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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: L'Adultera
-
-Author: Theodor Fontane
-
-Release Date: August 28, 2016 [EBook #52912]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fischers Bibliothek
-
-zeitgenössischer Romane
-
-
-Erster Jahrgang
-
-(Oktober 1908--September 1909)
-
- 1. Bd. Theodor Fontane, L'Adultera
- 2. Bd. Jakob Schaffner, Die Erlhöferin
- 3. Bd. Jonas Lie, Eine Ehe mit einer Einleitung von Herman Bang
- 4. Bd. Gabriele Reuter, Liselotte von Reckling
- 5. Bd. Gustaf af Geijerstam, Thora
- 6. Bd. Th. Mann, Der kleine Herr Friedemann
- 7. Bd. Hans Land, Stürme
- 8. Bd. H. Bang, Hoffnungslose Geschlechter
- 9. Bd. E. v. Keyserling, Beate und Mareile
- 10/11. Bd. Gabriele d'Annunzio, Lust (2 Bände)
- 12. Bd. Charlotte Knoeckel, Maria Baumann
-
-
-Jeden Monat erscheint ein Band zum Preise von 1 Mark für das gebundene
-Exemplar
-
-
-
-
- L'Adultera
-
- Roman von
- Theodor Fontane
-
- [Illustration]
-
-
- S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-
-
-1
-
-Kommerzienrat Van der Straaten
-
-
-Der Kommerzienrat Van der Straaten, Große Petristraße 4, war einer
-der vollgültigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die
-dadurch wenig alteriert wurde, daß er mehr eines geschäftlichen als
-eines persönlichen Ansehens genoß. An der Börse galt er bedingungslos,
-in der Gesellschaft nur bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man
-herumhorchte, seinen Grund zu sehr wesentlichem Teile darin, daß er
-zu wenig »draußen« gewesen war und die Gelegenheit versäumt hatte,
-sich einen allgemein gültigen Weltschliff oder auch nur die seiner
-Lebensstellung entsprechenden Allüren anzueignen. Einige neuerdings
-erst unternommene Reisen nach Paris und Italien, die übrigens niemals
-über ein paar Wochen hinaus ausgedehnt worden waren, hatten an diesem
-Tatbestande nichts Erhebliches ändern können und ihm jedenfalls
-ebenso seinen spezifisch lokalen Stempel wie seine Vorliebe für
-drastische Sprichwörter und heimische »geflügelte Worte« von der
-derberen Observanz gelassen. Er pflegte, um ihn selber mit einer seiner
-Lieblingswendungen einzuführen, »aus seinem Herzen keine Mördergrube
-zu machen,« und hatte sich, als reicher Leute Kind, von Jugend auf
-daran gewöhnt, alles zu tun und zu sagen, was zu tun und zu sagen er
-lustig war. Er haßte zweierlei: sich zu genieren und sich zu ändern.
-Nicht als ob er sich in der Theorie für besserungsunbedürftig gehalten
-hätte, keineswegs, er bestritt nur in der Praxis eine besondere
-Benötigung dazu. Die meisten Menschen, so hieß es dann wohl in seinen
-jederzeit gern gegebenen Auseinandersetzungen, seien einfach erbärmlich
-und so grundschlecht, daß er, verglichen mit ihnen, an einer wahren
-Engelgrenze stehe. Er sähe mithin nicht ein, warum er an sich arbeiten
-und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem könne man jeden Tag an
-jedem beliebigen Konventikler oder Predigtamtskandidaten erkennen, daß
-es +doch+ zu nichts führe. Es sei eben immer die alte Geschichte, und
-um den Teufel auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zög' es deshalb
-vor, alles beim alten zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah er
-sich selbstzufrieden um und schloß behaglich und gebildet: »O rühret,
-rühret nicht daran,« denn er liebte das Einstreuen lyrischer Stellen,
-ganz besonders solcher, die seinem echt berlinischen Hange zum bequem
-Gefühlvollen einen Ausdruck gaben. Daß er eben diesen Hang auch wieder
-ironisierte, versteht sich von selbst.
-
-Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine
-sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen nichts
-weiter waren, als etwas wilde Schößlinge seines Unabhängigkeitsgefühls
-und einer immer ungetrübten Laune. Und in der Tat, es gab nichts in
-der Welt, zu dem er allezeit so beständig aufgelegt gewesen wäre, wie
-zu Bonmots und scherzhaften Repartis, ein Zug seines Wesens, der sich
-schon bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu zeigen pflegte. Denn
-die bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende Frage
-nach seinen näheren oder ferneren Beziehungen zu dem Gutzkowschen
-Vanderstraaten ward er nicht müde, prompt und beinahe paragraphenweise
-dahin zu beantworten, daß er jede Verwandtschaft mit dem von der Bühne
-her so bekannt gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen müsse, 1.
-weil er seinen Namen nicht einwortig, sondern dreiwortig schreibe, 2.
-weil er trotz seines Vornamens Ezechiel nicht bloß überhaupt getauft
-worden sei, sondern auch das nicht jedem Preußen zuteil werdende Glück
-gehabt habe, durch einen evangelischen Bischof, und zwar durch den
-alten Bischof Roß, in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu sein,
-und 3. und letztens weil er seit längerer Zeit des Vorzugs genieße,
-die Honneurs seines Hauses nicht durch eine Judith, sondern durch eine
-Melanie machen lassen zu können, durch eine Melanie, die, zu weiterem
-Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine »Gemahlin« sei. Und
-dies Wort sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit, in der
-Scherz und Ernst geschickt zusammenklangen.
-
-Aber der Ernst überwog, wenigstens in seinem Herzen. Und es konnte
-nicht anders sein, denn die junge Frau war fast noch mehr sein Stolz
-als sein Glück. Älteste Tochter Jean de Caparoux', eines Adligen
-aus der französischen Schweiz, der als Generalkonsul eine lange
-Reihe von Jahren in der norddeutschen Hauptstadt gelebt hatte, war
-sie ganz und gar als das verwöhnte Kind eines reichen und vornehmen
-Hauses großgezogen und in all ihren Anlagen aufs glücklichste
-herangebildet worden. Ihre heitere Grazie war fast noch größer als
-ihr Esprit, und ihre Liebenswürdigkeit noch größer als beides.
-Alle Vorzüge französischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob
-auch die Schwächen? Es verlautete nichts darüber. Ihr Vater starb
-früh, und statt eines gemutmaßten großen Vermögens fanden sich nur
-Debets über Debets. Und um diese Zeit war es denn auch, daß der
-zweiundvierzigjährige Van der Straaten um die siebzehnjährige Melanie
-warb und ihre Hand erhielt. Einige Freunde beider Häuser ermangelten
-selbstverständlich nicht, allerhand Trübes zu prophezeien. Aber sie
-schienen im Unrecht bleiben zu sollen. Zehn glückliche Jahre, glücklich
-für beide Teile, waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinzeß
-im Märchen, und Van der Straaten seinerseits trug mit freudiger
-Ergebung seinen Necknamen »Ezel«, in den die junge Frau den langatmigen
-und etwas suspekten »Ezechiel« umgewandelt hatte. Nichts fehlte. Auch
-Kinder waren da: zwei Töchter, die jüngere des Vaters, die ältere der
-Mutter Ebenbild, groß und schlank und mit herabfallendem, dunklem Haar.
-Aber während die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter
-ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft.
-
-
-
-
-2
-
-L'Adultera
-
-
-Die Wintermonate pflegten die Van der Straatens in ihrer Stadtwohnung
-zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch war, doch an Komfort nichts
-vermissen ließ. Jedenfalls aber bot sie für das gesellschaftliche
-Treiben der Saison eine größere Bequemlichkeit, als die spreeabwärts am
-Nordwestrande des Tiergartens gelegene Villa.
-
-Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen, und Van
-der Straaten und Frau nahmen wie gewöhnlich in dem hochpaneelierten
-Wohn- und Arbeitszimmer des ersteren ihr gemeinschaftliches Frühstück
-ein. Von dem beinah unmittelbar vor ihrem Fenster aufragenden
-Petri-Kirchturme herab schlug es eben neun, und die kleine französische
-Stutzuhr sekundierte pünktlich, lief aber in ihrer Hast und Eile den
-dumpfen und langsamen Schlägen, die von draußen her laut wurden,
-weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der Hausherr selbst,
-der, in einen Schaukelstuhl gelehnt und die Morgenzeitung in der
-Hand, abwechselnd seinen Kaffee und den Subskriptionsballbericht
-einschlürfte. Nur dann und wann ließ er seine Hand mit der Zeitung
-sinken und lachte.
-
-»Was lachst du wieder, Ezel,« sagte Melanie, während sie mit ihrem
-linken Morgenschuh kokettisch hin und her klappte. »Was lachst du
-wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute noch kaufen wirst, gegen
-dein häßliches, rotes und mir zum Tort wieder schief umgeknotetes
-Halstuch, daß du nichts gefunden hast als ein paar Zweideutigkeiten.«
-
-»Er schreibt +zu+ gut,« antwortete Van der Straaten, ohne den
-hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. »Und was mich am meisten
-freut, sie nimmt es alles für Ernst.«
-
-»Wer denn?«
-
-»Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun höre. Oder lies es
-selbst.«
-
-»Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit
-ausgeschnittenen Kleidern und Anfangsbuchstaben.«
-
-»Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst. Ja, Lanni, er
-geht stolz an dir vorüber.«
-
-»Ich würd' es mir auch verbitten.«
-
-»Verbitten! Was heißt verbitten? Ich verstehe dich nicht. Oder
-glaubst du vielleicht, daß gewesene Generalkonsulstöchter in
-vestalisch-priesterlicher Unnahbarkeit durchs Leben schreiten oder
-sakrosankt sind wie Botschafter und Ambassaden! Ich will dir ein
-Sprichwort sagen, das ihr in Genf nicht haben werdet ...«
-
-»Und das wäre?«
-
-»Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni, was man
-ansehen darf, das darf man auch beschreiben. Oder verlangst du, daß ich
-ihn fordern sollte? Pistolen und zehn Schritt Barriere.«
-
-Melanie lachte. »Nein Ezel, ich stürbe, wenn du mir totgeschossen
-würdest.«
-
-»Höre, dies solltest du dir doch überlegen. Das Beste, was einer
-jungen Frau wie dir passieren kann, ist doch immer die Witwenschaft,
-oder »~le Veuvage~«, wie meine Pariser Wirtin mir einmal über das
-andere zu versichern pflegte. Beiläufig, meine beste Reisereminiszenz.
-Und dabei hättest du sie sehen sollen, die kleine, korpulente, schwarze
-Madame ...«
-
-»Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt sie war.«
-
-»Fünfzig. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt ...«
-
-»Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.«
-
-Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl auf, legte den
-Kanevas beiseite, an dem sie gestickt hatte, und trat an das große
-Mittelfenster.
-
-Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages, dem die junge
-Frau gern zuzusehen pflegte. Was sie daran am meisten fesselte,
-waren die Gegensätze. Dicht an der Kirchentür, an einem kleinen,
-niedrigen Tische, saß ein Mütterchen, das ausgelassenen Honig in
-großen und kleinen Gläsern verkaufte, die mit ausgezacktem Papier und
-einem roten Wollfaden zugebunden waren. Ihr zunächst erhob sich eine
-Wildhändlerbude, deren sechs aufgehängte Hasen mit traurigen Gesichtern
-zu Melanie hinübersahen, während in Front der Bude (das erfrorene
-Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mädchen auf und ab lief und ihre
-Schäfchen, wie zur Weihnachtszeit, an die Vorübergehenden feilbot. Über
-dem Ganzen aber lag ein grauer Himmel, und ein paar Flocken federten
-und tanzten, und wenn sie niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu
-gefaßt und wieder in die Höhe gewirbelt.
-
-Etwas wie Sehnsucht überkam Melanie beim Anblick dieses Flockentanzes,
-als müsse es schön sein, so zu steigen und zu fallen und dann wieder
-zu steigen, und eben wollte sie sich vom Fenster her ins Zimmer
-zurückwenden, um in leichtem Scherze, ganz wie sie's liebte, sich
-und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu persiflieren, als sie, von der
-Brüderstraße her, eines jener langen und auf niedrigen Rädern gehenden
-Gefährte vorfahren sah, die die hauptstädtischen Bewohner Rollwagen
-nennen. Es konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein Musterstück
-seiner Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der
-zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmäßigem rechten Winkel
-aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart und Lederschurz,
-und in der Mitte lief ein kleiner Bastard von Spitz und Rattenfänger
-hin und her, und bellte jeden an, der nur irgendwie Miene machte, sich
-auf fünf Schritte dem Wagen zu nähern. Er hatte kaum noch ein Recht zu
-diesen Äußerungen übertriebener Wachsamkeit, denn auf dem ganzen langen
-Wagenbrette lag nur noch ein einziges Kolli, das der Rollkutscher jetzt
-zwischen seine zwei Riesenhände nahm und in den Hausflur hineintrug,
-als ob es eine Pappschachtel wäre.
-
-Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektüre beendet und war an
-ein unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes Pult getreten, an dem er
-zu schreiben pflegte.
-
-»Wie schön diese Leute sind,« sagte Melanie. »Und so stark. Und dieser
-wundervolle Bart! So denk' ich mir Simson.«
-
-»Ich nicht,« entgegnete Van der Straaten trocken.
-
-»Oder Wieland den Schmied.«
-
-»Schon eher. Und über kurz oder lang denk' ich, wird diese Sache
-spruchreif sein. Denn ich wette zehn gegen eins, daß ihn der »Meister«
-in irgend etwas Zukünftigem bereits unterm Hammer hat. Oder sagen wir
-auf dem Ambos. Es klingt etwas vornehmer.«
-
-»Ich muß dich bitten, Ezel ... du weißt ...«
-
-Aber ehe sie schließen konnte, wurde geklopft, und einer der jungen
-Kontoristen erschien in der Tür, um seinem Chef, unter gleichzeitiger
-Verbeugung gegen Melanie, einen Frachtbrief einzuhändigen, auf dem
-in großen Buchstaben und in italienischer Sprache vermerkt war: »zu
-eigenen Händen des Empfängers.«
-
-Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. »Ah, von
-Salviati! ... Das ist hübsch, das ist schön ... Gleich die Kiste
-heraufschaffen! ... Und du bleibst, Melanie ... Hat er doch Wort
-gehalten ... Freut mich, freut mich wirklich. Und dich wird es auch
-freuen. Etwas Venezianisches, Lanni ... Du warst so gern in Venedig.«
-
-Und während er in derartig kurzen Sätzen immer weiter perorierte, hatte
-er aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein Stemmeisen herausgenommen
-und hantierte damit, als die Kiste hereingebracht worden war, so
-vertraut und so geschickt, als ob es ein Korkzieher oder irgendein
-anderes Werkzeug alltäglicher Benutzung gewesen wäre. Mit Leichtigkeit
-hob er den Deckel ab und setzte das daran angeschraubte Bild auf ein
-großes staffeleiartiges Gestell, das er schon vorher aus einer der
-Zimmerecken ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis hatte sich
-inzwischen wieder entfernt, Van der Straaten aber, während er Melanie
-mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild führte, sagte: »Nun,
-Lanni, wie findest du's? ... Ich will dir übrigens zu Hilfe kommen ...
-Ein Tintoretto.«
-
-»Kopie?«
-
-»Freilich,« stotterte Van der Straaten etwas verlegen. »Originale
-werden nicht hergegeben. Und würden auch meine Mittel übersteigen.
-Dennoch dächt' ich ...«
-
-Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem
-Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, ~l'Adultera~! ... Jetzt erkenn'
-ich's. Aber daß du gerade +das+ wählen mußtest! Es ist eigentlich ein
-gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch ... Wie heißt er
-doch?«
-
-»Wer unter euch ohne Sünde ist ...«
-
-»Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was Ermutigendes
-darin. Und dieser Schelm von Tintoretto hat es auch ganz in diesem
-Sinne genommen. Sieh nur! ... Geweint hat sie ... Gewiß ... Aber warum?
-Weil man ihr immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei.
-Und nun glaubt sie's auch, oder +will+ es wenigstens glauben. Aber ihr
-Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden ... Und daß ich dir's
-gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich. Es ist so viel Unschuld
-in ihrer Schuld ... Und alles wie vorherbestimmt.«
-
-Melanie, während sie so sprach, war ernster geworden und von dem Bilde
-zurückgetreten. Nun aber fragte sie: »Hast du schon einen Platz dafür?«
-
-»Ja, hier.« Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem Schreibpult.
-
-»Ich dachte,« fuhr Melanie fort, »du würdest es in die Galerie
-schicken. Und offen gestanden, es wird sich an diesem Pfeiler etwas
-sonderbar ausnehmen. Es wird ...«
-
-»Unterbrich dich nicht.«
-
-»Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich höre schon
-Reiff und Duquede medisieren, vielleicht auf deine Kosten und gewiß auf
-meine.«
-
-Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt und lächelte.
-
-»Du lächelst, und sonst lachst du doch, mehr als gut ist und
-namentlich lauter als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage, was
-hast du gegen mich? Ich weiß recht gut, du bist nicht so harmlos, wie
-du dich stellst. Und ich weiß auch, daß es wunderliche Gemütlichkeiten
-gibt. Ich habe mal von einem russischen Fürsten gelesen, ich glaube
-Suboff war sein Name. Eigentlich waren es zwei, zwei Brüder. Die
-spielten Karten und dann ermordeten sie den Kaiser Paul und dann
-spielten sie wieder Karten. Ich glaube beinah, du könntest auch so was!
-Und alles mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.«
-
-»Also +darum+ König Ezel!« lachte Van der Straaten.
-
-»O nein. Nicht darum. Als ich dich so hieß, war ich noch ein halbes
-Kind. Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt aber kenn' ich dich
-und weiß nur nicht, ob es etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlimmes
-ist, was in dir steckt ... Aber nun komm. Unser Kaffee ist kalt
-geworden.«
-
-Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder auf ihren
-hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas und tat ein paar rasche
-Stiche. Zugleich aber ließ sie kein Auge von ihm, denn sie wollte
-wissen, was in seiner Seele vorging.
-
-Und er wollt' es auch nicht länger verbergen. War er doch ohnehin,
-aller Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, und so trieb
-es ihn denn, angesichts dieses Bildes einmal aus sich herauszugehen.
-
-»Ich habe dich nie mit Eifersucht gequält, Lanni.«
-
-»Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.«
-
-»Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heißt, alles wechselt im
-Leben. Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig waren und ich dies
-Bild sah, da stand es auf einmal alles deutlich vor mir. Und da war
-es denn auch, daß ich Salviati bat, mir das Bild kopieren zu lassen.
-Ich will es vor Augen haben, so als ~Memento mori~, wie die Kapuziner,
-die sonst nicht mein Geschmack sind. Denn sieh, Lanni, auch in ihrer
-Furcht unterscheiden sich die Menschen. Da sind welche, die halten es
-mit dem Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand und wollen nichts
-wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr Geschick immer vor sich
-zu sehen und sich mit ihm einzuleben. Sie wissen genau, den und den
-Tag sterb' ich, und sie lassen sich einen Sarg machen und betrachten
-ihn fleißig. Und die beständige Vorstellung des Todes nimmt auch dem
-Tode schließlich seine Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch
-machen, und das Bild soll mir dazu helfen ... Denn es ist erblich in
-unserm Haus ... und so gewiß dieser Zeiger ...«
-
-»Aber Ezel,« unterbrach ihn Melanie, »was hast du nur? Ich bitte dich,
-wo soll das hinaus? Wenn du die Dinge +so+ siehst, so weiß ich nicht,
-warum du mich nicht heut oder morgen einmauern läßt.«
-
-»An dergleichen hab' ich auch schon gedacht. Und ich bekenne, »Melanie
-die Nonne« klänge nicht übel, und es ließe sich eine Ballade darauf
-machen. Aber es hilft zu nichts. Denn du glaubst gar nicht, was
-Liebende bei gutem Willen alles durchsetzen. Und sie haben immer guten
-Willen.«
-
-»O, ich glaub' es schon.«
-
-»Nun siehst du,« lachte Van der Straaten, den diese scherzhafte Wendung
-plötzlich wieder zu heiterer Laune stimmte. »So hör' ich dich gern. Und
-zur Belohnung: das Bild soll nicht an den Eckpfeiler, sondern wirklich
-in die Galerie. Verlaß dich darauf. Und um dir nichts zu verschweigen,
-ich hab' auch über all das so meine wechselnden und widerstreitenden
-Gedanken, und mitunter denk' ich: ich sterbe vielleicht darüber hin.
-Und das wäre das beste. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts
-Neues. Aber die trivialsten Sätze sind immer die richtigsten.«
-
-»Dann vergiß auch nicht +den+, daß man den Teufel nicht an die Wand
-malen soll!«
-
-Er nickte. »Da hast du recht. Und wir +wollen's+ auch nicht, und wollen
-diese Stunde vergessen. Ganz und gar. Und wenn ich dich je wieder
-daran erinnere, so sei's im Geiste des Friedens und zum Zeichen der
-Versöhnung. Lache nicht. Es kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du
-doch? Es sei so viel Unschuld in ihrer Schuld ...«
-
-»... Und vorherbestimmt, sagt' ich. Prädestiniert! ... Aber
-vorherbestimmt ist +heute+, daß wir ausfahren, und das ist die
-Hauptsache. Denn ich brauche die Robe viel, viel nötiger, als du
-den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine Törin und ein
-Kindskopf, daß ich alles so bitter ernsthaft genommen und dir jedes
-Wort geglaubt habe! Du hast das Bild haben wollen, ~c'est tout~.
-Und nun gehab' dich wohl, mein Dänenprinz, mein Träumer. Sein oder
-Nichtsein ... Variationen von Ezechiel Van der Straaten!«
-
-Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene Treppe
-hinauf, die, von Van der Straatens Zimmer aus, in die Schlafzimmer des
-zweiten Stockes führte.
-
-
-
-
-3
-
-Logierbesuch
-
-
-Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern in dem
-Gegensatze von derb und gefühlvoll, überhaupt in Gegensätzen, und
-so war es wenig verwunderlich, daß das vor dem Tintoretto geführte
-Gespräch in seinem Herzen nicht allzulange nachtönte. Freilich auch
-nicht in dem seiner Frau. Nur solang es geführt worden war, war Melanie
-wirklich überrascht gewesen, nicht um des sentimentalen Tones willen,
-den sie kannte, sondern weil alles eine viel persönlichere Richtung
-nahm als bei früheren Gelegenheiten. Aber nun war es vorüber. Das Bild
-erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah es nicht mehr, und Van
-der Straaten, wenn er ihm zufällig begegnete, lächelte nur in beinah
-heiterer Resignation. Er besaß eben ganz den fatalistischen Zug der
-Humoristen, der sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemänner
-sind.
-
-Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem es spät fiel,
-lag schon wieder zurück, und die Wochen waren wieder da, wo herkömmlich
-die Frage verhandelt zu werden pflegte: »Wann ziehen wir hinaus?«
-
-»Bald,« sagte Melanie, die bereits die Tage zählte.
-
-»Aber die ›gestrengen Herren‹ waren noch nicht da.«
-
-»Die regieren nicht lange.«
-
-»Zugestanden,« lachte Van der Straaten. »Und um so lieber, als ich nur
-+so+ meine Hausherrschaft garantiert finde. Wenigstens mittelbar. Und
-immer noch besser schwach regieren, als gar nicht.«
-
-Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim Frühstück
-gewechselt worden, und es mochte Mittag sein, als der Kommerzienrat
-von seinem Kontor aus die Frau Kommerzienrätin bitten ließ, mit ihrer
-Ausfahrt eine Viertelstunde warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine
-Mitteilung zu machen habe. Melanie ließ zurücksagen, »daß sie sich
-freuen würde, ihn zu sehen, und rechne danach auf seine Begleitung.«
-
-In Courtoisien dieser Art, denen übrigens auch ein gelegentlicher
-Revers nicht fehlte, hatten sich die Van der Straatens seit Jahren
-eingelebt, namentlich +er+, der nach seiner eigenen Versicherung »dem
-adligen Hause de Caparoux einiges Ritterdienstliche schuldig zu sein
-glaubte« und zu diesem Ritterdienstlichen in erster Reihe Pünktlichkeit
-und Nichtwartenlassen zählte.
-
-So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung, im
-Zimmer seiner Frau.
-
-Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen ganz dem
-ihres Gatten, war aber um vieles heller und heiterer, einmal weil die
-hohe Paneelierung, aber mehr noch weil die vielen nachgedunkelten
-Bilder fehlten. Statt dieser vielen war nur ein einziges da: das
-Porträt Melanies in ganzer Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund
-und sie selber eben beschäftigt ein paar Mohnblumen an ihren Hut zu
-stecken. Die Wände, wo sie frei waren, zeigten eine weiße Seidentapete,
-tief in den Fensternischen erhoben sich Hyazinthenestraden und
-vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische, stand ein
-blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der eigentliche Tyrann des
-Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmäßig gehaßtes und beneidetes
-Dasein führte. Melanie sprach eben mit ihm, als Ezechiel in einer
-gewissen humoristischen Aufgeregtheit eintrat und seine Frau, nach
-vorgängiger respektvoller Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren
-Sofaplatz zurückführte. Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte
-sich neben sie.
-
-Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie lachen.
-
-»Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte
-vorzubereiten hättest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es etwas
-Altes? Etwas aus deiner dunklen Vergangenheit ...?«
-
-»Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwärtiges.«
-
-»Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon
-hinreißen lassen. Und nun sage, was ist es?«
-
-»Eine Bagatelle.«
-
-»Was deine Verlegenheit bestreitet.«
-
-»Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch empfangen, oder
-vielmehr einen Gast, oder wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf,
-einen Dauer-Gast. Also kurz und gut, denn was hilft es, es muß heraus:
-einen neuen Hausgenossen.«
-
-Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch auf dem
-Teller lag, zerkrümelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger auf Van
-der Straatens Hand und sagte: »Und das nennst du eine Bagatelle? Du
-weißt recht gut, daß es etwas sehr Ernsthaftes ist. Ich habe nicht
-den Vorzug, ein Kind dieser eurer Stadt zu sein, bin aber doch lange
-genug in eurer exquisiten Mitte gewesen, um zu wissen, was es mit einem
-»Logierbesuch« auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst nirgends
-findet, kann einen ängstlich machen. Und was ist ein Logierbesuch gegen
-eine neue Hausgenossenschaft ... Ist es eine Dame?«
-
-»Nein, ein Herr.«
-
-»Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel ...«
-
-»Ein Volontär, ältester Sohn eines mir befreundeten Frankfurter Hauses.
-War in Paris und London, selbstverständlich, und kommt eben jetzt von
-New York, um hier am Ort eine Filiale zu gründen. Vorher aber will
-er in unserem Hause die Sitte dieses Landes kennen lernen, oder sag'
-ich lieber +wieder+ kennen lernen, weil er sie draußen halb vergessen
-hat. Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin überdies dem Vater
-verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit ersparen
-zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leer stehenden Zimmer auf
-dem linken Korridor.«
-
-»Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen unseres Hofes
-und auf Christels Geraniumtöpfe hinunter zu sehen.«
-
-»Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man hat. Und
-er selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen, die viel in
-der Welt umher waren, pflegen am gleichgültigsten gegen derlei Dinge
-zu sein. Unser Hof bietet freilich nicht viel; aber was hätt' er
-Besseres in der Front? Ein Stück Kirchengitter mit Fliederbusch, und an
-Markttagen die Hasenbude.«
-
-»~Eh bien~, Ezel. ~Faisons le jeu.~ Ich hoffe, daß nichts Schlimmes
-dahinter lauert, keine Konspirationen, keine Pläne, die du mir
-verschweigst. Denn du bist eine versteckte Natur. Und wenn es deine
-Geheimnisse nicht stört, so möcht' ich schließlich wenigstens den Namen
-unseres neuen Hausgenossen hören.«
-
-»Ebenezer Rubehn ...«
-
-»Ebenezer Rubehn,« wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend.
-»Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches lieber
-gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon
-gerade genug hätten! Und nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich,
-was soll dieser ~Accent grave~, dieser Ton auf der letzten Silbe?
-Suspekt, im höchsten Grade suspekt!«
-
-»Du mußt wissen, er schreibt sich mit einem h.«
-
-»Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, daß ich dies h für
-echt und ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel, versuchte Leugnung
-des Tatsächlichen, absichtliche Verschleierung, hinter der ich
-nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs stehen sehe. Und er selber
-als Flügelmann.«
-
-»Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens? Ich meine mit
-dem großen Peter Paul? Nun, der hatte freilich ein s. Aber was dem s
-recht ist, ist dem h billig. Und kurz und gut, er ist getauft. Ob durch
-einen Bischof, stehe dahin; ich weiß es nicht und wünsch' es nicht,
-denn ich möcht' etwas vor ihm voraus haben. Aber allen Ernstes, du tust
-ihm unrecht. Er ist nicht bloß christlich, er ist auch protestantisch,
-so gut wie du und ich. Und wenn du noch zweifelst, so lasse dich durch
-den Augenschein überzeugen.«
-
-Und hierbei versuchte Van der Straaten aus einem kleinen gelben
-Kuvert, das er schon bereit hielt, eine Visitenkartenphotographie
-herauszunehmen. Aber Melanie litt es nicht und sagte nur in immer
-wachsender Heiterkeit: »Sagtest du nicht New York? Sagtest du nicht
-London? Ich war auf einen Gentleman gefaßt, auf einen Mann von Welt,
-und nun schickt er sein Bildnis, als ob es sich um ein Rendezvous
-handelte. Krugs Garten mit einer Verlobung im Hintergrund.«
-
-»Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen,
-um deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich an den alten
-Goeschen, Firma Goeschen, Goldschmidt und Kompanie; diskreter alter
-Herr. Und daher stammt es. Ich bin schuld, nicht er, wahr und
-wahrhaftig, und wenn du mir das Wort gestattest, sogar ›auf Ehre‹.«
-
-Melanie nahm das Kuvert und warf einen flüchtigen Blick auf das
-eingeschlossene Bild. Ihre Züge veränderten sich plötzlich und sie
-sagte: »Ah, der gefällt mir. Er hat etwas Distinguiertes: Offizier
-in Zivil oder Gesandtschaftsattaché. Das lieb' ich. Und nun gar ein
-Bändchen. Ist es die Ehrenlegion?«
-
-»Nein, du kannst es näher suchen. Er stand bei den fünften Dragonern
-und hat für Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.«
-
-»Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?«
-
-»Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin solltest du
-wissen, daß fremde Sprachen nicht immer gebührende Rücksicht auf die
-verpönten Klangformen einer anderen nehmen. Ja, Lanni, ich bin mitunter
-besser als mein Ruf.«
-
-»Und wann dürfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?«
-
-»Hausgenossen,« verbesserte Van der Straaten. »Es ist nicht nötig,
-ihn, mit Rücksicht auf seine militärische Charge, so Hals über Kopf
-avancieren zu lassen. Übrigens ist er verlobt, oder so gut wie verlobt.«
-
-»Schade.«
-
-»Schade? Warum?«
-
-»Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen, so sind
-sie zärtlich, bedrückend zärtlich für ihre Umgebung, und sind sie
-getrennt, so schreiben sie sich Briefe oder bereiten sich in ihrem
-Gemüte darauf vor. Und der Bräutigam ist immer der schlimmere von
-beiden. Und will man sich gar in ihn verlieben, so heißt das nicht mehr
-und nicht weniger, als zwei Lebenskreise stören.«
-
-»Zwei?«
-
-»Ja, Bräutigam und Braut.«
-
-»Ich hätte drei gezählt,« lachte Van der Straaten. »Aber so seid ihr.
-Ich wette, du hast den Dritten in Gnaden vergessen. Ehemänner zählen
-überhaupt nicht mit. Und wenn sie sich darüber wundern, so machen sie
-sich ridikül. Ich werde mich übrigens davor hüten, den Mohren der
-Weltgeschichte, das seid ihr, weiß waschen zu wollen. Apropos, kennst
-du das Bild, die Mohrenwäsche?«
-
-»Ach, Ezel, du weißt ja, ich kenne keine Bilder. Und am wenigsten
-alte.«
-
-»Süße Simplicitas aus dem Hause de Caparoux,« jubelte Van der Straaten,
-der nie glücklicher war, wie wenn Melanie sich eine Blöße gab oder auch
-klugerweise nur so tat. »Altes Bild! Es ist nicht älter als ich.«
-
-»Nun, dann ist es gerade alt genug.«
-
-»Bravissimo. Sieh, so hab' ich dich gern. Übermütig und boshaft. Und
-nun sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?«
-
-»Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast mir doch gestern
-erst ...«
-
-»Und ich halt' es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze wird, da bricht es
-wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen zu Haas und uns einen Teppich
-ansehen ... »Gerade alt genug« ... Vorzüglich, vorzüglich ... Und nun
-sage Papachen, wie heißt die schönste Frau im Land?«
-
-»Melanie.«
-
-»Und die liebste, die klügste, die beste Frau?«
-
-»Melanie, Melanie.«
-
-»Gut, gut ... Und nun gehab' dich wohl, du Menschenkenner!«
-
-
-
-
-4
-
-Der engere Zirkel
-
-
-Die »drei gestrengen Herren« waren ganz ausnahmsweise streng gewesen,
-aber nicht zu Verdruß beider Van der Straatens, die vielmehr nun erst
-wußten, daß der Winter all seine Pfeile verschossen und unweigerlich
-und ohne weitere Widerstandsmöglichkeit seinen Rückzug angetreten
-habe. Nun erst konnte man freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge
-vor frostigen Vormittagen, oder gar vor Eingeschneitwerden über
-Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder, am meisten
-aber Van der Straaten, der, um ihn selber sprechen zu lassen, »unter
-allen vorkommenden Geburtsszenen einzig und allein der des Frühlings
-beizuwohnen liebte«. Vorher aber sollte noch ein kleines Abschiedsdiner
-stattfinden und zwar unter ausschließlicher Heranziehung des dem Hause
-zunächst stehenden Kreises.
-
-Es war das, übrigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter
-Seite her, in erster Reihe der in der Alsenstraße wohnende Major
-von Gryczinski, ein noch junger Offizier mit abstehendem, englisch
-gekräuseltem Backenbart und klugen blauen Augen, der vor etwa drei
-Jahren die reizende Jacobine de Caparoux heimgeführt hatte, eine
-jüngere Schwester Melanies und nicht voll so schön wie diese, aber
-rotblond, was in den Augen einiger das Gleichgewicht zwischen beiden
-wiederherstellte. Gryczinski war Generalstäbler und hielt, wie jeder
-dieses Standes, an dem Glauben fest, daß es in der ganzen Welt nicht
-zwei so grundverschiedene Farben gäbe, wie das allgemeine preußische
-Militärrot und das Generalstabsrot. Daß er den Strebern zugehörte, war
-eine selbstverständliche Sache, wohl aber verdient es, in Rücksicht
-gegen den Ernst der Historie, schon an dieser Stelle hervorgehoben
-zu werden, daß er, alles Strebertums unerachtet, in allen nicht zu
-verlockenden Fällen ein bescheidenes Maß von Rücksichtnahme gelten
-ließ und den Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über
-die Beresina betrachtete. Wie sein großer Chef war er ein Schweiger,
-unterschied sich aber von ihm durch ein beständiges, jeden Sprecher
-ermutigendes Lächeln, das er, alle nutzlose Parteinahme klug
-vermeidend, über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig scheinen ließ.
-
-Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter als Freund des
-Hauses. Unter diesen letzteren konnte der Baron Duquede, Legationsrat
-a. D., als der angesehenste gelten. Er war über sechzig, hatte bereits
-unter Van der Straatens Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des
-Hauses angehört und durfte sich, wie um anderer Qualitäten so auch
-schon um seiner Jahre willen, seinem hervorstechendsten Charakterzuge,
-dem des Absprechens, Verkleinerns und Verneinens ungehindert hingeben.
-Daß er, infolge davon, den Beinamen »Herr Negationsrat« erhalten
-hatte, hatte selbstverständlich seine milzsüchtige Krakehlerei nicht
-zu bessern vermocht. Er empörte sich eigentlich über alles, am
-meisten über Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen
-Dienstentlassung, unaufhörlich versicherte, »daß er überschätzt werde«.
-Von einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum Französieren
-geneigte Berlinertum erfüllt, das ihn, um seines »qu« willen, als
-einen Koloniefranzosen ansah und seinen altmärkischen Adelsnamen nach
-der Analogie von Admiral Duquesne auszusprechen pflegte. »Was er sich
-gefallen lassen könne,« hatte Melanie hingeworfen, von welchem Tag an
-eine stille Gegnerschaft zwischen beiden herrschte.
-
-Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand Polizeirat
-Reiff, ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden
-Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler, der, solange
-die Damen bei Tische waren, kein Wasser trüben zu können schien, im
-Moment ihres Verschwindens aber in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach
-Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat zu Gebote stehn. Selbst
-Van der Straaten, dessen Talente doch nach derselben Seite hin lagen,
-erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem Beifall,
-oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung zu.
-
-Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der Landschafter
-Arnold Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der Legationsrat, ein
-Erbstück aus des Vaters Tagen her, und Elimar Schulze, Porträt- und
-Genremaler, der sich erst in den letzten Jahren angefunden hatte. Seine
-Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten Tafelrunde basierte zumeist auf
-dem Umstande, daß er nur ein halber Maler, zur andern Hälfte aber
-Musiker und enthusiastischer Wagnerianer war, auf welchen »Titul« hin,
-wie Van der Straaten sich ausdrückte, Melanie seine Aufnahme betrieben
-und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit abgegebene Bemerkung
-ihres Eheherrn, »daß er gegen den Aufzunehmenden nichts einzuwenden
-habe, wenn er einfach übertreten und seine Zugehörigkeit zu der
-alleinseligmachenden Musik offen und ehrlich aussprechen wolle«, war
-von dem immer gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden,
-»ihm diesen Schritt erlassen zu wollen und zwar einfach deshalb,
-weil doch schließlich nur das Gegenteil von dem Gewünschten dabei
-herauskommen würde. Denn während er jetzt als Maler allgemein für einen
-Musiker gehalten werde, werd' er als Musiker sicherlich für einen Maler
-gehalten und dadurch vom Standpunkte des Herrn Kommerzienrats aus in
-die relativ höhere Rangstufe wieder hinaufgehoben werden«.
-
-Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu heute sieben Uhr
-Geladenen entnommen. Denn Van der Straaten liebte die Spätdiners und
-erging sich mitunter in nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen
-Unterschied zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten, und
-einer um sieben Uhr natürlich erwachsenen Dunkelheit. Eine künstliche
-Vieruhrdunkelheit sei nicht besser als ein junger Wein, den man in
-einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb umwickelt habe, um ihn alt
-und ehrwürdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine Zunge schmecke
-den jungen Wein und ein feines Nervensystem schmecke die junge
-Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die namentlich in ihrer »das feine
-Nervensystem« betonenden Schlußwendung von Melanie regelmäßig mit einem
-allerherzlichsten Lachen begleitet wurden.
-
-Das Van der Straatensche Stadthaus -- wodurch es sich, neben anderem,
-von der mit allem Komfort ausgestatteten Tiergarten-Villa unterschied
--- hatte keinen eigentlichen Speisesaal, und die zwei großen und vier
-kleinen Diners, die sich über den Winter hin verteilten, mußten in
-dem ersten, als Entree dienenden Zimmer der großen Gemäldegalerie
-gegeben werden. Es griff dieser Teil der Galerie noch aus dem rechten
-Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag unmittelbar hinter Melanies
-Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten Flügeltüren sich
-öffneten, der Eintritt stattfand.
-
-Und wie gewöhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm den Arm seiner
-blonden Schwägerin, Duquede den Melanies, während die vier anderen
-Herren paarweise folgten, eine herkömmliche Form des Aufmarsches, bei
-der der Major ebenso geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln,
-als den Polizeirat zu vermeiden wußte. Denn so bereit und ergeben er
-war, die Geschichten Reiffs bei Tag oder Nacht über sich ergehen zu
-lassen, so konnt' er sich doch nicht entschließen, ihm ebenbürtig
-den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den Anschauungen seines
-Standes und bekannte sich, mit einem durch persönliches Fühlen
-unterstützten Nachdruck, zu dem alten Gegensatze von Militär und
-Polizei.
-
-Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und hatte keine
-Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern. Wer aber zum ersten Male
-hier eintrat, der wurde sicherlich durch eine Schönheit überrascht,
-die gerade darin ihren Grund hatte, daß der als Speisesaal dienende
-Raum kein eigentlicher Speisesaal war. Ein reichgegliederter
-Kronleuchter von französischer Bronze warf seine Lichter auf eine von
-guter italienischer Hand herrührende prächtig eingerahmte Kopie der
-Veronesischen »Hochzeit zu Kana«, die von Uneingeweihten auch wohl
-ohne weiteres für das Original genommen wurde, während daneben zwei
-Stilleben in fast noch größeren und reicheren Barockrahmen hingen. Es
-waren, von einiger vegetabilischer Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und
-blaue Makrelen, über deren absolute Naturwahrheit sich Van der Straaten
-in der ein für allemal gemünzten Bewunderungsformel ausließ, »es werd'
-ihm, als ob er taschentuchlos über den Cöllnischen Fischmarkt gehe.«
-
-Nach hinten zu stand das Büfett, und daneben war die Tür, die mit der
-im Erdgeschoß gelegenen Küche bequeme Verbindung hielt.
-
-
-
-
-5
-
-Bei Tisch
-
-
-»Nehmen wir Platz,« sagte Van der Straaten. »Meine Frau hat mich aller
-Plazierungsmühen überhoben und Karten gelegt.«
-
-Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und ließ sein von Natur
-gutes und durch vieles Sehen kunstgeübtes Auge darüber hingleiten. »Ah,
-ah, sehr gut. Das ist Tells Geschoß. Gratuliere, Elimar. Allerliebst,
-allerliebst. Natürlich Amor, der schießt. Daß ihr Maler doch über
-diesen ewigen Schützen nicht wegkommen könnt.«
-
-»Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch feierlich
-protestieren würden,« sagte die rotblonde Schwester.
-
-Alle hatten sich inzwischen plaziert, und es ergab sich, daß Melanie
-bei der von ihr getroffenen Anordnung vom Herkömmlichen abgewichen
-war. Van der Straaten saß zwischen Schwägerin und Frau, ihm gegenüber
-der Major, von Gabler und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber
-Polizeirat Reiff und Legationsrat Duquede.
-
-Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrätlichen Hause von
-alter Zeit her berühmte Montefiascone gerade herumgereicht, als Van der
-Straaten sich über den Tisch hin zu seinem Schwager wandte.
-
-»Gryczinski, Major und Schwager,« hob er leicht und mit überlegener
-Vertraulichkeit an, »binnen heut und drei Monaten haben wir Krieg.
-Ich bitte dich, sage nicht nein, wolle mir nicht widersprechen.
-Ihr, die ihr's schließlich machen müßt, erfahrt es erfahrungsmäßig
-immer am spätesten. Im Juni haben wir die Sache wieder fertig oder
-wenigstens eingerührt. Es zählt jetzt zu den sogenannten berechtigten
-Eigentümlichkeiten preußischer Politik, allen Geheimräten, wozu, in
-allem was Karlsbad und Teplitz angeht, auch die Kommerzienräte gehören,
-ihre Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit eingeschlossen.
-Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir die Sache fertig und in
-drei haben wir den Krieg. Irgend etwas Benedettihaftes wird sich doch
-am Ende finden lassen, und Ems liegt unter Umständen überall in der
-Welt.«
-
-Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle
-seines Backenbartes und sagte: »Schwager, du stehst zu sehr
-unter Börsengerüchten, um nicht zu sagen unter dem Einfluß der
-Börsenspekulation. Ich versichere dich, es ist kein Wölkchen am
-Horizont, und wenn wir zurzeit wirklich einen Kriegsplan ausarbeiten,
-so betrifft er höchstens die hypothetische Bestimmung der Stelle, wo
-Rußland und England zusammenstoßen und ihre große Schlacht schlagen
-werden.«
-
-Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei waren, die
-brünette, weil sie nicht gern das Vermögen, die blonde, weil sie nicht
-gern den Mann einbüßen wollte, jubelten dem Sprecher zu, während
-der Polizeirat, immer kleiner werdend, bemerkte: »Bitte dem Herrn
-Major meine gehorsamste Zustimmung aussprechen zu dürfen und zwar
-von ganzem Herzen und von ganzem Gemüte.« Wobei gesagt werden muß,
-daß er mit Vorliebe von seinem Gemüte sprach. »Überhaupt,« fuhr er
-fort, »nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht den
-Fürsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann, als einen Kanonier
-mit ewig brennender Lunte vorzustellen, jeden Augenblick bereit das
-Kruppsche Monstregeschütz eines europäischen Krieges auf gut Glück hin
-abzufeuern. Ich sage, nichts falscher und irriger als das. Hazardieren
-ist die Lust derer, die nichts besitzen, weder Vermögen noch Ruhm. Und
-der Fürst besitzt beides. Ich wette, daß er nicht Lust hat, seinen
-hochaufgespeicherten Doppelschatz immer wieder auf die Kriegskarte
-zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit), dublierte 66 und
-triplierte 70, aber er wird sich hüten, sich auf ein ~six-le-va~
-einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt ohne Zweifel das
-Märchen vom »Fischer un sine Fru ...«
-
-»... Dessen pikante Schlußwendung uns unser polizeirätlicher Freund
-hoffentlich nicht vorenthalten will,« bemerkte Van der Straaten, in
-dem sich der Übermut der Tafelstimmung bereits zu regen begann.
-
-Aber der Polizeirat, während er sich wie zur Gewährleistung jeder
-Sicherheit gegen die Damen hin verneigte, ließ das Märchen und seine
-notorische Schlußzeile fallen und sagte nur: »Wer alles gewinnen will,
-verliert alles. Und das Glück ist noch launenhafter als die Damen.
-Ja, meine Damen, als die Damen. Denn die Launenhaftigkeit, ich lebe
-selbst in einer glücklichen Ehe, ist das Vorrecht und der Zauber ihres
-Geschlechts. Der Fürst hat Glück gehabt, aber gerade weil er es gehabt
-hat ...«
-
-»... Wird er sich hüten, es zu versuchen,« schloß mit ironischer
-Emphase der Legationsrat. »Aber wenn er es +dennoch+ täte? He?
-Der Fürst hat Glück gehabt, versichert uns unser Freund Reiff mit
-polizeirätlich unschuldiger Miene. Glück gehabt! Allerdings. Und
-zwar kein einfaches und gewöhnliches, sondern ein stupendes, ein
-nie dagewesenes Glück. Eines, das in seiner kolossalen Größe den
-Mann selber wegfrißt und verschlingt. Und so wenig ich geneigt
-bin, ihm dies Glück zu mißgönnen, ich kenne keine Mißgunst, so
-reizt es mich doch, einen Heroenkultus an dieses Glück geknüpft zu
-sehen. Er wird überschätzt, sag' ich. Glauben Sie mir, er hat etwas
-Plagiatorisches. Es mögen sich Erklärungen finden lassen, meinetwegen
-auch Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird überschätzt. Ja,
-meine Freunde, den Heroenkultus haben wir und den Götterkultus +werden+
-wir haben. Bildsäulen und Denkmäler sind bereits da, und die Tempel
-werden kommen. Und in einem dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und
-Göttin Fortuna ihm zu Füßen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel
-nennen, sondern den Glückstempel. Ja, den Glückstempel, denn es wird
-darin gespielt, und unser vorsichtiger Freund Reiff hat es mit seinem
-~six-le-va~, das über kurz oder lang kommen wird, besser getroffen,
-als er weiß. Alles Spiel und Glück, sag' ich, und daneben ein
-unendlicher Mangel an Erleuchtung, an Gedanken und vor allem an großen
-schöpferischen Ideen.«
-
-»Aber lieber Legationsrat,« unterbrach hier Van der Straaten, »es
-liegen doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung Österreichs, Aufbau
-des Deutschen Reiches ...«
-
-»... Ekrasierung Frankreichs und Dethronisierung des Papstes! Pah, Van
-der Straaten, ich kenne die ganze Litanei. Wem aber haben wir dafür zu
-danken, wenn überhaupt dafür zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen
-Partei, feindlich ihm und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf
-genommen hat. Er hat etwas Plagiatorisches, sag' ich, er hat sich die
-Gedanken anderer einfach angeeignet, gute und schlechte, und sie mit
-Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten umgesetzt. Das konnte
-schließlich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich, Reiff ...«
-
-»Ich möchte doch bitten ...«
-
-»In Taten umgesetzt,« wiederholte Duquede.
-
-»Ein Umsatz- und Wechselgeschäft, das ich hasse, solange nicht der
-selbsteigne Gedanke dahinter steht. Aber Taten mit gar keiner oder mit
-erheuchelter oder mit erborgter Idee haben etwas Rohes und Brutales,
-etwas Dschingiskhanartiges. Und ich wiederhole, ich hasse solche Taten.
-Am meisten aber hass' ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die
-Gegensätze mengen, und wenn wir es erleben müssen, daß sich hinter den
-altehrwürdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips, hinter der
-Maske des Konservatismus, ein revolutionärer Radikalismus birgt. Ich
-sage dir, Van der Straaten, er segelt unter falscher Flagge. Und eines
-seiner einschlägigsten Mittel ist der beständige Flaggenwechsel. Aber
-ich hab' ihn erkannt und weiß, was seine eigentliche Flagge ist ...«
-
-»Nennen ...«
-
-»Die schwarze.«
-
-»Die Piratenflagge?«
-
-»Ja. Und Sie werden dessen über kurz oder lang alle gewahr werden.
-Ich sage dir, Van der Straaten, und Ihnen, Elimar und Ihnen, Reiff,
-der Sie's morgen in Ihr schwarzes Buch eintragen können, meinetwegen,
-denn ich bin ein altmärkischer Edelmann und habe den Dienst dieses
-mir widerstrebenden Eigennützlings längst quittiert, ich sag' es
-jedem, alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie vor Täuschung,
-vor allem aber vor Überschätzung dieses falschen Ritters, dieses
-Glückstempelherrn, an den die blöde Menge glaubt, weil er die Jesuiten
-aus dem Lande geschafft hat. Aber wie steht es damit? Die Bösen sind
-wir los, der Böse ist geblieben.«
-
-Gryczinski hatte mit vornehmem Lächeln zugehört, Van der Straaten
-indes, der, trotzdem er eigentlich ein Bismarckschwärmer war, in seiner
-Eigenschaft als kritiksüchtiger Berliner nichts Reizenderes kannte, als
-Größenniedermetzelung und Generalnivellierung, immer vorausgesetzt,
-daß er selber als einsam überragender Bergkegel übrig blieb, grüßte
-zu Duquede hinüber und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat,
-der sich geopfert habe, noch einmal von der letzten Schüssel zu
-präsentieren.
-
-»Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas für dich. Scharf,
-scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien, aber um zweierlei beneid'
-ich es: um seine Zwiebeln und um seinen Murillo.«
-
-»Überrascht mich,« sagte Gabler. »Und am meisten überrascht mich die
-dir entschlüpfte Murillo-, will also sagen Madonnenbewundrung.«
-
-»Nicht entschlüpft, Arnold, nicht entschlüpft. Ich unterscheide
-nämlich, wie du wissen solltest, kalte und warme Madonnen. Die
-kalten sind mir allerdings verhaßt, aber die warmen hab' ich desto
-lieber. ~A la bonne heure~, die berauschen mich, und ich fühl' es in
-allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein wäre. Und zu diesen
-glühenden und sprühenden zähl' ich all diese spanischen Immaculatas
-und Concepciones, wo die Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und
-um ihr dunkles Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelsköpfe. Ja,
-Reiff, dergleichen gibt es. Und so blickt sie brünstig oder sagen wir
-lieber inbrünstig gen Himmel, als wolle die Seele flügge werden in
-einem Brütofen von Heiligkeit.«
-
-»In einem Brütofen von Heiligkeit,« wiederholte der Polizeirat, in
-dessen Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann. »In
-einem Brütofen! O, das ist ~magnifique~, das ist herrlich, und
-eine Andeutung, die jeder von uns nach dem Maße seiner Erkenntnis
-interpretieren und weiterspinnen kann.«
-
-Beide junge Frauen, einigermaßen überrascht, ihren sonst so
-zurückhaltenden Freund auf dieser Messerschneide balancieren zu sehen,
-trafen sich mit ihren Blicken, und Melanie rasch erkennend, daß es sich
-jeden Moment um eine jener Katastrophen handeln könne, wie sie bei
-den kommerzienrätlichen Diners eben nicht allzu selten waren, suchte
-vor allem von dem heiklen Murillothema loszukommen, was, bei Van der
-Straatens Eigensinn, allerdings nur durch eine geschickte Diversion
-geschehen konnte. Und solche gelang denn auch momentan, indem Melanie
-mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: »Van der Straaten wird
-mich auslachen, in Bild- und Malerfragen eine Meinung haben zu wollen.
-Aber ich muß ihm offen bekennen, daß ich mich, wenn seine gewagte
-Madonneneinteilung überhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres für
-eine von ihm ignorierte Mittelgruppe, nämlich für die temperierten
-entscheiden würde. Die Tizianischen scheinen mir diese wohltuend
-gemäßigte Temperatur zu haben. Ich lieb' ihn überhaupt.«
-
-»Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab' es immer gesagt, daß ich
-noch einen Kunstprofessor in dir großziehe. Nicht wahr, Arnold, ich
-hab' es gesagt? Beschwör es. Eine Schwurbibel ist nicht da, aber
-wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist immer noch ebensogut wie
-ein Evangelium. Du lachst, Schwager; natürlich; ihr merkt es nicht,
-aber wir. Übrigens hat Reiff ein leeres Glas. Und Elimar auch.
-Friedrich, alter Pomuchelskopf, steh nicht in Liebesgedanken. ~Allons
-enfants.~ Wo bleibt der Mouet? Flink, sag' ich. Bei den Gebeinen des
-unsterblichen Roller, ich lieb' es nicht, meinen Champagner in den
-letzten fünf Minuten in kümmerlicher Renommage schäumen zu sehen.
-Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzgläsern, mit denen ich
-nächstens kurzen Prozeß machen werde. Das sind Rechnungsrats-, aber
-nicht Kommerzienratsgläser. Übrigens mit dem Tizian hast du doch
-unrecht. Das heißt halb. Er versteht sich auf alles mögliche, nur
-nicht auf Madonnen. Auf Frau Venus versteht er sich. Das ist seine
-Sache. Fleisch, Fleisch. Und immer lauert irgendwo der kleine liebe
-Bogenschütze. Pardon, Elimar, ich bin nicht für Massenamors auf
-Tischkarten, aber für den Einzelamor bin ich, und ganz besonders
-für den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurückgezogener grüner
-Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehört er hin, und immer ist
-er wieder reizend, ob er ihr zu Häupten oder zu Füßen sitzt, ob er
-hinter dem Bett oder der Gardine hervorguckt, ob er seinen Bogen eben
-gespannt oder eben abgeschossen hat. Und was ist vorzuziehen? Eine
-feine Frage, Reiff. Ich denke mir, wenn er ihn spannt ... Und diese
-ruhende linke Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch. O, superbe.
-Ja, Melanie, +den+ Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir
-zugestehst: ~Suum cuique~, dem Tizian die Venus und dem Murillo die
-Madonna.«
-
-»Ich fürchte, Van der Straaten, da wirst du lange zu warten haben, und
-am längsten auf meine Murillobekehrung. Denn diese gelben Dunstwolken,
-aus denen etwas inbrünstig Gläubiges in seelisch-sinnlicher Verzückung
-aufsteigt, sind mir unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden
-überschritten und statt des Bezaubernden find' ich etwas Behexendes
-darin.«
-
-Gryczinski nickte leise der Schwägerin zu, während jetzt Elimar das
-Glas erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben gehörten Wort einer echt
-deutschen Frau, (»Französin,« schrie Van der Straaten dazwischen) auf
-das Wohl der schönen und liebenswürdigen Dame des Hauses anstoßen zu
-dürfen. Und die Gläser klangen zusammen. Aber in ihren Zusammenklang
-mischte sich für die schärfer Hörenden schon etwas wie Zittern und
-Mißakkord, und ehe noch das allgemeine Lächeln verflogen war (das
-des Polizeirats hielt sich am längsten) brach Van der Straaten durch
-alle bis dahin mühsam eingehaltenen Gehege durch und debutierte mal
-wieder ganz als er selbst. Er sei, so hob er an, leider nicht in der
-Lage, der für die »Frau Kommerzienrätin« gewiß höchst wertvollen
-Zustimmung seines Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zuname
-gleich ironisch betonte) +seinerseits+ zustimmen zu können. Es gebe
-freilich einen Gegensatz von Bezauberung und Behexung, aber manches in
-der Welt gelte für Behexung, was Bezauberung und noch mehr gelte für
-Bezauberung, was Behexung sei. Und er bitte sagen zu dürfen, daß er es
-seinerseits mit der Konsequenz halte und mit Farbe bekennen, und nicht
-mit heute so und morgen so. Am verdrießlichsten aber sei ihm zweierlei
-Maß.
-
-Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht überhaupt
-gewillt, es bei diesen Allgemeinsätzen bewenden zu lassen. Aber
-die junge Gryczinska, die sich, nach Art aller Schwägerinnen etwas
-herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in plötzlich wiedererwachtem Mute
-keck und zuversichtlich an und bat ihn, aus seinen Orakelsprüchen
-heraus und zu bestimmteren Erklärungen übergehn zu wollen.
-
-»O gewiß, meine Gnädigste,« sagte der jetzt immer hitziger werdende
-Van der Straaten. »O gewiß, mein geliebtes Rotblond. Ich stehe zu
-Befehl und will aus allem Orakulosen und Mirakulosen heraus, und will
-in die Trompete blasen, daß ihr aus eurer Dämmerung und meinetwegen
-auch aus eurer Götterdämmerung erwachen sollt, als ob die Feuerwehr
-vorüberführe.«
-
-»Ah,« sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu verlieren
-begann. »Also da hinaus soll es.«
-
-»Ja, süßer Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz und gemütlich
-auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine ~Casta diva~ am Himmel
-entlang, als ob ihr von Ozon und Keuschheit leben wolltet. Und +wer+
-ist euer Abgott? Der Ritter von Bayreuth, ein Behexer, wie es nur
-je einen gegeben hat. Und an diesen Tannhäuser und Venusbergmann
-setzt ihr, als ob ihr wenigstens die Voggenhuber wäret, eurer Seelen
-Seligkeit und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder
-dreimal täglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer Elimar
-immer mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch nicht retten. Nicht
-ihn und nicht euch. Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber
-kredenzen? Ich sag' euch, fauler Zauber. Und das ist es, was ich
-zweierlei Maß genannt habe. Den Murillozauber möchtet ihr zu Hexerei
-stempeln und die Wagnerhexerei möchtet ihr in Zauber verwandeln. Ich
-aber sag' euch, es liegt umgekehrt, und wenn es +nicht+ umgekehrt
-liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen. Denn
-es ist schließlich alles ganz egal und mit Permission zu sagen alles
-Jacke ...«
-
-Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene Berolinismus,
-mit dem er seinen Satz abzuschließen gedachte, wurde auch wirklich
-gesprochen, aber er verklang in einem Getöse, das der Major durch einen
-geschickt kombinierten Angriff von Gläserklopfen und Stuhlrücken in
-Szene zu setzen gewußt hatte. Zugleich begann er: »Meine verehrten
-Freunde, das Wort Hexenmeister ist gefallen. Ein vorzügliches Wort!
-So lassen wir sie denn leben, alle diese Tannhäuser, wobei sich jeder
-das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der Hexenmeister. Denn
-alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht mit dem Wort. Was sind Worte?
-Schall und Rauch. Stoßen wir an. Hoch, hoch.«
-
-Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der jetzt jeder
-zitternde Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich auch von seiten
-der beiden Maler, und kaum einer war da, der nicht an eine glücklich
-beseitigte Gefahr geglaubt hätte. Aber mit Unrecht. Van der Straaten,
-absolut unerzogen, konnte, vielleicht weil er dies Manko fühlte,
-nichts so wenig ertragen, als auf Unerzogenheiten aufmerksam gemacht
-zu werden: er vergaß sich dann ganz und gar, und der Dünkel des
-reichen Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu
-helfen, stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm zusammen.
-Und so auch jetzt. Er erhob sich und sagte: »Kupierungen sind etwas
-Wundervolles. Keine Frage. Ich beispielsweise kupiere Kupons. Ein
-inferiores Geschäft, das unter Umständen nichtsdestoweniger einen
-Anspruch darauf gibt, gegen Wort- und Redekupierungen gesichert zu
-sein, namentlich gegen solche, die reprimandieren und erziehen wollen.
-Ich bin erzogen.«
-
-Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen, aber mit
-zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen. Dieser, ein
-vollkommener Weltmann, lächelte vor sich hin und blinkte nur leise
-den beiden Damen zu, daß sie sich beruhigen möchten. Dann ergriff er
-sein Glas ein zweites Mal, gab seinen Zügen, ohne sich sonderlich
-anzustrengen, einen freundlichen Ausdruck und sagte zu Van der
-Straaten: »Es ist so viel von Kupieren gesprochen worden; kupieren wir
-auch das. Ich lebe der festen Überzeugung ...«
-
-In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer der im
-Weinkühler stehenden Flaschen und Gryczinski, rasch den Vorteil
-erspähend, den er aus diesem Zwischenfalle ziehen konnte, brach
-inmitten des Satzes ab und sagte nur, während er, unter leiser
-Verbeugung, seines Schwagers Glas füllte: »Friede sei ihr erst Geläute!«
-
-Solchem Appell zu widerstehen, war Van der Straaten der letzte. »Mein
-lieber Gryczinski,« hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität an,
-»wir verstehen uns, wir haben uns immer verstanden. Gib mir deine Hand.
-Lacrymae Christi, Friedrich. Rasch. Das Beste daran ist freilich der
-Name. Aber er hat ihn nun mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine
-dies, der andre das.«
-
-»Allerdings,« lachte Gabler.
-
-»Ach Arnold, du überschätzt das. Glaube mir, der Selige hatte recht.
-Gold ist nur Schimäre. Und Elimar würd' es mir bestätigen, wenn es
-nicht ein Satz aus einer überwundenen Oper wäre. Ich muß sagen,
-leider überwunden. Denn ich liebe Nonnen, die tanzen. Aber da kommt
-die Flasche. Laß nur Staub und Spinnweb. Sie muß in ihrer ganzen
-unabgeputzten Heiligkeit verbleiben. Lacrymae Christi. Wie das klingt!«
-
-Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens
-wiederzukehren, und als Van der Straaten fortfuhr, in wahren
-Ungeheuerlichkeiten über Christustränen, Erlöserblut und
-Versöhnungswein zu sprechen, durfte Melanie schließlich die Bemerkung
-wagen: »Du vergißt, Ezel, daß der Polizeirat katholisch ist.«
-
-»Ich bitte recht sehr,« sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem
-ertappt worden wäre.
-
-Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, daß ein vierzig
-Jahre lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles konfessionelle
-Plus oder Minus hinaus entscheidend sein und vor dem Richterstuhle
-der Ewigkeit angerechnet werden müsse. Und als bald darauf die Gläser
-abermals gefüllt und geleert worden waren, rückte Melanie den Stuhl,
-und man erhob sich, um im Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen.
-
-
-
-
-6
-
-Auf dem Heimwege
-
-
-Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war bereits gegen
-zehn, als der Diener meldete, daß der Wagen vorgefahren sei. Diese
-Meldung galt dem Gryczinskischen Paare, das, an den Dinertagen, seine
-Heimfahrt in der ihm bei dieser Gelegenheit ein für allemal zur
-Verfügung gestellten kommerzienrätlichen Equipage zu machen pflegte.
-Mäntel und Hüte wurden gebracht, und die schöne Jakobine, Hals und
-Kopf in ein weißes Filettuch gehüllt, stand alsbald in der Mitte des
-Kreises und wartete lachend und geduldig auf die beiden Maler, denen
-Gryczinski noch im letzten Augenblicke die Mitfahrt angeboten hatte.
-Das Parlamentieren darüber wollte kein Ende nehmen, und erst als man
-unten am Wagenschlage stand, entschied sich's und Gabler placierte
-sich nunmehr ohne weiteres auf den Rücksitz, während Elimar mit einem
-kräftigen Turnerschwunge seinen Platz auf dem Bocke nahm, angeblich
-aus Rücksicht gegen die Wageninsassen, in Wahrheit aus eigener
-Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte sich nämlich nach einem Gespräche
-mit dem Kutscher.
-
-Dieser, auch noch ein Erbstück aus des alten Van der Straaten Zeiten
-her, führte den unkutscherlichen Namen Emil, der jedoch seit lange
-seinen Verhältnissen angepaßt und in ein plattdeutsches »Ehm« abgekürzt
-worden war. Mit um so größerem Recht, als er wirklich in Fritz
-Reuterschen Gegenden das Licht der Welt erblickt und sich bis diesen
-Tag, neben seinem Berliner Jargon, einen Rest heimatlicher Sprache
-konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten, nahm gleich im
-ersten Momente des Zurechtrückens ein mehrklappiges Lederfutteral
-heraus, steckte dem Alten eine der obenaufliegenden Zigarren zu und
-sagte vertraulich: »Für'n Rückweg, Ehm.«
-
-Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut und damit
-waren die Präliminarien geschlossen.
-
-Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte vorüber
-kamen und in eine der schlechtgepflasterten Seitenstraßen einbogen,
-hielt Elimar den ersehnten Zeitpunkt für gekommen und sagte:
-
-»Ist denn der neue Herr schon da?«
-
-»Der Frankfurtsche? Ne, noch nich, Herr Schulze.«
-
-»Na, dann muß er aber doch bald ...«
-
-»I, woll. Bald muß er. Ich denke, so nächste Woche. Un de Stuben sind
-ooch all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't en Prinz wär', erst der
-Herr un nu ooch de Jnädge. Un Christel meent, he sall man en Jüdscher
-sinn.«
-
-»Aber reich. Und Offizier. Das heißt bei der Landwehr oder so.«
-
-»Is et möglich?«
-
-»Und er soll auch singen.«
-
-»Ja, singen wird er woll.«
-
-Elimar war eitel genug, an dieser letzteren Äußerung Anstoß zu nehmen,
-und da sich's gerade traf, daß in eben diesem Augenblicke der Wagen aus
-dem Wallstraßenportal auf den abendlich-stillen Opernplatz einbog, so
-gab er das Gespräch um so lieber auf, als er nicht wollte, daß dasselbe
-von den Insassen des Wagens verstanden würde.
-
-Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt worden, nicht
-aus Verstimmung, sondern nur aus Rücksicht gegen die junge Frau, die,
-herzlich froh über den zur Hälfte freigebliebenen Rücksitz, ihre
-kleinen Füße gegen das Polsterkissen gestemmt und sich bequem in den
-Fond des Wagens zurückgelehnt hatte. Sie war gleich beim Einsteigen
-ersichtlich müde gewesen, hatte, wie zur Entschuldigung, etwas von
-Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei höher gezogen
-und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen dem Palais und dem
-Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete sie sich wieder auf, weil sie
-jenen Allerloyalsten zugehörte, die sich schon beglückt fühlen, einen
-bloßen Schattenriß an dem herabgelassenen Vorhange des Eckfensters
-gesehn zu haben. Und wirklich, sie sah ihn und gab in ihrer reizenden,
-halb kindlich, halb koketten Weise, der Freude darüber Ausdruck.
-
-Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen am Brandenburger
-Tore hielt. Im Nu waren beide Maler, deren Weg hier abzweigte, von
-ihren Plätzen herunter und empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen
-Paare, das nun seinerseits durch die breite Schrägallee auf das
-Siegesdenkmal und die dahinter gelegene Alsenstraße zufuhr.
-
-Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten Platze waren,
-schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an ihren Gatten und
-sagte: »War das ein Tag, Otto. Ich habe dich bewundert.«
-
-»Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm. Er ist ein
-altes Kind.«
-
-»Und Melanie! ... Glaube mir, sie fühlt es. Und sie tut mir leid. Du
-lächelst so. Dir nicht?«
-
-»Ja und nein, ~ma chère~. Man hat eben nichts umsonst in der Welt. Sie
-hat eine Villa und eine Bildergalerie ...«
-
-»Aus der sie sich nichts macht. Du weißt ja, wie wenig sie daran
-hängt ...«
-
-»Und hat zwei reizende Kinder ...«
-
-»Um die ich sie fast beneide.«
-
-»Nun, siehst du,« lachte der Major. »Ein jeder hat die Kunst zu lernen,
-sich zu bescheiden und einzuschränken. Wär' ich mein Schwager, so würd'
-ich sagen ...«
-
-Aber sie schloß ihm den Mund mit einem Kuß, und im nächsten Augenblicke
-hielt der Wagen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Räte, der Legations- und der Polizeirat, waren an der Ecke
-des Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um bis an das Potsdamer
-Tor zu fahren. Von hier aus wollten sie den Rest des Weges, um der
-frischen Abendluft willen, zu Fuß machen. In Wahrheit aber hielten sie
-bloß zu dem Satze, »daß man im Kleinen sparen müsse, um sich im Großen
-legitimieren zu können,« wobei leider nur zu bedauern blieb, daß ihnen
-die »großen Gelegenheiten« entweder nie gekommen, oder regelmäßig von
-ihnen versäumt worden waren.
-
-Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort gewechselt worden,
-und erst beim Aussteigen hatte, bei der nun nötig werdenden Division
-von 2 in 6, ein Gespräch begonnen, das alle Parteien zufriedengestellt
-zu haben schien. Nur nicht den Kutscher. Beide Räte hüteten sich
-deshalb auch, sich nach dem letzteren umzusehen, vor allem Duquede,
-der, außerdem noch ein abgeschworener Feind aller Platzübergänge mit
-Eisenbahnschienen und Pferdebahngeklingel, überhaupt erst wieder in
-Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende Bellevuestraße
-glücklich erreicht hatte.
-
-Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke Seite des
-Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt:
-
-»Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute. Finden Sie
-nicht? Und ehrlich gestanden, ich begreif' ihn nicht. Er ist doch nun
-fünfzig und darüber und sollte sich die Hörner abgelaufen haben. Aber
-er ist und bleibt ein Durchgänger.«
-
-»Ja,« sagte Duquede, der einen Augenblick still stand, um Atem zu
-schöpfen, »etwas Durchgängerisches hat er. Aber, lieber Freund, warum
-soll er es nicht haben? Ich taxier' ihn auf eine Million, seine Bilder
-ungerechnet, und ich sehe nicht ein, warum einer in seinem eigenen
-Haus und an seinem eigenen Tisch nicht sprechen soll, wie ihm der
-Schnabel gewachsen ist. Ich bekenn' Ihnen offen, Reiff, ich freue mich
-immer, wenn er mal so zwischenfährt. Der Alte war auch so, nur viel
-schlimmer, und es hieß schon damals, vor vierzig Jahren: »Es sei doch
-ein sonderbares Haus und man könne eigentlich nicht hingehen.« Aber
-uneigentlich ging alles hin. Und so war es, und so ist es geblieben.«
-
-»Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.«
-
-»Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung und Erziehung.
-Das sind so zwei ganz moderne Wörter, die der »Große Mann« aufgebracht
-haben könnte, so sehr hass' ich sie. Bildung und Erziehung. Erstlich
-ist es in der Regel nicht viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist
-es auch noch nichts. Glauben Sie mir, es wird überschätzt. Und kommt
-auch nur bei uns vor. Und warum? Weil wir nichts Besseres haben. Wer
-gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber so viel hat, wie Van der
-Straaten, der braucht all die Dummheiten nicht. Er hat einen guten
-Verstand und einen guten Witz, und was noch mehr sagen will, einen
-guten Kredit. Bildung, Bildung. Es ist zum Lachen.«
-
-»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja, wenn es
-geblieben wäre, wie früher. Junggesellenwirtschaft. Aber nun hat er die
-junge Frau geheiratet, jung und schön und klug ...«
-
-»Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht soweit her,
-wie Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, französische Schweiz, und an allem
-Fremden verkucken sich die Berliner. Das ist wie Amen in der Kirche.
-Sie hat so ein bißchen Genfer Schick. Aber was will das am Ende sagen.
-Alles was die Genfer haben, ist doch auch bloß aus zweiter Hand. Und
-nun gar klug. Ich bitte Sie, was heißt klug? Er ist viel klüger. Oder
-glauben Sie, daß es auf 'ne französische Vokabel ankommt? oder auf den
-Erlkönig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche Manierchen und weiß
-sich unter Umständen ein Air zu geben. Aber es ist nicht viel dahinter,
-alles Firlefanz, und wird kolossal überschätzt.«
-
-»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« wiederholte der Polizeirat.
-»Und dann ist sie doch schließlich von Familie.«
-
-Duquede lachte. »Nein, Reiff, +das+ ist sie nun schließlich nicht.
-Und ich sag' Ihnen, da haben wir den Punkt, auf dem ich keinen Spaß
-verstehe. Caparoux. Es klingt nach was. Zugestanden. Aber was heißt es
-denn am Ende? Rotkapp oder Rotkäppchen. Das ist ein Märchenname, aber
-kein Adelsname. Ich habe mich darum gekümmert und nachgeschlagen. Und
-im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de Caparoux.«
-
-»Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten Stolz und wird
-sich doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen lassen wollen.«
-
-»Ich kenn' ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir einfach,
-er ist ein Generalstäbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft, und
-glauben Sie mir, Reiff, ich weiß warum. Unsere Generalstäbler werden
-überschätzt, kolossal überschätzt.«
-
-»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« ließ sich der Polizeirat ein
-drittes Mal vernehmen. »Bedenken Sie bloß, was Stoffel gesagt hat. Und
-nachher kam es auch so. Aber ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie
-liebenswürdig benahm er sich heute wieder! Wie liebenswürdig und wie
-vornehm.«
-
-»Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was vornehm
-ist. Und ich sag' Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders. Vornehm!
-Ein Schlaukopf ist er und weiter nichts. Oder glauben Sie, daß er
-die kleine Rotblondine mit den ewigen Schmachtaugen geheiratet hat,
-weil sie Caparoux hieß, oder meinetwegen auch de Caparoux? Er hat sie
-geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du himmlischer
-Vater, daß ich einem Polizeirat solche Lektion halten muß.«
-
-Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen Seite hin
-lagen, las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis zwischen
-dem Major und Melanie heraus und sah den langen hageren Duquede von der
-Seite her betroffen an.
-
-Dieser aber lachte und sagte: »Nicht +so+, Reiff, nicht +so+;
-Karrieremacher sind immer nur Courmacher. Nichts weiter. Es gibt
-heutzutage Personen (und auch +das+ verdanken wir unsrem großen
-Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute fallen läßt oder beiseite
-schiebt), es gibt, sag' ich, heutzutage Personen, denen alles bloß
-Mittel zum Zweck ist. Auch die Liebe. Und zu diesen Personen gehört
-auch unser Freund, der Major. Ich hätte nicht sagen sollen, er hat die
-Kleine geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist, sondern
-weil sie die Schwägerin ihres Schwagers ist. Er +braucht+ diesen
-Schwager, und ich sag' Ihnen, Reiff, denn ich kenne den Ton und die
-Strömung oben, es gibt weniges, was nach oben hin +so+ empfiehlt, wie
-das. Ein Schwager-Kommerzienrat ist nicht viel weniger wert, als ein
-Schwiegervater-Kommerzienrat und rangiert wenigstens gleich dahinter.
