millionen Mark gekostet. Die Flotte des norddeutschen Lloyd zählt 76
-Dampfer, von denen nur 25 weniger als 1000 Tonnen messen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Ein Drittel der vollen Ladung ist Kohle. (Für ungefähr 17
-Tage.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Auf meiner ersten Reise über den atlantischen Ocean im
-Jahre 1887 habe ich (natürlich in Begleitung des Capitäns, da es
-sonst nicht gestattet ist,) das Zwischendeck besucht. 600 Reisende
-waren dort untergebracht, in drei Abtheilungen; die erste ist für
-ledige Frauen, die zweite für Familien, die dritte für ledige Männer.
-Jeder hat seine eigene Lagerstätte mit Stroh-Sack und Kopf-Kissen;
-für eine Decke hat er selber zu sorgen, doch kann er dieselbe, die
-er auf seiner Fahrt durch den amerikanischen Continent so nothwendig
-braucht, zum Selbstkostenpreis von der Gesellschaft des norddeutschen
-Lloyd in Bremen oder Bremerhafen beziehen. Dies Zwischendeck war
-besser eingerichtet und gelüftet, als irgend eines, das ich zuvor
-gesehen. Namentlich denke ich noch mit einem gewissen Grauen an das
-des russischen Dampfers, welcher 500 russisch-katholische Pilger von
-Odessa nach Palästina beförderte. Aber bei bewegter See herrschte auch
-im Zwischendeck der „Eider“ das graue Elend. Willenlos liegen oder
-hocken alle, jung und alt, auf Betten und Gängen. Pausbäckige Kinder,
-denen die dicken Thränen über die Wangen laufen, klagen „Mutting, ich
-sterbe,“ lassen aber doch das wohlgeschmierte Butterbrod nicht fallen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Die Schiffe haben ihre Schicksale. Die „Eider“ ist
-inzwischen wrack geworden; und die „Spree“ hatte, ehe ich die Heimath
-wieder erreichte, einen Bruch der Schraubenwelle erlitten, wobei die
-Umsicht und Thatkraft des Capitäns aufs beste sich bewährt hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Stewards.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Frankreich zahlt Unterstützung an Dampferlinien gegen
-27000000 Mark.
-</p>
-
-<table summary="Unterstützung der Dampferlinien">
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- England
- </td>
- <td class="tdc">
- gegen
- </td>
- <td class="tdr">
- 17500000
- </td>
- <td class="tdc">
- Mark
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Deutschland
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 4720000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Italien
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 7000000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Oestr.-Ungarn
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 4000000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Russland
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 5000000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Vereinigte Staaten
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 1100000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Mexico
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 2000000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl padright4">
- Japan
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 897000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Von Southampton bis Bremen 420 Seemeilen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Needles.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> log record.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> pool, wörtlich Einsatz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Nach Westen macht, wenn alles übrige gleich ist, der
-Dampfer scheinbar über ein Dutzend Meilen mehr an jedem Tage, als
-nach Osten. Denn nach Westen zu werden jedem Tag ungefähr 45 Minuten
-zugegeben, nach Osten abgezogen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Von Greenwich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Von den <em class="gesperrt">Nadeln</em> ab gerechnet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Wegen des zwischen Europa und Nordamerika vorherrschenden
-Südwestwindes legten die Packetboote die Fahrt von Liverpool nach
-New-York durchschnittlich in 40 Tagen, den Rückweg in 23 Tagen zurück.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> 1818 war das mit Dampfmaschine versehene Segelschiff
-Savannah von Nordamerika bis Liverpool in 26 Tagen gefahren, wobei 18
-Tage unter Dampf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> 1887 auf der Eider noch sieben Tage und etliche Stunden.
-&mdash; Der Hamburger Schnelldampfer Bismarck hat 1892 nur 5 T. 20 St.
-gebraucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> 1 Tag = 24 Stunden = 24×60×60 = 86400 Secunden.
-</p>
-<p>
-7 Tage = 7×86400 = 604800 Secunden oder Umdrehungen. Auf der Eider
-waren es etwa 777600.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> So eine Welle hat einen Durchmesser von mehr als 2 Fuss,
-die Schraubenflügel von mehr als 20 Fuss. Die Welle geht von der
-Maschine, die in der <em class="gesperrt">Mitte</em> des Schiffes sich befindet, bis zum
-hinteren Ende, besteht aus mehreren Theilen und besitzt Widerlager,
-so dass sie bei der Drehung nicht nach vorn gleiten kann. Natürlich
-ist ihre Austrittsstelle durch eine mächtige Stopfbüchse gegen das
-Eindringen des Wassers geschützt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Höchst mangelhaft war die Einrichtung auf dem Dampfer
-Brindisi der englischen P. &amp; O. Gesellschaft, von Hongkong nach
-Colombo. Um 11 Uhr wurde die Dynamomaschine abgestellt, alle Cajüten
-waren dunkel. Mein Nachbar, ein Capitän unserer Kriegsflotte, und ich
-selber forderten (und erlangten) Kerzen für die leeren Leuchter unserer
-Cajüten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Die 24 Stunden des Tages sind in sieben Wachen
-eingetheilt: Erste Wacht von 8 Uhr Abends bis Mitternacht; mittlere
-Wacht von Mitternacht bis 4 Uhr Morgens, Morgenwacht von 4&ndash;8 Uhr,
-Vormittagswacht von 8&ndash;12 Uhr, Nachmittagswacht von Mittag bis 4 Uhr.
-Erste Hundewacht von 4&ndash;6 Uhr, zweite Hundewacht von 6&ndash;8. Durch diese
-Eintheilung ändern sich die Wachen für jeden Mann an jedem Tag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Die „<em class="gesperrt">Elbe</em>“ des norddeutschen Lloyd führte 1887
-für 1000 Menschen 28000 Pfund Fleisch, 24000 Pfund Mehl u. dgl., 48000
-Pfund Eis, 8000 Flaschen Bier und dazu noch 1000 Liter, 2000 Fl.
-Rheinwein u. s. w.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten auf einer
-Kugeloberfläche liegt in dem grössten Kreis, der durch jene beiden
-Punkte und den Mittelpunkt der Kugel gelegt wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Klaproth, 1841. Vgl. Poggendorff’s Geschichte der Physik,
-1879, S. 98.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> 1 Faden gleich 6 Fuss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Die Seemeile ist gleich der mittleren Meridianminute =
-1852 Meter.</p>
-
-<p class="mleft2">Die preussische Meile ist 24000′ = 7420 Meter,</p>
-
-<p class="mleft4">die engl. (Statute m.) 5280′ = 1609 Meter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Auf dem Weltmeer ist es doch etwas kühler. Während
-diesseits und jenseits die fürchterlichste Hitze wüthete, mass ich
-auf dem Schiffe um die Mittagszeit 19° C. im Schatten, in der Nähe
-von New-York 22°C. und selbst 23°C. Die Temperatur des Wassers war
-13°, aber so lange wir im Golfstrom verweilten, 15&ndash;17°. (Zu New-York
-<em class="gesperrt">Nachts</em> im Schlafzimmer 22°, zu Washington 30° C, August 1892.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Stets mässig, habe ich während der 65 Seefahrtstage auf
-dieser Reise nicht eine einzige Mahlzeit versäumt, wohl aber manche
-Gänge. Oliven, wie Sardinen in Oel, Kraut, Thunfisch vermeide ich stets
-an Schiffsbord.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Man miethet ihn für 4 Mark und lässt ihn mit seinem Namen
-bezeichnen. Früher musste man einen Stuhl kaufen, was auch jetzt noch
-zwischen Vancouver und Bombay nothwendig ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Phocaena communis, 2&ndash;3 Meter lang, lebt gesellig im
-nordatlantischen Ocean. Von den Matrosen Meerschwein genannt. (Englisch
-porpoise.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Alle halbe Stunden schlägt die Schiffsglocke, um 8½
-Uhr Vormittags 1 Mal, um 9 Uhr 2 Mal und so fort, d. h. um 12 Uhr
-Mittags 8 Mal. Dann beginnt das Spiel von vorn, für jede der sechs
-Schichten von je 4 Stunden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Besonders im Süden, wo neue Sternbilder auftauchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Ohne dunkles Schutzglas ist die Beobachtung schwierig und
-nicht ganz genau.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="horizont" name="horizont">
- <img class="mtop1 mbot3" src="images/i_0022.jpg"
- alt="Ausdehnung des Meereshorizontes" /></a>
-</div>
-
-<table class="mleft1" summary="Dreiecksberechnungen">
- <tr>
- <td class="tdr">
- (<i>a</i>+<i>c</i>)<sup>2</sup>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- <i>b</i><sup>2</sup>+<i>c</i><sup>2</sup>.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- <i>b</i><sup>2</sup>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- <i>a</i><sup>2</sup>+2<i>a</i><i>c</i> oder, da <i>a</i><sup>2</sup>
- gegen 2<i>c</i><i>a</i> verschwindet,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- <i>b</i>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- √<span class="btop">2<i>c</i>×<i>a</i></span>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>2<i>c</i>, der Erddurchmesser, ist 1900×24000′ = 45000000′.</p>
-
-<p class="mleft3">√<span class="btop">2<i>c</i></span> = 6500′ = 1 Seemeile.</p>
-
-<p class="mleft4"><i>b</i> = 6500′ · √<span class="btop"><i>a</i>′</span> = √<span class="btop"><i>a</i>′</span> in Seemeilen.</p>
-
-<p>Ist unsere Erhebung über den Wasserspiegel</p>
-
-<table class="mleft3" summary="Erhebung über Wasserspiegel">
- <tr>
- <td class="tdc">
- a
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 9
- </td>
- <td class="tdc">
- Fuss,
- </td>
- <td class="tdc">
- so
- </td>
- <td class="tdc">
- wird
- </td>
- <td class="tdc">
- <i>b</i>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 3
- </td>
- <td class="tdc">
- Seemeilen.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- a
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 25
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- <i>b</i>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 5
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- a
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 36
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- <i>b</i>
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdr">
- 6
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Diese <em class="gesperrt">angenäherte</em> Formel ist leichter zu behalten, als die
-genauere, welche ich später in <em class="gesperrt">Breusing’s</em> Steuermannskunst
-(Bremen 1890, Seite 184) gefunden. [<i>b</i> = 3568 Meter×√<span class="btop"><i>a</i></span>.].
-Unser „Handbuch der Navigation, herausgegeben vom Reichs-Marineamt
-(Berlin 1891)“ enthält die folgenden <em class="gesperrt">genauen</em> Angaben, mit denen
-meine angenäherten genügend stimmen.</p>
-
-<table summary="Augeshöhe vs. Sichtweite">
- <tr>
- <td class="tdc">
- Augeshöhe
- </td>
- <td class="tdc">
- Sichtweite
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- M.
- </td>
- <td class="tdc">
- Sm.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- &ensp;3
- </td>
- <td class="tdc">
- 3,6&ensp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- &ensp;8
- </td>
- <td class="tdc">
- 5,89
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- 12
- </td>
- <td class="tdc">
- &ensp;7,21
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc" colspan="2">
- &ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- 33
- </td>
- <td class="tdc">
- 11,95
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Hat der gesehene Punkt <i>P</i> die Erhöhung α und unser Auge
-diejenige von <i>a</i>; so ist die Gesammtentfernung <i>AP</i> = <i>b</i> + β
-= √<span class="btop"><i>a</i>′</span> + √<span class="btop">α′</span>.</p>
-<p>
-Ist α = 100′ (Mastspitze), <i>a</i> = 25′; so sieht man <i>P</i> doch
-nicht auf 10 + 5 = 15 Seemeilen, weil die Mastspitze zu wenig sich
-abhebt. Aber Leuchtfeuer werden auf 20 bis 30 Seemeilen gesehen, &mdash;
-jedoch nicht auf 75, wie der prahlerische Reisende dem rechnenden
-vergeblich weiss zu machen sucht. Denn 5000′ hoch stellt man kein
-Leuchtfeuer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Von P. Dörffel, Berlin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Damals ahnten wir noch nicht, wie berüchtigt die
-Einwohner durch selbstsüchtige, feige Roheit einige Wochen später, zur
-Cholerazeit, sich machen sollten: mit Dolchen, Revolvern, Flinten,
-Aexten hinderten sie die Landung der Reisenden, welche von der
-amerikanischen Regierung dorthin geschickt worden waren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Mein Brief, der meine Erlebnisse auf dem Dampfer meldete,
-wurde, mit deutschen Briefmarken ausgestattet, in den deutschen
-Postbriefkasten an Bord unseres Schiffes geworfen. Wir haben einen
-Postbeamten an Bord, der die nach Deutschland bestimmten Briefe sofort
-im Hafen auf einen heimkehrenden Postdampfer befördert, (wozu in
-New-York an jedem Tag Gelegenheit sich bietet,) so dass mein Schreiben
-nach 10 Tagen in Berlin sein kann. Meine glückliche Ankunft brauche
-ich nicht nach Hause zu telegraphiren. Sowie wir in Sandyhook sichtbar
-geworden, ist die Nachricht durch den Draht nach New-York, und von hier
-nach Bremen und Berlin befördert worden. Zehn Minuten nach Ankunft
-des Telegramms in Berlin hat die Gesellschaft des norddeutschen Lloyd
-dasselbe in mein Haus zu den Meinigen gesendet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Da ich diesmal nur New-York, Washington, Baltimore,
-Philadelphia besucht; so verzichte ich auf eine genaue Schilderung der
-Reise durch die <em class="gesperrt">Vereinigten Staaten</em> und verweise den Leser auf
-mein Büchlein: „<em class="gesperrt">Von New-York nach S. Francisco</em>“ (Leipzig 1888),
-wo er eine Schilderung der amerikanischen Eisenbahnen, der Städte
-Chicago, St. Paul und Minneapolis, Portland, S. Francisco, Mormon City,
-Denver, ferner vom Niagarafall, vom Nationalpark und vom Yosemite-Thal
-finden kann.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Canadian Pacific Railroad, C. P. R.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Das ist allerdings auch mit der nördlichen Pacificbahn
-durchführbar.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Vgl. die Schrift „Canadian Pacific Railway“.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Day-line.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> „No European river is so lordly in its bearing.“ Das ist
-amerikanische Ausdrucksweise. (Spread eagle style.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> West-shore und N. Y. Central.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Es ist nicht angebracht, an dieser Stelle den Niagara zu
-beschreiben. Meine eigene Schilderung findet der geneigte Leser in dem
-letzten Kapitel des obenerwähnten Büchleins.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> An Bord des Dampfers ist weder Bier noch Wein, ja nicht
-einmal Selterswasser zu haben! Das ist gesundheitswidrig, übertrieben
-und heuchlerisch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Auf der Meeresfahrt haben sie sich <em class="gesperrt">nicht</em> bewährt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Rapids.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Im Jahre 1890 gingen durch S. St. M. 8,4 Millionen
-Tonnen; durch den Suezcanal 6,9. Aber die Waaren, die den letzteren
-passiren, sind kostbarer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Das ist ebenso, wie in den Vereinigten Staaten. Vgl. mein
-Büchlein, S. 14.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Natürlich ist das auch in den Vereinigten Staaten
-möglich. Aber dort werden Erschwerungen der Einwanderung geplant, und
-die socialen Streitigkeiten sind gelegentlich recht unangenehm. Als
-ich durch Buffalo kam, war die Eisenbahn von Soldaten besetzt, da die
-Ausständigen die Wagen anzuzünden suchten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Three sisters.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Bow river.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Hot Springs.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Grand View.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Devils lake oder Minnewonka.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Great Divide.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Mitten im Urwald liest man an den Bäumen die Ankündigung:
-„Werthvolles Land preiswürdig zu verkaufen.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Flächeninhalt des stillen (grossen) Oceans 160 Millionen
-qkm, des atlantischen 80, des indischen 73, des südlichen Eismeeres 20,
-des nördlichen 15, der Erdoberfläche 509, der fünf Erdtheile nebst den
-beiden Polargebieten 135.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Occidental and Oriental Steamship Co.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> An der Nordwestecke der Vereinigten Staaten (Washington,
-Oregon) ist man neidisch auf das Aufblühen von Vancouver und gründet
-eine neue „pacifische“ Eisenbahnlinie mit Anschluss für Yokohama.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Beaver.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Inlet, eine nur durch eine schmale Strasse mit dem
-Pugetsund zusammenhängende Bucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Ich hatte in New-York meine Fahrkarte von dort bis
-Yokohama gekauft (für 276 Dollar) und die schriftliche Versicherung
-einer eignen Cajüte erhalten. &mdash; Wie anders, als bei der Gesellschaft
-Florio-Rubattino, auf deren Schiffen ich sowohl zu Tunis wie auch zu
-Neapel die bezahlte Cajüte für meine Frau und mich erst durch ein
-besonderes Trinkgeld an Schiffsbord erlangen konnte!</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> <em class="gesperrt">Boy</em> heisst er, von Vancouver bis Bombay.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Number one, Number two u. s. w. &mdash; Zwei mal zwei
-amerikanische Dollar zahlt der anständige Reisende für die Aufwartung
-von Vancouver bis Yokohama, und noch einige Kleinigkeiten dazu.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> „You <em class="gesperrt">will</em> fight with Russia, &mdash; when the Russian
-have occupied London, not earlier.“ Solche Aussprüche kennzeichnen den
-wagehalsigen Character der üblichen Kannegiessereien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Die Chinesische Regierung zieht Europäer als Zollbeamte
-vor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Mercator’s Projection.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Es sind da zwei verschiedene Kurse für Hin- und Rückfahrt
-gezeichnet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> 24×60 = 1440.
-</p>
-
-<table class="mleft2" summary="Division Fußnote 72">
- <tr>
- <td class="tdc bbot">
- 1444
- </td>
- <td class="tdc vam" rowspan="2">
- =
- </td>
- <td class="tdc vam" rowspan="2">
- 4.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdc">
- 360
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Ich schreibe dies in der Hoffnung, dass durch
-Veröffentlichung dieser haarsträubenden Schäden eine Besserung
-angebahnt werde. Im vorigen Jahrhundert wurden Auswandrer zu Schiff von
-Europa nach Amerika befördert, ohne dass der Capitän die Verpflichtung
-übernahm, sie zu verpflegen; gelegentlich sprang ein Unglücklicher
-mit Weib und Kind über Bord, um dem Hungertod zu entgehen. Dies ist
-gesetzlich abgestellt. Aber die Eisenbahngesellschaften dürfen noch
-heute Auswandrer elf Tage hindurch befördern, ohne für ihre Verpflegung
-Sorge zu tragen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Ich gebe, aus leicht begreiflichen Gründen, nicht die
-wirklichen Namen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Für den Forschungsreisenden ist das
-<em class="gesperrt">Lichtbildgeräth</em> gewiss unentbehrlich, für den
-Vergnügungsreisenden eine Last. Allenthalben kann man weit bessere
-Lichtbilder <em class="gesperrt">kaufen</em>. Im Nationalpark von Yellowstone stellte
-ein Amerikaner den Ausbruch des Bienenkorb-Geisers ein, ohne das
-überraschende Naturschauspiel mit seinen Augen zu sehen. In Indien sah
-ich eine Sammlung von Lichtbildern japanischer und indischer Tempel;
-die <em class="gesperrt">Gattin</em> des Amerikaners war auf <em class="gesperrt">jedem</em> Bilde zu
-erkennen, die Tempel viel weniger.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Portugiesen heissen im Osten die Mischlinge, die in den
-beiden Colonien <em class="gesperrt">Macao</em> (China) und <em class="gesperrt">Goa</em> (Indien) leben
-und nur wenig portugiesisches Blut besitzen. Die meisten sind in
-untergeordneter Stellung, Führer, Aufwärter zu Wasser und zu Lande,
-Handwerker; wenige Gasthofsbesitzer und Kaufleute, Aerzte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Die Untersuchung ist eingehend, aber höflich und ehrlich.
-Wie viel höflicher sind diese Beamten, als die in New-York und in Ala
-gegen Jedermann und als die zu Paris gegen Reisende, deren Koffer
-die Aufschrift Berlin trägt? Wie viel ehrlicher sind sie als die zu
-Konstantinopel, die den Koffer nicht durchwühlen, wenn man ihnen zwei
-Francs überreichen lässt, oder die zu Smyrna, die unsere Waschgeräthe
-auf die Strasse packen und darnach Bakschisch heischen?</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Die Werke, die ich auf der Seereise, z. Th. auch in
-Japan, gelesen oder durchgesehen, und denen ich zu grossem Danke
-verpflichtet bin, sind die folgenden:
-</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>1. Handbook f. travellers in Japan by B. H. Chamberlain &amp; W. B.
-Mason. London 1891.</p>
-
-<p>2. Things Japanese, by B. H. Chamberlain, London 1891. (Geistreich
-und witzig.)</p>
-
-<p>3. Japanese houses by Morse, London 1888.</p>
-
-<p>4. The real Japan. By H. Norman, London 1892. (Gut, aber eine
-Partei-Schrift.)</p></div>
-
-<p>Dazu kamen noch <em class="gesperrt">später</em>, zu Hause:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>5. <em class="gesperrt">Rein</em>, Japan, Leipzig 1881&ndash;1886. (Unbestritten das
-<em class="gesperrt">Hauptwerk</em> über Japan.)</p>
-
-<p>6. Die preussische Expedition nach Ostasien. Nach amtl. Quellen.
-Berlin 1864. (Königl. G. Oberhofbuchdruckerei.)</p>
-
-<p>7. <em class="gesperrt">Exner</em>, Japan, Leipzig 1891.</p>
-
-<p>8. <em class="gesperrt">Netto</em>, Papierschmetterlinge aus Japan, Leipzig 1888. (Das
-beste volksthümliche Buch über Japan.)</p>
-
-<p>9. <em class="gesperrt">Wernich</em>, Geogr. med. Studien, Berlin 1878.</p>
-
-<p>10. <em class="gesperrt">G. Bousquet</em>, Le Japon de nos jours, Paris
-1877.</p></div>
-
-<p>Ferner E. <em class="gesperrt">Kämpfer</em>, Japon, Lemgo, 1777, sowie einige Abhd. d.
-<em class="gesperrt">deutsch. ostas. Gesellsch.</em>, und auch der englischen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Nach chinesischen Annalen drangen um 1200 vor Chr.
-tatarische Stämme nach Korea und den östlichen Inseln vor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Die Photographien der Japaner sind eigentlich besser und
-billiger, als die unsrigen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Die Chinesin und Malayin gefällt dem europäischen Auge
-minder; selbst die Hindufrau ist trotz der „arischen“ Abstammung nicht
-anmuthend für uns.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Struppiges Haar, das man bei Frauen und Mädchen in
-Südchina und Vorderindien oft genug sieht, habe ich bei keiner
-Japanerin gefunden, auch nicht bei einer Bäuerin oder Bettlerin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Dies gilt für die Samurai (Adligen), welche <em class="gesperrt">früher</em>
-in dem Gürtel links <em class="gesperrt">zwei Schwerter</em> trugen. &mdash; Was heutzutage im
-Gürtel der Japaner wie ein Dolch in der Scheide aussieht, ist &mdash; ein
-Besteck für die Tabakspfeife.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Früher waren sehr abenteuerliche üblich: Kappen,
-wie die der Lazzaroni; Deckel, wie die Cerevis unserer Studenten.
-Heutzutage tragen manche bei japanischem Gewand europäische Fuss- und
-Kopfbedeckung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Mikado heisst <em class="gesperrt">hohe Pforte</em>, <em class="gesperrt">Tenno hoher
-König</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> <em class="gesperrt">Shogun</em> heisst Obergeneral. Die Europäer setzten
-irrthümlich <em class="gesperrt">Taikun</em>. Aber <em class="gesperrt">Taikô</em> oder Taikô-sama wurde
-<em class="gesperrt">Hideyoshi</em> (1591 n. Chr.), nachdem er vom Bauernsohn zum
-Herrscher von Japan sich emporgeschwungen, zum Zeichen seiner
-<em class="gesperrt">Rangerhöhung</em>, benannt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Dai = gross, mijo = Name.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Wörtlich <em class="gesperrt">Wächter</em> (nämlich der Fürsten). 1878 wurde
-zur Bezeichnung des niederen Adels das chinesische Wort <em class="gesperrt">Shizoku</em>
-eingeführt. &mdash; Heutzutage giebt es höheren Adel (kwaziku), niederen
-(shizoku) und Volk (heimin). Die beiden ersten Classen machen 5 Procent
-der Bevölkerung aus. Jeder Bürger muss seinen Namen und Stand auf einem
-Holztäfelchen am Hauseingang anbringen, auch die im Innern des Landes
-lebenden Europäer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> <em class="gesperrt">Chamberlain</em>, der sich hauptsächlich auf
-<em class="gesperrt">Satow</em> stützt. (Things Japanese. London 1891, 314 fgd.)</p>
-
-<p>Rein, Japan, Leipzig 1881, I, S. 513 fgd.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Auch bei den alten Aegyptern wird das Opfer für den
-Todten als königliches Geschenk bezeichnet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Lehrer aus der Familie Çakya. (Nach Andern Einsiedler von
-Çakya?)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> In einem kleinen Orte Schottlands sah ich die drei
-Kirchen dreier verschiedener Secten: aber an jeder war die gleiche
-Inschrift: „Nach dem Gottesdienst findet eine Geldsammlung statt.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Wir nennen ihn Confucius, und Mencius seinen Schüler
-<em class="gesperrt">Moschi</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Ein fast 2000 Jahre altes Buch des <em class="gesperrt">Cho-kiu-kei</em>,
-des chinesischen Hippocrates.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> <em class="gesperrt">Rein</em>, Japan, I. Abschnitt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Uebrigens ist es eine <em class="gesperrt">Missheirath</em>. Die Fichte ist
-in Japan so herrlich, wie irgendwo in der Welt; die Palme klein und
-verkümmert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> 1883 zählte die Stadt 80000 Einwohner mit 4000 Fremden.
-Unter letzteren waren 2681 Chinesen mit 150 Firmen, 595 Engländer
-mit 55 Firmen, 253 Nordamerikaner mit 27 Firmen, 160 Deutsche mit 22
-Firmen, 109 Franzosen mit 15 Firmen. 1890 waren es 720 Engländer, 257
-Amerikaner, 201 Deutsche, 120 Franzosen. Der Einfluss der deutschen
-Kaufleute ist in stetiger Zunahme begriffen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Der fünfte, Niigata, an der Ostküste von Nippon, steht
-nur auf dem Papier der Verträge, da fremde Schiffe, wegen der Sandbarre
-an der Flussmündung, nicht in den Hafen gelangen können.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Japans gesammte Ausfuhr betrug 70, die Einfuhr 66
-Millionen Yen im Jahre 1889.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Beide Verkehrsanstalten sind in vorzüglicher Ordnung.
