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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 05:43:48 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Ratten - Berliner Tragikomödie - -Author: Gerhart Hauptmann - -Release Date: September 1, 2016 [EBook #52952] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - - - - - Die - Ratten - - - Berliner Tragikomödie - - von - Gerhart Hauptmann - - - - - S. Fischer / Verlag - Berlin - 1911 - - - - - Siebente Auflage. - - Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. - Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. - Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. - - - - - Personen: - - - Harro Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor - Seine Frau - Walburga, seine Tochter - Pastor Spitta - Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn - Alice Rütterbusch, Schauspielerin - Nathanael Jettel, Hofschauspieler - Käferstein, Schüler Hassenreuters - Dr. Kegel, Schüler Hassenreuters - John, Maurerpolier - Frau John - Bruno Mechelke, ihr Bruder - Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen - Frau Sidonie Knobbe - Selma, ihre Tochter - Quaquaro, Hausmeister - Frau Kielbacke - Schutzmann Schierke - Zwei Säuglinge - - - - - Erster Akt - - - Im Dachgeschoß einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu Berlin. Ein - fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer brennenden Lampe - erhält, die von der Mitte der Decke über einen runden Tisch - herunterhängt. In die Hinterwand mündet ein gerader Gang, der den - Raum mit der Entreetür verbindet: einer eisenbeschlagenen Tür mit - einer primitiven Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen - durch einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand links - schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts führt eine Treppe - auf den Dachboden. - - Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten, hat - der _Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter_ seinen Theaterfundus - untergebracht. - - Man kann, bei dem ungewissen Licht, in Zweifel sein, ob man sich in - der Rüstkammer eines alten Schlosses, in einem Antiquitätenmagazin - oder bei einem Maskenverleiher befindet. - - Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme und - Brustharnische Pappenheimscher Kürassiere aufgestellt, ebenso in je - einer Reihe an der rechten und linken Wand des vorderen Raums. Die - Dachbodentreppe steht zwischen zwei Geharnischten. Die Decke darüber - schließt die übliche Bodenklappe ab. - - Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte, Federn, alte - Geschäftsbücher und ein Kontorbock, sowie einige Stühle mit hohen - Lehnen um den runden Mitteltisch lassen erkennen, daß der Raum zu - Bureauzwecken dienen muß. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch - und einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien zeigen - Direktor Hassenreuter als Karl Moor, sowie in verschiedenen anderen - Rollen. - - Einer der Pappenheimschen Kürassiere trägt einen ungeheuren - Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer Schleife, deren Enden - in goldenen Lettern die Worte tragen: »Unserem genialen Direktor - Hassenreuter! Die dankbaren Mitglieder.« Eine Serie mächtiger, roter - Schleifen trägt nur die Aufschrift: »Dem genialen Karl Moor ... Dem - unvergleichlichen, unvergeßlichen Karl Moor ... usw. usw. - - Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt. Wo - irgend angängig, hängen an Kleiderhaken deutsche, spanische und - englische Kostümstücke aus verschiedenen Jahrhunderten. Man sieht - schwedische Reiterstiefel, spanische Degen und deutsche Flamberge. - - Die Tür links hat die Aufschrift: »Bibliothek.« - - Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte Scharteken - und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher. - - Es ist eines Sonntags, Ende Mai. - - * * * * * - - Frau John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das blutjunge - Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch. Die John, den - Oberkörper weit über den Tisch gelehnt, redet lebhaft auf das - Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka, dienstmädchenhaft aufgedonnert, - mit Jackett, Hut und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches, rundes - Lärvchen ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht - vollendeter Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der - Diele. - - Frau John - -Na ja doch! Freilich! Ick sag't ja, Pauline. - - Die Piperkarcka - -Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. Muß jehn un muß -nachsehn, ob ick ihm treffe! -- - - Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben. - - Frau John - verhindert die Piperkarcka am Aufstehen. - -Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich, um keenen Preis von -de Welt. Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt. Wat woll'n Se -woll, und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten Halunken noch -weiter nachlofen!? - - Die Piperkarcka - -Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst verjeblich auf mir. Ick -spring im Landwehrkanal und versaufe. - - Frau John - -Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? Jeben Se Obacht, heren Se -jetzt bloß um Jotteswillen 'n janz'n eenziges ... bloß ma 'n janzen -kleenen Ochenblick uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn -vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch bei de Normaluhr, wo -ick an Alexanderplatz aus de Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und -hab et Ihn uf'n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab ick -Ihn uf'n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er will nischt von -wissen! -- Det jeht hier vielen, det jeht hier allen, det jeht hier -vielen Millionen Mächens so! Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick -jesacht? komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen. - - Die Piperkarcka - -Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken lassen, wie ick -verändert bin. Mutter schreit doch auf's ersten Blick! Vater haut mir -Kopf an die Wand und schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och -weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, was ick -mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich, schlechter Mensch nich Mark -nich Pfennig übrig gelassen. - - Frau John - -Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: wenn Se bloß wollten -Obacht jebn ... jebn Se doch um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for -Vorschläge unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen. -Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen och mir. Außerden is Pauln, -wat mein Mann is, jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil det -uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an de Bräune jestorben is. -Ihr Kind hat et jut wie'n eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz -wieder ufsuchen, kenn wieder in'n Dienst, kenn wieder bei Ihre Eltern -jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch uf die janze Welt nich braucht -wat von wissen. - - Die Piperkarcka - -I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! -- (sie steht auf.) -- Ick -schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein Jackett zurück: du hast mit -deine verfluchte Schlechtigkeit deine Pauline im Wasser jetrieben! dann -setze vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher zu. Denn -soll er sehn, wie er mit sein Mord auf Jewissen man meinswegen fertig -wird. - - Frau John - -Warten Se, Freilein, ick muß erst ufschließen. - - Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka - hinausbegleiten. - - Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno Mechelke - langsam forschend aus der Tür links und bleibt stehen. Bruno - Mechelke ist eher klein, als groß, hat einen kurzen Stiernacken und - athletische Schultern. Niedrige, weichende Stirn, bürstenförmiges - Haar, kleiner runder Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und - vernarbtem linken Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen - Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände hängen an langen, - muskulösen Armen. Die Pupillen seiner Augen sind schwarz, klein und - stechend. Er bastelt an einer Mausefalle herum. - - Bruno - pfeift seiner Schwester wie einem Hunde. - - Frau John - -Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn? - - Bruno - scheinbar in die Falle vertieft. - -Ick denke, ick soll hier Fallen ufstellen. - - Frau John - -Haste dem Speck denn rinjemacht? -- (zur Piperkarcka) -- 'T is bloß mein -Bruder. Erschrecken sich nicht, Freilein. - - Bruno - wie vorher. - -Ick ha heute dem Kaisa Wilhem jesehn, Jette. Ick war mit de Wachparade -jejang. - - Frau John - zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll gebannt - ist. - -Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. -- (zu Bruno) -- Junge, wie -siehst du bloß wieder aus? Det Freilein muß sich ja von dich Angst -kriejen. - - Bruno - wie vorher. Ohne aufzublicken. - -Schuberle buberle, ick bin 'n Jespenst. - - Frau John - -Mach uf'n Boden und stell deine Mausefallen. - - Bruno - wie vorher. Tritt langsam an den Tisch. - -Jawoll, det is och man wieder so'n Jeschäft zum Vahungern. Wenn ick mit -Streichhölzer handeln du, denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von. - - Die Piperkarcka - -Atje, Frau John. - - Frau John - wütend auf den Bruder los. - -Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen. - - Bruno - geduckt. - -Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn. - - Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer zurück, dessen - Tür Frau John resolut hinter ihm schließt. - - Die Piperkarcka - -Den mecht ick Tierjarten Jrunewald nich bejejnen. Bei Nacht nich und -nich ma bei Dage nich. - - Frau John - -Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter een hinter is. - - Die Piperkarcka - -Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder sprechen wollen, lieber -Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John. - - Frau John - -Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag un Nacht jroßjebracht. -Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal besser. Also Pauline, wenn et -jeboren is, nehm ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern, -wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch mich zurückhält nach -Rüdersdorf jeh und Lichter uf beede Jräber ansteche: det kleene Wurm -soll et madich jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene -jeborene Prinzessin haben tut. - - Die Piperkarcka - -Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol -- trefft wen -trefft! -- un jießen dem Weibsbild, wo mit ihm jeht -- trefft wen -trefft! ... mitten in Jesicht! trefft wen trefft! brennt ihm janze -verfluchte hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart kaput! -Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres Frauenzimmer jeht. Trefft wen -trefft! Hat mir betrogen! zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat -mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen, -belogen, betrogen, in Elend jestoßen! Trefft wen trefft! Soll blind -sein! Nase soll wegjefressen sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde -sein! - - Frau John - -Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von Stund an, wo det kleene -Wurm erstma uf de Welt is ... von den Augenblick an! ... det soll et -haben, als wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren wär. -Bloß jutes Zutrauen! und, det Se »ja« sachen! -- Ick habe mir allens -ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn! -Und weder 'n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt wat von. -- -Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig Mark, wat ick mir -von det Reinmachen hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, -ausjezahlt. - - Die Piperkarcka - -Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich! - - Frau John - -Wer redet denn von verkofen, Pauline? - - Die Piperkarcka - -Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag for Himmelsangst -ausjestanden. Bräutijam steßt mir fort! Mietsfrau steßt mir fort. -Schlafbodenstelle is mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so -verachtet und von die Leute verflucht un ausstoßen muß? - - Frau John - -Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern Herrn Christus -Heiland noch immer ieber is. - - Ohne bemerkt zu werden ist, bastelnd wie vorher, Bruno geräuschlos - wiederum in die Tür getreten. - - Bruno - sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei. - -Lampen! - - Die Piperkarcka - -Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort. - - Frau John - geht heftig auf Bruno los. - -Willst du woll jehn wo de hinjeherst! Ick ha dir jesacht, ick wer' dir -rufen. - - Bruno - wie vorher. - -Na Jette, ick ha doch bloß Lampen jesacht. - - Frau John - -Biste verrickt? Wat heest denn det: Lampen? -- - - Bruno - -Na, klinkt et denn nich an de Einjangstir? - - Frau John - erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff - ist, davon zu gehen. - -Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch 'n Ogenblick. - - Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen. - - Frau John - leise, angstvoll, zu Bruno. - -Ick her nischt. - - Bruno - -Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da man bessare Lauscha -an. - - Frau John - -Det wär in det janze Vierteljahr det erstema, det der Direkter kommt, -wenn Sonntag is. - - Bruno - -Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen jleich angaschieren. - - Frau John - heftig. - -Quatsch nich! - - Bruno - grinsend zur Piperkarcka. - -Jlobens et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann 'n dummen Aujust sein -Esel dreimal rum die Manesche jebracht. Det mach ick allens! Ick wer' -mir woll furchten. - - Die Piperkarcka - scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst jetzt - zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt. - -Josef Maria, wo bin ick denn? - - Frau John - -Wer kann denn det sind? - - Bruno - -Da Direkta nich, Jette. Det is eha 'ne Tülle, wo elejante Trittlinge -hat. - - Frau John - -Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut, hier uf 'n Oberboden. -'S kommt eener, kann sind, der bloß wat wissen will. - - In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte. Sie - klettert über die Treppe auf den Oberboden, dessen Klappe geöffnet - ist. Frau John hat sich so gestellt, daß im Notfalle die Piperkarcka - gegen die Entreetür gedeckt ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau - John und Bruno bleiben allein. - - Bruno - -Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester? - - Frau John - -Det jeht dir nischt an, verstehste mich. - - Bruno - -Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so ängstlich 'ne Wand -machen dust. Sonst is et mich doch wahaftig Pomade. - - Frau John - -Det soll dir och immer Pomade sind. - - Bruno - -Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln. - - Frau John - -Lump, weest du woll, wat du mir schuldig bist? - - Bruno - pomadig. - -Wat regste dir denn uf? Wo stoß ick dir denn? Wat wiste? Ick muß jetzt -zu meine Braut. Mir schläfert. Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in -Tierjarten platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. -- (Er -kehrt seine Hosentaschen um.) -- Foljedessen muß ick jehn 'n Stück Brod -verdienen. - - Frau John - -Hier jeblieben! -- und nich von de Stelle! -- oder du krist und wenn det -de jaulst wie 'n kleener Hund, kriste nimmermehr wenn't bloß 'n Pfennich -is, krist de von mich! Bruno, du jehst uf schlechte Weche. - - Bruno - -Ick wer' woll immer jejen de janze Welt ... noch wat! ... wer' ick der -Potsdammer sind. Soll ick etwa nich jehn, wo ick scheen bei Hulda'n zu -leben kriege? -- (Er zieht eine schmutzige Brieftasche.) -- Nich ma 'n -dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje drin. Wat wiste von -mich, un denn laß mir abschrenken. - - Frau John - -Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze? Du bist zu nischt -weiter nitze, als det eene Schwester, wo nich richtig in Koppe is, mit -so'n Lump un Tagedieb Mitleid hat. - - Bruno - -Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist. - - Frau John - -Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn mit fünf, sechs Jahre -alt schlechte Dinge jetrieben hast, det mit dir in Leben keen Staat -weiter nich zu machen is un det ick dir sollte lofen lassen. Un mein -Mann, wo richtig un orntlich is ... vor so'n juten Mann: du darfst dir -nich blicken lassen. - - Bruno - -Jewiß doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so eenfach schiebt sich -det nu eemal nu eben nich. Wat wiste? Ick weeß, ick bin mit 'n Ast uf'n -Puckel, wenn det'n och det'n keener sieht, un nich in Zangzuzih uf de -Welt jekomm. Ick muß sehn un mir mit mein Ast mang mang helfen. Na jut -so! wat wiste? von wechen de Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß -wat mit die Dohle vertussen. - - Frau John - die Faust drohend unter Brunos Nase. - -Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn mach ick dir kalt. -Denn bist du 'ne Leiche! - - Bruno - -Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. -- (Er steigt die Treppe -hinauf.) -- Womeglich komm ick, mir nischt dir nischt, noch ma in -Schokoladenkasten rin. -- - - Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht eilig die - Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie geht in die Bibliothek, - schließt aber die Tür hinter sich nicht ganz. - - Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels, der darin - umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein leichter Schritt - kommt nun den Gang herauf. Vorübergehend war der Berliner - Straßenlärm, auch Kindergeschrei aus den Hausfluren vernehmlich - geworben. Leierkastenmusik vom Hof herauf. - - Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter. Das Mädchen - ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch und unschuldig - aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen. - - Walburga - stutzt, horcht, sagt dann ängstlich. - -Papa! -- Ist schon jemand hier oben? -- Papa! Papa! -- (Sie horcht lange -gespannt und sagt dann): -- Es riecht ja hier so nach Petroleum! -- (Sie -findet Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken -und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.) -- Au! -- Donnerwetter, -wer ist denn hier? -- - - Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen. - - Frau John erscheint wieder. - - Frau John - -I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm machen! Sein Se man -friedlich! Det bin ja bloß ick. - - Walburga - -Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck bekommen, Frau John. - - Frau John - -Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit an Sonntag hier? - - Walburga - Hand auf dem Herzen. - -Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John. - - Frau John - -Wat hat's denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt Se denn? Sie missen det -doch von Ihren Herrn Vater wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier -oben mang die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub abbürsten und -Motten auskloppen. In drei, vier Wochen, wenn ick jlicklich mit die -zwölf- oder achtzehnhundert Theaterlumpen eemal 'rum bin und fertig bin, -fängt et doch immer wieder von frischen an. - - Walburga - -Ich hab' mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder noch ganz heiß -anfaßte, Frau John. - - Frau John - -Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt un ick hab se vor eene halbe Minute -ausjepustet. -- (Sie hebt den Zylinder ab.) -- Mir brennt et nich! Ick -hab harte Hände! -- (Sie zündet das Docht auf.) -- Na, nu wird Licht! Nu -hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu Jefährliches los? Ick sehe -nischt. - - Walburga - -Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John. - - Frau John - -Wie soll ick aussehn? - - Walburga - -Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins Finstere kommt ... in -diese muffigen Kammern hinein, da ist man wie von Gespenstern umgeben. - - Frau John - -Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? -- Sind Se alleene oder is -noch jemand? -- Kommt am Ende Papa noch nach? - - Walburga - -Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz nach Potsdam hinaus. - - Frau John - -Und wat suchen denn also Sie nu woll hier? - - Walburga - -Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen. - - Frau