-Unter allen Umständen aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds,
-auf die jeden Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer Deckung da.«
-
-»Sie wollen also sagen ...«
-
-»Ich will gar nichts sagen, Reiff ... Ich meine nur so.«
-
-Und damit waren sie bis an die Bendlerstraße gekommen, wo beide sich
-trennten. Reiff ging auf die Von der Heydt-Brücke zu, während Duquede
-seinen Weg in gerader Richtung fortsetzte.
-
-Er wohnte dicht an der Hofjägerallee, sehr hoch, aber in einem sehr
-vornehmen Hause.
-
-
-
-
-7
-
-Ebenezer Rubehn
-
-
-Wenige Tage später hatte Melanie das Stadthaus verlassen und die
-Tiergartenvilla bezogen. Van der Straaten selbst machte diesen Umzug
-nicht mit und war, so sehr er die Villa liebte, doch immer erst vom
-September an andauernd draußen. Und auch das nur, weil er ein noch
-leidenschaftlicherer Obstzüchter als Bildersammler war. Bis dahin
-erschien er nur jeden dritten Tag als Gast und versicherte dabei
-jedem, der es hören wollte, daß dies die stundenweis ihm nachgezahlten
-Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie hütete sich wohl, zu
-widersprechen, war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst, und genoß in
-den zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit. Und dieses Glück
-war um vieles größer, als man, ihrer Stellung nach, die so dominierend
-und so frei schien, hätte glauben sollen. Denn sie dominierte nur,
-weil sie sich zu zwingen verstand; aber dieses Zwanges los und ledig
-zu sein, blieb doch ihr Wunsch, ihr beständiges, stilles Verlangen.
-Und das erfüllten ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen
-Liebesbeweisen und seinen Ungeniertheiten, nicht immer, aber doch
-meist, und das Bewußtsein davon gab ihr ein unendliches Wohlgefühl.
-
-Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden und
-beinah ungestörten Stilleben, dessen sie draußen genoß. Wohl liebte
-sie Stadt und Gesellschaft und den Ton der großen Welt, aber wenn
-die Schwalben wieder zwitscherten und der Flieder wieder zu knospen
-begann, da zog sie's doch in die Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum
-kaum eine Einsamkeit war, denn neben der Natur, deren Sprache sie
-wohl verstand, hatte sie Bücher und Musik, und -- die Kinder. Die
-Kinder, die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und an deren
-Aufwachsen und Lernen sie draußen in der Villa den regsten Anteil nahm.
-Ja, sie half selber nach, in den Sprachen, vor allem im Französischen,
-und durchblätterte mit ihnen Atlas und historische Bilderbücher. Und
-an alles knüpfte sie Geschichten, die sie dem Gedächtnis der Kinder
-einzuprägen wußte. Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem,
-worüber sie sprach, ein klares und anschauliches Bild zu geben.
-
-Es waren glückliche stille Tage.
-
-Möglich dennoch, daß es zu stille Tage gewesen wären, wenn das tiefste
-Bedürfnis der Frauennatur: das Plauderbedürfnis, unbefriedigt geblieben
-wäre. Aber dafür war gesorgt. Wie fast alle reichen Häuser, hatten auch
-die Van der Straatens einen Anhang ganz alter und halb alter Damen,
-die zu Weihnachten beschenkt und im Laufe des Jahres zu Kaffees und
-Landpartien eingeladen wurden. Es waren ihrer sieben oder acht, unter
-denen jedoch zwei durch eine besonders intime Stellung hervorragten,
-und zwar das kleine verwachsene Fräulein Friederike von Sawatzki und
-das stattlich hochaufgeschossene Klavier- und Singefräulein: Anastasia
-Schmidt. Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch, daß
-sie jeden zweiten Osterfeiertag durch Van der Straaten in Person
-befragt wurden, ob sie sich entschließen könnten, seiner Frau während
-der Sommermonate draußen in der Villa Gesellschaft zu leisten, eine
-Frage, die jedesmal mit einer Verbeugung und einem freundlichen »ja«
-beantwortet wurde. Aber doch nicht +zu+ freundlich, denn man wollte
-nicht verraten, daß die Frage erwartet war.
-
-Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkömmlich, als
-~Dames d'honneur~ installiert worden, hatten den Umzug mitgemacht, und
-erschienen jeden Morgen auf der Veranda, um gegen neun Uhr mit den
-Kindern das erste und um zwölf mit Melanie das zweite Frühstück zu
-nehmen.
-
-Auch heute wieder.
-
-Es mochte schon gegen eins sein und das Frühstück war beendet. Aber
-der Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug, der ging und
-sich verstärkte, weil alle Türen und Fenster offen standen, bewegte
-das rotgemusterte Tischtuch und von dem am andern Ende des Korridors
-gelegenen Musikzimmer her hörte man ein Stück der Cramerschen
-Klavierschule, dessen mangelhaften Takt in Ordnung zu bringen Fräulein
-Anastasia Schmidt sich anstrengte. »Eins zwei, eins zwei.« Aber niemand
-achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben Fräulein
-Riekchen, wie man sie gewöhnlich hieß, in einem Gartenstuhle saß und
-dann und wann von ihrer Handarbeit aufsah, um das reizende Parkbild
-unmittelbar um sie her, trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte,
-auf sich wirken zu lassen.
-
-Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage. Denn
-von hundert Gästen, die kamen, begnügten sich neunundneunzig damit,
-den Park von hier aus zu betrachten und zu beurteilen. Am Ende des
-Hauptganges, zwischen den eben ergrünenden Bäumen hin, sah man das
-Zittern und Flimmern des vorüberziehenden Stromes, aus der Mitte der
-überall eingestreuten Rasenflächen aber erhoben sich Aloen und Bosketts
-und Glaskugeln und Bassins. Eines der kleineren plätscherte, während
-auf der Einfassung des großen ein Pfauhahn saß und die Mittagsonne mit
-seinem Gefieder einzusaugen schien. Tauben und Perlhühner waren bis in
-unmittelbare Nähe der Veranda gekommen, von der aus Riekchen ihnen eben
-Krumen streute.
-
-»Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz,« sagte Melanie. »Und wir
-werden einen Krieg mit Van der Straaten haben.«
-
-»Ich fecht' ihn schon aus,« entgegnete die Kleine.
-
-»Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich, Riekchen, ich
-könnte ~jaloux~ werden, so sehr bevorzugt er dich. Ich glaube, du bist
-der einzige Mensch, der ihm alles sagen darf, und soviel ich weiß,
-ist er noch nie heftig gegen dich geworden. Ob ihm dein alter Adel
-imponiert? Sage mir deinen vollen Namen und Titel. Ich hör' es so gern
-und vergeß' es immer wieder.«
-
-»Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler von der Hölle,
-Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.«
-
-»Wunderschön,« sagte Melanie. »Wenn ich doch so heißen könnte! Und du
-kannst es glauben, Riekchen, das ist es, was einen Eindruck auf ihn
-macht.«
-
-Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen auch so
-beantwortet worden. Jetzt aber rückte diese den Stuhl näher an Melanie
-heran, nahm die Hand der jungen Frau und sagte: »Eigentlich sollt' ich
-böse sein, daß du deinen Spott mit mir hast. Aber wer könnte dir böse
-sein?«
-
-»Ich spotte nicht,« entgegnete Melanie. »Du mußt doch selber finden,
-daß er dich artiger und rücksichtsvoller behandelt als jeden andren
-Menschen.«
-
-»Ja,« sagte jetzt das arme Fräulein und ihre Stimme zitterte vor
-Bewegung. »Er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat, ein
-viel besseres, als mancher denkt und vielleicht auch als du selber
-denkst. Und er ist auch gar nicht so rücksichtslos. Er kann nur nicht
-leiden, daß man ihn stört oder herausfordert, ich meine solche, die's
-eigentlich nicht sollten oder dürften. Sieh, Kind, dann beherrscht er
-sich nicht länger, aber nicht weil er's nicht könnte, nein, weil er
-nicht +will+. Und er braucht es auch nicht zu wollen. Und wenn man
-gerecht sein will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich,
-und alle reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten
-Seite kennen. Alles überstürzt sich, erst in Dienstfertigkeit und
-hinterher in Undank. Und Undank ernten, ist eine schlechte Schule für
-Zartheit und Liebe. Und deshalb glauben die Reichen an nichts Edles und
-Aufrichtiges in der Welt. Aber das sag' ich dir und muß ich dir immer
-wieder sagen, dein Van der Straaten ist besser, als mancher denkt und
-als du selber denkst.«
-
-Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit, dann
-nickte Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und sagte: »Sprich nur
-weiter. Ich höre dich gerne so.«
-
-»Und ich will auch,« sagte diese. »Sieh, ich habe dir schon gesagt, er
-behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber das ist es noch
-nicht alles. Er ist auch so freundlich gegen mich, weil er mitleidig
-ist. Und mitleidig sein, ist noch viel mehr als bloß gütig sein und ist
-eigentlich das Beste, was die Menschen haben. Er lacht +auch+ immer,
-wenn er meinen langen Namen hört, geradeso wie du, aber ich hab' es
-gern, ihn so lachen zu hören, denn ich höre wohl heraus, was er dabei
-denkt und fühlt.«
-
-»Und was fühlt er denn?«
-
-»Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines Namens und dem,
-was ich bin: arm und alt und einsam, und ein bloßes Figürchen. Und wenn
-ich sage Figürchen, so beschönige ich noch und schmeichle noch mir
-selbst.«
-
-Melanie hatte das Battisttuch ans Auge gedrückt und sagte: »Du hast
-recht. Du hast immer recht. Aber wo nur Anastasia bleibt, die Stunde
-nimmt ja gar kein Ende. Sie quält mir die Liddi viel zu sehr, und das
-Ende vom Lied ist, daß sie dem Kind einen Widerwillen beibringt. Und
-dann ist es vorbei. Denn ohne Lieb' und ohne Lust ist nichts in der
-Welt. Auch nicht einmal in der Musik ... Aber da kommt ja Teichgräber
-und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin außer mir. Hätte viel
-lieber noch mit dir weiter geplaudert.«
-
-In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter, der sich vergeblich
-nach einem von der Hausdienerschaft umgesehen hatte, bis an die Veranda
-herangetreten und überreichte eine Karte.
-
-Melanie las: »Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn und Söhne) Leutnant
-in der Reserve des 5. Dragoner-Regiments ...«
-
-»Ah, sehr willkommen ... Ich lasse bitten ...« Und während sich der
-Alte wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das kleine Fräulein in
-übermütiger Laune fort: »Auch wieder einer. Und noch dazu aus der
-Reserve! Mir widerwärtig, dieser ewige Leutnant. Es gibt gar keine
-Menschen mehr.«
-
-Und sehr wahrscheinlich, daß sie diese Betrachtungen fortgesetzt
-hätte, wenn nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar geworden wäre,
-das über das rasche Näherkommen des Besuchs keinen Zweifel ließ. Und
-wirklich, im nächsten Augenblicke stand der Angemeldete vor der Veranda
-und verneigte sich gegen beide Damen.
-
-Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen.
-»Ich freue mich, Sie zu sehen. Erlauben Sie mir, Sie zunächst mit
-meiner lieben Freundin und Hausgenossin bekannt machen zu dürfen ...
-Herr Ebenezer Rubehn, ... Fräulein Friederike von Sawatzki!«
-
-Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns Zügen,
-das, wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch dem kleinen
-verwachsenen Fräulein, als ihr selber galt. Ebenezer war indessen
-Weltmann genug, um seines Erstaunens rasch wieder Herr zu werden, und
-sich ein zweites Mal gegen die Freundin hin verneigend, bat er um
-Entschuldigung, seinen Besuch auf der Villa bis heute hinausgeschoben
-zu haben.
-
-Melanie ging leicht darüber hin, ihrerseits bittend, die Gemütlichkeit
-dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines unabgeräumten
-Frühstückstisches entschuldigen zu wollen. »~Mais à la guerre, comme à
-la guerre~, eine kriegerische Wendung, an die mir's im übrigen ferne
-liegt, ernsthafte Kriegsgespräche knüpfen zu wollen.«
-
-»Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert haben
-möchten,« lachte Rubehn. »Aber fürchten Sie nichts. Ich weiß, daß sich
-Damen für das Kapitel Krieg nur so lange begeistern, als es Verwundete
-zu pflegen gibt. Von dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das
-Lazarett verläßt, ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen
-in allem recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der
-Welt, immer wieder eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem
-Wert und noch zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen, aber es ist das
-Schönste, was es gibt, zu helfen und zu heilen.«
-
-Melanie hatte, während er sprach, ihre Handarbeit in den Schoß gelegt
-und ihn fest und freundlich angesehen. »Ei, das lob' ich und hör' ich
-gern. Aber wer mit so warmer Empfindung von dem Hospitaldienst und dem
-Helfen und Heilen, das uns so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der
-hat diese Wohltat wohl an sich selbst erfahren. Und so plaudern Sie
-mir denn wider Willen, nach fünf Minuten schon, Ihre Geheimnisse aus.
-Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie würden scheitern damit,
-und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen, so werden Sie
-natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen: unseren Eigensinn
-und unser Rätselraten. Wir erraten alles ...«
-
-»Und immer richtig?«
-
-»Nicht immer, aber meist. Und nun erzählen Sie mir, wie Sie Berlin
-finden, unsere gute Stadt, und unser Haus, und ob Sie das Zutrauen zu
-sich haben, in Ihrem Hofkerker, dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe
-fehlen, nicht melancholisch zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres.
-Und wo nichts ist, hat, wie das Sprichwort sagt ...«
-
-»O, Sie beschämen mich, meine gnädigste Frau. Jetzt erst, nach meinem
-Eintreffen, weiß ich, wie groß das Opfer ist, das Sie mir gebracht
-haben. Und ich darf füglich sagen, daß ich bei besserer Kenntnis ...«
-
-Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem Hause hin,
-aus dem eben (die Musikstunde hatte schon vorher geschlossen) ein
-virtuoses und in jeder feinsten Nüancierung erkennbares Spiel bis auf
-die Veranda herausklang. Es war »Wotans Abschied« und Rubehn erschien
-so hingerissen, daß es ihm Anstrengung kostete, sich loszumachen und
-das Gespräch wieder aufzunehmen. Endlich aber fand er sich zurück und
-sagte, während er sich abermals gegen Riekchen verneigte: »Pardon,
-meine Gnädigste. Hatt' ich recht gehört? Fräulein von Sawatzki?«
-
-Das Fräulein nickte.
-
-»Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen Sommer über
-in Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar nach dem Kriege. Ein
-liebenswürdiger, junger Kavalier. Vielleicht ein Anverwandter ...?«
-
-»Ein Vetter,« sagte Fräulein Riekchen. »Es gibt nur wenige meines
-Namens und wir sind alle verwandt. Ich freue mich, aus Ihrem Munde von
-ihm zu hören. Er wurde noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet,
-fast am letzten Tage. Bei Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange
-nicht von ihm gehört. Hat er sich erholt?«
-
-»Ich glaube sagen zu dürfen, vollkommen. Er tut wieder Dienst im
-Regiment, wovon ich mich, ganz neuerdings erst, durch einen glücklichen
-Zufall überzeugen konnte ... Aber, mein gnädigstes Fräulein, wir werden
-unser Thema fallen lassen müssen. Die gnädige Frau lächelt bereits
-und bewundert die Geschicklichkeit, mit der ich, unter Heranziehung
-Ihres Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all seine Konsequenzen
-einzumünden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber dem wundervollen
-Spiele zuzuhören, das ... O, wie schade; jetzt bricht es ab ...«
-
-Er schwieg, und erst als es drinnen still blieb, fuhr er in einer ihm
-sonst fremden, aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen Emphase
-fort: »O, meine gnädigste Frau, welch ein Zaubergarten, in dem Sie
-leben. Ein Pfau, der sich sonnt, und Tauben, so zahm und so zahllos,
-als wäre diese Veranda der Markusplatz oder die Insel Cypern in Person!
-Und dieser plätschernde Strahl, und nun gar dieses Lied ... In der Tat,
-wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall unstatthaft und zudringlich
-sein könnte ...«
-
-Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben Schritte hörbar
-geworden und Melanie sagte mit einer halben Wendung: »Ah, Anastasia! Du
-kommst gerade zu guter Zeit, um den Dank und die Bewunderung unseres
-lieben Gastes und neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu
-nehmen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit einander bekannt mache: Herr
-Ebenezer Rubehn, Fräulein Anastasia Schmidt ... Und hier meine Tochter
-Lydia,« setzte Melanie hinzu, nach dem schönen Kinde hinzeigend, das,
-auf der Türschwelle, neben dem Musikfräulein stehen geblieben war und
-den Fremden ernst und beinah feindselig musterte.
-
-Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und so wandt' er sich
-ohne weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand Schmeichelhaftes über
-ihr Spiel und die Richtung ihres Geschmackes zu sagen.
-
-Diese verbeugte sich, während Melanie, der kein Wort entgangen war,
-aufs lebhafteste fortfuhr: »Ei, da dürfen wir Sie, wenn ich recht
-verstanden habe, wohl gar zu den Unseren zählen? Anastasia, das träfe
-sich gut! Sie müssen nämlich wissen, Herr Rubehn, daß wir hier in
-zwei Lagern stehen und daß sich das Van der Straatensche Haus, das
-nun auch das Ihrige sein wird, in bilderschwärmende Montecchi und
-musikschwärmende Capuletti teilt. Ich, ~tout à fait~ Capulet und Julia.
-Doch mit untragischem Ausgang. Und ich füge zum Überfluß hinzu, daß
-wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde zugehören, deren Namen
-und Mittelpunkt ich Ihnen nicht zu nennen brauche. Nur eines will
-ich auf der Stelle wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches
-Neugiersrecht. Welcher seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten
-Preis zu? Worin erscheint er Ihnen am bedeutendsten oder doch am
-eigenartigsten?«
-
-»In den Meistersingern.«
-
-»Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nächster Gelegenheit
-können wir Van der Straaten und Gabler, und vor allem den langen und
-langweiligen Legationsrat in die Luft sprengen. Den langen Duquede. O,
-der steigt wie ein Raketenstock. Nicht wahr, Anastasia?«
-
-Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die durch die ganze
-Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt war, fuhr in wachsendem
-Eifer fort: »Alles das sind erst Namen. Eine Woche noch oder zwei und
-Sie werden unsere kleine Welt kennen gelernt haben. Ich wünsche, daß
-Sie die Gelegenheit dazu nicht hinausschieben. Unsere Veranda hat für
-heute die Repräsentation des Hauses übernehmen müssen. Erinnern Sie
-sich, daß wir auch einen Flügel haben und versuchen Sie bald und oft,
-ob er Ihnen paßt. ~Au revoir.~«
-
-Er küßte der schönen Frau die Hand und unter gemessener Verbeugung
-gegen Riekchen und Anastasia verließ er die Damen. Über Lydia sah er
-fort.
-
-Aber diese nicht über ihn.
-
-»Du siehst ihm nach,« sagte Melanie. »Hat er dir gefallen?«
-
-»Nein.«
-
-Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück und in ihrem großen
-Auge stand eine Träne.
-
-
-
-
-8
-
-Auf der Stralauer Wiese
-
-
-Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen, und der
-günstige Eindruck, den er auf die Damen gemacht hatte, war im Steigen
-geblieben, wie das Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er
-in Gesellschaft Van der Straatens, der seinerseits an der allgemeinen
-Vorliebe für den neuen Hausgenossen teilnahm, und nie vergaß, ihm einen
-Platz anzubieten, wenn er selber in seinem hochrädrigen Kabriolett
-hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand in jenen Wochen über der
-Villa, drin es mehr Lachen und Plaudern, mehr Medisieren und Musizieren
-gab, als seit lange. Mit dem Musizieren vermochte sich Van der Straaten
-freilich auch jetzt nicht auszusöhnen, und es fehlte nicht an Wünschen
-wie der, »mit von der Schiffsmannschaft des fliegenden Holländers
-zu sein,« aber im Grunde genommen war er mit dem »anspruchsvollen
-Lärm« um vieles zufriedener, als er einräumen wollte, weil der
-von nun an in eine neue, gesteigerte Phase tretende Wagner-Kultus
-ihm einen unerschöpflichen Stoff für seine Lieblingsformen der
-Unterhaltung bot. Siegfried und Brünhilde, Tristan und Isolde, welche
-dankbaren Tummelfelder! Und es konnte, wenn er in Veranlassung dieser
-Themata seinem Renner die Zügel schießen ließ, mitunter zweifelhaft
-erscheinen, ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein Übermut die
-Glücklicheren waren.
-
-Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber, als an einem
-wundervollen Augustnachmittage Van der Straaten den Vorschlag einer
-Land- und Wasserpartie machte. »Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr
-in unserer Stadt und hat nichts gesehen, als was zwischen unserem
-Kontor und dieser unserer Villa liegt. Er muß aber endlich unsere
-landschaftlichen Schätze, will sagen unsere Wasserflächen und Stromufer
-kennen lernen, erhabene Wunder der Natur, neben denen die ganze
-heraufgepuffte Main- und Rheinherrlichkeit verschwindet. Also Treptow
-und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen haben wir den Stralauer
-Fischzug, der an und für sich zwar ein liebliches Fest der Maien, im
-übrigen aber etwas derb und nicht allzu günstig für Wiesewachs und
-frischen Rasen ist. Und so proponier' ich denn eine Fahrt auf morgen
-nachmittag. Angenommen?«
-
-Ein wahrer Jubel begleitete den Schluß der Ansprache, Melanie sprang
-auf, um ihm einen Kuß zu geben, und Fräulein Riekchen erzählte, daß es
-nun gerade dreiunddreißig Jahre sei, seit sie zum letztenmal in Treptow
-gewesen, an einem großen Dobremontschen Feuerwerkstage, -- derselbe
-Dobremont, der nachher mit seinem ganzen Laboratorium in die Luft
-geflogen. »Und in die Luft geflogen warum? Weil die Leute, die mit dem
-Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer die Gefahr vergessen. Ja,
-Melanie, du lachst. Aber, es ist so, immer die Gefahr vergessen.«
-
-Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten, und man
-kam überein, am anderen Tage zu Mittag in die Stadt zu fahren, daselbst
-ein kleines Gabelfrühstück einzunehmen und gleich danach die Partie
-beginnen zu lassen: die drei Damen im Wagen, Van der Straaten und
-Rubehn entweder zu Fuß oder zu Schiff. Alles regelte sich rasch und nur
-die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien auf kleine Schwierigkeiten
-stoßen zu sollen.
-
-»Gryczinskis?« fragte Van der Straaten und war zufrieden, als alles
-schwieg. Denn so sehr er an der rotblonden Schwägerin hing, in der
-er, um ihres anschmiegenden Wesens willen, ein kleines Frauenideal
-verehrte, so wenig lag ihm an dem Major, dessen superiore Haltung ihn
-bedrückte.
-
-»Nun denn, Duquede?« fuhr Van der Straaten fort und hielt das Krayon an
-die Lippe, mit dem er eventuell den Namen des Legationsrates notieren
-wollte.
-
-»Nein,« sagte Melanie. »Duquede nicht. Und so verhaßt mir der ewige
-Vergleich vom ›Mehltau‹ ist, so gibt es doch für Duquede keinen andern.
-Er würde von Stralow aus beweisen, daß Treptow, und von Treptow aus
-beweisen, daß Stralow überschätzt werde, und zu Feststellung dieses
-Satzes brauchen wir weder einen Legationsrat a. D., noch einen
-Altmärkischen von Adel.«
-
-»Gut, ich bin es zufrieden,« erwiderte Van der Straaten. »Aber Reiff?«
-
-»Ja, Reiff,« hieß es erfreut. Alle drei Damen klatschten in die Hände
-und Melanie setzte hinzu: »Er ist artig und manierlich und kein
-Spielverderber und trägt einem die Sachen. Und dann, weil ihn alle
-kennen, ist es immer, als führe man unter Eskorte, und alles grüßt
-so verbindlich, und mitunter ist es mir schon gewesen, als ob die
-Brandenburger Torwache ›heraus‹ rufen müsse.«
-
-»Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen,« sagte Anastasia, die
-nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich durch eine kleine
-Schmeichelei zu insinuieren. »Das ist um +deinetwillen+. Sie haben dich
-für eine Prinzessin gehalten.«
-
-»Ich bitte nicht abzuschweifen,« unterbrach Van der Straaten, »am
-wenigsten im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem Prinzipe
-von Zug um Zug, bis ins Ungeheuerliche steigern könnten. Ich habe
-Reiff notiert, und Arnold und Elimar verstehen sich von selbst. Eine
-Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding. Dies wird selbst von mir
-zugestanden. Und nun frag' ich, wer hat noch weitre Vorschläge zu
-machen? Niemand? Gut. So bleibt es bei Reiff und Arnold und Elimar,
-und ich werde sie per Rohrpost avertieren. Fünf Uhr. Und daß wir sie
-draußen bei Löbbekes erwarten.«
-
-Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf der Villa, viel,
-viel mehr als ob es sich um eine Reise nach Teplitz oder Karlsbad
-gehandelt hätte. Natürlich, eine Fahrt nach Stralow war ja das
-ungewöhnlichere. Die Kinder sollten mit, es sei Platz genug auf dem
-Wagen, aber Lydia war nicht zu bewegen und erklärte bestimmt, sie
-+wolle+ nicht. Da mußte denn, wenn man keine Szene haben wollte,
-nachgegeben werden, und auch die jüngere Schwester blieb, da sie sich
-daran gewöhnt hatte, dem Beispiele der ältern in all und jedem zu
-folgen.
-
-In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrühstück genommen und
-zwar in Van der Straatens Zimmer. Er wollt' es so jagd- und reisemäßig
-wie möglich haben und war in bester Laune. Diese wurd' auch nicht
-gestört, als in demselben Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte,
-ein Absagebrief Reiffs eintraf. Der Polizeirat schrieb: »Chef eben
-konfidentiell mit mir gesprochen. Reise heute noch. Elf Uhr fünfzig.
-Eine Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff. Pstskr. Ich
-bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu dürfen, daß ich
-untröstlich bin ...«
-
-Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten, weil er,
-unter dem Lesen, unklugerweise von seinem Sherry genippt hatte.
-Nichtsdestoweniger sprach er unter Husten und Lachen weiter und erging
-sich in Vorstellungen Reiffscher Großtaten. »In politischer Mission.
-Wundervoll. O lieb Vaterland, kannst ruhig sein. Aber +einen+ kenn'
-ich, der noch ruhiger sein darf: er, der Unglückliche, den er sucht.
-Oder sag' ich gleich rundweg: der Attentäter, dem er sich an die Fersen
-heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches muß es sich
-doch am Ende handeln, wenn man einen Mann wie Reiff allerpersönlichst
-in den Sattel setzt. Nicht wahr, Sattlerchen von der Hölle? Und heut
-abend noch! Die reine Ballade. ›Wir satteln nur um Mitternacht.‹ O,
-Leonore! O Reiff, Reiff.« Und er lachte konvulsivisch weiter.
-
-Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung draußen treffen
-wollte, wurden nicht geschont, bis endlich die Pendule vier schlug und
-zur Eile mahnte. Der Wagen wartete schon und die Damen stiegen ein und
-nahmen ihre Plätze: Fräulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf
-dem Rücksitz. Und mit ihren Fächern und Sonnenschirmen grüßend, ging
-es über Platz und Straßen fort, erst auf die Frankfurter Linden und
-zuletzt auf das Stralauer Tor zu.
-
-Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde später in
-einer Droschke zweiter Klasse, die man ›echtheits‹halber gewählt
-hatte, stiegen aber unmittelbar vor der Stadt aus, um nunmehr an den
-Flußwiesen hin den Rest des Weges zu Fuß zu machen.
-
- * * * * *
-
-Es schlug fünf, als unsre Fußgänger das Dorf erreichten und in
-Mitte desselben Ehms ansichtig wurden, der mit seinem Wagen, etwas
-ausgebogen, zur Linken hielt und den ohnehin wohlgepflegten Trakehnern
-einen vollen Futtersack eben auf die Krippe gelegt hatte. Gegenüber
-stand ein kleines Haus, wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen, bräunlich
-und appetitlich, und so niedrig, daß man bequem die Hand auf die
-Dachrinne legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch die kaum
-mannshohe Tür, über der, auf einem wasserblauen Schilde, »Löbbekes
-Kaffeehaus« zu lesen war. In Front des Hauses aber standen drei, vier
-verschnittene Lindenbäume, die den Bürgersteig von dem Straßendamme
-trennten, auf welchem letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und
-zwitscherten und die verlorenen Körner aufpickten.
-
-»Dies ist das Ship-Hotel von Stralow,« sagte Van der Straaten im
-Ciceroneton und war eben willens in das Kaffeehaus einzutreten, als Ehm
-über den Damm kam und ihm halb dienstlich halb vertraulich vermeldete,
-»daß die Damens schon vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren
-Malers auch. Und hätten beide schon vorher gewartet und gleich den
-Tritt runter gemacht und alles. Erst Herr Gabler und dann Herr Schulze.
-Und an der Würfelbude hätten sie Strippenballons und Gummibälle
-gekauft. Und auch Reifen und eine kleine Trommel und allerhand noch.
-Und einen Jungen hätten sie mitgenommen, der hätte die Reifen und
-Stöcke tragen müssen. Und Herr Elimar immer vorauf. Das heißt mit 'ner
-Harmonika.«
-
-»Um Gottes willen,« rief Van der Straaten, »Ziehharmonika?«
-
-»Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.«
-
-»Gott sei Dank! ... Und nun kommen Sie, Rubehn. Und du, Ehm, du wartest
-nicht auf uns und läßt dir geben ... Hörst du?«
-
-Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen Zügen aber war
-deutlich zu lesen: ich werde warten.
-
-Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan und dehnte sich
-bis an die Kirchhofsmauer hin. In Nähe dieser hatten sich die drei
-Damen gelagert und plauderten mit Gabler, während Elimar einen seiner
-großen Gummibälle monsieur-herkulesartig über Arm und Schulter laufen
-ließ.
-
-Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne her das
-Bravoklatschen und klatschten lebhaft mit. Und nun erst wurde man
-ihrer ansichtig, und Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur
-Begrüßung, einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig
-gezielt, der Ball ging seitwärts und Rubehn fing ihn auf. Im nächsten
-Augenblicke begrüßte man sich und die junge Frau sagte: »Sie sind
-geschickt. Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.«
-
-»Ich wollt', es wäre das Glück.«
-
-»Vielleicht ist es das Glück.«
-
-Van der Straaten, der es hörte, verbat sich alle derartig intrikaten
-Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren oder
-vielleicht auch Reiff in konfidentieller Mission abschicken werde.
-Worauf Rubehn ihn zum hundertsten Male beschwor, endlich von der
-»ewigen Braut« ablassen zu wollen, die wenigstens vorläufig noch im
-Bereiche der Träume sei. Van der Straaten aber machte sein kluges
-Gesicht und versicherte, »daß er es besser wisse«.
-
-Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück, die sich nun rasch in
-einen Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Bälle flogen, und da die
-Damen ein rasches Wechseln im Spiele liebten, so ging man, innerhalb
-anderthalb Stunden, auch noch durch Blindekuh und Gänsedieb und
-»Bäumchen, Bäumchen, verwechselt euch.« Das letztere fand am meisten
-Gnade, besonders bei Van der Straaten, dem es eine herzliche Freude
-war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren freundlichen und
-doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme herumgucken zu
-sehen. Denn sie hatte, wie die meisten Verwachsenen, ein Eulengesicht.
-
-Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rückzug mahnte.
-Harmonika-Schulze führte wieder und neben ihm marschierte Gabler, der
-das Trommelchen ganz nach Art eines Tambourins behandelte. Er schlug es
-mit den Knöcheln, warf es hoch und fing es wieder. Danach folgte das
-Van der Straatensche Paar, dann Rubehn und Fräulein Riekchen, während
-Anastasia träumerisch und Blumen pflückend den Nachtrab bildete. Sie
-hing süßen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar hatte beim
-Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallen lassen, die nicht mißdeutet
-werden konnten. Er hätte denn ein schändlicher und zweizüngiger Lügner
-sein müssen. Und das war er nicht ... Wer so rein und kindlich an der
-Tete dieses Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein
-Verräter sein.
-
-Und sie bückte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an einer
-Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks zu zählen.
-
-
-
-
-9
-
-Löbbekes Kaffeehaus
-
-
-Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden
-nichts verändert, mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge, die jetzt,
-statt auf dem Straßendamm, in den verschnittenen Linden saßen und
-quirilierten. Aber niemand achtete dieser Musik, am wenigsten Van der
-Straaten, der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst
-an die Spitze des Zuges gesetzt hatte. »~Attention!~« rief er und
-bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch
-hindurchzuzwängen.
-
-Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.
-
-Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur um ein
-erhebliches niedriger lag, als die Straße draußen, weshalb denn auch
-den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft entgegenkam, von der es schwer
-zu sagen war, ob sie durch ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann
-oder verlor. In der Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische
-mit Herd und Rauchfang, einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich,
-während von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang.
-Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und Tassen und
-unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen. Zwischen Tisch
-und Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien, eine große, starke
-Blondine von Mitte dreißig, die man ohne weiteres als eine Schönheit
-hätte hinnehmen müssen, wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und
-doch waren es eigentlich schöne Augen, an denen in Wahrheit nichts
-auszusetzen war, als daß sie sich daran gewöhnt hatten, alle Männer
-in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie zuzwinkerten: »wir
-treffen uns noch« und in solche, denen sie spöttisch nachriefen: »wir
-kennen euch besser.« Alles aber, was in diese zwei Klassen +nicht+
-hineinpaßte, war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken.
-
-Es muß leider gesagt werden, daß auch Van der Straaten von diesem
-Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre halber, im Gegenteil,
-sie wußte Jahre zu schätzen, nein, einzig und allein weil er von alter
-Zeit her die Schwäche hatte, sich ~à tout prix~ populär machen zu
-wollen. Und das war der Blondine das verächtlichste von allem.
-
-Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür und
-dahinter kam ein Garten, drin, um kümmerliche Bäume herum, ein
-Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten Stühlen von
-derselben Farbe standen. Rechts lief eine Kegelbahn, deren vorderstes
-unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an die Straße reichte.
-Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten
-hin, verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener
-Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von
-dem Sommergarten aus, auf einen großen, am Spreeufer sich hinziehenden
-und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte. An einer
-der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft zwei, drei Tische
-zusammen und hatte nun einen schmalen, zerbrechlichen Wassersteg und
-links davon ein festgeankertes, aber schon dem Nachbarhause zugehöriges
-Floß vor sich, an das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten.
-
-Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, um als
-Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben, die flußabwärts, im
-rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen Sommertages dalag. Elimar
-und Gabler aber waren auf den Wassersteg hinausgetreten. Alles freute
-sich des Bildes, und Van der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die
-Schloßkuppel. Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta?«
-
-»Salutè,« verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der letzten Silbe.
-
-»Gut, gut. Also Salutè,« wiederholte Van der Straaten, indem er jetzt
-auch seinerseits das e betonte. »Meinetwegen. Ich prätendiere nicht,
-der alte Sprachenkardinal zu sein, dessen Namen ich vergessen habe.
-~Salus salutis~, vierte Deklination, oder dritte, das genügt mir
-vollkommen. Und Salutà oder Salutè macht mir keinen Unterschied.
-Freilich muß ich sagen, so wenig zuverlässig die lieben Italiener
-in allem sind, so wenig sind sie's auch in ihren Endsilben. Mal a
-mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien und studieren wir lieber
-die Speisekarte. Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu
-Mund vermittelt wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden
-Erinnerung entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?«
-
-»Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen,« antwortete Anastasia
-pikiert. »Ich glaube nicht, daß sich eine Speisekarte von Mund zu Mund
-vermitteln läßt.«
-
-»Es käm' auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil wollte mich zu
-Lösung der Aufgabe verpflichten. Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr
-Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern birgt. Bis dahin muß es
-bleiben und bis dahin sei Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn'
-ich dich, in deiner Eigenschaft als Gabler, zum Erbküchenmeister und
-lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände.«
-
-»Was ich dankbarst akzeptiere,« bemerkte dieser, »immer vorausgesetzt,
-daß du mir, um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu
-sprechen, einige Direktiven erteilen willst.«
-
-»Gerne, gerne,« sagte Van der Straaten.
-
-»Nun denn, so beginne.«
-
-»Gut. So proponier' ich Aal und Gurkensalat ... Zugestanden?«
-
-»Ja,« stimmte der Chorus ein.
-
-»Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln ... Zugestanden?«
-
-»Ja.«
-
-»Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen wichtig
-genug. Ich hätte der Lösung derselben, mit Unterstützung Ehms
-und unsres Wagenkastens, vorgreifen können, aber ich verabscheue
-Landpartien mit mitgeschlepptem Weinkeller. Erstens kränkt man die
-Leute, bei denen man doch gewissermaßen immer noch zu Gaste geht, und
-zweitens bleibt man in dem Kreise des Althergebrachten, aus dem man
-ja gerade heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag' ich. Nicht
-um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, um die Sitten
-und Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher auch die Lokalspenden
-ihrer Dorf- und Gauschaften kennen zu lernen. Und da wir hier nicht im
-Lande Kanaan weilen, wo Kaleb die große Traube trug, so stimm' ich für
-das landesübliche Produkt dieser Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein
-Geld kein Schweizer; keine Weiße kein Stralow. Ich wette, daß selbst
-Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat. Und nun geh' Arnold.
-Und für Anastasia einen Anisette ... Kühle Blonde! Ob wohl unsere
-Blondine zwischen Tisch und Schapp in diese Kategorie fällt?«
-
-Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden Sonne
-zugesehn und auf dem gebrechlichen Wasserstege, nach Art eines
-Turners, der zum Hocksprung ansetzt, seine Knie gebogen und wieder
-angestrafft. Alles mechanisch und gedankenlos. Plötzlich aber, während
-er noch so hin und her wippte, knackte das Brett und brach, und
-nur der Geistesgegenwart, mit der er nach einem der Pfähle griff,
-mocht' er es zuschreiben, daß er nicht in das gerad' an dieser
-Dampfschiffanlegestelle sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen
-schrien laut auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich
-selbst Gerettete mit einem gewissen Siegeslächeln erschien, das unter
-den sich jagenden Vorwürfen von »Tollkühnheit« und »Gleichgültigkeit
-gegen die Gefühle seiner Mitmenschen« eher wuchs als schwand.
-
-Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen, ohne
-von einer Fülle von Kommentaren und Hypothesen begleitet zu werden, in
-denen die Wörter »wenn« und »was« die Hauptrolle spielten und endlos
-wiederkehrten. +Was+ würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht
-rechtzeitig ergriffen hätte? +Was+, wenn er trotzdem hineingefallen,
-endlich +was+, wenn er nicht zufällig ein guter Schwimmer gewesen wäre?
-
-Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wieder gewonnen hatte,
-behauptete, daß Van der Straaten unter allen Umständen hätte
-nachspringen müssen, und zwar erstens als Urheber der Partie, zweitens
-als resoluter Mann und drittens als Kommerzienrat, von denen, allen
-historischen Aufzeichnungen nach, noch keiner ertrunken wäre. Selbst
-bei der Sintflut nicht.
-
-Van der Straaten liebte nichts mehr, als solche Neckereien seiner Frau,
-verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute Heldentum, gegen
-alle daraus zu ziehenden Konsequenzen.
-
-Er halte weder zu der alten Firma Leander, noch zu der neuen des
-Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem was Heroismus angehe,
-ganz zu der Schule seines Freundes Heine, der, bei jeder Gelegenheit,
-seiner äußersten Abneigung gegen tragische Manieren einen ehrlichen und
-unumwundenen Ausdruck gegeben habe.
-
-»Aber,« entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind doch nun mal
-gerade +das+, was wir Frauen von euch verlangen.«
-
-»Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte Van der Straaten. »Lustige
-Manieren verlangt ihr und einen jungen Fant, der euch beim
-Zwirnwickeln die Docke hält und auf ein Fußkissen niederkniet, darauf
-sonderbarerweise jedesmal ein kleines Hündchen gestickt ist. Mutmaßlich
-als Symbol der Treue. Und dann seufzt er, der Adorante, der betende
-Knabe, und macht Augen und versichert euch seiner innigsten Teilnahme.
-Denn ihr +müßtet+ unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen und Pause.
-Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer seien
-gut), aber ~enfin~, ein Mann müsse nicht bloß gut sein, ein Mann müsse
-seine Frau +verstehen+. Darauf komm' es an, sonst sei die Ehe niedrig,
-so niedrig, mehr als niedrig. Und dann seufzt er zum drittenmal.
-Und wenn der Zwirn endlich abgewickelt ist, was natürlich solange
-wie möglich dauert, so glaubt ihr es auch. Denn jede von euch ist
-wenigstens für einen indischen Prinzen oder für einen Schah von Persien
-geboren. Allein schon wegen der Teppiche.«
-
-Melanie hatte während dieser echt Van der Straatenschen Expektoration
-ihren Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und mit einem Anfluge von
-Hochmut: »Ich weiß nicht, Ezel, warum du beständig von Zwirn sprichst.
-Ich wickle Seide.«
-
-Sehr wahrscheinlich, daß es dieser Bemerkung an einer spitzen Replik
-nicht gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine dralle, kurzärmelige
-Magd erschienen und auf Augenblicke hin der Gegenstand allgemeiner
-Aufmerksamkeit geworden wäre. Schon um des virtuosen Puffs und Knalls
-willen, womit sie, wie zum Debüt, ihr Tischtuch auseinanderschlug.
-Und sehr bald nach ihr erschienen denn auch die dampfenden Schüsseln
-und die hohen Weißbierstangen, und selbst der Anisette für Anastasia
-war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich der lebens-
-und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen Damenstellung zur
-Anisette-Frage rechtzeitig erinnert hatte. Und in der Tat, er mußte
-lächeln (und Van der Straaten mit ihm), als er gleich nach dem
-Erscheinen des Tabletts auch Riekchen nippen und ihre Eulenaugen immer
-größer und freundlicher werden sah.
-
-Inzwischen war es dämmerig geworden und mit der Dämmerung kam die
-Kühle. Gabler und Elimar erhoben sich, um aus dem Wagen eine Welt von
-Decken und Tüchern heranzuschleppen, und Melanie, nachdem sie den
-schwarz- und weißgestreiften Burnus umgenommen und die Kapuze kokett
-in die Höhe geschlagen hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der
-Seidenpuscheln hing ihr in die Stirn und bewegte sich hin und her, wenn
-sie sprach, oder dem Gespräche der andern lebhaft folgte. Und dieses
-Gespräch, das sich bis dahin medisierend um die Gryczinskis und vor
-allem auch um den Polizeirat und die neue, katilinarische Verschwörung
-gedreht hatte, fing endlich an sich näherliegenden und zugleich auch
-harmloseren Thematas zuzuwenden, beispielsweise wie hell der »Wagen« am
-Himmel stünde.
-
-»Fast so hell wie der große Bär,« schaltete Riekchen ein, die nicht
-fest in der Himmelskunde war. Und nun entsann man sich, daß dies gerade
-die Sternschnuppennächte wären, auf welche Mitteilung hin Van der
-Straaten nicht nur die fallenden Sterne zu zählen anfing, sondern sich
-schließlich auch bis zu dem Satze steigerte, »daß alles in der Welt
-eigentlich nur des Fallens wegen da sei: die Sterne, die Engel, und nur
-die Frauen nicht.«
-
-Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten Van der
-Straaten, und nachdem noch eine ganze Weile gezählt und gestritten
-und der Abend inzwischen immer kälter geworden war, einigte man sich
-dahin, daß es zur Bekämpfung dieser Polarzustände nur ein einzig
-erdenkbares Mittel gäbe: eine Glühweinbowle. Van der Straaten selbst
-machte den Vorschlag und definierte: »Glühwein ist diejenige Form des
-Weines, in der der Wein nichts und das Gewürznägelchen alles bedeutet,«
-auf welche Definition hin es gewagt und die Bestellung gemacht wurde.
-Und siehe da, nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon, erschien auch die
-blonde Wirtin in Person, um die Bowle vorsorglich inmitten des Tisches
-niederzusetzen.
-
-Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter Lachen all
-der aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste den warmen und
-erquicklichen Dampf einsogen. Ein reizender blonder Junge war mit ihr
-gekommen und hielt sich an der Schürze der Mutter fest.
-
-»Ihre?« fragte Van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.
-
-»Na, wen sonst,« antwortete die Blondine nüchtern und suchte mit Rubehn
-über den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. Als es aber mißlang,
-ergriff sie die blonden Locken ihres Jungen, spielte damit und sagte:
-»Komm, Pauleken. Die Herrschaften sind lieber alleine.«
-
-Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich rief er:
-»Gott sei Dank, nun hab' ich's. Ich wußte doch, ich hatte sie schon
-gesehn. Irgendwo. Triumphzug des Germanikus; Thusnelda, wie sie leibt
-und lebt.«
-
-»Ich kann es nicht finden,« erwiderte Van der Straaten, der ein
-Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht in Verhältnissen
-und Leibesumfängen, immer vorausgesetzt, daß man von solchen Dingen
-in Gegenwart unserer Damen sprechen darf. Aber Anastasia wird es
-verzeihen, und um den Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei
-Piloty gibt sich Thumelikus noch als ein Werdender, während wir ihn
-hier bereits an der Schürze seiner Mutter hatten. An der weißesten
-Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiß wie Schnee und
-weißer noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.«
-
-Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen
-Singsangmanier von ihm gesprochen worden, und Rubehn, dem es mißfiel,
-wandte sich ab und blickte nach links hin auf den von Lichtern
-überblitzten Strom. Melanie sah es und das Blut schoß ihr zu Kopf,
-wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und Redeweise hatte sie, durch all
-die Jahre hin, viel Hunderte von Malen in Verlegenheit gebracht, auch
-wohl in bittere Verlegenheiten, aber dabei war es geblieben. Heute zum
-ersten Male schämte sie sich seiner.
-
-Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung und
-klammerte sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff, in der
-an und für sich ganz richtigen Erkenntnis, etwas Besseres für seine
-Spezialansprüche nicht finden zu können.
-
-»Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist? Höher hinauf, meine
-Freunde. Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, Venus
-Spreavensis, frisch aus demselben Wasser gestiegen, das uns eben
-erst unsern teuren Elimar zu rauben trachtete. Das Wasser rauscht,
-das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, sag' ich. Aber so mich
-nicht alles täuscht, haben wir hier +mehr+, meine Freunde. Wir
-haben hier, wenn ich richtig beobachtet oder sagen wir, wenn ich
-richtig geahnt habe, eine Vermählung von Modernem und Antikem: Venus
-Spreavensis und Venus Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum' es
-ein. Aber in Griechisch und Musik darf man alles sagen. Nicht wahr,
-Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Außerdem entsinn' ich mich, zu meiner
-Rechtfertigung, eines wundervollen Kallipygosepigramms ... Nein, nicht
-Epigramms ... Wie heißt etwas Zweizeiliges, was sich nicht reimt ...«
-
-»Distichon.«
-
-»Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons ... bah, da hab' ich
-es vergessen ... Melanie, wie war es doch? Du sagtest es damals so
-gut und lachtest so herzlich. Und nun hast du's auch vergessen. Oder
-+willst+ du's bloß vergessen haben? ... Ich bitte dich ... Ich hasse
-das ... Besinne dich. Es war etwas von Pfirsichpflaum und ich sagte
-noch ›man fühl' ihn ordentlich‹. Und du fandst es auch und stimmtest
-mit ein ... Aber die Gläser sind ja leer ...«
-
-»Und ich denke, wir lassen sie leer,« sagte Melanie scharf und
-wechselte die Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm auf- und
-zumachte. »Ich denke, wir lassen sie leer. Es ist ohnehin Glühwein. Und
-wenn wir noch hinüber wollen, so wird es Zeit sein, +hohe+ Zeit,« und
-sie betonte das Wort.
-
-»Ich bin es zufrieden,« entgegnete Van der Straaten, aber in einem
-Tone, der nur allzu deutlich erkennen ließ, daß seine gute Stimmung in
-ihr Gegenteil umzuschlagen begann. »Ich bin es zufrieden und bedauere
-nur, allem Anscheine nach, wieder einmal Anstoß gegeben und das adlige
-Haus de Caparoux in seinen höheren Aspirationen verschnupft zu haben.
-Es ist immer das alte Lied, das ich nicht gerne höre. +Wenn+ ich es
-aber hören will, so lad' ich mir meinen Schwager-Major zu Tische, der
-ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und der Langenweile.
-Heute fehlt er hier und ich hätte gern darauf verzichtet, ihn durch
-seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen. Ich hasse Prüderien und jene
-Prätensionen höherer Sittlichkeit, hinter denen nichts steckt. Im
-günstigsten Falle nichts steckt. Ich darf das sagen und jedenfalls
-+will+ ich es sagen, und was ich gesagt habe, das habe ich gesagt.«
-
-Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, wieder
-einzulenken, mißlang, und in ziemlich geschäftsmäßigem, wenn auch
-freilich wieder ruhiger gewordenem Tone wurden alle noch nötigen
-Verabredungen zur Überfahrt nach Treptow in zwei kleinen Booten
-getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung der nächsten Brücke, die
-Herrschaften am andern Ufer erwarten. Alles stimmte zu, mit Ausnahme
-von Fräulein Riekchen, die verlegen erklärte, »daß Bootschaukeln,
-von klein auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich Van der Straaten
-in einem Anfalle von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube
-zurückbleiben und das Anlegen des nächsten, vom »Eierhäuschen« her
-erwarteten Dampfschiffes abpassen zu wollen.
-
-
-
-
-10
-
-Wohin treiben wir?
-
-
-Es währte nicht lange, so steuerten von einer dunklen, etwas weiter
-flußaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei Jollen auf das Floß zu,
-jede mit einer Stocklaterne vorn an Bord. In der kleineren saß derselbe
-Junge, der schon am Nachmittage die Reifen auf die Kirchhofswiese
-hinausgetragen hatte, während die größere Jolle, leer und bloß
-angekettet, im Fahrwasser der anderen nachschwamm. Es gab einen
-hübschen Anblick, und kaum daß die beiden Fahrzeuge lagen, so stiegen
-auch, vom Floß aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: Rubehn und
-Melanie in das kleinere, die beiden Maler und Anastasia in das größere
-Boot, eine Verteilung, die sich wie von selber machte, weil Elimar und
-Gabler gute Kahnfahrer waren und jeder anderweitigen Führung entbehren
-konnten. Sie nahmen denn auch die Tete und der Junge mit der kleineren
-Jolle folgte.
-
-Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte dann zu dem
-Fräulein: »Es ist mir ganz lieb, Riekchen, daß wir zurückgeblieben sind
-und auf das Dampfschiff warten müssen. Ich habe Sie schon immer fragen
-wollen, wie gefällt Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht
-viel, und wer nicht viel spricht, der beobachtet gut.«
-
-»O, er gefällt mir.«
-
-»Und +mir+ gefällt es, Riekchen, daß er Ihnen gefällt. Nur das ›o‹
-beklag' ich, denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, und ›o, er
-gefällt mir‹, ist eigentlich nicht viel besser, als ›o, er gefällt mir
-+nicht+‹. Sie sehen, ich lasse Sie nicht wieder los. Also nur immer
-tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur o? Woran liegt es? Wo fehlt
-es? Mißtrauen Sie seinen Dragonerreserveleutnants-Allüren? Ist er Ihnen
-zu kavaliermäßig oder zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still, zu
-bescheiden oder zu stolz, zu warm oder zu kalt?«
-
-»Damit möchten Sie's getroffen haben.«
-
-»Womit?«
-
-»Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das erstemal
-sah, hatt' ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll so gut wie
-Anastasia. Natürlich nicht. Anastasia singt und ist exzentrisch und
-will einen Mann haben.«
-
-»Will jede.«
-
-»Ich auch?« lachte die Kleine.
-
-»Wer weiß, Riekchen.«
-
-»... Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der Veranda, gleich
-nach dem zweiten Frühstück, wir hatten eben die blauen Milchsatten
-zurückgeschoben, und es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Da kam
-der alte Teichgräber und brachte seine Karte. Und dann kam er selbst.
-Nun, er hat etwas Distinguiertes und man sieht auf den ersten Blick,
-daß er die kleine Not des Lebens nicht kennen gelernt hat. Und das
-ist immer hübsch und das Hübsche davon soll ihm unbenommen sein. Er
-hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage was Reserviertes,
-so hab' ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein ist gut und
-schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt' ich, es sei die
-kleine gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, auch den Mann von
-Welt, und er werd' es ablegen. Aber bald konnt' ich sehen, daß es nicht
-Scheu war. Nein, ganz im Gegenteil. Es ist Selbstbewußtsein. Er hat
-etwas amerikanisch Sicheres. Und so sicher er ist, so kalt ist er auch.«
-
-»Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht der Platz,
-um Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.«
-
-»Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider +ver+lernen.«
-
-»Verlernen?« lachte Van der Straaten. »Ich bitte Sie, Riekchen, er ist
-ja ein Frankfurter!«
-
- * * * * *
-
-Während dieses Gespräch in dem Glassalon geführt wurde, steuerten die
-beiden Boote der Mitte des Stromes zu. Auf dem größeren war Scherz
-und Lachen, aber auf dem kleineren, das folgte, schwieg alles und
-Melanie beugte sich über den Rand und ließ das Wasser durch ihre Finger
-plätschern.
-
-»Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen Freundin?«
-
-»Es kühlt. Und ich hab' es so heiß.«
-
-»So legen Sie den Burnus ab« ... Und er erhob sich, um ihr behilflich
-zu sein.
-
-»Nein,« sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.« Und er sah nun,
-daß sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte.
-
-Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach und horchten
-auf die Lieder, die von dorther herüberklangen. Erst war es »~Long,
-long ago~« und immer wenn der Refrain kam, summte Melanie die Zeile
-mit. Und nun lachten sie drüben, und neue Lieder wurden intoniert und
-ebenso rasch wieder verworfen, bis man sich endlich über eines geeinigt
-zu haben schien. »O säh' ich auf der Heide dort.« Und wirklich, sie
-hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie sang nicht
-leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer Stimme ihre Bewegung
-zu verraten.
-
-Und nun waren sie mitten auf dem Strom, außer Hörweite von den
-Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide fuhr, zog mit einem Ruck
-die Ruder ein und legte sich bequem ins Boot nieder und ließ es treiben.
-
-»Er sieht auch zu den Sternen auf,« sagte Rubehn.
-
-»Und zählt, wie viele fallen,« lachte Melanie bitter. »Aber Sie dürfen
-mich nicht so verwundert ansehen, lieber Freund, als ob ich etwas
-Besonderes gesagt hätte. Das ist ja, wie Sie wissen, oder wenigstens
-seit +heute+ wissen müssen, der Ton unsres Hauses. Ein bißchen spitz,
-ein bißchen zweideutig und immer unpassend. Ich befleißige mich der
-Ausdrucksweise meines Mannes. Aber freilich ich bleibe hinter ihm
-zurück. Er ist eben unerreichbar und weiß so wundervoll alles zu
-treffen, was kränkt und bloßstellt und beschämt.«
-
-»Sie dürfen sich nicht verbittern.«
-
-»Ich verbittere mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und weil ich
-es bin und es los sein möchte, deshalb sprech' ich so. Van der
-Straaten ...«
-
-»Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub' ich ... Und er ist
-gut.«
-
-»Und er ist gut,« wiederholte Melanie heftig und in beinahe
-krampfhafter Heiterkeit. »Alle Männer sind gut! ... Und nun fehlt
-nur noch der Zwirnwickel und das Fußkissen mit dem Symbol der Treue
-darauf, so haben wir alles wieder beisammen. O Freund, wie konnten Sie
-nur +das+ sagen, und um ihn zu rechtfertigen so ganz in seinen Ton
-verfallen!«
-
-»Ich würde durch jeden Ton Anstoß gegeben haben.«
-
-»Vielleicht ... Oder sagen wir lieber gewiß. Denn es war zu viel,
-dieser ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter vier Augen gehören,
-und das kaum. Aber er kennt kein Geheimnis, weil ihm nichts des
-Geheimnisses wert dünkt. Weil ihm nichts heilig ist. Und wer anders
-denkt, ist scheinheilig oder lächerlich. Und das vor Ihnen ...«
-
-Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte.
-
-Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten um sie her,
-und das Boot schaukelte leis und trieb im Strom und in Melanies Herzen
-erklang es immer lauter: wohin treiben wir?
-
-Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben Frage beunruhigt
-worden wäre, denn er sprang plötzlich auf und sah sich um, und
-wahrnehmend, daß sie weit über die rechte Stelle hinaus waren, griff er
-jetzt mit beiden Rudern ein und warf die Jolle nach linksherum, um so
-schnell wie möglich aus der Strömung heraus und dem andern Ufer wieder
-näher zu kommen. Und sieh, es gelang ihm auch, und ehe fünf Minuten um
-waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern erhellten Baumgruppen
-des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie hörten Anastasias Lachen
-auf dem vorauffahrenden Boot. Und nun schwieg das Lachen und das Singen
-begann wieder. Aber es war ein andres Lied und über das Wasser hin
-klang es »Rothtraut, Schön-Rothtraut«, erst laut und jubelnd, bis es
-schwermütig in die Worte verklang: »Schweig stille, mein Herze.«
-
-»Schweig stille, mein Herze,« wiederholte Rubehn und sagte leise »soll
-es?«
-
-Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, an dem Elimar
-und Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit warteten. Und gleich
-darauf kam auch das Dampfschiff, und Riekchen und Van der Straaten
-stiegen aus. Er heiter und gesprächig.
-
-Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den Abend gestört
-hatte, vollkommen vergessen zu haben.
-
-
-
-
-11
-
-Zum Minister
-
-
-»Wohin treiben wir?« hatte es in Melanies Herzen gefragt und die Frage
-war ihr unvergessen geblieben. Aber der fieberhaften Erregung jener
-Stunde hatte sie sich entschlagen, und in den Tagen, die folgten, war
-ihr die Herrschaft über sich selbst zurückgekehrt.
-
-Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen
-Augenblick zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn am Gitter
-draußen halten und gleich darauf auf die Veranda zukommen sah. Sie ging
-ihm wie gewöhnlich einen Schritt entgegen und sagte: »Wie ich mich
-freue, Sie wieder zu sehen! Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und
-Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. Aber die
-Strafe folgt Ihnen auf dem Fuße. Sie treffen nur Anastasia und mich.
-Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch freilich nicht
-genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen und erzieht sieben
-kleine Vettern auf dem Lande. Lauter Jungen und lauter Sawatzkis, und
-in ihren übermütigsten Stunden auch mutmaßlich lauter Sattler von der
-Hölle.«
-
-»Sagen wir lieber gewiß. Und dazu Riekchen als Präzeptor und Regente.
-Muß das eine Zügelführung sein!«
-
-»O, Sie verkennen sie; sie weiß sich in Respekt zu setzen.«
-
-»Und doch möcht' ich die Verzweiflung des Gärtners über zertretene
-Rabatten und die des Försters über angerichteten Wildschaden nicht mit
-Augen sehn. Denn ein kleiner Junker schießt alles, was kreucht und
-fleucht. Und nun gar sieben. Aber ich vergesse, mich meines Auftrages
-zu entledigen. Van der Straaten ... Ihr Herr Gemahl ... bittet, ihn zu
-Tisch +nicht+ erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und zwar
-in Sachen einer Enquete. Freilich erst morgen. Aber heute hat er das
-Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine gnädigste Frau, es gibt jetzt
-nur noch Enqueten.«
-
-»Es gibt nur noch Enqueten, aber es gibt keine gnädigste Frauen mehr.
-Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen uns. Eine Gnädigste
-bin ich überhaupt nur bei Gryczinskis. Ich bin Ihre gute Freundin und
-weiter nichts. Nicht wahr?« Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und
-küßte. »Und ich will nicht,« fuhr sie fort, »daß wir diese sechs Tage
-nur gelebt haben, um unsre Freundschaft um ebenso viele Wochen zurück
-zu datieren. Also nichts mehr von einer ›gnädigsten Frau‹.« Und dabei
-zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug und ihre Stimme
-zitterte bei der Erinnerung an den Abend, der nur zu deutlich vor ihrer
-Seele stand.
-
-»Ja, lieber Freund,« nahm sie nach einer kurzen Pause wieder das
-Wort, »ich mußte das zwischen uns klar machen. Und da wir einmal
-beim Klarmachen sind, so muß auch noch ein andres heraus, auch etwas
-Persönliches und Diffiziles. Ich muß Ihnen nämlich endlich einen Namen
-geben. Denn Sie haben eigentlich keinen Namen, oder wenigstens keinen,
-der zu brauchen wäre.«
-
-»Ich dächte doch ...« sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge von
-Verlegenheit und Mißstimmung.
-
-»Ich dächte doch,« wiederholte Melanie und lachte. »Daß doch auch die
-Klugen und Klügsten auf +diesen+ Punkt hin immer empfindlich sind! Aber
-ich bitte Sie, sich aller Empfindlichkeiten entschlagen zu wollen. Sie
-sollen selbst entscheiden. Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen
-die Frage: ob Ebenezer ein Name ist? Ich meine ein Name fürs Haus,
-fürs Geplauder, für die Causerie, die doch nun mal unser Bestes ist!
-Ebenezer! O Sie dürfen nicht so bös aussehen. Ebenezer ist ein Name für
-einen Hohenpriester oder für einen, der's werden will, und ich seh'
-ihn ordentlich, wie er das Opfermesser schwingt. Und sehen Sie, davor
-schaudert mir. Ebenezer ist ~au fond~ nicht besser als Aaron. Und es
-ist auch nichts daraus zu machen. Aus Ezechiel habe ich mir einen Ezel
-glücklich kondensiert. Aber Ebenezer!«
-
-Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte dann: »Ich
-wüßte schon eine Hilfe.«
-
-»O, die weiß ich auch. Und ich könnte sogar alles in einen allgemeinen
-und fast nach Grammatik klingenden Satz bringen. Und dieser Satz würde
-sein: Um- und Rückformung des abstrusen Familiennamens Rubehn in den
-alten, mir immer lieb gewesenen Vornamen Ruben.«
-
-»Und das wollt' ich auch sagen,« eiferte Anastasia.
-
-»Aber ich +hab'+ es gesagt.«
-
-Und in diesem Prioritätsstreite scherzte sich Melanie mehr und mehr
-in den Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr endlich, gegen
-Rubehn gewendet, fort: »Und wissen Sie, lieber Freund, daß mir diese
-Namensgebung wirklich etwas bedeutet? Ruben, um es zu wiederholen,
-war mir von jeher der Sympathischste von den Zwölfen. Er hatte das
-Hochherzige, das sich immer bei dem Ältesten findet, einfach weil
-er der Älteste ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die
-natürliche Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor
-Mesquinerie und Intrigue.«
-
-»Jeder Erstgeborene wird Ihnen für diese Verherrlichung dankbar sein
-müssen, und jeder Ruben erst recht. Und doch gesteh' ich Ihnen offen,
-ich hätt' unter den Zwölfen eine andere Wahl getroffen.«
-
-»Aber gewiß keine bessere. Und ich hoff' es Ihnen beweisen zu können.
-Über die sechs Halblegitimen ist weiter kein Wort zu verlieren; Sie
-nicken, sind also einverstanden. Und so nehmen wir denn, als erstes
-Betrachtungsobjekt, die Nestküken der Familie, die Muttersöhnchen. Es
-wird so viel von ihnen gemacht, aber Sie werden mir zustimmen, daß die
-spätere ägyptische Exzellenz nicht so ganz ohne Not in die Zisterne
-gesteckt worden ist. Er war einfach ein ~enfant terrible~. Und nun gar
-der Jüngste! Verwöhnt und verzogen. Ich habe selbst ein Jüngstes und
-weiß etwas davon zu sagen ... Und so bleiben uns denn wirklich nur die
-vier alten Grognards von der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre
-Meriten. Aber doch ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der
-Levit, und in dem Juda das Königtum, -- ein Stückchen Illoyalität, das
-Sie mir als freier Schweizerin zugute halten müssen. Und so sehen wir
-uns denn vor den Rest gestellt, vor die beiden letzten, die natürlich
-die beiden ersten sind. ~Eh bien~, ich will nicht mäkeln und feilschen
-und will dem Simeon lassen, was ihm zukommt. Er war ein Charakter
-und als solcher wollt' er dem Jungen ans Leben. Charaktere sind nie
-für halbe Maßregeln. Aber da trat Ruben dazwischen, +mein+ Ruben,
-und rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er
-war gefühlvoll und mitleidig und hochherzig. Und was Schwäche war,
-darüber sag' ich nichts. Er hatte die Fehler seiner Tugenden, wie wir
-alle. Das war es und weiter nichts. Und deshalb Ruben und immer wieder
-Ruben. Und kein Appell und kein Refus. Anastasia, brich einen Tauf-
-und Krönungszweig ab, da von der Esche drüben. Wir können sie dann die
-Ruben-Esche nennen.«
-
-Und dieses scherzhafte Geplauder würde sich mutmaßlich noch fortgesetzt
-haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der wohlbekannte,
-zweirädrige Gig sichtbar geworden wäre, von dessen turmhohem Sitze
-herab Van der Straaten über das Gitter weg mit der Peitsche salutierte.
-Und nun hielt das Gefährt, und der Enqueten-Kommerzienrat erschien
-in der Veranda, strahlend von Glück und freudiger Erregung. Er küßte
-Melanie die Stirn und versicherte einmal über das andere, daß er
-sich's nicht habe versagen wollen, die freie halbe Stunde bis zum
-ministeriellen Diner ~au sein de sa famille~ zu verbringen.
-
-Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: »Liddi, Liddi.
-Rasch. Antreten. Immer flink. Und Heth auch; das Stiefkind, die
-Kleine, die vernachlässigt wird, weil sie mir ähnlich sieht ...«
-
-»Und von der ich eben erzählt habe, daß sie grenzenlos verwöhnt würde.«
-
-Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glückliche Vater nahm
-ein elegantes Tütchen mit papierenem Spitzenbesatz aus der Tasche und
-hielt es Lydia hin. Diese nahm's und gab es an die Kleine weiter. »Da
-Heth.«
-
-»Magst du nicht?« fragte Van der Straaten. »Sieh doch erst nach. Es
-sind ja Pralines. Und noch dazu von Sarotti.«
-
-Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinüber und sagte:
-»Tüten sind für Kinder. Ich mag nicht.«
-
-Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fühlte, daß er der Grund
-dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes nahm die kleine Heth
-auf den Schoß und sagte: »Du bist deines Vaters Kind. Ohne Faxen und
-Haberei. Lydia spielt schon die de Caparoux.«
-
-»Laß sie,« sagte Melanie.
-
-»Ich werde sie lassen +müssen+. Und sonderbar zu sagen, ich hasse die
-Vornehmheitsallüren eigentlich nur für mich selbst. In meiner Familie
-sind sie mir ganz recht, wenigstens gelegentlich, abgesehen davon,
-daß sich auch für meine Person allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn
-in meiner Eigenschaft als Mitglied einer Enquetenkommission hab'
-ich die Verpflichtung höherer gesellschaftlicher Formen übernommen,
-und geht das so weiter, Melanie, so hältst du zwischen heut und
-sechs Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen Händen.
-In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas mysteriös
-Bedeutungsvolles geschlummert.«
-
-»Eine Wendung, lieber Van der Straaten, die mir vorläufig nur wieder
-zeigt, wie weitab du noch von deiner neuen Charge bist.«
-
-»Allerdings, allerdings,« lachte Van der Straaten. »Gut Ding will Weile
-haben, und Rom wurde nicht an einem Tage gebaut. Und nun sage mir, denn
-ich habe nur noch zehn Minuten, wie du diesen Nachmittag zu verbringen
-und unsern Freund Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage.
-Aber ich kenne deine mitunter ängstliche Gleichgültigkeit gegen Tisch-
-und Tafelfreuden und berechne mir in der Eile, daß deine Bohnen und
-Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig und die Kotelettes
-zähe sind, nicht gut über eine halbe Stunde hinaus ausgedehnt werden
-können. Auch nicht unter Heranziehung eines Desserts von Erdbeeren und
-Stiltonkäse. Und so sorg' ich mich denn um euch, und zwar um so mehr,
-als ihr nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder hier
-zu sehn.«
-
-»Ängstige dich nicht,« entgegnete Melanie. »Es ist keine Frage, daß
-wir dich schmerzlich entbehren werden. Du wirst uns fehlen, du +mußt+
-uns fehlen. Denn wer könnt' uns, um nur eines zu nennen, den Hochflug
-deiner bilderreichen Einbildungskraft ersetzen. Kaum, daß wir ihr zu
-folgen verstehn. Und doch verbürg' ich mich für Unterbringung dieser
-armen, verlorenen Stunden, die dir so viel Sorge machen. Und du sollst
-sogar das Programm wissen.«
-
-»Da wär' ich neugierig.«
-
-»Erst singen wir.«
-
-»Tristan?«
-
-»Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser Diner oder
-doch das, was dafür aufkommen muß. Und es wird sich schon machen. Denn
-immer, wenn du nicht da bist, suchen wir uns durch einen besseren Tisch
-und ein paar eingeschobene süße Speisen zu trösten.«
-
-»Glaub's, glaub's. Und dann?«
-
-»Dann hab' ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir übrigens, nach
-einem allerjüngsten Übereinkommen, als Rubehn mit dem gestrichenen h,
-also schlechtweg als unsern Freund Ruben vorstelle, mit den Schätzen
-und Schönheiten unsrer Villa bekannt zu machen. Er ist eine Legion von
-Malen, wenn auch immer noch nicht oft genug, unser lieber Gast gewesen
-und kennt trotzalledem nichts von dieser ganzen Herrlichkeit, als unser
-Eß- und Musikzimmer und hier draußen die Veranda mit dem kreischenden
-Pfau, der ihm natürlich ein Greuel ist. Aber er soll heute noch in
-seinem halb freireichsstädtischen und halb überseeischen Hochmute
-gedemütigt werden. Ich habe vor, mit deinem Obstgarten zu beginnen und
-dem Obstgarten das Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen
-zu lassen.«
-
-»Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner letzten Nummer
-etwas erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht mahnen läßt. Sie müssen
-nämlich wissen, Rubehn, was wir letzten Sommer in dieser erbärmlichen
-Glaskastensammlung, die den stolzen Namen Aquarium führt, schaudernd
-selbst erlebt haben. Nicht mehr und nicht weniger als einen Ausbruch,
-Eruption, und ich höre noch Anastasias Aufschrei und werd' ihn hören
-bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine der großen Glasscheiben
-platzt, Ursache unbekannt, wahrscheinlich aber weil Gryczinski seinem
-Füsiliersäbel eine falsche Direktive gegeben, und siehe da, ehe
-wir drei zählen können, steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur
-handhoch unter Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln
-um uns her, und ein großer Hecht umschnoppert Melanies Fußtaille mit
-absichtlichster Vernachlässigung Tante Riekchens. Offenbar also ein
-Kenner. Und in einem Anfalle wahnsinniger Eifersucht hab' ich ihn
-schlachten lassen und seine Leber höchsteigenhändig verzehrt.«
-
-Anastasia bestätigte die Zutreffendheit der Schilderung, und selbst
-Melanie, die seit längerer Zeit ähnlichen Exkursen ihres Gatten mit
-nur zu sichtlichem Widerstreben folgte, nahm heute wieder an der
-allgemeinen Heiterkeit teil. Sie hatte sich schon vorher in dem
-mit Rubehn geführten Gespräche derartig heraufgeschraubt, daß sie
-wie geistig trunken und beinahe gleichgültig gegen Erwägungen und
-Rücksichten war, die sie noch ganz vor kurzem gequält hatten. Sie sah
-wieder alles von der lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und faßte,
-ohne sich Rechenschaft davon zu geben, den Entschluß, mit der ganzen
-nervösen Feinfühligkeit dieser letzten Wochen ein für allemal brechen
-und wieder keck und unbefangen in die Welt hinein leben zu wollen.
-
-Van der Straaten aber, überglücklich, mit seinem Aquariumshecht einen
-guten Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut und Handschuh und
-versprach, auf Eile dringen zu wollen, soweit sich, einem Minister
-gegenüber, überhaupt auf irgend etwas dringen lasse.
-
-Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hörte man das Knirschen
-der Räder und empfing von außen her, über das Parkgitter hin, einen
-absichtlich übertriebenen Feierlichkeitsgruß, in dem sich die ganze
-Bedeutung eines Mannes ausdrücken sollte, der zum Minister fährt. Noch
-dazu zum Finanzminister, der eigentlich immer ein Doppelminister ist.
-
-
-
-
-12
-
-Unter Palmen
-
-
-Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant und Van der
-Straaten gebilligt hatte. Dem anderthalbstündigen Musizieren folgte das
-kleine Diner, opulenter als gedacht, und die Sonne stand eben noch über
-den Bosketts, als man sich erhob, um draußen im »Orchard« ein zweites
-Dessert von den Bäumen zu pflücken.
-
-Dieser für allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes lief,
-an sonnigster Stelle, neben dem Fluß entlang und bestand aus einem
-anscheinend endlosen Kieswege, der nach der Spree hin offen, nach
-der Parkseite hin aber von Spalierwänden eingefaßt war. An diesen
-Spalieren, in kunstvollster Weise behandelt und jeder einzelne Zweig
-gehegt und gepflegt, reiften die feinsten Obstarten, während kaum
-minder feine Sorten an nebenherlaufenden niederen Brettergestellen,
-etwa nach Art großer Ananas-Erdbeeren, gezogen wurden.
-
-Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte langsam und
-in wachsenden Abständen; Heth aber auf ihrem Veloziped begleitete
-die Mama, bald weit vorauf, bald dicht neben ihr, und wandte sich
-dann wieder, ohne die geringste Ahnung davon, daß ihre rückseitige
-Drapierung in ein immer komischeres und ungenierteres Fliegen
-und Flattern kam. Melanie, wenn Heth die Wendung machte, suchte
-jedesmal durch ein lebhafteres Sprechen über die kleine Verlegenheit
-hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und sagte: »Lassen
-wir doch das Kind. Es ist ja glücklich, beneidenswert glücklich. Und
-Sie sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.«
-
-»Sie haben recht,« entgegnete Melanie. »Torheit und nichts weiter.
-Unsere Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich ist es rührend und
-entzückend zugleich.« Und als der kleine Wildfang in eben diesem
-Augenblicke wieder heranrollte, kommandierte sie selbst: »Rechtsum.
-Und nicht zu nah an die Spree! Sehen Sie nur, wie sie hinfliegt.
-Solange die Welt steht, hat keine Reiterei mit so fliegenden Fahnen
-angegriffen.«
-
-Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen, wo, von
-der Parkseite her, ein breiter avenueartiger Weg in den langen und
-schmalen Spaliergang einmündete. Hier, im Zentrum der ganzen Anlage,
-erhoben sich denn auch, nach dem Vorbilde der berühmten englischen
-Gärten in Kew, ein paar hohe, glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren
-eines sich ein altmodisches Treibhaus anlehnte, das, früher der
-Herrschaft zugehörig, inzwischen mit all seinen Blattpflanzen und
-Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen und die
-Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes
-geworden war. Unmittelbar neben dem Treibhause hatte der Gärtner
-seine Wohnung, ein nur zweifenstriges und ganz von Efeu überwachsenes
-Häuschen, über das ein alter, schrägstehender Akazienbaum seine
-Zweige breitete. Zwei, drei Steinstufen führten bis in den Flur und
-neben diesen Stufen stand eine Bank, deren Rücklehne von dem Efeu mit
-überwachsen war.
-
-»Setzen wir uns,« sagte Melanie. »Immer vorausgesetzt, daß wir dürfen.