-Depeschengebühr nach Europa für das Wort ungefähr 9 Mark. Nach 24
-Stunden hat man die Antwort. Sie wurde mir, ohne dass ich es verlangt
-hatte, nach Nikko nachdepeschirt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Bund oder Bunder heisst Uferstrasse.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Man zählt in Japan durchschnittlich 66 Erdbeben im
-Jahre.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Ich sah solche Prachtstücke in anatomischen Sammlungen
-Japans.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> Hori-mono = tätowiren, und horu, graben; mono, ein Ding.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> 10000 Pfd. Sterl. kostete die Meile mit englischen
-Ingenieuren, später 3600 mit japanischen. Bis 1882 baute die Regierung
-allein. 1890 gab es 551 englische Meilen Staatsbahn, 569 Privatbahn,
-etwa 700 Meilen waren in Bau, und ebensoviele in Aussicht genommen.
-Wie gewaltig ist auch in dieser Hinsicht das ungeheure China von dem
-thatkräftigen Japan überholt! &mdash; Es giebt mehrere kleine und eine
-grosse japanische <em class="gesperrt">Dampfschifffahrts-Gesellschaft</em> (Nippon Yusen
-Kwaisha), die nicht bloss die japanischen Häfen, sondern auch Shanghai
-anläuft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> Jeder Japaner, ob hoch oder niedrig, nimmt täglich (oder
-mindestens zwei Mal in der Woche) ein heisses Bad (Yu, von 38&ndash;45° C.),
-das in den öffentlichen Anstalten etwa 2 Pfennige kostet. Professor
-<em class="gesperrt">Bälz</em> hat auf Grund einer 16jährigen Erfahrung die Vorzüge dieser
-heissen Bäder hervorgehoben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_107_107" id="Fussnote_107_107"></a><a href="#FNAnker_107_107"><span class="label">[107]</span></a> 4 Yen den Tag für die ganze Verpflegung mit grossem
-Zimmer im ersten Stockwerk.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_108_108" id="Fussnote_108_108"></a><a href="#FNAnker_108_108"><span class="label">[108]</span></a> <em class="gesperrt">Odawara hyōgi.</em> Die Hojo-Daimio’s beriethen
-1590 n. Chr. im Schloss zu Odawara, ob sie ausfallen und angreifen
-oder auf die Vertheidigung sich beschränken sollten. Ehe sie zu einer
-Entscheidung kommen konnten, stürmte <em class="gesperrt">Hideyoshi</em> das Schloss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_109_109" id="Fussnote_109_109"></a><a href="#FNAnker_109_109"><span class="label">[109]</span></a> 1 Yen Gehalt, 1 Zehrung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_110_110" id="Fussnote_110_110"></a><a href="#FNAnker_110_110"><span class="label">[110]</span></a> In dem Budget des Kaiserreiches Japan für 1889/90 sind
-die Ausgaben für die Polizei mit 382554 Yen angesetzt. (Unsere gute
-Stadt Berlin hat 4000000 Mark jährlich für die Polizei beizusteuern.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_111_111" id="Fussnote_111_111"></a><a href="#FNAnker_111_111"><span class="label">[111]</span></a> In Japan werden sie jetzt als „Fremde“ bezeichnet. Hier
-müssen die Herren Engländer sich selbst „foreigners“ nennen, ein Titel,
-mit dem sie in Europa alle Nichtengländer &mdash; beehren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_112_112" id="Fussnote_112_112"></a><a href="#FNAnker_112_112"><span class="label">[112]</span></a> Mit dem <em class="gesperrt">Gold</em> sind die Japaner schlecht gefahren.
-Im 15. Jahrhundert n. Chr. galt 1 Theil Gold = 9½ Silber, 1765 1
-Gold = 11,35 Silber, 1855&ndash;1860 1 Gold = 4,6 Silber. So verschwand
-das Gold aus dem Lande. Und da nun­mehr die Regierung den Preis der
-Goldmünzen höher ansetzte, als ihr Werth in Europa war; so erhielt sie
-den noch nicht eingeschmolzenen Rest zurück und machte wieder Schaden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_113_113" id="Fussnote_113_113"></a><a href="#FNAnker_113_113"><span class="label">[113]</span></a> Bekanntermassen ist der Silberdollar der Vereinigten
-Staaten genau ebenso gross und schwer und von demselben Feingehalt,
-gilt aber 4 Mark 20 Pfennig &mdash; wegen des Credits der Vereinigten
-Staaten. Aber im gewöhnlichen Verkehr Ostasiens gelingt es nicht,
-diesen höheren Preis zu erzielen. [Wenige Monate, nachdem ich dies
-geschrieben, ist der <em class="gesperrt">Silbersturz</em> erfolgt.]</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_114_114" id="Fussnote_114_114"></a><a href="#FNAnker_114_114"><span class="label">[114]</span></a></p>
-
-<p>
-1 Mon = 0,01 Sen = 0,03 Pfennig.<br />
-4 Mon = 0,04 Sen = 0,12 Pfennig.<br />
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_115_115" id="Fussnote_115_115"></a><a href="#FNAnker_115_115"><span class="label">[115]</span></a> Die Staatsschuld betrug 1889 gegen 300 Millionen Yen,
-darunter gegen 50 Millionen Banknoten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_116_116" id="Fussnote_116_116"></a><a href="#FNAnker_116_116"><span class="label">[116]</span></a> Sha = Wagen, chinesisch. Oft hört man nur diese
-Silbe ausrufen. (Japanisch heisst der Wagen Kuruma.) Die Engländer
-schneiden dem Wort den Kopf ab und zerquälen die Selbstlauter, bis sie
-<em class="gesperrt">rikshaw</em> fertig bringen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_117_117" id="Fussnote_117_117"></a><a href="#FNAnker_117_117"><span class="label">[117]</span></a> H. Meyer wurde im Winter bei 3° in 4 Stunden 46 km weit
-gezogen!</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_118_118" id="Fussnote_118_118"></a><a href="#FNAnker_118_118"><span class="label">[118]</span></a> Ganz anders in Indien. Von Abu Road nach Abu Mountain
-(16 englische Meilen) befördert uns die Jinrikisha in sechs Stunden.
-Sechs Mann sind dabei thätig. Als ich ein Drittel des Weges gemacht,
-versuchten sie, mir einen schlechtgesattelten Ponny aufzuschwatzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_119_119" id="Fussnote_119_119"></a><a href="#FNAnker_119_119"><span class="label">[119]</span></a>
-Als ich 1890 mit meiner Frau <a name="vorstadt" id="vorstadt"></a>in der Vorstadt Pankaldi,
-wo wir unser Mittagsmahl in einer befreundeten Familie genommen, Abends
-nach Pera zurückfuhr, setzte sich mein Wirth mit gespanntem Revolver
-auf den Kutscherbock.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_120_120" id="Fussnote_120_120"></a><a href="#FNAnker_120_120"><span class="label">[120]</span></a> <em class="gesperrt">Tenno Mutsu Hito</em>, geb. 1852, regiert seit 1868
-mit Eifer und Weisheit. Als die Kammern kürzlich die Panzerschiffe
-nicht bewilligten, sagte er: „Die Worte sind überflüssig. Die Schiffe
-müssen gebaut werden. <em class="gesperrt">Ich</em> steuere aus meinem Privatvermögen
-600000 Yen bei.“ Ebensoviel gab er für den Biwa-Canal. (Die Civilliste
-betrug 1889/90 3½ Millionen Yen, doch sind Apanagen und Tempel auf
-sie angewiesen. &mdash; Staatseinnahmen 76½ <em class="gesperrt">Millionen Yen</em>, 42 aus
-Grundsteuer, 14 vom Schnaps (Sake), 4 Zölle. Ausgaben 76½ Millionen
-Yen, 20 für Staatsschuld, 12 Ministerium des Krieges, 6 der Marine.)
-Als ein Reiterstandbild des Kaisers auf der Niju-Brücke vorgeschlagen
-wurde, verwarf er den Plan, damit nicht die Fremden unter den Füssen
-eines Pferdes hindurch in den Palast kommen müssten. Er hat, nach altem
-Gebrauch, seiner Regierungszeit einen besonderen Namen gegeben, und
-zwar Mei-ji, d. h. erleuchteter Frieden. Verschiedene Briefe meiner
-japanischen Freunde aus dem Jahre meiner Reise (1892) sind datirt:
-Im Jahre 25 Mei-ji. Seit dem Jahr 1873 ist unser Kalender in Japan
-angenommen, statt der schwerfälligen und zusammengesetzten Zeitrechnung
-der Chinesen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_121_121" id="Fussnote_121_121"></a><a href="#FNAnker_121_121"><span class="label">[121]</span></a> „Das Feuer ist die Blume Tokyo’s.“ Japanisches
-Sprichwort.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_122_122" id="Fussnote_122_122"></a><a href="#FNAnker_122_122"><span class="label">[122]</span></a> Im Gegensatz zu Saikyo, östliche Hauptstadt, d. i.
-Kyoto.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_123_123" id="Fussnote_123_123"></a><a href="#FNAnker_123_123"><span class="label">[123]</span></a> Und der anderen japanischen Städte. Dieselben sehen sich
-zum Verwechseln ähnlich, soweit nicht ein altes Schloss ihnen Eigenart
-verleiht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_124_124" id="Fussnote_124_124"></a><a href="#FNAnker_124_124"><span class="label">[124]</span></a> <em class="gesperrt">Rein</em> I, 480.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_125_125" id="Fussnote_125_125"></a><a href="#FNAnker_125_125"><span class="label">[125]</span></a> Das ganze <em class="gesperrt">Clubhaus</em> kann in <em class="gesperrt">eine</em> Halle
-umgewandelt werden, wenn die Zahl der Gäste dies erfordert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_126_126" id="Fussnote_126_126"></a><a href="#FNAnker_126_126"><span class="label">[126]</span></a> Das japanische Papier, aus dem Rindenbast des
-Maulbeerbaumes, ist zäh und zerfliesst nicht im Wasser. Beim Schreiben
-braucht man kein Löschblatt. Es ist brauchbar als Fensterabschluss; mit
-Firniss behandelt, wird es lederartig: mit Oel getränkt, wasserdicht,
-zu Regenmänteln. Werth der japanischen Papierfabrikation 5 Millionen
-Yen 1887, der Ausfuhr 244000 Yen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_127_127" id="Fussnote_127_127"></a><a href="#FNAnker_127_127"><span class="label">[127]</span></a> Ein englischer Arzt in Kyoto überreichte mir eine
-„Denkschrift zur Verhütung der Kurzsichtigkeit unter den höheren
-Classen,“ worin er die Fenster aus Papier tadelt und solche aus Glas
-empfiehlt. Aber es ist unmöglich, diese für 40 Millionen Menschen
-augenblicklich zu beschaffen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_128_128" id="Fussnote_128_128"></a><a href="#FNAnker_128_128"><span class="label">[128]</span></a> Schlafgewand, Matratze und <em class="gesperrt">Halsschemel</em> (makuro)
-mit Schlummerrolle, besonders für die Frauen, um den Kopfputz zu
-schonen. Ich sah dies seltsame Möbel auch in Krankenhäusern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_129_129" id="Fussnote_129_129"></a><a href="#FNAnker_129_129"><span class="label">[129]</span></a> Japanese houses by <em class="gesperrt">Morse</em>, London 1888, (Sampson
-Low, Fleetstreet).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_130_130" id="Fussnote_130_130"></a><a href="#FNAnker_130_130"><span class="label">[130]</span></a> Ich ersuche ihn, erst den Strassenschmutz in New-York,
-Chicago, Frisco mit der Nase zu prüfen und dann nach Berlin zu kommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_131_131" id="Fussnote_131_131"></a><a href="#FNAnker_131_131"><span class="label">[131]</span></a> Sie vertreten die Stelle unserer Leichensteine; besitzen
-aber, wegen der Verehrung der Ahnen, bei den Japanern eine weit höhere
-Bedeutung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_132_132" id="Fussnote_132_132"></a><a href="#FNAnker_132_132"><span class="label">[132]</span></a> <em class="gesperrt">Harakiri</em> heisst Bauch-Schnitt; den Japanern
-scheint das chinesische Wort <em class="gesperrt">seppuku</em> gewählter, wie manchem
-meiner Fachgenossen &mdash; <em class="gesperrt">Laparotomie</em>.</p>
-
-<p>Im Mittelalter eine Sitte der besiegten Krieger, die nicht
-in Feindeshand fallen wollten, wurde es um 1500 n. Chr. ein
-<em class="gesperrt">Vorrecht</em> der Daimio und Samurai, um, zur Todesstrafe
-verurtheilt, dem Henker zu entgehen, &mdash; gerade wie früher in manchen
-Ländern <em class="gesperrt">Europa’s</em> wohl der Edelmann enthauptet, der Bürger
-gehängt wurde.</p>
-
-<p>Hinter dem japanischen Edelmann stand sein Freund; sowie der erste den
-Dolch in den Leib stiess, hieb der zweite ihm mit scharfem Schwert das
-Haupt ab.</p>
-
-<p>Harakiri als Strafe ist abgeschafft, als Selbstmord kommt es noch
-vor. 1881 hat ein junger Officier aus Yezo im Tempel von Saitokuji zu
-Tokyo, an dem Grabe seiner Ahnen, so den Tod gesucht und gefunden, um
-durch die That sein Vaterland auf die von den Russen drohende Gefahr
-eindringlicher aufmerksam zu machen, als seine Worte es vermocht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_133_133" id="Fussnote_133_133"></a><a href="#FNAnker_133_133"><span class="label">[133]</span></a> Das 50. Gesetz des Jeyasu oder (Gongen-sama) lautet: An
-dem Mörder des Herrn oder Vaters soll man Rache nehmen, und auch die
-weisen und klugen Männer gestatten nicht, dass man mit ihm zusammen
-unter dem Himmel lebe. Wenn Jemand Rache nehmen will, so ist in
-den Registern des Gerichtshofes nach Jahr und Monat der Zeitpunkt
-festzusetzen, bis zu dem er seine Absicht auszuführen hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_134_134" id="Fussnote_134_134"></a><a href="#FNAnker_134_134"><span class="label">[134]</span></a> Auf einem der Festessen sah ich ein drolliges Singspiel:
-Eine junge Frau erschien, mit einem blühenden Kirschzweig über
-der Schulter, schrieb Liebeslieder und hing sie an die Zweige des
-Kirschbaums.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Tragen möcht’ ich ein Kleid, wie die Blüthe der Kirschen gefärbet;</div>
- <div class="verse">Sind erst die Blumen verwelkt, mahnt es mich später an sie.“</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse tdr mright1">(Japan. Liedersammlung, übersetzt von Dr. Lange.)</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_135_135" id="Fussnote_135_135"></a><a href="#FNAnker_135_135"><span class="label">[135]</span></a> Dieselbe Beobachtung machte ich in den Museen von
-Hongkong, Calcutta, Bombay.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_136_136" id="Fussnote_136_136"></a><a href="#FNAnker_136_136"><span class="label">[136]</span></a> Auch die alten Aegypter gaben der Mumie kleine
-Thon-Figuren mit ins Grab, die sogenannten <em class="gesperrt">Stellvertreter</em>
-(„wòsbt“), die in den elysäischen Gefilden des Jenseits für den
-Todten die Arbeit leisten sollten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_137_137" id="Fussnote_137_137"></a><a href="#FNAnker_137_137"><span class="label">[137]</span></a> Es ist das immerhin nicht so schlimm gewesen, wie die
-Mittel der spanischen Inquisition.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_138_138" id="Fussnote_138_138"></a><a href="#FNAnker_138_138"><span class="label">[138]</span></a> In dieser Künstelei leistet die japanische Gärtnerei
-geradezu Erstaunliches.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_139_139" id="Fussnote_139_139"></a><a href="#FNAnker_139_139"><span class="label">[139]</span></a> Bis Yokohama hatten meine Havanna’s gereicht. In Japan
-giebt es billige Manilla-Cigarren, wie wir sie bei uns kaum kennen, von
-der Form der Havanna-Cigarren und den geringeren Sorten derselben an
-Güte nur wenig nachstehend; das Stück kostet 15 Pfennige. &mdash; Dass der
-gebildete Japaner dem Gast das eigne Tabakspfeifchen aufnöthige, ist
-eine Fabel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_140_140" id="Fussnote_140_140"></a><a href="#FNAnker_140_140"><span class="label">[140]</span></a> <em class="gesperrt">West-Haupt-Gebet-Tempel.</em> In der späteren
-Beschreibung von Kyoto folgen einige Bemerkungen über Tempel und Secten
-der Buddhisten in Japan.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_141_141" id="Fussnote_141_141"></a><a href="#FNAnker_141_141"><span class="label">[141]</span></a> Auch unsere geliebten Griechen waren in diesem Punkte
-nicht viel klüger. Beim Hippocrates steht ein unsinniger Satz, von dem
-wir jetzt wissen, dass die Griechen ihn von den alten Aegyptern sich
-einreden liessen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_142_142" id="Fussnote_142_142"></a><a href="#FNAnker_142_142"><span class="label">[142]</span></a> Jetzt sind dieselben, in kleinerem Maassstab, für den
-Hausgebrauch, auch bei uns eingeführt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_143_143" id="Fussnote_143_143"></a><a href="#FNAnker_143_143"><span class="label">[143]</span></a> Nikko = Sonnen-Glanz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_144_144" id="Fussnote_144_144"></a><a href="#FNAnker_144_144"><span class="label">[144]</span></a> Das japanische Maass ist <em class="gesperrt">Koku</em> = 180 Liter, im
-Werth von 2½-5 Dollar. (Das Einkommen des Daimio betrug jährlich
-10000 Koku Reis und bei den mächtigsten sogar 1 Million Koku.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_145_145" id="Fussnote_145_145"></a><a href="#FNAnker_145_145"><span class="label">[145]</span></a> Vgl. Von „New-York nach S. Francisco“, Leipzig, 1888, S.
-195.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_146_146" id="Fussnote_146_146"></a><a href="#FNAnker_146_146"><span class="label">[146]</span></a> Naturgetreue Nachbildungen des japanischen Hauses sind
-hier am besten zu haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_147_147" id="Fussnote_147_147"></a><a href="#FNAnker_147_147"><span class="label">[147]</span></a> Der Tempel zu Eleusis, dessen Grundlagen jetzt glücklich
-freigelegt sind, scheint mir nach ägyptischen Mustern, wenngleich mit
-einigen Abweichungen, erbaut zu sein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_148_148" id="Fussnote_148_148"></a><a href="#FNAnker_148_148"><span class="label">[148]</span></a> Wer in <em class="gesperrt">Ostindien</em> eine Moschee betritt, ist im
-ersten Augenblick ganz verwirrt, da die Gebetnische nach <em class="gesperrt">Westen</em>
-liegt; aber die Richtung (Kibla) muss immer nach Mohammed’s Grab
-hinweisen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_149_149" id="Fussnote_149_149"></a><a href="#FNAnker_149_149"><span class="label">[149]</span></a> <em class="gesperrt">Ise</em> (südöstlich von Kyoto, an der Owaribucht)
-mit dem Tempel der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu ist das
-<em class="gesperrt">Nationalheiligthum der Japaner</em>. Fremde können wohl hinreisen,
-bekommen aber nicht viel zu sehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_150_150" id="Fussnote_150_150"></a><a href="#FNAnker_150_150"><span class="label">[150]</span></a> Pagode, angeblich vom indischen bhagurati = heiliges
-Haus; richtiger wohl von <em class="gesperrt">Dagoba</em>, Reliquien-Schrein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_151_151" id="Fussnote_151_151"></a><a href="#FNAnker_151_151"><span class="label">[151]</span></a> Kranich und Schildkröte sind Sinnbilder des Glücks und
-des langen Lebens.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_152_152" id="Fussnote_152_152"></a><a href="#FNAnker_152_152"><span class="label">[152]</span></a> <em class="gesperrt">Aeolus</em>, der Schaffner der Winde, gab dem Odysseus
-einen <em class="gesperrt">Schlauch</em> aus Ochsenhaut, worin er die Sturmwinde fest
-eingebunden. (Odyssee, X, 19). Die Uebereinstimmung kann auf Zufall
-beruhen. (Aber die Schiffersagen des zehnten Buches der Odyssee waren
-wenigstens den Singhalesen auf Ceylon im 4. Jahrhundert n. Chr.
-geläufig, da sie dieselben in ihre Chronik hineinflochten.)
-</p>
-<p>
-In einem der Mausoleen sah ich einen Mann aus Bronze als
-Laternenträger, dem Entwurf nach ähnlich demjenigen von Pompeji. Aber
-ich erschrak förmlich über die ostasiatische Ausführung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_153_153" id="Fussnote_153_153"></a><a href="#FNAnker_153_153"><span class="label">[153]</span></a> Mit der Eisenbahn in 50 Minuten zu erreichen, wenn man
-in Ofuna Anschluss an die Zweigbahn findet.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_154_154" id="Fussnote_154_154"></a><a href="#FNAnker_154_154"><span class="label">[154]</span></a> Die Bildsäule besteht aus Bronzeplatten, die einzeln
-gegossen, dann zusammengeschweisst und schliesslich noch mit dem
-Meissel bearbeitet sind. Das Gewicht soll 9000 Centner betragen. Man
-kann von hinten in das Innere hineinsteigen. Globetrotter haben früher
-sich auf Buddha’s Schooss photographiren lassen. Jetzt steht in der
-Nähe eine englische Inschrift: „Wandrer, wer du auch seist, ehre dieses
-uralte Heiligthum.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_155_155" id="Fussnote_155_155"></a><a href="#FNAnker_155_155"><span class="label">[155]</span></a> Dazu gehört der Hermes des Praxiteles. &mdash; Zu Cairo sagte
-mir einst ein englischer Oberst von grosser Reiseerfahrung, er theile
-die Menschen in zwei Classen ein, je nachdem sie den Hermes zu Olympia
-gesehen oder nicht.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_156_156" id="Fussnote_156_156"></a><a href="#FNAnker_156_156"><span class="label">[156]</span></a> Und einen grossen Theil des Gewinnstes vorwegnimmt.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_157_157" id="Fussnote_157_157"></a><a href="#FNAnker_157_157"><span class="label">[157]</span></a> Wenigstens in dem der Chinesenstadt zu St. Francisco
-sassen die Damen, gleichförmig weiss gekleidet und weiss geschminkt,
-steif und wie leblos, zusammen hoch oben auf einer einzigen Galerie.
-In dem chinesischen Theater zu Hongkong sah ich nur ganz vereinzelte
-Frauen und Mädchen. &mdash; Die höheren Stände in Japan erlauben ihren
-Töchtern nicht, die gewöhnlichen Theater zu besuchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_158_158" id="Fussnote_158_158"></a><a href="#FNAnker_158_158"><span class="label">[158]</span></a> Im Theater zu Kyoto vermochte der „Führer und
-Dolmetscher“ durchaus nicht, den poetischen Namen des Stückes in
-verständliches Englisch zu übersetzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_159_159" id="Fussnote_159_159"></a><a href="#FNAnker_159_159"><span class="label">[159]</span></a> Ichikawa Danyūro gilt für den grössten
-Schauspieler Japan’s. Seine Darstellungskraft und Gewandtheit ist
-bewunderungswürdig.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_160_160" id="Fussnote_160_160"></a><a href="#FNAnker_160_160"><span class="label">[160]</span></a> Wie im Theater der alten Griechen und &mdash; Shakespeare’s,
-so werden auch im japanischen Theater Frauenrollen von Männern
-dargestellt. Ebenso im Theater der Chinesen, nicht aber in dem der
-Hindu und Parsi. Für das Theater der Japaner ist dies um so seltsamer,
-als ihre moderne Bühne, im 17. Jahrhundert, von zwei Frauen (O-Kuri
-und O-Tsu) gegründet wurde. &mdash; Die erstere war Priesterin, entfloh
-mit einem Krieger, verursachte durch ihre Schönheit den Tod eines
-Nebenbuhlers, trat mit ihrem Gatten in Yedo auf und wurde nach seinem
-Tode erst Lehrerin der Dichtkunst und endlich Nonne, um für die Seele
-ihres Opfers zu beten. &mdash; Dass Frauen auf der japanischen Bühne nicht
-auftreten, wird verschieden erklärt, ein Mal aus Gründen der Sitte, das
-andre Mal &mdash; weil es den Frauen an Begabung zur Schauspielkunst fehle!</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_161_161" id="Fussnote_161_161"></a><a href="#FNAnker_161_161"><span class="label">[161]</span></a> Aehnlich wie in der Götterdämmerung vor Brunhild’s
-Felsgemach.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_162_162" id="Fussnote_162_162"></a><a href="#FNAnker_162_162"><span class="label">[162]</span></a> Das griechische Theater besass bereits eine Maschine
-(Ekkyklema), um das Innere eines Hauses, wenn es erforderlich wurde,
-nach aussen zu drehen. Vgl. <em class="gesperrt">Aristophanes</em>, die Acharner,
-Z. 409. <em class="gesperrt">Euripides</em>: „Man drehe mich heraus.“ (Ἀλλ’
-ἐκκυκλήσομαι).</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_163_163" id="Fussnote_163_163"></a><a href="#FNAnker_163_163"><span class="label">[163]</span></a> Gelegentlich sieht man das heutzutage auch auf unserer
-Bühne.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_164_164" id="Fussnote_164_164"></a><a href="#FNAnker_164_164"><span class="label">[164]</span></a> J. L. <em class="gesperrt">Klein</em> erklärt, im III. Band seiner so
-ausführlichen Geschichte des Drama, die Schauspiele der Japaner für
-„matte Abbilder oder groteske Nachahmungen des Theaters der Hindu
-oder Chinesen.“ Aber er schrieb 1866, d. h. zu einer Zeit, wo unsere
-Kenntniss von Japan noch sehr gering war.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_165_165" id="Fussnote_165_165"></a><a href="#FNAnker_165_165"><span class="label">[165]</span></a> Mit Recht betont er (1866) des Königs Çudraka’s Stück
-„Der Kinderwagen“ (aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.), dasselbe Stück, das
-wir heutzutage als <em class="gesperrt">Vasantasena</em> so sehr bewundern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_166_166" id="Fussnote_166_166"></a><a href="#FNAnker_166_166"><span class="label">[166]</span></a> Chamberlain, Things Japanese, S. 412.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_167_167" id="Fussnote_167_167"></a><a href="#FNAnker_167_167"><span class="label">[167]</span></a> Chikamatsu Monzaemon und Takeda Izumo.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_168_168" id="Fussnote_168_168"></a><a href="#FNAnker_168_168"><span class="label">[168]</span></a> Dies Stück ist ins Englische übersetzt und auch einige
-No-Dichtungen. Aber wir sind noch weit davon entfernt, den Inhalt des
-japanischen Theaters zu kennen.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_169_169" id="Fussnote_169_169"></a><a href="#FNAnker_169_169"><span class="label">[169]</span></a> Auch zur Bereitung der beliebten Tunke <em class="gesperrt">Soya</em>
-verwendet.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_170_170" id="Fussnote_170_170"></a><a href="#FNAnker_170_170"><span class="label">[170]</span></a> Fleisch wird wenig genossen, die Buddhisten verabscheuen
-es wegen der Lehre von der Seelenwanderung. 1882 wurden im ganzen
-Reich nur 36000 Stück Rindvieh geschlachtet; in Berlin 1890/91: 124593
-Rinder und 115431 Kälber. Der Fisch wurde in Japan nothgedrungen von
-der Seelenwanderung ausgenommen. Das Meer von Japan wie seine süssen
-Gewässer wimmeln von Fischen, da der Räuber Hecht fehlt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_171_171" id="Fussnote_171_171"></a><a href="#FNAnker_171_171"><span class="label">[171]</span></a> Arbeiten aus der K. jap. Militärärztlichen Lehranstalt.