John - -Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm. In Papa'n seine -Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne nich. - - Walburga - -Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber 'raus an die -Sonne gehn. - - Frau John - -I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man alle Tache meine paar -Pfund Staub und Dreck uf de Lunge krieje. -- Jeh man, Kindken, ick muß -an de Arbeet! -- mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstob und -Mottenpulver. -- - - Sie hustet. - - Walburga - ängstlich. - -Sie brauchen Papa nicht sagen, daß ich hier oben gewesen bin. - - Frau John - -Ick? Ick habe woll sonst nischt besseret zu tun. - - Walburga - scheinbar leichthin. - -Und sollte Herr Spitta nach mir fragen ... - - Frau John - -Wer? - - Walburga - -Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde gibt ... - - Frau John - -Na, und? - - Walburga - -Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, daß ich hier gewesen aber -gleich wieder gegangen bin. - - Frau John - -Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papa'n nich? - - Walburga - unwillkürlich. - -Um Gottes willen nicht, liebste Frau John. - - Frau John - -Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht. Manch eene hat ausjesehn, -wie du, und is aus die Jejend jekomm wie du, wo nachher in de -Drajonerstraße in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter -schwedsche Jardinen zujrunde jejangen is. - - Walburga - -Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau John, oder glauben -wollen, daß in meiner Beziehung zu Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder -Ungehöriges ist? - - Frau John - in höchstem Schreck. - -Mund zu! -- Et hat jemand dem Schlüssel im Schloß jestochen. - - Walburga - -Auslöschen! - - Frau John - bläst schnell die Lampe aus. - - Walburga - -Papa! - - Frau John - --- Freilein, ruf uf'n Oberboden. - - Sie und Walburga verschwinden über die Treppe durch den - Bodenverschlag, der verschlossen wird. - - Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler - Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür im Gange. Der - Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig Jahre alt. Er pflegt - große Schritte zu nehmen und bekundet ein lebhaftes Temperament. - Sein Gesichtsschnitt ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein - Betragen ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt - einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten gerückt und - übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger geöffnete Paletot - enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte Brust. -- Hofschauspieler - Jettel trägt unter dem leichtesten Sommerüberzieher einen weißen - Flanellanzug. Er hat einen Strohhut nebst elegantem Stock in der - linken Hand, gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls - glattrasiert und über die fünfzig alt. - - Direktor Hassenreuter - ruft. - -John! -- Frau John! -- Ja, das sind nun hier meine Katakomben, lieber -Jettel! _Sic transit gloria mundi!_ Hier hab ich nun alles, _mutatis -mutandis_, untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit -übrig geblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen und Lumpen! -- John! -John! Sie ist hier gewesen, denn der Lampenzylinder ist heiß! -- (Er -zündet mit einem Streichholz die Lampe an.) -- _Fiat lux pereat mundus!_ -So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten- und Flohparadies bei Lichte -besehen. - - Nathanael Jettel - -Haben Sie also meine Karte bekommen, bester Direktor? - - Direktor Hassenreuter - -Frau John! -- Ich werde mal sehn, ob sie auf dem Boden ist. -- (Er -steigt sehr gewandt die Treppe hinauf und rüttelt an der Bodenklappe.) --- Verschlossen! Den Schlüssel hat die Kanaille natürlich am -Schürzenband. -- (Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.) -- -John! John! - - Nathanael Jettel - etwas ungeduldig. - -Direktor, geht es nicht ohne die John? - - Direktor Hassenreuter - -Was? Glauben Sie, daß ich Ihnen den miserablen Lappen, den Sie gerade da -für Ihr Gastspiel brauchen, aus meinen dreihundert Kisten und Kasten, -ohne die John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so wie ich vom Prinzen -komme, selber heraussuchen kann. - - Nathanael Jettel - -Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine Gastreisen nicht. - - Direktor Hassenreuter - -Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! meinethalben! Mich stört das -nicht! Nur vergessen Sie nicht, wer vor Ihnen steht. Deshalb, wenn der -Hofschauspieler Jettel -- na wenn schon! -- gnädigst zu pfeifen geruhen, -springt der Direktor Harro Hassenreuter noch lange nicht. _Sapristi!_ -wenn irgendein Komödiant einen schäbigen Turban oder zwei alte -Transtiefel braucht, muß sich ein _pater familias_, ein Familienvater -den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen abknapsen? Soll -womöglich wie 'n Tackel auf allen Vieren in alle Bodenwinkel hinein? -Nein, Freundchen, da müßt Ihr Euch andere aussuchen. - - Nathanael Jettel - sehr ruhig. - -Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen in Gottes Namen auf die -Krawatte getreten hat? - - Direktor Hassenreuter - -Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde die Beine unterm Tisch -eines Prinzen gehabt: _post hoc, ergo propter hoc!_ -- Ich setze mich -Ihretwegen in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte -Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht zu würdigen wissen: scheren -Sie sich! - - Nathanael Jettel - -Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie haben mich eine volle -geschlagene Stunde in dieser entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem -lieblichen Korridore unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich habe -gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf gemacht! und jetzt sind Sie -geschmackvoll genug, mich als eine Art Spucknapf zu betrachten ... - - Direktor Hassenreuter - -Mein Junge ... - - Nathanael Jettel - -In's Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache ich Sie zu meinem -Hanswurst und lasse Sie für sechs Groschen Purzelbaum schießen! - - Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht. - - Direktor Hassenreuter - stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit - hinter Jettel her: - -Machen Sie sich nicht lächerlich! -- Und übrigens bin ich kein -Maskenverleiher. - - Man hört die Flurtür ins Schloß knallen. - - Direktor Hassenreuter - zieht die Uhr. - --- Rindvieh verdammtes! -- Schafskopf verfluchter! -- Ein Segen, daß das -Rindvieh, verdammte, gegangen ist! - - Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und lauscht. - Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, blickt in den - Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel enthält, und kämmt sich - sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch und öffnet einige von den - Briefschaften, die dort gehäuft liegen. Dazu singt er trällernd: - - »O Straßburg, o Straßburg, - du wunderschöne Stadt.« - - Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle über - seinem Kopf. - - Direktor Hassenreuter - -Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es drauf ankommt, pünktlich -sind! - - Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend. - Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald von glöckchenartigem - Lachen einer weiblichen akkompagniert. Sehr bald erscheint der - Direktor wieder, von einer eleganten jungen Dame begleitet, Alice - Rütterbusch. - - Direktor Hassenreuter - -Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine Alice! Komm mal ans -Licht! Ich muß doch sehen, ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante, -tolle Alice aus den besten Tagen meiner reichsländischen -Direktionsperiode bist!? Mädel, ich hab' dich ja gehen gelehrt! ich hab -deine ersten Schritte gegängelt ... das Sprechen! Du sagtest ja immer -Cheef statt Chef! Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen. - - Alice Rütterbusch - -Schaun's Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar bin? - - Direktor Hassenreuter - nimmt ihr den Schleier ab. - -Mädel, du bist ja noch jünger geworden! - - Alice Rütterbusch - hochrot, beglückt. - -Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer behaupten wollt, daß -du dich zum Nachteil verändert hast. Aber weißt, arg finster hast's bei -dir oben und a bissel -- Harro, wenns d' mechst a Fenster aufmachen! -- -so a bissel a schwere Luft. - - Direktor Hassenreuter - -Pillycock saß auf Pillycocks Berg! - - »Doch Mäus' und Ratten und solch Getier - Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.« - -Im Ernst, ich hab' finstere und schwere Zeiten durchgemacht! Du wirst ja -schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts geschrieben habe, liebe -Alice, davon unterrichtet sein. - - Alice Rütterbusch - -Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, daß d' mir auf alle -die sauberen und langen Brief kein Wörtel geantwort' hast. - - Direktor Hassenreuter - -Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich -selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! _E -nihilo nihil fit!_ Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts werden! -Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von -meiner deutschen Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe. - - Alice Rütterbusch - -Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten. - - Direktor Hassenreuter - -»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.