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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: L'Adultera - -Author: Theodor Fontane - -Release Date: August 28, 2016 [EBook #52912] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration] - - - - -Fischers Bibliothek - -zeitgenössischer Romane - - -Erster Jahrgang - -(Oktober 1908--September 1909) - - 1. Bd. Theodor Fontane, L'Adultera - 2. Bd. Jakob Schaffner, Die Erlhöferin - 3. Bd. Jonas Lie, Eine Ehe mit einer Einleitung von Herman Bang - 4. Bd. Gabriele Reuter, Liselotte von Reckling - 5. Bd. Gustaf af Geijerstam, Thora - 6. Bd. Th. Mann, Der kleine Herr Friedemann - 7. Bd. Hans Land, Stürme - 8. Bd. H. Bang, Hoffnungslose Geschlechter - 9. Bd. E. v. Keyserling, Beate und Mareile - 10/11. Bd. Gabriele d'Annunzio, Lust (2 Bände) - 12. Bd. Charlotte Knoeckel, Maria Baumann - - -Jeden Monat erscheint ein Band zum Preise von 1 Mark für das gebundene -Exemplar - - - - - L'Adultera - - Roman von - Theodor Fontane - - [Illustration] - - - S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - -Alle Rechte vorbehalten - - - - -1 - -Kommerzienrat Van der Straaten - - -Der Kommerzienrat Van der Straaten, Große Petristraße 4, war einer -der vollgültigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die -dadurch wenig alteriert wurde, daß er mehr eines geschäftlichen als -eines persönlichen Ansehens genoß. An der Börse galt er bedingungslos, -in der Gesellschaft nur bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man -herumhorchte, seinen Grund zu sehr wesentlichem Teile darin, daß er -zu wenig »draußen« gewesen war und die Gelegenheit versäumt hatte, -sich einen allgemein gültigen Weltschliff oder auch nur die seiner -Lebensstellung entsprechenden Allüren anzueignen. Einige neuerdings -erst unternommene Reisen nach Paris und Italien, die übrigens niemals -über ein paar Wochen hinaus ausgedehnt worden waren, hatten an diesem -Tatbestande nichts Erhebliches ändern können und ihm jedenfalls -ebenso seinen spezifisch lokalen Stempel wie seine Vorliebe für -drastische Sprichwörter und heimische »geflügelte Worte« von der -derberen Observanz gelassen. Er pflegte, um ihn selber mit einer seiner -Lieblingswendungen einzuführen, »aus seinem Herzen keine Mördergrube -zu machen,« und hatte sich, als reicher Leute Kind, von Jugend auf -daran gewöhnt, alles zu tun und zu sagen, was zu tun und zu sagen er -lustig war. Er haßte zweierlei: sich zu genieren und sich zu ändern. -Nicht als ob er sich in der Theorie für besserungsunbedürftig gehalten -hätte, keineswegs, er bestritt nur in der Praxis eine besondere -Benötigung dazu. Die meisten Menschen, so hieß es dann wohl in seinen -jederzeit gern gegebenen Auseinandersetzungen, seien einfach erbärmlich -und so grundschlecht, daß er, verglichen mit ihnen, an einer wahren -Engelgrenze stehe. Er sähe mithin nicht ein, warum er an sich arbeiten -und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem könne man jeden Tag an -jedem beliebigen Konventikler oder Predigtamtskandidaten erkennen, daß -es +doch+ zu nichts führe. Es sei eben immer die alte Geschichte, und -um den Teufel auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zög' es deshalb -vor, alles beim alten zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah er -sich selbstzufrieden um und schloß behaglich und gebildet: »O rühret, -rühret nicht daran,« denn er liebte das Einstreuen lyrischer Stellen, -ganz besonders solcher, die seinem echt berlinischen Hange zum bequem -Gefühlvollen einen Ausdruck gaben. Daß er eben diesen Hang auch wieder -ironisierte, versteht sich von selbst. - -Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine -sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen nichts -weiter waren, als etwas wilde Schößlinge seines Unabhängigkeitsgefühls -und einer immer ungetrübten Laune. Und in der Tat, es gab nichts in -der Welt, zu dem er allezeit so beständig aufgelegt gewesen wäre, wie -zu Bonmots und scherzhaften Repartis, ein Zug seines Wesens, der sich -schon bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu zeigen pflegte. Denn -die bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende Frage -nach seinen näheren oder ferneren Beziehungen zu dem Gutzkowschen -Vanderstraaten ward er nicht müde, prompt und beinahe paragraphenweise -dahin zu beantworten, daß er jede Verwandtschaft mit dem von der Bühne -her so bekannt gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen müsse, 1. -weil er seinen Namen nicht einwortig, sondern dreiwortig schreibe, 2. -weil er trotz seines Vornamens Ezechiel nicht bloß überhaupt getauft -worden sei, sondern auch das nicht jedem Preußen zuteil werdende Glück -gehabt habe, durch einen evangelischen Bischof, und zwar durch den -alten Bischof Roß, in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu sein, -und 3. und letztens weil er seit längerer Zeit des Vorzugs genieße, -die Honneurs seines Hauses nicht durch eine Judith, sondern durch eine -Melanie machen lassen zu können, durch eine Melanie, die, zu weiterem -Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine »Gemahlin« sei. Und -dies Wort sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit, in der -Scherz und Ernst geschickt zusammenklangen. - -Aber der Ernst überwog, wenigstens in seinem Herzen. Und es konnte -nicht anders sein, denn die junge Frau war fast noch mehr sein Stolz -als sein Glück. Älteste Tochter Jean de Caparoux', eines Adligen -aus der französischen Schweiz, der als Generalkonsul eine lange -Reihe von Jahren in der norddeutschen Hauptstadt gelebt hatte, war -sie ganz und gar als das verwöhnte Kind eines reichen und vornehmen -Hauses großgezogen und in all ihren Anlagen aufs glücklichste -herangebildet worden. Ihre heitere Grazie war fast noch größer als -ihr Esprit, und ihre Liebenswürdigkeit noch größer als beides. -Alle Vorzüge französischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob -auch die Schwächen? Es verlautete nichts darüber. Ihr Vater starb -früh, und statt eines gemutmaßten großen Vermögens fanden sich nur -Debets über Debets. Und um diese Zeit war es denn auch, daß der -zweiundvierzigjährige Van der Straaten um die siebzehnjährige Melanie -warb und ihre Hand erhielt. Einige Freunde beider Häuser ermangelten -selbstverständlich nicht, allerhand Trübes zu prophezeien. Aber sie -schienen im Unrecht bleiben zu sollen. Zehn glückliche Jahre, glücklich -für beide Teile, waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinzeß -im Märchen, und Van der Straaten seinerseits trug mit freudiger -Ergebung seinen Necknamen »Ezel«, in den die junge Frau den langatmigen -und etwas suspekten »Ezechiel« umgewandelt hatte. Nichts fehlte. Auch -Kinder waren da: zwei Töchter, die jüngere des Vaters, die ältere der -Mutter Ebenbild, groß und schlank und mit herabfallendem, dunklem Haar. -Aber während die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter -ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft. - - - - -2 - -L'Adultera - - -Die Wintermonate pflegten die Van der Straatens in ihrer Stadtwohnung -zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch war, doch an Komfort nichts -vermissen ließ. Jedenfalls aber bot sie für das gesellschaftliche -Treiben der Saison eine größere Bequemlichkeit, als die spreeabwärts am -Nordwestrande des Tiergartens gelegene Villa. - -Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen, und Van -der Straaten und Frau nahmen wie gewöhnlich in dem hochpaneelierten -Wohn- und Arbeitszimmer des ersteren ihr gemeinschaftliches Frühstück -ein. Von dem beinah unmittelbar vor ihrem Fenster aufragenden -Petri-Kirchturme herab schlug es eben neun, und die kleine französische -Stutzuhr sekundierte pünktlich, lief aber in ihrer Hast und Eile den -dumpfen und langsamen Schlägen, die von draußen her laut wurden, -weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der Hausherr selbst, -der, in einen Schaukelstuhl gelehnt und die Morgenzeitung in der -Hand, abwechselnd seinen Kaffee und den Subskriptionsballbericht -einschlürfte. Nur dann und wann ließ er seine Hand mit der Zeitung -sinken und lachte. - -»Was lachst du wieder, Ezel,« sagte Melanie, während sie mit ihrem -linken Morgenschuh kokettisch hin und her klappte. »Was lachst du -wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute noch kaufen wirst, gegen -dein häßliches, rotes und mir zum Tort wieder schief umgeknotetes -Halstuch, daß du nichts gefunden hast als ein paar Zweideutigkeiten.« - -»Er schreibt +zu+ gut,« antwortete Van der Straaten, ohne den -hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. »Und was mich am meisten -freut, sie nimmt es alles für Ernst.« - -»Wer denn?« - -»Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun höre. Oder lies es -selbst.« - -»Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit -ausgeschnittenen Kleidern und Anfangsbuchstaben.« - -»Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst. Ja, Lanni, er -geht stolz an dir vorüber.« - -»Ich würd' es mir auch verbitten.« - -»Verbitten! Was heißt verbitten? Ich verstehe dich nicht. Oder -glaubst du vielleicht, daß gewesene Generalkonsulstöchter in -vestalisch-priesterlicher Unnahbarkeit durchs Leben schreiten oder -sakrosankt sind wie Botschafter und Ambassaden! Ich will dir ein -Sprichwort sagen, das ihr in Genf nicht haben werdet ...« - -»Und das wäre?« - -»Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni, was man -ansehen darf, das darf man auch beschreiben. Oder verlangst du, daß ich -ihn fordern sollte? Pistolen und zehn Schritt Barriere.« - -Melanie lachte. »Nein Ezel, ich stürbe, wenn du mir totgeschossen -würdest.« - -»Höre, dies solltest du dir doch überlegen. Das Beste, was einer -jungen Frau wie dir passieren kann, ist doch immer die Witwenschaft, -oder »~le Veuvage~«, wie meine Pariser Wirtin mir einmal über das -andere zu versichern pflegte. Beiläufig, meine beste Reisereminiszenz. -Und dabei hättest du sie sehen sollen, die kleine, korpulente, schwarze -Madame ...« - -»Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt sie war.« - -»Fünfzig. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt ...« - -»Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.« - -Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl auf, legte den -Kanevas beiseite, an dem sie gestickt hatte, und trat an das große -Mittelfenster. - -Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages, dem die junge -Frau gern zuzusehen pflegte. Was sie daran am meisten fesselte, -waren die Gegensätze. Dicht an der Kirchentür, an einem kleinen, -niedrigen Tische, saß ein Mütterchen, das ausgelassenen Honig in -großen und kleinen Gläsern verkaufte, die mit ausgezacktem Papier und -einem roten Wollfaden zugebunden waren. Ihr zunächst erhob sich eine -Wildhändlerbude, deren sechs aufgehängte Hasen mit traurigen Gesichtern -zu Melanie hinübersahen, während in Front der Bude (das erfrorene -Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mädchen auf und ab lief und ihre -Schäfchen, wie zur Weihnachtszeit, an die Vorübergehenden feilbot. Über -dem Ganzen aber lag ein grauer Himmel, und ein paar Flocken federten -und tanzten, und wenn sie niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu -gefaßt und wieder in die Höhe gewirbelt. - -Etwas wie Sehnsucht überkam Melanie beim Anblick dieses Flockentanzes, -als müsse es schön sein, so zu steigen und zu fallen und dann wieder -zu steigen, und eben wollte sie sich vom Fenster her ins Zimmer -zurückwenden, um in leichtem Scherze, ganz wie sie's liebte, sich -und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu persiflieren, als sie, von der -Brüderstraße her, eines jener langen und auf niedrigen Rädern gehenden -Gefährte vorfahren sah, die die hauptstädtischen Bewohner Rollwagen -nennen. Es konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein Musterstück -seiner Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der -zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmäßigem rechten Winkel -aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart und Lederschurz, -und in der Mitte lief ein kleiner Bastard von Spitz und Rattenfänger -hin und her, und bellte jeden an, der nur irgendwie Miene machte, sich -auf fünf Schritte dem Wagen zu nähern. Er hatte kaum noch ein Recht zu -diesen Äußerungen übertriebener Wachsamkeit, denn auf dem ganzen langen -Wagenbrette lag nur noch ein einziges Kolli, das der Rollkutscher jetzt -zwischen seine zwei Riesenhände nahm und in den Hausflur hineintrug, -als ob es eine Pappschachtel wäre. - -Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektüre beendet und war an -ein unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes Pult getreten, an dem er -zu schreiben pflegte. - -»Wie schön diese Leute sind,« sagte Melanie. »Und so stark. Und dieser -wundervolle Bart! So denk' ich mir Simson.« - -»Ich nicht,« entgegnete Van der Straaten trocken. - -»Oder Wieland den Schmied.« - -»Schon eher. Und über kurz oder lang denk' ich, wird diese Sache -spruchreif sein. Denn ich wette zehn gegen eins, daß ihn der »Meister« -in irgend etwas Zukünftigem bereits unterm Hammer hat. Oder sagen wir -auf dem Ambos. Es klingt etwas vornehmer.« - -»Ich muß dich bitten, Ezel ... du weißt ...« - -Aber ehe sie schließen konnte, wurde geklopft, und einer der jungen -Kontoristen erschien in der Tür, um seinem Chef, unter gleichzeitiger -Verbeugung gegen Melanie, einen Frachtbrief einzuhändigen, auf dem -in großen Buchstaben und in italienischer Sprache vermerkt war: »zu -eigenen Händen des Empfängers.« - -Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. »Ah, von -Salviati! ... Das ist hübsch, das ist schön ... Gleich die Kiste -heraufschaffen! ... Und du bleibst, Melanie ... Hat er doch Wort -gehalten ... Freut mich, freut mich wirklich. Und dich wird es auch -freuen. Etwas Venezianisches, Lanni ... Du warst so gern in Venedig.« - -Und während er in derartig kurzen Sätzen immer weiter perorierte, hatte -er aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein Stemmeisen herausgenommen -und hantierte damit, als die Kiste hereingebracht worden war, so -vertraut und so geschickt, als ob es ein Korkzieher oder irgendein -anderes Werkzeug alltäglicher Benutzung gewesen wäre. Mit Leichtigkeit -hob er den Deckel ab und setzte das daran angeschraubte Bild auf ein -großes staffeleiartiges Gestell, das er schon vorher aus einer der -Zimmerecken ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis hatte sich -inzwischen wieder entfernt, Van der Straaten aber, während er Melanie -mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild führte, sagte: »Nun, -Lanni, wie findest du's? ... Ich will dir übrigens zu Hilfe kommen ... -Ein Tintoretto.« - -»Kopie?« - -»Freilich,« stotterte Van der Straaten etwas verlegen. »Originale -werden nicht hergegeben. Und würden auch meine Mittel übersteigen. -Dennoch dächt' ich ...« - -Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem -Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, ~l'Adultera~! ... Jetzt erkenn' -ich's. Aber daß du gerade +das+ wählen mußtest! Es ist eigentlich ein -gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch ... Wie heißt er -doch?« - -»Wer unter euch ohne Sünde ist ...« - -»Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was Ermutigendes -darin. Und dieser Schelm von Tintoretto hat es auch ganz in diesem -Sinne genommen. Sieh nur! ... Geweint hat sie ... Gewiß ... Aber warum? -Weil man ihr immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. -Und nun glaubt sie's auch, oder +will+ es wenigstens glauben. Aber ihr -Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden ... Und daß ich dir's -gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich. Es ist so viel Unschuld -in ihrer Schuld ... Und alles wie vorherbestimmt.« - -Melanie, während sie so sprach, war ernster geworden und von dem Bilde -zurückgetreten. Nun aber fragte sie: »Hast du schon einen Platz dafür?« - -»Ja, hier.« Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem Schreibpult. - -»Ich dachte,« fuhr Melanie fort, »du würdest es in die Galerie -schicken. Und offen gestanden, es wird sich an diesem Pfeiler etwas -sonderbar ausnehmen. Es wird ...« - -»Unterbrich dich nicht.« - -»Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich höre schon -Reiff und Duquede medisieren, vielleicht auf deine Kosten und gewiß auf -meine.« - -Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt und lächelte. - -»Du lächelst, und sonst lachst du doch, mehr als gut ist und -namentlich lauter als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage, was -hast du gegen mich? Ich weiß recht gut, du bist nicht so harmlos, wie -du dich stellst. Und ich weiß auch, daß es wunderliche Gemütlichkeiten -gibt. Ich habe mal von einem russischen Fürsten gelesen, ich glaube -Suboff war sein Name. Eigentlich waren es zwei, zwei Brüder. Die -spielten Karten und dann ermordeten sie den Kaiser Paul und dann -spielten sie wieder Karten. Ich glaube beinah, du könntest auch so was! -Und alles mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.« - -»Also +darum+ König Ezel!« lachte Van der Straaten. - -»O nein. Nicht darum. Als ich dich so hieß, war ich noch ein halbes -Kind. Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt aber kenn' ich dich -und weiß nur nicht, ob es etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlimmes -ist, was in dir steckt ... Aber nun komm. Unser Kaffee ist kalt -geworden.« - -Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder auf ihren -hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas und tat ein paar rasche -Stiche. Zugleich aber ließ sie kein Auge von ihm, denn sie wollte -wissen, was in seiner Seele vorging. - -Und er wollt' es auch nicht länger verbergen. War er doch ohnehin, -aller Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, und so trieb -es ihn denn, angesichts dieses Bildes einmal aus sich herauszugehen. - -»Ich habe dich nie mit Eifersucht gequält, Lanni.« - -»Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.« - -»Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heißt, alles wechselt im -Leben. Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig waren und ich dies -Bild sah, da stand es auf einmal alles deutlich vor mir. Und da war -es denn auch, daß ich Salviati bat, mir das Bild kopieren zu lassen. -Ich will es vor Augen haben, so als ~Memento mori~, wie die Kapuziner, -die sonst nicht mein Geschmack sind. Denn sieh, Lanni, auch in ihrer -Furcht unterscheiden sich die Menschen. Da sind welche, die halten es -mit dem Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand und wollen nichts -wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr Geschick immer vor sich -zu sehen und sich mit ihm einzuleben. Sie wissen genau, den und den -Tag sterb' ich, und sie lassen sich einen Sarg machen und betrachten -ihn fleißig. Und die beständige Vorstellung des Todes nimmt auch dem -Tode schließlich seine Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch -machen, und das Bild soll mir dazu helfen ... Denn es ist erblich in -unserm Haus ... und so gewiß dieser Zeiger ...« - -»Aber Ezel,« unterbrach ihn Melanie, »was hast du nur? Ich bitte dich, -wo soll das hinaus? Wenn du die Dinge +so+ siehst, so weiß ich nicht, -warum du mich nicht heut oder morgen einmauern läßt.« - -»An dergleichen hab' ich auch schon gedacht. Und ich bekenne, »Melanie -die Nonne« klänge nicht übel, und es ließe sich eine Ballade darauf -machen. Aber es hilft zu nichts. Denn du glaubst gar nicht, was -Liebende bei gutem Willen alles durchsetzen. Und sie haben immer guten -Willen.« - -»O, ich glaub' es schon.« - -»Nun siehst du,« lachte Van der Straaten, den diese scherzhafte Wendung -plötzlich wieder zu heiterer Laune stimmte. »So hör' ich dich gern. Und -zur Belohnung: das Bild soll nicht an den Eckpfeiler, sondern wirklich -in die Galerie. Verlaß dich darauf. Und um dir nichts zu verschweigen, -ich hab' auch über all das so meine wechselnden und widerstreitenden -Gedanken, und mitunter denk' ich: ich sterbe vielleicht darüber hin. -Und das wäre das beste. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts -Neues. Aber die trivialsten Sätze sind immer die richtigsten.« - -»Dann vergiß auch nicht +den+, daß man den Teufel nicht an die Wand -malen soll!« - -Er nickte. »Da hast du recht. Und wir +wollen's+ auch nicht, und wollen -diese Stunde vergessen. Ganz und gar. Und wenn ich dich je wieder -daran erinnere, so sei's im Geiste des Friedens und zum Zeichen der -Versöhnung. Lache nicht. Es kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du -doch? Es sei so viel Unschuld in ihrer Schuld ...« - -»... Und vorherbestimmt, sagt' ich. Prädestiniert! ... Aber -vorherbestimmt ist +heute+, daß wir ausfahren, und das ist die -Hauptsache. Denn ich brauche die Robe viel, viel nötiger, als du -den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine Törin und ein -Kindskopf, daß ich alles so bitter ernsthaft genommen und dir jedes -Wort geglaubt habe! Du hast das Bild haben wollen, ~c'est tout~. -Und nun gehab' dich wohl, mein Dänenprinz, mein Träumer. Sein oder -Nichtsein ... Variationen von Ezechiel Van der Straaten!« - -Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene Treppe -hinauf, die, von Van der Straatens Zimmer aus, in die Schlafzimmer des -zweiten Stockes führte. - - - - -3 - -Logierbesuch - - -Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern in dem -Gegensatze von derb und gefühlvoll, überhaupt in Gegensätzen, und -so war es wenig verwunderlich, daß das vor dem Tintoretto geführte -Gespräch in seinem Herzen nicht allzulange nachtönte. Freilich auch -nicht in dem seiner Frau. Nur solang es geführt worden war, war Melanie -wirklich überrascht gewesen, nicht um des sentimentalen Tones willen, -den sie kannte, sondern weil alles eine viel persönlichere Richtung -nahm als bei früheren Gelegenheiten. Aber nun war es vorüber. Das Bild -erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah es nicht mehr, und Van -der Straaten, wenn er ihm zufällig begegnete, lächelte nur in beinah -heiterer Resignation. Er besaß eben ganz den fatalistischen Zug der -Humoristen, der sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemänner -sind. - -Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem es spät fiel, -lag schon wieder zurück, und die Wochen waren wieder da, wo herkömmlich -die Frage verhandelt zu werden pflegte: »Wann ziehen wir hinaus?« - -»Bald,« sagte Melanie, die bereits die Tage zählte. - -»Aber die ›gestrengen Herren‹ waren noch nicht da.« - -»Die regieren nicht lange.« - -»Zugestanden,« lachte Van der Straaten. »Und um so lieber, als ich nur -+so+ meine Hausherrschaft garantiert finde. Wenigstens mittelbar. Und -immer noch besser schwach regieren, als gar nicht.« - -Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim Frühstück -gewechselt worden, und es mochte Mittag sein, als der Kommerzienrat -von seinem Kontor aus die Frau Kommerzienrätin bitten ließ, mit ihrer -Ausfahrt eine Viertelstunde warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine -Mitteilung zu machen habe. Melanie ließ zurücksagen, »daß sie sich -freuen würde, ihn zu sehen, und rechne danach auf seine Begleitung.« - -In Courtoisien dieser Art, denen übrigens auch ein gelegentlicher -Revers nicht fehlte, hatten sich die Van der Straatens seit Jahren -eingelebt, namentlich +er+, der nach seiner eigenen Versicherung »dem -adligen Hause de Caparoux einiges Ritterdienstliche schuldig zu sein -glaubte« und zu diesem Ritterdienstlichen in erster Reihe Pünktlichkeit -und Nichtwartenlassen zählte. - -So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung, im -Zimmer seiner Frau. - -Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen ganz dem -ihres Gatten, war aber um vieles heller und heiterer, einmal weil die -hohe Paneelierung, aber mehr noch weil die vielen nachgedunkelten -Bilder fehlten. Statt dieser vielen war nur ein einziges da: das -Porträt Melanies in ganzer Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund -und sie selber eben beschäftigt ein paar Mohnblumen an ihren Hut zu -stecken. Die Wände, wo sie frei waren, zeigten eine weiße Seidentapete, -tief in den Fensternischen erhoben sich Hyazinthenestraden und -vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische, stand ein -blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der eigentliche Tyrann des -Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmäßig gehaßtes und beneidetes -Dasein führte. Melanie sprach eben mit ihm, als Ezechiel in einer -gewissen humoristischen Aufgeregtheit eintrat und seine Frau, nach -vorgängiger respektvoller Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren -Sofaplatz zurückführte. Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte -sich neben sie. - -Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie lachen. - -»Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte -vorzubereiten hättest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es etwas -Altes? Etwas aus deiner dunklen Vergangenheit ...?« - -»Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwärtiges.« - -»Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon -hinreißen lassen. Und nun sage, was ist es?« - -»Eine Bagatelle.« - -»Was deine Verlegenheit bestreitet.« - -»Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch empfangen, oder -vielmehr einen Gast, oder wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, -einen Dauer-Gast. Also kurz und gut, denn was hilft es, es muß heraus: -einen neuen Hausgenossen.« - -Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch auf dem -Teller lag, zerkrümelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger auf Van -der Straatens Hand und sagte: »Und das nennst du eine Bagatelle? Du -weißt recht gut, daß es etwas sehr Ernsthaftes ist. Ich habe nicht -den Vorzug, ein Kind dieser eurer Stadt zu sein, bin aber doch lange -genug in eurer exquisiten Mitte gewesen, um zu wissen, was es mit einem -»Logierbesuch« auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst nirgends -findet, kann einen ängstlich machen. Und was ist ein Logierbesuch gegen -eine neue Hausgenossenschaft ... Ist es eine Dame?« - -»Nein, ein Herr.« - -»Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel ...« - -»Ein Volontär, ältester Sohn eines mir befreundeten Frankfurter Hauses. -War in Paris und London, selbstverständlich, und kommt eben jetzt von -New York, um hier am Ort eine Filiale zu gründen. Vorher aber will -er in unserem Hause die Sitte dieses Landes kennen lernen, oder sag' -ich lieber +wieder+ kennen lernen, weil er sie draußen halb vergessen -hat. Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin überdies dem Vater -verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit ersparen -zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leer stehenden Zimmer auf -dem linken Korridor.« - -»Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen unseres Hofes -und auf Christels Geraniumtöpfe hinunter zu sehen.« - -»Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man hat. Und -er selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen, die viel in -der Welt umher waren, pflegen am gleichgültigsten gegen derlei Dinge -zu sein. Unser Hof bietet freilich nicht viel; aber was hätt' er -Besseres in der Front? Ein Stück Kirchengitter mit Fliederbusch, und an -Markttagen die Hasenbude.« - -»~Eh bien~, Ezel. ~Faisons le jeu.~ Ich hoffe, daß nichts Schlimmes -dahinter lauert, keine Konspirationen, keine Pläne, die du mir -verschweigst. Denn du bist eine versteckte Natur. Und wenn es deine -Geheimnisse nicht stört, so möcht' ich schließlich wenigstens den Namen -unseres neuen Hausgenossen hören.« - -»Ebenezer Rubehn ...« - -»Ebenezer Rubehn,« wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend. -»Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches lieber -gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon -gerade genug hätten! Und nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, -was soll dieser ~Accent grave~, dieser Ton auf der letzten Silbe? -Suspekt, im höchsten Grade suspekt!« - -»Du mußt wissen, er schreibt sich mit einem h.« - -»Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, daß ich dies h für -echt und ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel, versuchte Leugnung -des Tatsächlichen, absichtliche Verschleierung, hinter der ich -nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs stehen sehe. Und er selber -als Flügelmann.« - -»Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens? Ich meine mit -dem großen Peter Paul? Nun, der hatte freilich ein s. Aber was dem s -recht ist, ist dem h billig. Und kurz und gut, er ist getauft. Ob durch -einen Bischof, stehe dahin; ich weiß es nicht und wünsch' es nicht, -denn ich möcht' etwas vor ihm voraus haben. Aber allen Ernstes, du tust -ihm unrecht. Er ist nicht bloß christlich, er ist auch protestantisch, -so gut wie du und ich. Und wenn du noch zweifelst, so lasse dich durch -den Augenschein überzeugen.« - -Und hierbei versuchte Van der Straaten aus einem kleinen gelben -Kuvert, das er schon bereit hielt, eine Visitenkartenphotographie -herauszunehmen. Aber Melanie litt es nicht und sagte nur in immer -wachsender Heiterkeit: »Sagtest du nicht New York? Sagtest du nicht -London? Ich war auf einen Gentleman gefaßt, auf einen Mann von Welt, -und nun schickt er sein Bildnis, als ob es sich um ein Rendezvous -handelte. Krugs Garten mit einer Verlobung im Hintergrund.« - -»Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen, -um deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich an den alten -Goeschen, Firma Goeschen, Goldschmidt und Kompanie; diskreter alter -Herr. Und daher stammt es. Ich bin schuld, nicht er, wahr und -wahrhaftig, und wenn du mir das Wort gestattest, sogar ›auf Ehre‹.« - -Melanie nahm das Kuvert und warf einen flüchtigen Blick auf das -eingeschlossene Bild. Ihre Züge veränderten sich plötzlich und sie -sagte: »Ah, der gefällt mir. Er hat etwas Distinguiertes: Offizier -in Zivil oder Gesandtschaftsattaché. Das lieb' ich. Und nun gar ein -Bändchen. Ist es die Ehrenlegion?« - -»Nein, du kannst es näher suchen. Er stand bei den fünften Dragonern -und hat für Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.« - -»Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?« - -»Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin solltest du -wissen, daß fremde Sprachen nicht immer gebührende Rücksicht auf die -verpönten Klangformen einer anderen nehmen. Ja, Lanni, ich bin mitunter -besser als mein Ruf.« - -»Und wann dürfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?« - -»Hausgenossen,« verbesserte Van der Straaten. »Es ist nicht nötig, -ihn, mit Rücksicht auf seine militärische Charge, so Hals über Kopf -avancieren zu lassen. Übrigens ist er verlobt, oder so gut wie verlobt.« - -»Schade.« - -»Schade? Warum?« - -»Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen, so sind -sie zärtlich, bedrückend zärtlich für ihre Umgebung, und sind sie -getrennt, so schreiben sie sich Briefe oder bereiten sich in ihrem -Gemüte darauf vor. Und der Bräutigam ist immer der schlimmere von -beiden. Und will man sich gar in ihn verlieben, so heißt das nicht mehr -und nicht weniger, als zwei Lebenskreise stören.« - -»Zwei?« - -»Ja, Bräutigam und Braut.« - -»Ich hätte drei gezählt,« lachte Van der Straaten. »Aber so seid ihr. -Ich wette, du hast den Dritten in Gnaden vergessen. Ehemänner zählen -überhaupt nicht mit. Und wenn sie sich darüber wundern, so machen sie -sich ridikül. Ich werde mich übrigens davor hüten, den Mohren der -Weltgeschichte, das seid ihr, weiß waschen zu wollen. Apropos, kennst -du das Bild, die Mohrenwäsche?« - -»Ach, Ezel, du weißt ja, ich kenne keine Bilder. Und am wenigsten -alte.« - -»Süße Simplicitas aus dem Hause de Caparoux,« jubelte Van der Straaten, -der nie glücklicher war, wie wenn Melanie sich eine Blöße gab oder auch -klugerweise nur so tat. »Altes Bild! Es ist nicht älter als ich.« - -»Nun, dann ist es gerade alt genug.« - -»Bravissimo. Sieh, so hab' ich dich gern. Übermütig und boshaft. Und -nun sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?« - -»Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast mir doch gestern -erst ...« - -»Und ich halt' es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze wird, da bricht es -wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen zu Haas und uns einen Teppich -ansehen ... »Gerade alt genug« ... Vorzüglich, vorzüglich ... Und nun -sage Papachen, wie heißt die schönste Frau im Land?« - -»Melanie.« - -»Und die liebste, die klügste, die beste Frau?« - -»Melanie, Melanie.« - -»Gut, gut ... Und nun gehab' dich wohl, du Menschenkenner!« - - - - -4 - -Der engere Zirkel - - -Die »drei gestrengen Herren« waren ganz ausnahmsweise streng gewesen, -aber nicht zu Verdruß beider Van der Straatens, die vielmehr nun erst -wußten, daß der Winter all seine Pfeile verschossen und unweigerlich -und ohne weitere Widerstandsmöglichkeit seinen Rückzug angetreten -habe. Nun erst konnte man freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge -vor frostigen Vormittagen, oder gar vor Eingeschneitwerden über -Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder, am meisten -aber Van der Straaten, der, um ihn selber sprechen zu lassen, »unter -allen vorkommenden Geburtsszenen einzig und allein der des Frühlings -beizuwohnen liebte«. Vorher aber sollte noch ein kleines Abschiedsdiner -stattfinden und zwar unter ausschließlicher Heranziehung des dem Hause -zunächst stehenden Kreises. - -Es war das, übrigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter -Seite her, in erster Reihe der in der Alsenstraße wohnende Major -von Gryczinski, ein noch junger Offizier mit abstehendem, englisch -gekräuseltem Backenbart und klugen blauen Augen, der vor etwa drei -Jahren die reizende Jacobine de Caparoux heimgeführt hatte, eine -jüngere Schwester Melanies und nicht voll so schön wie diese, aber -rotblond, was in den Augen einiger das Gleichgewicht zwischen beiden -wiederherstellte. Gryczinski war Generalstäbler und hielt, wie jeder -dieses Standes, an dem Glauben fest, daß es in der ganzen Welt nicht -zwei so grundverschiedene Farben gäbe, wie das allgemeine preußische -Militärrot und das Generalstabsrot. Daß er den Strebern zugehörte, war -eine selbstverständliche Sache, wohl aber verdient es, in Rücksicht -gegen den Ernst der Historie, schon an dieser Stelle hervorgehoben -zu werden, daß er, alles Strebertums unerachtet, in allen nicht zu -verlockenden Fällen ein bescheidenes Maß von Rücksichtnahme gelten -ließ und den Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über -die Beresina betrachtete. Wie sein großer Chef war er ein Schweiger, -unterschied sich aber von ihm durch ein beständiges, jeden Sprecher -ermutigendes Lächeln, das er, alle nutzlose Parteinahme klug -vermeidend, über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig scheinen ließ. - -Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter als Freund des -Hauses. Unter diesen letzteren konnte der Baron Duquede, Legationsrat -a. D., als der angesehenste gelten. Er war über sechzig, hatte bereits -unter Van der Straatens Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des -Hauses angehört und durfte sich, wie um anderer Qualitäten so auch -schon um seiner Jahre willen, seinem hervorstechendsten Charakterzuge, -dem des Absprechens, Verkleinerns und Verneinens ungehindert hingeben. -Daß er, infolge davon, den Beinamen »Herr Negationsrat« erhalten -hatte, hatte selbstverständlich seine milzsüchtige Krakehlerei nicht -zu bessern vermocht. Er empörte sich eigentlich über alles, am -meisten über Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen -Dienstentlassung, unaufhörlich versicherte, »daß er überschätzt werde«. -Von einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum Französieren -geneigte Berlinertum erfüllt, das ihn, um seines »qu« willen, als -einen Koloniefranzosen ansah und seinen altmärkischen Adelsnamen nach -der Analogie von Admiral Duquesne auszusprechen pflegte. »Was er sich -gefallen lassen könne,« hatte Melanie hingeworfen, von welchem Tag an -eine stille Gegnerschaft zwischen beiden herrschte. - -Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand Polizeirat -Reiff, ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden -Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler, der, solange -die Damen bei Tische waren, kein Wasser trüben zu können schien, im -Moment ihres Verschwindens aber in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach -Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat zu Gebote stehn. Selbst -Van der Straaten, dessen Talente doch nach derselben Seite hin lagen, -erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem Beifall, -oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung zu. - -Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der Landschafter -Arnold Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der Legationsrat, ein -Erbstück aus des Vaters Tagen her, und Elimar Schulze, Porträt- und -Genremaler, der sich erst in den letzten Jahren angefunden hatte. Seine -Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten Tafelrunde basierte zumeist auf -dem Umstande, daß er nur ein halber Maler, zur andern Hälfte aber -Musiker und enthusiastischer Wagnerianer war, auf welchen »Titul« hin, -wie Van der Straaten sich ausdrückte, Melanie seine Aufnahme betrieben -und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit abgegebene Bemerkung -ihres Eheherrn, »daß er gegen den Aufzunehmenden nichts einzuwenden -habe, wenn er einfach übertreten und seine Zugehörigkeit zu der -alleinseligmachenden Musik offen und ehrlich aussprechen wolle«, war -von dem immer gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden, -»ihm diesen Schritt erlassen zu wollen und zwar einfach deshalb, -weil doch schließlich nur das Gegenteil von dem Gewünschten dabei -herauskommen würde. Denn während er jetzt als Maler allgemein für einen -Musiker gehalten werde, werd' er als Musiker sicherlich für einen Maler -gehalten und dadurch vom Standpunkte des Herrn Kommerzienrats aus in -die relativ höhere Rangstufe wieder hinaufgehoben werden«. - -Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu heute sieben Uhr -Geladenen entnommen. Denn Van der Straaten liebte die Spätdiners und -erging sich mitunter in nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen -Unterschied zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten, und -einer um sieben Uhr natürlich erwachsenen Dunkelheit. Eine künstliche -Vieruhrdunkelheit sei nicht besser als ein junger Wein, den man in -einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb umwickelt habe, um ihn alt -und ehrwürdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine Zunge schmecke -den jungen Wein und ein feines Nervensystem schmecke die junge -Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die namentlich in ihrer »das feine -Nervensystem« betonenden Schlußwendung von Melanie regelmäßig mit einem -allerherzlichsten Lachen begleitet wurden. - -Das Van der Straatensche Stadthaus -- wodurch es sich, neben anderem, -von der mit allem Komfort ausgestatteten Tiergarten-Villa unterschied --- hatte keinen eigentlichen Speisesaal, und die zwei großen und vier -kleinen Diners, die sich über den Winter hin verteilten, mußten in -dem ersten, als Entree dienenden Zimmer der großen Gemäldegalerie -gegeben werden. Es griff dieser Teil der Galerie noch aus dem rechten -Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag unmittelbar hinter Melanies -Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten Flügeltüren sich -öffneten, der Eintritt stattfand. - -Und wie gewöhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm den Arm seiner -blonden Schwägerin, Duquede den Melanies, während die vier anderen -Herren paarweise folgten, eine herkömmliche Form des Aufmarsches, bei -der der Major ebenso geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln, -als den Polizeirat zu vermeiden wußte. Denn so bereit und ergeben er -war, die Geschichten Reiffs bei Tag oder Nacht über sich ergehen zu -lassen, so konnt' er sich doch nicht entschließen, ihm ebenbürtig -den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den Anschauungen seines -Standes und bekannte sich, mit einem durch persönliches Fühlen -unterstützten Nachdruck, zu dem alten Gegensatze von Militär und -Polizei. - -Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und hatte keine -Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern. Wer aber zum ersten Male -hier eintrat, der wurde sicherlich durch eine Schönheit überrascht, -die gerade darin ihren Grund hatte, daß der als Speisesaal dienende -Raum kein eigentlicher Speisesaal war. Ein reichgegliederter -Kronleuchter von französischer Bronze warf seine Lichter auf eine von -guter italienischer Hand herrührende prächtig eingerahmte Kopie der -Veronesischen »Hochzeit zu Kana«, die von Uneingeweihten auch wohl -ohne weiteres für das Original genommen wurde, während daneben zwei -Stilleben in fast noch größeren und reicheren Barockrahmen hingen. Es -waren, von einiger vegetabilischer Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und -blaue Makrelen, über deren absolute Naturwahrheit sich Van der Straaten -in der ein für allemal gemünzten Bewunderungsformel ausließ, »es werd' -ihm, als ob er taschentuchlos über den Cöllnischen Fischmarkt gehe.« - -Nach hinten zu stand das Büfett, und daneben war die Tür, die mit der -im Erdgeschoß gelegenen Küche bequeme Verbindung hielt. - - - - -5 - -Bei Tisch - - -»Nehmen wir Platz,« sagte Van der Straaten. »Meine Frau hat mich aller -Plazierungsmühen überhoben und Karten gelegt.« - -Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und ließ sein von Natur -gutes und durch vieles Sehen kunstgeübtes Auge darüber hingleiten. »Ah, -ah, sehr gut. Das ist Tells Geschoß. Gratuliere, Elimar. Allerliebst, -allerliebst. Natürlich Amor, der schießt. Daß ihr Maler doch über -diesen ewigen Schützen nicht wegkommen könnt.« - -»Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch feierlich -protestieren würden,« sagte die rotblonde Schwester. - -Alle hatten sich inzwischen plaziert, und es ergab sich, daß Melanie -bei der von ihr getroffenen Anordnung vom Herkömmlichen abgewichen -war. Van der Straaten saß zwischen Schwägerin und Frau, ihm gegenüber -der Major, von Gabler und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber -Polizeirat Reiff und Legationsrat Duquede. - -Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrätlichen Hause von -alter Zeit her berühmte Montefiascone gerade herumgereicht, als Van der -Straaten sich über den Tisch hin zu seinem Schwager wandte. - -»Gryczinski, Major und Schwager,« hob er leicht und mit überlegener -Vertraulichkeit an, »binnen heut und drei Monaten haben wir Krieg. -Ich bitte dich, sage nicht nein, wolle mir nicht widersprechen. -Ihr, die ihr's schließlich machen müßt, erfahrt es erfahrungsmäßig -immer am spätesten. Im Juni haben wir die Sache wieder fertig oder -wenigstens eingerührt. Es zählt jetzt zu den sogenannten berechtigten -Eigentümlichkeiten preußischer Politik, allen Geheimräten, wozu, in -allem was Karlsbad und Teplitz angeht, auch die Kommerzienräte gehören, -ihre Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit eingeschlossen. -Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir die Sache fertig und in -drei haben wir den Krieg. Irgend etwas Benedettihaftes wird sich doch -am Ende finden lassen, und Ems liegt unter Umständen überall in der -Welt.« - -Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle -seines Backenbartes und sagte: »Schwager, du stehst zu sehr -unter Börsengerüchten, um nicht zu sagen unter dem Einfluß der -Börsenspekulation. Ich versichere dich, es ist kein Wölkchen am -Horizont, und wenn wir zurzeit wirklich einen Kriegsplan ausarbeiten, -so betrifft er höchstens die hypothetische Bestimmung der Stelle, wo -Rußland und England zusammenstoßen und ihre große Schlacht schlagen -werden.« - -Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei waren, die -brünette, weil sie nicht gern das Vermögen, die blonde, weil sie nicht -gern den Mann einbüßen wollte, jubelten dem Sprecher zu, während -der Polizeirat, immer kleiner werdend, bemerkte: »Bitte dem Herrn -Major meine gehorsamste Zustimmung aussprechen zu dürfen und zwar -von ganzem Herzen und von ganzem Gemüte.« Wobei gesagt werden muß, -daß er mit Vorliebe von seinem Gemüte sprach. »Überhaupt,« fuhr er -fort, »nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht den -Fürsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann, als einen Kanonier -mit ewig brennender Lunte vorzustellen, jeden Augenblick bereit das -Kruppsche Monstregeschütz eines europäischen Krieges auf gut Glück hin -abzufeuern. Ich sage, nichts falscher und irriger als das. Hazardieren -ist die Lust derer, die nichts besitzen, weder Vermögen noch Ruhm. Und -der Fürst besitzt beides. Ich wette, daß er nicht Lust hat, seinen -hochaufgespeicherten Doppelschatz immer wieder auf die Kriegskarte -zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit), dublierte 66 und -triplierte 70, aber er wird sich hüten, sich auf ein ~six-le-va~ -einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt ohne Zweifel das -Märchen vom »Fischer un sine Fru ...« - -»... Dessen pikante Schlußwendung uns unser polizeirätlicher Freund -hoffentlich nicht vorenthalten will,« bemerkte Van der Straaten, in -dem sich der Übermut der Tafelstimmung bereits zu regen begann. - -Aber der Polizeirat, während er sich wie zur Gewährleistung jeder -Sicherheit gegen die Damen hin verneigte, ließ das Märchen und seine -notorische Schlußzeile fallen und sagte nur: »Wer alles gewinnen will, -verliert alles. Und das Glück ist noch launenhafter als die Damen. -Ja, meine Damen, als die Damen. Denn die Launenhaftigkeit, ich lebe -selbst in einer glücklichen Ehe, ist das Vorrecht und der Zauber ihres -Geschlechts. Der Fürst hat Glück gehabt, aber gerade weil er es gehabt -hat ...« - -»... Wird er sich hüten, es zu versuchen,« schloß mit ironischer -Emphase der Legationsrat. »Aber wenn er es +dennoch+ täte? He? -Der Fürst hat Glück gehabt, versichert uns unser Freund Reiff mit -polizeirätlich unschuldiger Miene. Glück gehabt! Allerdings. Und -zwar kein einfaches und gewöhnliches, sondern ein stupendes, ein -nie dagewesenes Glück. Eines, das in seiner kolossalen Größe den -Mann selber wegfrißt und verschlingt. Und so wenig ich geneigt -bin, ihm dies Glück zu mißgönnen, ich kenne keine Mißgunst, so -reizt es mich doch, einen Heroenkultus an dieses Glück geknüpft zu -sehen. Er wird überschätzt, sag' ich. Glauben Sie mir, er hat etwas -Plagiatorisches. Es mögen sich Erklärungen finden lassen, meinetwegen -auch Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird überschätzt. Ja, -meine Freunde, den Heroenkultus haben wir und den Götterkultus +werden+ -wir haben. Bildsäulen und Denkmäler sind bereits da, und die Tempel -werden kommen. Und in einem dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und -Göttin Fortuna ihm zu Füßen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel -nennen, sondern den Glückstempel. Ja, den Glückstempel, denn es wird -darin gespielt, und unser vorsichtiger Freund Reiff hat es mit seinem -~six-le-va~, das über kurz oder lang kommen wird, besser getroffen, -als er weiß. Alles Spiel und Glück, sag' ich, und daneben ein -unendlicher Mangel an Erleuchtung, an Gedanken und vor allem an großen -schöpferischen Ideen.« - -»Aber lieber Legationsrat,« unterbrach hier Van der Straaten, »es -liegen doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung Österreichs, Aufbau -des Deutschen Reiches ...« - -»... Ekrasierung Frankreichs und Dethronisierung des Papstes! Pah, Van -der Straaten, ich kenne die ganze Litanei. Wem aber haben wir dafür zu -danken, wenn überhaupt dafür zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen -Partei, feindlich ihm und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf -genommen hat. Er hat etwas Plagiatorisches, sag' ich, er hat sich die -Gedanken anderer einfach angeeignet, gute und schlechte, und sie mit -Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten umgesetzt. Das konnte -schließlich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich, Reiff ...« - -»Ich möchte doch bitten ...« - -»In Taten umgesetzt,« wiederholte Duquede. - -»Ein Umsatz- und Wechselgeschäft, das ich hasse, solange nicht der -selbsteigne Gedanke dahinter steht. Aber Taten mit gar keiner oder mit -erheuchelter oder mit erborgter Idee haben etwas Rohes und Brutales, -etwas Dschingiskhanartiges. Und ich wiederhole, ich hasse solche Taten. -Am meisten aber hass' ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die -Gegensätze mengen, und wenn wir es erleben müssen, daß sich hinter den -altehrwürdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips, hinter der -Maske des Konservatismus, ein revolutionärer Radikalismus birgt. Ich -sage dir, Van der Straaten, er segelt unter falscher Flagge. Und eines -seiner einschlägigsten Mittel ist der beständige Flaggenwechsel. Aber -ich hab' ihn erkannt und weiß, was seine eigentliche Flagge ist ...« - -»Nennen ...« - -»Die schwarze.« - -»Die Piratenflagge?« - -»Ja. Und Sie werden dessen über kurz oder lang alle gewahr werden. -Ich sage dir, Van der Straaten, und Ihnen, Elimar und Ihnen, Reiff, -der Sie's morgen in Ihr schwarzes Buch eintragen können, meinetwegen, -denn ich bin ein altmärkischer Edelmann und habe den Dienst dieses -mir widerstrebenden Eigennützlings längst quittiert, ich sag' es -jedem, alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie vor Täuschung, -vor allem aber vor Überschätzung dieses falschen Ritters, dieses -Glückstempelherrn, an den die blöde Menge glaubt, weil er die Jesuiten -aus dem Lande geschafft hat. Aber wie steht es damit? Die Bösen sind -wir los, der Böse ist geblieben.« - -Gryczinski hatte mit vornehmem Lächeln zugehört, Van der Straaten -indes, der, trotzdem er eigentlich ein Bismarckschwärmer war, in seiner -Eigenschaft als kritiksüchtiger Berliner nichts Reizenderes kannte, als -Größenniedermetzelung und Generalnivellierung, immer vorausgesetzt, -daß er selber als einsam überragender Bergkegel übrig blieb, grüßte -zu Duquede hinüber und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat, -der sich geopfert habe, noch einmal von der letzten Schüssel zu -präsentieren. - -»Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas für dich. Scharf, -scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien, aber um zweierlei beneid' -ich es: um seine Zwiebeln und um seinen Murillo.« - -»Überrascht mich,« sagte Gabler. »Und am meisten überrascht mich die -dir entschlüpfte Murillo-, will also sagen Madonnenbewundrung.« - -»Nicht entschlüpft, Arnold, nicht entschlüpft. Ich unterscheide -nämlich, wie du wissen solltest, kalte und warme Madonnen. Die -kalten sind mir allerdings verhaßt, aber die warmen hab' ich desto -lieber. ~A la bonne heure~, die berauschen mich, und ich fühl' es in -allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein wäre. Und zu diesen -glühenden und sprühenden zähl' ich all diese spanischen Immaculatas -und Concepciones, wo die Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und -um ihr dunkles Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelsköpfe. Ja, -Reiff, dergleichen gibt es. Und so blickt sie brünstig oder sagen wir -lieber inbrünstig gen Himmel, als wolle die Seele flügge werden in -einem Brütofen von Heiligkeit.« - -»In einem Brütofen von Heiligkeit,« wiederholte der Polizeirat, in -dessen Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann. »In -einem Brütofen! O, das ist ~magnifique~, das ist herrlich, und -eine Andeutung, die jeder von uns nach dem Maße seiner Erkenntnis -interpretieren und weiterspinnen kann.« - -Beide junge Frauen, einigermaßen überrascht, ihren sonst so -zurückhaltenden Freund auf dieser Messerschneide balancieren zu sehen, -trafen sich mit ihren Blicken, und Melanie rasch erkennend, daß es sich -jeden Moment um eine jener Katastrophen handeln könne, wie sie bei -den kommerzienrätlichen Diners eben nicht allzu selten waren, suchte -vor allem von dem heiklen Murillothema loszukommen, was, bei Van der -Straatens Eigensinn, allerdings nur durch eine geschickte Diversion -geschehen konnte. Und solche gelang denn auch momentan, indem Melanie -mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: »Van der Straaten wird -mich auslachen, in Bild- und Malerfragen eine Meinung haben zu wollen. -Aber ich muß ihm offen bekennen, daß ich mich, wenn seine gewagte -Madonneneinteilung überhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres für -eine von ihm ignorierte Mittelgruppe, nämlich für die temperierten -entscheiden würde. Die Tizianischen scheinen mir diese wohltuend -gemäßigte Temperatur zu haben. Ich lieb' ihn überhaupt.« - -»Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab' es immer gesagt, daß ich -noch einen Kunstprofessor in dir großziehe. Nicht wahr, Arnold, ich -hab' es gesagt? Beschwör es. Eine Schwurbibel ist nicht da, aber -wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist immer noch ebensogut wie -ein Evangelium. Du lachst, Schwager; natürlich; ihr merkt es nicht, -aber wir. Übrigens hat Reiff ein leeres Glas. Und Elimar auch. -Friedrich, alter Pomuchelskopf, steh nicht in Liebesgedanken. ~Allons -enfants.~ Wo bleibt der Mouet? Flink, sag' ich. Bei den Gebeinen des -unsterblichen Roller, ich lieb' es nicht, meinen Champagner in den -letzten fünf Minuten in kümmerlicher Renommage schäumen zu sehen. -Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzgläsern, mit denen ich -nächstens kurzen Prozeß machen werde. Das sind Rechnungsrats-, aber -nicht Kommerzienratsgläser. Übrigens mit dem Tizian hast du doch -unrecht. Das heißt halb. Er versteht sich auf alles mögliche, nur -nicht auf Madonnen. Auf Frau Venus versteht er sich. Das ist seine -Sache. Fleisch, Fleisch. Und immer lauert irgendwo der kleine liebe -Bogenschütze. Pardon, Elimar, ich bin nicht für Massenamors auf -Tischkarten, aber für den Einzelamor bin ich, und ganz besonders -für den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurückgezogener grüner -Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehört er hin, und immer ist -er wieder reizend, ob er ihr zu Häupten oder zu Füßen sitzt, ob er -hinter dem Bett oder der Gardine hervorguckt, ob er seinen Bogen eben -gespannt oder eben abgeschossen hat. Und was ist vorzuziehen? Eine -feine Frage, Reiff. Ich denke mir, wenn er ihn spannt ... Und diese -ruhende linke Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch. O, superbe. -Ja, Melanie, +den+ Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir -zugestehst: ~Suum cuique~, dem Tizian die Venus und dem Murillo die -Madonna.« - -»Ich fürchte, Van der Straaten, da wirst du lange zu warten haben, und -am längsten auf meine Murillobekehrung. Denn diese gelben Dunstwolken, -aus denen etwas inbrünstig Gläubiges in seelisch-sinnlicher Verzückung -aufsteigt, sind mir unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden -überschritten und statt des Bezaubernden find' ich etwas Behexendes -darin.« - -Gryczinski nickte leise der Schwägerin zu, während jetzt Elimar das -Glas erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben gehörten Wort einer echt -deutschen Frau, (»Französin,« schrie Van der Straaten dazwischen) auf -das Wohl der schönen und liebenswürdigen Dame des Hauses anstoßen zu -dürfen. Und die Gläser klangen zusammen. Aber in ihren Zusammenklang -mischte sich für die schärfer Hörenden schon etwas wie Zittern und -Mißakkord, und ehe noch das allgemeine Lächeln verflogen war (das -des Polizeirats hielt sich am längsten) brach Van der Straaten durch -alle bis dahin mühsam eingehaltenen Gehege durch und debutierte mal -wieder ganz als er selbst. Er sei, so hob er an, leider nicht in der -Lage, der für die »Frau Kommerzienrätin« gewiß höchst wertvollen -Zustimmung seines Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zuname -gleich ironisch betonte) +seinerseits+ zustimmen zu können. Es gebe -freilich einen Gegensatz von Bezauberung und Behexung, aber manches in -der Welt gelte für Behexung, was Bezauberung und noch mehr gelte für -Bezauberung, was Behexung sei. Und er bitte sagen zu dürfen, daß er es -seinerseits mit der Konsequenz halte und mit Farbe bekennen, und nicht -mit heute so und morgen so. Am verdrießlichsten aber sei ihm zweierlei -Maß. - -Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht überhaupt -gewillt, es bei diesen Allgemeinsätzen bewenden zu lassen. Aber -die junge Gryczinska, die sich, nach Art aller Schwägerinnen etwas -herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in plötzlich wiedererwachtem Mute -keck und zuversichtlich an und bat ihn, aus seinen Orakelsprüchen -heraus und zu bestimmteren Erklärungen übergehn zu wollen. - -»O gewiß, meine Gnädigste,« sagte der jetzt immer hitziger werdende -Van der Straaten. »O gewiß, mein geliebtes Rotblond. Ich stehe zu -Befehl und will aus allem Orakulosen und Mirakulosen heraus, und will -in die Trompete blasen, daß ihr aus eurer Dämmerung und meinetwegen -auch aus eurer Götterdämmerung erwachen sollt, als ob die Feuerwehr -vorüberführe.« - -»Ah,« sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu verlieren -begann. »Also da hinaus soll es.« - -»Ja, süßer Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz und gemütlich -auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine ~Casta diva~ am Himmel -entlang, als ob ihr von Ozon und Keuschheit leben wolltet. Und +wer+ -ist euer Abgott? Der Ritter von Bayreuth, ein Behexer, wie es nur -je einen gegeben hat. Und an diesen Tannhäuser und Venusbergmann -setzt ihr, als ob ihr wenigstens die Voggenhuber wäret, eurer Seelen -Seligkeit und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder -dreimal täglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer Elimar -immer mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch nicht retten. Nicht -ihn und nicht euch. Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber -kredenzen? Ich sag' euch, fauler Zauber. Und das ist es, was ich -zweierlei Maß genannt habe. Den Murillozauber möchtet ihr zu Hexerei -stempeln und die Wagnerhexerei möchtet ihr in Zauber verwandeln. Ich -aber sag' euch, es liegt umgekehrt, und wenn es +nicht+ umgekehrt -liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen. Denn -es ist schließlich alles ganz egal und mit Permission zu sagen alles -Jacke ...« - -Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene Berolinismus, -mit dem er seinen Satz abzuschließen gedachte, wurde auch wirklich -gesprochen, aber er verklang in einem Getöse, das der Major durch einen -geschickt kombinierten Angriff von Gläserklopfen und Stuhlrücken in -Szene zu setzen gewußt hatte. Zugleich begann er: »Meine verehrten -Freunde, das Wort Hexenmeister ist gefallen. Ein vorzügliches Wort! -So lassen wir sie denn leben, alle diese Tannhäuser, wobei sich jeder -das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der Hexenmeister. Denn -alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht mit dem Wort. Was sind Worte? -Schall und Rauch. Stoßen wir an. Hoch, hoch.« - -Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der jetzt jeder -zitternde Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich auch von seiten -der beiden Maler, und kaum einer war da, der nicht an eine glücklich -beseitigte Gefahr geglaubt hätte. Aber mit Unrecht. Van der Straaten, -absolut unerzogen, konnte, vielleicht weil er dies Manko fühlte, -nichts so wenig ertragen, als auf Unerzogenheiten aufmerksam gemacht -zu werden: er vergaß sich dann ganz und gar, und der Dünkel des -reichen Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu -helfen, stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm zusammen. -Und so auch jetzt. Er erhob sich und sagte: »Kupierungen sind etwas -Wundervolles. Keine Frage. Ich beispielsweise kupiere Kupons. Ein -inferiores Geschäft, das unter Umständen nichtsdestoweniger einen -Anspruch darauf gibt, gegen Wort- und Redekupierungen gesichert zu -sein, namentlich gegen solche, die reprimandieren und erziehen wollen. -Ich bin erzogen.« - -Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen, aber mit -zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen. Dieser, ein -vollkommener Weltmann, lächelte vor sich hin und blinkte nur leise -den beiden Damen zu, daß sie sich beruhigen möchten. Dann ergriff er -sein Glas ein zweites Mal, gab seinen Zügen, ohne sich sonderlich -anzustrengen, einen freundlichen Ausdruck und sagte zu Van der -Straaten: »Es ist so viel von Kupieren gesprochen worden; kupieren wir -auch das. Ich lebe der festen Überzeugung ...« - -In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer der im -Weinkühler stehenden Flaschen und Gryczinski, rasch den Vorteil -erspähend, den er aus diesem Zwischenfalle ziehen konnte, brach -inmitten des Satzes ab und sagte nur, während er, unter leiser -Verbeugung, seines Schwagers Glas füllte: »Friede sei ihr erst Geläute!« - -Solchem Appell zu widerstehen, war Van der Straaten der letzte. »Mein -lieber Gryczinski,« hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität an, -»wir verstehen uns, wir haben uns immer verstanden. Gib mir deine Hand. -Lacrymae Christi, Friedrich. Rasch. Das Beste daran ist freilich der -Name. Aber er hat ihn nun mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine -dies, der andre das.« - -»Allerdings,« lachte Gabler. - -»Ach Arnold, du überschätzt das. Glaube mir, der Selige hatte recht. -Gold ist nur Schimäre. Und Elimar würd' es mir bestätigen, wenn es -nicht ein Satz aus einer überwundenen Oper wäre. Ich muß sagen, -leider überwunden. Denn ich liebe Nonnen, die tanzen. Aber da kommt -die Flasche. Laß nur Staub und Spinnweb. Sie muß in ihrer ganzen -unabgeputzten Heiligkeit verbleiben. Lacrymae Christi. Wie das klingt!« - -Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens -wiederzukehren, und als Van der Straaten fortfuhr, in wahren -Ungeheuerlichkeiten über Christustränen, Erlöserblut und -Versöhnungswein zu sprechen, durfte Melanie schließlich die Bemerkung -wagen: »Du vergißt, Ezel, daß der Polizeirat katholisch ist.« - -»Ich bitte recht sehr,« sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem -ertappt worden wäre. - -Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, daß ein vierzig -Jahre lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles konfessionelle -Plus oder Minus hinaus entscheidend sein und vor dem Richterstuhle -der Ewigkeit angerechnet werden müsse. Und als bald darauf die Gläser -abermals gefüllt und geleert worden waren, rückte Melanie den Stuhl, -und man erhob sich, um im Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen. - - - - -6 - -Auf dem Heimwege - - -Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war bereits gegen -zehn, als der Diener meldete, daß der Wagen vorgefahren sei. Diese -Meldung galt dem Gryczinskischen Paare, das, an den Dinertagen, seine -Heimfahrt in der ihm bei dieser Gelegenheit ein für allemal zur -Verfügung gestellten kommerzienrätlichen Equipage zu machen pflegte. -Mäntel und Hüte wurden gebracht, und die schöne Jakobine, Hals und -Kopf in ein weißes Filettuch gehüllt, stand alsbald in der Mitte des -Kreises und wartete lachend und geduldig auf die beiden Maler, denen -Gryczinski noch im letzten Augenblicke die Mitfahrt angeboten hatte. -Das Parlamentieren darüber wollte kein Ende nehmen, und erst als man -unten am Wagenschlage stand, entschied sich's und Gabler placierte -sich nunmehr ohne weiteres auf den Rücksitz, während Elimar mit einem -kräftigen Turnerschwunge seinen Platz auf dem Bocke nahm, angeblich -aus Rücksicht gegen die Wageninsassen, in Wahrheit aus eigener -Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte sich nämlich nach einem Gespräche -mit dem Kutscher. - -Dieser, auch noch ein Erbstück aus des alten Van der Straaten Zeiten -her, führte den unkutscherlichen Namen Emil, der jedoch seit lange -seinen Verhältnissen angepaßt und in ein plattdeutsches »Ehm« abgekürzt -worden war. Mit um so größerem Recht, als er wirklich in Fritz -Reuterschen Gegenden das Licht der Welt erblickt und sich bis diesen -Tag, neben seinem Berliner Jargon, einen Rest heimatlicher Sprache -konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten, nahm gleich im -ersten Momente des Zurechtrückens ein mehrklappiges Lederfutteral -heraus, steckte dem Alten eine der obenaufliegenden Zigarren zu und -sagte vertraulich: »Für'n Rückweg, Ehm.« - -Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut und damit -waren die Präliminarien geschlossen. - -Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte vorüber -kamen und in eine der schlechtgepflasterten Seitenstraßen einbogen, -hielt Elimar den ersehnten Zeitpunkt für gekommen und sagte: - -»Ist denn der neue Herr schon da?« - -»Der Frankfurtsche? Ne, noch nich, Herr Schulze.« - -»Na, dann muß er aber doch bald ...« - -»I, woll. Bald muß er. Ich denke, so nächste Woche. Un de Stuben sind -ooch all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't en Prinz wär', erst der -Herr un nu ooch de Jnädge. Un Christel meent, he sall man en Jüdscher -sinn.« - -»Aber reich. Und Offizier. Das heißt bei der Landwehr oder so.« - -»Is et möglich?« - -»Und er soll auch singen.« - -»Ja, singen wird er woll.« - -Elimar war eitel genug, an dieser letzteren Äußerung Anstoß zu nehmen, -und da sich's gerade traf, daß in eben diesem Augenblicke der Wagen aus -dem Wallstraßenportal auf den abendlich-stillen Opernplatz einbog, so -gab er das Gespräch um so lieber auf, als er nicht wollte, daß dasselbe -von den Insassen des Wagens verstanden würde. - -Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt worden, nicht -aus Verstimmung, sondern nur aus Rücksicht gegen die junge Frau, die, -herzlich froh über den zur Hälfte freigebliebenen Rücksitz, ihre -kleinen Füße gegen das Polsterkissen gestemmt und sich bequem in den -Fond des Wagens zurückgelehnt hatte. Sie war gleich beim Einsteigen -ersichtlich müde gewesen, hatte, wie zur Entschuldigung, etwas von -Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei höher gezogen -und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen dem Palais und dem -Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete sie sich wieder auf, weil sie -jenen Allerloyalsten zugehörte, die sich schon beglückt fühlen, einen -bloßen Schattenriß an dem herabgelassenen Vorhange des Eckfensters -gesehn zu haben. Und wirklich, sie sah ihn und gab in ihrer reizenden, -halb kindlich, halb koketten Weise, der Freude darüber Ausdruck. - -Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen am Brandenburger -Tore hielt. Im Nu waren beide Maler, deren Weg hier abzweigte, von -ihren Plätzen herunter und empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen -Paare, das nun seinerseits durch die breite Schrägallee auf das -Siegesdenkmal und die dahinter gelegene Alsenstraße zufuhr. - -Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten Platze waren, -schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an ihren Gatten und -sagte: »War das ein Tag, Otto. Ich habe dich bewundert.« - -»Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm. Er ist ein -altes Kind.« - -»Und Melanie! ... Glaube mir, sie fühlt es. Und sie tut mir leid. Du -lächelst so. Dir nicht?« - -»Ja und nein, ~ma chère~. Man hat eben nichts umsonst in der Welt. Sie -hat eine Villa und eine Bildergalerie ...« - -»Aus der sie sich nichts macht. Du weißt ja, wie wenig sie daran -hängt ...« - -»Und hat zwei reizende Kinder ...« - -»Um die ich sie fast beneide.« - -»Nun, siehst du,« lachte der Major. »Ein jeder hat die Kunst zu lernen, -sich zu bescheiden und einzuschränken. Wär' ich mein Schwager, so würd' -ich sagen ...« - -Aber sie schloß ihm den Mund mit einem Kuß, und im nächsten Augenblicke -hielt der Wagen. - - * * * * * - -Die beiden Räte, der Legations- und der Polizeirat, waren an der Ecke -des Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um bis an das Potsdamer -Tor zu fahren. Von hier aus wollten sie den Rest des Weges, um der -frischen Abendluft willen, zu Fuß machen. In Wahrheit aber hielten sie -bloß zu dem Satze, »daß man im Kleinen sparen müsse, um sich im Großen -legitimieren zu können,« wobei leider nur zu bedauern blieb, daß ihnen -die »großen Gelegenheiten« entweder nie gekommen, oder regelmäßig von -ihnen versäumt worden waren. - -Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort gewechselt worden, -und erst beim Aussteigen hatte, bei der nun nötig werdenden Division -von 2 in 6, ein Gespräch begonnen, das alle Parteien zufriedengestellt -zu haben schien. Nur nicht den Kutscher. Beide Räte hüteten sich -deshalb auch, sich nach dem letzteren umzusehen, vor allem Duquede, -der, außerdem noch ein abgeschworener Feind aller Platzübergänge mit -Eisenbahnschienen und Pferdebahngeklingel, überhaupt erst wieder in -Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende Bellevuestraße -glücklich erreicht hatte. - -Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke Seite des -Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt: - -»Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute. Finden Sie -nicht? Und ehrlich gestanden, ich begreif' ihn nicht. Er ist doch nun -fünfzig und darüber und sollte sich die Hörner abgelaufen haben. Aber -er ist und bleibt ein Durchgänger.« - -»Ja,« sagte Duquede, der einen Augenblick still stand, um Atem zu -schöpfen, »etwas Durchgängerisches hat er. Aber, lieber Freund, warum -soll er es nicht haben? Ich taxier' ihn auf eine Million, seine Bilder -ungerechnet, und ich sehe nicht ein, warum einer in seinem eigenen -Haus und an seinem eigenen Tisch nicht sprechen soll, wie ihm der -Schnabel gewachsen ist. Ich bekenn' Ihnen offen, Reiff, ich freue mich -immer, wenn er mal so zwischenfährt. Der Alte war auch so, nur viel -schlimmer, und es hieß schon damals, vor vierzig Jahren: »Es sei doch -ein sonderbares Haus und man könne eigentlich nicht hingehen.« Aber -uneigentlich ging alles hin. Und so war es, und so ist es geblieben.« - -»Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.« - -»Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung und Erziehung. -Das sind so zwei ganz moderne Wörter, die der »Große Mann« aufgebracht -haben könnte, so sehr hass' ich sie. Bildung und Erziehung. Erstlich -ist es in der Regel nicht viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist -es auch noch nichts. Glauben Sie mir, es wird überschätzt. Und kommt -auch nur bei uns vor. Und warum? Weil wir nichts Besseres haben. Wer -gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber so viel hat, wie Van der -Straaten, der braucht all die Dummheiten nicht. Er hat einen guten -Verstand und einen guten Witz, und was noch mehr sagen will, einen -guten Kredit. Bildung, Bildung. Es ist zum Lachen.« - -»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja, wenn es -geblieben wäre, wie früher. Junggesellenwirtschaft. Aber nun hat er die -junge Frau geheiratet, jung und schön und klug ...« - -»Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht soweit her, -wie Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, französische Schweiz, und an allem -Fremden verkucken sich die Berliner. Das ist wie Amen in der Kirche. -Sie hat so ein bißchen Genfer Schick. Aber was will das am Ende sagen. -Alles was die Genfer haben, ist doch auch bloß aus zweiter Hand. Und -nun gar klug. Ich bitte Sie, was heißt klug? Er ist viel klüger. Oder -glauben Sie, daß es auf 'ne französische Vokabel ankommt? oder auf den -Erlkönig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche Manierchen und weiß -sich unter Umständen ein Air zu geben. Aber es ist nicht viel dahinter, -alles Firlefanz, und wird kolossal überschätzt.« - -»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« wiederholte der Polizeirat. -»Und dann ist sie doch schließlich von Familie.« - -Duquede lachte. »Nein, Reiff, +das+ ist sie nun schließlich nicht. -Und ich sag' Ihnen, da haben wir den Punkt, auf dem ich keinen Spaß -verstehe. Caparoux. Es klingt nach was. Zugestanden. Aber was heißt es -denn am Ende? Rotkapp oder Rotkäppchen. Das ist ein Märchenname, aber -kein Adelsname. Ich habe mich darum gekümmert und nachgeschlagen. Und -im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de Caparoux.« - -»Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten Stolz und wird -sich doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen lassen wollen.« - -»Ich kenn' ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir einfach, -er ist ein Generalstäbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft, und -glauben Sie mir, Reiff, ich weiß warum. Unsere Generalstäbler werden -überschätzt, kolossal überschätzt.« - -»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« ließ sich der Polizeirat ein -drittes Mal vernehmen. »Bedenken Sie bloß, was Stoffel gesagt hat. Und -nachher kam es auch so. Aber ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie -liebenswürdig benahm er sich heute wieder! Wie liebenswürdig und wie -vornehm.« - -»Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was vornehm -ist. Und ich sag' Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders. Vornehm! -Ein Schlaukopf ist er und weiter nichts. Oder glauben Sie, daß er -die kleine Rotblondine mit den ewigen Schmachtaugen geheiratet hat, -weil sie Caparoux hieß, oder meinetwegen auch de Caparoux? Er hat sie -geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du himmlischer -Vater, daß ich einem Polizeirat solche Lektion halten muß.« - -Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen Seite hin -lagen, las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis zwischen -dem Major und Melanie heraus und sah den langen hageren Duquede von der -Seite her betroffen an. - -Dieser aber lachte und sagte: »Nicht +so+, Reiff, nicht +so+; -Karrieremacher sind immer nur Courmacher. Nichts weiter. Es gibt -heutzutage Personen (und auch +das+ verdanken wir unsrem großen -Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute fallen läßt oder beiseite -schiebt), es gibt, sag' ich, heutzutage Personen, denen alles bloß -Mittel zum Zweck ist. Auch die Liebe. Und zu diesen Personen gehört -auch unser Freund, der Major. Ich hätte nicht sagen sollen, er hat die -Kleine geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist, sondern -weil sie die Schwägerin ihres Schwagers ist. Er +braucht+ diesen -Schwager, und ich sag' Ihnen, Reiff, denn ich kenne den Ton und die -Strömung oben, es gibt weniges, was nach oben hin +so+ empfiehlt, wie -das. Ein Schwager-Kommerzienrat ist nicht viel weniger wert, als ein -Schwiegervater-Kommerzienrat und rangiert wenigstens gleich dahinter. -Unter allen Umständen aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds, -auf die jeden Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer Deckung da.« - -»Sie wollen also sagen ...« - -»Ich will gar nichts sagen, Reiff ... Ich meine nur so.« - -Und damit waren sie bis an die Bendlerstraße gekommen, wo beide sich -trennten. Reiff ging auf die Von der Heydt-Brücke zu, während Duquede -seinen Weg in gerader Richtung fortsetzte. - -Er wohnte dicht an der Hofjägerallee, sehr hoch, aber in einem sehr -vornehmen Hause. - - - - -7 - -Ebenezer Rubehn - - -Wenige Tage später hatte Melanie das Stadthaus verlassen und die -Tiergartenvilla bezogen. Van der Straaten selbst machte diesen Umzug -nicht mit und war, so sehr er die Villa liebte, doch immer erst vom -September an andauernd draußen. Und auch das nur, weil er ein noch -leidenschaftlicherer Obstzüchter als Bildersammler war. Bis dahin -erschien er nur jeden dritten Tag als Gast und versicherte dabei -jedem, der es hören wollte, daß dies die stundenweis ihm nachgezahlten -Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie hütete sich wohl, zu -widersprechen, war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst, und genoß in -den zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit. Und dieses Glück -war um vieles größer, als man, ihrer Stellung nach, die so dominierend -und so frei schien, hätte glauben sollen. Denn sie dominierte nur, -weil sie sich zu zwingen verstand; aber dieses Zwanges los und ledig -zu sein, blieb doch ihr Wunsch, ihr beständiges, stilles Verlangen. -Und das erfüllten ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen -Liebesbeweisen und seinen Ungeniertheiten, nicht immer, aber doch -meist, und das Bewußtsein davon gab ihr ein unendliches Wohlgefühl. - -Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden und -beinah ungestörten Stilleben, dessen sie draußen genoß. Wohl liebte -sie Stadt und Gesellschaft und den Ton der großen Welt, aber wenn -die Schwalben wieder zwitscherten und der Flieder wieder zu knospen -begann, da zog sie's doch in die Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum -kaum eine Einsamkeit war, denn neben der Natur, deren Sprache sie -wohl verstand, hatte sie Bücher und Musik, und -- die Kinder. Die -Kinder, die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und an deren -Aufwachsen und Lernen sie draußen in der Villa den regsten Anteil nahm. -Ja, sie half selber nach, in den Sprachen, vor allem im Französischen, -und durchblätterte mit ihnen Atlas und historische Bilderbücher. Und -an alles knüpfte sie Geschichten, die sie dem Gedächtnis der Kinder -einzuprägen wußte. Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem, -worüber sie sprach, ein klares und anschauliches Bild zu geben. - -Es waren glückliche stille Tage. - -Möglich dennoch, daß es zu stille Tage gewesen wären, wenn das tiefste -Bedürfnis der Frauennatur: das Plauderbedürfnis, unbefriedigt geblieben -wäre. Aber dafür war gesorgt. Wie fast alle reichen Häuser, hatten auch -die Van der Straatens einen Anhang ganz alter und halb alter Damen, -die zu Weihnachten beschenkt und im Laufe des Jahres zu Kaffees und -Landpartien eingeladen wurden. Es waren ihrer sieben oder acht, unter -denen jedoch zwei durch eine besonders intime Stellung hervorragten, -und zwar das kleine verwachsene Fräulein Friederike von Sawatzki und -das stattlich hochaufgeschossene Klavier- und Singefräulein: Anastasia -Schmidt. Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch, daß -sie jeden zweiten Osterfeiertag durch Van der Straaten in Person -befragt wurden, ob sie sich entschließen könnten, seiner Frau während -der Sommermonate draußen in der Villa Gesellschaft zu leisten, eine -Frage, die jedesmal mit einer Verbeugung und einem freundlichen »ja« -beantwortet wurde. Aber doch nicht +zu+ freundlich, denn man wollte -nicht verraten, daß die Frage erwartet war. - -Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkömmlich, als -~Dames d'honneur~ installiert worden, hatten den Umzug mitgemacht, und -erschienen jeden Morgen auf der Veranda, um gegen neun Uhr mit den -Kindern das erste und um zwölf mit Melanie das zweite Frühstück zu -nehmen. - -Auch heute wieder. - -Es mochte schon gegen eins sein und das Frühstück war beendet. Aber -der Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug, der ging und -sich verstärkte, weil alle Türen und Fenster offen standen, bewegte -das rotgemusterte Tischtuch und von dem am andern Ende des Korridors -gelegenen Musikzimmer her hörte man ein Stück der Cramerschen -Klavierschule, dessen mangelhaften Takt in Ordnung zu bringen Fräulein -Anastasia Schmidt sich anstrengte. »Eins zwei, eins zwei.« Aber niemand -achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben Fräulein -Riekchen, wie man sie gewöhnlich hieß, in einem Gartenstuhle saß und -dann und wann von ihrer Handarbeit aufsah, um das reizende Parkbild -unmittelbar um sie her, trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte, -auf sich wirken zu lassen. - -Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage. Denn -von hundert Gästen, die kamen, begnügten sich neunundneunzig damit, -den Park von hier aus zu betrachten und zu beurteilen. Am Ende des -Hauptganges, zwischen den eben ergrünenden Bäumen hin, sah man das -Zittern und Flimmern des vorüberziehenden Stromes, aus der Mitte der -überall eingestreuten Rasenflächen aber erhoben sich Aloen und Bosketts -und Glaskugeln und Bassins. Eines der kleineren plätscherte, während -auf der Einfassung des großen ein Pfauhahn saß und die Mittagsonne mit -seinem Gefieder einzusaugen schien. Tauben und Perlhühner waren bis in -unmittelbare Nähe der Veranda gekommen, von der aus Riekchen ihnen eben -Krumen streute. - -»Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz,« sagte Melanie. »Und wir -werden einen Krieg mit Van der Straaten haben.« - -»Ich fecht' ihn schon aus,« entgegnete die Kleine. - -»Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich, Riekchen, ich -könnte ~jaloux~ werden, so sehr bevorzugt er dich. Ich glaube, du bist -der einzige Mensch, der ihm alles sagen darf, und soviel ich weiß, -ist er noch nie heftig gegen dich geworden. Ob ihm dein alter Adel -imponiert? Sage mir deinen vollen Namen und Titel. Ich hör' es so gern -und vergeß' es immer wieder.« - -»Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler von der Hölle, -Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.« - -»Wunderschön,« sagte Melanie. »Wenn ich doch so heißen könnte! Und du -kannst es glauben, Riekchen, das ist es, was einen Eindruck auf ihn -macht.« - -Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen auch so -beantwortet worden. Jetzt aber rückte diese den Stuhl näher an Melanie -heran, nahm die Hand der jungen Frau und sagte: »Eigentlich sollt' ich -böse sein, daß du deinen Spott mit mir hast. Aber wer könnte dir böse -sein?« - -»Ich spotte nicht,« entgegnete Melanie. »Du mußt doch selber finden, -daß er dich artiger und rücksichtsvoller behandelt als jeden andren -Menschen.« - -»Ja,« sagte jetzt das arme Fräulein und ihre Stimme zitterte vor -Bewegung. »Er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat, ein -viel besseres, als mancher denkt und vielleicht auch als du selber -denkst. Und er ist auch gar nicht so rücksichtslos. Er kann nur nicht -leiden, daß man ihn stört oder herausfordert, ich meine solche, die's -eigentlich nicht sollten oder dürften. Sieh, Kind, dann beherrscht er -sich nicht länger, aber nicht weil er's nicht könnte, nein, weil er -nicht +will+. Und er braucht es auch nicht zu wollen. Und wenn man -gerecht sein will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich, -und alle reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten -Seite kennen. Alles überstürzt sich, erst in Dienstfertigkeit und -hinterher in Undank. Und Undank ernten, ist eine schlechte Schule für -Zartheit und Liebe. Und deshalb glauben die Reichen an nichts Edles und -Aufrichtiges in der Welt. Aber das sag' ich dir und muß ich dir immer -wieder sagen, dein Van der Straaten ist besser, als mancher denkt und -als du selber denkst.« - -Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit, dann -nickte Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und sagte: »Sprich nur -weiter. Ich höre dich gerne so.« - -»Und ich will auch,« sagte diese. »Sieh, ich habe dir schon gesagt, er -behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber das ist es noch -nicht alles. Er ist auch so freundlich gegen mich, weil er mitleidig -ist. Und mitleidig sein, ist noch viel mehr als bloß gütig sein und ist -eigentlich das Beste, was die Menschen haben. Er lacht +auch+ immer, -wenn er meinen langen Namen hört, geradeso wie du, aber ich hab' es -gern, ihn so lachen zu hören, denn ich höre wohl heraus, was er dabei -denkt und fühlt.« - -»Und was fühlt er denn?« - -»Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines Namens und dem, -was ich bin: arm und alt und einsam, und ein bloßes Figürchen. Und wenn -ich sage Figürchen, so beschönige ich noch und schmeichle noch mir -selbst.« - -Melanie hatte das Battisttuch ans Auge gedrückt und sagte: »Du hast -recht. Du hast immer recht. Aber wo nur Anastasia bleibt, die Stunde -nimmt ja gar kein Ende. Sie quält mir die Liddi viel zu sehr, und das -Ende vom Lied ist, daß sie dem Kind einen Widerwillen beibringt. Und -dann ist es vorbei. Denn ohne Lieb' und ohne Lust ist nichts in der -Welt. Auch nicht einmal in der Musik ... Aber da kommt ja Teichgräber -und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin außer mir. Hätte viel -lieber noch mit dir weiter geplaudert.« - -In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter, der sich vergeblich -nach einem von der Hausdienerschaft umgesehen hatte, bis an die Veranda -herangetreten und überreichte eine Karte. - -Melanie las: »Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn und Söhne) Leutnant -in der Reserve des 5. Dragoner-Regiments ...« - -»Ah, sehr willkommen ... Ich lasse bitten ...« Und während sich der -Alte wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das kleine Fräulein in -übermütiger Laune fort: »Auch wieder einer. Und noch dazu aus der -Reserve! Mir widerwärtig, dieser ewige Leutnant. Es gibt gar keine -Menschen mehr.« - -Und sehr wahrscheinlich, daß sie diese Betrachtungen fortgesetzt -hätte, wenn nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar geworden wäre, -das über das rasche Näherkommen des Besuchs keinen Zweifel ließ. Und -wirklich, im nächsten Augenblicke stand der Angemeldete vor der Veranda -und verneigte sich gegen beide Damen. - -Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen. -»Ich freue mich, Sie zu sehen. Erlauben Sie mir, Sie zunächst mit -meiner lieben Freundin und Hausgenossin bekannt machen zu dürfen ... -Herr Ebenezer Rubehn, ... Fräulein Friederike von Sawatzki!« - -Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns Zügen, -das, wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch dem kleinen -verwachsenen Fräulein, als ihr selber galt. Ebenezer war indessen -Weltmann genug, um seines Erstaunens rasch wieder Herr zu werden, und -sich ein zweites Mal gegen die Freundin hin verneigend, bat er um -Entschuldigung, seinen Besuch auf der Villa bis heute hinausgeschoben -zu haben. - -Melanie ging leicht darüber hin, ihrerseits bittend, die Gemütlichkeit -dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines unabgeräumten -Frühstückstisches entschuldigen zu wollen. »~Mais à la guerre, comme à -la guerre~, eine kriegerische Wendung, an die mir's im übrigen ferne -liegt, ernsthafte Kriegsgespräche knüpfen zu wollen.« - -»Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert haben -möchten,« lachte Rubehn. »Aber fürchten Sie nichts. Ich weiß, daß sich -Damen für das Kapitel Krieg nur so lange begeistern, als es Verwundete -zu pflegen gibt. Von dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das -Lazarett verläßt, ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen -in allem recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der -Welt, immer wieder eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem -Wert und noch zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen, aber es ist das -Schönste, was es gibt, zu helfen und zu heilen.« - -Melanie hatte, während er sprach, ihre Handarbeit in den Schoß gelegt -und ihn fest und freundlich angesehen. »Ei, das lob' ich und hör' ich -gern. Aber wer mit so warmer Empfindung von dem Hospitaldienst und dem -Helfen und Heilen, das uns so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der -hat diese Wohltat wohl an sich selbst erfahren. Und so plaudern Sie -mir denn wider Willen, nach fünf Minuten schon, Ihre Geheimnisse aus. -Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie würden scheitern damit, -und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen, so werden Sie -natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen: unseren Eigensinn -und unser Rätselraten. Wir erraten alles ...« - -»Und immer richtig?« - -»Nicht immer, aber meist. Und nun erzählen Sie mir, wie Sie Berlin -finden, unsere gute Stadt, und unser Haus, und ob Sie das Zutrauen zu -sich haben, in Ihrem Hofkerker, dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe -fehlen, nicht melancholisch zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres. -Und wo nichts ist, hat, wie das Sprichwort sagt ...« - -»O, Sie beschämen mich, meine gnädigste Frau. Jetzt erst, nach meinem -Eintreffen, weiß ich, wie groß das Opfer ist, das Sie mir gebracht -haben. Und ich darf füglich sagen, daß ich bei besserer Kenntnis ...« - -Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem Hause hin, -aus dem eben (die Musikstunde hatte schon vorher geschlossen) ein -virtuoses und in jeder feinsten Nüancierung erkennbares Spiel bis auf -die Veranda herausklang. Es war »Wotans Abschied« und Rubehn erschien -so hingerissen, daß es ihm Anstrengung kostete, sich loszumachen und -das Gespräch wieder aufzunehmen. Endlich aber fand er sich zurück und -sagte, während er sich abermals gegen Riekchen verneigte: »Pardon, -meine Gnädigste. Hatt' ich recht gehört? Fräulein von Sawatzki?« - -Das Fräulein nickte. - -»Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen Sommer über -in Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar nach dem Kriege. Ein -liebenswürdiger, junger Kavalier. Vielleicht ein Anverwandter ...?« - -»Ein Vetter,« sagte Fräulein Riekchen. »Es gibt nur wenige meines -Namens und wir sind alle verwandt. Ich freue mich, aus Ihrem Munde von -ihm zu hören. Er wurde noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet, -fast am letzten Tage. Bei Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange -nicht von ihm gehört. Hat er sich erholt?« - -»Ich glaube sagen zu dürfen, vollkommen. Er tut wieder Dienst im -Regiment, wovon ich mich, ganz neuerdings erst, durch einen glücklichen -Zufall überzeugen konnte ... Aber, mein gnädigstes Fräulein, wir werden -unser Thema fallen lassen müssen. Die gnädige Frau lächelt bereits -und bewundert die Geschicklichkeit, mit der ich, unter Heranziehung -Ihres Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all seine Konsequenzen -einzumünden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber dem wundervollen -Spiele zuzuhören, das ... O, wie schade; jetzt bricht es ab ...« - -Er schwieg, und erst als es drinnen still blieb, fuhr er in einer ihm -sonst fremden, aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen Emphase -fort: »O, meine gnädigste Frau, welch ein Zaubergarten, in dem Sie -leben. Ein Pfau, der sich sonnt, und Tauben, so zahm und so zahllos, -als wäre diese Veranda der Markusplatz oder die Insel Cypern in Person! -Und dieser plätschernde Strahl, und nun gar dieses Lied ... In der Tat, -wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall unstatthaft und zudringlich -sein könnte ...« - -Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben Schritte hörbar -geworden und Melanie sagte mit einer halben Wendung: »Ah, Anastasia! Du -kommst gerade zu guter Zeit, um den Dank und die Bewunderung unseres -lieben Gastes und neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu -nehmen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit einander bekannt mache: Herr -Ebenezer Rubehn, Fräulein Anastasia Schmidt ... Und hier meine Tochter -Lydia,« setzte Melanie hinzu, nach dem schönen Kinde hinzeigend, das, -auf der Türschwelle, neben dem Musikfräulein stehen geblieben war und -den Fremden ernst und beinah feindselig musterte. - -Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und so wandt' er sich -ohne weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand Schmeichelhaftes über -ihr Spiel und die Richtung ihres Geschmackes zu sagen. - -Diese verbeugte sich, während Melanie, der kein Wort entgangen war, -aufs lebhafteste fortfuhr: »Ei, da dürfen wir Sie, wenn ich recht -verstanden habe, wohl gar zu den Unseren zählen? Anastasia, das träfe -sich gut! Sie müssen nämlich wissen, Herr Rubehn, daß wir hier in -zwei Lagern stehen und daß sich das Van der Straatensche Haus, das -nun auch das Ihrige sein wird, in bilderschwärmende Montecchi und -musikschwärmende Capuletti teilt. Ich, ~tout à fait~ Capulet und Julia. -Doch mit untragischem Ausgang. Und ich füge zum Überfluß hinzu, daß -wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde zugehören, deren Namen -und Mittelpunkt ich Ihnen nicht zu nennen brauche. Nur eines will -ich auf der Stelle wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches -Neugiersrecht. Welcher seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten -Preis zu? Worin erscheint er Ihnen am bedeutendsten oder doch am -eigenartigsten?« - -»In den Meistersingern.« - -»Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nächster Gelegenheit -können wir Van der Straaten und Gabler, und vor allem den langen und -langweiligen Legationsrat in die Luft sprengen. Den langen Duquede. O, -der steigt wie ein Raketenstock. Nicht wahr, Anastasia?« - -Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die durch die ganze -Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt war, fuhr in wachsendem -Eifer fort: »Alles das sind erst Namen. Eine Woche noch oder zwei und -Sie werden unsere kleine Welt kennen gelernt haben. Ich wünsche, daß -Sie die Gelegenheit dazu nicht hinausschieben. Unsere Veranda hat für -heute die Repräsentation des Hauses übernehmen müssen. Erinnern Sie -sich, daß wir auch einen Flügel haben und versuchen Sie bald und oft, -ob er Ihnen paßt. ~Au revoir.~« - -Er küßte der schönen Frau die Hand und unter gemessener Verbeugung -gegen Riekchen und Anastasia verließ er die Damen. Über Lydia sah er -fort. - -Aber diese nicht über ihn. - -»Du siehst ihm nach,« sagte Melanie. »Hat er dir gefallen?« - -»Nein.« - -Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück und in ihrem großen -Auge stand eine Träne. - - - - -8 - -Auf der Stralauer Wiese - - -Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen, und der -günstige Eindruck, den er auf die Damen gemacht hatte, war im Steigen -geblieben, wie das Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er -in Gesellschaft Van der Straatens, der seinerseits an der allgemeinen -Vorliebe für den neuen Hausgenossen teilnahm, und nie vergaß, ihm einen -Platz anzubieten, wenn er selber in seinem hochrädrigen Kabriolett -hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand in jenen Wochen über der -Villa, drin es mehr Lachen und Plaudern, mehr Medisieren und Musizieren -gab, als seit lange. Mit dem Musizieren vermochte sich Van der Straaten -freilich auch jetzt nicht auszusöhnen, und es fehlte nicht an Wünschen -wie der, »mit von der Schiffsmannschaft des fliegenden Holländers -zu sein,« aber im Grunde genommen war er mit dem »anspruchsvollen -Lärm« um vieles zufriedener, als er einräumen wollte, weil der -von nun an in eine neue, gesteigerte Phase tretende Wagner-Kultus -ihm einen unerschöpflichen Stoff für seine Lieblingsformen der -Unterhaltung bot. Siegfried und Brünhilde, Tristan und Isolde, welche -dankbaren Tummelfelder! Und es konnte, wenn er in Veranlassung dieser -Themata seinem Renner die Zügel schießen ließ, mitunter zweifelhaft -erscheinen, ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein Übermut die -Glücklicheren waren. - -Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber, als an einem -wundervollen Augustnachmittage Van der Straaten den Vorschlag einer -Land- und Wasserpartie machte. »Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr -in unserer Stadt und hat nichts gesehen, als was zwischen unserem -Kontor und dieser unserer Villa liegt. Er muß aber endlich unsere -landschaftlichen Schätze, will sagen unsere Wasserflächen und Stromufer -kennen lernen, erhabene Wunder der Natur, neben denen die ganze -heraufgepuffte Main- und Rheinherrlichkeit verschwindet. Also Treptow -und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen haben wir den Stralauer -Fischzug, der an und für sich zwar ein liebliches Fest der Maien, im -übrigen aber etwas derb und nicht allzu günstig für Wiesewachs und -frischen Rasen ist. Und so proponier' ich denn eine Fahrt auf morgen -nachmittag. Angenommen?« - -Ein wahrer Jubel begleitete den Schluß der Ansprache, Melanie sprang -auf, um ihm einen Kuß zu geben, und Fräulein Riekchen erzählte, daß es -nun gerade dreiunddreißig Jahre sei, seit sie zum letztenmal in Treptow -gewesen, an einem großen Dobremontschen Feuerwerkstage, -- derselbe -Dobremont, der nachher mit seinem ganzen Laboratorium in die Luft -geflogen. »Und in die Luft geflogen warum? Weil die Leute, die mit dem -Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer die Gefahr vergessen. Ja, -Melanie, du lachst. Aber, es ist so, immer die Gefahr vergessen.« - -Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten, und man -kam überein, am anderen Tage zu Mittag in die Stadt zu fahren, daselbst -ein kleines Gabelfrühstück einzunehmen und gleich danach die Partie -beginnen zu lassen: die drei Damen im Wagen, Van der Straaten und -Rubehn entweder zu Fuß oder zu Schiff. Alles regelte sich rasch und nur -die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien auf kleine Schwierigkeiten -stoßen zu sollen. - -»Gryczinskis?« fragte Van der Straaten und war zufrieden, als alles -schwieg. Denn so sehr er an der rotblonden Schwägerin hing, in der -er, um ihres anschmiegenden Wesens willen, ein kleines Frauenideal -verehrte, so wenig lag ihm an dem Major, dessen superiore Haltung ihn -bedrückte. - -»Nun denn, Duquede?« fuhr Van der Straaten fort und hielt das Krayon an -die Lippe, mit dem er eventuell den Namen des Legationsrates notieren -wollte. - -»Nein,« sagte Melanie. »Duquede nicht. Und so verhaßt mir der ewige -Vergleich vom ›Mehltau‹ ist, so gibt es doch für Duquede keinen andern. -Er würde von Stralow aus beweisen, daß Treptow, und von Treptow aus -beweisen, daß Stralow überschätzt werde, und zu Feststellung dieses -Satzes brauchen wir weder einen Legationsrat a. D., noch einen -Altmärkischen von Adel.« - -»Gut, ich bin es zufrieden,« erwiderte Van der Straaten. »Aber Reiff?« - -»Ja, Reiff,« hieß es erfreut. Alle drei Damen klatschten in die Hände -und Melanie setzte hinzu: »Er ist artig und manierlich und kein -Spielverderber und trägt einem die Sachen. Und dann, weil ihn alle -kennen, ist es immer, als führe man unter Eskorte, und alles grüßt -so verbindlich, und mitunter ist es mir schon gewesen, als ob die -Brandenburger Torwache ›heraus‹ rufen müsse.« - -»Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen,« sagte Anastasia, die -nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich durch eine kleine -Schmeichelei zu insinuieren. »Das ist um +deinetwillen+. Sie haben dich -für eine Prinzessin gehalten.« - -»Ich bitte nicht abzuschweifen,« unterbrach Van der Straaten, »am -wenigsten im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem Prinzipe -von Zug um Zug, bis ins Ungeheuerliche steigern könnten. Ich habe -Reiff notiert, und Arnold und Elimar verstehen sich von selbst. Eine -Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding. Dies wird selbst von mir -zugestanden. Und nun frag' ich, wer hat noch weitre Vorschläge zu -machen? Niemand? Gut. So bleibt es bei Reiff und Arnold und Elimar, -und ich werde sie per Rohrpost avertieren. Fünf Uhr. Und daß wir sie -draußen bei Löbbekes erwarten.« - -Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf der Villa, viel, -viel mehr als ob es sich um eine Reise nach Teplitz oder Karlsbad -gehandelt hätte. Natürlich, eine Fahrt nach Stralow war ja das -ungewöhnlichere. Die Kinder sollten mit, es sei Platz genug auf dem -Wagen, aber Lydia war nicht zu bewegen und erklärte bestimmt, sie -+wolle+ nicht. Da mußte denn, wenn man keine Szene haben wollte, -nachgegeben werden, und auch die jüngere Schwester blieb, da sie sich -daran gewöhnt hatte, dem Beispiele der ältern in all und jedem zu -folgen. - -In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrühstück genommen und -zwar in Van der Straatens Zimmer. Er wollt' es so jagd- und reisemäßig -wie möglich haben und war in bester Laune. Diese wurd' auch nicht -gestört, als in demselben Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte, -ein Absagebrief Reiffs eintraf. Der Polizeirat schrieb: »Chef eben -konfidentiell mit mir gesprochen. Reise heute noch. Elf Uhr fünfzig. -Eine Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff. Pstskr. Ich -bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu dürfen, daß ich -untröstlich bin ...« - -Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten, weil er, -unter dem Lesen, unklugerweise von seinem Sherry genippt hatte. -Nichtsdestoweniger sprach er unter Husten und Lachen weiter und erging -sich in Vorstellungen Reiffscher Großtaten. »In politischer Mission. -Wundervoll. O lieb Vaterland, kannst ruhig sein. Aber +einen+ kenn' -ich, der noch ruhiger sein darf: er, der Unglückliche, den er sucht. -Oder sag' ich gleich rundweg: der Attentäter, dem er sich an die Fersen -heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches muß es sich -doch am Ende handeln, wenn man einen Mann wie Reiff allerpersönlichst -in den Sattel setzt. Nicht wahr, Sattlerchen von der Hölle? Und heut -abend noch! Die reine Ballade. ›Wir satteln nur um Mitternacht.‹ O, -Leonore! O Reiff, Reiff.« Und er lachte konvulsivisch weiter. - -Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung draußen treffen -wollte, wurden nicht geschont, bis endlich die Pendule vier schlug und -zur Eile mahnte. Der Wagen wartete schon und die Damen stiegen ein und -nahmen ihre Plätze: Fräulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf -dem Rücksitz. Und mit ihren Fächern und Sonnenschirmen grüßend, ging -es über Platz und Straßen fort, erst auf die Frankfurter Linden und -zuletzt auf das Stralauer Tor zu. - -Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde später in -einer Droschke zweiter Klasse, die man ›echtheits‹halber gewählt -hatte, stiegen aber unmittelbar vor der Stadt aus, um nunmehr an den -Flußwiesen hin den Rest des Weges zu Fuß zu machen. - - * * * * * - -Es schlug fünf, als unsre Fußgänger das Dorf erreichten und in -Mitte desselben Ehms ansichtig wurden, der mit seinem Wagen, etwas -ausgebogen, zur Linken hielt und den ohnehin wohlgepflegten Trakehnern -einen vollen Futtersack eben auf die Krippe gelegt hatte. Gegenüber -stand ein kleines Haus, wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen, bräunlich -und appetitlich, und so niedrig, daß man bequem die Hand auf die -Dachrinne legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch die kaum -mannshohe Tür, über der, auf einem wasserblauen Schilde, »Löbbekes -Kaffeehaus« zu lesen war. In Front des Hauses aber standen drei, vier -verschnittene Lindenbäume, die den Bürgersteig von dem Straßendamme -trennten, auf welchem letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und -zwitscherten und die verlorenen Körner aufpickten. - -»Dies ist das Ship-Hotel von Stralow,« sagte Van der Straaten im -Ciceroneton und war eben willens in das Kaffeehaus einzutreten, als Ehm -über den Damm kam und ihm halb dienstlich halb vertraulich vermeldete, -»daß die Damens schon vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren -Malers auch. Und hätten beide schon vorher gewartet und gleich den -Tritt runter gemacht und alles. Erst Herr Gabler und dann Herr Schulze. -Und an der Würfelbude hätten sie Strippenballons und Gummibälle -gekauft. Und auch Reifen und eine kleine Trommel und allerhand noch. -Und einen Jungen hätten sie mitgenommen, der hätte die Reifen und -Stöcke tragen müssen. Und Herr Elimar immer vorauf. Das heißt mit 'ner -Harmonika.« - -»Um Gottes willen,« rief Van der Straaten, »Ziehharmonika?« - -»Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.« - -»Gott sei Dank! ... Und nun kommen Sie, Rubehn. Und du, Ehm, du wartest -nicht auf uns und läßt dir geben ... Hörst du?« - -Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen Zügen aber war -deutlich zu lesen: ich werde warten. - -Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan und dehnte sich -bis an die Kirchhofsmauer hin. In Nähe dieser hatten sich die drei -Damen gelagert und plauderten mit Gabler, während Elimar einen seiner -großen Gummibälle monsieur-herkulesartig über Arm und Schulter laufen -ließ. - -Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne her das -Bravoklatschen und klatschten lebhaft mit. Und nun erst wurde man -ihrer ansichtig, und Melanie sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur -Begrüßung, einen der großen Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig -gezielt, der Ball ging seitwärts und Rubehn fing ihn auf. Im nächsten -Augenblicke begrüßte man sich und die junge Frau sagte: »Sie sind -geschickt. Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.« - -»Ich wollt', es wäre das Glück.« - -»Vielleicht ist es das Glück.« - -Van der Straaten, der es hörte, verbat sich alle derartig intrikaten -Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren oder -vielleicht auch Reiff in konfidentieller Mission abschicken werde. -Worauf Rubehn ihn zum hundertsten Male beschwor, endlich von der -»ewigen Braut« ablassen zu wollen, die wenigstens vorläufig noch im -Bereiche der Träume sei. Van der Straaten aber machte sein kluges -Gesicht und versicherte, »daß er es besser wisse«. - -Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück, die sich nun rasch in -einen Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Bälle flogen, und da die -Damen ein rasches Wechseln im Spiele liebten, so ging man, innerhalb -anderthalb Stunden, auch noch durch Blindekuh und Gänsedieb und -»Bäumchen, Bäumchen, verwechselt euch.« Das letztere fand am meisten -Gnade, besonders bei Van der Straaten, dem es eine herzliche Freude -war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren freundlichen und -doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme herumgucken zu -sehen. Denn sie hatte, wie die meisten Verwachsenen, ein Eulengesicht. - -Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rückzug mahnte. -Harmonika-Schulze führte wieder und neben ihm marschierte Gabler, der -das Trommelchen ganz nach Art eines Tambourins behandelte. Er schlug es -mit den Knöcheln, warf es hoch und fing es wieder. Danach folgte das -Van der Straatensche Paar, dann Rubehn und Fräulein Riekchen, während -Anastasia träumerisch und Blumen pflückend den Nachtrab bildete. Sie -hing süßen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar hatte beim -Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallen lassen, die nicht mißdeutet -werden konnten. Er hätte denn ein schändlicher und zweizüngiger Lügner -sein müssen. Und das war er nicht ... Wer so rein und kindlich an der -Tete dieses Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein -Verräter sein. - -Und sie bückte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an einer -Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks zu zählen. - - - - -9 - -Löbbekes Kaffeehaus - - -Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden -nichts verändert, mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge, die jetzt, -statt auf dem Straßendamm, in den verschnittenen Linden saßen und -quirilierten. Aber niemand achtete dieser Musik, am wenigsten Van der -Straaten, der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst -an die Spitze des Zuges gesetzt hatte. »~Attention!~« rief er und -bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch -hindurchzuzwängen. - -Und alles folgte seinem Rat und Beispiel. - -Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur um ein -erhebliches niedriger lag, als die Straße draußen, weshalb denn auch -den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft entgegenkam, von der es schwer -zu sagen war, ob sie durch ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann -oder verlor. In der Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische -mit Herd und Rauchfang, einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich, -während von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang. -Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und Tassen und -unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen. Zwischen Tisch -und Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien, eine große, starke -Blondine von Mitte dreißig, die man ohne weiteres als eine Schönheit -hätte hinnehmen müssen, wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und -doch waren es eigentlich schöne Augen, an denen in Wahrheit nichts -auszusetzen war, als daß sie sich daran gewöhnt hatten, alle Männer -in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie zuzwinkerten: »wir -treffen uns noch« und in solche, denen sie spöttisch nachriefen: »wir -kennen euch besser.« Alles aber, was in diese zwei Klassen +nicht+ -hineinpaßte, war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken. - -Es muß leider gesagt werden, daß auch Van der Straaten von diesem -Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre halber, im Gegenteil, -sie wußte Jahre zu schätzen, nein, einzig und allein weil er von alter -Zeit her die Schwäche hatte, sich ~à tout prix~ populär machen zu -wollen. Und das war der Blondine das verächtlichste von allem. - -Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür und -dahinter kam ein Garten, drin, um kümmerliche Bäume herum, ein -Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten Stühlen von -derselben Farbe standen. Rechts lief eine Kegelbahn, deren vorderstes -unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an die Straße reichte. -Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten -hin, verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener -Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von -dem Sommergarten aus, auf einen großen, am Spreeufer sich hinziehenden -und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte. An einer -der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft zwei, drei Tische -zusammen und hatte nun einen schmalen, zerbrechlichen Wassersteg und -links davon ein festgeankertes, aber schon dem Nachbarhause zugehöriges -Floß vor sich, an das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten. - -Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, um als -Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben, die flußabwärts, im -rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen Sommertages dalag. Elimar -und Gabler aber waren auf den Wassersteg hinausgetreten. Alles freute -sich des Bildes, und Van der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die -Schloßkuppel. Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta?« - -»Salutè,« verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der letzten Silbe. - -»Gut, gut. Also Salutè,« wiederholte Van der Straaten, indem er jetzt -auch seinerseits das e betonte. »Meinetwegen. Ich prätendiere nicht, -der alte Sprachenkardinal zu sein, dessen Namen ich vergessen habe. -~Salus salutis~, vierte Deklination, oder dritte, das genügt mir -vollkommen. Und Salutà oder Salutè macht mir keinen Unterschied. -Freilich muß ich sagen, so wenig zuverlässig die lieben Italiener -in allem sind, so wenig sind sie's auch in ihren Endsilben. Mal a -mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien und studieren wir lieber -die Speisekarte. Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu -Mund vermittelt wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden -Erinnerung entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?« - -»Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen,« antwortete Anastasia -pikiert. »Ich glaube nicht, daß sich eine Speisekarte von Mund zu Mund -vermitteln läßt.« - -»Es käm' auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil wollte mich zu -Lösung der Aufgabe verpflichten. Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr -Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern birgt. Bis dahin muß es -bleiben und bis dahin sei Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn' -ich dich, in deiner Eigenschaft als Gabler, zum Erbküchenmeister und -lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände.« - -»Was ich dankbarst akzeptiere,« bemerkte dieser, »immer vorausgesetzt, -daß du mir, um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu -sprechen, einige Direktiven erteilen willst.« - -»Gerne, gerne,« sagte Van der Straaten. - -»Nun denn, so beginne.« - -»Gut. So proponier' ich Aal und Gurkensalat ... Zugestanden?« - -»Ja,« stimmte der Chorus ein. - -»Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln ... Zugestanden?« - -»Ja.« - -»Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen wichtig -genug. Ich hätte der Lösung derselben, mit Unterstützung Ehms -und unsres Wagenkastens, vorgreifen können, aber ich verabscheue -Landpartien mit mitgeschlepptem Weinkeller. Erstens kränkt man die -Leute, bei denen man doch gewissermaßen immer noch zu Gaste geht, und -zweitens bleibt man in dem Kreise des Althergebrachten, aus dem man -ja gerade heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag' ich. Nicht -um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, um die Sitten -und Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher auch die Lokalspenden -ihrer Dorf- und Gauschaften kennen zu lernen. Und da wir hier nicht im -Lande Kanaan weilen, wo Kaleb die große Traube trug, so stimm' ich für -das landesübliche Produkt dieser Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein -Geld kein Schweizer; keine Weiße kein Stralow. Ich wette, daß selbst -Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat. Und nun geh' Arnold. -Und für Anastasia einen Anisette ... Kühle Blonde! Ob wohl unsere -Blondine zwischen Tisch und Schapp in diese Kategorie fällt?« - -Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden Sonne -zugesehn und auf dem gebrechlichen Wasserstege, nach Art eines -Turners, der zum Hocksprung ansetzt, seine Knie gebogen und wieder -angestrafft. Alles mechanisch und gedankenlos. Plötzlich aber, während -er noch so hin und her wippte, knackte das Brett und brach, und -nur der Geistesgegenwart, mit der er nach einem der Pfähle griff, -mocht' er es zuschreiben, daß er nicht in das gerad' an dieser -Dampfschiffanlegestelle sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen -schrien laut auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich -selbst Gerettete mit einem gewissen Siegeslächeln erschien, das unter -den sich jagenden Vorwürfen von »Tollkühnheit« und »Gleichgültigkeit -gegen die Gefühle seiner Mitmenschen« eher wuchs als schwand. - -Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen, ohne -von einer Fülle von Kommentaren und Hypothesen begleitet zu werden, in -denen die Wörter »wenn« und »was« die Hauptrolle spielten und endlos -wiederkehrten. +Was+ würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht -rechtzeitig ergriffen hätte? +Was+, wenn er trotzdem hineingefallen, -endlich +was+, wenn er nicht zufällig ein guter Schwimmer gewesen wäre? - -Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wieder gewonnen hatte, -behauptete, daß Van der Straaten unter allen Umständen hätte -nachspringen müssen, und zwar erstens als Urheber der Partie, zweitens -als resoluter Mann und drittens als Kommerzienrat, von denen, allen -historischen Aufzeichnungen nach, noch keiner ertrunken wäre. Selbst -bei der Sintflut nicht. - -Van der Straaten liebte nichts mehr, als solche Neckereien seiner Frau, -verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute Heldentum, gegen -alle daraus zu ziehenden Konsequenzen. - -Er halte weder zu der alten Firma Leander, noch zu der neuen des -Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem was Heroismus angehe, -ganz zu der Schule seines Freundes Heine, der, bei jeder Gelegenheit, -seiner äußersten Abneigung gegen tragische Manieren einen ehrlichen und -unumwundenen Ausdruck gegeben habe. - -»Aber,« entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind doch nun mal -gerade +das+, was wir Frauen von euch verlangen.« - -»Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte Van der Straaten. »Lustige -Manieren verlangt ihr und einen jungen Fant, der euch beim -Zwirnwickeln die Docke hält und auf ein Fußkissen niederkniet, darauf -sonderbarerweise jedesmal ein kleines Hündchen gestickt ist. Mutmaßlich -als Symbol der Treue. Und dann seufzt er, der Adorante, der betende -Knabe, und macht Augen und versichert euch seiner innigsten Teilnahme. -Denn ihr +müßtet+ unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen und Pause. -Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer seien -gut), aber ~enfin~, ein Mann müsse nicht bloß gut sein, ein Mann müsse -seine Frau +verstehen+. Darauf komm' es an, sonst sei die Ehe niedrig, -so niedrig, mehr als niedrig. Und dann seufzt er zum drittenmal. -Und wenn der Zwirn endlich abgewickelt ist, was natürlich solange -wie möglich dauert, so glaubt ihr es auch. Denn jede von euch ist -wenigstens für einen indischen Prinzen oder für einen Schah von Persien -geboren. Allein schon wegen der Teppiche.« - -Melanie hatte während dieser echt Van der Straatenschen Expektoration -ihren Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und mit einem Anfluge von -Hochmut: »Ich weiß nicht, Ezel, warum du beständig von Zwirn sprichst. -Ich wickle Seide.« - -Sehr wahrscheinlich, daß es dieser Bemerkung an einer spitzen Replik -nicht gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine dralle, kurzärmelige -Magd erschienen und auf Augenblicke hin der Gegenstand allgemeiner -Aufmerksamkeit geworden wäre. Schon um des virtuosen Puffs und Knalls -willen, womit sie, wie zum Debüt, ihr Tischtuch auseinanderschlug. -Und sehr bald nach ihr erschienen denn auch die dampfenden Schüsseln -und die hohen Weißbierstangen, und selbst der Anisette für Anastasia -war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich der lebens- -und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen Damenstellung zur -Anisette-Frage rechtzeitig erinnert hatte. Und in der Tat, er mußte -lächeln (und Van der Straaten mit ihm), als er gleich nach dem -Erscheinen des Tabletts auch Riekchen nippen und ihre Eulenaugen immer -größer und freundlicher werden sah. - -Inzwischen war es dämmerig geworden und mit der Dämmerung kam die -Kühle. Gabler und Elimar erhoben sich, um aus dem Wagen eine Welt von -Decken und Tüchern heranzuschleppen, und Melanie, nachdem sie den -schwarz- und weißgestreiften Burnus umgenommen und die Kapuze kokett -in die Höhe geschlagen hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der -Seidenpuscheln hing ihr in die Stirn und bewegte sich hin und her, wenn -sie sprach, oder dem Gespräche der andern lebhaft folgte. Und dieses -Gespräch, das sich bis dahin medisierend um die Gryczinskis und vor -allem auch um den Polizeirat und die neue, katilinarische Verschwörung -gedreht hatte, fing endlich an sich näherliegenden und zugleich auch -harmloseren Thematas zuzuwenden, beispielsweise wie hell der »Wagen« am -Himmel stünde. - -»Fast so hell wie der große Bär,« schaltete Riekchen ein, die nicht -fest in der Himmelskunde war. Und nun entsann man sich, daß dies gerade -die Sternschnuppennächte wären, auf welche Mitteilung hin Van der -Straaten nicht nur die fallenden Sterne zu zählen anfing, sondern sich -schließlich auch bis zu dem Satze steigerte, »daß alles in der Welt -eigentlich nur des Fallens wegen da sei: die Sterne, die Engel, und nur -die Frauen nicht.« - -Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten Van der -Straaten, und nachdem noch eine ganze Weile gezählt und gestritten -und der Abend inzwischen immer kälter geworden war, einigte man sich -dahin, daß es zur Bekämpfung dieser Polarzustände nur ein einzig -erdenkbares Mittel gäbe: eine Glühweinbowle. Van der Straaten selbst -machte den Vorschlag und definierte: »Glühwein ist diejenige Form des -Weines, in der der Wein nichts und das Gewürznägelchen alles bedeutet,« -auf welche Definition hin es gewagt und die Bestellung gemacht wurde. -Und siehe da, nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon, erschien auch die -blonde Wirtin in Person, um die Bowle vorsorglich inmitten des Tisches -niederzusetzen. - -Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter Lachen all -der aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste den warmen und -erquicklichen Dampf einsogen. Ein reizender blonder Junge war mit ihr -gekommen und hielt sich an der Schürze der Mutter fest. - -»Ihre?« fragte Van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung. - -»Na, wen sonst,« antwortete die Blondine nüchtern und suchte mit Rubehn -über den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. Als es aber mißlang, -ergriff sie die blonden Locken ihres Jungen, spielte damit und sagte: -»Komm, Pauleken. Die Herrschaften sind lieber alleine.« - -Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich rief er: -»Gott sei Dank, nun hab' ich's. Ich wußte doch, ich hatte sie schon -gesehn. Irgendwo. Triumphzug des Germanikus; Thusnelda, wie sie leibt -und lebt.« - -»Ich kann es nicht finden,« erwiderte Van der Straaten, der ein -Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht in Verhältnissen -und Leibesumfängen, immer vorausgesetzt, daß man von solchen Dingen -in Gegenwart unserer Damen sprechen darf. Aber Anastasia wird es -verzeihen, und um den Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei -Piloty gibt sich Thumelikus noch als ein Werdender, während wir ihn -hier bereits an der Schürze seiner Mutter hatten. An der weißesten -Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiß wie Schnee und -weißer noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.« - -Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen -Singsangmanier von ihm gesprochen worden, und Rubehn, dem es mißfiel, -wandte sich ab und blickte nach links hin auf den von Lichtern -überblitzten Strom. Melanie sah es und das Blut schoß ihr zu Kopf, -wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und Redeweise hatte sie, durch all -die Jahre hin, viel Hunderte von Malen in Verlegenheit gebracht, auch -wohl in bittere Verlegenheiten, aber dabei war es geblieben. Heute zum -ersten Male schämte sie sich seiner. - -Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung und -klammerte sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff, in der -an und für sich ganz richtigen Erkenntnis, etwas Besseres für seine -Spezialansprüche nicht finden zu können. - -»Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist? Höher hinauf, meine -Freunde. Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, Venus -Spreavensis, frisch aus demselben Wasser gestiegen, das uns eben -erst unsern teuren Elimar zu rauben trachtete. Das Wasser rauscht, -das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, sag' ich. Aber so mich -nicht alles täuscht, haben wir hier +mehr+, meine Freunde. Wir -haben hier, wenn ich richtig beobachtet oder sagen wir, wenn ich -richtig geahnt habe, eine Vermählung von Modernem und Antikem: Venus -Spreavensis und Venus Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum' es -ein. Aber in Griechisch und Musik darf man alles sagen. Nicht wahr, -Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Außerdem entsinn' ich mich, zu meiner -Rechtfertigung, eines wundervollen Kallipygosepigramms ... Nein, nicht -Epigramms ... Wie heißt etwas Zweizeiliges, was sich nicht reimt ...« - -»Distichon.« - -»Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons ... bah, da hab' ich -es vergessen ... Melanie, wie war es doch? Du sagtest es damals so -gut und lachtest so herzlich. Und nun hast du's auch vergessen. Oder -+willst+ du's bloß vergessen haben? ... Ich bitte dich ... Ich hasse -das ... Besinne dich. Es war etwas von Pfirsichpflaum und ich sagte -noch ›man fühl' ihn ordentlich‹. Und du fandst es auch und stimmtest -mit ein ... Aber die Gläser sind ja leer ...« - -»Und ich denke, wir lassen sie leer,« sagte Melanie scharf und -wechselte die Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm auf- und -zumachte. »Ich denke, wir lassen sie leer. Es ist ohnehin Glühwein. Und -wenn wir noch hinüber wollen, so wird es Zeit sein, +hohe+ Zeit,« und -sie betonte das Wort. - -»Ich bin es zufrieden,« entgegnete Van der Straaten, aber in einem -Tone, der nur allzu deutlich erkennen ließ, daß seine gute Stimmung in -ihr Gegenteil umzuschlagen begann. »Ich bin es zufrieden und bedauere -nur, allem Anscheine nach, wieder einmal Anstoß gegeben und das adlige -Haus de Caparoux in seinen höheren Aspirationen verschnupft zu haben. -Es ist immer das alte Lied, das ich nicht gerne höre. +Wenn+ ich es -aber hören will, so lad' ich mir meinen Schwager-Major zu Tische, der -ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und der Langenweile. -Heute fehlt er hier und ich hätte gern darauf verzichtet, ihn durch -seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen. Ich hasse Prüderien und jene -Prätensionen höherer Sittlichkeit, hinter denen nichts steckt. Im -günstigsten Falle nichts steckt. Ich darf das sagen und jedenfalls -+will+ ich es sagen, und was ich gesagt habe, das habe ich gesagt.« - -Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, wieder -einzulenken, mißlang, und in ziemlich geschäftsmäßigem, wenn auch -freilich wieder ruhiger gewordenem Tone wurden alle noch nötigen -Verabredungen zur Überfahrt nach Treptow in zwei kleinen Booten -getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung der nächsten Brücke, die -Herrschaften am andern Ufer erwarten. Alles stimmte zu, mit Ausnahme -von Fräulein Riekchen, die verlegen erklärte, »daß Bootschaukeln, -von klein auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich Van der Straaten -in einem Anfalle von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube -zurückbleiben und das Anlegen des nächsten, vom »Eierhäuschen« her -erwarteten Dampfschiffes abpassen zu wollen. - - - - -10 - -Wohin treiben wir? - - -Es währte nicht lange, so steuerten von einer dunklen, etwas weiter -flußaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei Jollen auf das Floß zu, -jede mit einer Stocklaterne vorn an Bord. In der kleineren saß derselbe -Junge, der schon am Nachmittage die Reifen auf die Kirchhofswiese -hinausgetragen hatte, während die größere Jolle, leer und bloß -angekettet, im Fahrwasser der anderen nachschwamm. Es gab einen -hübschen Anblick, und kaum daß die beiden Fahrzeuge lagen, so stiegen -auch, vom Floß aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: Rubehn und -Melanie in das kleinere, die beiden Maler und Anastasia in das größere -Boot, eine Verteilung, die sich wie von selber machte, weil Elimar und -Gabler gute Kahnfahrer waren und jeder anderweitigen Führung entbehren -konnten. Sie nahmen denn auch die Tete und der Junge mit der kleineren -Jolle folgte. - -Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte dann zu dem -Fräulein: »Es ist mir ganz lieb, Riekchen, daß wir zurückgeblieben sind -und auf das Dampfschiff warten müssen. Ich habe Sie schon immer fragen -wollen, wie gefällt Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht -viel, und wer nicht viel spricht, der beobachtet gut.« - -»O, er gefällt mir.« - -»Und +mir+ gefällt es, Riekchen, daß er Ihnen gefällt. Nur das ›o‹ -beklag' ich, denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, und ›o, er -gefällt mir‹, ist eigentlich nicht viel besser, als ›o, er gefällt mir -+nicht+‹. Sie sehen, ich lasse Sie nicht wieder los. Also nur immer -tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur o? Woran liegt es? Wo fehlt -es? Mißtrauen Sie seinen Dragonerreserveleutnants-Allüren? Ist er Ihnen -zu kavaliermäßig oder zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still, zu -bescheiden oder zu stolz, zu warm oder zu kalt?« - -»Damit möchten Sie's getroffen haben.« - -»Womit?« - -»Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das erstemal -sah, hatt' ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll so gut wie -Anastasia. Natürlich nicht. Anastasia singt und ist exzentrisch und -will einen Mann haben.« - -»Will jede.« - -»Ich auch?« lachte die Kleine. - -»Wer weiß, Riekchen.« - -»... Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der Veranda, gleich -nach dem zweiten Frühstück, wir hatten eben die blauen Milchsatten -zurückgeschoben, und es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Da kam -der alte Teichgräber und brachte seine Karte. Und dann kam er selbst. -Nun, er hat etwas Distinguiertes und man sieht auf den ersten Blick, -daß er die kleine Not des Lebens nicht kennen gelernt hat. Und das -ist immer hübsch und das Hübsche davon soll ihm unbenommen sein. Er -hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage was Reserviertes, -so hab' ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein ist gut und -schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt' ich, es sei die -kleine gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, auch den Mann von -Welt, und er werd' es ablegen. Aber bald konnt' ich sehen, daß es nicht -Scheu war. Nein, ganz im Gegenteil. Es ist Selbstbewußtsein. Er hat -etwas amerikanisch Sicheres. Und so sicher er ist, so kalt ist er auch.« - -»Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht der Platz, -um Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.« - -»Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider +ver+lernen.« - -»Verlernen?« lachte Van der Straaten. »Ich bitte Sie, Riekchen, er ist -ja ein Frankfurter!« - - * * * * * - -Während dieses Gespräch in dem Glassalon geführt wurde, steuerten die -beiden Boote der Mitte des Stromes zu. Auf dem größeren war Scherz -und Lachen, aber auf dem kleineren, das folgte, schwieg alles und -Melanie beugte sich über den Rand und ließ das Wasser durch ihre Finger -plätschern. - -»Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen Freundin?« - -»Es kühlt. Und ich hab' es so heiß.« - -»So legen Sie den Burnus ab« ... Und er erhob sich, um ihr behilflich -zu sein. - -»Nein,« sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.« Und er sah nun, -daß sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte. - -Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach und horchten -auf die Lieder, die von dorther herüberklangen. Erst war es »~Long, -long ago~« und immer wenn der Refrain kam, summte Melanie die Zeile -mit. Und nun lachten sie drüben, und neue Lieder wurden intoniert und -ebenso rasch wieder verworfen, bis man sich endlich über eines geeinigt -zu haben schien. »O säh' ich auf der Heide dort.« Und wirklich, sie -hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie sang nicht -leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer Stimme ihre Bewegung -zu verraten. - -Und nun waren sie mitten auf dem Strom, außer Hörweite von den -Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide fuhr, zog mit einem Ruck -die Ruder ein und legte sich bequem ins Boot nieder und ließ es treiben. - -»Er sieht auch zu den Sternen auf,« sagte Rubehn. - -»Und zählt, wie viele fallen,« lachte Melanie bitter. »Aber Sie dürfen -mich nicht so verwundert ansehen, lieber Freund, als ob ich etwas -Besonderes gesagt hätte. Das ist ja, wie Sie wissen, oder wenigstens -seit +heute+ wissen müssen, der Ton unsres Hauses. Ein bißchen spitz, -ein bißchen zweideutig und immer unpassend. Ich befleißige mich der -Ausdrucksweise meines Mannes. Aber freilich ich bleibe hinter ihm -zurück. Er ist eben unerreichbar und weiß so wundervoll alles zu -treffen, was kränkt und bloßstellt und beschämt.« - -»Sie dürfen sich nicht verbittern.« - -»Ich verbittere mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und weil ich -es bin und es los sein möchte, deshalb sprech' ich so. Van der -Straaten ...« - -»Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub' ich ... Und er ist -gut.« - -»Und er ist gut,« wiederholte Melanie heftig und in beinahe -krampfhafter Heiterkeit. »Alle Männer sind gut! ... Und nun fehlt -nur noch der Zwirnwickel und das Fußkissen mit dem Symbol der Treue -darauf, so haben wir alles wieder beisammen. O Freund, wie konnten Sie -nur +das+ sagen, und um ihn zu rechtfertigen so ganz in seinen Ton -verfallen!« - -»Ich würde durch jeden Ton Anstoß gegeben haben.« - -»Vielleicht ... Oder sagen wir lieber gewiß. Denn es war zu viel, -dieser ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter vier Augen gehören, -und das kaum. Aber er kennt kein Geheimnis, weil ihm nichts des -Geheimnisses wert dünkt. Weil ihm nichts heilig ist. Und wer anders -denkt, ist scheinheilig oder lächerlich. Und das vor Ihnen ...« - -Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte. - -Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten um sie her, -und das Boot schaukelte leis und trieb im Strom und in Melanies Herzen -erklang es immer lauter: wohin treiben wir? - -Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben Frage beunruhigt -worden wäre, denn er sprang plötzlich auf und sah sich um, und -wahrnehmend, daß sie weit über die rechte Stelle hinaus waren, griff er -jetzt mit beiden Rudern ein und warf die Jolle nach linksherum, um so -schnell wie möglich aus der Strömung heraus und dem andern Ufer wieder -näher zu kommen. Und sieh, es gelang ihm auch, und ehe fünf Minuten um -waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern erhellten Baumgruppen -des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie hörten Anastasias Lachen -auf dem vorauffahrenden Boot. Und nun schwieg das Lachen und das Singen -begann wieder. Aber es war ein andres Lied und über das Wasser hin -klang es »Rothtraut, Schön-Rothtraut«, erst laut und jubelnd, bis es -schwermütig in die Worte verklang: »Schweig stille, mein Herze.« - -»Schweig stille, mein Herze,« wiederholte Rubehn und sagte leise »soll -es?« - -Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, an dem Elimar -und Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit warteten. Und gleich -darauf kam auch das Dampfschiff, und Riekchen und Van der Straaten -stiegen aus. Er heiter und gesprächig. - -Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den Abend gestört -hatte, vollkommen vergessen zu haben. - - - - -11 - -Zum Minister - - -»Wohin treiben wir?« hatte es in Melanies Herzen gefragt und die Frage -war ihr unvergessen geblieben. Aber der fieberhaften Erregung jener -Stunde hatte sie sich entschlagen, und in den Tagen, die folgten, war -ihr die Herrschaft über sich selbst zurückgekehrt. - -Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen -Augenblick zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn am Gitter -draußen halten und gleich darauf auf die Veranda zukommen sah. Sie ging -ihm wie gewöhnlich einen Schritt entgegen und sagte: »Wie ich mich -freue, Sie wieder zu sehen! Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und -Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. Aber die -Strafe folgt Ihnen auf dem Fuße. Sie treffen nur Anastasia und mich. -Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch freilich nicht -genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen und erzieht sieben -kleine Vettern auf dem Lande. Lauter Jungen und lauter Sawatzkis, und -in ihren übermütigsten Stunden auch mutmaßlich lauter Sattler von der -Hölle.« - -»Sagen wir lieber gewiß. Und dazu Riekchen als Präzeptor und Regente. -Muß das eine Zügelführung sein!« - -»O, Sie verkennen sie; sie weiß sich in Respekt zu setzen.« - -»Und doch möcht' ich die Verzweiflung des Gärtners über zertretene -Rabatten und die des Försters über angerichteten Wildschaden nicht mit -Augen sehn. Denn ein kleiner Junker schießt alles, was kreucht und -fleucht. Und nun gar sieben. Aber ich vergesse, mich meines Auftrages -zu entledigen. Van der Straaten ... Ihr Herr Gemahl ... bittet, ihn zu -Tisch +nicht+ erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und zwar -in Sachen einer Enquete. Freilich erst morgen. Aber heute hat er das -Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine gnädigste Frau, es gibt jetzt -nur noch Enqueten.« - -»Es gibt nur noch Enqueten, aber es gibt keine gnädigste Frauen mehr. -Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen uns. Eine Gnädigste -bin ich überhaupt nur bei Gryczinskis. Ich bin Ihre gute Freundin und -weiter nichts. Nicht wahr?« Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und -küßte. »Und ich will nicht,« fuhr sie fort, »daß wir diese sechs Tage -nur gelebt haben, um unsre Freundschaft um ebenso viele Wochen zurück -zu datieren. Also nichts mehr von einer ›gnädigsten Frau‹.« Und dabei -zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug und ihre Stimme -zitterte bei der Erinnerung an den Abend, der nur zu deutlich vor ihrer -Seele stand. - -»Ja, lieber Freund,« nahm sie nach einer kurzen Pause wieder das -Wort, »ich mußte das zwischen uns klar machen. Und da wir einmal -beim Klarmachen sind, so muß auch noch ein andres heraus, auch etwas -Persönliches und Diffiziles. Ich muß Ihnen nämlich endlich einen Namen -geben. Denn Sie haben eigentlich keinen Namen, oder wenigstens keinen, -der zu brauchen wäre.« - -»Ich dächte doch ...« sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge von -Verlegenheit und Mißstimmung. - -»Ich dächte doch,« wiederholte Melanie und lachte. »Daß doch auch die -Klugen und Klügsten auf +diesen+ Punkt hin immer empfindlich sind! Aber -ich bitte Sie, sich aller Empfindlichkeiten entschlagen zu wollen. Sie -sollen selbst entscheiden. Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen -die Frage: ob Ebenezer ein Name ist? Ich meine ein Name fürs Haus, -fürs Geplauder, für die Causerie, die doch nun mal unser Bestes ist! -Ebenezer! O Sie dürfen nicht so bös aussehen. Ebenezer ist ein Name für -einen Hohenpriester oder für einen, der's werden will, und ich seh' -ihn ordentlich, wie er das Opfermesser schwingt. Und sehen Sie, davor -schaudert mir. Ebenezer ist ~au fond~ nicht besser als Aaron. Und es -ist auch nichts daraus zu machen. Aus Ezechiel habe ich mir einen Ezel -glücklich kondensiert. Aber Ebenezer!« - -Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte dann: »Ich -wüßte schon eine Hilfe.« - -»O, die weiß ich auch. Und ich könnte sogar alles in einen allgemeinen -und fast nach Grammatik klingenden Satz bringen. Und dieser Satz würde -sein: Um- und Rückformung des abstrusen Familiennamens Rubehn in den -alten, mir immer lieb gewesenen Vornamen Ruben.« - -»Und das wollt' ich auch sagen,« eiferte Anastasia. - -»Aber ich +hab'+ es gesagt.« - -Und in diesem Prioritätsstreite scherzte sich Melanie mehr und mehr -in den Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr endlich, gegen -Rubehn gewendet, fort: »Und wissen Sie, lieber Freund, daß mir diese -Namensgebung wirklich etwas bedeutet? Ruben, um es zu wiederholen, -war mir von jeher der Sympathischste von den Zwölfen. Er hatte das -Hochherzige, das sich immer bei dem Ältesten findet, einfach weil -er der Älteste ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die -natürliche Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor -Mesquinerie und Intrigue.« - -»Jeder Erstgeborene wird Ihnen für diese Verherrlichung dankbar sein -müssen, und jeder Ruben erst recht. Und doch gesteh' ich Ihnen offen, -ich hätt' unter den Zwölfen eine andere Wahl getroffen.« - -»Aber gewiß keine bessere. Und ich hoff' es Ihnen beweisen zu können. -Über die sechs Halblegitimen ist weiter kein Wort zu verlieren; Sie -nicken, sind also einverstanden. Und so nehmen wir denn, als erstes -Betrachtungsobjekt, die Nestküken der Familie, die Muttersöhnchen. Es -wird so viel von ihnen gemacht, aber Sie werden mir zustimmen, daß die -spätere ägyptische Exzellenz nicht so ganz ohne Not in die Zisterne -gesteckt worden ist. Er war einfach ein ~enfant terrible~. Und nun gar -der Jüngste! Verwöhnt und verzogen. Ich habe selbst ein Jüngstes und -weiß etwas davon zu sagen ... Und so bleiben uns denn wirklich nur die -vier alten Grognards von der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre -Meriten. Aber doch ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der -Levit, und in dem Juda das Königtum, -- ein Stückchen Illoyalität, das -Sie mir als freier Schweizerin zugute halten müssen. Und so sehen wir -uns denn vor den Rest gestellt, vor die beiden letzten, die natürlich -die beiden ersten sind. ~Eh bien~, ich will nicht mäkeln und feilschen -und will dem Simeon lassen, was ihm zukommt. Er war ein Charakter -und als solcher wollt' er dem Jungen ans Leben. Charaktere sind nie -für halbe Maßregeln. Aber da trat Ruben dazwischen, +mein+ Ruben, -und rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er -war gefühlvoll und mitleidig und hochherzig. Und was Schwäche war, -darüber sag' ich nichts. Er hatte die Fehler seiner Tugenden, wie wir -alle. Das war es und weiter nichts. Und deshalb Ruben und immer wieder -Ruben. Und kein Appell und kein Refus. Anastasia, brich einen Tauf- -und Krönungszweig ab, da von der Esche drüben. Wir können sie dann die -Ruben-Esche nennen.« - -Und dieses scherzhafte Geplauder würde sich mutmaßlich noch fortgesetzt -haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der wohlbekannte, -zweirädrige Gig sichtbar geworden wäre, von dessen turmhohem Sitze -herab Van der Straaten über das Gitter weg mit der Peitsche salutierte. -Und nun hielt das Gefährt, und der Enqueten-Kommerzienrat erschien -in der Veranda, strahlend von Glück und freudiger Erregung. Er küßte -Melanie die Stirn und versicherte einmal über das andere, daß er -sich's nicht habe versagen wollen, die freie halbe Stunde bis zum -ministeriellen Diner ~au sein de sa famille~ zu verbringen. - -Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: »Liddi, Liddi. -Rasch. Antreten. Immer flink. Und Heth auch; das Stiefkind, die -Kleine, die vernachlässigt wird, weil sie mir ähnlich sieht ...« - -»Und von der ich eben erzählt habe, daß sie grenzenlos verwöhnt würde.« - -Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glückliche Vater nahm -ein elegantes Tütchen mit papierenem Spitzenbesatz aus der Tasche und -hielt es Lydia hin. Diese nahm's und gab es an die Kleine weiter. »Da -Heth.« - -»Magst du nicht?« fragte Van der Straaten. »Sieh doch erst nach. Es -sind ja Pralines. Und noch dazu von Sarotti.« - -Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinüber und sagte: -»Tüten sind für Kinder. Ich mag nicht.« - -Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fühlte, daß er der Grund -dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes nahm die kleine Heth -auf den Schoß und sagte: »Du bist deines Vaters Kind. Ohne Faxen und -Haberei. Lydia spielt schon die de Caparoux.« - -»Laß sie,« sagte Melanie. - -»Ich werde sie lassen +müssen+. Und sonderbar zu sagen, ich hasse die -Vornehmheitsallüren eigentlich nur für mich selbst. In meiner Familie -sind sie mir ganz recht, wenigstens gelegentlich, abgesehen davon, -daß sich auch für meine Person allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn -in meiner Eigenschaft als Mitglied einer Enquetenkommission hab' -ich die Verpflichtung höherer gesellschaftlicher Formen übernommen, -und geht das so weiter, Melanie, so hältst du zwischen heut und -sechs Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen Händen. -In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas mysteriös -Bedeutungsvolles geschlummert.« - -»Eine Wendung, lieber Van der Straaten, die mir vorläufig nur wieder -zeigt, wie weitab du noch von deiner neuen Charge bist.« - -»Allerdings, allerdings,« lachte Van der Straaten. »Gut Ding will Weile -haben, und Rom wurde nicht an einem Tage gebaut. Und nun sage mir, denn -ich habe nur noch zehn Minuten, wie du diesen Nachmittag zu verbringen -und unsern Freund Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage. -Aber ich kenne deine mitunter ängstliche Gleichgültigkeit gegen Tisch- -und Tafelfreuden und berechne mir in der Eile, daß deine Bohnen und -Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig und die Kotelettes -zähe sind, nicht gut über eine halbe Stunde hinaus ausgedehnt werden -können. Auch nicht unter Heranziehung eines Desserts von Erdbeeren und -Stiltonkäse. Und so sorg' ich mich denn um euch, und zwar um so mehr, -als ihr nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder hier -zu sehn.« - -»Ängstige dich nicht,« entgegnete Melanie. »Es ist keine Frage, daß -wir dich schmerzlich entbehren werden. Du wirst uns fehlen, du +mußt+ -uns fehlen. Denn wer könnt' uns, um nur eines zu nennen, den Hochflug -deiner bilderreichen Einbildungskraft ersetzen. Kaum, daß wir ihr zu -folgen verstehn. Und doch verbürg' ich mich für Unterbringung dieser -armen, verlorenen Stunden, die dir so viel Sorge machen. Und du sollst -sogar das Programm wissen.« - -»Da wär' ich neugierig.« - -»Erst singen wir.« - -»Tristan?« - -»Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser Diner oder -doch das, was dafür aufkommen muß. Und es wird sich schon machen. Denn -immer, wenn du nicht da bist, suchen wir uns durch einen besseren Tisch -und ein paar eingeschobene süße Speisen zu trösten.« - -»Glaub's, glaub's. Und dann?« - -»Dann hab' ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir übrigens, nach -einem allerjüngsten Übereinkommen, als Rubehn mit dem gestrichenen h, -also schlechtweg als unsern Freund Ruben vorstelle, mit den Schätzen -und Schönheiten unsrer Villa bekannt zu machen. Er ist eine Legion von -Malen, wenn auch immer noch nicht oft genug, unser lieber Gast gewesen -und kennt trotzalledem nichts von dieser ganzen Herrlichkeit, als unser -Eß- und Musikzimmer und hier draußen die Veranda mit dem kreischenden -Pfau, der ihm natürlich ein Greuel ist. Aber er soll heute noch in -seinem halb freireichsstädtischen und halb überseeischen Hochmute -gedemütigt werden. Ich habe vor, mit deinem Obstgarten zu beginnen und -dem Obstgarten das Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen -zu lassen.« - -»Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner letzten Nummer -etwas erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht mahnen läßt. Sie müssen -nämlich wissen, Rubehn, was wir letzten Sommer in dieser erbärmlichen -Glaskastensammlung, die den stolzen Namen Aquarium führt, schaudernd -selbst erlebt haben. Nicht mehr und nicht weniger als einen Ausbruch, -Eruption, und ich höre noch Anastasias Aufschrei und werd' ihn hören -bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine der großen Glasscheiben -platzt, Ursache unbekannt, wahrscheinlich aber weil Gryczinski seinem -Füsiliersäbel eine falsche Direktive gegeben, und siehe da, ehe -wir drei zählen können, steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur -handhoch unter Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln -um uns her, und ein großer Hecht umschnoppert Melanies Fußtaille mit -absichtlichster Vernachlässigung Tante Riekchens. Offenbar also ein -Kenner. Und in einem Anfalle wahnsinniger Eifersucht hab' ich ihn -schlachten lassen und seine Leber höchsteigenhändig verzehrt.« - -Anastasia bestätigte die Zutreffendheit der Schilderung, und selbst -Melanie, die seit längerer Zeit ähnlichen Exkursen ihres Gatten mit -nur zu sichtlichem Widerstreben folgte, nahm heute wieder an der -allgemeinen Heiterkeit teil. Sie hatte sich schon vorher in dem -mit Rubehn geführten Gespräche derartig heraufgeschraubt, daß sie -wie geistig trunken und beinahe gleichgültig gegen Erwägungen und -Rücksichten war, die sie noch ganz vor kurzem gequält hatten. Sie sah -wieder alles von der lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und faßte, -ohne sich Rechenschaft davon zu geben, den Entschluß, mit der ganzen -nervösen Feinfühligkeit dieser letzten Wochen ein für allemal brechen -und wieder keck und unbefangen in die Welt hinein leben zu wollen. - -Van der Straaten aber, überglücklich, mit seinem Aquariumshecht einen -guten Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut und Handschuh und -versprach, auf Eile dringen zu wollen, soweit sich, einem Minister -gegenüber, überhaupt auf irgend etwas dringen lasse. - -Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hörte man das Knirschen -der Räder und empfing von außen her, über das Parkgitter hin, einen -absichtlich übertriebenen Feierlichkeitsgruß, in dem sich die ganze -Bedeutung eines Mannes ausdrücken sollte, der zum Minister fährt. Noch -dazu zum Finanzminister, der eigentlich immer ein Doppelminister ist. - - - - -12 - -Unter Palmen - - -Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant und Van der -Straaten gebilligt hatte. Dem anderthalbstündigen Musizieren folgte das -kleine Diner, opulenter als gedacht, und die Sonne stand eben noch über -den Bosketts, als man sich erhob, um draußen im »Orchard« ein zweites -Dessert von den Bäumen zu pflücken. - -Dieser für allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes lief, -an sonnigster Stelle, neben dem Fluß entlang und bestand aus einem -anscheinend endlosen Kieswege, der nach der Spree hin offen, nach -der Parkseite hin aber von Spalierwänden eingefaßt war. An diesen -Spalieren, in kunstvollster Weise behandelt und jeder einzelne Zweig -gehegt und gepflegt, reiften die feinsten Obstarten, während kaum -minder feine Sorten an nebenherlaufenden niederen Brettergestellen, -etwa nach Art großer Ananas-Erdbeeren, gezogen wurden. - -Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte langsam und -in wachsenden Abständen; Heth aber auf ihrem Veloziped begleitete -die Mama, bald weit vorauf, bald dicht neben ihr, und wandte sich -dann wieder, ohne die geringste Ahnung davon, daß ihre rückseitige -Drapierung in ein immer komischeres und ungenierteres Fliegen -und Flattern kam. Melanie, wenn Heth die Wendung machte, suchte -jedesmal durch ein lebhafteres Sprechen über die kleine Verlegenheit -hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und sagte: »Lassen -wir doch das Kind. Es ist ja glücklich, beneidenswert glücklich. Und -Sie sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.« - -»Sie haben recht,« entgegnete Melanie. »Torheit und nichts weiter. -Unsere Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich ist es rührend und -entzückend zugleich.« Und als der kleine Wildfang in eben diesem -Augenblicke wieder heranrollte, kommandierte sie selbst: »Rechtsum. -Und nicht zu nah an die Spree! Sehen Sie nur, wie sie hinfliegt. -Solange die Welt steht, hat keine Reiterei mit so fliegenden Fahnen -angegriffen.« - -Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen, wo, von -der Parkseite her, ein breiter avenueartiger Weg in den langen und -schmalen Spaliergang einmündete. Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, -erhoben sich denn auch, nach dem Vorbilde der berühmten englischen -Gärten in Kew, ein paar hohe, glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren -eines sich ein altmodisches Treibhaus anlehnte, das, früher der -Herrschaft zugehörig, inzwischen mit all seinen Blattpflanzen und -Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen und die -Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes -geworden war. Unmittelbar neben dem Treibhause hatte der Gärtner -seine Wohnung, ein nur zweifenstriges und ganz von Efeu überwachsenes -Häuschen, über das ein alter, schrägstehender Akazienbaum seine -Zweige breitete. Zwei, drei Steinstufen führten bis in den Flur und -neben diesen Stufen stand eine Bank, deren Rücklehne von dem Efeu mit -überwachsen war. - -»Setzen wir uns,« sagte Melanie. »Immer vorausgesetzt, daß wir dürfen. -Denn unser alter Freund hier ist nicht immer guter Laune. Nicht wahr, -Kagelmann?« - -Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich häßlichen Mann -gerichtet, der, wiewohl kahlköpfig (was übrigens die Sommermütze -verdeckte) nichtsdestoweniger an beiden Schläfen ein paar lange glatte -Haarsträhnen hatte, die bis tief auf die Schulter niederhingen. Alles -an ihm war außer Verhältnis, und so kam es, daß, seiner Kleinheit -unerachtet, oder vielleicht auch um dieser willen, alles zu groß an -ihm erschien: die Nase, die Ohren, die Hände. Und eigentlich auch -die Augen. Aber diese sah man nur, wenn er, was öfters geschah, die -ganz verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Gärtnerfigur: -unfreundlich, grob und habsüchtig, vor allem auch seinem Wohltäter, dem -Kommerzienrat gegenüber, und nur wenn er die »Frau Rätin« sah, erwies -er sich auffallend verbindlich und guter Laune. - -So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene »wenn wir -dürfen« in bester Stimmung auf und sagte, während er mit der Rechten -(in der er einen kleinen Aurikeltopf hielt) seine großschirmige Mütze -nach hinten schob: »Jott, Frau Rätin, ob +Sie+ dürfen! Solche Frau! -Solche Frau wie Sie darf allens. Un warum? Weil Ihnen allens kleid't. -Un wen alles kleid't, der darf ooch alles. Ufs kleiden kommt's an. 'S -gibt welche, die sagen, die Blumen machen dumm und simplig. Aber daß es -ufs Kleiden ankommt, so viel lernt man bei de Blumens.