-I, 1. 1892.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_172_172" id="Fussnote_172_172"></a><a href="#FNAnker_172_172"><span class="label">[172]</span></a> Vergl. die Erörterung bei J. <em class="gesperrt">Munk</em>, Virchow’s
-Arch. B. 132, S. 150. Bei uns braucht der Arbeiter täglich 110
-g Eiweiss, 56 g Fett und 500 g Kohlehydrat. (J. <em class="gesperrt">Munk</em> &amp;
-<em class="gesperrt">Uffelmann</em>: „Die Ernährung“. 2. Aufl. 1891. S. 346.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_173_173" id="Fussnote_173_173"></a><a href="#FNAnker_173_173"><span class="label">[173]</span></a> Ebendaselbst. S. 329.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_174_174" id="Fussnote_174_174"></a><a href="#FNAnker_174_174"><span class="label">[174]</span></a> Victor Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere. 5. Aufl.
-Berlin 1887. S. 406.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_175_175" id="Fussnote_175_175"></a><a href="#FNAnker_175_175"><span class="label">[175]</span></a> Die getuschten Lichtbilder von Land und Leuten, die
-man in Tokyo, Yokohama, Kobe kaufen kann, sind eigentlich besser und
-billiger, als die unsrigen.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_176_176" id="Fussnote_176_176"></a><a href="#FNAnker_176_176"><span class="label">[176]</span></a> Man könnte es „Aller-Seelen-Tempel“ übersetzen.
-(Chinesisch sho = einladen, kon = Geist, sha = Tempel.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_177_177" id="Fussnote_177_177"></a><a href="#FNAnker_177_177"><span class="label">[177]</span></a> Die japanische Regierung hatte <em class="gesperrt">bereits</em> 1869 die
-preussische gebeten, ihr einige tüchtige militärärztliche Kräfte zu
-überlassen. Die Herren Oberstabsarzt Dr. <em class="gesperrt">Müller</em> und Stabsarzt
-Dr. <em class="gesperrt">Hoffmann</em> kamen, da ihre Abreise durch den Krieg verzögert
-ward, im August 1871 in Yedo an.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_178_178" id="Fussnote_178_178"></a><a href="#FNAnker_178_178"><span class="label">[178]</span></a> Kitsune-tsuki. &mdash; Es giebt auch auf dem Lande
-Fuchs-Eigner (Kitsune-mochi), schlaue Betrüger, welche den Aberglauben
-zu unrechtmässigem Vortheil ausbeuten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_179_179" id="Fussnote_179_179"></a><a href="#FNAnker_179_179"><span class="label">[179]</span></a> Ist es doch noch nicht lange her, dass wir sogar in
-unserem Vaterland von Besessenheit und Teufelaustreibung vernommen
-haben. &mdash; <em class="gesperrt">Kämpfer</em> (Geschichte von Japan III, 2) fand schon 1692
-in Japan „den Glauben, dass der Fuchs manche Menschen (gerade wie bei
-den Christen der Teufel) besitze.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_180_180" id="Fussnote_180_180"></a><a href="#FNAnker_180_180"><span class="label">[180]</span></a> Dazu kommen noch neuerdings eine Ackerbau- und eine
-technische Hochschule.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_181_181" id="Fussnote_181_181"></a><a href="#FNAnker_181_181"><span class="label">[181]</span></a> Oder in Familien, die eine besondere <em class="gesperrt">Erlaubniss</em>
-dazu erhalten haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_182_182" id="Fussnote_182_182"></a><a href="#FNAnker_182_182"><span class="label">[182]</span></a> Auch eine <em class="gesperrt">allgemein wissenschaftliche Zeitschrift</em>
-„Von West nach Ost“ ist neuerdings von Japanern herausgegeben worden,
-jedoch nicht lange: „In Deutschland ist die Hauptquelle des Stromes der
-Wissenschaft unserer Tage zu suchen.“ So lautete ein Satz in dieser
-Zeitschrift.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_183_183" id="Fussnote_183_183"></a><a href="#FNAnker_183_183"><span class="label">[183]</span></a> Er hat eine verschluckte Zahnbürste aus dem Magen durch
-Schnitt <em class="gesperrt">erfolgreich</em> entfernt. &mdash; Die japanische Zahnbürste
-(Yoji) ist ein Weidenstäbchen, an einem Ende durch zolltiefe
-Einschnitte in einen steifen Faserpinsel umgewandelt; kostet etwa 1½
-Pfennig und ist ein Werkzeug, das <em class="gesperrt">jeder</em> Japaner ohne Ausnahme
-anwendet, so allgemein, wie kein anderes Volk der Erde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_184_184" id="Fussnote_184_184"></a><a href="#FNAnker_184_184"><span class="label">[184]</span></a> Die Krankenpflegerinnen machen einen sehr günstigen
-Eindruck, obwohl sie in ihren Mussestunden &mdash; mit <em class="gesperrt">Puppen</em>
-spielen, wie manche erwachsene Japanerin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_185_185" id="Fussnote_185_185"></a><a href="#FNAnker_185_185"><span class="label">[185]</span></a> Der in der ersten Hauptstadt ist unzugänglich, den in
-der zweiten (älteren) Hauptstadt Kyoto befindlichen konnte ich in
-Augenschein nehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_186_186" id="Fussnote_186_186"></a><a href="#FNAnker_186_186"><span class="label">[186]</span></a> Trotz der japanischen Reinlichkeit ist
-Lungenschwindsucht recht häufig, besonders bei den höheren Classen und
-Gelehrten, die mehr im Hause leben. Möglich, dass die Matten hier eine
-wichtige Rolle in der Uebertragung der Keime spielen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_187_187" id="Fussnote_187_187"></a><a href="#FNAnker_187_187"><span class="label">[187]</span></a> On Leprosy by Masana Goto, Cooper Med. College, San
-Francisco, in the <em class="gesperrt">Sei-J-Kwai</em> Medical Journal, Tôkyô, Mai 1888.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_188_188" id="Fussnote_188_188"></a><a href="#FNAnker_188_188"><span class="label">[188]</span></a> Am Abend meines Ankunftstages (13. September 1892) fand
-ein kleines statt. &mdash; Wegen der Erdbeben sind die japanischen Häuser
-meist aus Holz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_189_189" id="Fussnote_189_189"></a><a href="#FNAnker_189_189"><span class="label">[189]</span></a> 1826&ndash;1830.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_190_190" id="Fussnote_190_190"></a><a href="#FNAnker_190_190"><span class="label">[190]</span></a> Vgl. meine Darstellung in der deutsch. med. Wochenschr.
-1893.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_191_191" id="Fussnote_191_191"></a><a href="#FNAnker_191_191"><span class="label">[191]</span></a> Geschichte und Beschreibung von Japan, Lemgo 1777,
-Vorrede. &mdash; Vgl. ferner Things Japanese, S. 242&ndash;244.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_192_192" id="Fussnote_192_192"></a><a href="#FNAnker_192_192"><span class="label">[192]</span></a> Er hat neuerdings dort ein <em class="gesperrt">Denkmal</em> erhalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_193_193" id="Fussnote_193_193"></a><a href="#FNAnker_193_193"><span class="label">[193]</span></a> 1775 kam ein schwedischer Arzt und Naturforscher,
-<em class="gesperrt">Thunberg</em>, welcher um die <em class="gesperrt">Flora</em> Japan’s die grössten
-Verdienste sich erworben hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_194_194" id="Fussnote_194_194"></a><a href="#FNAnker_194_194"><span class="label">[194]</span></a> <em class="gesperrt">Kämpfer</em>, <em class="gesperrt">v. Sieboldt</em> und <em class="gesperrt">Rein</em>
-(Prof. in Marburg und Bonn, Verfasser von <em class="gesperrt">Japan</em>, Leipzig
-1881&ndash;1886, zwei Bände) sind die drei Männer, denen die Welt das Meiste
-über Japan verdankt. Bezüglich der Sprache, Literatur, Götter- und
-Sagenlehre, Kunst, sind auch einige Engländer und Franzosen (Satow,
-Chamberlain, Anderson, Gonse) rühmend zu erwähnen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_195_195" id="Fussnote_195_195"></a><a href="#FNAnker_195_195"><span class="label">[195]</span></a> Der Shogun, sehr zufrieden mit seiner Behandlung,
-forderte ihn auf, eine Belohnung zu verlangen. „Möge es Ew. Hoheit
-belieben, dass ich <em class="gesperrt">ein</em> Auge wiedererlange.“ &mdash; Der Shogun
-schenkte ihm ein Haus in der <em class="gesperrt">Ein Auge-Strasse</em> in Yedo.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_196_196" id="Fussnote_196_196"></a><a href="#FNAnker_196_196"><span class="label">[196]</span></a> Amma-San = Knet-Herr.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_197_197" id="Fussnote_197_197"></a><a href="#FNAnker_197_197"><span class="label">[197]</span></a> Etwa 50 Procent der Blindheit war durch Pockenkrankheit
-bedingt. (35 Procent in Europa, vor Einführung der Schutzpockenimpfung.
-Vgl. meine Mittheilung. Berliner klin. Wochenschr., 1873, No. 5). &mdash;
-Nach der Volkszählung vom Jahre 1875 waren in Japan unter 33110825
-Einwohnern 101587 blind, taub, oder verkrüppelt; es ist wahrscheinlich,
-dass die meisten <em class="gesperrt">blind</em> waren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_198_198" id="Fussnote_198_198"></a><a href="#FNAnker_198_198"><span class="label">[198]</span></a> Heirath zwischen <em class="gesperrt">zwei</em> Blinden war streng
-verboten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_199_199" id="Fussnote_199_199"></a><a href="#FNAnker_199_199"><span class="label">[199]</span></a> Es giebt auch sehr billige. Sie rufen: „Amma kami shimo
-ni-ju-shi mon!“ „Kneten von oben bis unten für 1½ Pfennige!“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_200_200" id="Fussnote_200_200"></a><a href="#FNAnker_200_200"><span class="label">[200]</span></a> Ich habe <em class="gesperrt">thatsächlich</em> gehört, als ich hier
-in Berlin vor etlichen Jahren einem Knaben den Blasenwurm aus dem
-Augeninnern durch Schnitt entfernt hatte, dass von der Mutter vorher
-ein &mdash; <em class="gesperrt">Geist</em> befragt worden sei und meinen Plan gebilligt habe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_201_201" id="Fussnote_201_201"></a><a href="#FNAnker_201_201"><span class="label">[201]</span></a> Zur Zeit der Revolution sind allerdings einige Europäer
-angegriffen und getödtet worden, namentlich solche, die nicht den
-grossen Fürsten, wie das Landesgesetz es gebot, auf der Landstrasse
-Platz machten. &mdash; Von der Verwundung des russischen Thronfolgers werde
-ich noch sprechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_202_202" id="Fussnote_202_202"></a><a href="#FNAnker_202_202"><span class="label">[202]</span></a> Ich fand auch amerikanische Damen, die ohne Führer und
-ohne Kenntniss der Sprache allein reisten, ohne je einen Grund zur
-Klage zu finden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_203_203" id="Fussnote_203_203"></a><a href="#FNAnker_203_203"><span class="label">[203]</span></a> Naku-sen-do, Zwischenberg-Strasse, 132 ri lang, führte
-quer durch das Land über die Gebirgspässe von Kyoto nach Yedo und
-stammt aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. &mdash; Ausserdem gab es noch eine
-nördliche Landstrasse (Hokurokudo).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_204_204" id="Fussnote_204_204"></a><a href="#FNAnker_204_204"><span class="label">[204]</span></a> Angeblich auch in China. &mdash; Von den Holländern wurde der
-Sport im Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa gebracht, nach England
-und Frankreich verpflanzt, und wird in Holland gelegentlich noch heute
-geübt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_205_205" id="Fussnote_205_205"></a><a href="#FNAnker_205_205"><span class="label">[205]</span></a> Franz Xavier gab der Stadt 90000 Häuser und 450000
-Seelen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_206_206" id="Fussnote_206_206"></a><a href="#FNAnker_206_206"><span class="label">[206]</span></a> Kyoto hat 975 Buddha-, 93 Shinto-Tempel, und zusammen
-mit der nächsten Umgebung gegen 3000 Tempel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_207_207" id="Fussnote_207_207"></a><a href="#FNAnker_207_207"><span class="label">[207]</span></a> Die meisten Deutschen, deren Reisebeschreibungen ich
-gelesen, wohnten auf dem Hügel, im <em class="gesperrt">Yaami-Hotel</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_208_208" id="Fussnote_208_208"></a><a href="#FNAnker_208_208"><span class="label">[208]</span></a> Also weniger weit und höher, im Ganzen schlanker, als
-bei uns, wo die grösste Weite das 15fache, die Höhe (aussen schräg
-an der Glocke gemessen) das 12fache der Metallstärke am Schlagring
-beträgt. Unsere grösste, <em class="gesperrt">die Kaiserglocke im Dom zu Köln</em> (1875),
-ist 3,25 m hoch und 26250 kg schwer; also bedeutend kleiner als die zu
-Kyoto. Grösser, aber nie benutzt ist <em class="gesperrt">Zar-Kolokol</em> zu Moskau (5,8
-m hoch, 200000 kg schwer); und eine eiserne zu Peking vom Jahre 1403:
-4,5 m hoch und 65000 kg schwer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_209_209" id="Fussnote_209_209"></a><a href="#FNAnker_209_209"><span class="label">[209]</span></a> Ich sah ein grosses japanisches Gemälde, welches
-Feuersbrunst im kaiserlichen Palast und Gewühl der Fliehenden
-darstellte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_210_210" id="Fussnote_210_210"></a><a href="#FNAnker_210_210"><span class="label">[210]</span></a> 1 Acre = 40½ Ar, 1 Ar = 100 Quadratmeter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_211_211" id="Fussnote_211_211"></a><a href="#FNAnker_211_211"><span class="label">[211]</span></a> Kyoto ist berühmt durch seine Brocate, Damaste, Seiden-
-und Sammtgewebe. 18000 Seidenweber in Kyoto und Umgebung schaffen
-jährlich für 20 Millionen Yen Gewebe. 1888 führte Japan für 28
-Millionen Yen Rohseide aus und für 1600000 Yen Seidengewebe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_212_212" id="Fussnote_212_212"></a><a href="#FNAnker_212_212"><span class="label">[212]</span></a> Jugendliche Globetrotter haben die Aufwärterinnen
-der Theehäuser als ausnehmend frech beschrieben. Ich habe das nicht
-beobachtet. Als wir nahten, verneigten sich die am Eingang stehenden
-Mädchen und riefen: „Ruhen Sie aus, meine Herren, unter dem Dach dieses
-niedrigen Hauses. Sie dürften erschöpft sein von der langen Reise.“ So
-übersetzten es mir meine jungen Freunde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_213_213" id="Fussnote_213_213"></a><a href="#FNAnker_213_213"><span class="label">[213]</span></a> 1½ ri, d. h. 3¾ englische Meilen oder 6,75 km
-nördlich von Otsu.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_214_214" id="Fussnote_214_214"></a><a href="#FNAnker_214_214"><span class="label">[214]</span></a> Weit besser, als die der berühmten Bittschriften-Linde
-<em class="gesperrt">Friedrichs des Grossen</em> neben dem Stadt-Schloss zu Potsdam, deren
-Lehm-Ausschmierung recht armselig aussieht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_215_215" id="Fussnote_215_215"></a><a href="#FNAnker_215_215"><span class="label">[215]</span></a> Rein I, 527.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_216_216" id="Fussnote_216_216"></a><a href="#FNAnker_216_216"><span class="label">[216]</span></a> Hidari heisst Link-Hand. Dieser Name erklärt sich
-selber, hat aber Veranlassung zu einer artigen Sage gegeben. Des
-Künstlers Fürst musste seinen Feinden die eigene Tochter opfern. Da
-schlug der Bildhauer seiner lebenden Galatea den Kopf ab und sandte ihn
-den Feinden als das Haupt der Fürstentochter. Aber ein treuer Diener
-des Fürsten, überzeugt, dass der Bildhauer wirklich die Tochter seines
-Herrn getödtet, schlug ergrimmt dem Künstler die rechte Hand ab.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_217_217" id="Fussnote_217_217"></a><a href="#FNAnker_217_217"><span class="label">[217]</span></a> D. h. wahre Worte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_218_218" id="Fussnote_218_218"></a><a href="#FNAnker_218_218"><span class="label">[218]</span></a> Der Lackbaum (Rhus vernicifera, Urushi-no-ki) wird im
-Hochsommer angeritzt, der Rohlack ausgekratzt, geklärt, eingedampft,
-mit Oel, Zinnober, Eisenoxyd u. A. versetzt. Die Lackindustrie kam von
-China nach Japan. Hier hat sie erst in der Mitte des 17. Jahrhundert
-ihre hohe Blüthe erreicht. Jetzt wird für die Ausfuhr billige
-Dutzendwaare angefertigt, aber es giebt auch heute noch vorzügliche
-Goldlackarbeiter. Werth der Ausfuhr von Lackwaaren (1888) gegen
-600000 Yen. &mdash; Japan’s Lackindustrie hat in <em class="gesperrt">Rein’s</em> Werk ihre
-<em class="gesperrt">klassische</em> Beschreibung gefunden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_219_219" id="Fussnote_219_219"></a><a href="#FNAnker_219_219"><span class="label">[219]</span></a> In Ostindien sieht man nur die <em class="gesperrt">einbuckligen</em>
-Dromedare, deren Heimath Arabien, während ihr Verbreitungsgebiet nach
-Nordafrika und Westasien hinüberreicht. &mdash; Das <em class="gesperrt">zweibucklige</em>
-Trampelthier stammt aus den mongolischen Steppen (und aus China). Unser
-Künstler dürfte in Japan weder einen Elephanten noch ein Trampelthier
-gesehen, sondern diese Thiere nach chinesischen Vorbildern entworfen
-haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_220_220" id="Fussnote_220_220"></a><a href="#FNAnker_220_220"><span class="label">[220]</span></a> Diese <em class="gesperrt">Reisen der Götter</em> erinnern an
-<em class="gesperrt">altägyptische</em> Gebräuche: wiederholt ist in den Inschriften des
-Horus-Tempels zu Edfu von Besuchen die Rede, welche das Bild des Gottes
-von Edfu dem der Göttin Hathor von Dendera machte, und umgekehrt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_221_221" id="Fussnote_221_221"></a><a href="#FNAnker_221_221"><span class="label">[221]</span></a> Ich kenne so manche nervöse Dame in unseren Gegenden,
-welche behauptet, Nachts nicht schlafen zu können, wenn sie spät Abends
-eine Tasse Thee genommen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_222_222" id="Fussnote_222_222"></a><a href="#FNAnker_222_222"><span class="label">[222]</span></a> Die Japaner halten Leuchtkäfer in Gazekästchen an der
-Wand der Häuschen und erfreuen sich Abends an dem milden Glanz der
-Thiere.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_223_223" id="Fussnote_223_223"></a><a href="#FNAnker_223_223"><span class="label">[223]</span></a> Berg der grossen See-Bucht, O-ye-no-saka.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_224_224" id="Fussnote_224_224"></a><a href="#FNAnker_224_224"><span class="label">[224]</span></a> Privatleute dürfen in Japan Fremde nicht beherbergen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_225_225" id="Fussnote_225_225"></a><a href="#FNAnker_225_225"><span class="label">[225]</span></a> Im Peloponnes giebt es neue Bettwäsche und neueste. Da
-ich ein wenig Neugriechisch vorher gelernt, liess ich jedes Mal vor
-meinen Augen die neue abziehen und neueste anlegen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_226_226" id="Fussnote_226_226"></a><a href="#FNAnker_226_226"><span class="label">[226]</span></a> Die Architrave des Mittelgangs im Säulensaal von Seti I
-zu Karnak sind 9 m lang, sie messen 31 cbm und wiegen 65 Tonnen. Aber
-die gewöhnlichen Bausteine der Aegypter sind 0,80 bis 1,20 m hoch, 1
-bis 2,50 m lang und 0,5 bis 1,80 m dick. (Allerdings, der nach London
-gebrachte <em class="gesperrt">Obelisk</em> wiegt 186 Tonnen, zehn Mal so viel, als der
-grösste Stein zu Stonehenge. Die Pompejus-Säule zu Alexandrien wird auf
-300, die Steinbildsäule von Ramses II zu Memphis gleichfalls auf 300
-Tonnen geschätzt.) &mdash; Ich bat meine Freunde um genauere Messung der
-grössten Bausteine des Schlosses von Osaka und erhielt brieflich die
-folgenden Zahlen, die Herr Stabsarzt <em class="gesperrt">Egutzi</em> festgestellt hat:</p>
-
-<table summary="Abmessungen der Steine">
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- <em class="gesperrt">Höhe</em>:
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- <em class="gesperrt">Länge</em>:
- </td>
- <td class="tdc">
- <em class="gesperrt">Dicke:</em>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- I.
- </td>
- <td class="tdc">
- Stein
- </td>
- <td class="tdc">
- 4,70
- </td>
- <td class="tdc">
- Meter
- </td>
- <td class="tdc">
- 14,50
- </td>
- <td class="tdc">
- Meter
- </td>
- <td class="dicke" rowspan="5">
- Die Dicke jedes Steines ist etwa doppelt so gross, wie die
- Höhe; kann aber nicht genau gemessen werden, weil jeder
- Stein allseitig von anderen umgeben ist.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- II.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 4,50
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 13,00
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- III.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 5,00
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 10,70
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- IV.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 5,00
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 10,50
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- V.
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 3,60
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- 11,00
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_227_227" id="Fussnote_227_227"></a><a href="#FNAnker_227_227"><span class="label">[227]</span></a> So ist es immer. Als ich einst durch die nächtlich
-dunklen Strassen von Tunis schritt, sagte mein Führer, er möchte
-einmal, ehe er sterbe, eine Stadt in Europa sehen, welche die ganze
-Nacht hindurch künstlich erleuchtet ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_228_228" id="Fussnote_228_228"></a><a href="#FNAnker_228_228"><span class="label">[228]</span></a> The pictorial Arts of Japan, by William Anderson, London
-1886, Sampson Low &amp; Co.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_229_229" id="Fussnote_229_229"></a><a href="#FNAnker_229_229"><span class="label">[229]</span></a> Schildkröte und Goldfische tummelten sich in den Wellen,
-als Gott Shiwa in einer Lotusknospe über den Wassern waltete.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_230_230" id="Fussnote_230_230"></a><a href="#FNAnker_230_230"><span class="label">[230]</span></a> Die chinesischen Schriftzeichen sind stylisirte
-Wortbilder oder Hieroglyphen. Zu dem eigentlichen Zeichen
-(<em class="gesperrt">Radical</em>) kommt noch eine Hinzufügung bezüglich der
-<em class="gesperrt">Aussprache</em> und der dadurch bedingten Sonderbedeutung
-(<em class="gesperrt">Phonetic</em>), &mdash; gerade wie die alten Aegypter dem Wortbild
-(Hieroglyph) noch ein Deutzeichen (Determinativ) beifügten. Die
-Chinesen und Japaner schreiben von oben nach unten in senkrechten
-Reihen, die von rechts nach links auf einander folgen; und zwar mit
-Tusche und Pinsel auf Papier.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_231_231" id="Fussnote_231_231"></a><a href="#FNAnker_231_231"><span class="label">[231]</span></a> <em class="gesperrt">Kata Seite</em> oder Hälfte, Kari entlehnen, na Name.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_232_232" id="Fussnote_232_232"></a><a href="#FNAnker_232_232"><span class="label">[232]</span></a> Kobe heisst Götter-Thor, Hiogo aber Waffen-Platz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_233_233" id="Fussnote_233_233"></a><a href="#FNAnker_233_233"><span class="label">[233]</span></a> Das Wort ist hindostanisch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_234_234" id="Fussnote_234_234"></a><a href="#FNAnker_234_234"><span class="label">[234]</span></a> Die Fahrt ist auch sehr billig, 150 Mark für 6 Tage = 25
-für den Tag. (Auf dem atlantischen Ocean 50, dem stillen Ocean 62, dem
-indischen 32, Bombay-Triest 36.) &mdash; Vancouver-Yokohama 4283 Seemeilen
-für 800 Mark; Kobe-Hongkong 1367 Seemeilen für 150 Mark, oder ⅓ des
-Weges für weniger als ⅕ des Preises.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_235_235" id="Fussnote_235_235"></a><a href="#FNAnker_235_235"><span class="label">[235]</span></a> 1881&ndash;1885 (nach Rein):</p>
-
-<table summary="Import- und Exportanteile">
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- Yokohama
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- Kobe-Osaka
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- Nagasaki
- </td>
- <td class="tdc" colspan="2">
- Hakodate
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- Ausfuhr:
- </td>
- <td class="tdr">
- 69
- </td>
- <td class="tdc">
- Procent
- </td>
- <td class="tdr">
- 20
- </td>
- <td class="tdc">
- Procent
- </td>
- <td class="tdr">
- 9,3
- </td>
- <td class="tdc">
- Procent
- </td>
- <td class="tdr">
- 1,7
- </td>
- <td class="tdc">
- Procent
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- Einfuhr:
- </td>
- <td class="tdr">
- 67,5
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 28,8
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 3,4
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 0,3
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_236_236" id="Fussnote_236_236"></a><a href="#FNAnker_236_236"><span class="label">[236]</span></a> „Vorinselchen“, für die Portugiesen künstlich
-geschaffen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_237_237" id="Fussnote_237_237"></a><a href="#FNAnker_237_237"><span class="label">[237]</span></a> „In dieser Dienstbarkeit haben wir uns viele
-beschimpfende Einschränkungen von den stolzen Heiden gefallen lassen
-müssen.“ Kämpfer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_238_238" id="Fussnote_238_238"></a><a href="#FNAnker_238_238"><span class="label">[238]</span></a> Marco Polo hat glühende Schilderungen von dem
-Gold-Reichthum Cipangu’s entworfen. Die Holländer führten noch
-reichlich Gold und Silber aus. Aber jetzt sind die Minen erschöpft. Nur
-Kupfer und Antimon sind reichlich vorhanden, sowie Eisen und Kohle.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_239_239" id="Fussnote_239_239"></a><a href="#FNAnker_239_239"><span class="label">[239]</span></a> Man <em class="gesperrt">schreibt</em>, wie oben, und spricht
-<em class="gesperrt">Nangasaki</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_240_240" id="Fussnote_240_240"></a><a href="#FNAnker_240_240"><span class="label">[240]</span></a> Der Anblick eines nackten Oberkörpers macht auf
-den Japaner keinen Eindruck. Er ist uns darin überlegen. In den
-öffentlichen Badehäusern kam nie etwas Unziemliches vor. Jetzt hat die
-Regierung eine Bretterwand zur Trennung der Geschlechter gezogen. Sie
-hat auch den zimperlichen Gattinnen englischer Baumwollenstoffhändler
-nachgegeben und die Wagenmänner bekleidet, die früher nur ihre
-Tätowirung trugen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_241_241" id="Fussnote_241_241"></a><a href="#FNAnker_241_241"><span class="label">[241]</span></a> Trunkenheit kommt wohl vor, da die Japaner nicht viel
-vertragen. Einmal sah ich einen stark angeheiterten Bauern auf dem
-Bahnhof zu Tokyo. Der Polizist ersuchte ihn höflich, sein Räuschchen
-auszuschlafen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_242_242" id="Fussnote_242_242"></a><a href="#FNAnker_242_242"><span class="label">[242]</span></a> Zum Glück hatte ich <em class="gesperrt">Müller’s</em> kosmische Physik
-in meinem Koffer, ein Buch, das mir auch sonst gute Dienste leistete.