« Nein, meine Kleine, -ich habe den Fundus nicht in Straßburg gelassen! Dieser ehemalige -Kellner, Kneipwirt und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der mein -Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser _bête imbécil_, wollte den -Fundus nicht! -- Sessa, den Fundus hab' ich nicht dort gelassen: dafür -aber vierzigtausend Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen aus -meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark zugebrachtes Vermögen -meiner braven Frau. Sessa! -- Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war -ein Glück für mich. -- Da! -- Ha ha ha! Diese Kerle hier ... -- (er -berührt einige der Geharnischten) -- du kennst sie doch? ... - - Alice Rütterbusch - -I kenn' doch meine Pappenheimer. - - Direktor Hassenreuter - -Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was drum und dran -baumelt, haben den alten Lumpensammler und Maskenverleiher Harro -Eberhard Hassenreuter nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser -gehalten! -- Aber reden wir lieber von heiteren Dingen: ich habe mit -Vergnügen aus der Zeitung ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin -engagiert werden wirst. - - Alice Rütterbusch - -I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, und das mußt mir -versprechen, wanns du wieder eine Direktion ibernehmen tust ... das -versprichst mir, daß i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! -- (Der -Direktor bricht in Lachen aus.) -- I hab mi drei Jahre lang gnua auf die -Provinzschmieren rumgeärgert. Berlin mag i net! und a Hoftheater schon -lang net. Jessas die Leit! das Komödiespielen! -- Weißt, i g'hör zum -Fundus, i hab immer bloß daher g'hört! -- - - Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung. - - Direktor Hassenreuter - -Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer. - - Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen - einander mit einigen lange anhaltenden Küssen. - - Alice Rütterbusch - -Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau? - - Direktor Hassenreuter - -Therese geht's gut, außer daß sie trotz Kummer und Sorgen von Tag zu Tag -dicker wird. -- Mädel, Mädel, wie du duftest! -- (Er drückt sie an -sich.) -- Weißt du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist? - - Alice Rütterbusch - -Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich. - - Direktor Hassenreuter - -Sakra! - - Alice Rütterbusch - -Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen hoch, unter an -muffigen Dach, mit dir a Rendezvous geben, wann ich net wißt, daß das -für uns zwei, ans wie's andere, gefährlich is. Ibrigens hab' i ja, Gott -sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann i schon amal auf -Schleichwegen geh, auf der Treppen den Nathanael Jettel troffen, bin dem -Herrn Hofschauspieler bei ei'm Haar direkt in die Arme g'rannt. Wird -schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di b'sucht hab. - - Direktor Hassenreuter - -Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch behauptet, ha ha ha, -ich hätte ihn ganz ausdrücklich für heut nachmittag herbestellt. - - Alice Rütterbusch - -Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche Gestalt, der i auf die -sechs Treppenabsätz begegnet bin, und was mir die lieben kleinen -Kinderln, die auf die Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is -dermaßen unparlamentarisch, das is von solche Kröten, noch net drei Käs' -hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit, die mir noch vorkommen is. - - Direktor Hassenreuter - lacht, wird dann ernst. - -Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier in diesem alten -Kasten mit schmutzigen Unterröcken die Treppe fegt und überhaupt -schleicht, kriecht, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt, -hämmert, hobelt, stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle -Gewerbe treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, Zither klimpert, -Harmonika spielt -- was hier an Not, Hunger, Elend existiert und an -lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu -schreiben. Und dein alter Direktor, _last not least_, rennt, ächzt, -seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, wie der Berliner sagt, -immer mitten mang mit. Ha ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig -gegangen. - - Alice Rütterbusch - -Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof Zoologischer Garten -zusteuer, troffen hab? Den alten guten Fürst Statthalter hab i troffen. -Und sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten lang neben -ihm hergschwenkt und hab ihn in an langen Diskurs verwickelt und, auf -Ehre, Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich -g'schegn. Auf'n Reitweg is plötzlich Majestät mit großer Suite -vorübergritten. I denk, i versink! Und hat übers ganze Gesicht gelacht -und Durchlaucht so mit dem Finger gedroht. Aber g'freit hab i mi, das -kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d'Hauptsach. Jetzt paß auf. -- Ob i -mi freun tät, hat mi Durchlaucht plötzli g'fragt, und ob i wieder nach -Straßburg mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater tät wieder -übernehmen. Na weißt: beinah hab i an Sprung getan! - - Direktor Hassenreuter - Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da. - -Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die kleine Durchlaucht -vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir -haben ein exquisites kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht -draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich vielleicht eine -Wendung zum Guten im miserablen Geschicke deines Freundes vorbereitet. - - Alice Rütterbusch - -Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst du ja aus. - - Direktor Hassenreuter - -Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster Orden noch nicht!? -Klärchen und Egmont! Hier magst du dich satt trinken! -- - - Neue Umarmung. - -_Carpe diem!_ genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, steht allerdings auf -dem jetzigen Repertoire deines alten Direktors, Erweckers und Freundes -nicht! -- (Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche Wein.) -- -Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von Pappe! -- (Er zieht den -Korken. Die Türschelle geht.) -- Was? -- Pst! -- Wer hat denn die -ungeheure Dreistigkeit, am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? -- (Es -klingelt stärker.) -- Kleine, zieh dich doch mal in die Bibliothek -zurück. -- (Alice eilt in die Bibliothek ab. Es klingelt wieder.) -- -Donnerwetter noch mal, der Kerl ist ja irrsinnig. -- (Er eilt nach der -Tür.) -- Gedulden Sie sich oder scheren Sie sich! -- (Man hört ihn die -Tür öffnen.) -- Wer? Wie? »Ich bin's, Fräulein Walburga?« Was? Fräulein -Walburga bin ich nicht. Ich bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater! -Ach, Sie sind's, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der Vater! Ich -bin der Vater! Was wünschen Sie denn? - - Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von Erich Spitta, - einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, der Brille und Zwicker - trägt und übrigens scharfe und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta - gilt als Kandidat der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er - hält sich nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die - Studierstube und mangelhafte Ernährung anzumerken. - - Direktor Hassenreuter - -Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem Speicher Privatstunde -geben? - - Spitta - -Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte wirklich, ich hätte -Fräulein Walburga unten durch das Portal in's Haus eilen sehen. - - Direktor Hassenreuter - -Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine Tochter Walburga ist -augenblicklich mit ihrer Mutter in der englischen Kirche, ich glaube, zu -einem liturgischen Gottesdienst. - - Spitta - -Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. Ich nahm mir die -Freiheit, heraufzukommen, weil ich mir sagte: eine Begleitung in dieser -Gegend, vielleicht auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein -Walburga am Ende nicht unangenehm. - - Direktor Hassenreuter - -Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. Ich bedauere sehr. -Ich selber bin nur zufällig hier: der Post wegen! und ich habe auch -leider andere dringende Sachen vor. -- Wünschen Sie sonst was, mein -guter Spitta? - - Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit. - - Spitta - -Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit. - - Direktor Hassenreuter - -Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: ich habe leider die -Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig in der Westentasche auf die Straße -zu gehn. Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich wieder in -meiner Wohnung bin. - - Spitta - -Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor. - - Direktor Hassenreuter - -Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes Wild, guter Spitta ... - - Spitta - -Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen wirklich als eine Art -höherer Fügung ansehen muß, um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten. -Dürfte ich, kurz, eine Frage tun? - - Direktor Hassenreuter - mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat. - -Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester Spitta. - - Spitta - -Frage und Antwort wird, denk' ich, kaum von so langer Dauer sein. - - Direktor Hassenreuter - -Also los! - - Spitta - -Habe ich wohl Talent zum Schauspieler? - - Direktor Hassenreuter - -Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? -- Verzeihen Sie, -bester Herr Kandidat, wenn ich in einem solchen Fall bis zur -Unhöflichkeit außer dem Häuschen bin. Es heißt zwar _natura non facit -saltus_, aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. Da muß -ich mal erst zu Atem kommen. Und nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir, -wenn wir beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, so würden -wir in drei bis vier Wochen, sagen wir Jahren, darüber noch nicht zum -Schluß gekommen sein. - -Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen aus einem Pastorhaus: -wie kommen Sie denn auf solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben -und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz geebnet sind. - - Spitta - -Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange Geschichte schwerer -innerer Kämpfe, Herr Direktor, die allerdings bis zu dieser Stunde nur -mir bekannt und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat mich das -Glück in Ihr Haus geführt und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie -ich dem wahren Ziel meines Lebens näher und näher kam. - - Direktor Hassenreuter - mit peinlicher Ungeduld. - -Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie! -- (Er legt ihm die -Hände auf die Schulter.) -- Dennoch muß ich Ihnen jetzt die ganz -inständige Bitte vortragen, von der Erörterung dieser Angelegenheit im -Augenblicke abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich. - - Spitta - -Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit Sie wissen, daß ich -absolut fest entschlossen bin. - - Direktor Hassenreuter - -Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen denn diese Raupen in den -Kopf gesetzt? Ich habe mich über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist -Ihres friedlichen Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen -Ambitionen, die einem hier in der Großstadt anfliegen, habe ich keinen -Wert beigelegt. Das ist nur so nebenbei und verliert sich zweifellos -wieder bei ihm, dachte ich mir! -- Mensch, und nun wollen Sie Komödiant -werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater wär! Ich würde Sie bei -Wasser und Brot einsperren und Sie nicht eher herauslassen, als bis -Ihnen jede Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. _Dixi!