« - -»Immer mein galanter Kagelmann,« lachte Melanie. »Man merkt doch den -Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch ist es unrecht, Kagelmann, -daß Sie so geblieben sind. Ich meine, so ledig. Ein Mann wie Sie, so -frisch und gesund, und ein so gutes Geschäft. Und reich dazu. Die Leute -sagen ja, Sie hätten ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen, -Kagelmann. Ich respektiere Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus -ist zu klein, immer vorausgesetzt, daß Sie sich noch mal anders -besinnen.« - -»Ja, kleen is es man. Aber vor mir is es jroß genug, das heißt vor mir -alleine. Sonst ... Aber ich bin ja nu all sechzig.« - -»Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein Alter.« - -»Ne,« sagte Kagelmann. »En Alter is es eijentlich noch nich. Un es -jeht ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt ooch noch, un die -Gebrüder Benekens dragen einen ooch noch. Aber viel mehr is es ooch -nich. Un wen soll man denn am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rätin, die so -vor mir passen, die gefallen mir nich, un die mir gefallen, die passen -wieder nich. -- Ich wäre so vor dreißig oder so drum rum. Dreißig ist -jut, un dreißig zu dreißig, das stimmt ooch. Aber sechzig in dreißig -jeht nich. Un da sagt denn die Frau: borg' ich mir einen.« - -Melanie lachte. - -Kagelmann aber fuhr fort: »Ach, Frau Kommerzienrätin, Sie hören -so was nich, un glauben jar nich, wie die Welt is un was allens -passiert. Da war hier einer drüben bei Flatows, Cohn und Flatow, -großes Ledergeschäft (un sie sollen's ja von Amerika kriegen; na, mir -is es jleich), un war ooch en Gärtner, un war woll so sechsundfufzig. -Oder vielleicht ooch erst fünfundfufzig. Un der nahm sich ja nu so'n -Madamchen, so von'n Jahrer dreißig, un war ne Wittib, un immer janz -schwarz, un ne hübsche Person, un saß immer ins mittelste Zelt, Nummer -4, wo Kaiser Wilhelm steht, un wo immer die Musik is mit Klavier un -Flöte. Ja, du mein Jott, was hat er gehabt? Jar nichts hat er gehabt. -Und da sitzt er nu mit seine drei Würmer, und Madamchen is weg. Un mit -wen is se weg? Mit'n Gelbschnabel, un hatte noch keene zwanzig uff'n -Rücken, un Teichgräber sagt, er wär' erst achtzehn gewesen. Un möglich -is es. Aber ein fixer, kleiner Kerl war es, so was Italien'sches, un -war doch bloß aus Rathnow. Aber een Paar Oogen! Ich sag' Ihnen, Frau -Kommerzienrätin, wie'n Feuerwerk, un es war orntlich, als ob's man so -prasselte.« - -»Ja, das ist traurig für den Mann,« lachte Melanie. »Aber doch am -traurigsten für die Frau. Denn wenn einer +solche+ Augen hat ...« - -»Un so was is jetzt alle Tage,« schloß der Alte, der auf die -Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen Töpfen zu -stellen und zu kramen anfing. - -Aber Melanie ließ ihm keine Ruhe. »Alle Tage,« sagte sie. »Natürlich, -alle Tage. Natürlich, alles kommt vor. Aber das darf einen doch nicht -abhalten. Sonst könnte ja keiner mehr heiraten und es gäbe gar kein -Leben und keine Menschen mehr. Denn ein kleiner fixer Gärtnerbursche, -nu, mein Gott, der find't sich zuletzt überall.« - -»Ja, Frau Kommerzienrätin, das is schon richtig. Aber mitunter find't -er sich immer und mitunter find't er sich bloß manchmal. Heiraten! Nu -ja, hübsch muß es ja sind, sonst dhäten es nich so viele. Aber besser -is besser. Un ich denke, lieber bewahrt als beklagt.« - -In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her ein Einspänner -sichtbar und hielt, indem er eine Biegung machte, vor der Bank, auf -der Rubehn und Melanie Platz genommen hatten. Es war ein auf niedrigen -Rädern gehendes Fuhrwerk, das den Geschäftsverkehr des kleinen -Privattreibhauses mit der Stadt vermittelte. - -Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem Deichselbrette -sitzenden Kutscher, und nachdem er noch einen andern Arbeiter -herbeigerufen hatte, fingen alle drei an, die Palmenkübel abzuladen, -die, trotzdem sie nur von mäßiger Größe waren, den Rand des -Wagenkastens weit überragten und mit ihren dunklen Kronen, schon von -fern her, den Eindruck prächtig wehender Federbüsche gemacht hatten. - -Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit, als aber -schließlich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann wieder an seine -gnädige Frau und sagte, während er die zwei größten und schönsten -Palmen mit seinen Händen patschelte: »Ja, Frau Rätin, das sind nu -so meine Stammhalter, so meine zwei Säulen vons Geschäft. Un immer -unterwegs, wie'n Landbriefträger. Man bloß noch unterwegser. Denn der -hat doch'n Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine Palmen nich. Un ich -freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich allens mal -wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter seh ich meine -Palmen die janze Woche nich.« - -»Aber warum nicht?« - -»Jott, Frau Rätin, Palme paßt immer. Un is kein Unterschied ob Trauung -oder Begräbnis. Und manche taufen auch schon mit Palme. Und wenn ich -sage Palme, na so kann ich auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was -wir ~Thuja~ nennen. Aber Palme, versteht sich, is immer das Feinste. Un -is bloß man ein Metier, das is jrade so, janz akkurat ebenso bei Leben -und Sterben. Und is ooch immer dasselbe.« - -»Ah, ich versteh,« sagte Melanie. »Der Tischler.« - -»Nein, Frau Rätin, der Tischler nich. Er is woll auch immer mit dabei, -das is schon richtig, aber's is doch nich immer dasselbe. Denn ein -Sarg is keine Wiege nich und eine Wiege is kein Sarg nich. Un was en -richtiges Himmelbett is, nu davon will ich jar nich erst reden ...« - -»Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?« - -»Der Domchor, Frau Rätin. Der is auch immer mit dabei un is immer -dasselbe. Jradeso wie bei mir. Un er hat auch so seine zwei -Stammhalter, seine zwei Säulen vons Geschäft: »'s is bestimmt in Gottes -Rat« oder »Wie sie so sanft ruhn.« Un es paßt immer un macht keinen -Unterschied, ob einer abreist oder ob einer begraben wird. Un grün is -grün, un is jradeso wie Lebensbaum und Palme.« - -»Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und selber Hochzeit -machen (aber nicht hier in Ihrem Efeuhause; das ist zu klein), dann -sollen Sie doch beides haben: Gesang und Palme. Und was für Palmen! Das -versprech ich Ihnen! Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich -genug. Und aufs Feierliche kommt es an. Und dann gehen wir in das große -Treibhaus, bis dicht an die Kuppel, und machen einen wundervollen Altar -unter der allerschönsten Palme. Und da sollen Sie getraut werden. Und -oben in der Kuppel wollen wir stehn und ein schönes Lied singen, einen -Choral, ich und Fräulein Anastasia, und Herr Rubehn hier und Herr -Elimar Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen zumute -sein, als ob Sie schon im Himmel wären und hörten die Engel singen.« - -»Glaub ich, Frau Rätin. Glaub ich.« - -»Und zu vorläufigem Dank für all diese kommenden Herrlichkeiten sollen -Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus führen. Denn ich -weiß nicht Bescheid und kenne die Namen nicht, und der fremde Herr -hier, der ein paarmal um die Welt herumgefahren ist und die Palmen -sozusagen an der Quelle studiert hat, will einmal sehen, was wir haben -und nicht haben.« - -Eigentlich kam alles dieses dem Alten so wenig gelegen wie möglich, -weil er seine Kübel und Blumentöpfe noch vor Dunkelwerden in das kleine -Treibhaus hineinschaffen wollte. Er bezwang sich aber, schob seine -Mütze, wie zum Zeichen der Zustimmung, wieder nach hinten und sagte: -»Frau Rätin haben bloß zu befehlen.« - -Und nun gingen sie zwischen langen und niedrigen Backsteinöfen hin, -den bloß mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an die Stelle, wo dieser -Mittelgang in das große Palmenhaus einmündete. Wenige Schritte noch und -sie befanden sich wie am Eingang eines Tropenwaldes und der mächtige -Glasbau wölbte sich über ihnen. Hier standen die Prachtexemplare der -Van der Straatenschen Sammlung: Palmen, Drakäen, Riesenfarren, und eine -Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis in die Kuppel und dann -um diese selbst herum und in einer der hohen Emporen des Langschiffes -weiter. - -Unterwegs war nicht gesprochen worden. - -Als sie jetzt unter der hohen Wölbung hielten, entsann sich Kagelmann, -etwas Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich aber wollt' er nur -zurück und sagte: »Frau Rätin wissen ja nu Bescheid un kennen die -Galerie. Da wo der kleine Tisch is un die kleinen Stühle, das ist -der beste Platz, un is wie ne Laube, un janz dicht. Un da sitzt ooch -immer der Herr Kommerzienrat. Un keiner sieht ihn. Un das hat er am -liebsten.« Und danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich aber -noch einmal um, um zu fragen, »ob er das Fräulein schicken solle?« - -»Gewiß, Kagelmann. Wir warten.« - -Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt und stieg -hinauf und eilte sich, als er oben war, der noch auf der Wendeltreppe -stehenden Melanie die Hand zu reichen. Und nun gingen sie weiter -über die kleinen klirrenden Eisenbrettchen hin, die hier als Dielen -lagen, bis sie zu der von Kagelmann beschriebenen Stelle kamen, -besser beschrieben, als er selber wissen mochte. Wirklich, es war -eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube, fest geschlossen, -und überall an den Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich -Orchideen, die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete -sich wonnig aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es, als -ob hundert Geheimnisse sprächen, und Melanie fühlte, wie dieser -berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte. Sie zählte jenen von -äußeren Eindrücken, von Luft und Licht abhängigen Naturen zu, die der -Frische bedürfen, um selber frisch zu sein. Über ein Schneefeld hin, -bei rascher Fahrt und scharfem Ost, -- da wär' ihr der heitere Sinn, -der tapfere Mut ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe -Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes -lockerte sich und löste sich und fiel. - -»Anastasia wird uns nicht finden.« - -»Ich vermisse sie nicht.« - -»Und doch will ich nach ihr rufen.« - -»Ich vermisse sie nicht,« wiederholte Rubehn und seine Stimme zitterte. -»Ich vermisse nur das Lied, das sie damals sang, als wir im Boot über -den Strom fuhren. Und nun rate.« - -»~Long, long ago ...~« - -Er schüttelte den Kopf. - -»O säh ich auf der Heide dort ...« - -»Auch +das+ nicht, Melanie.« - -»Rothtraut,« sagte sie leis. - -Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und kniete -nieder und hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiß und so -süß, wie die Luft, die sie atmeten. - -Endlich aber war die Dämmerung gekommen, und breite Schatten fielen -in die Kuppel. Und als alles immer noch still blieb, stiegen sie die -Treppe hinab und tappten sich durch ein Gewirr von Palmen, erst bis in -den Mittelgang und dann ins Freie zurück. - -Draußen fanden sie Anastasia. - -»Wo du nur bliebst!« fragte Melanie befangen. »Ich habe mich geängstigt -um dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur. Und nun hab' ich Kopfweh.« - -Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und sagte nur: »Und du -wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.« - -Melanie wurde rot bis an die Schläfe. Aber die Dunkelheit half es ihr -verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin schon die Lichter -brannten. - -Alle Türen und Fenster standen auf, und von den frisch gemähten Wiesen -her kam eine balsamische Luft. Anastasia setzte sich an den Flügel -und sang und neckte sich mit Rubehn, der bemüht war, auf ihren Ton -einzugehen. Aber Melanie sah vor sich hin und schwieg und war weit -fort. Auf hoher See. Und in ihrem Herzen klang es wieder: Wohin treiben -wir?! - -Eine Stunde später erschien Van der Straaten und rief ihnen schon -vom Korridor her in Spott und guter Laune zu: »Ah, die Gemeinde der -Heiligen! Ich würde fürchten zu stören. Aber ich bringe gute Zeitung!« - -Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig war oder -sich wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in seinem Berichte -fort: »Exzellenz sehr gnädig. Alles sondiert und abgemacht. Was noch -aussteht, ist Form und Bagatelle. Oder Sitzung und Schreiberei. -Melanie, wir haben heut einen guten Schritt vorwärts getan. Ich verrate -weiter nichts. Aber das glaub' ich sagen zu dürfen: von diesem Tag an -datiert sich eine neue Ära des Hauses Van der Straaten.« - - - - -13 - -Weihnachten - - -Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den unbefangenen -Ton früherer Wochen anscheinend wieder her, und was von Befangenheit -blieb, wurde, die Freundin abgerechnet, von niemandem bemerkt, am -wenigsten von Van der Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und -großen Eitelkeiten nachhing. - -Und so näherte sich der Herbst und der Park wurde schöner, je mehr sich -seine Blätter färbten, bis gegen Ende September der Zeitpunkt wieder da -war, der, nach altem Herkommen, dem Aufenthalt in der Villa draußen ein -Ende machte. - -Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war Rubehn nicht -mehr erschienen, weil allernächstliegende Pflichten ihn an die -Stadt gefesselt hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm, von einem -alten Prokuristen des Hauses begleitet, war zu rascher Etablierung -des Zweiggeschäfts herübergekommen, und ihren gemeinschaftlichen -Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, in den ersten Oktobertagen -eine Filiale des großen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu rufen. - -Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten Anteil und -sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung -an, daß Rubehns Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen -beinahe ganz aufhörten. In der Tat erschien unser neuer »Filialchef«, -wie der Kommerzienrat ihn zu nennen beliebte, nur noch an den kleinen -und kleinsten Gesellschaftstagen, und hätte wohl auch an diesen am -liebsten gefehlt. Denn es konnt' ihm nicht entgehen, und entging ihm -auch wirklich nicht, daß ihm von Reiff und Duquede, ganz besonders -aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet -wurde. Die schöne Jacobine suchte freilich durch halbverstohlene -Freundlichkeiten alles wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn, -ihres Schwagers Haus doch nicht ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen -nicht und um Melanies willen nicht, aber jedesmal, wenn sie den Namen -nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch und -ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen gegeben -hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder -doch auf wenige Worte zu beschränken. - -Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, wenn -die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden Maler und -Fräulein Anastasia zugegen waren. Dann wurde wieder gescherzt und -gelacht, wie damals in dem Stralauer Kaffeehaus, und Van der Straaten, -der mittlerweile von Besuchen, sogar von häufigen Besuchen gehört -hatte, die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht haben solle, hing in -Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung -nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande -seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht ein, wenigstens für -seine Person nicht, warum er sich eines reinen und auf musikalischer -Glaubenseinigkeit aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen -solle, ja die Freude darüber würd' ihm einfach als Pflicht erscheinen, -wenn er nicht andererseits den alten Satz wieder bewahrheitet fände, -daß jedes neue Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren -werden könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei durch -seinen Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar -vertreten, und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, daß er -in vielen Stücken er selbst geblieben, ja bei Tische sogar als eine -Potenzierung seiner selbst zu erachten sei, so läge doch gerade hierin -die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn er wisse wohl, daß dieses Plus -an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit Elimars innerem -verzehrenden Feuer halte. Wes Namens aber dieses Feuer sei, ob Liebe, -Haß oder Eifersucht, das wisse nur +der+, der in den Abgrund sieht. - -In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen Van -der Straatenschen Schwärmer, von deren Sprühfunken sonderbarerweise -diejenigen am wenigsten berührt wurden, auf die sie berechnet waren. -Es lag eben alles anders, als der kommerzienrätliche Feuerwerker -annahm. Elimar, der sich auf der Stralauer Partie weit über Wunsch -und Willen hinaus engagiert hatte, hatte durch Rubehns anscheinende -Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der ihm viel, viel mehr als -an Anastasias Liebe gelegen war, und diese selbst wiederum vergaß ihr -eigenes, offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem Wonnegefühl, -ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und ihrem -Schutze heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in -der Rolle der Konfidenten und, weit über das gewöhnliche Maß hinaus -mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet, -zählte sie diese Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an -Anregungen so reichen Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch -des unbeschreiblichen Vergnügens, den ihr ~au fond~ unbequemen und -widerstrebenden Van der Straaten gerade +dann+ am herzlichsten belachen -zu können, wenn dieser sich in seiner Sultanslaune gemüßigt fühlte, -+sie+ zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch seiner eigenen -Lachlust zu machen. - -In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr -Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das -Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren -müssen; er gab sich aber umgekehrt einer Vertrauensseligkeit hin, für -die, bei seinem sonst soupçonnösen und pessimistischen Charakter, jeder -Schlüssel gefehlt haben würde, wenn er nicht unter Umständen, und auch -jetzt wieder, der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten -gewesen wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend, -die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere, die klar zutage -lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht, in seinem Glücke von -einem vernichtenden Schlage bedroht zu sein, aber nicht heut und nicht -morgen, und je bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von -der Zukunft erwartete, desto sicherer und sorgloser erschien ihm die -Gegenwart. Und am wenigsten sah er sich von +der+ Seite her gefährdet, -von der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt worden -wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer vorgefaßten -Meinung und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn, der mit dem -wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft, aber in der Tat -auch nur +diese+ hatte. Was sah er in ihm? Nichts als ein Frankfurter -Patrizierkind, eine ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte -Natur, die zwar in jugendliche Torheiten verfallen, aber einen -Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne. Zum -Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es bestritt. -Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema -mal wieder an der Reihe war, hieß es vertraulich und gut gelaunt: -»Ihr Weiber hört ja das Gras wachsen und nun gar erst +das+ Gras! -Ich wäre doch neugierig zu hören, an wen er sich vertan hat. Eine -Vermutung hab' ich und wette zehn gegen eins, an eine Freiin vom -deutschen Uradel, etwa Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der -Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so klug und so -vorsichtig, daß ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas zu beweisen, eben -nur dazu diente, Van der Straaten in seiner vorgefaßten Meinung immer -fester zu machen. - -Und so kam Heiligabend und im ersten Saale der Bildergalerie waren -all unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, um den brennenden Baum her -versammelt. Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen, -auch ihrerseits zu der reichen Bescherung beizusteuern: ein riesiges -Puppenhaus, drei Stock hoch, und im Souterrain eine Waschküche mit Herd -und Kessel und Rolle. Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten -und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und es unterlag alsbald keinem -Zweifel, daß das Puppenhaus den Triumph des Abends bildete, und beide -Kinder waren selig. Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit -und ließ sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er -war auch Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien -sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. Wer aber -schärfer zugesehen hätte, der hätte wohl wahrgenommen, daß sie sich -bezwang, und mitunter war es, als habe sie geweint. Etwas unendlich -Weiches und Wehmütiges lag in dem Ausdruck ihrer Augen, und der -Polizeirat sagte zu Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie nicht schöner -denn je?« - -»Blaß und angegriffen,« sagte dieser. »Es gibt Leute, die blaß -und angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie wird überhaupt -überschätzt, in allem, und am meisten in ihrer Schönheit.« - -An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper und man endete mit -einem schwedischen Punsch. Alles war heiter und guter Dinge. Melanie -belebte sich wieder, gewann auch wieder frischere Farben, und als sie -Riekchen und Anastasia, die bis zuletzt geblieben waren, bis an die -Treppe geleitete, rief sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen -und herzgewinnenden Stimme nach: »Und sieh dich vor, Riekchen. Christel -sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei bückte sie sich über das -Geländer und grüßte mit der Hand. - -»O, ich falle nicht,« rief die Kleine zurück. »Kleine Leute fallen -überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und hinten gut -balancieren.« - -Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen sagte. Der -Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht, und sie wäre -gefallen, wenn sie nicht Van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer -zurückgetragen hätte. Er wollte klingeln und nach dem Arzte schicken. -Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei nichts, oder doch nichts -Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen könne. - -Und dann sagte sie, was es sei. - - - - -14 - -Entschluß - - -Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend erholt, um -in der Alsenstraße, wo sie seit Wochen nicht gewesen war, einen Besuch -machen zu können. Vorher aber wollte sie bei der Madame Guichard, einer -vor kurzem erst etablierten Französin, vorsprechen, deren Konfektions -und künstliche Blumen ihr durch Anastasia gerühmt worden waren. Van der -Straaten riet ihr, weil sie noch angegriffen sei, lieber den Wagen zu -nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles zu Fuß abmachen zu wollen. -Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges Weihnachtsgeschenk, einen -Nerzpelz und ein Kastorhütchen mit Straußenfeder, und war eben auf dem -letzten Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen von -ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam, um nach ihrem Befinden zu -fragen. - -»Ah, wie gut, daß Sie kommen,« sagte Melanie. »Nun hab' ich Begleitung -auf meinem Gange. Van der Straaten wollte mir seinen Wagen aufzwingen, -aber ich sehne mich nach Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich ... -Mir ist so bang und schwer ...« - -Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: »Geben Sie -mir Ihren Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber vorher will ich -Ballblumen kaufen und dahin sollen Sie mich begleiten. Eine halbe -Stunde nur. Und dann geb' ich Sie frei, ganz frei.« - -»Das dürfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.« - -»Doch.« - -»Ich +will+ aber nicht freigegeben sein.« - -Melanie lachte. »So seid ihr. Tyrannisch und eigenmächtig auch noch in -eurer Huld, auch +dann+ noch, wenn ihr uns dienen wollt. Aber kommen -Sie. Sie sollen mir die Blumen aussuchen helfen. Ich vertraue ganz -Ihrem Geschmack. Granatblüten, nicht wahr?« - -Und so gingen sie die große Petristraße hinunter und vom Platz aus -durch ein Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der Jägerstraße, das -Geschäft der Madame Guichard entdeckten, einen kleinen Laden, in dessen -Schaufenster ein Teil ihrer französischen Blumen ausgebreitet lag. - -Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt und ehe -noch viele Worte gewechselt waren, war auch schon die Wahl getroffen. -In der Tat, Rubehn hatte sich für eine Granatblütengarnitur entschieden -und eine Direktrice, die mit zugegen war, versprach alles zu schicken. -Melanie selbst aber gab der Französin ihre Karte. Diese versuchte den -langen Titel und Namen zu bewältigen, und ein Lächeln flog erst über -ihr Gesicht, als sie das »~née de Caparoux~« las. Ihre nicht hübschen -Züge verklärten sich plötzlich, und es war mit einem unbeschreiblichen -Ausdruck von Glück und Wehmut, daß sie sagte: »~Madame est Française! -... Ah, notre belle France.~« - -Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgültig -vorübergegangen, und als sie draußen ihres Freundes Arm nahm, sagte -sie: »Hörten Sie's wohl? ~Ah, notre belle France!~ Wie das so -sehnsüchtig klang. Ja, sie hat ein Heimweh. Und alle haben wir's. Aber -wohin? wonach? ... Nach unsrem Glück ... Nach unsrem Glück! Das niemand -kennt und niemand sieht. Wie heißt es doch in dem Schubertschen Liede?« - -»Da, wo du +nicht+ bist, ist das Glück.« - -»Da, wo du +nicht+ bist,« wiederholte Melanie. - -Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den Augen. Aber er -wandte sich wieder, weil er die Träne nicht sehen wollte, die darin -glänzte. - -Vor dem großen Platz, in den die Straße mündet, trennten sie sich. -Er, für sein Teil, hätte sie gern weiter begleitet, aber sie wollt' -es nicht und sagte leise: »Nein Rubehn, es war der Begleitung schon -zuviel. Wir wollen die bösen Zungen nicht vor der Zeit herausfordern. -Die bösen Zungen, von denen ich eigentlich kein Recht habe zu sprechen. -Adieu.« Und sie wandte sich noch einmal und grüßte mit leichter -Bewegung ihrer Hand. - -Er sah ihr nach, und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer -Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam ihn und -erfüllte plötzlich sein ganzes Herz. Was soll werden? fragte er sich. -Aber dann wurde der Ausdruck seiner Züge wieder milder und heitrer, und -er sagte vor sich hin: »Ich bin nicht der Narr, der von Engeln spricht. -Sie war keiner und ist keiner. Gewiß nicht. Aber ein freundlich -Menschenbild ist sie, so freundlich, wie nur je eines über diese arme -Erde gegangen ist ... Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich -geglaubt habe, viel, viel mehr, als ich je geglaubt hätte, daß ich -lieben könnte. Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen, -und ich sehe sie schon zu deinen Häupten stehen. Aber mir ist auch, als -klär' es sich dahinter. O, nur Mut, Mut!« - - * * * * * - -Eine halbe Woche danach war Silvester und auf dem kleinen Balle, den -Gryczinskis gaben, war Melanie die Schönste. Jakobine trat zurück und -gönnte der älteren Schwester ihre Triumphe. »Superbes Weib. Ägyptische -Königstochter,« schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner -eminenten Ulanenfigur aus der Provinz in die Residenz versetzt -worden war und von dem Gryczinski zu sagen pflegte: »Der geborene -Prinzessinnentänzer. Nur schade, daß es keine Prinzessinnen mehr gibt.« - -Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer. In der -letzten Fensternische stand eine ganze Gruppe von jungen Offizieren. -Wensky von den Ohlauer kaffeebraunen Husaren, enragierter Sportsman -und Steeple-Chase-Reiter (Oberschenkel dreimal an derselben Stelle -gebrochen), neben ihm Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berühmter -Rechner, mager und trocken wie seine Gleichungen, und zwischen beiden -Leutnant Tigris, kleiner, kräpscher Füsilieroffizier vom Regiment -Zauche-Belzig, der aus Gründen, die niemand kannte, mehrere Jahre lang -der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war und sich seitdem für -einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder hielt. Junge Mädchen -waren ihm »ridikül«. Er schob eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte, -sein an einem kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte: -»Wensky, Sie sind ja so gut wie zu Haus hier, und eigentlich Hahn im -Korbe. Wer ist denn dieser Prachtkopf mit den Granatblüten? Ich könnte -schwören, sie schon gesehen zu haben. Aber wo? Halb die Herzogin von -Mouchy und halb die Beauffremont. ~Un teint de lys et de rose, et tout -à fait distinguée.~« - -»Sie treffen es gut genug, ~mon cher Tigris~,« lachte Wensky, »'s ist -die Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de Caparoux.« - -»Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Französin. Ich konnte mich nicht -irren. Und wie sie lacht.« - -Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden Tage gesehen -hätte, der hätte die Beauté jenes Ballabends in ihr nicht wieder -erkannt, am wenigsten wär' er ihrem Lachen begegnet. Sie lag leidend -und abgehärmt, uneins mit sich und der Welt, auf dem Sofa und las ein -Buch, und wenn sie's gelesen hatte, so durchblätterte sie's wieder, -um sich einigermaßen zurückzurufen was sie gelesen. Ihre Gedanken -schweiften ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber sie nahm ihn -nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde nur leichter -ums Herz, wenn sie weinen konnte. - -So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand und sprach, -und wieder nach den Kindern und dem Haushalte sah, schärfer und -eindringlicher als sonst, war ihr der energische Mut ihrer früheren -Tage zurückgekehrt, aber nicht die Stimmung. Sie war reizbar, heftig, -bitter. Und was schlimmer, auch kapriziös. Van der Straaten unternahm -einen Feldzug gegen diesen vielköpfigen Feind und im einzelnen nicht -ohne Glück, aber in der Hauptsache griff er fehl, und während er ihrer -Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete, war er, ihrer -Kaprice gegenüber, unklugerweise darauf aus, sie durch Zärtlichkeit -besiegen zu wollen. Und das entschied über ihn und sie. Jeder Tag wurd' -ihr qualvoller, und die sonst so stolze und siegessichere Frau, die -mit dem Manne, dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab, -durch viele Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak -jetzt zusammen und geriet in ein nervöses Zittern, wenn sie von fern -her seinen Schritt auf dem Korridore hörte. Was wollte er? Um was kam -er? Und dann war es ihr, als müsse sie fliehen und aus dem Fenster -springen. Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu -küssen, so sagte sie: »Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.« - -Und wenn sie dann allein war, so stürzte sie fort, oft ohne Ziel, öfter -noch in Anastasiens stille, zurückgelegene Wohnung, und wenn dann der -Erwartete kam, dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Tränen aus -und sie schluchzte und jammerte, daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr -ertragen könne. »Steh mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich -nicht lange mehr. Ich muß fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor -Scham und Gram.« - -Und er war mit erschüttert und sagte: »Sprich nicht so, Melanie. -Sprich nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du willst. Ich habe -dein Glück gestört (+wenn+ es ein Glück war) und ich will es wieder -aufbauen. Überall in der Welt, +wie+ du willst und +wo+ du willst. Jede -Stunde, jeden Tag.« - -Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten eine lachende -Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Pläne wurden laut und sie -trennten sich unter glücklichen Tränen. - - - - -15 - -Die Vernezobres - - -Und was geplant worden war, das war Flucht. Den letzten Tag im Januar -wollten sie sich an einem der Bahnhöfe treffen, in früher Morgenstunde, -und dann fahren weit, weit in die Welt hinein, nach Süden zu, über -die Alpen. »Ja, über die Alpen,« hatte Melanie gesagt und aufgeatmet, -und es war ihr dabei gewesen, als wär' erst ein neues Leben für sie -gewonnen, wenn der große Wall der Berge trennend und schützend hinter -ihr läge. Und auch darüber war gesprochen worden, was zu geschehen -habe, wenn Van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle. »Das wird -er nicht,« hatte Melanie gesagt. »Und warum nicht? Er ist nicht immer -der Mann der zarten Rücksichtnahmen und liebt es mitunter, die Welt und -ihr Gerede zu brüskieren.« »Und doch wird er sich's ersparen, sich und -uns. Und wenn du wieder fragst, warum? Weil er mich liebt. Ich hab' -es ihm freilich schlecht gedankt. Ach, Ruben, Freund, was sind wir in -unserem Tun und Wollen! Undank, Untreue ... mir so verhaßt! Und doch -... ich tät' es wieder, alles, alles. Und ich will es nicht anders, als -es ist.« - -So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die Nacht vor dem -festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu früher Stunde niedergelegt -und ihrer alten Dienerin befohlen, sie Punkt drei zu wecken. Auf -diese konnte sie sich unbedingt verlassen, trotzdem Christel ihren -Dienstjahren, aber freilich auch nur diesen nach, zu jenen Erbstücken -des Hauses gehörte, die sich unter Duquedes Führung in einer stillen -Opposition gegen Melanie gefielen. - -Und kaum daß es drei geschlagen, so war Christel da, fand aber -ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden -behilflich sein. Und auch das war nicht viel, denn es zitterten ihr die -Hände, und sie hatte, wie sie sich ausdrückte, »einen Flimmer vor den -Augen.« Endlich aber war doch alles fertig, der feste Lederstiefel saß, -und Melanie sagte: »So ist's gut, Christel. Und nun gib die Handtasche -her, daß wir packen können.« - -Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer -Spiegelkonsole stand, und öffnete das Schloß. »Hier, das tu hinein. Ich -hab' alles aufgeschrieben.« Und Melanie riß, als sie dies sagte, ein -Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der Alten. Diese hielt den Zettel -neben das Licht und las und schüttelte den Kopf. - -»Ach meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts ... Ach meine liebe, -gute Frau, Sie sind ja ...« - -»So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. Aber -Verwöhnung ist kein Glück. Ihr habt hier ein Sprichwort: »Wenig mit -Liebe.« Und die Leute lachen darüber. Aber über das Wahrste wird immer -gelacht. Und dann, wir gehen ja nicht aus der Welt. Wir reisen bloß. -Und auf Reisen heißt es: Leicht Gepäck. Und sage selbst, Christel, ich -kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehen. Da fehlte -bloß noch der Schmuck und die Kassette.« - -Melanie hatte, während sie so sprach, ihre Hände dicht über das halb -niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war kalt und sie fröstelte. -Jetzt setzte sie sich in einen nebenstehenden Fauteuil und sah -abwechselnd in die glühenden Kohlen und dann wieder auf Christel, -die das Wenige, was aufgeschrieben war, in die Tasche tat und immer -leise vor sich hinsprach und weinte. Und nun war alles hinein, und sie -drückte den Bügel ins Schloß und stellte die Tasche vor Melanie nieder. - -So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat Christel von -hinten her an ihre junge Herrin heran und sagte: »Jott, liebe, jnädige -Frau, muß es denn ... Bleiben Sie doch. Ich bin ja bloß solche alte, -dumme Person. Aber die Dummen sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag' -Ihnen, meine liebe Jnädigste, Sie jlauben jar nich, woran sich der -Mensch alles jewöhnen kann. Jott, der Mensch jewöhnt sich an alles. Und -wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch viel aushalten. -Un vor mir wollt' ich woll einstehn. Un wie jeht es denn? Un wie leben -denn die Menschen? In jedes Haus is'n Gespenst, sagen sie jetzt, un -das is so'ne neumodsche Redensart! Aber wahr is es. Und in manches -Haus sind zweie, un rumoren, daß man's bei hellen, lichten Dage hören -kann. Un so war es auch bei Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und -dreiundzwanzig hier. Un sieben vorher bei Vernezobres. Un war auch -Kommerzienrat un alles ebenso. Das heißt beinah.« - -»Und wie war es denn?« lächelte Melanie. - -»Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreißig un er war fufzig. -Und sie war sehr hübsch. Drall und blond, sagten die Leute. Na, un er? -Ich will jar nich sagen, was die Leute von ihm alles gesagt haben. -Aber viel Jutes war es nich ... Un natürlich, da war ja denn auch ein -Baumeister, das heißt eigentlich kein richtiger Baumeister, bloß -einer, der immer Brücken baut vor Eisenbahnen un so, un immer mit'n -Gitter un schräge Löcher, wo man durchkucken kann. Un der war ja nu -da un wie'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach Saatwinkel oder -Pichelsberg, un immers Jackett über'n Arm, un Fächer un Sonnenschirm, -un immer Erdbeeren gesucht un immer verirrt un nie da, wenn die -Herrschaften wieder nach Hause wollten. Un unser Herr, der ängstigte -sich un dacht' immer, es wäre was passiert. Un was die andern waren, -na, die tuschelten.« - -»Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich meine die -Vernezobres,« fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit zugehört -hatte. - -»Natürlich blieben sie. Mal hört' ich, weil ich nebenan war, daß er -sagte: ›Hulda, das geht nicht.‹ Denn sie hieß wirklich Hulda. Und er -wollt' ihr Vorwürfe machen. Aber da kam er ihr jrade recht. Und sie -drehte den Spieß um un sagte: was er nur wolle? Sie wolle fort. Un -sie liebe ihn, das heißt den andern, un ihn liebe sie +nicht+. Un sie -dächte gar nicht dran, ihn zu lieben. Und es wär eijentlich bloß zum -Lachen. Und +so+ ging es weiter und sie lachte wirklich. Und ich sag' -Ihnen, da wurd' er wie'n Ohrwurm und sagte bloß: ›sie sollte sich's -doch überlegen.‹ Un so kam es denn auch, un als Ende Mai war, da kam -ja der Vernezobresche Doktor, so'n richtiger, der alles janz genau -wußte, der sagte, ›sie müßte nachs Bad,‹ wovon ich aber den Namen -immer vergesse, weil da der Wellenschlag am stärksten ist. Un das -war ja nu damals, als sie jrade die große Hängebrücke bauten, un die -Leute sagten, er könnt' es alles am besten ausrechnen. Un was unser -Kommerzienrat war, der kam immer bloß Sonnabends. Un die Woche hatten -sie frei. Un als Ende August war, oder so, da kam sie wieder und war -ganz frisch un munter un hatte orntlich rote Backen, und kajolierte -ihn. Und von +ihm+ war gar keine Rede mehr.« - -Melanie hatte, während Christel sprach, ein paar Holzscheite auf die -Kohlen geworfen, so daß es wieder prasselte, und sagte: »Du meinst es -gut. Aber so geht es nicht. Ich bin doch anders. Und wenn ich's nicht -bin, so bild' ich es mir wenigstens ein.« - -»Jott,« sagte Christel, »en bißchen anders is es immer. Un sie war auch -bloß von Neu-Cölln ans Wasser, un die Singuhr immer jrade gegenüber. -Aber die war nich schuld mit ›Üb' immer Treu und Redlichkeit.‹« - -»Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach drängt es -jeden, jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weißt du, man kann auch -treu sein, wenn man untreu ist. Treuer als in der Treue.« - -»Jott, liebe Jnädigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh es -eijentlich nich. Un das muß ich Ihnen sagen, wenn einer so was sagt un -ich versteh es nicht, denn is es immer schlimm. Und Sie sagen, Sie sind -anders. Ja, das is schon richtig, un wenn es auch nich janz richtig is, -so is es doch halb richtig. Un was die Hauptsache is, das is, meine -liebe Jnädigste, die hat eijentlich das liebe kleine Herz auf'n rechten -Fleck, un is immer für helfen und geben, un immer für die armen Leute. -Un was die Vernezobern war, na, die putzte sich bloß, un war immer -vor'n Stehspiegel, der alles noch hübscher machte, und sah aus wie's -Modejournal und war eijentlich dumm. Wie'n Haubenstock, sagten die -Leute. Un war auch nich so was Vornehmes, wie meine liebe Jnädigste, -un bloß aus ne' Färberei, türkischrot. Aber das muß ich Ihnen sagen, -Ihrer is doch auch anders als der Vernezobern ihrer war, und hat sich -gar nich, un red't immer frei weg, un kann keinen was abschlagen. Un zu -Weihnachten immer alles doppelt.« - -Melanie nickte. - -»Nu, sehen Sie, meine liebe Jnädigste, das is hübsch, daß Sie mir -zunicken, un wenn Sie mir immer wieder zunicken, dann kann es auch -alles noch wieder werden un wir packen alles wieder aus, un Sie legen -sich ins Bett un schlafen bis an'n hellen lichten Tag. Un Klocker -zwölfe bring ich Ihnen Ihren Kaffee un Ihre Schokolade, alles gleich -auf +ein+ Brett, un wenn ich Ihnen dann erzähle, daß wir hier gesessen -und was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie'n Traum. Denn -dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter Mann, ein sehr juter, -un bloß ein bißchen sonderbar. Und sonderbar is nichts Schlimmes. Und -ein reicher Mann wird es doch wohl am Ende dürfen! Un wenn ich reich -wäre, ich wäre noch viel sonderbarer. Un daß er immer so spricht un -solche Redensarten macht, als hätt' er keine Bildung nich un wäre von'n -Wedding oder so, ja, du himmlische Güte, warum soll er nich? warum soll -er nich so reden, wenn es ihm Spaß macht? er is nu mal fürs Berlinsche. -Aber is er denn nich einer? Und am Ende ...« - - - - -16 - -Abschied - - -Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die Nebenstube -zurück, denn Van der Straaten war eingetreten. Er war noch in demselben -Gesellschaftsanzug, in dem er, eine Stunde nach Mitternacht, nach -Hause gekommen war und seine überwachten Züge zeigten Aufregung und -Ermattung. Von welcher Seite her er Mitteilung über Melanies Vorhaben -erhalten hatte, blieb unaufgeklärt. Aus allem war nur ersichtlich, -daß er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehen zu lassen. Und wenn -er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam zu hindern, sondern -nur um Vorstellungen zu machen, um zu bitten. Es kam nicht der empörte -Mann, sondern der liebende. - -Er schob einen Fauteuil an das Feuer, ließ sich nieder, so daß er jetzt -Melanie gegenübersaß, und sagte leicht und geschäftsmäßig: »Du willst -fort, Melanie?« - -»Ja, Ezel.« - -»Warum?« - -»Weil ich einen andern liebe.« - -»Das ist kein Grund.« - -»Doch.« - -»Und ich sage dir, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir, ich kenne die -Frauen. Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei -des Glücks. Und am verhaßtesten ist euch das eigentliche, das höchste -Glück, das Ruhe bedeutet. Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen -schlechtes Gewissen habt ihr lieber, als ein gutes, das nicht prickelt, -und unter allen Sprichwörtern ist euch das vom ›besten Ruhekissen‹ am -langweiligsten und am lächerlichsten. Ihr wollt gar nicht ruhen. Es -soll euch immer was kribbeln und zwicken, und ihr habt den überspannt -sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug, daß ihr dem -Schmerz die süße Seite abzugewinnen wißt.« - -»Es ist möglich, daß du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht hast, -je mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es wirklich, wie -du sagst, so wären wir geborene Hazardeurs, und ~Va banque~ spielen so -recht eigentlich unsere Natur. Und natürlich auch die meinige.« - -Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm wie aus guter, -alter Zeit her, und er sagte, während er den Fauteuil vertraulich -näher rückte: »Laß uns nicht spießbürgerlich sein, Lanni. Sie sagen, -ich wär ein Bourgeois, und es mag sein. Aber ein Spießbürger bin ich -+nicht+. Und wenn ich die Dinge des Lebens nicht sehr groß und nicht -sehr ideal nehme, so nehm' ich sie doch auch nicht klein und eng. Ich -bitte dich, übereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt niedrig, aber sie -werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir einzubilden, daß -du schönes und liebenswürdiges Geschöpf, verwöhnt und ausgezeichnet -von den Klügsten und Besten, daß du mich aus purer Neigung oder gar -aus Liebesschwärmerei genommen hättest. Du hast mich genommen, weil -du noch jung warst und noch keinen liebtest, und in deinem witzigen -und gesunden Sinn einsehen mochtest, daß die jungen Attachés auch -keine Helden und Halbgötter wären. Und weil die Firma Van der Straaten -einen guten Klang hatte. Also nichts von Liebe. Aber du hast auch -nichts +gegen+ mich gehabt und hast mich nicht ganz alltäglich -gefunden und hast mit mir geplaudert und gelacht und gescherzt. Und -dann hatten wir die Kinder, die doch schließlich reizende Kinder -sind, zugestanden +dein+ Verdienst, und du hast ~enfin~ an die zehn -Jahr in der Vorstellung und Erfahrung gelebt, daß es nicht zu den -schlimmsten Dingen zählt, eine junge, bequem gebettete Frau zu sein -und der Augapfel ihres Mannes, eine junge, verwöhnte Frau, die tun -und lassen kann, was sie will, und als Gegenleistung nichts andres -einzusetzen braucht, als ein freundliches Gesicht, wenn es ihr gerade -paßt. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch jetzt nichts, oder sag' -ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts. Denn in diesem Augenblick -erscheint dir auch das Wenige, was ich fordere, noch als zu viel. Aber -es wird wieder anders, muß wieder anders werden. Und ich wiederhole -dir, ein Minimum ist mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will -nicht, daß du mich ansehen sollst, als ob ich Leone Leoni wär' oder -irgend ein anderer großer Romanheld, dem zuliebe die Weiber Giftbecher -trinken wie Mandelmilch und lächelnd sterben, bloß um +ihn+ noch einmal -lächeln zu sehen. Ich bin nicht Leone Leoni, bin bloß deutsch und von -holländischer Abstraktion, wodurch das Deutsche nicht besser wird, und -habe die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich bewege -mich nicht in Illusionen, am wenigsten über meinen äußeren Menschen, -und ich verlange keine Liebesgroßtaten von dir. Auch nicht einmal -Entsagungen. Entsagungen machen sich zuletzt von selbst, und das sind -die besten. Die besten, weil es die freiwilligen und eben deshalb auch -die dauerhaften und zuverlässigen sind. Übereile nichts. Es wird sich -alles wieder zurechtrücken.« - -Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils genommen, auf -der er sich jetzt hin und her wiegte. »Und nun noch eins, Lanni,« fuhr -er fort, »ich bin nicht der Mann der Rücksichtsnahmen und hasse diese -langweiligen »Regards« auf nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag' -ich dir, nimm Rücksicht auf dich +selbst+. Es ist nicht gut, immer nur -an das zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut, -gar nicht daran zu denken. Ich hab' es an mir selbst erfahren. Und nun -überlege. Wenn du +jetzt+ gehst ... Du weißt, was ich meine. Du kannst -jetzt nicht gehen; nicht +jetzt+.« - -»Eben deshalb geh' ich, Ezel,« antwortete sie leise. »Es soll klar -zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.« - -Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden -Momenten auch das hören will, was einem den Tod gibt. Und nun war es -gesprochen. Er ließ den Stuhl wieder nieder und warf sich hinein, -und einen Augenblick war es ihm, als schwänden ihm die Sinne. Aber -er erholte sich rasch wieder, rieb sich Stirn und Schläfe und sagte: -»Gut. Auch das. Ich will es verwinden. Laß uns miteinander reden. Auch -darüber reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein Lebtag. Aber ich -weiß auch, es ist so Lauf der Welt und ich habe kein Recht, dir Moral -zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir! ... Es mußte so kommen, -+mußte+ nach dem Van der Straatenschen Hausgesetz (warum sollen wir -nicht auch ein Hausgesetz haben) und ich glaube fast, ich wußt' es von -Jugend auf.« Und nach einer Weile fuhr er fort: »Es gibt ein Sprichwort -›Gottes Mühlen mahlen langsam‹ und sieh, als ich noch ein kleiner Junge -war, hört' ich's oft von unserer alten Kindermuhme und mir wurd' immer -so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung. Nun bin ich zwischen den -zwei Steinen und mir ist, als würd' ich zermahlen und zermalmt ...« - -»Zermahlen?« Er schlug mit der rechten in die linke Hand und -wiederholte noch einmal und in plötzlich verändertem Tone: »Zermahlen! -Es hat eigentlich etwas Komisches. Und wahrhaftig, hol' die Pest -alle feigen Memmen. Ich will mich nicht länger damit quälen. Und ich -ärgere mich über mich selbst und meine Haberei und Tuerei. Bah, die -Nachmittagsprediger der Weltgeschichte machen zu viel davon, und wir -sind dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit Vergessen -allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen, wie's war -und ist und sein wird. Oder war es besser in den Tagen meines Paten -Ezechiel? Oder als Adam grub und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte -Testament ein Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und -ich sage dir, Lanni, gemessen an +dem+, sind wir die reinen Lämmchen, -weiß wie Schnee. Waisenkinder. Und so höre mich denn. Es soll niemand -davon wissen, und ich will es halten, als ob es mein eigen wäre. Deine -ist es ja, und das ist die Hauptsache. Denn so du's nicht übel nimmst, -ich liebe dich und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts sein. -+Soll+ nicht. Aber bleibe.« - -Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschüttert gewesen, aber -er selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefühl wieder weggesprochen. -Es war eben immer dasselbe Lied. Alles, was er sagte, kam aus einem -Herzen voll Gütigkeit und Nachsicht, aber die Form, in die sich -diese Nachsicht kleidete, verletzte wieder. Er behandelte das, was -vorgefallen, aller Erschütterung unerachtet, doch bagatellmäßig obenhin -und mit einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war wohlgemeint, -und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche nach, den Vorteil -davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur sträubte sich innerlichst gegen -eine solche Behandlungsweise. Das Geschehene, das wußte sie, war ihre -Verurteilung vor der Welt, war ihre Demütigung, aber es war doch auch -zugleich ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rückhaltlose -Bekenntnis ihrer Neigung. Und nun plötzlich sollt' es +nichts+ sein, -oder doch nicht viel mehr als nichts, etwas ganz Alltägliches, über -das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse. Das widerstand ihr. Und -sie fühlte deutlich, daß das Geschehene verzeihlicher war als seine -Stellung zu dem Geschehenen. Er hatte keinen Gott und keinen Glauben, -und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung übrig: daß sein -Wunsch, ihr goldne Brücken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich -um +jeden+ Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem -Herzen dachte. Ja, so war es. Aber wenn es so war, so konnte sie dies -Gnadengeschenk nicht annehmen. Jedenfalls wollte sie's nicht. - -»Du meinst es gut, Ezel,« sagte sie. »Aber es kann nicht sein. Es -hat eben alles seine natürliche Konsequenz, und +die+, die hier -spricht, die scheidet uns. Ich weiß wohl, daß auch anderes geschieht, -jeden Tag, und es ist noch keine halbe Stunde, daß mir Christel -davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist das Gesetz ins Herz -geschrieben, und danach fühl' ich, ich muß fort. Du liebst mich, und -deshalb willst du darüber hinsehen. Aber du darfst es nicht und du -+kannst+ es auch nicht. Denn du bist nicht jede Stunde derselbe, keiner -von uns. Und keiner kann vergessen. Erinnerungen aber sind mächtig, und -Fleck ist Fleck, und Schuld ist Schuld.« - -Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin, um -ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hellbrennende Flamme zu werfen. -Aber plötzlich, als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen, sagte sie -mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres früheren Wesens: »Ach, Ezel, ich -spreche von Schuld und wieder Schuld, und es muß beinah klingen, als -sehnt' ich mich danach, eine büßende Magdalena zu sein. Ich schäme mich -ordentlich der großen Worte. Aber freilich, es gibt keine Lebenslagen, -in denen man aus der Selbsttäuschung und dem Komödienspiele herauskäme. -Wie steht es denn eigentlich? Ich will fort, nicht aus Schuld, sondern -aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selber wieder herzustellen. -Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an aller Lüge -haftet; ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die -Augen aufschlagen können. Und das kann ich nur, wenn ich gehe, wenn -ich mich von dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem -Tun bekenne. Das wird ein groß Gerede geben, und die Tugendhaften und -Selbstgerechten werden es mir nicht verzeihn. Aber die Welt besteht -nicht aus lauter Tugendhaften und Selbstgerechten, sie besteht auch -aus Menschen, die Menschliches menschlich ansehen. Und auf +die+ hoff' -ich, +die+ brauch' ich. Und vor allem brauch' ich mich selbst. Ich will -wieder in Frieden mit mir selber leben und wenn nicht in Frieden, so -doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.« - -Es schien, daß Van der Straaten antworten wollte, aber sie litt es -nicht und sagte: »Sage nicht nein. Es ist so und nicht anders. Ich -will den Kopf wieder hochhalten und mich wieder fühlen lernen. Alles -ist eitel Selbstgerechtigkeit. Und ich weiß auch, es wäre besser -und selbstsuchtsloser, ich bezwänge mich und bliebe, freilich immer -vorausgesetzt, ich könnte mit einer Einkehr bei mir selbst beginnen. -Mit Einkehr und mit Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur ein -ganz äußerliches Schuldbewußtsein, und wo mein Kopf sich unterwirft, -da protestiert mein Herz. Ich nenn' es selber ein störrisches Herz und -ich versuche keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht anders durch -mein Schelten und Schmähen. Und sieh, so hilft mir denn eines nur und -reißt mich eines nur aus mir heraus: ein ganz neues Leben und in ihm -+das+, was das erste vermissen ließ: Treue. Laß mich gehen. Ich will -nichts beschönigen, aber das laß mich sagen: es trifft sich gut, daß -das Gesetz, das uns scheidet, und mein eignes selbstisches Verlangen -zusammenfallen.« - -Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie ließ es -geschehen. Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn küssen -wollte, wehrte sie's und schüttelte den Kopf. »Nein, Ezel, nicht -so. Nichts mehr zwischen uns, was stört und verwirrt und quält und -ängstigt, und immer nur erschweren und nichts mehr ändern kann ... -Ich werd' erwartet. Und ich will mein neues Leben nicht mit einer -Unpünktlichkeit beginnen. Unpünktlich sein, ist unordentlich sein. Und -davor hab' ich mich zu hüten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen, -Ordnung und Einheit. Und nun leb' wohl und vergiß.« - -Er hatte sie gewähren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche, die -neben ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentür gekommen war, -die zu der Kinderschlafstube führte, blieb sie stehen und sah sich noch -einmal um. Er nahm es als ein gutes Zeichen und sagte: »Du willst die -Kinder sehen!« - -Es war das Wort, das sie gefürchtet hatte, das Wort, das in ihr selber -sprach. Und ihre Augen wurden groß, und es flog um ihren Mund, und sie -hatte nicht die Kraft ein »Nein« zu sagen. Aber sie bezwang sich und -schüttelte nur den Kopf und ging auf Tür und Flur zu. - -Draußen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer Herrin das -Täschchen abzunehmen und sie die beiden Treppen hinabzubegleiten. Aber -Melanie wies es zurück und sagte: »Laß, Christel, ich muß nun meinen -Weg allein finden.« Und auf der zweiten Treppe, die dunkel war, begann -sie wirklich zu suchen und zu tappen. - -»Es beginnt früh,« sagte sie. - -Das Haus war schon auf, und draußen blies ein kalter Wind von der -Brüderstraße her über den Platz weg, und der Schnee federte leicht in -der Luft. Sie mußte dabei des Tages denken, nun beinah jährig, wo der -Rollwagen vor ihrem Hause hielt, und wo die Flocken auch wirbelten -wie heut, und die kindische Sehnsucht über sie kam, zu steigen und zu -fallen wie sie. - -Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu, die nach dem Spittelmarkt -führt, und sah nichts als den Laternenanstecker ihres Reviers, der mit -seiner langen schmalen Leiter immer vor ihr her lief und wenn er oben -stand, halb neugierig und halb pfiffig auf sie niedersah und nicht -recht wußte, was er aus ihr machen sollte. - -Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu. Der Kutscher -schlief, und das Pferd eigentlich auch, und da nichts Besseres in Sicht -war, so zupfte sie den immer noch Verschlafenen an seinem Mantel und -stieg endlich ein und nannt' ihm den Bahnhof. Und es war auch, als -ob er sie verstanden und zugestimmt habe. Kaum aber, daß sie saß, so -wandt' er sich auf dem Bock um und brummelte durch das kleine Guckloch: -»er sei Nachtdroschke, un janz klamm, un von Klock elwe nichts in'n -Leib. Un er wolle jetzt nach Hause.« Da mußte sie sich aufs Bitten -legen, bis er endlich nachgab. Und nun schlug er auf das arme Tier los -und holprig ging es die lange Straße hinunter. - -Sie warf sich zurück und stemmte die Füße gegen den Rücksitz, aber -die Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlöschende Lämpchen -füllte die Droschke mit einem trüben Qualm. Ihre Schläfen fühlten -mehr und mehr einen Druck und ihr wurde weh und widrig in der elenden -Armeleute-Luft. Endlich ließ sie die Fenster nieder und freute sich des -frischen Windes, der durchzog. Und freute sich auch des erwachenden -Lebens der Stadt, und jeden Bäckerjungen, der trällernd und pfeifend -und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf an ihr vorüberzog, -hätte sie grüßen mögen. Es war doch ein heiterer Ton, an dem sich ihre -Niedergedrücktheit aufrichten konnte. - -Sie waren jetzt bis an die letzte Querstraße gekommen, und in -fortgesetztem und immer nervöser werdendem Hinaussehen erschien es ihr, -als ob alle Fuhrwerke, die denselben Weg hatten, ihr eignes elendes -Gefährt in wachsender Eil' überholten. Erst einige, dann viele. Sie -klopfte, rief. Aber alles umsonst. Und zuletzt war es ihr, als läg' -es an ihr, und als versagten +ihr+ die Kräfte, und als sollte sie die -letzte sein und käme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht und -nie mehr. Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie. »Mut, Mut,« -rief sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre Füße von dem -Rücksitzkissen und richtete sich auf. Und sieh, ihr wurde besser. Mit -ihrer äußeren Haltung kam ihr auch die innere zurück. - -Und nun endlich hielt die Droschke und weil weder oben noch auch vorne -bei dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar war, war auch niemand -da, der sich dienstbar gezeigt und den Droschkenschlag geöffnet hätte. -Sie mußt' es von innen her selber tun und sah sich um und suchte. -»Wenn er nicht da wäre!« Doch sie hatte nicht Zeit, es auszudenken. -Im nächsten Augenblicke schon trat von einem der Auffahrtspfeiler -her Rubehn an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen -behilflich zu sein. Ihr Fuß stand eben auf dem mit Stroh umwickelten -Tritt und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Gott -sei Dank! Ach, war +das+ eine Stunde! Sei gut, einzig Geliebter, und -lehre sie mich vergessen.« - -Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder, und nahm ihren Arm -und das Täschchen, und so schritten sie die Treppe hinauf, die zu dem -Perron und dem schon haltenden Zuge führte. - - - - -17 - -Della Salute - - -»Nach Süden!« Und in kurzen, oft mehrtägig unterbrochenen Fahrten, wie -sie Melanies erschütterte Gesundheit unerläßlich machte, ging es über -den Brenner, bis sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst -das Osterfest abzuwarten und »Nachrichten aus der Heimat«. Es war ein -absichtlich indifferentes Wort, das sie wählten, während es sich doch -in Wahrheit um Mitteilungen handelte, die für ihr Leben entscheidend -waren und die länger ausblieben als erwünscht. Aber endlich waren sie -da, diese »Nachrichten aus der Heimat«, und der nächste Morgen bereits -sah beide vor dem Eingang einer kleinen englischen Kapelle, deren alten -Reverend sie schon vorher kennen gelernt und durch seine Milde dazu -bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar Freunde waren -zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen Handlung brach man auf, -um, nach monatelangem Eingeschlossensein in der Stadt, einmal außerhalb -ihrer Mauern aufatmen und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa -d'Este freuen zu können. Und alles freute sich wirklich, am meisten -aber Melanie. Sie war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was ihr -das Herz bedrückt hatte, war wie mit einem Schlage von ihr genommen -und sie lachte wieder, wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte, -kindlich und harmlos. Ach, wem +dies+ Lachen wurde, dem bleibt es, und -wenn es schwand, so kehrt es wieder. Und es überdauert alle Schuld und -baut uns die Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere Zeit. - -Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie wollt' es -noch freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden, in ihre Wohnung -zurückkehrte, drin die treffliche römische Wirtin außer dem hohen -Kaminfeuer auch schon die dreidochtige Lampe angezündet hatte, beschloß -sie, denselben Abend noch an ihre Schwester Jakobine zu schreiben, -allerlei Fragen zu tun und nebenher von ihrem Glück und ihrer Reise zu -plaudern. - -Und sie tat es und schrieb. - -»Meine liebe Jakobine. Heute war ein rechter Festestag und was mehr -ist, auch ein glücklicher Tag, und ich möchte meinem Danke so gern -einen Ausdruck geben. Und da schreib' ich denn. Und an wen lieber, als -an Dich, Du mein geliebtes Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht -mehr hören? Oder darfst Du nicht? - -Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen -Querstraße, die nach dem Tiber hinführt, und wenn ich die Straße -hinuntersehe, so blinken mir, vom andern Ufer her, ein paar Lichter -entgegen. Und diese Lichter kommen von der Farnesina, der berühmten -Villa, drin Amor und Psyche sozusagen aus allen Fensterkappen sehen. -Aber ich sollte nicht so scherzhaft über derlei Dinge sprechen, und -ich könnt' es auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle gewesen -wären. Endlich, endlich! Und weißt Du, wer mit unter den Zeugen war? -Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tänzer von Dachrödens -her. Und lieb und gut und ohne Hoffart. Und wenn man in der Acht ist, -die noch schlimmer ist als das Unglück, so hat man ein Auge dafür, -und das Bild, Du weißt schon, über das ich damals so viel gespottet -und gescherzt habe, es will mir nicht aus dem Sinn. Immer dasselbe -›Steinige, steinige‹. Und die Stimme schweigt, die vor den Pharisäern -das himmlische Wort sprach. - -Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber. - -Wir reisten in kleinen Tagereisen und ich war anfänglich abgespannt -und freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte, so war es nur um -Rubens willen. Denn er tat mir so leid. Eine weinerliche Frau! Ach, -das ist das Schlimmste, was es gibt. Und gar erst auf Reisen. Und so -ging es eine ganze Woche lang, bis wir in die Berge kamen. Da wurd' -es besser, und als wir neben dem schäumenden Inn hinfuhren und an -demselben Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles Quartier -fanden, da fiel es von mir ab und ich konnte wieder aufatmen. Und als -Ruben sah, daß mir alles so wohltat und mich erquickte, da blieb er -noch den folgenden Tag und besuchte mit mir alle Kirchen und Schlösser -und zuletzt auch die Kirche, wo Kaiser Max begraben liegt. Es ist -derselbe von der Martinswand her, und derselbe auch, der zu Luthers -Zeiten lebte. Freilich schon als ein sehr alter Herr. Und es ist auch -der, den Anastasius Grün als ›Letzten Ritter‹ gefeiert hat, worin er -vielleicht etwas zu weit gegangen ist. Ich glaube nämlich nicht, daß -er der letzte Ritter war. Er war überhaupt zu stark und zu korpulent -für einen Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find' ich, daß -Gryczinski ritterlicher ist. Sonderbarerweise fühl' ich mich überhaupt -eingepreußter, als ich dachte, so daß mir auch das Bildnis Andreas -Hofers wenig gefallen hat. Er trägt einen Tiroler Spruchgürtel um -den Leib und wurde zu Mantua, wie Du vielleicht gehört haben wirst, -erschossen. Manche tadeln es, daß er sich geängstigt haben soll. Ich -für mein Teil habe nie begreifen können, wie man es tadeln will, nicht -gern erschossen zu werden. - -Und dann gingen wir über den Brenner, der ganz in Schnee lag, und -es sah wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand, an der unser -Zug emporkletterte, zwei, drei andre Züge tief unter uns sahen, so -winzig und unscheinbar wie die Futterkästchen an einem Zeisigbauer. -Und denselben Abend noch waren wir in Verona. Das vorige Mal, als ich -dort war, hatt' ich es nur passiert, jetzt aber blieben wir einen Tag, -weil mir Ruben das altrömische Theater zeigen wollte, das sich hier -befindet. Es war ein kalter Tag und mich fror in dem eisigen Winde, der -ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben. Wie beschreib' -ich es Dir nur? Du mußt Dir das Opernhaus denken, aber nicht an einem -gewöhnlichen Tage, sondern an einem Subskriptionsballabend, und an der -Stelle, wo die Musik ist, rundet es sich auch noch. Es ist nämlich ganz -eiförmig und amphitheatralisch, und der Himmel als Dach darüber, und -ich würd' es alles sehr viel mehr noch genossen haben, wenn ich mich -nicht hätte verleiten lassen, in einem benachbarten Restaurant ein -Salamifrühstück zu nehmen, das mir um ein Erhebliches zu national war. - -Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn ich Duquede wäre, -so würd' ich sagen: es wird überschätzt. Es ist voller Engländer und -Bilder, und mit den Bildern wird man nicht fertig. Und dann haben sie -die ›Cascinen‹, etwas wie unsre Tiergarten- oder Hofjägerallee, worauf -sie sehr stolz sind, und man sieht auch wirklich Fuhrwerke mit sechs -und zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden. Aber ich habe sie nicht -gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren. Über den Arno -führt eine Budenbrücke, nach Art des Rialto, und wenn Du von den vielen -Kirchen und Klöstern absehen willst, so gilt der alte Herzogspalast -als die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt. Und am schönsten finden sie -den kleinen Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwächst, nicht viel -anders als ein Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie darum. Es -soll aber sehr originell gedacht sein. Und zuletzt findet man es auch. -Und in der Nähe befindet sich eine lange schmale Gasse, die neben der -Hauptstraße herläuft und in der beständig Wachteln am Spieß gebraten -werden. Und alles riecht nach Fett, und dazwischen Lärm und Blumen und -aufgetürmter Käse, so daß man nicht weiß, wo man bleiben und ob man -sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut man sich, -und es ist eigentlich das Hübscheste, was ich auf meiner ganzen Reise -gesehen habe. Natürlich Rom ausgenommen. Und nun bin ich in Rom. - -Aber Herzens-Jakobine, davon kann ich Dir heute nicht schreiben, denn -ich bin schon auf dem vierten Blatt und Ruben wird ungeduldig und wirft -aus seiner dunklen Ecke Konfetti nach mir, trotzdem wir den Karneval -längst hinter uns haben. Und so brech' ich denn ab und tue nur noch ein -paar Fragen. - -Freilich, jetzt wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir nicht -recht aus der Feder und Du mußt sie erraten. Rätsel sind es nicht. -In Deiner Antwort sei schonend, aber verschweige nichts. Ich muß das -Unangenehme, das Schmerzliche tragen lernen. Es ist nicht anders. -Über all das geb' ich mich keinen Illusionen hin. Wer in die Mühle -geht, wird weiß. Und die Welt wird schlimmere Vergleiche wählen. Ich -möchte nur, daß bei meiner Verurteilung über die ›mildernden Umstände‹ -nicht ganz hinweggegangen würde. Denn sieh, ich konnte nicht anders. -Und ich habe nur noch den +einen+ Wunsch, daß es mir vergönnt sein -möchte, +dies+ zu beweisen. Aber dieser Wunsch wird mir versagt bleiben -und ich werd' allen Trost in meinem Glück und alles Glück in meiner -Zurückgezogenheit suchen und finden müssen. Und das werd' ich. Ich -habe genug von dem Geräusch des Lebens gehabt und ich sehne mich nach -Einkehr und Stille. Die hab' ich +hier+. Ach, wie schön ist diese -Stadt, und mitunter ist es mir, als wär' es wahr und als käm' uns -jedes Heil und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist ein seliges -Wandeln an diesem Ort, ein Sehen und Hören als wie im Traum. - -Und nun meine süße Jakobine, lebe wohl und schreibe recht viel und -recht ausführlich. Es interessiert mich alles, und ich sehne mich nach -Nachricht, vor allem nach Nachricht ... Aber Du weißt es ja. Nichts -mehr davon. Immer die Deine. - - Melanie R.« - -Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, in dem dunklen -Gefühl, daß eine rasche Beförderung auch eine rasche Antwort erzwingen -könne. Aber diese Antwort blieb aus, und die darin liegende Kränkung -würde sehr schmerzlich empfunden worden sein, wenn nicht Melanie -wenige Tage nach Absendung des Briefes, in ihre frühere Melancholie -zurückverfallen wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie sterben werde, -versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom von Tränen -aus. Denn sie hing am Leben und genoß inmitten ihres Schmerzes +ein+ -unendliches Glück: die Nähe des geliebten Mannes. - -Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen. Denn alle -Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller, je trüber die Tage waren. -Er kannte nur Rücksicht; keine Mißstimmung, keine Klage wurde laut, und -über das Vornehme seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen. - -Und so vergingen trübe Wochen. - -Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte, daß vor -allem das Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt für beständig -neue Eindrücke gesorgt werden müsse. Mit anderen Worten, das was er -vorschlug, war ein beständiger Orts- und Luftwechsel. Ein solch -tagtägliches Hin und Her sei freilich selber ein Übel, aber ein -kleineres, und jedenfalls das einzige Mittel, der inneren Ruhelosigkeit -abzuhelfen. - -Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von der Kranken -apathisch angenommen. - -In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn -und großen Straßen, ging es, durch Umbrien, immer höher hinauf an der -Ostküste hin, bis sich plötzlich herausstellte, daß man nur noch zehn -Meilen von Venedig entfernt sei. Und siehe, da kam ihr ein tiefes und -sehnsüchtiges Verlangen, ihrer Stunde dort warten zu wollen. Und sie -war plötzlich wie verändert und lachte wieder und sagte: »Della Salute! -Weißt du noch? ... Es heimelt mich an, es erquickt mich: das Wohl, das -Heil! O, komm. Dahin wollen wir.« - -Und sie gingen, und dort war es, wo die bange Stunde kam. Und einen -Tag lang wußte der Zeiger nicht, wohin er sich zu stellen habe, ob -auf Leben oder Tod. Als aber am Abend, von über dem Wasser her, ein -wunderbares Läuten begann, und die todmatte Frau auf ihre Frage »von -wo« die Antwort empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich auf -und sagte: »Nun weiß ich, daß ich leben werde.« - - - - -18 - -Wieder daheim - - -Und ihre Hoffnung hatte sie nicht betrogen. Sie genas und erst als -die Herbsttage kamen, und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch -ihr eigenes Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete, verließen sie die -Stadt, an die sie sich durch ernste und heitere Stunden aufs innigste -gekettet fühlten, und gingen in die Schweiz, um in dem lieblichsten -der Täler, in dem Tale »zwischen den Seen« eine neue vorläufige Rast zu -suchen. - -Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein scharfer -Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüber fuhr und den Tag -darauf der Schnee so dicht fiel, daß nicht nur die »Jungfrau«, sondern -auch jede kleinste Kuppe verschneit und vereist ins Tal hernieder sah, -sagte Melanie: »Nun ist es Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das -Alter und nicht jede Landschaft der Schnee. Der Winter ist in diesem -Tale nicht zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher. Und ich -möchte nun wieder +da+ hin, wo man sich mit ihm eingelebt hat und ihn -versteht.« - -»Ich glaube gar,« lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der -Rousseau-Insel!« - -»Ja,« sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei Stunden -könnte ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen, darin -ich geboren wurde. Aber ich habe keine Sehnsucht danach. Es zieht mich -nach dem +Norden+ hin und ich empfind' ihn mehr und mehr als meine -Herzensheimat. Und was auch dazwischen liegt, er muß es bleiben.« - - * * * * * - -Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in -der Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder »das Vrenel«, -eine derbe schweizerische Magd, die sie, während ihres Aufenthaltes -in Interlaken, zur Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine -vorzügliche Wahl. Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem Bruder -empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden: eine reizende Mansarde -dicht am Westende des Tiergartens, ebenso reich wie geschmackvoll -eingerichtet, und beinah Wand an Wand mit Duquede. »Sollen wir gute -Nachbarschaft mit ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres -Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt. - -Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung, überhaupt -über alles, und gleich am andern Vormittage setzte sie sich, als sie -allein war, in eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften -Bäume des Parks und auf ein paar Eichkätzchen, die sich haschten und -von Ast zu Ast sprangen. Wie oft hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit -Liddi und Heth durch den Tiergarten gefahren war! Es stand plötzlich -alles wieder vor ihr, und sie fühlte, daß ein Schatten auf die heiteren -Bilder ihrer Seele fiel. - -Endlich aber zog es auch +sie+ hinaus, und sie wollte die Stadt wieder -sehen, die Stadt und bekannte Menschen. Aber wen? Sie konnte nur bei -der Freundin, bei dem Musikfräulein vorsprechen. Und sie tat es auch, -ohne daß sie schließlich eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam -ihr vertraulich und beinah überheblich entgegen, und in begreiflicher -Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück. Auch hier war -nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in schlechter Laune, die -Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit kam erst wieder, als sie Rubehns -Stimme draußen auf dem Vorflur hörte. - -Und nun trat er ein. - -Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und sie nahm des -geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm über den dicken, -türkischen Teppich hin. Aber er litt von der Hitze, die sie mit ihrem -Taschentuche vergeblich fortzufächeln bemüht war. »Und nun sind wir im -Norden!« lachte er. »Und nun sage, haben wir im Süden je so was von -Glut und Samum auszuhalten gehabt?« - -»O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erstemal nach dem -Lido hinausfuhren? Ich wenigstens vergeß' es nicht. All mein Lebtag -hab' ich mich nicht so geängstigt, wie damals auf dem Schiff: erst -die Schwüle und dann der Sturm. Und dazwischen das Blitzen. Und wenn -es noch ein Blitzen gewesen wäre! Aber wie feurige Laken fiel es vom -Himmel. Und du warst so ruhig.« - -»Das bin ich immer, Herz, oder such' es wenigstens zu sein. Mit unserer -Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert.« - -»Ich weiß doch nicht, ob du recht hast. In unserer Angst und Sorge -beten wir, auch wir, die wir's in unseren guten Tagen an uns kommen -lassen. Und das versöhnt die Götter. Denn sie wollen, daß wir uns in -unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit fühlen lernen. Und haben sie -nicht recht?« - -»Ich weiß nur, daß +du+ recht hast. Immer. Und dir zu Liebe sollen auch -die Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?