-Es giebt Reisende, die stets das Buch ihres Nächsten begehren. Stumm
-reichte ich ihnen den Müller, &mdash; um sofort unbehelligt zu bleiben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_243_243" id="Fussnote_243_243"></a><a href="#FNAnker_243_243"><span class="label">[243]</span></a> Arabisch = Jahreszeit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_244_244" id="Fussnote_244_244"></a><a href="#FNAnker_244_244"><span class="label">[244]</span></a> <em class="gesperrt">Chinesisch</em> = grosser Wind. Typhon ist eine
-lächerliche Schreibweise. Mit dem Riesen Typhon der griechischen Sage
-hat das Wort ebensowenig etwas zu schaffen, als &mdash; <em class="gesperrt">Orkan</em> mit
-Orcus. Das Wort Orkan stammt aus Westindien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_245_245" id="Fussnote_245_245"></a><a href="#FNAnker_245_245"><span class="label">[245]</span></a> Auf keiner andern Linie in Asien ist so gutes Essen,
-ist ein Glas Pilsener für 25 Pfennige zu haben, sowie eine rauchbare
-Cigarre für so mässigen Preis. Ich bedaure, dass der norddeutsche Lloyd
-nicht zwei Mal im Monat fährt, wie die andern Linien; dann wird er bald
-im Wettbewerbe siegen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_246_246" id="Fussnote_246_246"></a><a href="#FNAnker_246_246"><span class="label">[246]</span></a> Odyssee, V, 279. οἴη δ’ἄμμορός ἐστι λοετρῶν Ὠκεανοῖο.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_247_247" id="Fussnote_247_247"></a><a href="#FNAnker_247_247"><span class="label">[247]</span></a></p>
-
-<table class="collapse mleft1" summary="Nagasaki-Hongkong">
- <tr>
- <td class="tdr">
- Kobe-Hongkong
- </td>
- <td class="tdr">
- 1367
- </td>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr bbot">
- Kobe-Nagasaki
- </td>
- <td class="tdr bbot">
- 391
- </td>
- <td class="tdl bbot">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Nagasaki-Hongkong
- </td>
- <td class="tdr">
- 976
- </td>
- <td class="tdl">
- See-Meilen.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_248_248" id="Fussnote_248_248"></a><a href="#FNAnker_248_248"><span class="label">[248]</span></a> Hier sind bedeutende Docks angelegt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_249_249" id="Fussnote_249_249"></a><a href="#FNAnker_249_249"><span class="label">[249]</span></a> Die Hauptlinie geht von Bremen bis Hongkong und Shangai,
-von Hongkong aus fahren kleine Dampfer nach Japan und zurück.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_250_250" id="Fussnote_250_250"></a><a href="#FNAnker_250_250"><span class="label">[250]</span></a> Chinesisch: Heung-kong, d. i. duftender Fluss. Vgl. A
-Guide to H., W. Brewer (1892.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_251_251" id="Fussnote_251_251"></a><a href="#FNAnker_251_251"><span class="label">[251]</span></a> Nach anderen Angaben 79.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_252_252" id="Fussnote_252_252"></a><a href="#FNAnker_252_252"><span class="label">[252]</span></a> Die Ly-ee-moon Meeresenge zwischen Hongkong und Cawloon
-ist nur ½ englische Meile, also kaum 1 km breit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_253_253" id="Fussnote_253_253"></a><a href="#FNAnker_253_253"><span class="label">[253]</span></a> Die ganze Insel hatte 1891 an 221441 Einwohner, also
-2800 auf den Quadratkilometer; der grösste Theil entfällt auf die Stadt
-Victoria.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_254_254" id="Fussnote_254_254"></a><a href="#FNAnker_254_254"><span class="label">[254]</span></a> Der letzte erfolgte auf dieser Fahrt vor 14 Jahren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_255_255" id="Fussnote_255_255"></a><a href="#FNAnker_255_255"><span class="label">[255]</span></a> Ein Glas Sherry und zwei Glas Bier zum Mittagsmahl sind
-einbegriffen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_256_256" id="Fussnote_256_256"></a><a href="#FNAnker_256_256"><span class="label">[256]</span></a> „No hab got eyes, no can go“ („Wer keine Augen hat,
-kann nicht gehen.“) Dies ist die Geschäftssprache. (Pidgin English =
-<em class="gesperrt">business</em> English).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_257_257" id="Fussnote_257_257"></a><a href="#FNAnker_257_257"><span class="label">[257]</span></a> Der Mann ist auf Arbeit den Tag über abwesend, &mdash; nicht
-aber, wie es in manchen Reisebeschreibungen heisst, „auf der Bärenhaut
-liegend und mit Opium-Rauchen beschäftigt.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_258_258" id="Fussnote_258_258"></a><a href="#FNAnker_258_258"><span class="label">[258]</span></a> Daher der Name Canton.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_259_259" id="Fussnote_259_259"></a><a href="#FNAnker_259_259"><span class="label">[259]</span></a> Wir kennen es nur als Verbannungsort des Dichters der
-Lusiaden, Camoëns, und als Namen eines Hazardspieles. In der That
-wimmelt <em class="gesperrt">Macao</em> von chinesischen Spielhöhlen, wo auch die goldne
-Jugend von Hongkong dem Laster fröhnt, das auf englischem Gebiet nicht
-geduldet wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_260_260" id="Fussnote_260_260"></a><a href="#FNAnker_260_260"><span class="label">[260]</span></a> = Very.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_261_261" id="Fussnote_261_261"></a><a href="#FNAnker_261_261"><span class="label">[261]</span></a> Das sogenannte Reispapier wird aus dem Mark eines
-Strauches (Aralia papyrifera) bereitet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_262_262" id="Fussnote_262_262"></a><a href="#FNAnker_262_262"><span class="label">[262]</span></a> Mandarin stammt aus dem indischen <em class="gesperrt">mantrin</em> =
-Rathgeber. Das chinesische Wort heisst <em class="gesperrt">Kuan</em>. Es giebt neun
-Rangstufen und drei literarische Grade. (Candidat, Doctor, Professor.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_263_263" id="Fussnote_263_263"></a><a href="#FNAnker_263_263"><span class="label">[263]</span></a> Im Mittelalter bettelten bei uns auf dem Lande die
-Aussätzigen gleichfalls mit einem Beutelchen an langer Stange; sie
-mussten aber noch eine Glocke tragen, um vor Annäherung zu warnen. Und
-dabei ist die Ansteckungsfähigkeit des Aussatzes (Lepra) so gering.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_264_264" id="Fussnote_264_264"></a><a href="#FNAnker_264_264"><span class="label">[264]</span></a> Vgl. Report of the medical Missionary Society in China
-for the year 1889. Hongkong 1890. Die Berichte für 1890 und 1891
-sind bezüglich der Operationserfolge zu schweigsam, als dass man sie
-kritisch verwerthen könnte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_265_265" id="Fussnote_265_265"></a><a href="#FNAnker_265_265"><span class="label">[265]</span></a> Von den Missions-Doctor-Fräuleins heisst es S. 6: to
-minister like angels.... with laurels on her brow.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_266_266" id="Fussnote_266_266"></a><a href="#FNAnker_266_266"><span class="label">[266]</span></a> Durch optische Täuschung scheinen die Häuser, Kirchen,
-Signal-Stangen ganz schief. Man muss den Kopf stark nach vorn neigen,
-um sie wieder senkrecht zu sehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_267_267" id="Fussnote_267_267"></a><a href="#FNAnker_267_267"><span class="label">[267]</span></a> Gap = Kluft, zwischen den höchsten Spitzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_268_268" id="Fussnote_268_268"></a><a href="#FNAnker_268_268"><span class="label">[268]</span></a> Ich habe mir eine kleine Sammlung der Silbermünzen
-Ostasiens mit- und in einem Kästchen untergebracht. Links liegt die
-Rupie Ostindiens, rechts der Yen Japans, jedes von beiden umgeben von
-dem entsprechenden Kleingeld. In der Mitte befindet sich die einzige
-Silbermünze Chinas, das <span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span>
-Dollar-Stück (7,<sub>2</sub> candareen) aus der Münze von Canton.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_269_269" id="Fussnote_269_269"></a><a href="#FNAnker_269_269"><span class="label">[269]</span></a> General-Consul des deutschen Reiches für Canton; z. Z.
-in Stellvertretung, für Hongkong.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_270_270" id="Fussnote_270_270"></a><a href="#FNAnker_270_270"><span class="label">[270]</span></a> Dieser Teich versorgt übrigens nur den oberen und
-hinteren Theil der Insel.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_271_271" id="Fussnote_271_271"></a><a href="#FNAnker_271_271"><span class="label">[271]</span></a> Ein Gramm Papayotin löst 200 Gramm Eiweiss (Faserstoff)
-und verwandelt es in Pepton, d. i. gelöstes, zur Aufnahme in die
-Saftcanäle des Verdauungsschlauches geeignetes Eiweiss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_272_272" id="Fussnote_272_272"></a><a href="#FNAnker_272_272"><span class="label">[272]</span></a> Nachdem ich in Vancouver die ersten Alarm-Nachrichten
-über das Wüthen der Krankheit in Hamburg gelesen, hatte ich in
-Japan grosse Mühe aus den spärlichen Nachrichten der englischen und
-japanischen Zeitungen (die Depeschen von Europa nach Japan sind zu
-theuer für die Zeitungen!) und der deutschen Consuln und Kaufleute mir
-ein vollständiges Bild zu machen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_273_273" id="Fussnote_273_273"></a><a href="#FNAnker_273_273"><span class="label">[273]</span></a> Zwei Vorlesungen von J. H. Berlin 1882.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_274_274" id="Fussnote_274_274"></a><a href="#FNAnker_274_274"><span class="label">[274]</span></a> Davon der Name <em class="gesperrt">China</em>. Die Chinesen selber nennen
-ihr Land <em class="gesperrt">Tschung Kue</em>, Reich der Mitte, die Tataren aber Katâi.
-&mdash; Der zweite Kaiser dieser Dynastie, Tsching-wang, <em class="gesperrt">soll</em>
-die Zerstörung aller Bücher, die damals auf Holztafeln geschrieben
-wurden, mit Ausnahme derer über Ackerbau und Heilkunde, geboten
-und durchgesetzt und dadurch eine Lücke in die Ueberlieferung der
-chinesischen Klassiker gerissen haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_275_275" id="Fussnote_275_275"></a><a href="#FNAnker_275_275"><span class="label">[275]</span></a> Confucianism and Taouism. By Prof. R. K. Douglas,
-London, 1879.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_276_276" id="Fussnote_276_276"></a><a href="#FNAnker_276_276"><span class="label">[276]</span></a> „Wenn ich die eine Ecke des Gegenstandes zeige, und der
-Hörer daraus nicht die drei andern lernen kann, so wiederhole ich meine
-Lehre nicht.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_277_277" id="Fussnote_277_277"></a><a href="#FNAnker_277_277"><span class="label">[277]</span></a> Die Ehe des Confucius war unglücklich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_278_278" id="Fussnote_278_278"></a><a href="#FNAnker_278_278"><span class="label">[278]</span></a> Dagegen lehrt <em class="gesperrt">Buddha</em>, Uebelthat mit Güte zu
-vergelten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_279_279" id="Fussnote_279_279"></a><a href="#FNAnker_279_279"><span class="label">[279]</span></a> Das Haus, welches zwei derselben bewohnten, war mir
-schon angenehm aufgefallen durch die deutsche Inschrift: „Luginsland.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_280_280" id="Fussnote_280_280"></a><a href="#FNAnker_280_280"><span class="label">[280]</span></a> Fortieth annual Report of the Berlin Foundling house for
-1890. Der Bestand war 79, zwei davon verheiratheten sich, vier starben,
-hauptsächlich im zarten Alter; 13 wurden aufgenommen, von diesen
-starben fünf, so dass der Bestand 81 beträgt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_281_281" id="Fussnote_281_281"></a><a href="#FNAnker_281_281"><span class="label">[281]</span></a> In Frankreich gab es ein <em class="gesperrt">örtliches</em>, d. h. die
-Kinder wurden in entfernte Bezirke zur Pflege gebracht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_282_282" id="Fussnote_282_282"></a><a href="#FNAnker_282_282"><span class="label">[282]</span></a> Ausserdem giebt es noch einen hauptsächlich, aber
-nicht ausschliesslich englischen <em class="gesperrt">Hongkong-Club</em> und einen
-<em class="gesperrt">Lusitano-Club</em> für die Portugiesen, die doch von den Europäern
-nicht für voll angesehen werden. &mdash; Die deutschen Handwerker und
-Bediensteten, denen der Club zu theuer ist, versammeln sich in einem
-<em class="gesperrt">Gesangverein</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_283_283" id="Fussnote_283_283"></a><a href="#FNAnker_283_283"><span class="label">[283]</span></a> Man erhält dort auch in einem deutschen Laden ganz
-rauchbare <em class="gesperrt">Manila-Cigarren</em>, das Hundert zu 3½ Dollar.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_284_284" id="Fussnote_284_284"></a><a href="#FNAnker_284_284"><span class="label">[284]</span></a> Die mittleren Chinesen sind gelblich, die nördlichen
-röthlich; die südlichen aber bräunlich, namentlich wenn sie sich der
-Sonne viel aussetzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_285_285" id="Fussnote_285_285"></a><a href="#FNAnker_285_285"><span class="label">[285]</span></a> Der Zopf ist erst 1644 n. Chr. durch die
-Mandschu-Dynastie eingeführt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_286_286" id="Fussnote_286_286"></a><a href="#FNAnker_286_286"><span class="label">[286]</span></a> Nach Duncker etwa 1000 v. Chr. &mdash; Ich hatte mir vor
-der Abreise das kleine Conversations-Lexicon von <em class="gesperrt">Kürschner</em>
-schon, wie immer, in den Koffer gepackt; liess mich aber überreden, es
-wieder heraus zu nehmen: was ich nachträglich bereute. Auf keinem der
-vielen Schiffe, die ich befahren, in keinem Hotel Asiens sah ich ein
-Conversations-Lexicon, sondern allein in der Bücherei des deutschen
-Clubs zu Hongkong.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_287_287" id="Fussnote_287_287"></a><a href="#FNAnker_287_287"><span class="label">[287]</span></a> Travellers P. &amp; O. Pocket Book.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_288_288" id="Fussnote_288_288"></a><a href="#FNAnker_288_288"><span class="label">[288]</span></a> Dem Rath und der Versuchung, einen Ausflug von Singapore
-nach Java zu machen, um die Linie, d. h. den Aequator, zu kreuzen, habe
-ich siegreich und ohne Reue widerstanden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_289_289" id="Fussnote_289_289"></a><a href="#FNAnker_289_289"><span class="label">[289]</span></a> Das Kunststück ist nicht so gross, wie es scheint. Die
-kleine Silbermünze sinkt langsam und bleibt im Sinken gut sichtbar; der
-Knabe ergreift sie, ehe sie den Boden erreicht hat, steckt sie in den
-Mund, taucht empor und erhebt triumphirend den rechten Arm.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_290_290" id="Fussnote_290_290"></a><a href="#FNAnker_290_290"><span class="label">[290]</span></a> 164 englische Quadratmeilen, 75000 Einwohner. Zucker und
-Tapioca wird in der dazu gehörigen Provinz Wellesley auf dem Festland
-von Malakka angebaut.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_291_291" id="Fussnote_291_291"></a><a href="#FNAnker_291_291"><span class="label">[291]</span></a> Die Geographen des Alterthums und Mittelalters haben
-die Grösse der Insel weit <em class="gesperrt">überschätzt</em>, da sie dieselbe nur vom
-<em class="gesperrt">Hören-Sagen</em> kannten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_292_292" id="Fussnote_292_292"></a><a href="#FNAnker_292_292"><span class="label">[292]</span></a>
-In Deutschland 91,<sub>4</sub>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_293_293" id="Fussnote_293_293"></a><a href="#FNAnker_293_293"><span class="label">[293]</span></a> Nach der ersten Kaffe-Ernte mussten die Pflanzer öfters
-schon zur künstlichen Düngung ihre Zuflucht nehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_294_294" id="Fussnote_294_294"></a><a href="#FNAnker_294_294"><span class="label">[294]</span></a> Dies gilt für den Südwesten und das Centralgebirge,
-die feuchte Gegend Ceylon’s. Der Südwest-Monsun bringt vom April bis
-Juni den Regen, dringt aber nicht über das Gebirge. Der übrige Theil
-von Ceylon ist trocken und erhält nur von October bis December die
-einmalige Regenzeit durch den Nordwest-Monsun; die feuchte Gegend hat
-dann ihre zweite Regenzeit. In Colombo fällt fast noch ein Mal soviel
-Regen, als in Trincomale.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_295_295" id="Fussnote_295_295"></a><a href="#FNAnker_295_295"><span class="label">[295]</span></a> Pfund Sterling.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_296_296" id="Fussnote_296_296"></a><a href="#FNAnker_296_296"><span class="label">[296]</span></a> 25000 Acres sind jetzt damit bepflanzt und liefern den
-Einheimischen Kraut für ihre Bedürfnisse, sowie 50000 Centner (im Werth
-von £ 150000) zur Ausfuhr nach Indien. In Anuradhapura wollte ich
-Cigarren kaufen, mochte aber die <em class="gesperrt">Jaffnas</em>, die wie Regenwürmer
-aussahen, nicht nehmen, sondern zog ein Päckchen amerikanischen
-<em class="gesperrt">Bird’s Eye Tabak</em> vor. In Colombo kaufte ich indische Cigarren
-(Cheroots) und noch lieber holländische aus Java, im Kiosk sowie in den
-Läden. Sie sind billig, aber nicht gut.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_297_297" id="Fussnote_297_297"></a><a href="#FNAnker_297_297"><span class="label">[297]</span></a> Seit dem 13. Jahrhundert n. Chr., d. h. seitdem die in
-uralter Zeit hergestellten künstlichen Seen in der Nordhälfte der Insel
-durch die erobernden Tamilen (aus Südindien) vernachlässigt wurden. Den
-Portugiesen blieb es vorbehalten, die Wasserläufe zur Berieselung der
-Reisfelder &mdash; gradewegs zu <em class="gesperrt">zerstören</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_298_298" id="Fussnote_298_298"></a><a href="#FNAnker_298_298"><span class="label">[298]</span></a> Die letzteren werden hauptsächlich von den Händlern
-angeboten; sie bestehen aus grünlich durchschimmerndem Quarz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_299_299" id="Fussnote_299_299"></a><a href="#FNAnker_299_299"><span class="label">[299]</span></a> Hauptabnehmer ist Krupp in Essen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_300_300" id="Fussnote_300_300"></a><a href="#FNAnker_300_300"><span class="label">[300]</span></a></p>
-
-<table class="mleft1" summary="Ceylon, Census 1881">
- <tr>
- <td class="tdr">
- Census von 1881:
- </td>
- <td class="tdr">
- 2760000
- </td>
- <td class="tdl">
- Einwohner.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Singhalesen:
- </td>
- <td class="tdr">
- 1847000
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Tamilen:
- </td>
- <td class="tdr">
- 687000
- </td>
- <td class="tdl">
- (257000 wandernd),
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Mohren:
- </td>
- <td class="tdr">
- 185000
- </td>
- <td class="tdl">
- (17000 aus Indien),
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Eurasier:
- </td>
- <td class="tdr">
- 18500
- </td>
- <td class="tdl">
- (einschliesslich Burghers),
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Malayen:
- </td>
- <td class="tdr">
- 8000
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Andere:
- </td>
- <td class="tdr">
- 7000
- </td>
- <td class="tdl">
- (Chinesen, Parsi u. s. w.),
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Europäer:
- </td>
- <td class="tdr">
- 5000
- </td>
- <td class="tdl">
- ,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- Wedda:
- </td>
- <td class="tdr">
- 2228
- </td>
- <td class="tdl">
- .
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_301_301" id="Fussnote_301_301"></a><a href="#FNAnker_301_301"><span class="label">[301]</span></a> Dies wird neuerdings wieder bestritten. Natürlich hat
-die Tamil-Sprache gar keine Verwandtschaft mit den Sanskrit-Sprachen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_302_302" id="Fussnote_302_302"></a><a href="#FNAnker_302_302"><span class="label">[302]</span></a> The governement of Ceylon, like that of every Crown
-colony, is virtually a despotism. (W. S. <em class="gesperrt">Caine</em>, M. o. P.)
-&mdash; Paternal despotism (<em class="gesperrt">Ferguson</em>.) &mdash; The system of Crown
-colonies is supposed to be that of a benevolent despostism, a paternal
-autocracy. It is in many cases that of a narrow and selfish oligarchy.
-(<em class="gesperrt">Spectator</em>, London.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_303_303" id="Fussnote_303_303"></a><a href="#FNAnker_303_303"><span class="label">[303]</span></a> Die Rupie hatte ursprünglich den Werth von 2 Mark,
-später von 1½ Mark, jetzt von 1¼ Mark.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_304_304" id="Fussnote_304_304"></a><a href="#FNAnker_304_304"><span class="label">[304]</span></a> „Sie lassen uns für ein nothwendiges Bedürfniss
-besonders bezahlen“, sagte, mit strafendem Blick, ein Reisender zu
-dem Leiter des Gasthauses. Dieser zuckte stillschweigend die Achseln.
-&mdash; Ich würde es mit Freuden begrüssen, wenn bei uns in Deutschland
-die Gastwirthe sich entschliessen könnten, das Bad nicht besonders zu
-berechnen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_305_305" id="Fussnote_305_305"></a><a href="#FNAnker_305_305"><span class="label">[305]</span></a> Natürlich hat man daselbst im Lesezimmer ein Fernrohr
-aufgestellt, um die Namen und Flaggen der einlaufenden Schiffe lesen zu
-können.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_306_306" id="Fussnote_306_306"></a><a href="#FNAnker_306_306"><span class="label">[306]</span></a> Verpflegung und Wohnung 8 Rupien täglich, ohne Wein und
-Bier und ohne Bad.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_307_307" id="Fussnote_307_307"></a><a href="#FNAnker_307_307"><span class="label">[307]</span></a> Ich möchte den deutschen Hausfrauen einen Versuch
-anrathen. In Ceylon ist der Preis 18 d. (also etwa 1 Mark 50 Pfennige)
-für das Pfund.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_308_308" id="Fussnote_308_308"></a><a href="#FNAnker_308_308"><span class="label">[308]</span></a> Custom house.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_309_309" id="Fussnote_309_309"></a><a href="#FNAnker_309_309"><span class="label">[309]</span></a> Jetty.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_310_310" id="Fussnote_310_310"></a><a href="#FNAnker_310_310"><span class="label">[310]</span></a> Während ich dieses schreibe (Sommer 1893) ist in
-Ostindien die freie Silberprägung aufgehoben, und der Uebergang zur
-Goldwährung angebahnt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_311_311" id="Fussnote_311_311"></a><a href="#FNAnker_311_311"><span class="label">[311]</span></a> Für Deutsch-Ost-Afrika werden auch Rupien, mit dem
-Bildniss unsres Kaisers, geprägt. Unser Zwei-Mark-Stück wiegt 11 Gramm,
-die Rupie 11,<sub>6</sub> Gramm.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_312_312" id="Fussnote_312_312"></a><a href="#FNAnker_312_312"><span class="label">[312]</span></a> Im gewöhnlichen Verkehr werden diese beiden Münzen auch
-Shilling und Sixpence genannt. Wenn der Reisende einen geforderten
-„Shilling“ wirklich in englischer Münze bezahlt, so hat er ein Drittel
-zu viel gegeben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_313_313" id="Fussnote_313_313"></a><a href="#FNAnker_313_313"><span class="label">[313]</span></a> Out-rigger canoe. (Orowah.) Dasselbe ist über die
-südostasiatischen Inseln weit verbreitet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_314_314" id="Fussnote_314_314"></a><a href="#FNAnker_314_314"><span class="label">[314]</span></a> <em class="gesperrt">Pallad</em>., De gentibus Indiae et Bragmanis. (Graece
-et latine.) Londini 1665. p. 4.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_315_315" id="Fussnote_315_315"></a><a href="#FNAnker_315_315"><span class="label">[315]</span></a> <em class="gesperrt">Kattu</em> binden, <em class="gesperrt">maram</em> Baum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_316_316" id="Fussnote_316_316"></a><a href="#FNAnker_316_316"><span class="label">[316]</span></a> Ich erlebte die Landung des Dampfers „Rome“
-(London-Melbourne), der 200 Cajüt- und nur sechs Zwischendeck-Reisende
-mitbrachte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_317_317" id="Fussnote_317_317"></a><a href="#FNAnker_317_317"><span class="label">[317]</span></a> Diese Angabe des Reiseführers kann ich aus dem amtlichen
-Werk über die Leuchtfeuer in Indien und Australien bestätigen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_318_318" id="Fussnote_318_318"></a><a href="#FNAnker_318_318"><span class="label">[318]</span></a> Nach der Volkszählung von 1891 leben 121
-Schlangenbeschwörer und 36 Gaukler in Ceylon. Es sind meist Tamilen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_319_319" id="Fussnote_319_319"></a><a href="#FNAnker_319_319"><span class="label">[319]</span></a> Naja tripudians, Cobra di capello.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_320_320" id="Fussnote_320_320"></a><a href="#FNAnker_320_320"><span class="label">[320]</span></a> Sie fahren natürlich langsam. Es giebt aber auch kleine
-Renn-Zebu vor einsitzigem Wägelchen, die in ihrem Trab recht sonderbar
-aussehen. Gelenkt werden die Ochsen mit einem Strick, der an einem
-durch die Nasenscheidewand gezogenen Ring befestigt ist. Vor den
-Lastwagen der Landstrasse und an den Drehmühlen ziehen die Ochsenpaare
-im Joch: der Balken liegt vor dem Höcker der Thiere.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_321_321" id="Fussnote_321_321"></a><a href="#FNAnker_321_321"><span class="label">[321]</span></a> Eintritt in Hindu-Tempel ist Andersgläubigen nicht
-gestattet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_322_322" id="Fussnote_322_322"></a><a href="#FNAnker_322_322"><span class="label">[322]</span></a> Ein lustiger Schiffsarzt hat wohl einmal des Morgens,
-ehe Ceylon in Sicht kam, heimlich Zimmtöl über das Verdeck gesprengt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_323_323" id="Fussnote_323_323"></a><a href="#FNAnker_323_323"><span class="label">[323]</span></a> Bark; chips. Der Ceylon-Zimmt heisst auch Canel.