_ und -nun adieu, guter Spitta. - - Spitta - -Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel würde bei mir durchaus -nichts helfen, fürcht ich. - - Direktor Hassenreuter - -Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit Ihrer schiefen Haltung, -mit Ihrer Brille und vor allem mit Ihrem heiseren und scharfen Organ -geht das doch nicht. - - Spitta - -Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum soll es -nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben? Und ich bin der -Ansicht, ein wohlklingendes Organ, womöglich verbunden mit der -Schiller-Goethisch-Weimarischen Schule der Unnatur, ist eher schädlich, -als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich, wie ich nun einmal -bin, als Schüler annehmen? - - Direktor Hassenreuter - zieht hastig seinen Sommerpaletot über. - -Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine Schule -Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur! Zweitens könnte ich es vor -Ihrem Herrn Vater nicht verantworten! Und drittens zanken wir uns so -schon genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in meinem Hause -geben, beim Abendbrot. Das würde dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun -Spitta: ich muß auf die Pferdebahn. - - Spitta - -Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm in einem zwölf Seiten -langen Brief Punkt für Punkt die Geschichte meiner inneren Wandlung -eröffnet ... - - Direktor Hassenreuter - -Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt sein! Mensch -und nun kommen Sie mit mir, ich werde sonst wahnsinnig. - - Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus. Man - hört die Tür ins Schloß fallen. - - Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins, das nun - lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet und Walburga - Hassenreuter steigt in wahnsinniger Hast, gefolgt von Frau John, die - Treppe herunter. - - Frau John - flüsternd, heftig. - -Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn. - - Walburga - -Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! -- Um Gottes willen, -ich kann gar nicht an mich halten, Frau John. - - Frau John - -Taschentuch mang die Zähne, Mächen! -- Et is ja jar nischt! Wat haste -dir denn? - - Walburga - zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend. - -Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken, Frau John! - - Frau John - -Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist? - - Walburga - -Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn? - - Frau John - -Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder! wo mich manchmal -bei Papans seine Sachen auskloppen helfen dut. - - Walburga - -Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein sitzt und wimmert. - - Frau John - -Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det du zur Welt jekommen -bist. - - Walburga - -Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt. - - Frau John - -Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange. - - Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang hinunter und - läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder. - - Frau John - -Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten Dache nischt. - - Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer voll und - nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet. Kaum ist das - Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder. - - Direktor Hassenreuter - noch an der Tür, singend. - -»Komm herab, o Madonna Theresa!« -- (Er ruft.) -- Alice! -- (Noch immer -an der Tür.) -- Komm mal! Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem -doppelten Schloß vor die Tür legen. -- Alice! -- (Er kommt nach vorn.) --- Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu stören wagt: _anathema sit!_ -- -Heda! Kobold! Wo steckst du, Alice? -- (Er wird auf die Weinflasche -aufmerksam und hebt sie in die Höhe.) -- Was? -- Halb leer? -- -Schlingel! -- (Man hört eine hübsche weibliche Singstimme hinter der -Bibliothekstür sich in Koloraturen ergehen.) -- Ha ha ha ha! Himmel! sie -hat sich schon einen Schwips angetrunken. - - - - - Zweiter Akt - - - Die Wohnung der Frau John im zweiten Stock des gleichen Hauses, in - dessen Dachgeschoß der Fundus des Direktors Hassenreuter - untergebracht ist: ein weitläufiges, ziemlich hohes, graugetünchtes - Zimmer, das seine frühere Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die - Hinterwand enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr - ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht gezogen - werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine etwas mehr als - mannshohe Tapetenwand, die geradlinig nach vorn geht, hier einen - rechten Winkel macht und wiederum geradlinig mit der rechten - Seitenwand verbunden ist. So ist eine Art von Verschlag abgeteilt, - über den einige Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer - der Familie ist. - - Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken ein Sofa, - überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der Rücklehne an die - Tapetenwand geschoben. Diese ist über dem Sofa mit kleinen - Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier John als Soldat, John und - Frau als Brautpaar usw. Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit - einer verblichenen Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch - und Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu erreichen. - Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit einem Vorhang aus - buntem Kattun verschlossen. - - An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages steht ein - freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts davon, an der - wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der hier verfügbare kleine Raum - vornehmlich zu Küchen- und Wirtschaftszwecken dienen muß. - - Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die linke - Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern hinaus. Am vorderen - Fenster ist ein saubergehobeltes Brett als eine Art Arbeitstisch - angebracht. Hier liegen zusammengerollte Kartons (Baupläne), Pausen, - Zollstock, Zirkel, Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein - Fenstertritt, darauf ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die - Fenster haben keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem - Kattun bespannt. - - Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter Lehnstuhl aus - Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, macht übrigens - einen sauberen und gepflegten Eindruck, wie man es bei kinderlosen - Ehepaaren des öfteren trifft. - - Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die warme Sonne - scheint durch die Fenster. - - Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig - aussehender Mann, steht behaglich am vorderen Fenstertisch und macht - sich Notizen aus den Bauplänen. - - Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt des anderen - Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches und Leidendes an - sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der nur - zuweilen von einem flüchtigen Blick der Unruhe und der lauernden - Angst unterbrochen wird. An ihrer Seite steht ein Kinderwagen - (sauber, neu und nett), darin ein Säugling gebettet ist. - - John - bescheiden. - -Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster 'n Ritzen ufmachen däte und -ick machte mir dann 'n bißken de Pipe an? - - Frau John - -Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber. - - John - -I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! Aber laß man! 'N -Priem, Mutter, tut et am Ende in selbijenjleichen och. - - Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen neuen - Priem. - - Frau John - nach einigem Stillschweigen. - -Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt? - - John - -Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und janz jenau anjeben ... -det ick det müßte janz jenau anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen -jeboren is. - - Frau John - Nadel am Mund. - -Warum haste denn det nich anjejeben? - - John - -Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich. - - Frau John - -Det weeßte nich? - - John - -Bin ick dabei jewesen? - - Frau John - -Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung sitzen läßt und lichst -det janze jeschlagene Jahr in Altona, kommst hechstens ma monatlich mir -besuchen: wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn dut. - - John - -Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte Arbeet hat? Ick jeh -dorthin, wo ick schen verdiene. - - Frau John - -Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser Jungeken hier in de -Wohnung jeboren is. - - John - -Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is doch janz natierlich, -hab ick jesacht, det et in meine Wohnung jeboren is. Da hat er jesacht: -det is jar nich natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf'n -Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! So kreppte ick mir, weil -er doch sachte, det et womeglich jar nich sollte in meine eijene Wohnung -sind jewesen. Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? sag -ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr Standesbeamter bin -ick nich! un nu sollte ick Tag und Stunde anjeben ... - - Frau John - -Ick hab et dir doch sojar jenau uf'n Zettel jeschrieben, Paul. - - John - -Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick jloobe, wenn er mir -hätte jefracht: sind Sie Paul John, der Mauerpolier? ick hätte -jeantwort: ick weeß et nich. Na, nu war ick doch 'n bißken verjnügt -jewesen un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch Schubert und -Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: ick muß nun 'ne Lage jeben, weil -ick doch Vater jeworden bin! -- Na! un die Brieder wollten mir och nich -loslassen un warteten unten an de Tür von't Standesamt. Un nu dachte -ick, det se unten stehen! und wo er mir frachte an welchen Dache det -meine Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte laut loslachen. - - Frau John - -Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher besorcht, wat netig -is. - - John - -Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache noch so 'ne Zicken -machst! denn wa ick verjnügt! denn freut ick mir, Mutter. - - Frau John - -Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein Kindeken an -fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau in deine Wohnung jeboren is. - - John - -War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha nämlich schlankweg dem -sechsundzwanzigsten Mai jesacht! denn hieß et, weil er doch merkte, det -ick an Ende nich so janz sicher war: stimmt's denn is jut! sonst komm Se -wieder. - - Frau John - -I, denn laß et man wie et is. - - Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen elenden - Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz zu dem der Frau - John steht, darin liegt, in jämmerlichsten Lumpen, ebenfalls ein - Säugling. - - Frau John - -Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de Stube rieber, det jing -woll vordem, nu jeht det nich. - - Selma - -Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns wird zu ville -jeroocht, Frau John. - - Frau John - -Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot -holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder -derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine -Mama drieben. - - Selma - weinerlich. - -Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich -schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß -doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster 'raus, oder ick laß -Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen -Polizist nich mehr finden kann. - - John - betrachtet das fremde Kind. - -Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick 'n bißken -an. - - Frau John - resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus. - -Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann -sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut. -Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och -hernach 'n bißken uf's Ohr lechen. - - Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter - ihr. - - John - -Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert! - - Frau John - -Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen -un Krämpfe von een andret anstecken dut. - - John - -Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut, -'n Kind 'n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht -Dache, unjedoft, mit Dot abjejang'n is. Det laß man! davon ha' ick -Manschetten, Mutter. - - Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen. - - Frau John - -Wat denn? - - John - -Na, Jette, 't will eener rin. - - Frau John - dreht hastig den Schlüssel herum. - -Ick wer' mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen. --- (Sie horcht und ruft dann): -- Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se -denn? - - Eine Frauenstimme - aber tief und männlich. - -Ich bin Frau Direktor Hassenreuter. - - Frau John - überrascht. - -Ach Jott nee! -- (Sie öffnet die Tür.) -- Nehm Se 't nich iebel, Frau -Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer 't is. - - Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga, - eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als - fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im - ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun -- obgleich mir das -Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie's nach dem -frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist. - - Frau John - -Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter. - - Frau Direktor Hassenreuter - --- Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen -... muß man sagen -- daß Ihre liebe Frau -- sich in der langen Wartezeit -niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge -- ihre -Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat. - - John - -Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben --- Sie öfters ... öfters als wie bisher -- zu Hause zu sehn. - - Frau John - -Ick ha'n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und -deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich -sitzen lassen. Aber for so 'n Mann, wo 'n Bruder schon 'n Jungen von -zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne -Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld! -denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika -auswandern. - - John - -I, Jette, det war ja man bloß so 'n Jedanke. - - Frau John - -Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is 'n sauer verdientes -Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... -- (Sie fährt John -schnell mit der Hand durchs Haar.) -- Wenn och eener mehr is un Sorchen -mehr sin -- sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! -- denn -freut er sich. - - John - -Det is, wir haben schon vor drei Jahre 'n Jungchen jehabt, und det is -mit acht Dache einjejang. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann -bereits gesagt -- wie sehr Sie sich -- um den Sohn gegrämt haben. Sie -wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann -- Aug' und Herz ... Herz -und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt -- -die um ihn sind und ihm Dienste leisten -- da ist alles Gute ... und -Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt, -so, als wär' es ihm selbst passiert. - - Frau John - klopft John auf die Schulter. - -Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie -dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d'r Dotenjräber -nich anrihren. - - John - wischt sich Wasser aus den Augen. - -Det war och so. Det jing och nich. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch -- mußten wir ... -mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den -letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser -- unser einziges ... -einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. -- Er -ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen! -... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John, -weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares -Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines -Mutterherzens nicht gleichgültig ist. -- Und da haben wir auf Sie -angestoßen! -- So! -- und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im -ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen -sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -- Walburga, du magst den -Kessel mal auspacken. - - Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte - Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe, - spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte - Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen. - - Direktor Hassenreuter - sich den Schweiß von der Stirn wischend. - -Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die -Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber -geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist -es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre -Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie -haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter -John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun -diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von -allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für -Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung -diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine -Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man -ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten! -und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von -ganzem Herzen. - - Er schüttelt John kräftig die Hand. - - Frau Direktor Hassenreuter - am Kinderwagen. - -Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt? - - Frau John - -Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen. - - Direktor Hassenreuter - jovial, laut und lärmig. - -Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches -deutschnationales Menschenfleisch. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! -- Das Kerlchen ist Ihnen -wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John. - - Direktor Hassenreuter - -Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der -christlichen Kirche aufnehmen lassen. - - Frau John - glücklich und gewichtig. - -Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig -von Jeistlichen wird et jetauft. - - Direktor Hassenreuter - -Sessa! Und welche sind seine Taufnamen? - - Frau John - -Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, 'n langet Jerede -abjesetzt. Ick dachte »Bruno«! Det will er nich. - - Direktor Hassenreuter - -Aber Bruno ist doch kein übler Name. - - John - -Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick -mir weiter drieber nich ausdricken. - - Frau John - -Wat sachste nich, det ick 'n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf -Jahre jinger is: und jeht manchmal 'n bißken uf leichte Weche. Det is -bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich! - - John - bekommt einen roten Kopf. - -Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for 'n Kreuz jewesen is! -- Wat -wiste?! Soll unser Jungeken so 'n Patron krichen? -- Et is 'n Patron! -Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche -Ufsicht is. - - Direktor Hassenreuter - lachend. - -Um's Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron! - - John - -Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de -Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un -Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken -anfassen dut! -- (Er krampft die Faust.) -- denn Jette ... denn kennt -ick nich for mir jut sachen. - - Frau John - -Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! -- So viel kann ick dir aber -jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich -beiseite jewesen is. - - John - -Warum haste mir nich lassen kommen, Jette? - - Frau John - -So 'n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich. - - Direktor Hassenreuter - -Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John? - - John - kratzt sich hinter den Ohren. - -Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in't -Mauerjewerbe sind, die sind et nich. - - Direktor Hassenreuter - -Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten -Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie -mir, -- (er weist auf das Kindchen) -- diese neue künftige Generation -wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen -Heros, schuldig ist. -- (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates, -den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) -- Also, -die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze -Gestell mit sämtlichen Flaschen -- jede Flasche zunächst ein Drittel mit -Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! -- wird in diesen Kessel mit -kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im -Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt -der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren. - - John - -Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge -ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert. - - Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel, - zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben - angeklopft und die Tür geöffnet. - - Direktor Hassenreuter - der seine Schüler bemerkt hat. - -Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen -noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge. - - Käferstein - ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck, - bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit - Grabesstimme, weich, zurückhaltend. - -Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande. - - Direktor Hassenreuter - der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält. - -Was sind Sie? - - Käferstein - wie vorher. - -Wir wollen das Kindelein grüßen. - - Direktor Hassenreuter - -Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine -Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte. - - Käferstein - -Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer -Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen -gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen- -und Wallnertheaterstraße festgehalten ist. - - Dr. Kegel - -Wir machten uns eiligst aus dem Staube. - - Direktor Hassenreuter - -Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! -- Aber sagen -Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal -öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha -ha! _Semper idem!_ das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen. - - Käferstein - -Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der -Volksmenge eine Freundin wieder erkannt. - - Direktor Hassenreuter - -Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser -zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so -ist es: der Mensch wird Schauspieler. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler? - - Direktor Hassenreuter - -Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. -- Aber nun, -wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber -Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich -meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig -seid, zu geistiger Nahrung, _nutrimentum spiritus!_ bald ... - - Käferstein - klappert mit einer Sparkasse. - -Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier -neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß -er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge. - - John - hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt - eine unangebrochene Likörflasche. - -Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen. - - Direktor Hassenreuter - -Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John. - - John - während er eingießt. - -Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht -wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. -- (Frau -Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) -- -Wohlsein! -- Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen. - - Es geschieht, sie trinken. - - Direktor Hassenreuter - im Ton der Rüge. - -Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken. - - John - nachdem er getrunken hat, aufgeräumt. - -Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D'r Meester mag ma 'n andern -hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit 'n Meester deswechen drei Dache -rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma -jejen sechs uf's Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er't -bleiben: det jeht nich, det 'n Familienvater immer un ewich wech von -seine Familie is. Ick ha 'n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer' -ick, wo se de Fundamente lechen, bei't neue Reichstagsjebäude -einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma -wo anders sind. - - Direktor Hassenreuter - klopft John ebenfalls auf die Schulter. - -Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist -eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann. - - Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug - trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und - erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände. - - Spitta - -Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben 'n bißchen säubern, Frau -John? - - Direktor Hassenreuter - -Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta? - - Spitta - -Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter -nichts. - - Direktor Hassenreuter - der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas - teilgenommen hat. - -Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und -verkünden es offen vor allen Leuten? - - Spitta - verblüfft. - -Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier -im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf -der Straße verunglückt ist. - - Direktor Hassenreuter - -Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat -die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht. - - Spitta - -Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen -Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den -Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich -konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf -der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde -gutgekleideter Leute ist. - - Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt - wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl - setzt. - - Direktor Hassenreuter - -Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an, -die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert. - - Spitta - -Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr -Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene -fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die -unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -- (Spitta erhält eine -Lachsalve zur Antwort.) -- Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des -Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute -ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und -Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten. - - Frau John - fanatisch. - -I, hätt' er man feste zujetreten! -- (Die Bemerkung der John löst wieder -allgemeines Gelächter aus.) -- Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die -jehört öffentlich uf 'n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank -jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det -Blut man so spritzt. - - Spitta - -Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine -überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe -Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin, -auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -- (Er zieht -Scherben einer Brille hervor.) -- Übrigens muß ich sofort zum Optiker. - - John - zu Spitta. - -Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur -jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det -keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se -Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und -allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und -ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt. - - Direktor Hassenreuter - sich raffend und besinnend. - -Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine -Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider -heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine -Herrschaften. - - Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von - Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser. - - John - zu seiner Frau. - -Adje, ick muß och zum Meester hin. - - Auch John geht. - - Spitta - -Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen? - - Frau John - -Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. -- -(Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) -- Jesus! -- (Sie nimmt -ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus -der Schublade.) -- Da hab ick ja 'n Büschelschen Haar jefunden, wo mein -Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere -abjeschnitten is. -- (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich -über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) -- Un -nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! -- (Sie geht mit eigentümlicher -Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend, -zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich -befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das -Kinderköpfchen.) -- Na nu kommt mal, kommt mal! -- (Sie winkt mit -seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den -Kinderwagen treten.) -- Seht mal det Häarchen und det! --? ob det nich -detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche -Häarchen is. - - Spitta - -Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John. - - Frau