-Denn unser alter Freund hier ist nicht immer guter Laune. Nicht wahr,
-Kagelmann?«
-
-Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich häßlichen Mann
-gerichtet, der, wiewohl kahlköpfig (was übrigens die Sommermütze
-verdeckte) nichtsdestoweniger an beiden Schläfen ein paar lange glatte
-Haarsträhnen hatte, die bis tief auf die Schulter niederhingen. Alles
-an ihm war außer Verhältnis, und so kam es, daß, seiner Kleinheit
-unerachtet, oder vielleicht auch um dieser willen, alles zu groß an
-ihm erschien: die Nase, die Ohren, die Hände. Und eigentlich auch
-die Augen. Aber diese sah man nur, wenn er, was öfters geschah, die
-ganz verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Gärtnerfigur:
-unfreundlich, grob und habsüchtig, vor allem auch seinem Wohltäter, dem
-Kommerzienrat gegenüber, und nur wenn er die »Frau Rätin« sah, erwies
-er sich auffallend verbindlich und guter Laune.
-
-So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene »wenn wir
-dürfen« in bester Stimmung auf und sagte, während er mit der Rechten
-(in der er einen kleinen Aurikeltopf hielt) seine großschirmige Mütze
-nach hinten schob: »Jott, Frau Rätin, ob +Sie+ dürfen! Solche Frau!
-Solche Frau wie Sie darf allens. Un warum? Weil Ihnen allens kleid't.
-Un wen alles kleid't, der darf ooch alles. Ufs kleiden kommt's an. 'S
-gibt welche, die sagen, die Blumen machen dumm und simplig. Aber daß es
-ufs Kleiden ankommt, so viel lernt man bei de Blumens.«
-
-»Immer mein galanter Kagelmann,« lachte Melanie. »Man merkt doch den
-Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch ist es unrecht, Kagelmann,
-daß Sie so geblieben sind. Ich meine, so ledig. Ein Mann wie Sie, so
-frisch und gesund, und ein so gutes Geschäft. Und reich dazu. Die Leute
-sagen ja, Sie hätten ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen,
-Kagelmann. Ich respektiere Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus
-ist zu klein, immer vorausgesetzt, daß Sie sich noch mal anders
-besinnen.«
-
-»Ja, kleen is es man. Aber vor mir is es jroß genug, das heißt vor mir
-alleine. Sonst ... Aber ich bin ja nu all sechzig.«
-
-»Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein Alter.«
-
-»Ne,« sagte Kagelmann. »En Alter is es eijentlich noch nich. Un es
-jeht ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt ooch noch, un die
-Gebrüder Benekens dragen einen ooch noch. Aber viel mehr is es ooch
-nich. Un wen soll man denn am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rätin, die so
-vor mir passen, die gefallen mir nich, un die mir gefallen, die passen
-wieder nich. -- Ich wäre so vor dreißig oder so drum rum. Dreißig ist
-jut, un dreißig zu dreißig, das stimmt ooch. Aber sechzig in dreißig
-jeht nich. Un da sagt denn die Frau: borg' ich mir einen.«
-
-Melanie lachte.
-
-Kagelmann aber fuhr fort: »Ach, Frau Kommerzienrätin, Sie hören
-so was nich, un glauben jar nich, wie die Welt is un was allens
-passiert. Da war hier einer drüben bei Flatows, Cohn und Flatow,
-großes Ledergeschäft (un sie sollen's ja von Amerika kriegen; na, mir
-is es jleich), un war ooch en Gärtner, un war woll so sechsundfufzig.
-Oder vielleicht ooch erst fünfundfufzig. Un der nahm sich ja nu so'n
-Madamchen, so von'n Jahrer dreißig, un war ne Wittib, un immer janz
-schwarz, un ne hübsche Person, un saß immer ins mittelste Zelt, Nummer
-4, wo Kaiser Wilhelm steht, un wo immer die Musik is mit Klavier un
-Flöte. Ja, du mein Jott, was hat er gehabt? Jar nichts hat er gehabt.
-Und da sitzt er nu mit seine drei Würmer, und Madamchen is weg. Un mit
-wen is se weg? Mit'n Gelbschnabel, un hatte noch keene zwanzig uff'n
-Rücken, un Teichgräber sagt, er wär' erst achtzehn gewesen. Un möglich
-is es. Aber ein fixer, kleiner Kerl war es, so was Italien'sches, un
-war doch bloß aus Rathnow. Aber een Paar Oogen! Ich sag' Ihnen, Frau
-Kommerzienrätin, wie'n Feuerwerk, un es war orntlich, als ob's man so
-prasselte.«
-
-»Ja, das ist traurig für den Mann,« lachte Melanie. »Aber doch am
-traurigsten für die Frau. Denn wenn einer +solche+ Augen hat ...«
-
-»Un so was is jetzt alle Tage,« schloß der Alte, der auf die
-Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen Töpfen zu
-stellen und zu kramen anfing.
-
-Aber Melanie ließ ihm keine Ruhe. »Alle Tage,« sagte sie. »Natürlich,
-alle Tage. Natürlich, alles kommt vor. Aber das darf einen doch nicht
-abhalten. Sonst könnte ja keiner mehr heiraten und es gäbe gar kein
-Leben und keine Menschen mehr. Denn ein kleiner fixer Gärtnerbursche,
-nu, mein Gott, der find't sich zuletzt überall.«
-
-»Ja, Frau Kommerzienrätin, das is schon richtig. Aber mitunter find't
-er sich immer und mitunter find't er sich bloß manchmal. Heiraten! Nu
-ja, hübsch muß es ja sind, sonst dhäten es nich so viele. Aber besser
-is besser. Un ich denke, lieber bewahrt als beklagt.«
-
-In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her ein Einspänner
-sichtbar und hielt, indem er eine Biegung machte, vor der Bank, auf
-der Rubehn und Melanie Platz genommen hatten. Es war ein auf niedrigen
-Rädern gehendes Fuhrwerk, das den Geschäftsverkehr des kleinen
-Privattreibhauses mit der Stadt vermittelte.
-
-Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem Deichselbrette
-sitzenden Kutscher, und nachdem er noch einen andern Arbeiter
-herbeigerufen hatte, fingen alle drei an, die Palmenkübel abzuladen,
-die, trotzdem sie nur von mäßiger Größe waren, den Rand des
-Wagenkastens weit überragten und mit ihren dunklen Kronen, schon von
-fern her, den Eindruck prächtig wehender Federbüsche gemacht hatten.
-
-Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit, als aber
-schließlich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann wieder an seine
-gnädige Frau und sagte, während er die zwei größten und schönsten
-Palmen mit seinen Händen patschelte: »Ja, Frau Rätin, das sind nu
-so meine Stammhalter, so meine zwei Säulen vons Geschäft. Un immer
-unterwegs, wie'n Landbriefträger. Man bloß noch unterwegser. Denn der
-hat doch'n Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine Palmen nich. Un ich
-freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich allens mal
-wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter seh ich meine
-Palmen die janze Woche nich.«
-
-»Aber warum nicht?«
-
-»Jott, Frau Rätin, Palme paßt immer. Un is kein Unterschied ob Trauung
-oder Begräbnis. Und manche taufen auch schon mit Palme. Und wenn ich
-sage Palme, na so kann ich auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was
-wir ~Thuja~ nennen. Aber Palme, versteht sich, is immer das Feinste. Un
-is bloß man ein Metier, das is jrade so, janz akkurat ebenso bei Leben
-und Sterben. Und is ooch immer dasselbe.«
-
-»Ah, ich versteh,« sagte Melanie. »Der Tischler.«
-
-»Nein, Frau Rätin, der Tischler nich. Er is woll auch immer mit dabei,
-das is schon richtig, aber's is doch nich immer dasselbe. Denn ein
-Sarg is keine Wiege nich und eine Wiege is kein Sarg nich. Un was en
-richtiges Himmelbett is, nu davon will ich jar nich erst reden ...«
-
-»Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?«
-
-»Der Domchor, Frau Rätin. Der is auch immer mit dabei un is immer
-dasselbe. Jradeso wie bei mir. Un er hat auch so seine zwei
-Stammhalter, seine zwei Säulen vons Geschäft: »'s is bestimmt in Gottes
-Rat« oder »Wie sie so sanft ruhn.« Un es paßt immer un macht keinen
-Unterschied, ob einer abreist oder ob einer begraben wird. Un grün is
-grün, un is jradeso wie Lebensbaum und Palme.«
-
-»Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und selber Hochzeit
-machen (aber nicht hier in Ihrem Efeuhause; das ist zu klein), dann
-sollen Sie doch beides haben: Gesang und Palme. Und was für Palmen! Das
-versprech ich Ihnen! Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich
-genug. Und aufs Feierliche kommt es an. Und dann gehen wir in das große
-Treibhaus, bis dicht an die Kuppel, und machen einen wundervollen Altar
-unter der allerschönsten Palme. Und da sollen Sie getraut werden. Und
-oben in der Kuppel wollen wir stehn und ein schönes Lied singen, einen
-Choral, ich und Fräulein Anastasia, und Herr Rubehn hier und Herr
-Elimar Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen zumute
-sein, als ob Sie schon im Himmel wären und hörten die Engel singen.«
-
-»Glaub ich, Frau Rätin. Glaub ich.«
-
-»Und zu vorläufigem Dank für all diese kommenden Herrlichkeiten sollen
-Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus führen. Denn ich
-weiß nicht Bescheid und kenne die Namen nicht, und der fremde Herr
-hier, der ein paarmal um die Welt herumgefahren ist und die Palmen
-sozusagen an der Quelle studiert hat, will einmal sehen, was wir haben
-und nicht haben.«
-
-Eigentlich kam alles dieses dem Alten so wenig gelegen wie möglich,
-weil er seine Kübel und Blumentöpfe noch vor Dunkelwerden in das kleine
-Treibhaus hineinschaffen wollte. Er bezwang sich aber, schob seine
-Mütze, wie zum Zeichen der Zustimmung, wieder nach hinten und sagte:
-»Frau Rätin haben bloß zu befehlen.«
-
-Und nun gingen sie zwischen langen und niedrigen Backsteinöfen hin,
-den bloß mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an die Stelle, wo dieser
-Mittelgang in das große Palmenhaus einmündete. Wenige Schritte noch und
-sie befanden sich wie am Eingang eines Tropenwaldes und der mächtige
-Glasbau wölbte sich über ihnen. Hier standen die Prachtexemplare der
-Van der Straatenschen Sammlung: Palmen, Drakäen, Riesenfarren, und eine
-Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis in die Kuppel und dann
-um diese selbst herum und in einer der hohen Emporen des Langschiffes
-weiter.
-
-Unterwegs war nicht gesprochen worden.
-
-Als sie jetzt unter der hohen Wölbung hielten, entsann sich Kagelmann,
-etwas Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich aber wollt' er nur
-zurück und sagte: »Frau Rätin wissen ja nu Bescheid un kennen die
-Galerie. Da wo der kleine Tisch is un die kleinen Stühle, das ist
-der beste Platz, un is wie ne Laube, un janz dicht. Un da sitzt ooch
-immer der Herr Kommerzienrat. Un keiner sieht ihn. Un das hat er am
-liebsten.« Und danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich aber
-noch einmal um, um zu fragen, »ob er das Fräulein schicken solle?«
-
-»Gewiß, Kagelmann. Wir warten.«
-
-Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt und stieg
-hinauf und eilte sich, als er oben war, der noch auf der Wendeltreppe
-stehenden Melanie die Hand zu reichen. Und nun gingen sie weiter
-über die kleinen klirrenden Eisenbrettchen hin, die hier als Dielen
-lagen, bis sie zu der von Kagelmann beschriebenen Stelle kamen,
-besser beschrieben, als er selber wissen mochte. Wirklich, es war
-eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube, fest geschlossen,
-und überall an den Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich
-Orchideen, die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete
-sich wonnig aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es, als
-ob hundert Geheimnisse sprächen, und Melanie fühlte, wie dieser
-berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte. Sie zählte jenen von
-äußeren Eindrücken, von Luft und Licht abhängigen Naturen zu, die der
-Frische bedürfen, um selber frisch zu sein. Über ein Schneefeld hin,
-bei rascher Fahrt und scharfem Ost, -- da wär' ihr der heitere Sinn,
-der tapfere Mut ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe
-Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes
-lockerte sich und löste sich und fiel.
-
-»Anastasia wird uns nicht finden.«
-
-»Ich vermisse sie nicht.«
-
-»Und doch will ich nach ihr rufen.«
-
-»Ich vermisse sie nicht,« wiederholte Rubehn und seine Stimme zitterte.
-»Ich vermisse nur das Lied, das sie damals sang, als wir im Boot über
-den Strom fuhren. Und nun rate.«
-
-»~Long, long ago ...~«
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»O säh ich auf der Heide dort ...«
-
-»Auch +das+ nicht, Melanie.«
-
-»Rothtraut,« sagte sie leis.
-
-Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und kniete
-nieder und hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiß und so
-süß, wie die Luft, die sie atmeten.
-
-Endlich aber war die Dämmerung gekommen, und breite Schatten fielen
-in die Kuppel. Und als alles immer noch still blieb, stiegen sie die
-Treppe hinab und tappten sich durch ein Gewirr von Palmen, erst bis in
-den Mittelgang und dann ins Freie zurück.
-
-Draußen fanden sie Anastasia.
-
-»Wo du nur bliebst!« fragte Melanie befangen. »Ich habe mich geängstigt
-um dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur. Und nun hab' ich Kopfweh.«
-
-Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und sagte nur: »Und du
-wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.«
-
-Melanie wurde rot bis an die Schläfe. Aber die Dunkelheit half es ihr
-verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin schon die Lichter
-brannten.
-
-Alle Türen und Fenster standen auf, und von den frisch gemähten Wiesen
-her kam eine balsamische Luft. Anastasia setzte sich an den Flügel
-und sang und neckte sich mit Rubehn, der bemüht war, auf ihren Ton
-einzugehen. Aber Melanie sah vor sich hin und schwieg und war weit
-fort. Auf hoher See. Und in ihrem Herzen klang es wieder: Wohin treiben
-wir?!
-
-Eine Stunde später erschien Van der Straaten und rief ihnen schon
-vom Korridor her in Spott und guter Laune zu: »Ah, die Gemeinde der
-Heiligen! Ich würde fürchten zu stören. Aber ich bringe gute Zeitung!«
-
-Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig war oder
-sich wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in seinem Berichte
-fort: »Exzellenz sehr gnädig. Alles sondiert und abgemacht. Was noch
-aussteht, ist Form und Bagatelle. Oder Sitzung und Schreiberei.
-Melanie, wir haben heut einen guten Schritt vorwärts getan. Ich verrate
-weiter nichts. Aber das glaub' ich sagen zu dürfen: von diesem Tag an
-datiert sich eine neue Ära des Hauses Van der Straaten.«
-
-
-
-
-13
-
-Weihnachten
-
-
-Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den unbefangenen
-Ton früherer Wochen anscheinend wieder her, und was von Befangenheit
-blieb, wurde, die Freundin abgerechnet, von niemandem bemerkt, am
-wenigsten von Van der Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und
-großen Eitelkeiten nachhing.
-
-Und so näherte sich der Herbst und der Park wurde schöner, je mehr sich
-seine Blätter färbten, bis gegen Ende September der Zeitpunkt wieder da
-war, der, nach altem Herkommen, dem Aufenthalt in der Villa draußen ein
-Ende machte.
-
-Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war Rubehn nicht
-mehr erschienen, weil allernächstliegende Pflichten ihn an die
-Stadt gefesselt hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm, von einem
-alten Prokuristen des Hauses begleitet, war zu rascher Etablierung
-des Zweiggeschäfts herübergekommen, und ihren gemeinschaftlichen
-Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, in den ersten Oktobertagen
-eine Filiale des großen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu rufen.
-
-Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten Anteil und
-sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung
-an, daß Rubehns Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen
-beinahe ganz aufhörten. In der Tat erschien unser neuer »Filialchef«,
-wie der Kommerzienrat ihn zu nennen beliebte, nur noch an den kleinen
-und kleinsten Gesellschaftstagen, und hätte wohl auch an diesen am
-liebsten gefehlt. Denn es konnt' ihm nicht entgehen, und entging ihm
-auch wirklich nicht, daß ihm von Reiff und Duquede, ganz besonders
-aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet
-wurde. Die schöne Jacobine suchte freilich durch halbverstohlene
-Freundlichkeiten alles wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn,
-ihres Schwagers Haus doch nicht ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen
-nicht und um Melanies willen nicht, aber jedesmal, wenn sie den Namen
-nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch und
-ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen gegeben
-hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder
-doch auf wenige Worte zu beschränken.
-
-Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, wenn
-die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden Maler und
-Fräulein Anastasia zugegen waren. Dann wurde wieder gescherzt und
-gelacht, wie damals in dem Stralauer Kaffeehaus, und Van der Straaten,
-der mittlerweile von Besuchen, sogar von häufigen Besuchen gehört
-hatte, die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht haben solle, hing in
-Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung
-nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande
-seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht ein, wenigstens für
-seine Person nicht, warum er sich eines reinen und auf musikalischer
-Glaubenseinigkeit aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen
-solle, ja die Freude darüber würd' ihm einfach als Pflicht erscheinen,
-wenn er nicht andererseits den alten Satz wieder bewahrheitet fände,
-daß jedes neue Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren
-werden könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei durch
-seinen Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar
-vertreten, und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, daß er
-in vielen Stücken er selbst geblieben, ja bei Tische sogar als eine
-Potenzierung seiner selbst zu erachten sei, so läge doch gerade hierin
-die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn er wisse wohl, daß dieses Plus
-an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit Elimars innerem
-verzehrenden Feuer halte. Wes Namens aber dieses Feuer sei, ob Liebe,
-Haß oder Eifersucht, das wisse nur +der+, der in den Abgrund sieht.
-
-In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen Van
-der Straatenschen Schwärmer, von deren Sprühfunken sonderbarerweise
-diejenigen am wenigsten berührt wurden, auf die sie berechnet waren.
-Es lag eben alles anders, als der kommerzienrätliche Feuerwerker
-annahm. Elimar, der sich auf der Stralauer Partie weit über Wunsch
-und Willen hinaus engagiert hatte, hatte durch Rubehns anscheinende
-Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der ihm viel, viel mehr als
-an Anastasias Liebe gelegen war, und diese selbst wiederum vergaß ihr
-eigenes, offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem Wonnegefühl,
-ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und ihrem
-Schutze heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in
-der Rolle der Konfidenten und, weit über das gewöhnliche Maß hinaus
-mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet,
-zählte sie diese Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an
-Anregungen so reichen Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch
-des unbeschreiblichen Vergnügens, den ihr ~au fond~ unbequemen und
-widerstrebenden Van der Straaten gerade +dann+ am herzlichsten belachen
-zu können, wenn dieser sich in seiner Sultanslaune gemüßigt fühlte,
-+sie+ zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch seiner eigenen
-Lachlust zu machen.
-
-In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr
-Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das
-Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren
-müssen; er gab sich aber umgekehrt einer Vertrauensseligkeit hin, für
-die, bei seinem sonst soupçonnösen und pessimistischen Charakter, jeder
-Schlüssel gefehlt haben würde, wenn er nicht unter Umständen, und auch
-jetzt wieder, der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten
-gewesen wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend,
-die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere, die klar zutage
-lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht, in seinem Glücke von
-einem vernichtenden Schlage bedroht zu sein, aber nicht heut und nicht
-morgen, und je bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von
-der Zukunft erwartete, desto sicherer und sorgloser erschien ihm die
-Gegenwart. Und am wenigsten sah er sich von +der+ Seite her gefährdet,
-von der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt worden
-wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer vorgefaßten
-Meinung und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn, der mit dem
-wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft, aber in der Tat
-auch nur +diese+ hatte. Was sah er in ihm? Nichts als ein Frankfurter
-Patrizierkind, eine ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte
-Natur, die zwar in jugendliche Torheiten verfallen, aber einen
-Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne. Zum
-Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es bestritt.
-Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema
-mal wieder an der Reihe war, hieß es vertraulich und gut gelaunt:
-»Ihr Weiber hört ja das Gras wachsen und nun gar erst +das+ Gras!
-Ich wäre doch neugierig zu hören, an wen er sich vertan hat. Eine
-Vermutung hab' ich und wette zehn gegen eins, an eine Freiin vom
-deutschen Uradel, etwa Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der
-Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so klug und so
-vorsichtig, daß ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas zu beweisen, eben
-nur dazu diente, Van der Straaten in seiner vorgefaßten Meinung immer
-fester zu machen.
-
-Und so kam Heiligabend und im ersten Saale der Bildergalerie waren
-all unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, um den brennenden Baum her
-versammelt. Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen,
-auch ihrerseits zu der reichen Bescherung beizusteuern: ein riesiges
-Puppenhaus, drei Stock hoch, und im Souterrain eine Waschküche mit Herd
-und Kessel und Rolle. Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten
-und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und es unterlag alsbald keinem
-Zweifel, daß das Puppenhaus den Triumph des Abends bildete, und beide
-Kinder waren selig. Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit
-und ließ sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er
-war auch Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien
-sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. Wer aber
-schärfer zugesehen hätte, der hätte wohl wahrgenommen, daß sie sich
-bezwang, und mitunter war es, als habe sie geweint. Etwas unendlich
-Weiches und Wehmütiges lag in dem Ausdruck ihrer Augen, und der
-Polizeirat sagte zu Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie nicht schöner
-denn je?«
-
-»Blaß und angegriffen,« sagte dieser. »Es gibt Leute, die blaß
-und angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie wird überhaupt
-überschätzt, in allem, und am meisten in ihrer Schönheit.«
-
-An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper und man endete mit
-einem schwedischen Punsch. Alles war heiter und guter Dinge. Melanie
-belebte sich wieder, gewann auch wieder frischere Farben, und als sie
-Riekchen und Anastasia, die bis zuletzt geblieben waren, bis an die
-Treppe geleitete, rief sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen
-und herzgewinnenden Stimme nach: »Und sieh dich vor, Riekchen. Christel
-sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei bückte sie sich über das
-Geländer und grüßte mit der Hand.
-
-»O, ich falle nicht,« rief die Kleine zurück. »Kleine Leute fallen
-überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und hinten gut
-balancieren.«
-
-Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen sagte. Der
-Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht, und sie wäre
-gefallen, wenn sie nicht Van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer
-zurückgetragen hätte. Er wollte klingeln und nach dem Arzte schicken.
-Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei nichts, oder doch nichts
-Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen könne.
-
-Und dann sagte sie, was es sei.
-
-
-
-
-14
-
-Entschluß
-
-
-Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend erholt, um
-in der Alsenstraße, wo sie seit Wochen nicht gewesen war, einen Besuch
-machen zu können. Vorher aber wollte sie bei der Madame Guichard, einer
-vor kurzem erst etablierten Französin, vorsprechen, deren Konfektions
-und künstliche Blumen ihr durch Anastasia gerühmt worden waren. Van der
-Straaten riet ihr, weil sie noch angegriffen sei, lieber den Wagen zu
-nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles zu Fuß abmachen zu wollen.
-Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges Weihnachtsgeschenk, einen
-Nerzpelz und ein Kastorhütchen mit Straußenfeder, und war eben auf dem
-letzten Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen von
-ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam, um nach ihrem Befinden zu
-fragen.
-
-»Ah, wie gut, daß Sie kommen,« sagte Melanie. »Nun hab' ich Begleitung
-auf meinem Gange. Van der Straaten wollte mir seinen Wagen aufzwingen,
-aber ich sehne mich nach Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich ...
-Mir ist so bang und schwer ...«
-
-Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: »Geben Sie
-mir Ihren Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber vorher will ich
-Ballblumen kaufen und dahin sollen Sie mich begleiten. Eine halbe
-Stunde nur. Und dann geb' ich Sie frei, ganz frei.«
-
-»Das dürfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.«
-
-»Doch.«
-
-»Ich +will+ aber nicht freigegeben sein.«
-
-Melanie lachte. »So seid ihr. Tyrannisch und eigenmächtig auch noch in
-eurer Huld, auch +dann+ noch, wenn ihr uns dienen wollt. Aber kommen
-Sie. Sie sollen mir die Blumen aussuchen helfen. Ich vertraue ganz
-Ihrem Geschmack. Granatblüten, nicht wahr?«
-
-Und so gingen sie die große Petristraße hinunter und vom Platz aus
-durch ein Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der Jägerstraße, das
-Geschäft der Madame Guichard entdeckten, einen kleinen Laden, in dessen
-Schaufenster ein Teil ihrer französischen Blumen ausgebreitet lag.
-
-Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt und ehe
-noch viele Worte gewechselt waren, war auch schon die Wahl getroffen.
-In der Tat, Rubehn hatte sich für eine Granatblütengarnitur entschieden
-und eine Direktrice, die mit zugegen war, versprach alles zu schicken.
-Melanie selbst aber gab der Französin ihre Karte. Diese versuchte den
-langen Titel und Namen zu bewältigen, und ein Lächeln flog erst über
-ihr Gesicht, als sie das »~née de Caparoux~« las. Ihre nicht hübschen
-Züge verklärten sich plötzlich, und es war mit einem unbeschreiblichen
-Ausdruck von Glück und Wehmut, daß sie sagte: »~Madame est Française!
-... Ah, notre belle France.~«
-
-Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgültig
-vorübergegangen, und als sie draußen ihres Freundes Arm nahm, sagte
-sie: »Hörten Sie's wohl? ~Ah, notre belle France!~ Wie das so
-sehnsüchtig klang. Ja, sie hat ein Heimweh. Und alle haben wir's. Aber
-wohin? wonach? ... Nach unsrem Glück ... Nach unsrem Glück! Das niemand
-kennt und niemand sieht. Wie heißt es doch in dem Schubertschen Liede?«
-
-»Da, wo du +nicht+ bist, ist das Glück.«
-
-»Da, wo du +nicht+ bist,« wiederholte Melanie.
-
-Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den Augen. Aber er
-wandte sich wieder, weil er die Träne nicht sehen wollte, die darin
-glänzte.
-
-Vor dem großen Platz, in den die Straße mündet, trennten sie sich.
-Er, für sein Teil, hätte sie gern weiter begleitet, aber sie wollt'
-es nicht und sagte leise: »Nein Rubehn, es war der Begleitung schon
-zuviel. Wir wollen die bösen Zungen nicht vor der Zeit herausfordern.
-Die bösen Zungen, von denen ich eigentlich kein Recht habe zu sprechen.
-Adieu.« Und sie wandte sich noch einmal und grüßte mit leichter
-Bewegung ihrer Hand.
-
-Er sah ihr nach, und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer
-Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam ihn und
-erfüllte plötzlich sein ganzes Herz. Was soll werden? fragte er sich.
-Aber dann wurde der Ausdruck seiner Züge wieder milder und heitrer, und
-er sagte vor sich hin: »Ich bin nicht der Narr, der von Engeln spricht.
-Sie war keiner und ist keiner. Gewiß nicht. Aber ein freundlich
-Menschenbild ist sie, so freundlich, wie nur je eines über diese arme
-Erde gegangen ist ... Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich
-geglaubt habe, viel, viel mehr, als ich je geglaubt hätte, daß ich
-lieben könnte. Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen,
-und ich sehe sie schon zu deinen Häupten stehen. Aber mir ist auch, als
-klär' es sich dahinter. O, nur Mut, Mut!«
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Woche danach war Silvester und auf dem kleinen Balle, den
-Gryczinskis gaben, war Melanie die Schönste. Jakobine trat zurück und
-gönnte der älteren Schwester ihre Triumphe. »Superbes Weib. Ägyptische
-Königstochter,« schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner
-eminenten Ulanenfigur aus der Provinz in die Residenz versetzt
-worden war und von dem Gryczinski zu sagen pflegte: »Der geborene
-Prinzessinnentänzer. Nur schade, daß es keine Prinzessinnen mehr gibt.«
-
-Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer. In der
-letzten Fensternische stand eine ganze Gruppe von jungen Offizieren.
-Wensky von den Ohlauer kaffeebraunen Husaren, enragierter Sportsman
-und Steeple-Chase-Reiter (Oberschenkel dreimal an derselben Stelle
-gebrochen), neben ihm Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berühmter
-Rechner, mager und trocken wie seine Gleichungen, und zwischen beiden
-Leutnant Tigris, kleiner, kräpscher Füsilieroffizier vom Regiment
-Zauche-Belzig, der aus Gründen, die niemand kannte, mehrere Jahre lang
-der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war und sich seitdem für
-einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder hielt. Junge Mädchen
-waren ihm »ridikül«. Er schob eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte,
-sein an einem kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte:
-»Wensky, Sie sind ja so gut wie zu Haus hier, und eigentlich Hahn im
-Korbe. Wer ist denn dieser Prachtkopf mit den Granatblüten? Ich könnte
-schwören, sie schon gesehen zu haben. Aber wo? Halb die Herzogin von
-Mouchy und halb die Beauffremont. ~Un teint de lys et de rose, et tout
-à fait distinguée.~«
-
-»Sie treffen es gut genug, ~mon cher Tigris~,« lachte Wensky, »'s ist
-die Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de Caparoux.«
-
-»Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Französin. Ich konnte mich nicht
-irren. Und wie sie lacht.«
-
-Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden Tage gesehen
-hätte, der hätte die Beauté jenes Ballabends in ihr nicht wieder
-erkannt, am wenigsten wär' er ihrem Lachen begegnet. Sie lag leidend
-und abgehärmt, uneins mit sich und der Welt, auf dem Sofa und las ein
-Buch, und wenn sie's gelesen hatte, so durchblätterte sie's wieder,
-um sich einigermaßen zurückzurufen was sie gelesen. Ihre Gedanken
-schweiften ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber sie nahm ihn
-nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde nur leichter
-ums Herz, wenn sie weinen konnte.
-
-So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand und sprach,
-und wieder nach den Kindern und dem Haushalte sah, schärfer und
-eindringlicher als sonst, war ihr der energische Mut ihrer früheren
-Tage zurückgekehrt, aber nicht die Stimmung. Sie war reizbar, heftig,
-bitter. Und was schlimmer, auch kapriziös. Van der Straaten unternahm
-einen Feldzug gegen diesen vielköpfigen Feind und im einzelnen nicht
-ohne Glück, aber in der Hauptsache griff er fehl, und während er ihrer
-Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete, war er, ihrer
-Kaprice gegenüber, unklugerweise darauf aus, sie durch Zärtlichkeit
-besiegen zu wollen. Und das entschied über ihn und sie. Jeder Tag wurd'
-ihr qualvoller, und die sonst so stolze und siegessichere Frau, die
-mit dem Manne, dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab,
-durch viele Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak
-jetzt zusammen und geriet in ein nervöses Zittern, wenn sie von fern
-her seinen Schritt auf dem Korridore hörte. Was wollte er? Um was kam
-er? Und dann war es ihr, als müsse sie fliehen und aus dem Fenster
-springen. Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu
-küssen, so sagte sie: »Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.«
-
-Und wenn sie dann allein war, so stürzte sie fort, oft ohne Ziel, öfter
-noch in Anastasiens stille, zurückgelegene Wohnung, und wenn dann der
-Erwartete kam, dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Tränen aus
-und sie schluchzte und jammerte, daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr
-ertragen könne. »Steh mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich
-nicht lange mehr. Ich muß fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor
-Scham und Gram.«
-
-Und er war mit erschüttert und sagte: »Sprich nicht so, Melanie.
-Sprich nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du willst. Ich habe
-dein Glück gestört (+wenn+ es ein Glück war) und ich will es wieder
-aufbauen. Überall in der Welt, +wie+ du willst und +wo+ du willst. Jede
-Stunde, jeden Tag.«
-
-Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten eine lachende
-Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Pläne wurden laut und sie
-trennten sich unter glücklichen Tränen.
-
-
-
-
-15
-
-Die Vernezobres
-
-
-Und was geplant worden war, das war Flucht. Den letzten Tag im Januar
-wollten sie sich an einem der Bahnhöfe treffen, in früher Morgenstunde,
-und dann fahren weit, weit in die Welt hinein, nach Süden zu, über
-die Alpen. »Ja, über die Alpen,« hatte Melanie gesagt und aufgeatmet,
-und es war ihr dabei gewesen, als wär' erst ein neues Leben für sie
-gewonnen, wenn der große Wall der Berge trennend und schützend hinter
-ihr läge. Und auch darüber war gesprochen worden, was zu geschehen
-habe, wenn Van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle. »Das wird
-er nicht,« hatte Melanie gesagt. »Und warum nicht? Er ist nicht immer
-der Mann der zarten Rücksichtnahmen und liebt es mitunter, die Welt und
-ihr Gerede zu brüskieren.« »Und doch wird er sich's ersparen, sich und
-uns. Und wenn du wieder fragst, warum? Weil er mich liebt. Ich hab'
-es ihm freilich schlecht gedankt. Ach, Ruben, Freund, was sind wir in
-unserem Tun und Wollen! Undank, Untreue ... mir so verhaßt! Und doch
-... ich tät' es wieder, alles, alles. Und ich will es nicht anders, als
-es ist.«
-
-So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die Nacht vor dem
-festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu früher Stunde niedergelegt
-und ihrer alten Dienerin befohlen, sie Punkt drei zu wecken. Auf
-diese konnte sie sich unbedingt verlassen, trotzdem Christel ihren
-Dienstjahren, aber freilich auch nur diesen nach, zu jenen Erbstücken
-des Hauses gehörte, die sich unter Duquedes Führung in einer stillen
-Opposition gegen Melanie gefielen.
-
-Und kaum daß es drei geschlagen, so war Christel da, fand aber
-ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden
-behilflich sein. Und auch das war nicht viel, denn es zitterten ihr die
-Hände, und sie hatte, wie sie sich ausdrückte, »einen Flimmer vor den
-Augen.« Endlich aber war doch alles fertig, der feste Lederstiefel saß,
-und Melanie sagte: »So ist's gut, Christel. Und nun gib die Handtasche
-her, daß wir packen können.«
-
-Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer
-Spiegelkonsole stand, und öffnete das Schloß. »Hier, das tu hinein. Ich
-hab' alles aufgeschrieben.« Und Melanie riß, als sie dies sagte, ein
-Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der Alten. Diese hielt den Zettel
-neben das Licht und las und schüttelte den Kopf.
-
-»Ach meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts ... Ach meine liebe,
-gute Frau, Sie sind ja ...«
-
-»So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. Aber
-Verwöhnung ist kein Glück. Ihr habt hier ein Sprichwort: »Wenig mit
-Liebe.« Und die Leute lachen darüber. Aber über das Wahrste wird immer
-gelacht. Und dann, wir gehen ja nicht aus der Welt. Wir reisen bloß.
-Und auf Reisen heißt es: Leicht Gepäck. Und sage selbst, Christel, ich
-kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehen. Da fehlte
-bloß noch der Schmuck und die Kassette.«
-
-Melanie hatte, während sie so sprach, ihre Hände dicht über das halb
-niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war kalt und sie fröstelte.
-Jetzt setzte sie sich in einen nebenstehenden Fauteuil und sah
-abwechselnd in die glühenden Kohlen und dann wieder auf Christel,
-die das Wenige, was aufgeschrieben war, in die Tasche tat und immer
-leise vor sich hinsprach und weinte. Und nun war alles hinein, und sie
-drückte den Bügel ins Schloß und stellte die Tasche vor Melanie nieder.
-
-So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat Christel von
-hinten her an ihre junge Herrin heran und sagte: »Jott, liebe, jnädige
-Frau, muß es denn ... Bleiben Sie doch. Ich bin ja bloß solche alte,
-dumme Person. Aber die Dummen sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag'
-Ihnen, meine liebe Jnädigste, Sie jlauben jar nich, woran sich der
-Mensch alles jewöhnen kann. Jott, der Mensch jewöhnt sich an alles. Und
-wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch viel aushalten.
-Un vor mir wollt' ich woll einstehn. Un wie jeht es denn? Un wie leben
-denn die Menschen? In jedes Haus is'n Gespenst, sagen sie jetzt, un
-das is so'ne neumodsche Redensart! Aber wahr is es. Und in manches
-Haus sind zweie, un rumoren, daß man's bei hellen, lichten Dage hören
-kann. Un so war es auch bei Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und
-dreiundzwanzig hier. Un sieben vorher bei Vernezobres. Un war auch
-Kommerzienrat un alles ebenso. Das heißt beinah.«
-
-»Und wie war es denn?« lächelte Melanie.
-
-»Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreißig un er war fufzig.
-Und sie war sehr hübsch. Drall und blond, sagten die Leute. Na, un er?
-Ich will jar nich sagen, was die Leute von ihm alles gesagt haben.
-Aber viel Jutes war es nich ... Un natürlich, da war ja denn auch ein
-Baumeister, das heißt eigentlich kein richtiger Baumeister, bloß
-einer, der immer Brücken baut vor Eisenbahnen un so, un immer mit'n
-Gitter un schräge Löcher, wo man durchkucken kann. Un der war ja nu
-da un wie'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach Saatwinkel oder
-Pichelsberg, un immers Jackett über'n Arm, un Fächer un Sonnenschirm,
-un immer Erdbeeren gesucht un immer verirrt un nie da, wenn die
-Herrschaften wieder nach Hause wollten. Un unser Herr, der ängstigte
-sich un dacht' immer, es wäre was passiert. Un was die andern waren,
-na, die tuschelten.«
-
-»Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich meine die
-Vernezobres,« fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit zugehört
-hatte.
-
-»Natürlich blieben sie. Mal hört' ich, weil ich nebenan war, daß er
-sagte: ›Hulda, das geht nicht.‹ Denn sie hieß wirklich Hulda. Und er
-wollt' ihr Vorwürfe machen. Aber da kam er ihr jrade recht. Und sie
-drehte den Spieß um un sagte: was er nur wolle? Sie wolle fort. Un
-sie liebe ihn, das heißt den andern, un ihn liebe sie +nicht+. Un sie
-dächte gar nicht dran, ihn zu lieben. Und es wär eijentlich bloß zum
-Lachen. Und +so+ ging es weiter und sie lachte wirklich. Und ich sag'
-Ihnen, da wurd' er wie'n Ohrwurm und sagte bloß: ›sie sollte sich's
-doch überlegen.‹ Un so kam es denn auch, un als Ende Mai war, da kam
-ja der Vernezobresche Doktor, so'n richtiger, der alles janz genau
-wußte, der sagte, ›sie müßte nachs Bad,‹ wovon ich aber den Namen
-immer vergesse, weil da der Wellenschlag am stärksten ist. Un das
-war ja nu damals, als sie jrade die große Hängebrücke bauten, un die
-Leute sagten, er könnt' es alles am besten ausrechnen. Un was unser
-Kommerzienrat war, der kam immer bloß Sonnabends. Un die Woche hatten
-sie frei. Un als Ende August war, oder so, da kam sie wieder und war
-ganz frisch un munter un hatte orntlich rote Backen, und kajolierte
-ihn. Und von +ihm+ war gar keine Rede mehr.«
-
-Melanie hatte, während Christel sprach, ein paar Holzscheite auf die
-Kohlen geworfen, so daß es wieder prasselte, und sagte: »Du meinst es
-gut. Aber so geht es nicht. Ich bin doch anders. Und wenn ich's nicht
-bin, so bild' ich es mir wenigstens ein.«
-
-»Jott,« sagte Christel, »en bißchen anders is es immer. Un sie war auch
-bloß von Neu-Cölln ans Wasser, un die Singuhr immer jrade gegenüber.
-Aber die war nich schuld mit ›Üb' immer Treu und Redlichkeit.‹«
-
-»Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach drängt es
-jeden, jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weißt du, man kann auch
-treu sein, wenn man untreu ist. Treuer als in der Treue.«
-
-»Jott, liebe Jnädigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh es
-eijentlich nich. Un das muß ich Ihnen sagen, wenn einer so was sagt un
-ich versteh es nicht, denn is es immer schlimm. Und Sie sagen, Sie sind
-anders. Ja, das is schon richtig, un wenn es auch nich janz richtig is,
-so is es doch halb richtig. Un was die Hauptsache is, das is, meine
-liebe Jnädigste, die hat eijentlich das liebe kleine Herz auf'n rechten
-Fleck, un is immer für helfen und geben, un immer für die armen Leute.
-Un was die Vernezobern war, na, die putzte sich bloß, un war immer
-vor'n Stehspiegel, der alles noch hübscher machte, und sah aus wie's
-Modejournal und war eijentlich dumm. Wie'n Haubenstock, sagten die
-Leute. Un war auch nich so was Vornehmes, wie meine liebe Jnädigste,
-un bloß aus ne' Färberei, türkischrot. Aber das muß ich Ihnen sagen,
-Ihrer is doch auch anders als der Vernezobern ihrer war, und hat sich
-gar nich, un red't immer frei weg, un kann keinen was abschlagen. Un zu
-Weihnachten immer alles doppelt.«
-
-Melanie nickte.
-
-»Nu, sehen Sie, meine liebe Jnädigste, das is hübsch, daß Sie mir
-zunicken, un wenn Sie mir immer wieder zunicken, dann kann es auch
-alles noch wieder werden un wir packen alles wieder aus, un Sie legen
-sich ins Bett un schlafen bis an'n hellen lichten Tag. Un Klocker
-zwölfe bring ich Ihnen Ihren Kaffee un Ihre Schokolade, alles gleich
-auf +ein+ Brett, un wenn ich Ihnen dann erzähle, daß wir hier gesessen
-und was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie'n Traum. Denn
-dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter Mann, ein sehr juter,
-un bloß ein bißchen sonderbar. Und sonderbar is nichts Schlimmes. Und
-ein reicher Mann wird es doch wohl am Ende dürfen! Un wenn ich reich
-wäre, ich wäre noch viel sonderbarer. Un daß er immer so spricht un
-solche Redensarten macht, als hätt' er keine Bildung nich un wäre von'n
-Wedding oder so, ja, du himmlische Güte, warum soll er nich? warum soll
-er nich so reden, wenn es ihm Spaß macht? er is nu mal fürs Berlinsche.
-Aber is er denn nich einer? Und am Ende ...«
-
-
-
-
-16
-
-Abschied
-
-
-Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die Nebenstube
-zurück, denn Van der Straaten war eingetreten. Er war noch in demselben
-Gesellschaftsanzug, in dem er, eine Stunde nach Mitternacht, nach
-Hause gekommen war und seine überwachten Züge zeigten Aufregung und
-Ermattung. Von welcher Seite her er Mitteilung über Melanies Vorhaben
-erhalten hatte, blieb unaufgeklärt. Aus allem war nur ersichtlich,
-daß er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehen zu lassen. Und wenn
-er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam zu hindern, sondern
-nur um Vorstellungen zu machen, um zu bitten. Es kam nicht der empörte
-Mann, sondern der liebende.
-
-Er schob einen Fauteuil an das Feuer, ließ sich nieder, so daß er jetzt
-Melanie gegenübersaß, und sagte leicht und geschäftsmäßig: »Du willst
-fort, Melanie?«
-
-»Ja, Ezel.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil ich einen andern liebe.«
-
-»Das ist kein Grund.«
-
-»Doch.«
-
-»Und ich sage dir, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir, ich kenne die
-Frauen. Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei
-des Glücks. Und am verhaßtesten ist euch das eigentliche, das höchste
-Glück, das Ruhe bedeutet. Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen
-schlechtes Gewissen habt ihr lieber, als ein gutes, das nicht prickelt,
-und unter allen Sprichwörtern ist euch das vom ›besten Ruhekissen‹ am
-langweiligsten und am lächerlichsten. Ihr wollt gar nicht ruhen. Es
-soll euch immer was kribbeln und zwicken, und ihr habt den überspannt
-sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug, daß ihr dem
-Schmerz die süße Seite abzugewinnen wißt.«
-
-»Es ist möglich, daß du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht hast,
-je mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es wirklich, wie
-du sagst, so wären wir geborene Hazardeurs, und ~Va banque~ spielen so
-recht eigentlich unsere Natur. Und natürlich auch die meinige.«
-
-Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm wie aus guter,
-alter Zeit her, und er sagte, während er den Fauteuil vertraulich
-näher rückte: »Laß uns nicht spießbürgerlich sein, Lanni. Sie sagen,
-ich wär ein Bourgeois, und es mag sein. Aber ein Spießbürger bin ich
-+nicht+. Und wenn ich die Dinge des Lebens nicht sehr groß und nicht
-sehr ideal nehme, so nehm' ich sie doch auch nicht klein und eng. Ich
-bitte dich, übereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt niedrig, aber sie
-werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir einzubilden, daß
-du schönes und liebenswürdiges Geschöpf, verwöhnt und ausgezeichnet
-von den Klügsten und Besten, daß du mich aus purer Neigung oder gar
-aus Liebesschwärmerei genommen hättest. Du hast mich genommen, weil
-du noch jung warst und noch keinen liebtest, und in deinem witzigen
-und gesunden Sinn einsehen mochtest, daß die jungen Attachés auch
-keine Helden und Halbgötter wären. Und weil die Firma Van der Straaten
-einen guten Klang hatte. Also nichts von Liebe. Aber du hast auch
-nichts +gegen+ mich gehabt und hast mich nicht ganz alltäglich
-gefunden und hast mit mir geplaudert und gelacht und gescherzt. Und
-dann hatten wir die Kinder, die doch schließlich reizende Kinder
-sind, zugestanden +dein+ Verdienst, und du hast ~enfin~ an die zehn
-Jahr in der Vorstellung und Erfahrung gelebt, daß es nicht zu den
-schlimmsten Dingen zählt, eine junge, bequem gebettete Frau zu sein
-und der Augapfel ihres Mannes, eine junge, verwöhnte Frau, die tun
-und lassen kann, was sie will, und als Gegenleistung nichts andres
-einzusetzen braucht, als ein freundliches Gesicht, wenn es ihr gerade
-paßt. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch jetzt nichts, oder sag'
-ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts. Denn in diesem Augenblick
-erscheint dir auch das Wenige, was ich fordere, noch als zu viel. Aber
-es wird wieder anders, muß wieder anders werden. Und ich wiederhole
-dir, ein Minimum ist mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will
-nicht, daß du mich ansehen sollst, als ob ich Leone Leoni wär' oder
-irgend ein anderer großer Romanheld, dem zuliebe die Weiber Giftbecher
-trinken wie Mandelmilch und lächelnd sterben, bloß um +ihn+ noch einmal
-lächeln zu sehen. Ich bin nicht Leone Leoni, bin bloß deutsch und von
-holländischer Abstraktion, wodurch das Deutsche nicht besser wird, und
-habe die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich bewege
-mich nicht in Illusionen, am wenigsten über meinen äußeren Menschen,
-und ich verlange keine Liebesgroßtaten von dir. Auch nicht einmal
-Entsagungen. Entsagungen machen sich zuletzt von selbst, und das sind
-die besten. Die besten, weil es die freiwilligen und eben deshalb auch
-die dauerhaften und zuverlässigen sind. Übereile nichts. Es wird sich
-alles wieder zurechtrücken.«
-
-Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils genommen, auf
-der er sich jetzt hin und her wiegte. »Und nun noch eins, Lanni,« fuhr
-er fort, »ich bin nicht der Mann der Rücksichtsnahmen und hasse diese
-langweiligen »Regards« auf nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag'
-ich dir, nimm Rücksicht auf dich +selbst+. Es ist nicht gut, immer nur
-an das zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut,
-gar nicht daran zu denken. Ich hab' es an mir selbst erfahren. Und nun
-überlege. Wenn du +jetzt+ gehst ... Du weißt, was ich meine. Du kannst
-jetzt nicht gehen; nicht +jetzt+.«
-
-»Eben deshalb geh' ich, Ezel,« antwortete sie leise. »Es soll klar
-zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.«
-
-Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden
-Momenten auch das hören will, was einem den Tod gibt. Und nun war es
-gesprochen. Er ließ den Stuhl wieder nieder und warf sich hinein,
-und einen Augenblick war es ihm, als schwänden ihm die Sinne. Aber
-er erholte sich rasch wieder, rieb sich Stirn und Schläfe und sagte:
-»Gut. Auch das. Ich will es verwinden. Laß uns miteinander reden. Auch
-darüber reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein Lebtag. Aber ich
-weiß auch, es ist so Lauf der Welt und ich habe kein Recht, dir Moral
-zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir! ... Es mußte so kommen,
-+mußte+ nach dem Van der Straatenschen Hausgesetz (warum sollen wir
-nicht auch ein Hausgesetz haben) und ich glaube fast, ich wußt' es von
-Jugend auf.« Und nach einer Weile fuhr er fort: »Es gibt ein Sprichwort
-›Gottes Mühlen mahlen langsam‹ und sieh, als ich noch ein kleiner Junge
-war, hört' ich's oft von unserer alten Kindermuhme und mir wurd' immer
-so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung. Nun bin ich zwischen den
-zwei Steinen und mir ist, als würd' ich zermahlen und zermalmt ...«
-
-»Zermahlen?« Er schlug mit der rechten in die linke Hand und
-wiederholte noch einmal und in plötzlich verändertem Tone: »Zermahlen!
-Es hat eigentlich etwas Komisches. Und wahrhaftig, hol' die Pest
-alle feigen Memmen. Ich will mich nicht länger damit quälen. Und ich
-ärgere mich über mich selbst und meine Haberei und Tuerei. Bah, die
-Nachmittagsprediger der Weltgeschichte machen zu viel davon, und wir
-sind dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit Vergessen
-allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen, wie's war
-und ist und sein wird. Oder war es besser in den Tagen meines Paten
-Ezechiel? Oder als Adam grub und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte
-Testament ein Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und
-ich sage dir, Lanni, gemessen an +dem+, sind wir die reinen Lämmchen,
-weiß wie Schnee. Waisenkinder. Und so höre mich denn. Es soll niemand
-davon wissen, und ich will es halten, als ob es mein eigen wäre. Deine
-ist es ja, und das ist die Hauptsache. Denn so du's nicht übel nimmst,
-ich liebe dich und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts sein.
-+Soll+ nicht. Aber bleibe.«
-
-Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschüttert gewesen, aber
-er selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefühl wieder weggesprochen.
-Es war eben immer dasselbe Lied. Alles, was er sagte, kam aus einem
-Herzen voll Gütigkeit und Nachsicht, aber die Form, in die sich
-diese Nachsicht kleidete, verletzte wieder. Er behandelte das, was
-vorgefallen, aller Erschütterung unerachtet, doch bagatellmäßig obenhin
-und mit einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war wohlgemeint,
-und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche nach, den Vorteil
-davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur sträubte sich innerlichst gegen
-eine solche Behandlungsweise. Das Geschehene, das wußte sie, war ihre
-Verurteilung vor der Welt, war ihre Demütigung, aber es war doch auch
-zugleich ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rückhaltlose
-Bekenntnis ihrer Neigung. Und nun plötzlich sollt' es +nichts+ sein,
-oder doch nicht viel mehr als nichts, etwas ganz Alltägliches, über
-das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse. Das widerstand ihr. Und
-sie fühlte deutlich, daß das Geschehene verzeihlicher war als seine
-Stellung zu dem Geschehenen. Er hatte keinen Gott und keinen Glauben,
-und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung übrig: daß sein
-Wunsch, ihr goldne Brücken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich
-um +jeden+ Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem
-Herzen dachte. Ja, so war es. Aber wenn es so war, so konnte sie dies
-Gnadengeschenk nicht annehmen. Jedenfalls wollte sie's nicht.
-
-»Du meinst es gut, Ezel,« sagte sie. »Aber es kann nicht sein. Es
-hat eben alles seine natürliche Konsequenz, und +die+, die hier
-spricht, die scheidet uns. Ich weiß wohl, daß auch anderes geschieht,
-jeden Tag, und es ist noch keine halbe Stunde, daß mir Christel
-davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist das Gesetz ins Herz
-geschrieben, und danach fühl' ich, ich muß fort. Du liebst mich, und
-deshalb willst du darüber hinsehen. Aber du darfst es nicht und du
-+kannst+ es auch nicht. Denn du bist nicht jede Stunde derselbe, keiner
-von uns. Und keiner kann vergessen. Erinnerungen aber sind mächtig, und
-Fleck ist Fleck, und Schuld ist Schuld.«
-
-Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin, um
-ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hellbrennende Flamme zu werfen.
-Aber plötzlich, als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen, sagte sie
-mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres früheren Wesens: »Ach, Ezel, ich
-spreche von Schuld und wieder Schuld, und es muß beinah klingen, als
-sehnt' ich mich danach, eine büßende Magdalena zu sein. Ich schäme mich
-ordentlich der großen Worte. Aber freilich, es gibt keine Lebenslagen,
-in denen man aus der Selbsttäuschung und dem Komödienspiele herauskäme.
-Wie steht es denn eigentlich? Ich will fort, nicht aus Schuld, sondern
-aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selber wieder herzustellen.
-Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an aller Lüge
-haftet; ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die
-Augen aufschlagen können. Und das kann ich nur, wenn ich gehe, wenn
-ich mich von dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem
-Tun bekenne. Das wird ein groß Gerede geben, und die Tugendhaften und
-Selbstgerechten werden es mir nicht verzeihn. Aber die Welt besteht
-nicht aus lauter Tugendhaften und Selbstgerechten, sie besteht auch
-aus Menschen, die Menschliches menschlich ansehen. Und auf +die+ hoff'
-ich, +die+ brauch' ich. Und vor allem brauch' ich mich selbst. Ich will
-wieder in Frieden mit mir selber leben und wenn nicht in Frieden, so
-doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.«
-
-Es schien, daß Van der Straaten antworten wollte, aber sie litt es
-nicht und sagte: »Sage nicht nein. Es ist so und nicht anders. Ich
-will den Kopf wieder hochhalten und mich wieder fühlen lernen. Alles
-ist eitel Selbstgerechtigkeit. Und ich weiß auch, es wäre besser
-und selbstsuchtsloser, ich bezwänge mich und bliebe, freilich immer
-vorausgesetzt, ich könnte mit einer Einkehr bei mir selbst beginnen.
-Mit Einkehr und mit Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur ein
-ganz äußerliches Schuldbewußtsein, und wo mein Kopf sich unterwirft,
-da protestiert mein Herz. Ich nenn' es selber ein störrisches Herz und
-ich versuche keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht anders durch
-mein Schelten und Schmähen. Und sieh, so hilft mir denn eines nur und
-reißt mich eines nur aus mir heraus: ein ganz neues Leben und in ihm
-+das+, was das erste vermissen ließ: Treue. Laß mich gehen. Ich will
-nichts beschönigen, aber das laß mich sagen: es trifft sich gut, daß
-das Gesetz, das uns scheidet, und mein eignes selbstisches Verlangen
-zusammenfallen.«
-
-Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie ließ es
-geschehen. Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn küssen
-wollte, wehrte sie's und schüttelte den Kopf. »Nein, Ezel, nicht
-so. Nichts mehr zwischen uns, was stört und verwirrt und quält und
-ängstigt, und immer nur erschweren und nichts mehr ändern kann ...
-Ich werd' erwartet. Und ich will mein neues Leben nicht mit einer
-Unpünktlichkeit beginnen. Unpünktlich sein, ist unordentlich sein. Und
-davor hab' ich mich zu hüten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen,
-Ordnung und Einheit. Und nun leb' wohl und vergiß.«
-
-Er hatte sie gewähren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche, die
-neben ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentür gekommen war,
-die zu der Kinderschlafstube führte, blieb sie stehen und sah sich noch
-einmal um. Er nahm es als ein gutes Zeichen und sagte: »Du willst die
-Kinder sehen!«
-
-Es war das Wort, das sie gefürchtet hatte, das Wort, das in ihr selber
-sprach. Und ihre Augen wurden groß, und es flog um ihren Mund, und sie
-hatte nicht die Kraft ein »Nein« zu sagen. Aber sie bezwang sich und
-schüttelte nur den Kopf und ging auf Tür und Flur zu.
-
-Draußen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer Herrin das
-Täschchen abzunehmen und sie die beiden Treppen hinabzubegleiten. Aber
-Melanie wies es zurück und sagte: »Laß, Christel, ich muß nun meinen
-Weg allein finden.« Und auf der zweiten Treppe, die dunkel war, begann
-sie wirklich zu suchen und zu tappen.
-
-»Es beginnt früh,« sagte sie.
-
-Das Haus war schon auf, und draußen blies ein kalter Wind von der
-Brüderstraße her über den Platz weg, und der Schnee federte leicht in
-der Luft. Sie mußte dabei des Tages denken, nun beinah jährig, wo der
-Rollwagen vor ihrem Hause hielt, und wo die Flocken auch wirbelten
-wie heut, und die kindische Sehnsucht über sie kam, zu steigen und zu
-fallen wie sie.
-
-Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu, die nach dem Spittelmarkt
-führt, und sah nichts als den Laternenanstecker ihres Reviers, der mit
-seiner langen schmalen Leiter immer vor ihr her lief und wenn er oben
-stand, halb neugierig und halb pfiffig auf sie niedersah und nicht
-recht wußte, was er aus ihr machen sollte.
-
-Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu. Der Kutscher
-schlief, und das Pferd eigentlich auch, und da nichts Besseres in Sicht
-war, so zupfte sie den immer noch Verschlafenen an seinem Mantel und
-stieg endlich ein und nannt' ihm den Bahnhof. Und es war auch, als
-ob er sie verstanden und zugestimmt habe. Kaum aber, daß sie saß, so
-wandt' er sich auf dem Bock um und brummelte durch das kleine Guckloch:
-»er sei Nachtdroschke, un janz klamm, un von Klock elwe nichts in'n
-Leib. Un er wolle jetzt nach Hause.« Da mußte sie sich aufs Bitten
-legen, bis er endlich nachgab. Und nun schlug er auf das arme Tier los
-und holprig ging es die lange Straße hinunter.
-
-Sie warf sich zurück und stemmte die Füße gegen den Rücksitz, aber
-die Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlöschende Lämpchen
-füllte die Droschke mit einem trüben Qualm. Ihre Schläfen fühlten
-mehr und mehr einen Druck und ihr wurde weh und widrig in der elenden
-Armeleute-Luft. Endlich ließ sie die Fenster nieder und freute sich des
-frischen Windes, der durchzog. Und freute sich auch des erwachenden
-Lebens der Stadt, und jeden Bäckerjungen, der trällernd und pfeifend
-und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf an ihr vorüberzog,
-hätte sie grüßen mögen. Es war doch ein heiterer Ton, an dem sich ihre
-Niedergedrücktheit aufrichten konnte.
-
-Sie waren jetzt bis an die letzte Querstraße gekommen, und in
-fortgesetztem und immer nervöser werdendem Hinaussehen erschien es ihr,
-als ob alle Fuhrwerke, die denselben Weg hatten, ihr eignes elendes
-Gefährt in wachsender Eil' überholten. Erst einige, dann viele. Sie
-klopfte, rief. Aber alles umsonst. Und zuletzt war es ihr, als läg'
-es an ihr, und als versagten +ihr+ die Kräfte, und als sollte sie die
-letzte sein und käme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht und
-nie mehr. Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie. »Mut, Mut,«
-rief sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre Füße von dem
-Rücksitzkissen und richtete sich auf. Und sieh, ihr wurde besser. Mit
-ihrer äußeren Haltung kam ihr auch die innere zurück.
-
-Und nun endlich hielt die Droschke und weil weder oben noch auch vorne
-bei dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar war, war auch niemand
-da, der sich dienstbar gezeigt und den Droschkenschlag geöffnet hätte.
-Sie mußt' es von innen her selber tun und sah sich um und suchte.
-»Wenn er nicht da wäre!« Doch sie hatte nicht Zeit, es auszudenken.
-Im nächsten Augenblicke schon trat von einem der Auffahrtspfeiler
-her Rubehn an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen
-behilflich zu sein. Ihr Fuß stand eben auf dem mit Stroh umwickelten
-Tritt und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Gott
-sei Dank! Ach, war +das+ eine Stunde! Sei gut, einzig Geliebter, und
-lehre sie mich vergessen.«
-
-Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder, und nahm ihren Arm
-und das Täschchen, und so schritten sie die Treppe hinauf, die zu dem
-Perron und dem schon haltenden Zuge führte.
-
-
-
-
-17
-
-Della Salute
-
-
-»Nach Süden!« Und in kurzen, oft mehrtägig unterbrochenen Fahrten, wie
-sie Melanies erschütterte Gesundheit unerläßlich machte, ging es über
-den Brenner, bis sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst
-das Osterfest abzuwarten und »Nachrichten aus der Heimat«. Es war ein
-absichtlich indifferentes Wort, das sie wählten, während es sich doch
-in Wahrheit um Mitteilungen handelte, die für ihr Leben entscheidend
-waren und die länger ausblieben als erwünscht. Aber endlich waren sie
-da, diese »Nachrichten aus der Heimat«, und der nächste Morgen bereits
-sah beide vor dem Eingang einer kleinen englischen Kapelle, deren alten
-Reverend sie schon vorher kennen gelernt und durch seine Milde dazu
-bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar Freunde waren
-zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen Handlung brach man auf,
-um, nach monatelangem Eingeschlossensein in der Stadt, einmal außerhalb
-ihrer Mauern aufatmen und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa
-d'Este freuen zu können. Und alles freute sich wirklich, am meisten
-aber Melanie. Sie war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was ihr
-das Herz bedrückt hatte, war wie mit einem Schlage von ihr genommen
-und sie lachte wieder, wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte,
-kindlich und harmlos. Ach, wem +dies+ Lachen wurde, dem bleibt es, und
-wenn es schwand, so kehrt es wieder. Und es überdauert alle Schuld und
-baut uns die Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere Zeit.
-
-Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie wollt' es
-noch freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden, in ihre Wohnung
-zurückkehrte, drin die treffliche römische Wirtin außer dem hohen
-Kaminfeuer auch schon die dreidochtige Lampe angezündet hatte, beschloß
-sie, denselben Abend noch an ihre Schwester Jakobine zu schreiben,
-allerlei Fragen zu tun und nebenher von ihrem Glück und ihrer Reise zu
-plaudern.
-
-Und sie tat es und schrieb.
-
-»Meine liebe Jakobine. Heute war ein rechter Festestag und was mehr
-ist, auch ein glücklicher Tag, und ich möchte meinem Danke so gern
-einen Ausdruck geben. Und da schreib' ich denn. Und an wen lieber, als
-an Dich, Du mein geliebtes Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht
-mehr hören? Oder darfst Du nicht?
-
-Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen
-Querstraße, die nach dem Tiber hinführt, und wenn ich die Straße
-hinuntersehe, so blinken mir, vom andern Ufer her, ein paar Lichter
-entgegen. Und diese Lichter kommen von der Farnesina, der berühmten
-Villa, drin Amor und Psyche sozusagen aus allen Fensterkappen sehen.
-Aber ich sollte nicht so scherzhaft über derlei Dinge sprechen, und
-ich könnt' es auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle gewesen
-wären. Endlich, endlich! Und weißt Du, wer mit unter den Zeugen war?
-Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tänzer von Dachrödens
-her. Und lieb und gut und ohne Hoffart. Und wenn man in der Acht ist,
-die noch schlimmer ist als das Unglück, so hat man ein Auge dafür,
-und das Bild, Du weißt schon, über das ich damals so viel gespottet
-und gescherzt habe, es will mir nicht aus dem Sinn. Immer dasselbe
-›Steinige, steinige‹. Und die Stimme schweigt, die vor den Pharisäern
-das himmlische Wort sprach.
-
-Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber.
-
-Wir reisten in kleinen Tagereisen und ich war anfänglich abgespannt
-und freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte, so war es nur um
-Rubens willen. Denn er tat mir so leid. Eine weinerliche Frau! Ach,
-das ist das Schlimmste, was es gibt. Und gar erst auf Reisen. Und so
-ging es eine ganze Woche lang, bis wir in die Berge kamen. Da wurd'
-es besser, und als wir neben dem schäumenden Inn hinfuhren und an
-demselben Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles Quartier
-fanden, da fiel es von mir ab und ich konnte wieder aufatmen. Und als
-Ruben sah, daß mir alles so wohltat und mich erquickte, da blieb er
-noch den folgenden Tag und besuchte mit mir alle Kirchen und Schlösser
-und zuletzt auch die Kirche, wo Kaiser Max begraben liegt. Es ist
-derselbe von der Martinswand her, und derselbe auch, der zu Luthers
-Zeiten lebte. Freilich schon als ein sehr alter Herr. Und es ist auch
-der, den Anastasius Grün als ›Letzten Ritter‹ gefeiert hat, worin er
-vielleicht etwas zu weit gegangen ist. Ich glaube nämlich nicht, daß
-er der letzte Ritter war. Er war überhaupt zu stark und zu korpulent
-für einen Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find' ich, daß
-Gryczinski ritterlicher ist. Sonderbarerweise fühl' ich mich überhaupt
-eingepreußter, als ich dachte, so daß mir auch das Bildnis Andreas
-Hofers wenig gefallen hat. Er trägt einen Tiroler Spruchgürtel um
-den Leib und wurde zu Mantua, wie Du vielleicht gehört haben wirst,
-erschossen. Manche tadeln es, daß er sich geängstigt haben soll. Ich
-für mein Teil habe nie begreifen können, wie man es tadeln will, nicht
-gern erschossen zu werden.
-
-Und dann gingen wir über den Brenner, der ganz in Schnee lag, und
-es sah wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand, an der unser
-Zug emporkletterte, zwei, drei andre Züge tief unter uns sahen, so
-winzig und unscheinbar wie die Futterkästchen an einem Zeisigbauer.
-Und denselben Abend noch waren wir in Verona. Das vorige Mal, als ich
-dort war, hatt' ich es nur passiert, jetzt aber blieben wir einen Tag,
-weil mir Ruben das altrömische Theater zeigen wollte, das sich hier
-befindet. Es war ein kalter Tag und mich fror in dem eisigen Winde, der
-ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben. Wie beschreib'
-ich es Dir nur? Du mußt Dir das Opernhaus denken, aber nicht an einem
-gewöhnlichen Tage, sondern an einem Subskriptionsballabend, und an der
-Stelle, wo die Musik ist, rundet es sich auch noch. Es ist nämlich ganz
-eiförmig und amphitheatralisch, und der Himmel als Dach darüber, und
-ich würd' es alles sehr viel mehr noch genossen haben, wenn ich mich
-nicht hätte verleiten lassen, in einem benachbarten Restaurant ein
-Salamifrühstück zu nehmen, das mir um ein Erhebliches zu national war.
-
-Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn ich Duquede wäre,
-so würd' ich sagen: es wird überschätzt. Es ist voller Engländer und
-Bilder, und mit den Bildern wird man nicht fertig. Und dann haben sie
-die ›Cascinen‹, etwas wie unsre Tiergarten- oder Hofjägerallee, worauf
-sie sehr stolz sind, und man sieht auch wirklich Fuhrwerke mit sechs
-und zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden. Aber ich habe sie nicht
-gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren. Über den Arno
-führt eine Budenbrücke, nach Art des Rialto, und wenn Du von den vielen
-Kirchen und Klöstern absehen willst, so gilt der alte Herzogspalast
-als die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt. Und am schönsten finden sie
-den kleinen Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwächst, nicht viel
-anders als ein Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie darum. Es
-soll aber sehr originell gedacht sein. Und zuletzt findet man es auch.
-Und in der Nähe befindet sich eine lange schmale Gasse, die neben der
-Hauptstraße herläuft und in der beständig Wachteln am Spieß gebraten
-werden. Und alles riecht nach Fett, und dazwischen Lärm und Blumen und
-aufgetürmter Käse, so daß man nicht weiß, wo man bleiben und ob man
-sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut man sich,
-und es ist eigentlich das Hübscheste, was ich auf meiner ganzen Reise
-gesehen habe. Natürlich Rom ausgenommen. Und nun bin ich in Rom.
-
-Aber Herzens-Jakobine, davon kann ich Dir heute nicht schreiben, denn
-ich bin schon auf dem vierten Blatt und Ruben wird ungeduldig und wirft
-aus seiner dunklen Ecke Konfetti nach mir, trotzdem wir den Karneval
-längst hinter uns haben. Und so brech' ich denn ab und tue nur noch ein
-paar Fragen.
-
-Freilich, jetzt wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir nicht
-recht aus der Feder und Du mußt sie erraten. Rätsel sind es nicht.
-In Deiner Antwort sei schonend, aber verschweige nichts. Ich muß das
-Unangenehme, das Schmerzliche tragen lernen. Es ist nicht anders.
-Über all das geb' ich mich keinen Illusionen hin. Wer in die Mühle
-geht, wird weiß. Und die Welt wird schlimmere Vergleiche wählen. Ich
-möchte nur, daß bei meiner Verurteilung über die ›mildernden Umstände‹
-nicht ganz hinweggegangen würde. Denn sieh, ich konnte nicht anders.
-Und ich habe nur noch den +einen+ Wunsch, daß es mir vergönnt sein
-möchte, +dies+ zu beweisen. Aber dieser Wunsch wird mir versagt bleiben
-und ich werd' allen Trost in meinem Glück und alles Glück in meiner
-Zurückgezogenheit suchen und finden müssen. Und das werd' ich. Ich
-habe genug von dem Geräusch des Lebens gehabt und ich sehne mich nach
-Einkehr und Stille. Die hab' ich +hier+. Ach, wie schön ist diese
-Stadt, und mitunter ist es mir, als wär' es wahr und als käm' uns
-jedes Heil und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist ein seliges
-Wandeln an diesem Ort, ein Sehen und Hören als wie im Traum.
-
-Und nun meine süße Jakobine, lebe wohl und schreibe recht viel und
-recht ausführlich. Es interessiert mich alles, und ich sehne mich nach
-Nachricht, vor allem nach Nachricht ... Aber Du weißt es ja. Nichts
-mehr davon. Immer die Deine.
-
- Melanie R.«
-
-Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, in dem dunklen
-Gefühl, daß eine rasche Beförderung auch eine rasche Antwort erzwingen
-könne. Aber diese Antwort blieb aus, und die darin liegende Kränkung
-würde sehr schmerzlich empfunden worden sein, wenn nicht Melanie
-wenige Tage nach Absendung des Briefes, in ihre frühere Melancholie
-zurückverfallen wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie sterben werde,
-versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom von Tränen
-aus. Denn sie hing am Leben und genoß inmitten ihres Schmerzes +ein+
-unendliches Glück: die Nähe des geliebten Mannes.
-
-Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen. Denn alle
-Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller, je trüber die Tage waren.
-Er kannte nur Rücksicht; keine Mißstimmung, keine Klage wurde laut, und
-über das Vornehme seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen.
-
-Und so vergingen trübe Wochen.
-
-Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte, daß vor
-allem das Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt für beständig
-neue Eindrücke gesorgt werden müsse. Mit anderen Worten, das was er
-vorschlug, war ein beständiger Orts- und Luftwechsel. Ein solch
-tagtägliches Hin und Her sei freilich selber ein Übel, aber ein
-kleineres, und jedenfalls das einzige Mittel, der inneren Ruhelosigkeit
-abzuhelfen.
-
-Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von der Kranken
-apathisch angenommen.
-
-In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn
-und großen Straßen, ging es, durch Umbrien, immer höher hinauf an der
-Ostküste hin, bis sich plötzlich herausstellte, daß man nur noch zehn
-Meilen von Venedig entfernt sei. Und siehe, da kam ihr ein tiefes und
-sehnsüchtiges Verlangen, ihrer Stunde dort warten zu wollen. Und sie
-war plötzlich wie verändert und lachte wieder und sagte: »Della Salute!
-Weißt du noch? ... Es heimelt mich an, es erquickt mich: das Wohl, das
-Heil! O, komm. Dahin wollen wir.«
-
-Und sie gingen, und dort war es, wo die bange Stunde kam. Und einen
-Tag lang wußte der Zeiger nicht, wohin er sich zu stellen habe, ob
-auf Leben oder Tod. Als aber am Abend, von über dem Wasser her, ein
-wunderbares Läuten begann, und die todmatte Frau auf ihre Frage »von
-wo« die Antwort empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich auf
-und sagte: »Nun weiß ich, daß ich leben werde.«
-
-
-
-
-18
-
-Wieder daheim
-
-
-Und ihre Hoffnung hatte sie nicht betrogen. Sie genas und erst als
-die Herbsttage kamen, und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch
-ihr eigenes Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete, verließen sie die
-Stadt, an die sie sich durch ernste und heitere Stunden aufs innigste
-gekettet fühlten, und gingen in die Schweiz, um in dem lieblichsten
-der Täler, in dem Tale »zwischen den Seen« eine neue vorläufige Rast zu
-suchen.
-
-Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein scharfer
-Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüber fuhr und den Tag
-darauf der Schnee so dicht fiel, daß nicht nur die »Jungfrau«, sondern
-auch jede kleinste Kuppe verschneit und vereist ins Tal hernieder sah,
-sagte Melanie: »Nun ist es Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das
-Alter und nicht jede Landschaft der Schnee. Der Winter ist in diesem
-Tale nicht zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher. Und ich
-möchte nun wieder +da+ hin, wo man sich mit ihm eingelebt hat und ihn
-versteht.«
-
-»Ich glaube gar,« lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der
-Rousseau-Insel!«
-
-»Ja,« sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei Stunden
-könnte ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen, darin
-ich geboren wurde. Aber ich habe keine Sehnsucht danach. Es zieht mich
-nach dem +Norden+ hin und ich empfind' ihn mehr und mehr als meine
-Herzensheimat. Und was auch dazwischen liegt, er muß es bleiben.«
-
- * * * * *
-
-Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in
-der Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder »das Vrenel«,
-eine derbe schweizerische Magd, die sie, während ihres Aufenthaltes
-in Interlaken, zur Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine
-vorzügliche Wahl. Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem Bruder
-empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden: eine reizende Mansarde
-dicht am Westende des Tiergartens, ebenso reich wie geschmackvoll
-eingerichtet, und beinah Wand an Wand mit Duquede. »Sollen wir gute
-Nachbarschaft mit ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres
-Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.
-
-Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung, überhaupt
-über alles, und gleich am andern Vormittage setzte sie sich, als sie
-allein war, in eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften
-Bäume des Parks und auf ein paar Eichkätzchen, die sich haschten und
-von Ast zu Ast sprangen. Wie oft hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit
-Liddi und Heth durch den Tiergarten gefahren war! Es stand plötzlich
-alles wieder vor ihr, und sie fühlte, daß ein Schatten auf die heiteren
-Bilder ihrer Seele fiel.
-
-Endlich aber zog es auch +sie+ hinaus, und sie wollte die Stadt wieder
-sehen, die Stadt und bekannte Menschen. Aber wen? Sie konnte nur bei
-der Freundin, bei dem Musikfräulein vorsprechen. Und sie tat es auch,
-ohne daß sie schließlich eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam
-ihr vertraulich und beinah überheblich entgegen, und in begreiflicher
-Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück. Auch hier war
-nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in schlechter Laune, die
-Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit kam erst wieder, als sie Rubehns
-Stimme draußen auf dem Vorflur hörte.
-
-Und nun trat er ein.