-(Canella oder Cannella, d. h. Röhre, der Venezianer und Portugiesen.)
-Zimmt kommt auch aus Indien, Java, den Philippinen und China, Senegal,
-Brasilien, Westindien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_324_324" id="Fussnote_324_324"></a><a href="#FNAnker_324_324"><span class="label">[324]</span></a> Cinnamomum Ceylonicum, ein zur Familie der Lauraceen
-gehöriger immergrüner Baum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_325_325" id="Fussnote_325_325"></a><a href="#FNAnker_325_325"><span class="label">[325]</span></a> Des Abends entzündet der Diener unaufgefordert die an
-der Wand befindliche Gasflamme. Kerzen werden nicht verabfolgt, sie
-gelten für feuergefährlich. In der That gebieten die Moskito-Netze und
-windbewegten Vorhänge grosse Vorsicht. Das Haus ist allerdings aus
-Stein gebaut und mit steinerner Haupttreppe versehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_326_326" id="Fussnote_326_326"></a><a href="#FNAnker_326_326"><span class="label">[326]</span></a> Danach wäre der Bedarf für den Kopf und Tag nur 100
-Liter, etwas wenig in so heisser Gegend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_327_327" id="Fussnote_327_327"></a><a href="#FNAnker_327_327"><span class="label">[327]</span></a> Musa sapientium, ein baumartiger <em class="gesperrt">Strauch</em>, der bis
-40 kg Früchte trägt. Auf gleicher Grundfläche liefert derselbe 44 Mal
-so viel Nahrungsstoff als die Kartoffel und 133 Mal so viel als der
-Weizen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_328_328" id="Fussnote_328_328"></a><a href="#FNAnker_328_328"><span class="label">[328]</span></a> Artocarpus nobilis und integrifolia, nächst Cocus-
-und Palmyra-Palme der wichtigste Baum für den Singhalesen; an jedem
-Hause, in jedem Garten wird er gepflanzt; seine (5 bis 12 kg schweren)
-Früchte, Jaka genannt, nähren den Menschen, seine Blätter das Vieh;
-sein Stamm liefert Holz für jeden Zweck.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_329_329" id="Fussnote_329_329"></a><a href="#FNAnker_329_329"><span class="label">[329]</span></a> Kaljani = glücklich. Ganga = Fluss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_330_330" id="Fussnote_330_330"></a><a href="#FNAnker_330_330"><span class="label">[330]</span></a> Gott der Weisheit, mit dem Kopf des Elephanten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_331_331" id="Fussnote_331_331"></a><a href="#FNAnker_331_331"><span class="label">[331]</span></a> Sehr oft wird der Vergleich zwischen der Pflanzenwelt
-von Java und der von Ceylon gezogen. Einer der besten Schriftsteller
-über Java, der auch Ceylon genau kennt, <em class="gesperrt">Junghahn</em>, erklärt
-freimüthig, dass er solchen Kokoswald, wie auf Ceylon, weder auf Java
-noch auf Sumatra gesehen habe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_332_332" id="Fussnote_332_332"></a><a href="#FNAnker_332_332"><span class="label">[332]</span></a> <em class="gesperrt">Häckel</em> schildert, wie sein Ganymed in der Frühe
-jedes Tages mit der frisch eröffneten Kokosnuss erschien, aus der er
-ihm den kühlen Morgen-Trunk kredenzte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_333_333" id="Fussnote_333_333"></a><a href="#FNAnker_333_333"><span class="label">[333]</span></a> Bei Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) heisst es:
-μαλλοῖς γυναικαίοις εἰς ἅπαν ἀναδεδεμένος.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_334_334" id="Fussnote_334_334"></a><a href="#FNAnker_334_334"><span class="label">[334]</span></a> Aber sie sind auch Ackerbauer und Fischer, auf dem Lande
-und an den Küsten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_335_335" id="Fussnote_335_335"></a><a href="#FNAnker_335_335"><span class="label">[335]</span></a> Ausserdem kommen noch in Betracht Licenz für
-Arrak-Verkauf (⅛), Salzsteuer, Quittungssteuer, Landverkauf.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_336_336" id="Fussnote_336_336"></a><a href="#FNAnker_336_336"><span class="label">[336]</span></a> Dieser Theil war 1867 fertig, der folgende erst 1885.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_337_337" id="Fussnote_337_337"></a><a href="#FNAnker_337_337"><span class="label">[337]</span></a> 205 englische Meilen im ganzen waren 1892 auf Ceylon
-im Betrieb und 32 Meilen südwärts von Nanu-Oya nach Haputalé in der
-Südprovinz Uva so weit fertiggestellt, dass die Eröffnung im Frühjahr
-1893 zu erwarten stand. &mdash; 122 Meilen für 1½ Millionen £ sind freies
-Eigenthum der Colonie, die Grundschuld für die andern 148 Meilen
-beträgt nicht viel mehr als 2 Millionen £.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_338_338" id="Fussnote_338_338"></a><a href="#FNAnker_338_338"><span class="label">[338]</span></a> Also etwa 7 Pfennige für den Kilometer; oder 10
-Pfennige, wenn die Rupie zu ihrem vollen Werth gerechnet wird. Das
-stimmt ungefähr mit unseren Schnellzugspreisen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_339_339" id="Fussnote_339_339"></a><a href="#FNAnker_339_339"><span class="label">[339]</span></a> Auf der Rückfahrt lernte ich eine thörichte Einrichtung
-kennen. Eine Stunde, bevor der Zug an dem Haupthaltepunkt ankommt,
-werden die Wagen an beiden Seiten von aussen mit einem Schlüssel fest
-verschlossen, &mdash; wegen der Fahrkarten-Prüfung. Da die Fenster sehr
-klein sind, kann der Reisende im Unglücksfall nicht heraus, falls er
-nicht eine Holzaxt bei sich hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_340_340" id="Fussnote_340_340"></a><a href="#FNAnker_340_340"><span class="label">[340]</span></a> M.-Junction.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_341_341" id="Fussnote_341_341"></a><a href="#FNAnker_341_341"><span class="label">[341]</span></a> 1 Acre = 40.467 Ar, 1 Ar = 100 Quadrat-Meter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_342_342" id="Fussnote_342_342"></a><a href="#FNAnker_342_342"><span class="label">[342]</span></a> 1 Bushel = 35 Liter; 1 hl Roggen = 72 Pfund, also 2
-Millionen hl Reis wohl <em class="gesperrt">ungefähr</em> 72000 Tonnen. (In das deutsche
-Reich sind 1887 eingeführt 91701 Tonnen Reis, im Werth von 15954000
-Mark.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_343_343" id="Fussnote_343_343"></a><a href="#FNAnker_343_343"><span class="label">[343]</span></a> Die patriarchalische Dorfverwaltung, aus Indien
-entlehnt, hat seit uralter Zeit in Ceylon bestanden; die Gemeinde
-verwaltete sich selbst und sorgte namentlich für die Wasserläufe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_344_344" id="Fussnote_344_344"></a><a href="#FNAnker_344_344"><span class="label">[344]</span></a> Von den Portugiesen haben dies die Kandyer gelernt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_345_345" id="Fussnote_345_345"></a><a href="#FNAnker_345_345"><span class="label">[345]</span></a> Diese Zahl steht in Ferguson’s neuester Ausgabe,
-ist aber wohl „Zukunftsmusik“. Denn auf der Karte, die er seinem
-Werk beigegeben, steht deutlich zu lesen: <em class="gesperrt">Letzte Statistik</em>:
-Bevölkerung 3100000. Flächeninhalt der Insel 15800000 Acres. Bebautes
-Land 3212310 Acres. (Reis 700000, Kokos 500000, Kaffe 38000, Thee
-255000, Cinchona 9000, Natürliche Weide 100000.) &mdash; An Kron-Land wurde
-verkauft (1860&ndash;1893) eine Million Acres für 2 Millionen £.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_346_346" id="Fussnote_346_346"></a><a href="#FNAnker_346_346"><span class="label">[346]</span></a> Einschliesslich der Geistlichkeit. Jetzt sind
-<em class="gesperrt">alle</em> Religionen in Ceylon frei von Aufsicht und Unterstützung
-des Staates.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_347_347" id="Fussnote_347_347"></a><a href="#FNAnker_347_347"><span class="label">[347]</span></a> Europäische Kinder sterben in Ceylon, bevor sie
-erwachsen sind.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_348_348" id="Fussnote_348_348"></a><a href="#FNAnker_348_348"><span class="label">[348]</span></a> Regierungsbeamte im Innern müssen allerdings die
-Landessprache erlernen, Pflanzer können ohne einige Kenntniss der
-Tamil-Sprache nicht wirthschaften.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_349_349" id="Fussnote_349_349"></a><a href="#FNAnker_349_349"><span class="label">[349]</span></a> Seine Begegnung mit der Fürstentochter hat sehr grosse
-Aehnlichkeit mit der des Odysseus und der Kirke.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_350_350" id="Fussnote_350_350"></a><a href="#FNAnker_350_350"><span class="label">[350]</span></a> Zahn-Stadt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_351_351" id="Fussnote_351_351"></a><a href="#FNAnker_351_351"><span class="label">[351]</span></a> Blinde Bettler giebt es natürlich auch auf Ceylon,
-wie allenthalben. Aber im Ganzen fand ich den Zustand der Augen sehr
-gut auf dieser heissen Insel. Die ägyptische Augenentzündung, die in
-Calcutta und besonders in Bombay gar nicht so selten vorkommt, ist
-in Ceylon fast unbekannt; ein neuer Beweis zu den vielen anderen,
-dass Hitze und grelles Sonnenlicht nicht die Ursache der Krankheit
-darstellen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_352_352" id="Fussnote_352_352"></a><a href="#FNAnker_352_352"><span class="label">[352]</span></a> Nerium odorum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_353_353" id="Fussnote_353_353"></a><a href="#FNAnker_353_353"><span class="label">[353]</span></a> Maha-vali = grosse Linie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_354_354" id="Fussnote_354_354"></a><a href="#FNAnker_354_354"><span class="label">[354]</span></a> Von den Engländern so genannt, bei den Einheimischen
-heisst sie Tal Gaha.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_355_355" id="Fussnote_355_355"></a><a href="#FNAnker_355_355"><span class="label">[355]</span></a> So genannt, weil die Blätter erfrischenden Saft
-enthalten für den müden Wandrer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_356_356" id="Fussnote_356_356"></a><a href="#FNAnker_356_356"><span class="label">[356]</span></a> 1 Quart = 1,145 Liter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_357_357" id="Fussnote_357_357"></a><a href="#FNAnker_357_357"><span class="label">[357]</span></a> Nicht 40, wie Häckel schon 1882 angegeben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_358_358" id="Fussnote_358_358"></a><a href="#FNAnker_358_358"><span class="label">[358]</span></a> Zu 0,9 Liter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_359_359" id="Fussnote_359_359"></a><a href="#FNAnker_359_359"><span class="label">[359]</span></a> Fahrpreis erster Classe 6 Rupien 57 Cts., für Hin- und
-Rückfahrt 10 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_360_360" id="Fussnote_360_360"></a><a href="#FNAnker_360_360"><span class="label">[360]</span></a> Fahrpreis 2 Rupien; für das Gepäck, das im Ochsenwagen
-befördert wurde 1 Rupie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_361_361" id="Fussnote_361_361"></a><a href="#FNAnker_361_361"><span class="label">[361]</span></a> Mein Reise-Aneroïd-Barometer nebst Compass (von P.
-Dörffel in Berlin) hat mir, namentlich bei Bergfahrten, vielfach
-Belehrung und &mdash; Zerstreuung gewährt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_362_362" id="Fussnote_362_362"></a><a href="#FNAnker_362_362"><span class="label">[362]</span></a> Die Culturpalme geht bis 3000 Fuss Höhe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_363_363" id="Fussnote_363_363"></a><a href="#FNAnker_363_363"><span class="label">[363]</span></a> Agave americana. Stammt aus Amerika, hat aber zusammen
-mit ihrer Landsmännin, der Cactusfeige (Opuntia), das Aussehen unsrer
-<em class="gesperrt">Mittelmeer-Landschaft</em> völlig verändert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_364_364" id="Fussnote_364_364"></a><a href="#FNAnker_364_364"><span class="label">[364]</span></a> <em class="gesperrt">Eine</em> Pflanze sandte er an den botanischen
-Garten von Amsterdam. Von dem Samen dieser Pflanze stammen fast alle
-Kaffebäume der Erde ab, nachweislich alle in Amerika.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_365_365" id="Fussnote_365_365"></a><a href="#FNAnker_365_365"><span class="label">[365]</span></a> Nach Einigen war die Pflanzung von Georg Birch bei
-Gampola schon ein Jahr früher eingerichtet worden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_366_366" id="Fussnote_366_366"></a><a href="#FNAnker_366_366"><span class="label">[366]</span></a> 8 Millionen Pfund 1824, 15 im Jahre 1827.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_367_367" id="Fussnote_367_367"></a><a href="#FNAnker_367_367"><span class="label">[367]</span></a></p>
-
-<table class="mleft1" summary="Kaffeeimport nach England">
- <tr>
- <td class="tdr">
- Nach England
- </td>
- <td class="tdc">
- sind
- </td>
- <td class="tdc">
- 1827
- </td>
- <td class="tdc">
- von
- </td>
- <td class="tdc">
- Westindien
- </td>
- <td class="tdr">
- 29
- </td>
- <td class="tdc">
- Mill.,
- </td>
- <td class="tdc">
- von
- </td>
- <td class="tdc">
- Ceylon
- </td>
- <td class="tdl">
- fast 2 Mill.,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdc">
- aber
- </td>
- <td class="tdc">
- 1857
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdr">
- 4
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- 67 Millionen
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Pfund Kaffe eingeführt worden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_368_368" id="Fussnote_368_368"></a><a href="#FNAnker_368_368"><span class="label">[368]</span></a> An den steilen Abhängen wurden die obersten Reihen der
-uralten Bäume gefällt und auf die darunter stehenden, an einer Seite
-eingeschnittenen gestürzt: lawinenartig setzte sich der Sturz fort bis
-zur Thalsohle: dann wurde der ganze, niedergelegte Urwald angezündet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_369_369" id="Fussnote_369_369"></a><a href="#FNAnker_369_369"><span class="label">[369]</span></a> Aber noch 1854 tadelt Schmarda, der 8 Monate auf
-der Insel verweilte, das Ueberwiegen der Speculation bei den
-Kaffe-Pflanzern.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_370_370" id="Fussnote_370_370"></a><a href="#FNAnker_370_370"><span class="label">[370]</span></a>
-1884 war die Kaffe-Ernte des Erdballs etwa:</p>
-
-<table class="mleft1" summary="Globale Kaffee-Ernte 1884">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 7250000
- </td>
- <td class="tdc">
- metr.
- </td>
- <td class="tdc">
- Centner
- </td>
- <td class="tdl">
- (zu 100 kg) oder 1450 Millionen Pfund; davon
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 3891000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- aus Brasilien,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 907000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- aus Java,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 146000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- aus Ceylon.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Ferguson berechnet die ganze Erzeugung von Kaffe auf:</p>
-
-<table class="mleft1" summary="Kaffee-Erzeugung nach Ferguson">
- <tr>
- <td class="tdr">
- 869000
- </td>
- <td class="tdc">
- Tonnen
- </td>
- <td class="tdl">
- (oder 17 Mill. Centner, im Werthe von £ 70000000); davon
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 128000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- auf örtlichen Verbrauch,
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr">
- 740000
- </td>
- <td class="tdc">
- „
- </td>
- <td class="tdl">
- auf Ausfuhr.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_371_371" id="Fussnote_371_371"></a><a href="#FNAnker_371_371"><span class="label">[371]</span></a> Ferguson berechnet die Gesammterzeugung der Erde auf
-1385 Millionen Pfund Thee (also beinahe so viel wie die des Kaffe); die
-Ausfuhr auf 504 Millionen, den Verbrauch in China auf 800 Millionen,
-den in England auf 210 Millionen, den in Deutschland auf 4½
-Millionen Pfund. 1885 betrug die Gesammtausfuhr von Thee etwa 380
-Millionen Pfund, davon aus China 256 im Werth von 173 Millionen Mark.
-&mdash; Einzelne Sachverständige behaupten, dass man nach 30 Jahren Thee aus
-Ceylon nicht mehr werde ausführen können. (?)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_372_372" id="Fussnote_372_372"></a><a href="#FNAnker_372_372"><span class="label">[372]</span></a> Ceylon Tea Plantation Company, die 1891 an 4 Millionen
-Pfund Thee auf den Markt gebracht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_373_373" id="Fussnote_373_373"></a><a href="#FNAnker_373_373"><span class="label">[373]</span></a> Angeblich hat nur ein Zehntel der Pflanzer Glück gehabt.
-Aber England hat doch ungeheure Summen aus Ceylon gezogen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_374_374" id="Fussnote_374_374"></a><a href="#FNAnker_374_374"><span class="label">[374]</span></a> Nach Ferguson verdient der Mann 2½ bis 3½ Shilling
-die Woche, nach Caine 6 bis 9 Pence täglich; nach Schmarda, 1854, 9
-Pence bis 1 Shilling. 50 Millionen £ sind in den letzten 50 Jahren den
-Einheimischen an Arbeitslohn gezahlt worden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_375_375" id="Fussnote_375_375"></a><a href="#FNAnker_375_375"><span class="label">[375]</span></a> D. h. Götterspeise.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_376_376" id="Fussnote_376_376"></a><a href="#FNAnker_376_376"><span class="label">[376]</span></a> <em class="gesperrt">Quina</em> = Rinde, in der Inka-Sprache. 1638 wurde
-die Gräfin <em class="gesperrt">Cinchon</em>, Frau des Vicekönigs von Peru, durch die
-Rinde vom Fieber geheilt. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelangte
-das Mittel nach England, Frankreich und Deutschland. Die wirksamen
-Stoffe der Rinde sind die Alkaloïde Chinin und Cinchonin. Die Holländer
-verpflanzten 1852 die Cinchona nach Java, die Engländer 10 Jahre später
-nach Indien und Ceylon.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_377_377" id="Fussnote_377_377"></a><a href="#FNAnker_377_377"><span class="label">[377]</span></a> Bei uns kostet jetzt, im <em class="gesperrt">Einzelverkauf</em>, 1 Gramm
-15 Pfennige.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_378_378" id="Fussnote_378_378"></a><a href="#FNAnker_378_378"><span class="label">[378]</span></a> Im Mittel 5 Procent Alkaloïde. Das deutsche Arzneibuch
-verlangt von der China-Rinde mindestens 3,5 Procent Alkaloïde. Der
-jährliche Bedarf der ganzen Erde ist etwa 6 Millionen kg China-Rinde,
-1881 wurden etwa 9 Millionen geerntet, das meiste stammt doch noch aus
-Südamerika, die Fabriken verarbeiten jährlich 4,3 Millionen kg Rinde
-und gewinnen daraus 86400 kg Alkaloïde oder 120000 kg Chininsulfat und
-entsprechende Salze.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_379_379" id="Fussnote_379_379"></a><a href="#FNAnker_379_379"><span class="label">[379]</span></a> D. h. die königliche Stadt des Lichtes, &mdash; seitdem 1610
-n. Chr. die Könige von Kandy vor den Portugiesen dorthin geflüchtet
-waren. Man findet auch die Schreibweise Neura-ellia. Kein Wunder, dass
-die Engländer New Aurelia schreiben und nurélia aussprechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_380_380" id="Fussnote_380_380"></a><a href="#FNAnker_380_380"><span class="label">[380]</span></a> Etwa 10 Rupien täglich, ohne Wein u. dgl.; bei längerem
-Aufenthalt 7 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_381_381" id="Fussnote_381_381"></a><a href="#FNAnker_381_381"><span class="label">[381]</span></a> Wer nicht zu Fuss gehen will, kann für 4 Rupien sich
-hinauftragen lassen oder für 5 Rupien auf einem Ponny hinaufreiten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_382_382" id="Fussnote_382_382"></a><a href="#FNAnker_382_382"><span class="label">[382]</span></a> Wörtlich Matten-Rippen-Fels. Der Berg bringt Pflanzen
-hervor, die geeignet sind zum Flechten von Matten (pedura); talla =
-Blattstreif oder Rippe; galla = Berg. &mdash; Der abgekürzte Name lautet
-Pedro.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_383_383" id="Fussnote_383_383"></a><a href="#FNAnker_383_383"><span class="label">[383]</span></a> Rhododendrum arboreum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_384_384" id="Fussnote_384_384"></a><a href="#FNAnker_384_384"><span class="label">[384]</span></a> Allerdings beherrscht der hohe Standpunkt eine
-Kreisfläche von etwa 150 km Halbmesser oder 300 km Durchmesser, während
-die grösste Breite der Insel nur 235 km beträgt. <em class="gesperrt">Häckel</em> hat hier
-oben westlich wie östlich einen Silberstreif des Meeres gesehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_385_385" id="Fussnote_385_385"></a><a href="#FNAnker_385_385"><span class="label">[385]</span></a> Für 1 Rupie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_386_386" id="Fussnote_386_386"></a><a href="#FNAnker_386_386"><span class="label">[386]</span></a> Für 6 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_387_387" id="Fussnote_387_387"></a><a href="#FNAnker_387_387"><span class="label">[387]</span></a> Ich hatte mir natürlich auch englische machen lassen, da
-in englischen Gegenden fremde Sprachen nicht verstanden werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_388_388" id="Fussnote_388_388"></a><a href="#FNAnker_388_388"><span class="label">[388]</span></a> Alsophila.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_389_389" id="Fussnote_389_389"></a><a href="#FNAnker_389_389"><span class="label">[389]</span></a> Mimosa pudica.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_390_390" id="Fussnote_390_390"></a><a href="#FNAnker_390_390"><span class="label">[390]</span></a> Vgl. seine indischen Reisebriefe S. 339.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_391_391" id="Fussnote_391_391"></a><a href="#FNAnker_391_391"><span class="label">[391]</span></a> S. 231.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_392_392" id="Fussnote_392_392"></a><a href="#FNAnker_392_392"><span class="label">[392]</span></a> Kadi, Kari, Kuri ist saure Milch, mit Reis gesotten.
-Hieraus haben die Engländer <em class="gesperrt">curry</em> gemacht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_393_393" id="Fussnote_393_393"></a><a href="#FNAnker_393_393"><span class="label">[393]</span></a> Sweet and hot.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_394_394" id="Fussnote_394_394"></a><a href="#FNAnker_394_394"><span class="label">[394]</span></a> Wörtlich: des Glückes Fusstapfen. Der Adams-Pik heisst
-in Pali Sumanakuta = Götterberg, der neuere Name ist Samanella.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_395_395" id="Fussnote_395_395"></a><a href="#FNAnker_395_395"><span class="label">[395]</span></a> Ausser &mdash; Freitags! Die Fahrt dauert eine Stunde, die
-Entfernung beträgt 22 englische Meilen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_396_396" id="Fussnote_396_396"></a><a href="#FNAnker_396_396"><span class="label">[396]</span></a> Rest-house.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_397_397" id="Fussnote_397_397"></a><a href="#FNAnker_397_397"><span class="label">[397]</span></a> Auch für die Rast unter dem schattigen Dach muss
-besonders bezahlt werden, allerdings nicht viel, etwa ½ Rupie.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_398_398" id="Fussnote_398_398"></a><a href="#FNAnker_398_398"><span class="label">[398]</span></a> Matale-Anaradhapura, 30 Rupien für Hin- und Rückfahrt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_399_399" id="Fussnote_399_399"></a><a href="#FNAnker_399_399"><span class="label">[399]</span></a> Die indische Tonga ist zweirädrig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_400_400" id="Fussnote_400_400"></a><a href="#FNAnker_400_400"><span class="label">[400]</span></a> Semnopithecus, Wanderu. (Singhalesisch Wandura.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_401_401" id="Fussnote_401_401"></a><a href="#FNAnker_401_401"><span class="label">[401]</span></a> Durch Schlangenbiss und wilde Thiere sterben in Ceylon
-jährlich 150 Menschen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_402_402" id="Fussnote_402_402"></a><a href="#FNAnker_402_402"><span class="label">[402]</span></a> Derselbe hat grosse Verdienste nicht bloss um die
-Alterthümer, sondern auch um die Wiederherstellung der Bewässerung,
-Anpflanzung von Palmen und Reisfeldern, den Bau von Krankenhäusern u.
-dgl.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_403_403" id="Fussnote_403_403"></a><a href="#FNAnker_403_403"><span class="label">[403]</span></a> E. Tournour, The Mahawanso, Ceylon 1837. L. C.
-Wijesingha, The Mahavansa, part II, Colombo 1889. Wie man sieht, wird
-der Titel etwas verschieden mit europäischen Buchstaben geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_404_404" id="Fussnote_404_404"></a><a href="#FNAnker_404_404"><span class="label">[404]</span></a> D. h. Victor, der Siegreiche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_405_405" id="Fussnote_405_405"></a><a href="#FNAnker_405_405"><span class="label">[405]</span></a> Anurádha war der Schwager des zweiten Königs Panduwása.