« - -»Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör' es wenigstens -gern. Aber ...« - -»Lassen wir das ›aber‹ und nehmen wir lieber unseren Tee, der uns -ohnehin schon erwartet. Und er hilft auch immer und gegen alles, und -wird uns auch aus dieser afrikanischen Hitze helfen. Um aber sicher zu -gehen, will ich doch lieber noch das Fenster öffnen.« Und er tat's, und -unter dem halb aufgezogenen Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein. - -»Wie mild und weich,« sagte Melanie. - -»Zu weich,« entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns auf kältere -Luftströme gefaßt machen müssen.« - - - - -19 - -Inkognito - - -Melanie war froh, wieder daheim zu sein. - -Was sich ihr notwendig entgegenstellen mußte, das übersah sie nicht, -und die Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben hatte, war auch ihre -Furcht. Aber sie war doch andrerseits sanguinischen Gemüts genug, um -der Hoffnung zu leben, sie werd' es überwinden. Und warum sollte sie's -nicht? Was geschehen erschien ihr, der Gesellschaft gegenüber, so gut -wie ausgeglichen; allem Schicklichen war genügt, alle Formen waren -erfüllt, und so gewärtigte sie nicht einer Strenge zu begegnen, zu -der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu +müssen+ glaubt, -vielleicht einfach in dem Bewußtsein davon, daß, wer in einem Glashause -wohnt, nicht mit Steinen werfen soll. - -Melanie gewärtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger stimmte sie -dem Vorschlage bei, wenigstens während der nächsten Wochen noch ein -Inkognito bewahren und erst von Neujahr an die nötigsten Besuche machen -zu wollen. - -So war es denn natürlich, daß man den Weihnachtsabend im engsten Zirkel -verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder und der alte Frankfurter -Prokurist, ein versteifter und schweigsamer Junggeselle, dem sich erst -beim dritten Schoppen die Zunge zu lösen pflegte, waren erschienen, -um die Lichter am Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten, -wurd' auch das Aninettchen herbeigeholt, und Melanie nahm das Kind auf -den Arm und spielte mit ihm und hielt es hoch. Und das Kind schien -glücklich und lachte und griff nach den Lichtern. - -Und glücklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer ihn an diesem -Abende gesehen hätte, der hätte nichts von Behagen und Gemütlichkeit -an ihm vermißt. Alles Amerikanische war abgestreift. - -In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl serviert worden, und -als einleitend erst durch Anastasia und danach auch durch den jüngeren -Rubehn ein paar scherzhafte Gesundheiten ausgebracht worden waren, -erhob sich zuletzt auch der alte Prokurist, um »aus vollem Glas und -vollem Herzen« einen Schlußtoast zu proponieren. Das Beste des Lebens, -das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das Inkognito. Alles was sich -auf den Markt oder auf die Straße stelle, das tauge nichts, oder habe -doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert habe, das ziehe sich -zurück, das berge sich in Stille, das verstecke sich. Die lieblichste -Blume, darüber könne kein Zweifel sein, sei das Veilchen, und die -poetischste Frucht, darüber könne wiederum kein Zweifel sein, sei die -Walderdbeere. Beide versteckten sich aber, beide ließen sich suchen, -beide lebten sozusagen inkognito. Und somit lasse er das Inkognito -leben, oder die Inkognitos, denn Singular oder Plural sei ihm durchaus -gleichgültig: - - Das oder die, - Ein volles Glas für Melanie; - Die oder das, - Für Ebenezer ein volles Glas. - -Und danach fing er an zu singen. - -Erst zu später Stunde trennte man sich und Anastasia versprach, am -andern Tage zu Tisch wieder zu kommen; abermals einen Tag später aber -(Rubehn war eben in die Stadt gegangen), erschien das Vrenel, um in -ihrem Schweizer Deutsch und zugleich in sichtlicher Erregung den -Polizeirat Reiff zu melden. Und sie beruhigte sich erst wieder, als -ihre junge Herrin antwortete: »Ah, sehr willkommen. Ich lasse bitten, -einzutreten.« - -Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz unverändert: -derselbe Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack, dieselbe weiße -Weste. - -»Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff,« sagte Melanie und -wies mit der Rechten auf einen neben ihr stehenden Fauteuil. »Sie waren -immer mein guter Freund, und ich denke, Sie bleiben es.« - -Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und tat Fragen über -Fragen. Endlich aber ließ er durch Zufall oder Absicht auch den Namen -Van der Straatens fallen. - -Melanie blieb unbefangen und sagte nur: »Den Namen dürfen Sie nicht -nennen, lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht. Nicht als ob er mir -unfreundliche Bilder weckte. Nein, o nein. Wäre das, so dürften Sie's. -Aber gerade weil mir der Name nichts Unfreundliches zurückruft, weil -ich nur weiß, ihm, der ihn trägt, wehe getan zu haben, so quält und -peinigt er mich. Er mahnt mich an ein Unrecht, das dadurch nicht -kleiner wird, daß ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht -empfinde. Also nichts von ihm. Und auch nichts ...« Und sie schwieg -und fuhr erst nach einer Weile fort: »Ich habe nun mein Glück, ein -wirkliches Glück; ~mais il faut payer pour tout et deux fois pour notre -bonheur~.« - -Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil er nicht recht -verstanden hatte. - -»Wir aber, lieber Reiff,« nahm Melanie wieder das Wort, »wir müssen -einen neutralen Boden finden. Und das werden wir. Das zählt ja zu den -Vorzügen der großen Stadt. Es gibt immer hundert Dinge, worüber sich -plaudern läßt. Und nicht bloß um Worte zu machen, nein, auch mit dem -Herzen. Nicht wahr? Und ich rechne darauf, Sie wiederzusehen.« - -Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin er gekommen -war, nicht allzulange warten zu lassen. Melanie aber sah ihm nach -und freute sich, als er wenige Häuser entfernt dem aus der Stadt -zurückkommenden Rubehn begegnete. Beide grüßten einander. - -»Reiff war hier,« sagte Rubehn, als er einen Augenblick später eintrat. -»Wie fandest du ihn?« - -»Unverändert. Aber verlegener, als ein Polizeirat sein sollte.« - -»Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.« - -»Glaubst du?« - -»Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren sind -verschieden. Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren. Aber vor dieser -Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Und so lächerlich es ist, ich -kann den Gedanken nicht unterdrücken, daß wir morgen ins schwarze Buch -kommen.« - -»Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement für mich. Oder ist es -meinerseits bloß Eitelkeit und Einbildung?« - -»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren, ... ihr -bester Freund, ihr leiblicher Bruder, ist nie sicher vor ihnen. Und -wenn man sich darüber erstaunt oder beklagt, so heißt es ironisch und -achselzuckend: ~c'est mon métier~.« - - * * * * * - -Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen und der Zeitpunkt -war da, wo das junge Paar aus seinem Inkognito heraustreten wollte. -Wenigstens Melanie. Sie war noch immer nicht bei Jakobine gewesen, und -wiewohl sie sich, in Erinnerung an den unbeantwortet gebliebenen Brief, -nicht viel gutes von diesem Besuche versprechen konnte, so mußt' er -doch auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie mußte Gewißheit haben, -wie sich die Gryczinskis stellen wollten. - -Und so fuhr sie denn nach der Alsenstraße. - -Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte Treppe -hinauf und klingelte. Und bald konnte sie hinter der Korridor-Glaswand -ein Hin- und Herhuschen erkennen. Endlich aber wurde geöffnet. - -»Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?« - -»Nein, Frau Kommerzien... Ach, wie die gnädige Frau bedauern wird! Aber -Frau von Heysing waren hier und haben die gnädige Frau zu dem großen -Bilde abgeholt. Ich glaube ›die Fackeln des Nero‹.« - -»Und der Herr Major?« - -»Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen verlegen. »Er wollte fort. Aber -ich will doch lieber erst ...« - -»O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie meiner Schwester, -oder der gnädigen Frau, daß ich da war. Oder besser, nehmen Sie meine -Karte ...« - -Danach grüßte Melanie kurz und ging. - -Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: »Das ist +er+. Sie ist ein -gutes Kind und liebt mich.« Und dann legte sie die Hand aufs Herz und -lächelte: »Schweig stille, mein Herze.« - -Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hörte, war wenig -überrascht, und noch weniger, als am andern Morgen ein Brief eintraf, -dessen zierlich verschlungenes J. v. G. über die Absenderin keinen -Zweifel lassen konnte. Wirklich, es waren Zeilen von Jakobine. Sie -schrieb: - -»Meine liebe Melanie. Wie hab' ich es bedauert, daß wir uns verfehlen -mußten. Und nach so langer Zeit! Und nachdem ich Deinen lieben, langen -Brief unbeantwortet gelassen habe! Er war so reizend, und selbst -Gryczinski, der doch so kritisch ist und alles immer auf Disposition -hin ansieht, war eigentlich entzückt. Und nur an der einen Stelle -nahm er Anstoß, daß alles Heil und aller Trost nach wie vor aus Rom -kommen solle. Das verdroß ihn, und er meinte, daß man dergleichen auch -nicht im Scherze sagen dürfe. Und meine Verteidigung ließ er nicht -gelten. Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katholisch und ich -denke mir, daß er so streng und empfindlich ist, weil er es persönlich -los sein und von sich abwälzen möchte. Denn sie sind immer noch sehr -diffizil oben, und Gryczinski, wie Du weißt, ist zu klug, als daß er -etwas wollen sollte, was man oben +nicht+ will. Aber es ändert sich -vielleicht wieder. Und ich bekenne Dir offen, +mir+ wär' es recht, -und ich für mein Teil hätte nichts dagegen, sie sprächen erst wieder -von etwas anderm. Ist es denn am Ende wirklich so wichtig und eine -so brennende Frage? Und wär' es nicht wegen der vielen Toten und -Verwundeten, so wünscht' ich mir einen neuen Krieg. (Es heißt übrigens, -sie rechneten schon wieder an einem.) Und +hätten+ wir den Krieg, so -wären wir die ganze Frage los und Gryczinski wäre Oberstleutnant. -Denn er ist der dritte. Und ein paar von den alten Generälen, oder -wenigstens von den ganz alten, werden doch wohl endlich abgehen müssen. - -Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski und von mir, -und vergesse ganz nach Dir und nach Deinem Befinden zu fragen. Ich bin -überzeugt, daß es Dir gut geht und daß Du mit dem Wechsel in allen -wesentlichen Stücken zufrieden bist. Er ist reich und jung, und bei -Deinen Lebensanschauungen, mein' ich, kann es Dich nicht unglücklich -machen, daß er unbetitelt ist. Und am Ende, wer jung ist, hofft auch -noch. Und Frankfurt ist ja jetzt preußisch. Und da findet es sich wohl -noch. - -Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wär' ich selbst gekommen, und hätte -nach allem Großen und Kleinen gesehen, ja, auch nach allem Kleinen, -und wem es eigentlich ähnlich ist. Aber er hat es mir verboten und hat -auch dem Diener gesagt, ›daß wir nie zu Hause sind‹. Und Du weißt, daß -ich nicht den Mut habe, ihm zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu -widersprechen. Denn etwas widersprochen hab' ich ihm. Aber da fuhr er -mich an und sagte: ›Das unterbleibt. Ich habe nicht Lust um solcher -Allotria willen beiseite geschoben zu werden. Und sieh dich vor, -Jakobine. Du bist ein entzückendes kleines Weib (er sagte wirklich -so), aber ihr seid wie die Zwillinge, wie die Druväpfel und es spukt -dir auch so was im Blut. Ich bin aber nicht Van der Straaten und führe -keine Generositätskomödien auf. Am wenigsten auf meine Kosten‹. Und -dabei warf er mir ~de haut en bas~ eine Kußhand zu und ging aus dem -Zimmer. - -Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich habe nicht -einmal geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn ich fühle, daß er -recht hat und daß eine sonderbare Neugier in mir steckt. Und darin -treffen es die Bibelleute, wenn sie so vieles auf unsere Neugier -schieben ... Elimar, der freilich nicht mit zu den Bibelleuten gehört, -sagte mal zu mir: ›Das Hübscheste sei doch das Vergleichenkönnen.‹ -Er meinte, glaub' ich, in der Kunst. Aber die Frage beschäftigt mich -seitdem, und ich glaube kaum, daß es sich auf die Kunst beschränkt. -Übrigens hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr -eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann sehe ich Dich. Und wenn er -wiederkommt, so beicht' ich ihm alles. Ich kann es dann. Er ist dann -immer so zärtlich. Und ein Blaubart ist er überhaupt nicht. Und bis -dahin Deine - - Jakobine.« - -Melanie ließ das Blatt fallen und Rubehn nahm es auf. Er las nun auch -und sagte: »Ja, Herz, das sind die Tage, von denen es heißt, sie -gefallen uns nicht. Ach, und sie +beginnen+ erst. Aber laß, laß. Es -rennt sich alles tot und am ehesten +das+.« - -Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem Anfluge -heiterer Übertreibung: »Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschützt' ich -dich, beschützt' ich dich.« - -Und dann erhob er sich wieder und küßte sie, und sagte: »~Cheer up, -dear!~« - - - - -20 - -Liddi - - -»~Cheer up, dear~,« hatte Rubehn Melanie zugerufen und sie wollte -dem Zurufe folgen. Aber es glückte nicht, konnte nicht glücken, denn -jeder neue Tag brachte neue Kränkungen. Niemand war für sie zu Haus, -ihr Gruß wurde nicht erwidert, und ehe der Winter um war, wußte sie, -daß man sie, nach einem stillschweigenden Übereinkommen, in den -Bann getan habe. Sie war tot für die Gesellschaft, und die tiefe -Niedergedrücktheit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung geführt, -wenn ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite gestanden hätte. -Nicht nur in herzlicher Liebe, nein vor allem auch in jener heitren -Ruhe, die sich der Umgebung entweder mitzuteilen oder wenigstens -nicht ohne stillen Einfluß auf sie zu bleiben pflegt. »Ich kenne das, -Melanie. Wenn es in London etwas ganz Apartes gibt, so heißt es »~it is -a nine days wonder~,« und mit diesen neun Tagen ist das höchste Maß von -Erregungsandauer ausgedrückt. Das ist in London. Hier dauert es etwas -länger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe. -Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir wieder den Regenbogen -und das Fest der Versöhnung.« - -»Die Gesellschaft ist unversöhnlich.« - -»Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen, ist ihr eigentlich unbequem. Sie -weiß schon warum. Und so wartet sie nur auf das Zeichen, um das große -Hinrichtungsschwert wieder in die Scheide zu stecken.« - -»Aber dazu muß etwas geschehen.« - -»Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen Fällen -eigentlich nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und müssen ehrlich -bemüht sein, einen andern zu machen. Einen entgegengesetzten. Aber auf -demselben Gebiete ... Du verstehst?« - -Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: »Und ich schwöre dir's, ich -will. Und wo die Schuld lag, soll auch die Sühne liegen. Oder sag' ich -lieber, der Ausgleich. Auch +das+ ist ein Gesetz, so hoff' ich. Und das -schönste von allen. Es braucht nicht alles Tragödie zu sein.« - -In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte hereingegeben: -»Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler v. d. Hölle, -Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.« - -»O, laß uns allein, Ruben,« bat Melanie, während sie sich erhob und -der alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging. »Ach, mein liebes -Riekchen! Wie mich das freut, daß du kommst, daß du da bist. Und wie -schwer es dir geworden sein muß ... Ich meine nicht bloß die drei -Treppen ... Ein halbes Stiftsfräulein und jeden Sonntag in Sankt -Matthäi! Aber die Frommen, wenn sie's wirklich sind, sind immer noch -die Besten. Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich, mein -einziges, liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!« - -Und während sie so sprach, war sie bemüht, ihr beim Ablegen behilflich -zu sein und das Seidenmäntelchen an einen Haken zu hängen, an den die -Kleine nicht heranreichen konnte. - -»Meine liebe, alte Freundin,« wiederholte Melanie. »Ja, das warst du, -Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin, die mir immer -zum Guten geraten und nie zum Munde gesprochen hat. Aber es hat nicht -geholfen, und ich habe nie begriffen, wie man Grundsätze haben kann -oder Prinzipien, was eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch -schwerer und unnötiger vorgekommen ist. Ich hab' immer nur getan, -was ich wollte, was mir gefiel, wie mir gerade zumute war. Und ich -kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch jetzt noch nicht. Aber -gefährlich ist es, so viel räum' ich ein, und ich will es anders zu -machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt. Und nun erzähle. Mir -brennen hundert Fragen auf der Seele.« - -Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben, jetzt -aber sagte sie, während sie die Augen niederschlug und dann wieder -freundlich und fest auf Melanie richtete: »Habe doch mal sehen wollen -... Und ich bin auch nicht hinter seinem Rücken hier. Er weiß es und -hat mir zugeredet.« - -Melanie flogen die Lippen. »Ist er erbittert? Sag', ich will es hören. -Aus +deinem+ Munde kann ich alles hören. In den Weihnachtstagen war -Reiff hier. Da mocht' ich es nicht. Es ist doch ein Unterschied, +wer+ -spricht. Ob die Neugier oder das Herz. Sag', ist er erbittert?« - -Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: »Wie denn! -Erbittert! Wär' er erbittert, so wär' ich nicht hier. Er war -unglücklich und ist es noch. Und es zehrt und nagt an ihm. Aber seine -Ruhe hat er wieder. Das heißt, so vor den Menschen. Und dabei bleibt -es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut er nur einem Menschen -sein konnte. Und du warst sein Stolz, und er freute sich, wenn er dich -sah.« - -Melanie nickte. - -»Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du das andre -nicht gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt, und weil du nicht -wußtest, was der Ernst des Lebens ist. Und Anastasia sang wohl immer: -›Wer nie sein Brot mit Tränen aß‹ und Elimar drehte dann das Blatt um. -Aber singen und erleben ist ein Unterschied. Und du hast das Tränenbrot -nicht gegessen und Anastasia hat es nicht gegessen, und Elimar auch -nicht. Und so kam es, daß du nur getan hast, was dir gefiel oder wie -dir zumute war. Und dann bist du von den Kindern fortgegangen, von den -lieben Kindern, die so hübsch und so fein sind, und hast sie nicht -einmal sehen wollen. Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach, -mein armes, liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht -verantworten.« - -Es war, als ob die Kleine noch weiter sprechen wollte. Aber Melanie -war aufgesprungen und sagte: »Nein, Riekchen, an dieser Stelle hört es -auf. Hier tust du mir unrecht. Sieh, du kennst mich so gut und so lange -schon, und fast war ich selber noch ein Kind, als ich ins Haus kam. -Aber das eine mußt du mir lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt, -und hab' umgekehrt einen wahren Haß gehabt, mich besser zu machen als -ich bin. Und diesen Haß hab' ich noch. Und so sag' ich dir denn, das -mit den Kindern, mit meiner süßen kleinen Heth, die wie der Vater -aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama, -nein, Riekchen, das mit den Kindern, +das+ trifft mich nicht.« - -»Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.« - -»Ja, das bin ich, und ich weiß es wohl, manch andre hätt' es +nicht+ -getan. Aber wenn man auf etwas an und für sich Trauriges stolz sein -darf, so bin ich stolz darauf. Ich wollte gehn, das stand fest. Und -wenn ich die Kinder sah, so konnt' ich nicht gehn. Und so hatt' ich -denn meine Wahl zu treffen. Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben, -in den Augen der Welt hab' ich es gewiß, aber es war wenigstens ein -klares Spiel und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortläuft und aus -keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der begibt -sich des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen. -Und das ist die Wahrheit. Ich bin ohne Blick und ohne Abschied -gegangen, weil es mir widerstand, Unheiliges und Heiliges durcheinander -zu werfen. Ich wollte keine sentimentale Verwirrung. Es steht mir nicht -zu, mich meiner Tugend zu berühmen. Aber eins hab' ich wenigstens, -Riekchen: ich habe feine Nerven für das, was paßt und nicht paßt.« - -»Und möchtest du jetzt sie sehen?« - -»Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?« - -»Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir einen Plan -ausgedacht. Und wenn er glückt, so laß' ich wieder von mir hören. Und -ich komm' entweder oder ich schreibe oder Jakobine schreibt. Denn -Jakobine muß uns dabei helfen. Und nun Gott befohlen, meine liebe, -liebe Melanie. Laß nur die Leute. Du bist doch ein liebes Kind. Leicht, -leicht, aber das Herz sitzt an der richtigen Stelle. Und nun Gott -befohlen, mein Schatz.« - -Und sie ging und weigerte sich das Mäntelchen anzuziehn, weil sie gerne -rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer blieb sie stehn und -half sich mit einiger Mühe selbst in die kleinen Ärmel hinein. - - * * * * * - -Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch, zugleich sehnsüchtig -erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als träte das Kleine, das -nebenan in der Wiege lag, neben dieser Sehnsucht zurück. Gehörte sie -doch ganz zu jenen Naturen, in deren Herzen eines immer den Vorrang -behauptet. - -Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran, als endlich -ein Billett abgegeben wurde, dem sie's ansah, daß es ihr gute Botschaft -bringe. Es war von der Schwester, und Jakobine schrieb: - -»Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien die -Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weißt, die hohen, -dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der Eisenbahn fährt, -überall deutlich erkennen kann und wo die Mitfahrenden im Coupé -jedesmal fragen: ›Mein Gott, was ist das?‹ Und es ist auch nicht zu -verwundern, denn es sieht eigentlich aus wie ein Malerstuhl, nur daß -der Maler sehr groß sein müßte. Noch größer und langbeiniger als -Gabler. Und erst in vierzehn Tagen kommt er zurück, worauf ich mich -sehr, sehr freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch -entschieden +das+, was uns Frauen gefällt. Und früher hat er Dir auch -gefallen, ja Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich war mitunter -eifersüchtig, weil Du klüger bist als ich, und das haben sie gern. -Aber weshalb ich eigentlich schreibe! Riekchen war hier und hat es mir -ans Herz gelegt, und so denk' ich, wir säumen keinen Augenblick länger -und Du kommst morgen um die Mittagsstunde. Da werden sie hier sein und -Riekchen auch. Aber wir haben nichts gesagt und sie sollen überrascht -werden. Und ich bin glücklich, meine Hand zu so was Rührendem bieten -zu können. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das Schönste -... Ach, meine liebe Melanie! ... Aber ich schweige, Gryczinskis -drittes Wort ist ja, daß es im Leben darauf ankomme, seine Gefühle zu -beherrschen ... Ich weiß doch nicht, ob er recht hat. Und nun lebe -wohl. Immer Deine - - J. v. G.« - -Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, die sie -weder verbergen konnte noch wollte. So fand sie Rubehn und geriet in -wirkliche Sorge, weil er aus Erfahrung wußte, daß solchen Überreizungen -immer ein Rückschlag und solchen hochgespannten Erwartungen immer -eine Enttäuschung zu folgen pflegt. Er suchte sie zu zerstreuen und -abzuziehen, und war endlich froh, als der andere Morgen da war. - -Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein paar weiße -Wölkchen schwammen oben im Blau. Melanie verließ das Haus noch vor der -verabredeten Stunde, um ihren Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten. -Ach, wie wohl ihr diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um -sie begierig einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden -Lebens und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen. Alle -Hecken zeigten einen grünen Saum und an den geharkten Stellen, wo man -das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte, keimten bereits die -grünen Blättchen des Gundermann und einmal war es ihr, als schöss' -eine Schwalbe mit schrillem aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so -passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt -den kleinen, der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht -hatte, den sie den »kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich -auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte deutlich, wie -ihr das Herz schlug. - -»In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Straße des Hergebrachten -verlassen und abweichen von Regel und Gesetz. Es nutzt uns nichts, -daß wir uns selber freisprechen. Die Welt ist doch stärker als wir und -besiegt uns schließlich in unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht -zu tun, als ich ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich -wollte kein Rührspiel; entweder oder dacht' ich. Und ich glaub' auch -noch, daß ich recht gedacht habe. Aber was hilft es mir? Was ist das -Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern fürchtet.« - -Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der neben aller -Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder und sie ging rasch auf -das Gryczinskische Haus zu. - -Die Portiersleute, Mann und Frau, und zwei halberwachsene Töchter, -mußten schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden -Ereignisse gehört haben, denn sie hatten sich in die halbgeöffnete -Souterraintür postiert und guckten einander über die Köpfe fort. -Melanie sah es und sagte vor sich hin: »~A nine days wonder!~ Ich bin -eine Sehenswürdigkeit geworden. Es war mir immer das schrecklichste.« - -Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon da, die -Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten über ihr -gegenseitiges Aussehen. Und alles verriet Aufregung und Freude. - -Das Wohn- und Empfangszimmer, in das man jetzt eintrat, war ein -großer und luftiger, aber im Verhältnis zu seiner Tiefe nur schmaler -Raum, dessen zwei große Fenster (ohne Pfeiler dazwischen) einen -nischenartigen Ausbau bildeten. Etwas Feierliches herrschte vor, und -die roten, von beiden Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben -ein gedämpftes, wundervolles Licht, das auf den weißen Tapeten -reflektierte. Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber, bemerkte man -eine hohe Tür, die nach dem dahinter gelegenen Eßzimmer führte. - -Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz, die beiden -anderen Damen mit ihr, und Jakobine versuchte nach ihrer Art eine -Plauderei. Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete -das Ganze vom Standpunkt einer dramatischen Matinee. Riekchen aber, -die wohl wahrnahm, daß die Blicke Melanies immer nur nach der +einen+ -Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich das Gespräch und sagte: -»Laß Binchen. Ich werde sie nun holen.« - -Eine peinliche Stille trat ein, Jakobine wußte nichts mehr zu sagen -und war herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her die Musik eines -vorüberziehenden Garderegiments hörbar wurde. Sie stand auf, stellte -sich zwischen die Gardinen, und sah nach rechts hinaus ... »es sind die -Ulanen,« sagte sie. »Willst du nicht auch ...« Aber ehe sie noch ihren -Satz beenden konnte, ging die große Flügeltür auf und Riekchen, mit den -beiden Kindern an der Hand, trat ein. - -Die Musik draußen verklang. - -Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah -erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. Als sie aber sah, -daß Lydia einen Schritt zurück trat, blieb auch +sie+ stehen und ein -Gefühl ungeheurer Angst überkam sie. Nur mit Mühe brachte sie die Worte -heraus: »Heth, mein süßer, kleiner Liebling ... Komm ... Kennst du -deine Mutter nicht mehr?« - -Und ihre ganze Kraft zusammen nehmend, hatte sie sich bis dicht an die -Türe vorbewegt und bückte sich, um Heth mit beiden Händen in die Höhe -zu heben. Aber Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu, riß das -Kind am Achselbande zurück und sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.« - -Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich -fort und zu der halb offen gebliebenen Tür hinaus. - -Melanie war ohnmächtig zusammengesunken. - -Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt, daß sie -zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden. -Riekchens Weisheiten und Jakobinens Albernheiten mußten ihr in ihrer -Stimmung gleich unerträglich erscheinen. - -Als sie fort war, sagte Jakobine zu Riekchen: »Es hat doch einen -rechten Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf gar nichts davon -erfahren. Er ist ohnehin gegen Kinder. Und er würde mir doch nur sagen: -›Da siehst du, was dabei heraus kommt. Undank und Unnatur.‹« - - - - -21 - -In der Nikolaikirche - - -Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses, -als Melanie wieder in ihre Wohnung eintrat. Das Herz war ihr zum -Zerspringen, und sie sehnte sich nach Aussprache. Dann, das wußte sie, -kamen ihr die Tränen und in den Tränen Trost. - -Aber Ruben blieb heute länger aus als gewöhnlich und zu den anderen -Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch noch das Bangen und Sorgen um -den geliebten Mann. Endlich kam er; es war schon Spätnachmittag und -die drüben hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne warf eine -Fülle greller Lichter durch die kleinen Mansardenfenster. Aber es war -kalt und unheimlich, und Melanie sagte, während sie dem Eintretenden -entgegenging: »Du bringst so viel Kälte mit, Ruben. Ach, und ich sehne -mich nach Licht und Wärme.« - -»Wie du nur bist,« entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit, -während er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu zeigen trachtete. -»Wie du nur bist! Ich sehe nichts als Licht, ein wahrer ~embarras de -richesse~, auf jedem Sofakissen und jeder Stuhllehne, und das Ofenblech -flimmert und schimmert, als ob es Goldblech wäre. Und du sehnst dich -nach Licht! Ich bitte dich, mich blendet's, und ich wollt', es wäre -weniger oder wäre fort.« - -»Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.« - -Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er stehen und sagte -teilnehmend: »Ich vergesse nach der Hauptsache zu fragen. Verzeihe. Du -warst bei Jakobine. Wie lief es ab? Ich fürchte, nicht gut. Ich lese -so was aus deinen Augen. Und ich hatt' auch eine Ahnung davon, gleich -heute früh, als ich in die Stadt fuhr. Es war kein glücklicher Tag.« - -»Auch für dich nicht?« - -»Nicht der Rede wert. ~A shadow of a shadow.~« - -Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen und -griff mechanisch nach einem Album, das auf dem Sofatische lag. Seiner -oft ausgesprochenen Ansicht nach war dies die niedrigste Form aller -geistigen Beschäftigung, und so durft' es nicht überraschen, daß er -während des Blätterns über das Buch fortsah und wiederholentlich -fragte: »Wie war es? Ich bin begierig zu hören.« - -Aber sie konnte nur zu gut erkennen, daß er +nicht+ begierig war zu -hören, und so sehr es sie nach Aussprache verlangt hatte, so schwer -wurd' es ihr jetzt, ein Wort zu sagen, und sie verwirrte sich mehr -als einmal, als sie, um ihm zu willfahren, von der tiefen Demütigung -erzählte, die sie von ihrem eigenen Kinde hatte hinnehmen müssen. - -Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar hingeworfene -Worte zu beruhigen, aber es war nicht anders, wie wenn einer einen -Spruch herbetet. - -»Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie. »Ruben, mein -Einziger, soll ich auch +dich+ verlieren?!« Und sie stellte sich vor ihn -hin und sah ihn starr an. - -»O, sprich nicht so. Verlieren! Wir können uns nicht verlieren. Nicht -wahr, Melanie, wir können uns nicht verlieren?« Und hierbei wurde seine -Stimme momentan inniger und weicher. »Und was die Kinder angeht,« fuhr -er nach einer Weile fort, »nun, die Kinder sind eben Kinder. Und eh' -sie groß sind, ist viel Wasser den Rhein hinuntergelaufen. Und dann -darfst du nicht vergessen, es waren nicht gerade die glänzendsten -~metteurs en scène~, die es in die Hand nahmen. Unser Riekchen ist -lieb und gut, und du hast sie gern, zu gern vielleicht; aber auch du -wirst nicht behaupten wollen, daß die Stiftsanwärterin auf Kloster -Himmelpfort an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls -ist ihr nicht aufgemacht worden. Und Jakobine! ~Pardon~, sie hat etwas -von einer Prinzessin, aber von einer, die die Lämmer hütet.« - -»Ach, Ruben,« sagte Melanie, »du sagst so vieles durcheinander. Aber -das rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts, was mich aufrichten, -mich vor mir selbst wieder herstellen könnte. Mein eigen Kind hat mir -den Rücken gekehrt. Und daß es noch ein Kind ist, das gerade ist das -Vernichtende. Das richtet mich.« - -Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du nimmst es zu schwer. Und glaubst -du denn, daß Mütter und Väter außerhalb aller Kritik stehen?« - -»Wenigstens außerhalb +der+ ihrer Kinder.« - -»Auch +der+ nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen überall zu Gericht, -still und unerbittlich. Und Lydia war immer ein kleiner Großinquisitor, -wenigstens genferischen Schlages, und an ihr läßt sich die -Rückschlagstheorie studieren. Ihr Urahne muß mitgestimmt haben, als man -Servet verbrannte. Mich hätte sie gern mit auf dem Holzstoß gesehen, so -viel steht fest. Und nun, laß uns schweigen davon. Ich muß noch in die -Stadt.« - -»Ich bitte dich, was ist? Was gibts?« - -»Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen, daß wir nach -ihrem Abschluß zusammen bleiben. Ängstige dich nicht und vor allem -erwarte mich nicht. Ich hasse junge Frauen, die beständig am Fenster -passen, ›ob er noch nicht kommt‹ und mit dem Wächter unten auf du und -du stehen, nur, um immer eine Heil-Ablieferungsgarantie zu haben. Ich -perhorresziere das. Und das beste wird sein, du gehst früh zu Bett -und schläfst es aus. Und wenn wir uns morgen früh wiedersehen, wirst -du mir vielleicht zustimmen, daß Lydia Bescheidenheit lernen muß und -daß zehnjährige dumme Dinger, Fräulein Liddi mit eingeschlossen, nicht -dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer eigenen Frau Mama -aufzuwerfen.« - -»Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fühlst es anders und bist zu klug -und zu gerecht, als daß du nicht wissen solltest, das Kind hat recht.« - -»Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt es Ernsteres -als das. Und nun Gott befohlen.« - -Und er nahm seinen Hut und ging. - -Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam. Aber erst am -andern Morgen fragte sie nach der Konferenz und bemühte sich darüber -zu scherzen. Er seinerseits antwortete in gleichem Ton und war wie -gestern ersichtlich bemüht, mit Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm -aufzurichten, hinter dem er, was eigentlich in ihm vorging, verbergen -konnte. - -So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit ihr auch seine -Zerstreutheit, und es kam vor, daß er mehrere Male dasselbe fragte. -Melanie schüttelte den Kopf und sagte: »Ich bitte dich, Ruben, wo bist -du? sprich.« Aber er versicherte nur, »es sei nichts, und sie forsche, -wo nichts zu forschen sei. Zerstreutheit wäre ein Erbstück in der -Familie, kein gutes, aber es sei einmal da, und sie müsse sich damit -einleben und daran gewöhnen«. Und dann ging er, und sie fühlte sich -freier, wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht gesprochen und -+er+, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte sie -nur durch seine Gegenwart. - -Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag auf eine halbe -Stunde vor, aber Melanie war froh, als das Gespräch ein Ende nahm und -die mehr und mehr unbequem werdende Freundin wieder ging. Und so kam -auch der zweite Festtag, unfestlich und unfreundlich wie der erste, -und als Rubehn über Mittag erklärte, »daß er abermals eine Verabredung -habe«, konnte sie's in ihrer Herzensangst nicht länger ertragen und -sie beschloß in die Kirche zu gehen und eine Predigt zu hören. Aber -wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen und Hochzeiten her, wo sie, -neben Frommen und Nichtfrommen, manch liebes Mal bei Tisch gesessen -und beim Nachhausekommen immer versichert hatte: »Geht mir doch mit -eurem Pfaffenhaß. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten, -wie heute mit Pastor Käpsel. Ist das ein reizender alter Herr! Und -so humoristisch und beinahe witzig. Und schenkt einem immer ein und -stößt an und trinkt selber mit, und sagt einem verbindliche Sachen. -Ich begreif' euch nicht. Er ist doch interessanter als Reiff oder gar -Duquede.« - -Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage, daß sie keine -mehr gehört hatte. - -Endlich entsann sie sich, daß ihr Christel von Abendgottesdiensten -erzählt hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig. Es war weit, -aber desto besser. Sie hatte so viel Zeit übrig und die Bewegung in der -frischen Luft war seit Wochen ihr einziges Labsal. So machte sie sich -auf den Weg und als sie die große Petristraße passierte, sah sie zu den -erleuchteten Fenstern des ersten Stockes auf. Aber +ihre+ Fenster waren -dunkel und auch keine Blumen davor. Und sie ging rascher und sah sich -um, als verfolge sie wer, und bog endlich in den Nikolaikirchhof ein. - -Und nun in die Kirche selbst. - -Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie ging an der -Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten reichgeschmückten -Kanzel gerad' gegenüber war. Hier waren Bänke gestellt, nur drei oder -vier, und auf den Bänken saßen Waisenhauskinder, lauter Mädchen in -blauen Kleidern und weißen Brusttüchern, und dazwischen alte Frauen, -das graue Haar unter einer schwarzen Kopfbinde versteckt, und die -meisten einen Stock in Händen oder eine Krücke neben sich. - -Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen -Mädchen kicherten und sich anstießen und immer nach ihr hinsahen -und nicht begreifen konnten, daß eine so feine Dame zu solchem -Gottesdienste käme. Denn es war ein Armen-Gottesdienst und deshalb -brannten auch die Lichter so spärlich. Und nun schwieg Lied und Orgel, -und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel, dessen sie sich von -ein paar großen und überschwänglichen Bourgeoisbegräbnissen her sehr -wohl entsann, und von dem sie mehr als einmal in ihrer übermütigen -Laune versichert hatte, »er spräche schon vorweg im Grabsteinstil. Nur -nicht so kurz.« Aber heute sprach er kurz und pries auch keinen, am -wenigsten überschwänglich, und war nur müd und angegriffen, denn es -war der zweite Feiertag abend. Und so kam es, daß sie nichts Rechtes -für ihr Herz finden konnte, bis es zuletzt hieß: »Und nun, andächtige -Gemeinde, wollen wir den vorletzten Vers unsres Osterliedes singen.« -Und in demselben Augenblicke summte wieder die Orgel und zitterte, wie -wenn sie sich erst ein Herz fassen oder einen Anlauf nehmen müsse, und -als es endlich voll und mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang und die -Spittelfrauen mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rückten zwei von -den kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben ihr ihr -Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit: - - Du lebst, du bist in Nacht mein Licht, - Mein Trost in Not und Plagen, - Du weißt, was alles mir gebricht, - Du wirst mir's nicht versagen. - -Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch zurück und -dankte freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung zu verbergen. -Dann aber murmelte sie Worte, die ein Gebet vorstellen sollten, und es -vor dem Ohr dessen, der die Regungen unseres Herzens hört, auch wohl -waren, und verließ die Kirche so still und seitab, wie sie gekommen war. - -In ihre Wohnung zurückgekehrt, fand sie Rubehn an seinem Arbeitstische -vor. Er las einen Brief, den er, als sie eintrat, beiseite schob. Und -er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand und führte sie nach ihrem -Sofaplatz. - -»Du warst fort?« sagte er, während er sich wieder setzte. - -»Ja, Freund. In der Stadt ... In der Kirche.« - -»In der Kirche! Was hast du da gesucht?« - -»Trost.« - -Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, daß der Augenblick da -war, wo sich's entscheiden müsse. Und sie sprang auf und lief auf ihn -zu und warf sich vor ihm nieder und legte beide Arme auf seine Knie: -»Sage mir, was ist es? Habe Mitleid mit mir, mit meinem armen Herzen. -Sieh, die Menschen haben mich aufgegeben und meine Kinder haben sich -von mir abgewandt. Ach, so schwer es war, ich hätt' es tragen können. -Aber daß du, +du+ dich abwendest von mir, das trag' ich nicht.« - -»Ich wende mich nicht ab von dir.« - -»Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht, aber mit -deinem Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es? Es ist nicht -Eifersucht, was mich quält. Ich könnte keine Stunde leben mehr, wär' es -+das+. Aber ein anderes ist es, was mich ängstigt, nicht viel Besseres: -ich habe deine Liebe nicht mehr. Das ist mir klar, und unklar ist mir -nur das eine, wodurch ich sie verscherzt. Ist es der Bann, unter dem -ich lebe und den du mit zu tragen hast? Oder ist es, daß ich so wenig -Licht und Sonnenschein in dein Leben gebracht und unsere Einsamkeit -auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe? Oder ist es, daß du mir -mißtraust? Ist es der Gedanke an das alte »heute dir und morgen mir«. O -sprich. Ich will dich nicht leiden sehen. Ich werde weniger unglücklich -sein, wenn ich dich glücklich weiß. Auch getrennt von dir. Ich will -gehen, jede Stunde. Verlang' es und ich tu es. Aber reiße mich aus -dieser Ungewißheit. Sage mir, was es ist, was dich drückt, was dir das -Leben vergällt und verbittert. Sage mir's. Sprich.« - -Er fuhr sich über Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite geschobenen -Brief und sagte: »Lies.« - -Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen vom alten -Rubehn, dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und nun las sie: -»Frankfurt, Ostersonntag. Ausgleich gescheitert. Arrangiere was -sich arrangieren läßt. In spätestens acht Tagen muß ich unsere -Zahlungseinstellung aussprechen. M. R. ...« - -In Rubehns Mienen ließ sich, als sie las, erkennen, daß er einer neuen -Erschütterung gewärtig war. Aber wie sehr hatte er sie verkannt, -sie, die viel, viel mehr war, als ein bloß verwöhnter Liebling -der Gesellschaft, und eh' ihm noch Zeit blieb über seinen Irrtum -nachzudenken, hatte sie sich schon in einem wahren Freudenjubel erhoben -und ihn umarmt und geküßt und wieder umarmt. - -»O, nur das! ... O, nun wird alles wieder gut ... Und was eurem Hause -Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück, und nun weiß ich es, es -kommt alles wieder in Schick und Richtung, weit über all mein Hoffen -und Erwarten hinaus ... Als ich damals ging, und das letzte Gespräch -mit ihm hatte, sieh, da sprach ich von den Menschlichen unter den -Menschen. Und es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Und auf diese -Menschlichen baut' ich meine Zukunft und rechnete darauf, daß sie's -versöhnen würde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und auch die -Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt muß ich sagen, -sie hatten recht. Denn die Liebe tut es nicht und die Treue tut es -auch nicht. Ich meine die Werkeltagstreue, die nichts Besseres kann, -als sich vor Untreue bewahren. Es ist eben nicht viel, treu zu sein, -wo man liebt und wo die Sonne scheint und das Leben bequem geht und -kein Opfer fordert. Nein, nein, die bloße Treue tut es nicht. Aber die -bewährte Treue, +die+ tut es. Und nun kann ich mich bewähren und will -es und werd' es, und nun kommt +meine+ Zeit. Ich will nun zeigen, was -ich kann, und will zeigen, daß alles Geschehene nur geschah, weil es -geschehen mußte, weil ich dich liebte, nicht aber weil ich leicht und -übermütig in den Tag hineinlebte und nur darauf aus war, ein bequemes -Leben in einem noch bequemeren fortzusetzen.« - -Er sah sie glücklich an und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen in -Wort und Miene riß ihn aus der tiefen Niedergedrücktheit seiner Seele -heraus. Er hoffte nun selber wieder, aber Bangen und Zweifel liefen -nebenher, und er sagte bewegt: »Ach, meine liebe Melanie, du warst -immer ein Kind und du bist es auch in diesem Augenblicke noch. Ein -verwöhntes und ein gutes, aber doch ein Kind. Sieh, von deinem ersten -Atemzuge an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech' ich von Not, -nie, solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfüllt geblieben. Und -du hast gelebt wie im Märchen von ›Tischlein decke dich‹ und das -Tischlein +hat+ sich dir gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit -allem, was das Leben hat, auch mit Schmeicheleien und Liebkosungen. -Und du bist geliebkost worden wie ein King-Charles-Hündchen mit einem -blauen Band und einem Glöckchen daran. Und alles, was du getan hast, -das hast du spielend getan. Ja, Melanie, spielend. Und nun willst du -auch spielend entbehren lernen und denkst: es findet sich. Oder denkst -auch wohl, es sei hübsch und apart und schwärmst für die Poetenhütte, -die Raum hat für ein glücklich liebend Paar, oder wenigstens haben -+soll+. Ach, es liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Eßtisch -und dem Maienbusch in jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das -Futternäpfchen selber heranzieht. Und es ist schon richtig: die gemalte -Dürftigkeit sieht geradeso gut aus, wie der gemalte Reichtum. Aber -wenn es aufhört Bild und Vorstellung zu sein und wenn es Wirklichkeit -und Regel wird, dann ist Armut ein bitteres Brot, und Muß eine harte -Nuß.« - -Es war umsonst. Sie schüttelte nur den Kopf immer wieder, und sagte -dann in jener einschmeichelnden Weise, der so schwer zu widerstehen -war: »Nein, nein, du hast unrecht. Und es liegt alles anders, ganz -anders. Ich hab' einmal in einem Buche gelesen, und nicht in einem -schlechten Buche, die Kinder, die Narren und die Poeten, die hätten -immer recht. Vielleicht überhaupt, aber von ihrem Standpunkt aus -ganz gewiß. Und ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst -du schließen, wie +sehr+ ich recht habe. Dreifach recht. ›Ich will -spielend entbehren lernen,‹ sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist -es, um was es sich handelt. Und du glaubst einfach, ich könn' es nicht. -Ich kann es aber, ich kann es ganz gewiß, so gewiß ich diesen Finger -aufhebe, und ich will dir auch sagen, warum ich es kann. Den einen -Grund hast du schon erraten: weil ich es mir so romantisch denke, so -hübsch und apart. Gut, gut. Aber du hättest auch sagen können, weil ich -andere Vorstellungen von Glück habe. Mir ist das Glück etwas anderes -als ein Titel oder eine Kleiderpuppe. +Hier+ ist es, oder nirgends. Und -so dacht' ich und fühlt' ich immer, und so war ich immer und so bin -ich noch. Aber wenn es auch anders mit mir stünde, wenn ich auch an -dem Flitter des Daseins hinge, so würd' ich doch die Kraft haben, ihm -zu entsagen. +Ein+ Gefühl ist immer das herrschende, und seiner Liebe -zuliebe kann man alles, alles. Wir Frauen wenigstens. Und +ich+ gewiß. -Ich habe so vieles freudig hingeopfert und ich sollte nicht einen -Teppich opfern können! Oder einen Vertiko! Ach, einen Vertiko!« und -sie lachte herzlich. »Entsinnst du dich noch, als du sagtest: »Alles -sei jetzt Enquete.« Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen -fortgeschritten und jetzt ist alles Vertiko!« - -Er war nicht überzeugt, seine praktisch-patrizische Natur glaubte nicht -an die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte doch: »Es sei. Versuchen -wir's. Also ein neues Leben, Melanie!« - -»Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese Wohnung auf -und suchen uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde klingt freilich -anspruchslos genug, aber dieser Trumeau und diese Bronzen sind um so -anspruchsvoller. Ich habe nichts gelernt und das ist gut, denn wie die -meisten, die nichts gelernt haben, weiß ich allerlei. Und mit Toussaint -L'Ouverture fangen wir an, nein, nein, mit Toussaint-Langenscheidt, und -in acht Tagen oder doch spätestens in vier Wochen geb' ich meine erste -Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst du? Glaubst -du?« - -»Ja.« - -»Topp.« - -Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen und Scherzen in -das Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit des Dieners eben den -Teetisch arrangiert hatte. - -Und sie hatten an diesem Unglückstage wieder einen ersten glücklichen -Tag. - - - - -22 - -Versöhnt - - -Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie gesagt hatte. Sie -hatte dabei ganz ihre Frische wieder und eh ein Monat um war, war -die modern und elegant eingerichtete Wohnung gegen eine schlichtere -vertauscht und das Stundengeben hatte begonnen. Ihre Kenntnis des -Französischen und beinahe mehr noch ihr glänzendes musikalisches, auch -nach der technischen Seite hin vollkommen ausgebildetes Talent hatten -es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen, und zwar in ein paar -großen, schlesischen Häusern, die gerade vornehm genug waren, den -Tagesklatsch ignorieren zu können. - -Und bald sollte es sich herausstellen, wie nötig diese raschen und -resoluten Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz erfolgte -jäher als erwartet und jede Form der Einschränkung erwies sich als -geboten, wenn nicht mit der finanziellen Reputation des großen Hauses -auch die bürgerliche verloren gehen sollte. Jede neue Nachricht, von -Frankfurt her, bestätigte dies und Rubehn, der anfangs nur allzu -geneigt gewesen war, den Eifer Melanies für eine bloße Opferkaprice -zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu folgen. Er -trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus ein, zunächst mit -nur geringem Gehalt, und war überrascht und glücklich zugleich, die -berühmte Poetenweisheit von der »kleinsten Hütte« schließlich an sich -selber in Erfüllung gehn zu sehn. - -Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen Morgen, wenn sie -von der Wilmersdorfer Feldmark her am Rande des Tiergartens hin -ihren Weg nahmen und an ihrer alten Wohnung vorüberkamen, sahen sie -zu der eleganten Mansarde hinauf und atmeten freier, wenn sie der -zurückliegenden schweren und sorgenreichen Tage gedachten. Und dann -bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gänge des Parkes -ein, bis sie zuletzt unter der schrägliegenden Hängeweide fort, die -zwischen dem Königsdenkmal und der Luiseninsel steht und hier beinahe -den Weg sperrt, in die breite Tiergartenstraße wieder einmündeten. -Den schrägliegenden Baum aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und -Schlagbaum, weil sich dicht hinter demselben ein Leiermann postiert -hatte, dem sie Tag um Tag ihren Wegezoll entrichten mußten. Er -kannte sie schon, und während er die große Mehrheit, als wären es -Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verächtlichen Blicke verfolgte, -zog er vor unserem jungen Paare regelmäßig seine Militärmütze. Ganz -aber konnt' er sich auch ihnen gegenüber nicht zwingen und verleugnen, -und als sie den schon Pflicht gewordenen Zoll eines Tages vergessen -oder vielleicht auch absichtlich nicht entrichtet hatten, hörten sie, -daß er die Kurbel in Wut und Heftigkeit noch dreimal drehte und dann so -jäh und plötzlich abbrach, daß ihnen ein paar unfertige Töne wie Knurr- -und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: »Wir dürfen es mit niemand -verderben, Ruben; Freundschaft ist heuer rar.« Und sie wandte sich -wieder um und ging auf den Alten zu und gab ihm. Aber er dankte nicht, -weil er noch immer in halber Empörung war. - -Und so verging der Sommer und der Herbst kam, und als das Laub sich -zu färben und an den Ahorn- und Platanenbäumen auch schon abzufallen -begann, da hatte sich bei denen, die Tag um Tag unter diesen Bäumen -hinschritten, manches geändert und zwar zum Guten geändert. Wohl hieß -es auch jetzt noch, wenn sie den alten Invaliden unter ihrerseits -devotem Gruße passierten, »daß sie der neuen Freundschaften noch nicht -sicher genug seien, um die bewährten alten aufgeben zu können,« aber -diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in ihren Anfängen -da. Man kümmerte sich wieder um sie, ließ sie gesellschaftlich -wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen der -Rubehnschen Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude gehabt und je -nach ihrer klassischen oder christlichen Bildung und Beanlagung von -»Nemesis« oder »Finger Gottes« gesprochen hatten, bequemten sich jetzt, -sich mit dem hübschen Paare zu versöhnen, »das so glücklich und so -gescheit sei, und nie klage und sich so liebe.« Ja, sich so liebe. -+Das+ war es, was doch schließlich den Ausschlag gab, und wenn vorher -ihre Neigung nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt die -Stimmung in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch ein -und dasselbe Gefühl, was bei Verurteilung und Begnadigung zu Gerichte -saß, und wenn es anfangs eine sensationelle Befriedigung gewährt -hatte, sich in Indignation zu stürzen, so war es jetzt eine kaum -geringere Freude, von den »Inséparables« sprechen und über ihre »treue -Liebe« sentimentalisieren zu können. Eine kleine Zahl Esoterischer -aber führte den ganzen Fall auf die Wahlverwandtschaften zurück und -stellte wissenschaftlich fest, daß einfach seitens des stärkeren -und deshalb berechtigteren Elements das schwächere verdrängt worden -sei. Das Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit sah -sich denn auch der einen Winter lang auf den Schild gehobene Van der -Straaten abgefunden und teilte das Schicksal aller Saisonlieblinge, -noch schneller vergessen als erhoben zu werden. Ja, der Spott und die -Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen ihn zu richten, und wenn des -Falles ausnahmsweise noch gedacht wurde, so hieß es: »Er hat es nicht -anders gewollt. Wie kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings, er -soll einmal ein ~lion~ gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem ›Löwen‹ -zu wohl wird ...« Und dann lachten sie und freuten sich, daß es so -gekommen, wie es gekommen. - -Ob Van der Straaten von diesen und ähnlichen Äußerungen hörte? -Vielleicht. Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte sich selbst zu -skeptisch und unerbittlich durchforscht, als daß er über die Wandlungen -in dem Geschmacke der Gesellschaft, über ihr Götzenschaffen und -Götzenstürzen auch nur einen Augenblick erstaunt gewesen wäre. Und so -durfte denn von ihm gesagt werden, »er hörte, was man sprach, auch wenn -er es +nicht+ hörte.« Weg über das Urteil der Menschen, galt ihm nur -eines ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer eine -selbständige Natur gewesen, frei und fest, und so war er geblieben. Und -auch derselbe geblieben in seiner Nachsicht und Milde. - -Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon erfahren -sollte. - -Es war schon ausgangs Oktober und nur wenig gelbes und rotes Laub hing -noch an den halb kahl gewordenen Bäumen. Das meiste lag abgeweht in den -Gängen und wurde, wo's trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern -hatte sich das Wetter wieder geändert und nach langen Sturm- und -Regentagen schien eine wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte -dieses Jahres. - -Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute länger fort -als erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die Magd in großer -Aufregung heimkam und in ihrem schweren Schweizer-Deutsch über ein eben -gehabtes Erlebnis berichtete. Sie hab' auf der Bank g'sesse, wo die -vier Löwe das Brückle halte, und hätt' ebe g'sagt: »Sieh, Aninettle, -des isch der alt Weibersommer, der will di einspinne, aber der hat -di no lang nit,« un das Aninettl hab' grad g'juchzt un lacht un n'am -Ohrring g'langt, do wäre zwei Herre über die Brück komme, so gute -funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer hätt' g'sagt, e langer -Spindelbein: »Schau des Silberkettle; des isch e Schweizerin; un i -wett, des isch e Kind vom Schweizer G'sandte.« Aber do hat der andre -g'sagt: »Nei, des kann nit sein; den Schweizer G'sandte, den kenn i, -un der hat kein Kind un kein Kegel ...« Un do hat er z'mir g'sagt: »Ah -nu, wem g'hört das Kind?« Und da hab' i g'sagt: »Dem Herr Rubehn, un's -isch e Mädle, un heißt Aninettl.« Un do hab' i g'sehn, daß er sich -verfärbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang, da hat er sich wieder -umg'wandt und hat g'sagt: »'s isch d' Mutter, und lacht auch so, un hat -dieselbe schwarze Haar'. Es isch e schön's Kindle. Findscht nit au?« -Aber er hat's nit finde wolle und hat nur g'sagt: »Übertax es nit. Es -gibt mehr so. Un's ischt e Kind aus 'm Dutzend.« Jo, so hat er g'sagt, -der garstige Spindelbein: »'s gibt mehr so, un's ischt e Kind aus 'm -Dutzend.« Aber der gute Herre, der hat's Pätschle g'nomme un hat's -g'streichelt. Un hat mi g'lobt, deß i so brav un g'scheit sei. Jo, so -hat er g'sagt. Und dann sind sie gange.« - -All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt und Melanie war während -der Tage, die folgten, immer wieder auf diese Begegnung zurückgekommen. -Immer wieder und wieder hatte die Vreni jedes Kleinste nennen und -beschreiben müssen, und so war es durch Wochen hin geblieben, bis -endlich in den großen und kleinen Vorbereitungen zum Feste der ganze -Vorfall vergessen worden war. - -Und nun war das Fest selber da, der heilige Abend, zu dem auch diesmal -Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist, die sich zur Rückkehr -nach Frankfurt nicht hatten entschließen können, geladen waren. Auch -Anastasia. - -Melanie, die noch vor Eintreffen ihres Besuchs allerlei -Wirtschaftliches anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak -ordentlich, als sie gleich nach Dunkelwerden und lange vor der -festgesetzten Stunde die Klingel gehen hörte. Wenn das schon die Gäste -wären! Oder auch nur einer von ihnen. Aber ihre Besorgnis währte nicht -lange, denn sie hörte draußen ein Fragen und Parlamentieren und gleich -darauf erschien das Vrenel und trug eine mittelgroße Kiste herein, auf -der, ohne weitere Adresse, bloß das eine Wort »Julklapp« zu lesen war. - -»Ist es denn für uns, Vreni?« fragte Melanie. - -»I denk schon. I hab' ihm g'sagt: ›'s isch der Herr Rubehn, der hier -wohnt. Und die Frau Rubehn.‹ Un do hat er g'sagt: ›'s isch schon recht; -des isch der Nam'‹. Un do hab' i's g'nomme.« - -Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube, wo man sich nun -gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste machte. Nichts fehlte von den -gewöhnlichen Julklapps-Zutaten und erst als man unten am Boden eines -großen Gravensteiner Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: »Gib acht. -Hierin steckt es.« Aber es ließ sich nichts erkennen, und schon wollte -sie den Gravensteiner, wie alles andere, beiseite legen, als sich durch -eine zufällige Bewegung ihrer Hand die geschickt zusammengepaßten -Hälften des Apfels auseinanderschoben. »~Ah, voilà.~« Und wirklich, -an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten war, lag ein in -Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Sie nahm es, entfernte langsam und -erwartungsvoll eine Hülle nach der andern und hielt zuletzt ein kleines -Medaillon in Händen, einfach ohne Prunk und Zierrat. Und nun drückte -sie's an der Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt' es und es -entfiel ihrer Hand. Es war, ~en miniature~, der Tintoretto, den sie -damals so lachend und übermütig betrachtet und für dessen Hauptfigur -sie nur die Worte gehabt hatte: »Sieh, Ezel, sie hat geweint. Aber ist -es nicht, als begriffe sie kaum ihre Schuld?« - -Ach, sie fühlte jetzt, daß das alles auch für sie selbst gesprochen -war, und sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder auf und gab -es an Ruben und errötete. - -Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, während er die Feder -wieder zuknipste: »~King Ezel in all his glories!~ Immer derselbe. -Wohlwollend und ungeschickt. Ich werd' es tragen. Als Uhrgehäng, als -Berlocke.« - -»Nein, +ich+. Ach, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet. Und es -soll mich erinnern und mahnen ... jede Stunde ...« - -»Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als nötig und grüble nicht -zuviel über das alte leidige Thema von Schuld und Sühne.« - -»Du bist hochmütig, Ruben.« - -»Nein.« - -»Nun gut. Dann bist du stolz.« - -»Ja, das bin ich, meine süße Melanie. Das bin ich. Aber auf was? Auf -+wen+?« - -Und sie umarmten sich und küßten sich, und eine Stunde später brannten -ihnen die Weihnachtslichter in einem ungetrübten Glanz. - - - Ende - - - - -Werke von Theodor Fontane: - - - +Irrungen Wirrungen.+ Roman. - - +Graf Petöfy.+ Roman. - - +Schach von Wuthenow.+ Erzählung aus der Zeit des Regiments - Gensdarmes. - - +Stine.+ Berliner Sittenroman. - - +Kriegsgefangen.+ Erlebtes 1870. - - +Aus den Tagen der Occupation.+ Eine Osterreise. - - +Frau Jenny Treibel.+ Roman. - - +Meine Kinderjahre.+ Autobiographischer Roman. - - +Von vor und nach der Reise.+ Plaudereien und kleine Geschichten. - - +Effi Briest.+ Roman. - - +Die Poggenpuhls.+ Erzählung. - - +Von Zwanzig bis Dreißig.+ Autobiographisches. - - +Der Stechlin.+ Roman. - - +Aus England und Schottland.+ Reisebilder. - - +Causerien über Theater.+ - - +Briefe an seine Familie.+ 2 Bände. - - +Cecile.+ Roman. - - +Unterm Birnbaum.+ Roman. - - +Gedichte.+ - - +Vor dem Sturm.+ Roman aus dem Winter 1812 auf 1813. - - +Quitt.+ Roman. - - +Grete Minde.+ Nach einer altmärkischen Chronik. - - +Unwiederbringlich.+ Roman. - - +Ellernklipp.+ Nach einem Harzer Kirchenbuch. - - +Wanderungen durch die Mark Brandenburg.+ 5 Bde. - - - - -S. Fischer, Verlag, Berlin - - -Werke von E. v. Keyserling: - - -Schwüle Tage - -Novellen. Vierte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark. - -In diesem neuen Buch Graf Keyserlings stehen zwei wunderbare -Novellen vom aristokratischen Leben. Das Wesen alten Adels ist darin -aufgefangen, nur von ganz köstlichen, erlesenen Dingen vibrieren hier -die Seelen ... - - (Die Zeit, Wien) - -Die Erzählungen sind umsponnen von dem intimen Reiz einer hohen -Geisteskultur, unter der des Autors Schöpfungen zu Kabinettstückchen -werden von jener Besonderheit, wie etwa eine echte Brabanter Spitze -oder ein alter Goldbrokat. - - (Münchner Post) - -»Dorf- und Schloßgeschichten« könnte man diese Sammlung von drei -Novellen überschreiben, die zum künstlerisch Vollendetsten zählen, was -die neuere Literatur hervorgebracht hat. Es ist nicht nur der Titel -eines Buches der Ebner-Eschenbach, den wir ihnen geben möchten -- in -dieser echten Dichternatur, in ihrer vornehmen Abgeschlossenheit und -dem vollendeten Ebenmaße der Darstellung, in dem fast weiblichen Takte -des Empfindens liegt etwas vom Wesen unserer österreichischen Dichterin. - - (Neue Freie Presse, Wien) - -Das, was an den Novellen des Grafen Keyserling so wundervoll -verführerisch am Werk ist, möchte ich nicht so sehr die mit slawischer -Träumerei hinhauchende Melancholie dieser erlesenen Erzählungskunst -nennen, als vielmehr die ganz reife, süße Kultur ihres Autors. Als -Schriftsteller ist Keyserling ein brillanter Techniker, Impressionist, -von einer Sicherheit, wie wir sie an deutschen Epikern überhaupt noch -nicht gewohnt waren. - - (Der Tag, Berlin) - - -Dumala - -Roman. Dritte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark. - -Graf Keyserling, der jetzt in München lebende Kurländer, ist einer -unserer kultiviertesten Prosaschriftsteller. Subtiler, feiner, -innerlicher als er zeichnet heute kaum einer Gestalten, fängt kaum -einer die landschaftliche Atmosphäre auf, die um den Menschen webt und -sein Wesen bilden hilft. Seiner wundervollen Schloßgeschichte »Beate -und Mareile«, seinem köstlichen Novellenband »Schwüle Tage« läßt er -jetzt einen neuen Roman folgen: Dumala. So heißen Schloß und Ort, wo -die Geschichte spielt, irgendwo in Kurland oder in Ostpreußen. Eine -simple Geschichte von verbotener, sündiger Liebe, kaum eigenartig -durch das Was des Erzählten, aber ganz einzig durch das persönliche -Fluidum, das über dem Ganzen liegt und die intensive Stimmungskraft, -die alle Einzelheiten tränkt und zu einem geschlossenen künstlerischen -Organismus zusammenfaßt. Prachtvoll sind die Gestalten geschaut -und in leibhafte Anschaulichkeit umgesetzt: der alte Baron, der -rückenmarksleidend zu Dumala im Lehnstuhl sitzt und sich von seiner -jungen Frau die erstarrten Glieder streichen läßt, der kraftvolle -Pfarrer, der über seine hausbackene Ehe hinaus nach der frönen Baronin -begehrt; der rücksichts- und skrupellose Nachbar, der die Einsame, -nach Liebe Begehrende als willkommene Beute einfängt, ohne sie halten -zu können, und dann diese Frau selbst, die den ganzen Kreis beherrscht -und alle Männer unwiderstehlich in ihren Bannkreis zieht. Das »Zwischen -den Menschen«, die unendlich feinen seelischen Fäden, die von einem zum -anderen hinüberweben, sind hier mit erlesener Kunst fühlbar gemacht; -und die Luft, in der sie atmen, wird uns vertraut. Das gibt dem Buch -neben dem weltmännischen Ton und der Grazie des Stils seine Eigenart -und seinen Wert. - - (Königsberger Allgemeine Zeitung) - - - - - Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - Die unterschiedlichen Schreibweisen Rubehn und Ruben wurden wie im - Original beibehalten. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA *** - -***** This file should be named 52912-0.txt or 52912-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/9/1/52912/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/52912-0.zip b/old/52912-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index f487ef9..0000000 --- a/old/52912-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52912-h.zip b/old/52912-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 616153b..0000000 --- a/old/52912-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/52912-h/52912-h.htm b/old/52912-h/52912-h.htm deleted file mode 100644 index 3bcb3a8..0000000 --- a/old/52912-h/52912-h.htm +++ /dev/null @@ -1,6721 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of L'Adultera, by Theodor Fontane. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -ul.index { list-style-type: none; } -li.indx { margin-top: .5em; } - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.adv p { - margin-left: 2em; - text-indent: -2em; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right { - margin-right: 1em; - text-align: right; -} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.small { - margin-left: 1em; - font-size: small; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.3ex 0.1em 0 0; - font-size: 250%; - line-height: 1.7ex; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: L'Adultera - -Author: Theodor Fontane - -Release Date: August 28, 2016 [EBook #52912] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich <a href="#tnextra">am Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="figcenter chapter"> -<img src="images/illu-001.png" alt="Signet" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Fischers Bibliothek<br /> -<span class="smaller">zeitgenössischer Romane</span></p> - -<p class="center">Erster Jahrgang</p> - -<p class="center smaller">(Oktober 1908–September 1909)</p> - -<ul class="index"> -<li class="indx">1. Bd. Theodor Fontane, L'Adultera</li> -<li class="indx">2. Bd. Jakob Schaffner, Die Erlhöferin</li> -<li class="indx">3. Bd. Jonas Lie, Eine Ehe <span class="small">mit einer Einleitung von Herman Bang</span></li> -<li class="indx">4. Bd. Gabriele Reuter, Liselotte von Reckling</li> -<li class="indx">5. Bd. Gustaf af Geijerstam, Thora</li> -<li class="indx">6. Bd. Th. Mann, Der kleine Herr Friedemann</li> -<li class="indx">7. Bd. Hans Land, Stürme</li> -<li class="indx">8. Bd. H. Bang, Hoffnungslose Geschlechter</li> -<li class="indx">9. Bd. E. v. Keyserling, Beate und Mareile</li> -<li class="indx">10/11. Bd. Gabriele d'Annunzio, Lust <span class="small">(2 Bände)</span></li> -<li class="indx">12. Bd. Charlotte Knoeckel, Maria Baumann</li> -</ul> - -<p class="center">Jeden Monat erscheint ein Band zum Preise -von 1 Mark für das gebundene Exemplar</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h1>L'Adultera</h1> - -<p class="h2">Roman von<br /> -Theodor Fontane</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/illu-003.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center">S. Fischer, Verlag, Berlin -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="kap1">1<br /> -Kommerzienrat Van der Straaten</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Kommerzienrat Van der Straaten, Große Petristraße 4, -war einer der vollgültigsten Finanziers der Hauptstadt, -eine Tatsache, die dadurch wenig alteriert wurde, daß er -mehr eines geschäftlichen als eines persönlichen Ansehens genoß. -An der Börse galt er bedingungslos, in der Gesellschaft -nur bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man herumhorchte, -seinen Grund zu sehr wesentlichem Teile darin, daß er zu wenig -»draußen« gewesen war und die Gelegenheit versäumt hatte, -sich einen allgemein gültigen Weltschliff oder auch nur die seiner -Lebensstellung entsprechenden Allüren anzueignen. Einige -neuerdings erst unternommene Reisen nach Paris und Italien, -die übrigens niemals über ein paar Wochen hinaus ausgedehnt -worden waren, hatten an diesem Tatbestande nichts Erhebliches -ändern können und ihm jedenfalls ebenso seinen spezifisch -lokalen Stempel wie seine Vorliebe für drastische Sprichwörter -und heimische »geflügelte Worte« von der derberen Observanz -gelassen. Er pflegte, um ihn selber mit einer seiner Lieblingswendungen -einzuführen, »aus seinem Herzen keine Mördergrube -zu machen,« und hatte sich, als reicher Leute Kind, von -Jugend auf daran gewöhnt, alles zu tun und zu sagen, was -zu tun und zu sagen er lustig war. Er haßte zweierlei: sich zu -genieren und sich zu ändern. Nicht als ob er sich in der Theorie -für besserungsunbedürftig gehalten hätte, keineswegs, er bestritt -nur in der Praxis eine besondere Benötigung dazu. Die -meisten Menschen, so hieß es dann wohl in seinen jederzeit gern -gegebenen Auseinandersetzungen, seien einfach erbärmlich und -so grundschlecht, daß er, verglichen mit ihnen, an einer wahren<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -Engelgrenze stehe. Er sähe mithin nicht ein, warum er an sich -arbeiten und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem -könne man jeden Tag an jedem beliebigen Konventikler oder -Predigtamtskandidaten erkennen, daß es <em class="gesperrt">doch</em> zu nichts führe. -Es sei eben immer die alte Geschichte, und um den Teufel -auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zög' es deshalb vor, -alles beim alten zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah -er sich selbstzufrieden um und schloß behaglich und gebildet: -»O rühret, rühret nicht daran,« denn er liebte das Einstreuen -lyrischer Stellen, ganz besonders solcher, die seinem echt -berlinischen Hange zum bequem Gefühlvollen einen Ausdruck -gaben. Daß er eben diesen Hang auch wieder ironisierte, versteht -sich von selbst.</p> - -<p>Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine -sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen -nichts weiter waren, als etwas wilde Schößlinge seines -Unabhängigkeitsgefühls und einer immer ungetrübten Laune. -Und in der Tat, es gab nichts in der Welt, zu dem er allezeit -so beständig aufgelegt gewesen wäre, wie zu Bonmots und -scherzhaften Repartis, ein Zug seines Wesens, der sich schon -bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu zeigen pflegte. Denn -die bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende -Frage nach seinen näheren oder ferneren Beziehungen zu dem -Gutzkowschen Vanderstraaten ward er nicht müde, prompt -und beinahe paragraphenweise dahin zu beantworten, daß er -jede Verwandtschaft mit dem von der Bühne her so bekannt -gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen müsse, 1. weil -er seinen Namen nicht einwortig, sondern dreiwortig schreibe, -2. weil er trotz seines Vornamens Ezechiel nicht bloß überhaupt -getauft worden sei, sondern auch das nicht jedem Preußen zuteil<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -werdende Glück gehabt habe, durch einen evangelischen -Bischof, und zwar durch den alten Bischof Roß, in die christliche -Gemeinschaft aufgenommen zu sein, und 3. und letztens weil -er seit längerer Zeit des Vorzugs genieße, die Honneurs seines -Hauses nicht durch eine Judith, sondern durch eine Melanie -machen lassen zu können, durch eine Melanie, die, zu weiterem -Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine »Gemahlin« -sei. Und dies Wort sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit, -in der Scherz und Ernst geschickt zusammenklangen.</p> - -<p>Aber der Ernst überwog, wenigstens in seinem Herzen. Und -es konnte nicht anders sein, denn die junge Frau war fast noch -mehr sein Stolz als sein Glück. Älteste Tochter Jean de Caparoux', -eines Adligen aus der französischen Schweiz, der als -Generalkonsul eine lange Reihe von Jahren in der norddeutschen -Hauptstadt gelebt hatte, war sie ganz und gar als -das verwöhnte Kind eines reichen und vornehmen Hauses großgezogen -und in all ihren Anlagen aufs glücklichste herangebildet -worden. Ihre heitere Grazie war fast noch größer als ihr Esprit, -und ihre Liebenswürdigkeit noch größer als beides. Alle Vorzüge -französischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob auch -die Schwächen? Es verlautete nichts darüber. Ihr Vater starb -früh, und statt eines gemutmaßten großen Vermögens fanden -sich nur Debets über Debets. Und um diese Zeit war es denn -auch, daß der zweiundvierzigjährige Van der Straaten um die -siebzehnjährige Melanie warb und ihre Hand erhielt. Einige -Freunde beider Häuser ermangelten selbstverständlich nicht, -allerhand Trübes zu prophezeien. Aber sie schienen im Unrecht -bleiben zu sollen. Zehn glückliche Jahre, glücklich für beide Teile, -waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinzeß im -Märchen, und Van der Straaten seinerseits trug mit freudiger<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -Ergebung seinen Necknamen »Ezel«, in den die junge Frau -den langatmigen und etwas suspekten »Ezechiel« umgewandelt -hatte. Nichts fehlte. Auch Kinder waren da: zwei Töchter, die -jüngere des Vaters, die ältere der Mutter Ebenbild, groß und -schlank und mit herabfallendem, dunklem Haar. Aber während -die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter -ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap2">2<br /> -L'Adultera</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Wintermonate pflegten die Van der Straatens in -ihrer Stadtwohnung zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch -war, doch an Komfort nichts vermissen ließ. Jedenfalls -aber bot sie für das gesellschaftliche Treiben der Saison eine -größere Bequemlichkeit, als die spreeabwärts am Nordwestrande -des Tiergartens gelegene Villa.</p> - -<p>Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen, -und Van der Straaten und Frau nahmen wie gewöhnlich in -dem hochpaneelierten Wohn- und Arbeitszimmer des ersteren -ihr gemeinschaftliches Frühstück ein. Von dem beinah unmittelbar -vor ihrem Fenster aufragenden Petri-Kirchturme herab -schlug es eben neun, und die kleine französische Stutzuhr -sekundierte pünktlich, lief aber in ihrer Hast und Eile den -dumpfen und langsamen Schlägen, die von draußen her laut -wurden, weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der -Hausherr selbst, der, in einen Schaukelstuhl gelehnt und die -Morgenzeitung in der Hand, abwechselnd seinen Kaffee und -den Subskriptionsballbericht einschlürfte. Nur dann und wann -ließ er seine Hand mit der Zeitung sinken und lachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>»Was lachst du wieder, Ezel,« sagte Melanie, während sie -mit ihrem linken Morgenschuh kokettisch hin und her klappte. -»Was lachst du wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute -noch kaufen wirst, gegen dein häßliches, rotes und mir zum -Tort wieder schief umgeknotetes Halstuch, daß du nichts gefunden -hast als ein paar Zweideutigkeiten.