-
-Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und sie nahm des
-geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm über den dicken,
-türkischen Teppich hin. Aber er litt von der Hitze, die sie mit ihrem
-Taschentuche vergeblich fortzufächeln bemüht war. »Und nun sind wir im
-Norden!« lachte er. »Und nun sage, haben wir im Süden je so was von
-Glut und Samum auszuhalten gehabt?«
-
-»O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erstemal nach dem
-Lido hinausfuhren? Ich wenigstens vergeß' es nicht. All mein Lebtag
-hab' ich mich nicht so geängstigt, wie damals auf dem Schiff: erst
-die Schwüle und dann der Sturm. Und dazwischen das Blitzen. Und wenn
-es noch ein Blitzen gewesen wäre! Aber wie feurige Laken fiel es vom
-Himmel. Und du warst so ruhig.«
-
-»Das bin ich immer, Herz, oder such' es wenigstens zu sein. Mit unserer
-Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert.«
-
-»Ich weiß doch nicht, ob du recht hast. In unserer Angst und Sorge
-beten wir, auch wir, die wir's in unseren guten Tagen an uns kommen
-lassen. Und das versöhnt die Götter. Denn sie wollen, daß wir uns in
-unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit fühlen lernen. Und haben sie
-nicht recht?«
-
-»Ich weiß nur, daß +du+ recht hast. Immer. Und dir zu Liebe sollen auch
-die Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?«
-
-»Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör' es wenigstens
-gern. Aber ...«
-
-»Lassen wir das ›aber‹ und nehmen wir lieber unseren Tee, der uns
-ohnehin schon erwartet. Und er hilft auch immer und gegen alles, und
-wird uns auch aus dieser afrikanischen Hitze helfen. Um aber sicher zu
-gehen, will ich doch lieber noch das Fenster öffnen.« Und er tat's, und
-unter dem halb aufgezogenen Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein.
-
-»Wie mild und weich,« sagte Melanie.
-
-»Zu weich,« entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns auf kältere
-Luftströme gefaßt machen müssen.«
-
-
-
-
-19
-
-Inkognito
-
-
-Melanie war froh, wieder daheim zu sein.
-
-Was sich ihr notwendig entgegenstellen mußte, das übersah sie nicht,
-und die Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben hatte, war auch ihre
-Furcht. Aber sie war doch andrerseits sanguinischen Gemüts genug, um
-der Hoffnung zu leben, sie werd' es überwinden. Und warum sollte sie's
-nicht? Was geschehen erschien ihr, der Gesellschaft gegenüber, so gut
-wie ausgeglichen; allem Schicklichen war genügt, alle Formen waren
-erfüllt, und so gewärtigte sie nicht einer Strenge zu begegnen, zu
-der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu +müssen+ glaubt,
-vielleicht einfach in dem Bewußtsein davon, daß, wer in einem Glashause
-wohnt, nicht mit Steinen werfen soll.
-
-Melanie gewärtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger stimmte sie
-dem Vorschlage bei, wenigstens während der nächsten Wochen noch ein
-Inkognito bewahren und erst von Neujahr an die nötigsten Besuche machen
-zu wollen.
-
-So war es denn natürlich, daß man den Weihnachtsabend im engsten Zirkel
-verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder und der alte Frankfurter
-Prokurist, ein versteifter und schweigsamer Junggeselle, dem sich erst
-beim dritten Schoppen die Zunge zu lösen pflegte, waren erschienen,
-um die Lichter am Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten,
-wurd' auch das Aninettchen herbeigeholt, und Melanie nahm das Kind auf
-den Arm und spielte mit ihm und hielt es hoch. Und das Kind schien
-glücklich und lachte und griff nach den Lichtern.
-
-Und glücklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer ihn an diesem
-Abende gesehen hätte, der hätte nichts von Behagen und Gemütlichkeit
-an ihm vermißt. Alles Amerikanische war abgestreift.
-
-In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl serviert worden, und
-als einleitend erst durch Anastasia und danach auch durch den jüngeren
-Rubehn ein paar scherzhafte Gesundheiten ausgebracht worden waren,
-erhob sich zuletzt auch der alte Prokurist, um »aus vollem Glas und
-vollem Herzen« einen Schlußtoast zu proponieren. Das Beste des Lebens,
-das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das Inkognito. Alles was sich
-auf den Markt oder auf die Straße stelle, das tauge nichts, oder habe
-doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert habe, das ziehe sich
-zurück, das berge sich in Stille, das verstecke sich. Die lieblichste
-Blume, darüber könne kein Zweifel sein, sei das Veilchen, und die
-poetischste Frucht, darüber könne wiederum kein Zweifel sein, sei die
-Walderdbeere. Beide versteckten sich aber, beide ließen sich suchen,
-beide lebten sozusagen inkognito. Und somit lasse er das Inkognito
-leben, oder die Inkognitos, denn Singular oder Plural sei ihm durchaus
-gleichgültig:
-
- Das oder die,
- Ein volles Glas für Melanie;
- Die oder das,
- Für Ebenezer ein volles Glas.
-
-Und danach fing er an zu singen.
-
-Erst zu später Stunde trennte man sich und Anastasia versprach, am
-andern Tage zu Tisch wieder zu kommen; abermals einen Tag später aber
-(Rubehn war eben in die Stadt gegangen), erschien das Vrenel, um in
-ihrem Schweizer Deutsch und zugleich in sichtlicher Erregung den
-Polizeirat Reiff zu melden. Und sie beruhigte sich erst wieder, als
-ihre junge Herrin antwortete: »Ah, sehr willkommen. Ich lasse bitten,
-einzutreten.«
-
-Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz unverändert:
-derselbe Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack, dieselbe weiße
-Weste.
-
-»Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff,« sagte Melanie und
-wies mit der Rechten auf einen neben ihr stehenden Fauteuil. »Sie waren
-immer mein guter Freund, und ich denke, Sie bleiben es.«
-
-Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und tat Fragen über
-Fragen. Endlich aber ließ er durch Zufall oder Absicht auch den Namen
-Van der Straatens fallen.
-
-Melanie blieb unbefangen und sagte nur: »Den Namen dürfen Sie nicht
-nennen, lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht. Nicht als ob er mir
-unfreundliche Bilder weckte. Nein, o nein. Wäre das, so dürften Sie's.
-Aber gerade weil mir der Name nichts Unfreundliches zurückruft, weil
-ich nur weiß, ihm, der ihn trägt, wehe getan zu haben, so quält und
-peinigt er mich. Er mahnt mich an ein Unrecht, das dadurch nicht
-kleiner wird, daß ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht
-empfinde. Also nichts von ihm. Und auch nichts ...« Und sie schwieg
-und fuhr erst nach einer Weile fort: »Ich habe nun mein Glück, ein
-wirkliches Glück; ~mais il faut payer pour tout et deux fois pour notre
-bonheur~.«
-
-Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil er nicht recht
-verstanden hatte.
-
-»Wir aber, lieber Reiff,« nahm Melanie wieder das Wort, »wir müssen
-einen neutralen Boden finden. Und das werden wir. Das zählt ja zu den
-Vorzügen der großen Stadt. Es gibt immer hundert Dinge, worüber sich
-plaudern läßt. Und nicht bloß um Worte zu machen, nein, auch mit dem
-Herzen. Nicht wahr? Und ich rechne darauf, Sie wiederzusehen.«
-
-Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin er gekommen
-war, nicht allzulange warten zu lassen. Melanie aber sah ihm nach
-und freute sich, als er wenige Häuser entfernt dem aus der Stadt
-zurückkommenden Rubehn begegnete. Beide grüßten einander.
-
-»Reiff war hier,« sagte Rubehn, als er einen Augenblick später eintrat.
-»Wie fandest du ihn?«
-
-»Unverändert. Aber verlegener, als ein Polizeirat sein sollte.«
-
-»Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.«
-
-»Glaubst du?«
-
-»Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren sind
-verschieden. Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren. Aber vor dieser
-Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Und so lächerlich es ist, ich
-kann den Gedanken nicht unterdrücken, daß wir morgen ins schwarze Buch
-kommen.«
-
-»Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement für mich. Oder ist es
-meinerseits bloß Eitelkeit und Einbildung?«
-
-»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren, ... ihr
-bester Freund, ihr leiblicher Bruder, ist nie sicher vor ihnen. Und
-wenn man sich darüber erstaunt oder beklagt, so heißt es ironisch und
-achselzuckend: ~c'est mon métier~.«
-
- * * * * *
-
-Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen und der Zeitpunkt
-war da, wo das junge Paar aus seinem Inkognito heraustreten wollte.
-Wenigstens Melanie. Sie war noch immer nicht bei Jakobine gewesen, und
-wiewohl sie sich, in Erinnerung an den unbeantwortet gebliebenen Brief,
-nicht viel gutes von diesem Besuche versprechen konnte, so mußt' er
-doch auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie mußte Gewißheit haben,
-wie sich die Gryczinskis stellen wollten.
-
-Und so fuhr sie denn nach der Alsenstraße.
-
-Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte Treppe
-hinauf und klingelte. Und bald konnte sie hinter der Korridor-Glaswand
-ein Hin- und Herhuschen erkennen. Endlich aber wurde geöffnet.
-
-»Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?«
-
-»Nein, Frau Kommerzien... Ach, wie die gnädige Frau bedauern wird! Aber
-Frau von Heysing waren hier und haben die gnädige Frau zu dem großen
-Bilde abgeholt. Ich glaube ›die Fackeln des Nero‹.«
-
-»Und der Herr Major?«
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen verlegen. »Er wollte fort. Aber
-ich will doch lieber erst ...«
-
-»O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie meiner Schwester,
-oder der gnädigen Frau, daß ich da war. Oder besser, nehmen Sie meine
-Karte ...«
-
-Danach grüßte Melanie kurz und ging.
-
-Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: »Das ist +er+. Sie ist ein
-gutes Kind und liebt mich.« Und dann legte sie die Hand aufs Herz und
-lächelte: »Schweig stille, mein Herze.«
-
-Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hörte, war wenig
-überrascht, und noch weniger, als am andern Morgen ein Brief eintraf,
-dessen zierlich verschlungenes J. v. G. über die Absenderin keinen
-Zweifel lassen konnte. Wirklich, es waren Zeilen von Jakobine. Sie
-schrieb:
-
-»Meine liebe Melanie. Wie hab' ich es bedauert, daß wir uns verfehlen
-mußten. Und nach so langer Zeit! Und nachdem ich Deinen lieben, langen
-Brief unbeantwortet gelassen habe! Er war so reizend, und selbst
-Gryczinski, der doch so kritisch ist und alles immer auf Disposition
-hin ansieht, war eigentlich entzückt. Und nur an der einen Stelle
-nahm er Anstoß, daß alles Heil und aller Trost nach wie vor aus Rom
-kommen solle. Das verdroß ihn, und er meinte, daß man dergleichen auch
-nicht im Scherze sagen dürfe. Und meine Verteidigung ließ er nicht
-gelten. Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katholisch und ich
-denke mir, daß er so streng und empfindlich ist, weil er es persönlich
-los sein und von sich abwälzen möchte. Denn sie sind immer noch sehr
-diffizil oben, und Gryczinski, wie Du weißt, ist zu klug, als daß er
-etwas wollen sollte, was man oben +nicht+ will. Aber es ändert sich
-vielleicht wieder. Und ich bekenne Dir offen, +mir+ wär' es recht,
-und ich für mein Teil hätte nichts dagegen, sie sprächen erst wieder
-von etwas anderm. Ist es denn am Ende wirklich so wichtig und eine
-so brennende Frage? Und wär' es nicht wegen der vielen Toten und
-Verwundeten, so wünscht' ich mir einen neuen Krieg. (Es heißt übrigens,
-sie rechneten schon wieder an einem.) Und +hätten+ wir den Krieg, so
-wären wir die ganze Frage los und Gryczinski wäre Oberstleutnant.
-Denn er ist der dritte. Und ein paar von den alten Generälen, oder
-wenigstens von den ganz alten, werden doch wohl endlich abgehen müssen.
-
-Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski und von mir,
-und vergesse ganz nach Dir und nach Deinem Befinden zu fragen. Ich bin
-überzeugt, daß es Dir gut geht und daß Du mit dem Wechsel in allen
-wesentlichen Stücken zufrieden bist. Er ist reich und jung, und bei
-Deinen Lebensanschauungen, mein' ich, kann es Dich nicht unglücklich
-machen, daß er unbetitelt ist. Und am Ende, wer jung ist, hofft auch
-noch. Und Frankfurt ist ja jetzt preußisch. Und da findet es sich wohl
-noch.
-
-Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wär' ich selbst gekommen, und hätte
-nach allem Großen und Kleinen gesehen, ja, auch nach allem Kleinen,
-und wem es eigentlich ähnlich ist. Aber er hat es mir verboten und hat
-auch dem Diener gesagt, ›daß wir nie zu Hause sind‹. Und Du weißt, daß
-ich nicht den Mut habe, ihm zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu
-widersprechen. Denn etwas widersprochen hab' ich ihm. Aber da fuhr er
-mich an und sagte: ›Das unterbleibt. Ich habe nicht Lust um solcher
-Allotria willen beiseite geschoben zu werden. Und sieh dich vor,
-Jakobine. Du bist ein entzückendes kleines Weib (er sagte wirklich
-so), aber ihr seid wie die Zwillinge, wie die Druväpfel und es spukt
-dir auch so was im Blut. Ich bin aber nicht Van der Straaten und führe
-keine Generositätskomödien auf. Am wenigsten auf meine Kosten‹. Und
-dabei warf er mir ~de haut en bas~ eine Kußhand zu und ging aus dem
-Zimmer.
-
-Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich habe nicht
-einmal geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn ich fühle, daß er
-recht hat und daß eine sonderbare Neugier in mir steckt. Und darin
-treffen es die Bibelleute, wenn sie so vieles auf unsere Neugier
-schieben ... Elimar, der freilich nicht mit zu den Bibelleuten gehört,
-sagte mal zu mir: ›Das Hübscheste sei doch das Vergleichenkönnen.‹
-Er meinte, glaub' ich, in der Kunst. Aber die Frage beschäftigt mich
-seitdem, und ich glaube kaum, daß es sich auf die Kunst beschränkt.
-Übrigens hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr
-eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann sehe ich Dich. Und wenn er
-wiederkommt, so beicht' ich ihm alles. Ich kann es dann. Er ist dann
-immer so zärtlich. Und ein Blaubart ist er überhaupt nicht. Und bis
-dahin Deine
-
- Jakobine.«
-
-Melanie ließ das Blatt fallen und Rubehn nahm es auf. Er las nun auch
-und sagte: »Ja, Herz, das sind die Tage, von denen es heißt, sie
-gefallen uns nicht. Ach, und sie +beginnen+ erst. Aber laß, laß. Es
-rennt sich alles tot und am ehesten +das+.«
-
-Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem Anfluge
-heiterer Übertreibung: »Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschützt' ich
-dich, beschützt' ich dich.«
-
-Und dann erhob er sich wieder und küßte sie, und sagte: »~Cheer up,
-dear!~«
-
-
-
-
-20
-
-Liddi
-
-
-»~Cheer up, dear~,« hatte Rubehn Melanie zugerufen und sie wollte
-dem Zurufe folgen. Aber es glückte nicht, konnte nicht glücken, denn
-jeder neue Tag brachte neue Kränkungen. Niemand war für sie zu Haus,
-ihr Gruß wurde nicht erwidert, und ehe der Winter um war, wußte sie,
-daß man sie, nach einem stillschweigenden Übereinkommen, in den
-Bann getan habe. Sie war tot für die Gesellschaft, und die tiefe
-Niedergedrücktheit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung geführt,
-wenn ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite gestanden hätte.
-Nicht nur in herzlicher Liebe, nein vor allem auch in jener heitren
-Ruhe, die sich der Umgebung entweder mitzuteilen oder wenigstens
-nicht ohne stillen Einfluß auf sie zu bleiben pflegt. »Ich kenne das,
-Melanie. Wenn es in London etwas ganz Apartes gibt, so heißt es »~it is
-a nine days wonder~,« und mit diesen neun Tagen ist das höchste Maß von
-Erregungsandauer ausgedrückt. Das ist in London. Hier dauert es etwas
-länger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe.
-Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir wieder den Regenbogen
-und das Fest der Versöhnung.«
-
-»Die Gesellschaft ist unversöhnlich.«
-
-»Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen, ist ihr eigentlich unbequem. Sie
-weiß schon warum. Und so wartet sie nur auf das Zeichen, um das große
-Hinrichtungsschwert wieder in die Scheide zu stecken.«
-
-»Aber dazu muß etwas geschehen.«
-
-»Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen Fällen
-eigentlich nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und müssen ehrlich
-bemüht sein, einen andern zu machen. Einen entgegengesetzten. Aber auf
-demselben Gebiete ... Du verstehst?«
-
-Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: »Und ich schwöre dir's, ich
-will. Und wo die Schuld lag, soll auch die Sühne liegen. Oder sag' ich
-lieber, der Ausgleich. Auch +das+ ist ein Gesetz, so hoff' ich. Und das
-schönste von allen. Es braucht nicht alles Tragödie zu sein.«
-
-In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte hereingegeben:
-»Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler v. d. Hölle,
-Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.«
-
-»O, laß uns allein, Ruben,« bat Melanie, während sie sich erhob und
-der alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging. »Ach, mein liebes
-Riekchen! Wie mich das freut, daß du kommst, daß du da bist. Und wie
-schwer es dir geworden sein muß ... Ich meine nicht bloß die drei
-Treppen ... Ein halbes Stiftsfräulein und jeden Sonntag in Sankt
-Matthäi! Aber die Frommen, wenn sie's wirklich sind, sind immer noch
-die Besten. Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich, mein
-einziges, liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!«
-
-Und während sie so sprach, war sie bemüht, ihr beim Ablegen behilflich
-zu sein und das Seidenmäntelchen an einen Haken zu hängen, an den die
-Kleine nicht heranreichen konnte.
-
-»Meine liebe, alte Freundin,« wiederholte Melanie. »Ja, das warst du,
-Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin, die mir immer
-zum Guten geraten und nie zum Munde gesprochen hat. Aber es hat nicht
-geholfen, und ich habe nie begriffen, wie man Grundsätze haben kann
-oder Prinzipien, was eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch
-schwerer und unnötiger vorgekommen ist. Ich hab' immer nur getan,
-was ich wollte, was mir gefiel, wie mir gerade zumute war. Und ich
-kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch jetzt noch nicht. Aber
-gefährlich ist es, so viel räum' ich ein, und ich will es anders zu
-machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt. Und nun erzähle. Mir
-brennen hundert Fragen auf der Seele.«
-
-Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben, jetzt
-aber sagte sie, während sie die Augen niederschlug und dann wieder
-freundlich und fest auf Melanie richtete: »Habe doch mal sehen wollen
-... Und ich bin auch nicht hinter seinem Rücken hier. Er weiß es und
-hat mir zugeredet.«
-
-Melanie flogen die Lippen. »Ist er erbittert? Sag', ich will es hören.
-Aus +deinem+ Munde kann ich alles hören. In den Weihnachtstagen war
-Reiff hier. Da mocht' ich es nicht. Es ist doch ein Unterschied, +wer+
-spricht. Ob die Neugier oder das Herz. Sag', ist er erbittert?«
-
-Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: »Wie denn!
-Erbittert! Wär' er erbittert, so wär' ich nicht hier. Er war
-unglücklich und ist es noch. Und es zehrt und nagt an ihm. Aber seine
-Ruhe hat er wieder. Das heißt, so vor den Menschen. Und dabei bleibt
-es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut er nur einem Menschen
-sein konnte. Und du warst sein Stolz, und er freute sich, wenn er dich
-sah.«
-
-Melanie nickte.
-
-»Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du das andre
-nicht gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt, und weil du nicht
-wußtest, was der Ernst des Lebens ist. Und Anastasia sang wohl immer:
-›Wer nie sein Brot mit Tränen aß‹ und Elimar drehte dann das Blatt um.
-Aber singen und erleben ist ein Unterschied. Und du hast das Tränenbrot
-nicht gegessen und Anastasia hat es nicht gegessen, und Elimar auch
-nicht. Und so kam es, daß du nur getan hast, was dir gefiel oder wie
-dir zumute war. Und dann bist du von den Kindern fortgegangen, von den
-lieben Kindern, die so hübsch und so fein sind, und hast sie nicht
-einmal sehen wollen. Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach,
-mein armes, liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht
-verantworten.«
-
-Es war, als ob die Kleine noch weiter sprechen wollte. Aber Melanie
-war aufgesprungen und sagte: »Nein, Riekchen, an dieser Stelle hört es
-auf. Hier tust du mir unrecht. Sieh, du kennst mich so gut und so lange
-schon, und fast war ich selber noch ein Kind, als ich ins Haus kam.
-Aber das eine mußt du mir lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt,
-und hab' umgekehrt einen wahren Haß gehabt, mich besser zu machen als
-ich bin. Und diesen Haß hab' ich noch. Und so sag' ich dir denn, das
-mit den Kindern, mit meiner süßen kleinen Heth, die wie der Vater
-aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama,
-nein, Riekchen, das mit den Kindern, +das+ trifft mich nicht.«
-
-»Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.«
-
-»Ja, das bin ich, und ich weiß es wohl, manch andre hätt' es +nicht+
-getan. Aber wenn man auf etwas an und für sich Trauriges stolz sein
-darf, so bin ich stolz darauf. Ich wollte gehn, das stand fest. Und
-wenn ich die Kinder sah, so konnt' ich nicht gehn. Und so hatt' ich
-denn meine Wahl zu treffen. Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben,
-in den Augen der Welt hab' ich es gewiß, aber es war wenigstens ein
-klares Spiel und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortläuft und aus
-keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der begibt
-sich des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen.
-Und das ist die Wahrheit. Ich bin ohne Blick und ohne Abschied
-gegangen, weil es mir widerstand, Unheiliges und Heiliges durcheinander
-zu werfen. Ich wollte keine sentimentale Verwirrung. Es steht mir nicht
-zu, mich meiner Tugend zu berühmen. Aber eins hab' ich wenigstens,
-Riekchen: ich habe feine Nerven für das, was paßt und nicht paßt.«
-
-»Und möchtest du jetzt sie sehen?«
-
-»Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?«
-
-»Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir einen Plan
-ausgedacht. Und wenn er glückt, so laß' ich wieder von mir hören. Und
-ich komm' entweder oder ich schreibe oder Jakobine schreibt. Denn
-Jakobine muß uns dabei helfen. Und nun Gott befohlen, meine liebe,
-liebe Melanie. Laß nur die Leute. Du bist doch ein liebes Kind. Leicht,
-leicht, aber das Herz sitzt an der richtigen Stelle. Und nun Gott
-befohlen, mein Schatz.«
-
-Und sie ging und weigerte sich das Mäntelchen anzuziehn, weil sie gerne
-rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer blieb sie stehn und
-half sich mit einiger Mühe selbst in die kleinen Ärmel hinein.
-
- * * * * *
-
-Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch, zugleich sehnsüchtig
-erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als träte das Kleine, das
-nebenan in der Wiege lag, neben dieser Sehnsucht zurück. Gehörte sie
-doch ganz zu jenen Naturen, in deren Herzen eines immer den Vorrang
-behauptet.
-
-Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran, als endlich
-ein Billett abgegeben wurde, dem sie's ansah, daß es ihr gute Botschaft
-bringe. Es war von der Schwester, und Jakobine schrieb:
-
-»Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien die
-Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weißt, die hohen,
-dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der Eisenbahn fährt,
-überall deutlich erkennen kann und wo die Mitfahrenden im Coupé
-jedesmal fragen: ›Mein Gott, was ist das?‹ Und es ist auch nicht zu
-verwundern, denn es sieht eigentlich aus wie ein Malerstuhl, nur daß
-der Maler sehr groß sein müßte. Noch größer und langbeiniger als
-Gabler. Und erst in vierzehn Tagen kommt er zurück, worauf ich mich
-sehr, sehr freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch
-entschieden +das+, was uns Frauen gefällt. Und früher hat er Dir auch
-gefallen, ja Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich war mitunter
-eifersüchtig, weil Du klüger bist als ich, und das haben sie gern.
-Aber weshalb ich eigentlich schreibe! Riekchen war hier und hat es mir
-ans Herz gelegt, und so denk' ich, wir säumen keinen Augenblick länger
-und Du kommst morgen um die Mittagsstunde. Da werden sie hier sein und
-Riekchen auch. Aber wir haben nichts gesagt und sie sollen überrascht
-werden. Und ich bin glücklich, meine Hand zu so was Rührendem bieten
-zu können. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das Schönste
-... Ach, meine liebe Melanie! ... Aber ich schweige, Gryczinskis
-drittes Wort ist ja, daß es im Leben darauf ankomme, seine Gefühle zu
-beherrschen ... Ich weiß doch nicht, ob er recht hat. Und nun lebe
-wohl. Immer Deine
-
- J. v. G.«
-
-Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, die sie
-weder verbergen konnte noch wollte. So fand sie Rubehn und geriet in
-wirkliche Sorge, weil er aus Erfahrung wußte, daß solchen Überreizungen
-immer ein Rückschlag und solchen hochgespannten Erwartungen immer
-eine Enttäuschung zu folgen pflegt. Er suchte sie zu zerstreuen und
-abzuziehen, und war endlich froh, als der andere Morgen da war.
-
-Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein paar weiße
-Wölkchen schwammen oben im Blau. Melanie verließ das Haus noch vor der
-verabredeten Stunde, um ihren Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten.
-Ach, wie wohl ihr diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um
-sie begierig einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden
-Lebens und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen. Alle
-Hecken zeigten einen grünen Saum und an den geharkten Stellen, wo man
-das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte, keimten bereits die
-grünen Blättchen des Gundermann und einmal war es ihr, als schöss'
-eine Schwalbe mit schrillem aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so
-passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt
-den kleinen, der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht
-hatte, den sie den »kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich
-auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte deutlich, wie
-ihr das Herz schlug.
-
-»In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Straße des Hergebrachten
-verlassen und abweichen von Regel und Gesetz. Es nutzt uns nichts,
-daß wir uns selber freisprechen. Die Welt ist doch stärker als wir und
-besiegt uns schließlich in unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht
-zu tun, als ich ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich
-wollte kein Rührspiel; entweder oder dacht' ich. Und ich glaub' auch
-noch, daß ich recht gedacht habe. Aber was hilft es mir? Was ist das
-Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern fürchtet.«
-
-Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der neben aller
-Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder und sie ging rasch auf
-das Gryczinskische Haus zu.
-
-Die Portiersleute, Mann und Frau, und zwei halberwachsene Töchter,
-mußten schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden
-Ereignisse gehört haben, denn sie hatten sich in die halbgeöffnete
-Souterraintür postiert und guckten einander über die Köpfe fort.
-Melanie sah es und sagte vor sich hin: »~A nine days wonder!~ Ich bin
-eine Sehenswürdigkeit geworden. Es war mir immer das schrecklichste.«
-
-Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon da, die
-Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten über ihr
-gegenseitiges Aussehen. Und alles verriet Aufregung und Freude.
-
-Das Wohn- und Empfangszimmer, in das man jetzt eintrat, war ein
-großer und luftiger, aber im Verhältnis zu seiner Tiefe nur schmaler
-Raum, dessen zwei große Fenster (ohne Pfeiler dazwischen) einen
-nischenartigen Ausbau bildeten. Etwas Feierliches herrschte vor, und
-die roten, von beiden Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben
-ein gedämpftes, wundervolles Licht, das auf den weißen Tapeten
-reflektierte. Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber, bemerkte man
-eine hohe Tür, die nach dem dahinter gelegenen Eßzimmer führte.
-
-Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz, die beiden
-anderen Damen mit ihr, und Jakobine versuchte nach ihrer Art eine
-Plauderei. Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete
-das Ganze vom Standpunkt einer dramatischen Matinee. Riekchen aber,
-die wohl wahrnahm, daß die Blicke Melanies immer nur nach der +einen+
-Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich das Gespräch und sagte:
-»Laß Binchen. Ich werde sie nun holen.«
-
-Eine peinliche Stille trat ein, Jakobine wußte nichts mehr zu sagen
-und war herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her die Musik eines
-vorüberziehenden Garderegiments hörbar wurde. Sie stand auf, stellte
-sich zwischen die Gardinen, und sah nach rechts hinaus ... »es sind die
-Ulanen,« sagte sie. »Willst du nicht auch ...« Aber ehe sie noch ihren
-Satz beenden konnte, ging die große Flügeltür auf und Riekchen, mit den
-beiden Kindern an der Hand, trat ein.
-
-Die Musik draußen verklang.
-
-Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah
-erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. Als sie aber sah,
-daß Lydia einen Schritt zurück trat, blieb auch +sie+ stehen und ein
-Gefühl ungeheurer Angst überkam sie. Nur mit Mühe brachte sie die Worte
-heraus: »Heth, mein süßer, kleiner Liebling ... Komm ... Kennst du
-deine Mutter nicht mehr?«
-
-Und ihre ganze Kraft zusammen nehmend, hatte sie sich bis dicht an die
-Türe vorbewegt und bückte sich, um Heth mit beiden Händen in die Höhe
-zu heben. Aber Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu, riß das
-Kind am Achselbande zurück und sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.«
-
-Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich
-fort und zu der halb offen gebliebenen Tür hinaus.
-
-Melanie war ohnmächtig zusammengesunken.
-
-Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt, daß sie
-zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden.
-Riekchens Weisheiten und Jakobinens Albernheiten mußten ihr in ihrer
-Stimmung gleich unerträglich erscheinen.
-
-Als sie fort war, sagte Jakobine zu Riekchen: »Es hat doch einen
-rechten Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf gar nichts davon
-erfahren. Er ist ohnehin gegen Kinder. Und er würde mir doch nur sagen:
-›Da siehst du, was dabei heraus kommt. Undank und Unnatur.‹«
-
-
-
-
-21
-
-In der Nikolaikirche
-
-
-Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses,
-als Melanie wieder in ihre Wohnung eintrat. Das Herz war ihr zum
-Zerspringen, und sie sehnte sich nach Aussprache. Dann, das wußte sie,
-kamen ihr die Tränen und in den Tränen Trost.
-
-Aber Ruben blieb heute länger aus als gewöhnlich und zu den anderen
-Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch noch das Bangen und Sorgen um
-den geliebten Mann. Endlich kam er; es war schon Spätnachmittag und
-die drüben hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne warf eine
-Fülle greller Lichter durch die kleinen Mansardenfenster. Aber es war
-kalt und unheimlich, und Melanie sagte, während sie dem Eintretenden
-entgegenging: »Du bringst so viel Kälte mit, Ruben. Ach, und ich sehne
-mich nach Licht und Wärme.«
-
-»Wie du nur bist,« entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit,
-während er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu zeigen trachtete.
-»Wie du nur bist! Ich sehe nichts als Licht, ein wahrer ~embarras de
-richesse~, auf jedem Sofakissen und jeder Stuhllehne, und das Ofenblech
-flimmert und schimmert, als ob es Goldblech wäre. Und du sehnst dich
-nach Licht! Ich bitte dich, mich blendet's, und ich wollt', es wäre
-weniger oder wäre fort.«
-
-»Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.«
-
-Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er stehen und sagte
-teilnehmend: »Ich vergesse nach der Hauptsache zu fragen. Verzeihe. Du
-warst bei Jakobine. Wie lief es ab? Ich fürchte, nicht gut. Ich lese
-so was aus deinen Augen. Und ich hatt' auch eine Ahnung davon, gleich
-heute früh, als ich in die Stadt fuhr. Es war kein glücklicher Tag.«
-
-»Auch für dich nicht?«
-
-»Nicht der Rede wert. ~A shadow of a shadow.~«
-
-Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen und
-griff mechanisch nach einem Album, das auf dem Sofatische lag. Seiner
-oft ausgesprochenen Ansicht nach war dies die niedrigste Form aller
-geistigen Beschäftigung, und so durft' es nicht überraschen, daß er
-während des Blätterns über das Buch fortsah und wiederholentlich
-fragte: »Wie war es? Ich bin begierig zu hören.«
-
-Aber sie konnte nur zu gut erkennen, daß er +nicht+ begierig war zu
-hören, und so sehr es sie nach Aussprache verlangt hatte, so schwer
-wurd' es ihr jetzt, ein Wort zu sagen, und sie verwirrte sich mehr
-als einmal, als sie, um ihm zu willfahren, von der tiefen Demütigung
-erzählte, die sie von ihrem eigenen Kinde hatte hinnehmen müssen.
-
-Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar hingeworfene
-Worte zu beruhigen, aber es war nicht anders, wie wenn einer einen
-Spruch herbetet.
-
-»Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie. »Ruben, mein
-Einziger, soll ich auch +dich+ verlieren?!« Und sie stellte sich vor ihn
-hin und sah ihn starr an.
-
-»O, sprich nicht so. Verlieren! Wir können uns nicht verlieren. Nicht
-wahr, Melanie, wir können uns nicht verlieren?« Und hierbei wurde seine
-Stimme momentan inniger und weicher. »Und was die Kinder angeht,« fuhr
-er nach einer Weile fort, »nun, die Kinder sind eben Kinder. Und eh'
-sie groß sind, ist viel Wasser den Rhein hinuntergelaufen. Und dann
-darfst du nicht vergessen, es waren nicht gerade die glänzendsten
-~metteurs en scène~, die es in die Hand nahmen. Unser Riekchen ist
-lieb und gut, und du hast sie gern, zu gern vielleicht; aber auch du
-wirst nicht behaupten wollen, daß die Stiftsanwärterin auf Kloster
-Himmelpfort an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls
-ist ihr nicht aufgemacht worden. Und Jakobine! ~Pardon~, sie hat etwas
-von einer Prinzessin, aber von einer, die die Lämmer hütet.«
-
-»Ach, Ruben,« sagte Melanie, »du sagst so vieles durcheinander. Aber
-das rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts, was mich aufrichten,
-mich vor mir selbst wieder herstellen könnte. Mein eigen Kind hat mir
-den Rücken gekehrt. Und daß es noch ein Kind ist, das gerade ist das
-Vernichtende. Das richtet mich.«
-
-Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du nimmst es zu schwer. Und glaubst
-du denn, daß Mütter und Väter außerhalb aller Kritik stehen?«
-
-»Wenigstens außerhalb +der+ ihrer Kinder.«
-
-»Auch +der+ nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen überall zu Gericht,
-still und unerbittlich. Und Lydia war immer ein kleiner Großinquisitor,
-wenigstens genferischen Schlages, und an ihr läßt sich die
-Rückschlagstheorie studieren. Ihr Urahne muß mitgestimmt haben, als man
-Servet verbrannte. Mich hätte sie gern mit auf dem Holzstoß gesehen, so
-viel steht fest. Und nun, laß uns schweigen davon. Ich muß noch in die
-Stadt.«
-
-»Ich bitte dich, was ist? Was gibts?«
-
-»Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen, daß wir nach
-ihrem Abschluß zusammen bleiben. Ängstige dich nicht und vor allem
-erwarte mich nicht. Ich hasse junge Frauen, die beständig am Fenster
-passen, ›ob er noch nicht kommt‹ und mit dem Wächter unten auf du und
-du stehen, nur, um immer eine Heil-Ablieferungsgarantie zu haben. Ich
-perhorresziere das. Und das beste wird sein, du gehst früh zu Bett
-und schläfst es aus. Und wenn wir uns morgen früh wiedersehen, wirst
-du mir vielleicht zustimmen, daß Lydia Bescheidenheit lernen muß und
-daß zehnjährige dumme Dinger, Fräulein Liddi mit eingeschlossen, nicht
-dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer eigenen Frau Mama
-aufzuwerfen.«
-
-»Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fühlst es anders und bist zu klug
-und zu gerecht, als daß du nicht wissen solltest, das Kind hat recht.«
-
-»Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt es Ernsteres
-als das. Und nun Gott befohlen.«
-
-Und er nahm seinen Hut und ging.
-
-Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam. Aber erst am
-andern Morgen fragte sie nach der Konferenz und bemühte sich darüber
-zu scherzen. Er seinerseits antwortete in gleichem Ton und war wie
-gestern ersichtlich bemüht, mit Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm
-aufzurichten, hinter dem er, was eigentlich in ihm vorging, verbergen
-konnte.
-
-So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit ihr auch seine
-Zerstreutheit, und es kam vor, daß er mehrere Male dasselbe fragte.
-Melanie schüttelte den Kopf und sagte: »Ich bitte dich, Ruben, wo bist
-du? sprich.« Aber er versicherte nur, »es sei nichts, und sie forsche,
-wo nichts zu forschen sei. Zerstreutheit wäre ein Erbstück in der
-Familie, kein gutes, aber es sei einmal da, und sie müsse sich damit
-einleben und daran gewöhnen«. Und dann ging er, und sie fühlte sich
-freier, wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht gesprochen und
-+er+, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte sie
-nur durch seine Gegenwart.
-
-Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag auf eine halbe
-Stunde vor, aber Melanie war froh, als das Gespräch ein Ende nahm und
-die mehr und mehr unbequem werdende Freundin wieder ging. Und so kam
-auch der zweite Festtag, unfestlich und unfreundlich wie der erste,
-und als Rubehn über Mittag erklärte, »daß er abermals eine Verabredung
-habe«, konnte sie's in ihrer Herzensangst nicht länger ertragen und
-sie beschloß in die Kirche zu gehen und eine Predigt zu hören. Aber
-wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen und Hochzeiten her, wo sie,
-neben Frommen und Nichtfrommen, manch liebes Mal bei Tisch gesessen
-und beim Nachhausekommen immer versichert hatte: »Geht mir doch mit
-eurem Pfaffenhaß. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten,
-wie heute mit Pastor Käpsel. Ist das ein reizender alter Herr! Und
-so humoristisch und beinahe witzig. Und schenkt einem immer ein und
-stößt an und trinkt selber mit, und sagt einem verbindliche Sachen.
-Ich begreif' euch nicht. Er ist doch interessanter als Reiff oder gar
-Duquede.«
-
-Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage, daß sie keine
-mehr gehört hatte.
-
-Endlich entsann sie sich, daß ihr Christel von Abendgottesdiensten
-erzählt hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig. Es war weit,
-aber desto besser. Sie hatte so viel Zeit übrig und die Bewegung in der
-frischen Luft war seit Wochen ihr einziges Labsal. So machte sie sich
-auf den Weg und als sie die große Petristraße passierte, sah sie zu den
-erleuchteten Fenstern des ersten Stockes auf. Aber +ihre+ Fenster waren
-dunkel und auch keine Blumen davor. Und sie ging rascher und sah sich
-um, als verfolge sie wer, und bog endlich in den Nikolaikirchhof ein.
-
-Und nun in die Kirche selbst.
-
-Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie ging an der
-Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten reichgeschmückten
-Kanzel gerad' gegenüber war. Hier waren Bänke gestellt, nur drei oder
-vier, und auf den Bänken saßen Waisenhauskinder, lauter Mädchen in
-blauen Kleidern und weißen Brusttüchern, und dazwischen alte Frauen,
-das graue Haar unter einer schwarzen Kopfbinde versteckt, und die
-meisten einen Stock in Händen oder eine Krücke neben sich.
-
-Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen
-Mädchen kicherten und sich anstießen und immer nach ihr hinsahen
-und nicht begreifen konnten, daß eine so feine Dame zu solchem
-Gottesdienste käme. Denn es war ein Armen-Gottesdienst und deshalb
-brannten auch die Lichter so spärlich. Und nun schwieg Lied und Orgel,
-und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel, dessen sie sich von
-ein paar großen und überschwänglichen Bourgeoisbegräbnissen her sehr
-wohl entsann, und von dem sie mehr als einmal in ihrer übermütigen
-Laune versichert hatte, »er spräche schon vorweg im Grabsteinstil. Nur
-nicht so kurz.« Aber heute sprach er kurz und pries auch keinen, am
-wenigsten überschwänglich, und war nur müd und angegriffen, denn es
-war der zweite Feiertag abend. Und so kam es, daß sie nichts Rechtes
-für ihr Herz finden konnte, bis es zuletzt hieß: »Und nun, andächtige
-Gemeinde, wollen wir den vorletzten Vers unsres Osterliedes singen.«
-Und in demselben Augenblicke summte wieder die Orgel und zitterte, wie
-wenn sie sich erst ein Herz fassen oder einen Anlauf nehmen müsse, und
-als es endlich voll und mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang und die
-Spittelfrauen mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rückten zwei von
-den kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben ihr ihr
-Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit:
-
- Du lebst, du bist in Nacht mein Licht,
- Mein Trost in Not und Plagen,
- Du weißt, was alles mir gebricht,
- Du wirst mir's nicht versagen.
-
-Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch zurück und
-dankte freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung zu verbergen.
-Dann aber murmelte sie Worte, die ein Gebet vorstellen sollten, und es
-vor dem Ohr dessen, der die Regungen unseres Herzens hört, auch wohl
-waren, und verließ die Kirche so still und seitab, wie sie gekommen war.
-
-In ihre Wohnung zurückgekehrt, fand sie Rubehn an seinem Arbeitstische
-vor. Er las einen Brief, den er, als sie eintrat, beiseite schob. Und
-er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand und führte sie nach ihrem
-Sofaplatz.
-
-»Du warst fort?« sagte er, während er sich wieder setzte.
-
-»Ja, Freund. In der Stadt ... In der Kirche.«
-
-»In der Kirche! Was hast du da gesucht?«
-
-»Trost.«
-
-Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, daß der Augenblick da
-war, wo sich's entscheiden müsse. Und sie sprang auf und lief auf ihn
-zu und warf sich vor ihm nieder und legte beide Arme auf seine Knie:
-»Sage mir, was ist es? Habe Mitleid mit mir, mit meinem armen Herzen.
-Sieh, die Menschen haben mich aufgegeben und meine Kinder haben sich
-von mir abgewandt. Ach, so schwer es war, ich hätt' es tragen können.
-Aber daß du, +du+ dich abwendest von mir, das trag' ich nicht.«
-
-»Ich wende mich nicht ab von dir.«
-
-»Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht, aber mit
-deinem Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es? Es ist nicht
-Eifersucht, was mich quält. Ich könnte keine Stunde leben mehr, wär' es
-+das+. Aber ein anderes ist es, was mich ängstigt, nicht viel Besseres:
-ich habe deine Liebe nicht mehr. Das ist mir klar, und unklar ist mir
-nur das eine, wodurch ich sie verscherzt. Ist es der Bann, unter dem
-ich lebe und den du mit zu tragen hast? Oder ist es, daß ich so wenig
-Licht und Sonnenschein in dein Leben gebracht und unsere Einsamkeit
-auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe? Oder ist es, daß du mir
-mißtraust? Ist es der Gedanke an das alte »heute dir und morgen mir«. O
-sprich. Ich will dich nicht leiden sehen. Ich werde weniger unglücklich
-sein, wenn ich dich glücklich weiß. Auch getrennt von dir. Ich will
-gehen, jede Stunde. Verlang' es und ich tu es. Aber reiße mich aus
-dieser Ungewißheit. Sage mir, was es ist, was dich drückt, was dir das
-Leben vergällt und verbittert. Sage mir's. Sprich.«
-
-Er fuhr sich über Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite geschobenen
-Brief und sagte: »Lies.«
-
-Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen vom alten
-Rubehn, dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und nun las sie:
-»Frankfurt, Ostersonntag. Ausgleich gescheitert. Arrangiere was
-sich arrangieren läßt. In spätestens acht Tagen muß ich unsere
-Zahlungseinstellung aussprechen. M. R. ...«
-
-In Rubehns Mienen ließ sich, als sie las, erkennen, daß er einer neuen
-Erschütterung gewärtig war. Aber wie sehr hatte er sie verkannt,
-sie, die viel, viel mehr war, als ein bloß verwöhnter Liebling
-der Gesellschaft, und eh' ihm noch Zeit blieb über seinen Irrtum
-nachzudenken, hatte sie sich schon in einem wahren Freudenjubel erhoben
-und ihn umarmt und geküßt und wieder umarmt.
-
-»O, nur das! ... O, nun wird alles wieder gut ... Und was eurem Hause
-Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück, und nun weiß ich es, es
-kommt alles wieder in Schick und Richtung, weit über all mein Hoffen
-und Erwarten hinaus ... Als ich damals ging, und das letzte Gespräch
-mit ihm hatte, sieh, da sprach ich von den Menschlichen unter den
-Menschen. Und es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Und auf diese
-Menschlichen baut' ich meine Zukunft und rechnete darauf, daß sie's
-versöhnen würde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und auch die
-Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt muß ich sagen,
-sie hatten recht. Denn die Liebe tut es nicht und die Treue tut es
-auch nicht. Ich meine die Werkeltagstreue, die nichts Besseres kann,
-als sich vor Untreue bewahren. Es ist eben nicht viel, treu zu sein,
-wo man liebt und wo die Sonne scheint und das Leben bequem geht und
-kein Opfer fordert. Nein, nein, die bloße Treue tut es nicht. Aber die
-bewährte Treue, +die+ tut es. Und nun kann ich mich bewähren und will
-es und werd' es, und nun kommt +meine+ Zeit. Ich will nun zeigen, was
-ich kann, und will zeigen, daß alles Geschehene nur geschah, weil es
-geschehen mußte, weil ich dich liebte, nicht aber weil ich leicht und
-übermütig in den Tag hineinlebte und nur darauf aus war, ein bequemes
-Leben in einem noch bequemeren fortzusetzen.«
-
-Er sah sie glücklich an und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen in
-Wort und Miene riß ihn aus der tiefen Niedergedrücktheit seiner Seele
-heraus. Er hoffte nun selber wieder, aber Bangen und Zweifel liefen
-nebenher, und er sagte bewegt: »Ach, meine liebe Melanie, du warst
-immer ein Kind und du bist es auch in diesem Augenblicke noch. Ein
-verwöhntes und ein gutes, aber doch ein Kind. Sieh, von deinem ersten
-Atemzuge an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech' ich von Not,
-nie, solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfüllt geblieben. Und
-du hast gelebt wie im Märchen von ›Tischlein decke dich‹ und das
-Tischlein +hat+ sich dir gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit
-allem, was das Leben hat, auch mit Schmeicheleien und Liebkosungen.
-Und du bist geliebkost worden wie ein King-Charles-Hündchen mit einem
-blauen Band und einem Glöckchen daran. Und alles, was du getan hast,
-das hast du spielend getan. Ja, Melanie, spielend. Und nun willst du
-auch spielend entbehren lernen und denkst: es findet sich. Oder denkst
-auch wohl, es sei hübsch und apart und schwärmst für die Poetenhütte,
-die Raum hat für ein glücklich liebend Paar, oder wenigstens haben
-+soll+. Ach, es liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Eßtisch
-und dem Maienbusch in jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das
-Futternäpfchen selber heranzieht. Und es ist schon richtig: die gemalte
-Dürftigkeit sieht geradeso gut aus, wie der gemalte Reichtum. Aber
-wenn es aufhört Bild und Vorstellung zu sein und wenn es Wirklichkeit
-und Regel wird, dann ist Armut ein bitteres Brot, und Muß eine harte
-Nuß.«
-
-Es war umsonst. Sie schüttelte nur den Kopf immer wieder, und sagte
-dann in jener einschmeichelnden Weise, der so schwer zu widerstehen
-war: »Nein, nein, du hast unrecht. Und es liegt alles anders, ganz
-anders. Ich hab' einmal in einem Buche gelesen, und nicht in einem
-schlechten Buche, die Kinder, die Narren und die Poeten, die hätten
-immer recht. Vielleicht überhaupt, aber von ihrem Standpunkt aus
-ganz gewiß. Und ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst
-du schließen, wie +sehr+ ich recht habe. Dreifach recht. ›Ich will
-spielend entbehren lernen,‹ sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist
-es, um was es sich handelt. Und du glaubst einfach, ich könn' es nicht.
-Ich kann es aber, ich kann es ganz gewiß, so gewiß ich diesen Finger
-aufhebe, und ich will dir auch sagen, warum ich es kann. Den einen
-Grund hast du schon erraten: weil ich es mir so romantisch denke, so
-hübsch und apart. Gut, gut. Aber du hättest auch sagen können, weil ich
-andere Vorstellungen von Glück habe. Mir ist das Glück etwas anderes
-als ein Titel oder eine Kleiderpuppe. +Hier+ ist es, oder nirgends. Und
-so dacht' ich und fühlt' ich immer, und so war ich immer und so bin
-ich noch. Aber wenn es auch anders mit mir stünde, wenn ich auch an
-dem Flitter des Daseins hinge, so würd' ich doch die Kraft haben, ihm
-zu entsagen. +Ein+ Gefühl ist immer das herrschende, und seiner Liebe
-zuliebe kann man alles, alles. Wir Frauen wenigstens. Und +ich+ gewiß.
-Ich habe so vieles freudig hingeopfert und ich sollte nicht einen
-Teppich opfern können! Oder einen Vertiko! Ach, einen Vertiko!« und
-sie lachte herzlich. »Entsinnst du dich noch, als du sagtest: »Alles
-sei jetzt Enquete.« Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen
-fortgeschritten und jetzt ist alles Vertiko!«
-
-Er war nicht überzeugt, seine praktisch-patrizische Natur glaubte nicht
-an die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte doch: »Es sei. Versuchen
-wir's. Also ein neues Leben, Melanie!«
-
-»Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese Wohnung auf
-und suchen uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde klingt freilich
-anspruchslos genug, aber dieser Trumeau und diese Bronzen sind um so
-anspruchsvoller. Ich habe nichts gelernt und das ist gut, denn wie die
-meisten, die nichts gelernt haben, weiß ich allerlei. Und mit Toussaint
-L'Ouverture fangen wir an, nein, nein, mit Toussaint-Langenscheidt, und
-in acht Tagen oder doch spätestens in vier Wochen geb' ich meine erste
-Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst du? Glaubst
-du?«
-
-»Ja.«
-
-»Topp.«
-
-Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen und Scherzen in
-das Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit des Dieners eben den
-Teetisch arrangiert hatte.
-
-Und sie hatten an diesem Unglückstage wieder einen ersten glücklichen
-Tag.
-
-
-
-
-22
-
-Versöhnt
-
-
-Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie gesagt hatte. Sie
-hatte dabei ganz ihre Frische wieder und eh ein Monat um war, war
-die modern und elegant eingerichtete Wohnung gegen eine schlichtere
-vertauscht und das Stundengeben hatte begonnen. Ihre Kenntnis des
-Französischen und beinahe mehr noch ihr glänzendes musikalisches, auch
-nach der technischen Seite hin vollkommen ausgebildetes Talent hatten
-es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen, und zwar in ein paar
-großen, schlesischen Häusern, die gerade vornehm genug waren, den
-Tagesklatsch ignorieren zu können.
-
-Und bald sollte es sich herausstellen, wie nötig diese raschen und
-resoluten Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz erfolgte
-jäher als erwartet und jede Form der Einschränkung erwies sich als
-geboten, wenn nicht mit der finanziellen Reputation des großen Hauses
-auch die bürgerliche verloren gehen sollte. Jede neue Nachricht, von
-Frankfurt her, bestätigte dies und Rubehn, der anfangs nur allzu
-geneigt gewesen war, den Eifer Melanies für eine bloße Opferkaprice
-zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu folgen. Er
-trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus ein, zunächst mit
-nur geringem Gehalt, und war überrascht und glücklich zugleich, die
-berühmte Poetenweisheit von der »kleinsten Hütte« schließlich an sich
-selber in Erfüllung gehn zu sehn.
-
-Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen Morgen, wenn sie
-von der Wilmersdorfer Feldmark her am Rande des Tiergartens hin
-ihren Weg nahmen und an ihrer alten Wohnung vorüberkamen, sahen sie
-zu der eleganten Mansarde hinauf und atmeten freier, wenn sie der
-zurückliegenden schweren und sorgenreichen Tage gedachten. Und dann
-bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gänge des Parkes
-ein, bis sie zuletzt unter der schrägliegenden Hängeweide fort, die
-zwischen dem Königsdenkmal und der Luiseninsel steht und hier beinahe
-den Weg sperrt, in die breite Tiergartenstraße wieder einmündeten.
-Den schrägliegenden Baum aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und
-Schlagbaum, weil sich dicht hinter demselben ein Leiermann postiert
-hatte, dem sie Tag um Tag ihren Wegezoll entrichten mußten. Er
-kannte sie schon, und während er die große Mehrheit, als wären es
-Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verächtlichen Blicke verfolgte,
-zog er vor unserem jungen Paare regelmäßig seine Militärmütze. Ganz
-aber konnt' er sich auch ihnen gegenüber nicht zwingen und verleugnen,
-und als sie den schon Pflicht gewordenen Zoll eines Tages vergessen
-oder vielleicht auch absichtlich nicht entrichtet hatten, hörten sie,
-daß er die Kurbel in Wut und Heftigkeit noch dreimal drehte und dann so
-jäh und plötzlich abbrach, daß ihnen ein paar unfertige Töne wie Knurr-
-und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: »Wir dürfen es mit niemand
-verderben, Ruben; Freundschaft ist heuer rar.« Und sie wandte sich
-wieder um und ging auf den Alten zu und gab ihm. Aber er dankte nicht,
-weil er noch immer in halber Empörung war.
-
-Und so verging der Sommer und der Herbst kam, und als das Laub sich
-zu färben und an den Ahorn- und Platanenbäumen auch schon abzufallen
-begann, da hatte sich bei denen, die Tag um Tag unter diesen Bäumen
-hinschritten, manches geändert und zwar zum Guten geändert. Wohl hieß
-es auch jetzt noch, wenn sie den alten Invaliden unter ihrerseits
-devotem Gruße passierten, »daß sie der neuen Freundschaften noch nicht
-sicher genug seien, um die bewährten alten aufgeben zu können,« aber
-diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in ihren Anfängen
-da. Man kümmerte sich wieder um sie, ließ sie gesellschaftlich
-wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen der
-Rubehnschen Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude gehabt und je
-nach ihrer klassischen oder christlichen Bildung und Beanlagung von
-»Nemesis« oder »Finger Gottes« gesprochen hatten, bequemten sich jetzt,
-sich mit dem hübschen Paare zu versöhnen, »das so glücklich und so
-gescheit sei, und nie klage und sich so liebe.« Ja, sich so liebe.
-+Das+ war es, was doch schließlich den Ausschlag gab, und wenn vorher
-ihre Neigung nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt die
-Stimmung in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch ein
-und dasselbe Gefühl, was bei Verurteilung und Begnadigung zu Gerichte
-saß, und wenn es anfangs eine sensationelle Befriedigung gewährt
-hatte, sich in Indignation zu stürzen, so war es jetzt eine kaum
-geringere Freude, von den »Inséparables« sprechen und über ihre »treue
-Liebe« sentimentalisieren zu können. Eine kleine Zahl Esoterischer
-aber führte den ganzen Fall auf die Wahlverwandtschaften zurück und
-stellte wissenschaftlich fest, daß einfach seitens des stärkeren
-und deshalb berechtigteren Elements das schwächere verdrängt worden
-sei. Das Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit sah
-sich denn auch der einen Winter lang auf den Schild gehobene Van der
-Straaten abgefunden und teilte das Schicksal aller Saisonlieblinge,
-noch schneller vergessen als erhoben zu werden. Ja, der Spott und die
-Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen ihn zu richten, und wenn des
-Falles ausnahmsweise noch gedacht wurde, so hieß es: »Er hat es nicht
-anders gewollt. Wie kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings, er
-soll einmal ein ~lion~ gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem ›Löwen‹
-zu wohl wird ...« Und dann lachten sie und freuten sich, daß es so
-gekommen, wie es gekommen.
-
-Ob Van der Straaten von diesen und ähnlichen Äußerungen hörte?
-Vielleicht. Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte sich selbst zu
-skeptisch und unerbittlich durchforscht, als daß er über die Wandlungen
-in dem Geschmacke der Gesellschaft, über ihr Götzenschaffen und
-Götzenstürzen auch nur einen Augenblick erstaunt gewesen wäre. Und so
-durfte denn von ihm gesagt werden, »er hörte, was man sprach, auch wenn
-er es +nicht+ hörte.« Weg über das Urteil der Menschen, galt ihm nur
-eines ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer eine
-selbständige Natur gewesen, frei und fest, und so war er geblieben. Und
-auch derselbe geblieben in seiner Nachsicht und Milde.
-
-Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon erfahren
-sollte.
-
-Es war schon ausgangs Oktober und nur wenig gelbes und rotes Laub hing
-noch an den halb kahl gewordenen Bäumen. Das meiste lag abgeweht in den
-Gängen und wurde, wo's trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern
-hatte sich das Wetter wieder geändert und nach langen Sturm- und
-Regentagen schien eine wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte
-dieses Jahres.
-
-Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute länger fort
-als erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die Magd in großer
-Aufregung heimkam und in ihrem schweren Schweizer-Deutsch über ein eben
-gehabtes Erlebnis berichtete. Sie hab' auf der Bank g'sesse, wo die
-vier Löwe das Brückle halte, und hätt' ebe g'sagt: »Sieh, Aninettle,
-des isch der alt Weibersommer, der will di einspinne, aber der hat
-di no lang nit,« un das Aninettl hab' grad g'juchzt un lacht un n'am
-Ohrring g'langt, do wäre zwei Herre über die Brück komme, so gute
-funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer hätt' g'sagt, e langer
-Spindelbein: »Schau des Silberkettle; des isch e Schweizerin; un i
-wett, des isch e Kind vom Schweizer G'sandte.« Aber do hat der andre
-g'sagt: »Nei, des kann nit sein; den Schweizer G'sandte, den kenn i,
-un der hat kein Kind un kein Kegel ...« Un do hat er z'mir g'sagt: »Ah
-nu, wem g'hört das Kind?« Und da hab' i g'sagt: »Dem Herr Rubehn, un's
-isch e Mädle, un heißt Aninettl.« Un do hab' i g'sehn, daß er sich
-verfärbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang, da hat er sich wieder
-umg'wandt und hat g'sagt: »'s isch d' Mutter, und lacht auch so, un hat
-dieselbe schwarze Haar'. Es isch e schön's Kindle. Findscht nit au?«
-Aber er hat's nit finde wolle und hat nur g'sagt: Ȇbertax es nit. Es
-gibt mehr so. Un's ischt e Kind aus 'm Dutzend.« Jo, so hat er g'sagt,
-der garstige Spindelbein: »'s gibt mehr so, un's ischt e Kind aus 'm
-Dutzend.« Aber der gute Herre, der hat's Pätschle g'nomme un hat's
-g'streichelt. Un hat mi g'lobt, deß i so brav un g'scheit sei. Jo, so
-hat er g'sagt. Und dann sind sie gange.«
-
-All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt und Melanie war während
-der Tage, die folgten, immer wieder auf diese Begegnung zurückgekommen.
-Immer wieder und wieder hatte die Vreni jedes Kleinste nennen und
-beschreiben müssen, und so war es durch Wochen hin geblieben, bis
-endlich in den großen und kleinen Vorbereitungen zum Feste der ganze
-Vorfall vergessen worden war.
-
-Und nun war das Fest selber da, der heilige Abend, zu dem auch diesmal
-Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist, die sich zur Rückkehr
-nach Frankfurt nicht hatten entschließen können, geladen waren. Auch
-Anastasia.
-
-Melanie, die noch vor Eintreffen ihres Besuchs allerlei
-Wirtschaftliches anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak
-ordentlich, als sie gleich nach Dunkelwerden und lange vor der
-festgesetzten Stunde die Klingel gehen hörte. Wenn das schon die Gäste
-wären! Oder auch nur einer von ihnen. Aber ihre Besorgnis währte nicht
-lange, denn sie hörte draußen ein Fragen und Parlamentieren und gleich
-darauf erschien das Vrenel und trug eine mittelgroße Kiste herein, auf
-der, ohne weitere Adresse, bloß das eine Wort »Julklapp« zu lesen war.
-
-»Ist es denn für uns, Vreni?« fragte Melanie.
-
-»I denk schon. I hab' ihm g'sagt: ›'s isch der Herr Rubehn, der hier
-wohnt. Und die Frau Rubehn.‹ Un do hat er g'sagt: ›'s isch schon recht;
-des isch der Nam'‹. Un do hab' i's g'nomme.«
-
-Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube, wo man sich nun
-gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste machte. Nichts fehlte von den
-gewöhnlichen Julklapps-Zutaten und erst als man unten am Boden eines
-großen Gravensteiner Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: »Gib acht.
-Hierin steckt es.« Aber es ließ sich nichts erkennen, und schon wollte
-sie den Gravensteiner, wie alles andere, beiseite legen, als sich durch
-eine zufällige Bewegung ihrer Hand die geschickt zusammengepaßten
-Hälften des Apfels auseinanderschoben. »~Ah, voilà.~« Und wirklich,
-an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten war, lag ein in
-Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Sie nahm es, entfernte langsam und
-erwartungsvoll eine Hülle nach der andern und hielt zuletzt ein kleines
-Medaillon in Händen, einfach ohne Prunk und Zierrat. Und nun drückte
-sie's an der Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt' es und es
-entfiel ihrer Hand. Es war, ~en miniature~, der Tintoretto, den sie
-damals so lachend und übermütig betrachtet und für dessen Hauptfigur
-sie nur die Worte gehabt hatte: »Sieh, Ezel, sie hat geweint. Aber ist
-es nicht, als begriffe sie kaum ihre Schuld?«
-
-Ach, sie fühlte jetzt, daß das alles auch für sie selbst gesprochen
-war, und sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder auf und gab
-es an Ruben und errötete.
-
-Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, während er die Feder
-wieder zuknipste: »~King Ezel in all his glories!~ Immer derselbe.
-Wohlwollend und ungeschickt. Ich werd' es tragen. Als Uhrgehäng, als
-Berlocke.«
-
-»Nein, +ich+. Ach, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet. Und es
-soll mich erinnern und mahnen ... jede Stunde ...«
-
-»Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als nötig und grüble nicht
-zuviel über das alte leidige Thema von Schuld und Sühne.«
-
-»Du bist hochmütig, Ruben.«
-
-»Nein.«
-
-»Nun gut. Dann bist du stolz.«
-
-»Ja, das bin ich, meine süße Melanie. Das bin ich. Aber auf was? Auf
-+wen+?«
-
-Und sie umarmten sich und küßten sich, und eine Stunde später brannten
-ihnen die Weihnachtslichter in einem ungetrübten Glanz.
-
-
- Ende
-
-
-
-
-Werke von Theodor Fontane:
-
-
- +Irrungen Wirrungen.+ Roman.
-
- +Graf Petöfy.+ Roman.
-
- +Schach von Wuthenow.+ Erzählung aus der Zeit des Regiments
- Gensdarmes.
-
- +Stine.+ Berliner Sittenroman.
-
- +Kriegsgefangen.+ Erlebtes 1870.
-
- +Aus den Tagen der Occupation.+ Eine Osterreise.
-
- +Frau Jenny Treibel.+ Roman.
-
- +Meine Kinderjahre.+ Autobiographischer Roman.
-
- +Von vor und nach der Reise.+ Plaudereien und kleine Geschichten.
-
- +Effi Briest.+ Roman.
-
- +Die Poggenpuhls.+ Erzählung.
-
- +Von Zwanzig bis Dreißig.+ Autobiographisches.
-
- +Der Stechlin.+ Roman.
-
- +Aus England und Schottland.+ Reisebilder.
-
- +Causerien über Theater.+
-
- +Briefe an seine Familie.+ 2 Bände.
-
- +Cecile.+ Roman.
-
- +Unterm Birnbaum.+ Roman.
-
- +Gedichte.+
-
- +Vor dem Sturm.+ Roman aus dem Winter 1812 auf 1813.
-
- +Quitt.+ Roman.
-
- +Grete Minde.+ Nach einer altmärkischen Chronik.
-
- +Unwiederbringlich.+ Roman.
-
- +Ellernklipp.+ Nach einem Harzer Kirchenbuch.
-
- +Wanderungen durch die Mark Brandenburg.+ 5 Bde.
-
-
-
-
-S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-Werke von E. v. Keyserling:
-
-
-Schwüle Tage
-
-Novellen. Vierte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.
-
-In diesem neuen Buch Graf Keyserlings stehen zwei wunderbare
-Novellen vom aristokratischen Leben. Das Wesen alten Adels ist darin
-aufgefangen, nur von ganz köstlichen, erlesenen Dingen vibrieren hier
-die Seelen ...
-
- (Die Zeit, Wien)
-
-Die Erzählungen sind umsponnen von dem intimen Reiz einer hohen
-Geisteskultur, unter der des Autors Schöpfungen zu Kabinettstückchen
-werden von jener Besonderheit, wie etwa eine echte Brabanter Spitze
-oder ein alter Goldbrokat.
-
- (Münchner Post)
-
-»Dorf- und Schloßgeschichten« könnte man diese Sammlung von drei
-Novellen überschreiben, die zum künstlerisch Vollendetsten zählen, was
-die neuere Literatur hervorgebracht hat. Es ist nicht nur der Titel
-eines Buches der Ebner-Eschenbach, den wir ihnen geben möchten -- in
-dieser echten Dichternatur, in ihrer vornehmen Abgeschlossenheit und
-dem vollendeten Ebenmaße der Darstellung, in dem fast weiblichen Takte
-des Empfindens liegt etwas vom Wesen unserer österreichischen Dichterin.
-
- (Neue Freie Presse, Wien)
-
-Das, was an den Novellen des Grafen Keyserling so wundervoll
-verführerisch am Werk ist, möchte ich nicht so sehr die mit slawischer
-Träumerei hinhauchende Melancholie dieser erlesenen Erzählungskunst
-nennen, als vielmehr die ganz reife, süße Kultur ihres Autors. Als
-Schriftsteller ist Keyserling ein brillanter Techniker, Impressionist,
-von einer Sicherheit, wie wir sie an deutschen Epikern überhaupt noch
-nicht gewohnt waren.
-
- (Der Tag, Berlin)
-
-
-Dumala
-
-Roman. Dritte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.
-
-Graf Keyserling, der jetzt in München lebende Kurländer, ist einer
-unserer kultiviertesten Prosaschriftsteller. Subtiler, feiner,
-innerlicher als er zeichnet heute kaum einer Gestalten, fängt kaum
-einer die landschaftliche Atmosphäre auf, die um den Menschen webt und
-sein Wesen bilden hilft. Seiner wundervollen Schloßgeschichte »Beate
-und Mareile«, seinem köstlichen Novellenband »Schwüle Tage« läßt er
-jetzt einen neuen Roman folgen: Dumala. So heißen Schloß und Ort, wo
-die Geschichte spielt, irgendwo in Kurland oder in Ostpreußen. Eine
-simple Geschichte von verbotener, sündiger Liebe, kaum eigenartig
-durch das Was des Erzählten, aber ganz einzig durch das persönliche
-Fluidum, das über dem Ganzen liegt und die intensive Stimmungskraft,
-die alle Einzelheiten tränkt und zu einem geschlossenen künstlerischen
-Organismus zusammenfaßt. Prachtvoll sind die Gestalten geschaut
-und in leibhafte Anschaulichkeit umgesetzt: der alte Baron, der
-rückenmarksleidend zu Dumala im Lehnstuhl sitzt und sich von seiner
-jungen Frau die erstarrten Glieder streichen läßt, der kraftvolle
-Pfarrer, der über seine hausbackene Ehe hinaus nach der frönen Baronin
-begehrt; der rücksichts- und skrupellose Nachbar, der die Einsame,
-nach Liebe Begehrende als willkommene Beute einfängt, ohne sie halten
-zu können, und dann diese Frau selbst, die den ganzen Kreis beherrscht
-und alle Männer unwiderstehlich in ihren Bannkreis zieht. Das »Zwischen
-den Menschen«, die unendlich feinen seelischen Fäden, die von einem zum
-anderen hinüberweben, sind hier mit erlesener Kunst fühlbar gemacht;
-und die Luft, in der sie atmen, wird uns vertraut. Das gibt dem Buch
-neben dem weltmännischen Ton und der Grazie des Stils seine Eigenart
-und seinen Wert.
-
- (Königsberger Allgemeine Zeitung)
-
-
-
-
- Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
- Die unterschiedlichen Schreibweisen Rubehn und Ruben wurden wie im
- Original beibehalten.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of L'Adultera, by Theodor Fontane.
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: L'Adultera
-
-Author: Theodor Fontane
-
-Release Date: August 28, 2016 [EBook #52912]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich <a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="figcenter chapter">
-<img src="images/illu-001.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Fischers Bibliothek<br />
-<span class="smaller">zeitgenössischer Romane</span></p>
-
-<p class="center">Erster Jahrgang</p>
-
-<p class="center smaller">(Oktober 1908&ndash;September 1909)</p>
-
-<ul class="index">
-<li class="indx">1. Bd. Theodor Fontane, L'Adultera</li>
-<li class="indx">2. Bd. Jakob Schaffner, Die Erlhöferin</li>
-<li class="indx">3. Bd. Jonas Lie, Eine Ehe <span class="small">mit einer Einleitung von Herman Bang</span></li>
-<li class="indx">4. Bd. Gabriele Reuter, Liselotte von Reckling</li>
-<li class="indx">5. Bd. Gustaf af Geijerstam, Thora</li>
-<li class="indx">6. Bd. Th. Mann, Der kleine Herr Friedemann</li>
-<li class="indx">7. Bd. Hans Land, Stürme</li>
-<li class="indx">8. Bd. H. Bang, Hoffnungslose Geschlechter</li>
-<li class="indx">9. Bd. E. v. Keyserling, Beate und Mareile</li>
-<li class="indx">10/11. Bd. Gabriele d'Annunzio, Lust <span class="small">(2 Bände)</span></li>
-<li class="indx">12. Bd. Charlotte Knoeckel, Maria Baumann</li>
-</ul>
-
-<p class="center">Jeden Monat erscheint ein Band zum Preise
-von 1 Mark für das gebundene Exemplar</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>L'Adultera</h1>
-
-<p class="h2">Roman von<br />
-Theodor Fontane</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/illu-003.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">S. Fischer, Verlag, Berlin
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap1">1<br />
-Kommerzienrat Van der Straaten</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Kommerzienrat Van der Straaten, Große Petristraße 4,
-war einer der vollgültigsten Finanziers der Hauptstadt,
-eine Tatsache, die dadurch wenig alteriert wurde, daß er
-mehr eines geschäftlichen als eines persönlichen Ansehens genoß.
-An der Börse galt er bedingungslos, in der Gesellschaft
-nur bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man herumhorchte,
-seinen Grund zu sehr wesentlichem Teile darin, daß er zu wenig
-»draußen« gewesen war und die Gelegenheit versäumt hatte,
-sich einen allgemein gültigen Weltschliff oder auch nur die seiner
-Lebensstellung entsprechenden Allüren anzueignen. Einige
-neuerdings erst unternommene Reisen nach Paris und Italien,
-die übrigens niemals über ein paar Wochen hinaus ausgedehnt
-worden waren, hatten an diesem Tatbestande nichts Erhebliches
-ändern können und ihm jedenfalls ebenso seinen spezifisch
-lokalen Stempel wie seine Vorliebe für drastische Sprichwörter
-und heimische »geflügelte Worte« von der derberen Observanz
-gelassen. Er pflegte, um ihn selber mit einer seiner Lieblingswendungen
-einzuführen, »aus seinem Herzen keine Mördergrube
-zu machen,« und hatte sich, als reicher Leute Kind, von
-Jugend auf daran gewöhnt, alles zu tun und zu sagen, was
-zu tun und zu sagen er lustig war. Er haßte zweierlei: sich zu
-genieren und sich zu ändern. Nicht als ob er sich in der Theorie
-für besserungsunbedürftig gehalten hätte, keineswegs, er bestritt
-nur in der Praxis eine besondere Benötigung dazu. Die
-meisten Menschen, so hieß es dann wohl in seinen jederzeit gern
-gegebenen Auseinandersetzungen, seien einfach erbärmlich und
-so grundschlecht, daß er, verglichen mit ihnen, an einer wahren<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-Engelgrenze stehe. Er sähe mithin nicht ein, warum er an sich
-arbeiten und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem
-könne man jeden Tag an jedem beliebigen Konventikler oder
-Predigtamtskandidaten erkennen, daß es <em class="gesperrt">doch</em> zu nichts führe.
-Es sei eben immer die alte Geschichte, und um den Teufel
-auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zög' es deshalb vor,
-alles beim alten zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah
-er sich selbstzufrieden um und schloß behaglich und gebildet:
-»O rühret, rühret nicht daran,« denn er liebte das Einstreuen
-lyrischer Stellen, ganz besonders solcher, die seinem echt
-berlinischen Hange zum bequem Gefühlvollen einen Ausdruck
-gaben. Daß er eben diesen Hang auch wieder ironisierte, versteht
-sich von selbst.</p>
-
-<p>Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine
-sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen
-nichts weiter waren, als etwas wilde Schößlinge seines
-Unabhängigkeitsgefühls und einer immer ungetrübten Laune.
-Und in der Tat, es gab nichts in der Welt, zu dem er allezeit
-so beständig aufgelegt gewesen wäre, wie zu Bonmots und
-scherzhaften Repartis, ein Zug seines Wesens, der sich schon
-bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu zeigen pflegte. Denn
-die bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende
-Frage nach seinen näheren oder ferneren Beziehungen zu dem
-Gutzkowschen Vanderstraaten ward er nicht müde, prompt
-und beinahe paragraphenweise dahin zu beantworten, daß er
-jede Verwandtschaft mit dem von der Bühne her so bekannt
-gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen müsse, 1. weil
-er seinen Namen nicht einwortig, sondern dreiwortig schreibe,
-2. weil er trotz seines Vornamens Ezechiel nicht bloß überhaupt
-getauft worden sei, sondern auch das nicht jedem Preußen zuteil<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-werdende Glück gehabt habe, durch einen evangelischen
-Bischof, und zwar durch den alten Bischof Roß, in die christliche
-Gemeinschaft aufgenommen zu sein, und 3. und letztens weil
-er seit längerer Zeit des Vorzugs genieße, die Honneurs seines
-Hauses nicht durch eine Judith, sondern durch eine Melanie
-machen lassen zu können, durch eine Melanie, die, zu weiterem
-Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine »Gemahlin«
-sei. Und dies Wort sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit,
-in der Scherz und Ernst geschickt zusammenklangen.</p>
-
-<p>Aber der Ernst überwog, wenigstens in seinem Herzen. Und
-es konnte nicht anders sein, denn die junge Frau war fast noch
-mehr sein Stolz als sein Glück. Älteste Tochter Jean de Caparoux',
-eines Adligen aus der französischen Schweiz, der als
-Generalkonsul eine lange Reihe von Jahren in der norddeutschen
-Hauptstadt gelebt hatte, war sie ganz und gar als
-das verwöhnte Kind eines reichen und vornehmen Hauses großgezogen
-und in all ihren Anlagen aufs glücklichste herangebildet
-worden. Ihre heitere Grazie war fast noch größer als ihr Esprit,
-und ihre Liebenswürdigkeit noch größer als beides. Alle Vorzüge
-französischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob auch
-die Schwächen? Es verlautete nichts darüber. Ihr Vater starb
-früh, und statt eines gemutmaßten großen Vermögens fanden
-sich nur Debets über Debets. Und um diese Zeit war es denn
-auch, daß der zweiundvierzigjährige Van der Straaten um die
-siebzehnjährige Melanie warb und ihre Hand erhielt. Einige
-Freunde beider Häuser ermangelten selbstverständlich nicht,
-allerhand Trübes zu prophezeien. Aber sie schienen im Unrecht
-bleiben zu sollen. Zehn glückliche Jahre, glücklich für beide Teile,
-waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinzeß im
-Märchen, und Van der Straaten seinerseits trug mit freudiger<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-Ergebung seinen Necknamen »Ezel«, in den die junge Frau
-den langatmigen und etwas suspekten »Ezechiel« umgewandelt
-hatte. Nichts fehlte. Auch Kinder waren da: zwei Töchter, die
-jüngere des Vaters, die ältere der Mutter Ebenbild, groß und
-schlank und mit herabfallendem, dunklem Haar. Aber während
-die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter
-ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap2">2<br />
-L'Adultera</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Wintermonate pflegten die Van der Straatens in
-ihrer Stadtwohnung zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch
-war, doch an Komfort nichts vermissen ließ. Jedenfalls
-aber bot sie für das gesellschaftliche Treiben der Saison eine
-größere Bequemlichkeit, als die spreeabwärts am Nordwestrande
-des Tiergartens gelegene Villa.</p>
-
-<p>Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen,
-und Van der Straaten und Frau nahmen wie gewöhnlich in
-dem hochpaneelierten Wohn- und Arbeitszimmer des ersteren
-ihr gemeinschaftliches Frühstück ein. Von dem beinah unmittelbar
-vor ihrem Fenster aufragenden Petri-Kirchturme herab
-schlug es eben neun, und die kleine französische Stutzuhr
-sekundierte pünktlich, lief aber in ihrer Hast und Eile den
-dumpfen und langsamen Schlägen, die von draußen her laut
-wurden, weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der
-Hausherr selbst, der, in einen Schaukelstuhl gelehnt und die
-Morgenzeitung in der Hand, abwechselnd seinen Kaffee und
-den Subskriptionsballbericht einschlürfte. Nur dann und wann
-ließ er seine Hand mit der Zeitung sinken und lachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<p>»Was lachst du wieder, Ezel,« sagte Melanie, während sie
-mit ihrem linken Morgenschuh kokettisch hin und her klappte.