-Pura heisst Grossstadt. Tennent, unsre Hauptquelle, schreibt
-Anarajapoora.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_406_406" id="Fussnote_406_406"></a><a href="#FNAnker_406_406"><span class="label">[406]</span></a> Es gab Krankenhäuser für Menschen und Thiere,
-öffentliche Gärten, Strassenreinigung, Begräbnissplätze.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_407_407" id="Fussnote_407_407"></a><a href="#FNAnker_407_407"><span class="label">[407]</span></a> Gam oder gramma = Stadt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_408_408" id="Fussnote_408_408"></a><a href="#FNAnker_408_408"><span class="label">[408]</span></a> Jetzt 9598, nach der Volkszählung von 1891.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_409_409" id="Fussnote_409_409"></a><a href="#FNAnker_409_409"><span class="label">[409]</span></a> 769 n. Chr. wurde der Herrschersitz südwärts verlegt
-nach Pollanarus. Diese Stadt blühte besonders im 12. Jahrhundert und
-sank dann gleichfalls in Ruinen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_410_410" id="Fussnote_410_410"></a><a href="#FNAnker_410_410"><span class="label">[410]</span></a> Aehnliches gilt von einigen Städten der Ureinwohner von
-Central-Amerika.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_411_411" id="Fussnote_411_411"></a><a href="#FNAnker_411_411"><span class="label">[411]</span></a> Die grosse Pyramide von Gizeh enthält 2½ Millionen
-Cubikmeter, also über 67½ Millionen Cubikfuss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_412_412" id="Fussnote_412_412"></a><a href="#FNAnker_412_412"><span class="label">[412]</span></a> Dies scheint mir vom baukünstlerischen Standpunkt
-vernünftiger, als wenn ein Ptolemäer den Riesen-Obelisk des grossen
-Thutmes auf vier &mdash; <em class="gesperrt">Krabben</em> aus Bronze stellt. Der Beobachter
-(im Centralpark zu New-York, wohin dies Wunderwerk verschlagen ward,)
-befürchtet fast, den Zusammenkrach zu hören und zu sehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_413_413" id="Fussnote_413_413"></a><a href="#FNAnker_413_413"><span class="label">[413]</span></a> Im Pâli <em class="gesperrt">hanza</em>, also derselbe Stamm, wie im
-Griechischen, Lateinischen, Deutschen und den daraus abgeleiteten
-Sprachen. Die Buddhisten nahmen an, dass die Wanderzüge der Gänse
-nach dem heiligen See von Manasa (in ihrem mythischen Himalaya) sich
-erstrecken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_414_414" id="Fussnote_414_414"></a><a href="#FNAnker_414_414"><span class="label">[414]</span></a> Nach Fergusson wäre es der rechte Backenknochen (yaw
-bone).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_415_415" id="Fussnote_415_415"></a><a href="#FNAnker_415_415"><span class="label">[415]</span></a> Hauptquellen für diese Alterthümer sind neben Burrows
-und den kurzen Mittheilungen, die Herr Bell bisher gemacht hat, noch
-immer <em class="gesperrt">Tennent</em> und J. <em class="gesperrt">Fergusson</em>, Verfasser von Indian
-Architecture. Fergusson war nie auf Ceylon, er tadelt Tennent, wirft
-der Regierung Gleichgiltigkeit gegen die Alterthümer vor und verspottet
-unsern Landsmann Dr. <em class="gesperrt">Goldschmidt</em>, der die <em class="gesperrt">Inschriften</em>
-studire: offenbar kann er deren Werth nicht würdigen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_416_416" id="Fussnote_416_416"></a><a href="#FNAnker_416_416"><span class="label">[416]</span></a> Wie der unvollendete Obelisk im Steinbruch bei Assuan in
-Oberägypten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_417_417" id="Fussnote_417_417"></a><a href="#FNAnker_417_417"><span class="label">[417]</span></a> Vom Führer als Tränke bezeichnet; doch wird man damals,
-wie heute, Elephanten und Ochsen in Teichen getränkt haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_418_418" id="Fussnote_418_418"></a><a href="#FNAnker_418_418"><span class="label">[418]</span></a> <em class="gesperrt">Giants Tank.</em> Aber auf Ferguson’s Karte heisst so
-ein Teich nahe der Nordwestküste von Ceylon.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_419_419" id="Fussnote_419_419"></a><a href="#FNAnker_419_419"><span class="label">[419]</span></a> Ich sage <em class="gesperrt">vielleicht</em>, da Herodot in der
-Beschreibung des Moeris-See’s wahrscheinlich sich getäuscht hat, indem
-er den Fayum zur Ueberschwemmungszeit besuchte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_420_420" id="Fussnote_420_420"></a><a href="#FNAnker_420_420"><span class="label">[420]</span></a> Tennent sah, vor 40 Jahren, einen Knaben, der geradlinig
-von einem der Begleiter des heiligen Bo-Baumes abstammte. Er hatte
-den Titel „Prinz des Löwen und der Sonne“. Gegen diesen Stammbaum
-verschwinden die des europäischen Adels.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_421_421" id="Fussnote_421_421"></a><a href="#FNAnker_421_421"><span class="label">[421]</span></a> Preis des Telegramms in Ceylon: a) dringend, 1 Rup.
-60 Cts., b) gewöhnlich, 80 Cts., c) aufschiebbar, 40 Cts., für acht
-Wörter. Jedes Zusatzwort noch 20, 10, 5 Cts. Adresse frei. Ich wählte
-b). &mdash; Es giebt 1550 engl. Meilen Telegraphen-Draht in Ceylon.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_422_422" id="Fussnote_422_422"></a><a href="#FNAnker_422_422"><span class="label">[422]</span></a> Hindu-Schreiber.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_423_423" id="Fussnote_423_423"></a><a href="#FNAnker_423_423"><span class="label">[423]</span></a> In ganz Ostasien, von Hongkong bis Bombay, sind die
-Gasthäuser schlecht. Es fehlt der Wettbewerb. Auch gehört viel Geld
-dazu, so grosse Häuser, wie die in Colombo, Calcutta, Bombay, zu
-errichten und zu unterhalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_424_424" id="Fussnote_424_424"></a><a href="#FNAnker_424_424"><span class="label">[424]</span></a> Die Hauptzeit dauert vom 20. Dezember bis 10. Januar;
-da kommt jeder in Bengal lebende Engländer nach Calcutta; da sind die
-Bälle und Empfänge des Vice-Königs und der Vornehmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_425_425" id="Fussnote_425_425"></a><a href="#FNAnker_425_425"><span class="label">[425]</span></a></p>
-
-<table summary="Werte der Münzen">
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <em class="gesperrt">Silbermünzen</em>:
- </td>
- <td class="tdr">
- 1 Rupie
- </td>
- <td class="tdl" colspan="2">
- (= 16 Annas), eigentlich 2 sh, wirklich 1 sh 2½ d, etwa 130 Pfennige.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- ½ Rupie
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- 8 Annas (65 Pfennige).
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- ¼ Rupie
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- 4 Annas (32½ Pfennige).
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- ⅛ Rupie
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- 2 Annas (16 Pfennige, ein bequemes <em class="gesperrt">Trinkgeld</em>).
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- <em class="gesperrt">Kupfermünzen</em>:
- </td>
- <td class="tdr">
- ½ Anna
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- 4 Pfennige.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="tdr">
- ¼ Anna
- </td>
- <td class="tdc">
- =
- </td>
- <td class="tdl">
- 1 paisá, englisch pice, 2 Pfennige, ein <em class="gesperrt">Almosen</em>.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>1 Anna = 4 pices = 12 pies. (Für die Armuth des Landes spricht der
-Umstand, dass in manchen einheimischen Märkten die Anna in 912 Theile
-&mdash; Kauri &mdash; getheilt wird!)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_426_426" id="Fussnote_426_426"></a><a href="#FNAnker_426_426"><span class="label">[426]</span></a> Wörtlich Schnee-Palast; vom Sanskritischen <em class="gesperrt">hima</em> =
-Frost oder Schnee und álaya = Wohnung. Der erstgenannte Stamm ist auch
-im Griechischen und Lateinischen vorhanden. (χεῖμα, hiems =
-Winter.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_427_427" id="Fussnote_427_427"></a><a href="#FNAnker_427_427"><span class="label">[427]</span></a> In engerem Sinne bedeutet Dekkan das Hochland zwischen
-den beiden Flüssen, Narbada, der ungefähr unter 21° nördl. Br. in
-das arabische Meer (den Golf von Cambay) fliesst, und Krishna oder
-Kistna, der ungefähr unter 16° nördl. Br. in das Meer von Bengalen sich
-ergiesst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_428_428" id="Fussnote_428_428"></a><a href="#FNAnker_428_428"><span class="label">[428]</span></a> Treppengebirge, von ghát = Landungstreppe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_429_429" id="Fussnote_429_429"></a><a href="#FNAnker_429_429"><span class="label">[429]</span></a> Burma mit 7½ Mill. Einwohnern gehört jetzt mit zum
-Kaiserreich Indien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_430_430" id="Fussnote_430_430"></a><a href="#FNAnker_430_430"><span class="label">[430]</span></a> 1 Acre = 40,5 Ar; 1 Ar = 100 Quadratmeter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_431_431" id="Fussnote_431_431"></a><a href="#FNAnker_431_431"><span class="label">[431]</span></a> Die Eintheilung ist üblich, aber nicht folgerichtig. Die
-Mohammedaner sind nicht ein besonderer Stamm.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_432_432" id="Fussnote_432_432"></a><a href="#FNAnker_432_432"><span class="label">[432]</span></a> Vom portugiesischen <em class="gesperrt">casta</em>, Geschlecht;
-Uebersetzung des indischen <em class="gesperrt">dschâti</em>, Stand.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_433_433" id="Fussnote_433_433"></a><a href="#FNAnker_433_433"><span class="label">[433]</span></a> d. i. Vihara = Kloster.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_434_434" id="Fussnote_434_434"></a><a href="#FNAnker_434_434"><span class="label">[434]</span></a> Ueber 50 Procent Hindu, 39 Procent Mohammedaner, ferner
-Christen, Juden, Parsi u. s. w. 1881 waren unter 684000 Einwohnern
-428000 Hindu, 221000 Mohammedaner, 30000 Christen und, nach der
-Nationalität, 7000 Europäer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_435_435" id="Fussnote_435_435"></a><a href="#FNAnker_435_435"><span class="label">[435]</span></a> Der jetzige Tempel mit seiner Treppe (ghat) heisst
-Kali-ghat und liegt einige englische Meilen südlich von der Stadt am
-Ufer von Tolly’s Nulla (Nalla). Er ist vor etwa 300 Jahren von einer
-reichen Hindu-Familie erbaut und mit einer Landschenkung ausgerüstet
-und wird von wohlhabenden Priestern, den Nachkommen der Gründer,
-verwaltet. Es ist der einzige Ort in Calcutta für den öffentlichen
-Gottesdienst der Hindu; wiewohl in jedem Haus ein Altar für den
-Familien-Gott sich vorfindet. Kali, „die schwarze“, ist eine grausame
-Göttin, die Pest und Hungersnoth sendet und nur durch Blutopfer
-besänftigt wird. Gewöhnlich werden Ziegen geopfert: aber, wie in alten
-Tagen, so wurden auch noch 1866, während der schrecklichen Hungersnoth,
-Menschenköpfe, mit Blumen bedeckt, vor ihrem Altar gefunden. Und
-sogar noch 1893 ist ihr in der Nähe von Calcutta ein Menschenopfer
-dargebracht worden. &mdash; Die Schreibweise Kalkutta mag richtiger sein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_436_436" id="Fussnote_436_436"></a><a href="#FNAnker_436_436"><span class="label">[436]</span></a> Das Gebäude ist nicht mehr vorhanden; der Eingang lag
-in einer Gasse hinter dem jetzigen Postgebäude; 1884 wurde der Ort mit
-einem schönen Steinpflaster versehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_437_437" id="Fussnote_437_437"></a><a href="#FNAnker_437_437"><span class="label">[437]</span></a> Ich verschmähte denselben und fand weit besser meinen
-weichen, hellgrauen, breitkrämpigen Filzhut, den ich schon in
-Oberägypten erprobt hatte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_438_438" id="Fussnote_438_438"></a><a href="#FNAnker_438_438"><span class="label">[438]</span></a> <em class="gesperrt">Babu</em> heisst Herr auf hindostanisch und bedeutet
-einen Inder, der englisch lesen und schreiben kann. Die Babu sind
-das halbgebildete, neuerungssüchtige, unzufriedene Element in
-Indien. Europäer in Indien werden mit dem arabischen Wort für Herr,
-<em class="gesperrt">Sahib</em>, angeredet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_439_439" id="Fussnote_439_439"></a><a href="#FNAnker_439_439"><span class="label">[439]</span></a> Am ersten Tag in Calcutta entnahm ich Geld auf meinen
-Creditbrief in der Chartered bank of India, Australia, China. Ich
-erhielt 74 Zehnrupienscheine der Regierung und 54 Silberrupien in einem
-Beutelchen. (50 £ = 794 R.) <em class="gesperrt">Mit 58 £ bin ich in 33 Tagen sehr bequem
-durch Indien gekommen.</em> Es ist eine unsinnige Behauptung, dass man
-täglich 5 £ braucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_440_440" id="Fussnote_440_440"></a><a href="#FNAnker_440_440"><span class="label">[440]</span></a> Sprich Tanjor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_441_441" id="Fussnote_441_441"></a><a href="#FNAnker_441_441"><span class="label">[441]</span></a> Jute, Calcutta-Hanf, die Bastfaser von Corchorus, 1,5
-bis 2,5 Meter lang, besonders seit dem Krimkriege, während dessen der
-russische Flachs und Hanf nicht nach England kamen, eingeführt. (Der
-Name Jute stammt aus Orissa.) 1890/91 wurden aus Indien ausgeführt an
-Jute 12 Millionen Centner (Rx 7½ Millionen), an Jutesäcken für Rx
-2½ Millionen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_442_442" id="Fussnote_442_442"></a><a href="#FNAnker_442_442"><span class="label">[442]</span></a> Rx = 10 Rupien, ein durch den schwankenden Silberpreis
-neuerdings eingeführtes Zeichen, während früher Rx = £ gewesen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_443_443" id="Fussnote_443_443"></a><a href="#FNAnker_443_443"><span class="label">[443]</span></a> Auch Steinöl ist vorhanden, in Punjab, in Assam,
-aber weder lohnend, noch ausreichend, so dass Indien angewiesen ist
-auf Einfuhren aus Amerika und aus Russland, die hier mittwegs sich
-begegnen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_444_444" id="Fussnote_444_444"></a><a href="#FNAnker_444_444"><span class="label">[444]</span></a> Rx 8 Millionen, also fast ¼ der ganzen Steuern.
-(35½ Millionen.) Folglich zahlt die ärmste Familie von vier Personen
-der Regierung an Salz-Steuer jährlich 2⅓ Shilling oder den Lohn
-einer Woche und mehr.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_445_445" id="Fussnote_445_445"></a><a href="#FNAnker_445_445"><span class="label">[445]</span></a> Adamas, griechisch, der unzerbrechliche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_446_446" id="Fussnote_446_446"></a><a href="#FNAnker_446_446"><span class="label">[446]</span></a> Vergleiche meine Arbeit: Ueber die Ergebnisse der
-Magnetoperation in der Augenheilkunde, in A. v. Graefe’s Archiv, Band
-XXXV, 1890.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_447_447" id="Fussnote_447_447"></a><a href="#FNAnker_447_447"><span class="label">[447]</span></a> Im Norden der Centralprovinz.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_448_448" id="Fussnote_448_448"></a><a href="#FNAnker_448_448"><span class="label">[448]</span></a> <em class="gesperrt">Fergusson</em> verficht mit Eifer die Ansicht, dass
-„allenthalben unterhalb des Buddha-Glaubens eine Lage von Schlangen-
-und Baumdienst gefunden wird“, dass hauptsächlich nur die alten
-Ureinwohner, die Schlangen und Bäume verehrten, den Buddha-Glauben
-angenommen haben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_449_449" id="Fussnote_449_449"></a><a href="#FNAnker_449_449"><span class="label">[449]</span></a> Der <em class="gesperrt">sachverständige</em> Prinz Waldemar von
-Preussen beschreibt es folgendermaassen: „Es bildet ein achtseitiges
-Vauban’sches Polygon, dessen fünf Landseiten bastionirt, dagegen die
-drei dem Hugli zugekehrten <em class="gesperrt">tenaillirt</em> sind, d. h. abwechselnd
-ein- und ausspringende Winkel bilden.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_450_450" id="Fussnote_450_450"></a><a href="#FNAnker_450_450"><span class="label">[450]</span></a> Für 1 R.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_451_451" id="Fussnote_451_451"></a><a href="#FNAnker_451_451"><span class="label">[451]</span></a> Die Wasserleitung Calcutta’s schöpft aus dem Ganges.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_452_452" id="Fussnote_452_452"></a><a href="#FNAnker_452_452"><span class="label">[452]</span></a> Die der Wirth für 2 Annas d. h. etwa 16 Pfennige
-liefert, mein Landsmann aber auf den Werth von 1 Annas abschätzt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_453_453" id="Fussnote_453_453"></a><a href="#FNAnker_453_453"><span class="label">[453]</span></a> Für 2&ndash;4 R.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_454_454" id="Fussnote_454_454"></a><a href="#FNAnker_454_454"><span class="label">[454]</span></a> 1891 wurden im Mayo-Krankenhaus 176 Fälle von Cholera
-aufgenommen, von denen 105 tödlich endigten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_455_455" id="Fussnote_455_455"></a><a href="#FNAnker_455_455"><span class="label">[455]</span></a> Schon die alten Griechen waren im Zwiespalt, die Einen
-leiten das Wort von χολή (chole) „die Galle“, die Anderen
-von χολάς (cholas) „Dünndarm“ ab. Bei den späteren Griechen
-bedeutet dasselbe Wort eine Dachrinne.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_456_456" id="Fussnote_456_456"></a><a href="#FNAnker_456_456"><span class="label">[456]</span></a> Vgl. Reports on the epidemic cholera, Bombay 1819.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_457_457" id="Fussnote_457_457"></a><a href="#FNAnker_457_457"><span class="label">[457]</span></a> Unter dem Namen Bisúchika, während in einer
-Sanskrit-Handschrift aus dem 17. Jahrhundert der Name Haidsa auftritt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_458_458" id="Fussnote_458_458"></a><a href="#FNAnker_458_458"><span class="label">[458]</span></a> In Berlin sind in den 15 Epidemien von 1831 bis 1873 im
-Ganzen 18916 Menschen an Cholera verstorben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_459_459" id="Fussnote_459_459"></a><a href="#FNAnker_459_459"><span class="label">[459]</span></a> Den Koffer liess ich im Gasthaus. Calcutta-Darjeeling,
-378 englische Meilen in 24 Stunden, also durchschnittlich nur 25
-Kilometer in der Stunde. Fahrpreis erster Classe 50 Rupien, wovon 20
-auf die letzten 50 Meilen (privater Gebirgsbahn) entfallen. Die erste
-Classe kostet in Indien höchstens 1 anna 6 pies für die Meile (oder
-etwa 8 Pfennige für den Kilometer), ungefähr wie bei uns, die zweite
-die Hälfte, die dritte den sechsten Theil. Hin- und Rückfahrtskarte
-kostet 1⅓ der Hinfahrt, ungefähr wie bei uns. Madras-Zeit gilt auf
-allen Bahnen. Auf grösseren Halteplätzen zeigt eine Uhr die Madras-
-oder Eisenbahnzeit, eine zweite die Ortszeit, und zwar recht deutlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_460_460" id="Fussnote_460_460"></a><a href="#FNAnker_460_460"><span class="label">[460]</span></a> Der Ganges ist 2500 Kilometer lang und hat ein Gebiet
-von 1 Million Quadratkilometer. Zu Rajmahal in Bengalen, noch 640
-Kilometer von der Mündung, ist er 1500 Meter breit, und entsendet
-während der Hochfluth 1800000 Cubikfuss in der Secunde, sonst 207000.
-Die Dauer der Hochfluth beträgt 40 Tage. (Die grösste Entladung des
-Mississippi beträgt 1200000 Cubikfuss.) Der Innenhandel von und nach
-Calcutta auf dem Ganges und seinen Nebenflüssen und Canälen beträgt
-jährlich 400 Millionen Rupien, davon 153 auf einheimischen Böten. 1876
-wurden deren zu Hugli 124000 registrirt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_461_461" id="Fussnote_461_461"></a><a href="#FNAnker_461_461"><span class="label">[461]</span></a> Nicht weniger als fünf verschiedene Spurweiten
-sind auf indischen Eisenbahnen zu finden, was vom Standpunkt der
-Landesvertheidigung seltsam erscheint. Die grösste ist auf der Strecke
-Calcutta-Delhi, nämlich 66 Zoll, 9½ Zoll mehr, als bei uns. (Die
-kleinen Spurweiten sind billiger, aber weniger haltbar.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_462_462" id="Fussnote_462_462"></a><a href="#FNAnker_462_462"><span class="label">[462]</span></a> Auch Nepal oder Nipal geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_463_463" id="Fussnote_463_463"></a><a href="#FNAnker_463_463"><span class="label">[463]</span></a> Ponny und Führer 6 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_464_464" id="Fussnote_464_464"></a><a href="#FNAnker_464_464"><span class="label">[464]</span></a> In Deutschland 43156 Kilometer (dazu 2487 Kilometer
-Industrie-Bahnen); in England 32304 Kilometer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_465_465" id="Fussnote_465_465"></a><a href="#FNAnker_465_465"><span class="label">[465]</span></a> 1881 musste Professor Reulaux im Fährboot über den
-Ganges setzen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_466_466" id="Fussnote_466_466"></a><a href="#FNAnker_466_466"><span class="label">[466]</span></a> Natürlich besser, als <em class="gesperrt">Rasthäuser</em> (Dak Bungalow):
-auf letztere war ich nur zwei Mal angewiesen, in Ahmedabad und bei
-Ellora, in einheimischen Schutzstaaten, wo überhaupt noch keine
-Gasthäuser für Europäer errichtet sind.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_467_467" id="Fussnote_467_467"></a><a href="#FNAnker_467_467"><span class="label">[467]</span></a> Nelumbium speciosum, indische Teichrose, Nil-lilie, die
-heilige Padena-Pflanze der Inder.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_468_468" id="Fussnote_468_468"></a><a href="#FNAnker_468_468"><span class="label">[468]</span></a>
-2 Rupien für den Tag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_469_469" id="Fussnote_469_469"></a><a href="#FNAnker_469_469"><span class="label">[469]</span></a>
-6 &emsp; „ &emsp;&ensp;„ &emsp;„ &emsp;„.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_470_470" id="Fussnote_470_470"></a><a href="#FNAnker_470_470"><span class="label">[470]</span></a> Für 2 bis 3 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_471_471" id="Fussnote_471_471"></a><a href="#FNAnker_471_471"><span class="label">[471]</span></a> Die Vorschrift der Religion ist gewiss sehr förderlich
-für die Gesundheit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_472_472" id="Fussnote_472_472"></a><a href="#FNAnker_472_472"><span class="label">[472]</span></a> Sikra oder Vimanah, mit zahlreichen Nebenthürmchen. (Es
-soll die aufsteigende Flamme bedeuten.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_473_473" id="Fussnote_473_473"></a><a href="#FNAnker_473_473"><span class="label">[473]</span></a> Rama ist einer der „Niederstiege“ (Avatáras,
-Incarnationen) des Wischnu.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_474_474" id="Fussnote_474_474"></a><a href="#FNAnker_474_474"><span class="label">[474]</span></a> Soll in Europa die Leichenverbrennung, welche ja
-altgermanische Sitte gewesen, wieder Fortschritte machen, so werden
-wir von den Asiaten Einfachheit lernen müssen. In Japan kostet die
-Verbrennung erster Classe 7 Yen, zweiter Classe 2½ Yen, dritter
-Classe 1½ Yen. (1 Yen = 3 Mark.) In Indien sind die Preise noch
-niedriger, &mdash; wenigstens für die <em class="gesperrt">Armen</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_475_475" id="Fussnote_475_475"></a><a href="#FNAnker_475_475"><span class="label">[475]</span></a> Das = zehn; ashva (equus) = Ross. Ross-Opfer kommen in
-den alten Gesängen der Veden vor, wie bei den alten Germanen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_476_476" id="Fussnote_476_476"></a><a href="#FNAnker_476_476"><span class="label">[476]</span></a> Auch Sutti, Suttee geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_477_477" id="Fussnote_477_477"></a><a href="#FNAnker_477_477"><span class="label">[477]</span></a> Tij Muhamed Sháhi, Tafeln des Kaiser Muhamed.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_478_478" id="Fussnote_478_478"></a><a href="#FNAnker_478_478"><span class="label">[478]</span></a> Grade sowie bei denen unseres Dr. Hevelius in Danzig, um
-die Mitte des 17. Jahrhunderts, welcher die neu erfundenen Fernröhre
-verabscheute.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_479_479" id="Fussnote_479_479"></a><a href="#FNAnker_479_479"><span class="label">[479]</span></a> Mani = Juwel, Karna = Ohr. Devi (Mahadeo) soll seinen
-Ohrring hinein geworfen haben. Daher die Heiligkeit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_480_480" id="Fussnote_480_480"></a><a href="#FNAnker_480_480"><span class="label">[480]</span></a> Tarak = der hinüber trägt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_481_481" id="Fussnote_481_481"></a><a href="#FNAnker_481_481"><span class="label">[481]</span></a> Fünf-Fluss-Treppe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_482_482" id="Fussnote_482_482"></a><a href="#FNAnker_482_482"><span class="label">[482]</span></a> Unten 2,5 Meter, oben 2,2 Meter dick. Wegen des
-mächtigen Unterbaues ist das Ganze vom Fluss bis zur Spitze der
-Minarete 300 Fuss hoch.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_483_483" id="Fussnote_483_483"></a><a href="#FNAnker_483_483"><span class="label">[483]</span></a> Vissva, das All; Issvara, der Herr: also <em class="gesperrt">Herr der
-Welt</em>. Mahadeva (Magnus divus) ist eigentlich dasselbe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_484_484" id="Fussnote_484_484"></a><a href="#FNAnker_484_484"><span class="label">[484]</span></a> Von Anna = Nahrung, purna = anfüllend.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_485_485" id="Fussnote_485_485"></a><a href="#FNAnker_485_485"><span class="label">[485]</span></a> An Grösse gleich Holland und Belgien, übertrifft es
-diese dicht bevölkerten Länder noch um zwei Millionen. Es hat 180
-Einwohner auf den Quadratkilometer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_486_486" id="Fussnote_486_486"></a><a href="#FNAnker_486_486"><span class="label">[486]</span></a> Nach Calcutta, Bombay, Madras, Haiderabad.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_487_487" id="Fussnote_487_487"></a><a href="#FNAnker_487_487"><span class="label">[487]</span></a> Eigentlich <em class="gesperrt">Sipahi</em>, ein eingeborener Soldat, von
-<em class="gesperrt">sipáh</em>, Armee. (Persisch.) Bei den Türken hiessen <em class="gesperrt">Spahi</em>
-die Reiter; so heissen auch noch jetzt die vier Reiterregimenter,
-welche die Franzosen in Algier und Tunis aus den Eingeborenen gebildet.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_488_488" id="Fussnote_488_488"></a><a href="#FNAnker_488_488"><span class="label">[488]</span></a> Der Antheil am indischen Handel, welchen der König von
-Preussen im vorigen Jahrhundert für sein Volk vergeblich erstrebt,
-ist in unserem Jahrhundert von der Thatkraft der deutschen Kaufleute
-errungen worden. In den letzten fünf Jahren ist der deutsche Handel mit
-Calcutta auf das Dreifache gewachsen, der englische Handel dagegen von
-65 Procent des Ganzen auf 57 gesunken.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_489_489" id="Fussnote_489_489"></a><a href="#FNAnker_489_489"><span class="label">[489]</span></a> Dies spricht beredt für die Kraft und Sicherheit
-der Regierung. Sollte aber einmal ein feindliches Heer rasch durch
-Punjab vorrücken, so kann ganz Simla leicht von dem übrigen Indien
-abgeschnitten werden.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_490_490" id="Fussnote_490_490"></a><a href="#FNAnker_490_490"><span class="label">[490]</span></a> Die vaterlandsliebenden Inder haben bisher ganz
-vergeblich in ihrem <em class="gesperrt">National-Congress</em> freie Wahlen zu einer
-indischen Volksvertretung gefordert. In diesem Jahre, zu Lahore,
-wollen sie erklären, dass durch die erdrückende Besteuerung und den
-Geldabfluss nach England Indien verbluten müsse. &mdash; Pressfreiheit
-besteht in Indien seit 1835, durch Macaulay, aber vollständiger erst
-seit 1867.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_491_491" id="Fussnote_491_491"></a><a href="#FNAnker_491_491"><span class="label">[491]</span></a> Rx = 10 Rupien, also 275 Millionen Rupien; beim jetzigen
-Curs an 400 Millionen Mark.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_492_492" id="Fussnote_492_492"></a><a href="#FNAnker_492_492"><span class="label">[492]</span></a> Lucri bonus odor. Die Regierung verkauft unter Monopol
-den schlimmsten Schnaps, ferner Majoon (= Haschisch, vom indischen
-Hanf, zum Essen,) und Churra (aus derselben Pflanze, zum Rauchen,)
-ferner Opium an die Einheimischen. Die genauere Schilderung hat das
-Parlaments-Mitglied Caine (Picturesque India, S. 292) geliefert.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_493_493" id="Fussnote_493_493"></a><a href="#FNAnker_493_493"><span class="label">[493]</span></a> Ausfuhr nach China 1878/79 91000 Kisten, für Rx
-13 Millionen; 1890/91 85000 Kisten (119000 Centner) für Rx 9¼
-Millionen. 140 Pfund Opium bringen in Canton 300 bis 600 Dollar.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_494_494" id="Fussnote_494_494"></a><a href="#FNAnker_494_494"><span class="label">[494]</span></a> Der Vicekönig erhält 500000 + 240000 Mark jährlich, die
-Beamten des covenanted civil service von 12000 bis 72000 Mark. (1880.)</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_495_495" id="Fussnote_495_495"></a><a href="#FNAnker_495_495"><span class="label">[495]</span></a> Lakh = 100000.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_496_496" id="Fussnote_496_496"></a><a href="#FNAnker_496_496"><span class="label">[496]</span></a> So nennt man die Prachtgebäude zur Feier des Moharram (=
-Allerheiligsten), des Neumonds vom ersten mohammedanischen Monat, der
-gleichfalls Moharram genannt wird. Das Fest ist zu Ehren der Märtyrer
-Hosein und Hussein, der Söhne von Ali, dem Vetter, und von Fatimah,
-der Tochter von Mohammed; und wird nur von den <em class="gesperrt">Shiahs</em> gefeiert,
-nicht von den <em class="gesperrt">Sunnies</em>. Zu den Shiah gehören die Perser, ein
-Theil der Einwohner von Oudh und andre Mohammedaner Nordindien’s; zu
-den Sunnies, welche neben dem Qoran auch die Ueberlieferung Mohammeds
-(Sunna) gelten lassen, die Araber, Türken, Afghanen u. A. 90 Procent
-der Moslem in Indien sollen Sunniten sein; zu ihnen gehörten auch die
-Grossmogul.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_497_497" id="Fussnote_497_497"></a><a href="#FNAnker_497_497"><span class="label">[497]</span></a> Die Tabakspfeife, Hukha, des Volkes ist eine Art von
-Thontrichter mit flachem Teller. Nicht selten wird sie in den von
-den beiden Händen gebildeten Hohlraum gesteckt, und aus dem Spalt
-zwischen den beiden Händen der Rauch gesogen. So können mehrere an
-derselben Pfeife rauchen, ohne Kastenvorurtheile (oder die Gesetze der
-Gesundheitspflege) zu beleidigen. Der fleissige Handwerker steckt diese
-Pfeife in ein Wassergefäss, aus dem ein langes Rohr herausragt: so hat
-er eine Wasser-Pfeife (Nargileh).</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_498_498" id="Fussnote_498_498"></a><a href="#FNAnker_498_498"><span class="label">[498]</span></a> Lang fortgesetzte Dürre, da 1876 <em class="gesperrt">beide Monsun-Regen
-ausblieben</em> und 1877 nur <em class="gesperrt">wenig</em> Regen erfolgte, bewirkte
-1877/78 eine so gewaltige Hungersnoth im Dekkan und auch zum Theil in
-Nord-Indien, dass trotz aller Anstrengung der Regierung und trotz einer
-Aufwendung von 11 Millionen £ gegen 5¼ Millionen Menschen durch
-Nahrungsmangel und die davon herrührenden Krankheiten zu Grunde gingen.