«</p> - -<p>»Er schreibt <em class="gesperrt">zu</em> gut,« antwortete Van der Straaten, ohne -den hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. »Und was -mich am meisten freut, sie nimmt es alles für Ernst.«</p> - -<p>»Wer denn?«</p> - -<p>»Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun höre. -Oder lies es selbst.«</p> - -<p>»Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit -ausgeschnittenen Kleidern und Anfangsbuchstaben.«</p> - -<p>»Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst. -Ja, Lanni, er geht stolz an dir vorüber.«</p> - -<p>»Ich würd' es mir auch verbitten.«</p> - -<p>»Verbitten! Was heißt verbitten? Ich verstehe dich nicht. -Oder glaubst du vielleicht, daß gewesene Generalkonsulstöchter -in vestalisch-priesterlicher Unnahbarkeit durchs Leben schreiten -oder sakrosankt sind wie Botschafter und Ambassaden! Ich will -dir ein Sprichwort sagen, das ihr in Genf nicht haben werdet …«</p> - -<p>»Und das wäre?«</p> - -<p>»Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni, -was man ansehen darf, das darf man auch beschreiben. Oder -verlangst du, daß ich ihn fordern sollte? Pistolen und zehn -Schritt Barriere.«</p> - -<p>Melanie lachte. »Nein Ezel, ich stürbe, wenn du mir totgeschossen -würdest.«</p> - -<p>»Höre, dies solltest du dir doch überlegen. Das Beste, was<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -einer jungen Frau wie dir passieren kann, ist doch immer die -Witwenschaft, oder »<em class="antiqua">le Veuvage</em>«, wie meine Pariser Wirtin -mir einmal über das andere zu versichern pflegte. Beiläufig, -meine beste Reisereminiszenz. Und dabei hättest du sie sehen -sollen, die kleine, korpulente, schwarze Madame …«</p> - -<p>»Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt -sie war.«</p> - -<p>»Fünfzig. Die Liebe fällt nicht immer auf ein Rosenblatt …«</p> - -<p>»Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.«</p> - -<p>Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl -auf, legte den Kanevas beiseite, an dem sie gestickt hatte, und -trat an das große Mittelfenster.</p> - -<p>Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages, -dem die junge Frau gern zuzusehen pflegte. Was sie daran -am meisten fesselte, waren die Gegensätze. Dicht an der Kirchentür, -an einem kleinen, niedrigen Tische, saß ein Mütterchen, das -ausgelassenen Honig in großen und kleinen Gläsern verkaufte, -die mit ausgezacktem Papier und einem roten Wollfaden zugebunden -waren. Ihr zunächst erhob sich eine Wildhändlerbude, -deren sechs aufgehängte Hasen mit traurigen Gesichtern -zu Melanie hinübersahen, während in Front der Bude (das -erfrorene Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mädchen auf -und ab lief und ihre Schäfchen, wie zur Weihnachtszeit, an die -Vorübergehenden feilbot. Über dem Ganzen aber lag ein grauer -Himmel, und ein paar Flocken federten und tanzten, und wenn -sie niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu gefaßt und -wieder in die Höhe gewirbelt.</p> - -<p>Etwas wie Sehnsucht überkam Melanie beim Anblick dieses -Flockentanzes, als müsse es schön sein, so zu steigen und zu -fallen und dann wieder zu steigen, und eben wollte sie sich vom<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -Fenster her ins Zimmer zurückwenden, um in leichtem Scherze, -ganz wie sie's liebte, sich und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu -persiflieren, als sie, von der Brüderstraße her, eines jener langen -und auf niedrigen Rädern gehenden Gefährte vorfahren sah, -die die hauptstädtischen Bewohner Rollwagen nennen. Es -konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein Musterstück seiner -Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der -zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmäßigem -rechten Winkel aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart -und Lederschurz, und in der Mitte lief ein kleiner Bastard -von Spitz und Rattenfänger hin und her, und bellte jeden an, -der nur irgendwie Miene machte, sich auf fünf Schritte dem -Wagen zu nähern. Er hatte kaum noch ein Recht zu diesen -Äußerungen übertriebener Wachsamkeit, denn auf dem ganzen -langen Wagenbrette lag nur noch ein einziges Kolli, das der -Rollkutscher jetzt zwischen seine zwei Riesenhände nahm und -in den Hausflur hineintrug, als ob es eine Pappschachtel wäre.</p> - -<p>Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektüre beendet -und war an ein unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes -Pult getreten, an dem er zu schreiben pflegte.</p> - -<p>»Wie schön diese Leute sind,« sagte Melanie. »Und so stark. -Und dieser wundervolle Bart! So denk' ich mir Simson.«</p> - -<p>»Ich nicht,« entgegnete Van der Straaten trocken.</p> - -<p>»Oder Wieland den Schmied.«</p> - -<p>»Schon eher. Und über kurz oder lang denk' ich, wird diese -Sache spruchreif sein. Denn ich wette zehn gegen eins, daß -ihn der »Meister« in irgend etwas Zukünftigem bereits unterm -Hammer hat. Oder sagen wir auf dem Ambos. Es klingt etwas -vornehmer.«</p> - -<p>»Ich muß dich bitten, Ezel … du weißt …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Aber ehe sie schließen konnte, wurde geklopft, und einer -der jungen Kontoristen erschien in der Tür, um seinem Chef, -unter gleichzeitiger Verbeugung gegen Melanie, einen Frachtbrief -einzuhändigen, auf dem in großen Buchstaben und in -italienischer Sprache vermerkt war: »zu eigenen Händen des -Empfängers.«</p> - -<p>Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. »Ah, -von Salviati! … Das ist hübsch, das ist schön … Gleich -die Kiste heraufschaffen! … Und du bleibst, Melanie … Hat -er doch Wort gehalten … Freut mich, freut mich wirklich. -Und dich wird es auch freuen. Etwas Venezianisches, Lanni … -Du warst so gern in Venedig.«</p> - -<p>Und während er in derartig kurzen Sätzen immer weiter -perorierte, hatte er aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein -Stemmeisen herausgenommen und hantierte damit, als die -Kiste hereingebracht worden war, so vertraut und so geschickt, als -ob es ein Korkzieher oder irgendein anderes Werkzeug alltäglicher -Benutzung gewesen wäre. Mit Leichtigkeit hob er den -Deckel ab und setzte das daran angeschraubte Bild auf ein großes -staffeleiartiges Gestell, das er schon vorher aus einer der Zimmerecken -ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis hatte -sich inzwischen wieder entfernt, Van der Straaten aber, während -er Melanie mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild führte, -sagte: »Nun, Lanni, wie findest du's? … Ich will dir übrigens -zu Hilfe kommen … Ein Tintoretto.«</p> - -<p>»Kopie?«</p> - -<p>»Freilich,« stotterte Van der Straaten etwas verlegen. -»Originale werden nicht hergegeben. Und würden auch meine -Mittel übersteigen. Dennoch dächt' ich …«</p> - -<p>Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -mit ihrem Lorgnon gemustert und sagte jetzt: »Ah, <em class="antiqua">l'Adultera</em>! -… Jetzt erkenn' ich's. Aber daß du gerade <em class="gesperrt">das</em> wählen mußtest! -Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der -Spruch … Wie heißt er doch?«</p> - -<p>»Wer unter euch ohne Sünde ist …«</p> - -<p>»Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was -Ermutigendes darin. Und dieser Schelm von Tintoretto hat -es auch ganz in diesem Sinne genommen. Sieh nur! … Geweint -hat sie … Gewiß … Aber warum? Weil man ihr -immer wieder und wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und -nun glaubt sie's auch, oder <em class="gesperrt">will</em> es wenigstens glauben. Aber -ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden … Und -daß ich dir's gestehe, sie wirkt eigentlich rührend auf mich. -Es ist so viel Unschuld in ihrer Schuld … Und alles wie vorherbestimmt.«</p> - -<p>Melanie, während sie so sprach, war ernster geworden und -von dem Bilde zurückgetreten. Nun aber fragte sie: »Hast du -schon einen Platz dafür?«</p> - -<p>»Ja, hier.« Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem -Schreibpult.</p> - -<p>»Ich dachte,« fuhr Melanie fort, »du würdest es in die -Galerie schicken. Und offen gestanden, es wird sich an diesem -Pfeiler etwas sonderbar ausnehmen. Es wird …«</p> - -<p>»Unterbrich dich nicht.«</p> - -<p>»Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich -höre schon Reiff und Duquede medisieren, vielleicht auf deine -Kosten und gewiß auf meine.«</p> - -<p>Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt -und lächelte.</p> - -<p>»Du lächelst, und sonst lachst du doch, mehr als gut ist und<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -namentlich lauter als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage, -was hast du gegen mich? Ich weiß recht gut, du bist nicht so -harmlos, wie du dich stellst. Und ich weiß auch, daß es wunderliche -Gemütlichkeiten gibt. Ich habe mal von einem russischen -Fürsten gelesen, ich glaube Suboff war sein Name. Eigentlich -waren es zwei, zwei Brüder. Die spielten Karten und dann -ermordeten sie den Kaiser Paul und dann spielten sie wieder -Karten. Ich glaube beinah, du könntest auch so was! Und alles -mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.«</p> - -<p>»Also <em class="gesperrt">darum</em> König Ezel!« lachte Van der Straaten.</p> - -<p>»O nein. Nicht darum. Als ich dich so hieß, war ich noch -ein halbes Kind. Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt -aber kenn' ich dich und weiß nur nicht, ob es etwas sehr Gutes -oder etwas sehr Schlimmes ist, was in dir steckt … Aber nun -komm. Unser Kaffee ist kalt geworden.«</p> - -<p>Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder -auf ihren hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas -und tat ein paar rasche Stiche. Zugleich aber ließ sie kein -Auge von ihm, denn sie wollte wissen, was in seiner Seele vorging.</p> - -<p>Und er wollt' es auch nicht länger verbergen. War er doch -ohnehin, aller Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, -und so trieb es ihn denn, angesichts dieses Bildes einmal -aus sich herauszugehen.</p> - -<p>»Ich habe dich nie mit Eifersucht gequält, Lanni.«</p> - -<p>»Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.«</p> - -<p>»Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heißt, alles -wechselt im Leben. Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig -waren und ich dies Bild sah, da stand es auf einmal alles deutlich -vor mir. Und da war es denn auch, daß ich Salviati bat,<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -mir das Bild kopieren zu lassen. Ich will es vor Augen haben, -so als <em class="antiqua">Memento mori</em>, wie die Kapuziner, die sonst nicht mein -Geschmack sind. Denn sieh, Lanni, auch in ihrer Furcht unterscheiden -sich die Menschen. Da sind welche, die halten es mit -dem Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand und -wollen nichts wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr -Geschick immer vor sich zu sehen und sich mit ihm einzuleben. -Sie wissen genau, den und den Tag sterb' ich, und sie lassen -sich einen Sarg machen und betrachten ihn fleißig. Und die -beständige Vorstellung des Todes nimmt auch dem Tode schließlich -seine Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch machen, -und das Bild soll mir dazu helfen … Denn es ist erblich in -unserm Haus … und so gewiß dieser Zeiger …«</p> - -<p>»Aber Ezel,« unterbrach ihn Melanie, »was hast du nur? -Ich bitte dich, wo soll das hinaus? Wenn du die Dinge <em class="gesperrt">so</em> -siehst, so weiß ich nicht, warum du mich nicht heut oder morgen -einmauern läßt.«</p> - -<p>»An dergleichen hab' ich auch schon gedacht. Und ich bekenne, -»Melanie die Nonne« klänge nicht übel, und es ließe -sich eine Ballade darauf machen. Aber es hilft zu nichts. Denn -du glaubst gar nicht, was Liebende bei gutem Willen alles -durchsetzen. Und sie haben immer guten Willen.«</p> - -<p>»O, ich glaub' es schon.«</p> - -<p>»Nun siehst du,« lachte Van der Straaten, den diese scherzhafte -Wendung plötzlich wieder zu heiterer Laune stimmte. -»So hör' ich dich gern. Und zur Belohnung: das Bild soll nicht -an den Eckpfeiler, sondern wirklich in die Galerie. Verlaß dich -darauf. Und um dir nichts zu verschweigen, ich hab' auch über -all das so meine wechselnden und widerstreitenden Gedanken, -und mitunter denk' ich: ich sterbe vielleicht darüber hin. Und das<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -wäre das beste. Zeit gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts -Neues. Aber die trivialsten Sätze sind immer die richtigsten.«</p> - -<p>»Dann vergiß auch nicht <em class="gesperrt">den</em>, daß man den Teufel nicht an -die Wand malen soll!«</p> - -<p>Er nickte. »Da hast du recht. Und wir <em class="gesperrt">wollen's</em> auch -nicht, und wollen diese Stunde vergessen. Ganz und gar. -Und wenn ich dich je wieder daran erinnere, so sei's im Geiste -des Friedens und zum Zeichen der Versöhnung. Lache nicht. -Es kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du doch? Es sei -so viel Unschuld in ihrer Schuld …«</p> - -<p>»… Und vorherbestimmt, sagt' ich. Prädestiniert! … -Aber vorherbestimmt ist <em class="gesperrt">heute</em>, daß wir ausfahren, und das -ist die Hauptsache. Denn ich brauche die Robe viel, viel nötiger, -als du den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine -Törin und ein Kindskopf, daß ich alles so bitter ernsthaft genommen -und dir jedes Wort geglaubt habe! Du hast das Bild -haben wollen, <em class="antiqua">c'est tout</em>. Und nun gehab' dich wohl, mein -Dänenprinz, mein Träumer. Sein oder Nichtsein … Variationen -von Ezechiel Van der Straaten!«</p> - -<p>Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene -Treppe hinauf, die, von Van der Straatens Zimmer -aus, in die Schlafzimmer des zweiten Stockes führte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap3">3<br /> -Logierbesuch</h2> -</div> - -<p class="drop">Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern -in dem Gegensatze von derb und gefühlvoll, überhaupt -in Gegensätzen, und so war es wenig verwunderlich, daß das -vor dem Tintoretto geführte Gespräch in seinem Herzen nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -allzulange nachtönte. Freilich auch nicht in dem seiner Frau. -Nur solang es geführt worden war, war Melanie wirklich überrascht -gewesen, nicht um des sentimentalen Tones willen, den -sie kannte, sondern weil alles eine viel persönlichere Richtung -nahm als bei früheren Gelegenheiten. Aber nun war es vorüber. -Das Bild erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah -es nicht mehr, und Van der Straaten, wenn er ihm zufällig -begegnete, lächelte nur in beinah heiterer Resignation. Er -besaß eben ganz den fatalistischen Zug der Humoristen, der -sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemänner sind.</p> - -<p>Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem -es spät fiel, lag schon wieder zurück, und die Wochen waren -wieder da, wo herkömmlich die Frage verhandelt zu werden -pflegte: »Wann ziehen wir hinaus?«</p> - -<p>»Bald,« sagte Melanie, die bereits die Tage zählte.</p> - -<p>»Aber die ›gestrengen Herren‹ waren noch nicht da.«</p> - -<p>»Die regieren nicht lange.«</p> - -<p>»Zugestanden,« lachte Van der Straaten. »Und um so -lieber, als ich nur <em class="gesperrt">so</em> meine Hausherrschaft garantiert finde. -Wenigstens mittelbar. Und immer noch besser schwach regieren, -als gar nicht.«</p> - -<p>Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim -Frühstück gewechselt worden, und es mochte Mittag sein, als -der Kommerzienrat von seinem Kontor aus die Frau Kommerzienrätin -bitten ließ, mit ihrer Ausfahrt eine Viertelstunde -warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine Mitteilung zu machen -habe. Melanie ließ zurücksagen, »daß sie sich freuen würde, -ihn zu sehen, und rechne danach auf seine Begleitung.«</p> - -<p>In Courtoisien dieser Art, denen übrigens auch ein gelegentlicher -Revers nicht fehlte, hatten sich die Van der Straatens seit<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -Jahren eingelebt, namentlich <em class="gesperrt">er</em>, der nach seiner eigenen Versicherung -»dem adligen Hause de Caparoux einiges Ritterdienstliche -schuldig zu sein glaubte« und zu diesem Ritterdienstlichen -in erster Reihe Pünktlichkeit und Nichtwartenlassen zählte.</p> - -<p>So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung, -im Zimmer seiner Frau.</p> - -<p>Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen -ganz dem ihres Gatten, war aber um vieles heller und -heiterer, einmal weil die hohe Paneelierung, aber mehr noch -weil die vielen nachgedunkelten Bilder fehlten. Statt dieser -vielen war nur ein einziges da: das Porträt Melanies in -ganzer Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund und sie -selber eben beschäftigt ein paar Mohnblumen an ihren Hut -zu stecken. Die Wände, wo sie frei waren, zeigten eine weiße -Seidentapete, tief in den Fensternischen erhoben sich Hyazinthenestraden -und vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische, -stand ein blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der -eigentliche Tyrann des Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmäßig -gehaßtes und beneidetes Dasein führte. Melanie sprach -eben mit ihm, als Ezechiel in einer gewissen humoristischen Aufgeregtheit -eintrat und seine Frau, nach vorgängiger respektvoller -Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren Sofaplatz -zurückführte. Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte -sich neben sie.</p> - -<p>Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie -lachen.</p> - -<p>»Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte -vorzubereiten hättest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es -etwas Altes? Etwas aus deiner dunklen Vergangenheit …?«</p> - -<p>»Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwärtiges.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>»Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon -hinreißen lassen. Und nun sage, was ist es?«</p> - -<p>»Eine Bagatelle.«</p> - -<p>»Was deine Verlegenheit bestreitet.«</p> - -<p>»Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch -empfangen, oder vielmehr einen Gast, oder wenn ich mich des -Ausdrucks bedienen darf, einen Dauer-Gast. Also kurz und -gut, denn was hilft es, es muß heraus: einen neuen Hausgenossen.«</p> - -<p>Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch -auf dem Teller lag, zerkrümelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger -auf Van der Straatens Hand und sagte: »Und das -nennst du eine Bagatelle? Du weißt recht gut, daß es etwas -sehr Ernsthaftes ist. Ich habe nicht den Vorzug, ein Kind dieser -eurer Stadt zu sein, bin aber doch lange genug in eurer exquisiten -Mitte gewesen, um zu wissen, was es mit einem -»Logierbesuch« auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst -nirgends findet, kann einen ängstlich machen. Und was ist ein -Logierbesuch gegen eine neue Hausgenossenschaft … Ist es -eine Dame?«</p> - -<p>»Nein, ein Herr.«</p> - -<p>»Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel …«</p> - -<p>»Ein Volontär, ältester Sohn eines mir befreundeten -Frankfurter Hauses. War in Paris und London, selbstverständlich, -und kommt eben jetzt von New York, um hier am Ort eine -Filiale zu gründen. Vorher aber will er in unserem Hause -die Sitte dieses Landes kennen lernen, oder sag' ich lieber -<em class="gesperrt">wieder</em> kennen lernen, weil er sie draußen halb vergessen hat. -Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin überdies dem -Vater verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -ersparen zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leer -stehenden Zimmer auf dem linken Korridor.«</p> - -<p>»Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen -unseres Hofes und auf Christels Geraniumtöpfe hinunter zu -sehen.«</p> - -<p>»Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man -hat. Und er selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen, -die viel in der Welt umher waren, pflegen am gleichgültigsten -gegen derlei Dinge zu sein. Unser Hof bietet freilich -nicht viel; aber was hätt' er Besseres in der Front? Ein Stück -Kirchengitter mit Fliederbusch, und an Markttagen die Hasenbude.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Eh bien</em>, Ezel. <em class="antiqua">Faisons le jeu.</em> Ich hoffe, daß nichts -Schlimmes dahinter lauert, keine Konspirationen, keine Pläne, -die du mir verschweigst. Denn du bist eine versteckte Natur. -Und wenn es deine Geheimnisse nicht stört, so möcht' ich schließlich -wenigstens den Namen unseres neuen Hausgenossen hören.«</p> - -<p>»Ebenezer Rubehn …«</p> - -<p>»Ebenezer Rubehn,« wiederholte Melanie langsam und jede -Silbe betonend. »Ich bekenne dir offen, daß mir etwas Christlich-Germanisches -lieber gewesen wäre. Viel lieber. Als ob wir -an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug hätten! Und nun -Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, was soll dieser -<em class="antiqua">Accent grave</em>, dieser Ton auf der letzten Silbe? Suspekt, im -höchsten Grade suspekt!«</p> - -<p>»Du mußt wissen, er schreibt sich mit einem h.«</p> - -<p>»Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, daß ich -dies h für echt und ursprünglich nehmen soll? Einschiebsel, -versuchte Leugnung des Tatsächlichen, absichtliche Verschleierung, -hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs -stehen sehe. Und er selber als Flügelmann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>»Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens? -Ich meine mit dem großen Peter Paul? Nun, der hatte -freilich ein s. Aber was dem s recht ist, ist dem h billig. Und -kurz und gut, er ist getauft. Ob durch einen Bischof, stehe -dahin; ich weiß es nicht und wünsch' es nicht, denn ich möcht' -etwas vor ihm voraus haben. Aber allen Ernstes, du tust ihm -unrecht. Er ist nicht bloß christlich, er ist auch protestantisch, so -gut wie du und ich. Und wenn du noch zweifelst, so lasse dich -durch den Augenschein überzeugen.«</p> - -<p>Und hierbei versuchte Van der Straaten aus einem kleinen -gelben Kuvert, das er schon bereit hielt, eine Visitenkartenphotographie -herauszunehmen. Aber Melanie litt es nicht und -sagte nur in immer wachsender Heiterkeit: »Sagtest du nicht -New York? Sagtest du nicht London? Ich war auf einen -Gentleman gefaßt, auf einen Mann von Welt, und nun schickt -er sein Bildnis, als ob es sich um ein Rendezvous handelte. -Krugs Garten mit einer Verlobung im Hintergrund.«</p> - -<p>»Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen, -um deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich -an den alten Goeschen, Firma Goeschen, Goldschmidt und Kompanie; -diskreter alter Herr. Und daher stammt es. Ich bin -schuld, nicht er, wahr und wahrhaftig, und wenn du mir das -Wort gestattest, sogar ›auf Ehre‹.«</p> - -<p>Melanie nahm das Kuvert und warf einen flüchtigen Blick -auf das eingeschlossene Bild. Ihre Züge veränderten sich plötzlich -und sie sagte: »Ah, der gefällt mir. Er hat etwas Distinguiertes: -Offizier in Zivil oder Gesandtschaftsattaché. Das lieb' -ich. Und nun gar ein Bändchen. Ist es die Ehrenlegion?«</p> - -<p>»Nein, du kannst es näher suchen. Er stand bei den fünften Dragonern -und hat für Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p> - -<p>»Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?«</p> - -<p>»Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin -solltest du wissen, daß fremde Sprachen nicht immer gebührende -Rücksicht auf die verpönten Klangformen einer anderen nehmen. -Ja, Lanni, ich bin mitunter besser als mein Ruf.«</p> - -<p>»Und wann dürfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?«</p> - -<p>»Hausgenossen,« verbesserte Van der Straaten. »Es ist -nicht nötig, ihn, mit Rücksicht auf seine militärische Charge, so -Hals über Kopf avancieren zu lassen. Übrigens ist er verlobt, -oder so gut wie verlobt.«</p> - -<p>»Schade.«</p> - -<p>»Schade? Warum?«</p> - -<p>»Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen, -so sind sie zärtlich, bedrückend zärtlich für ihre Umgebung, -und sind sie getrennt, so schreiben sie sich Briefe oder -bereiten sich in ihrem Gemüte darauf vor. Und der Bräutigam -ist immer der schlimmere von beiden. Und will man sich gar -in ihn verlieben, so heißt das nicht mehr und nicht weniger, als -zwei Lebenskreise stören.«</p> - -<p>»Zwei?«</p> - -<p>»Ja, Bräutigam und Braut.«</p> - -<p>»Ich hätte drei gezählt,« lachte Van der Straaten. »Aber -so seid ihr. Ich wette, du hast den Dritten in Gnaden vergessen. -Ehemänner zählen überhaupt nicht mit. Und wenn -sie sich darüber wundern, so machen sie sich ridikül. Ich werde -mich übrigens davor hüten, den Mohren der Weltgeschichte, -das seid ihr, weiß waschen zu wollen. Apropos, kennst du das -Bild, die Mohrenwäsche?«</p> - -<p>»Ach, Ezel, du weißt ja, ich kenne keine Bilder. Und am -wenigsten alte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>»Süße Simplicitas aus dem Hause de Caparoux,« jubelte -Van der Straaten, der nie glücklicher war, wie wenn Melanie -sich eine Blöße gab oder auch klugerweise nur so tat. »Altes -Bild! Es ist nicht älter als ich.«</p> - -<p>»Nun, dann ist es gerade alt genug.«</p> - -<p>»Bravissimo. Sieh, so hab' ich dich gern. Übermütig und -boshaft. Und nun sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?«</p> - -<p>»Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast -mir doch gestern erst …«</p> - -<p>»Und ich halt' es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze -wird, da bricht es wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen -zu Haas und uns einen Teppich ansehen … »Gerade alt -genug« … Vorzüglich, vorzüglich … Und nun sage Papachen, -wie heißt die schönste Frau im Land?«</p> - -<p>»Melanie.«</p> - -<p>»Und die liebste, die klügste, die beste Frau?«</p> - -<p>»Melanie, Melanie.«</p> - -<p>»Gut, gut … Und nun gehab' dich wohl, du Menschenkenner!«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap4">4<br /> -Der engere Zirkel</h2> -</div> - -<p class="drop">Die »drei gestrengen Herren« waren ganz ausnahmsweise -streng gewesen, aber nicht zu Verdruß beider Van der -Straatens, die vielmehr nun erst wußten, daß der Winter -all seine Pfeile verschossen und unweigerlich und ohne weitere -Widerstandsmöglichkeit seinen Rückzug angetreten habe. Nun -erst konnte man freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge -vor frostigen Vormittagen, oder gar vor Eingeschneitwerden<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -über Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder, -am meisten aber Van der Straaten, der, um ihn selber sprechen -zu lassen, »unter allen vorkommenden Geburtsszenen einzig -und allein der des Frühlings beizuwohnen liebte«. Vorher aber -sollte noch ein kleines Abschiedsdiner stattfinden und zwar unter -ausschließlicher Heranziehung des dem Hause zunächst stehenden -Kreises.</p> - -<p>Es war das, übrigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter -Seite her, in erster Reihe der in der Alsenstraße -wohnende Major von Gryczinski, ein noch junger Offizier mit -abstehendem, englisch gekräuseltem Backenbart und klugen blauen -Augen, der vor etwa drei Jahren die reizende Jacobine de -Caparoux heimgeführt hatte, eine jüngere Schwester Melanies -und nicht voll so schön wie diese, aber rotblond, was in den -Augen einiger das Gleichgewicht zwischen beiden wiederherstellte. -Gryczinski war Generalstäbler und hielt, wie jeder dieses -Standes, an dem Glauben fest, daß es in der ganzen Welt -nicht zwei so grundverschiedene Farben gäbe, wie das allgemeine -preußische Militärrot und das Generalstabsrot. Daß -er den Strebern zugehörte, war eine selbstverständliche Sache, -wohl aber verdient es, in Rücksicht gegen den Ernst der Historie, -schon an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, daß er, alles -Strebertums unerachtet, in allen nicht zu verlockenden Fällen -ein bescheidenes Maß von Rücksichtnahme gelten ließ und den -Kampf ums Dasein nicht absolut als einen Übergang über die -Beresina betrachtete. Wie sein großer Chef war er ein Schweiger, -unterschied sich aber von ihm durch ein beständiges, jeden -Sprecher ermutigendes Lächeln, das er, alle nutzlose Parteinahme -klug vermeidend, über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig -scheinen ließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter -als Freund des Hauses. Unter diesen letzteren konnte der -Baron Duquede, Legationsrat a. D., als der angesehenste -gelten. Er war über sechzig, hatte bereits unter Van der -Straatens Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des -Hauses angehört und durfte sich, wie um anderer Qualitäten -so auch schon um seiner Jahre willen, seinem hervorstechendsten -Charakterzuge, dem des Absprechens, Verkleinerns und Verneinens -ungehindert hingeben. Daß er, infolge davon, den -Beinamen »Herr Negationsrat« erhalten hatte, hatte selbstverständlich -seine milzsüchtige Krakehlerei nicht zu bessern vermocht. -Er empörte sich eigentlich über alles, am meisten über -Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen Dienstentlassung, -unaufhörlich versicherte, »daß er überschätzt werde«. -Von einer beinah gleichen Empörung war er gegen das zum -Französieren geneigte Berlinertum erfüllt, das ihn, um seines -»qu« willen, als einen Koloniefranzosen ansah und seinen altmärkischen -Adelsnamen nach der Analogie von Admiral -Duquesne auszusprechen pflegte. »Was er sich gefallen lassen -könne,« hatte Melanie hingeworfen, von welchem Tag an eine -stille Gegnerschaft zwischen beiden herrschte.</p> - -<p>Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nächsten stand -Polizeirat Reiff, ein kleiner behäbiger Herr mit roten und glänzenden -Backenknochen, auch Feinschmecker und Geschichtenerzähler, -der, solange die Damen bei Tische waren, kein Wasser -trüben zu können schien, im Moment ihres Verschwindens aber -in Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer -nur einem Polizeirat zu Gebote stehn. Selbst Van der -Straaten, dessen Talente doch nach derselben Seite hin lagen, -erging sich dann in lautem und mitunter selbst stürmischem Beifall,<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung -zu.</p> - -<p>Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der -Landschafter Arnold Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der -Legationsrat, ein Erbstück aus des Vaters Tagen her, und Elimar -Schulze, Porträt- und Genremaler, der sich erst in den letzten -Jahren angefunden hatte. Seine Zugehörigkeit zu der vorgeschilderten -Tafelrunde basierte zumeist auf dem Umstande, -daß er nur ein halber Maler, zur andern Hälfte aber Musiker -und enthusiastischer Wagnerianer war, auf welchen »Titul« hin, -wie Van der Straaten sich ausdrückte, Melanie seine Aufnahme -betrieben und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit -abgegebene Bemerkung ihres Eheherrn, »daß er gegen den -Aufzunehmenden nichts einzuwenden habe, wenn er einfach -übertreten und seine Zugehörigkeit zu der alleinseligmachenden -Musik offen und ehrlich aussprechen wolle«, war von dem immer -gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden, »ihm -diesen Schritt erlassen zu wollen und zwar einfach deshalb, weil -doch schließlich nur das Gegenteil von dem Gewünschten dabei -herauskommen würde. Denn während er jetzt als Maler allgemein -für einen Musiker gehalten werde, werd' er als Musiker -sicherlich für einen Maler gehalten und dadurch vom Standpunkte -des Herrn Kommerzienrats aus in die relativ höhere Rangstufe -wieder hinaufgehoben werden«.</p> - -<p>Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu -heute sieben Uhr Geladenen entnommen. Denn Van der -Straaten liebte die Spätdiners und erging sich mitunter in -nicht üblen Bemerkungen über den gewaltigen Unterschied -zwischen einer um vier Uhr künstlich hergestellten, und einer um -sieben Uhr natürlich erwachsenen Dunkelheit. Eine künstliche<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Vieruhrdunkelheit sei nicht besser als ein junger Wein, den man -in einen Rauchfang gehängt und mit Spinnweb umwickelt habe, -um ihn alt und ehrwürdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine -Zunge schmecke den jungen Wein und ein feines Nervensystem -schmecke die junge Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die -namentlich in ihrer »das feine Nervensystem« betonenden -Schlußwendung von Melanie regelmäßig mit einem allerherzlichsten -Lachen begleitet wurden.</p> - -<p>Das Van der Straatensche Stadthaus – wodurch es sich, -neben anderem, von der mit allem Komfort ausgestatteten -Tiergarten-Villa unterschied – hatte keinen eigentlichen Speisesaal, -und die zwei großen und vier kleinen Diners, die sich über -den Winter hin verteilten, mußten in dem ersten, als Entree -dienenden Zimmer der großen Gemäldegalerie gegeben werden. -Es griff dieser Teil der Galerie noch aus dem rechten -Seitenflügel in das Vorderhaus über und lag unmittelbar hinter -Melanies Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten Flügeltüren -sich öffneten, der Eintritt stattfand.</p> - -<p>Und wie gewöhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm -den Arm seiner blonden Schwägerin, Duquede den Melanies, -während die vier anderen Herren paarweise folgten, eine herkömmliche -Form des Aufmarsches, bei der der Major ebenso -geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln, als den -Polizeirat zu vermeiden wußte. Denn so bereit und ergeben -er war, die Geschichten Reiffs bei Tag oder Nacht über sich ergehen -zu lassen, so konnt' er sich doch nicht entschließen, ihm -ebenbürtig den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den -Anschauungen seines Standes und bekannte sich, mit einem -durch persönliches Fühlen unterstützten Nachdruck, zu dem alten -Gegensatze von Militär und Polizei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<p>Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und -hatte keine Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern. -Wer aber zum ersten Male hier eintrat, der wurde sicherlich -durch eine Schönheit überrascht, die gerade darin ihren Grund -hatte, daß der als Speisesaal dienende Raum kein eigentlicher -Speisesaal war. Ein reichgegliederter Kronleuchter von französischer -Bronze warf seine Lichter auf eine von guter italienischer -Hand herrührende prächtig eingerahmte Kopie der Veronesischen -»Hochzeit zu Kana«, die von Uneingeweihten auch -wohl ohne weiteres für das Original genommen wurde, -während daneben zwei Stilleben in fast noch größeren und -reicheren Barockrahmen hingen. Es waren, von einiger vegetabilischer -Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und blaue Makrelen, -über deren absolute Naturwahrheit sich Van der Straaten in -der ein für allemal gemünzten Bewunderungsformel ausließ, -»es werd' ihm, als ob er taschentuchlos über den Cöllnischen -Fischmarkt gehe.«</p> - -<p>Nach hinten zu stand das Büfett, und daneben war die -Tür, die mit der im Erdgeschoß gelegenen Küche bequeme -Verbindung hielt.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap5">5<br /> -Bei Tisch</h2> -</div> - -<p class="drop">»Nehmen wir Platz,« sagte Van der Straaten. »Meine -Frau hat mich aller Plazierungsmühen überhoben und -Karten gelegt.«</p> - -<p>Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und ließ sein -von Natur gutes und durch vieles Sehen kunstgeübtes Auge -darüber hingleiten. »Ah, ah, sehr gut. Das ist Tells Geschoß.<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Gratuliere, Elimar. Allerliebst, allerliebst. Natürlich Amor, -der schießt. Daß ihr Maler doch über diesen ewigen Schützen -nicht wegkommen könnt.«</p> - -<p>»Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch -feierlich protestieren würden,« sagte die rotblonde Schwester.</p> - -<p>Alle hatten sich inzwischen plaziert, und es ergab sich, daß -Melanie bei der von ihr getroffenen Anordnung vom Herkömmlichen -abgewichen war. Van der Straaten saß zwischen -Schwägerin und Frau, ihm gegenüber der Major, von Gabler -und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber Polizeirat Reiff -und Legationsrat Duquede.</p> - -<p>Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrätlichen -Hause von alter Zeit her berühmte Montefiascone -gerade herumgereicht, als Van der Straaten sich über den Tisch -hin zu seinem Schwager wandte.</p> - -<p>»Gryczinski, Major und Schwager,« hob er leicht und mit -überlegener Vertraulichkeit an, »binnen heut und drei Monaten -haben wir Krieg. Ich bitte dich, sage nicht nein, wolle mir nicht -widersprechen. Ihr, die ihr's schließlich machen müßt, erfahrt -es erfahrungsmäßig immer am spätesten. Im Juni haben wir -die Sache wieder fertig oder wenigstens eingerührt. Es zählt -jetzt zu den sogenannten berechtigten Eigentümlichkeiten preußischer -Politik, allen Geheimräten, wozu, in allem was Karlsbad -und Teplitz angeht, auch die Kommerzienräte gehören, ihre -Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit eingeschlossen. -Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir -die Sache fertig und in drei haben wir den Krieg. Irgend etwas -Benedettihaftes wird sich doch am Ende finden lassen, und -Ems liegt unter Umständen überall in der Welt.«</p> - -<p>Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -seines Backenbartes und sagte: »Schwager, du stehst zu sehr -unter Börsengerüchten, um nicht zu sagen unter dem Einfluß -der Börsenspekulation. Ich versichere dich, es ist kein Wölkchen -am Horizont, und wenn wir zurzeit wirklich einen Kriegsplan -ausarbeiten, so betrifft er höchstens die hypothetische Bestimmung -der Stelle, wo Rußland und England zusammenstoßen -und ihre große Schlacht schlagen werden.«</p> - -<p>Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei -waren, die brünette, weil sie nicht gern das Vermögen, die -blonde, weil sie nicht gern den Mann einbüßen wollte, jubelten -dem Sprecher zu, während der Polizeirat, immer kleiner -werdend, bemerkte: »Bitte dem Herrn Major meine gehorsamste -Zustimmung aussprechen zu dürfen und zwar von ganzem -Herzen und von ganzem Gemüte.« Wobei gesagt werden muß, -daß er mit Vorliebe von seinem Gemüte sprach. »Überhaupt,« -fuhr er fort, »nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht -den Fürsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann, -als einen Kanonier mit ewig brennender Lunte vorzustellen, -jeden Augenblick bereit das Kruppsche Monstregeschütz eines -europäischen Krieges auf gut Glück hin abzufeuern. Ich sage, -nichts falscher und irriger als das. Hazardieren ist die Lust -derer, die nichts besitzen, weder Vermögen noch Ruhm. Und -der Fürst besitzt beides. Ich wette, daß er nicht Lust hat, seinen -hochaufgespeicherten Doppelschatz immer wieder auf die Kriegskarte -zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit), dublierte -66 und triplierte 70, aber er wird sich hüten, sich auf ein <em class="antiqua">six-le-va</em> -einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt -ohne Zweifel das Märchen vom »Fischer un sine Fru …«</p> - -<p>»… Dessen pikante Schlußwendung uns unser polizeirätlicher -Freund hoffentlich nicht vorenthalten will,« bemerkte<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Van der Straaten, in dem sich der Übermut der Tafelstimmung -bereits zu regen begann.</p> - -<p>Aber der Polizeirat, während er sich wie zur Gewährleistung -jeder Sicherheit gegen die Damen hin verneigte, ließ -das Märchen und seine notorische Schlußzeile fallen und sagte -nur: »Wer alles gewinnen will, verliert alles. Und das Glück -ist noch launenhafter als die Damen. Ja, meine Damen, als -die Damen. Denn die Launenhaftigkeit, ich lebe selbst in einer -glücklichen Ehe, ist das Vorrecht und der Zauber ihres Geschlechts. -Der Fürst hat Glück gehabt, aber gerade weil er es -gehabt hat …«</p> - -<p>»… Wird er sich hüten, es zu versuchen,« schloß mit ironischer -Emphase der Legationsrat. »Aber wenn er es <em class="gesperrt">dennoch</em> -täte? He? Der Fürst hat Glück gehabt, versichert uns unser -Freund Reiff mit polizeirätlich unschuldiger Miene. Glück gehabt! -Allerdings. Und zwar kein einfaches und gewöhnliches, -sondern ein stupendes, ein nie dagewesenes Glück. Eines, das -in seiner kolossalen Größe den Mann selber wegfrißt und verschlingt. -Und so wenig ich geneigt bin, ihm dies Glück zu mißgönnen, -ich kenne keine Mißgunst, so reizt es mich doch, einen -Heroenkultus an dieses Glück geknüpft zu sehen. Er wird überschätzt, -sag' ich. Glauben Sie mir, er hat etwas Plagiatorisches. -Es mögen sich Erklärungen finden lassen, meinetwegen auch -Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird überschätzt. Ja, -meine Freunde, den Heroenkultus haben wir und den Götterkultus -<em class="gesperrt">werden</em> wir haben. Bildsäulen und Denkmäler sind -bereits da, und die Tempel werden kommen. Und in einem -dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und Göttin Fortuna ihm -zu Füßen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel -nennen, sondern den Glückstempel. Ja, den Glückstempel,<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -denn es wird darin gespielt, und unser vorsichtiger Freund -Reiff hat es mit seinem <em class="antiqua">six-le-va</em>, das über kurz oder lang -kommen wird, besser getroffen, als er weiß. Alles Spiel und -Glück, sag' ich, und daneben ein unendlicher Mangel an Erleuchtung, -an Gedanken und vor allem an großen schöpferischen -Ideen.«</p> - -<p>»Aber lieber Legationsrat,« unterbrach hier Van der -Straaten, »es liegen doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung -Österreichs, Aufbau des Deutschen Reiches …«</p> - -<p>»… Ekrasierung Frankreichs und Dethronisierung des -Papstes! Pah, Van der Straaten, ich kenne die ganze Litanei. -Wem aber haben wir dafür zu danken, wenn überhaupt dafür -zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen Partei, feindlich -ihm und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf genommen -hat. Er hat etwas Plagiatorisches, sag' ich, er hat sich die Gedanken -anderer einfach angeeignet, gute und schlechte, und sie -mit Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten umgesetzt. Das -konnte schließlich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich, -Reiff …«</p> - -<p>»Ich möchte doch bitten …«</p> - -<p>»In Taten umgesetzt,« wiederholte Duquede.</p> - -<p>»Ein Umsatz- und Wechselgeschäft, das ich hasse, solange -nicht der selbsteigne Gedanke dahinter steht. Aber Taten mit -gar keiner oder mit erheuchelter oder mit erborgter Idee haben -etwas Rohes und Brutales, etwas Dschingiskhanartiges. Und -ich wiederhole, ich hasse solche Taten. Am meisten aber hass' -ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die Gegensätze -mengen, und wenn wir es erleben müssen, daß sich hinter den -altehrwürdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips, -hinter der Maske des Konservatismus, ein revolutionärer<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -Radikalismus birgt. Ich sage dir, Van der Straaten, er segelt -unter falscher Flagge. Und eines seiner einschlägigsten Mittel -ist der beständige Flaggenwechsel. Aber ich hab' ihn erkannt -und weiß, was seine eigentliche Flagge ist …«</p> - -<p>»Nennen …«</p> - -<p>»Die schwarze.«</p> - -<p>»Die Piratenflagge?«</p> - -<p>»Ja. Und Sie werden dessen über kurz oder lang alle gewahr -werden. Ich sage dir, Van der Straaten, und Ihnen, -Elimar und Ihnen, Reiff, der Sie's morgen in Ihr schwarzes -Buch eintragen können, meinetwegen, denn ich bin ein altmärkischer -Edelmann und habe den Dienst dieses mir widerstrebenden -Eigennützlings längst quittiert, ich sag' es jedem, -alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie vor Täuschung, -vor allem aber vor Überschätzung dieses falschen Ritters, dieses -Glückstempelherrn, an den die blöde Menge glaubt, weil er -die Jesuiten aus dem Lande geschafft hat. Aber wie steht es -damit? Die Bösen sind wir los, der Böse ist geblieben.«</p> - -<p>Gryczinski hatte mit vornehmem Lächeln zugehört, Van -der Straaten indes, der, trotzdem er eigentlich ein Bismarckschwärmer -war, in seiner Eigenschaft als kritiksüchtiger Berliner -nichts Reizenderes kannte, als Größenniedermetzelung und Generalnivellierung, -immer vorausgesetzt, daß er selber als einsam -überragender Bergkegel übrig blieb, grüßte zu Duquede hinüber -und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat, der sich geopfert -habe, noch einmal von der letzten Schüssel zu präsentieren.</p> - -<p>»Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas -für dich. Scharf, scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien, -aber um zweierlei beneid' ich es: um seine Zwiebeln und um -seinen Murillo.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Überrascht mich,« sagte Gabler. »Und am meisten überrascht -mich die dir entschlüpfte Murillo-, will also sagen Madonnenbewundrung.«</p> - -<p>»Nicht entschlüpft, Arnold, nicht entschlüpft. Ich unterscheide -nämlich, wie du wissen solltest, kalte und warme Madonnen. -Die kalten sind mir allerdings verhaßt, aber die warmen -hab' ich desto lieber. <em class="antiqua">A la bonne heure</em>, die berauschen mich, -und ich fühl' es in allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein -wäre. Und zu diesen glühenden und sprühenden zähl' ich all -diese spanischen Immaculatas und Concepciones, wo die -Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und um ihr dunkles -Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelsköpfe. Ja, -Reiff, dergleichen gibt es. Und so blickt sie brünstig oder sagen -wir lieber inbrünstig gen Himmel, als wolle die Seele flügge -werden in einem Brütofen von Heiligkeit.«</p> - -<p>»In einem Brütofen von Heiligkeit,« wiederholte der Polizeirat, -in dessen Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann. -»In einem Brütofen! O, das ist <em class="antiqua">magnifique</em>, das ist -herrlich, und eine Andeutung, die jeder von uns nach dem -Maße seiner Erkenntnis interpretieren und weiterspinnen kann.«</p> - -<p>Beide junge Frauen, einigermaßen überrascht, ihren sonst -so zurückhaltenden Freund auf dieser Messerschneide balancieren -zu sehen, trafen sich mit ihren Blicken, und Melanie rasch erkennend, -daß es sich jeden Moment um eine jener Katastrophen -handeln könne, wie sie bei den kommerzienrätlichen Diners -eben nicht allzu selten waren, suchte vor allem von dem heiklen -Murillothema loszukommen, was, bei Van der Straatens -Eigensinn, allerdings nur durch eine geschickte Diversion geschehen -konnte. Und solche gelang denn auch momentan, indem -Melanie mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: »Van<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -der Straaten wird mich auslachen, in Bild- und Malerfragen -eine Meinung haben zu wollen. Aber ich muß ihm offen bekennen, -daß ich mich, wenn seine gewagte Madonneneinteilung -überhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres für eine von -ihm ignorierte Mittelgruppe, nämlich für die temperierten entscheiden -würde. Die Tizianischen scheinen mir diese wohltuend -gemäßigte Temperatur zu haben. Ich lieb' ihn überhaupt.«</p> - -<p>»Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab' es immer gesagt, -daß ich noch einen Kunstprofessor in dir großziehe. Nicht wahr, -Arnold, ich hab' es gesagt? Beschwör es. Eine Schwurbibel ist -nicht da, aber wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist immer -noch ebensogut wie ein Evangelium. Du lachst, Schwager; -natürlich; ihr merkt es nicht, aber wir. Übrigens hat Reiff -ein leeres Glas. Und Elimar auch. Friedrich, alter Pomuchelskopf, -steh nicht in Liebesgedanken. <em class="antiqua">Allons enfants.</em> Wo bleibt -der Mouet? Flink, sag' ich. Bei den Gebeinen des unsterblichen -Roller, ich lieb' es nicht, meinen Champagner in den letzten -fünf Minuten in kümmerlicher Renommage schäumen zu sehen. -Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzgläsern, mit denen -ich nächstens kurzen Prozeß machen werde. Das sind Rechnungsrats-, -aber nicht Kommerzienratsgläser. Übrigens mit -dem Tizian hast du doch unrecht. Das heißt halb. Er versteht -sich auf alles mögliche, nur nicht auf Madonnen. Auf Frau -Venus versteht er sich. Das ist seine Sache. Fleisch, Fleisch. -Und immer lauert irgendwo der kleine liebe Bogenschütze. -Pardon, Elimar, ich bin nicht für Massenamors auf Tischkarten, -aber für den Einzelamor bin ich, und ganz besonders -für den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurückgezogener -grüner Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehört er -hin, und immer ist er wieder reizend, ob er ihr zu Häupten oder<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -zu Füßen sitzt, ob er hinter dem Bett oder der Gardine hervorguckt, -ob er seinen Bogen eben gespannt oder eben abgeschossen -hat. Und was ist vorzuziehen? Eine feine Frage, Reiff. Ich -denke mir, wenn er ihn spannt … Und diese ruhende linke -Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch. O, superbe. Ja, -Melanie, <em class="gesperrt">den</em> Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir -zugestehst: <em class="antiqua">Suum cuique</em>, dem Tizian die Venus und dem -Murillo die Madonna.«</p> - -<p>»Ich fürchte, Van der Straaten, da wirst du lange zu -warten haben, und am längsten auf meine Murillobekehrung. -Denn diese gelben Dunstwolken, aus denen etwas inbrünstig -Gläubiges in seelisch-sinnlicher Verzückung aufsteigt, sind mir -unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden überschritten -und statt des Bezaubernden find' ich etwas Behexendes darin.«</p> - -<p>Gryczinski nickte leise der Schwägerin zu, während jetzt -Elimar das Glas erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben -gehörten Wort einer echt deutschen Frau, (»Französin,« schrie -Van der Straaten dazwischen) auf das Wohl der schönen und -liebenswürdigen Dame des Hauses anstoßen zu dürfen. Und -die Gläser klangen zusammen. Aber in ihren Zusammenklang -mischte sich für die schärfer Hörenden schon etwas wie Zittern -und Mißakkord, und ehe noch das allgemeine Lächeln verflogen -war (das des Polizeirats hielt sich am längsten) brach Van der -Straaten durch alle bis dahin mühsam eingehaltenen Gehege -durch und debutierte mal wieder ganz als er selbst. Er sei, so -hob er an, leider nicht in der Lage, der für die »Frau Kommerzienrätin« -gewiß höchst wertvollen Zustimmung seines -Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zuname gleich -ironisch betonte) <em class="gesperrt">seinerseits</em> zustimmen zu können. Es gebe -freilich einen Gegensatz von Bezauberung und Behexung, aber<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -manches in der Welt gelte für Behexung, was Bezauberung -und noch mehr gelte für Bezauberung, was Behexung sei. Und -er bitte sagen zu dürfen, daß er es seinerseits mit der Konsequenz -halte und mit Farbe bekennen, und nicht mit heute so und -morgen so. Am verdrießlichsten aber sei ihm zweierlei Maß.</p> - -<p>Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht überhaupt -gewillt, es bei diesen Allgemeinsätzen bewenden zu -lassen. Aber die junge Gryczinska, die sich, nach Art aller -Schwägerinnen etwas herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in -plötzlich wiedererwachtem Mute keck und zuversichtlich an und -bat ihn, aus seinen Orakelsprüchen heraus und zu bestimmteren -Erklärungen übergehn zu wollen.</p> - -<p>»O gewiß, meine Gnädigste,« sagte der jetzt immer hitziger -werdende Van der Straaten. »O gewiß, mein geliebtes Rotblond. -Ich stehe zu Befehl und will aus allem Orakulosen und -Mirakulosen heraus, und will in die Trompete blasen, daß ihr -aus eurer Dämmerung und meinetwegen auch aus eurer Götterdämmerung -erwachen sollt, als ob die Feuerwehr vorüberführe.«</p> - -<p>»Ah,« sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu -verlieren begann. »Also da hinaus soll es.«</p> - -<p>»Ja, süßer Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz -und gemütlich auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine -<em class="antiqua">Casta diva</em> am Himmel entlang, als ob ihr von Ozon und Keuschheit -leben wolltet. Und <em class="gesperrt">wer</em> ist euer Abgott? Der Ritter von -Bayreuth, ein Behexer, wie es nur je einen gegeben hat. Und -an diesen Tannhäuser und Venusbergmann setzt ihr, als ob -ihr wenigstens die Voggenhuber wäret, eurer Seelen Seligkeit -und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder -dreimal täglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer -Elimar immer mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -nicht retten. Nicht ihn und nicht euch. Oder wollt ihr mir das -alles als himmlischen Zauber kredenzen? Ich sag' euch, fauler -Zauber. Und das ist es, was ich zweierlei Maß genannt habe. -Den Murillozauber möchtet ihr zu Hexerei stempeln und die -Wagnerhexerei möchtet ihr in Zauber verwandeln. Ich aber -sag' euch, es liegt umgekehrt, und wenn es <em class="gesperrt">nicht</em> umgekehrt -liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen. -Denn es ist schließlich alles ganz egal und mit Permission zu -sagen alles Jacke …«</p> - -<p>Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene -Berolinismus, mit dem er seinen Satz abzuschließen gedachte, -wurde auch wirklich gesprochen, aber er verklang in einem Getöse, -das der Major durch einen geschickt kombinierten Angriff -von Gläserklopfen und Stuhlrücken in Szene zu setzen gewußt -hatte. Zugleich begann er: »Meine verehrten Freunde, das -Wort Hexenmeister ist gefallen. Ein vorzügliches Wort! So -lassen wir sie denn leben, alle diese Tannhäuser, wobei sich -jeder das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der -Hexenmeister. Denn alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht -mit dem Wort. Was sind Worte? Schall und Rauch. Stoßen -wir an. Hoch, hoch.«</p> - -<p>Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der -jetzt jeder zitternde Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich -auch von seiten der beiden Maler, und kaum einer war da, der -nicht an eine glücklich beseitigte Gefahr geglaubt hätte. Aber -mit Unrecht. Van der Straaten, absolut unerzogen, konnte, -vielleicht weil er dies Manko fühlte, nichts so wenig ertragen, -als auf Unerzogenheiten aufmerksam gemacht zu werden: er -vergaß sich dann ganz und gar, und der Dünkel des reichen -Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -helfen, stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm -zusammen. Und so auch jetzt. Er erhob sich und sagte: »Kupierungen -sind etwas Wundervolles. Keine Frage. Ich beispielsweise -kupiere Kupons. Ein inferiores Geschäft, das unter -Umständen nichtsdestoweniger einen Anspruch darauf gibt, gegen -Wort- und Redekupierungen gesichert zu sein, namentlich gegen -solche, die reprimandieren und erziehen wollen. Ich bin erzogen.«</p> - -<p>Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen, -aber mit zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen. -Dieser, ein vollkommener Weltmann, lächelte vor sich -hin und blinkte nur leise den beiden Damen zu, daß sie sich -beruhigen möchten. Dann ergriff er sein Glas ein zweites Mal, -gab seinen Zügen, ohne sich sonderlich anzustrengen, einen freundlichen -Ausdruck und sagte zu Van der Straaten: »Es ist so viel -von Kupieren gesprochen worden; kupieren wir auch das. Ich -lebe der festen Überzeugung …«</p> - -<p>In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer -der im Weinkühler stehenden Flaschen und Gryczinski, rasch -den Vorteil erspähend, den er aus diesem Zwischenfalle ziehen -konnte, brach inmitten des Satzes ab und sagte nur, während -er, unter leiser Verbeugung, seines Schwagers Glas füllte: -»Friede sei ihr erst Geläute!«</p> - -<p>Solchem Appell zu widerstehen, war Van der Straaten der -letzte. »Mein lieber Gryczinski,« hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität -an, »wir verstehen uns, wir haben uns immer verstanden. -Gib mir deine Hand. Lacrymae Christi, Friedrich. Rasch. -Das Beste daran ist freilich der Name. Aber er hat ihn nun -mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine dies, der andre das.«</p> - -<p>»Allerdings,« lachte Gabler.</p> - -<p>»Ach Arnold, du überschätzt das. Glaube mir, der Selige<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -hatte recht. Gold ist nur Schimäre. Und Elimar würd' es mir -bestätigen, wenn es nicht ein Satz aus einer überwundenen -Oper wäre. Ich muß sagen, leider überwunden. Denn ich -liebe Nonnen, die tanzen. Aber da kommt die Flasche. Laß -nur Staub und Spinnweb. Sie muß in ihrer ganzen unabgeputzten -Heiligkeit verbleiben. Lacrymae Christi. Wie das -klingt!«</p> - -<p>Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens -wiederzukehren, und als Van der Straaten fortfuhr, in -wahren Ungeheuerlichkeiten über Christustränen, Erlöserblut -und Versöhnungswein zu sprechen, durfte Melanie schließlich die -Bemerkung wagen: »Du vergißt, Ezel, daß der Polizeirat -katholisch ist.«</p> - -<p>»Ich bitte recht sehr,« sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem -ertappt worden wäre.</p> - -<p>Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, daß ein -vierzig Jahre lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles -konfessionelle Plus oder Minus hinaus entscheidend sein und -vor dem Richterstuhle der Ewigkeit angerechnet werden müsse. -Und als bald darauf die Gläser abermals gefüllt und geleert -worden waren, rückte Melanie den Stuhl, und man erhob sich, -um im Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap6">6<br /> -Auf dem Heimwege</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war -bereits gegen zehn, als der Diener meldete, daß der -Wagen vorgefahren sei. Diese Meldung galt dem Gryczinskischen -Paare, das, an den Dinertagen, seine Heimfahrt in der<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -ihm bei dieser Gelegenheit ein für allemal zur Verfügung gestellten -kommerzienrätlichen Equipage zu machen pflegte. -Mäntel und Hüte wurden gebracht, und die schöne Jakobine, -Hals und Kopf in ein weißes Filettuch gehüllt, stand alsbald -in der Mitte des Kreises und wartete lachend und geduldig auf -die beiden Maler, denen Gryczinski noch im letzten Augenblicke -die Mitfahrt angeboten hatte. Das Parlamentieren darüber -wollte kein Ende nehmen, und erst als man unten am Wagenschlage -stand, entschied sich's und Gabler placierte sich nunmehr -ohne weiteres auf den Rücksitz, während Elimar mit einem -kräftigen Turnerschwunge seinen Platz auf dem Bocke nahm, -angeblich aus Rücksicht gegen die Wageninsassen, in Wahrheit -aus eigener Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte sich nämlich -nach einem Gespräche mit dem Kutscher.</p> - -<p>Dieser, auch noch ein Erbstück aus des alten Van der -Straaten Zeiten her, führte den unkutscherlichen Namen Emil, -der jedoch seit lange seinen Verhältnissen angepaßt und in -ein plattdeutsches »Ehm« abgekürzt worden war. Mit um -so größerem Recht, als er wirklich in Fritz Reuterschen Gegenden -das Licht der Welt erblickt und sich bis diesen Tag, -neben seinem Berliner Jargon, einen Rest heimatlicher -Sprache konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten, -nahm gleich im ersten Momente des Zurechtrückens ein -mehrklappiges Lederfutteral heraus, steckte dem Alten eine -der obenaufliegenden Zigarren zu und sagte vertraulich: -»Für'n Rückweg, Ehm.«</p> - -<p>Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut -und damit waren die Präliminarien geschlossen.</p> - -<p>Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte -vorüber kamen und in eine der schlechtgepflasterten<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -Seitenstraßen einbogen, hielt Elimar den ersehnten Zeitpunkt -für gekommen und sagte:</p> - -<p>»Ist denn der neue Herr schon da?«</p> - -<p>»Der Frankfurtsche? Ne, noch nich, Herr Schulze.«</p> - -<p>»Na, dann muß er aber doch bald …«</p> - -<p>»I, woll. Bald muß er. Ich denke, so nächste Woche. Un -de Stuben sind ooch all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't -en Prinz wär', erst der Herr un nu ooch de Jnädge. Un Christel -meent, he sall man en Jüdscher sinn.«</p> - -<p>»Aber reich. Und Offizier. Das heißt bei der Landwehr -oder so.«</p> - -<p>»Is et möglich?«</p> - -<p>»Und er soll auch singen.«</p> - -<p>»Ja, singen wird er woll.«</p> - -<p>Elimar war eitel genug, an dieser letzteren Äußerung Anstoß -zu nehmen, und da sich's gerade traf, daß in eben diesem Augenblicke -der Wagen aus dem Wallstraßenportal auf den abendlich-stillen -Opernplatz einbog, so gab er das Gespräch um so lieber -auf, als er nicht wollte, daß dasselbe von den Insassen des -Wagens verstanden würde.</p> - -<p>Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt -worden, nicht aus Verstimmung, sondern nur aus Rücksicht -gegen die junge Frau, die, herzlich froh über den zur Hälfte -freigebliebenen Rücksitz, ihre kleinen Füße gegen das Polsterkissen -gestemmt und sich bequem in den Fond des Wagens -zurückgelehnt hatte. Sie war gleich beim Einsteigen ersichtlich -müde gewesen, hatte, wie zur Entschuldigung, etwas von -Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei -höher gezogen und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen -dem Palais und dem Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -sie sich wieder auf, weil sie jenen Allerloyalsten zugehörte, die -sich schon beglückt fühlen, einen bloßen Schattenriß an dem -herabgelassenen Vorhange des Eckfensters gesehn zu haben. Und -wirklich, sie sah ihn und gab in ihrer reizenden, halb kindlich, -halb koketten Weise, der Freude darüber Ausdruck.</p> - -<p>Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen -am Brandenburger Tore hielt. Im Nu waren beide Maler, -deren Weg hier abzweigte, von ihren Plätzen herunter und -empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen Paare, das nun -seinerseits durch die breite Schrägallee auf das Siegesdenkmal -und die dahinter gelegene Alsenstraße zufuhr.</p> - -<p>Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten -Platze waren, schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an -ihren Gatten und sagte: »War das ein Tag, Otto. Ich habe -dich bewundert.«</p> - -<p>»Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm. -Er ist ein altes Kind.«</p> - -<p>»Und Melanie! … Glaube mir, sie fühlt es. Und sie tut -mir leid. Du lächelst so. Dir nicht?«</p> - -<p>»Ja und nein, <em class="antiqua">ma chère</em>. Man hat eben nichts umsonst -in der Welt. Sie hat eine Villa und eine Bildergalerie …«</p> - -<p>»Aus der sie sich nichts macht. Du weißt ja, wie wenig sie -daran hängt …«</p> - -<p>»Und hat zwei reizende Kinder …«</p> - -<p>»Um die ich sie fast beneide.«</p> - -<p>»Nun, siehst du,« lachte der Major. »Ein jeder hat die -Kunst zu lernen, sich zu bescheiden und einzuschränken. Wär' -ich mein Schwager, so würd' ich sagen …«</p> - -<p>Aber sie schloß ihm den Mund mit einem Kuß, und im -nächsten Augenblicke hielt der Wagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Die beiden Räte, der Legations- und der Polizeirat, waren -an der Ecke des Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um -bis an das Potsdamer Tor zu fahren. Von hier aus wollten -sie den Rest des Weges, um der frischen Abendluft willen, zu -Fuß machen. In Wahrheit aber hielten sie bloß zu dem Satze, -»daß man im Kleinen sparen müsse, um sich im Großen legitimieren -zu können,« wobei leider nur zu bedauern blieb, daß -ihnen die »großen Gelegenheiten« entweder nie gekommen, -oder regelmäßig von ihnen versäumt worden waren.</p> - -<p>Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort -gewechselt worden, und erst beim Aussteigen hatte, bei der nun -nötig werdenden Division von 2 in 6, ein Gespräch begonnen, -das alle Parteien zufriedengestellt zu haben schien. Nur nicht -den Kutscher. Beide Räte hüteten sich deshalb auch, sich nach -dem letzteren umzusehen, vor allem Duquede, der, außerdem -noch ein abgeschworener Feind aller Platzübergänge mit Eisenbahnschienen -und Pferdebahngeklingel, überhaupt erst wieder -in Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende Bellevuestraße -glücklich erreicht hatte.</p> - -<p>Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke -Seite des Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt:</p> - -<p>»Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute. -Finden Sie nicht? Und ehrlich gestanden, ich begreif' ihn nicht. -Er ist doch nun fünfzig und darüber und sollte sich die Hörner -abgelaufen haben. Aber er ist und bleibt ein Durchgänger.«</p> - -<p>»Ja,« sagte Duquede, der einen Augenblick still stand, um -Atem zu schöpfen, »etwas Durchgängerisches hat er. Aber, -lieber Freund, warum soll er es nicht haben? Ich taxier' ihn -auf eine Million, seine Bilder ungerechnet, und ich sehe nicht -ein, warum einer in seinem eigenen Haus und an seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -eigenen Tisch nicht sprechen soll, wie ihm der Schnabel gewachsen -ist. Ich bekenn' Ihnen offen, Reiff, ich freue mich -immer, wenn er mal so zwischenfährt. Der Alte war auch so, -nur viel schlimmer, und es hieß schon damals, vor vierzig -Jahren: »Es sei doch ein sonderbares Haus und man könne -eigentlich nicht hingehen.« Aber uneigentlich ging alles hin. -Und so war es, und so ist es geblieben.«</p> - -<p>»Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.«</p> - -<p>»Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung -und Erziehung. Das sind so zwei ganz moderne Wörter, die -der »Große Mann« aufgebracht haben könnte, so sehr hass' ich -sie. Bildung und Erziehung. Erstlich ist es in der Regel nicht -viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist es auch noch -nichts. Glauben Sie mir, es wird überschätzt. Und kommt auch -nur bei uns vor. Und warum? Weil wir nichts Besseres -haben. Wer gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber so viel -hat, wie Van der Straaten, der braucht all die Dummheiten -nicht. Er hat einen guten Verstand und einen guten Witz, und -was noch mehr sagen will, einen guten Kredit. Bildung, -Bildung. Es ist zum Lachen.«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja, -wenn es geblieben wäre, wie früher. Junggesellenwirtschaft. -Aber nun hat er die junge Frau geheiratet, jung und schön -und klug …«</p> - -<p>»Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht -soweit her, wie Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, französische -Schweiz, und an allem Fremden verkucken sich die Berliner. -Das ist wie Amen in der Kirche. Sie hat so ein bißchen Genfer -Schick. Aber was will das am Ende sagen. Alles was die Genfer -haben, ist doch auch bloß aus zweiter Hand. Und nun gar<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -klug. Ich bitte Sie, was heißt klug? Er ist viel klüger. Oder -glauben Sie, daß es auf 'ne französische Vokabel ankommt? -oder auf den Erlkönig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche -Manierchen und weiß sich unter Umständen ein Air zu geben. -Aber es ist nicht viel dahinter, alles Firlefanz, und wird kolossal -überschätzt.«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« wiederholte der -Polizeirat. »Und dann ist sie doch schließlich von Familie.«</p> - -<p>Duquede lachte. »Nein, Reiff, <em class="gesperrt">das</em> ist sie nun schließlich -nicht. Und ich sag' Ihnen, da haben wir den Punkt, auf dem -ich keinen Spaß verstehe. Caparoux. Es klingt nach was. -Zugestanden. Aber was heißt es denn am Ende? Rotkapp -oder Rotkäppchen. Das ist ein Märchenname, aber kein Adelsname. -Ich habe mich darum gekümmert und nachgeschlagen. -Und im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de Caparoux.«</p> - -<p>»Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten -Stolz und wird sich doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen -lassen wollen.«</p> - -<p>»Ich kenn' ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir -einfach, er ist ein Generalstäbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft, -und glauben Sie mir, Reiff, ich weiß warum. Unsere -Generalstäbler werden überschätzt, kolossal überschätzt.«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht, ob Sie recht haben,« ließ sich der -Polizeirat ein drittes Mal vernehmen. »Bedenken Sie bloß, -was Stoffel gesagt hat. Und nachher kam es auch so. Aber -ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie liebenswürdig benahm -er sich heute wieder! Wie liebenswürdig und wie vornehm.«</p> - -<p>»Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was -vornehm ist. Und ich sag' Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders.<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -Vornehm! Ein Schlaukopf ist er und weiter nichts. Oder -glauben Sie, daß er die kleine Rotblondine mit den ewigen -Schmachtaugen geheiratet hat, weil sie Caparoux hieß, oder -meinetwegen auch de Caparoux? Er hat sie geheiratet, weil -sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du himmlischer Vater, -daß ich einem Polizeirat solche Lektion halten muß.«</p> - -<p>Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen -Seite hin lagen, las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis -zwischen dem Major und Melanie heraus und sah -den langen hageren Duquede von der Seite her betroffen an.</p> - -<p>Dieser aber lachte und sagte: »Nicht <em class="gesperrt">so</em>, Reiff, nicht <em class="gesperrt">so</em>; -Karrieremacher sind immer nur Courmacher. Nichts weiter. -Es gibt heutzutage Personen (und auch <em class="gesperrt">das</em> verdanken wir -unsrem großen Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute -fallen läßt oder beiseite schiebt), es gibt, sag' ich, heutzutage -Personen, denen alles bloß Mittel zum Zweck ist. Auch die -Liebe. Und zu diesen Personen gehört auch unser Freund, -der Major. Ich hätte nicht sagen sollen, er hat die Kleine geheiratet, -weil sie die Schwester ihrer Schwester ist, sondern -weil sie die Schwägerin ihres Schwagers ist. Er <em class="gesperrt">braucht</em> -diesen Schwager, und ich sag' Ihnen, Reiff, denn ich kenne -den Ton und die Strömung oben, es gibt weniges, was nach -oben hin <em class="gesperrt">so</em> empfiehlt, wie das. Ein Schwager-Kommerzienrat -ist nicht viel weniger wert, als ein Schwiegervater-Kommerzienrat -und rangiert wenigstens gleich dahinter. Unter allen Umständen -aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds, auf -die jeden Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer -Deckung da.«</p> - -<p>»Sie wollen also sagen …«</p> - -<p>»Ich will gar nichts sagen, Reiff … Ich meine nur so.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>Und damit waren sie bis an die Bendlerstraße gekommen, -wo beide sich trennten. Reiff ging auf die Von der Heydt-Brücke -zu, während Duquede seinen Weg in gerader Richtung -fortsetzte.</p> - -<p>Er wohnte dicht an der Hofjägerallee, sehr hoch, aber in -einem sehr vornehmen Hause.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap7">7<br /> -Ebenezer Rubehn</h2> -</div> - -<p class="drop">Wenige Tage später hatte Melanie das Stadthaus verlassen -und die Tiergartenvilla bezogen. Van der Straaten -selbst machte diesen Umzug nicht mit und war, so sehr er die -Villa liebte, doch immer erst vom September an andauernd -draußen. Und auch das nur, weil er ein noch leidenschaftlicherer -Obstzüchter als Bildersammler war. Bis dahin erschien er nur -jeden dritten Tag als Gast und versicherte dabei jedem, der -es hören wollte, daß dies die stundenweis ihm nachgezahlten -Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie hütete sich wohl, zu -widersprechen, war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst, und -genoß in den zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit. -Und dieses Glück war um vieles größer, als man, ihrer Stellung -nach, die so dominierend und so frei schien, hätte glauben sollen. -Denn sie dominierte nur, weil sie sich zu zwingen verstand; -aber dieses Zwanges los und ledig zu sein, blieb doch ihr -Wunsch, ihr beständiges, stilles Verlangen. Und das erfüllten -ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen Liebesbeweisen -und seinen Ungeniertheiten, nicht immer, aber doch -meist, und das Bewußtsein davon gab ihr ein unendliches -Wohlgefühl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden -und beinah ungestörten Stilleben, dessen sie draußen -genoß. Wohl liebte sie Stadt und Gesellschaft und den Ton -der großen Welt, aber wenn die Schwalben wieder zwitscherten -und der Flieder wieder zu knospen begann, da zog sie's doch -in die Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum kaum eine Einsamkeit -war, denn neben der Natur, deren Sprache sie wohl verstand, -hatte sie Bücher und Musik, und – die Kinder. Die -Kinder, die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und -an deren Aufwachsen und Lernen sie draußen in der Villa den -regsten Anteil nahm. Ja, sie half selber nach, in den Sprachen, -vor allem im Französischen, und durchblätterte mit ihnen Atlas -und historische Bilderbücher. Und an alles knüpfte sie Geschichten, -die sie dem Gedächtnis der Kinder einzuprägen wußte. -Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem, worüber -sie sprach, ein klares und anschauliches Bild zu geben.</p> - -<p>Es waren glückliche stille Tage.</p> - -<p>Möglich dennoch, daß es zu stille Tage gewesen wären, -wenn das tiefste Bedürfnis der Frauennatur: das Plauderbedürfnis, -unbefriedigt geblieben wäre. Aber dafür war gesorgt. -Wie fast alle reichen Häuser, hatten auch die Van der -Straatens einen Anhang ganz alter und halb alter Damen, -die zu Weihnachten beschenkt und im Laufe des Jahres zu -Kaffees und Landpartien eingeladen wurden. Es waren ihrer -sieben oder acht, unter denen jedoch zwei durch eine besonders -intime Stellung hervorragten, und zwar das kleine verwachsene -Fräulein Friederike von Sawatzki und das stattlich hochaufgeschossene -Klavier- und Singefräulein: Anastasia Schmidt. -Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch, -daß sie jeden zweiten Osterfeiertag durch Van der Straaten<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -in Person befragt wurden, ob sie sich entschließen könnten, -seiner Frau während der Sommermonate draußen in der -Villa Gesellschaft zu leisten, eine Frage, die jedesmal mit einer -Verbeugung und einem freundlichen »ja« beantwortet wurde. -Aber doch nicht <em class="gesperrt">zu</em> freundlich, denn man wollte nicht verraten, -daß die Frage erwartet war.</p> - -<p>Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkömmlich, -als <em class="antiqua">Dames d'honneur</em> installiert worden, hatten den -Umzug mitgemacht, und erschienen jeden Morgen auf der -Veranda, um gegen neun Uhr mit den Kindern das erste und -um zwölf mit Melanie das zweite Frühstück zu nehmen.</p> - -<p>Auch heute wieder.</p> - -<p>Es mochte schon gegen eins sein und das Frühstück war -beendet. Aber der Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug, -der ging und sich verstärkte, weil alle Türen und Fenster -offen standen, bewegte das rotgemusterte Tischtuch und von -dem am andern Ende des Korridors gelegenen Musikzimmer -her hörte man ein Stück der Cramerschen Klavierschule, dessen -mangelhaften Takt in Ordnung zu bringen Fräulein Anastasia -Schmidt sich anstrengte. »Eins zwei, eins zwei.« Aber niemand -achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben -Fräulein Riekchen, wie man sie gewöhnlich hieß, in einem -Gartenstuhle saß und dann und wann von ihrer Handarbeit -aufsah, um das reizende Parkbild unmittelbar um sie her, -trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte, auf sich wirken -zu lassen.</p> - -<p>Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage. -Denn von hundert Gästen, die kamen, begnügten sich neunundneunzig -damit, den Park von hier aus zu betrachten und -zu beurteilen. Am Ende des Hauptganges, zwischen den eben<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -ergrünenden Bäumen hin, sah man das Zittern und Flimmern -des vorüberziehenden Stromes, aus der Mitte der überall eingestreuten -Rasenflächen aber erhoben sich Aloen und Bosketts -und Glaskugeln und Bassins. Eines der kleineren plätscherte, -während auf der Einfassung des großen ein Pfauhahn -saß und die Mittagsonne mit seinem Gefieder einzusaugen schien. -Tauben und Perlhühner waren bis in unmittelbare Nähe -der Veranda gekommen, von der aus Riekchen ihnen eben -Krumen streute.