-»Was lachst du wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute
-noch kaufen wirst, gegen dein häßliches, rotes und mir zum
-Tort wieder schief umgeknotetes Halstuch, daß du nichts gefunden
-hast als ein paar Zweideutigkeiten.«</p>
-
-<p>»Er schreibt <em class="gesperrt">zu</em> gut,« antwortete Van der Straaten, ohne
-den hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. »Und was
-mich am meisten freut, sie nimmt es alles für Ernst.«</p>
-
-<p>»Wer denn?«</p>
-
-<p>»Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun höre.
-Oder lies es selbst.«</p>
-
-<p>»Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit
-ausgeschnittenen Kleidern und Anfangsbuchstaben.«</p>
-
-<p>»Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst.
-Ja, Lanni, er geht stolz an dir vorüber.«</p>
-
-<p>»Ich würd' es mir auch verbitten.«</p>
-
-<p>»Verbitten! Was heißt verbitten? Ich verstehe dich nicht.
-Oder glaubst du vielleicht, daß gewesene Generalkonsulstöchter
-in vestalisch-priesterlicher Unnahbarkeit durchs Leben schreiten
-oder sakrosankt sind wie Botschafter und Ambassaden! Ich will
-dir ein Sprichwort sagen, das ihr in Genf nicht haben werdet&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und das wäre?«</p>
-
-<p>»Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni,
-was man ansehen darf, das darf man auch beschreiben. Oder
-verlangst du, daß ich ihn fordern sollte? Pistolen und zehn
-Schritt Barriere.«</p>
-
-<p>Melanie lachte. »Nein Ezel, ich stürbe, wenn du mir totgeschossen
-würdest.«</p>
-
-<p>»Höre, dies solltest du dir doch überlegen. Das Beste, was<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-einer jungen Frau wie dir passieren kann, ist doch immer die
-Witwenschaft, oder »<em class="antiqua">le Veuvage</em>«, wie meine Pariser Wirtin
-mir einmal über das andere zu versichern pflegte. Beiläufig,
-meine beste Reisereminiszenz. Und dabei hättest du sie sehen
-sollen, die kleine, korpulente, schwarze Madame&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt
-sie war.«</p>
-
-<p>»Fünfzig. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.«</p>
-
-<p>Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl
-auf, legte den Kanevas beiseite, an dem sie gestickt hatte, und
-trat an das große Mittelfenster.</p>
-
-<p>Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages,
-dem die junge Frau gern zuzusehen pflegte. Was sie daran
-am meisten fesselte, waren die Gegensätze. Dicht an der Kirchentür,
-an einem kleinen, niedrigen Tische, saß ein Mütterchen, das
-ausgelassenen Honig in großen und kleinen Gläsern verkaufte,
-die mit ausgezacktem Papier und einem roten Wollfaden zugebunden
-waren. Ihr zunächst erhob sich eine Wildhändlerbude,
-deren sechs aufgehängte Hasen mit traurigen Gesichtern
-zu Melanie hinübersahen, während in Front der Bude (das
-erfrorene Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mädchen auf
-und ab lief und ihre Schäfchen, wie zur Weihnachtszeit, an die
-Vorübergehenden feilbot. Über dem Ganzen aber lag ein grauer
-Himmel, und ein paar Flocken federten und tanzten, und wenn
-sie niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu gefaßt und
-wieder in die Höhe gewirbelt.</p>
-
-<p>Etwas wie Sehnsucht überkam Melanie beim Anblick dieses
-Flockentanzes, als müsse es schön sein, so zu steigen und zu
-fallen und dann wieder zu steigen, und eben wollte sie sich vom<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-Fenster her ins Zimmer zurückwenden, um in leichtem Scherze,
-ganz wie sie's liebte, sich und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu
-persiflieren, als sie, von der Brüderstraße her, eines jener langen
-und auf niedrigen Rädern gehenden Gefährte vorfahren sah,
-die die hauptstädtischen Bewohner Rollwagen nennen. Es
-konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein Musterstück seiner
-Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der
-zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmäßigem
-rechten Winkel aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart
-und Lederschurz, und in der Mitte lief ein kleiner Bastard
-von Spitz und Rattenfänger hin und her, und bellte jeden an,
-der nur irgendwie Miene machte, sich auf fünf Schritte dem
-Wagen zu nähern. Er hatte kaum noch ein Recht zu diesen
-Äußerungen übertriebener Wachsamkeit, denn auf dem ganzen
-langen Wagenbrette lag nur noch ein einziges Kolli, das der
-Rollkutscher jetzt zwischen seine zwei Riesenhände nahm und
-in den Hausflur hineintrug, als ob es eine Pappschachtel wäre.</p>
-
-<p>Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektüre beendet
-und war an ein unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes
-Pult getreten, an dem er zu schreiben pflegte.</p>
-
-<p>»Wie schön diese Leute sind,« sagte Melanie. »Und so stark.
-Und dieser wundervolle Bart! So denk' ich mir Simson.«</p>
-
-<p>»Ich nicht,« entgegnete Van der Straaten trocken.</p>
-
-<p>»Oder Wieland den Schmied.«</p>
-
-<p>»Schon eher. Und über kurz oder lang denk' ich, wird diese
-Sache spruchreif sein. Denn ich wette zehn gegen eins, daß
-ihn der »Meister« in irgend etwas Zukünftigem bereits unterm
-Hammer hat. Oder sagen wir auf dem Ambos. Es klingt etwas
-vornehmer.«</p>
-
-<p>»Ich muß dich bitten, Ezel … du weißt&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Aber ehe sie schließen konnte, wurde geklopft, und einer
-der jungen Kontoristen erschien in der Tür, um seinem Chef,
-unter gleichzeitiger Verbeugung gegen Melanie, einen Frachtbrief
-einzuhändigen, auf dem in großen Buchstaben und in
-italienischer Sprache vermerkt war: »zu eigenen Händen des
-Empfängers.«</p>
-
-<p>Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. »Ah,
-von Salviati! … Das ist hübsch, das ist schön … Gleich
-die Kiste heraufschaffen! … Und du bleibst, Melanie … Hat
-er doch Wort gehalten … Freut mich, freut mich wirklich.
-Und dich wird es auch freuen. Etwas Venezianisches, Lanni …
-Du warst so gern in Venedig.«</p>
-
-<p>Und während er in derartig kurzen Sätzen immer weiter
-perorierte, hatte er aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein
-Stemmeisen herausgenommen und hantierte damit, als die
-Kiste hereingebracht worden war, so vertraut und so geschickt, als
-ob es ein Korkzieher oder irgendein anderes Werkzeug alltäglicher
-Benutzung gewesen wäre. Mit Leichtigkeit hob er den
-Deckel ab und setzte das daran angeschraubte Bild auf ein großes
-staffeleiartiges Gestell, das er schon vorher aus einer der Zimmerecken
-ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis hatte
-sich inzwischen wieder entfernt, Van der Straaten aber, während
-er Melanie mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild führte,
-sagte: »Nun, Lanni, wie findest du's? … Ich will dir übrigens
-zu Hilfe kommen … Ein Tintoretto.«</p>
-
-<p>»Kopie?«</p>
-
-<p>»Freilich,« stotterte Van der Straaten etwas verlegen.
-»Originale werden nicht hergegeben. Und würden auch meine
-Mittel übersteigen. Dennoch dächt' ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-mit ihrem Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, <em class="antiqua">l'Adultera</em>!
-… Jetzt erkenn' ich's. Aber daß du gerade <em class="gesperrt">das</em> wählen mußtest!
-Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der
-Spruch … Wie heißt er doch?«</p>
-
-<p>»Wer unter euch ohne Sünde ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was
-Ermutigendes darin. Und dieser Schelm von Tintoretto hat
-es auch ganz in diesem Sinne genommen. Sieh nur! … Geweint
-hat sie … Gewiß … Aber warum? Weil man ihr
-immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und
-nun glaubt sie's auch, oder <em class="gesperrt">will</em> es wenigstens glauben. Aber
-ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden … Und
-daß ich dir's gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich.
-Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld … Und alles wie vorherbestimmt.«</p>
-
-<p>Melanie, während sie so sprach, war ernster geworden und
-von dem Bilde zurückgetreten. Nun aber fragte sie: »Hast du
-schon einen Platz dafür?«</p>
-
-<p>»Ja, hier.« Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem
-Schreibpult.</p>
-
-<p>»Ich dachte,« fuhr Melanie fort, »du würdest es in die
-Galerie schicken. Und offen gestanden, es wird sich an diesem
-Pfeiler etwas sonderbar ausnehmen. Es wird&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Unterbrich dich nicht.«</p>
-
-<p>»Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich
-höre schon Reiff und Duquede medisieren, vielleicht auf deine
-Kosten und gewiß auf meine.«</p>
-
-<p>Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt
-und lächelte.</p>
-
-<p>»Du lächelst, und sonst lachst du doch, mehr als gut ist und<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-namentlich lauter als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage,
-was hast du gegen mich? Ich weiß recht gut, du bist nicht so
-harmlos, wie du dich stellst. Und ich weiß auch, daß es wunderliche
-Gemütlichkeiten gibt. Ich habe mal von einem russischen
-Fürsten gelesen, ich glaube Suboff war sein Name. Eigentlich
-waren es zwei, zwei Brüder. Die spielten Karten und dann
-ermordeten sie den Kaiser Paul und dann spielten sie wieder
-Karten. Ich glaube beinah, du könntest auch so was! Und alles
-mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.«</p>
-
-<p>»Also <em class="gesperrt">darum</em> König Ezel!« lachte Van der Straaten.</p>
-
-<p>»O nein. Nicht darum. Als ich dich so hieß, war ich noch
-ein halbes Kind. Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt
-aber kenn' ich dich und weiß nur nicht, ob es etwas sehr Gutes
-oder etwas sehr Schlimmes ist, was in dir steckt … Aber nun
-komm. Unser Kaffee ist kalt geworden.«</p>
-
-<p>Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder
-auf ihren hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas
-und tat ein paar rasche Stiche. Zugleich aber ließ sie kein
-Auge von ihm, denn sie wollte wissen, was in seiner Seele vorging.</p>
-
-<p>Und er wollt' es auch nicht länger verbergen. War er doch
-ohnehin, aller Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten,
-und so trieb es ihn denn, angesichts dieses Bildes einmal
-aus sich herauszugehen.</p>
-
-<p>»Ich habe dich nie mit Eifersucht gequält, Lanni.«</p>
-
-<p>»Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.«</p>
-
-<p>»Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heißt, alles
-wechselt im Leben. Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig
-waren und ich dies Bild sah, da stand es auf einmal alles deutlich
-vor mir. Und da war es denn auch, daß ich Salviati bat,<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-mir das Bild kopieren zu lassen. Ich will es vor Augen haben,
-so als <em class="antiqua">Memento mori</em>, wie die Kapuziner, die sonst nicht mein
-Geschmack sind. Denn sieh, Lanni, auch in ihrer Furcht unterscheiden
-sich die Menschen. Da sind welche, die halten es mit
-dem Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand und
-wollen nichts wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr
-Geschick immer vor sich zu sehen und sich mit ihm einzuleben.
-Sie wissen genau, den und den Tag sterb' ich, und sie lassen
-sich einen Sarg machen und betrachten ihn fleißig. Und die
-beständige Vorstellung des Todes nimmt auch dem Tode schließlich
-seine Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch machen,
-und das Bild soll mir dazu helfen … Denn es ist erblich in
-unserm Haus … und so gewiß dieser Zeiger&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber Ezel,« unterbrach ihn Melanie, »was hast du nur?
-Ich bitte dich, wo soll das hinaus? Wenn du die Dinge <em class="gesperrt">so</em>
-siehst, so weiß ich nicht, warum du mich nicht heut oder morgen
-einmauern läßt.«</p>
-
-<p>»An dergleichen hab' ich auch schon gedacht. Und ich bekenne,
-»Melanie die Nonne« klänge nicht übel, und es ließe
-sich eine Ballade darauf machen. Aber es hilft zu nichts. Denn
-du glaubst gar nicht, was Liebende bei gutem Willen alles
-durchsetzen. Und sie haben immer guten Willen.«</p>
-
-<p>»O, ich glaub' es schon.«</p>
-
-<p>»Nun siehst du,« lachte Van der Straaten, den diese scherzhafte
-Wendung plötzlich wieder zu heiterer Laune stimmte.
-»So hör' ich dich gern. Und zur Belohnung: das Bild soll nicht
-an den Eckpfeiler, sondern wirklich in die Galerie. Verlaß dich
-darauf. Und um dir nichts zu verschweigen, ich hab' auch über
-all das so meine wechselnden und widerstreitenden Gedanken,
-und mitunter denk' ich: ich sterbe vielleicht darüber hin. Und das<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-wäre das beste. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts
-Neues. Aber die trivialsten Sätze sind immer die richtigsten.«</p>
-
-<p>»Dann vergiß auch nicht <em class="gesperrt">den</em>, daß man den Teufel nicht an
-die Wand malen soll!«</p>
-
-<p>Er nickte. »Da hast du recht. Und wir <em class="gesperrt">wollen's</em> auch
-nicht, und wollen diese Stunde vergessen. Ganz und gar.
-Und wenn ich dich je wieder daran erinnere, so sei's im Geiste
-des Friedens und zum Zeichen der Versöhnung. Lache nicht.
-Es kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du doch? Es sei
-so viel Unschuld in ihrer Schuld&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Und vorherbestimmt, sagt' ich. Prädestiniert! …
-Aber vorherbestimmt ist <em class="gesperrt">heute</em>, daß wir ausfahren, und das
-ist die Hauptsache. Denn ich brauche die Robe viel, viel nötiger,
-als du den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine
-Törin und ein Kindskopf, daß ich alles so bitter ernsthaft genommen
-und dir jedes Wort geglaubt habe! Du hast das Bild
-haben wollen, <em class="antiqua">c'est tout</em>. Und nun gehab' dich wohl, mein
-Dänenprinz, mein Träumer. Sein oder Nichtsein … Variationen
-von Ezechiel Van der Straaten!«</p>
-
-<p>Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene
-Treppe hinauf, die, von Van der Straatens Zimmer
-aus, in die Schlafzimmer des zweiten Stockes führte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap3">3<br />
-Logierbesuch</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern
-in dem Gegensatze von derb und gefühlvoll, überhaupt
-in Gegensätzen, und so war es wenig verwunderlich, daß das
-vor dem Tintoretto geführte Gespräch in seinem Herzen nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-allzulange nachtönte. Freilich auch nicht in dem seiner Frau.
-Nur solang es geführt worden war, war Melanie wirklich überrascht
-gewesen, nicht um des sentimentalen Tones willen, den
-sie kannte, sondern weil alles eine viel persönlichere Richtung
-nahm als bei früheren Gelegenheiten. Aber nun war es vorüber.
-Das Bild erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah
-es nicht mehr, und Van der Straaten, wenn er ihm zufällig
-begegnete, lächelte nur in beinah heiterer Resignation. Er
-besaß eben ganz den fatalistischen Zug der Humoristen, der
-sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemänner sind.</p>
-
-<p>Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem
-es spät fiel, lag schon wieder zurück, und die Wochen waren
-wieder da, wo herkömmlich die Frage verhandelt zu werden
-pflegte: »Wann ziehen wir hinaus?«</p>
-
-<p>»Bald,« sagte Melanie, die bereits die Tage zählte.</p>
-
-<p>»Aber die ›gestrengen Herren‹ waren noch nicht da.«</p>
-
-<p>»Die regieren nicht lange.«</p>
-
-<p>»Zugestanden,« lachte Van der Straaten. »Und um so
-lieber, als ich nur <em class="gesperrt">so</em> meine Hausherrschaft garantiert finde.
-Wenigstens mittelbar. Und immer noch besser schwach regieren,
-als gar nicht.«</p>
-
-<p>Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim
-Frühstück gewechselt worden, und es mochte Mittag sein, als
-der Kommerzienrat von seinem Kontor aus die Frau Kommerzienrätin
-bitten ließ, mit ihrer Ausfahrt eine Viertelstunde
-warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine Mitteilung zu machen
-habe. Melanie ließ zurücksagen, »daß sie sich freuen würde,
-ihn zu sehen, und rechne danach auf seine Begleitung.«</p>
-
-<p>In Courtoisien dieser Art, denen übrigens auch ein gelegentlicher
-Revers nicht fehlte, hatten sich die Van der Straatens seit<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-Jahren eingelebt, namentlich <em class="gesperrt">er</em>, der nach seiner eigenen Versicherung
-»dem adligen Hause de Caparoux einiges Ritterdienstliche
-schuldig zu sein glaubte« und zu diesem Ritterdienstlichen
-in erster Reihe Pünktlichkeit und Nichtwartenlassen zählte.</p>
-
-<p>So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung,
-im Zimmer seiner Frau.</p>
-
-<p>Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen
-ganz dem ihres Gatten, war aber um vieles heller und
-heiterer, einmal weil die hohe Paneelierung, aber mehr noch
-weil die vielen nachgedunkelten Bilder fehlten. Statt dieser
-vielen war nur ein einziges da: das Porträt Melanies in
-ganzer Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund und sie
-selber eben beschäftigt ein paar Mohnblumen an ihren Hut
-zu stecken. Die Wände, wo sie frei waren, zeigten eine weiße
-Seidentapete, tief in den Fensternischen erhoben sich Hyazinthenestraden
-und vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische,
-stand ein blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der
-eigentliche Tyrann des Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmäßig
-gehaßtes und beneidetes Dasein führte. Melanie sprach
-eben mit ihm, als Ezechiel in einer gewissen humoristischen Aufgeregtheit
-eintrat und seine Frau, nach vorgängiger respektvoller
-Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren Sofaplatz
-zurückführte. Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte
-sich neben sie.</p>
-
-<p>Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie
-lachen.</p>
-
-<p>»Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte
-vorzubereiten hättest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es
-etwas Altes? Etwas aus deiner dunklen Vergangenheit&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwärtiges.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon
-hinreißen lassen. Und nun sage, was ist es?«</p>
-
-<p>»Eine Bagatelle.«</p>
-
-<p>»Was deine Verlegenheit bestreitet.«</p>
-
-<p>»Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch
-empfangen, oder vielmehr einen Gast, oder wenn ich mich des
-Ausdrucks bedienen darf, einen Dauer-Gast. Also kurz und
-gut, denn was hilft es, es muß heraus: einen neuen Hausgenossen.«</p>
-
-<p>Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch
-auf dem Teller lag, zerkrümelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger
-auf Van der Straatens Hand und sagte: »Und das
-nennst du eine Bagatelle? Du weißt recht gut, daß es etwas
-sehr Ernsthaftes ist. Ich habe nicht den Vorzug, ein Kind dieser
-eurer Stadt zu sein, bin aber doch lange genug in eurer exquisiten
-Mitte gewesen, um zu wissen, was es mit einem
-»Logierbesuch« auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst
-nirgends findet, kann einen ängstlich machen. Und was ist ein
-Logierbesuch gegen eine neue Hausgenossenschaft … Ist es
-eine Dame?«</p>
-
-<p>»Nein, ein Herr.«</p>
-
-<p>»Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ein Volontär, ältester Sohn eines mir befreundeten
-Frankfurter Hauses. War in Paris und London, selbstverständlich,
-und kommt eben jetzt von New York, um hier am Ort eine
-Filiale zu gründen. Vorher aber will er in unserem Hause
-die Sitte dieses Landes kennen lernen, oder sag' ich lieber
-<em class="gesperrt">wieder</em> kennen lernen, weil er sie draußen halb vergessen hat.
-Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin überdies dem
-Vater verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-ersparen zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leer
-stehenden Zimmer auf dem linken Korridor.«</p>
-
-<p>»Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen
-unseres Hofes und auf Christels Geraniumtöpfe hinunter zu
-sehen.«</p>
-
-<p>»Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man
-hat. Und er selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen,
-die viel in der Welt umher waren, pflegen am gleichgültigsten
-gegen derlei Dinge zu sein. Unser Hof bietet freilich
-nicht viel; aber was hätt' er Besseres in der Front? Ein Stück
-Kirchengitter mit Fliederbusch, und an Markttagen die Hasenbude.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Eh bien</em>, Ezel. <em class="antiqua">Faisons le jeu.</em> Ich hoffe, daß nichts
-Schlimmes dahinter lauert, keine Konspirationen, keine Pläne,
-die du mir verschweigst. Denn du bist eine versteckte Natur.
-Und wenn es deine Geheimnisse nicht stört, so möcht' ich schließlich
-wenigstens den Namen unseres neuen Hausgenossen hören.«</p>
-
-<p>»Ebenezer Rubehn&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ebenezer Rubehn,« wiederholte Melanie langsam und jede
-Silbe betonend. »Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches
-lieber gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir
-an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug hätten! Und nun
-Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, was soll dieser
-<em class="antiqua">Accent grave</em>, dieser Ton auf der letzten Silbe? Suspekt, im
-höchsten Grade suspekt!«</p>
-
-<p>»Du mußt wissen, er schreibt sich mit einem h.«</p>
-
-<p>»Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, daß ich
-dies h für echt und ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel,
-versuchte Leugnung des Tatsächlichen, absichtliche Verschleierung,
-hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs
-stehen sehe. Und er selber als Flügelmann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>»Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens?
-Ich meine mit dem großen Peter Paul? Nun, der hatte
-freilich ein s. Aber was dem s recht ist, ist dem h billig. Und
-kurz und gut, er ist getauft. Ob durch einen Bischof, stehe
-dahin; ich weiß es nicht und wünsch' es nicht, denn ich möcht'
-etwas vor ihm voraus haben. Aber allen Ernstes, du tust ihm
-unrecht. Er ist nicht bloß christlich, er ist auch protestantisch, so
-gut wie du und ich. Und wenn du noch zweifelst, so lasse dich
-durch den Augenschein überzeugen.«</p>
-
-<p>Und hierbei versuchte Van der Straaten aus einem kleinen
-gelben Kuvert, das er schon bereit hielt, eine Visitenkartenphotographie
-herauszunehmen. Aber Melanie litt es nicht und
-sagte nur in immer wachsender Heiterkeit: »Sagtest du nicht
-New York? Sagtest du nicht London? Ich war auf einen
-Gentleman gefaßt, auf einen Mann von Welt, und nun schickt
-er sein Bildnis, als ob es sich um ein Rendezvous handelte.
-Krugs Garten mit einer Verlobung im Hintergrund.«</p>
-
-<p>»Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen,
-um deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich
-an den alten Goeschen, Firma Goeschen, Goldschmidt und Kompanie;
-diskreter alter Herr. Und daher stammt es. Ich bin
-schuld, nicht er, wahr und wahrhaftig, und wenn du mir das
-Wort gestattest, sogar ›auf Ehre‹.«</p>
-
-<p>Melanie nahm das Kuvert und warf einen flüchtigen Blick
-auf das eingeschlossene Bild. Ihre Züge veränderten sich plötzlich
-und sie sagte: »Ah, der gefällt mir. Er hat etwas Distinguiertes:
-Offizier in Zivil oder Gesandtschaftsattaché. Das lieb'
-ich. Und nun gar ein Bändchen. Ist es die Ehrenlegion?«</p>
-
-<p>»Nein, du kannst es näher suchen. Er stand bei den fünften Dragonern
-und hat für Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?«</p>
-
-<p>»Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin
-solltest du wissen, daß fremde Sprachen nicht immer gebührende
-Rücksicht auf die verpönten Klangformen einer anderen nehmen.
-Ja, Lanni, ich bin mitunter besser als mein Ruf.«</p>
-
-<p>»Und wann dürfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?«</p>
-
-<p>»Hausgenossen,« verbesserte Van der Straaten. »Es ist
-nicht nötig, ihn, mit Rücksicht auf seine militärische Charge, so
-Hals über Kopf avancieren zu lassen. Übrigens ist er verlobt,
-oder so gut wie verlobt.«</p>
-
-<p>»Schade.«</p>
-
-<p>»Schade? Warum?«</p>
-
-<p>»Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen,
-so sind sie zärtlich, bedrückend zärtlich für ihre Umgebung,
-und sind sie getrennt, so schreiben sie sich Briefe oder
-bereiten sich in ihrem Gemüte darauf vor. Und der Bräutigam
-ist immer der schlimmere von beiden. Und will man sich gar
-in ihn verlieben, so heißt das nicht mehr und nicht weniger, als
-zwei Lebenskreise stören.«</p>
-
-<p>»Zwei?«</p>
-
-<p>»Ja, Bräutigam und Braut.«</p>
-
-<p>»Ich hätte drei gezählt,« lachte Van der Straaten. »Aber
-so seid ihr. Ich wette, du hast den Dritten in Gnaden vergessen.
-Ehemänner zählen überhaupt nicht mit. Und wenn
-sie sich darüber wundern, so machen sie sich ridikül. Ich werde
-mich übrigens davor hüten, den Mohren der Weltgeschichte,
-das seid ihr, weiß waschen zu wollen. Apropos, kennst du das
-Bild, die Mohrenwäsche?«</p>
-
-<p>»Ach, Ezel, du weißt ja, ich kenne keine Bilder. Und am
-wenigsten alte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>»Süße Simplicitas aus dem Hause de Caparoux,« jubelte
-Van der Straaten, der nie glücklicher war, wie wenn Melanie
-sich eine Blöße gab oder auch klugerweise nur so tat. »Altes
-Bild! Es ist nicht älter als ich.«</p>
-
-<p>»Nun, dann ist es gerade alt genug.«</p>
-
-<p>»Bravissimo. Sieh, so hab' ich dich gern. Übermütig und
-boshaft. Und nun sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast
-mir doch gestern erst&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und ich halt' es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze
-wird, da bricht es wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen
-zu Haas und uns einen Teppich ansehen … »Gerade alt
-genug« … Vorzüglich, vorzüglich … Und nun sage Papachen,
-wie heißt die schönste Frau im Land?«</p>
-
-<p>»Melanie.«</p>
-
-<p>»Und die liebste, die klügste, die beste Frau?«</p>
-
-<p>»Melanie, Melanie.«</p>
-
-<p>»Gut, gut … Und nun gehab' dich wohl, du Menschenkenner!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap4">4<br />
-Der engere Zirkel</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die »drei gestrengen Herren« waren ganz ausnahmsweise
-streng gewesen, aber nicht zu Verdruß beider Van der
-Straatens, die vielmehr nun erst wußten, daß der Winter
-all seine Pfeile verschossen und unweigerlich und ohne weitere
-Widerstandsmöglichkeit seinen Rückzug angetreten habe. Nun
-erst konnte man freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge
-vor frostigen Vormittagen, oder gar vor Eingeschneitwerden<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-über Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder,
-am meisten aber Van der Straaten, der, um ihn selber sprechen
-zu lassen, »unter allen vorkommenden Geburtsszenen einzig
-und allein der des Frühlings beizuwohnen liebte«. Vorher aber
-sollte noch ein kleines Abschiedsdiner stattfinden und zwar unter
-ausschließlicher Heranziehung des dem Hause zunächst stehenden
-Kreises.</p>
-
-<p>Es war das, übrigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter
-Seite her, in erster Reihe der in der Alsenstraße
-wohnende Major von Gryczinski, ein noch junger Offizier mit
-abstehendem, englisch gekräuseltem Backenbart und klugen blauen
-Augen, der vor etwa drei Jahren die reizende Jacobine de
-Caparoux heimgeführt hatte, eine jüngere Schwester Melanies
-und nicht voll so schön wie diese, aber rotblond, was in den
-Augen einiger das Gleichgewicht zwischen beiden wiederherstellte.
-Gryczinski war Generalstäbler und hielt, wie jeder dieses
-Standes, an dem Glauben fest, daß es in der ganzen Welt
-nicht zwei so grundverschiedene Farben gäbe, wie das allgemeine
-preußische Militärrot und das Generalstabsrot. Daß
-er den Strebern zugehörte, war eine selbstverständliche Sache,
-wohl aber verdient es, in Rücksicht gegen den Ernst der Historie,
-schon an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, daß er, alles
-Strebertums unerachtet, in allen nicht zu verlockenden Fällen
-ein bescheidenes Maß von Rücksichtnahme gelten ließ und den
-Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über die
-Beresina betrachtete. Wie sein großer Chef war er ein Schweiger,
-unterschied sich aber von ihm durch ein beständiges, jeden
-Sprecher ermutigendes Lächeln, das er, alle nutzlose Parteinahme
-klug vermeidend, über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig
-scheinen ließ.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter
-als Freund des Hauses. Unter diesen letzteren konnte der
-Baron Duquede, Legationsrat a. D., als der angesehenste
-gelten. Er war über sechzig, hatte bereits unter Van der
-Straatens Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des
-Hauses angehört und durfte sich, wie um anderer Qualitäten
-so auch schon um seiner Jahre willen, seinem hervorstechendsten
-Charakterzuge, dem des Absprechens, Verkleinerns und Verneinens
-ungehindert hingeben. Daß er, infolge davon, den
-Beinamen »Herr Negationsrat« erhalten hatte, hatte selbstverständlich
-seine milzsüchtige Krakehlerei nicht zu bessern vermocht.
-Er empörte sich eigentlich über alles, am meisten über
-Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen Dienstentlassung,
-unaufhörlich versicherte, »daß er überschätzt werde«.
-Von einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum
-Französieren geneigte Berlinertum erfüllt, das ihn, um seines
-»qu« willen, als einen Koloniefranzosen ansah und seinen altmärkischen
-Adelsnamen nach der Analogie von Admiral
-Duquesne auszusprechen pflegte. »Was er sich gefallen lassen
-könne,« hatte Melanie hingeworfen, von welchem Tag an eine
-stille Gegnerschaft zwischen beiden herrschte.</p>
-
-<p>Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand
-Polizeirat Reiff, ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden
-Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler,
-der, solange die Damen bei Tische waren, kein Wasser
-trüben zu können schien, im Moment ihres Verschwindens aber
-in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer
-nur einem Polizeirat zu Gebote stehn. Selbst Van der
-Straaten, dessen Talente doch nach derselben Seite hin lagen,
-erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem Beifall,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung
-zu.</p>
-
-<p>Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der
-Landschafter Arnold Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der
-Legationsrat, ein Erbstück aus des Vaters Tagen her, und Elimar
-Schulze, Porträt- und Genremaler, der sich erst in den letzten
-Jahren angefunden hatte. Seine Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten
-Tafelrunde basierte zumeist auf dem Umstande,
-daß er nur ein halber Maler, zur andern Hälfte aber Musiker
-und enthusiastischer Wagnerianer war, auf welchen »Titul« hin,
-wie Van der Straaten sich ausdrückte, Melanie seine Aufnahme
-betrieben und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit
-abgegebene Bemerkung ihres Eheherrn, »daß er gegen den
-Aufzunehmenden nichts einzuwenden habe, wenn er einfach
-übertreten und seine Zugehörigkeit zu der alleinseligmachenden
-Musik offen und ehrlich aussprechen wolle«, war von dem immer
-gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden, »ihm
-diesen Schritt erlassen zu wollen und zwar einfach deshalb, weil
-doch schließlich nur das Gegenteil von dem Gewünschten dabei
-herauskommen würde. Denn während er jetzt als Maler allgemein
-für einen Musiker gehalten werde, werd' er als Musiker
-sicherlich für einen Maler gehalten und dadurch vom Standpunkte
-des Herrn Kommerzienrats aus in die relativ höhere Rangstufe
-wieder hinaufgehoben werden«.</p>
-
-<p>Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu
-heute sieben Uhr Geladenen entnommen. Denn Van der
-Straaten liebte die Spätdiners und erging sich mitunter in
-nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen Unterschied
-zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten, und einer um
-sieben Uhr natürlich erwachsenen Dunkelheit. Eine künstliche<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-Vieruhrdunkelheit sei nicht besser als ein junger Wein, den man
-in einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb umwickelt habe,
-um ihn alt und ehrwürdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine
-Zunge schmecke den jungen Wein und ein feines Nervensystem
-schmecke die junge Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die
-namentlich in ihrer »das feine Nervensystem« betonenden
-Schlußwendung von Melanie regelmäßig mit einem allerherzlichsten
-Lachen begleitet wurden.</p>
-
-<p>Das Van der Straatensche Stadthaus &ndash; wodurch es sich,
-neben anderem, von der mit allem Komfort ausgestatteten
-Tiergarten-Villa unterschied &ndash; hatte keinen eigentlichen Speisesaal,
-und die zwei großen und vier kleinen Diners, die sich über
-den Winter hin verteilten, mußten in dem ersten, als Entree
-dienenden Zimmer der großen Gemäldegalerie gegeben werden.
-Es griff dieser Teil der Galerie noch aus dem rechten
-Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag unmittelbar hinter
-Melanies Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten Flügeltüren
-sich öffneten, der Eintritt stattfand.</p>
-
-<p>Und wie gewöhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm
-den Arm seiner blonden Schwägerin, Duquede den Melanies,
-während die vier anderen Herren paarweise folgten, eine herkömmliche
-Form des Aufmarsches, bei der der Major ebenso
-geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln, als den
-Polizeirat zu vermeiden wußte. Denn so bereit und ergeben
-er war, die Geschichten Reiffs bei Tag oder Nacht über sich ergehen
-zu lassen, so konnt' er sich doch nicht entschließen, ihm
-ebenbürtig den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den
-Anschauungen seines Standes und bekannte sich, mit einem
-durch persönliches Fühlen unterstützten Nachdruck, zu dem alten
-Gegensatze von Militär und Polizei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und
-hatte keine Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern.
-Wer aber zum ersten Male hier eintrat, der wurde sicherlich
-durch eine Schönheit überrascht, die gerade darin ihren Grund
-hatte, daß der als Speisesaal dienende Raum kein eigentlicher
-Speisesaal war. Ein reichgegliederter Kronleuchter von französischer
-Bronze warf seine Lichter auf eine von guter italienischer
-Hand herrührende prächtig eingerahmte Kopie der Veronesischen
-»Hochzeit zu Kana«, die von Uneingeweihten auch
-wohl ohne weiteres für das Original genommen wurde,
-während daneben zwei Stilleben in fast noch größeren und
-reicheren Barockrahmen hingen. Es waren, von einiger vegetabilischer
-Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und blaue Makrelen,
-über deren absolute Naturwahrheit sich Van der Straaten in
-der ein für allemal gemünzten Bewunderungsformel ausließ,
-»es werd' ihm, als ob er taschentuchlos über den Cöllnischen
-Fischmarkt gehe.«</p>
-
-<p>Nach hinten zu stand das Büfett, und daneben war die
-Tür, die mit der im Erdgeschoß gelegenen Küche bequeme
-Verbindung hielt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap5">5<br />
-Bei Tisch</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Nehmen wir Platz,« sagte Van der Straaten. »Meine
-Frau hat mich aller Plazierungsmühen überhoben und
-Karten gelegt.«</p>
-
-<p>Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und ließ sein
-von Natur gutes und durch vieles Sehen kunstgeübtes Auge
-darüber hingleiten. »Ah, ah, sehr gut. Das ist Tells Geschoß.<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Gratuliere, Elimar. Allerliebst, allerliebst. Natürlich Amor,
-der schießt. Daß ihr Maler doch über diesen ewigen Schützen
-nicht wegkommen könnt.«</p>
-
-<p>»Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch
-feierlich protestieren würden,« sagte die rotblonde Schwester.</p>
-
-<p>Alle hatten sich inzwischen plaziert, und es ergab sich, daß
-Melanie bei der von ihr getroffenen Anordnung vom Herkömmlichen
-abgewichen war. Van der Straaten saß zwischen
-Schwägerin und Frau, ihm gegenüber der Major, von Gabler
-und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber Polizeirat Reiff
-und Legationsrat Duquede.</p>
-
-<p>Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrätlichen
-Hause von alter Zeit her berühmte Montefiascone
-gerade herumgereicht, als Van der Straaten sich über den Tisch
-hin zu seinem Schwager wandte.</p>
-
-<p>»Gryczinski, Major und Schwager,« hob er leicht und mit
-überlegener Vertraulichkeit an, »binnen heut und drei Monaten
-haben wir Krieg. Ich bitte dich, sage nicht nein, wolle mir nicht
-widersprechen. Ihr, die ihr's schließlich machen müßt, erfahrt
-es erfahrungsmäßig immer am spätesten. Im Juni haben wir
-die Sache wieder fertig oder wenigstens eingerührt. Es zählt
-jetzt zu den sogenannten berechtigten Eigentümlichkeiten preußischer
-Politik, allen Geheimräten, wozu, in allem was Karlsbad
-und Teplitz angeht, auch die Kommerzienräte gehören, ihre
-Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit eingeschlossen.
-Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir
-die Sache fertig und in drei haben wir den Krieg. Irgend etwas
-Benedettihaftes wird sich doch am Ende finden lassen, und
-Ems liegt unter Umständen überall in der Welt.«</p>
-
-<p>Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-seines Backenbartes und sagte: »Schwager, du stehst zu sehr
-unter Börsengerüchten, um nicht zu sagen unter dem Einfluß
-der Börsenspekulation. Ich versichere dich, es ist kein Wölkchen
-am Horizont, und wenn wir zurzeit wirklich einen Kriegsplan
-ausarbeiten, so betrifft er höchstens die hypothetische Bestimmung
-der Stelle, wo Rußland und England zusammenstoßen
-und ihre große Schlacht schlagen werden.«</p>
-
-<p>Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei
-waren, die brünette, weil sie nicht gern das Vermögen, die
-blonde, weil sie nicht gern den Mann einbüßen wollte, jubelten
-dem Sprecher zu, während der Polizeirat, immer kleiner
-werdend, bemerkte: »Bitte dem Herrn Major meine gehorsamste
-Zustimmung aussprechen zu dürfen und zwar von ganzem
-Herzen und von ganzem Gemüte.« Wobei gesagt werden muß,
-daß er mit Vorliebe von seinem Gemüte sprach. »Überhaupt,«
-fuhr er fort, »nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht
-den Fürsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann,
-als einen Kanonier mit ewig brennender Lunte vorzustellen,
-jeden Augenblick bereit das Kruppsche Monstregeschütz eines
-europäischen Krieges auf gut Glück hin abzufeuern. Ich sage,
-nichts falscher und irriger als das. Hazardieren ist die Lust
-derer, die nichts besitzen, weder Vermögen noch Ruhm. Und
-der Fürst besitzt beides. Ich wette, daß er nicht Lust hat, seinen
-hochaufgespeicherten Doppelschatz immer wieder auf die Kriegskarte
-zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit), dublierte
-66 und triplierte 70, aber er wird sich hüten, sich auf ein <em class="antiqua">six-le-va</em>
-einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt
-ohne Zweifel das Märchen vom »Fischer un sine Fru&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Dessen pikante Schlußwendung uns unser polizeirätlicher
-Freund hoffentlich nicht vorenthalten will,« bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Van der Straaten, in dem sich der Übermut der Tafelstimmung
-bereits zu regen begann.</p>
-
-<p>Aber der Polizeirat, während er sich wie zur Gewährleistung
-jeder Sicherheit gegen die Damen hin verneigte, ließ
-das Märchen und seine notorische Schlußzeile fallen und sagte
-nur: »Wer alles gewinnen will, verliert alles. Und das Glück
-ist noch launenhafter als die Damen. Ja, meine Damen, als
-die Damen. Denn die Launenhaftigkeit, ich lebe selbst in einer
-glücklichen Ehe, ist das Vorrecht und der Zauber ihres Geschlechts.
-Der Fürst hat Glück gehabt, aber gerade weil er es
-gehabt hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Wird er sich hüten, es zu versuchen,« schloß mit ironischer
-Emphase der Legationsrat. »Aber wenn er es <em class="gesperrt">dennoch</em>
-täte? He? Der Fürst hat Glück gehabt, versichert uns unser
-Freund Reiff mit polizeirätlich unschuldiger Miene. Glück gehabt!
-Allerdings. Und zwar kein einfaches und gewöhnliches,
-sondern ein stupendes, ein nie dagewesenes Glück. Eines, das
-in seiner kolossalen Größe den Mann selber wegfrißt und verschlingt.
-Und so wenig ich geneigt bin, ihm dies Glück zu mißgönnen,
-ich kenne keine Mißgunst, so reizt es mich doch, einen
-Heroenkultus an dieses Glück geknüpft zu sehen. Er wird überschätzt,
-sag' ich. Glauben Sie mir, er hat etwas Plagiatorisches.
-Es mögen sich Erklärungen finden lassen, meinetwegen auch
-Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird überschätzt. Ja,
-meine Freunde, den Heroenkultus haben wir und den Götterkultus
-<em class="gesperrt">werden</em> wir haben. Bildsäulen und Denkmäler sind
-bereits da, und die Tempel werden kommen. Und in einem
-dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und Göttin Fortuna ihm
-zu Füßen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel
-nennen, sondern den Glückstempel. Ja, den Glückstempel,<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-denn es wird darin gespielt, und unser vorsichtiger Freund
-Reiff hat es mit seinem <em class="antiqua">six-le-va</em>, das über kurz oder lang
-kommen wird, besser getroffen, als er weiß. Alles Spiel und
-Glück, sag' ich, und daneben ein unendlicher Mangel an Erleuchtung,
-an Gedanken und vor allem an großen schöpferischen
-Ideen.«</p>
-
-<p>»Aber lieber Legationsrat,« unterbrach hier Van der
-Straaten, »es liegen doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung
-Österreichs, Aufbau des Deutschen Reiches&nbsp;…«</p>
-
-<p>»… Ekrasierung Frankreichs und Dethronisierung des
-Papstes! Pah, Van der Straaten, ich kenne die ganze Litanei.
-Wem aber haben wir dafür zu danken, wenn überhaupt dafür
-zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen Partei, feindlich
-ihm und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf genommen
-hat. Er hat etwas Plagiatorisches, sag' ich, er hat sich die Gedanken
-anderer einfach angeeignet, gute und schlechte, und sie
-mit Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten umgesetzt. Das
-konnte schließlich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich,
-Reiff&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich möchte doch bitten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»In Taten umgesetzt,« wiederholte Duquede.</p>
-
-<p>»Ein Umsatz- und Wechselgeschäft, das ich hasse, solange
-nicht der selbsteigne Gedanke dahinter steht. Aber Taten mit
-gar keiner oder mit erheuchelter oder mit erborgter Idee haben
-etwas Rohes und Brutales, etwas Dschingiskhanartiges. Und
-ich wiederhole, ich hasse solche Taten. Am meisten aber hass'
-ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die Gegensätze
-mengen, und wenn wir es erleben müssen, daß sich hinter den
-altehrwürdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips,
-hinter der Maske des Konservatismus, ein revolutionärer<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-Radikalismus birgt. Ich sage dir, Van der Straaten, er segelt
-unter falscher Flagge. Und eines seiner einschlägigsten Mittel
-ist der beständige Flaggenwechsel. Aber ich hab' ihn erkannt
-und weiß, was seine eigentliche Flagge ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nennen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Die schwarze.«</p>
-
-<p>»Die Piratenflagge?«</p>
-
-<p>»Ja. Und Sie werden dessen über kurz oder lang alle gewahr
-werden. Ich sage dir, Van der Straaten, und Ihnen,
-Elimar und Ihnen, Reiff, der Sie's morgen in Ihr schwarzes
-Buch eintragen können, meinetwegen, denn ich bin ein altmärkischer
-Edelmann und habe den Dienst dieses mir widerstrebenden
-Eigennützlings längst quittiert, ich sag' es jedem,
-alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie vor Täuschung,
-vor allem aber vor Überschätzung dieses falschen Ritters, dieses
-Glückstempelherrn, an den die blöde Menge glaubt, weil er
-die Jesuiten aus dem Lande geschafft hat. Aber wie steht es
-damit? Die Bösen sind wir los, der Böse ist geblieben.«</p>
-
-<p>Gryczinski hatte mit vornehmem Lächeln zugehört, Van
-der Straaten indes, der, trotzdem er eigentlich ein Bismarckschwärmer
-war, in seiner Eigenschaft als kritiksüchtiger Berliner
-nichts Reizenderes kannte, als Größenniedermetzelung und Generalnivellierung,
-immer vorausgesetzt, daß er selber als einsam
-überragender Bergkegel übrig blieb, grüßte zu Duquede hinüber
-und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat, der sich geopfert
-habe, noch einmal von der letzten Schüssel zu präsentieren.</p>
-
-<p>»Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas
-für dich. Scharf, scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien,
-aber um zweierlei beneid' ich es: um seine Zwiebeln und um
-seinen Murillo.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Überrascht mich,« sagte Gabler. »Und am meisten überrascht
-mich die dir entschlüpfte Murillo-, will also sagen Madonnenbewundrung.«</p>
-
-<p>»Nicht entschlüpft, Arnold, nicht entschlüpft. Ich unterscheide
-nämlich, wie du wissen solltest, kalte und warme Madonnen.
-Die kalten sind mir allerdings verhaßt, aber die warmen
-hab' ich desto lieber. <em class="antiqua">A la bonne heure</em>, die berauschen mich,
-und ich fühl' es in allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein
-wäre. Und zu diesen glühenden und sprühenden zähl' ich all
-diese spanischen Immaculatas und Concepciones, wo die
-Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und um ihr dunkles
-Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelsköpfe. Ja,
-Reiff, dergleichen gibt es. Und so blickt sie brünstig oder sagen
-wir lieber inbrünstig gen Himmel, als wolle die Seele flügge
-werden in einem Brütofen von Heiligkeit.«</p>
-
-<p>»In einem Brütofen von Heiligkeit,« wiederholte der Polizeirat,
-in dessen Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann.
-»In einem Brütofen! O, das ist <em class="antiqua">magnifique</em>, das ist
-herrlich, und eine Andeutung, die jeder von uns nach dem
-Maße seiner Erkenntnis interpretieren und weiterspinnen kann.«</p>
-
-<p>Beide junge Frauen, einigermaßen überrascht, ihren sonst
-so zurückhaltenden Freund auf dieser Messerschneide balancieren
-zu sehen, trafen sich mit ihren Blicken, und Melanie rasch erkennend,
-daß es sich jeden Moment um eine jener Katastrophen
-handeln könne, wie sie bei den kommerzienrätlichen Diners
-eben nicht allzu selten waren, suchte vor allem von dem heiklen
-Murillothema loszukommen, was, bei Van der Straatens
-Eigensinn, allerdings nur durch eine geschickte Diversion geschehen
-konnte. Und solche gelang denn auch momentan, indem
-Melanie mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: »Van<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-der Straaten wird mich auslachen, in Bild- und Malerfragen
-eine Meinung haben zu wollen. Aber ich muß ihm offen bekennen,
-daß ich mich, wenn seine gewagte Madonneneinteilung
-überhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres für eine von
-ihm ignorierte Mittelgruppe, nämlich für die temperierten entscheiden
-würde. Die Tizianischen scheinen mir diese wohltuend
-gemäßigte Temperatur zu haben. Ich lieb' ihn überhaupt.«</p>
-
-<p>»Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab' es immer gesagt,
-daß ich noch einen Kunstprofessor in dir großziehe. Nicht wahr,
-Arnold, ich hab' es gesagt? Beschwör es. Eine Schwurbibel ist
-nicht da, aber wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist immer
-noch ebensogut wie ein Evangelium. Du lachst, Schwager;
-natürlich; ihr merkt es nicht, aber wir. Übrigens hat Reiff
-ein leeres Glas. Und Elimar auch. Friedrich, alter Pomuchelskopf,
-steh nicht in Liebesgedanken. <em class="antiqua">Allons enfants.</em> Wo bleibt
-der Mouet? Flink, sag' ich. Bei den Gebeinen des unsterblichen
-Roller, ich lieb' es nicht, meinen Champagner in den letzten
-fünf Minuten in kümmerlicher Renommage schäumen zu sehen.
-Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzgläsern, mit denen
-ich nächstens kurzen Prozeß machen werde. Das sind Rechnungsrats-,
-aber nicht Kommerzienratsgläser. Übrigens mit
-dem Tizian hast du doch unrecht. Das heißt halb. Er versteht
-sich auf alles mögliche, nur nicht auf Madonnen. Auf Frau
-Venus versteht er sich. Das ist seine Sache. Fleisch, Fleisch.
-Und immer lauert irgendwo der kleine liebe Bogenschütze.
-Pardon, Elimar, ich bin nicht für Massenamors auf Tischkarten,
-aber für den Einzelamor bin ich, und ganz besonders
-für den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurückgezogener
-grüner Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehört er
-hin, und immer ist er wieder reizend, ob er ihr zu Häupten oder<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-zu Füßen sitzt, ob er hinter dem Bett oder der Gardine hervorguckt,
-ob er seinen Bogen eben gespannt oder eben abgeschossen
-hat. Und was ist vorzuziehen? Eine feine Frage, Reiff. Ich
-denke mir, wenn er ihn spannt … Und diese ruhende linke
-Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch. O, superbe. Ja,
-Melanie, <em class="gesperrt">den</em> Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir
-zugestehst: <em class="antiqua">Suum cuique</em>, dem Tizian die Venus und dem
-Murillo die Madonna.«</p>
-
-<p>»Ich fürchte, Van der Straaten, da wirst du lange zu
-warten haben, und am längsten auf meine Murillobekehrung.
-Denn diese gelben Dunstwolken, aus denen etwas inbrünstig
-Gläubiges in seelisch-sinnlicher Verzückung aufsteigt, sind mir
-unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden überschritten
-und statt des Bezaubernden find' ich etwas Behexendes darin.«</p>
-
-<p>Gryczinski nickte leise der Schwägerin zu, während jetzt
-Elimar das Glas erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben
-gehörten Wort einer echt deutschen Frau, (»Französin,« schrie
-Van der Straaten dazwischen) auf das Wohl der schönen und
-liebenswürdigen Dame des Hauses anstoßen zu dürfen. Und
-die Gläser klangen zusammen. Aber in ihren Zusammenklang
-mischte sich für die schärfer Hörenden schon etwas wie Zittern
-und Mißakkord, und ehe noch das allgemeine Lächeln verflogen
-war (das des Polizeirats hielt sich am längsten) brach Van der
-Straaten durch alle bis dahin mühsam eingehaltenen Gehege
-durch und debutierte mal wieder ganz als er selbst. Er sei, so
-hob er an, leider nicht in der Lage, der für die »Frau Kommerzienrätin«
-gewiß höchst wertvollen Zustimmung seines
-Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zuname gleich
-ironisch betonte) <em class="gesperrt">seinerseits</em> zustimmen zu können. Es gebe
-freilich einen Gegensatz von Bezauberung und Behexung, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-manches in der Welt gelte für Behexung, was Bezauberung
-und noch mehr gelte für Bezauberung, was Behexung sei. Und
-er bitte sagen zu dürfen, daß er es seinerseits mit der Konsequenz
-halte und mit Farbe bekennen, und nicht mit heute so und
-morgen so. Am verdrießlichsten aber sei ihm zweierlei Maß.</p>
-
-<p>Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht überhaupt
-gewillt, es bei diesen Allgemeinsätzen bewenden zu
-lassen. Aber die junge Gryczinska, die sich, nach Art aller
-Schwägerinnen etwas herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in
-plötzlich wiedererwachtem Mute keck und zuversichtlich an und
-bat ihn, aus seinen Orakelsprüchen heraus und zu bestimmteren
-Erklärungen übergehn zu wollen.</p>
-
-<p>»O gewiß, meine Gnädigste,« sagte der jetzt immer hitziger
-werdende Van der Straaten. »O gewiß, mein geliebtes Rotblond.
-Ich stehe zu Befehl und will aus allem Orakulosen und
-Mirakulosen heraus, und will in die Trompete blasen, daß ihr
-aus eurer Dämmerung und meinetwegen auch aus eurer Götterdämmerung
-erwachen sollt, als ob die Feuerwehr vorüberführe.«</p>
-
-<p>»Ah,« sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu
-verlieren begann. »Also da hinaus soll es.«</p>
-
-<p>»Ja, süßer Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz
-und gemütlich auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine
-<em class="antiqua">Casta diva</em> am Himmel entlang, als ob ihr von Ozon und Keuschheit
-leben wolltet. Und <em class="gesperrt">wer</em> ist euer Abgott? Der Ritter von
-Bayreuth, ein Behexer, wie es nur je einen gegeben hat. Und
-an diesen Tannhäuser und Venusbergmann setzt ihr, als ob
-ihr wenigstens die Voggenhuber wäret, eurer Seelen Seligkeit
-und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder
-dreimal täglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer
-Elimar immer mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-nicht retten. Nicht ihn und nicht euch. Oder wollt ihr mir das
-alles als himmlischen Zauber kredenzen? Ich sag' euch, fauler
-Zauber. Und das ist es, was ich zweierlei Maß genannt habe.
-Den Murillozauber möchtet ihr zu Hexerei stempeln und die
-Wagnerhexerei möchtet ihr in Zauber verwandeln. Ich aber
-sag' euch, es liegt umgekehrt, und wenn es <em class="gesperrt">nicht</em> umgekehrt
-liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen.
-Denn es ist schließlich alles ganz egal und mit Permission zu
-sagen alles Jacke&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene
-Berolinismus, mit dem er seinen Satz abzuschließen gedachte,
-wurde auch wirklich gesprochen, aber er verklang in einem Getöse,
-das der Major durch einen geschickt kombinierten Angriff
-von Gläserklopfen und Stuhlrücken in Szene zu setzen gewußt
-hatte. Zugleich begann er: »Meine verehrten Freunde, das
-Wort Hexenmeister ist gefallen. Ein vorzügliches Wort! So
-lassen wir sie denn leben, alle diese Tannhäuser, wobei sich
-jeder das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der
-Hexenmeister. Denn alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht
-mit dem Wort. Was sind Worte? Schall und Rauch. Stoßen
-wir an. Hoch, hoch.«</p>
-
-<p>Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der
-jetzt jeder zitternde Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich
-auch von seiten der beiden Maler, und kaum einer war da, der
-nicht an eine glücklich beseitigte Gefahr geglaubt hätte. Aber
-mit Unrecht. Van der Straaten, absolut unerzogen, konnte,
-vielleicht weil er dies Manko fühlte, nichts so wenig ertragen,
-als auf Unerzogenheiten aufmerksam gemacht zu werden: er
-vergaß sich dann ganz und gar, und der Dünkel des reichen
-Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-helfen, stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm
-zusammen. Und so auch jetzt. Er erhob sich und sagte: »Kupierungen
-sind etwas Wundervolles. Keine Frage. Ich beispielsweise
-kupiere Kupons. Ein inferiores Geschäft, das unter
-Umständen nichtsdestoweniger einen Anspruch darauf gibt, gegen
-Wort- und Redekupierungen gesichert zu sein, namentlich gegen
-solche, die reprimandieren und erziehen wollen. Ich bin erzogen.«</p>
-
-<p>Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen,
-aber mit zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen.
-Dieser, ein vollkommener Weltmann, lächelte vor sich
-hin und blinkte nur leise den beiden Damen zu, daß sie sich
-beruhigen möchten. Dann ergriff er sein Glas ein zweites Mal,
-gab seinen Zügen, ohne sich sonderlich anzustrengen, einen freundlichen
-Ausdruck und sagte zu Van der Straaten: »Es ist so viel
-von Kupieren gesprochen worden; kupieren wir auch das. Ich
-lebe der festen Überzeugung&nbsp;…«</p>
-
-<p>In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer
-der im Weinkühler stehenden Flaschen und Gryczinski, rasch
-den Vorteil erspähend, den er aus diesem Zwischenfalle ziehen
-konnte, brach inmitten des Satzes ab und sagte nur, während
-er, unter leiser Verbeugung, seines Schwagers Glas füllte:
-»Friede sei ihr erst Geläute!«</p>
-
-<p>Solchem Appell zu widerstehen, war Van der Straaten der
-letzte. »Mein lieber Gryczinski,« hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität
-an, »wir verstehen uns, wir haben uns immer verstanden.
-Gib mir deine Hand. Lacrymae Christi, Friedrich. Rasch.
-Das Beste daran ist freilich der Name. Aber er hat ihn nun
-mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine dies, der andre das.«</p>
-
-<p>»Allerdings,« lachte Gabler.</p>
-
-<p>»Ach Arnold, du überschätzt das. Glaube mir, der Selige<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-hatte recht. Gold ist nur Schimäre. Und Elimar würd' es mir
-bestätigen, wenn es nicht ein Satz aus einer überwundenen
-Oper wäre. Ich muß sagen, leider überwunden. Denn ich
-liebe Nonnen, die tanzen. Aber da kommt die Flasche. Laß
-nur Staub und Spinnweb. Sie muß in ihrer ganzen unabgeputzten
-Heiligkeit verbleiben. Lacrymae Christi. Wie das
-klingt!«</p>
-
-<p>Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens
-wiederzukehren, und als Van der Straaten fortfuhr, in
-wahren Ungeheuerlichkeiten über Christustränen, Erlöserblut
-und Versöhnungswein zu sprechen, durfte Melanie schließlich die
-Bemerkung wagen: »Du vergißt, Ezel, daß der Polizeirat
-katholisch ist.«</p>
-
-<p>»Ich bitte recht sehr,« sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem
-ertappt worden wäre.</p>
-
-<p>Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, daß ein
-vierzig Jahre lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles
-konfessionelle Plus oder Minus hinaus entscheidend sein und
-vor dem Richterstuhle der Ewigkeit angerechnet werden müsse.
-Und als bald darauf die Gläser abermals gefüllt und geleert
-worden waren, rückte Melanie den Stuhl, und man erhob sich,
-um im Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap6">6<br />
-Auf dem Heimwege</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war
-bereits gegen zehn, als der Diener meldete, daß der
-Wagen vorgefahren sei. Diese Meldung galt dem Gryczinskischen
-Paare, das, an den Dinertagen, seine Heimfahrt in der<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-ihm bei dieser Gelegenheit ein für allemal zur Verfügung gestellten
-kommerzienrätlichen Equipage zu machen pflegte.
-Mäntel und Hüte wurden gebracht, und die schöne Jakobine,
-Hals und Kopf in ein weißes Filettuch gehüllt, stand alsbald
-in der Mitte des Kreises und wartete lachend und geduldig auf
-die beiden Maler, denen Gryczinski noch im letzten Augenblicke
-die Mitfahrt angeboten hatte. Das Parlamentieren darüber
-wollte kein Ende nehmen, und erst als man unten am Wagenschlage
-stand, entschied sich's und Gabler placierte sich nunmehr
-ohne weiteres auf den Rücksitz, während Elimar mit einem
-kräftigen Turnerschwunge seinen Platz auf dem Bocke nahm,
-angeblich aus Rücksicht gegen die Wageninsassen, in Wahrheit
-aus eigener Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte sich nämlich
-nach einem Gespräche mit dem Kutscher.</p>
-
-<p>Dieser, auch noch ein Erbstück aus des alten Van der
-Straaten Zeiten her, führte den unkutscherlichen Namen Emil,
-der jedoch seit lange seinen Verhältnissen angepaßt und in
-ein plattdeutsches »Ehm« abgekürzt worden war. Mit um
-so größerem Recht, als er wirklich in Fritz Reuterschen Gegenden
-das Licht der Welt erblickt und sich bis diesen Tag,
-neben seinem Berliner Jargon, einen Rest heimatlicher
-Sprache konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten,
-nahm gleich im ersten Momente des Zurechtrückens ein
-mehrklappiges Lederfutteral heraus, steckte dem Alten eine
-der obenaufliegenden Zigarren zu und sagte vertraulich:
-»Für'n Rückweg, Ehm.«</p>
-
-<p>Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut
-und damit waren die Präliminarien geschlossen.</p>
-
-<p>Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte
-vorüber kamen und in eine der schlechtgepflasterten<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Seitenstraßen einbogen, hielt Elimar den ersehnten Zeitpunkt
-für gekommen und sagte:</p>
-
-<p>»Ist denn der neue Herr schon da?«</p>
-
-<p>»Der Frankfurtsche? Ne, noch nich, Herr Schulze.«</p>
-
-<p>»Na, dann muß er aber doch bald&nbsp;…«</p>
-
-<p>»I, woll. Bald muß er. Ich denke, so nächste Woche. Un
-de Stuben sind ooch all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't
-en Prinz wär', erst der Herr un nu ooch de Jnädge. Un Christel
-meent, he sall man en Jüdscher sinn.«</p>
-
-<p>»Aber reich. Und Offizier. Das heißt bei der Landwehr
-oder so.«</p>
-
-<p>»Is et möglich?«</p>
-
-<p>»Und er soll auch singen.«</p>
-
-<p>»Ja, singen wird er woll.«</p>
-
-<p>Elimar war eitel genug, an dieser letzteren Äußerung Anstoß
-zu nehmen, und da sich's gerade traf, daß in eben diesem Augenblicke
-der Wagen aus dem Wallstraßenportal auf den abendlich-stillen
-Opernplatz einbog, so gab er das Gespräch um so lieber
-auf, als er nicht wollte, daß dasselbe von den Insassen des
-Wagens verstanden würde.</p>
-
-<p>Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt
-worden, nicht aus Verstimmung, sondern nur aus Rücksicht
-gegen die junge Frau, die, herzlich froh über den zur Hälfte
-freigebliebenen Rücksitz, ihre kleinen Füße gegen das Polsterkissen
-gestemmt und sich bequem in den Fond des Wagens
-zurückgelehnt hatte. Sie war gleich beim Einsteigen ersichtlich
-müde gewesen, hatte, wie zur Entschuldigung, etwas von
-Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei
-höher gezogen und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen
-dem Palais und dem Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-sie sich wieder auf, weil sie jenen Allerloyalsten zugehörte, die
-sich schon beglückt fühlen, einen bloßen Schattenriß an dem
-herabgelassenen Vorhange des Eckfensters gesehn zu haben. Und
-wirklich, sie sah ihn und gab in ihrer reizenden, halb kindlich,
-halb koketten Weise, der Freude darüber Ausdruck.</p>
-
-<p>Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen
-am Brandenburger Tore hielt. Im Nu waren beide Maler,
-deren Weg hier abzweigte, von ihren Plätzen herunter und
-empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen Paare, das nun
-seinerseits durch die breite Schrägallee auf das Siegesdenkmal
-und die dahinter gelegene Alsenstraße zufuhr.</p>
-
-<p>Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten
-Platze waren, schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an
-ihren Gatten und sagte: »War das ein Tag, Otto. Ich habe
-dich bewundert.«</p>
-
-<p>»Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm.
-Er ist ein altes Kind.«</p>
-
-<p>»Und Melanie! … Glaube mir, sie fühlt es. Und sie tut
-mir leid. Du lächelst so. Dir nicht?«</p>
-
-<p>»Ja und nein, <em class="antiqua">ma chère</em>. Man hat eben nichts umsonst
-in der Welt. Sie hat eine Villa und eine Bildergalerie&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aus der sie sich nichts macht. Du weißt ja, wie wenig sie
-daran hängt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und hat zwei reizende Kinder&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Um die ich sie fast beneide.«</p>
-
-<p>»Nun, siehst du,« lachte der Major. »Ein jeder hat die
-Kunst zu lernen, sich zu bescheiden und einzuschränken. Wär'
-ich mein Schwager, so würd' ich sagen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber sie schloß ihm den Mund mit einem Kuß, und im
-nächsten Augenblicke hielt der Wagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Die beiden Räte, der Legations- und der Polizeirat, waren
-an der Ecke des Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um
-bis an das Potsdamer Tor zu fahren. Von hier aus wollten
-sie den Rest des Weges, um der frischen Abendluft willen, zu
-Fuß machen. In Wahrheit aber hielten sie bloß zu dem Satze,
-»daß man im Kleinen sparen müsse, um sich im Großen legitimieren
-zu können,« wobei leider nur zu bedauern blieb, daß
-ihnen die »großen Gelegenheiten« entweder nie gekommen,
-oder regelmäßig von ihnen versäumt worden waren.</p>
-
-<p>Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort
-gewechselt worden, und erst beim Aussteigen hatte, bei der nun
-nötig werdenden Division von 2 in 6, ein Gespräch begonnen,
-das alle Parteien zufriedengestellt zu haben schien. Nur nicht
-den Kutscher. Beide Räte hüteten sich deshalb auch, sich nach
-dem letzteren umzusehen, vor allem Duquede, der, außerdem
-noch ein abgeschworener Feind aller Platzübergänge mit Eisenbahnschienen
-und Pferdebahngeklingel, überhaupt erst wieder
-in Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende Bellevuestraße
-glücklich erreicht hatte.</p>
-
-<p>Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke
-Seite des Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt:</p>
-
-<p>»Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute.
-Finden Sie nicht? Und ehrlich gestanden, ich begreif' ihn nicht.
-Er ist doch nun fünfzig und darüber und sollte sich die Hörner
-abgelaufen haben. Aber er ist und bleibt ein Durchgänger.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Duquede, der einen Augenblick still stand, um
-Atem zu schöpfen, »etwas Durchgängerisches hat er. Aber,
-lieber Freund, warum soll er es nicht haben? Ich taxier' ihn
-auf eine Million, seine Bilder ungerechnet, und ich sehe nicht
-ein, warum einer in seinem eigenen Haus und an seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-eigenen Tisch nicht sprechen soll, wie ihm der Schnabel gewachsen
-ist. Ich bekenn' Ihnen offen, Reiff, ich freue mich
-immer, wenn er mal so zwischenfährt. Der Alte war auch so,
-nur viel schlimmer, und es hieß schon damals, vor vierzig
-Jahren: »Es sei doch ein sonderbares Haus und man könne
-eigentlich nicht hingehen.« Aber uneigentlich ging alles hin.
-Und so war es, und so ist es geblieben.«</p>
-
-<p>»Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.«</p>
-
-<p>»Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung
-und Erziehung. Das sind so zwei ganz moderne Wörter, die
-der »Große Mann« aufgebracht haben könnte, so sehr hass' ich
-sie. Bildung und Erziehung. Erstlich ist es in der Regel nicht
-viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist es auch noch
-nichts. Glauben Sie mir, es wird überschätzt. Und kommt auch
-nur bei uns vor. Und warum? Weil wir nichts Besseres
-haben. Wer gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber so viel
-hat, wie Van der Straaten, der braucht all die Dummheiten
-nicht. Er hat einen guten Verstand und einen guten Witz, und
-was noch mehr sagen will, einen guten Kredit. Bildung,
-Bildung. Es ist zum Lachen.«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja,
-wenn es geblieben wäre, wie früher. Junggesellenwirtschaft.
-Aber nun hat er die junge Frau geheiratet, jung und schön
-und klug&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht
-soweit her, wie Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, französische
-Schweiz, und an allem Fremden verkucken sich die Berliner.
-Das ist wie Amen in der Kirche. Sie hat so ein bißchen Genfer
-Schick. Aber was will das am Ende sagen. Alles was die Genfer
-haben, ist doch auch bloß aus zweiter Hand. Und nun gar<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-klug. Ich bitte Sie, was heißt klug? Er ist viel klüger. Oder
-glauben Sie, daß es auf 'ne französische Vokabel ankommt?
-oder auf den Erlkönig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche
-Manierchen und weiß sich unter Umständen ein Air zu geben.
-Aber es ist nicht viel dahinter, alles Firlefanz, und wird kolossal
-überschätzt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« wiederholte der
-Polizeirat. »Und dann ist sie doch schließlich von Familie.«</p>
-
-<p>Duquede lachte. »Nein, Reiff, <em class="gesperrt">das</em> ist sie nun schließlich
-nicht. Und ich sag' Ihnen, da haben wir den Punkt, auf dem
-ich keinen Spaß verstehe. Caparoux. Es klingt nach was.
-Zugestanden. Aber was heißt es denn am Ende? Rotkapp
-oder Rotkäppchen. Das ist ein Märchenname, aber kein Adelsname.
-Ich habe mich darum gekümmert und nachgeschlagen.
-Und im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de Caparoux.«</p>
-
-<p>»Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten
-Stolz und wird sich doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen
-lassen wollen.«</p>
-
-<p>»Ich kenn' ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir
-einfach, er ist ein Generalstäbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft,
-und glauben Sie mir, Reiff, ich weiß warum. Unsere
-Generalstäbler werden überschätzt, kolossal überschätzt.«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« ließ sich der
-Polizeirat ein drittes Mal vernehmen. »Bedenken Sie bloß,
-was Stoffel gesagt hat. Und nachher kam es auch so. Aber
-ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie liebenswürdig benahm
-er sich heute wieder! Wie liebenswürdig und wie vornehm.«</p>
-
-<p>»Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was
-vornehm ist. Und ich sag' Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders.<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Vornehm! Ein Schlaukopf ist er und weiter nichts. Oder
-glauben Sie, daß er die kleine Rotblondine mit den ewigen
-Schmachtaugen geheiratet hat, weil sie Caparoux hieß, oder
-meinetwegen auch de Caparoux? Er hat sie geheiratet, weil
-sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du himmlischer Vater,
-daß ich einem Polizeirat solche Lektion halten muß.«</p>
-
-<p>Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen
-Seite hin lagen, las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis
-zwischen dem Major und Melanie heraus und sah
-den langen hageren Duquede von der Seite her betroffen an.</p>
-
-<p>Dieser aber lachte und sagte: »Nicht <em class="gesperrt">so</em>, Reiff, nicht <em class="gesperrt">so</em>;
-Karrieremacher sind immer nur Courmacher. Nichts weiter.
-Es gibt heutzutage Personen (und auch <em class="gesperrt">das</em> verdanken wir
-unsrem großen Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute
-fallen läßt oder beiseite schiebt), es gibt, sag' ich, heutzutage
-Personen, denen alles bloß Mittel zum Zweck ist. Auch die
-Liebe. Und zu diesen Personen gehört auch unser Freund,
-der Major. Ich hätte nicht sagen sollen, er hat die Kleine geheiratet,
-weil sie die Schwester ihrer Schwester ist, sondern
-weil sie die Schwägerin ihres Schwagers ist. Er <em class="gesperrt">braucht</em>
-diesen Schwager, und ich sag' Ihnen, Reiff, denn ich kenne
-den Ton und die Strömung oben, es gibt weniges, was nach
-oben hin <em class="gesperrt">so</em> empfiehlt, wie das. Ein Schwager-Kommerzienrat
-ist nicht viel weniger wert, als ein Schwiegervater-Kommerzienrat
-und rangiert wenigstens gleich dahinter. Unter allen Umständen
-aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds, auf
-die jeden Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer
-Deckung da.«</p>
-
-<p>»Sie wollen also sagen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich will gar nichts sagen, Reiff … Ich meine nur so.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Und damit waren sie bis an die Bendlerstraße gekommen,
-wo beide sich trennten. Reiff ging auf die Von der Heydt-Brücke
-zu, während Duquede seinen Weg in gerader Richtung
-fortsetzte.</p>
-
-<p>Er wohnte dicht an der Hofjägerallee, sehr hoch, aber in
-einem sehr vornehmen Hause.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap7">7<br />
-Ebenezer Rubehn</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wenige Tage später hatte Melanie das Stadthaus verlassen
-und die Tiergartenvilla bezogen. Van der Straaten
-selbst machte diesen Umzug nicht mit und war, so sehr er die
-Villa liebte, doch immer erst vom September an andauernd
-draußen. Und auch das nur, weil er ein noch leidenschaftlicherer
-Obstzüchter als Bildersammler war. Bis dahin erschien er nur
-jeden dritten Tag als Gast und versicherte dabei jedem, der
-es hören wollte, daß dies die stundenweis ihm nachgezahlten
-Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie hütete sich wohl, zu
-widersprechen, war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst, und
-genoß in den zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit.
-Und dieses Glück war um vieles größer, als man, ihrer Stellung
-nach, die so dominierend und so frei schien, hätte glauben sollen.
-Denn sie dominierte nur, weil sie sich zu zwingen verstand;
-aber dieses Zwanges los und ledig zu sein, blieb doch ihr
-Wunsch, ihr beständiges, stilles Verlangen. Und das erfüllten
-ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen Liebesbeweisen
-und seinen Ungeniertheiten, nicht immer, aber doch
-meist, und das Bewußtsein davon gab ihr ein unendliches
-Wohlgefühl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden
-und beinah ungestörten Stilleben, dessen sie draußen
-genoß. Wohl liebte sie Stadt und Gesellschaft und den Ton
-der großen Welt, aber wenn die Schwalben wieder zwitscherten
-und der Flieder wieder zu knospen begann, da zog sie's doch
-in die Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum kaum eine Einsamkeit
-war, denn neben der Natur, deren Sprache sie wohl verstand,
-hatte sie Bücher und Musik, und &ndash; die Kinder. Die
-Kinder, die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und
-an deren Aufwachsen und Lernen sie draußen in der Villa den
-regsten Anteil nahm. Ja, sie half selber nach, in den Sprachen,
-vor allem im Französischen, und durchblätterte mit ihnen Atlas
-und historische Bilderbücher. Und an alles knüpfte sie Geschichten,
-die sie dem Gedächtnis der Kinder einzuprägen wußte.
-Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem, worüber
-sie sprach, ein klares und anschauliches Bild zu geben.</p>
-
-<p>Es waren glückliche stille Tage.</p>
-
-<p>Möglich dennoch, daß es zu stille Tage gewesen wären,
-wenn das tiefste Bedürfnis der Frauennatur: das Plauderbedürfnis,
-unbefriedigt geblieben wäre. Aber dafür war gesorgt.
-Wie fast alle reichen Häuser, hatten auch die Van der
-Straatens einen Anhang ganz alter und halb alter Damen,
-die zu Weihnachten beschenkt und im Laufe des Jahres zu
-Kaffees und Landpartien eingeladen wurden. Es waren ihrer
-sieben oder acht, unter denen jedoch zwei durch eine besonders
-intime Stellung hervorragten, und zwar das kleine verwachsene
-Fräulein Friederike von Sawatzki und das stattlich hochaufgeschossene
-Klavier- und Singefräulein: Anastasia Schmidt.
-Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch,
-daß sie jeden zweiten Osterfeiertag durch Van der Straaten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-in Person befragt wurden, ob sie sich entschließen könnten,
-seiner Frau während der Sommermonate draußen in der
-Villa Gesellschaft zu leisten, eine Frage, die jedesmal mit einer
-Verbeugung und einem freundlichen »ja« beantwortet wurde.