-Das war die grösste Hungersnoth in Indien seit 1770.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_499_499" id="Fussnote_499_499"></a><a href="#FNAnker_499_499"><span class="label">[499]</span></a> Rx = 10 Rupien, also beträgt obige Summe weit über 100
-Millionen Mark.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_500_500" id="Fussnote_500_500"></a><a href="#FNAnker_500_500"><span class="label">[500]</span></a> Wagen und Führer für den Vormittag 5 Rupien.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_501_501" id="Fussnote_501_501"></a><a href="#FNAnker_501_501"><span class="label">[501]</span></a> Die ringsum laufende Inschrift lautet: Sacred to the
-perpetual Memory of a great company of Christian people, chiefly Women
-and Children, who near this spot were cruelly murdered by the followers
-of the rebel Nana Dhundu Pant, of Bilhur, and cast, the dying with the
-dead, into the well below, on the XV<sup>th</sup> day of July, MDCCCLVII.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_502_502" id="Fussnote_502_502"></a><a href="#FNAnker_502_502"><span class="label">[502]</span></a> Darbár (Durbar), persisch, eine königliche Hof- oder
-Empfangs-Sitzung.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_503_503" id="Fussnote_503_503"></a><a href="#FNAnker_503_503"><span class="label">[503]</span></a> 1 Rupie 8 Annas; dazu 8 Annas für ½ Fl. Bier.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_504_504" id="Fussnote_504_504"></a><a href="#FNAnker_504_504"><span class="label">[504]</span></a> Der Islam hat dort die verschiedenen Völkerschaften,
-Iranier (Arier), Turanier, Semiten zu einer Nation vereinigt. Die
-eigentlichen Afghanen behaupten aus Syrien eingewandert zu sein.
-Diejenigen Leute, die in Indien als Afghanen bezeichnet werden,
-sehen echt semitisch aus. Von 664 bis 683 n. Chr. hatten die Araber
-Afghanistan erobert. 812 erfolgte die Auflehnung der einheimischen
-Statthalter gegen den Chalifen. Die Dynastie der Ghasnawiden bestand
-von 961 bis 1140.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_505_505" id="Fussnote_505_505"></a><a href="#FNAnker_505_505"><span class="label">[505]</span></a> Die Afghanen- und Türken-Könige von Delhi (1193&ndash;1526)
-vor den Mogul werden gelegentlich <em class="gesperrt">Pathán</em> genannt, und mit diesem
-Namen auch ihre Bauwerke bezeichnet. Pathan ist der einheimische
-Name für die Bevölkerung der nach Indien sich abdachenden Thäler von
-Afghanistan.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_506_506" id="Fussnote_506_506"></a><a href="#FNAnker_506_506"><span class="label">[506]</span></a> Babar heisst Löwe, ebenso wie Singh, Haidar, Sher.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_507_507" id="Fussnote_507_507"></a><a href="#FNAnker_507_507"><span class="label">[507]</span></a> So genannt nach ihrem mongolischen (in Wirklichkeit
-tatarischen) Ursprung. Sie selber nannten sich Schah, die Hofsprache
-war persisch. Wir müssen uns die Grossmogul als Verwandte der Osmanen,
-nicht etwa der Chinesen vorstellen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_508_508" id="Fussnote_508_508"></a><a href="#FNAnker_508_508"><span class="label">[508]</span></a> Die Kaufkraft des Silbers, in Getreide ausgedrückt, war
-zu Akbar’s Zeiten zwei bis drei Mal so gross, wie heute.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_509_509" id="Fussnote_509_509"></a><a href="#FNAnker_509_509"><span class="label">[509]</span></a> 1709 betrug der Staatsaufwand in England 7 Millionen
-£, eine damals für ungeheuer gehaltene Summe, 1884/85 waren die
-Staatseinnahmen 88 Millionen £.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_510_510" id="Fussnote_510_510"></a><a href="#FNAnker_510_510"><span class="label">[510]</span></a> Auch Jahangir geschrieben. Jehangir fand ich, als
-Vornamen, auf der Besuchskarte eines Parsi, der in London Heilkunde
-studirt.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_511_511" id="Fussnote_511_511"></a><a href="#FNAnker_511_511"><span class="label">[511]</span></a> Auch <em class="gesperrt">Nur-Mahal</em>, Licht des Palastes, genannt; uns
-wenigstens vom &mdash; Ballet bekannt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_512_512" id="Fussnote_512_512"></a><a href="#FNAnker_512_512"><span class="label">[512]</span></a> Kron-Palast, persisch.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_513_513" id="Fussnote_513_513"></a><a href="#FNAnker_513_513"><span class="label">[513]</span></a> Aurangzib, Aurangzeyb, d. h. Zierde des Throns.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_514_514" id="Fussnote_514_514"></a><a href="#FNAnker_514_514"><span class="label">[514]</span></a> 841 englische Meilen auf der Eisenbahn von Calcutta
-entfernt.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_515_515" id="Fussnote_515_515"></a><a href="#FNAnker_515_515"><span class="label">[515]</span></a> Im Punjab, jetzt noch 4 Millionen, scythischen, d. h.
-turanischen Ursprungs, angeblich die Getae der Alten.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_516_516" id="Fussnote_516_516"></a><a href="#FNAnker_516_516"><span class="label">[516]</span></a> Sprich Tadsch. Man liest wohl auch, dass Taj Mahal eine
-Abkürzung sei von Mumtaz Mahal.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_517_517" id="Fussnote_517_517"></a><a href="#FNAnker_517_517"><span class="label">[517]</span></a> Sein prachtvolles Grabmal ist erhalten und wird alsbald
-beschrieben werden.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_518_518" id="Fussnote_518_518"></a><a href="#FNAnker_518_518"><span class="label">[518]</span></a> 1 Lakh = 100000 Rupien.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_519_519" id="Fussnote_519_519"></a><a href="#FNAnker_519_519"><span class="label">[519]</span></a> Mit der Rose in der Hand ist er abgebildet; die
-Photographien von ihm und seiner Gattin, die von den zu ihren Lebzeiten
-angefertigten Bildern genommen sind, werden in Agra verkauft.
-Beide sind schön, <em class="gesperrt">er</em> würdevoll, <em class="gesperrt">sie</em> lieblich. (Graf
-Lanckoronski sah in der Privatsammlung des Colonel Hanna zu Delhi
-Bilder von Mogul-Kaisern, so fein gezeichnet, wie von Albrecht Dürer.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_520_520" id="Fussnote_520_520"></a><a href="#FNAnker_520_520"><span class="label">[520]</span></a> Der Vergleich ist oft genug gemacht worden, aber
-gegenstandslos. Jedes ist in seiner Art vollendet, das griechische
-insofern höherer Art, als es durch seine <em class="gesperrt">Bildwerke</em> dem
-geistreichsten Gebiet menschlicher Kunst angehört. <em class="gesperrt">Fergusson</em>, in
-seiner grillenhaften Lehre vom Schönen, giebt dem Parthenon 24 Nummern,
-der Taj 20. „Ihre Schönheit mag nicht von der höchsten Art sein, aber
-in ihrer Art ist sie unübertroffen.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_521_521" id="Fussnote_521_521"></a><a href="#FNAnker_521_521"><span class="label">[521]</span></a> Der Besuch des Prinzen von Wales in Indien war sehr
-nützlich. Vieles wurde ausgebessert und vor weiterem Zerfall geschützt;
-so auch die Marmorplatten, welche die aus Ziegeln gebaute Kuppel der
-Taj decken und zum Theil durch Verdickung der rostenden Eisenklammern
-aus ihrer Lage gekommen waren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_522_522" id="Fussnote_522_522"></a><a href="#FNAnker_522_522"><span class="label">[522]</span></a> Wie weise das ist, sieht man an den <em class="gesperrt">Nachbildungen</em>
-der Taj, die zu Agra verfertigt und feilgehalten werden. Dieselben
-entbehren jeder Wirkung. Wer diesen Unterschied staunend erwägt, findet
-alsbald, dass der heutige Künstler erstlich die Verhältnisse nicht
-richtig wiedergegeben, zweitens sein Klein-Werk mit Verzierungen, auch
-der Thürme, überladen hat. Weit besser ist es, naturgetreue Lichtbilder
-mitzubringen, als solche Bildhauerei im Zuckerbäcker-Stil. Auf den
-Photographien ist der Fugenschnitt auch weit zarter als in den üblichen
-Holzschnittbildern der Taj, die alle von <em class="gesperrt">einem</em> mittelmässigen
-Urbild abzustammen scheinen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_523_523" id="Fussnote_523_523"></a><a href="#FNAnker_523_523"><span class="label">[523]</span></a> Reuleaux bestreitet dies, da erstlich die (persischen)
-Quellen über den Bau davon schweigen, und zweitens die florentinische
-Kunstübung ganz und gar von der zu Agra verschieden sei, was offenbar
-richtig ist. Denn bei der Pietra-dura-Mosaik von Florenz wird der
-harte Stein von <em class="gesperrt">hinten</em> in die Grundplatte eingefügt, bei dem
-Agra-Werk als dünne Scheibe von vorn. Aber in Schah Jahan’s Palast zu
-<em class="gesperrt">Delhi</em> sind zweifellos europäische Arbeiter thätig gewesen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_524_524" id="Fussnote_524_524"></a><a href="#FNAnker_524_524"><span class="label">[524]</span></a> Um diesen merkwürdigen Satz aufzuklären, habe ich
-mich an verschiedene Gelehrte gewendet. Herr Prof. theol. Herrmann
-L. <em class="gesperrt">Strack</em> (Berlin) schreibt mir: Im neuen Testament habe ich
-den Gedanken nicht finden können. Herr Dr. Ign. Goldziher (Budapest)
-schreibt mir: Man darf nie sagen, dieser oder jener Satz komme im
-„<em class="gesperrt">Hadith</em>“ nicht vor. Die Literatur desselben ist so riesig, dass
-das Material kaum übersehbar ist. Was ich sagen kann, ist, dass mir
-der Satz aus den sechs kanonischen Sammlungen nicht erinnerlich ist.
-Ich bemerke noch, dass es in der muhammedanischen Literatur gang und
-gäbe ist, irgend einen weisen Satz an den Namen irgend einer beliebigen
-geheiligten Person anzuhängen. Dies machte ihnen niemals Scrupel, wie
-ich auch in meinen „Muhammedanischen Studien“, Bd. II, S. 156 ff.,
-ausgeführt habe. Unter meinen Notizen über Aussprüche, die man in Islam
-Jesus zugeschrieben, finde ich die Inschrift der Tâdschmoschee nicht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_525_525" id="Fussnote_525_525"></a><a href="#FNAnker_525_525"><span class="label">[525]</span></a> Nach Sikander Lodi (1489 n. Chr.) benannt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_526_526" id="Fussnote_526_526"></a><a href="#FNAnker_526_526"><span class="label">[526]</span></a> <em class="gesperrt">Akbar-Abad</em>, d. h. Akbar’s Wohnung, genannt; auch
-<em class="gesperrt">Lal Kila</em> (hindost.), d. h. rothes Schloss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_527_527" id="Fussnote_527_527"></a><a href="#FNAnker_527_527"><span class="label">[527]</span></a> Reuleaux sah 1881 hier einen prachtvollen Blumengarten,
-angeblich (?) aus der Zeit von Aurangzeb.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_528_528" id="Fussnote_528_528"></a><a href="#FNAnker_528_528"><span class="label">[528]</span></a> <em class="gesperrt">Am</em>, arabisch, heisst öffentlich; <em class="gesperrt">Khas</em>,
-abgesondert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_529_529" id="Fussnote_529_529"></a><a href="#FNAnker_529_529"><span class="label">[529]</span></a> Doab, Zweiflussland oder Zwischenflussland, zwischen
-Ganges und Jumna.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_530_530" id="Fussnote_530_530"></a><a href="#FNAnker_530_530"><span class="label">[530]</span></a> Indisch Dilli oder Dihli.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_531_531" id="Fussnote_531_531"></a><a href="#FNAnker_531_531"><span class="label">[531]</span></a> Er wohnte darin mit Hunderten von Dienern und zwei
-Regimentern, und hatte auch einige Landhäuser, während allerdings schon
-vor dem Thor seiner Veste die englischen Schildwachen standen. (Ganz
-ähnlich, wie jetzt der Papst im Vatican.)</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_532_532" id="Fussnote_532_532"></a><a href="#FNAnker_532_532"><span class="label">[532]</span></a> Derselbe soll unter der Aufsicht von Austin de Bordeaux
-angefertigt sein und 5 Millionen £ verschlungen haben; scheint aber
-mehr kostbar, als geschmackvoll gewesen zu sein. Nadir Schah hat ihn
-von Delhi 1739 entführt; im königlichen Palast zu Teheran soll er noch
-zu sehen sein.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_533_533" id="Fussnote_533_533"></a><a href="#FNAnker_533_533"><span class="label">[533]</span></a> 200×120 = 24000, getheilt durch 4,5 = 5444.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_534_534" id="Fussnote_534_534"></a><a href="#FNAnker_534_534"><span class="label">[534]</span></a> Polarstern des Rechts.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_535_535" id="Fussnote_535_535"></a><a href="#FNAnker_535_535"><span class="label">[535]</span></a> Die Brüstung oben ist etwas breiter.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_536_536" id="Fussnote_536_536"></a><a href="#FNAnker_536_536"><span class="label">[536]</span></a> Also etwa 3 Millionen Mark.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_537_537" id="Fussnote_537_537"></a><a href="#FNAnker_537_537"><span class="label">[537]</span></a> Jeypore, Jeypoor, Jeypur, Jaipur, Dschaipur &mdash; das sind
-die Schreibweisen, die man findet.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_538_538" id="Fussnote_538_538"></a><a href="#FNAnker_538_538"><span class="label">[538]</span></a> Im Ganzen giebt es in Ostindien 153 Lehnsträger der
-britischen Krone, die meisten dieser Fürstenfamilien sind erst seit
-dem Zerfall der Mogul-Herrschaft emporgekommen. Sie beherrschen ein
-Drittel des Landes und ein Viertel der Bevölkerung von Ostindien. Von
-den Lehnsfürsten sind 124 Hindu, 28 Mohammedaner, 1 (der von Sikkim)
-Buddhist. Ihre Einnahmen betragen 260 Millionen Mark jährlich, 15
-Millionen müssen sie an Tribut entrichten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_539_539" id="Fussnote_539_539"></a><a href="#FNAnker_539_539"><span class="label">[539]</span></a> Also hat es fast denselben Flächeninhalt, wie das
-Königreich Preussen, aber nur ein Drittel seiner Einwohner. Die Hälfte
-der Rajputana ist Steppe.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_540_540" id="Fussnote_540_540"></a><a href="#FNAnker_540_540"><span class="label">[540]</span></a> Die Rajput besitzen alte, überlieferte Gesänge und
-religiöse Dichtungen, die noch jetzt im Munde des Volkes leben.
-<em class="gesperrt">Dadu</em>, ein Glaubenseiferer, 1544 n. Chr. zu Ahmedabad geboren,
-hinterliess heilige Dichtkunst in 20000 Versen; von neun seiner
-Hauptschüler haben zwei je 120000 Verse geschaffen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_541_541" id="Fussnote_541_541"></a><a href="#FNAnker_541_541"><span class="label">[541]</span></a> ⅛ Rapjut, ⅝ andre Hindu-Kasten,
-<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span> Jain,
-<span class="zaehler">3</span>⁄<span class="nenner">16</span>
-Mohammedaner, nach andrer Quelle.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_542_542" id="Fussnote_542_542"></a><a href="#FNAnker_542_542"><span class="label">[542]</span></a> Gross-Fürst, Gross-König.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_543_543" id="Fussnote_543_543"></a><a href="#FNAnker_543_543"><span class="label">[543]</span></a> Sieges-Löwe.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_544_544" id="Fussnote_544_544"></a><a href="#FNAnker_544_544"><span class="label">[544]</span></a> 1891 Einnahmen 6½, Ausgaben 5 Millionen Rupien.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_545_545" id="Fussnote_545_545"></a><a href="#FNAnker_545_545"><span class="label">[545]</span></a> Ausserdem eine „Ritterakademie“ für die Söhne der
-adligen Rajput, eine „höhere Töchter-Schule“ und 30 Volksschulen für
-Knaben.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_546_546" id="Fussnote_546_546"></a><a href="#FNAnker_546_546"><span class="label">[546]</span></a> Gas wird hier nicht aus Steinkohlen, sondern aus dem
-billigen Ricinusöl gewonnen.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_547_547" id="Fussnote_547_547"></a><a href="#FNAnker_547_547"><span class="label">[547]</span></a> 1877 waren dieselben recht thätig, um die einheimischen
-Fürsten aufzuwiegeln, jedoch erfolglos. Ob sie 1857 ihre Hände im Spiel
-gehabt, konnte ich nirgends finden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_548_548" id="Fussnote_548_548"></a><a href="#FNAnker_548_548"><span class="label">[548]</span></a> Deshalb konnte ich nicht nach Gwalior fahren, da der
-englische Beamte, mit dem einheimischen Fürsten zu Felddienstübungen
-abwesend, meinen Brief gar nicht beantwortete.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_549_549" id="Fussnote_549_549"></a><a href="#FNAnker_549_549"><span class="label">[549]</span></a> „A vision of daring and dainty loveliness.“</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_550_550" id="Fussnote_550_550"></a><a href="#FNAnker_550_550"><span class="label">[550]</span></a> Die Thiere werden gewöhnlich Alligatoren genannt, doch
-kommen solche nur in Amerika vor; in Indien lebt das Leisten-Krokodil
-(C. biporcatus), das bis 10 Meter lang wird.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_551_551" id="Fussnote_551_551"></a><a href="#FNAnker_551_551"><span class="label">[551]</span></a> Die Entfernung beträgt 9 Kilometer.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_552_552" id="Fussnote_552_552"></a><a href="#FNAnker_552_552"><span class="label">[552]</span></a> Ich hatte gehört, dass Soldat nebst Lenker 2 bis 3
-Rupien Trinkgeld erwarten. Als ich ihnen 3 gab, waren sie nicht
-zufrieden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_553_553" id="Fussnote_553_553"></a><a href="#FNAnker_553_553"><span class="label">[553]</span></a> Die Zerstörung muss rasche Fortschritte machen, nach dem
-Vergleich des jetzigen Zustandes mit etwas älteren Abbildungen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_554_554" id="Fussnote_554_554"></a><a href="#FNAnker_554_554"><span class="label">[554]</span></a> Nach Böthlink, viel später nach Weber.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_555_555" id="Fussnote_555_555"></a><a href="#FNAnker_555_555"><span class="label">[555]</span></a> Star ist Verdunkelung der Crystall-Linse. (Die
-Schreibweise Staar ist falsch, wie ich nachgewiesen.) Der Greisen-Star
-wird heutzutage (seit 1750 n. Chr.) so beseitigt, dass man durch einen
-passenden <em class="gesperrt">Schnitt</em> die getrübte Linse <em class="gesperrt">herauszieht</em>. Vorher
-wurde die letztere durch eine in’s Augeninnere <em class="gesperrt">gestochene</em> Nadel
-aus dem Sehloch nach <em class="gesperrt">unten geschoben</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_556_556" id="Fussnote_556_556"></a><a href="#FNAnker_556_556"><span class="label">[556]</span></a> Ich habe zwei von ihm operirte Fälle nachträglich
-gesehen. Es ist erstaunlich, wie in Berlin erwachsene Menschen einem
-hergelaufenen, geldgierigen Hinter-Indier sich anvertrauen konnten,
-während ihnen zahlreiche gelehrte, geübte Wundärzte unentgeltlich zur
-Verfügung stehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_557_557" id="Fussnote_557_557"></a><a href="#FNAnker_557_557"><span class="label">[557]</span></a> Diseases of the Eye by <em class="gesperrt">Macnamara</em>, Surgeon to
-Calcutta Hospital. London 1868. S. 479. The native <em class="gesperrt">Huckeems</em>
-and <em class="gesperrt">Kobrages</em> allways operate for the cure of cataract (by
-depression) and hardly a week passes that I do not see several of their
-patients suffering from either inflammation of the choroïd or from
-retinochoroïditis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_558_558" id="Fussnote_558_558"></a><a href="#FNAnker_558_558"><span class="label">[558]</span></a> Zu meiner Beschämung erfahre ich am Abend vom Gastwirth,
-dass der weibliche Träger, welcher meine Sachen auf seinem Haupte nach
-oben befördert, ganze neun Anna, also etwa 72 Pfennige, beansprucht und
-erhalten hatte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_559_559" id="Fussnote_559_559"></a><a href="#FNAnker_559_559"><span class="label">[559]</span></a> Für diese Leistung von sechs Stunden wurden 6 Rupien
-gefordert und sieben bezahlt. Man kann auch zu Pferde hinauf reiten.