</p> - -<p>»Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz,« sagte Melanie. -»Und wir werden einen Krieg mit Van der Straaten haben.«</p> - -<p>»Ich fecht' ihn schon aus,« entgegnete die Kleine.</p> - -<p>»Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich, -Riekchen, ich könnte <em class="antiqua">jaloux</em> werden, so sehr bevorzugt er dich. -Ich glaube, du bist der einzige Mensch, der ihm alles sagen -darf, und soviel ich weiß, ist er noch nie heftig gegen dich geworden. -Ob ihm dein alter Adel imponiert? Sage mir deinen -vollen Namen und Titel. Ich hör' es so gern und vergeß' es -immer wieder.«</p> - -<p>»Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler -von der Hölle, Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in -der Uckermark.«</p> - -<p>»Wunderschön,« sagte Melanie. »Wenn ich doch so heißen -könnte! Und du kannst es glauben, Riekchen, das ist es, was -einen Eindruck auf ihn macht.«</p> - -<p>Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen -auch so beantwortet worden. Jetzt aber rückte diese den -Stuhl näher an Melanie heran, nahm die Hand der jungen -Frau und sagte: »Eigentlich sollt' ich böse sein, daß du deinen -Spott mit mir hast. Aber wer könnte dir böse sein?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>»Ich spotte nicht,« entgegnete Melanie. »Du mußt doch -selber finden, daß er dich artiger und rücksichtsvoller behandelt -als jeden andren Menschen.«</p> - -<p>»Ja,« sagte jetzt das arme Fräulein und ihre Stimme -zitterte vor Bewegung. »Er behandelt mich gut, weil er ein -gutes Herz hat, ein viel besseres, als mancher denkt und vielleicht -auch als du selber denkst. Und er ist auch gar nicht so rücksichtslos. -Er kann nur nicht leiden, daß man ihn stört oder herausfordert, -ich meine solche, die's eigentlich nicht sollten oder -dürften. Sieh, Kind, dann beherrscht er sich nicht länger, aber -nicht weil er's nicht könnte, nein, weil er nicht <em class="gesperrt">will</em>. Und er -braucht es auch nicht zu wollen. Und wenn man gerecht sein -will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich, und alle -reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten Seite -kennen. Alles überstürzt sich, erst in Dienstfertigkeit und hinterher -in Undank. Und Undank ernten, ist eine schlechte Schule -für Zartheit und Liebe. Und deshalb glauben die Reichen -an nichts Edles und Aufrichtiges in der Welt. Aber das -sag' ich dir und muß ich dir immer wieder sagen, dein Van -der Straaten ist besser, als mancher denkt und als du selber -denkst.«</p> - -<p>Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit, -dann nickte Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und -sagte: »Sprich nur weiter. Ich höre dich gerne so.«</p> - -<p>»Und ich will auch,« sagte diese. »Sieh, ich habe dir schon -gesagt, er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber -das ist es noch nicht alles. Er ist auch so freundlich gegen mich, -weil er mitleidig ist. Und mitleidig sein, ist noch viel mehr als -bloß gütig sein und ist eigentlich das Beste, was die Menschen -haben. Er lacht <em class="gesperrt">auch</em> immer, wenn er meinen langen Namen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -hört, geradeso wie du, aber ich hab' es gern, ihn so lachen zu -hören, denn ich höre wohl heraus, was er dabei denkt und -fühlt.«</p> - -<p>»Und was fühlt er denn?«</p> - -<p>»Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines -Namens und dem, was ich bin: arm und alt und einsam, und ein -bloßes Figürchen. Und wenn ich sage Figürchen, so beschönige -ich noch und schmeichle noch mir selbst.«</p> - -<p>Melanie hatte das Battisttuch ans Auge gedrückt und sagte: -»Du hast recht. Du hast immer recht. Aber wo nur Anastasia -bleibt, die Stunde nimmt ja gar kein Ende. Sie quält mir -die Liddi viel zu sehr, und das Ende vom Lied ist, daß sie dem -Kind einen Widerwillen beibringt. Und dann ist es vorbei. -Denn ohne Lieb' und ohne Lust ist nichts in der Welt. Auch -nicht einmal in der Musik … Aber da kommt ja Teichgräber -und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin außer mir. Hätte -viel lieber noch mit dir weiter geplaudert.«</p> - -<p>In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhüter, der -sich vergeblich nach einem von der Hausdienerschaft umgesehen -hatte, bis an die Veranda herangetreten und überreichte eine -Karte.</p> - -<p>Melanie las: »Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn -und Söhne) Leutnant in der Reserve des 5. Dragoner-Regiments …«</p> - -<p>»Ah, sehr willkommen … Ich lasse bitten …« Und -während sich der Alte wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das -kleine Fräulein in übermütiger Laune fort: »Auch wieder einer. -Und noch dazu aus der Reserve! Mir widerwärtig, dieser ewige -Leutnant. Es gibt gar keine Menschen mehr.«</p> - -<p>Und sehr wahrscheinlich, daß sie diese Betrachtungen fortgesetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -hätte, wenn nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hörbar -geworden wäre, das über das rasche Näherkommen des Besuchs -keinen Zweifel ließ. Und wirklich, im nächsten Augenblicke -stand der Angemeldete vor der Veranda und verneigte -sich gegen beide Damen.</p> - -<p>Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen. -»Ich freue mich, Sie zu sehen. Erlauben -Sie mir, Sie zunächst mit meiner lieben Freundin und Hausgenossin -bekannt machen zu dürfen … Herr Ebenezer Rubehn, -… Fräulein Friederike von Sawatzki!«</p> - -<p>Ein flüchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns -Zügen, das, wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch -dem kleinen verwachsenen Fräulein, als ihr selber galt. Ebenezer -war indessen Weltmann genug, um seines Erstaunens -rasch wieder Herr zu werden, und sich ein zweites Mal gegen -die Freundin hin verneigend, bat er um Entschuldigung, -seinen Besuch auf der Villa bis heute hinausgeschoben zu -haben.</p> - -<p>Melanie ging leicht darüber hin, ihrerseits bittend, die Gemütlichkeit -dieses ländlichen Empfanges und vor allem eines -unabgeräumten Frühstückstisches entschuldigen zu wollen. -»<em class="antiqua">Mais à la guerre, comme à la guerre</em>, eine kriegerische Wendung, -an die mir's im übrigen ferne liegt, ernsthafte Kriegsgespräche -knüpfen zu wollen.«</p> - -<p>»Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umständen gesichert -haben möchten,« lachte Rubehn. »Aber fürchten Sie -nichts. Ich weiß, daß sich Damen für das Kapitel Krieg nur -so lange begeistern, als es Verwundete zu pflegen gibt. Von -dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das Lazarett verläßt, -ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen in allem<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der Welt, -immer wieder eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem -Wert und noch zweifelhafterer Wahrheit hören zu müssen, -aber es ist das Schönste, was es gibt, zu helfen und zu heilen.«</p> - -<p>Melanie hatte, während er sprach, ihre Handarbeit in den -Schoß gelegt und ihn fest und freundlich angesehen. »Ei, das -lob' ich und hör' ich gern. Aber wer mit so warmer Empfindung -von dem Hospitaldienst und dem Helfen und Heilen, das uns -so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der hat diese Wohltat -wohl an sich selbst erfahren. Und so plaudern Sie mir denn -wider Willen, nach fünf Minuten schon, Ihre Geheimnisse aus. -Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie würden scheitern -damit, und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen, -so werden Sie natürlich auch unsere zwei stärksten Seiten kennen: -unseren Eigensinn und unser Rätselraten. Wir erraten alles …«</p> - -<p>»Und immer richtig?«</p> - -<p>»Nicht immer, aber meist. Und nun erzählen Sie mir, -wie Sie Berlin finden, unsere gute Stadt, und unser Haus, -und ob Sie das Zutrauen zu sich haben, in Ihrem Hofkerker, -dem eigentlich nur noch die Gitterstäbe fehlen, nicht melancholisch -zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres. Und wo -nichts ist, hat, wie das Sprichwort sagt …«</p> - -<p>»O, Sie beschämen mich, meine gnädigste Frau. Jetzt erst, -nach meinem Eintreffen, weiß ich, wie groß das Opfer ist, das -Sie mir gebracht haben. Und ich darf füglich sagen, daß ich -bei besserer Kenntnis …«</p> - -<p>Aber er sprach nicht aus und horchte plötzlich nach dem -Hause hin, aus dem eben (die Musikstunde hatte schon vorher -geschlossen) ein virtuoses und in jeder feinsten Nüancierung -erkennbares Spiel bis auf die Veranda herausklang. Es war<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -»Wotans Abschied« und Rubehn erschien so hingerissen, daß es -ihm Anstrengung kostete, sich loszumachen und das Gespräch -wieder aufzunehmen. Endlich aber fand er sich zurück und -sagte, während er sich abermals gegen Riekchen verneigte: -»Pardon, meine Gnädigste. Hatt' ich recht gehört? Fräulein -von Sawatzki?«</p> - -<p>Das Fräulein nickte.</p> - -<p>»Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen -Sommer über in Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar -nach dem Kriege. Ein liebenswürdiger, junger Kavalier. -Vielleicht ein Anverwandter …?«</p> - -<p>»Ein Vetter,« sagte Fräulein Riekchen. »Es gibt nur -wenige meines Namens und wir sind alle verwandt. Ich -freue mich, aus Ihrem Munde von ihm zu hören. Er wurde -noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet, fast am letzten -Tage. Bei Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange nicht -von ihm gehört. Hat er sich erholt?«</p> - -<p>»Ich glaube sagen zu dürfen, vollkommen. Er tut wieder -Dienst im Regiment, wovon ich mich, ganz neuerdings erst, -durch einen glücklichen Zufall überzeugen konnte … Aber, -mein gnädigstes Fräulein, wir werden unser Thema fallen -lassen müssen. Die gnädige Frau lächelt bereits und bewundert -die Geschicklichkeit, mit der ich, unter Heranziehung Ihres -Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all seine Konsequenzen -einzumünden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber -dem wundervollen Spiele zuzuhören, das … O, wie schade; -jetzt bricht es ab …«</p> - -<p>Er schwieg, und erst als es drinnen still blieb, fuhr er in -einer ihm sonst fremden, aber in diesem Augenblicke völlig aufrichtigen -Emphase fort: »O, meine gnädigste Frau, welch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Zaubergarten, in dem Sie leben. Ein Pfau, der sich sonnt, -und Tauben, so zahm und so zahllos, als wäre diese Veranda -der Markusplatz oder die Insel Cypern in Person! Und dieser -plätschernde Strahl, und nun gar dieses Lied … In der Tat, -wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall unstatthaft und zudringlich -sein könnte …«</p> - -<p>Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben -Schritte hörbar geworden und Melanie sagte mit einer halben -Wendung: »Ah, Anastasia! Du kommst gerade zu guter Zeit, -um den Dank und die Bewunderung unseres lieben Gastes -und neuen Hausgenossen allerpersönlichst in Empfang zu -nehmen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie mit einander bekannt -mache: Herr Ebenezer Rubehn, Fräulein Anastasia Schmidt … -Und hier meine Tochter Lydia,« setzte Melanie hinzu, nach dem -schönen Kinde hinzeigend, das, auf der Türschwelle, neben dem -Musikfräulein stehen geblieben war und den Fremden ernst und -beinah feindselig musterte.</p> - -<p>Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und -so wandt' er sich ohne weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand -Schmeichelhaftes über ihr Spiel und die Richtung ihres -Geschmackes zu sagen.</p> - -<p>Diese verbeugte sich, während Melanie, der kein Wort entgangen -war, aufs lebhafteste fortfuhr: »Ei, da dürfen wir Sie, -wenn ich recht verstanden habe, wohl gar zu den Unseren -zählen? Anastasia, das träfe sich gut! Sie müssen nämlich -wissen, Herr Rubehn, daß wir hier in zwei Lagern stehen und -daß sich das Van der Straatensche Haus, das nun auch das -Ihrige sein wird, in bilderschwärmende Montecchi und musikschwärmende -Capuletti teilt. Ich, <em class="antiqua">tout à fait</em> Capulet und -Julia. Doch mit untragischem Ausgang. Und ich füge zum<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -Überfluß hinzu, daß wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde -zugehören, deren Namen und Mittelpunkt ich Ihnen -nicht zu nennen brauche. Nur eines will ich auf der Stelle -wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches Neugiersrecht. -Welcher seiner Arbeiten erkennen Sie den höchsten Preis zu? -Worin erscheint er Ihnen am bedeutendsten oder doch am eigenartigsten?«</p> - -<p>»In den Meistersingern.«</p> - -<p>»Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nächster -Gelegenheit können wir Van der Straaten und Gabler, und vor -allem den langen und langweiligen Legationsrat in die Luft -sprengen. Den langen Duquede. O, der steigt wie ein Raketenstock. -Nicht wahr, Anastasia?«</p> - -<p>Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die -durch die ganze Begegnung ungewöhnlich erfreut und angeregt -war, fuhr in wachsendem Eifer fort: »Alles das sind erst Namen. -Eine Woche noch oder zwei und Sie werden unsere kleine Welt -kennen gelernt haben. Ich wünsche, daß Sie die Gelegenheit -dazu nicht hinausschieben. Unsere Veranda hat für heute die -Repräsentation des Hauses übernehmen müssen. Erinnern Sie -sich, daß wir auch einen Flügel haben und versuchen Sie bald -und oft, ob er Ihnen paßt. <em class="antiqua">Au revoir.</em>«</p> - -<p>Er küßte der schönen Frau die Hand und unter gemessener -Verbeugung gegen Riekchen und Anastasia verließ er die Damen. -Über Lydia sah er fort.</p> - -<p>Aber diese nicht über ihn.</p> - -<p>»Du siehst ihm nach,« sagte Melanie. »Hat er dir gefallen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurück und in -ihrem großen Auge stand eine Träne.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<h2 id="kap8">8<br /> -Auf der Stralauer Wiese</h2> -</div> - -<p class="drop">Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen, -und der günstige Eindruck, den er auf die -Damen gemacht hatte, war im Steigen geblieben, wie das -Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er in Gesellschaft -Van der Straatens, der seinerseits an der allgemeinen -Vorliebe für den neuen Hausgenossen teilnahm, und nie vergaß, -ihm einen Platz anzubieten, wenn er selber in seinem hochrädrigen -Kabriolett hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand -in jenen Wochen über der Villa, drin es mehr Lachen und -Plaudern, mehr Medisieren und Musizieren gab, als seit lange. -Mit dem Musizieren vermochte sich Van der Straaten freilich -auch jetzt nicht auszusöhnen, und es fehlte nicht an Wünschen -wie der, »mit von der Schiffsmannschaft des fliegenden Holländers -zu sein,« aber im Grunde genommen war er mit dem -»anspruchsvollen Lärm« um vieles zufriedener, als er einräumen -wollte, weil der von nun an in eine neue, gesteigerte Phase -tretende Wagner-Kultus ihm einen unerschöpflichen Stoff für -seine Lieblingsformen der Unterhaltung bot. Siegfried und -Brünhilde, Tristan und Isolde, welche dankbaren Tummelfelder! -Und es konnte, wenn er in Veranlassung dieser Themata -seinem Renner die Zügel schießen ließ, mitunter zweifelhaft erscheinen, -ob die Musizierenden am Flügel oder er und sein -Übermut die Glücklicheren waren.</p> - -<p>Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorüber, -als an einem wundervollen Augustnachmittage Van der Straaten -den Vorschlag einer Land- und Wasserpartie machte. »Rubehn -ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt und hat nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -gesehen, als was zwischen unserem Kontor und dieser unserer -Villa liegt. Er muß aber endlich unsere landschaftlichen Schätze, -will sagen unsere Wasserflächen und Stromufer kennen lernen, -erhabene Wunder der Natur, neben denen die ganze heraufgepuffte -Main- und Rheinherrlichkeit verschwindet. Also -Treptow und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen -haben wir den Stralauer Fischzug, der an und für sich zwar -ein liebliches Fest der Maien, im übrigen aber etwas derb und -nicht allzu günstig für Wiesewachs und frischen Rasen ist. Und -so proponier' ich denn eine Fahrt auf morgen nachmittag. Angenommen?«</p> - -<p>Ein wahrer Jubel begleitete den Schluß der Ansprache, -Melanie sprang auf, um ihm einen Kuß zu geben, und Fräulein -Riekchen erzählte, daß es nun gerade dreiunddreißig Jahre sei, -seit sie zum letztenmal in Treptow gewesen, an einem großen -Dobremontschen Feuerwerkstage, – derselbe Dobremont, der -nachher mit seinem ganzen Laboratorium in die Luft geflogen. -»Und in die Luft geflogen warum? Weil die Leute, die mit -dem Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer die Gefahr -vergessen. Ja, Melanie, du lachst. Aber, es ist so, immer die -Gefahr vergessen.«</p> - -<p>Es wurde nun gleich zu den nötigen Verabredungen geschritten, -und man kam überein, am anderen Tage zu Mittag -in die Stadt zu fahren, daselbst ein kleines Gabelfrühstück einzunehmen -und gleich danach die Partie beginnen zu lassen: -die drei Damen im Wagen, Van der Straaten und Rubehn -entweder zu Fuß oder zu Schiff. Alles regelte sich rasch und nur -die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien auf kleine Schwierigkeiten -stoßen zu sollen.</p> - -<p>»Gryczinskis?« fragte Van der Straaten und war zufrieden,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -als alles schwieg. Denn so sehr er an der rotblonden -Schwägerin hing, in der er, um ihres anschmiegenden Wesens -willen, ein kleines Frauenideal verehrte, so wenig lag ihm an -dem Major, dessen superiore Haltung ihn bedrückte.</p> - -<p>»Nun denn, Duquede?« fuhr Van der Straaten fort und -hielt das Krayon an die Lippe, mit dem er eventuell den Namen -des Legationsrates notieren wollte.</p> - -<p>»Nein,« sagte Melanie. »Duquede nicht. Und so verhaßt -mir der ewige Vergleich vom ›Mehltau‹ ist, so gibt es doch für -Duquede keinen andern. Er würde von Stralow aus beweisen, -daß Treptow, und von Treptow aus beweisen, daß Stralow -überschätzt werde, und zu Feststellung dieses Satzes brauchen -wir weder einen Legationsrat a. D., noch einen Altmärkischen -von Adel.«</p> - -<p>»Gut, ich bin es zufrieden,« erwiderte Van der Straaten. -»Aber Reiff?«</p> - -<p>»Ja, Reiff,« hieß es erfreut. Alle drei Damen klatschten -in die Hände und Melanie setzte hinzu: »Er ist artig und manierlich -und kein Spielverderber und trägt einem die Sachen. Und -dann, weil ihn alle kennen, ist es immer, als führe man unter -Eskorte, und alles grüßt so verbindlich, und mitunter ist es mir -schon gewesen, als ob die Brandenburger Torwache ›heraus‹ -rufen müsse.«</p> - -<p>»Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen,« sagte -Anastasia, die nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ, -sich durch eine kleine Schmeichelei zu insinuieren. »Das ist um -<em class="gesperrt">deinetwillen</em>. Sie haben dich für eine Prinzessin gehalten.«</p> - -<p>»Ich bitte nicht abzuschweifen,« unterbrach Van der Straaten, -»am wenigsten im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem -Prinzipe von Zug um Zug, bis ins Ungeheuerliche steigern<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -könnten. Ich habe Reiff notiert, und Arnold und Elimar verstehen -sich von selbst. Eine Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding. -Dies wird selbst von mir zugestanden. Und nun frag' ich, -wer hat noch weitre Vorschläge zu machen? Niemand? Gut. -So bleibt es bei Reiff und Arnold und Elimar, und ich werde -sie per Rohrpost avertieren. Fünf Uhr. Und daß wir sie draußen -bei Löbbekes erwarten.«</p> - -<p>Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf -der Villa, viel, viel mehr als ob es sich um eine Reise nach -Teplitz oder Karlsbad gehandelt hätte. Natürlich, eine Fahrt -nach Stralow war ja das ungewöhnlichere. Die Kinder sollten -mit, es sei Platz genug auf dem Wagen, aber Lydia war nicht -zu bewegen und erklärte bestimmt, sie <em class="gesperrt">wolle</em> nicht. Da mußte -denn, wenn man keine Szene haben wollte, nachgegeben werden, -und auch die jüngere Schwester blieb, da sie sich daran gewöhnt -hatte, dem Beispiele der ältern in all und jedem zu folgen.</p> - -<p>In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrühstück -genommen und zwar in Van der Straatens Zimmer. Er -wollt' es so jagd- und reisemäßig wie möglich haben und war -in bester Laune. Diese wurd' auch nicht gestört, als in demselben -Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte, ein Absagebrief -Reiffs eintraf. Der Polizeirat schrieb: »Chef eben konfidentiell -mit mir gesprochen. Reise heute noch. Elf Uhr fünfzig. Eine -Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff. Pstskr. -Ich bitte der schönen Frau die Hand küssen und ihr sagen zu -dürfen, daß ich untröstlich bin …«</p> - -<p>Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten, -weil er, unter dem Lesen, unklugerweise von seinem Sherry -genippt hatte. Nichtsdestoweniger sprach er unter Husten und -Lachen weiter und erging sich in Vorstellungen Reiffscher<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -Großtaten. »In politischer Mission. Wundervoll. O lieb -Vaterland, kannst ruhig sein. Aber <em class="gesperrt">einen</em> kenn' ich, der noch -ruhiger sein darf: er, der Unglückliche, den er sucht. Oder sag' -ich gleich rundweg: der Attentäter, dem er sich an die Fersen -heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverräterisches -muß es sich doch am Ende handeln, wenn man einen Mann -wie Reiff allerpersönlichst in den Sattel setzt. Nicht wahr, -Sattlerchen von der Hölle? Und heut abend noch! Die reine -Ballade. ›Wir satteln nur um Mitternacht.‹ O, Leonore! O -Reiff, Reiff.« Und er lachte konvulsivisch weiter.</p> - -<p>Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung -draußen treffen wollte, wurden nicht geschont, bis endlich die -Pendule vier schlug und zur Eile mahnte. Der Wagen wartete -schon und die Damen stiegen ein und nahmen ihre Plätze: -Fräulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf dem Rücksitz. -Und mit ihren Fächern und Sonnenschirmen grüßend, ging es -über Platz und Straßen fort, erst auf die Frankfurter Linden -und zuletzt auf das Stralauer Tor zu.</p> - -<p>Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde -später in einer Droschke zweiter Klasse, die man ›echtheits‹halber -gewählt hatte, stiegen aber unmittelbar vor der Stadt -aus, um nunmehr an den Flußwiesen hin den Rest des Weges -zu Fuß zu machen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Es schlug fünf, als unsre Fußgänger das Dorf erreichten und -in Mitte desselben Ehms ansichtig wurden, der mit seinem -Wagen, etwas ausgebogen, zur Linken hielt und den ohnehin -wohlgepflegten Trakehnern einen vollen Futtersack eben auf -die Krippe gelegt hatte. Gegenüber stand ein kleines Haus, -wie das Pfefferkuchenhaus im Märchen, bräunlich und appetitlich,<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -und so niedrig, daß man bequem die Hand auf die Dachrinne -legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch -die kaum mannshohe Tür, über der, auf einem wasserblauen -Schilde, »Löbbekes Kaffeehaus« zu lesen war. In Front des -Hauses aber standen drei, vier verschnittene Lindenbäume, -die den Bürgersteig von dem Straßendamme trennten, auf -welchem letzteren Hunderte von Sperlingen hüpften und -zwitscherten und die verlorenen Körner aufpickten.</p> - -<p>»Dies ist das Ship-Hotel von Stralow,« sagte Van der -Straaten im Ciceroneton und war eben willens in das Kaffeehaus -einzutreten, als Ehm über den Damm kam und ihm halb -dienstlich halb vertraulich vermeldete, »daß die Damens schon -vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren Malers auch. -Und hätten beide schon vorher gewartet und gleich den Tritt -runter gemacht und alles. Erst Herr Gabler und dann Herr -Schulze. Und an der Würfelbude hätten sie Strippenballons -und Gummibälle gekauft. Und auch Reifen und eine kleine -Trommel und allerhand noch. Und einen Jungen hätten sie -mitgenommen, der hätte die Reifen und Stöcke tragen müssen. -Und Herr Elimar immer vorauf. Das heißt mit 'ner Harmonika.«</p> - -<p>»Um Gottes willen,« rief Van der Straaten, »Ziehharmonika?«</p> - -<p>»Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.«</p> - -<p>»Gott sei Dank! … Und nun kommen Sie, Rubehn. Und -du, Ehm, du wartest nicht auf uns und läßt dir geben … Hörst -du?«</p> - -<p>Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen -Zügen aber war deutlich zu lesen: ich werde warten.</p> - -<p>Am Ausgange des Dorfes lag ein prächtiger Wiesenplan -und dehnte sich bis an die Kirchhofsmauer hin. In Nähe dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -hatten sich die drei Damen gelagert und plauderten mit Gabler, -während Elimar einen seiner großen Gummibälle monsieur-herkulesartig -über Arm und Schulter laufen ließ.</p> - -<p>Van der Straaten und Rubehn hörten schon von ferne -her das Bravoklatschen und klatschten lebhaft mit. Und nun -erst wurde man ihrer ansichtig, und Melanie sprang auf und -warf ihrem Gatten, wie zur Begrüßung, einen der großen -Bälle zu. Aber sie hatte nicht richtig gezielt, der Ball ging -seitwärts und Rubehn fing ihn auf. Im nächsten Augenblicke -begrüßte man sich und die junge Frau sagte: »Sie sind geschickt. -Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.«</p> - -<p>»Ich wollt', es wäre das Glück.«</p> - -<p>»Vielleicht ist es das Glück.«</p> - -<p>Van der Straaten, der es hörte, verbat sich alle derartig -intrikaten Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren -oder vielleicht auch Reiff in konfidentieller Mission -abschicken werde. Worauf Rubehn ihn zum hundertsten Male -beschwor, endlich von der »ewigen Braut« ablassen zu wollen, -die wenigstens vorläufig noch im Bereiche der Träume sei. Van -der Straaten aber machte sein kluges Gesicht und versicherte, -»daß er es besser wisse«.</p> - -<p>Danach kehrte man an die Lagerstelle zurück, die sich nun -rasch in einen Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Bälle -flogen, und da die Damen ein rasches Wechseln im Spiele -liebten, so ging man, innerhalb anderthalb Stunden, auch noch -durch Blindekuh und Gänsedieb und »Bäumchen, Bäumchen, -verwechselt euch.« Das letztere fand am meisten Gnade, besonders -bei Van der Straaten, dem es eine herzliche Freude -war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren freundlichen -und doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstämme<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -herumgucken zu sehen. Denn sie hatte, wie die meisten -Verwachsenen, ein Eulengesicht.</p> - -<p>Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rückzug mahnte. -Harmonika-Schulze führte wieder und neben ihm marschierte -Gabler, der das Trommelchen ganz nach Art eines Tambourins -behandelte. Er schlug es mit den Knöcheln, warf es hoch und -fing es wieder. Danach folgte das Van der Straatensche Paar, -dann Rubehn und Fräulein Riekchen, während Anastasia -träumerisch und Blumen pflückend den Nachtrab bildete. Sie -hing süßen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar hatte -beim Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallen lassen, die -nicht mißdeutet werden konnten. Er hätte denn ein schändlicher -und zweizüngiger Lügner sein müssen. Und das war er -nicht … Wer so rein und kindlich an der Tete dieses Zuges -gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein Verräter -sein.</p> - -<p>Und sie bückte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an -einer Wiesenranunkel die Blätter und die Chancen ihres Glücks -zu zählen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap9">9<br /> -Löbbekes Kaffeehaus</h2> -</div> - -<p class="drop">Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten -zwei Stunden nichts verändert, mit alleiniger Ausnahme -der Sperlinge, die jetzt, statt auf dem Straßendamm, -in den verschnittenen Linden saßen und quirilierten. Aber -niemand achtete dieser Musik, am wenigsten Van der Straaten, -der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst -an die Spitze des Zuges gesetzt hatte. »<em class="antiqua">Attention!</em>« rief er und<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch -hindurchzuzwängen.</p> - -<p>Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.</p> - -<p>Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur -um ein erhebliches niedriger lag, als die Straße draußen, -weshalb denn auch den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft -entgegenkam, von der es schwer zu sagen war, ob sie durch -ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor. In der -Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische mit Herd -und Rauchfang, einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich, während -von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang. -Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und -Tassen und unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen. -Zwischen Tisch und Schapp aber thronte die Herrin dieser -Dominien, eine große, starke Blondine von Mitte dreißig, die -man ohne weiteres als eine Schönheit hätte hinnehmen müssen, -wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und doch waren es -eigentlich schöne Augen, an denen in Wahrheit nichts auszusetzen -war, als daß sie sich daran gewöhnt hatten, alle Männer -in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie zuzwinkerten: -»wir treffen uns noch« und in solche, denen sie spöttisch nachriefen: -»wir kennen euch besser.« Alles aber, was in diese -zwei Klassen <em class="gesperrt">nicht</em> hineinpaßte, war nur Gegenstand für Mitleid -und Achselzucken.</p> - -<p>Es muß leider gesagt werden, daß auch Van der Straaten -von diesem Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre -halber, im Gegenteil, sie wußte Jahre zu schätzen, nein, einzig -und allein weil er von alter Zeit her die Schwäche hatte, sich -<em class="antiqua">à tout prix</em> populär machen zu wollen. Und das war der -Blondine das verächtlichste von allem.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<p>Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere -Hoftür und dahinter kam ein Garten, drin, um kümmerliche -Bäume herum, ein Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten -Stühlen von derselben Farbe standen. Rechts lief -eine Kegelbahn, deren vorderstes unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich -bis an die Straße reichte. Van der Straaten wies -ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten hin, verbreitete sich -über die Vorzüge anspruchslos gebliebener Nationalitäten und -stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von dem Sommergarten -aus, auf einen großen, am Spreeufer sich hinziehenden -und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte. -An einer der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft -zwei, drei Tische zusammen und hatte nun einen schmalen, -zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes, -aber schon dem Nachbarhause zugehöriges Floß vor sich, an -das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten.</p> - -<p>Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, -um als Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben, die -flußabwärts, im rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen -Sommertages dalag. Elimar und Gabler aber waren auf den -Wassersteg hinausgetreten. Alles freute sich des Bildes, und -Van der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die Schloßkuppel. -Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta?«</p> - -<p>»Salutè,« verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der -letzten Silbe.</p> - -<p>»Gut, gut. Also Salutè,« wiederholte Van der Straaten, -indem er jetzt auch seinerseits das e betonte. »Meinetwegen. -Ich prätendiere nicht, der alte Sprachenkardinal zu sein, dessen -Namen ich vergessen habe. <em class="antiqua">Salus salutis</em>, vierte Deklination, -oder dritte, das genügt mir vollkommen. Und Salutà oder<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -Salutè macht mir keinen Unterschied. Freilich muß ich sagen, -so wenig zuverlässig die lieben Italiener in allem sind, so wenig -sind sie's auch in ihren Endsilben. Mal a mal e. Aber lassen -wir die Sprachstudien und studieren wir lieber die Speisekarte. -Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu Mund vermittelt -wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden Erinnerung -entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?«</p> - -<p>»Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen,« antwortete -Anastasia pikiert. »Ich glaube nicht, daß sich eine -Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln läßt.«</p> - -<p>»Es käm' auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil -wollte mich zu Lösung der Aufgabe verpflichten. Aber erst -wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern -birgt. Bis dahin muß es bleiben und bis dahin sei -Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn' ich dich, in -deiner Eigenschaft als Gabler, zum Erbküchenmeister und lege -vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände.«</p> - -<p>»Was ich dankbarst akzeptiere,« bemerkte dieser, »immer -vorausgesetzt, daß du mir, um mit unsrem leider abwesenden -Freunde Gryczinski zu sprechen, einige Direktiven erteilen -willst.«</p> - -<p>»Gerne, gerne,« sagte Van der Straaten.</p> - -<p>»Nun denn, so beginne.«</p> - -<p>»Gut. So proponier' ich Aal und Gurkensalat … Zugestanden?«</p> - -<p>»Ja,« stimmte der Chorus ein.</p> - -<p>»Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln … Zugestanden?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -wichtig genug. Ich hätte der Lösung derselben, mit -Unterstützung Ehms und unsres Wagenkastens, vorgreifen können, -aber ich verabscheue Landpartien mit mitgeschlepptem -Weinkeller. Erstens kränkt man die Leute, bei denen man doch -gewissermaßen immer noch zu Gaste geht, und zweitens bleibt -man in dem Kreise des Althergebrachten, aus dem man ja gerade -heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag' ich. -Nicht um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, -um die Sitten und Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher -auch die Lokalspenden ihrer Dorf- und Gauschaften kennen -zu lernen. Und da wir hier nicht im Lande Kanaan weilen, -wo Kaleb die große Traube trug, so stimm' ich für das landesübliche -Produkt dieser Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein -Geld kein Schweizer; keine Weiße kein Stralow. Ich wette, -daß selbst Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat. -Und nun geh' Arnold. Und für Anastasia einen Anisette … -Kühle Blonde! Ob wohl unsere Blondine zwischen Tisch und -Schapp in diese Kategorie fällt?«</p> - -<p>Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden -Sonne zugesehn und auf dem gebrechlichen Wasserstege, -nach Art eines Turners, der zum Hocksprung ansetzt, -seine Knie gebogen und wieder angestrafft. Alles mechanisch -und gedankenlos. Plötzlich aber, während er noch so hin und -her wippte, knackte das Brett und brach, und nur der Geistesgegenwart, -mit der er nach einem der Pfähle griff, mocht' er -es zuschreiben, daß er nicht in das gerad' an dieser Dampfschiffanlegestelle -sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen -schrien laut auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich -selbst Gerettete mit einem gewissen Siegeslächeln erschien, -das unter den sich jagenden Vorwürfen von »Tollkühnheit«<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -und »Gleichgültigkeit gegen die Gefühle seiner Mitmenschen« -eher wuchs als schwand.</p> - -<p>Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen, -ohne von einer Fülle von Kommentaren und Hypothesen -begleitet zu werden, in denen die Wörter »wenn« und -»was« die Hauptrolle spielten und endlos wiederkehrten. -<em class="gesperrt">Was</em> würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht -rechtzeitig ergriffen hätte? <em class="gesperrt">Was</em>, wenn er trotzdem hineingefallen, -endlich <em class="gesperrt">was</em>, wenn er nicht zufällig ein guter Schwimmer -gewesen wäre?</p> - -<p>Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wieder gewonnen -hatte, behauptete, daß Van der Straaten unter allen Umständen -hätte nachspringen müssen, und zwar erstens als Urheber -der Partie, zweitens als resoluter Mann und drittens -als Kommerzienrat, von denen, allen historischen Aufzeichnungen -nach, noch keiner ertrunken wäre. Selbst bei der Sintflut nicht.</p> - -<p>Van der Straaten liebte nichts mehr, als solche Neckereien -seiner Frau, verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute -Heldentum, gegen alle daraus zu ziehenden Konsequenzen.</p> - -<p>Er halte weder zu der alten Firma Leander, noch zu der -neuen des Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem -was Heroismus angehe, ganz zu der Schule seines Freundes -Heine, der, bei jeder Gelegenheit, seiner äußersten Abneigung -gegen tragische Manieren einen ehrlichen und unumwundenen -Ausdruck gegeben habe.</p> - -<p>»Aber,« entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind -doch nun mal gerade <em class="gesperrt">das</em>, was wir Frauen von euch verlangen.«</p> - -<p>»Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte Van der Straaten.<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -»Lustige Manieren verlangt ihr und einen jungen Fant, der -euch beim Zwirnwickeln die Docke hält und auf ein Fußkissen -niederkniet, darauf sonderbarerweise jedesmal ein kleines Hündchen -gestickt ist. Mutmaßlich als Symbol der Treue. Und dann -seufzt er, der Adorante, der betende Knabe, und macht Augen -und versichert euch seiner innigsten Teilnahme. Denn ihr -<em class="gesperrt">müßtet</em> unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen und Pause. -Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer -seien gut), aber <em class="antiqua">enfin</em>, ein Mann müsse nicht bloß gut sein, -ein Mann müsse seine Frau <em class="gesperrt">verstehen</em>. Darauf komm' es an, -sonst sei die Ehe niedrig, so niedrig, mehr als niedrig. Und -dann seufzt er zum drittenmal. Und wenn der Zwirn endlich -abgewickelt ist, was natürlich solange wie möglich dauert, so -glaubt ihr es auch. Denn jede von euch ist wenigstens für einen -indischen Prinzen oder für einen Schah von Persien geboren. -Allein schon wegen der Teppiche.«</p> - -<p>Melanie hatte während dieser echt Van der Straatenschen -Expektoration ihren Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und -mit einem Anfluge von Hochmut: »Ich weiß nicht, Ezel, warum -du beständig von Zwirn sprichst. Ich wickle Seide.«</p> - -<p>Sehr wahrscheinlich, daß es dieser Bemerkung an einer -spitzen Replik nicht gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine -dralle, kurzärmelige Magd erschienen und auf Augenblicke hin -der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden wäre. -Schon um des virtuosen Puffs und Knalls willen, womit sie, wie -zum Debüt, ihr Tischtuch auseinanderschlug. Und sehr bald -nach ihr erschienen denn auch die dampfenden Schüsseln und -die hohen Weißbierstangen, und selbst der Anisette für Anastasia -war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich -der lebens- und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Damenstellung zur Anisette-Frage rechtzeitig erinnert hatte. -Und in der Tat, er mußte lächeln (und Van der Straaten mit -ihm), als er gleich nach dem Erscheinen des Tabletts auch -Riekchen nippen und ihre Eulenaugen immer größer und freundlicher -werden sah.</p> - -<p>Inzwischen war es dämmerig geworden und mit der -Dämmerung kam die Kühle. Gabler und Elimar erhoben sich, -um aus dem Wagen eine Welt von Decken und Tüchern heranzuschleppen, -und Melanie, nachdem sie den schwarz- und weißgestreiften -Burnus umgenommen und die Kapuze kokett in die -Höhe geschlagen hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der -Seidenpuscheln hing ihr in die Stirn und bewegte sich hin und -her, wenn sie sprach, oder dem Gespräche der andern lebhaft -folgte. Und dieses Gespräch, das sich bis dahin medisierend -um die Gryczinskis und vor allem auch um den Polizeirat -und die neue, katilinarische Verschwörung gedreht hatte, fing -endlich an sich näherliegenden und zugleich auch harmloseren -Thematas zuzuwenden, beispielsweise wie hell der »Wagen« -am Himmel stünde.</p> - -<p>»Fast so hell wie der große Bär,« schaltete Riekchen ein, -die nicht fest in der Himmelskunde war. Und nun entsann -man sich, daß dies gerade die Sternschnuppennächte wären, auf -welche Mitteilung hin Van der Straaten nicht nur die fallenden -Sterne zu zählen anfing, sondern sich schließlich auch bis zu -dem Satze steigerte, »daß alles in der Welt eigentlich nur des -Fallens wegen da sei: die Sterne, die Engel, und nur die Frauen -nicht.«</p> - -<p>Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten -Van der Straaten, und nachdem noch eine ganze Weile gezählt -und gestritten und der Abend inzwischen immer kälter<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -geworden war, einigte man sich dahin, daß es zur Bekämpfung -dieser Polarzustände nur ein einzig erdenkbares Mittel gäbe: -eine Glühweinbowle. Van der Straaten selbst machte den -Vorschlag und definierte: »Glühwein ist diejenige Form des -Weines, in der der Wein nichts und das Gewürznägelchen alles -bedeutet,« auf welche Definition hin es gewagt und die Bestellung -gemacht wurde. Und siehe da, nach verhältnismäßig -kurzer Zeit schon, erschien auch die blonde Wirtin in Person, -um die Bowle vorsorglich inmitten des Tisches niederzusetzen.</p> - -<p>Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter -Lachen all der aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste -den warmen und erquicklichen Dampf einsogen. Ein reizender -blonder Junge war mit ihr gekommen und hielt sich an der -Schürze der Mutter fest.</p> - -<p>»Ihre?« fragte Van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.</p> - -<p>»Na, wen sonst,« antwortete die Blondine nüchtern und -suchte mit Rubehn über den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. -Als es aber mißlang, ergriff sie die blonden Locken ihres Jungen, -spielte damit und sagte: »Komm, Pauleken. Die Herrschaften -sind lieber alleine.«</p> - -<p>Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich -rief er: »Gott sei Dank, nun hab' ich's. Ich wußte doch, -ich hatte sie schon gesehn. Irgendwo. Triumphzug des -Germanikus; Thusnelda, wie sie leibt und lebt.«</p> - -<p>»Ich kann es nicht finden,« erwiderte Van der Straaten, -der ein Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht -in Verhältnissen und Leibesumfängen, immer vorausgesetzt, -daß man von solchen Dingen in Gegenwart unserer Damen -sprechen darf. Aber Anastasia wird es verzeihen, und um den<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei Piloty gibt sich -Thumelikus noch als ein Werdender, während wir ihn hier bereits -an der Schürze seiner Mutter hatten. An der weißesten -Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiß wie Schnee -und weißer noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.«</p> - -<p>Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen -Singsangmanier von ihm gesprochen worden, und Rubehn, -dem es mißfiel, wandte sich ab und blickte nach links hin auf -den von Lichtern überblitzten Strom. Melanie sah es und das -Blut schoß ihr zu Kopf, wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und -Redeweise hatte sie, durch all die Jahre hin, viel Hunderte von -Malen in Verlegenheit gebracht, auch wohl in bittere Verlegenheiten, -aber dabei war es geblieben. Heute zum ersten -Male schämte sie sich seiner.</p> - -<p>Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung -und klammerte sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff, -in der an und für sich ganz richtigen Erkenntnis, -etwas Besseres für seine Spezialansprüche nicht finden zu -können.</p> - -<p>»Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist? Höher hinauf, -meine Freunde. Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, -Venus Spreavensis, frisch aus demselben Wasser gestiegen, -das uns eben erst unsern teuren Elimar zu rauben trachtete. -Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, -sag' ich. Aber so mich nicht alles täuscht, haben wir -hier <em class="gesperrt">mehr</em>, meine Freunde. Wir haben hier, wenn ich richtig -beobachtet oder sagen wir, wenn ich richtig geahnt habe, eine -Vermählung von Modernem und Antikem: Venus Spreavensis -und Venus Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum' es ein. -Aber in Griechisch und Musik darf man alles sagen. Nicht wahr,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Außerdem entsinn' ich mich, -zu meiner Rechtfertigung, eines wundervollen Kallipygosepigramms -… Nein, nicht Epigramms … Wie heißt etwas -Zweizeiliges, was sich nicht reimt …«</p> - -<p>»Distichon.«</p> - -<p>»Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons … bah, -da hab' ich es vergessen … Melanie, wie war es doch? Du -sagtest es damals so gut und lachtest so herzlich. Und nun hast -du's auch vergessen. Oder <em class="gesperrt">willst</em> du's bloß vergessen haben? -… Ich bitte dich … Ich hasse das … Besinne dich. Es -war etwas von Pfirsichpflaum und ich sagte noch ›man fühl' -ihn ordentlich‹. Und du fandst es auch und stimmtest mit ein -… Aber die Gläser sind ja leer …«</p> - -<p>»Und ich denke, wir lassen sie leer,« sagte Melanie scharf -und wechselte die Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm -auf- und zumachte. »Ich denke, wir lassen sie leer. Es -ist ohnehin Glühwein. Und wenn wir noch hinüber wollen, -so wird es Zeit sein, <em class="gesperrt">hohe</em> Zeit,« und sie betonte das Wort.</p> - -<p>»Ich bin es zufrieden,« entgegnete Van der Straaten, -aber in einem Tone, der nur allzu deutlich erkennen ließ, daß -seine gute Stimmung in ihr Gegenteil umzuschlagen begann. -»Ich bin es zufrieden und bedauere nur, allem Anscheine nach, -wieder einmal Anstoß gegeben und das adlige Haus de Caparoux -in seinen höheren Aspirationen verschnupft zu haben. Es ist -immer das alte Lied, das ich nicht gerne höre. <em class="gesperrt">Wenn</em> ich es -aber hören will, so lad' ich mir meinen Schwager-Major zu -Tische, der ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und -der Langenweile. Heute fehlt er hier und ich hätte gern darauf -verzichtet, ihn durch seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen. -Ich hasse Prüderien und jene Prätensionen höherer Sittlichkeit,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -hinter denen nichts steckt. Im günstigsten Falle nichts steckt. -Ich darf das sagen und jedenfalls <em class="gesperrt">will</em> ich es sagen, und was -ich gesagt habe, das habe ich gesagt.«</p> - -<p>Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, -wieder einzulenken, mißlang, und in ziemlich geschäftsmäßigem, -wenn auch freilich wieder ruhiger gewordenem Tone wurden -alle noch nötigen Verabredungen zur Überfahrt nach Treptow -in zwei kleinen Booten getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung -der nächsten Brücke, die Herrschaften am andern Ufer -erwarten. Alles stimmte zu, mit Ausnahme von Fräulein -Riekchen, die verlegen erklärte, »daß Bootschaukeln, von klein -auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich Van der Straaten -in einem Anfalle von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube -zurückbleiben und das Anlegen des nächsten, vom »Eierhäuschen« -her erwarteten Dampfschiffes abpassen zu wollen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap10">10<br /> -Wohin treiben wir?</h2> -</div> - -<p class="drop">Es währte nicht lange, so steuerten von einer dunklen, -etwas weiter flußaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei -Jollen auf das Floß zu, jede mit einer Stocklaterne vorn an -Bord. In der kleineren saß derselbe Junge, der schon am Nachmittage -die Reifen auf die Kirchhofswiese hinausgetragen hatte, -während die größere Jolle, leer und bloß angekettet, im Fahrwasser -der anderen nachschwamm. Es gab einen hübschen -Anblick, und kaum daß die beiden Fahrzeuge lagen, so stiegen -auch, vom Floß aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: -Rubehn und Melanie in das kleinere, die beiden Maler und -Anastasia in das größere Boot, eine Verteilung, die sich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -von selber machte, weil Elimar und Gabler gute Kahnfahrer -waren und jeder anderweitigen Führung entbehren konnten. -Sie nahmen denn auch die Tete und der Junge mit der kleineren -Jolle folgte.</p> - -<p>Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte -dann zu dem Fräulein: »Es ist mir ganz lieb, Riekchen, daß -wir zurückgeblieben sind und auf das Dampfschiff warten -müssen. Ich habe Sie schon immer fragen wollen, wie gefällt -Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht viel, und -wer nicht viel spricht, der beobachtet gut.«</p> - -<p>»O, er gefällt mir.«</p> - -<p>»Und <em class="gesperrt">mir</em> gefällt es, Riekchen, daß er Ihnen gefällt. Nur -das ›o‹ beklag' ich, denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, -und ›o, er gefällt mir‹, ist eigentlich nicht viel besser, als ›o, -er gefällt mir <em class="gesperrt">nicht</em>‹. Sie sehen, ich lasse Sie nicht wieder los. -Also nur immer tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur o? -Woran liegt es? Wo fehlt es? Mißtrauen Sie seinen Dragonerreserveleutnants-Allüren? -Ist er Ihnen zu kavaliermäßig oder -zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still, zu bescheiden oder -zu stolz, zu warm oder zu kalt?«</p> - -<p>»Damit möchten Sie's getroffen haben.«</p> - -<p>»Womit?«</p> - -<p>»Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das -erstemal sah, hatt' ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll -so gut wie Anastasia. Natürlich nicht. Anastasia singt und ist -exzentrisch und will einen Mann haben.«</p> - -<p>»Will jede.«</p> - -<p>»Ich auch?« lachte die Kleine.</p> - -<p>»Wer weiß, Riekchen.«</p> - -<p>»… Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -Veranda, gleich nach dem zweiten Frühstück, wir hatten eben -die blauen Milchsatten zurückgeschoben, und es ist mir, als wär' -es gestern gewesen. Da kam der alte Teichgräber und brachte -seine Karte. Und dann kam er selbst. Nun, er hat etwas Distinguiertes -und man sieht auf den ersten Blick, daß er die kleine -Not des Lebens nicht kennen gelernt hat. Und das ist immer -hübsch und das Hübsche davon soll ihm unbenommen sein. -Er hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage was -Reserviertes, so hab' ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein -ist gut und schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt' -ich, es sei die kleine gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, -auch den Mann von Welt, und er werd' es ablegen. Aber -bald konnt' ich sehen, daß es nicht Scheu war. Nein, ganz im -Gegenteil. Es ist Selbstbewußtsein. Er hat etwas amerikanisch -Sicheres. Und so sicher er ist, so kalt ist er auch.«</p> - -<p>»Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht -der Platz, um Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.«</p> - -<p>»Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider -<em class="gesperrt">ver</em>lernen.«</p> - -<p>»Verlernen?« lachte Van der Straaten. »Ich bitte Sie, -Riekchen, er ist ja ein Frankfurter!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Während dieses Gespräch in dem Glassalon geführt wurde, -steuerten die beiden Boote der Mitte des Stromes zu. Auf -dem größeren war Scherz und Lachen, aber auf dem kleineren, -das folgte, schwieg alles und Melanie beugte sich über den -Rand und ließ das Wasser durch ihre Finger plätschern.</p> - -<p>»Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen -Freundin?«</p> - -<p>»Es kühlt. Und ich hab' es so heiß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>»So legen Sie den Burnus ab« … Und er erhob sich, -um ihr behilflich zu sein.</p> - -<p>»Nein,« sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.« -Und er sah nun, daß sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte.</p> - -<p>Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach -und horchten auf die Lieder, die von dorther herüberklangen. -Erst war es »<em class="antiqua">Long, long ago</em>« und immer wenn der Refrain -kam, summte Melanie die Zeile mit. Und nun lachten sie -drüben, und neue Lieder wurden intoniert und ebenso rasch -wieder verworfen, bis man sich endlich über eines geeinigt zu -haben schien. »O säh' ich auf der Heide dort.« Und wirklich, -sie hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie -sang nicht leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer -Stimme ihre Bewegung zu verraten.</p> - -<p>Und nun waren sie mitten auf dem Strom, außer Hörweite -von den Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide -fuhr, zog mit einem Ruck die Ruder ein und legte sich bequem -ins Boot nieder und ließ es treiben.</p> - -<p>»Er sieht auch zu den Sternen auf,« sagte Rubehn.</p> - -<p>»Und zählt, wie viele fallen,« lachte Melanie bitter. »Aber -Sie dürfen mich nicht so verwundert ansehen, lieber Freund, -als ob ich etwas Besonderes gesagt hätte. Das ist ja, wie Sie -wissen, oder wenigstens seit <em class="gesperrt">heute</em> wissen müssen, der Ton -unsres Hauses. Ein bißchen spitz, ein bißchen zweideutig und -immer unpassend. Ich befleißige mich der Ausdrucksweise meines -Mannes. Aber freilich ich bleibe hinter ihm zurück. Er ist eben -unerreichbar und weiß so wundervoll alles zu treffen, was -kränkt und bloßstellt und beschämt.«</p> - -<p>»Sie dürfen sich nicht verbittern.«</p> - -<p>»Ich verbittere mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -weil ich es bin und es los sein möchte, deshalb sprech' ich so. -Van der Straaten …«</p> - -<p>»Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub' ich … -Und er ist gut.«</p> - -<p>»Und er ist gut,« wiederholte Melanie heftig und in beinahe -krampfhafter Heiterkeit. »Alle Männer sind gut! … -Und nun fehlt nur noch der Zwirnwickel und das Fußkissen -mit dem Symbol der Treue darauf, so haben wir alles wieder -beisammen. O Freund, wie konnten Sie nur <em class="gesperrt">das</em> sagen, und um -ihn zu rechtfertigen so ganz in seinen Ton verfallen!«</p> - -<p>»Ich würde durch jeden Ton Anstoß gegeben haben.«</p> - -<p>»Vielleicht … Oder sagen wir lieber gewiß. Denn es -war zu viel, dieser ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter -vier Augen gehören, und das kaum. Aber er kennt kein Geheimnis, -weil ihm nichts des Geheimnisses wert dünkt. Weil -ihm nichts heilig ist. Und wer anders denkt, ist scheinheilig oder -lächerlich. Und das vor Ihnen …«</p> - -<p>Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte.</p> - -<p>Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten -um sie her, und das Boot schaukelte leis und trieb im Strom -und in Melanies Herzen erklang es immer lauter: wohin -treiben wir?</p> - -<p>Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben -Frage beunruhigt worden wäre, denn er sprang plötzlich auf -und sah sich um, und wahrnehmend, daß sie weit über die rechte -Stelle hinaus waren, griff er jetzt mit beiden Rudern ein und -warf die Jolle nach linksherum, um so schnell wie möglich -aus der Strömung heraus und dem andern Ufer wieder näher -zu kommen. Und sieh, es gelang ihm auch, und ehe fünf Minuten -um waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern erhellten<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -Baumgruppen des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie -hörten Anastasias Lachen auf dem vorauffahrenden Boot. Und -nun schwieg das Lachen und das Singen begann wieder. Aber -es war ein andres Lied und über das Wasser hin klang es -»Rothtraut, Schön-Rothtraut«, erst laut und jubelnd, bis es -schwermütig in die Worte verklang: »Schweig stille, mein -Herze.«</p> - -<p>»Schweig stille, mein Herze,« wiederholte Rubehn und sagte -leise »soll es?«</p> - -<p>Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, -an dem Elimar und Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit -warteten. Und gleich darauf kam auch das Dampfschiff, und -Riekchen und Van der Straaten stiegen aus. Er heiter und -gesprächig.</p> - -<p>Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den -Abend gestört hatte, vollkommen vergessen zu haben.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap11">11<br /> -Zum Minister</h2> -</div> - -<p class="drop">»Wohin treiben wir?« hatte es in Melanies Herzen gefragt -und die Frage war ihr unvergessen geblieben. Aber der -fieberhaften Erregung jener Stunde hatte sie sich entschlagen, -und in den Tagen, die folgten, war ihr die Herrschaft über sich -selbst zurückgekehrt.</p> - -<p>Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen -Augenblick zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn -am Gitter draußen halten und gleich darauf auf die Veranda -zukommen sah. Sie ging ihm wie gewöhnlich einen Schritt -entgegen und sagte: »Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen!<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Sonst sahen wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal -eine Woche vergehen lassen, fast eine Woche. Aber die Strafe -folgt Ihnen auf dem Fuße. Sie treffen nur Anastasia und mich. -Unser Riekchen, das Sie ja zu schätzen wissen (wenn auch -freilich nicht genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen -und erzieht sieben kleine Vettern auf dem Lande. Lauter -Jungen und lauter Sawatzkis, und in ihren übermütigsten -Stunden auch mutmaßlich lauter Sattler von der Hölle.«</p> - -<p>»Sagen wir lieber gewiß. Und dazu Riekchen als Präzeptor -und Regente. Muß das eine Zügelführung sein!«</p> - -<p>»O, Sie verkennen sie; sie weiß sich in Respekt zu setzen.«</p> - -<p>»Und doch möcht' ich die Verzweiflung des Gärtners über -zertretene Rabatten und die des Försters über angerichteten -Wildschaden nicht mit Augen sehn. Denn ein kleiner Junker -schießt alles, was kreucht und fleucht. Und nun gar sieben. -Aber ich vergesse, mich meines Auftrages zu entledigen. Van -der Straaten … Ihr Herr Gemahl … bittet, ihn zu Tisch -<em class="gesperrt">nicht</em> erwarten zu wollen. Er ist zum Minister befohlen und -zwar in Sachen einer Enquete. Freilich erst morgen. Aber -heute hat er das Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine -gnädigste Frau, es gibt jetzt nur noch Enqueten.«</p> - -<p>»Es gibt nur noch Enqueten, aber es gibt keine gnädigste -Frauen mehr. Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen -uns. Eine Gnädigste bin ich überhaupt nur bei Gryczinskis. -Ich bin Ihre gute Freundin und weiter nichts. Nicht wahr?« -Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und küßte. »Und ich -will nicht,« fuhr sie fort, »daß wir diese sechs Tage nur gelebt -haben, um unsre Freundschaft um ebenso viele Wochen zurück -zu datieren. Also nichts mehr von einer ›gnädigsten Frau‹.« -Und dabei zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an den Abend, -der nur zu deutlich vor ihrer Seele stand.</p> - -<p>»Ja, lieber Freund,« nahm sie nach einer kurzen Pause -wieder das Wort, »ich mußte das zwischen uns klar machen. -Und da wir einmal beim Klarmachen sind, so muß auch noch -ein andres heraus, auch etwas Persönliches und Diffiziles. Ich -muß Ihnen nämlich endlich einen Namen geben. Denn Sie -haben eigentlich keinen Namen, oder wenigstens keinen, der -zu brauchen wäre.«</p> - -<p>»Ich dächte doch …« sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge -von Verlegenheit und Mißstimmung.</p> - -<p>»Ich dächte doch,« wiederholte Melanie und lachte. »Daß -doch auch die Klugen und Klügsten auf <em class="gesperrt">diesen</em> Punkt hin -immer empfindlich sind! Aber ich bitte Sie, sich aller Empfindlichkeiten -entschlagen zu wollen. Sie sollen selbst entscheiden. -Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen die Frage: -ob Ebenezer ein Name ist? Ich meine ein Name fürs Haus, -fürs Geplauder, für die Causerie, die doch nun mal unser Bestes -ist! Ebenezer! O Sie dürfen nicht so bös aussehen. Ebenezer -ist ein Name für einen Hohenpriester oder für einen, der's -werden will, und ich seh' ihn ordentlich, wie er das Opfermesser -schwingt. Und sehen Sie, davor schaudert mir. Ebenezer ist -<em class="antiqua">au fond</em> nicht besser als Aaron. Und es ist auch nichts daraus -zu machen. Aus Ezechiel habe ich mir einen Ezel glücklich -kondensiert. Aber Ebenezer!«</p> - -<p>Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte -dann: »Ich wüßte schon eine Hilfe.«</p> - -<p>»O, die weiß ich auch. Und ich könnte sogar alles in einen -allgemeinen und fast nach Grammatik klingenden Satz bringen. -Und dieser Satz würde sein: Um- und Rückformung des abstrusen<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Familiennamens Rubehn in den alten, mir immer lieb -gewesenen Vornamen Ruben.«</p> - -<p>»Und das wollt' ich auch sagen,« eiferte Anastasia.</p> - -<p>»Aber ich <em class="gesperrt">hab'</em> es gesagt.«</p> - -<p>Und in diesem Prioritätsstreite scherzte sich Melanie mehr -und mehr in den Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr -endlich, gegen Rubehn gewendet, fort: »Und wissen Sie, lieber -Freund, daß mir diese Namensgebung wirklich etwas bedeutet? -Ruben, um es zu wiederholen, war mir von jeher der Sympathischste -von den Zwölfen. Er hatte das Hochherzige, das -sich immer bei dem Ältesten findet, einfach weil er der Älteste -ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die natürliche -Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor Mesquinerie -und Intrigue.«</p> - -<p>»Jeder Erstgeborene wird Ihnen für diese Verherrlichung -dankbar sein müssen, und jeder Ruben erst recht. Und doch -gesteh' ich Ihnen offen, ich hätt' unter den Zwölfen eine andere -Wahl getroffen.«</p> - -<p>»Aber gewiß keine bessere. Und ich hoff' es Ihnen beweisen -zu können. Über die sechs Halblegitimen ist weiter -kein Wort zu verlieren; Sie nicken, sind also einverstanden. -Und so nehmen wir denn, als erstes Betrachtungsobjekt, die -Nestküken der Familie, die Muttersöhnchen. Es wird so viel -von ihnen gemacht, aber Sie werden mir zustimmen, daß die -spätere ägyptische Exzellenz nicht so ganz ohne Not in die -Zisterne gesteckt worden ist. Er war einfach ein <em class="antiqua">enfant terrible</em>. -Und nun gar der Jüngste! Verwöhnt und verzogen. Ich habe -selbst ein Jüngstes und weiß etwas davon zu sagen … Und so -bleiben uns denn wirklich nur die vier alten Grognards von -der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre Meriten. Aber doch<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der Levit, und in -dem Juda das Königtum, – ein Stückchen Illoyalität, das -Sie mir als freier Schweizerin zugute halten müssen. Und -so sehen wir uns denn vor den Rest gestellt, vor die beiden -letzten, die natürlich die beiden ersten sind. <em class="antiqua">Eh bien</em>, ich will -nicht mäkeln und feilschen und will dem Simeon lassen, was -ihm zukommt. Er war ein Charakter und als solcher wollt' er -dem Jungen ans Leben. Charaktere sind nie für halbe Maßregeln. -Aber da trat Ruben dazwischen, <em class="gesperrt">mein</em> Ruben, und -rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er -war gefühlvoll und mitleidig und hochherzig. Und was Schwäche -war, darüber sag' ich nichts. Er hatte die Fehler seiner Tugenden, -wie wir alle. Das war es und weiter nichts. Und deshalb -Ruben und immer wieder Ruben. Und kein Appell und kein -Refus. Anastasia, brich einen Tauf- und Krönungszweig ab, -da von der Esche drüben. Wir können sie dann die Ruben-Esche -nennen.«</p> - -<p>Und dieses scherzhafte Geplauder würde sich mutmaßlich -noch fortgesetzt haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke -der wohlbekannte, zweirädrige Gig sichtbar geworden wäre, -von dessen turmhohem Sitze herab Van der Straaten über -das Gitter weg mit der Peitsche salutierte. Und nun hielt -das Gefährt, und der Enqueten-Kommerzienrat erschien in -der Veranda, strahlend von Glück und freudiger Erregung. -Er küßte Melanie die Stirn und versicherte einmal über das -andere, daß er sich's nicht habe versagen wollen, die freie -halbe Stunde bis zum ministeriellen Diner <em class="antiqua">au sein de sa -famille</em> zu verbringen.</p> - -<p>Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: »Liddi, -Liddi. Rasch. Antreten. Immer flink. Und Heth auch; das<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -Stiefkind, die Kleine, die vernachlässigt wird, weil sie mir -ähnlich sieht …«</p> - -<p>»Und von der ich eben erzählt habe, daß sie grenzenlos verwöhnt -würde.«</p> - -<p>Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glückliche -Vater nahm ein elegantes Tütchen mit papierenem Spitzenbesatz -aus der Tasche und hielt es Lydia hin. Diese nahm's -und gab es an die Kleine weiter. »Da Heth.«</p> - -<p>»Magst du nicht?« fragte Van der Straaten. »Sieh -doch erst nach. Es sind ja Pralines. Und noch dazu von -Sarotti.«</p> - -<p>Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinüber -und sagte: »Tüten sind für Kinder. Ich mag nicht.«</p> - -<p>Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fühlte, daß -er der Grund dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes -nahm die kleine Heth auf den Schoß und sagte: »Du bist deines -Vaters Kind. Ohne Faxen und Haberei. Lydia spielt schon -die de Caparoux.«</p> - -<p>»Laß sie,« sagte Melanie.</p> - -<p>»Ich werde sie lassen <em class="gesperrt">müssen</em>. Und sonderbar zu sagen, -ich hasse die Vornehmheitsallüren eigentlich nur für mich selbst. -In meiner Familie sind sie mir ganz recht, wenigstens gelegentlich, -abgesehen davon, daß sich auch für meine Person -allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn in meiner Eigenschaft -als Mitglied einer Enquetenkommission hab' ich die Verpflichtung -höherer gesellschaftlicher Formen übernommen, und -geht das so weiter, Melanie, so hältst du zwischen heut und sechs -Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen Händen. -In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas -mysteriös Bedeutungsvolles geschlummert.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Eine Wendung, lieber Van der Straaten, die mir vorläufig -nur wieder zeigt, wie weitab du noch von deiner neuen -Charge bist.«</p> - -<p>»Allerdings, allerdings,« lachte Van der Straaten. »Gut -Ding will Weile haben, und Rom wurde nicht an einem Tage -gebaut. Und nun sage mir, denn ich habe nur noch zehn Minuten, -wie du diesen Nachmittag zu verbringen und unsern Freund -Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage. Aber ich -kenne deine mitunter ängstliche Gleichgültigkeit gegen Tisch- -und Tafelfreuden und berechne mir in der Eile, daß deine -Bohnen und Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig -und die Kotelettes zähe sind, nicht gut über eine halbe Stunde -hinaus ausgedehnt werden können. Auch nicht unter Heranziehung -eines Desserts von Erdbeeren und Stiltonkäse. Und -so sorg' ich mich denn um euch, und zwar um so mehr, als ihr -nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder -hier zu sehn.«</p> - -<p>»Ängstige dich nicht,« entgegnete Melanie. »Es ist keine -Frage, daß wir dich schmerzlich entbehren werden. Du wirst -uns fehlen, du <em class="gesperrt">mußt</em> uns fehlen. Denn wer könnt' uns, um -nur eines zu nennen, den Hochflug deiner bilderreichen Einbildungskraft -ersetzen. Kaum, daß wir ihr zu folgen verstehn. -Und doch verbürg' ich mich für Unterbringung dieser armen, -verlorenen Stunden, die dir so viel Sorge machen. Und du -sollst sogar das Programm wissen.«</p> - -<p>»Da wär' ich neugierig.«</p> - -<p>»Erst singen wir.«</p> - -<p>»Tristan?«</p> - -<p>»Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser -Diner oder doch das, was dafür aufkommen muß. Und es wird<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -sich schon machen. Denn immer, wenn du nicht da bist, suchen -wir uns durch einen besseren Tisch und ein paar eingeschobene -süße Speisen zu trösten.«</p> - -<p>»Glaub's, glaub's. Und dann?«</p> - -<p>»Dann hab' ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir -übrigens, nach einem allerjüngsten Übereinkommen, als Rubehn -mit dem gestrichenen h, also schlechtweg als unsern Freund -Ruben vorstelle, mit den Schätzen und Schönheiten unsrer -Villa bekannt zu machen. Er ist eine Legion von Malen, wenn -auch immer noch nicht oft genug, unser lieber Gast gewesen -und kennt trotzalledem nichts von dieser ganzen Herrlichkeit, -als unser Eß- und Musikzimmer und hier draußen die Veranda -mit dem kreischenden Pfau, der ihm natürlich ein Greuel ist. -Aber er soll heute noch in seinem halb freireichsstädtischen und -halb überseeischen Hochmute gedemütigt werden. Ich habe vor, -mit deinem Obstgarten zu beginnen und dem Obstgarten das -Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen -zu lassen.«</p> - -<p>»Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner -letzten Nummer etwas erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht -mahnen läßt. Sie müssen nämlich wissen, Rubehn, was wir -letzten Sommer in dieser erbärmlichen Glaskastensammlung, -die den stolzen Namen Aquarium führt, schaudernd selbst erlebt -haben. Nicht mehr und nicht weniger als einen Ausbruch, -Eruption, und ich höre noch Anastasias Aufschrei und werd' -ihn hören bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine -der großen Glasscheiben platzt, Ursache unbekannt, wahrscheinlich -aber weil Gryczinski seinem Füsiliersäbel eine falsche -Direktive gegeben, und siehe da, ehe wir drei zählen können, -steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur handhoch unter<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln um uns -her, und ein großer Hecht umschnoppert Melanies Fußtaille -mit absichtlichster Vernachlässigung Tante Riekchens. Offenbar -also ein Kenner. Und in einem Anfalle wahnsinniger Eifersucht -hab' ich ihn schlachten lassen und seine Leber höchsteigenhändig -verzehrt.«</p> - -<p>Anastasia bestätigte die Zutreffendheit der Schilderung, und -selbst Melanie, die seit längerer Zeit ähnlichen Exkursen ihres -Gatten mit nur zu sichtlichem Widerstreben folgte, nahm heute -wieder an der allgemeinen Heiterkeit teil. Sie hatte sich schon -vorher in dem mit Rubehn geführten Gespräche derartig heraufgeschraubt, -daß sie wie geistig trunken und beinahe gleichgültig -gegen Erwägungen und Rücksichten war, die sie noch ganz -vor kurzem gequält hatten. Sie sah wieder alles von der -lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und faßte, ohne sich -Rechenschaft davon zu geben, den Entschluß, mit der ganzen -nervösen Feinfühligkeit dieser letzten Wochen ein für allemal -brechen und wieder keck und unbefangen in die Welt hinein -leben zu wollen.</p> - -<p>Van der Straaten aber, überglücklich, mit seinem Aquariumshecht -einen guten Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut -und Handschuh und versprach, auf Eile dringen zu wollen, soweit -sich, einem Minister gegenüber, überhaupt auf irgend etwas -dringen lasse.</p> - -<p>Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hörte man -das Knirschen der Räder und empfing von außen her, über -das Parkgitter hin, einen absichtlich übertriebenen Feierlichkeitsgruß, -in dem sich die ganze Bedeutung eines Mannes ausdrücken -sollte, der zum Minister fährt. Noch dazu zum Finanzminister, -der eigentlich immer ein Doppelminister ist.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<h2 id="kap12">12<br /> -Unter Palmen</h2> -</div> - -<p class="drop">Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant -und Van der Straaten gebilligt hatte. Dem -anderthalbstündigen Musizieren folgte das kleine Diner, opulenter -als gedacht, und die Sonne stand eben noch über den -Bosketts, als man sich erhob, um draußen im »Orchard« ein -zweites Dessert von den Bäumen zu pflücken.</p> - -<p>Dieser für allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes -lief, an sonnigster Stelle, neben dem Fluß entlang und bestand -aus einem anscheinend endlosen Kieswege, der nach der Spree -hin offen, nach der Parkseite hin aber von Spalierwänden eingefaßt -war. An diesen Spalieren, in kunstvollster Weise behandelt -und jeder einzelne Zweig gehegt und gepflegt, reiften -die feinsten Obstarten, während kaum minder feine Sorten -an nebenherlaufenden niederen Brettergestellen, etwa nach -Art großer Ananas-Erdbeeren, gezogen wurden.</p> - -<p>Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte -langsam und in wachsenden Abständen; Heth aber auf ihrem -Veloziped begleitete die Mama, bald weit vorauf, bald dicht -neben ihr, und wandte sich dann wieder, ohne die geringste -Ahnung davon, daß ihre rückseitige Drapierung in ein immer -komischeres und ungenierteres Fliegen und Flattern kam. -Melanie, wenn Heth die Wendung machte, suchte jedesmal -durch ein lebhafteres Sprechen über die kleine Verlegenheit -hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und -sagte: »Lassen wir doch das Kind. Es ist ja glücklich, beneidenswert -glücklich. Und Sie sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.«</p> - -<p>»Sie haben recht,« entgegnete Melanie. »Torheit und<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -nichts weiter. Unsere Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich -ist es rührend und entzückend zugleich.« Und als der kleine -Wildfang in eben diesem Augenblicke wieder heranrollte, kommandierte -sie selbst: »Rechtsum. Und nicht zu nah an die Spree! -Sehen Sie nur, wie sie hinfliegt. Solange die Welt steht, hat -keine Reiterei mit so fliegenden Fahnen angegriffen.«</p> - -<p>Unter solchem Gespräch waren sie bis an die Stelle gekommen, -wo, von der Parkseite her, ein breiter avenueartiger -Weg in den langen und schmalen Spaliergang einmündete. -Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, erhoben sich denn auch, -nach dem Vorbilde der berühmten englischen Gärten in Kew, -ein paar hohe, glasgekuppelte Palmenhäuser, an deren eines -sich ein altmodisches Treibhaus anlehnte, das, früher der Herrschaft -zugehörig, inzwischen mit all seinen Blattpflanzen und -Topfgewächsen in die Hände des alten Gärtners übergegangen -und die Grundlage zum Betrieb eines sehr einträglichen Privatgeschäftes -geworden war. Unmittelbar neben dem Treibhause -hatte der Gärtner seine Wohnung, ein nur zweifenstriges und -ganz von Efeu überwachsenes Häuschen, über das ein alter, -schrägstehender Akazienbaum seine Zweige breitete. Zwei, drei -Steinstufen führten bis in den Flur und neben diesen Stufen -stand eine Bank, deren Rücklehne von dem Efeu mit überwachsen -war.</p> - -<p>»Setzen wir uns,« sagte Melanie. »Immer vorausgesetzt, -daß wir dürfen. Denn unser alter Freund hier ist nicht immer -guter Laune. Nicht wahr, Kagelmann?«</p> - -<p>Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich häßlichen -Mann gerichtet, der, wiewohl kahlköpfig (was übrigens -die Sommermütze verdeckte) nichtsdestoweniger an beiden -Schläfen ein paar lange glatte Haarsträhnen hatte, die bis tief<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -auf die Schulter niederhingen. Alles an ihm war außer Verhältnis, -und so kam es, daß, seiner Kleinheit unerachtet, oder -vielleicht auch um dieser willen, alles zu groß an ihm erschien: -die Nase, die Ohren, die Hände. Und eigentlich auch die Augen. -Aber diese sah man nur, wenn er, was öfters geschah, die ganz -verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Gärtnerfigur: -unfreundlich, grob und habsüchtig, vor allem auch seinem -Wohltäter, dem Kommerzienrat gegenüber, und nur wenn er -die »Frau Rätin« sah, erwies er sich auffallend verbindlich und -guter Laune.</p> - -<p>So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene -»wenn wir dürfen« in bester Stimmung auf und sagte, während -er mit der Rechten (in der er einen kleinen Aurikeltopf hielt) -seine großschirmige Mütze nach hinten schob: »Jott, Frau Rätin, -ob <em class="gesperrt">Sie</em> dürfen! Solche Frau! Solche Frau wie Sie darf -allens. Un warum? Weil Ihnen allens kleid't. Un wen alles -kleid't, der darf ooch alles. Ufs kleiden kommt's an. 'S gibt -welche, die sagen, die Blumen machen dumm und simplig. Aber -daß es ufs Kleiden ankommt, so viel lernt man bei de Blumens.