-Aber doch nicht <em class="gesperrt">zu</em> freundlich, denn man wollte nicht verraten,
-daß die Frage erwartet war.</p>
-
-<p>Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkömmlich,
-als <em class="antiqua">Dames d'honneur</em> installiert worden, hatten den
-Umzug mitgemacht, und erschienen jeden Morgen auf der
-Veranda, um gegen neun Uhr mit den Kindern das erste und
-um zwölf mit Melanie das zweite Frühstück zu nehmen.</p>
-
-<p>Auch heute wieder.</p>
-
-<p>Es mochte schon gegen eins sein und das Frühstück war
-beendet. Aber der Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug,
-der ging und sich verstärkte, weil alle Türen und Fenster
-offen standen, bewegte das rotgemusterte Tischtuch und von
-dem am andern Ende des Korridors gelegenen Musikzimmer
-her hörte man ein Stück der Cramerschen Klavierschule, dessen
-mangelhaften Takt in Ordnung zu bringen Fräulein Anastasia
-Schmidt sich anstrengte. »Eins zwei, eins zwei.« Aber niemand
-achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben
-Fräulein Riekchen, wie man sie gewöhnlich hieß, in einem
-Gartenstuhle saß und dann und wann von ihrer Handarbeit
-aufsah, um das reizende Parkbild unmittelbar um sie her,
-trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte, auf sich wirken
-zu lassen.</p>
-
-<p>Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage.
-Denn von hundert Gästen, die kamen, begnügten sich neunundneunzig
-damit, den Park von hier aus zu betrachten und
-zu beurteilen. Am Ende des Hauptganges, zwischen den eben<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-ergrünenden Bäumen hin, sah man das Zittern und Flimmern
-des vorüberziehenden Stromes, aus der Mitte der überall eingestreuten
-Rasenflächen aber erhoben sich Aloen und Bosketts
-und Glaskugeln und Bassins. Eines der kleineren plätscherte,
-während auf der Einfassung des großen ein Pfauhahn
-saß und die Mittagsonne mit seinem Gefieder einzusaugen schien.
-Tauben und Perlhühner waren bis in unmittelbare Nähe
-der Veranda gekommen, von der aus Riekchen ihnen eben
-Krumen streute.</p>
-
-<p>»Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz,« sagte Melanie.
-»Und wir werden einen Krieg mit Van der Straaten haben.«</p>
-
-<p>»Ich fecht' ihn schon aus,« entgegnete die Kleine.</p>
-
-<p>»Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich,
-Riekchen, ich könnte <em class="antiqua">jaloux</em> werden, so sehr bevorzugt er dich.
-Ich glaube, du bist der einzige Mensch, der ihm alles sagen
-darf, und soviel ich weiß, ist er noch nie heftig gegen dich geworden.
-Ob ihm dein alter Adel imponiert? Sage mir deinen
-vollen Namen und Titel. Ich hör' es so gern und vergeß' es
-immer wieder.«</p>
-
-<p>»Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler
-von der Hölle, Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in
-der Uckermark.«</p>
-
-<p>»Wunderschön,« sagte Melanie. »Wenn ich doch so heißen
-könnte! Und du kannst es glauben, Riekchen, das ist es, was
-einen Eindruck auf ihn macht.«</p>
-
-<p>Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen
-auch so beantwortet worden. Jetzt aber rückte diese den
-Stuhl näher an Melanie heran, nahm die Hand der jungen
-Frau und sagte: »Eigentlich sollt' ich böse sein, daß du deinen
-Spott mit mir hast. Aber wer könnte dir böse sein?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>»Ich spotte nicht,« entgegnete Melanie. »Du mußt doch
-selber finden, daß er dich artiger und rücksichtsvoller behandelt
-als jeden andren Menschen.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte jetzt das arme Fräulein und ihre Stimme
-zitterte vor Bewegung. »Er behandelt mich gut, weil er ein
-gutes Herz hat, ein viel besseres, als mancher denkt und vielleicht
-auch als du selber denkst. Und er ist auch gar nicht so rücksichtslos.
-Er kann nur nicht leiden, daß man ihn stört oder herausfordert,
-ich meine solche, die's eigentlich nicht sollten oder
-dürften. Sieh, Kind, dann beherrscht er sich nicht länger, aber
-nicht weil er's nicht könnte, nein, weil er nicht <em class="gesperrt">will</em>. Und er
-braucht es auch nicht zu wollen. Und wenn man gerecht sein
-will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich, und alle
-reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten Seite
-kennen. Alles überstürzt sich, erst in Dienstfertigkeit und hinterher
-in Undank. Und Undank ernten, ist eine schlechte Schule
-für Zartheit und Liebe. Und deshalb glauben die Reichen
-an nichts Edles und Aufrichtiges in der Welt. Aber das
-sag' ich dir und muß ich dir immer wieder sagen, dein Van
-der Straaten ist besser, als mancher denkt und als du selber
-denkst.«</p>
-
-<p>Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit,
-dann nickte Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und
-sagte: »Sprich nur weiter. Ich höre dich gerne so.«</p>
-
-<p>»Und ich will auch,« sagte diese. »Sieh, ich habe dir schon
-gesagt, er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber
-das ist es noch nicht alles. Er ist auch so freundlich gegen mich,
-weil er mitleidig ist. Und mitleidig sein, ist noch viel mehr als
-bloß gütig sein und ist eigentlich das Beste, was die Menschen
-haben. Er lacht <em class="gesperrt">auch</em> immer, wenn er meinen langen Namen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-hört, geradeso wie du, aber ich hab' es gern, ihn so lachen zu
-hören, denn ich höre wohl heraus, was er dabei denkt und
-fühlt.«</p>
-
-<p>»Und was fühlt er denn?«</p>
-
-<p>»Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines
-Namens und dem, was ich bin: arm und alt und einsam, und ein
-bloßes Figürchen. Und wenn ich sage Figürchen, so beschönige
-ich noch und schmeichle noch mir selbst.«</p>
-
-<p>Melanie hatte das Battisttuch ans Auge gedrückt und sagte:
-»Du hast recht. Du hast immer recht. Aber wo nur Anastasia
-bleibt, die Stunde nimmt ja gar kein Ende. Sie quält mir
-die Liddi viel zu sehr, und das Ende vom Lied ist, daß sie dem
-Kind einen Widerwillen beibringt. Und dann ist es vorbei.
-Denn ohne Lieb' und ohne Lust ist nichts in der Welt. Auch
-nicht einmal in der Musik … Aber da kommt ja Teichgräber
-und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin außer mir. Hätte
-viel lieber noch mit dir weiter geplaudert.«</p>
-
-<p>In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter, der
-sich vergeblich nach einem von der Hausdienerschaft umgesehen
-hatte, bis an die Veranda herangetreten und überreichte eine
-Karte.</p>
-
-<p>Melanie las: »Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn
-und Söhne) Leutnant in der Reserve des 5. Dragoner-Regiments&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ah, sehr willkommen … Ich lasse bitten …« Und
-während sich der Alte wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das
-kleine Fräulein in übermütiger Laune fort: »Auch wieder einer.
-Und noch dazu aus der Reserve! Mir widerwärtig, dieser ewige
-Leutnant. Es gibt gar keine Menschen mehr.«</p>
-
-<p>Und sehr wahrscheinlich, daß sie diese Betrachtungen fortgesetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-hätte, wenn nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar
-geworden wäre, das über das rasche Näherkommen des Besuchs
-keinen Zweifel ließ. Und wirklich, im nächsten Augenblicke
-stand der Angemeldete vor der Veranda und verneigte
-sich gegen beide Damen.</p>
-
-<p>Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen.
-»Ich freue mich, Sie zu sehen. Erlauben
-Sie mir, Sie zunächst mit meiner lieben Freundin und Hausgenossin
-bekannt machen zu dürfen … Herr Ebenezer Rubehn,
-… Fräulein Friederike von Sawatzki!«</p>
-
-<p>Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns
-Zügen, das, wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch
-dem kleinen verwachsenen Fräulein, als ihr selber galt. Ebenezer
-war indessen Weltmann genug, um seines Erstaunens
-rasch wieder Herr zu werden, und sich ein zweites Mal gegen
-die Freundin hin verneigend, bat er um Entschuldigung,
-seinen Besuch auf der Villa bis heute hinausgeschoben zu
-haben.</p>
-
-<p>Melanie ging leicht darüber hin, ihrerseits bittend, die Gemütlichkeit
-dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines
-unabgeräumten Frühstückstisches entschuldigen zu wollen.
-»<em class="antiqua">Mais à la guerre, comme à la guerre</em>, eine kriegerische Wendung,
-an die mir's im übrigen ferne liegt, ernsthafte Kriegsgespräche
-knüpfen zu wollen.«</p>
-
-<p>»Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert
-haben möchten,« lachte Rubehn. »Aber fürchten Sie
-nichts. Ich weiß, daß sich Damen für das Kapitel Krieg nur
-so lange begeistern, als es Verwundete zu pflegen gibt. Von
-dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das Lazarett verläßt,
-ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen in allem<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der Welt,
-immer wieder eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem
-Wert und noch zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen,
-aber es ist das Schönste, was es gibt, zu helfen und zu heilen.«</p>
-
-<p>Melanie hatte, während er sprach, ihre Handarbeit in den
-Schoß gelegt und ihn fest und freundlich angesehen. »Ei, das
-lob' ich und hör' ich gern. Aber wer mit so warmer Empfindung
-von dem Hospitaldienst und dem Helfen und Heilen, das uns
-so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der hat diese Wohltat
-wohl an sich selbst erfahren. Und so plaudern Sie mir denn
-wider Willen, nach fünf Minuten schon, Ihre Geheimnisse aus.
-Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie würden scheitern
-damit, und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen,
-so werden Sie natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen:
-unseren Eigensinn und unser Rätselraten. Wir erraten alles&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und immer richtig?«</p>
-
-<p>»Nicht immer, aber meist. Und nun erzählen Sie mir,
-wie Sie Berlin finden, unsere gute Stadt, und unser Haus,
-und ob Sie das Zutrauen zu sich haben, in Ihrem Hofkerker,
-dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe fehlen, nicht melancholisch
-zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres. Und wo
-nichts ist, hat, wie das Sprichwort sagt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O, Sie beschämen mich, meine gnädigste Frau. Jetzt erst,
-nach meinem Eintreffen, weiß ich, wie groß das Opfer ist, das
-Sie mir gebracht haben. Und ich darf füglich sagen, daß ich
-bei besserer Kenntnis&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem
-Hause hin, aus dem eben (die Musikstunde hatte schon vorher
-geschlossen) ein virtuoses und in jeder feinsten Nüancierung
-erkennbares Spiel bis auf die Veranda herausklang. Es war<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-»Wotans Abschied« und Rubehn erschien so hingerissen, daß es
-ihm Anstrengung kostete, sich loszumachen und das Gespräch
-wieder aufzunehmen. Endlich aber fand er sich zurück und
-sagte, während er sich abermals gegen Riekchen verneigte:
-»Pardon, meine Gnädigste. Hatt' ich recht gehört? Fräulein
-von Sawatzki?«</p>
-
-<p>Das Fräulein nickte.</p>
-
-<p>»Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen
-Sommer über in Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar
-nach dem Kriege. Ein liebenswürdiger, junger Kavalier.
-Vielleicht ein Anverwandter&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Ein Vetter,« sagte Fräulein Riekchen. »Es gibt nur
-wenige meines Namens und wir sind alle verwandt. Ich
-freue mich, aus Ihrem Munde von ihm zu hören. Er wurde
-noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet, fast am letzten
-Tage. Bei Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange nicht
-von ihm gehört. Hat er sich erholt?«</p>
-
-<p>»Ich glaube sagen zu dürfen, vollkommen. Er tut wieder
-Dienst im Regiment, wovon ich mich, ganz neuerdings erst,
-durch einen glücklichen Zufall überzeugen konnte … Aber,
-mein gnädigstes Fräulein, wir werden unser Thema fallen
-lassen müssen. Die gnädige Frau lächelt bereits und bewundert
-die Geschicklichkeit, mit der ich, unter Heranziehung Ihres
-Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all seine Konsequenzen
-einzumünden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber
-dem wundervollen Spiele zuzuhören, das … O, wie schade;
-jetzt bricht es ab&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er schwieg, und erst als es drinnen still blieb, fuhr er in
-einer ihm sonst fremden, aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen
-Emphase fort: »O, meine gnädigste Frau, welch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Zaubergarten, in dem Sie leben. Ein Pfau, der sich sonnt,
-und Tauben, so zahm und so zahllos, als wäre diese Veranda
-der Markusplatz oder die Insel Cypern in Person! Und dieser
-plätschernde Strahl, und nun gar dieses Lied … In der Tat,
-wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall unstatthaft und zudringlich
-sein könnte&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben
-Schritte hörbar geworden und Melanie sagte mit einer halben
-Wendung: »Ah, Anastasia! Du kommst gerade zu guter Zeit,
-um den Dank und die Bewunderung unseres lieben Gastes
-und neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu
-nehmen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit einander bekannt
-mache: Herr Ebenezer Rubehn, Fräulein Anastasia Schmidt …
-Und hier meine Tochter Lydia,« setzte Melanie hinzu, nach dem
-schönen Kinde hinzeigend, das, auf der Türschwelle, neben dem
-Musikfräulein stehen geblieben war und den Fremden ernst und
-beinah feindselig musterte.</p>
-
-<p>Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und
-so wandt' er sich ohne weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand
-Schmeichelhaftes über ihr Spiel und die Richtung ihres
-Geschmackes zu sagen.</p>
-
-<p>Diese verbeugte sich, während Melanie, der kein Wort entgangen
-war, aufs lebhafteste fortfuhr: »Ei, da dürfen wir Sie,
-wenn ich recht verstanden habe, wohl gar zu den Unseren
-zählen? Anastasia, das träfe sich gut! Sie müssen nämlich
-wissen, Herr Rubehn, daß wir hier in zwei Lagern stehen und
-daß sich das Van der Straatensche Haus, das nun auch das
-Ihrige sein wird, in bilderschwärmende Montecchi und musikschwärmende
-Capuletti teilt. Ich, <em class="antiqua">tout à fait</em> Capulet und
-Julia. Doch mit untragischem Ausgang. Und ich füge zum<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Überfluß hinzu, daß wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde
-zugehören, deren Namen und Mittelpunkt ich Ihnen
-nicht zu nennen brauche. Nur eines will ich auf der Stelle
-wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches Neugiersrecht.
-Welcher seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten Preis zu?
-Worin erscheint er Ihnen am bedeutendsten oder doch am eigenartigsten?«</p>
-
-<p>»In den Meistersingern.«</p>
-
-<p>»Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nächster
-Gelegenheit können wir Van der Straaten und Gabler, und vor
-allem den langen und langweiligen Legationsrat in die Luft
-sprengen. Den langen Duquede. O, der steigt wie ein Raketenstock.
-Nicht wahr, Anastasia?«</p>
-
-<p>Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die
-durch die ganze Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt
-war, fuhr in wachsendem Eifer fort: »Alles das sind erst Namen.
-Eine Woche noch oder zwei und Sie werden unsere kleine Welt
-kennen gelernt haben. Ich wünsche, daß Sie die Gelegenheit
-dazu nicht hinausschieben. Unsere Veranda hat für heute die
-Repräsentation des Hauses übernehmen müssen. Erinnern Sie
-sich, daß wir auch einen Flügel haben und versuchen Sie bald
-und oft, ob er Ihnen paßt. <em class="antiqua">Au revoir.</em>«</p>
-
-<p>Er küßte der schönen Frau die Hand und unter gemessener
-Verbeugung gegen Riekchen und Anastasia verließ er die Damen.
-Über Lydia sah er fort.</p>
-
-<p>Aber diese nicht über ihn.</p>
-
-<p>»Du siehst ihm nach,« sagte Melanie. »Hat er dir gefallen?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück und in
-ihrem großen Auge stand eine Träne.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap8">8<br />
-Auf der Stralauer Wiese</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen,
-und der günstige Eindruck, den er auf die
-Damen gemacht hatte, war im Steigen geblieben, wie das
-Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er in Gesellschaft
-Van der Straatens, der seinerseits an der allgemeinen
-Vorliebe für den neuen Hausgenossen teilnahm, und nie vergaß,
-ihm einen Platz anzubieten, wenn er selber in seinem hochrädrigen
-Kabriolett hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand
-in jenen Wochen über der Villa, drin es mehr Lachen und
-Plaudern, mehr Medisieren und Musizieren gab, als seit lange.
-Mit dem Musizieren vermochte sich Van der Straaten freilich
-auch jetzt nicht auszusöhnen, und es fehlte nicht an Wünschen
-wie der, »mit von der Schiffsmannschaft des fliegenden Holländers
-zu sein,« aber im Grunde genommen war er mit dem
-»anspruchsvollen Lärm« um vieles zufriedener, als er einräumen
-wollte, weil der von nun an in eine neue, gesteigerte Phase
-tretende Wagner-Kultus ihm einen unerschöpflichen Stoff für
-seine Lieblingsformen der Unterhaltung bot. Siegfried und
-Brünhilde, Tristan und Isolde, welche dankbaren Tummelfelder!
-Und es konnte, wenn er in Veranlassung dieser Themata
-seinem Renner die Zügel schießen ließ, mitunter zweifelhaft erscheinen,
-ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein
-Übermut die Glücklicheren waren.</p>
-
-<p>Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber,
-als an einem wundervollen Augustnachmittage Van der Straaten
-den Vorschlag einer Land- und Wasserpartie machte. »Rubehn
-ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt und hat nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-gesehen, als was zwischen unserem Kontor und dieser unserer
-Villa liegt. Er muß aber endlich unsere landschaftlichen Schätze,
-will sagen unsere Wasserflächen und Stromufer kennen lernen,
-erhabene Wunder der Natur, neben denen die ganze heraufgepuffte
-Main- und Rheinherrlichkeit verschwindet. Also
-Treptow und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen
-haben wir den Stralauer Fischzug, der an und für sich zwar
-ein liebliches Fest der Maien, im übrigen aber etwas derb und
-nicht allzu günstig für Wiesewachs und frischen Rasen ist. Und
-so proponier' ich denn eine Fahrt auf morgen nachmittag. Angenommen?«</p>
-
-<p>Ein wahrer Jubel begleitete den Schluß der Ansprache,
-Melanie sprang auf, um ihm einen Kuß zu geben, und Fräulein
-Riekchen erzählte, daß es nun gerade dreiunddreißig Jahre sei,
-seit sie zum letztenmal in Treptow gewesen, an einem großen
-Dobremontschen Feuerwerkstage, &ndash; derselbe Dobremont, der
-nachher mit seinem ganzen Laboratorium in die Luft geflogen.
-»Und in die Luft geflogen warum? Weil die Leute, die mit
-dem Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer die Gefahr
-vergessen. Ja, Melanie, du lachst. Aber, es ist so, immer die
-Gefahr vergessen.«</p>
-
-<p>Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten,
-und man kam überein, am anderen Tage zu Mittag
-in die Stadt zu fahren, daselbst ein kleines Gabelfrühstück einzunehmen
-und gleich danach die Partie beginnen zu lassen:
-die drei Damen im Wagen, Van der Straaten und Rubehn
-entweder zu Fuß oder zu Schiff. Alles regelte sich rasch und nur
-die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien auf kleine Schwierigkeiten
-stoßen zu sollen.</p>
-
-<p>»Gryczinskis?« fragte Van der Straaten und war zufrieden,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-als alles schwieg. Denn so sehr er an der rotblonden
-Schwägerin hing, in der er, um ihres anschmiegenden Wesens
-willen, ein kleines Frauenideal verehrte, so wenig lag ihm an
-dem Major, dessen superiore Haltung ihn bedrückte.</p>
-
-<p>»Nun denn, Duquede?« fuhr Van der Straaten fort und
-hielt das Krayon an die Lippe, mit dem er eventuell den Namen
-des Legationsrates notieren wollte.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Melanie. »Duquede nicht. Und so verhaßt
-mir der ewige Vergleich vom ›Mehltau‹ ist, so gibt es doch für
-Duquede keinen andern. Er würde von Stralow aus beweisen,
-daß Treptow, und von Treptow aus beweisen, daß Stralow
-überschätzt werde, und zu Feststellung dieses Satzes brauchen
-wir weder einen Legationsrat a. D., noch einen Altmärkischen
-von Adel.«</p>
-
-<p>»Gut, ich bin es zufrieden,« erwiderte Van der Straaten.
-»Aber Reiff?«</p>
-
-<p>»Ja, Reiff,« hieß es erfreut. Alle drei Damen klatschten
-in die Hände und Melanie setzte hinzu: »Er ist artig und manierlich
-und kein Spielverderber und trägt einem die Sachen. Und
-dann, weil ihn alle kennen, ist es immer, als führe man unter
-Eskorte, und alles grüßt so verbindlich, und mitunter ist es mir
-schon gewesen, als ob die Brandenburger Torwache ›heraus‹
-rufen müsse.«</p>
-
-<p>»Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen,« sagte
-Anastasia, die nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ,
-sich durch eine kleine Schmeichelei zu insinuieren. »Das ist um
-<em class="gesperrt">deinetwillen</em>. Sie haben dich für eine Prinzessin gehalten.«</p>
-
-<p>»Ich bitte nicht abzuschweifen,« unterbrach Van der Straaten,
-»am wenigsten im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem
-Prinzipe von Zug um Zug, bis ins Ungeheuerliche steigern<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-könnten. Ich habe Reiff notiert, und Arnold und Elimar verstehen
-sich von selbst. Eine Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding.
-Dies wird selbst von mir zugestanden. Und nun frag' ich,
-wer hat noch weitre Vorschläge zu machen? Niemand? Gut.
-So bleibt es bei Reiff und Arnold und Elimar, und ich werde
-sie per Rohrpost avertieren. Fünf Uhr. Und daß wir sie draußen
-bei Löbbekes erwarten.«</p>
-
-<p>Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf
-der Villa, viel, viel mehr als ob es sich um eine Reise nach
-Teplitz oder Karlsbad gehandelt hätte. Natürlich, eine Fahrt
-nach Stralow war ja das ungewöhnlichere. Die Kinder sollten
-mit, es sei Platz genug auf dem Wagen, aber Lydia war nicht
-zu bewegen und erklärte bestimmt, sie <em class="gesperrt">wolle</em> nicht. Da mußte
-denn, wenn man keine Szene haben wollte, nachgegeben werden,
-und auch die jüngere Schwester blieb, da sie sich daran gewöhnt
-hatte, dem Beispiele der ältern in all und jedem zu folgen.</p>
-
-<p>In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrühstück
-genommen und zwar in Van der Straatens Zimmer. Er
-wollt' es so jagd- und reisemäßig wie möglich haben und war
-in bester Laune. Diese wurd' auch nicht gestört, als in demselben
-Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte, ein Absagebrief
-Reiffs eintraf. Der Polizeirat schrieb: »Chef eben konfidentiell
-mit mir gesprochen. Reise heute noch. Elf Uhr fünfzig. Eine
-Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff. Pstskr.
-Ich bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu
-dürfen, daß ich untröstlich bin&nbsp;…«</p>
-
-<p>Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten,
-weil er, unter dem Lesen, unklugerweise von seinem Sherry
-genippt hatte. Nichtsdestoweniger sprach er unter Husten und
-Lachen weiter und erging sich in Vorstellungen Reiffscher<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-Großtaten. »In politischer Mission. Wundervoll. O lieb
-Vaterland, kannst ruhig sein. Aber <em class="gesperrt">einen</em> kenn' ich, der noch
-ruhiger sein darf: er, der Unglückliche, den er sucht. Oder sag'
-ich gleich rundweg: der Attentäter, dem er sich an die Fersen
-heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches
-muß es sich doch am Ende handeln, wenn man einen Mann
-wie Reiff allerpersönlichst in den Sattel setzt. Nicht wahr,
-Sattlerchen von der Hölle? Und heut abend noch! Die reine
-Ballade. ›Wir satteln nur um Mitternacht.‹ O, Leonore! O
-Reiff, Reiff.« Und er lachte konvulsivisch weiter.</p>
-
-<p>Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung
-draußen treffen wollte, wurden nicht geschont, bis endlich die
-Pendule vier schlug und zur Eile mahnte. Der Wagen wartete
-schon und die Damen stiegen ein und nahmen ihre Plätze:
-Fräulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf dem Rücksitz.
-Und mit ihren Fächern und Sonnenschirmen grüßend, ging es
-über Platz und Straßen fort, erst auf die Frankfurter Linden
-und zuletzt auf das Stralauer Tor zu.</p>
-
-<p>Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde
-später in einer Droschke zweiter Klasse, die man ›echtheits‹halber
-gewählt hatte, stiegen aber unmittelbar vor der Stadt
-aus, um nunmehr an den Flußwiesen hin den Rest des Weges
-zu Fuß zu machen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Es schlug fünf, als unsre Fußgänger das Dorf erreichten und
-in Mitte desselben Ehms ansichtig wurden, der mit seinem
-Wagen, etwas ausgebogen, zur Linken hielt und den ohnehin
-wohlgepflegten Trakehnern einen vollen Futtersack eben auf
-die Krippe gelegt hatte. Gegenüber stand ein kleines Haus,
-wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen, bräunlich und appetitlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-und so niedrig, daß man bequem die Hand auf die Dachrinne
-legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch
-die kaum mannshohe Tür, über der, auf einem wasserblauen
-Schilde, »Löbbekes Kaffeehaus« zu lesen war. In Front des
-Hauses aber standen drei, vier verschnittene Lindenbäume,
-die den Bürgersteig von dem Straßendamme trennten, auf
-welchem letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und
-zwitscherten und die verlorenen Körner aufpickten.</p>
-
-<p>»Dies ist das Ship-Hotel von Stralow,« sagte Van der
-Straaten im Ciceroneton und war eben willens in das Kaffeehaus
-einzutreten, als Ehm über den Damm kam und ihm halb
-dienstlich halb vertraulich vermeldete, »daß die Damens schon
-vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren Malers auch.
-Und hätten beide schon vorher gewartet und gleich den Tritt
-runter gemacht und alles. Erst Herr Gabler und dann Herr
-Schulze. Und an der Würfelbude hätten sie Strippenballons
-und Gummibälle gekauft. Und auch Reifen und eine kleine
-Trommel und allerhand noch. Und einen Jungen hätten sie
-mitgenommen, der hätte die Reifen und Stöcke tragen müssen.
-Und Herr Elimar immer vorauf. Das heißt mit 'ner Harmonika.«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen,« rief Van der Straaten, »Ziehharmonika?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.«</p>
-
-<p>»Gott sei Dank! … Und nun kommen Sie, Rubehn. Und
-du, Ehm, du wartest nicht auf uns und läßt dir geben … Hörst
-du?«</p>
-
-<p>Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen
-Zügen aber war deutlich zu lesen: ich werde warten.</p>
-
-<p>Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan
-und dehnte sich bis an die Kirchhofsmauer hin. In Nähe dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-hatten sich die drei Damen gelagert und plauderten mit Gabler,
-während Elimar einen seiner großen Gummibälle monsieur-herkulesartig
-über Arm und Schulter laufen ließ.</p>
-
-<p>Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne
-her das Bravoklatschen und klatschten lebhaft mit. Und nun
-erst wurde man ihrer ansichtig, und Melanie sprang auf und
-warf ihrem Gatten, wie zur Begrüßung, einen der großen
-Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig gezielt, der Ball ging
-seitwärts und Rubehn fing ihn auf. Im nächsten Augenblicke
-begrüßte man sich und die junge Frau sagte: »Sie sind geschickt.
-Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.«</p>
-
-<p>»Ich wollt', es wäre das Glück.«</p>
-
-<p>»Vielleicht ist es das Glück.«</p>
-
-<p>Van der Straaten, der es hörte, verbat sich alle derartig
-intrikaten Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren
-oder vielleicht auch Reiff in konfidentieller Mission
-abschicken werde. Worauf Rubehn ihn zum hundertsten Male
-beschwor, endlich von der »ewigen Braut« ablassen zu wollen,
-die wenigstens vorläufig noch im Bereiche der Träume sei. Van
-der Straaten aber machte sein kluges Gesicht und versicherte,
-»daß er es besser wisse«.</p>
-
-<p>Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück, die sich nun
-rasch in einen Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Bälle
-flogen, und da die Damen ein rasches Wechseln im Spiele
-liebten, so ging man, innerhalb anderthalb Stunden, auch noch
-durch Blindekuh und Gänsedieb und »Bäumchen, Bäumchen,
-verwechselt euch.« Das letztere fand am meisten Gnade, besonders
-bei Van der Straaten, dem es eine herzliche Freude
-war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren freundlichen
-und doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-herumgucken zu sehen. Denn sie hatte, wie die meisten
-Verwachsenen, ein Eulengesicht.</p>
-
-<p>Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rückzug mahnte.
-Harmonika-Schulze führte wieder und neben ihm marschierte
-Gabler, der das Trommelchen ganz nach Art eines Tambourins
-behandelte. Er schlug es mit den Knöcheln, warf es hoch und
-fing es wieder. Danach folgte das Van der Straatensche Paar,
-dann Rubehn und Fräulein Riekchen, während Anastasia
-träumerisch und Blumen pflückend den Nachtrab bildete. Sie
-hing süßen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar hatte
-beim Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallen lassen, die
-nicht mißdeutet werden konnten. Er hätte denn ein schändlicher
-und zweizüngiger Lügner sein müssen. Und das war er
-nicht … Wer so rein und kindlich an der Tete dieses Zuges
-gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein Verräter
-sein.</p>
-
-<p>Und sie bückte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an
-einer Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks
-zu zählen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap9">9<br />
-Löbbekes Kaffeehaus</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten
-zwei Stunden nichts verändert, mit alleiniger Ausnahme
-der Sperlinge, die jetzt, statt auf dem Straßendamm,
-in den verschnittenen Linden saßen und quirilierten. Aber
-niemand achtete dieser Musik, am wenigsten Van der Straaten,
-der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst
-an die Spitze des Zuges gesetzt hatte. »<em class="antiqua">Attention!</em>« rief er und<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch
-hindurchzuzwängen.</p>
-
-<p>Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.</p>
-
-<p>Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur
-um ein erhebliches niedriger lag, als die Straße draußen,
-weshalb denn auch den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft
-entgegenkam, von der es schwer zu sagen war, ob sie durch
-ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor. In der
-Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische mit Herd
-und Rauchfang, einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich, während
-von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang.
-Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und
-Tassen und unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen.
-Zwischen Tisch und Schapp aber thronte die Herrin dieser
-Dominien, eine große, starke Blondine von Mitte dreißig, die
-man ohne weiteres als eine Schönheit hätte hinnehmen müssen,
-wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und doch waren es
-eigentlich schöne Augen, an denen in Wahrheit nichts auszusetzen
-war, als daß sie sich daran gewöhnt hatten, alle Männer
-in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie zuzwinkerten:
-»wir treffen uns noch« und in solche, denen sie spöttisch nachriefen:
-»wir kennen euch besser.« Alles aber, was in diese
-zwei Klassen <em class="gesperrt">nicht</em> hineinpaßte, war nur Gegenstand für Mitleid
-und Achselzucken.</p>
-
-<p>Es muß leider gesagt werden, daß auch Van der Straaten
-von diesem Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre
-halber, im Gegenteil, sie wußte Jahre zu schätzen, nein, einzig
-und allein weil er von alter Zeit her die Schwäche hatte, sich
-<em class="antiqua">à tout prix</em> populär machen zu wollen. Und das war der
-Blondine das verächtlichste von allem.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere
-Hoftür und dahinter kam ein Garten, drin, um kümmerliche
-Bäume herum, ein Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten
-Stühlen von derselben Farbe standen. Rechts lief
-eine Kegelbahn, deren vorderstes unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich
-bis an die Straße reichte. Van der Straaten wies
-ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten hin, verbreitete sich
-über die Vorzüge anspruchslos gebliebener Nationalitäten und
-stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von dem Sommergarten
-aus, auf einen großen, am Spreeufer sich hinziehenden
-und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte.
-An einer der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft
-zwei, drei Tische zusammen und hatte nun einen schmalen,
-zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes,
-aber schon dem Nachbarhause zugehöriges Floß vor sich, an
-das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten.</p>
-
-<p>Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen,
-um als Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben, die
-flußabwärts, im rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen
-Sommertages dalag. Elimar und Gabler aber waren auf den
-Wassersteg hinausgetreten. Alles freute sich des Bildes, und
-Van der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die Schloßkuppel.
-Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta?«</p>
-
-<p>»Salutè,« verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der
-letzten Silbe.</p>
-
-<p>»Gut, gut. Also Salutè,« wiederholte Van der Straaten,
-indem er jetzt auch seinerseits das e betonte. »Meinetwegen.
-Ich prätendiere nicht, der alte Sprachenkardinal zu sein, dessen
-Namen ich vergessen habe. <em class="antiqua">Salus salutis</em>, vierte Deklination,
-oder dritte, das genügt mir vollkommen. Und Salutà oder<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Salutè macht mir keinen Unterschied. Freilich muß ich sagen,
-so wenig zuverlässig die lieben Italiener in allem sind, so wenig
-sind sie's auch in ihren Endsilben. Mal a mal e. Aber lassen
-wir die Sprachstudien und studieren wir lieber die Speisekarte.
-Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu Mund vermittelt
-wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden Erinnerung
-entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?«</p>
-
-<p>»Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen,« antwortete
-Anastasia pikiert. »Ich glaube nicht, daß sich eine
-Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln läßt.«</p>
-
-<p>»Es käm' auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil
-wollte mich zu Lösung der Aufgabe verpflichten. Aber erst
-wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern
-birgt. Bis dahin muß es bleiben und bis dahin sei
-Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn' ich dich, in
-deiner Eigenschaft als Gabler, zum Erbküchenmeister und lege
-vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände.«</p>
-
-<p>»Was ich dankbarst akzeptiere,« bemerkte dieser, »immer
-vorausgesetzt, daß du mir, um mit unsrem leider abwesenden
-Freunde Gryczinski zu sprechen, einige Direktiven erteilen
-willst.«</p>
-
-<p>»Gerne, gerne,« sagte Van der Straaten.</p>
-
-<p>»Nun denn, so beginne.«</p>
-
-<p>»Gut. So proponier' ich Aal und Gurkensalat … Zugestanden?«</p>
-
-<p>»Ja,« stimmte der Chorus ein.</p>
-
-<p>»Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln … Zugestanden?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-wichtig genug. Ich hätte der Lösung derselben, mit
-Unterstützung Ehms und unsres Wagenkastens, vorgreifen können,
-aber ich verabscheue Landpartien mit mitgeschlepptem
-Weinkeller. Erstens kränkt man die Leute, bei denen man doch
-gewissermaßen immer noch zu Gaste geht, und zweitens bleibt
-man in dem Kreise des Althergebrachten, aus dem man ja gerade
-heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag' ich.
-Nicht um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben,
-um die Sitten und Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher
-auch die Lokalspenden ihrer Dorf- und Gauschaften kennen
-zu lernen. Und da wir hier nicht im Lande Kanaan weilen,
-wo Kaleb die große Traube trug, so stimm' ich für das landesübliche
-Produkt dieser Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein
-Geld kein Schweizer; keine Weiße kein Stralow. Ich wette,
-daß selbst Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat.
-Und nun geh' Arnold. Und für Anastasia einen Anisette …
-Kühle Blonde! Ob wohl unsere Blondine zwischen Tisch und
-Schapp in diese Kategorie fällt?«</p>
-
-<p>Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden
-Sonne zugesehn und auf dem gebrechlichen Wasserstege,
-nach Art eines Turners, der zum Hocksprung ansetzt,
-seine Knie gebogen und wieder angestrafft. Alles mechanisch
-und gedankenlos. Plötzlich aber, während er noch so hin und
-her wippte, knackte das Brett und brach, und nur der Geistesgegenwart,
-mit der er nach einem der Pfähle griff, mocht' er
-es zuschreiben, daß er nicht in das gerad' an dieser Dampfschiffanlegestelle
-sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen
-schrien laut auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich
-selbst Gerettete mit einem gewissen Siegeslächeln erschien,
-das unter den sich jagenden Vorwürfen von »Tollkühnheit«<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-und »Gleichgültigkeit gegen die Gefühle seiner Mitmenschen«
-eher wuchs als schwand.</p>
-
-<p>Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen,
-ohne von einer Fülle von Kommentaren und Hypothesen
-begleitet zu werden, in denen die Wörter »wenn« und
-»was« die Hauptrolle spielten und endlos wiederkehrten.
-<em class="gesperrt">Was</em> würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht
-rechtzeitig ergriffen hätte? <em class="gesperrt">Was</em>, wenn er trotzdem hineingefallen,
-endlich <em class="gesperrt">was</em>, wenn er nicht zufällig ein guter Schwimmer
-gewesen wäre?</p>
-
-<p>Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wieder gewonnen
-hatte, behauptete, daß Van der Straaten unter allen Umständen
-hätte nachspringen müssen, und zwar erstens als Urheber
-der Partie, zweitens als resoluter Mann und drittens
-als Kommerzienrat, von denen, allen historischen Aufzeichnungen
-nach, noch keiner ertrunken wäre. Selbst bei der Sintflut nicht.</p>
-
-<p>Van der Straaten liebte nichts mehr, als solche Neckereien
-seiner Frau, verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute
-Heldentum, gegen alle daraus zu ziehenden Konsequenzen.</p>
-
-<p>Er halte weder zu der alten Firma Leander, noch zu der
-neuen des Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem
-was Heroismus angehe, ganz zu der Schule seines Freundes
-Heine, der, bei jeder Gelegenheit, seiner äußersten Abneigung
-gegen tragische Manieren einen ehrlichen und unumwundenen
-Ausdruck gegeben habe.</p>
-
-<p>»Aber,« entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind
-doch nun mal gerade <em class="gesperrt">das</em>, was wir Frauen von euch verlangen.«</p>
-
-<p>»Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte Van der Straaten.<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-»Lustige Manieren verlangt ihr und einen jungen Fant, der
-euch beim Zwirnwickeln die Docke hält und auf ein Fußkissen
-niederkniet, darauf sonderbarerweise jedesmal ein kleines Hündchen
-gestickt ist. Mutmaßlich als Symbol der Treue. Und dann
-seufzt er, der Adorante, der betende Knabe, und macht Augen
-und versichert euch seiner innigsten Teilnahme. Denn ihr
-<em class="gesperrt">müßtet</em> unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen und Pause.
-Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer
-seien gut), aber <em class="antiqua">enfin</em>, ein Mann müsse nicht bloß gut sein,
-ein Mann müsse seine Frau <em class="gesperrt">verstehen</em>. Darauf komm' es an,
-sonst sei die Ehe niedrig, so niedrig, mehr als niedrig. Und
-dann seufzt er zum drittenmal. Und wenn der Zwirn endlich
-abgewickelt ist, was natürlich solange wie möglich dauert, so
-glaubt ihr es auch. Denn jede von euch ist wenigstens für einen
-indischen Prinzen oder für einen Schah von Persien geboren.
-Allein schon wegen der Teppiche.«</p>
-
-<p>Melanie hatte während dieser echt Van der Straatenschen
-Expektoration ihren Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und
-mit einem Anfluge von Hochmut: »Ich weiß nicht, Ezel, warum
-du beständig von Zwirn sprichst. Ich wickle Seide.«</p>
-
-<p>Sehr wahrscheinlich, daß es dieser Bemerkung an einer
-spitzen Replik nicht gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine
-dralle, kurzärmelige Magd erschienen und auf Augenblicke hin
-der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden wäre.
-Schon um des virtuosen Puffs und Knalls willen, womit sie, wie
-zum Debüt, ihr Tischtuch auseinanderschlug. Und sehr bald
-nach ihr erschienen denn auch die dampfenden Schüsseln und
-die hohen Weißbierstangen, und selbst der Anisette für Anastasia
-war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich
-der lebens- und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Damenstellung zur Anisette-Frage rechtzeitig erinnert hatte.
-Und in der Tat, er mußte lächeln (und Van der Straaten mit
-ihm), als er gleich nach dem Erscheinen des Tabletts auch
-Riekchen nippen und ihre Eulenaugen immer größer und freundlicher
-werden sah.</p>
-
-<p>Inzwischen war es dämmerig geworden und mit der
-Dämmerung kam die Kühle. Gabler und Elimar erhoben sich,
-um aus dem Wagen eine Welt von Decken und Tüchern heranzuschleppen,
-und Melanie, nachdem sie den schwarz- und weißgestreiften
-Burnus umgenommen und die Kapuze kokett in die
-Höhe geschlagen hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der
-Seidenpuscheln hing ihr in die Stirn und bewegte sich hin und
-her, wenn sie sprach, oder dem Gespräche der andern lebhaft
-folgte. Und dieses Gespräch, das sich bis dahin medisierend
-um die Gryczinskis und vor allem auch um den Polizeirat
-und die neue, katilinarische Verschwörung gedreht hatte, fing
-endlich an sich näherliegenden und zugleich auch harmloseren
-Thematas zuzuwenden, beispielsweise wie hell der »Wagen«
-am Himmel stünde.</p>
-
-<p>»Fast so hell wie der große Bär,« schaltete Riekchen ein,
-die nicht fest in der Himmelskunde war. Und nun entsann
-man sich, daß dies gerade die Sternschnuppennächte wären, auf
-welche Mitteilung hin Van der Straaten nicht nur die fallenden
-Sterne zu zählen anfing, sondern sich schließlich auch bis zu
-dem Satze steigerte, »daß alles in der Welt eigentlich nur des
-Fallens wegen da sei: die Sterne, die Engel, und nur die Frauen
-nicht.«</p>
-
-<p>Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten
-Van der Straaten, und nachdem noch eine ganze Weile gezählt
-und gestritten und der Abend inzwischen immer kälter<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-geworden war, einigte man sich dahin, daß es zur Bekämpfung
-dieser Polarzustände nur ein einzig erdenkbares Mittel gäbe:
-eine Glühweinbowle. Van der Straaten selbst machte den
-Vorschlag und definierte: »Glühwein ist diejenige Form des
-Weines, in der der Wein nichts und das Gewürznägelchen alles
-bedeutet,« auf welche Definition hin es gewagt und die Bestellung
-gemacht wurde. Und siehe da, nach verhältnismäßig
-kurzer Zeit schon, erschien auch die blonde Wirtin in Person,
-um die Bowle vorsorglich inmitten des Tisches niederzusetzen.</p>
-
-<p>Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter
-Lachen all der aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste
-den warmen und erquicklichen Dampf einsogen. Ein reizender
-blonder Junge war mit ihr gekommen und hielt sich an der
-Schürze der Mutter fest.</p>
-
-<p>»Ihre?« fragte Van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.</p>
-
-<p>»Na, wen sonst,« antwortete die Blondine nüchtern und
-suchte mit Rubehn über den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln.
-Als es aber mißlang, ergriff sie die blonden Locken ihres Jungen,
-spielte damit und sagte: »Komm, Pauleken. Die Herrschaften
-sind lieber alleine.«</p>
-
-<p>Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich
-rief er: »Gott sei Dank, nun hab' ich's. Ich wußte doch,
-ich hatte sie schon gesehn. Irgendwo. Triumphzug des
-Germanikus; Thusnelda, wie sie leibt und lebt.«</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht finden,« erwiderte Van der Straaten,
-der ein Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht
-in Verhältnissen und Leibesumfängen, immer vorausgesetzt,
-daß man von solchen Dingen in Gegenwart unserer Damen
-sprechen darf. Aber Anastasia wird es verzeihen, und um den<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei Piloty gibt sich
-Thumelikus noch als ein Werdender, während wir ihn hier bereits
-an der Schürze seiner Mutter hatten. An der weißesten
-Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiß wie Schnee
-und weißer noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.«</p>
-
-<p>Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen
-Singsangmanier von ihm gesprochen worden, und Rubehn,
-dem es mißfiel, wandte sich ab und blickte nach links hin auf
-den von Lichtern überblitzten Strom. Melanie sah es und das
-Blut schoß ihr zu Kopf, wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und
-Redeweise hatte sie, durch all die Jahre hin, viel Hunderte von
-Malen in Verlegenheit gebracht, auch wohl in bittere Verlegenheiten,
-aber dabei war es geblieben. Heute zum ersten
-Male schämte sie sich seiner.</p>
-
-<p>Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung
-und klammerte sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff,
-in der an und für sich ganz richtigen Erkenntnis,
-etwas Besseres für seine Spezialansprüche nicht finden zu
-können.</p>
-
-<p>»Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist? Höher hinauf,
-meine Freunde. Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden,
-Venus Spreavensis, frisch aus demselben Wasser gestiegen,
-das uns eben erst unsern teuren Elimar zu rauben trachtete.
-Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen,
-sag' ich. Aber so mich nicht alles täuscht, haben wir
-hier <em class="gesperrt">mehr</em>, meine Freunde. Wir haben hier, wenn ich richtig
-beobachtet oder sagen wir, wenn ich richtig geahnt habe, eine
-Vermählung von Modernem und Antikem: Venus Spreavensis
-und Venus Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum' es ein.
-Aber in Griechisch und Musik darf man alles sagen. Nicht wahr,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Außerdem entsinn' ich mich,
-zu meiner Rechtfertigung, eines wundervollen Kallipygosepigramms
-… Nein, nicht Epigramms … Wie heißt etwas
-Zweizeiliges, was sich nicht reimt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Distichon.«</p>
-
-<p>»Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons … bah,
-da hab' ich es vergessen … Melanie, wie war es doch? Du
-sagtest es damals so gut und lachtest so herzlich. Und nun hast
-du's auch vergessen. Oder <em class="gesperrt">willst</em> du's bloß vergessen haben?
-… Ich bitte dich … Ich hasse das … Besinne dich. Es
-war etwas von Pfirsichpflaum und ich sagte noch ›man fühl'
-ihn ordentlich‹. Und du fandst es auch und stimmtest mit ein
-… Aber die Gläser sind ja leer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und ich denke, wir lassen sie leer,« sagte Melanie scharf
-und wechselte die Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm
-auf- und zumachte. »Ich denke, wir lassen sie leer. Es
-ist ohnehin Glühwein. Und wenn wir noch hinüber wollen,
-so wird es Zeit sein, <em class="gesperrt">hohe</em> Zeit,« und sie betonte das Wort.</p>
-
-<p>»Ich bin es zufrieden,« entgegnete Van der Straaten,
-aber in einem Tone, der nur allzu deutlich erkennen ließ, daß
-seine gute Stimmung in ihr Gegenteil umzuschlagen begann.
-»Ich bin es zufrieden und bedauere nur, allem Anscheine nach,
-wieder einmal Anstoß gegeben und das adlige Haus de Caparoux
-in seinen höheren Aspirationen verschnupft zu haben. Es ist
-immer das alte Lied, das ich nicht gerne höre. <em class="gesperrt">Wenn</em> ich es
-aber hören will, so lad' ich mir meinen Schwager-Major zu
-Tische, der ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und
-der Langenweile. Heute fehlt er hier und ich hätte gern darauf
-verzichtet, ihn durch seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen.
-Ich hasse Prüderien und jene Prätensionen höherer Sittlichkeit,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-hinter denen nichts steckt. Im günstigsten Falle nichts steckt.
-Ich darf das sagen und jedenfalls <em class="gesperrt">will</em> ich es sagen, und was
-ich gesagt habe, das habe ich gesagt.«</p>
-
-<p>Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers,
-wieder einzulenken, mißlang, und in ziemlich geschäftsmäßigem,
-wenn auch freilich wieder ruhiger gewordenem Tone wurden
-alle noch nötigen Verabredungen zur Überfahrt nach Treptow
-in zwei kleinen Booten getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung
-der nächsten Brücke, die Herrschaften am andern Ufer
-erwarten. Alles stimmte zu, mit Ausnahme von Fräulein
-Riekchen, die verlegen erklärte, »daß Bootschaukeln, von klein
-auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich Van der Straaten
-in einem Anfalle von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube
-zurückbleiben und das Anlegen des nächsten, vom »Eierhäuschen«
-her erwarteten Dampfschiffes abpassen zu wollen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap10">10<br />
-Wohin treiben wir?</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es währte nicht lange, so steuerten von einer dunklen,
-etwas weiter flußaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei
-Jollen auf das Floß zu, jede mit einer Stocklaterne vorn an
-Bord. In der kleineren saß derselbe Junge, der schon am Nachmittage
-die Reifen auf die Kirchhofswiese hinausgetragen hatte,
-während die größere Jolle, leer und bloß angekettet, im Fahrwasser
-der anderen nachschwamm. Es gab einen hübschen
-Anblick, und kaum daß die beiden Fahrzeuge lagen, so stiegen
-auch, vom Floß aus, die schon ungeduldig Wartenden ein:
-Rubehn und Melanie in das kleinere, die beiden Maler und
-Anastasia in das größere Boot, eine Verteilung, die sich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-von selber machte, weil Elimar und Gabler gute Kahnfahrer
-waren und jeder anderweitigen Führung entbehren konnten.
-Sie nahmen denn auch die Tete und der Junge mit der kleineren
-Jolle folgte.</p>
-
-<p>Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte
-dann zu dem Fräulein: »Es ist mir ganz lieb, Riekchen, daß
-wir zurückgeblieben sind und auf das Dampfschiff warten
-müssen. Ich habe Sie schon immer fragen wollen, wie gefällt
-Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht viel, und
-wer nicht viel spricht, der beobachtet gut.«</p>
-
-<p>»O, er gefällt mir.«</p>
-
-<p>»Und <em class="gesperrt">mir</em> gefällt es, Riekchen, daß er Ihnen gefällt. Nur
-das ›o‹ beklag' ich, denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf,
-und ›o, er gefällt mir‹, ist eigentlich nicht viel besser, als ›o,
-er gefällt mir <em class="gesperrt">nicht</em>‹. Sie sehen, ich lasse Sie nicht wieder los.
-Also nur immer tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur o?
-Woran liegt es? Wo fehlt es? Mißtrauen Sie seinen Dragonerreserveleutnants-Allüren?
-Ist er Ihnen zu kavaliermäßig oder
-zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still, zu bescheiden oder
-zu stolz, zu warm oder zu kalt?«</p>
-
-<p>»Damit möchten Sie's getroffen haben.«</p>
-
-<p>»Womit?«</p>
-
-<p>»Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das
-erstemal sah, hatt' ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll
-so gut wie Anastasia. Natürlich nicht. Anastasia singt und ist
-exzentrisch und will einen Mann haben.«</p>
-
-<p>»Will jede.«</p>
-
-<p>»Ich auch?« lachte die Kleine.</p>
-
-<p>»Wer weiß, Riekchen.«</p>
-
-<p>»… Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-Veranda, gleich nach dem zweiten Frühstück, wir hatten eben
-die blauen Milchsatten zurückgeschoben, und es ist mir, als wär'
-es gestern gewesen. Da kam der alte Teichgräber und brachte
-seine Karte. Und dann kam er selbst. Nun, er hat etwas Distinguiertes
-und man sieht auf den ersten Blick, daß er die kleine
-Not des Lebens nicht kennen gelernt hat. Und das ist immer
-hübsch und das Hübsche davon soll ihm unbenommen sein.
-Er hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage was
-Reserviertes, so hab' ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein
-ist gut und schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt'
-ich, es sei die kleine gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert,
-auch den Mann von Welt, und er werd' es ablegen. Aber
-bald konnt' ich sehen, daß es nicht Scheu war. Nein, ganz im
-Gegenteil. Es ist Selbstbewußtsein. Er hat etwas amerikanisch
-Sicheres. Und so sicher er ist, so kalt ist er auch.«</p>
-
-<p>»Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht
-der Platz, um Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.«</p>
-
-<p>»Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider
-<em class="gesperrt">ver</em>lernen.«</p>
-
-<p>»Verlernen?« lachte Van der Straaten. »Ich bitte Sie,
-Riekchen, er ist ja ein Frankfurter!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Während dieses Gespräch in dem Glassalon geführt wurde,
-steuerten die beiden Boote der Mitte des Stromes zu. Auf
-dem größeren war Scherz und Lachen, aber auf dem kleineren,
-das folgte, schwieg alles und Melanie beugte sich über den
-Rand und ließ das Wasser durch ihre Finger plätschern.</p>
-
-<p>»Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen
-Freundin?«</p>
-
-<p>»Es kühlt. Und ich hab' es so heiß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>»So legen Sie den Burnus ab« … Und er erhob sich,
-um ihr behilflich zu sein.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.«
-Und er sah nun, daß sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte.</p>
-
-<p>Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach
-und horchten auf die Lieder, die von dorther herüberklangen.
-Erst war es »<em class="antiqua">Long, long ago</em>« und immer wenn der Refrain
-kam, summte Melanie die Zeile mit. Und nun lachten sie
-drüben, und neue Lieder wurden intoniert und ebenso rasch
-wieder verworfen, bis man sich endlich über eines geeinigt zu
-haben schien. »O säh' ich auf der Heide dort.« Und wirklich,
-sie hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie
-sang nicht leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer
-Stimme ihre Bewegung zu verraten.</p>
-
-<p>Und nun waren sie mitten auf dem Strom, außer Hörweite
-von den Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide
-fuhr, zog mit einem Ruck die Ruder ein und legte sich bequem
-ins Boot nieder und ließ es treiben.</p>
-
-<p>»Er sieht auch zu den Sternen auf,« sagte Rubehn.</p>
-
-<p>»Und zählt, wie viele fallen,« lachte Melanie bitter. »Aber
-Sie dürfen mich nicht so verwundert ansehen, lieber Freund,
-als ob ich etwas Besonderes gesagt hätte. Das ist ja, wie Sie
-wissen, oder wenigstens seit <em class="gesperrt">heute</em> wissen müssen, der Ton
-unsres Hauses. Ein bißchen spitz, ein bißchen zweideutig und
-immer unpassend. Ich befleißige mich der Ausdrucksweise meines
-Mannes. Aber freilich ich bleibe hinter ihm zurück. Er ist eben
-unerreichbar und weiß so wundervoll alles zu treffen, was
-kränkt und bloßstellt und beschämt.«</p>
-
-<p>»Sie dürfen sich nicht verbittern.«</p>
-
-<p>»Ich verbittere mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-weil ich es bin und es los sein möchte, deshalb sprech' ich so.
-Van der Straaten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub' ich …
-Und er ist gut.«</p>
-
-<p>»Und er ist gut,« wiederholte Melanie heftig und in beinahe
-krampfhafter Heiterkeit. »Alle Männer sind gut! …
-Und nun fehlt nur noch der Zwirnwickel und das Fußkissen
-mit dem Symbol der Treue darauf, so haben wir alles wieder
-beisammen. O Freund, wie konnten Sie nur <em class="gesperrt">das</em> sagen, und um
-ihn zu rechtfertigen so ganz in seinen Ton verfallen!«</p>
-
-<p>»Ich würde durch jeden Ton Anstoß gegeben haben.«</p>
-
-<p>»Vielleicht … Oder sagen wir lieber gewiß. Denn es
-war zu viel, dieser ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter
-vier Augen gehören, und das kaum. Aber er kennt kein Geheimnis,
-weil ihm nichts des Geheimnisses wert dünkt. Weil
-ihm nichts heilig ist. Und wer anders denkt, ist scheinheilig oder
-lächerlich. Und das vor Ihnen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte.</p>
-
-<p>Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten
-um sie her, und das Boot schaukelte leis und trieb im Strom
-und in Melanies Herzen erklang es immer lauter: wohin
-treiben wir?</p>
-
-<p>Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben
-Frage beunruhigt worden wäre, denn er sprang plötzlich auf
-und sah sich um, und wahrnehmend, daß sie weit über die rechte
-Stelle hinaus waren, griff er jetzt mit beiden Rudern ein und
-warf die Jolle nach linksherum, um so schnell wie möglich
-aus der Strömung heraus und dem andern Ufer wieder näher
-zu kommen. Und sieh, es gelang ihm auch, und ehe fünf Minuten
-um waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern erhellten<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-Baumgruppen des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie
-hörten Anastasias Lachen auf dem vorauffahrenden Boot. Und
-nun schwieg das Lachen und das Singen begann wieder. Aber
-es war ein andres Lied und über das Wasser hin klang es
-»Rothtraut, Schön-Rothtraut«, erst laut und jubelnd, bis es
-schwermütig in die Worte verklang: »Schweig stille, mein
-Herze.«</p>
-
-<p>»Schweig stille, mein Herze,« wiederholte Rubehn und sagte
-leise »soll es?«</p>
-
-<p>Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer,
-an dem Elimar und Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit
-warteten. Und gleich darauf kam auch das Dampfschiff, und
-Riekchen und Van der Straaten stiegen aus. Er heiter und
-gesprächig.</p>
-
-<p>Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den
-Abend gestört hatte, vollkommen vergessen zu haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap11">11<br />
-Zum Minister</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Wohin treiben wir?« hatte es in Melanies Herzen gefragt
-und die Frage war ihr unvergessen geblieben. Aber der
-fieberhaften Erregung jener Stunde hatte sie sich entschlagen,
-und in den Tagen, die folgten, war ihr die Herrschaft über sich
-selbst zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen
-Augenblick zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn
-am Gitter draußen halten und gleich darauf auf die Veranda
-zukommen sah. Sie ging ihm wie gewöhnlich einen Schritt
-entgegen und sagte: »Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen!<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal
-eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. Aber die Strafe
-folgt Ihnen auf dem Fuße. Sie treffen nur Anastasia und mich.
-Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch
-freilich nicht genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen
-und erzieht sieben kleine Vettern auf dem Lande. Lauter
-Jungen und lauter Sawatzkis, und in ihren übermütigsten
-Stunden auch mutmaßlich lauter Sattler von der Hölle.«</p>
-
-<p>»Sagen wir lieber gewiß. Und dazu Riekchen als Präzeptor
-und Regente. Muß das eine Zügelführung sein!«</p>
-
-<p>»O, Sie verkennen sie; sie weiß sich in Respekt zu setzen.«</p>
-
-<p>»Und doch möcht' ich die Verzweiflung des Gärtners über
-zertretene Rabatten und die des Försters über angerichteten
-Wildschaden nicht mit Augen sehn. Denn ein kleiner Junker
-schießt alles, was kreucht und fleucht. Und nun gar sieben.
-Aber ich vergesse, mich meines Auftrages zu entledigen. Van
-der Straaten … Ihr Herr Gemahl … bittet, ihn zu Tisch
-<em class="gesperrt">nicht</em> erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und
-zwar in Sachen einer Enquete. Freilich erst morgen. Aber
-heute hat er das Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine
-gnädigste Frau, es gibt jetzt nur noch Enqueten.«</p>
-
-<p>»Es gibt nur noch Enqueten, aber es gibt keine gnädigste
-Frauen mehr. Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen
-uns. Eine Gnädigste bin ich überhaupt nur bei Gryczinskis.
-Ich bin Ihre gute Freundin und weiter nichts. Nicht wahr?«
-Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und küßte. »Und ich
-will nicht,« fuhr sie fort, »daß wir diese sechs Tage nur gelebt
-haben, um unsre Freundschaft um ebenso viele Wochen zurück
-zu datieren. Also nichts mehr von einer ›gnädigsten Frau‹.«
-Und dabei zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an den Abend,
-der nur zu deutlich vor ihrer Seele stand.</p>
-
-<p>»Ja, lieber Freund,« nahm sie nach einer kurzen Pause
-wieder das Wort, »ich mußte das zwischen uns klar machen.
-Und da wir einmal beim Klarmachen sind, so muß auch noch
-ein andres heraus, auch etwas Persönliches und Diffiziles. Ich
-muß Ihnen nämlich endlich einen Namen geben. Denn Sie
-haben eigentlich keinen Namen, oder wenigstens keinen, der
-zu brauchen wäre.«</p>
-
-<p>»Ich dächte doch …« sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge
-von Verlegenheit und Mißstimmung.</p>
-
-<p>»Ich dächte doch,« wiederholte Melanie und lachte. »Daß
-doch auch die Klugen und Klügsten auf <em class="gesperrt">diesen</em> Punkt hin
-immer empfindlich sind! Aber ich bitte Sie, sich aller Empfindlichkeiten
-entschlagen zu wollen. Sie sollen selbst entscheiden.
-Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen die Frage:
-ob Ebenezer ein Name ist? Ich meine ein Name fürs Haus,
-fürs Geplauder, für die Causerie, die doch nun mal unser Bestes
-ist! Ebenezer! O Sie dürfen nicht so bös aussehen. Ebenezer
-ist ein Name für einen Hohenpriester oder für einen, der's
-werden will, und ich seh' ihn ordentlich, wie er das Opfermesser
-schwingt. Und sehen Sie, davor schaudert mir. Ebenezer ist
-<em class="antiqua">au fond</em> nicht besser als Aaron. Und es ist auch nichts daraus
-zu machen. Aus Ezechiel habe ich mir einen Ezel glücklich
-kondensiert. Aber Ebenezer!«</p>
-
-<p>Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte
-dann: »Ich wüßte schon eine Hilfe.«</p>
-
-<p>»O, die weiß ich auch. Und ich könnte sogar alles in einen
-allgemeinen und fast nach Grammatik klingenden Satz bringen.
-Und dieser Satz würde sein: Um- und Rückformung des abstrusen<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Familiennamens Rubehn in den alten, mir immer lieb
-gewesenen Vornamen Ruben.«</p>
-
-<p>»Und das wollt' ich auch sagen,« eiferte Anastasia.</p>
-
-<p>»Aber ich <em class="gesperrt">hab'</em> es gesagt.«</p>
-
-<p>Und in diesem Prioritätsstreite scherzte sich Melanie mehr
-und mehr in den Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr
-endlich, gegen Rubehn gewendet, fort: »Und wissen Sie, lieber
-Freund, daß mir diese Namensgebung wirklich etwas bedeutet?
-Ruben, um es zu wiederholen, war mir von jeher der Sympathischste
-von den Zwölfen. Er hatte das Hochherzige, das
-sich immer bei dem Ältesten findet, einfach weil er der Älteste
-ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die natürliche
-Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor Mesquinerie
-und Intrigue.«</p>
-
-<p>»Jeder Erstgeborene wird Ihnen für diese Verherrlichung
-dankbar sein müssen, und jeder Ruben erst recht. Und doch
-gesteh' ich Ihnen offen, ich hätt' unter den Zwölfen eine andere
-Wahl getroffen.«</p>
-
-<p>»Aber gewiß keine bessere. Und ich hoff' es Ihnen beweisen
-zu können. Über die sechs Halblegitimen ist weiter
-kein Wort zu verlieren; Sie nicken, sind also einverstanden.
-Und so nehmen wir denn, als erstes Betrachtungsobjekt, die
-Nestküken der Familie, die Muttersöhnchen. Es wird so viel
-von ihnen gemacht, aber Sie werden mir zustimmen, daß die
-spätere ägyptische Exzellenz nicht so ganz ohne Not in die
-Zisterne gesteckt worden ist. Er war einfach ein <em class="antiqua">enfant terrible</em>.
-Und nun gar der Jüngste! Verwöhnt und verzogen. Ich habe
-selbst ein Jüngstes und weiß etwas davon zu sagen … Und so
-bleiben uns denn wirklich nur die vier alten Grognards von
-der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre Meriten. Aber doch<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der Levit, und in
-dem Juda das Königtum, &ndash; ein Stückchen Illoyalität, das
-Sie mir als freier Schweizerin zugute halten müssen. Und
-so sehen wir uns denn vor den Rest gestellt, vor die beiden
-letzten, die natürlich die beiden ersten sind. <em class="antiqua">Eh bien</em>, ich will
-nicht mäkeln und feilschen und will dem Simeon lassen, was
-ihm zukommt. Er war ein Charakter und als solcher wollt' er
-dem Jungen ans Leben. Charaktere sind nie für halbe Maßregeln.
-Aber da trat Ruben dazwischen, <em class="gesperrt">mein</em> Ruben, und
-rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er
-war gefühlvoll und mitleidig und hochherzig. Und was Schwäche
-war, darüber sag' ich nichts. Er hatte die Fehler seiner Tugenden,
-wie wir alle. Das war es und weiter nichts. Und deshalb
-Ruben und immer wieder Ruben. Und kein Appell und kein
-Refus. Anastasia, brich einen Tauf- und Krönungszweig ab,
-da von der Esche drüben. Wir können sie dann die Ruben-Esche
-nennen.«</p>
-
-<p>Und dieses scherzhafte Geplauder würde sich mutmaßlich
-noch fortgesetzt haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke
-der wohlbekannte, zweirädrige Gig sichtbar geworden wäre,
-von dessen turmhohem Sitze herab Van der Straaten über
-das Gitter weg mit der Peitsche salutierte. Und nun hielt
-das Gefährt, und der Enqueten-Kommerzienrat erschien in
-der Veranda, strahlend von Glück und freudiger Erregung.
-Er küßte Melanie die Stirn und versicherte einmal über das
-andere, daß er sich's nicht habe versagen wollen, die freie
-halbe Stunde bis zum ministeriellen Diner <em class="antiqua">au sein de sa
-famille</em> zu verbringen.</p>
-
-<p>Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: »Liddi,
-Liddi. Rasch. Antreten. Immer flink. Und Heth auch; das<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-Stiefkind, die Kleine, die vernachlässigt wird, weil sie mir
-ähnlich sieht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und von der ich eben erzählt habe, daß sie grenzenlos verwöhnt
-würde.«</p>
-
-<p>Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glückliche
-Vater nahm ein elegantes Tütchen mit papierenem Spitzenbesatz
-aus der Tasche und hielt es Lydia hin. Diese nahm's
-und gab es an die Kleine weiter. »Da Heth.«</p>
-
-<p>»Magst du nicht?« fragte Van der Straaten. »Sieh
-doch erst nach. Es sind ja Pralines. Und noch dazu von
-Sarotti.«</p>
-
-<p>Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinüber
-und sagte: »Tüten sind für Kinder. Ich mag nicht.«</p>
-
-<p>Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fühlte, daß
-er der Grund dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes
-nahm die kleine Heth auf den Schoß und sagte: »Du bist deines
-Vaters Kind. Ohne Faxen und Haberei. Lydia spielt schon
-die de Caparoux.«</p>
-
-<p>»Laß sie,« sagte Melanie.</p>
-
-<p>»Ich werde sie lassen <em class="gesperrt">müssen</em>. Und sonderbar zu sagen,
-ich hasse die Vornehmheitsallüren eigentlich nur für mich selbst.
-In meiner Familie sind sie mir ganz recht, wenigstens gelegentlich,
-abgesehen davon, daß sich auch für meine Person
-allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn in meiner Eigenschaft
-als Mitglied einer Enquetenkommission hab' ich die Verpflichtung
-höherer gesellschaftlicher Formen übernommen, und
-geht das so weiter, Melanie, so hältst du zwischen heut und sechs
-Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen Händen.
-In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas
-mysteriös Bedeutungsvolles geschlummert.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Eine Wendung, lieber Van der Straaten, die mir vorläufig
-nur wieder zeigt, wie weitab du noch von deiner neuen
-Charge bist.«</p>
-
-<p>»Allerdings, allerdings,« lachte Van der Straaten. »Gut
-Ding will Weile haben, und Rom wurde nicht an einem Tage
-gebaut. Und nun sage mir, denn ich habe nur noch zehn Minuten,
-wie du diesen Nachmittag zu verbringen und unsern Freund
-Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage. Aber ich
-kenne deine mitunter ängstliche Gleichgültigkeit gegen Tisch-
-und Tafelfreuden und berechne mir in der Eile, daß deine
-Bohnen und Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig
-und die Kotelettes zähe sind, nicht gut über eine halbe Stunde
-hinaus ausgedehnt werden können. Auch nicht unter Heranziehung
-eines Desserts von Erdbeeren und Stiltonkäse. Und
-so sorg' ich mich denn um euch, und zwar um so mehr, als ihr
-nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder
-hier zu sehn.«</p>
-
-<p>»Ängstige dich nicht,« entgegnete Melanie. »Es ist keine
-Frage, daß wir dich schmerzlich entbehren werden. Du wirst
-uns fehlen, du <em class="gesperrt">mußt</em> uns fehlen. Denn wer könnt' uns, um
-nur eines zu nennen, den Hochflug deiner bilderreichen Einbildungskraft
-ersetzen. Kaum, daß wir ihr zu folgen verstehn.
-Und doch verbürg' ich mich für Unterbringung dieser armen,
-verlorenen Stunden, die dir so viel Sorge machen. Und du
-sollst sogar das Programm wissen.«</p>
-
-<p>»Da wär' ich neugierig.«</p>
-
-<p>»Erst singen wir.«</p>
-
-<p>»Tristan?«</p>
-
-<p>»Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser
-Diner oder doch das, was dafür aufkommen muß. Und es wird<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-sich schon machen. Denn immer, wenn du nicht da bist, suchen
-wir uns durch einen besseren Tisch und ein paar eingeschobene
-süße Speisen zu trösten.«</p>
-
-<p>»Glaub's, glaub's. Und dann?«</p>
-
-<p>»Dann hab' ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir
-übrigens, nach einem allerjüngsten Übereinkommen, als Rubehn
-mit dem gestrichenen h, also schlechtweg als unsern Freund
-Ruben vorstelle, mit den Schätzen und Schönheiten unsrer
-Villa bekannt zu machen. Er ist eine Legion von Malen, wenn
-auch immer noch nicht oft genug, unser lieber Gast gewesen
-und kennt trotzalledem nichts von dieser ganzen Herrlichkeit,
-als unser Eß- und Musikzimmer und hier draußen die Veranda
-mit dem kreischenden Pfau, der ihm natürlich ein Greuel ist.
-Aber er soll heute noch in seinem halb freireichsstädtischen und
-halb überseeischen Hochmute gedemütigt werden. Ich habe vor,
-mit deinem Obstgarten zu beginnen und dem Obstgarten das
-Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen
-zu lassen.«</p>
-
-<p>»Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner
-letzten Nummer etwas erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht
-mahnen läßt. Sie müssen nämlich wissen, Rubehn, was wir
-letzten Sommer in dieser erbärmlichen Glaskastensammlung,
-die den stolzen Namen Aquarium führt, schaudernd selbst erlebt
-haben. Nicht mehr und nicht weniger als einen Ausbruch,
-Eruption, und ich höre noch Anastasias Aufschrei und werd'
-ihn hören bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine
-der großen Glasscheiben platzt, Ursache unbekannt, wahrscheinlich
-aber weil Gryczinski seinem Füsiliersäbel eine falsche
-Direktive gegeben, und siehe da, ehe wir drei zählen können,
-steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur handhoch unter<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln um uns
-her, und ein großer Hecht umschnoppert Melanies Fußtaille
-mit absichtlichster Vernachlässigung Tante Riekchens. Offenbar
-also ein Kenner. Und in einem Anfalle wahnsinniger Eifersucht
-hab' ich ihn schlachten lassen und seine Leber höchsteigenhändig
-verzehrt.«</p>
-
-<p>Anastasia bestätigte die Zutreffendheit der Schilderung, und
-selbst Melanie, die seit längerer Zeit ähnlichen Exkursen ihres
-Gatten mit nur zu sichtlichem Widerstreben folgte, nahm heute
-wieder an der allgemeinen Heiterkeit teil. Sie hatte sich schon
-vorher in dem mit Rubehn geführten Gespräche derartig heraufgeschraubt,
-daß sie wie geistig trunken und beinahe gleichgültig
-gegen Erwägungen und Rücksichten war, die sie noch ganz
-vor kurzem gequält hatten. Sie sah wieder alles von der
-lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und faßte, ohne sich
-Rechenschaft davon zu geben, den Entschluß, mit der ganzen
-nervösen Feinfühligkeit dieser letzten Wochen ein für allemal
-brechen und wieder keck und unbefangen in die Welt hinein
-leben zu wollen.</p>
-
-<p>Van der Straaten aber, überglücklich, mit seinem Aquariumshecht
-einen guten Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut
-und Handschuh und versprach, auf Eile dringen zu wollen, soweit
-sich, einem Minister gegenüber, überhaupt auf irgend etwas
-dringen lasse.</p>
-
-<p>Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hörte man
-das Knirschen der Räder und empfing von außen her, über
-das Parkgitter hin, einen absichtlich übertriebenen Feierlichkeitsgruß,
-in dem sich die ganze Bedeutung eines Mannes ausdrücken
-sollte, der zum Minister fährt. Noch dazu zum Finanzminister,
-der eigentlich immer ein Doppelminister ist.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap12">12<br />
-Unter Palmen</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant
-und Van der Straaten gebilligt hatte. Dem
-anderthalbstündigen Musizieren folgte das kleine Diner, opulenter
-als gedacht, und die Sonne stand eben noch über den
-Bosketts, als man sich erhob, um draußen im »Orchard« ein
-zweites Dessert von den Bäumen zu pflücken.</p>
-
-<p>Dieser für allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes
-lief, an sonnigster Stelle, neben dem Fluß entlang und bestand
-aus einem anscheinend endlosen Kieswege, der nach der Spree
-hin offen, nach der Parkseite hin aber von Spalierwänden eingefaßt
-war. An diesen Spalieren, in kunstvollster Weise behandelt
-und jeder einzelne Zweig gehegt und gepflegt, reiften
-die feinsten Obstarten, während kaum minder feine Sorten
-an nebenherlaufenden niederen Brettergestellen, etwa nach
-Art großer Ananas-Erdbeeren, gezogen wurden.</p>
-
-<p>Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte
-langsam und in wachsenden Abständen; Heth aber auf ihrem
-Veloziped begleitete die Mama, bald weit vorauf, bald dicht
-neben ihr, und wandte sich dann wieder, ohne die geringste
-Ahnung davon, daß ihre rückseitige Drapierung in ein immer
-komischeres und ungenierteres Fliegen und Flattern kam.
-Melanie, wenn Heth die Wendung machte, suchte jedesmal
-durch ein lebhafteres Sprechen über die kleine Verlegenheit
-hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und
-sagte: »Lassen wir doch das Kind. Es ist ja glücklich, beneidenswert
-glücklich. Und Sie sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht,« entgegnete Melanie. »Torheit und<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-nichts weiter. Unsere Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich
-ist es rührend und entzückend zugleich.« Und als der kleine
-Wildfang in eben diesem Augenblicke wieder heranrollte, kommandierte
-sie selbst: »Rechtsum. Und nicht zu nah an die Spree!
-Sehen Sie nur, wie sie hinfliegt. Solange die Welt steht, hat
-keine Reiterei mit so fliegenden Fahnen angegriffen.«</p>
-
-<p>Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen,
-wo, von der Parkseite her, ein breiter avenueartiger
-Weg in den langen und schmalen Spaliergang einmündete.
-Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, erhoben sich denn auch,
-nach dem Vorbilde der berühmten englischen Gärten in Kew,
-ein paar hohe, glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren eines
-sich ein altmodisches Treibhaus anlehnte, das, früher der Herrschaft
-zugehörig, inzwischen mit all seinen Blattpflanzen und
-Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen
-und die Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes
-geworden war. Unmittelbar neben dem Treibhause
-hatte der Gärtner seine Wohnung, ein nur zweifenstriges und
-ganz von Efeu überwachsenes Häuschen, über das ein alter,
-schrägstehender Akazienbaum seine Zweige breitete. Zwei, drei
-Steinstufen führten bis in den Flur und neben diesen Stufen
-stand eine Bank, deren Rücklehne von dem Efeu mit überwachsen
-war.</p>
-
-<p>»Setzen wir uns,« sagte Melanie. »Immer vorausgesetzt,
-daß wir dürfen. Denn unser alter Freund hier ist nicht immer
-guter Laune. Nicht wahr, Kagelmann?«</p>
-
-<p>Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich häßlichen
-Mann gerichtet, der, wiewohl kahlköpfig (was übrigens
-die Sommermütze verdeckte) nichtsdestoweniger an beiden
-Schläfen ein paar lange glatte Haarsträhnen hatte, die bis tief<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-auf die Schulter niederhingen. Alles an ihm war außer Verhältnis,
-und so kam es, daß, seiner Kleinheit unerachtet, oder
-vielleicht auch um dieser willen, alles zu groß an ihm erschien:
-die Nase, die Ohren, die Hände. Und eigentlich auch die Augen.