-(Die Beförderung mittelst Elephant oder Palankin scheint jetzt veraltet
-zu sein.)</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_560_560" id="Fussnote_560_560"></a><a href="#FNAnker_560_560"><span class="label">[560]</span></a> Das Wort ist arabisch und bedeutet arm, d. h. einen
-Büsser, der das Gelübde der Armuth auf sich genommen. Meist vermied ich
-unterwegs die Begegnung mit solchen Unglücklichen, die an religiösem
-Wahnsinn leiden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_561_561" id="Fussnote_561_561"></a><a href="#FNAnker_561_561"><span class="label">[561]</span></a> Auch Dilwarra geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_562_562" id="Fussnote_562_562"></a><a href="#FNAnker_562_562"><span class="label">[562]</span></a> Auch Perl-See (Nucki Talao) genannt.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_563_563" id="Fussnote_563_563"></a><a href="#FNAnker_563_563"><span class="label">[563]</span></a> Pârçvanâtha, der vorletzte Jina oder Siegreiche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_564_564" id="Fussnote_564_564"></a><a href="#FNAnker_564_564"><span class="label">[564]</span></a> Die Bildsäulen der Jaina-Heiligen sowie der Hindu-Götter
-werden stets in eine viereckige (quadratische) Zelle gesetzt, der Thurm
-über der Zelle hat eine krummlinige Begrenzung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_565_565" id="Fussnote_565_565"></a><a href="#FNAnker_565_565"><span class="label">[565]</span></a> Den Jaina schien es wichtig, ihre Heiligen zu ehren
-durch <em class="gesperrt">eine grosse Zahl von Bildsäulen</em> und für jede ein eignes
-Heim zu schaffen. Dies ist aber nicht, wie Fergusson meint, auf die
-Jaina beschränkt. Eine ungeheure Zahl von gleichen Bildsäulen fanden
-wir auch schon in dem buddhistischen Kwannon-Tempel zu Kyoto. (Vgl.
-<a href="#Seite_148">S. 148</a>.)</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_566_566" id="Fussnote_566_566"></a><a href="#FNAnker_566_566"><span class="label">[566]</span></a> Bei dem römischen oder gothischen Dom wäre ein
-gewaltiger Stützbau erforderlich; bei dem indischen fügt das Hängewerk
-nur sein eignes Gewicht dem des Domes hinzu.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_567_567" id="Fussnote_567_567"></a><a href="#FNAnker_567_567"><span class="label">[567]</span></a> Jeni = nackte Weise.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_568_568" id="Fussnote_568_568"></a><a href="#FNAnker_568_568"><span class="label">[568]</span></a> Auch Ahmadabad geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_569_569" id="Fussnote_569_569"></a><a href="#FNAnker_569_569"><span class="label">[569]</span></a> Auch Gudscharat geschrieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_570_570" id="Fussnote_570_570"></a><a href="#FNAnker_570_570"><span class="label">[570]</span></a> Nur 5½ Procent Muselmänner.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_571_571" id="Fussnote_571_571"></a><a href="#FNAnker_571_571"><span class="label">[571]</span></a>
-Vgl. <a href="#Seite_407">S. 407</a>.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_572_572" id="Fussnote_572_572"></a><a href="#FNAnker_572_572"><span class="label">[572]</span></a> 6 Gramm Silber wurden zu Fäden von 2000 Meter Länge
-ausgezogen.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_573_573" id="Fussnote_573_573"></a><a href="#FNAnker_573_573"><span class="label">[573]</span></a> 1881 waren es 130000, davon 68 Procent Hindu, 22 Procent
-Mohammedaner, der Rest Jaina, ausser 848 Christen und etlichen Parsi.</p></div>
-
-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_574_574" id="Fussnote_574_574"></a><a href="#FNAnker_574_574"><span class="label">[574]</span></a> Die schon im vorigen Jahrhundert von Reisenden recht
-<em class="gesperrt">wacklig</em> befunden worden.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_575_575" id="Fussnote_575_575"></a><a href="#FNAnker_575_575"><span class="label">[575]</span></a> Auf dem Dach fand ich aber hier und da an wenig
-auffälligen Orten „Hindu-Götterfratzen“ ausgemeisselt.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_576_576" id="Fussnote_576_576"></a><a href="#FNAnker_576_576"><span class="label">[576]</span></a> Es möchte doch sehr lohnend sein, junge Baumeister aus
-Deutschland zum Studium der mohammedanisch-hindostanischen Baukunst und
-Verzierung nach Indien zu senden.</p></div>
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-<div class="footnote">
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-<p><a name="Fussnote_577_577" id="Fussnote_577_577"></a><a href="#FNAnker_577_577"><span class="label">[577]</span></a> Besonders berühmt ist das <em class="gesperrt">Stück-Werk</em>: flache oder
-würfelförmige oder achteckige Gold-Stückchen werden auf einen rothen
-Seiden-Faden gezogen. Das ist die älteste Goldarbeit in Indien.</p></div>
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-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_578_578" id="Fussnote_578_578"></a><a href="#FNAnker_578_578"><span class="label">[578]</span></a> In Indien wird wegen der Kasten-Gesetze viel
-Töpfer-Arbeit verbraucht. Der einheimische Branntweinladen ist leicht
-zu erkennen an den Haufen zerbrochener Töpfchen, da Jeder das seinige
-zerbricht, nachdem er ausgetrunken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_579_579" id="Fussnote_579_579"></a><a href="#FNAnker_579_579"><span class="label">[579]</span></a> Ganz ähnlich im grossen Saal zu Karnak.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_580_580" id="Fussnote_580_580"></a><a href="#FNAnker_580_580"><span class="label">[580]</span></a> German beer; es ist nach Pilsener Art in Bremen gebraut,
-auf Schiffen des Bremer Lloyd eingeführt und kostet 1 Rupie die
-Flasche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_581_581" id="Fussnote_581_581"></a><a href="#FNAnker_581_581"><span class="label">[581]</span></a> Der Name soll aus dem Portugiesischen stammen, bon
-bahia = schöne Bay. Das ist wohl <em class="gesperrt">unrichtig</em>. Die Inder schreiben
-es <em class="gesperrt">Mambe</em> oder auch Bambe von der Göttin Mamba Devi, deren
-Tempel noch vor 120 Jahren auf der jetzigen Esplanade vorhanden war.
-Der Maratha-Name ist Mambai, von Mahima, d. h. „die grosse Mutter“
-und ist ein Name derselben Göttin, der auch noch in dem der Vorstadt
-<em class="gesperrt">Mahim</em> erhalten ist.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_582_582" id="Fussnote_582_582"></a><a href="#FNAnker_582_582"><span class="label">[582]</span></a> Die Angabe von 110 Quadratkilometer in Sievers’ Asien
-(Leipzig 1892, S. 660) u. a. a. O. beruht auf Irrthum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_583_583" id="Fussnote_583_583"></a><a href="#FNAnker_583_583"><span class="label">[583]</span></a> Auf eine Person kommen 6<sub>,5</sub> Quadratmeter; im
-dichtesten Theil von London 10<sub>,5</sub>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_584_584" id="Fussnote_584_584"></a><a href="#FNAnker_584_584"><span class="label">[584]</span></a> Die Regierung liefert ihm nicht Chinin, sondern das
-billigere Cinchonin.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_585_585" id="Fussnote_585_585"></a><a href="#FNAnker_585_585"><span class="label">[585]</span></a> Durch Gründerschwindel, da wegen des nordamerikanischen
-Bürgerkrieges die ostindische Baumwolle so begehrt war.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_586_586" id="Fussnote_586_586"></a><a href="#FNAnker_586_586"><span class="label">[586]</span></a> In 28000 Häusern. 502000 waren Hindu, 158000
-Mohammedaner, 48600 Parsen, 30000 eingeborene Christen, 17000 Jain und
-Buddhisten, 10500 Europäer, 1168 Eurasier.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_587_587" id="Fussnote_587_587"></a><a href="#FNAnker_587_587"><span class="label">[587]</span></a> Natürlich mit eignem Bad, für 8 Rupien täglich,
-einschliesslich der Verpflegung, aber ohne Bier und Wein.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_588_588" id="Fussnote_588_588"></a><a href="#FNAnker_588_588"><span class="label">[588]</span></a> Kleinhändler treiben sich auf dem Flur herum und bieten
-dem Fremden für den Sovereign 2 Anna mehr, als der Wechsler giebt,
-machen aber keine sonderlichen Geschäfte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_589_589" id="Fussnote_589_589"></a><a href="#FNAnker_589_589"><span class="label">[589]</span></a> In den „Waarenhäusern für Officiere“ (Army and Navy
-Cooperative-Stores for India, A. &amp; N. Stores) werden die indischen
-Cigarren zu 3½ Rupien das Hundert verkauft, d. i. 5 Pfennige für das
-Stück. Sie sind mittelmässig. Man bekommt auch theurere, aber nicht
-bessere.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_590_590" id="Fussnote_590_590"></a><a href="#FNAnker_590_590"><span class="label">[590]</span></a> „Geben Sie doch Elsass-Lothringen an die Franzosen,“
-sagte am ersten Abend in Bombay mein zufälliger Tischnachbar, ein
-Brite, nachdem er meine Herkunft erkundigt. „Geben Sie,“ erwiderte ich,
-„Gibraltar, Malta, Cypern, Aegypten an ihre Eigenthümer, und keinen
-Rath an diejenigen, die ihn nicht wollen.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_591_591" id="Fussnote_591_591"></a><a href="#FNAnker_591_591"><span class="label">[591]</span></a> Vom Parsi-Theater werde ich noch sprechen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_592_592" id="Fussnote_592_592"></a><a href="#FNAnker_592_592"><span class="label">[592]</span></a> Weiter nördlich mit ihr sich kreuzt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_593_593" id="Fussnote_593_593"></a><a href="#FNAnker_593_593"><span class="label">[593]</span></a> Wir finden den Namen „<em class="gesperrt">Baargeld</em>“ nicht so
-anmuthig, als er den Morgenländern erscheinen mag. Aber schon den alten
-Persern galt, nächst dem Lügen, das <em class="gesperrt">Schuldenmachen</em> für die
-grösste Schande. (Herodot I, 138.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_594_594" id="Fussnote_594_594"></a><a href="#FNAnker_594_594"><span class="label">[594]</span></a> Parsi, Juden, Mohammedaner sind es, welche hier Gebäude
-errichtet und Stiftungen zum Allgemeinwohl gemacht; aber kein einziger
-von den in Indien reich gewordenen Briten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_595_595" id="Fussnote_595_595"></a><a href="#FNAnker_595_595"><span class="label">[595]</span></a> Wem mein Urtheil zu strenge vorkommt, namentlich im
-Vergleich mit den üblichen Lobeserhebungen der Reisebücher, der
-vergleiche <em class="gesperrt">Fergusson</em> (S. 5): It is only in India that the two
-systems can now be seen practised side by side, &mdash; the educated and
-intellectual European always failing because his principles are wrong,
-the feeble and uneducated native as inevitably succeeding because his
-principles are right. The Indian builders think only of what they are
-doing and how they can best produce the effect they desire. In the
-European system it is considered more essential that a building should
-be a correct <em class="gesperrt">copy</em> of something else than good in itself &mdash; &mdash; &mdash;</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_596_596" id="Fussnote_596_596"></a><a href="#FNAnker_596_596"><span class="label">[596]</span></a> An der Ecke zwischen Esplanade Market road und
-Cruikshank road.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_597_597" id="Fussnote_597_597"></a><a href="#FNAnker_597_597"><span class="label">[597]</span></a> Victoria Terminus, Great Indian Peninsular Railway.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_598_598" id="Fussnote_598_598"></a><a href="#FNAnker_598_598"><span class="label">[598]</span></a> Ein wohlhabender Jude, der Wohlthäter seiner armen
-Glaubensgenossen aus Bagdad, der Gründer grossartiger Fabriken (von
-Baumwollen- und Seiden-Stoffen) und Docks, der Stifter zahlreicher
-öffentlicher Anstalten, wie der Gewerbe-Schule und des Albert-Museum.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_599_599" id="Fussnote_599_599"></a><a href="#FNAnker_599_599"><span class="label">[599]</span></a> Wo die Seeleute, Dank der Wohlthätigkeit indischer
-Fürsten, namentlich des von Baroda, billige und angenehme Wohnung
-finden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_600_600" id="Fussnote_600_600"></a><a href="#FNAnker_600_600"><span class="label">[600]</span></a> Elphinstone reclamation, Mody Bay reclamation.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_601_601" id="Fussnote_601_601"></a><a href="#FNAnker_601_601"><span class="label">[601]</span></a> New-Orleans hat 1885/86 über 6 Millionen Centner
-ausgeführt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_602_602" id="Fussnote_602_602"></a><a href="#FNAnker_602_602"><span class="label">[602]</span></a> Gesammtwerth dieser 6 Millionen Centner 240 Millionen
-Mark. &mdash; Die Baumwollen-Ernte der Erde betrug 1884 an 1600 Millionen
-Kilogramm = 32 Millionen Centner. Von den 1882/83 im Welthandel
-nachweisbaren 42 Millionen Centner stammten 32 aus den Vereinigten
-Staaten, 7 aus Ostindien, 2½ aus Aegypten. Für 1890 beziffert sich
-die <em class="gesperrt">gesammte</em> Baumwollengewinnung auf 2800 Millionen Kilogramm,
-davon entfallen auf Ostindien 552.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_603_603" id="Fussnote_603_603"></a><a href="#FNAnker_603_603"><span class="label">[603]</span></a> Ein Deutscher, der grade nach Bombay kam, wurde von
-einem Engländer gefragt, ob er die Reise wegen Lord Hawkin’s Kampfspiel
-unternommen. Der Deutsche erwiederte: „Dann müsste ich verrückt sein.“
-Der Engländer fragte: „Wie so?“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_604_604" id="Fussnote_604_604"></a><a href="#FNAnker_604_604"><span class="label">[604]</span></a> Dieser Theil von Hornby road wird auch auf einzelnen
-Karten als Esplanade Market road bezeichnet.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_605_605" id="Fussnote_605_605"></a><a href="#FNAnker_605_605"><span class="label">[605]</span></a> Noch vor zehn Jahren war dieser <em class="gesperrt">Zwischenraum</em>
-zwischen der englischen und der einheimischen Stadt <em class="gesperrt">fast
-unbebaut</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_606_606" id="Fussnote_606_606"></a><a href="#FNAnker_606_606"><span class="label">[606]</span></a> An ihrer Kreuzung mit Parell road.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_607_607" id="Fussnote_607_607"></a><a href="#FNAnker_607_607"><span class="label">[607]</span></a> <em class="gesperrt">Zendavesta</em>, Vendidad V, 67 und 68. (Es spricht
-Ahura-mazda.) „Das ist die Reinigkeit, o Zarathustra, das Gesetz: Wer
-sich selbst rein hält durch gute Gedanken, Worte, Handlungen.“ Z.,
-Jaçna, XII, 2: „Ich ergreife alle guten Gedanken, Worte und Werke.“ Und
-an sehr vielen anderen Stellen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_608_608" id="Fussnote_608_608"></a><a href="#FNAnker_608_608"><span class="label">[608]</span></a> Cap. 44, 45.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_609_609" id="Fussnote_609_609"></a><a href="#FNAnker_609_609"><span class="label">[609]</span></a> I, 131.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_610_610" id="Fussnote_610_610"></a><a href="#FNAnker_610_610"><span class="label">[610]</span></a> Geboren 1827 in Würtemberg, 1859 Professor im Poona
-College bei Bombay. 1868 Professor in München, † 1876.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_611_611" id="Fussnote_611_611"></a><a href="#FNAnker_611_611"><span class="label">[611]</span></a> Der eigentliche Namen in den Pehlwi- (Pahlavi-)
-Büchern der Parsi lautet Avistak va zand, d. h. Lehre und Erklärung.
-<em class="gesperrt">Avistak</em> (von vista, das gewusste, offenbarte, vid = wissen, das
-an Veda erinnert,) bedeutet die <em class="gesperrt">Lehre</em> des Zoroaster und seiner
-Nachfolger; <em class="gesperrt">Zand</em> die Erklärung dieser alten, dunklen Lehre,
-erst in der alten Sprache, später und hauptsächlich aber in Pahlavi.
-Das Wort <em class="gesperrt">Zand</em> gehört zur Wurzel zan (Sanskrit jnâ, griechisch
-γνω) und bedeutet eigentlich <em class="gesperrt">Wissenschaft</em>. In der Bibel
-der Parsi folgt immer auf einen Vers der eigentlichen altiranischen
-Avesta eine wörtliche Uebersetzung im mitteliranischen Pahlavi,
-mitunter mit erläuternden Erklärungen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_612_612" id="Fussnote_612_612"></a><a href="#FNAnker_612_612"><span class="label">[612]</span></a> Es ist wahrscheinlich, dass die alten Gesänge erst von
-Mund zu Mund, wie die Veden, fortgepflanzt und dann, in Keilschrift,
-auf Kuhhäute verzeichnet worden waren. &mdash; <em class="gesperrt">Pahlavi</em> scheint =
-<em class="gesperrt">parthisch</em> zu sein und „alt“ zu bedeuten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_613_613" id="Fussnote_613_613"></a><a href="#FNAnker_613_613"><span class="label">[613]</span></a> Beim Gottesdienst entzünden sie ein Feuer auf heiligem
-Becken.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_614_614" id="Fussnote_614_614"></a><a href="#FNAnker_614_614"><span class="label">[614]</span></a> Nach seinem Tode wurde von E. W. <em class="gesperrt">West</em> die zweite
-Auflage besorgt: Essays on the sacred language, writings and religion
-of the Parsis. London 1878.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_615_615" id="Fussnote_615_615"></a><a href="#FNAnker_615_615"><span class="label">[615]</span></a> Von <em class="gesperrt">gai</em>, singen; derselbe Name kommt auch in der
-Sanskrit-Literatur vor.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_616_616" id="Fussnote_616_616"></a><a href="#FNAnker_616_616"><span class="label">[616]</span></a> Ahura = lebendig, wie ayur = Leben im Sanskrit; mad =
-gesammt; dhao = Schöpfer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_617_617" id="Fussnote_617_617"></a><a href="#FNAnker_617_617"><span class="label">[617]</span></a> Unser Wort <em class="gesperrt">Paradies</em> stammt aus dem Iranischen
-<em class="gesperrt">pairi-deza</em>, Um-Wallung, Garten (wie περί-βολος). Das
-Wort gelangte in’s Hebräische (pardes) und ins Griechische (παράδεισος).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_618_618" id="Fussnote_618_618"></a><a href="#FNAnker_618_618"><span class="label">[618]</span></a> So heisst heute Zarathustra.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_619_619" id="Fussnote_619_619"></a><a href="#FNAnker_619_619"><span class="label">[619]</span></a> 1819 zu Meerut <em class="gesperrt">in Indien geboren</em>, hat
-er zu Glasgow und Giessen Chemie studirt, wurde Professor der
-Chemie in Edinburgh, Oberaufseher der Museen und Gewerbe-Schulen,
-Generalpostmeister, Sprecher des Unterhauses und hat ausser vielen
-andren Werken eines über die Grundsätze der Chemie verfasst.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_620_620" id="Fussnote_620_620"></a><a href="#FNAnker_620_620"><span class="label">[620]</span></a> Procès verbal de la séance de la douzième assemblée
-générale de la Société pour la propagation de la <em class="gesperrt">crémation</em>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_621_621" id="Fussnote_621_621"></a><a href="#FNAnker_621_621"><span class="label">[621]</span></a> unter den Parsi sind, wie unter den Chinesen und
-Japanern und allen Völkern alter Cultur, viele kurzsichtige
-Brillenträger; unter den Hindu weniger, da bei ihnen die Gesammtzahl
-der Gebildeten stets geringer geblieben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_622_622" id="Fussnote_622_622"></a><a href="#FNAnker_622_622"><span class="label">[622]</span></a> Ausserdem auch Tho. Cook.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_623_623" id="Fussnote_623_623"></a><a href="#FNAnker_623_623"><span class="label">[623]</span></a> Acht von ihnen sind jetzt zerbrochen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_624_624" id="Fussnote_624_624"></a><a href="#FNAnker_624_624"><span class="label">[624]</span></a> Derselbe macht etwa 35 Kilometer in der Stunde.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_625_625" id="Fussnote_625_625"></a><a href="#FNAnker_625_625"><span class="label">[625]</span></a> Der zweispännige Postwagen kostet für die dreitägige
-Fahrt hin und zurück nur 42 Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_626_626" id="Fussnote_626_626"></a><a href="#FNAnker_626_626"><span class="label">[626]</span></a> 1 + 2 = 20 + 2 Millionen Mark, 3 und 4 unschätzbar.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_627_627" id="Fussnote_627_627"></a><a href="#FNAnker_627_627"><span class="label">[627]</span></a> Das einzige, was man sieht, sind Tropflöcher unmittelbar
-am Eingang der Felsentempel und beginnende Verwitterung einzelner
-Bildsäulen. Hier und da ist von roher Hand absichtlich Verstümmelung
-verübt worden. &mdash; In Elephanta haben die Portugiesen schlimmer gehaust.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_628_628" id="Fussnote_628_628"></a><a href="#FNAnker_628_628"><span class="label">[628]</span></a> Aus <em class="gesperrt">frei stehenden Felsblöcken</em> haben die
-dravidischen Hindu einsteinige Tempel ausgehauen, z. B. zu Mahavellipur
-bei Madras.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_629_629" id="Fussnote_629_629"></a><a href="#FNAnker_629_629"><span class="label">[629]</span></a> Auf jedem Pfeiler steht ein Blumenkorb, aus dem die
-von frei ausgemeisselten Blumenwindungen umgebene Säule zur Decke
-emporsteigt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_630_630" id="Fussnote_630_630"></a><a href="#FNAnker_630_630"><span class="label">[630]</span></a> Da der Abfall des Hügelrückens nicht sehr steil ist, war
-meist ein Vorhof nothwendig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_631_631" id="Fussnote_631_631"></a><a href="#FNAnker_631_631"><span class="label">[631]</span></a> Die <em class="gesperrt">meisten</em> dieser Höhlen haben eine
-<em class="gesperrt">flache</em> Decke.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_632_632" id="Fussnote_632_632"></a><a href="#FNAnker_632_632"><span class="label">[632]</span></a> Der Schmuck der Säulen mit Figuren und Palmenblättern
-ist wunderbar.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_633_633" id="Fussnote_633_633"></a><a href="#FNAnker_633_633"><span class="label">[633]</span></a> Bildsäulen von Buddha und ihre Verehrung sind, nach den
-Denkmälern, nicht bekannt vor dem 1. Jahrhundert n. Chr. (<em class="gesperrt">Caïne</em>
-setzt jenen Bau in das Jahr 1306 n. Chr.?)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_634_634" id="Fussnote_634_634"></a><a href="#FNAnker_634_634"><span class="label">[634]</span></a> D. h. der Auswurf. Ob die Buddhisten von den
-Schiwa-Verehrern so genannt wurden?</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_635_635" id="Fussnote_635_635"></a><a href="#FNAnker_635_635"><span class="label">[635]</span></a> Auch eine <em class="gesperrt">klingende Säule</em> wird dem Reisenden
-gezeigt. Das Klingen hängt ab von der Spannung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_636_636" id="Fussnote_636_636"></a><a href="#FNAnker_636_636"><span class="label">[636]</span></a> Dabei ist die Rupie dieses Staates von Haiderabad
-minderwerthig; die Kupferscheidemünze sieht aus wie ein gestempelter
-Bonbon.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_637_637" id="Fussnote_637_637"></a><a href="#FNAnker_637_637"><span class="label">[637]</span></a> An diesem Tag vergass ich, die Zahl aufzuschreiben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_638_638" id="Fussnote_638_638"></a><a href="#FNAnker_638_638"><span class="label">[638]</span></a> Der in der Mitte der Insel (mit der Erhebung des Djebel
-Schamschan) bis zu 1760 Fuss emporsteigt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_639_639" id="Fussnote_639_639"></a><a href="#FNAnker_639_639"><span class="label">[639]</span></a> XXVII, 23 und 24. „Haran und Canne und Eden, sammt
-den Kaufleuten aus Seba, Assur und Kilmad sind auch deine (Tyrus’)
-Kaufleute gewesen. Die haben alle mit Dir gehandelt mit köstlichem
-Gewand, mit seidenen und gestickten Tüchern, welche sie in köstlichen
-Kasten, von Cedern gemacht und wohl verwahrt, auf deine Märkte geführet
-haben.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_640_640" id="Fussnote_640_640"></a><a href="#FNAnker_640_640"><span class="label">[640]</span></a> εὐδαίμων, glücklich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_641_641" id="Fussnote_641_641"></a><a href="#FNAnker_641_641"><span class="label">[641]</span></a> <em class="gesperrt">Three hours in Aden</em>. Bombay, Educational Society
-Press, 1891.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_642_642" id="Fussnote_642_642"></a><a href="#FNAnker_642_642"><span class="label">[642]</span></a> Die deutschen Quellen setzen meist 600.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_643_643" id="Fussnote_643_643"></a><a href="#FNAnker_643_643"><span class="label">[643]</span></a> Das neueste Conversations-Lexicon von Brockhaus
-(1893, I, 140) sagt irrthümlich: „41960 E., <em class="gesperrt">meist mohammedanische
-Hindu</em>.“</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_644_644" id="Fussnote_644_644"></a><a href="#FNAnker_644_644"><span class="label">[644]</span></a> Aden ist der Präsidentschaft Bombay unterstellt, doch
-sind dem Befehlshaber seit 1864 grössere Befugnisse eingeräumt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_645_645" id="Fussnote_645_645"></a><a href="#FNAnker_645_645"><span class="label">[645]</span></a> 1892 Einfuhr (aus ausserindischen Ländern) 26¾,
-Ausfuhr 30 Millionen Rupien.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_646_646" id="Fussnote_646_646"></a><a href="#FNAnker_646_646"><span class="label">[646]</span></a> Main-Pass.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_647_647" id="Fussnote_647_647"></a><a href="#FNAnker_647_647"><span class="label">[647]</span></a> Die Rupie reicht bis hierher.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_648_648" id="Fussnote_648_648"></a><a href="#FNAnker_648_648"><span class="label">[648]</span></a> Die Kanal-Gesellschaft stellt dieselbe und die Arbeiter,
-lässt sich aber dafür tüchtig bezahlen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_649_649" id="Fussnote_649_649"></a><a href="#FNAnker_649_649"><span class="label">[649]</span></a> Eine besondere Süsswasserleitung vom Nil nach Ismailija,
-in der Mitte der Land-Enge, und von da südlich bis Suez musste
-angelegt, Baggermaschinen von vorher ungekannter Mächtigkeit gebaut
-werden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_650_650" id="Fussnote_650_650"></a><a href="#FNAnker_650_650"><span class="label">[650]</span></a> Le canal de Suez, par Ferdinand de Lesseps.</p></div>
-
-</div>
-
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-<pre>
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg
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