«</p> - -<p>»Immer mein galanter Kagelmann,« lachte Melanie. »Man -merkt doch den Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch -ist es unrecht, Kagelmann, daß Sie so geblieben sind. Ich meine, -so ledig. Ein Mann wie Sie, so frisch und gesund, und ein so -gutes Geschäft. Und reich dazu. Die Leute sagen ja, Sie hätten -ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen, Kagelmann. Ich -respektiere Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus ist -zu klein, immer vorausgesetzt, daß Sie sich noch mal anders -besinnen.«</p> - -<p>»Ja, kleen is es man. Aber vor mir is es jroß genug, das -heißt vor mir alleine. Sonst … Aber ich bin ja nu all sechzig.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p> - -<p>»Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein -Alter.«</p> - -<p>»Ne,« sagte Kagelmann. »En Alter is es eijentlich noch -nich. Un es jeht ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt -ooch noch, un die Gebrüder Benekens dragen einen ooch noch. -Aber viel mehr is es ooch nich. Un wen soll man denn -am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rätin, die so vor mir -passen, die gefallen mir nich, un die mir gefallen, die passen -wieder nich. – Ich wäre so vor dreißig oder so drum rum. -Dreißig ist jut, un dreißig zu dreißig, das stimmt ooch. Aber -sechzig in dreißig jeht nich. Un da sagt denn die Frau: borg' -ich mir einen.«</p> - -<p>Melanie lachte.</p> - -<p>Kagelmann aber fuhr fort: »Ach, Frau Kommerzienrätin, -Sie hören so was nich, un glauben jar nich, wie die Welt is un -was allens passiert. Da war hier einer drüben bei Flatows, -Cohn und Flatow, großes Ledergeschäft (un sie sollen's ja von -Amerika kriegen; na, mir is es jleich), un war ooch en Gärtner, -un war woll so sechsundfufzig. Oder vielleicht ooch erst fünfundfufzig. -Un der nahm sich ja nu so'n Madamchen, so von'n -Jahrer dreißig, un war ne Wittib, un immer janz schwarz, un -ne hübsche Person, un saß immer ins mittelste Zelt, Nummer 4, -wo Kaiser Wilhelm steht, un wo immer die Musik is mit Klavier -un Flöte. Ja, du mein Jott, was hat er gehabt? Jar nichts -hat er gehabt. Und da sitzt er nu mit seine drei Würmer, und -Madamchen is weg. Un mit wen is se weg? Mit'n Gelbschnabel, -un hatte noch keene zwanzig uff'n Rücken, un Teichgräber -sagt, er wär' erst achtzehn gewesen. Un möglich is es. Aber -ein fixer, kleiner Kerl war es, so was Italien'sches, un war -doch bloß aus Rathnow. Aber een Paar Oogen! Ich sag'<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -Ihnen, Frau Kommerzienrätin, wie'n Feuerwerk, un es war -orntlich, als ob's man so prasselte.«</p> - -<p>»Ja, das ist traurig für den Mann,« lachte Melanie. »Aber -doch am traurigsten für die Frau. Denn wenn einer <em class="gesperrt">solche</em> -Augen hat …«</p> - -<p>»Un so was is jetzt alle Tage,« schloß der Alte, der auf die -Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen -Töpfen zu stellen und zu kramen anfing.</p> - -<p>Aber Melanie ließ ihm keine Ruhe. »Alle Tage,« sagte sie. -»Natürlich, alle Tage. Natürlich, alles kommt vor. Aber das -darf einen doch nicht abhalten. Sonst könnte ja keiner mehr -heiraten und es gäbe gar kein Leben und keine Menschen mehr. -Denn ein kleiner fixer Gärtnerbursche, nu, mein Gott, der -find't sich zuletzt überall.«</p> - -<p>»Ja, Frau Kommerzienrätin, das is schon richtig. Aber mitunter -find't er sich immer und mitunter find't er sich bloß -manchmal. Heiraten! Nu ja, hübsch muß es ja sind, sonst -dhäten es nich so viele. Aber besser is besser. Un ich denke, -lieber bewahrt als beklagt.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her ein -Einspänner sichtbar und hielt, indem er eine Biegung machte, -vor der Bank, auf der Rubehn und Melanie Platz genommen -hatten. Es war ein auf niedrigen Rädern gehendes Fuhrwerk, -das den Geschäftsverkehr des kleinen Privattreibhauses mit der -Stadt vermittelte.</p> - -<p>Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem -Deichselbrette sitzenden Kutscher, und nachdem er noch einen -andern Arbeiter herbeigerufen hatte, fingen alle drei an, die -Palmenkübel abzuladen, die, trotzdem sie nur von mäßiger -Größe waren, den Rand des Wagenkastens weit überragten<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -und mit ihren dunklen Kronen, schon von fern her, den Eindruck -prächtig wehender Federbüsche gemacht hatten.</p> - -<p>Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit, -als aber schließlich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann -wieder an seine gnädige Frau und sagte, während er die zwei -größten und schönsten Palmen mit seinen Händen patschelte: -»Ja, Frau Rätin, das sind nu so meine Stammhalter, so meine -zwei Säulen vons Geschäft. Un immer unterwegs, wie'n Landbriefträger. -Man bloß noch unterwegser. Denn der hat doch'n -Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine Palmen nich. Un ich -freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich -allens mal wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter -seh ich meine Palmen die janze Woche nich.«</p> - -<p>»Aber warum nicht?«</p> - -<p>»Jott, Frau Rätin, Palme paßt immer. Un is kein Unterschied -ob Trauung oder Begräbnis. Und manche taufen auch -schon mit Palme. Und wenn ich sage Palme, na so kann ich -auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was wir <em class="antiqua">Thuja</em> -nennen. Aber Palme, versteht sich, is immer das Feinste. -Un is bloß man ein Metier, das is jrade so, janz akkurat ebenso -bei Leben und Sterben. Und is ooch immer dasselbe.«</p> - -<p>»Ah, ich versteh,« sagte Melanie. »Der Tischler.«</p> - -<p>»Nein, Frau Rätin, der Tischler nich. Er is woll auch -immer mit dabei, das is schon richtig, aber's is doch nich immer -dasselbe. Denn ein Sarg is keine Wiege nich und eine Wiege -is kein Sarg nich. Un was en richtiges Himmelbett is, nu -davon will ich jar nich erst reden …«</p> - -<p>»Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?«</p> - -<p>»Der Domchor, Frau Rätin. Der is auch immer mit dabei -un is immer dasselbe. Jradeso wie bei mir. Un er hat auch so<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -seine zwei Stammhalter, seine zwei Säulen vons Geschäft: -»'s is bestimmt in Gottes Rat« oder »Wie sie so sanft ruhn.« -Un es paßt immer un macht keinen Unterschied, ob einer abreist -oder ob einer begraben wird. Un grün is grün, un is -jradeso wie Lebensbaum und Palme.«</p> - -<p>»Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und -selber Hochzeit machen (aber nicht hier in Ihrem Efeuhause; -das ist zu klein), dann sollen Sie doch beides haben: Gesang und -Palme. Und was für Palmen! Das versprech ich Ihnen! -Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich genug. -Und aufs Feierliche kommt es an. Und dann gehen wir in -das große Treibhaus, bis dicht an die Kuppel, und machen -einen wundervollen Altar unter der allerschönsten Palme. Und -da sollen Sie getraut werden. Und oben in der Kuppel wollen -wir stehn und ein schönes Lied singen, einen Choral, ich und -Fräulein Anastasia, und Herr Rubehn hier und Herr Elimar -Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen zumute -sein, als ob Sie schon im Himmel wären und hörten die -Engel singen.«</p> - -<p>»Glaub ich, Frau Rätin. Glaub ich.«</p> - -<p>»Und zu vorläufigem Dank für all diese kommenden Herrlichkeiten -sollen Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus -führen. Denn ich weiß nicht Bescheid und kenne die Namen -nicht, und der fremde Herr hier, der ein paarmal um die Welt -herumgefahren ist und die Palmen sozusagen an der Quelle -studiert hat, will einmal sehen, was wir haben und nicht haben.«</p> - -<p>Eigentlich kam alles dieses dem Alten so wenig gelegen wie -möglich, weil er seine Kübel und Blumentöpfe noch vor Dunkelwerden -in das kleine Treibhaus hineinschaffen wollte. Er bezwang -sich aber, schob seine Mütze, wie zum Zeichen der Zustimmung,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -wieder nach hinten und sagte: »Frau Rätin haben -bloß zu befehlen.«</p> - -<p>Und nun gingen sie zwischen langen und niedrigen Backsteinöfen -hin, den bloß mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an -die Stelle, wo dieser Mittelgang in das große Palmenhaus -einmündete. Wenige Schritte noch und sie befanden sich wie -am Eingang eines Tropenwaldes und der mächtige Glasbau -wölbte sich über ihnen. Hier standen die Prachtexemplare der -Van der Straatenschen Sammlung: Palmen, Drakäen, Riesenfarren, -und eine Wendeltreppe schlängelte sich hinauf, erst bis -in die Kuppel und dann um diese selbst herum und in einer der -hohen Emporen des Langschiffes weiter.</p> - -<p>Unterwegs war nicht gesprochen worden.</p> - -<p>Als sie jetzt unter der hohen Wölbung hielten, entsann sich -Kagelmann, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich -aber wollt' er nur zurück und sagte: »Frau Rätin wissen ja -nu Bescheid un kennen die Galerie. Da wo der kleine Tisch -is un die kleinen Stühle, das ist der beste Platz, un is wie ne -Laube, un janz dicht. Un da sitzt ooch immer der Herr Kommerzienrat. -Un keiner sieht ihn. Un das hat er am liebsten.« Und -danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich aber noch einmal -um, um zu fragen, »ob er das Fräulein schicken solle?«</p> - -<p>»Gewiß, Kagelmann. Wir warten.«</p> - -<p>Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt -und stieg hinauf und eilte sich, als er oben war, der noch auf der -Wendeltreppe stehenden Melanie die Hand zu reichen. Und -nun gingen sie weiter über die kleinen klirrenden Eisenbrettchen -hin, die hier als Dielen lagen, bis sie zu der von Kagelmann -beschriebenen Stelle kamen, besser beschrieben, als er selber -wissen mochte. Wirklich, es war eine phantastisch aus Blattkronen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -gebildete Laube, fest geschlossen, und überall an den -Gurten und Ribben der Wölbung hin rankten sich Orchideen, -die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfüllten. Es atmete sich -wonnig aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es, -als ob hundert Geheimnisse sprächen, und Melanie fühlte, wie -dieser berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte. -Sie zählte jenen von äußeren Eindrücken, von Luft und Licht -abhängigen Naturen zu, die der Frische bedürfen, um selber -frisch zu sein. Über ein Schneefeld hin, bei rascher Fahrt und -scharfem Ost, – da wär' ihr der heitere Sinn, der tapfere Mut -ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe Luft -machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes -lockerte sich und löste sich und fiel.</p> - -<p>»Anastasia wird uns nicht finden.«</p> - -<p>»Ich vermisse sie nicht.«</p> - -<p>»Und doch will ich nach ihr rufen.«</p> - -<p>»Ich vermisse sie nicht,« wiederholte Rubehn und seine -Stimme zitterte. »Ich vermisse nur das Lied, das sie damals -sang, als wir im Boot über den Strom fuhren. Und nun rate.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Long, long ago …</em>«</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»O säh ich auf der Heide dort …«</p> - -<p>»Auch <em class="gesperrt">das</em> nicht, Melanie.«</p> - -<p>»Rothtraut,« sagte sie leis.</p> - -<p>Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und -kniete nieder und hielt sie fest, und sie flüsterten Worte, so heiß -und so süß, wie die Luft, die sie atmeten.</p> - -<p>Endlich aber war die Dämmerung gekommen, und breite -Schatten fielen in die Kuppel. Und als alles immer noch still -blieb, stiegen sie die Treppe hinab und tappten sich durch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -Gewirr von Palmen, erst bis in den Mittelgang und dann ins -Freie zurück.</p> - -<p>Draußen fanden sie Anastasia.</p> - -<p>»Wo du nur bliebst!« fragte Melanie befangen. »Ich habe -mich geängstigt um dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur. -Und nun hab' ich Kopfweh.«</p> - -<p>Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und -sagte nur: »Und du wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt -nicht ungestraft unter Palmen.«</p> - -<p>Melanie wurde rot bis an die Schläfe. Aber die Dunkelheit -half es ihr verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin -schon die Lichter brannten.</p> - -<p>Alle Türen und Fenster standen auf, und von den frisch -gemähten Wiesen her kam eine balsamische Luft. Anastasia -setzte sich an den Flügel und sang und neckte sich mit Rubehn, -der bemüht war, auf ihren Ton einzugehen. Aber Melanie sah -vor sich hin und schwieg und war weit fort. Auf hoher See. -Und in ihrem Herzen klang es wieder: Wohin treiben wir?!</p> - -<p>Eine Stunde später erschien Van der Straaten und rief -ihnen schon vom Korridor her in Spott und guter Laune zu: -»Ah, die Gemeinde der Heiligen! Ich würde fürchten zu stören. -Aber ich bringe gute Zeitung!«</p> - -<p>Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig -war oder sich wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in -seinem Berichte fort: »Exzellenz sehr gnädig. Alles sondiert -und abgemacht. Was noch aussteht, ist Form und Bagatelle. -Oder Sitzung und Schreiberei. Melanie, wir haben heut einen -guten Schritt vorwärts getan. Ich verrate weiter nichts. Aber -das glaub' ich sagen zu dürfen: von diesem Tag an datiert sich -eine neue Ära des Hauses Van der Straaten.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<h2 id="kap13">13<br /> -Weihnachten</h2> -</div> - -<p class="drop">Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den -unbefangenen Ton früherer Wochen anscheinend wieder -her, und was von Befangenheit blieb, wurde, die Freundin -abgerechnet, von niemandem bemerkt, am wenigsten von Van -der Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und großen Eitelkeiten -nachhing.</p> - -<p>Und so näherte sich der Herbst und der Park wurde schöner, -je mehr sich seine Blätter färbten, bis gegen Ende September -der Zeitpunkt wieder da war, der, nach altem Herkommen, -dem Aufenthalt in der Villa draußen ein Ende machte.</p> - -<p>Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war -Rubehn nicht mehr erschienen, weil allernächstliegende Pflichten -ihn an die Stadt gefesselt hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm, -von einem alten Prokuristen des Hauses begleitet, war zu rascher -Etablierung des Zweiggeschäfts herübergekommen, und ihren -gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, -in den ersten Oktobertagen eine Filiale des großen Frankfurter -Bankhauses ins Leben zu rufen.</p> - -<p>Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten -Anteil und sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger -Leitung an, daß Rubehns Besuche seltener -wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhörten. -In der Tat erschien unser neuer »Filialchef«, wie der Kommerzienrat -ihn zu nennen beliebte, nur noch an den kleinen und -kleinsten Gesellschaftstagen, und hätte wohl auch an diesen am -liebsten gefehlt. Denn es konnt' ihm nicht entgehen, und entging -ihm auch wirklich nicht, daß ihm von Reiff und Duquede,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -ganz besonders aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden -Kühle begegnet wurde. Die schöne Jacobine suchte -freilich durch halbverstohlene Freundlichkeiten alles wieder ins -gleiche zu bringen und beschwor ihn, ihres Schwagers Haus -doch nicht ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen nicht und um -Melanies willen nicht, aber jedesmal, wenn sie den Namen -nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch -und ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen -gegeben hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz -zu vermeiden oder doch auf wenige Worte zu beschränken.</p> - -<p>Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, -wenn die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden -Maler und Fräulein Anastasia zugegen waren. Dann wurde -wieder gescherzt und gelacht, wie damals in dem Stralauer -Kaffeehaus, und Van der Straaten, der mittlerweile von Besuchen, -sogar von häufigen Besuchen gehört hatte, die Rubehn -in Anastasias Wohnung gemacht haben solle, hing in Ausnutzung -dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung -nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum -Gegenstande seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht -ein, wenigstens für seine Person nicht, warum er sich eines -reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit aufgebauten -Verhältnisses nicht aufrichtig freuen solle, ja die Freude darüber -würd' ihm einfach als Pflicht erscheinen, wenn er nicht andererseits -den alten Satz wieder bewahrheitet fände, daß jedes neue -Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren werden -könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei durch seinen -Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar -vertreten, und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, -daß er in vielen Stücken er selbst geblieben, ja bei Tische sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -als eine Potenzierung seiner selbst zu erachten sei, so läge doch -gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn er wisse -wohl, daß dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt -mit Elimars innerem verzehrenden Feuer halte. Wes -Namens aber dieses Feuer sei, ob Liebe, Haß oder Eifersucht, -das wisse nur <em class="gesperrt">der</em>, der in den Abgrund sieht.</p> - -<p>In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen -Van der Straatenschen Schwärmer, von deren -Sprühfunken sonderbarerweise diejenigen am wenigsten berührt -wurden, auf die sie berechnet waren. Es lag eben alles -anders, als der kommerzienrätliche Feuerwerker annahm. -Elimar, der sich auf der Stralauer Partie weit über Wunsch -und Willen hinaus engagiert hatte, hatte durch Rubehns anscheinende -Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der -ihm viel, viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war, und -diese selbst wiederum vergaß ihr eigenes, offenbar im Niedergange -begriffenes Glück in dem Wonnegefühl, ein anderes hochinteressantes -Verhältnis unter ihren Augen und ihrem Schutze -heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr -in der Rolle der Konfidenten und, weit über das gewöhnliche -Maß hinaus mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und -Verbotenen ausgerüstet, zählte sie diese Winterwochen nicht -nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen -Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen -Vergnügens, den ihr <em class="antiqua">au fond</em> unbequemen und -widerstrebenden Van der Straaten gerade <em class="gesperrt">dann</em> am herzlichsten -belachen zu können, wenn dieser sich in seiner Sultanslaune -gemüßigt fühlte, <em class="gesperrt">sie</em> zum Gegenstand allgemeiner und natürlich -auch seiner eigenen Lachlust zu machen.</p> - -<p>In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -mehr Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden -und über das Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen -Gleichmut verlieren müssen; er gab sich aber umgekehrt einer -Vertrauensseligkeit hin, für die, bei seinem sonst soupçonnösen -und pessimistischen Charakter, jeder Schlüssel gefehlt haben -würde, wenn er nicht unter Umständen, und auch jetzt wieder, -der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten gewesen -wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge -sehend, die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere, -die klar zutage lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht, -in seinem Glücke von einem vernichtenden Schlage bedroht zu -sein, aber nicht heut und nicht morgen, und je bestimmter und -unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete, -desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart. Und -am wenigsten sah er sich von <em class="gesperrt">der</em> Seite her gefährdet, von -der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt -worden wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann -einer vorgefaßten Meinung und zwar eines künstlich konstruierten -Rubehn, der mit dem wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft, -aber in der Tat auch nur <em class="gesperrt">diese</em> hatte. Was sah -er in ihm? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind, eine ganz -und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur, die zwar -in jugendliche Torheiten verfallen, aber einen Vertrauens- und -Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne. Zum -Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es -bestritt. Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und -das Verlobungsthema mal wieder an der Reihe war, hieß es -vertraulich und gut gelaunt: »Ihr Weiber hört ja das Gras -wachsen und nun gar erst <em class="gesperrt">das</em> Gras! Ich wäre doch neugierig -zu hören, an wen er sich vertan hat. Eine Vermutung hab'<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -ich und wette zehn gegen eins, an eine Freiin vom deutschen -Uradel, etwa Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der -Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so -klug und so vorsichtig, daß ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas -zu beweisen, eben nur dazu diente, Van der Straaten in seiner -vorgefaßten Meinung immer fester zu machen.</p> - -<p>Und so kam Heiligabend und im ersten Saale der Bildergalerie -waren all unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, -um den brennenden Baum her versammelt. Elimar und Gabler -hatten es sich nicht nehmen lassen, auch ihrerseits zu der reichen -Bescherung beizusteuern: ein riesiges Puppenhaus, drei Stock -hoch, und im Souterrain eine Waschküche mit Herd und Kessel -und Rolle. Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten -und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und es unterlag alsbald -keinem Zweifel, daß das Puppenhaus den Triumph des -Abends bildete, und beide Kinder waren selig. Sogar Lydia -tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit und ließ sich von Elimar -in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er war auch -Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien -sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. -Wer aber schärfer zugesehen hätte, der hätte wohl wahrgenommen, -daß sie sich bezwang, und mitunter war es, als habe -sie geweint. Etwas unendlich Weiches und Wehmütiges lag -in dem Ausdruck ihrer Augen, und der Polizeirat sagte zu -Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie nicht schöner denn je?«</p> - -<p>»Blaß und angegriffen,« sagte dieser. »Es gibt Leute, die -blaß und angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie -wird überhaupt überschätzt, in allem, und am meisten in ihrer -Schönheit.«</p> - -<p>An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper und<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -man endete mit einem schwedischen Punsch. Alles war heiter -und guter Dinge. Melanie belebte sich wieder, gewann auch -wieder frischere Farben, und als sie Riekchen und Anastasia, -die bis zuletzt geblieben waren, bis an die Treppe geleitete, rief -sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen und herzgewinnenden -Stimme nach: »Und sieh dich vor, Riekchen. -Christel sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei bückte sie sich -über das Geländer und grüßte mit der Hand.</p> - -<p>»O, ich falle nicht,« rief die Kleine zurück. »Kleine Leute -fallen überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und -hinten gut balancieren.«</p> - -<p>Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen -sagte. Der Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht, -und sie wäre gefallen, wenn sie nicht Van der Straaten aufgefangen -und in ihr Zimmer zurückgetragen hätte. Er wollte -klingeln und nach dem Arzte schicken. Aber sie bat ihn, es zu -lassen. Es sei nichts, oder doch nichts Ernstes, oder doch nichts, -wobei der Arzt ihr helfen könne.</p> - -<p>Und dann sagte sie, was es sei.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap14">14<br /> -Entschluß</h2> -</div> - -<p class="drop">Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend -erholt, um in der Alsenstraße, wo sie seit Wochen nicht -gewesen war, einen Besuch machen zu können. Vorher aber -wollte sie bei der Madame Guichard, einer vor kurzem erst -etablierten Französin, vorsprechen, deren Konfektions und -künstliche Blumen ihr durch Anastasia gerühmt worden waren. -Van der Straaten riet ihr, weil sie noch angegriffen sei, lieber<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -den Wagen zu nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles zu -Fuß abmachen zu wollen. Und so kleidete sie sich in ihr diesjähriges -Weihnachtsgeschenk, einen Nerzpelz und ein Kastorhütchen -mit Straußenfeder, und war eben auf dem letzten -Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen von -ihrem Unwohlsein gehört hatte und nun kam, um nach ihrem -Befinden zu fragen.</p> - -<p>»Ah, wie gut, daß Sie kommen,« sagte Melanie. »Nun -hab' ich Begleitung auf meinem Gange. Van der Straaten -wollte mir seinen Wagen aufzwingen, aber ich sehne mich nach -Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich … Mir ist so bang -und schwer …«</p> - -<p>Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: »Geben -Sie mir Ihren Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber -vorher will ich Ballblumen kaufen und dahin sollen Sie mich -begleiten. Eine halbe Stunde nur. Und dann geb' ich Sie -frei, ganz frei.«</p> - -<p>»Das dürfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.«</p> - -<p>»Doch.«</p> - -<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> aber nicht freigegeben sein.«</p> - -<p>Melanie lachte. »So seid ihr. Tyrannisch und eigenmächtig -auch noch in eurer Huld, auch <em class="gesperrt">dann</em> noch, wenn ihr uns dienen -wollt. Aber kommen Sie. Sie sollen mir die Blumen aussuchen -helfen. Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack. Granatblüten, -nicht wahr?«</p> - -<p>Und so gingen sie die große Petristraße hinunter und vom -Platz aus durch ein Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der -Jägerstraße, das Geschäft der Madame Guichard entdeckten, -einen kleinen Laden, in dessen Schaufenster ein Teil ihrer -französischen Blumen ausgebreitet lag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p> - -<p>Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt -und ehe noch viele Worte gewechselt waren, war auch -schon die Wahl getroffen. In der Tat, Rubehn hatte sich für -eine Granatblütengarnitur entschieden und eine Direktrice, die -mit zugegen war, versprach alles zu schicken. Melanie selbst -aber gab der Französin ihre Karte. Diese versuchte den langen -Titel und Namen zu bewältigen, und ein Lächeln flog erst über -ihr Gesicht, als sie das »<em class="antiqua">née de Caparoux</em>« las. Ihre nicht -hübschen Züge verklärten sich plötzlich, und es war mit einem -unbeschreiblichen Ausdruck von Glück und Wehmut, daß sie -sagte: »<em class="antiqua">Madame est Française! … Ah, notre belle France.</em>«</p> - -<p>Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgültig -vorübergegangen, und als sie draußen ihres Freundes -Arm nahm, sagte sie: »Hörten Sie's wohl? <em class="antiqua">Ah, notre belle -France!</em> Wie das so sehnsüchtig klang. Ja, sie hat ein Heimweh. -Und alle haben wir's. Aber wohin? wonach? … Nach -unsrem Glück … Nach unsrem Glück! Das niemand kennt -und niemand sieht. Wie heißt es doch in dem Schubertschen -Liede?«</p> - -<p>»Da, wo du <em class="gesperrt">nicht</em> bist, ist das Glück.«</p> - -<p>»Da, wo du <em class="gesperrt">nicht</em> bist,« wiederholte Melanie.</p> - -<p>Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkürlich nach den -Augen. Aber er wandte sich wieder, weil er die Träne nicht -sehen wollte, die darin glänzte.</p> - -<p>Vor dem großen Platz, in den die Straße mündet, trennten -sie sich. Er, für sein Teil, hätte sie gern weiter begleitet, aber -sie wollt' es nicht und sagte leise: »Nein Rubehn, es war der -Begleitung schon zuviel. Wir wollen die bösen Zungen nicht vor -der Zeit herausfordern. Die bösen Zungen, von denen ich -eigentlich kein Recht habe zu sprechen. Adieu.« Und sie wandte<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -sich noch einmal und grüßte mit leichter Bewegung ihrer -Hand.</p> - -<p>Er sah ihr nach, und ein Gefühl von Schreck und ungeheurer -Verantwortlichkeit über ein durch ihn gestörtes Glück überkam -ihn und erfüllte plötzlich sein ganzes Herz. Was soll werden? -fragte er sich. Aber dann wurde der Ausdruck seiner Züge -wieder milder und heitrer, und er sagte vor sich hin: »Ich bin -nicht der Narr, der von Engeln spricht. Sie war keiner und ist -keiner. Gewiß nicht. Aber ein freundlich Menschenbild ist sie, -so freundlich, wie nur je eines über diese arme Erde gegangen -ist … Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich geglaubt habe, -viel, viel mehr, als ich je geglaubt hätte, daß ich lieben könnte. -Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen, -und ich sehe sie schon zu deinen Häupten stehen. Aber mir ist -auch, als klär' es sich dahinter. O, nur Mut, Mut!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Eine halbe Woche danach war Silvester und auf dem kleinen -Balle, den Gryczinskis gaben, war Melanie die Schönste. -Jakobine trat zurück und gönnte der älteren Schwester ihre -Triumphe. »Superbes Weib. Ägyptische Königstochter,« -schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner eminenten -Ulanenfigur aus der Provinz in die Residenz versetzt worden -war und von dem Gryczinski zu sagen pflegte: »Der geborene -Prinzessinnentänzer. Nur schade, daß es keine Prinzessinnen -mehr gibt.«</p> - -<p>Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer. -In der letzten Fensternische stand eine ganze Gruppe von -jungen Offizieren. Wensky von den Ohlauer kaffeebraunen -Husaren, enragierter Sportsman und Steeple-Chase-Reiter -(Oberschenkel dreimal an derselben Stelle gebrochen), neben<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -ihm Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berühmter Rechner, -mager und trocken wie seine Gleichungen, und zwischen beiden -Leutnant Tigris, kleiner, kräpscher Füsilieroffizier vom Regiment -Zauche-Belzig, der aus Gründen, die niemand kannte, mehrere -Jahre lang der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war -und sich seitdem für einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder -hielt. Junge Mädchen waren ihm »ridikül«. Er schob -eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte, sein an einem -kurzen Seidenbande hängendes Pincenez zurecht und sagte: -»Wensky, Sie sind ja so gut wie zu Haus hier, und eigentlich -Hahn im Korbe. Wer ist denn dieser Prachtkopf mit den Granatblüten? -Ich könnte schwören, sie schon gesehen zu haben. Aber -wo? Halb die Herzogin von Mouchy und halb die Beauffremont. -<em class="antiqua">Un teint de lys et de rose, et tout à fait distinguée.</em>«</p> - -<p>»Sie treffen es gut genug, <em class="antiqua">mon cher Tigris</em>,« lachte Wensky, -»'s ist die Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de -Caparoux.«</p> - -<p>»Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Französin. Ich konnte -mich nicht irren. Und wie sie lacht.«</p> - -<p>Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden -Tage gesehen hätte, der hätte die Beauté jenes Ballabends in -ihr nicht wieder erkannt, am wenigsten wär' er ihrem Lachen -begegnet. Sie lag leidend und abgehärmt, uneins mit sich und -der Welt, auf dem Sofa und las ein Buch, und wenn sie's -gelesen hatte, so durchblätterte sie's wieder, um sich einigermaßen -zurückzurufen was sie gelesen. Ihre Gedanken schweiften -ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber sie nahm ihn -nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde -nur leichter ums Herz, wenn sie weinen konnte.</p> - -<p>So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -und sprach, und wieder nach den Kindern und dem Haushalte -sah, schärfer und eindringlicher als sonst, war ihr der -energische Mut ihrer früheren Tage zurückgekehrt, aber nicht -die Stimmung. Sie war reizbar, heftig, bitter. Und was -schlimmer, auch kapriziös. Van der Straaten unternahm einen -Feldzug gegen diesen vielköpfigen Feind und im einzelnen nicht -ohne Glück, aber in der Hauptsache griff er fehl, und während -er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete, -war er, ihrer Kaprice gegenüber, unklugerweise darauf aus, -sie durch Zärtlichkeit besiegen zu wollen. Und das entschied -über ihn und sie. Jeder Tag wurd' ihr qualvoller, und die -sonst so stolze und siegessichere Frau, die mit dem Manne, dessen -Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab, durch viele -Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak jetzt -zusammen und geriet in ein nervöses Zittern, wenn sie von -fern her seinen Schritt auf dem Korridore hörte. Was wollte -er? Um was kam er? Und dann war es ihr, als müsse sie -fliehen und aus dem Fenster springen. Und kam er dann -wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu küssen, so sagte sie: -»Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.«</p> - -<p>Und wenn sie dann allein war, so stürzte sie fort, oft ohne -Ziel, öfter noch in Anastasiens stille, zurückgelegene Wohnung, -und wenn dann der Erwartete kam, dann brach alle Not ihres -Herzens in bittre Tränen aus und sie schluchzte und jammerte, -daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr ertragen könne. »Steh -mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich nicht lange mehr. -Ich muß fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor Scham und -Gram.«</p> - -<p>Und er war mit erschüttert und sagte: »Sprich nicht so, -Melanie. Sprich nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -willst. Ich habe dein Glück gestört (<em class="gesperrt">wenn</em> es ein Glück war) -und ich will es wieder aufbauen. Überall in der Welt, <em class="gesperrt">wie</em> -du willst und <em class="gesperrt">wo</em> du willst. Jede Stunde, jeden Tag.«</p> - -<p>Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten -eine lachende Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Pläne -wurden laut und sie trennten sich unter glücklichen Tränen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap15">15<br /> -Die Vernezobres</h2> -</div> - -<p class="drop">Und was geplant worden war, das war Flucht. Den -letzten Tag im Januar wollten sie sich an einem der -Bahnhöfe treffen, in früher Morgenstunde, und dann fahren -weit, weit in die Welt hinein, nach Süden zu, über die Alpen. -»Ja, über die Alpen,« hatte Melanie gesagt und aufgeatmet, -und es war ihr dabei gewesen, als wär' erst ein neues Leben -für sie gewonnen, wenn der große Wall der Berge trennend -und schützend hinter ihr läge. Und auch darüber war gesprochen -worden, was zu geschehen habe, wenn Van der Straaten ihr -Vorhaben etwa hindern wolle. »Das wird er nicht,« hatte -Melanie gesagt. »Und warum nicht? Er ist nicht immer der -Mann der zarten Rücksichtnahmen und liebt es mitunter, die -Welt und ihr Gerede zu brüskieren.« »Und doch wird er sich's -ersparen, sich und uns. Und wenn du wieder fragst, warum? -Weil er mich liebt. Ich hab' es ihm freilich schlecht gedankt. -Ach, Ruben, Freund, was sind wir in unserem Tun und Wollen! -Undank, Untreue … mir so verhaßt! Und doch … ich tät' -es wieder, alles, alles. Und ich will es nicht anders, als es ist.«</p> - -<p>So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die -Nacht vor dem festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu früher<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Stunde niedergelegt und ihrer alten Dienerin befohlen, sie -Punkt drei zu wecken. Auf diese konnte sie sich unbedingt verlassen, -trotzdem Christel ihren Dienstjahren, aber freilich auch -nur diesen nach, zu jenen Erbstücken des Hauses gehörte, die -sich unter Duquedes Führung in einer stillen Opposition gegen -Melanie gefielen.</p> - -<p>Und kaum daß es drei geschlagen, so war Christel da, fand -aber ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim -Ankleiden behilflich sein. Und auch das war nicht viel, denn -es zitterten ihr die Hände, und sie hatte, wie sie sich ausdrückte, -»einen Flimmer vor den Augen.« Endlich aber war doch alles -fertig, der feste Lederstiefel saß, und Melanie sagte: »So ist's -gut, Christel. Und nun gib die Handtasche her, daß wir packen -können.«</p> - -<p>Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer -Spiegelkonsole stand, und öffnete das Schloß. »Hier, das tu -hinein. Ich hab' alles aufgeschrieben.« Und Melanie riß, als -sie dies sagte, ein Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der -Alten. Diese hielt den Zettel neben das Licht und las und -schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Ach meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts … Ach -meine liebe, gute Frau, Sie sind ja …«</p> - -<p>»So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. -Aber Verwöhnung ist kein Glück. Ihr habt hier ein Sprichwort: -»Wenig mit Liebe.« Und die Leute lachen darüber. Aber über -das Wahrste wird immer gelacht. Und dann, wir gehen ja -nicht aus der Welt. Wir reisen bloß. Und auf Reisen heißt es: -Leicht Gepäck. Und sage selbst, Christel, ich kann doch nicht -mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehen. Da fehlte bloß -noch der Schmuck und die Kassette.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p>Melanie hatte, während sie so sprach, ihre Hände dicht -über das halb niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war -kalt und sie fröstelte. Jetzt setzte sie sich in einen nebenstehenden -Fauteuil und sah abwechselnd in die glühenden Kohlen und -dann wieder auf Christel, die das Wenige, was aufgeschrieben -war, in die Tasche tat und immer leise vor sich hinsprach und -weinte. Und nun war alles hinein, und sie drückte den Bügel -ins Schloß und stellte die Tasche vor Melanie nieder.</p> - -<p>So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat -Christel von hinten her an ihre junge Herrin heran und sagte: -»Jott, liebe, jnädige Frau, muß es denn … Bleiben Sie doch. -Ich bin ja bloß solche alte, dumme Person. Aber die Dummen -sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag' Ihnen, meine liebe -Jnädigste, Sie jlauben jar nich, woran sich der Mensch alles -jewöhnen kann. Jott, der Mensch jewöhnt sich an alles. Und -wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch viel aushalten. -Un vor mir wollt' ich woll einstehn. Un wie jeht es -denn? Un wie leben denn die Menschen? In jedes Haus is'n -Gespenst, sagen sie jetzt, un das is so'ne neumodsche Redensart! -Aber wahr is es. Und in manches Haus sind zweie, un -rumoren, daß man's bei hellen, lichten Dage hören kann. Un -so war es auch bei Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und -dreiundzwanzig hier. Un sieben vorher bei Vernezobres. Un -war auch Kommerzienrat un alles ebenso. Das heißt beinah.«</p> - -<p>»Und wie war es denn?« lächelte Melanie.</p> - -<p>»Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreißig un -er war fufzig. Und sie war sehr hübsch. Drall und blond, sagten -die Leute. Na, un er? Ich will jar nich sagen, was die Leute -von ihm alles gesagt haben. Aber viel Jutes war es nich … -Un natürlich, da war ja denn auch ein Baumeister, das heißt<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -eigentlich kein richtiger Baumeister, bloß einer, der immer -Brücken baut vor Eisenbahnen un so, un immer mit'n Gitter -un schräge Löcher, wo man durchkucken kann. Un der war -ja nu da un wie'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach -Saatwinkel oder Pichelsberg, un immers Jackett über'n Arm, -un Fächer un Sonnenschirm, un immer Erdbeeren gesucht un -immer verirrt un nie da, wenn die Herrschaften wieder nach -Hause wollten. Un unser Herr, der ängstigte sich un dacht' -immer, es wäre was passiert. Un was die andern waren, na, -die tuschelten.«</p> - -<p>»Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich -meine die Vernezobres,« fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit -zugehört hatte.</p> - -<p>»Natürlich blieben sie. Mal hört' ich, weil ich nebenan war, -daß er sagte: ›Hulda, das geht nicht.‹ Denn sie hieß wirklich -Hulda. Und er wollt' ihr Vorwürfe machen. Aber da kam er -ihr jrade recht. Und sie drehte den Spieß um un sagte: was -er nur wolle? Sie wolle fort. Un sie liebe ihn, das heißt den -andern, un ihn liebe sie <em class="gesperrt">nicht</em>. Un sie dächte gar nicht dran, -ihn zu lieben. Und es wär eijentlich bloß zum Lachen. Und -<em class="gesperrt">so</em> ging es weiter und sie lachte wirklich. Und ich sag' Ihnen, -da wurd' er wie'n Ohrwurm und sagte bloß: ›sie sollte sich's -doch überlegen.‹ Un so kam es denn auch, un als Ende Mai -war, da kam ja der Vernezobresche Doktor, so'n richtiger, der -alles janz genau wußte, der sagte, ›sie müßte nachs Bad,‹ -wovon ich aber den Namen immer vergesse, weil da der Wellenschlag -am stärksten ist. Un das war ja nu damals, als sie jrade -die große Hängebrücke bauten, un die Leute sagten, er könnt' -es alles am besten ausrechnen. Un was unser Kommerzienrat -war, der kam immer bloß Sonnabends. Un die Woche hatten<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -sie frei. Un als Ende August war, oder so, da kam sie wieder -und war ganz frisch un munter un hatte orntlich rote Backen, -und kajolierte ihn. Und von <em class="gesperrt">ihm</em> war gar keine Rede mehr.«</p> - -<p>Melanie hatte, während Christel sprach, ein paar Holzscheite -auf die Kohlen geworfen, so daß es wieder prasselte, und -sagte: »Du meinst es gut. Aber so geht es nicht. Ich bin doch -anders. Und wenn ich's nicht bin, so bild' ich es mir wenigstens -ein.«</p> - -<p>»Jott,« sagte Christel, »en bißchen anders is es immer. -Un sie war auch bloß von Neu-Cölln ans Wasser, un die Singuhr -immer jrade gegenüber. Aber die war nich schuld mit ›Üb' -immer Treu und Redlichkeit.‹«</p> - -<p>»Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach -drängt es jeden, jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weißt -du, man kann auch treu sein, wenn man untreu ist. Treuer -als in der Treue.«</p> - -<p>»Jott, liebe Jnädigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh -es eijentlich nich. Un das muß ich Ihnen sagen, wenn einer -so was sagt un ich versteh es nicht, denn is es immer schlimm. -Und Sie sagen, Sie sind anders. Ja, das is schon richtig, un -wenn es auch nich janz richtig is, so is es doch halb richtig. Un -was die Hauptsache is, das is, meine liebe Jnädigste, die hat -eijentlich das liebe kleine Herz auf'n rechten Fleck, un is immer -für helfen und geben, un immer für die armen Leute. Un was -die Vernezobern war, na, die putzte sich bloß, un war immer -vor'n Stehspiegel, der alles noch hübscher machte, und sah aus -wie's Modejournal und war eijentlich dumm. Wie'n Haubenstock, -sagten die Leute. Un war auch nich so was Vornehmes, -wie meine liebe Jnädigste, un bloß aus ne' Färberei, türkischrot. -Aber das muß ich Ihnen sagen, Ihrer is doch auch anders<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -als der Vernezobern ihrer war, und hat sich gar nich, un red't -immer frei weg, un kann keinen was abschlagen. Un zu Weihnachten -immer alles doppelt.«</p> - -<p>Melanie nickte.</p> - -<p>»Nu, sehen Sie, meine liebe Jnädigste, das is hübsch, daß -Sie mir zunicken, un wenn Sie mir immer wieder zunicken, -dann kann es auch alles noch wieder werden un wir packen -alles wieder aus, un Sie legen sich ins Bett un schlafen bis -an'n hellen lichten Tag. Un Klocker zwölfe bring ich Ihnen -Ihren Kaffee un Ihre Schokolade, alles gleich auf <em class="gesperrt">ein</em> Brett, -un wenn ich Ihnen dann erzähle, daß wir hier gesessen und -was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie'n -Traum. Denn dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter -Mann, ein sehr juter, un bloß ein bißchen sonderbar. Und sonderbar -is nichts Schlimmes. Und ein reicher Mann wird es doch -wohl am Ende dürfen! Un wenn ich reich wäre, ich wäre -noch viel sonderbarer. Un daß er immer so spricht un solche -Redensarten macht, als hätt' er keine Bildung nich un wäre -von'n Wedding oder so, ja, du himmlische Güte, warum soll -er nich? warum soll er nich so reden, wenn es ihm Spaß macht? -er is nu mal fürs Berlinsche. Aber is er denn nich einer? -Und am Ende …«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap16">16<br /> -Abschied</h2> -</div> - -<p class="drop">Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die -Nebenstube zurück, denn Van der Straaten war eingetreten. -Er war noch in demselben Gesellschaftsanzug, in dem -er, eine Stunde nach Mitternacht, nach Hause gekommen war<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -und seine überwachten Züge zeigten Aufregung und Ermattung. -Von welcher Seite her er Mitteilung über Melanies Vorhaben -erhalten hatte, blieb unaufgeklärt. Aus allem war nur -ersichtlich, daß er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehen zu -lassen. Und wenn er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam -zu hindern, sondern nur um Vorstellungen zu machen, -um zu bitten. Es kam nicht der empörte Mann, sondern der -liebende.</p> - -<p>Er schob einen Fauteuil an das Feuer, ließ sich nieder, so -daß er jetzt Melanie gegenübersaß, und sagte leicht und geschäftsmäßig: -»Du willst fort, Melanie?«</p> - -<p>»Ja, Ezel.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil ich einen andern liebe.«</p> - -<p>»Das ist kein Grund.«</p> - -<p>»Doch.«</p> - -<p>»Und ich sage dir, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir, -ich kenne die Frauen. Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, -auch nicht das Einerlei des Glücks. Und am verhaßtesten ist -euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet. -Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bißchen schlechtes Gewissen -habt ihr lieber, als ein gutes, das nicht prickelt, und -unter allen Sprichwörtern ist euch das vom ›besten Ruhekissen‹ -am langweiligsten und am lächerlichsten. Ihr wollt gar -nicht ruhen. Es soll euch immer was kribbeln und zwicken, -und ihr habt den überspannt sinnlichen oder meinetwegen auch -den heroischen Zug, daß ihr dem Schmerz die süße Seite abzugewinnen -wißt.«</p> - -<p>»Es ist möglich, daß du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht -hast, je mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -wirklich, wie du sagst, so wären wir geborene Hazardeurs, und -<em class="antiqua">Va banque</em> spielen so recht eigentlich unsere Natur. Und -natürlich auch die meinige.«</p> - -<p>Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm -wie aus guter, alter Zeit her, und er sagte, während er den -Fauteuil vertraulich näher rückte: »Laß uns nicht spießbürgerlich -sein, Lanni. Sie sagen, ich wär ein Bourgeois, und es -mag sein. Aber ein Spießbürger bin ich <em class="gesperrt">nicht</em>. Und wenn -ich die Dinge des Lebens nicht sehr groß und nicht sehr ideal -nehme, so nehm' ich sie doch auch nicht klein und eng. Ich bitte -dich, übereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt niedrig, aber -sie werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir einzubilden, -daß du schönes und liebenswürdiges Geschöpf, verwöhnt -und ausgezeichnet von den Klügsten und Besten, daß -du mich aus purer Neigung oder gar aus Liebesschwärmerei -genommen hättest. Du hast mich genommen, weil du noch -jung warst und noch keinen liebtest, und in deinem witzigen -und gesunden Sinn einsehen mochtest, daß die jungen Attachés -auch keine Helden und Halbgötter wären. Und weil die Firma -Van der Straaten einen guten Klang hatte. Also nichts von -Liebe. Aber du hast auch nichts <em class="gesperrt">gegen</em> mich gehabt und hast -mich nicht ganz alltäglich gefunden und hast mit mir geplaudert -und gelacht und gescherzt. Und dann hatten wir die Kinder, -die doch schließlich reizende Kinder sind, zugestanden <em class="gesperrt">dein</em> -Verdienst, und du hast <em class="antiqua">enfin</em> an die zehn Jahr in der Vorstellung -und Erfahrung gelebt, daß es nicht zu den schlimmsten -Dingen zählt, eine junge, bequem gebettete Frau zu sein und -der Augapfel ihres Mannes, eine junge, verwöhnte Frau, die -tun und lassen kann, was sie will, und als Gegenleistung nichts -andres einzusetzen braucht, als ein freundliches Gesicht, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -es ihr gerade paßt. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch -jetzt nichts, oder sag' ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts. -Denn in diesem Augenblick erscheint dir auch das Wenige, -was ich fordere, noch als zu viel. Aber es wird wieder anders, -muß wieder anders werden. Und ich wiederhole dir, ein -Minimum ist mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will -nicht, daß du mich ansehen sollst, als ob ich Leone Leoni wär' -oder irgend ein anderer großer Romanheld, dem zuliebe -die Weiber Giftbecher trinken wie Mandelmilch und lächelnd -sterben, bloß um <em class="gesperrt">ihn</em> noch einmal lächeln zu sehen. Ich bin -nicht Leone Leoni, bin bloß deutsch und von holländischer Abstraktion, -wodurch das Deutsche nicht besser wird, und habe -die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich -bewege mich nicht in Illusionen, am wenigsten über meinen -äußeren Menschen, und ich verlange keine Liebesgroßtaten von -dir. Auch nicht einmal Entsagungen. Entsagungen machen -sich zuletzt von selbst, und das sind die besten. Die besten, weil -es die freiwilligen und eben deshalb auch die dauerhaften und -zuverlässigen sind. Übereile nichts. Es wird sich alles wieder -zurechtrücken.«</p> - -<p>Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils -genommen, auf der er sich jetzt hin und her wiegte. »Und nun -noch eins, Lanni,« fuhr er fort, »ich bin nicht der Mann der -Rücksichtsnahmen und hasse diese langweiligen »Regards« auf -nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag' ich dir, nimm -Rücksicht auf dich <em class="gesperrt">selbst</em>. Es ist nicht gut, immer nur an das -zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut, -gar nicht daran zu denken. Ich hab' es an mir selbst erfahren. -Und nun überlege. Wenn du <em class="gesperrt">jetzt</em> gehst … Du weißt, was -ich meine. Du kannst jetzt nicht gehen; nicht <em class="gesperrt">jetzt</em>.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p>»Eben deshalb geh' ich, Ezel,« antwortete sie leise. »Es soll -klar zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.«</p> - -<p>Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden -Momenten auch das hören will, was einem den Tod -gibt. Und nun war es gesprochen. Er ließ den Stuhl wieder -nieder und warf sich hinein, und einen Augenblick war es ihm, -als schwänden ihm die Sinne. Aber er erholte sich rasch wieder, -rieb sich Stirn und Schläfe und sagte: »Gut. Auch das. Ich -will es verwinden. Laß uns miteinander reden. Auch darüber -reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein Lebtag. Aber -ich weiß auch, es ist so Lauf der Welt und ich habe kein Recht, -dir Moral zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir! … -Es mußte so kommen, <em class="gesperrt">mußte</em> nach dem Van der Straatenschen -Hausgesetz (warum sollen wir nicht auch ein Hausgesetz haben) -und ich glaube fast, ich wußt' es von Jugend auf.« Und nach -einer Weile fuhr er fort: »Es gibt ein Sprichwort ›Gottes -Mühlen mahlen langsam‹ und sieh, als ich noch ein kleiner -Junge war, hört' ich's oft von unserer alten Kindermuhme -und mir wurd' immer so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung. -Nun bin ich zwischen den zwei Steinen und mir -ist, als würd' ich zermahlen und zermalmt …«</p> - -<p>»Zermahlen?« Er schlug mit der rechten in die linke Hand -und wiederholte noch einmal und in plötzlich verändertem -Tone: »Zermahlen! Es hat eigentlich etwas Komisches. Und -wahrhaftig, hol' die Pest alle feigen Memmen. Ich will mich -nicht länger damit quälen. Und ich ärgere mich über mich -selbst und meine Haberei und Tuerei. Bah, die Nachmittagsprediger -der Weltgeschichte machen zu viel davon, und wir sind -dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit -Vergessen allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -wie's war und ist und sein wird. Oder war es besser -in den Tagen meines Paten Ezechiel? Oder als Adam grub -und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte Testament ein -Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und -ich sage dir, Lanni, gemessen an <em class="gesperrt">dem</em>, sind wir die reinen -Lämmchen, weiß wie Schnee. Waisenkinder. Und so höre mich -denn. Es soll niemand davon wissen, und ich will es halten, -als ob es mein eigen wäre. Deine ist es ja, und das ist die -Hauptsache. Denn so du's nicht übel nimmst, ich liebe dich -und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts sein. <em class="gesperrt">Soll</em> nicht. -Aber bleibe.«</p> - -<p>Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschüttert -gewesen, aber er selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefühl -wieder weggesprochen. Es war eben immer dasselbe Lied. -Alles, was er sagte, kam aus einem Herzen voll Gütigkeit und -Nachsicht, aber die Form, in die sich diese Nachsicht kleidete, -verletzte wieder. Er behandelte das, was vorgefallen, aller Erschütterung -unerachtet, doch bagatellmäßig obenhin und mit -einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war wohlgemeint, -und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche -nach, den Vorteil davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur -sträubte sich innerlichst gegen eine solche Behandlungsweise. -Das Geschehene, das wußte sie, war ihre Verurteilung vor der -Welt, war ihre Demütigung, aber es war doch auch zugleich -ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rückhaltlose Bekenntnis -ihrer Neigung. Und nun plötzlich sollt' es <em class="gesperrt">nichts</em> -sein, oder doch nicht viel mehr als nichts, etwas ganz Alltägliches, -über das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse. Das -widerstand ihr. Und sie fühlte deutlich, daß das Geschehene -verzeihlicher war als seine Stellung zu dem Geschehenen.<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -Er hatte keinen Gott und keinen Glauben, und es blieb nur -das eine zu seiner Entschuldigung übrig: daß sein Wunsch, ihr -goldne Brücken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich um -<em class="gesperrt">jeden</em> Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem -Herzen dachte. Ja, so war es. Aber wenn es so war, so konnte -sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen. Jedenfalls wollte -sie's nicht.</p> - -<p>»Du meinst es gut, Ezel,« sagte sie. »Aber es kann nicht -sein. Es hat eben alles seine natürliche Konsequenz, und <em class="gesperrt">die</em>, -die hier spricht, die scheidet uns. Ich weiß wohl, daß auch anderes -geschieht, jeden Tag, und es ist noch keine halbe Stunde, daß -mir Christel davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist -das Gesetz ins Herz geschrieben, und danach fühl' ich, ich muß -fort. Du liebst mich, und deshalb willst du darüber hinsehen. -Aber du darfst es nicht und du <em class="gesperrt">kannst</em> es auch nicht. Denn du -bist nicht jede Stunde derselbe, keiner von uns. Und keiner kann -vergessen. Erinnerungen aber sind mächtig, und Fleck ist Fleck, -und Schuld ist Schuld.«</p> - -<p>Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem -Kamin hin, um ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hellbrennende -Flamme zu werfen. Aber plötzlich, als ob ihr ein ganz -neuer Gedanke gekommen, sagte sie mit der ganzen Lebhaftigkeit -ihres früheren Wesens: »Ach, Ezel, ich spreche von Schuld -und wieder Schuld, und es muß beinah klingen, als sehnt' -ich mich danach, eine büßende Magdalena zu sein. Ich schäme -mich ordentlich der großen Worte. Aber freilich, es gibt keine -Lebenslagen, in denen man aus der Selbsttäuschung und dem -Komödienspiele herauskäme. Wie steht es denn eigentlich? -Ich will fort, nicht aus Schuld, sondern aus Stolz, und will -fort, um mich vor mir selber wieder herzustellen. Ich kann das<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -kleine Gefühl nicht länger ertragen, das an aller Lüge haftet; -ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die -Augen aufschlagen können. Und das kann ich nur, wenn ich -gehe, wenn ich mich von dir trenne und mich offen und vor -aller Welt zu meinem Tun bekenne. Das wird ein groß Gerede -geben, und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden -es mir nicht verzeihn. Aber die Welt besteht nicht aus lauter -Tugendhaften und Selbstgerechten, sie besteht auch aus Menschen, -die Menschliches menschlich ansehen. Und auf <em class="gesperrt">die</em> hoff' ich, <em class="gesperrt">die</em> -brauch' ich. Und vor allem brauch' ich mich selbst. Ich will wieder -in Frieden mit mir selber leben und wenn nicht in Frieden, -so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.«</p> - -<p>Es schien, daß Van der Straaten antworten wollte, aber -sie litt es nicht und sagte: »Sage nicht nein. Es ist so und -nicht anders. Ich will den Kopf wieder hochhalten und mich -wieder fühlen lernen. Alles ist eitel Selbstgerechtigkeit. Und -ich weiß auch, es wäre besser und selbstsuchtsloser, ich bezwänge -mich und bliebe, freilich immer vorausgesetzt, ich könnte mit -einer Einkehr bei mir selbst beginnen. Mit Einkehr und mit -Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur ein ganz äußerliches -Schuldbewußtsein, und wo mein Kopf sich unterwirft, -da protestiert mein Herz. Ich nenn' es selber ein störrisches -Herz und ich versuche keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht -anders durch mein Schelten und Schmähen. Und sieh, so hilft -mir denn eines nur und reißt mich eines nur aus mir heraus: -ein ganz neues Leben und in ihm <em class="gesperrt">das</em>, was das erste vermissen -ließ: Treue. Laß mich gehen. Ich will nichts beschönigen, -aber das laß mich sagen: es trifft sich gut, daß das Gesetz, das -uns scheidet, und mein eignes selbstisches Verlangen zusammenfallen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie -ließ es geschehen. Als er sich aber niederbeugen und ihr die -Stirn küssen wollte, wehrte sie's und schüttelte den Kopf. -»Nein, Ezel, nicht so. Nichts mehr zwischen uns, was stört -und verwirrt und quält und ängstigt, und immer nur erschweren -und nichts mehr ändern kann … Ich werd' erwartet. Und -ich will mein neues Leben nicht mit einer Unpünktlichkeit beginnen. -Unpünktlich sein, ist unordentlich sein. Und davor hab' -ich mich zu hüten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen, -Ordnung und Einheit. Und nun leb' wohl und vergiß.«</p> - -<p>Er hatte sie gewähren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche, -die neben ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentür -gekommen war, die zu der Kinderschlafstube führte, blieb -sie stehen und sah sich noch einmal um. Er nahm es als ein gutes -Zeichen und sagte: »Du willst die Kinder sehen!«</p> - -<p>Es war das Wort, das sie gefürchtet hatte, das Wort, das -in ihr selber sprach. Und ihre Augen wurden groß, und es flog -um ihren Mund, und sie hatte nicht die Kraft ein »Nein« zu -sagen. Aber sie bezwang sich und schüttelte nur den Kopf -und ging auf Tür und Flur zu.</p> - -<p>Draußen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer -Herrin das Täschchen abzunehmen und sie die beiden Treppen -hinabzubegleiten. Aber Melanie wies es zurück und sagte: -»Laß, Christel, ich muß nun meinen Weg allein finden.« Und -auf der zweiten Treppe, die dunkel war, begann sie wirklich zu -suchen und zu tappen.</p> - -<p>»Es beginnt früh,« sagte sie.</p> - -<p>Das Haus war schon auf, und draußen blies ein kalter Wind -von der Brüderstraße her über den Platz weg, und der Schnee -federte leicht in der Luft. Sie mußte dabei des Tages denken,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -nun beinah jährig, wo der Rollwagen vor ihrem Hause hielt, -und wo die Flocken auch wirbelten wie heut, und die kindische -Sehnsucht über sie kam, zu steigen und zu fallen wie sie.</p> - -<p>Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu, die nach dem -Spittelmarkt führt, und sah nichts als den Laternenanstecker -ihres Reviers, der mit seiner langen schmalen Leiter immer -vor ihr her lief und wenn er oben stand, halb neugierig und -halb pfiffig auf sie niedersah und nicht recht wußte, was er aus -ihr machen sollte.</p> - -<p>Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu. -Der Kutscher schlief, und das Pferd eigentlich auch, und da -nichts Besseres in Sicht war, so zupfte sie den immer noch -Verschlafenen an seinem Mantel und stieg endlich ein und -nannt' ihm den Bahnhof. Und es war auch, als ob er sie verstanden -und zugestimmt habe. Kaum aber, daß sie saß, so wandt' -er sich auf dem Bock um und brummelte durch das kleine Guckloch: -»er sei Nachtdroschke, un janz klamm, un von Klock elwe -nichts in'n Leib. Un er wolle jetzt nach Hause.« Da mußte -sie sich aufs Bitten legen, bis er endlich nachgab. Und nun -schlug er auf das arme Tier los und holprig ging es die lange -Straße hinunter.</p> - -<p>Sie warf sich zurück und stemmte die Füße gegen den Rücksitz, -aber die Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlöschende -Lämpchen füllte die Droschke mit einem trüben -Qualm. Ihre Schläfen fühlten mehr und mehr einen Druck -und ihr wurde weh und widrig in der elenden Armeleute-Luft. -Endlich ließ sie die Fenster nieder und freute sich des frischen -Windes, der durchzog. Und freute sich auch des erwachenden -Lebens der Stadt, und jeden Bäckerjungen, der trällernd und -pfeifend und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -an ihr vorüberzog, hätte sie grüßen mögen. Es war doch ein -heiterer Ton, an dem sich ihre Niedergedrücktheit aufrichten konnte.</p> - -<p>Sie waren jetzt bis an die letzte Querstraße gekommen, und -in fortgesetztem und immer nervöser werdendem Hinaussehen -erschien es ihr, als ob alle Fuhrwerke, die denselben Weg -hatten, ihr eignes elendes Gefährt in wachsender Eil' überholten. -Erst einige, dann viele. Sie klopfte, rief. Aber alles -umsonst. Und zuletzt war es ihr, als läg' es an ihr, und als -versagten <em class="gesperrt">ihr</em> die Kräfte, und als sollte sie die letzte sein und -käme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht und nie -mehr. Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie. »Mut, -Mut,« rief sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre -Füße von dem Rücksitzkissen und richtete sich auf. Und sieh, -ihr wurde besser. Mit ihrer äußeren Haltung kam ihr auch die -innere zurück.</p> - -<p>Und nun endlich hielt die Droschke und weil weder oben noch -auch vorne bei dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar -war, war auch niemand da, der sich dienstbar gezeigt und den -Droschkenschlag geöffnet hätte. Sie mußt' es von innen her -selber tun und sah sich um und suchte. »Wenn er nicht da wäre!« -Doch sie hatte nicht Zeit, es auszudenken. Im nächsten Augenblicke -schon trat von einem der Auffahrtspfeiler her Rubehn -an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich -zu sein. Ihr Fuß stand eben auf dem mit Stroh umwickelten -Tritt und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und -flüsterte: »Gott sei Dank! Ach, war <em class="gesperrt">das</em> eine Stunde! Sei -gut, einzig Geliebter, und lehre sie mich vergessen.«</p> - -<p>Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder, und nahm -ihren Arm und das Täschchen, und so schritten sie die Treppe -hinauf, die zu dem Perron und dem schon haltenden Zuge führte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<h2 id="kap17">17<br /> -Della Salute</h2> -</div> - -<p class="drop">»Nach Süden!« Und in kurzen, oft mehrtägig unterbrochenen -Fahrten, wie sie Melanies erschütterte Gesundheit -unerläßlich machte, ging es über den Brenner, bis -sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst das -Osterfest abzuwarten und »Nachrichten aus der Heimat«. -Es war ein absichtlich indifferentes Wort, das sie wählten, -während es sich doch in Wahrheit um Mitteilungen handelte, -die für ihr Leben entscheidend waren und die länger ausblieben -als erwünscht. Aber endlich waren sie da, diese »Nachrichten -aus der Heimat«, und der nächste Morgen bereits sah beide vor -dem Eingang einer kleinen englischen Kapelle, deren alten -Reverend sie schon vorher kennen gelernt und durch seine Milde -dazu bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar -Freunde waren zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen -Handlung brach man auf, um, nach monatelangem Eingeschlossensein -in der Stadt, einmal außerhalb ihrer Mauern aufatmen -und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa d'Este -freuen zu können. Und alles freute sich wirklich, am meisten -aber Melanie. Sie war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was -ihr das Herz bedrückt hatte, war wie mit einem Schlage von -ihr genommen und sie lachte wieder, wie sie seit lange nicht -mehr gelacht hatte, kindlich und harmlos. Ach, wem <em class="gesperrt">dies</em> -Lachen wurde, dem bleibt es, und wenn es schwand, so kehrt -es wieder. Und es überdauert alle Schuld und baut uns die -Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere Zeit.</p> - -<p>Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie -wollt' es noch freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden,<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -in ihre Wohnung zurückkehrte, drin die treffliche römische Wirtin -außer dem hohen Kaminfeuer auch schon die dreidochtige Lampe -angezündet hatte, beschloß sie, denselben Abend noch an ihre -Schwester Jakobine zu schreiben, allerlei Fragen zu tun und -nebenher von ihrem Glück und ihrer Reise zu plaudern.</p> - -<p>Und sie tat es und schrieb.</p> - -<p>»Meine liebe Jakobine. Heute war ein rechter Festestag -und was mehr ist, auch ein glücklicher Tag, und ich möchte -meinem Danke so gern einen Ausdruck geben. Und da schreib' -ich denn. Und an wen lieber, als an Dich, Du mein geliebtes -Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht mehr hören? -Oder darfst Du nicht?</p> - -<p>Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen -Querstraße, die nach dem Tiber hinführt, und wenn ich die -Straße hinuntersehe, so blinken mir, vom andern Ufer her, -ein paar Lichter entgegen. Und diese Lichter kommen von der -Farnesina, der berühmten Villa, drin Amor und Psyche sozusagen -aus allen Fensterkappen sehen. Aber ich sollte nicht -so scherzhaft über derlei Dinge sprechen, und ich könnt' es -auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle gewesen wären. -Endlich, endlich! Und weißt Du, wer mit unter den Zeugen -war? Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tänzer -von Dachrödens her. Und lieb und gut und ohne Hoffart. -Und wenn man in der Acht ist, die noch schlimmer ist als das -Unglück, so hat man ein Auge dafür, und das Bild, Du weißt -schon, über das ich damals so viel gespottet und gescherzt habe, -es will mir nicht aus dem Sinn. Immer dasselbe ›Steinige, -steinige‹. Und die Stimme schweigt, die vor den Pharisäern -das himmlische Wort sprach.</p> - -<p>Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p> - -<p>Wir reisten in kleinen Tagereisen und ich war anfänglich -abgespannt und freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte, -so war es nur um Rubens willen. Denn er tat mir so leid. -Eine weinerliche Frau! Ach, das ist das Schlimmste, was es gibt. -Und gar erst auf Reisen. Und so ging es eine ganze Woche lang, -bis wir in die Berge kamen. Da wurd' es besser, und als wir -neben dem schäumenden Inn hinfuhren und an demselben -Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles Quartier -fanden, da fiel es von mir ab und ich konnte wieder aufatmen. -Und als Ruben sah, daß mir alles so wohltat und mich erquickte, -da blieb er noch den folgenden Tag und besuchte mit mir alle -Kirchen und Schlösser und zuletzt auch die Kirche, wo Kaiser Max -begraben liegt. Es ist derselbe von der Martinswand her, und -derselbe auch, der zu Luthers Zeiten lebte. Freilich schon als ein -sehr alter Herr. Und es ist auch der, den Anastasius Grün als -›Letzten Ritter‹ gefeiert hat, worin er vielleicht etwas zu weit -gegangen ist. Ich glaube nämlich nicht, daß er der letzte Ritter -war. Er war überhaupt zu stark und zu korpulent für einen -Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find' ich, daß Gryczinski -ritterlicher ist. Sonderbarerweise fühl' ich mich überhaupt -eingepreußter, als ich dachte, so daß mir auch das Bildnis -Andreas Hofers wenig gefallen hat. Er trägt einen Tiroler -Spruchgürtel um den Leib und wurde zu Mantua, wie Du vielleicht -gehört haben wirst, erschossen. Manche tadeln es, daß er sich -geängstigt haben soll. Ich für mein Teil habe nie begreifen -können, wie man es tadeln will, nicht gern erschossen zu werden.</p> - -<p>Und dann gingen wir über den Brenner, der ganz in Schnee -lag, und es sah wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand, -an der unser Zug emporkletterte, zwei, drei andre Züge -tief unter uns sahen, so winzig und unscheinbar wie die Futterkästchen<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -an einem Zeisigbauer. Und denselben Abend noch -waren wir in Verona. Das vorige Mal, als ich dort war, hatt' -ich es nur passiert, jetzt aber blieben wir einen Tag, weil mir -Ruben das altrömische Theater zeigen wollte, das sich hier befindet. -Es war ein kalter Tag und mich fror in dem eisigen -Winde, der ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben. -Wie beschreib' ich es Dir nur? Du mußt Dir das Opernhaus -denken, aber nicht an einem gewöhnlichen Tage, sondern an -einem Subskriptionsballabend, und an der Stelle, wo die -Musik ist, rundet es sich auch noch. Es ist nämlich ganz eiförmig -und amphitheatralisch, und der Himmel als Dach darüber, -und ich würd' es alles sehr viel mehr noch genossen haben, wenn -ich mich nicht hätte verleiten lassen, in einem benachbarten -Restaurant ein Salamifrühstück zu nehmen, das mir um ein -Erhebliches zu national war.</p> - -<p>Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn -ich Duquede wäre, so würd' ich sagen: es wird überschätzt. Es -ist voller Engländer und Bilder, und mit den Bildern wird -man nicht fertig. Und dann haben sie die ›Cascinen‹, etwas -wie unsre Tiergarten- oder Hofjägerallee, worauf sie sehr stolz -sind, und man sieht auch wirklich Fuhrwerke mit sechs und -zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden. Aber ich habe -sie nicht gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren. -Über den Arno führt eine Budenbrücke, nach Art des -Rialto, und wenn Du von den vielen Kirchen und Klöstern absehen -willst, so gilt der alte Herzogspalast als die Hauptsehenswürdigkeit -der Stadt. Und am schönsten finden sie den kleinen -Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwächst, nicht viel -anders als ein Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie -darum. Es soll aber sehr originell gedacht sein. Und zuletzt<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -findet man es auch. Und in der Nähe befindet sich eine lange -schmale Gasse, die neben der Hauptstraße herläuft und in der -beständig Wachteln am Spieß gebraten werden. Und alles -riecht nach Fett, und dazwischen Lärm und Blumen und aufgetürmter -Käse, so daß man nicht weiß, wo man bleiben und -ob man sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut -man sich, und es ist eigentlich das Hübscheste, was ich auf meiner -ganzen Reise gesehen habe. Natürlich Rom ausgenommen. -Und nun bin ich in Rom.</p> - -<p>Aber Herzens-Jakobine, davon kann ich Dir heute nicht -schreiben, denn ich bin schon auf dem vierten Blatt und Ruben -wird ungeduldig und wirft aus seiner dunklen Ecke Konfetti -nach mir, trotzdem wir den Karneval längst hinter uns haben. -Und so brech' ich denn ab und tue nur noch ein paar Fragen.</p> - -<p>Freilich, jetzt wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir -nicht recht aus der Feder und Du mußt sie erraten. Rätsel sind -es nicht. In Deiner Antwort sei schonend, aber verschweige -nichts. Ich muß das Unangenehme, das Schmerzliche tragen -lernen. Es ist nicht anders. Über all das geb' ich mich keinen -Illusionen hin. Wer in die Mühle geht, wird weiß. Und die -Welt wird schlimmere Vergleiche wählen. Ich möchte nur, -daß bei meiner Verurteilung über die ›mildernden Umstände‹ -nicht ganz hinweggegangen würde. Denn sieh, ich konnte nicht -anders. Und ich habe nur noch den <em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, daß es mir -vergönnt sein möchte, <em class="gesperrt">dies</em> zu beweisen. Aber dieser Wunsch -wird mir versagt bleiben und ich werd' allen Trost in meinem -Glück und alles Glück in meiner Zurückgezogenheit suchen und -finden müssen. Und das werd' ich. Ich habe genug von dem -Geräusch des Lebens gehabt und ich sehne mich nach Einkehr -und Stille. Die hab' ich <em class="gesperrt">hier</em>. Ach, wie schön ist diese Stadt,<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -und mitunter ist es mir, als wär' es wahr und als käm' uns -jedes Heil und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist -ein seliges Wandeln an diesem Ort, ein Sehen und Hören als -wie im Traum.</p> - -<p>Und nun meine süße Jakobine, lebe wohl und schreibe -recht viel und recht ausführlich. Es interessiert mich alles, und -ich sehne mich nach Nachricht, vor allem nach Nachricht … -Aber Du weißt es ja. Nichts mehr davon. Immer die Deine.</p> - -<p class="right"> -Melanie R.« -</p> - -<p>Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, -in dem dunklen Gefühl, daß eine rasche Beförderung auch eine -rasche Antwort erzwingen könne. Aber diese Antwort blieb -aus, und die darin liegende Kränkung würde sehr schmerzlich -empfunden worden sein, wenn nicht Melanie wenige Tage -nach Absendung des Briefes, in ihre frühere Melancholie zurückverfallen -wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie sterben werde, -versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom -von Tränen aus. Denn sie hing am Leben und genoß inmitten -ihres Schmerzes <em class="gesperrt">ein</em> unendliches Glück: die Nähe des geliebten -Mannes.</p> - -<p>Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glückes zu freuen. -Denn alle Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller, je -trüber die Tage waren. Er kannte nur Rücksicht; keine Mißstimmung, -keine Klage wurde laut, und über das Vornehme -seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen.</p> - -<p>Und so vergingen trübe Wochen.</p> - -<p>Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklärte, -daß vor allem das Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt -für beständig neue Eindrücke gesorgt werden müsse. Mit -anderen Worten, das was er vorschlug, war ein beständiger<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Orts- und Luftwechsel. Ein solch tagtägliches Hin und Her -sei freilich selber ein Übel, aber ein kleineres, und jedenfalls -das einzige Mittel, der inneren Ruhelosigkeit abzuhelfen.</p> - -<p>Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von -der Kranken apathisch angenommen.</p> - -<p>In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von -Eisenbahn und großen Straßen, ging es, durch Umbrien, immer -höher hinauf an der Ostküste hin, bis sich plötzlich herausstellte, -daß man nur noch zehn Meilen von Venedig entfernt sei. Und -siehe, da kam ihr ein tiefes und sehnsüchtiges Verlangen, ihrer -Stunde dort warten zu wollen. Und sie war plötzlich wie verändert -und lachte wieder und sagte: »Della Salute! Weißt -du noch? … Es heimelt mich an, es erquickt mich: das Wohl, -das Heil! O, komm. Dahin wollen wir.«</p> - -<p>Und sie gingen, und dort war es, wo die bange Stunde -kam. Und einen Tag lang wußte der Zeiger nicht, wohin er -sich zu stellen habe, ob auf Leben oder Tod. Als aber am Abend, -von über dem Wasser her, ein wunderbares Läuten begann, -und die todmatte Frau auf ihre Frage »von wo« die Antwort -empfing »von Della Salute«, da richtete sie sich auf und sagte: -»Nun weiß ich, daß ich leben werde.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap18">18<br /> -Wieder daheim</h2> -</div> - -<p class="drop">Und ihre Hoffnung hatte sie nicht betrogen. Sie genas -und erst als die Herbsttage kamen, und das Gedeihen des -Kindes und vor allem auch ihr eigenes Wohlbefinden einen -Aufbruch gestattete, verließen sie die Stadt, an die sie sich -durch ernste und heitere Stunden aufs innigste gekettet fühlten,<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -und gingen in die Schweiz, um in dem lieblichsten der Täler, -in dem Tale »zwischen den Seen« eine neue vorläufige Rast -zu suchen.