-Aber diese sah man nur, wenn er, was öfters geschah, die ganz
-verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Gärtnerfigur:
-unfreundlich, grob und habsüchtig, vor allem auch seinem
-Wohltäter, dem Kommerzienrat gegenüber, und nur wenn er
-die »Frau Rätin« sah, erwies er sich auffallend verbindlich und
-guter Laune.</p>
-
-<p>So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene
-»wenn wir dürfen« in bester Stimmung auf und sagte, während
-er mit der Rechten (in der er einen kleinen Aurikeltopf hielt)
-seine großschirmige Mütze nach hinten schob: »Jott, Frau Rätin,
-ob <em class="gesperrt">Sie</em> dürfen! Solche Frau! Solche Frau wie Sie darf
-allens. Un warum? Weil Ihnen allens kleid't. Un wen alles
-kleid't, der darf ooch alles. Ufs kleiden kommt's an. 'S gibt
-welche, die sagen, die Blumen machen dumm und simplig. Aber
-daß es ufs Kleiden ankommt, so viel lernt man bei de Blumens.«</p>
-
-<p>»Immer mein galanter Kagelmann,« lachte Melanie. »Man
-merkt doch den Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch
-ist es unrecht, Kagelmann, daß Sie so geblieben sind. Ich meine,
-so ledig. Ein Mann wie Sie, so frisch und gesund, und ein so
-gutes Geschäft. Und reich dazu. Die Leute sagen ja, Sie hätten
-ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen, Kagelmann. Ich
-respektiere Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus ist
-zu klein, immer vorausgesetzt, daß Sie sich noch mal anders
-besinnen.«</p>
-
-<p>»Ja, kleen is es man. Aber vor mir is es jroß genug, das
-heißt vor mir alleine. Sonst … Aber ich bin ja nu all sechzig.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p>
-
-<p>»Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein
-Alter.«</p>
-
-<p>»Ne,« sagte Kagelmann. »En Alter is es eijentlich noch
-nich. Un es jeht ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt
-ooch noch, un die Gebrüder Benekens dragen einen ooch noch.
-Aber viel mehr is es ooch nich. Un wen soll man denn
-am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rätin, die so vor mir
-passen, die gefallen mir nich, un die mir gefallen, die passen
-wieder nich. &ndash; Ich wäre so vor dreißig oder so drum rum.
-Dreißig ist jut, un dreißig zu dreißig, das stimmt ooch. Aber
-sechzig in dreißig jeht nich. Un da sagt denn die Frau: borg'
-ich mir einen.«</p>
-
-<p>Melanie lachte.</p>
-
-<p>Kagelmann aber fuhr fort: »Ach, Frau Kommerzienrätin,
-Sie hören so was nich, un glauben jar nich, wie die Welt is un
-was allens passiert. Da war hier einer drüben bei Flatows,
-Cohn und Flatow, großes Ledergeschäft (un sie sollen's ja von
-Amerika kriegen; na, mir is es jleich), un war ooch en Gärtner,
-un war woll so sechsundfufzig. Oder vielleicht ooch erst fünfundfufzig.
-Un der nahm sich ja nu so'n Madamchen, so von'n
-Jahrer dreißig, un war ne Wittib, un immer janz schwarz, un
-ne hübsche Person, un saß immer ins mittelste Zelt, Nummer 4,
-wo Kaiser Wilhelm steht, un wo immer die Musik is mit Klavier
-un Flöte. Ja, du mein Jott, was hat er gehabt? Jar nichts
-hat er gehabt. Und da sitzt er nu mit seine drei Würmer, und
-Madamchen is weg. Un mit wen is se weg? Mit'n Gelbschnabel,
-un hatte noch keene zwanzig uff'n Rücken, un Teichgräber
-sagt, er wär' erst achtzehn gewesen. Un möglich is es. Aber
-ein fixer, kleiner Kerl war es, so was Italien'sches, un war
-doch bloß aus Rathnow. Aber een Paar Oogen! Ich sag'<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Ihnen, Frau Kommerzienrätin, wie'n Feuerwerk, un es war
-orntlich, als ob's man so prasselte.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist traurig für den Mann,« lachte Melanie. »Aber
-doch am traurigsten für die Frau. Denn wenn einer <em class="gesperrt">solche</em>
-Augen hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Un so was is jetzt alle Tage,« schloß der Alte, der auf die
-Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen
-Töpfen zu stellen und zu kramen anfing.</p>
-
-<p>Aber Melanie ließ ihm keine Ruhe. »Alle Tage,« sagte sie.
-»Natürlich, alle Tage. Natürlich, alles kommt vor. Aber das
-darf einen doch nicht abhalten. Sonst könnte ja keiner mehr
-heiraten und es gäbe gar kein Leben und keine Menschen mehr.
-Denn ein kleiner fixer Gärtnerbursche, nu, mein Gott, der
-find't sich zuletzt überall.«</p>
-
-<p>»Ja, Frau Kommerzienrätin, das is schon richtig. Aber mitunter
-find't er sich immer und mitunter find't er sich bloß
-manchmal. Heiraten! Nu ja, hübsch muß es ja sind, sonst
-dhäten es nich so viele. Aber besser is besser. Un ich denke,
-lieber bewahrt als beklagt.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her ein
-Einspänner sichtbar und hielt, indem er eine Biegung machte,
-vor der Bank, auf der Rubehn und Melanie Platz genommen
-hatten. Es war ein auf niedrigen Rädern gehendes Fuhrwerk,
-das den Geschäftsverkehr des kleinen Privattreibhauses mit der
-Stadt vermittelte.</p>
-
-<p>Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem
-Deichselbrette sitzenden Kutscher, und nachdem er noch einen
-andern Arbeiter herbeigerufen hatte, fingen alle drei an, die
-Palmenkübel abzuladen, die, trotzdem sie nur von mäßiger
-Größe waren, den Rand des Wagenkastens weit überragten<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-und mit ihren dunklen Kronen, schon von fern her, den Eindruck
-prächtig wehender Federbüsche gemacht hatten.</p>
-
-<p>Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit,
-als aber schließlich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann
-wieder an seine gnädige Frau und sagte, während er die zwei
-größten und schönsten Palmen mit seinen Händen patschelte:
-»Ja, Frau Rätin, das sind nu so meine Stammhalter, so meine
-zwei Säulen vons Geschäft. Un immer unterwegs, wie'n Landbriefträger.
-Man bloß noch unterwegser. Denn der hat doch'n
-Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine Palmen nich. Un ich
-freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich
-allens mal wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter
-seh ich meine Palmen die janze Woche nich.«</p>
-
-<p>»Aber warum nicht?«</p>
-
-<p>»Jott, Frau Rätin, Palme paßt immer. Un is kein Unterschied
-ob Trauung oder Begräbnis. Und manche taufen auch
-schon mit Palme. Und wenn ich sage Palme, na so kann ich
-auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was wir <em class="antiqua">Thuja</em>
-nennen. Aber Palme, versteht sich, is immer das Feinste.
-Un is bloß man ein Metier, das is jrade so, janz akkurat ebenso
-bei Leben und Sterben. Und is ooch immer dasselbe.«</p>
-
-<p>»Ah, ich versteh,« sagte Melanie. »Der Tischler.«</p>
-
-<p>»Nein, Frau Rätin, der Tischler nich. Er is woll auch
-immer mit dabei, das is schon richtig, aber's is doch nich immer
-dasselbe. Denn ein Sarg is keine Wiege nich und eine Wiege
-is kein Sarg nich. Un was en richtiges Himmelbett is, nu
-davon will ich jar nich erst reden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?«</p>
-
-<p>»Der Domchor, Frau Rätin. Der is auch immer mit dabei
-un is immer dasselbe. Jradeso wie bei mir. Un er hat auch so<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-seine zwei Stammhalter, seine zwei Säulen vons Geschäft:
-»'s is bestimmt in Gottes Rat« oder »Wie sie so sanft ruhn.«
-Un es paßt immer un macht keinen Unterschied, ob einer abreist
-oder ob einer begraben wird. Un grün is grün, un is
-jradeso wie Lebensbaum und Palme.«</p>
-
-<p>»Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und
-selber Hochzeit machen (aber nicht hier in Ihrem Efeuhause;
-das ist zu klein), dann sollen Sie doch beides haben: Gesang und
-Palme. Und was für Palmen! Das versprech ich Ihnen!
-Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich genug.
-Und aufs Feierliche kommt es an. Und dann gehen wir in
-das große Treibhaus, bis dicht an die Kuppel, und machen
-einen wundervollen Altar unter der allerschönsten Palme. Und
-da sollen Sie getraut werden. Und oben in der Kuppel wollen
-wir stehn und ein schönes Lied singen, einen Choral, ich und
-Fräulein Anastasia, und Herr Rubehn hier und Herr Elimar
-Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen zumute
-sein, als ob Sie schon im Himmel wären und hörten die
-Engel singen.«</p>
-
-<p>»Glaub ich, Frau Rätin. Glaub ich.«</p>
-
-<p>»Und zu vorläufigem Dank für all diese kommenden Herrlichkeiten
-sollen Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus
-führen. Denn ich weiß nicht Bescheid und kenne die Namen
-nicht, und der fremde Herr hier, der ein paarmal um die Welt
-herumgefahren ist und die Palmen sozusagen an der Quelle
-studiert hat, will einmal sehen, was wir haben und nicht haben.«</p>
-
-<p>Eigentlich kam alles dieses dem Alten so wenig gelegen wie
-möglich, weil er seine Kübel und Blumentöpfe noch vor Dunkelwerden
-in das kleine Treibhaus hineinschaffen wollte. Er bezwang
-sich aber, schob seine Mütze, wie zum Zeichen der Zustimmung,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-wieder nach hinten und sagte: »Frau Rätin haben
-bloß zu befehlen.«</p>
-
-<p>Und nun gingen sie zwischen langen und niedrigen Backsteinöfen
-hin, den bloß mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an
-die Stelle, wo dieser Mittelgang in das große Palmenhaus
-einmündete. Wenige Schritte noch und sie befanden sich wie
-am Eingang eines Tropenwaldes und der mächtige Glasbau
-wölbte sich über ihnen. Hier standen die Prachtexemplare der
-Van der Straatenschen Sammlung: Palmen, Drakäen, Riesenfarren,
-und eine Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis
-in die Kuppel und dann um diese selbst herum und in einer der
-hohen Emporen des Langschiffes weiter.</p>
-
-<p>Unterwegs war nicht gesprochen worden.</p>
-
-<p>Als sie jetzt unter der hohen Wölbung hielten, entsann sich
-Kagelmann, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich
-aber wollt' er nur zurück und sagte: »Frau Rätin wissen ja
-nu Bescheid un kennen die Galerie. Da wo der kleine Tisch
-is un die kleinen Stühle, das ist der beste Platz, un is wie ne
-Laube, un janz dicht. Un da sitzt ooch immer der Herr Kommerzienrat.
-Un keiner sieht ihn. Un das hat er am liebsten.« Und
-danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich aber noch einmal
-um, um zu fragen, »ob er das Fräulein schicken solle?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Kagelmann. Wir warten.«</p>
-
-<p>Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt
-und stieg hinauf und eilte sich, als er oben war, der noch auf der
-Wendeltreppe stehenden Melanie die Hand zu reichen. Und
-nun gingen sie weiter über die kleinen klirrenden Eisenbrettchen
-hin, die hier als Dielen lagen, bis sie zu der von Kagelmann
-beschriebenen Stelle kamen, besser beschrieben, als er selber
-wissen mochte. Wirklich, es war eine phantastisch aus Blattkronen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-gebildete Laube, fest geschlossen, und überall an den
-Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich Orchideen,
-die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete sich
-wonnig aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es,
-als ob hundert Geheimnisse sprächen, und Melanie fühlte, wie
-dieser berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte.
-Sie zählte jenen von äußeren Eindrücken, von Luft und Licht
-abhängigen Naturen zu, die der Frische bedürfen, um selber
-frisch zu sein. Über ein Schneefeld hin, bei rascher Fahrt und
-scharfem Ost, &ndash; da wär' ihr der heitere Sinn, der tapfere Mut
-ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe Luft
-machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes
-lockerte sich und löste sich und fiel.</p>
-
-<p>»Anastasia wird uns nicht finden.«</p>
-
-<p>»Ich vermisse sie nicht.«</p>
-
-<p>»Und doch will ich nach ihr rufen.«</p>
-
-<p>»Ich vermisse sie nicht,« wiederholte Rubehn und seine
-Stimme zitterte. »Ich vermisse nur das Lied, das sie damals
-sang, als wir im Boot über den Strom fuhren. Und nun rate.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Long, long ago&nbsp;…</em>«</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»O säh ich auf der Heide dort&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Auch <em class="gesperrt">das</em> nicht, Melanie.«</p>
-
-<p>»Rothtraut,« sagte sie leis.</p>
-
-<p>Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und
-kniete nieder und hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiß
-und so süß, wie die Luft, die sie atmeten.</p>
-
-<p>Endlich aber war die Dämmerung gekommen, und breite
-Schatten fielen in die Kuppel. Und als alles immer noch still
-blieb, stiegen sie die Treppe hinab und tappten sich durch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-Gewirr von Palmen, erst bis in den Mittelgang und dann ins
-Freie zurück.</p>
-
-<p>Draußen fanden sie Anastasia.</p>
-
-<p>»Wo du nur bliebst!« fragte Melanie befangen. »Ich habe
-mich geängstigt um dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur.
-Und nun hab' ich Kopfweh.«</p>
-
-<p>Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und
-sagte nur: »Und du wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt
-nicht ungestraft unter Palmen.«</p>
-
-<p>Melanie wurde rot bis an die Schläfe. Aber die Dunkelheit
-half es ihr verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin
-schon die Lichter brannten.</p>
-
-<p>Alle Türen und Fenster standen auf, und von den frisch
-gemähten Wiesen her kam eine balsamische Luft. Anastasia
-setzte sich an den Flügel und sang und neckte sich mit Rubehn,
-der bemüht war, auf ihren Ton einzugehen. Aber Melanie sah
-vor sich hin und schwieg und war weit fort. Auf hoher See.
-Und in ihrem Herzen klang es wieder: Wohin treiben wir?!</p>
-
-<p>Eine Stunde später erschien Van der Straaten und rief
-ihnen schon vom Korridor her in Spott und guter Laune zu:
-»Ah, die Gemeinde der Heiligen! Ich würde fürchten zu stören.
-Aber ich bringe gute Zeitung!«</p>
-
-<p>Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig
-war oder sich wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in
-seinem Berichte fort: »Exzellenz sehr gnädig. Alles sondiert
-und abgemacht. Was noch aussteht, ist Form und Bagatelle.
-Oder Sitzung und Schreiberei. Melanie, wir haben heut einen
-guten Schritt vorwärts getan. Ich verrate weiter nichts. Aber
-das glaub' ich sagen zu dürfen: von diesem Tag an datiert sich
-eine neue Ära des Hauses Van der Straaten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap13">13<br />
-Weihnachten</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den
-unbefangenen Ton früherer Wochen anscheinend wieder
-her, und was von Befangenheit blieb, wurde, die Freundin
-abgerechnet, von niemandem bemerkt, am wenigsten von Van
-der Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und großen Eitelkeiten
-nachhing.</p>
-
-<p>Und so näherte sich der Herbst und der Park wurde schöner,
-je mehr sich seine Blätter färbten, bis gegen Ende September
-der Zeitpunkt wieder da war, der, nach altem Herkommen,
-dem Aufenthalt in der Villa draußen ein Ende machte.</p>
-
-<p>Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war
-Rubehn nicht mehr erschienen, weil allernächstliegende Pflichten
-ihn an die Stadt gefesselt hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm,
-von einem alten Prokuristen des Hauses begleitet, war zu rascher
-Etablierung des Zweiggeschäfts herübergekommen, und ihren
-gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich,
-in den ersten Oktobertagen eine Filiale des großen Frankfurter
-Bankhauses ins Leben zu rufen.</p>
-
-<p>Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten
-Anteil und sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger
-Leitung an, daß Rubehns Besuche seltener
-wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhörten.
-In der Tat erschien unser neuer »Filialchef«, wie der Kommerzienrat
-ihn zu nennen beliebte, nur noch an den kleinen und
-kleinsten Gesellschaftstagen, und hätte wohl auch an diesen am
-liebsten gefehlt. Denn es konnt' ihm nicht entgehen, und entging
-ihm auch wirklich nicht, daß ihm von Reiff und Duquede,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-ganz besonders aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden
-Kühle begegnet wurde. Die schöne Jacobine suchte
-freilich durch halbverstohlene Freundlichkeiten alles wieder ins
-gleiche zu bringen und beschwor ihn, ihres Schwagers Haus
-doch nicht ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen nicht und um
-Melanies willen nicht, aber jedesmal, wenn sie den Namen
-nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch
-und ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen
-gegeben hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz
-zu vermeiden oder doch auf wenige Worte zu beschränken.</p>
-
-<p>Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions,
-wenn die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden
-Maler und Fräulein Anastasia zugegen waren. Dann wurde
-wieder gescherzt und gelacht, wie damals in dem Stralauer
-Kaffeehaus, und Van der Straaten, der mittlerweile von Besuchen,
-sogar von häufigen Besuchen gehört hatte, die Rubehn
-in Anastasias Wohnung gemacht haben solle, hing in Ausnutzung
-dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung
-nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum
-Gegenstande seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht
-ein, wenigstens für seine Person nicht, warum er sich eines
-reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit aufgebauten
-Verhältnisses nicht aufrichtig freuen solle, ja die Freude darüber
-würd' ihm einfach als Pflicht erscheinen, wenn er nicht andererseits
-den alten Satz wieder bewahrheitet fände, daß jedes neue
-Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren werden
-könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei durch seinen
-Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar
-vertreten, und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe,
-daß er in vielen Stücken er selbst geblieben, ja bei Tische sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-als eine Potenzierung seiner selbst zu erachten sei, so läge doch
-gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn er wisse
-wohl, daß dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt
-mit Elimars innerem verzehrenden Feuer halte. Wes
-Namens aber dieses Feuer sei, ob Liebe, Haß oder Eifersucht,
-das wisse nur <em class="gesperrt">der</em>, der in den Abgrund sieht.</p>
-
-<p>In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen
-Van der Straatenschen Schwärmer, von deren
-Sprühfunken sonderbarerweise diejenigen am wenigsten berührt
-wurden, auf die sie berechnet waren. Es lag eben alles
-anders, als der kommerzienrätliche Feuerwerker annahm.
-Elimar, der sich auf der Stralauer Partie weit über Wunsch
-und Willen hinaus engagiert hatte, hatte durch Rubehns anscheinende
-Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der
-ihm viel, viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war, und
-diese selbst wiederum vergaß ihr eigenes, offenbar im Niedergange
-begriffenes Glück in dem Wonnegefühl, ein anderes hochinteressantes
-Verhältnis unter ihren Augen und ihrem Schutze
-heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr
-in der Rolle der Konfidenten und, weit über das gewöhnliche
-Maß hinaus mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und
-Verbotenen ausgerüstet, zählte sie diese Winterwochen nicht
-nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen
-Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen
-Vergnügens, den ihr <em class="antiqua">au fond</em> unbequemen und
-widerstrebenden Van der Straaten gerade <em class="gesperrt">dann</em> am herzlichsten
-belachen zu können, wenn dieser sich in seiner Sultanslaune
-gemüßigt fühlte, <em class="gesperrt">sie</em> zum Gegenstand allgemeiner und natürlich
-auch seiner eigenen Lachlust zu machen.</p>
-
-<p>In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-mehr Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden
-und über das Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen
-Gleichmut verlieren müssen; er gab sich aber umgekehrt einer
-Vertrauensseligkeit hin, für die, bei seinem sonst soupçonnösen
-und pessimistischen Charakter, jeder Schlüssel gefehlt haben
-würde, wenn er nicht unter Umständen, und auch jetzt wieder,
-der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten gewesen
-wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge
-sehend, die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere,
-die klar zutage lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht,
-in seinem Glücke von einem vernichtenden Schlage bedroht zu
-sein, aber nicht heut und nicht morgen, und je bestimmter und
-unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete,
-desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart. Und
-am wenigsten sah er sich von <em class="gesperrt">der</em> Seite her gefährdet, von
-der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt
-worden wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann
-einer vorgefaßten Meinung und zwar eines künstlich konstruierten
-Rubehn, der mit dem wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft,
-aber in der Tat auch nur <em class="gesperrt">diese</em> hatte. Was sah
-er in ihm? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind, eine ganz
-und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur, die zwar
-in jugendliche Torheiten verfallen, aber einen Vertrauens- und
-Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne. Zum
-Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es
-bestritt. Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und
-das Verlobungsthema mal wieder an der Reihe war, hieß es
-vertraulich und gut gelaunt: »Ihr Weiber hört ja das Gras
-wachsen und nun gar erst <em class="gesperrt">das</em> Gras! Ich wäre doch neugierig
-zu hören, an wen er sich vertan hat. Eine Vermutung hab'<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-ich und wette zehn gegen eins, an eine Freiin vom deutschen
-Uradel, etwa Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der
-Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so
-klug und so vorsichtig, daß ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas
-zu beweisen, eben nur dazu diente, Van der Straaten in seiner
-vorgefaßten Meinung immer fester zu machen.</p>
-
-<p>Und so kam Heiligabend und im ersten Saale der Bildergalerie
-waren all unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns,
-um den brennenden Baum her versammelt. Elimar und Gabler
-hatten es sich nicht nehmen lassen, auch ihrerseits zu der reichen
-Bescherung beizusteuern: ein riesiges Puppenhaus, drei Stock
-hoch, und im Souterrain eine Waschküche mit Herd und Kessel
-und Rolle. Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten
-und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und es unterlag alsbald
-keinem Zweifel, daß das Puppenhaus den Triumph des
-Abends bildete, und beide Kinder waren selig. Sogar Lydia
-tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit und ließ sich von Elimar
-in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er war auch
-Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien
-sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen.
-Wer aber schärfer zugesehen hätte, der hätte wohl wahrgenommen,
-daß sie sich bezwang, und mitunter war es, als habe
-sie geweint. Etwas unendlich Weiches und Wehmütiges lag
-in dem Ausdruck ihrer Augen, und der Polizeirat sagte zu
-Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie nicht schöner denn je?«</p>
-
-<p>»Blaß und angegriffen,« sagte dieser. »Es gibt Leute, die
-blaß und angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie
-wird überhaupt überschätzt, in allem, und am meisten in ihrer
-Schönheit.«</p>
-
-<p>An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper und<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-man endete mit einem schwedischen Punsch. Alles war heiter
-und guter Dinge. Melanie belebte sich wieder, gewann auch
-wieder frischere Farben, und als sie Riekchen und Anastasia,
-die bis zuletzt geblieben waren, bis an die Treppe geleitete, rief
-sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen und herzgewinnenden
-Stimme nach: »Und sieh dich vor, Riekchen.
-Christel sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei bückte sie sich
-über das Geländer und grüßte mit der Hand.</p>
-
-<p>»O, ich falle nicht,« rief die Kleine zurück. »Kleine Leute
-fallen überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und
-hinten gut balancieren.«</p>
-
-<p>Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen
-sagte. Der Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht,
-und sie wäre gefallen, wenn sie nicht Van der Straaten aufgefangen
-und in ihr Zimmer zurückgetragen hätte. Er wollte
-klingeln und nach dem Arzte schicken. Aber sie bat ihn, es zu
-lassen. Es sei nichts, oder doch nichts Ernstes, oder doch nichts,
-wobei der Arzt ihr helfen könne.</p>
-
-<p>Und dann sagte sie, was es sei.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap14">14<br />
-Entschluß</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend
-erholt, um in der Alsenstraße, wo sie seit Wochen nicht
-gewesen war, einen Besuch machen zu können. Vorher aber
-wollte sie bei der Madame Guichard, einer vor kurzem erst
-etablierten Französin, vorsprechen, deren Konfektions und
-künstliche Blumen ihr durch Anastasia gerühmt worden waren.
-Van der Straaten riet ihr, weil sie noch angegriffen sei, lieber<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-den Wagen zu nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles zu
-Fuß abmachen zu wollen. Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges
-Weihnachtsgeschenk, einen Nerzpelz und ein Kastorhütchen
-mit Straußenfeder, und war eben auf dem letzten
-Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen von
-ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam, um nach ihrem
-Befinden zu fragen.</p>
-
-<p>»Ah, wie gut, daß Sie kommen,« sagte Melanie. »Nun
-hab' ich Begleitung auf meinem Gange. Van der Straaten
-wollte mir seinen Wagen aufzwingen, aber ich sehne mich nach
-Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich … Mir ist so bang
-und schwer&nbsp;…«</p>
-
-<p>Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: »Geben
-Sie mir Ihren Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber
-vorher will ich Ballblumen kaufen und dahin sollen Sie mich
-begleiten. Eine halbe Stunde nur. Und dann geb' ich Sie
-frei, ganz frei.«</p>
-
-<p>»Das dürfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.«</p>
-
-<p>»Doch.«</p>
-
-<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> aber nicht freigegeben sein.«</p>
-
-<p>Melanie lachte. »So seid ihr. Tyrannisch und eigenmächtig
-auch noch in eurer Huld, auch <em class="gesperrt">dann</em> noch, wenn ihr uns dienen
-wollt. Aber kommen Sie. Sie sollen mir die Blumen aussuchen
-helfen. Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack. Granatblüten,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>Und so gingen sie die große Petristraße hinunter und vom
-Platz aus durch ein Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der
-Jägerstraße, das Geschäft der Madame Guichard entdeckten,
-einen kleinen Laden, in dessen Schaufenster ein Teil ihrer
-französischen Blumen ausgebreitet lag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt
-und ehe noch viele Worte gewechselt waren, war auch
-schon die Wahl getroffen. In der Tat, Rubehn hatte sich für
-eine Granatblütengarnitur entschieden und eine Direktrice, die
-mit zugegen war, versprach alles zu schicken. Melanie selbst
-aber gab der Französin ihre Karte. Diese versuchte den langen
-Titel und Namen zu bewältigen, und ein Lächeln flog erst über
-ihr Gesicht, als sie das »<em class="antiqua">née de Caparoux</em>« las. Ihre nicht
-hübschen Züge verklärten sich plötzlich, und es war mit einem
-unbeschreiblichen Ausdruck von Glück und Wehmut, daß sie
-sagte: »<em class="antiqua">Madame est Française! … Ah, notre belle France.</em>«</p>
-
-<p>Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgültig
-vorübergegangen, und als sie draußen ihres Freundes
-Arm nahm, sagte sie: »Hörten Sie's wohl? <em class="antiqua">Ah, notre belle
-France!</em> Wie das so sehnsüchtig klang. Ja, sie hat ein Heimweh.
-Und alle haben wir's. Aber wohin? wonach? … Nach
-unsrem Glück … Nach unsrem Glück! Das niemand kennt
-und niemand sieht. Wie heißt es doch in dem Schubertschen
-Liede?«</p>
-
-<p>»Da, wo du <em class="gesperrt">nicht</em> bist, ist das Glück.«</p>
-
-<p>»Da, wo du <em class="gesperrt">nicht</em> bist,« wiederholte Melanie.</p>
-
-<p>Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den
-Augen. Aber er wandte sich wieder, weil er die Träne nicht
-sehen wollte, die darin glänzte.</p>
-
-<p>Vor dem großen Platz, in den die Straße mündet, trennten
-sie sich. Er, für sein Teil, hätte sie gern weiter begleitet, aber
-sie wollt' es nicht und sagte leise: »Nein Rubehn, es war der
-Begleitung schon zuviel. Wir wollen die bösen Zungen nicht vor
-der Zeit herausfordern. Die bösen Zungen, von denen ich
-eigentlich kein Recht habe zu sprechen. Adieu.« Und sie wandte<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-sich noch einmal und grüßte mit leichter Bewegung ihrer
-Hand.</p>
-
-<p>Er sah ihr nach, und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer
-Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam
-ihn und erfüllte plötzlich sein ganzes Herz. Was soll werden?
-fragte er sich. Aber dann wurde der Ausdruck seiner Züge
-wieder milder und heitrer, und er sagte vor sich hin: »Ich bin
-nicht der Narr, der von Engeln spricht. Sie war keiner und ist
-keiner. Gewiß nicht. Aber ein freundlich Menschenbild ist sie,
-so freundlich, wie nur je eines über diese arme Erde gegangen
-ist … Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich geglaubt habe,
-viel, viel mehr, als ich je geglaubt hätte, daß ich lieben könnte.
-Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen,
-und ich sehe sie schon zu deinen Häupten stehen. Aber mir ist
-auch, als klär' es sich dahinter. O, nur Mut, Mut!«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Eine halbe Woche danach war Silvester und auf dem kleinen
-Balle, den Gryczinskis gaben, war Melanie die Schönste.
-Jakobine trat zurück und gönnte der älteren Schwester ihre
-Triumphe. »Superbes Weib. Ägyptische Königstochter,«
-schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner eminenten
-Ulanenfigur aus der Provinz in die Residenz versetzt worden
-war und von dem Gryczinski zu sagen pflegte: »Der geborene
-Prinzessinnentänzer. Nur schade, daß es keine Prinzessinnen
-mehr gibt.«</p>
-
-<p>Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer.
-In der letzten Fensternische stand eine ganze Gruppe von
-jungen Offizieren. Wensky von den Ohlauer kaffeebraunen
-Husaren, enragierter Sportsman und Steeple-Chase-Reiter
-(Oberschenkel dreimal an derselben Stelle gebrochen), neben<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-ihm Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berühmter Rechner,
-mager und trocken wie seine Gleichungen, und zwischen beiden
-Leutnant Tigris, kleiner, kräpscher Füsilieroffizier vom Regiment
-Zauche-Belzig, der aus Gründen, die niemand kannte, mehrere
-Jahre lang der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war
-und sich seitdem für einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder
-hielt. Junge Mädchen waren ihm »ridikül«. Er schob
-eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte, sein an einem
-kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte:
-»Wensky, Sie sind ja so gut wie zu Haus hier, und eigentlich
-Hahn im Korbe. Wer ist denn dieser Prachtkopf mit den Granatblüten?
-Ich könnte schwören, sie schon gesehen zu haben. Aber
-wo? Halb die Herzogin von Mouchy und halb die Beauffremont.
-<em class="antiqua">Un teint de lys et de rose, et tout à fait distinguée.</em>«</p>
-
-<p>»Sie treffen es gut genug, <em class="antiqua">mon cher Tigris</em>,« lachte Wensky,
-»'s ist die Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de
-Caparoux.«</p>
-
-<p>»Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Französin. Ich konnte
-mich nicht irren. Und wie sie lacht.«</p>
-
-<p>Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden
-Tage gesehen hätte, der hätte die Beauté jenes Ballabends in
-ihr nicht wieder erkannt, am wenigsten wär' er ihrem Lachen
-begegnet. Sie lag leidend und abgehärmt, uneins mit sich und
-der Welt, auf dem Sofa und las ein Buch, und wenn sie's
-gelesen hatte, so durchblätterte sie's wieder, um sich einigermaßen
-zurückzurufen was sie gelesen. Ihre Gedanken schweiften
-ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber sie nahm ihn
-nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde
-nur leichter ums Herz, wenn sie weinen konnte.</p>
-
-<p>So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-und sprach, und wieder nach den Kindern und dem Haushalte
-sah, schärfer und eindringlicher als sonst, war ihr der
-energische Mut ihrer früheren Tage zurückgekehrt, aber nicht
-die Stimmung. Sie war reizbar, heftig, bitter. Und was
-schlimmer, auch kapriziös. Van der Straaten unternahm einen
-Feldzug gegen diesen vielköpfigen Feind und im einzelnen nicht
-ohne Glück, aber in der Hauptsache griff er fehl, und während
-er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete,
-war er, ihrer Kaprice gegenüber, unklugerweise darauf aus,
-sie durch Zärtlichkeit besiegen zu wollen. Und das entschied
-über ihn und sie. Jeder Tag wurd' ihr qualvoller, und die
-sonst so stolze und siegessichere Frau, die mit dem Manne, dessen
-Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab, durch viele
-Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak jetzt
-zusammen und geriet in ein nervöses Zittern, wenn sie von
-fern her seinen Schritt auf dem Korridore hörte. Was wollte
-er? Um was kam er? Und dann war es ihr, als müsse sie
-fliehen und aus dem Fenster springen. Und kam er dann
-wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu küssen, so sagte sie:
-»Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.«</p>
-
-<p>Und wenn sie dann allein war, so stürzte sie fort, oft ohne
-Ziel, öfter noch in Anastasiens stille, zurückgelegene Wohnung,
-und wenn dann der Erwartete kam, dann brach alle Not ihres
-Herzens in bittre Tränen aus und sie schluchzte und jammerte,
-daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr ertragen könne. »Steh
-mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich nicht lange mehr.
-Ich muß fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor Scham und
-Gram.«</p>
-
-<p>Und er war mit erschüttert und sagte: »Sprich nicht so,
-Melanie. Sprich nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-willst. Ich habe dein Glück gestört (<em class="gesperrt">wenn</em> es ein Glück war)
-und ich will es wieder aufbauen. Überall in der Welt, <em class="gesperrt">wie</em>
-du willst und <em class="gesperrt">wo</em> du willst. Jede Stunde, jeden Tag.«</p>
-
-<p>Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten
-eine lachende Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Pläne
-wurden laut und sie trennten sich unter glücklichen Tränen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap15">15<br />
-Die Vernezobres</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Und was geplant worden war, das war Flucht. Den
-letzten Tag im Januar wollten sie sich an einem der
-Bahnhöfe treffen, in früher Morgenstunde, und dann fahren
-weit, weit in die Welt hinein, nach Süden zu, über die Alpen.
-»Ja, über die Alpen,« hatte Melanie gesagt und aufgeatmet,
-und es war ihr dabei gewesen, als wär' erst ein neues Leben
-für sie gewonnen, wenn der große Wall der Berge trennend
-und schützend hinter ihr läge. Und auch darüber war gesprochen
-worden, was zu geschehen habe, wenn Van der Straaten ihr
-Vorhaben etwa hindern wolle. »Das wird er nicht,« hatte
-Melanie gesagt. »Und warum nicht? Er ist nicht immer der
-Mann der zarten Rücksichtnahmen und liebt es mitunter, die
-Welt und ihr Gerede zu brüskieren.« »Und doch wird er sich's
-ersparen, sich und uns. Und wenn du wieder fragst, warum?
-Weil er mich liebt. Ich hab' es ihm freilich schlecht gedankt.
-Ach, Ruben, Freund, was sind wir in unserem Tun und Wollen!
-Undank, Untreue … mir so verhaßt! Und doch … ich tät'
-es wieder, alles, alles. Und ich will es nicht anders, als es ist.«</p>
-
-<p>So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die
-Nacht vor dem festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu früher<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Stunde niedergelegt und ihrer alten Dienerin befohlen, sie
-Punkt drei zu wecken. Auf diese konnte sie sich unbedingt verlassen,
-trotzdem Christel ihren Dienstjahren, aber freilich auch
-nur diesen nach, zu jenen Erbstücken des Hauses gehörte, die
-sich unter Duquedes Führung in einer stillen Opposition gegen
-Melanie gefielen.</p>
-
-<p>Und kaum daß es drei geschlagen, so war Christel da, fand
-aber ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim
-Ankleiden behilflich sein. Und auch das war nicht viel, denn
-es zitterten ihr die Hände, und sie hatte, wie sie sich ausdrückte,
-»einen Flimmer vor den Augen.« Endlich aber war doch alles
-fertig, der feste Lederstiefel saß, und Melanie sagte: »So ist's
-gut, Christel. Und nun gib die Handtasche her, daß wir packen
-können.«</p>
-
-<p>Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer
-Spiegelkonsole stand, und öffnete das Schloß. »Hier, das tu
-hinein. Ich hab' alles aufgeschrieben.« Und Melanie riß, als
-sie dies sagte, ein Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der
-Alten. Diese hielt den Zettel neben das Licht und las und
-schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Ach meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts … Ach
-meine liebe, gute Frau, Sie sind ja&nbsp;…«</p>
-
-<p>»So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich.
-Aber Verwöhnung ist kein Glück. Ihr habt hier ein Sprichwort:
-»Wenig mit Liebe.« Und die Leute lachen darüber. Aber über
-das Wahrste wird immer gelacht. Und dann, wir gehen ja
-nicht aus der Welt. Wir reisen bloß. Und auf Reisen heißt es:
-Leicht Gepäck. Und sage selbst, Christel, ich kann doch nicht
-mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehen. Da fehlte bloß
-noch der Schmuck und die Kassette.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>Melanie hatte, während sie so sprach, ihre Hände dicht
-über das halb niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war
-kalt und sie fröstelte. Jetzt setzte sie sich in einen nebenstehenden
-Fauteuil und sah abwechselnd in die glühenden Kohlen und
-dann wieder auf Christel, die das Wenige, was aufgeschrieben
-war, in die Tasche tat und immer leise vor sich hinsprach und
-weinte. Und nun war alles hinein, und sie drückte den Bügel
-ins Schloß und stellte die Tasche vor Melanie nieder.</p>
-
-<p>So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat
-Christel von hinten her an ihre junge Herrin heran und sagte:
-»Jott, liebe, jnädige Frau, muß es denn … Bleiben Sie doch.
-Ich bin ja bloß solche alte, dumme Person. Aber die Dummen
-sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag' Ihnen, meine liebe
-Jnädigste, Sie jlauben jar nich, woran sich der Mensch alles
-jewöhnen kann. Jott, der Mensch jewöhnt sich an alles. Und
-wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch viel aushalten.
-Un vor mir wollt' ich woll einstehn. Un wie jeht es
-denn? Un wie leben denn die Menschen? In jedes Haus is'n
-Gespenst, sagen sie jetzt, un das is so'ne neumodsche Redensart!
-Aber wahr is es. Und in manches Haus sind zweie, un
-rumoren, daß man's bei hellen, lichten Dage hören kann. Un
-so war es auch bei Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und
-dreiundzwanzig hier. Un sieben vorher bei Vernezobres. Un
-war auch Kommerzienrat un alles ebenso. Das heißt beinah.«</p>
-
-<p>»Und wie war es denn?« lächelte Melanie.</p>
-
-<p>»Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreißig un
-er war fufzig. Und sie war sehr hübsch. Drall und blond, sagten
-die Leute. Na, un er? Ich will jar nich sagen, was die Leute
-von ihm alles gesagt haben. Aber viel Jutes war es nich …
-Un natürlich, da war ja denn auch ein Baumeister, das heißt<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-eigentlich kein richtiger Baumeister, bloß einer, der immer
-Brücken baut vor Eisenbahnen un so, un immer mit'n Gitter
-un schräge Löcher, wo man durchkucken kann. Un der war
-ja nu da un wie'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach
-Saatwinkel oder Pichelsberg, un immers Jackett über'n Arm,
-un Fächer un Sonnenschirm, un immer Erdbeeren gesucht un
-immer verirrt un nie da, wenn die Herrschaften wieder nach
-Hause wollten. Un unser Herr, der ängstigte sich un dacht'
-immer, es wäre was passiert. Un was die andern waren, na,
-die tuschelten.«</p>
-
-<p>»Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich
-meine die Vernezobres,« fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit
-zugehört hatte.</p>
-
-<p>»Natürlich blieben sie. Mal hört' ich, weil ich nebenan war,
-daß er sagte: ›Hulda, das geht nicht.‹ Denn sie hieß wirklich
-Hulda. Und er wollt' ihr Vorwürfe machen. Aber da kam er
-ihr jrade recht. Und sie drehte den Spieß um un sagte: was
-er nur wolle? Sie wolle fort. Un sie liebe ihn, das heißt den
-andern, un ihn liebe sie <em class="gesperrt">nicht</em>. Un sie dächte gar nicht dran,
-ihn zu lieben. Und es wär eijentlich bloß zum Lachen. Und
-<em class="gesperrt">so</em> ging es weiter und sie lachte wirklich. Und ich sag' Ihnen,
-da wurd' er wie'n Ohrwurm und sagte bloß: ›sie sollte sich's
-doch überlegen.‹ Un so kam es denn auch, un als Ende Mai
-war, da kam ja der Vernezobresche Doktor, so'n richtiger, der
-alles janz genau wußte, der sagte, ›sie müßte nachs Bad,‹
-wovon ich aber den Namen immer vergesse, weil da der Wellenschlag
-am stärksten ist. Un das war ja nu damals, als sie jrade
-die große Hängebrücke bauten, un die Leute sagten, er könnt'
-es alles am besten ausrechnen. Un was unser Kommerzienrat
-war, der kam immer bloß Sonnabends. Un die Woche hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-sie frei. Un als Ende August war, oder so, da kam sie wieder
-und war ganz frisch un munter un hatte orntlich rote Backen,
-und kajolierte ihn. Und von <em class="gesperrt">ihm</em> war gar keine Rede mehr.«</p>
-
-<p>Melanie hatte, während Christel sprach, ein paar Holzscheite
-auf die Kohlen geworfen, so daß es wieder prasselte, und
-sagte: »Du meinst es gut. Aber so geht es nicht. Ich bin doch
-anders. Und wenn ich's nicht bin, so bild' ich es mir wenigstens
-ein.«</p>
-
-<p>»Jott,« sagte Christel, »en bißchen anders is es immer.
-Un sie war auch bloß von Neu-Cölln ans Wasser, un die Singuhr
-immer jrade gegenüber. Aber die war nich schuld mit ›Üb'
-immer Treu und Redlichkeit.‹«</p>
-
-<p>»Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach
-drängt es jeden, jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weißt
-du, man kann auch treu sein, wenn man untreu ist. Treuer
-als in der Treue.«</p>
-
-<p>»Jott, liebe Jnädigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh
-es eijentlich nich. Un das muß ich Ihnen sagen, wenn einer
-so was sagt un ich versteh es nicht, denn is es immer schlimm.
-Und Sie sagen, Sie sind anders. Ja, das is schon richtig, un
-wenn es auch nich janz richtig is, so is es doch halb richtig. Un
-was die Hauptsache is, das is, meine liebe Jnädigste, die hat
-eijentlich das liebe kleine Herz auf'n rechten Fleck, un is immer
-für helfen und geben, un immer für die armen Leute. Un was
-die Vernezobern war, na, die putzte sich bloß, un war immer
-vor'n Stehspiegel, der alles noch hübscher machte, und sah aus
-wie's Modejournal und war eijentlich dumm. Wie'n Haubenstock,
-sagten die Leute. Un war auch nich so was Vornehmes,
-wie meine liebe Jnädigste, un bloß aus ne' Färberei, türkischrot.
-Aber das muß ich Ihnen sagen, Ihrer is doch auch anders<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-als der Vernezobern ihrer war, und hat sich gar nich, un red't
-immer frei weg, un kann keinen was abschlagen. Un zu Weihnachten
-immer alles doppelt.«</p>
-
-<p>Melanie nickte.</p>
-
-<p>»Nu, sehen Sie, meine liebe Jnädigste, das is hübsch, daß
-Sie mir zunicken, un wenn Sie mir immer wieder zunicken,
-dann kann es auch alles noch wieder werden un wir packen
-alles wieder aus, un Sie legen sich ins Bett un schlafen bis
-an'n hellen lichten Tag. Un Klocker zwölfe bring ich Ihnen
-Ihren Kaffee un Ihre Schokolade, alles gleich auf <em class="gesperrt">ein</em> Brett,
-un wenn ich Ihnen dann erzähle, daß wir hier gesessen und
-was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie'n
-Traum. Denn dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter
-Mann, ein sehr juter, un bloß ein bißchen sonderbar. Und sonderbar
-is nichts Schlimmes. Und ein reicher Mann wird es doch
-wohl am Ende dürfen! Un wenn ich reich wäre, ich wäre
-noch viel sonderbarer. Un daß er immer so spricht un solche
-Redensarten macht, als hätt' er keine Bildung nich un wäre
-von'n Wedding oder so, ja, du himmlische Güte, warum soll
-er nich? warum soll er nich so reden, wenn es ihm Spaß macht?
-er is nu mal fürs Berlinsche. Aber is er denn nich einer?
-Und am Ende&nbsp;…«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap16">16<br />
-Abschied</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die
-Nebenstube zurück, denn Van der Straaten war eingetreten.
-Er war noch in demselben Gesellschaftsanzug, in dem
-er, eine Stunde nach Mitternacht, nach Hause gekommen war<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-und seine überwachten Züge zeigten Aufregung und Ermattung.
-Von welcher Seite her er Mitteilung über Melanies Vorhaben
-erhalten hatte, blieb unaufgeklärt. Aus allem war nur
-ersichtlich, daß er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehen zu
-lassen. Und wenn er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam
-zu hindern, sondern nur um Vorstellungen zu machen,
-um zu bitten. Es kam nicht der empörte Mann, sondern der
-liebende.</p>
-
-<p>Er schob einen Fauteuil an das Feuer, ließ sich nieder, so
-daß er jetzt Melanie gegenübersaß, und sagte leicht und geschäftsmäßig:
-»Du willst fort, Melanie?«</p>
-
-<p>»Ja, Ezel.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil ich einen andern liebe.«</p>
-
-<p>»Das ist kein Grund.«</p>
-
-<p>»Doch.«</p>
-
-<p>»Und ich sage dir, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir,
-ich kenne die Frauen. Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen,
-auch nicht das Einerlei des Glücks. Und am verhaßtesten ist
-euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet.
-Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen schlechtes Gewissen
-habt ihr lieber, als ein gutes, das nicht prickelt, und
-unter allen Sprichwörtern ist euch das vom ›besten Ruhekissen‹
-am langweiligsten und am lächerlichsten. Ihr wollt gar
-nicht ruhen. Es soll euch immer was kribbeln und zwicken,
-und ihr habt den überspannt sinnlichen oder meinetwegen auch
-den heroischen Zug, daß ihr dem Schmerz die süße Seite abzugewinnen
-wißt.«</p>
-
-<p>»Es ist möglich, daß du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht
-hast, je mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-wirklich, wie du sagst, so wären wir geborene Hazardeurs, und
-<em class="antiqua">Va banque</em> spielen so recht eigentlich unsere Natur. Und
-natürlich auch die meinige.«</p>
-
-<p>Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm
-wie aus guter, alter Zeit her, und er sagte, während er den
-Fauteuil vertraulich näher rückte: »Laß uns nicht spießbürgerlich
-sein, Lanni. Sie sagen, ich wär ein Bourgeois, und es
-mag sein. Aber ein Spießbürger bin ich <em class="gesperrt">nicht</em>. Und wenn
-ich die Dinge des Lebens nicht sehr groß und nicht sehr ideal
-nehme, so nehm' ich sie doch auch nicht klein und eng. Ich bitte
-dich, übereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt niedrig, aber
-sie werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir einzubilden,
-daß du schönes und liebenswürdiges Geschöpf, verwöhnt
-und ausgezeichnet von den Klügsten und Besten, daß
-du mich aus purer Neigung oder gar aus Liebesschwärmerei
-genommen hättest. Du hast mich genommen, weil du noch
-jung warst und noch keinen liebtest, und in deinem witzigen
-und gesunden Sinn einsehen mochtest, daß die jungen Attachés
-auch keine Helden und Halbgötter wären. Und weil die Firma
-Van der Straaten einen guten Klang hatte. Also nichts von
-Liebe. Aber du hast auch nichts <em class="gesperrt">gegen</em> mich gehabt und hast
-mich nicht ganz alltäglich gefunden und hast mit mir geplaudert
-und gelacht und gescherzt. Und dann hatten wir die Kinder,
-die doch schließlich reizende Kinder sind, zugestanden <em class="gesperrt">dein</em>
-Verdienst, und du hast <em class="antiqua">enfin</em> an die zehn Jahr in der Vorstellung
-und Erfahrung gelebt, daß es nicht zu den schlimmsten
-Dingen zählt, eine junge, bequem gebettete Frau zu sein und
-der Augapfel ihres Mannes, eine junge, verwöhnte Frau, die
-tun und lassen kann, was sie will, und als Gegenleistung nichts
-andres einzusetzen braucht, als ein freundliches Gesicht, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-es ihr gerade paßt. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch
-jetzt nichts, oder sag' ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts.
-Denn in diesem Augenblick erscheint dir auch das Wenige,
-was ich fordere, noch als zu viel. Aber es wird wieder anders,
-muß wieder anders werden. Und ich wiederhole dir, ein
-Minimum ist mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will
-nicht, daß du mich ansehen sollst, als ob ich Leone Leoni wär'
-oder irgend ein anderer großer Romanheld, dem zuliebe
-die Weiber Giftbecher trinken wie Mandelmilch und lächelnd
-sterben, bloß um <em class="gesperrt">ihn</em> noch einmal lächeln zu sehen. Ich bin
-nicht Leone Leoni, bin bloß deutsch und von holländischer Abstraktion,
-wodurch das Deutsche nicht besser wird, und habe
-die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich
-bewege mich nicht in Illusionen, am wenigsten über meinen
-äußeren Menschen, und ich verlange keine Liebesgroßtaten von
-dir. Auch nicht einmal Entsagungen. Entsagungen machen
-sich zuletzt von selbst, und das sind die besten. Die besten, weil
-es die freiwilligen und eben deshalb auch die dauerhaften und
-zuverlässigen sind. Übereile nichts. Es wird sich alles wieder
-zurechtrücken.«</p>
-
-<p>Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils
-genommen, auf der er sich jetzt hin und her wiegte. »Und nun
-noch eins, Lanni,« fuhr er fort, »ich bin nicht der Mann der
-Rücksichtsnahmen und hasse diese langweiligen »Regards« auf
-nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag' ich dir, nimm
-Rücksicht auf dich <em class="gesperrt">selbst</em>. Es ist nicht gut, immer nur an das
-zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut,
-gar nicht daran zu denken. Ich hab' es an mir selbst erfahren.
-Und nun überlege. Wenn du <em class="gesperrt">jetzt</em> gehst … Du weißt, was
-ich meine. Du kannst jetzt nicht gehen; nicht <em class="gesperrt">jetzt</em>.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p>»Eben deshalb geh' ich, Ezel,« antwortete sie leise. »Es soll
-klar zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.«</p>
-
-<p>Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden
-Momenten auch das hören will, was einem den Tod
-gibt. Und nun war es gesprochen. Er ließ den Stuhl wieder
-nieder und warf sich hinein, und einen Augenblick war es ihm,
-als schwänden ihm die Sinne. Aber er erholte sich rasch wieder,
-rieb sich Stirn und Schläfe und sagte: »Gut. Auch das. Ich
-will es verwinden. Laß uns miteinander reden. Auch darüber
-reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein Lebtag. Aber
-ich weiß auch, es ist so Lauf der Welt und ich habe kein Recht,
-dir Moral zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir! …
-Es mußte so kommen, <em class="gesperrt">mußte</em> nach dem Van der Straatenschen
-Hausgesetz (warum sollen wir nicht auch ein Hausgesetz haben)
-und ich glaube fast, ich wußt' es von Jugend auf.« Und nach
-einer Weile fuhr er fort: »Es gibt ein Sprichwort ›Gottes
-Mühlen mahlen langsam‹ und sieh, als ich noch ein kleiner
-Junge war, hört' ich's oft von unserer alten Kindermuhme
-und mir wurd' immer so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung.
-Nun bin ich zwischen den zwei Steinen und mir
-ist, als würd' ich zermahlen und zermalmt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Zermahlen?« Er schlug mit der rechten in die linke Hand
-und wiederholte noch einmal und in plötzlich verändertem
-Tone: »Zermahlen! Es hat eigentlich etwas Komisches. Und
-wahrhaftig, hol' die Pest alle feigen Memmen. Ich will mich
-nicht länger damit quälen. Und ich ärgere mich über mich
-selbst und meine Haberei und Tuerei. Bah, die Nachmittagsprediger
-der Weltgeschichte machen zu viel davon, und wir sind
-dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit
-Vergessen allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-wie's war und ist und sein wird. Oder war es besser
-in den Tagen meines Paten Ezechiel? Oder als Adam grub
-und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte Testament ein
-Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und
-ich sage dir, Lanni, gemessen an <em class="gesperrt">dem</em>, sind wir die reinen
-Lämmchen, weiß wie Schnee. Waisenkinder. Und so höre mich
-denn. Es soll niemand davon wissen, und ich will es halten,
-als ob es mein eigen wäre. Deine ist es ja, und das ist die
-Hauptsache. Denn so du's nicht übel nimmst, ich liebe dich
-und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts sein. <em class="gesperrt">Soll</em> nicht.
-Aber bleibe.«</p>
-
-<p>Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschüttert
-gewesen, aber er selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefühl
-wieder weggesprochen. Es war eben immer dasselbe Lied.
-Alles, was er sagte, kam aus einem Herzen voll Gütigkeit und
-Nachsicht, aber die Form, in die sich diese Nachsicht kleidete,
-verletzte wieder. Er behandelte das, was vorgefallen, aller Erschütterung
-unerachtet, doch bagatellmäßig obenhin und mit
-einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war wohlgemeint,
-und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche
-nach, den Vorteil davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur
-sträubte sich innerlichst gegen eine solche Behandlungsweise.
-Das Geschehene, das wußte sie, war ihre Verurteilung vor der
-Welt, war ihre Demütigung, aber es war doch auch zugleich
-ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rückhaltlose Bekenntnis
-ihrer Neigung. Und nun plötzlich sollt' es <em class="gesperrt">nichts</em>
-sein, oder doch nicht viel mehr als nichts, etwas ganz Alltägliches,
-über das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse. Das
-widerstand ihr. Und sie fühlte deutlich, daß das Geschehene
-verzeihlicher war als seine Stellung zu dem Geschehenen.<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-Er hatte keinen Gott und keinen Glauben, und es blieb nur
-das eine zu seiner Entschuldigung übrig: daß sein Wunsch, ihr
-goldne Brücken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich um
-<em class="gesperrt">jeden</em> Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem
-Herzen dachte. Ja, so war es. Aber wenn es so war, so konnte
-sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen. Jedenfalls wollte
-sie's nicht.</p>
-
-<p>»Du meinst es gut, Ezel,« sagte sie. »Aber es kann nicht
-sein. Es hat eben alles seine natürliche Konsequenz, und <em class="gesperrt">die</em>,
-die hier spricht, die scheidet uns. Ich weiß wohl, daß auch anderes
-geschieht, jeden Tag, und es ist noch keine halbe Stunde, daß
-mir Christel davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist
-das Gesetz ins Herz geschrieben, und danach fühl' ich, ich muß
-fort. Du liebst mich, und deshalb willst du darüber hinsehen.
-Aber du darfst es nicht und du <em class="gesperrt">kannst</em> es auch nicht. Denn du
-bist nicht jede Stunde derselbe, keiner von uns. Und keiner kann
-vergessen. Erinnerungen aber sind mächtig, und Fleck ist Fleck,
-und Schuld ist Schuld.«</p>
-
-<p>Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem
-Kamin hin, um ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hellbrennende
-Flamme zu werfen. Aber plötzlich, als ob ihr ein ganz
-neuer Gedanke gekommen, sagte sie mit der ganzen Lebhaftigkeit
-ihres früheren Wesens: »Ach, Ezel, ich spreche von Schuld
-und wieder Schuld, und es muß beinah klingen, als sehnt'
-ich mich danach, eine büßende Magdalena zu sein. Ich schäme
-mich ordentlich der großen Worte. Aber freilich, es gibt keine
-Lebenslagen, in denen man aus der Selbsttäuschung und dem
-Komödienspiele herauskäme. Wie steht es denn eigentlich?
-Ich will fort, nicht aus Schuld, sondern aus Stolz, und will
-fort, um mich vor mir selber wieder herzustellen. Ich kann das<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an aller Lüge haftet;
-ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die
-Augen aufschlagen können. Und das kann ich nur, wenn ich
-gehe, wenn ich mich von dir trenne und mich offen und vor
-aller Welt zu meinem Tun bekenne. Das wird ein groß Gerede
-geben, und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden
-es mir nicht verzeihn. Aber die Welt besteht nicht aus lauter
-Tugendhaften und Selbstgerechten, sie besteht auch aus Menschen,
-die Menschliches menschlich ansehen. Und auf <em class="gesperrt">die</em> hoff' ich, <em class="gesperrt">die</em>
-brauch' ich. Und vor allem brauch' ich mich selbst. Ich will wieder
-in Frieden mit mir selber leben und wenn nicht in Frieden,
-so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.«</p>
-
-<p>Es schien, daß Van der Straaten antworten wollte, aber
-sie litt es nicht und sagte: »Sage nicht nein. Es ist so und
-nicht anders. Ich will den Kopf wieder hochhalten und mich
-wieder fühlen lernen. Alles ist eitel Selbstgerechtigkeit. Und
-ich weiß auch, es wäre besser und selbstsuchtsloser, ich bezwänge
-mich und bliebe, freilich immer vorausgesetzt, ich könnte mit
-einer Einkehr bei mir selbst beginnen. Mit Einkehr und mit
-Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur ein ganz äußerliches
-Schuldbewußtsein, und wo mein Kopf sich unterwirft,
-da protestiert mein Herz. Ich nenn' es selber ein störrisches
-Herz und ich versuche keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht
-anders durch mein Schelten und Schmähen. Und sieh, so hilft
-mir denn eines nur und reißt mich eines nur aus mir heraus:
-ein ganz neues Leben und in ihm <em class="gesperrt">das</em>, was das erste vermissen
-ließ: Treue. Laß mich gehen. Ich will nichts beschönigen,
-aber das laß mich sagen: es trifft sich gut, daß das Gesetz, das
-uns scheidet, und mein eignes selbstisches Verlangen zusammenfallen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie
-ließ es geschehen. Als er sich aber niederbeugen und ihr die
-Stirn küssen wollte, wehrte sie's und schüttelte den Kopf.
-»Nein, Ezel, nicht so. Nichts mehr zwischen uns, was stört
-und verwirrt und quält und ängstigt, und immer nur erschweren
-und nichts mehr ändern kann … Ich werd' erwartet. Und
-ich will mein neues Leben nicht mit einer Unpünktlichkeit beginnen.
-Unpünktlich sein, ist unordentlich sein. Und davor hab'
-ich mich zu hüten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen,
-Ordnung und Einheit. Und nun leb' wohl und vergiß.«</p>
-
-<p>Er hatte sie gewähren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche,
-die neben ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentür
-gekommen war, die zu der Kinderschlafstube führte, blieb
-sie stehen und sah sich noch einmal um. Er nahm es als ein gutes
-Zeichen und sagte: »Du willst die Kinder sehen!«</p>
-
-<p>Es war das Wort, das sie gefürchtet hatte, das Wort, das
-in ihr selber sprach. Und ihre Augen wurden groß, und es flog
-um ihren Mund, und sie hatte nicht die Kraft ein »Nein« zu
-sagen. Aber sie bezwang sich und schüttelte nur den Kopf
-und ging auf Tür und Flur zu.</p>
-
-<p>Draußen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer
-Herrin das Täschchen abzunehmen und sie die beiden Treppen
-hinabzubegleiten. Aber Melanie wies es zurück und sagte:
-»Laß, Christel, ich muß nun meinen Weg allein finden.« Und
-auf der zweiten Treppe, die dunkel war, begann sie wirklich zu
-suchen und zu tappen.</p>
-
-<p>»Es beginnt früh,« sagte sie.</p>
-
-<p>Das Haus war schon auf, und draußen blies ein kalter Wind
-von der Brüderstraße her über den Platz weg, und der Schnee
-federte leicht in der Luft. Sie mußte dabei des Tages denken,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-nun beinah jährig, wo der Rollwagen vor ihrem Hause hielt,
-und wo die Flocken auch wirbelten wie heut, und die kindische
-Sehnsucht über sie kam, zu steigen und zu fallen wie sie.</p>
-
-<p>Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu, die nach dem
-Spittelmarkt führt, und sah nichts als den Laternenanstecker
-ihres Reviers, der mit seiner langen schmalen Leiter immer
-vor ihr her lief und wenn er oben stand, halb neugierig und
-halb pfiffig auf sie niedersah und nicht recht wußte, was er aus
-ihr machen sollte.</p>
-
-<p>Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu.
-Der Kutscher schlief, und das Pferd eigentlich auch, und da
-nichts Besseres in Sicht war, so zupfte sie den immer noch
-Verschlafenen an seinem Mantel und stieg endlich ein und
-nannt' ihm den Bahnhof. Und es war auch, als ob er sie verstanden
-und zugestimmt habe. Kaum aber, daß sie saß, so wandt'
-er sich auf dem Bock um und brummelte durch das kleine Guckloch:
-»er sei Nachtdroschke, un janz klamm, un von Klock elwe
-nichts in'n Leib. Un er wolle jetzt nach Hause.« Da mußte
-sie sich aufs Bitten legen, bis er endlich nachgab. Und nun
-schlug er auf das arme Tier los und holprig ging es die lange
-Straße hinunter.</p>
-
-<p>Sie warf sich zurück und stemmte die Füße gegen den Rücksitz,
-aber die Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlöschende
-Lämpchen füllte die Droschke mit einem trüben
-Qualm. Ihre Schläfen fühlten mehr und mehr einen Druck
-und ihr wurde weh und widrig in der elenden Armeleute-Luft.
-Endlich ließ sie die Fenster nieder und freute sich des frischen
-Windes, der durchzog. Und freute sich auch des erwachenden
-Lebens der Stadt, und jeden Bäckerjungen, der trällernd und
-pfeifend und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-an ihr vorüberzog, hätte sie grüßen mögen. Es war doch ein
-heiterer Ton, an dem sich ihre Niedergedrücktheit aufrichten konnte.</p>
-
-<p>Sie waren jetzt bis an die letzte Querstraße gekommen, und
-in fortgesetztem und immer nervöser werdendem Hinaussehen
-erschien es ihr, als ob alle Fuhrwerke, die denselben Weg
-hatten, ihr eignes elendes Gefährt in wachsender Eil' überholten.
-Erst einige, dann viele. Sie klopfte, rief. Aber alles
-umsonst. Und zuletzt war es ihr, als läg' es an ihr, und als
-versagten <em class="gesperrt">ihr</em> die Kräfte, und als sollte sie die letzte sein und
-käme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht und nie
-mehr. Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie. »Mut,
-Mut,« rief sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre
-Füße von dem Rücksitzkissen und richtete sich auf. Und sieh,
-ihr wurde besser. Mit ihrer äußeren Haltung kam ihr auch die
-innere zurück.</p>
-
-<p>Und nun endlich hielt die Droschke und weil weder oben noch
-auch vorne bei dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar
-war, war auch niemand da, der sich dienstbar gezeigt und den
-Droschkenschlag geöffnet hätte. Sie mußt' es von innen her
-selber tun und sah sich um und suchte. »Wenn er nicht da wäre!«
-Doch sie hatte nicht Zeit, es auszudenken. Im nächsten Augenblicke
-schon trat von einem der Auffahrtspfeiler her Rubehn
-an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich
-zu sein. Ihr Fuß stand eben auf dem mit Stroh umwickelten
-Tritt und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und
-flüsterte: »Gott sei Dank! Ach, war <em class="gesperrt">das</em> eine Stunde! Sei
-gut, einzig Geliebter, und lehre sie mich vergessen.«</p>
-
-<p>Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder, und nahm
-ihren Arm und das Täschchen, und so schritten sie die Treppe
-hinauf, die zu dem Perron und dem schon haltenden Zuge führte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap17">17<br />
-Della Salute</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">»Nach Süden!« Und in kurzen, oft mehrtägig unterbrochenen
-Fahrten, wie sie Melanies erschütterte Gesundheit
-unerläßlich machte, ging es über den Brenner, bis
-sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst das
-Osterfest abzuwarten und »Nachrichten aus der Heimat«.
-Es war ein absichtlich indifferentes Wort, das sie wählten,
-während es sich doch in Wahrheit um Mitteilungen handelte,
-die für ihr Leben entscheidend waren und die länger ausblieben
-als erwünscht. Aber endlich waren sie da, diese »Nachrichten
-aus der Heimat«, und der nächste Morgen bereits sah beide vor
-dem Eingang einer kleinen englischen Kapelle, deren alten
-Reverend sie schon vorher kennen gelernt und durch seine Milde
-dazu bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar
-Freunde waren zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen
-Handlung brach man auf, um, nach monatelangem Eingeschlossensein
-in der Stadt, einmal außerhalb ihrer Mauern aufatmen
-und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa d'Este
-freuen zu können. Und alles freute sich wirklich, am meisten
-aber Melanie. Sie war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was
-ihr das Herz bedrückt hatte, war wie mit einem Schlage von
-ihr genommen und sie lachte wieder, wie sie seit lange nicht
-mehr gelacht hatte, kindlich und harmlos. Ach, wem <em class="gesperrt">dies</em>
-Lachen wurde, dem bleibt es, und wenn es schwand, so kehrt
-es wieder. Und es überdauert alle Schuld und baut uns die
-Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere Zeit.</p>
-
-<p>Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie
-wollt' es noch freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden,<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-in ihre Wohnung zurückkehrte, drin die treffliche römische Wirtin
-außer dem hohen Kaminfeuer auch schon die dreidochtige Lampe
-angezündet hatte, beschloß sie, denselben Abend noch an ihre
-Schwester Jakobine zu schreiben, allerlei Fragen zu tun und
-nebenher von ihrem Glück und ihrer Reise zu plaudern.</p>
-
-<p>Und sie tat es und schrieb.</p>
-
-<p>»Meine liebe Jakobine. Heute war ein rechter Festestag
-und was mehr ist, auch ein glücklicher Tag, und ich möchte
-meinem Danke so gern einen Ausdruck geben. Und da schreib'
-ich denn. Und an wen lieber, als an Dich, Du mein geliebtes
-Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht mehr hören?
-Oder darfst Du nicht?</p>
-
-<p>Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen
-Querstraße, die nach dem Tiber hinführt, und wenn ich die
-Straße hinuntersehe, so blinken mir, vom andern Ufer her,
-ein paar Lichter entgegen. Und diese Lichter kommen von der
-Farnesina, der berühmten Villa, drin Amor und Psyche sozusagen
-aus allen Fensterkappen sehen. Aber ich sollte nicht
-so scherzhaft über derlei Dinge sprechen, und ich könnt' es
-auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle gewesen wären.
-Endlich, endlich! Und weißt Du, wer mit unter den Zeugen
-war? Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tänzer
-von Dachrödens her. Und lieb und gut und ohne Hoffart.
-Und wenn man in der Acht ist, die noch schlimmer ist als das
-Unglück, so hat man ein Auge dafür, und das Bild, Du weißt
-schon, über das ich damals so viel gespottet und gescherzt habe,
-es will mir nicht aus dem Sinn. Immer dasselbe ›Steinige,
-steinige‹. Und die Stimme schweigt, die vor den Pharisäern
-das himmlische Wort sprach.</p>
-
-<p>Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p>
-
-<p>Wir reisten in kleinen Tagereisen und ich war anfänglich
-abgespannt und freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte,
-so war es nur um Rubens willen. Denn er tat mir so leid.
-Eine weinerliche Frau! Ach, das ist das Schlimmste, was es gibt.
-Und gar erst auf Reisen. Und so ging es eine ganze Woche lang,
-bis wir in die Berge kamen. Da wurd' es besser, und als wir
-neben dem schäumenden Inn hinfuhren und an demselben
-Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles Quartier
-fanden, da fiel es von mir ab und ich konnte wieder aufatmen.
-Und als Ruben sah, daß mir alles so wohltat und mich erquickte,
-da blieb er noch den folgenden Tag und besuchte mit mir alle
-Kirchen und Schlösser und zuletzt auch die Kirche, wo Kaiser Max
-begraben liegt. Es ist derselbe von der Martinswand her, und
-derselbe auch, der zu Luthers Zeiten lebte. Freilich schon als ein
-sehr alter Herr. Und es ist auch der, den Anastasius Grün als
-›Letzten Ritter‹ gefeiert hat, worin er vielleicht etwas zu weit
-gegangen ist. Ich glaube nämlich nicht, daß er der letzte Ritter
-war. Er war überhaupt zu stark und zu korpulent für einen
-Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find' ich, daß Gryczinski
-ritterlicher ist. Sonderbarerweise fühl' ich mich überhaupt
-eingepreußter, als ich dachte, so daß mir auch das Bildnis
-Andreas Hofers wenig gefallen hat. Er trägt einen Tiroler
-Spruchgürtel um den Leib und wurde zu Mantua, wie Du vielleicht
-gehört haben wirst, erschossen. Manche tadeln es, daß er sich
-geängstigt haben soll. Ich für mein Teil habe nie begreifen
-können, wie man es tadeln will, nicht gern erschossen zu werden.</p>
-
-<p>Und dann gingen wir über den Brenner, der ganz in Schnee
-lag, und es sah wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand,
-an der unser Zug emporkletterte, zwei, drei andre Züge
-tief unter uns sahen, so winzig und unscheinbar wie die Futterkästchen<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-an einem Zeisigbauer. Und denselben Abend noch
-waren wir in Verona. Das vorige Mal, als ich dort war, hatt'
-ich es nur passiert, jetzt aber blieben wir einen Tag, weil mir
-Ruben das altrömische Theater zeigen wollte, das sich hier befindet.
-Es war ein kalter Tag und mich fror in dem eisigen
-Winde, der ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben.
-Wie beschreib' ich es Dir nur? Du mußt Dir das Opernhaus
-denken, aber nicht an einem gewöhnlichen Tage, sondern an
-einem Subskriptionsballabend, und an der Stelle, wo die
-Musik ist, rundet es sich auch noch. Es ist nämlich ganz eiförmig
-und amphitheatralisch, und der Himmel als Dach darüber,
-und ich würd' es alles sehr viel mehr noch genossen haben, wenn
-ich mich nicht hätte verleiten lassen, in einem benachbarten
-Restaurant ein Salamifrühstück zu nehmen, das mir um ein
-Erhebliches zu national war.</p>
-
-<p>Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn
-ich Duquede wäre, so würd' ich sagen: es wird überschätzt. Es
-ist voller Engländer und Bilder, und mit den Bildern wird
-man nicht fertig. Und dann haben sie die ›Cascinen‹, etwas
-wie unsre Tiergarten- oder Hofjägerallee, worauf sie sehr stolz
-sind, und man sieht auch wirklich Fuhrwerke mit sechs und
-zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden. Aber ich habe
-sie nicht gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren.
-Über den Arno führt eine Budenbrücke, nach Art des
-Rialto, und wenn Du von den vielen Kirchen und Klöstern absehen
-willst, so gilt der alte Herzogspalast als die Hauptsehenswürdigkeit
-der Stadt. Und am schönsten finden sie den kleinen
-Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwächst, nicht viel
-anders als ein Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie
-darum. Es soll aber sehr originell gedacht sein. Und zuletzt<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-findet man es auch. Und in der Nähe befindet sich eine lange
-schmale Gasse, die neben der Hauptstraße herläuft und in der
-beständig Wachteln am Spieß gebraten werden. Und alles
-riecht nach Fett, und dazwischen Lärm und Blumen und aufgetürmter
-Käse, so daß man nicht weiß, wo man bleiben und
-ob man sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut
-man sich, und es ist eigentlich das Hübscheste, was ich auf meiner
-ganzen Reise gesehen habe. Natürlich Rom ausgenommen.
-Und nun bin ich in Rom.</p>
-
-<p>Aber Herzens-Jakobine, davon kann ich Dir heute nicht
-schreiben, denn ich bin schon auf dem vierten Blatt und Ruben
-wird ungeduldig und wirft aus seiner dunklen Ecke Konfetti
-nach mir, trotzdem wir den Karneval längst hinter uns haben.
-Und so brech' ich denn ab und tue nur noch ein paar Fragen.</p>
-
-<p>Freilich, jetzt wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir
-nicht recht aus der Feder und Du mußt sie erraten. Rätsel sind
-es nicht. In Deiner Antwort sei schonend, aber verschweige
-nichts. Ich muß das Unangenehme, das Schmerzliche tragen
-lernen. Es ist nicht anders. Über all das geb' ich mich keinen
-Illusionen hin. Wer in die Mühle geht, wird weiß. Und die
-Welt wird schlimmere Vergleiche wählen. Ich möchte nur,
-daß bei meiner Verurteilung über die ›mildernden Umstände‹
-nicht ganz hinweggegangen würde. Denn sieh, ich konnte nicht
-anders. Und ich habe nur noch den <em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, daß es mir
-vergönnt sein möchte, <em class="gesperrt">dies</em> zu beweisen. Aber dieser Wunsch
-wird mir versagt bleiben und ich werd' allen Trost in meinem
-Glück und alles Glück in meiner Zurückgezogenheit suchen und
-finden müssen. Und das werd' ich. Ich habe genug von dem
-Geräusch des Lebens gehabt und ich sehne mich nach Einkehr
-und Stille. Die hab' ich <em class="gesperrt">hier</em>. Ach, wie schön ist diese Stadt,<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-und mitunter ist es mir, als wär' es wahr und als käm' uns
-jedes Heil und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist
-ein seliges Wandeln an diesem Ort, ein Sehen und Hören als
-wie im Traum.</p>
-
-<p>Und nun meine süße Jakobine, lebe wohl und schreibe
-recht viel und recht ausführlich. Es interessiert mich alles, und
-ich sehne mich nach Nachricht, vor allem nach Nachricht …
-Aber Du weißt es ja. Nichts mehr davon. Immer die Deine.</p>
-
-<p class="right">
-Melanie R.«
-</p>
-
-<p>Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben,
-in dem dunklen Gefühl, daß eine rasche Beförderung auch eine
-rasche Antwort erzwingen könne. Aber diese Antwort blieb
-aus, und die darin liegende Kränkung würde sehr schmerzlich
-empfunden worden sein, wenn nicht Melanie wenige Tage
-nach Absendung des Briefes, in ihre frühere Melancholie zurückverfallen
-wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie sterben werde,
-versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom
-von Tränen aus. Denn sie hing am Leben und genoß inmitten
-ihres Schmerzes <em class="gesperrt">ein</em> unendliches Glück: die Nähe des geliebten
-Mannes.</p>
-
-<p>Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen.
-Denn alle Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller, je
-trüber die Tage waren. Er kannte nur Rücksicht; keine Mißstimmung,
-keine Klage wurde laut, und über das Vornehme
-seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen.</p>
-
-<p>Und so vergingen trübe Wochen.</p>
-
-<p>Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte,
-daß vor allem das Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt
-für beständig neue Eindrücke gesorgt werden müsse. Mit
-anderen Worten, das was er vorschlug, war ein beständiger<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Orts- und Luftwechsel. Ein solch tagtägliches Hin und Her
-sei freilich selber ein Übel, aber ein kleineres, und jedenfalls
-das einzige Mittel, der inneren Ruhelosigkeit abzuhelfen.</p>
-
-<p>Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von
-der Kranken apathisch angenommen.</p>
-
-<p>In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von
-Eisenbahn und großen Straßen, ging es, durch Umbrien, immer
-höher hinauf an der Ostküste hin, bis sich plötzlich herausstellte,
-daß man nur noch zehn Meilen von Venedig entfernt sei. Und
-siehe, da kam ihr ein tiefes und sehnsüchtiges Verlangen, ihrer
-Stunde dort warten zu wollen. Und sie war plötzlich wie verändert
-und lachte wieder und sagte: »Della Salute! Weißt
-du noch? … Es heimelt mich an, es erquickt mich: das Wohl,
-das Heil! O, komm. Dahin wollen wir.«</p>
-
-<p>Und sie gingen, und dort war es, wo die bange Stunde
-kam. Und einen Tag lang wußte der Zeiger nicht, wohin er
-sich zu stellen habe, ob auf Leben oder Tod. Als aber am Abend,
-von über dem Wasser her, ein wunderbares Läuten begann,
-und die todmatte Frau auf ihre Frage »von wo« die Antwort
-empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich auf und sagte:
-»Nun weiß ich, daß ich leben werde.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap18">18<br />
-Wieder daheim</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Und ihre Hoffnung hatte sie nicht betrogen. Sie genas
-und erst als die Herbsttage kamen, und das Gedeihen des
-Kindes und vor allem auch ihr eigenes Wohlbefinden einen
-Aufbruch gestattete, verließen sie die Stadt, an die sie sich
-durch ernste und heitere Stunden aufs innigste gekettet fühlten,<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-und gingen in die Schweiz, um in dem lieblichsten der Täler,
-in dem Tale »zwischen den Seen« eine neue vorläufige Rast
-zu suchen.</p>
-
-<p>Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein
-scharfer Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüber
-fuhr und den Tag darauf der Schnee so dicht fiel, daß nicht
-nur die »Jungfrau«, sondern auch jede kleinste Kuppe verschneit
-und vereist ins Tal hernieder sah, sagte Melanie: »Nun ist es
-Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das Alter und nicht jede
-Landschaft der Schnee. Der Winter ist in diesem Tale nicht
-zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher. Und ich
-möchte nun wieder <em class="gesperrt">da</em> hin, wo man sich mit ihm eingelebt hat
-und ihn versteht.«</p>
-
-<p>»Ich glaube gar,« lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der
-Rousseau-Insel!«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei
-Stunden könnte ich von hier aus in Genf sein und das Haus
-wiedersehen, darin ich geboren wurde. Aber ich habe keine
-Sehnsucht danach. Es zieht mich nach dem <em class="gesperrt">Norden</em> hin und
-ich empfind' ihn mehr und mehr als meine Herzensheimat.
-Und was auch dazwischen liegt, er muß es bleiben.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und
-Melanie wieder in der Hauptstadt eingetroffen und mit
-ihnen die Vreni oder »das Vrenel«, eine derbe schweizerische
-Magd, die sie, während ihres Aufenthaltes in Interlaken, zur
-Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine vorzügliche
-Wahl. Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem
-Bruder empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden:
-eine reizende Mansarde dicht am Westende des Tiergartens,<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-ebenso reich wie geschmackvoll eingerichtet, und beinah Wand
-an Wand mit Duquede. »Sollen wir gute Nachbarschaft mit
-ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres Eintretens
-unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.</p>
-
-<p>Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung,
-überhaupt über alles, und gleich am andern Vormittage setzte
-sie sich, als sie allein war, in eine der tiefen Fensternischen
-und sah auf die bereiften Bäume des Parks und auf ein paar
-Eichkätzchen, die sich haschten und von Ast zu Ast sprangen.
-Wie oft hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit Liddi und Heth
-durch den Tiergarten gefahren war! Es stand plötzlich alles
-wieder vor ihr, und sie fühlte, daß ein Schatten auf die heiteren
-Bilder ihrer Seele fiel.</p>
-
-<p>Endlich aber zog es auch <em class="gesperrt">sie</em> hinaus, und sie wollte die
-Stadt wieder sehen, die Stadt und bekannte Menschen.
-Aber wen? Sie konnte nur bei der Freundin, bei dem
-Musikfräulein vorsprechen. Und sie tat es auch, ohne daß sie
-schließlich eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam ihr
-vertraulich und beinah überheblich entgegen, und in begreiflicher
-Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück.
-Auch hier war nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in
-schlechter Laune, die Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit
-kam erst wieder, als sie Rubehns Stimme draußen auf dem
-Vorflur hörte.</p>
-
-<p>Und nun trat er ein.</p>
-
-<p>Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und
-sie nahm des geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd
-mit ihm über den dicken, türkischen Teppich hin. Aber er litt
-von der Hitze, die sie mit ihrem Taschentuche vergeblich fortzufächeln
-bemüht war. »Und nun sind wir im Norden!« lachte<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-er. »Und nun sage, haben wir im Süden je so was von Glut
-und Samum auszuhalten gehabt?«</p>
-
-<p>»O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erstemal
-nach dem Lido hinausfuhren? Ich wenigstens vergeß' es
-nicht. All mein Lebtag hab' ich mich nicht so geängstigt, wie
-damals auf dem Schiff: erst die Schwüle und dann der Sturm.
-Und dazwischen das Blitzen. Und wenn es noch ein Blitzen gewesen
-wäre! Aber wie feurige Laken fiel es vom Himmel.
-Und du warst so ruhig.«</p>
-
-<p>»Das bin ich immer, Herz, oder such' es wenigstens zu sein.
-Mit unserer Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert.«</p>
-
-<p>»Ich weiß doch nicht, ob du recht hast. In unserer Angst und
-Sorge beten wir, auch wir, die wir's in unseren guten Tagen
-an uns kommen lassen. Und das versöhnt die Götter. Denn
-sie wollen, daß wir uns in unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit
-fühlen lernen. Und haben sie nicht recht?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nur, daß <em class="gesperrt">du</em> recht hast. Immer. Und dir zu Liebe
-sollen auch die Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?«</p>
-
-<p>»Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör' es
-wenigstens gern. Aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Lassen wir das ›aber‹ und nehmen wir lieber unseren
-Tee, der uns ohnehin schon erwartet. Und er hilft auch immer
-und gegen alles, und wird uns auch aus dieser afrikanischen
-Hitze helfen. Um aber sicher zu gehen, will ich doch lieber noch
-das Fenster öffnen.« Und er tat's, und unter dem halb aufgezogenen
-Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein.</p>
-
-<p>»Wie mild und weich,« sagte Melanie.</p>
-
-<p>»Zu weich,« entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns
-auf kältere Luftströme gefaßt machen müssen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p>
-
-<h2 id="kap19">19<br />
-Inkognito</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Melanie war froh, wieder daheim zu sein.</p>
-
-<p>Was sich ihr notwendig entgegenstellen mußte, das übersah
-sie nicht, und die Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben
-hatte, war auch ihre Furcht. Aber sie war doch andrerseits
-sanguinischen Gemüts genug, um der Hoffnung zu leben, sie
-werd' es überwinden. Und warum sollte sie's nicht? Was geschehen
-erschien ihr, der Gesellschaft gegenüber, so gut wie ausgeglichen;
-allem Schicklichen war genügt, alle Formen waren
-erfüllt, und so gewärtigte sie nicht einer Strenge zu begegnen,
-zu der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu <em class="gesperrt">müssen</em>
-glaubt, vielleicht einfach in dem Bewußtsein davon, daß, wer
-in einem Glashause wohnt, nicht mit Steinen werfen soll.</p>
-
-<p>Melanie gewärtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger
-stimmte sie dem Vorschlage bei, wenigstens während der
-nächsten Wochen noch ein Inkognito bewahren und erst von
-Neujahr an die nötigsten Besuche machen zu wollen.</p>
-
-<p>So war es denn natürlich, daß man den Weihnachtsabend
-im engsten Zirkel verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder
-und der alte Frankfurter Prokurist, ein versteifter und schweigsamer
-Junggeselle, dem sich erst beim dritten Schoppen die
-Zunge zu lösen pflegte, waren erschienen, um die Lichter am
-Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten, wurd'
-auch das Aninettchen herbeigeholt, und Melanie nahm das
-Kind auf den Arm und spielte mit ihm und hielt es hoch. Und
-das Kind schien glücklich und lachte und griff nach den Lichtern.</p>
-
-<p>Und glücklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer
-ihn an diesem Abende gesehen hätte, der hätte nichts von Behagen<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-und Gemütlichkeit an ihm vermißt. Alles Amerikanische
-war abgestreift.</p>
-
-<p>In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl
-serviert worden, und als einleitend erst durch Anastasia und
-danach auch durch den jüngeren Rubehn ein paar scherzhafte
-Gesundheiten ausgebracht worden waren, erhob sich zuletzt auch
-der alte Prokurist, um »aus vollem Glas und vollem Herzen«
-einen Schlußtoast zu proponieren. Das Beste des Lebens,
-das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das Inkognito. Alles
-was sich auf den Markt oder auf die Straße stelle, das tauge
-nichts, oder habe doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert
-habe, das ziehe sich zurück, das berge sich in Stille, das verstecke
-sich. Die lieblichste Blume, darüber könne kein Zweifel
-sein, sei das Veilchen, und die poetischste Frucht, darüber könne
-wiederum kein Zweifel sein, sei die Walderdbeere. Beide versteckten
-sich aber, beide ließen sich suchen, beide lebten sozusagen
-inkognito. Und somit lasse er das Inkognito leben, oder die
-Inkognitos, denn Singular oder Plural sei ihm durchaus gleichgültig:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Das oder die,<br /></span>
-<span class="i0">Ein volles Glas für Melanie;<br /></span>
-<span class="i0">Die oder das,<br /></span>
-<span class="i0">Für Ebenezer ein volles Glas.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und danach fing er an zu singen.</p>
-
-<p>Erst zu später Stunde trennte man sich und Anastasia versprach,
-am andern Tage zu Tisch wieder zu kommen; abermals
-einen Tag später aber (Rubehn war eben in die Stadt gegangen),
-erschien das Vrenel, um in ihrem Schweizer Deutsch und
-zugleich in sichtlicher Erregung den Polizeirat Reiff zu melden.
-Und sie beruhigte sich erst wieder, als ihre junge Herrin<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-antwortete: »Ah, sehr willkommen. Ich lasse bitten, einzutreten.«</p>
-
-<p>Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz
-unverändert: derselbe Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack,
-dieselbe weiße Weste.</p>
-
-<p>»Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff,« sagte
-Melanie und wies mit der Rechten auf einen neben ihr stehenden
-Fauteuil. »Sie waren immer mein guter Freund, und ich denke,
-Sie bleiben es.«</p>
-
-<p>Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und
-tat Fragen über Fragen. Endlich aber ließ er durch Zufall
-oder Absicht auch den Namen Van der Straatens fallen.</p>
-
-<p>Melanie blieb unbefangen und sagte nur: »Den Namen
-dürfen Sie nicht nennen, lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht.
-Nicht als ob er mir unfreundliche Bilder weckte. Nein, o nein.
-Wäre das, so dürften Sie's. Aber gerade weil mir der Name
-nichts Unfreundliches zurückruft, weil ich nur weiß, ihm, der
-ihn trägt, wehe getan zu haben, so quält und peinigt er mich.
-Er mahnt mich an ein Unrecht, das dadurch nicht kleiner wird,
-daß ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht empfinde.
-Also nichts von ihm. Und auch nichts …« Und sie schwieg
-und fuhr erst nach einer Weile fort: »Ich habe nun mein Glück,
-ein wirkliches Glück; <em class="antiqua">mais il faut payer pour tout et deux
-fois pour notre bonheur</em>.«</p>
-
-<p>Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil
-er nicht recht verstanden hatte.</p>
-
-<p>»Wir aber, lieber Reiff,« nahm Melanie wieder das Wort,
-»wir müssen einen neutralen Boden finden. Und das werden
-wir. Das zählt ja zu den Vorzügen der großen Stadt. Es gibt
-immer hundert Dinge, worüber sich plaudern läßt. Und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-bloß um Worte zu machen, nein, auch mit dem Herzen. Nicht
-wahr? Und ich rechne darauf, Sie wiederzusehen.«</p>
-
-<p>Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin
-er gekommen war, nicht allzulange warten zu lassen. Melanie
-aber sah ihm nach und freute sich, als er wenige Häuser entfernt
-dem aus der Stadt zurückkommenden Rubehn begegnete.
-Beide grüßten einander.</p>
-
-<p>»Reiff war hier,« sagte Rubehn, als er einen Augenblick
-später eintrat. »Wie fandest du ihn?«</p>
-
-<p>»Unverändert. Aber verlegener, als ein Polizeirat sein sollte.«</p>
-
-<p>»Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.«</p>
-
-<p>»Glaubst du?«</p>
-
-<p>»Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren
-sind verschieden. Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren. Aber
-vor dieser Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Und so
-lächerlich es ist, ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, daß
-wir morgen ins schwarze Buch kommen.«</p>
-
-<p>»Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement für mich.
-Oder ist es meinerseits bloß Eitelkeit und Einbildung?«</p>
-
-<p>»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren,
-… ihr bester Freund, ihr leiblicher Bruder, ist nie sicher vor
-ihnen. Und wenn man sich darüber erstaunt oder beklagt, so
-heißt es ironisch und achselzuckend: <em class="antiqua">c'est mon métier</em>.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen und der
-Zeitpunkt war da, wo das junge Paar aus seinem Inkognito
-heraustreten wollte. Wenigstens Melanie. Sie war noch
-immer nicht bei Jakobine gewesen, und wiewohl sie sich, in Erinnerung
-an den unbeantwortet gebliebenen Brief, nicht viel
-gutes von diesem Besuche versprechen konnte, so mußt' er doch<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie mußte Gewißheit
-haben, wie sich die Gryczinskis stellen wollten.</p>
-
-<p>Und so fuhr sie denn nach der Alsenstraße.</p>
-
-<p>Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte
-Treppe hinauf und klingelte. Und bald konnte sie hinter
-der Korridor-Glaswand ein Hin- und Herhuschen erkennen.
-Endlich aber wurde geöffnet.</p>
-
-<p>»Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?«</p>
-
-<p>»Nein, Frau Kommerzien… Ach, wie die gnädige Frau
-bedauern wird! Aber Frau von Heysing waren hier und haben
-die gnädige Frau zu dem großen Bilde abgeholt. Ich glaube
-›die Fackeln des Nero‹.«</p>
-
-<p>»Und der Herr Major?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen verlegen. »Er
-wollte fort. Aber ich will doch lieber erst&nbsp;…«</p>
-
-<p>»O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie
-meiner Schwester, oder der gnädigen Frau, daß ich da war.
-Oder besser, nehmen Sie meine Karte&nbsp;…«</p>
-
-<p>Danach grüßte Melanie kurz und ging.</p>
-
-<p>Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: »Das ist <em class="gesperrt">er</em>.
-Sie ist ein gutes Kind und liebt mich.« Und dann legte sie
-die Hand aufs Herz und lächelte: »Schweig stille, mein Herze.«</p>
-
-<p>Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hörte, war
-wenig überrascht, und noch weniger, als am andern Morgen
-ein Brief eintraf, dessen zierlich verschlungenes J. v. G. über
-die Absenderin keinen Zweifel lassen konnte. Wirklich, es waren
-Zeilen von Jakobine. Sie schrieb:</p>
-
-<p>»Meine liebe Melanie. Wie hab' ich es bedauert, daß wir
-uns verfehlen mußten. Und nach so langer Zeit! Und nachdem
-ich Deinen lieben, langen Brief unbeantwortet gelassen habe!<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Er war so reizend, und selbst Gryczinski, der doch so kritisch ist
-und alles immer auf Disposition hin ansieht, war eigentlich
-entzückt. Und nur an der einen Stelle nahm er Anstoß, daß
-alles Heil und aller Trost nach wie vor aus Rom kommen solle.
-Das verdroß ihn, und er meinte, daß man dergleichen auch
-nicht im Scherze sagen dürfe. Und meine Verteidigung ließ er
-nicht gelten. Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katholisch
-und ich denke mir, daß er so streng und empfindlich ist, weil er es
-persönlich los sein und von sich abwälzen möchte. Denn sie
-sind immer noch sehr diffizil oben, und Gryczinski, wie Du weißt,
-ist zu klug, als daß er etwas wollen sollte, was man oben <em class="gesperrt">nicht</em>
-will. Aber es ändert sich vielleicht wieder. Und ich bekenne
-Dir offen, <em class="gesperrt">mir</em> wär' es recht, und ich für mein Teil hätte nichts
-dagegen, sie sprächen erst wieder von etwas anderm. Ist es
-denn am Ende wirklich so wichtig und eine so brennende Frage?
-Und wär' es nicht wegen der vielen Toten und Verwundeten,
-so wünscht' ich mir einen neuen Krieg. (Es heißt übrigens,
-sie rechneten schon wieder an einem.) Und <em class="gesperrt">hätten</em> wir den
-Krieg, so wären wir die ganze Frage los und Gryczinski wäre
-Oberstleutnant. Denn er ist der dritte. Und ein paar von den
-alten Generälen, oder wenigstens von den ganz alten, werden
-doch wohl endlich abgehen müssen.</p>
-
-<p>Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski
-und von mir, und vergesse ganz nach Dir und nach Deinem Befinden
-zu fragen. Ich bin überzeugt, daß es Dir gut geht und
-daß Du mit dem Wechsel in allen wesentlichen Stücken zufrieden
-bist. Er ist reich und jung, und bei Deinen Lebensanschauungen,
-mein' ich, kann es Dich nicht unglücklich machen, daß er unbetitelt
-ist. Und am Ende, wer jung ist, hofft auch noch. Und Frankfurt
-ist ja jetzt preußisch. Und da findet es sich wohl noch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wär' ich selbst gekommen,
-und hätte nach allem Großen und Kleinen gesehen,
-ja, auch nach allem Kleinen, und wem es eigentlich ähnlich ist.
-Aber er hat es mir verboten und hat auch dem Diener gesagt,
-›daß wir nie zu Hause sind‹. Und Du weißt, daß ich nicht den
-Mut habe, ihm zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu widersprechen.
-Denn etwas widersprochen hab' ich ihm. Aber da
-fuhr er mich an und sagte: ›Das unterbleibt. Ich habe nicht
-Lust um solcher Allotria willen beiseite geschoben zu werden.
-Und sieh dich vor, Jakobine. Du bist ein entzückendes kleines
-Weib (er sagte wirklich so), aber ihr seid wie die Zwillinge,
-wie die Druväpfel und es spukt dir auch so was im Blut. Ich
-bin aber nicht Van der Straaten und führe keine Generositätskomödien
-auf. Am wenigsten auf meine Kosten‹. Und dabei
-warf er mir <em class="antiqua">de haut en bas</em> eine Kußhand zu und ging aus
-dem Zimmer.</p>
-
-<p>Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich
-habe nicht einmal geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn
-ich fühle, daß er recht hat und daß eine sonderbare Neugier in
-mir steckt. Und darin treffen es die Bibelleute, wenn sie so
-vieles auf unsere Neugier schieben … Elimar, der freilich
-nicht mit zu den Bibelleuten gehört, sagte mal zu mir: ›Das
-Hübscheste sei doch das Vergleichenkönnen.‹ Er meinte, glaub'
-ich, in der Kunst. Aber die Frage beschäftigt mich seitdem, und
-ich glaube kaum, daß es sich auf die Kunst beschränkt. Übrigens
-hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr
-eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann sehe ich Dich. Und
-wenn er wiederkommt, so beicht' ich ihm alles. Ich kann es dann.
-Er ist dann immer so zärtlich. Und ein Blaubart ist er überhaupt
-nicht. Und bis dahin Deine</p>
-
-<p class="right">
-Jakobine.«
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>Melanie ließ das Blatt fallen und Rubehn nahm es auf.
-Er las nun auch und sagte: »Ja, Herz, das sind die Tage, von
-denen es heißt, sie gefallen uns nicht. Ach, und sie <em class="gesperrt">beginnen</em>
-erst. Aber laß, laß. Es rennt sich alles tot und am ehesten <em class="gesperrt">das</em>.«</p>
-
-<p>Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem
-Anfluge heiterer Übertreibung: »Mit meinem Mantel vor dem
-Sturm beschützt' ich dich, beschützt' ich dich.«</p>
-
-<p>Und dann erhob er sich wieder und küßte sie, und sagte:
-»<em class="antiqua">Cheer up, dear!</em>«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap20">20<br />
-Liddi</h2>
-</div>
-
-<p class="drop"><em class="antiqua">»Cheer up, dear</em>,« hatte Rubehn Melanie zugerufen und
-sie wollte dem Zurufe folgen. Aber es glückte nicht,
-konnte nicht glücken, denn jeder neue Tag brachte neue Kränkungen.
-Niemand war für sie zu Haus, ihr Gruß wurde nicht
-erwidert, und ehe der Winter um war, wußte sie, daß man
-sie, nach einem stillschweigenden Übereinkommen, in den Bann
-getan habe. Sie war tot für die Gesellschaft, und die tiefe
-Niedergedrücktheit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung
-geführt, wenn ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite
-gestanden hätte. Nicht nur in herzlicher Liebe, nein vor allem
-auch in jener heitren Ruhe, die sich der Umgebung entweder
-mitzuteilen oder wenigstens nicht ohne stillen Einfluß auf sie
-zu bleiben pflegt. »Ich kenne das, Melanie. Wenn es in London
-etwas ganz Apartes gibt, so heißt es »<em class="antiqua">it is a nine days wonder</em>,«
-und mit diesen neun Tagen ist das höchste Maß von Erregungsandauer
-ausgedrückt. Das ist in London. Hier dauert es etwas
-länger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir
-wieder den Regenbogen und das Fest der Versöhnung.«</p>
-
-<p>»Die Gesellschaft ist unversöhnlich.«</p>
-
-<p>»Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen, ist ihr eigentlich unbequem.
-Sie weiß schon warum. Und so wartet sie nur auf
-das Zeichen, um das große Hinrichtungsschwert wieder in die
-Scheide zu stecken.«</p>
-
-<p>»Aber dazu muß etwas geschehen.«</p>
-
-<p>»Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen
-Fällen eigentlich nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und
-müssen ehrlich bemüht sein, einen andern zu machen. Einen entgegengesetzten.
-Aber auf demselben Gebiete … Du verstehst?«</p>
-
-<p>Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: »Und ich schwöre
-dir's, ich will. Und wo die Schuld lag, soll auch die Sühne
-liegen. Oder sag' ich lieber, der Ausgleich. Auch <em class="gesperrt">das</em> ist ein
-Gesetz, so hoff' ich. Und das schönste von allen. Es braucht
-nicht alles Tragödie zu sein.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte
-hereingegeben: »Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler
-v. d. Hölle, Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der
-Uckermark.«</p>
-
-<p>»O, laß uns allein, Ruben,« bat Melanie, während sie sich
-erhob und der alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging.
-»Ach, mein liebes Riekchen! Wie mich das freut, daß du kommst,
-daß du da bist. Und wie schwer es dir geworden sein muß …
-Ich meine nicht bloß die drei Treppen … Ein halbes Stiftsfräulein
-und jeden Sonntag in Sankt Matthäi! Aber die
-Frommen, wenn sie's wirklich sind, sind immer noch die Besten.
-Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich, mein einziges,
-liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Und während sie so sprach, war sie bemüht, ihr beim Ablegen
-behilflich zu sein und das Seidenmäntelchen an einen
-Haken zu hängen, an den die Kleine nicht heranreichen konnte.</p>
-
-<p>»Meine liebe, alte Freundin,« wiederholte Melanie. »Ja,
-das warst du, Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin,
-die mir immer zum Guten geraten und nie zum Munde
-gesprochen hat. Aber es hat nicht geholfen, und ich habe nie
-begriffen, wie man Grundsätze haben kann oder Prinzipien,
-was eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch schwerer
-und unnötiger vorgekommen ist. Ich hab' immer nur getan,
-was ich wollte, was mir gefiel, wie mir gerade zumute war.
-Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch jetzt noch
-nicht. Aber gefährlich ist es, so viel räum' ich ein, und ich will
-es anders zu machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt.
-Und nun erzähle. Mir brennen hundert Fragen auf der Seele.«</p>
-
-<p>Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben,
-jetzt aber sagte sie, während sie die Augen niederschlug
-und dann wieder freundlich und fest auf Melanie richtete:
-»Habe doch mal sehen wollen … Und ich bin auch nicht
-hinter seinem Rücken hier. Er weiß es und hat mir zugeredet.«</p>
-
-<p>Melanie flogen die Lippen. »Ist er erbittert? Sag', ich
-will es hören. Aus <em class="gesperrt">deinem</em> Munde kann ich alles hören. In
-den Weihnachtstagen war Reiff hier. Da mocht' ich es nicht.
-Es ist doch ein Unterschied, <em class="gesperrt">wer</em> spricht. Ob die Neugier oder
-das Herz. Sag', ist er erbittert?«</p>
-
-<p>Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: »Wie
-denn! Erbittert! Wär' er erbittert, so wär' ich nicht hier. Er
-war unglücklich und ist es noch. Und es zehrt und nagt an ihm.
-Aber seine Ruhe hat er wieder. Das heißt, so vor den Menschen.
-Und dabei bleibt es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-er nur einem Menschen sein konnte. Und du warst sein Stolz,
-und er freute sich, wenn er dich sah.«</p>
-
-<p>Melanie nickte.</p>
-
-<p>»Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du
-das andre nicht gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt,
-und weil du nicht wußtest, was der Ernst des Lebens ist. Und
-Anastasia sang wohl immer: ›Wer nie sein Brot mit Tränen
-aß‹ und Elimar drehte dann das Blatt um. Aber singen und
-erleben ist ein Unterschied. Und du hast das Tränenbrot nicht
-gegessen und Anastasia hat es nicht gegessen, und Elimar
-auch nicht. Und so kam es, daß du nur getan hast, was dir gefiel
-oder wie dir zumute war. Und dann bist du von den
-Kindern fortgegangen, von den lieben Kindern, die so hübsch
-und so fein sind, und hast sie nicht einmal sehen wollen.
-Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach, mein armes,
-liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht verantworten.«</p>
-
-<p>Es war, als ob die Kleine noch weiter sprechen wollte. Aber
-Melanie war aufgesprungen und sagte: »Nein, Riekchen, an
-dieser Stelle hört es auf. Hier tust du mir unrecht. Sieh, du
-kennst mich so gut und so lange schon, und fast war ich selber
-noch ein Kind, als ich ins Haus kam. Aber das eine mußt du
-mir lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt, und hab' umgekehrt
-einen wahren Haß gehabt, mich besser zu machen als
-ich bin. Und diesen Haß hab' ich noch. Und so sag' ich dir denn,
-das mit den Kindern, mit meiner süßen kleinen Heth, die wie
-der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist
-wie die Frau Mama, nein, Riekchen, das mit den Kindern,
-<em class="gesperrt">das</em> trifft mich nicht.«</p>
-
-<p>»Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>»Ja, das bin ich, und ich weiß es wohl, manch andre hätt'
-es <em class="gesperrt">nicht</em> getan. Aber wenn man auf etwas an und für sich
-Trauriges stolz sein darf, so bin ich stolz darauf. Ich wollte
-gehn, das stand fest. Und wenn ich die Kinder sah, so konnt'
-ich nicht gehn. Und so hatt' ich denn meine Wahl zu treffen.
-Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben, in den Augen der
-Welt hab' ich es gewiß, aber es war wenigstens ein klares Spiel
-und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortläuft und aus keinem
-andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der
-begibt sich des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter
-zu spielen. Und das ist die Wahrheit. Ich bin ohne Blick und
-ohne Abschied gegangen, weil es mir widerstand, Unheiliges
-und Heiliges durcheinander zu werfen. Ich wollte keine sentimentale
-Verwirrung. Es steht mir nicht zu, mich meiner
-Tugend zu berühmen. Aber eins hab' ich wenigstens, Riekchen:
-ich habe feine Nerven für das, was paßt und nicht paßt.«</p>
-
-<p>»Und möchtest du jetzt sie sehen?«</p>
-
-<p>»Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?«</p>
-
-<p>»Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir
-einen Plan ausgedacht. Und wenn er glückt, so laß' ich wieder
-von mir hören. Und ich komm' entweder oder ich schreibe oder
-Jakobine schreibt. Denn Jakobine muß uns dabei helfen. Und
-nun Gott befohlen, meine liebe, liebe Melanie. Laß nur die
-Leute. Du bist doch ein liebes Kind. Leicht, leicht, aber das
-Herz sitzt an der richtigen Stelle. Und nun Gott befohlen, mein
-Schatz.«</p>
-
-<p>Und sie ging und weigerte sich das Mäntelchen anzuziehn,
-weil sie gerne rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer
-blieb sie stehn und half sich mit einiger Mühe selbst in die kleinen
-Ärmel hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="drop">Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch, zugleich
-sehnsüchtig erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als
-träte das Kleine, das nebenan in der Wiege lag, neben dieser
-Sehnsucht zurück. Gehörte sie doch ganz zu jenen Naturen, in
-deren Herzen eines immer den Vorrang behauptet.</p>
-
-<p>Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran,
-als endlich ein Billett abgegeben wurde, dem sie's ansah, daß
-es ihr gute Botschaft bringe. Es war von der Schwester, und
-Jakobine schrieb:</p>
-
-<p>»Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien
-die Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weißt,
-die hohen, dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der
-Eisenbahn fährt, überall deutlich erkennen kann und wo die
-Mitfahrenden im Coupé jedesmal fragen: ›Mein Gott, was ist
-das?‹ Und es ist auch nicht zu verwundern, denn es sieht eigentlich
-aus wie ein Malerstuhl, nur daß der Maler sehr groß sein
-müßte. Noch größer und langbeiniger als Gabler. Und erst
-in vierzehn Tagen kommt er zurück, worauf ich mich sehr, sehr
-freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch
-entschieden <em class="gesperrt">das</em>, was uns Frauen gefällt. Und früher hat er
-Dir auch gefallen, ja Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich
-war mitunter eifersüchtig, weil Du klüger bist als ich, und das
-haben sie gern. Aber weshalb ich eigentlich schreibe! Riekchen
-war hier und hat es mir ans Herz gelegt, und so denk' ich, wir
-säumen keinen Augenblick länger und Du kommst morgen um
-die Mittagsstunde. Da werden sie hier sein und Riekchen auch.
-Aber wir haben nichts gesagt und sie sollen überrascht werden.
-Und ich bin glücklich, meine Hand zu so was Rührendem bieten
-zu können. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das
-Schönste … Ach, meine liebe Melanie! … Aber ich schweige,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-Gryczinskis drittes Wort ist ja, daß es im Leben darauf
-ankomme, seine Gefühle zu beherrschen … Ich weiß doch
-nicht, ob er recht hat. Und nun lebe wohl. Immer Deine</p>
-
-<p class="right">
-J. v. G.«<br />
-</p>
-
-<p>Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung,
-die sie weder verbergen konnte noch wollte. So fand
-sie Rubehn und geriet in wirkliche Sorge, weil er aus Erfahrung
-wußte, daß solchen Überreizungen immer ein Rückschlag und
-solchen hochgespannten Erwartungen immer eine Enttäuschung
-zu folgen pflegt. Er suchte sie zu zerstreuen und abzuziehen, und
-war endlich froh, als der andere Morgen da war.</p>
-
-<p>Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein
-paar weiße Wölkchen schwammen oben im Blau. Melanie
-verließ das Haus noch vor der verabredeten Stunde, um ihren
-Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten. Ach, wie wohl ihr
-diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um sie begierig
-einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden Lebens
-und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen. Alle
-Hecken zeigten einen grünen Saum und an den geharkten
-Stellen, wo man das abgefallene Laub an die Seite gekehrt
-hatte, keimten bereits die grünen Blättchen des Gundermann
-und einmal war es ihr, als schöss' eine Schwalbe mit schrillem
-aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so passierte sie den
-Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt den kleinen,
-der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht hatte,
-den sie den »kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich
-auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte
-deutlich, wie ihr das Herz schlug.</p>
-
-<p>»In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Straße
-des Hergebrachten verlassen und abweichen von Regel und<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Gesetz. Es nutzt uns nichts, daß wir uns selber freisprechen.
-Die Welt ist doch stärker als wir und besiegt uns schließlich in
-unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht zu tun, als ich
-ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich wollte
-kein Rührspiel; entweder oder dacht' ich. Und ich glaub' auch
-noch, daß ich recht gedacht habe. Aber was hilft es mir? Was
-ist das Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern fürchtet.«</p>
-
-<p>Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der
-neben aller Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder und
-sie ging rasch auf das Gryczinskische Haus zu.</p>
-
-<p>Die Portiersleute, Mann und Frau, und zwei halberwachsene
-Töchter, mußten schon auf dem Hintertreppenwege von
-dem bevorstehenden Ereignisse gehört haben, denn sie hatten
-sich in die halbgeöffnete Souterraintür postiert und guckten
-einander über die Köpfe fort. Melanie sah es und sagte vor sich
-hin: »<em class="antiqua">A nine days wonder!</em> Ich bin eine Sehenswürdigkeit
-geworden. Es war mir immer das schrecklichste.«</p>
-
-<p>Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon
-da, die Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten
-über ihr gegenseitiges Aussehen. Und alles verriet Aufregung
-und Freude.</p>
-
-<p>Das Wohn- und Empfangszimmer, in das man jetzt eintrat,
-war ein großer und luftiger, aber im Verhältnis zu seiner
-Tiefe nur schmaler Raum, dessen zwei große Fenster (ohne
-Pfeiler dazwischen) einen nischenartigen Ausbau bildeten.
-Etwas Feierliches herrschte vor, und die roten, von beiden
-Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben ein gedämpftes,
-wundervolles Licht, das auf den weißen Tapeten reflektierte.
-Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber, bemerkte man eine
-hohe Tür, die nach dem dahinter gelegenen Eßzimmer führte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster
-Platz, die beiden anderen Damen mit ihr, und Jakobine versuchte
-nach ihrer Art eine Plauderei. Denn sie war ohne jede
-tiefere Bewegung und betrachtete das Ganze vom Standpunkt
-einer dramatischen Matinee. Riekchen aber, die wohl wahrnahm,
-daß die Blicke Melanies immer nur nach der <em class="gesperrt">einen</em>
-Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich das Gespräch
-und sagte: »Laß Binchen. Ich werde sie nun holen.«</p>
-
-<p>Eine peinliche Stille trat ein, Jakobine wußte nichts mehr
-zu sagen und war herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her
-die Musik eines vorüberziehenden Garderegiments hörbar
-wurde. Sie stand auf, stellte sich zwischen die Gardinen, und
-sah nach rechts hinaus … »es sind die Ulanen,« sagte sie.
-»Willst du nicht auch …« Aber ehe sie noch ihren Satz beenden
-konnte, ging die große Flügeltür auf und Riekchen, mit den
-beiden Kindern an der Hand, trat ein.</p>
-
-<p>Die Musik draußen verklang.</p>
-
-<p>Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert
-und beinah erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen.
-Als sie aber sah, daß Lydia einen Schritt zurück trat, blieb auch
-<em class="gesperrt">sie</em> stehen und ein Gefühl ungeheurer Angst überkam sie. Nur
-mit Mühe brachte sie die Worte heraus: »Heth, mein süßer,
-kleiner Liebling … Komm … Kennst du deine Mutter nicht
-mehr?«</p>
-
-<p>Und ihre ganze Kraft zusammen nehmend, hatte sie sich
-bis dicht an die Türe vorbewegt und bückte sich, um Heth mit
-beiden Händen in die Höhe zu heben. Aber Lydia warf ihr einen
-Blick bitteren Hasses zu, riß das Kind am Achselbande zurück und
-sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.«</p>
-
-<p>Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-Kleine mit sich fort und zu der halb offen gebliebenen Tür
-hinaus.</p>
-
-<p>Melanie war ohnmächtig zusammengesunken.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt,
-daß sie zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt
-worden. Riekchens Weisheiten und Jakobinens Albernheiten
-mußten ihr in ihrer Stimmung gleich unerträglich erscheinen.</p>
-
-<p>Als sie fort war, sagte Jakobine zu Riekchen: »Es hat doch
-einen rechten Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf
-gar nichts davon erfahren. Er ist ohnehin gegen Kinder. Und
-er würde mir doch nur sagen: ›Da siehst du, was dabei heraus
-kommt. Undank und Unnatur.‹«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap21">21<br />
-In der Nikolaikirche</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses,
-als Melanie wieder in ihre Wohnung eintrat. Das
-Herz war ihr zum Zerspringen, und sie sehnte sich nach Aussprache.
-Dann, das wußte sie, kamen ihr die Tränen und in
-den Tränen Trost.</p>
-
-<p>Aber Ruben blieb heute länger aus als gewöhnlich und
-zu den anderen Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch
-noch das Bangen und Sorgen um den geliebten Mann.
-Endlich kam er; es war schon Spätnachmittag und die
-drüben hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne
-warf eine Fülle greller Lichter durch die kleinen Mansardenfenster.
-Aber es war kalt und unheimlich, und Melanie sagte,
-während sie dem Eintretenden entgegenging: »Du bringst so<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-viel Kälte mit, Ruben. Ach, und ich sehne mich nach Licht
-und Wärme.«</p>
-
-<p>»Wie du nur bist,« entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit,
-während er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu
-zeigen trachtete. »Wie du nur bist! Ich sehe nichts als Licht,
-ein wahrer <em class="antiqua">embarras de richesse</em>, auf jedem Sofakissen und
-jeder Stuhllehne, und das Ofenblech flimmert und schimmert,
-als ob es Goldblech wäre. Und du sehnst dich nach Licht! Ich
-bitte dich, mich blendet's, und ich wollt', es wäre weniger oder
-wäre fort.«</p>
-
-<p>»Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.«</p>
-
-<p>Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er
-stehen und sagte teilnehmend: »Ich vergesse nach der Hauptsache
-zu fragen. Verzeihe. Du warst bei Jakobine. Wie lief
-es ab? Ich fürchte, nicht gut. Ich lese so was aus deinen
-Augen. Und ich hatt' auch eine Ahnung davon, gleich heute
-früh, als ich in die Stadt fuhr. Es war kein glücklicher Tag.«</p>
-
-<p>»Auch für dich nicht?«</p>
-
-<p>»Nicht der Rede wert. <em class="antiqua">A shadow of a shadow.</em>«</p>
-
-<p>Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen
-und griff mechanisch nach einem Album, das auf dem
-Sofatische lag. Seiner oft ausgesprochenen Ansicht nach war
-dies die niedrigste Form aller geistigen Beschäftigung, und so
-durft' es nicht überraschen, daß er während des Blätterns über
-das Buch fortsah und wiederholentlich fragte: »Wie war es?
-Ich bin begierig zu hören.«</p>
-
-<p>Aber sie konnte nur zu gut erkennen, daß er <em class="gesperrt">nicht</em> begierig
-war zu hören, und so sehr es sie nach Aussprache verlangt
-hatte, so schwer wurd' es ihr jetzt, ein Wort zu sagen, und sie
-verwirrte sich mehr als einmal, als sie, um ihm zu willfahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-von der tiefen Demütigung erzählte, die sie von ihrem eigenen
-Kinde hatte hinnehmen müssen.</p>
-
-<p>Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar
-hingeworfene Worte zu beruhigen, aber es war nicht anders,
-wie wenn einer einen Spruch herbetet.</p>
-
-<p>»Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie.
-»Ruben, mein Einziger, soll ich auch <em class="gesperrt">dich</em> verlieren?!« Und
-sie stellte sich vor ihn hin und sah ihn starr an.</p>
-
-<p>»O, sprich nicht so. Verlieren! Wir können uns nicht
-verlieren. Nicht wahr, Melanie, wir können uns nicht verlieren?«
-Und hierbei wurde seine Stimme momentan inniger
-und weicher. »Und was die Kinder angeht,« fuhr er nach
-einer Weile fort, »nun, die Kinder sind eben Kinder. Und
-eh' sie groß sind, ist viel Wasser den Rhein hinuntergelaufen.
-Und dann darfst du nicht vergessen, es waren nicht gerade
-die glänzendsten <em class="antiqua">metteurs en scène</em>, die es in die Hand
-nahmen. Unser Riekchen ist lieb und gut, und du hast sie
-gern, zu gern vielleicht; aber auch du wirst nicht behaupten
-wollen, daß die Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort
-an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls
-ist ihr nicht aufgemacht worden. Und Jakobine! <em class="antiqua">Pardon</em>,
-sie hat etwas von einer Prinzessin, aber von einer, die die
-Lämmer hütet.«</p>
-
-<p>»Ach, Ruben,« sagte Melanie, »du sagst so vieles durcheinander.
-Aber das rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts,
-was mich aufrichten, mich vor mir selbst wieder herstellen
-könnte. Mein eigen Kind hat mir den Rücken gekehrt. Und
-daß es noch ein Kind ist, das gerade ist das Vernichtende. Das
-richtet mich.«</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du nimmst es zu schwer.<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-Und glaubst du denn, daß Mütter und Väter außerhalb aller
-Kritik stehen?«</p>
-
-<p>»Wenigstens außerhalb <em class="gesperrt">der</em> ihrer Kinder.«</p>
-
-<p>»Auch <em class="gesperrt">der</em> nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen überall
-zu Gericht, still und unerbittlich. Und Lydia war immer ein
-kleiner Großinquisitor, wenigstens genferischen Schlages, und
-an ihr läßt sich die Rückschlagstheorie studieren. Ihr Urahne
-muß mitgestimmt haben, als man Servet verbrannte. Mich
-hätte sie gern mit auf dem Holzstoß gesehen, so viel steht fest.
-Und nun, laß uns schweigen davon. Ich muß noch in die Stadt.«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich, was ist? Was gibts?«</p>
-
-<p>»Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen,
-daß wir nach ihrem Abschluß zusammen bleiben. Ängstige dich
-nicht und vor allem erwarte mich nicht. Ich hasse junge Frauen,
-die beständig am Fenster passen, ›ob er noch nicht kommt‹ und
-mit dem Wächter unten auf du und du stehen, nur, um immer
-eine Heil-Ablieferungsgarantie zu haben. Ich perhorresziere
-das. Und das beste wird sein, du gehst früh zu Bett und schläfst
-es aus. Und wenn wir uns morgen früh wiedersehen, wirst du
-mir vielleicht zustimmen, daß Lydia Bescheidenheit lernen muß
-und daß zehnjährige dumme Dinger, Fräulein Liddi mit eingeschlossen,
-nicht dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer
-eigenen Frau Mama aufzuwerfen.«</p>
-
-<p>»Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fühlst es anders und
-bist zu klug und zu gerecht, als daß du nicht wissen solltest, das
-Kind hat recht.«</p>
-
-<p>»Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt
-es Ernsteres als das. Und nun Gott befohlen.«</p>
-
-<p>Und er nahm seinen Hut und ging.</p>
-
-<p>Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam.<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Aber erst am andern Morgen fragte sie nach der Konferenz
-und bemühte sich darüber zu scherzen. Er seinerseits antwortete
-in gleichem Ton und war wie gestern ersichtlich bemüht, mit
-Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm aufzurichten, hinter
-dem er, was eigentlich in ihm vorging, verbergen konnte.</p>
-
-<p>So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit
-ihr auch seine Zerstreutheit, und es kam vor, daß er mehrere
-Male dasselbe fragte. Melanie schüttelte den Kopf und sagte:
-»Ich bitte dich, Ruben, wo bist du? sprich.« Aber er versicherte
-nur, »es sei nichts, und sie forsche, wo nichts zu forschen sei.
-Zerstreutheit wäre ein Erbstück in der Familie, kein gutes,
-aber es sei einmal da, und sie müsse sich damit einleben und
-daran gewöhnen«. Und dann ging er, und sie fühlte sich freier,
-wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht gesprochen
-und <em class="gesperrt">er</em>, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte
-sie nur durch seine Gegenwart.</p>
-
-<p>Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag
-auf eine halbe Stunde vor, aber Melanie war froh, als das
-Gespräch ein Ende nahm und die mehr und mehr unbequem
-werdende Freundin wieder ging. Und so kam auch der zweite
-Festtag, unfestlich und unfreundlich wie der erste, und als
-Rubehn über Mittag erklärte, »daß er abermals eine Verabredung
-habe«, konnte sie's in ihrer Herzensangst nicht länger
-ertragen und sie beschloß in die Kirche zu gehen und eine Predigt
-zu hören. Aber wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen
-und Hochzeiten her, wo sie, neben Frommen und Nichtfrommen,
-manch liebes Mal bei Tisch gesessen und beim Nachhausekommen
-immer versichert hatte: »Geht mir doch mit eurem
-Pfaffenhaß. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten,
-wie heute mit Pastor Käpsel. Ist das ein reizender<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-alter Herr! Und so humoristisch und beinahe witzig. Und schenkt
-einem immer ein und stößt an und trinkt selber mit, und sagt
-einem verbindliche Sachen. Ich begreif' euch nicht. Er ist doch
-interessanter als Reiff oder gar Duquede.«</p>
-
-<p>Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage,
-daß sie keine mehr gehört hatte.</p>
-
-<p>Endlich entsann sie sich, daß ihr Christel von Abendgottesdiensten
-erzählt hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig.
-Es war weit, aber desto besser. Sie hatte so viel Zeit übrig und
-die Bewegung in der frischen Luft war seit Wochen ihr einziges
-Labsal. So machte sie sich auf den Weg und als sie die große
-Petristraße passierte, sah sie zu den erleuchteten Fenstern des
-ersten Stockes auf. Aber <em class="gesperrt">ihre</em> Fenster waren dunkel und auch
-keine Blumen davor. Und sie ging rascher und sah sich um,
-als verfolge sie wer, und bog endlich in den Nikolaikirchhof ein.</p>
-
-<p>Und nun in die Kirche selbst.</p>
-
-<p>Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie
-ging an der Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten
-reichgeschmückten Kanzel gerad' gegenüber war. Hier waren
-Bänke gestellt, nur drei oder vier, und auf den Bänken saßen
-Waisenhauskinder, lauter Mädchen in blauen Kleidern und
-weißen Brusttüchern, und dazwischen alte Frauen, das graue
-Haar unter einer schwarzen Kopfbinde versteckt, und die meisten
-einen Stock in Händen oder eine Krücke neben sich.</p>
-
-<p>Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen
-Mädchen kicherten und sich anstießen und immer nach ihr hinsahen
-und nicht begreifen konnten, daß eine so feine Dame zu solchem
-Gottesdienste käme. Denn es war ein Armen-Gottesdienst und
-deshalb brannten auch die Lichter so spärlich. Und nun schwieg
-Lied und Orgel, und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-dessen sie sich von ein paar großen und überschwänglichen
-Bourgeoisbegräbnissen her sehr wohl entsann, und von dem sie
-mehr als einmal in ihrer übermütigen Laune versichert hatte, »er
-spräche schon vorweg im Grabsteinstil. Nur nicht so kurz.« Aber
-heute sprach er kurz und pries auch keinen, am wenigsten überschwänglich,
-und war nur müd und angegriffen, denn es war der
-zweite Feiertag abend. Und so kam es, daß sie nichts Rechtes
-für ihr Herz finden konnte, bis es zuletzt hieß: »Und nun, andächtige
-Gemeinde, wollen wir den vorletzten Vers unsres Osterliedes
-singen.« Und in demselben Augenblicke summte wieder
-die Orgel und zitterte, wie wenn sie sich erst ein Herz fassen
-oder einen Anlauf nehmen müsse, und als es endlich voll und
-mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang und die Spittelfrauen
-mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rückten zwei von den
-kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben
-ihr ihr Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Du lebst, du bist in Nacht mein Licht,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Trost in Not und Plagen,<br /></span>
-<span class="i0">Du weißt, was alles mir gebricht,<br /></span>
-<span class="i0">Du wirst mir's nicht versagen.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch
-zurück und dankte freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung
-zu verbergen. Dann aber murmelte sie Worte, die
-ein Gebet vorstellen sollten, und es vor dem Ohr dessen, der die
-Regungen unseres Herzens hört, auch wohl waren, und verließ
-die Kirche so still und seitab, wie sie gekommen war.</p>
-
-<p>In ihre Wohnung zurückgekehrt, fand sie Rubehn an seinem
-Arbeitstische vor. Er las einen Brief, den er, als sie eintrat,
-beiseite schob. Und er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand
-und führte sie nach ihrem Sofaplatz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Du warst fort?« sagte er, während er sich wieder setzte.</p>
-
-<p>»Ja, Freund. In der Stadt … In der Kirche.«</p>
-
-<p>»In der Kirche! Was hast du da gesucht?«</p>
-
-<p>»Trost.«</p>
-
-<p>Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, daß der
-Augenblick da war, wo sich's entscheiden müsse. Und sie sprang
-auf und lief auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder und legte
-beide Arme auf seine Knie: »Sage mir, was ist es? Habe Mitleid
-mit mir, mit meinem armen Herzen. Sieh, die Menschen
-haben mich aufgegeben und meine Kinder haben sich von mir
-abgewandt. Ach, so schwer es war, ich hätt' es tragen können.
-Aber daß du, <em class="gesperrt">du</em> dich abwendest von mir, das trag' ich nicht.«</p>
-
-<p>»Ich wende mich nicht ab von dir.«</p>
-
-<p>»Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht,
-aber mit deinem Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es?
-Es ist nicht Eifersucht, was mich quält. Ich könnte keine Stunde
-leben mehr, wär' es <em class="gesperrt">das</em>. Aber ein anderes ist es, was mich
-ängstigt, nicht viel Besseres: ich habe deine Liebe nicht mehr.
-Das ist mir klar, und unklar ist mir nur das eine, wodurch ich
-sie verscherzt. Ist es der Bann, unter dem ich lebe und den du
-mit zu tragen hast? Oder ist es, daß ich so wenig Licht und
-Sonnenschein in dein Leben gebracht und unsere Einsamkeit
-auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe? Oder ist es,
-daß du mir mißtraust? Ist es der Gedanke an das alte »heute
-dir und morgen mir«. O sprich. Ich will dich nicht leiden
-sehen. Ich werde weniger unglücklich sein, wenn ich dich
-glücklich weiß. Auch getrennt von dir. Ich will gehen, jede
-Stunde. Verlang' es und ich tu es. Aber reiße mich aus dieser
-Ungewißheit. Sage mir, was es ist, was dich drückt, was dir
-das Leben vergällt und verbittert. Sage mir's. Sprich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p>
-
-<p>Er fuhr sich über Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite
-geschobenen Brief und sagte: »Lies.«</p>
-
-<p>Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen
-vom alten Rubehn, dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und
-nun las sie: »Frankfurt, Ostersonntag. Ausgleich gescheitert.
-Arrangiere was sich arrangieren läßt. In spätestens acht Tagen
-muß ich unsere Zahlungseinstellung aussprechen. M. R. …«</p>
-
-<p>In Rubehns Mienen ließ sich, als sie las, erkennen, daß er
-einer neuen Erschütterung gewärtig war. Aber wie sehr hatte
-er sie verkannt, sie, die viel, viel mehr war, als ein bloß verwöhnter
-Liebling der Gesellschaft, und eh' ihm noch Zeit blieb
-über seinen Irrtum nachzudenken, hatte sie sich schon in einem
-wahren Freudenjubel erhoben und ihn umarmt und geküßt
-und wieder umarmt.</p>
-
-<p>»O, nur das! … O, nun wird alles wieder gut … Und
-was eurem Hause Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück,
-und nun weiß ich es, es kommt alles wieder in Schick und Richtung,
-weit über all mein Hoffen und Erwarten hinaus … Als
-ich damals ging, und das letzte Gespräch mit ihm hatte, sieh,
-da sprach ich von den Menschlichen unter den Menschen. Und
-es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Und auf diese Menschlichen
-baut' ich meine Zukunft und rechnete darauf, daß sie's
-versöhnen würde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und
-auch die Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt
-muß ich sagen, sie hatten recht. Denn die Liebe tut es nicht
-und die Treue tut es auch nicht. Ich meine die Werkeltagstreue,
-die nichts Besseres kann, als sich vor Untreue bewahren. Es
-ist eben nicht viel, treu zu sein, wo man liebt und wo die Sonne
-scheint und das Leben bequem geht und kein Opfer fordert.
-Nein, nein, die bloße Treue tut es nicht. Aber die bewährte<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-Treue, <em class="gesperrt">die</em> tut es. Und nun kann ich mich bewähren und will
-es und werd' es, und nun kommt <em class="gesperrt">meine</em> Zeit. Ich will nun
-zeigen, was ich kann, und will zeigen, daß alles Geschehene
-nur geschah, weil es geschehen mußte, weil ich dich liebte, nicht
-aber weil ich leicht und übermütig in den Tag hineinlebte und
-nur darauf aus war, ein bequemes Leben in einem noch bequemeren
-fortzusetzen.«</p>
-
-<p>Er sah sie glücklich an und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen
-in Wort und Miene riß ihn aus der tiefen Niedergedrücktheit
-seiner Seele heraus. Er hoffte nun selber wieder, aber
-Bangen und Zweifel liefen nebenher, und er sagte bewegt:
-»Ach, meine liebe Melanie, du warst immer ein Kind und du bist
-es auch in diesem Augenblicke noch. Ein verwöhntes und ein
-gutes, aber doch ein Kind. Sieh, von deinem ersten Atemzuge
-an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech' ich von Not, nie,
-solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfüllt geblieben. Und du
-hast gelebt wie im Märchen von ›Tischlein decke dich‹ und das
-Tischlein <em class="gesperrt">hat</em> sich dir gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit
-allem, was das Leben hat, auch mit Schmeicheleien und Liebkosungen.
-Und du bist geliebkost worden wie ein King-Charles-Hündchen
-mit einem blauen Band und einem Glöckchen daran.
-Und alles, was du getan hast, das hast du spielend getan. Ja,
-Melanie, spielend. Und nun willst du auch spielend entbehren
-lernen und denkst: es findet sich. Oder denkst auch wohl, es sei
-hübsch und apart und schwärmst für die Poetenhütte, die Raum
-hat für ein glücklich liebend Paar, oder wenigstens haben <em class="gesperrt">soll</em>.
-Ach, es liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Eßtisch und
-dem Maienbusch in jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das
-Futternäpfchen selber heranzieht. Und es ist schon richtig: die
-gemalte Dürftigkeit sieht geradeso gut aus, wie der gemalte<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-Reichtum. Aber wenn es aufhört Bild und Vorstellung zu sein
-und wenn es Wirklichkeit und Regel wird, dann ist Armut
-ein bitteres Brot, und Muß eine harte Nuß.«</p>
-
-<p>Es war umsonst. Sie schüttelte nur den Kopf immer wieder,
-und sagte dann in jener einschmeichelnden Weise, der so schwer
-zu widerstehen war: »Nein, nein, du hast unrecht. Und es liegt
-alles anders, ganz anders. Ich hab' einmal in einem Buche gelesen,
-und nicht in einem schlechten Buche, die Kinder, die
-Narren und die Poeten, die hätten immer recht. Vielleicht
-überhaupt, aber von ihrem Standpunkt aus ganz gewiß. Und
-ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst du schließen,
-wie <em class="gesperrt">sehr</em> ich recht habe. Dreifach recht. ›Ich will spielend entbehren
-lernen,‹ sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist es,
-um was es sich handelt. Und du glaubst einfach, ich könn' es
-nicht. Ich kann es aber, ich kann es ganz gewiß, so gewiß ich
-diesen Finger aufhebe, und ich will dir auch sagen, warum ich
-es kann. Den einen Grund hast du schon erraten: weil ich es
-mir so romantisch denke, so hübsch und apart. Gut, gut. Aber
-du hättest auch sagen können, weil ich andere Vorstellungen
-von Glück habe. Mir ist das Glück etwas anderes als ein Titel
-oder eine Kleiderpuppe. <em class="gesperrt">Hier</em> ist es, oder nirgends. Und so
-dacht' ich und fühlt' ich immer, und so war ich immer und so
-bin ich noch. Aber wenn es auch anders mit mir stünde, wenn
-ich auch an dem Flitter des Daseins hinge, so würd' ich doch die
-Kraft haben, ihm zu entsagen. <em class="gesperrt">Ein</em> Gefühl ist immer das
-herrschende, und seiner Liebe zuliebe kann man alles, alles.
-Wir Frauen wenigstens. Und <em class="gesperrt">ich</em> gewiß. Ich habe so vieles
-freudig hingeopfert und ich sollte nicht einen Teppich opfern
-können! Oder einen Vertiko! Ach, einen Vertiko!« und sie
-lachte herzlich. »Entsinnst du dich noch, als du sagtest: »Alles<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-sei jetzt Enquete.« Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen
-fortgeschritten und jetzt ist alles Vertiko!«</p>
-
-<p>Er war nicht überzeugt, seine praktisch-patrizische Natur
-glaubte nicht an die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte
-doch: »Es sei. Versuchen wir's. Also ein neues Leben, Melanie!«</p>
-
-<p>»Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese
-Wohnung auf und suchen uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde
-klingt freilich anspruchslos genug, aber dieser Trumeau
-und diese Bronzen sind um so anspruchsvoller. Ich habe nichts
-gelernt und das ist gut, denn wie die meisten, die nichts gelernt
-haben, weiß ich allerlei. Und mit Toussaint L'Ouverture fangen
-wir an, nein, nein, mit Toussaint-Langenscheidt, und in acht
-Tagen oder doch spätestens in vier Wochen geb' ich meine erste
-Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst
-du? Glaubst du?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Topp.«</p>
-
-<p>Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen
-und Scherzen in das Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit
-des Dieners eben den Teetisch arrangiert hatte.</p>
-
-<p>Und sie hatten an diesem Unglückstage wieder einen ersten
-glücklichen Tag.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="kap22">22<br />
-Versöhnt</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie
-gesagt hatte. Sie hatte dabei ganz ihre Frische wieder
-und eh ein Monat um war, war die modern und elegant eingerichtete
-Wohnung gegen eine schlichtere vertauscht und das<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-Stundengeben hatte begonnen. Ihre Kenntnis des Französischen
-und beinahe mehr noch ihr glänzendes musikalisches, auch nach
-der technischen Seite hin vollkommen ausgebildetes Talent
-hatten es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen, und
-zwar in ein paar großen, schlesischen Häusern, die gerade vornehm
-genug waren, den Tagesklatsch ignorieren zu können.</p>
-
-<p>Und bald sollte es sich herausstellen, wie nötig diese raschen
-und resoluten Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz
-erfolgte jäher als erwartet und jede Form der Einschränkung
-erwies sich als geboten, wenn nicht mit der finanziellen
-Reputation des großen Hauses auch die bürgerliche verloren
-gehen sollte. Jede neue Nachricht, von Frankfurt her, bestätigte
-dies und Rubehn, der anfangs nur allzu geneigt gewesen
-war, den Eifer Melanies für eine bloße Opferkaprice
-zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu
-folgen. Er trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus
-ein, zunächst mit nur geringem Gehalt, und war überrascht
-und glücklich zugleich, die berühmte Poetenweisheit von
-der »kleinsten Hütte« schließlich an sich selber in Erfüllung gehn
-zu sehn.</p>
-
-<p>Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen
-Morgen, wenn sie von der Wilmersdorfer Feldmark her am
-Rande des Tiergartens hin ihren Weg nahmen und an ihrer
-alten Wohnung vorüberkamen, sahen sie zu der eleganten
-Mansarde hinauf und atmeten freier, wenn sie der zurückliegenden
-schweren und sorgenreichen Tage gedachten. Und
-dann bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gänge
-des Parkes ein, bis sie zuletzt unter der schrägliegenden Hängeweide
-fort, die zwischen dem Königsdenkmal und der Luiseninsel
-steht und hier beinahe den Weg sperrt, in die breite Tiergartenstraße<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-wieder einmündeten. Den schrägliegenden Baum
-aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und Schlagbaum, weil
-sich dicht hinter demselben ein Leiermann postiert hatte, dem
-sie Tag um Tag ihren Wegezoll entrichten mußten. Er kannte
-sie schon, und während er die große Mehrheit, als wären es
-Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verächtlichen Blicke verfolgte,
-zog er vor unserem jungen Paare regelmäßig seine
-Militärmütze. Ganz aber konnt' er sich auch ihnen gegenüber
-nicht zwingen und verleugnen, und als sie den schon Pflicht
-gewordenen Zoll eines Tages vergessen oder vielleicht auch
-absichtlich nicht entrichtet hatten, hörten sie, daß er die Kurbel
-in Wut und Heftigkeit noch dreimal drehte und dann so jäh
-und plötzlich abbrach, daß ihnen ein paar unfertige Töne wie
-Knurr- und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: »Wir
-dürfen es mit niemand verderben, Ruben; Freundschaft ist
-heuer rar.« Und sie wandte sich wieder um und ging auf den
-Alten zu und gab ihm. Aber er dankte nicht, weil er noch
-immer in halber Empörung war.</p>
-
-<p>Und so verging der Sommer und der Herbst kam, und als
-das Laub sich zu färben und an den Ahorn- und Platanenbäumen
-auch schon abzufallen begann, da hatte sich bei denen, die Tag
-um Tag unter diesen Bäumen hinschritten, manches geändert
-und zwar zum Guten geändert. Wohl hieß es auch jetzt noch,
-wenn sie den alten Invaliden unter ihrerseits devotem Gruße
-passierten, »daß sie der neuen Freundschaften noch nicht sicher
-genug seien, um die bewährten alten aufgeben zu können,« aber
-diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in ihren
-Anfängen da. Man kümmerte sich wieder um sie, ließ sie gesellschaftlich
-wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen
-der Rubehnschen Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-gehabt und je nach ihrer klassischen oder christlichen
-Bildung und Beanlagung von »Nemesis« oder »Finger Gottes«
-gesprochen hatten, bequemten sich jetzt, sich mit dem hübschen
-Paare zu versöhnen, »das so glücklich und so gescheit sei, und nie
-klage und sich so liebe.« Ja, sich so liebe. <em class="gesperrt">Das</em> war es, was doch
-schließlich den Ausschlag gab, und wenn vorher ihre Neigung
-nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt die Stimmung
-in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch
-ein und dasselbe Gefühl, was bei Verurteilung und Begnadigung
-zu Gerichte saß, und wenn es anfangs eine sensationelle
-Befriedigung gewährt hatte, sich in Indignation zu stürzen,
-so war es jetzt eine kaum geringere Freude, von den »Inséparables«
-sprechen und über ihre »treue Liebe« sentimentalisieren
-zu können. Eine kleine Zahl Esoterischer aber führte den ganzen
-Fall auf die Wahlverwandtschaften zurück und stellte wissenschaftlich
-fest, daß einfach seitens des stärkeren und deshalb
-berechtigteren Elements das schwächere verdrängt worden sei.
-Das Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit
-sah sich denn auch der einen Winter lang auf den Schild gehobene
-Van der Straaten abgefunden und teilte das Schicksal aller
-Saisonlieblinge, noch schneller vergessen als erhoben zu werden.
-Ja, der Spott und die Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen
-ihn zu richten, und wenn des Falles ausnahmsweise noch gedacht
-wurde, so hieß es: »Er hat es nicht anders gewollt. Wie
-kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings, er soll einmal
-ein <em class="antiqua">lion</em> gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem ›Löwen‹ zu
-wohl wird …« Und dann lachten sie und freuten sich, daß es
-so gekommen, wie es gekommen.</p>
-
-<p>Ob Van der Straaten von diesen und ähnlichen Äußerungen
-hörte? Vielleicht. Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-sich selbst zu skeptisch und unerbittlich durchforscht, als daß er
-über die Wandlungen in dem Geschmacke der Gesellschaft, über
-ihr Götzenschaffen und Götzenstürzen auch nur einen Augenblick
-erstaunt gewesen wäre. Und so durfte denn von ihm gesagt
-werden, »er hörte, was man sprach, auch wenn er es <em class="gesperrt">nicht</em>
-hörte.« Weg über das Urteil der Menschen, galt ihm nur eines
-ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer
-eine selbständige Natur gewesen, frei und fest, und so war er
-geblieben. Und auch derselbe geblieben in seiner Nachsicht und
-Milde.</p>
-
-<p>Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon
-erfahren sollte.</p>
-
-<p>Es war schon ausgangs Oktober und nur wenig gelbes und
-rotes Laub hing noch an den halb kahl gewordenen Bäumen.
-Das meiste lag abgeweht in den Gängen und wurde, wo's
-trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern hatte sich das
-Wetter wieder geändert und nach langen Sturm- und Regentagen
-schien eine wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte
-dieses Jahres.</p>
-
-<p>Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute
-länger fort als erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die
-Magd in großer Aufregung heimkam und in ihrem schweren
-Schweizer-Deutsch über ein eben gehabtes Erlebnis berichtete.
-Sie hab' auf der Bank g'sesse, wo die vier Löwe das Brückle
-halte, und hätt' ebe g'sagt: »Sieh, Aninettle, des isch der alt
-Weibersommer, der will di einspinne, aber der hat di no lang
-nit,« un das Aninettl hab' grad g'juchzt un lacht un n'am Ohrring
-g'langt, do wäre zwei Herre über die Brück komme,
-so gute funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer hätt'
-g'sagt, e langer Spindelbein: »Schau des Silberkettle; des<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-isch e Schweizerin; un i wett, des isch e Kind vom Schweizer
-G'sandte.« Aber do hat der andre g'sagt: »Nei, des kann nit
-sein; den Schweizer G'sandte, den kenn i, un der hat kein Kind
-un kein Kegel …« Un do hat er z'mir g'sagt: »Ah nu, wem
-g'hört das Kind?« Und da hab' i g'sagt: »Dem Herr Rubehn,
-un's isch e Mädle, un heißt Aninettl.« Un do hab' i g'sehn,
-daß er sich verfärbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang,
-da hat er sich wieder umg'wandt und hat g'sagt: »'s isch d'
-Mutter, und lacht auch so, un hat dieselbe schwarze Haar'.
-Es isch e schön's Kindle. Findscht nit au?« Aber er hat's nit
-finde wolle und hat nur g'sagt: Ȇbertax es nit. Es gibt mehr
-so. Un's ischt e Kind aus 'm Dutzend.« Jo, so hat er g'sagt,
-der garstige Spindelbein: »'s gibt mehr so, un's ischt e Kind aus
-'m Dutzend.« Aber der gute Herre, der hat's Pätschle g'nomme
-un hat's g'streichelt. Un hat mi g'lobt, deß i so brav un g'scheit
-sei. Jo, so hat er g'sagt. Und dann sind sie gange.«</p>
-
-<p>All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt und Melanie
-war während der Tage, die folgten, immer wieder auf diese
-Begegnung zurückgekommen. Immer wieder und wieder hatte
-die Vreni jedes Kleinste nennen und beschreiben müssen, und
-so war es durch Wochen hin geblieben, bis endlich in den großen
-und kleinen Vorbereitungen zum Feste der ganze Vorfall vergessen
-worden war.</p>
-
-<p>Und nun war das Fest selber da, der heilige Abend, zu dem
-auch diesmal Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist,
-die sich zur Rückkehr nach Frankfurt nicht hatten entschließen
-können, geladen waren. Auch Anastasia.</p>
-
-<p>Melanie, die noch vor Eintreffen ihres Besuchs allerlei
-Wirtschaftliches anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak
-ordentlich, als sie gleich nach Dunkelwerden und lange<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-vor der festgesetzten Stunde die Klingel gehen hörte. Wenn
-das schon die Gäste wären! Oder auch nur einer von ihnen.
-Aber ihre Besorgnis währte nicht lange, denn sie hörte draußen
-ein Fragen und Parlamentieren und gleich darauf erschien das
-Vrenel und trug eine mittelgroße Kiste herein, auf der, ohne
-weitere Adresse, bloß das eine Wort »Julklapp« zu lesen war.</p>
-
-<p>»Ist es denn für uns, Vreni?« fragte Melanie.</p>
-
-<p>»I denk schon. I hab' ihm g'sagt: ›'s isch der Herr Rubehn,
-der hier wohnt. Und die Frau Rubehn.‹ Un do hat er g'sagt:
-›'s isch schon recht; des isch der Nam'‹. Un do hab' i's g'nomme.«</p>
-
-<p>Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube,
-wo man sich nun gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste
-machte. Nichts fehlte von den gewöhnlichen Julklapps-Zutaten
-und erst als man unten am Boden eines großen Gravensteiner
-Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: »Gib acht. Hierin steckt
-es.« Aber es ließ sich nichts erkennen, und schon wollte sie den
-Gravensteiner, wie alles andere, beiseite legen, als sich durch
-eine zufällige Bewegung ihrer Hand die geschickt zusammengepaßten
-Hälften des Apfels auseinanderschoben. »<em class="antiqua">Ah, voilà.</em>«
-Und wirklich, an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten
-war, lag ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Sie nahm
-es, entfernte langsam und erwartungsvoll eine Hülle nach der
-andern und hielt zuletzt ein kleines Medaillon in Händen, einfach
-ohne Prunk und Zierrat. Und nun drückte sie's an der
-Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt' es und es entfiel
-ihrer Hand. Es war, <em class="antiqua">en miniature</em>, der Tintoretto, den sie
-damals so lachend und übermütig betrachtet und für dessen
-Hauptfigur sie nur die Worte gehabt hatte: »Sieh, Ezel, sie
-hat geweint. Aber ist es nicht, als begriffe sie kaum ihre
-Schuld?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Ach, sie fühlte jetzt, daß das alles auch für sie selbst gesprochen
-war, und sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder
-auf und gab es an Ruben und errötete.</p>
-
-<p>Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, während
-er die Feder wieder zuknipste: »<em class="antiqua">King Ezel in all his glories!</em>
-Immer derselbe. Wohlwollend und ungeschickt. Ich werd' es
-tragen. Als Uhrgehäng, als Berlocke.«</p>
-
-<p>»Nein, <em class="gesperrt">ich</em>. Ach, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet.
-Und es soll mich erinnern und mahnen … jede Stunde&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als nötig
-und grüble nicht zuviel über das alte leidige Thema von Schuld
-und Sühne.«</p>
-
-<p>»Du bist hochmütig, Ruben.«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Nun gut. Dann bist du stolz.«</p>
-
-<p>»Ja, das bin ich, meine süße Melanie. Das bin ich. Aber
-auf was? Auf <em class="gesperrt">wen</em>?«</p>
-
-<p>Und sie umarmten sich und küßten sich, und eine Stunde
-später brannten ihnen die Weihnachtslichter in einem ungetrübten
-Glanz.</p>
-
-<p class="center p2">Ende</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Werke von Theodor Fontane:</p>
-</div>
-
-<div class="adv">
-<p><em class="gesperrt">Irrungen Wirrungen.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Graf Petöfy.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Schach von Wuthenow.</em> Erzählung aus der Zeit des
-Regiments Gensdarmes.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Stine.</em> Berliner Sittenroman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kriegsgefangen.</em> Erlebtes 1870.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aus den Tagen der Occupation.</em> Eine Osterreise.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Frau Jenny Treibel.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Meine Kinderjahre.</em> Autobiographischer Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Von vor und nach der Reise.</em> Plaudereien und
-kleine Geschichten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Effi Briest.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Poggenpuhls.</em> Erzählung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Von Zwanzig bis Dreißig.</em> Autobiographisches.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Stechlin.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Aus England und Schottland.</em> Reisebilder.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Causerien über Theater.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Briefe an seine Familie.</em> 2 Bände.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Cecile.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Unterm Birnbaum.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gedichte.</em></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Vor dem Sturm.</em> Roman aus dem Winter 1812 auf 1813.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Quitt.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Grete Minde.</em> Nach einer altmärkischen Chronik.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Unwiederbringlich.</em> Roman.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ellernklipp.</em> Nach einem Harzer Kirchenbuch.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wanderungen durch die Mark Brandenburg.</em> 5 Bde.</p></div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="center larger">S. Fischer, Verlag, Berlin</p>
-
-<p class="h2">Werke von E. v. Keyserling:</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Schwüle Tage</p>
-
-<p class="center">Novellen. <span class="smaller">Vierte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.</span></p>
-
-<p>In diesem neuen Buch Graf Keyserlings stehen zwei wunderbare
-Novellen vom aristokratischen Leben. Das Wesen alten
-Adels ist darin aufgefangen, nur von ganz köstlichen, erlesenen
-Dingen vibrieren hier die Seelen&nbsp;…</p>
-
-<p class="right">
-(Die Zeit, Wien)
-</p>
-
-<p>Die Erzählungen sind umsponnen von dem intimen Reiz einer
-hohen Geisteskultur, unter der des Autors Schöpfungen zu
-Kabinettstückchen werden von jener Besonderheit, wie etwa eine
-echte Brabanter Spitze oder ein alter Goldbrokat.</p>
-
-<p class="right">
-(Münchner Post)
-</p>
-
-<p>»Dorf- und Schloßgeschichten« könnte man diese Sammlung
-von drei Novellen überschreiben, die zum künstlerisch Vollendetsten
-zählen, was die neuere Literatur hervorgebracht hat. Es ist
-nicht nur der Titel eines Buches der Ebner-Eschenbach, den
-wir ihnen geben möchten &ndash; in dieser echten Dichternatur, in
-ihrer vornehmen Abgeschlossenheit und dem vollendeten Ebenmaße
-der Darstellung, in dem fast weiblichen Takte des Empfindens
-liegt etwas vom Wesen unserer österreichischen Dichterin.</p>
-
-<p class="right">
-(Neue Freie Presse, Wien)
-</p>
-
-<p>Das, was an den Novellen des Grafen Keyserling so wundervoll
-verführerisch am Werk ist, möchte ich nicht so sehr die
-mit slawischer Träumerei hinhauchende Melancholie dieser erlesenen
-Erzählungskunst nennen, als vielmehr die ganz reife,
-süße Kultur ihres Autors. Als Schriftsteller ist Keyserling ein
-brillanter Techniker, Impressionist, von einer Sicherheit, wie
-wir sie an deutschen Epikern überhaupt noch nicht gewohnt
-waren.</p>
-
-<p class="right">
-(Der Tag, Berlin)
-</p>
-
-<p class="h2">Dumala</p>
-
-<p class="center">Roman. <span class="smaller">Dritte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.</span></p>
-
-<p>Graf Keyserling, der jetzt in München lebende Kurländer, ist
-einer unserer kultiviertesten Prosaschriftsteller. Subtiler, feiner,
-innerlicher als er zeichnet heute kaum einer Gestalten, fängt
-kaum einer die landschaftliche Atmosphäre auf, die um den
-Menschen webt und sein Wesen bilden hilft. Seiner wundervollen
-Schloßgeschichte »Beate und Mareile«, seinem köstlichen
-Novellenband »Schwüle Tage« läßt er jetzt einen neuen Roman
-folgen: Dumala. So heißen Schloß und Ort, wo die Geschichte
-spielt, irgendwo in Kurland oder in Ostpreußen. Eine
-simple Geschichte von verbotener, sündiger Liebe, kaum eigenartig
-durch das Was des Erzählten, aber ganz einzig durch
-das persönliche Fluidum, das über dem Ganzen liegt und die
-intensive Stimmungskraft, die alle Einzelheiten tränkt und zu
-einem geschlossenen künstlerischen Organismus zusammenfaßt.
-Prachtvoll sind die Gestalten geschaut und in leibhafte Anschaulichkeit
-umgesetzt: der alte Baron, der rückenmarksleidend
-zu Dumala im Lehnstuhl sitzt und sich von seiner jungen Frau
-die erstarrten Glieder streichen läßt, der kraftvolle Pfarrer,
-der über seine hausbackene Ehe hinaus nach der frönen Baronin
-begehrt; der rücksichts- und skrupellose Nachbar, der die Einsame,
-nach Liebe Begehrende als willkommene Beute einfängt, ohne
-sie halten zu können, und dann diese Frau selbst, die den ganzen
-Kreis beherrscht und alle Männer unwiderstehlich in ihren Bannkreis
-zieht. Das »Zwischen den Menschen«, die unendlich feinen
-seelischen Fäden, die von einem zum anderen hinüberweben, sind
-hier mit erlesener Kunst fühlbar gemacht; und die Luft, in der
-sie atmen, wird uns vertraut. Das gibt dem Buch neben dem
-weltmännischen Ton und der Grazie des Stils seine Eigenart
-und seinen Wert.</p>
-
-<p class="right">
-(Königsberger Allgemeine Zeitung)
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center p2">
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Die unterschiedlichen Schreibweisen Rubehn und Ruben wurden wie im
-Original beibehalten.
-</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA ***
-
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