</p> - -<p>Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen, und erst als ein -scharfer Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüber -fuhr und den Tag darauf der Schnee so dicht fiel, daß nicht -nur die »Jungfrau«, sondern auch jede kleinste Kuppe verschneit -und vereist ins Tal hernieder sah, sagte Melanie: »Nun ist es -Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das Alter und nicht jede -Landschaft der Schnee. Der Winter ist in diesem Tale nicht -zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher. Und ich -möchte nun wieder <em class="gesperrt">da</em> hin, wo man sich mit ihm eingelebt hat -und ihn versteht.«</p> - -<p>»Ich glaube gar,« lachte Rubehn, »du sehnst dich nach der -Rousseau-Insel!«</p> - -<p>»Ja,« sagte sie. »Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei -Stunden könnte ich von hier aus in Genf sein und das Haus -wiedersehen, darin ich geboren wurde. Aber ich habe keine -Sehnsucht danach. Es zieht mich nach dem <em class="gesperrt">Norden</em> hin und -ich empfind' ihn mehr und mehr als meine Herzensheimat. -Und was auch dazwischen liegt, er muß es bleiben.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und -Melanie wieder in der Hauptstadt eingetroffen und mit -ihnen die Vreni oder »das Vrenel«, eine derbe schweizerische -Magd, die sie, während ihres Aufenthaltes in Interlaken, zur -Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine vorzügliche -Wahl. Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem -Bruder empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden: -eine reizende Mansarde dicht am Westende des Tiergartens,<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -ebenso reich wie geschmackvoll eingerichtet, und beinah Wand -an Wand mit Duquede. »Sollen wir gute Nachbarschaft mit -ihm halten?« hatten sie sich im Augenblick ihres Eintretens -unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.</p> - -<p>Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung, -überhaupt über alles, und gleich am andern Vormittage setzte -sie sich, als sie allein war, in eine der tiefen Fensternischen -und sah auf die bereiften Bäume des Parks und auf ein paar -Eichkätzchen, die sich haschten und von Ast zu Ast sprangen. -Wie oft hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit Liddi und Heth -durch den Tiergarten gefahren war! Es stand plötzlich alles -wieder vor ihr, und sie fühlte, daß ein Schatten auf die heiteren -Bilder ihrer Seele fiel.</p> - -<p>Endlich aber zog es auch <em class="gesperrt">sie</em> hinaus, und sie wollte die -Stadt wieder sehen, die Stadt und bekannte Menschen. -Aber wen? Sie konnte nur bei der Freundin, bei dem -Musikfräulein vorsprechen. Und sie tat es auch, ohne daß sie -schließlich eine Freude davon gehabt hätte. Anastasia kam ihr -vertraulich und beinah überheblich entgegen, und in begreiflicher -Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück. -Auch hier war nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in -schlechter Laune, die Zimmer überheizt, und ihre Heiterkeit -kam erst wieder, als sie Rubehns Stimme draußen auf dem -Vorflur hörte.</p> - -<p>Und nun trat er ein.</p> - -<p>Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und -sie nahm des geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd -mit ihm über den dicken, türkischen Teppich hin. Aber er litt -von der Hitze, die sie mit ihrem Taschentuche vergeblich fortzufächeln -bemüht war. »Und nun sind wir im Norden!« lachte<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -er. »Und nun sage, haben wir im Süden je so was von Glut -und Samum auszuhalten gehabt?«</p> - -<p>»O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erstemal -nach dem Lido hinausfuhren? Ich wenigstens vergeß' es -nicht. All mein Lebtag hab' ich mich nicht so geängstigt, wie -damals auf dem Schiff: erst die Schwüle und dann der Sturm. -Und dazwischen das Blitzen. Und wenn es noch ein Blitzen gewesen -wäre! Aber wie feurige Laken fiel es vom Himmel. -Und du warst so ruhig.«</p> - -<p>»Das bin ich immer, Herz, oder such' es wenigstens zu sein. -Mit unserer Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert.«</p> - -<p>»Ich weiß doch nicht, ob du recht hast. In unserer Angst und -Sorge beten wir, auch wir, die wir's in unseren guten Tagen -an uns kommen lassen. Und das versöhnt die Götter. Denn -sie wollen, daß wir uns in unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit -fühlen lernen. Und haben sie nicht recht?«</p> - -<p>»Ich weiß nur, daß <em class="gesperrt">du</em> recht hast. Immer. Und dir zu Liebe -sollen auch die Götter recht haben. Bist du zufrieden damit?«</p> - -<p>»Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hör' es -wenigstens gern. Aber …«</p> - -<p>»Lassen wir das ›aber‹ und nehmen wir lieber unseren -Tee, der uns ohnehin schon erwartet. Und er hilft auch immer -und gegen alles, und wird uns auch aus dieser afrikanischen -Hitze helfen. Um aber sicher zu gehen, will ich doch lieber noch -das Fenster öffnen.« Und er tat's, und unter dem halb aufgezogenen -Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein.</p> - -<p>»Wie mild und weich,« sagte Melanie.</p> - -<p>»Zu weich,« entgegnete Rubehn. »Und wir werden uns -auf kältere Luftströme gefaßt machen müssen.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p> - -<h2 id="kap19">19<br /> -Inkognito</h2> -</div> - -<p class="drop">Melanie war froh, wieder daheim zu sein.</p> - -<p>Was sich ihr notwendig entgegenstellen mußte, das übersah -sie nicht, und die Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben -hatte, war auch ihre Furcht. Aber sie war doch andrerseits -sanguinischen Gemüts genug, um der Hoffnung zu leben, sie -werd' es überwinden. Und warum sollte sie's nicht? Was geschehen -erschien ihr, der Gesellschaft gegenüber, so gut wie ausgeglichen; -allem Schicklichen war genügt, alle Formen waren -erfüllt, und so gewärtigte sie nicht einer Strenge zu begegnen, -zu der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu <em class="gesperrt">müssen</em> -glaubt, vielleicht einfach in dem Bewußtsein davon, daß, wer -in einem Glashause wohnt, nicht mit Steinen werfen soll.</p> - -<p>Melanie gewärtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger -stimmte sie dem Vorschlage bei, wenigstens während der -nächsten Wochen noch ein Inkognito bewahren und erst von -Neujahr an die nötigsten Besuche machen zu wollen.</p> - -<p>So war es denn natürlich, daß man den Weihnachtsabend -im engsten Zirkel verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder -und der alte Frankfurter Prokurist, ein versteifter und schweigsamer -Junggeselle, dem sich erst beim dritten Schoppen die -Zunge zu lösen pflegte, waren erschienen, um die Lichter am -Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten, wurd' -auch das Aninettchen herbeigeholt, und Melanie nahm das -Kind auf den Arm und spielte mit ihm und hielt es hoch. Und -das Kind schien glücklich und lachte und griff nach den Lichtern.</p> - -<p>Und glücklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer -ihn an diesem Abende gesehen hätte, der hätte nichts von Behagen<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -und Gemütlichkeit an ihm vermißt. Alles Amerikanische -war abgestreift.</p> - -<p>In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl -serviert worden, und als einleitend erst durch Anastasia und -danach auch durch den jüngeren Rubehn ein paar scherzhafte -Gesundheiten ausgebracht worden waren, erhob sich zuletzt auch -der alte Prokurist, um »aus vollem Glas und vollem Herzen« -einen Schlußtoast zu proponieren. Das Beste des Lebens, -das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das Inkognito. Alles -was sich auf den Markt oder auf die Straße stelle, das tauge -nichts, oder habe doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert -habe, das ziehe sich zurück, das berge sich in Stille, das verstecke -sich. Die lieblichste Blume, darüber könne kein Zweifel -sein, sei das Veilchen, und die poetischste Frucht, darüber könne -wiederum kein Zweifel sein, sei die Walderdbeere. Beide versteckten -sich aber, beide ließen sich suchen, beide lebten sozusagen -inkognito. Und somit lasse er das Inkognito leben, oder die -Inkognitos, denn Singular oder Plural sei ihm durchaus gleichgültig:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das oder die,<br /></span> -<span class="i0">Ein volles Glas für Melanie;<br /></span> -<span class="i0">Die oder das,<br /></span> -<span class="i0">Für Ebenezer ein volles Glas.<br /></span> -</div></div> - -<p>Und danach fing er an zu singen.</p> - -<p>Erst zu später Stunde trennte man sich und Anastasia versprach, -am andern Tage zu Tisch wieder zu kommen; abermals -einen Tag später aber (Rubehn war eben in die Stadt gegangen), -erschien das Vrenel, um in ihrem Schweizer Deutsch und -zugleich in sichtlicher Erregung den Polizeirat Reiff zu melden. -Und sie beruhigte sich erst wieder, als ihre junge Herrin<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -antwortete: »Ah, sehr willkommen. Ich lasse bitten, einzutreten.«</p> - -<p>Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz -unverändert: derselbe Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack, -dieselbe weiße Weste.</p> - -<p>»Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff,« sagte -Melanie und wies mit der Rechten auf einen neben ihr stehenden -Fauteuil. »Sie waren immer mein guter Freund, und ich denke, -Sie bleiben es.«</p> - -<p>Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und -tat Fragen über Fragen. Endlich aber ließ er durch Zufall -oder Absicht auch den Namen Van der Straatens fallen.</p> - -<p>Melanie blieb unbefangen und sagte nur: »Den Namen -dürfen Sie nicht nennen, lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht. -Nicht als ob er mir unfreundliche Bilder weckte. Nein, o nein. -Wäre das, so dürften Sie's. Aber gerade weil mir der Name -nichts Unfreundliches zurückruft, weil ich nur weiß, ihm, der -ihn trägt, wehe getan zu haben, so quält und peinigt er mich. -Er mahnt mich an ein Unrecht, das dadurch nicht kleiner wird, -daß ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht empfinde. -Also nichts von ihm. Und auch nichts …« Und sie schwieg -und fuhr erst nach einer Weile fort: »Ich habe nun mein Glück, -ein wirkliches Glück; <em class="antiqua">mais il faut payer pour tout et deux -fois pour notre bonheur</em>.«</p> - -<p>Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil -er nicht recht verstanden hatte.</p> - -<p>»Wir aber, lieber Reiff,« nahm Melanie wieder das Wort, -»wir müssen einen neutralen Boden finden. Und das werden -wir. Das zählt ja zu den Vorzügen der großen Stadt. Es gibt -immer hundert Dinge, worüber sich plaudern läßt. Und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -bloß um Worte zu machen, nein, auch mit dem Herzen. Nicht -wahr? Und ich rechne darauf, Sie wiederzusehen.«</p> - -<p>Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin -er gekommen war, nicht allzulange warten zu lassen. Melanie -aber sah ihm nach und freute sich, als er wenige Häuser entfernt -dem aus der Stadt zurückkommenden Rubehn begegnete. -Beide grüßten einander.</p> - -<p>»Reiff war hier,« sagte Rubehn, als er einen Augenblick -später eintrat. »Wie fandest du ihn?«</p> - -<p>»Unverändert. Aber verlegener, als ein Polizeirat sein sollte.«</p> - -<p>»Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.«</p> - -<p>»Glaubst du?«</p> - -<p>»Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren -sind verschieden. Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren. Aber -vor dieser Spezies muß man doppelt auf der Hut sein. Und so -lächerlich es ist, ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, daß -wir morgen ins schwarze Buch kommen.«</p> - -<p>»Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement für mich. -Oder ist es meinerseits bloß Eitelkeit und Einbildung?«</p> - -<p>»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren, -… ihr bester Freund, ihr leiblicher Bruder, ist nie sicher vor -ihnen. Und wenn man sich darüber erstaunt oder beklagt, so -heißt es ironisch und achselzuckend: <em class="antiqua">c'est mon métier</em>.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen und der -Zeitpunkt war da, wo das junge Paar aus seinem Inkognito -heraustreten wollte. Wenigstens Melanie. Sie war noch -immer nicht bei Jakobine gewesen, und wiewohl sie sich, in Erinnerung -an den unbeantwortet gebliebenen Brief, nicht viel -gutes von diesem Besuche versprechen konnte, so mußt' er doch<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie mußte Gewißheit -haben, wie sich die Gryczinskis stellen wollten.</p> - -<p>Und so fuhr sie denn nach der Alsenstraße.</p> - -<p>Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte -Treppe hinauf und klingelte. Und bald konnte sie hinter -der Korridor-Glaswand ein Hin- und Herhuschen erkennen. -Endlich aber wurde geöffnet.</p> - -<p>»Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?«</p> - -<p>»Nein, Frau Kommerzien… Ach, wie die gnädige Frau -bedauern wird! Aber Frau von Heysing waren hier und haben -die gnädige Frau zu dem großen Bilde abgeholt. Ich glaube -›die Fackeln des Nero‹.«</p> - -<p>»Und der Herr Major?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht,« sagte das Mädchen verlegen. »Er -wollte fort. Aber ich will doch lieber erst …«</p> - -<p>»O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie -meiner Schwester, oder der gnädigen Frau, daß ich da war. -Oder besser, nehmen Sie meine Karte …«</p> - -<p>Danach grüßte Melanie kurz und ging.</p> - -<p>Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: »Das ist <em class="gesperrt">er</em>. -Sie ist ein gutes Kind und liebt mich.« Und dann legte sie -die Hand aufs Herz und lächelte: »Schweig stille, mein Herze.«</p> - -<p>Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hörte, war -wenig überrascht, und noch weniger, als am andern Morgen -ein Brief eintraf, dessen zierlich verschlungenes J. v. G. über -die Absenderin keinen Zweifel lassen konnte. Wirklich, es waren -Zeilen von Jakobine. Sie schrieb:</p> - -<p>»Meine liebe Melanie. Wie hab' ich es bedauert, daß wir -uns verfehlen mußten. Und nach so langer Zeit! Und nachdem -ich Deinen lieben, langen Brief unbeantwortet gelassen habe!<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Er war so reizend, und selbst Gryczinski, der doch so kritisch ist -und alles immer auf Disposition hin ansieht, war eigentlich -entzückt. Und nur an der einen Stelle nahm er Anstoß, daß -alles Heil und aller Trost nach wie vor aus Rom kommen solle. -Das verdroß ihn, und er meinte, daß man dergleichen auch -nicht im Scherze sagen dürfe. Und meine Verteidigung ließ er -nicht gelten. Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katholisch -und ich denke mir, daß er so streng und empfindlich ist, weil er es -persönlich los sein und von sich abwälzen möchte. Denn sie -sind immer noch sehr diffizil oben, und Gryczinski, wie Du weißt, -ist zu klug, als daß er etwas wollen sollte, was man oben <em class="gesperrt">nicht</em> -will. Aber es ändert sich vielleicht wieder. Und ich bekenne -Dir offen, <em class="gesperrt">mir</em> wär' es recht, und ich für mein Teil hätte nichts -dagegen, sie sprächen erst wieder von etwas anderm. Ist es -denn am Ende wirklich so wichtig und eine so brennende Frage? -Und wär' es nicht wegen der vielen Toten und Verwundeten, -so wünscht' ich mir einen neuen Krieg. (Es heißt übrigens, -sie rechneten schon wieder an einem.) Und <em class="gesperrt">hätten</em> wir den -Krieg, so wären wir die ganze Frage los und Gryczinski wäre -Oberstleutnant. Denn er ist der dritte. Und ein paar von den -alten Generälen, oder wenigstens von den ganz alten, werden -doch wohl endlich abgehen müssen.</p> - -<p>Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski -und von mir, und vergesse ganz nach Dir und nach Deinem Befinden -zu fragen. Ich bin überzeugt, daß es Dir gut geht und -daß Du mit dem Wechsel in allen wesentlichen Stücken zufrieden -bist. Er ist reich und jung, und bei Deinen Lebensanschauungen, -mein' ich, kann es Dich nicht unglücklich machen, daß er unbetitelt -ist. Und am Ende, wer jung ist, hofft auch noch. Und Frankfurt -ist ja jetzt preußisch. Und da findet es sich wohl noch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wär' ich selbst gekommen, -und hätte nach allem Großen und Kleinen gesehen, -ja, auch nach allem Kleinen, und wem es eigentlich ähnlich ist. -Aber er hat es mir verboten und hat auch dem Diener gesagt, -›daß wir nie zu Hause sind‹. Und Du weißt, daß ich nicht den -Mut habe, ihm zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu widersprechen. -Denn etwas widersprochen hab' ich ihm. Aber da -fuhr er mich an und sagte: ›Das unterbleibt. Ich habe nicht -Lust um solcher Allotria willen beiseite geschoben zu werden. -Und sieh dich vor, Jakobine. Du bist ein entzückendes kleines -Weib (er sagte wirklich so), aber ihr seid wie die Zwillinge, -wie die Druväpfel und es spukt dir auch so was im Blut. Ich -bin aber nicht Van der Straaten und führe keine Generositätskomödien -auf. Am wenigsten auf meine Kosten‹. Und dabei -warf er mir <em class="antiqua">de haut en bas</em> eine Kußhand zu und ging aus -dem Zimmer.</p> - -<p>Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich -habe nicht einmal geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn -ich fühle, daß er recht hat und daß eine sonderbare Neugier in -mir steckt. Und darin treffen es die Bibelleute, wenn sie so -vieles auf unsere Neugier schieben … Elimar, der freilich -nicht mit zu den Bibelleuten gehört, sagte mal zu mir: ›Das -Hübscheste sei doch das Vergleichenkönnen.‹ Er meinte, glaub' -ich, in der Kunst. Aber die Frage beschäftigt mich seitdem, und -ich glaube kaum, daß es sich auf die Kunst beschränkt. Übrigens -hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr -eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann sehe ich Dich. Und -wenn er wiederkommt, so beicht' ich ihm alles. Ich kann es dann. -Er ist dann immer so zärtlich. Und ein Blaubart ist er überhaupt -nicht. Und bis dahin Deine</p> - -<p class="right"> -Jakobine.« -</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>Melanie ließ das Blatt fallen und Rubehn nahm es auf. -Er las nun auch und sagte: »Ja, Herz, das sind die Tage, von -denen es heißt, sie gefallen uns nicht. Ach, und sie <em class="gesperrt">beginnen</em> -erst. Aber laß, laß. Es rennt sich alles tot und am ehesten <em class="gesperrt">das</em>.«</p> - -<p>Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem -Anfluge heiterer Übertreibung: »Mit meinem Mantel vor dem -Sturm beschützt' ich dich, beschützt' ich dich.«</p> - -<p>Und dann erhob er sich wieder und küßte sie, und sagte: -»<em class="antiqua">Cheer up, dear!</em>«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap20">20<br /> -Liddi</h2> -</div> - -<p class="drop"><em class="antiqua">»Cheer up, dear</em>,« hatte Rubehn Melanie zugerufen und -sie wollte dem Zurufe folgen. Aber es glückte nicht, -konnte nicht glücken, denn jeder neue Tag brachte neue Kränkungen. -Niemand war für sie zu Haus, ihr Gruß wurde nicht -erwidert, und ehe der Winter um war, wußte sie, daß man -sie, nach einem stillschweigenden Übereinkommen, in den Bann -getan habe. Sie war tot für die Gesellschaft, und die tiefe -Niedergedrücktheit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung -geführt, wenn ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite -gestanden hätte. Nicht nur in herzlicher Liebe, nein vor allem -auch in jener heitren Ruhe, die sich der Umgebung entweder -mitzuteilen oder wenigstens nicht ohne stillen Einfluß auf sie -zu bleiben pflegt. »Ich kenne das, Melanie. Wenn es in London -etwas ganz Apartes gibt, so heißt es »<em class="antiqua">it is a nine days wonder</em>,« -und mit diesen neun Tagen ist das höchste Maß von Erregungsandauer -ausgedrückt. Das ist in London. Hier dauert es etwas -länger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe.<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir -wieder den Regenbogen und das Fest der Versöhnung.«</p> - -<p>»Die Gesellschaft ist unversöhnlich.«</p> - -<p>»Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen, ist ihr eigentlich unbequem. -Sie weiß schon warum. Und so wartet sie nur auf -das Zeichen, um das große Hinrichtungsschwert wieder in die -Scheide zu stecken.«</p> - -<p>»Aber dazu muß etwas geschehen.«</p> - -<p>»Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen -Fällen eigentlich nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und -müssen ehrlich bemüht sein, einen andern zu machen. Einen entgegengesetzten. -Aber auf demselben Gebiete … Du verstehst?«</p> - -<p>Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: »Und ich schwöre -dir's, ich will. Und wo die Schuld lag, soll auch die Sühne -liegen. Oder sag' ich lieber, der Ausgleich. Auch <em class="gesperrt">das</em> ist ein -Gesetz, so hoff' ich. Und das schönste von allen. Es braucht -nicht alles Tragödie zu sein.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte -hereingegeben: »Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler -v. d. Hölle, Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der -Uckermark.«</p> - -<p>»O, laß uns allein, Ruben,« bat Melanie, während sie sich -erhob und der alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging. -»Ach, mein liebes Riekchen! Wie mich das freut, daß du kommst, -daß du da bist. Und wie schwer es dir geworden sein muß … -Ich meine nicht bloß die drei Treppen … Ein halbes Stiftsfräulein -und jeden Sonntag in Sankt Matthäi! Aber die -Frommen, wenn sie's wirklich sind, sind immer noch die Besten. -Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich, mein einziges, -liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>Und während sie so sprach, war sie bemüht, ihr beim Ablegen -behilflich zu sein und das Seidenmäntelchen an einen -Haken zu hängen, an den die Kleine nicht heranreichen konnte.</p> - -<p>»Meine liebe, alte Freundin,« wiederholte Melanie. »Ja, -das warst du, Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin, -die mir immer zum Guten geraten und nie zum Munde -gesprochen hat. Aber es hat nicht geholfen, und ich habe nie -begriffen, wie man Grundsätze haben kann oder Prinzipien, -was eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch schwerer -und unnötiger vorgekommen ist. Ich hab' immer nur getan, -was ich wollte, was mir gefiel, wie mir gerade zumute war. -Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch jetzt noch -nicht. Aber gefährlich ist es, so viel räum' ich ein, und ich will -es anders zu machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt. -Und nun erzähle. Mir brennen hundert Fragen auf der Seele.«</p> - -<p>Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben, -jetzt aber sagte sie, während sie die Augen niederschlug -und dann wieder freundlich und fest auf Melanie richtete: -»Habe doch mal sehen wollen … Und ich bin auch nicht -hinter seinem Rücken hier. Er weiß es und hat mir zugeredet.«</p> - -<p>Melanie flogen die Lippen. »Ist er erbittert? Sag', ich -will es hören. Aus <em class="gesperrt">deinem</em> Munde kann ich alles hören. In -den Weihnachtstagen war Reiff hier. Da mocht' ich es nicht. -Es ist doch ein Unterschied, <em class="gesperrt">wer</em> spricht. Ob die Neugier oder -das Herz. Sag', ist er erbittert?«</p> - -<p>Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: »Wie -denn! Erbittert! Wär' er erbittert, so wär' ich nicht hier. Er -war unglücklich und ist es noch. Und es zehrt und nagt an ihm. -Aber seine Ruhe hat er wieder. Das heißt, so vor den Menschen. -Und dabei bleibt es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -er nur einem Menschen sein konnte. Und du warst sein Stolz, -und er freute sich, wenn er dich sah.«</p> - -<p>Melanie nickte.</p> - -<p>»Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du -das andre nicht gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt, -und weil du nicht wußtest, was der Ernst des Lebens ist. Und -Anastasia sang wohl immer: ›Wer nie sein Brot mit Tränen -aß‹ und Elimar drehte dann das Blatt um. Aber singen und -erleben ist ein Unterschied. Und du hast das Tränenbrot nicht -gegessen und Anastasia hat es nicht gegessen, und Elimar -auch nicht. Und so kam es, daß du nur getan hast, was dir gefiel -oder wie dir zumute war. Und dann bist du von den -Kindern fortgegangen, von den lieben Kindern, die so hübsch -und so fein sind, und hast sie nicht einmal sehen wollen. -Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach, mein armes, -liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht verantworten.«</p> - -<p>Es war, als ob die Kleine noch weiter sprechen wollte. Aber -Melanie war aufgesprungen und sagte: »Nein, Riekchen, an -dieser Stelle hört es auf. Hier tust du mir unrecht. Sieh, du -kennst mich so gut und so lange schon, und fast war ich selber -noch ein Kind, als ich ins Haus kam. Aber das eine mußt du -mir lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt, und hab' umgekehrt -einen wahren Haß gehabt, mich besser zu machen als -ich bin. Und diesen Haß hab' ich noch. Und so sag' ich dir denn, -das mit den Kindern, mit meiner süßen kleinen Heth, die wie -der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist -wie die Frau Mama, nein, Riekchen, das mit den Kindern, -<em class="gesperrt">das</em> trifft mich nicht.«</p> - -<p>»Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>»Ja, das bin ich, und ich weiß es wohl, manch andre hätt' -es <em class="gesperrt">nicht</em> getan. Aber wenn man auf etwas an und für sich -Trauriges stolz sein darf, so bin ich stolz darauf. Ich wollte -gehn, das stand fest. Und wenn ich die Kinder sah, so konnt' -ich nicht gehn. Und so hatt' ich denn meine Wahl zu treffen. -Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben, in den Augen der -Welt hab' ich es gewiß, aber es war wenigstens ein klares Spiel -und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortläuft und aus keinem -andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der -begibt sich des Rechts, nebenher auch noch die zärtliche Mutter -zu spielen. Und das ist die Wahrheit. Ich bin ohne Blick und -ohne Abschied gegangen, weil es mir widerstand, Unheiliges -und Heiliges durcheinander zu werfen. Ich wollte keine sentimentale -Verwirrung. Es steht mir nicht zu, mich meiner -Tugend zu berühmen. Aber eins hab' ich wenigstens, Riekchen: -ich habe feine Nerven für das, was paßt und nicht paßt.«</p> - -<p>»Und möchtest du jetzt sie sehen?«</p> - -<p>»Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?«</p> - -<p>»Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir -einen Plan ausgedacht. Und wenn er glückt, so laß' ich wieder -von mir hören. Und ich komm' entweder oder ich schreibe oder -Jakobine schreibt. Denn Jakobine muß uns dabei helfen. Und -nun Gott befohlen, meine liebe, liebe Melanie. Laß nur die -Leute. Du bist doch ein liebes Kind. Leicht, leicht, aber das -Herz sitzt an der richtigen Stelle. Und nun Gott befohlen, mein -Schatz.«</p> - -<p>Und sie ging und weigerte sich das Mäntelchen anzuziehn, -weil sie gerne rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer -blieb sie stehn und half sich mit einiger Mühe selbst in die kleinen -Ärmel hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="drop">Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch, zugleich -sehnsüchtig erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als -träte das Kleine, das nebenan in der Wiege lag, neben dieser -Sehnsucht zurück. Gehörte sie doch ganz zu jenen Naturen, in -deren Herzen eines immer den Vorrang behauptet.</p> - -<p>Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran, -als endlich ein Billett abgegeben wurde, dem sie's ansah, daß -es ihr gute Botschaft bringe. Es war von der Schwester, und -Jakobine schrieb:</p> - -<p>»Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien -die Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weißt, -die hohen, dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der -Eisenbahn fährt, überall deutlich erkennen kann und wo die -Mitfahrenden im Coupé jedesmal fragen: ›Mein Gott, was ist -das?‹ Und es ist auch nicht zu verwundern, denn es sieht eigentlich -aus wie ein Malerstuhl, nur daß der Maler sehr groß sein -müßte. Noch größer und langbeiniger als Gabler. Und erst -in vierzehn Tagen kommt er zurück, worauf ich mich sehr, sehr -freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch -entschieden <em class="gesperrt">das</em>, was uns Frauen gefällt. Und früher hat er -Dir auch gefallen, ja Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich -war mitunter eifersüchtig, weil Du klüger bist als ich, und das -haben sie gern. Aber weshalb ich eigentlich schreibe! Riekchen -war hier und hat es mir ans Herz gelegt, und so denk' ich, wir -säumen keinen Augenblick länger und Du kommst morgen um -die Mittagsstunde. Da werden sie hier sein und Riekchen auch. -Aber wir haben nichts gesagt und sie sollen überrascht werden. -Und ich bin glücklich, meine Hand zu so was Rührendem bieten -zu können. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das -Schönste … Ach, meine liebe Melanie! … Aber ich schweige,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -Gryczinskis drittes Wort ist ja, daß es im Leben darauf -ankomme, seine Gefühle zu beherrschen … Ich weiß doch -nicht, ob er recht hat. Und nun lebe wohl. Immer Deine</p> - -<p class="right"> -J. v. G.«<br /> -</p> - -<p>Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, -die sie weder verbergen konnte noch wollte. So fand -sie Rubehn und geriet in wirkliche Sorge, weil er aus Erfahrung -wußte, daß solchen Überreizungen immer ein Rückschlag und -solchen hochgespannten Erwartungen immer eine Enttäuschung -zu folgen pflegt. Er suchte sie zu zerstreuen und abzuziehen, und -war endlich froh, als der andere Morgen da war.</p> - -<p>Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein -paar weiße Wölkchen schwammen oben im Blau. Melanie -verließ das Haus noch vor der verabredeten Stunde, um ihren -Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten. Ach, wie wohl ihr -diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um sie begierig -einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden Lebens -und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen. Alle -Hecken zeigten einen grünen Saum und an den geharkten -Stellen, wo man das abgefallene Laub an die Seite gekehrt -hatte, keimten bereits die grünen Blättchen des Gundermann -und einmal war es ihr, als schöss' eine Schwalbe mit schrillem -aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so passierte sie den -Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt den kleinen, -der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht hatte, -den sie den »kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich -auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte -deutlich, wie ihr das Herz schlug.</p> - -<p>»In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Straße -des Hergebrachten verlassen und abweichen von Regel und<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Gesetz. Es nutzt uns nichts, daß wir uns selber freisprechen. -Die Welt ist doch stärker als wir und besiegt uns schließlich in -unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht zu tun, als ich -ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich wollte -kein Rührspiel; entweder oder dacht' ich. Und ich glaub' auch -noch, daß ich recht gedacht habe. Aber was hilft es mir? Was -ist das Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern fürchtet.«</p> - -<p>Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der -neben aller Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder und -sie ging rasch auf das Gryczinskische Haus zu.</p> - -<p>Die Portiersleute, Mann und Frau, und zwei halberwachsene -Töchter, mußten schon auf dem Hintertreppenwege von -dem bevorstehenden Ereignisse gehört haben, denn sie hatten -sich in die halbgeöffnete Souterraintür postiert und guckten -einander über die Köpfe fort. Melanie sah es und sagte vor sich -hin: »<em class="antiqua">A nine days wonder!</em> Ich bin eine Sehenswürdigkeit -geworden. Es war mir immer das schrecklichste.«</p> - -<p>Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon -da, die Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten -über ihr gegenseitiges Aussehen. Und alles verriet Aufregung -und Freude.</p> - -<p>Das Wohn- und Empfangszimmer, in das man jetzt eintrat, -war ein großer und luftiger, aber im Verhältnis zu seiner -Tiefe nur schmaler Raum, dessen zwei große Fenster (ohne -Pfeiler dazwischen) einen nischenartigen Ausbau bildeten. -Etwas Feierliches herrschte vor, und die roten, von beiden -Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben ein gedämpftes, -wundervolles Licht, das auf den weißen Tapeten reflektierte. -Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber, bemerkte man eine -hohe Tür, die nach dem dahinter gelegenen Eßzimmer führte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster -Platz, die beiden anderen Damen mit ihr, und Jakobine versuchte -nach ihrer Art eine Plauderei. Denn sie war ohne jede -tiefere Bewegung und betrachtete das Ganze vom Standpunkt -einer dramatischen Matinee. Riekchen aber, die wohl wahrnahm, -daß die Blicke Melanies immer nur nach der <em class="gesperrt">einen</em> -Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich das Gespräch -und sagte: »Laß Binchen. Ich werde sie nun holen.«</p> - -<p>Eine peinliche Stille trat ein, Jakobine wußte nichts mehr -zu sagen und war herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her -die Musik eines vorüberziehenden Garderegiments hörbar -wurde. Sie stand auf, stellte sich zwischen die Gardinen, und -sah nach rechts hinaus … »es sind die Ulanen,« sagte sie. -»Willst du nicht auch …« Aber ehe sie noch ihren Satz beenden -konnte, ging die große Flügeltür auf und Riekchen, mit den -beiden Kindern an der Hand, trat ein.</p> - -<p>Die Musik draußen verklang.</p> - -<p>Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert -und beinah erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. -Als sie aber sah, daß Lydia einen Schritt zurück trat, blieb auch -<em class="gesperrt">sie</em> stehen und ein Gefühl ungeheurer Angst überkam sie. Nur -mit Mühe brachte sie die Worte heraus: »Heth, mein süßer, -kleiner Liebling … Komm … Kennst du deine Mutter nicht -mehr?«</p> - -<p>Und ihre ganze Kraft zusammen nehmend, hatte sie sich -bis dicht an die Türe vorbewegt und bückte sich, um Heth mit -beiden Händen in die Höhe zu heben. Aber Lydia warf ihr einen -Blick bitteren Hasses zu, riß das Kind am Achselbande zurück und -sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.«</p> - -<p>Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -Kleine mit sich fort und zu der halb offen gebliebenen Tür -hinaus.</p> - -<p>Melanie war ohnmächtig zusammengesunken.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt, -daß sie zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt -worden. Riekchens Weisheiten und Jakobinens Albernheiten -mußten ihr in ihrer Stimmung gleich unerträglich erscheinen.</p> - -<p>Als sie fort war, sagte Jakobine zu Riekchen: »Es hat doch -einen rechten Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf -gar nichts davon erfahren. Er ist ohnehin gegen Kinder. Und -er würde mir doch nur sagen: ›Da siehst du, was dabei heraus -kommt. Undank und Unnatur.‹«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap21">21<br /> -In der Nikolaikirche</h2> -</div> - -<p class="drop">Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses, -als Melanie wieder in ihre Wohnung eintrat. Das -Herz war ihr zum Zerspringen, und sie sehnte sich nach Aussprache. -Dann, das wußte sie, kamen ihr die Tränen und in -den Tränen Trost.</p> - -<p>Aber Ruben blieb heute länger aus als gewöhnlich und -zu den anderen Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch -noch das Bangen und Sorgen um den geliebten Mann. -Endlich kam er; es war schon Spätnachmittag und die -drüben hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne -warf eine Fülle greller Lichter durch die kleinen Mansardenfenster. -Aber es war kalt und unheimlich, und Melanie sagte, -während sie dem Eintretenden entgegenging: »Du bringst so<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -viel Kälte mit, Ruben. Ach, und ich sehne mich nach Licht -und Wärme.«</p> - -<p>»Wie du nur bist,« entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit, -während er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu -zeigen trachtete. »Wie du nur bist! Ich sehe nichts als Licht, -ein wahrer <em class="antiqua">embarras de richesse</em>, auf jedem Sofakissen und -jeder Stuhllehne, und das Ofenblech flimmert und schimmert, -als ob es Goldblech wäre. Und du sehnst dich nach Licht! Ich -bitte dich, mich blendet's, und ich wollt', es wäre weniger oder -wäre fort.«</p> - -<p>»Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.«</p> - -<p>Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er -stehen und sagte teilnehmend: »Ich vergesse nach der Hauptsache -zu fragen. Verzeihe. Du warst bei Jakobine. Wie lief -es ab? Ich fürchte, nicht gut. Ich lese so was aus deinen -Augen. Und ich hatt' auch eine Ahnung davon, gleich heute -früh, als ich in die Stadt fuhr. Es war kein glücklicher Tag.«</p> - -<p>»Auch für dich nicht?«</p> - -<p>»Nicht der Rede wert. <em class="antiqua">A shadow of a shadow.</em>«</p> - -<p>Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen -und griff mechanisch nach einem Album, das auf dem -Sofatische lag. Seiner oft ausgesprochenen Ansicht nach war -dies die niedrigste Form aller geistigen Beschäftigung, und so -durft' es nicht überraschen, daß er während des Blätterns über -das Buch fortsah und wiederholentlich fragte: »Wie war es? -Ich bin begierig zu hören.«</p> - -<p>Aber sie konnte nur zu gut erkennen, daß er <em class="gesperrt">nicht</em> begierig -war zu hören, und so sehr es sie nach Aussprache verlangt -hatte, so schwer wurd' es ihr jetzt, ein Wort zu sagen, und sie -verwirrte sich mehr als einmal, als sie, um ihm zu willfahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -von der tiefen Demütigung erzählte, die sie von ihrem eigenen -Kinde hatte hinnehmen müssen.</p> - -<p>Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar -hingeworfene Worte zu beruhigen, aber es war nicht anders, -wie wenn einer einen Spruch herbetet.</p> - -<p>»Und das ist alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie. -»Ruben, mein Einziger, soll ich auch <em class="gesperrt">dich</em> verlieren?!« Und -sie stellte sich vor ihn hin und sah ihn starr an.</p> - -<p>»O, sprich nicht so. Verlieren! Wir können uns nicht -verlieren. Nicht wahr, Melanie, wir können uns nicht verlieren?« -Und hierbei wurde seine Stimme momentan inniger -und weicher. »Und was die Kinder angeht,« fuhr er nach -einer Weile fort, »nun, die Kinder sind eben Kinder. Und -eh' sie groß sind, ist viel Wasser den Rhein hinuntergelaufen. -Und dann darfst du nicht vergessen, es waren nicht gerade -die glänzendsten <em class="antiqua">metteurs en scène</em>, die es in die Hand -nahmen. Unser Riekchen ist lieb und gut, und du hast sie -gern, zu gern vielleicht; aber auch du wirst nicht behaupten -wollen, daß die Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort -an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls -ist ihr nicht aufgemacht worden. Und Jakobine! <em class="antiqua">Pardon</em>, -sie hat etwas von einer Prinzessin, aber von einer, die die -Lämmer hütet.«</p> - -<p>»Ach, Ruben,« sagte Melanie, »du sagst so vieles durcheinander. -Aber das rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts, -was mich aufrichten, mich vor mir selbst wieder herstellen -könnte. Mein eigen Kind hat mir den Rücken gekehrt. Und -daß es noch ein Kind ist, das gerade ist das Vernichtende. Das -richtet mich.«</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf und sagte: »Du nimmst es zu schwer.<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -Und glaubst du denn, daß Mütter und Väter außerhalb aller -Kritik stehen?«</p> - -<p>»Wenigstens außerhalb <em class="gesperrt">der</em> ihrer Kinder.«</p> - -<p>»Auch <em class="gesperrt">der</em> nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen überall -zu Gericht, still und unerbittlich. Und Lydia war immer ein -kleiner Großinquisitor, wenigstens genferischen Schlages, und -an ihr läßt sich die Rückschlagstheorie studieren. Ihr Urahne -muß mitgestimmt haben, als man Servet verbrannte. Mich -hätte sie gern mit auf dem Holzstoß gesehen, so viel steht fest. -Und nun, laß uns schweigen davon. Ich muß noch in die Stadt.«</p> - -<p>»Ich bitte dich, was ist? Was gibts?«</p> - -<p>»Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen, -daß wir nach ihrem Abschluß zusammen bleiben. Ängstige dich -nicht und vor allem erwarte mich nicht. Ich hasse junge Frauen, -die beständig am Fenster passen, ›ob er noch nicht kommt‹ und -mit dem Wächter unten auf du und du stehen, nur, um immer -eine Heil-Ablieferungsgarantie zu haben. Ich perhorresziere -das. Und das beste wird sein, du gehst früh zu Bett und schläfst -es aus. Und wenn wir uns morgen früh wiedersehen, wirst du -mir vielleicht zustimmen, daß Lydia Bescheidenheit lernen muß -und daß zehnjährige dumme Dinger, Fräulein Liddi mit eingeschlossen, -nicht dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer -eigenen Frau Mama aufzuwerfen.«</p> - -<p>»Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fühlst es anders und -bist zu klug und zu gerecht, als daß du nicht wissen solltest, das -Kind hat recht.«</p> - -<p>»Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt -es Ernsteres als das. Und nun Gott befohlen.«</p> - -<p>Und er nahm seinen Hut und ging.</p> - -<p>Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam.<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Aber erst am andern Morgen fragte sie nach der Konferenz -und bemühte sich darüber zu scherzen. Er seinerseits antwortete -in gleichem Ton und war wie gestern ersichtlich bemüht, mit -Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm aufzurichten, hinter -dem er, was eigentlich in ihm vorging, verbergen konnte.</p> - -<p>So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit -ihr auch seine Zerstreutheit, und es kam vor, daß er mehrere -Male dasselbe fragte. Melanie schüttelte den Kopf und sagte: -»Ich bitte dich, Ruben, wo bist du? sprich.« Aber er versicherte -nur, »es sei nichts, und sie forsche, wo nichts zu forschen sei. -Zerstreutheit wäre ein Erbstück in der Familie, kein gutes, -aber es sei einmal da, und sie müsse sich damit einleben und -daran gewöhnen«. Und dann ging er, und sie fühlte sich freier, -wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht gesprochen -und <em class="gesperrt">er</em>, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte -sie nur durch seine Gegenwart.</p> - -<p>Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag -auf eine halbe Stunde vor, aber Melanie war froh, als das -Gespräch ein Ende nahm und die mehr und mehr unbequem -werdende Freundin wieder ging. Und so kam auch der zweite -Festtag, unfestlich und unfreundlich wie der erste, und als -Rubehn über Mittag erklärte, »daß er abermals eine Verabredung -habe«, konnte sie's in ihrer Herzensangst nicht länger -ertragen und sie beschloß in die Kirche zu gehen und eine Predigt -zu hören. Aber wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen -und Hochzeiten her, wo sie, neben Frommen und Nichtfrommen, -manch liebes Mal bei Tisch gesessen und beim Nachhausekommen -immer versichert hatte: »Geht mir doch mit eurem -Pfaffenhaß. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten, -wie heute mit Pastor Käpsel. Ist das ein reizender<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -alter Herr! Und so humoristisch und beinahe witzig. Und schenkt -einem immer ein und stößt an und trinkt selber mit, und sagt -einem verbindliche Sachen. Ich begreif' euch nicht. Er ist doch -interessanter als Reiff oder gar Duquede.«</p> - -<p>Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage, -daß sie keine mehr gehört hatte.</p> - -<p>Endlich entsann sie sich, daß ihr Christel von Abendgottesdiensten -erzählt hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig. -Es war weit, aber desto besser. Sie hatte so viel Zeit übrig und -die Bewegung in der frischen Luft war seit Wochen ihr einziges -Labsal. So machte sie sich auf den Weg und als sie die große -Petristraße passierte, sah sie zu den erleuchteten Fenstern des -ersten Stockes auf. Aber <em class="gesperrt">ihre</em> Fenster waren dunkel und auch -keine Blumen davor. Und sie ging rascher und sah sich um, -als verfolge sie wer, und bog endlich in den Nikolaikirchhof ein.</p> - -<p>Und nun in die Kirche selbst.</p> - -<p>Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie -ging an der Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten -reichgeschmückten Kanzel gerad' gegenüber war. Hier waren -Bänke gestellt, nur drei oder vier, und auf den Bänken saßen -Waisenhauskinder, lauter Mädchen in blauen Kleidern und -weißen Brusttüchern, und dazwischen alte Frauen, das graue -Haar unter einer schwarzen Kopfbinde versteckt, und die meisten -einen Stock in Händen oder eine Krücke neben sich.</p> - -<p>Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen -Mädchen kicherten und sich anstießen und immer nach ihr hinsahen -und nicht begreifen konnten, daß eine so feine Dame zu solchem -Gottesdienste käme. Denn es war ein Armen-Gottesdienst und -deshalb brannten auch die Lichter so spärlich. Und nun schwieg -Lied und Orgel, und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -dessen sie sich von ein paar großen und überschwänglichen -Bourgeoisbegräbnissen her sehr wohl entsann, und von dem sie -mehr als einmal in ihrer übermütigen Laune versichert hatte, »er -spräche schon vorweg im Grabsteinstil. Nur nicht so kurz.« Aber -heute sprach er kurz und pries auch keinen, am wenigsten überschwänglich, -und war nur müd und angegriffen, denn es war der -zweite Feiertag abend. Und so kam es, daß sie nichts Rechtes -für ihr Herz finden konnte, bis es zuletzt hieß: »Und nun, andächtige -Gemeinde, wollen wir den vorletzten Vers unsres Osterliedes -singen.« Und in demselben Augenblicke summte wieder -die Orgel und zitterte, wie wenn sie sich erst ein Herz fassen -oder einen Anlauf nehmen müsse, und als es endlich voll und -mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang und die Spittelfrauen -mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rückten zwei von den -kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben -ihr ihr Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Du lebst, du bist in Nacht mein Licht,<br /></span> -<span class="i0">Mein Trost in Not und Plagen,<br /></span> -<span class="i0">Du weißt, was alles mir gebricht,<br /></span> -<span class="i0">Du wirst mir's nicht versagen.<br /></span> -</div></div> - -<p>Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch -zurück und dankte freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung -zu verbergen. Dann aber murmelte sie Worte, die -ein Gebet vorstellen sollten, und es vor dem Ohr dessen, der die -Regungen unseres Herzens hört, auch wohl waren, und verließ -die Kirche so still und seitab, wie sie gekommen war.</p> - -<p>In ihre Wohnung zurückgekehrt, fand sie Rubehn an seinem -Arbeitstische vor. Er las einen Brief, den er, als sie eintrat, -beiseite schob. Und er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand -und führte sie nach ihrem Sofaplatz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>»Du warst fort?« sagte er, während er sich wieder setzte.</p> - -<p>»Ja, Freund. In der Stadt … In der Kirche.«</p> - -<p>»In der Kirche! Was hast du da gesucht?«</p> - -<p>»Trost.«</p> - -<p>Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, daß der -Augenblick da war, wo sich's entscheiden müsse. Und sie sprang -auf und lief auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder und legte -beide Arme auf seine Knie: »Sage mir, was ist es? Habe Mitleid -mit mir, mit meinem armen Herzen. Sieh, die Menschen -haben mich aufgegeben und meine Kinder haben sich von mir -abgewandt. Ach, so schwer es war, ich hätt' es tragen können. -Aber daß du, <em class="gesperrt">du</em> dich abwendest von mir, das trag' ich nicht.«</p> - -<p>»Ich wende mich nicht ab von dir.«</p> - -<p>»Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht, -aber mit deinem Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es? -Es ist nicht Eifersucht, was mich quält. Ich könnte keine Stunde -leben mehr, wär' es <em class="gesperrt">das</em>. Aber ein anderes ist es, was mich -ängstigt, nicht viel Besseres: ich habe deine Liebe nicht mehr. -Das ist mir klar, und unklar ist mir nur das eine, wodurch ich -sie verscherzt. Ist es der Bann, unter dem ich lebe und den du -mit zu tragen hast? Oder ist es, daß ich so wenig Licht und -Sonnenschein in dein Leben gebracht und unsere Einsamkeit -auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe? Oder ist es, -daß du mir mißtraust? Ist es der Gedanke an das alte »heute -dir und morgen mir«. O sprich. Ich will dich nicht leiden -sehen. Ich werde weniger unglücklich sein, wenn ich dich -glücklich weiß. Auch getrennt von dir. Ich will gehen, jede -Stunde. Verlang' es und ich tu es. Aber reiße mich aus dieser -Ungewißheit. Sage mir, was es ist, was dich drückt, was dir -das Leben vergällt und verbittert. Sage mir's. Sprich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p> - -<p>Er fuhr sich über Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite -geschobenen Brief und sagte: »Lies.«</p> - -<p>Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen -vom alten Rubehn, dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und -nun las sie: »Frankfurt, Ostersonntag. Ausgleich gescheitert. -Arrangiere was sich arrangieren läßt. In spätestens acht Tagen -muß ich unsere Zahlungseinstellung aussprechen. M. R. …«</p> - -<p>In Rubehns Mienen ließ sich, als sie las, erkennen, daß er -einer neuen Erschütterung gewärtig war. Aber wie sehr hatte -er sie verkannt, sie, die viel, viel mehr war, als ein bloß verwöhnter -Liebling der Gesellschaft, und eh' ihm noch Zeit blieb -über seinen Irrtum nachzudenken, hatte sie sich schon in einem -wahren Freudenjubel erhoben und ihn umarmt und geküßt -und wieder umarmt.</p> - -<p>»O, nur das! … O, nun wird alles wieder gut … Und -was eurem Hause Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück, -und nun weiß ich es, es kommt alles wieder in Schick und Richtung, -weit über all mein Hoffen und Erwarten hinaus … Als -ich damals ging, und das letzte Gespräch mit ihm hatte, sieh, -da sprach ich von den Menschlichen unter den Menschen. Und -es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Und auf diese Menschlichen -baut' ich meine Zukunft und rechnete darauf, daß sie's -versöhnen würde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und -auch die Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt -muß ich sagen, sie hatten recht. Denn die Liebe tut es nicht -und die Treue tut es auch nicht. Ich meine die Werkeltagstreue, -die nichts Besseres kann, als sich vor Untreue bewahren. Es -ist eben nicht viel, treu zu sein, wo man liebt und wo die Sonne -scheint und das Leben bequem geht und kein Opfer fordert. -Nein, nein, die bloße Treue tut es nicht. Aber die bewährte<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -Treue, <em class="gesperrt">die</em> tut es. Und nun kann ich mich bewähren und will -es und werd' es, und nun kommt <em class="gesperrt">meine</em> Zeit. Ich will nun -zeigen, was ich kann, und will zeigen, daß alles Geschehene -nur geschah, weil es geschehen mußte, weil ich dich liebte, nicht -aber weil ich leicht und übermütig in den Tag hineinlebte und -nur darauf aus war, ein bequemes Leben in einem noch bequemeren -fortzusetzen.«</p> - -<p>Er sah sie glücklich an und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen -in Wort und Miene riß ihn aus der tiefen Niedergedrücktheit -seiner Seele heraus. Er hoffte nun selber wieder, aber -Bangen und Zweifel liefen nebenher, und er sagte bewegt: -»Ach, meine liebe Melanie, du warst immer ein Kind und du bist -es auch in diesem Augenblicke noch. Ein verwöhntes und ein -gutes, aber doch ein Kind. Sieh, von deinem ersten Atemzuge -an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech' ich von Not, nie, -solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfüllt geblieben. Und du -hast gelebt wie im Märchen von ›Tischlein decke dich‹ und das -Tischlein <em class="gesperrt">hat</em> sich dir gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit -allem, was das Leben hat, auch mit Schmeicheleien und Liebkosungen. -Und du bist geliebkost worden wie ein King-Charles-Hündchen -mit einem blauen Band und einem Glöckchen daran. -Und alles, was du getan hast, das hast du spielend getan. Ja, -Melanie, spielend. Und nun willst du auch spielend entbehren -lernen und denkst: es findet sich. Oder denkst auch wohl, es sei -hübsch und apart und schwärmst für die Poetenhütte, die Raum -hat für ein glücklich liebend Paar, oder wenigstens haben <em class="gesperrt">soll</em>. -Ach, es liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Eßtisch und -dem Maienbusch in jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das -Futternäpfchen selber heranzieht. Und es ist schon richtig: die -gemalte Dürftigkeit sieht geradeso gut aus, wie der gemalte<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -Reichtum. Aber wenn es aufhört Bild und Vorstellung zu sein -und wenn es Wirklichkeit und Regel wird, dann ist Armut -ein bitteres Brot, und Muß eine harte Nuß.«</p> - -<p>Es war umsonst. Sie schüttelte nur den Kopf immer wieder, -und sagte dann in jener einschmeichelnden Weise, der so schwer -zu widerstehen war: »Nein, nein, du hast unrecht. Und es liegt -alles anders, ganz anders. Ich hab' einmal in einem Buche gelesen, -und nicht in einem schlechten Buche, die Kinder, die -Narren und die Poeten, die hätten immer recht. Vielleicht -überhaupt, aber von ihrem Standpunkt aus ganz gewiß. Und -ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst du schließen, -wie <em class="gesperrt">sehr</em> ich recht habe. Dreifach recht. ›Ich will spielend entbehren -lernen,‹ sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist es, -um was es sich handelt. Und du glaubst einfach, ich könn' es -nicht. Ich kann es aber, ich kann es ganz gewiß, so gewiß ich -diesen Finger aufhebe, und ich will dir auch sagen, warum ich -es kann. Den einen Grund hast du schon erraten: weil ich es -mir so romantisch denke, so hübsch und apart. Gut, gut. Aber -du hättest auch sagen können, weil ich andere Vorstellungen -von Glück habe. Mir ist das Glück etwas anderes als ein Titel -oder eine Kleiderpuppe. <em class="gesperrt">Hier</em> ist es, oder nirgends. Und so -dacht' ich und fühlt' ich immer, und so war ich immer und so -bin ich noch. Aber wenn es auch anders mit mir stünde, wenn -ich auch an dem Flitter des Daseins hinge, so würd' ich doch die -Kraft haben, ihm zu entsagen. <em class="gesperrt">Ein</em> Gefühl ist immer das -herrschende, und seiner Liebe zuliebe kann man alles, alles. -Wir Frauen wenigstens. Und <em class="gesperrt">ich</em> gewiß. Ich habe so vieles -freudig hingeopfert und ich sollte nicht einen Teppich opfern -können! Oder einen Vertiko! Ach, einen Vertiko!« und sie -lachte herzlich. »Entsinnst du dich noch, als du sagtest: »Alles<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -sei jetzt Enquete.« Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen -fortgeschritten und jetzt ist alles Vertiko!«</p> - -<p>Er war nicht überzeugt, seine praktisch-patrizische Natur -glaubte nicht an die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte -doch: »Es sei. Versuchen wir's. Also ein neues Leben, Melanie!«</p> - -<p>»Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese -Wohnung auf und suchen uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde -klingt freilich anspruchslos genug, aber dieser Trumeau -und diese Bronzen sind um so anspruchsvoller. Ich habe nichts -gelernt und das ist gut, denn wie die meisten, die nichts gelernt -haben, weiß ich allerlei. Und mit Toussaint L'Ouverture fangen -wir an, nein, nein, mit Toussaint-Langenscheidt, und in acht -Tagen oder doch spätestens in vier Wochen geb' ich meine erste -Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst -du? Glaubst du?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Topp.«</p> - -<p>Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen -und Scherzen in das Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit -des Dieners eben den Teetisch arrangiert hatte.</p> - -<p>Und sie hatten an diesem Unglückstage wieder einen ersten -glücklichen Tag.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="kap22">22<br /> -Versöhnt</h2> -</div> - -<p class="drop">Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie -gesagt hatte. Sie hatte dabei ganz ihre Frische wieder -und eh ein Monat um war, war die modern und elegant eingerichtete -Wohnung gegen eine schlichtere vertauscht und das<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -Stundengeben hatte begonnen. Ihre Kenntnis des Französischen -und beinahe mehr noch ihr glänzendes musikalisches, auch nach -der technischen Seite hin vollkommen ausgebildetes Talent -hatten es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen, und -zwar in ein paar großen, schlesischen Häusern, die gerade vornehm -genug waren, den Tagesklatsch ignorieren zu können.</p> - -<p>Und bald sollte es sich herausstellen, wie nötig diese raschen -und resoluten Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz -erfolgte jäher als erwartet und jede Form der Einschränkung -erwies sich als geboten, wenn nicht mit der finanziellen -Reputation des großen Hauses auch die bürgerliche verloren -gehen sollte. Jede neue Nachricht, von Frankfurt her, bestätigte -dies und Rubehn, der anfangs nur allzu geneigt gewesen -war, den Eifer Melanies für eine bloße Opferkaprice -zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu -folgen. Er trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus -ein, zunächst mit nur geringem Gehalt, und war überrascht -und glücklich zugleich, die berühmte Poetenweisheit von -der »kleinsten Hütte« schließlich an sich selber in Erfüllung gehn -zu sehn.</p> - -<p>Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen -Morgen, wenn sie von der Wilmersdorfer Feldmark her am -Rande des Tiergartens hin ihren Weg nahmen und an ihrer -alten Wohnung vorüberkamen, sahen sie zu der eleganten -Mansarde hinauf und atmeten freier, wenn sie der zurückliegenden -schweren und sorgenreichen Tage gedachten. Und -dann bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gänge -des Parkes ein, bis sie zuletzt unter der schrägliegenden Hängeweide -fort, die zwischen dem Königsdenkmal und der Luiseninsel -steht und hier beinahe den Weg sperrt, in die breite Tiergartenstraße<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -wieder einmündeten. Den schrägliegenden Baum -aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und Schlagbaum, weil -sich dicht hinter demselben ein Leiermann postiert hatte, dem -sie Tag um Tag ihren Wegezoll entrichten mußten. Er kannte -sie schon, und während er die große Mehrheit, als wären es -Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verächtlichen Blicke verfolgte, -zog er vor unserem jungen Paare regelmäßig seine -Militärmütze. Ganz aber konnt' er sich auch ihnen gegenüber -nicht zwingen und verleugnen, und als sie den schon Pflicht -gewordenen Zoll eines Tages vergessen oder vielleicht auch -absichtlich nicht entrichtet hatten, hörten sie, daß er die Kurbel -in Wut und Heftigkeit noch dreimal drehte und dann so jäh -und plötzlich abbrach, daß ihnen ein paar unfertige Töne wie -Knurr- und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: »Wir -dürfen es mit niemand verderben, Ruben; Freundschaft ist -heuer rar.« Und sie wandte sich wieder um und ging auf den -Alten zu und gab ihm. Aber er dankte nicht, weil er noch -immer in halber Empörung war.</p> - -<p>Und so verging der Sommer und der Herbst kam, und als -das Laub sich zu färben und an den Ahorn- und Platanenbäumen -auch schon abzufallen begann, da hatte sich bei denen, die Tag -um Tag unter diesen Bäumen hinschritten, manches geändert -und zwar zum Guten geändert. Wohl hieß es auch jetzt noch, -wenn sie den alten Invaliden unter ihrerseits devotem Gruße -passierten, »daß sie der neuen Freundschaften noch nicht sicher -genug seien, um die bewährten alten aufgeben zu können,« aber -diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in ihren -Anfängen da. Man kümmerte sich wieder um sie, ließ sie gesellschaftlich -wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen -der Rubehnschen Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -gehabt und je nach ihrer klassischen oder christlichen -Bildung und Beanlagung von »Nemesis« oder »Finger Gottes« -gesprochen hatten, bequemten sich jetzt, sich mit dem hübschen -Paare zu versöhnen, »das so glücklich und so gescheit sei, und nie -klage und sich so liebe.« Ja, sich so liebe. <em class="gesperrt">Das</em> war es, was doch -schließlich den Ausschlag gab, und wenn vorher ihre Neigung -nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt die Stimmung -in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch -ein und dasselbe Gefühl, was bei Verurteilung und Begnadigung -zu Gerichte saß, und wenn es anfangs eine sensationelle -Befriedigung gewährt hatte, sich in Indignation zu stürzen, -so war es jetzt eine kaum geringere Freude, von den »Inséparables« -sprechen und über ihre »treue Liebe« sentimentalisieren -zu können. Eine kleine Zahl Esoterischer aber führte den ganzen -Fall auf die Wahlverwandtschaften zurück und stellte wissenschaftlich -fest, daß einfach seitens des stärkeren und deshalb -berechtigteren Elements das schwächere verdrängt worden sei. -Das Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit -sah sich denn auch der einen Winter lang auf den Schild gehobene -Van der Straaten abgefunden und teilte das Schicksal aller -Saisonlieblinge, noch schneller vergessen als erhoben zu werden. -Ja, der Spott und die Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen -ihn zu richten, und wenn des Falles ausnahmsweise noch gedacht -wurde, so hieß es: »Er hat es nicht anders gewollt. Wie -kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings, er soll einmal -ein <em class="antiqua">lion</em> gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem ›Löwen‹ zu -wohl wird …« Und dann lachten sie und freuten sich, daß es -so gekommen, wie es gekommen.</p> - -<p>Ob Van der Straaten von diesen und ähnlichen Äußerungen -hörte? Vielleicht. Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -sich selbst zu skeptisch und unerbittlich durchforscht, als daß er -über die Wandlungen in dem Geschmacke der Gesellschaft, über -ihr Götzenschaffen und Götzenstürzen auch nur einen Augenblick -erstaunt gewesen wäre. Und so durfte denn von ihm gesagt -werden, »er hörte, was man sprach, auch wenn er es <em class="gesperrt">nicht</em> -hörte.« Weg über das Urteil der Menschen, galt ihm nur eines -ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer -eine selbständige Natur gewesen, frei und fest, und so war er -geblieben. Und auch derselbe geblieben in seiner Nachsicht und -Milde.</p> - -<p>Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon -erfahren sollte.</p> - -<p>Es war schon ausgangs Oktober und nur wenig gelbes und -rotes Laub hing noch an den halb kahl gewordenen Bäumen. -Das meiste lag abgeweht in den Gängen und wurde, wo's -trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern hatte sich das -Wetter wieder geändert und nach langen Sturm- und Regentagen -schien eine wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte -dieses Jahres.</p> - -<p>Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute -länger fort als erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die -Magd in großer Aufregung heimkam und in ihrem schweren -Schweizer-Deutsch über ein eben gehabtes Erlebnis berichtete. -Sie hab' auf der Bank g'sesse, wo die vier Löwe das Brückle -halte, und hätt' ebe g'sagt: »Sieh, Aninettle, des isch der alt -Weibersommer, der will di einspinne, aber der hat di no lang -nit,« un das Aninettl hab' grad g'juchzt un lacht un n'am Ohrring -g'langt, do wäre zwei Herre über die Brück komme, -so gute funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer hätt' -g'sagt, e langer Spindelbein: »Schau des Silberkettle; des<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -isch e Schweizerin; un i wett, des isch e Kind vom Schweizer -G'sandte.« Aber do hat der andre g'sagt: »Nei, des kann nit -sein; den Schweizer G'sandte, den kenn i, un der hat kein Kind -un kein Kegel …« Un do hat er z'mir g'sagt: »Ah nu, wem -g'hört das Kind?« Und da hab' i g'sagt: »Dem Herr Rubehn, -un's isch e Mädle, un heißt Aninettl.« Un do hab' i g'sehn, -daß er sich verfärbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang, -da hat er sich wieder umg'wandt und hat g'sagt: »'s isch d' -Mutter, und lacht auch so, un hat dieselbe schwarze Haar'. -Es isch e schön's Kindle. Findscht nit au?« Aber er hat's nit -finde wolle und hat nur g'sagt: »Übertax es nit. Es gibt mehr -so. Un's ischt e Kind aus 'm Dutzend.« Jo, so hat er g'sagt, -der garstige Spindelbein: »'s gibt mehr so, un's ischt e Kind aus -'m Dutzend.« Aber der gute Herre, der hat's Pätschle g'nomme -un hat's g'streichelt. Un hat mi g'lobt, deß i so brav un g'scheit -sei. Jo, so hat er g'sagt. Und dann sind sie gange.«</p> - -<p>All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt und Melanie -war während der Tage, die folgten, immer wieder auf diese -Begegnung zurückgekommen. Immer wieder und wieder hatte -die Vreni jedes Kleinste nennen und beschreiben müssen, und -so war es durch Wochen hin geblieben, bis endlich in den großen -und kleinen Vorbereitungen zum Feste der ganze Vorfall vergessen -worden war.</p> - -<p>Und nun war das Fest selber da, der heilige Abend, zu dem -auch diesmal Rubehns jüngerer Bruder und der alte Prokurist, -die sich zur Rückkehr nach Frankfurt nicht hatten entschließen -können, geladen waren. Auch Anastasia.</p> - -<p>Melanie, die noch vor Eintreffen ihres Besuchs allerlei -Wirtschaftliches anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak -ordentlich, als sie gleich nach Dunkelwerden und lange<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -vor der festgesetzten Stunde die Klingel gehen hörte. Wenn -das schon die Gäste wären! Oder auch nur einer von ihnen. -Aber ihre Besorgnis währte nicht lange, denn sie hörte draußen -ein Fragen und Parlamentieren und gleich darauf erschien das -Vrenel und trug eine mittelgroße Kiste herein, auf der, ohne -weitere Adresse, bloß das eine Wort »Julklapp« zu lesen war.</p> - -<p>»Ist es denn für uns, Vreni?« fragte Melanie.</p> - -<p>»I denk schon. I hab' ihm g'sagt: ›'s isch der Herr Rubehn, -der hier wohnt. Und die Frau Rubehn.‹ Un do hat er g'sagt: -›'s isch schon recht; des isch der Nam'‹. Un do hab' i's g'nomme.«</p> - -<p>Melanie schüttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube, -wo man sich nun gemeinschaftlich an das Öffnen der Kiste -machte. Nichts fehlte von den gewöhnlichen Julklapps-Zutaten -und erst als man unten am Boden eines großen Gravensteiner -Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: »Gib acht. Hierin steckt -es.« Aber es ließ sich nichts erkennen, und schon wollte sie den -Gravensteiner, wie alles andere, beiseite legen, als sich durch -eine zufällige Bewegung ihrer Hand die geschickt zusammengepaßten -Hälften des Apfels auseinanderschoben. »<em class="antiqua">Ah, voilà.</em>« -Und wirklich, an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten -war, lag ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Sie nahm -es, entfernte langsam und erwartungsvoll eine Hülle nach der -andern und hielt zuletzt ein kleines Medaillon in Händen, einfach -ohne Prunk und Zierrat. Und nun drückte sie's an der -Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt' es und es entfiel -ihrer Hand. Es war, <em class="antiqua">en miniature</em>, der Tintoretto, den sie -damals so lachend und übermütig betrachtet und für dessen -Hauptfigur sie nur die Worte gehabt hatte: »Sieh, Ezel, sie -hat geweint. Aber ist es nicht, als begriffe sie kaum ihre -Schuld?«</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>Ach, sie fühlte jetzt, daß das alles auch für sie selbst gesprochen -war, und sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder -auf und gab es an Ruben und errötete.</p> - -<p>Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, während -er die Feder wieder zuknipste: »<em class="antiqua">King Ezel in all his glories!</em> -Immer derselbe. Wohlwollend und ungeschickt. Ich werd' es -tragen. Als Uhrgehäng, als Berlocke.«</p> - -<p>»Nein, <em class="gesperrt">ich</em>. Ach, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet. -Und es soll mich erinnern und mahnen … jede Stunde …«</p> - -<p>»Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als nötig -und grüble nicht zuviel über das alte leidige Thema von Schuld -und Sühne.«</p> - -<p>»Du bist hochmütig, Ruben.«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Nun gut. Dann bist du stolz.«</p> - -<p>»Ja, das bin ich, meine süße Melanie. Das bin ich. Aber -auf was? Auf <em class="gesperrt">wen</em>?«</p> - -<p>Und sie umarmten sich und küßten sich, und eine Stunde -später brannten ihnen die Weihnachtslichter in einem ungetrübten -Glanz.</p> - -<p class="center p2">Ende</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Werke von Theodor Fontane:</p> -</div> - -<div class="adv"> -<p><em class="gesperrt">Irrungen Wirrungen.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Graf Petöfy.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Schach von Wuthenow.</em> Erzählung aus der Zeit des -Regiments Gensdarmes.</p> - -<p><em class="gesperrt">Stine.</em> Berliner Sittenroman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Kriegsgefangen.</em> Erlebtes 1870.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aus den Tagen der Occupation.</em> Eine Osterreise.</p> - -<p><em class="gesperrt">Frau Jenny Treibel.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Meine Kinderjahre.</em> Autobiographischer Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Von vor und nach der Reise.</em> Plaudereien und -kleine Geschichten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Effi Briest.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Poggenpuhls.</em> Erzählung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Von Zwanzig bis Dreißig.</em> Autobiographisches.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Stechlin.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Aus England und Schottland.</em> Reisebilder.</p> - -<p><em class="gesperrt">Causerien über Theater.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Briefe an seine Familie.</em> 2 Bände.</p> - -<p><em class="gesperrt">Cecile.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Unterm Birnbaum.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Gedichte.</em></p> - -<p><em class="gesperrt">Vor dem Sturm.</em> Roman aus dem Winter 1812 auf 1813.</p> - -<p><em class="gesperrt">Quitt.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Grete Minde.</em> Nach einer altmärkischen Chronik.</p> - -<p><em class="gesperrt">Unwiederbringlich.</em> Roman.</p> - -<p><em class="gesperrt">Ellernklipp.</em> Nach einem Harzer Kirchenbuch.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wanderungen durch die Mark Brandenburg.</em> 5 Bde.</p></div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="center larger">S. Fischer, Verlag, Berlin</p> - -<p class="h2">Werke von E. v. Keyserling:</p> -</div> - -<p class="h2">Schwüle Tage</p> - -<p class="center">Novellen. <span class="smaller">Vierte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.</span></p> - -<p>In diesem neuen Buch Graf Keyserlings stehen zwei wunderbare -Novellen vom aristokratischen Leben. Das Wesen alten -Adels ist darin aufgefangen, nur von ganz köstlichen, erlesenen -Dingen vibrieren hier die Seelen …</p> - -<p class="right"> -(Die Zeit, Wien) -</p> - -<p>Die Erzählungen sind umsponnen von dem intimen Reiz einer -hohen Geisteskultur, unter der des Autors Schöpfungen zu -Kabinettstückchen werden von jener Besonderheit, wie etwa eine -echte Brabanter Spitze oder ein alter Goldbrokat.</p> - -<p class="right"> -(Münchner Post) -</p> - -<p>»Dorf- und Schloßgeschichten« könnte man diese Sammlung -von drei Novellen überschreiben, die zum künstlerisch Vollendetsten -zählen, was die neuere Literatur hervorgebracht hat. Es ist -nicht nur der Titel eines Buches der Ebner-Eschenbach, den -wir ihnen geben möchten – in dieser echten Dichternatur, in -ihrer vornehmen Abgeschlossenheit und dem vollendeten Ebenmaße -der Darstellung, in dem fast weiblichen Takte des Empfindens -liegt etwas vom Wesen unserer österreichischen Dichterin.</p> - -<p class="right"> -(Neue Freie Presse, Wien) -</p> - -<p>Das, was an den Novellen des Grafen Keyserling so wundervoll -verführerisch am Werk ist, möchte ich nicht so sehr die -mit slawischer Träumerei hinhauchende Melancholie dieser erlesenen -Erzählungskunst nennen, als vielmehr die ganz reife, -süße Kultur ihres Autors. Als Schriftsteller ist Keyserling ein -brillanter Techniker, Impressionist, von einer Sicherheit, wie -wir sie an deutschen Epikern überhaupt noch nicht gewohnt -waren.</p> - -<p class="right"> -(Der Tag, Berlin) -</p> - -<p class="h2">Dumala</p> - -<p class="center">Roman. <span class="smaller">Dritte Auflage. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.</span></p> - -<p>Graf Keyserling, der jetzt in München lebende Kurländer, ist -einer unserer kultiviertesten Prosaschriftsteller. Subtiler, feiner, -innerlicher als er zeichnet heute kaum einer Gestalten, fängt -kaum einer die landschaftliche Atmosphäre auf, die um den -Menschen webt und sein Wesen bilden hilft. Seiner wundervollen -Schloßgeschichte »Beate und Mareile«, seinem köstlichen -Novellenband »Schwüle Tage« läßt er jetzt einen neuen Roman -folgen: Dumala. So heißen Schloß und Ort, wo die Geschichte -spielt, irgendwo in Kurland oder in Ostpreußen. Eine -simple Geschichte von verbotener, sündiger Liebe, kaum eigenartig -durch das Was des Erzählten, aber ganz einzig durch -das persönliche Fluidum, das über dem Ganzen liegt und die -intensive Stimmungskraft, die alle Einzelheiten tränkt und zu -einem geschlossenen künstlerischen Organismus zusammenfaßt. -Prachtvoll sind die Gestalten geschaut und in leibhafte Anschaulichkeit -umgesetzt: der alte Baron, der rückenmarksleidend -zu Dumala im Lehnstuhl sitzt und sich von seiner jungen Frau -die erstarrten Glieder streichen läßt, der kraftvolle Pfarrer, -der über seine hausbackene Ehe hinaus nach der frönen Baronin -begehrt; der rücksichts- und skrupellose Nachbar, der die Einsame, -nach Liebe Begehrende als willkommene Beute einfängt, ohne -sie halten zu können, und dann diese Frau selbst, die den ganzen -Kreis beherrscht und alle Männer unwiderstehlich in ihren Bannkreis -zieht. Das »Zwischen den Menschen«, die unendlich feinen -seelischen Fäden, die von einem zum anderen hinüberweben, sind -hier mit erlesener Kunst fühlbar gemacht; und die Luft, in der -sie atmen, wird uns vertraut. Das gibt dem Buch neben dem -weltmännischen Ton und der Grazie des Stils seine Eigenart -und seinen Wert.</p> - -<p class="right"> -(Königsberger Allgemeine Zeitung) -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center p2"> -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Die unterschiedlichen Schreibweisen Rubehn und Ruben wurden wie im -Original beibehalten. -</p> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of L'Adultera, by Theodor Fontane - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ADULTERA *** - -***** This file should be named 52912-h.htm or 52912-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/9/1/52912/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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