John - -Jut so! jut so! mehr wollt ick nich! - - Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag. - - Walburga - -Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist? - - Spitta - faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig. - -Ich weiß nicht, weiß nicht -- ... oder ich zähle heut nicht mit, weil -ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den -Brief bekommen? - - Walburga - -Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei -uns gewesen bist. - - Spitta - -Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen. - - Walburga - -Warum nicht? - - Spitta - -Weil ich innerlich zu zerrissen bin. - - Walburga - -Du willst Schauspieler werden? Ist's wahr? Du willst umsatteln? - - Spitta - -Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein -Pastor! niemals ein Landpfarrer! - - Walburga - -Du, ich habe mir lassen die Karten legen. - - Spitta - -Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht. - - Walburga - -Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich -hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich -hab' ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst -Schauspieler. - - Spitta - -Tatsächlich? - - Walburga - -Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden -durch einen Besuch viel Not haben. - - Spitta - -Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das ist allerdings wahr, daß -uns der alte Herr etwas zu schaffen machen wird. -- Vater weiß das -nicht, aber ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne diese -Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und mit denen er meine -Beichte beantwortet hat. - - Walburga - -Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich ein böser, neidischer, -giftiger Stern geschwebt. Wie habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit -jenem Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und so sehr ich -mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht mehr gerade und frei ins Auge -sehn. - - Spitta - -Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt? - - Walburga - -Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf Papa! Und jetzt muß ich -zittern, wenn du es wüßtest, ob du uns überhaupt noch achten kannst. - - Spitta - -Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir weniger zukäme, gutes Kind. -Sieh mal: ich will mit Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr -ältere Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem adligen -Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie im Elternhaus Zuflucht -suchte, stieß mein christlicher Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl: -Jesus hätte nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich -gesunken, und nächstens werden wir beide mal nach dem kleinen -sogenannten Selbstmörderfriedhof bei Schildhorn gehn, wo sie schließlich -gelandet ist. - - Walburga - umarmt Spitta. - -Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt. - - Spitta - -Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich werde auch hier mit Papa -davon sprechen und wenn es darüber zum Bruche kommt. -- Du wunderst dich -immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich manchmal nicht halten -kann, wo ich sehe, wie irgendein armer Schlucker mit Füßen gestoßen -wird, oder wenn der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe dann -manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten Tage Gespenster, ja -meine leibhaftige Schwester wiederzusehn. - - Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. Ihr - Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden. - - Die Piperkarcka - -Jun Morchen. - - Frau John - hinter dem Verschlage. - -Wer ist denn da? - - Die Piperkarcka - -Pauline, Frau John. - - Frau John - -Pauline? -- Ick kenne keene Pauline. - - Die Piperkarcka - -Pauline Piperkarcka, Frau John. - - Frau John - -Wer? -- Denn wachten Se man 'ne Minute, Pauline. - - Walburga - -Adieu, Frau John. - - Frau John - erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang - hinter sich. - -Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. Seht ma, det ihr -'naus uf de Straße kommt. - - Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die Tür hinter - beiden. - - Frau John - -Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn? - - Die Piperkarcka - -Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe nich länger warten -können. Muß sehn, wie steht. - - Frau John - -Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline? - - Die Piperkarcka - mit etwas schlechtem Gewissen. - -Na, ob jesund is, ob jut in Stand. - - Frau John - -Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind? - - Die Piperkarcka - -Dat sollen woll wissen von janz alleine. - - Frau John - -Wat soll ick denn von alleene wissen? - - Die Piperkarcka - -Ob Kind auch nich zujestoßen is. - - Frau John - -Wat for'n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se deitsch! Se blubbern ja man -keen eenziget richtiget deitsches Wort aus de Fresse raus. - - Die Piperkarcka - -Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John. - - Frau John - -Na wat denn? - - Die Piperkarcka - -Mein Kind ... - - Frau John - haut ihr eine gewaltige Backpfeife. - -... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den Schuh um de Ohren, -bis et dir vorkommt, det du 'ne Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un -nu laß dir nich wieder blicken! - - Die Piperkarcka - will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist. - -Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir nich jefallen zu -lassen! -- (weinend) -- Aufmachen! Hat mir mißhandelt, Frau John! - - Frau John - vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend. - -Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, wat in mir jefahren -hat! Sein Se man jut, ick leiste ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline, -soll ick fußfällig uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun? - - Die Piperkarcka - -Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu Wache und zeigen an, -det mir hier ins Jesicht jeschlagen hat. Ick zeigen an, ick gehen zu -Wache. - - Frau John - hält ihr Gesicht hin. - -Da! hauste mir wieder in't Jesicht! denn is et jut! denn is er -verjlichen. - - Die Piperkarcka - -Ick jehe zu Wache ... - - Frau John - -Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, Mächen, sag ick, -akkurat mit de Wage verjlichen! Wat wiste nu, Mächen? Nu jeradezu. - - Die Piperkarcka - -Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is. - - Frau John - haut sich selbst ein Backenstreich. - -Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau zu, und jeniere dir -nich. -- Un denn komm, denn raus, watte uf 'n Herzen hast. Ick will -mittlerweile ... ick koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein -Pauline, 'n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene -Zichorientunke. - - Die Piperkarcka - weicher. - -Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und jrob zu mich armes -Mächen, Frau John? - - Frau John - -Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, Pauline, setzen sich. -So! Scheenecken sag ick! Setzen sich! Scheen, det Se mich ma besuchen -komm! Wat ha ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse jekricht, -ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick mir manchmal ja nich -jekannt habe. Die hat mehr wie eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du -machst dir ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben dut. Wie -jeht's, Pauline, wat machen Se denn? - - Die Piperkarcka - legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, auf - den Tisch. - -Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht. - - Frau John - -Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline. - - Die Piperkarcka - -Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat mir jebrannt. Et war -mich wie Schlange unter Kopfkissen ... - - Frau John - -I wo denn ...? - - Die Piperkarcka - -Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat mir jepeinigt, hat -mir umringt! hat mir jequetscht, wo ick habe laut aufjeschrien und meine -Wirtin hat mir jefunden, wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele -jelegen bin. - - Frau John - -Lassen Se det man jut sind, Pauline! -- Trinken Se erst ma 'n kleenen -Schnaps! -- (Sie gießt ihr Kognak ein.) -- Un dann essen Se erst ma 'n -Happen-Pappen: mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat. - - Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet. - - Die Piperkarcka - -I wo denn, ick mag nich essen, Frau John. - - Frau John - -Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber ick muß mir doch -freuen, Pauline, det Se doch wieder mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte -jekommen sin. - - Die Piperkarcka - -Nu will ick et aber mal sehn, Frau John. - - Frau John - -Wat denn, Pauline? Wat woll'n Se denn sehn? - - Die Piperkarcka - -Hätt' ick laufen jekonnt, wär' ick früher jekomm. Das will jetzt sehn, -warum jekommen bin. - - Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll - bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine unheilverkündende - Weise und schweigt. Sie geht nach dem Küchenschrank, reißt die - Kaffeemühle heraus und schüttet heftig Kaffeebohnen hinein. Sie - setzt sich, quetscht die Kaffeemühle energisch zwischen die Knie, - faßt die Kurbel und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck - namenlosen Hasses zur Piperkarcka hinüber. - - Frau John - -So? -- Ach! -- Wat wißte sehen? -- Wat wißte nu jetzt uf eemal sehn? -- -Det, det wat te hast mit deine zwee Hände erwürchen jewollt. - - Die Piperkarcka - -Ick? -- - - Frau John - -Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen. - - Die Piperkarcka - -Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf't Blut jemartert, Frau John. -Mir nachjestellt! mir Schritt und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben -Kind auf Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. Mich -Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen Angst jemacht. Mich -Karten jelegt von wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie -verrückt jeworden. - - Frau John - -Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar verrückt! Wat, ick -hab dir jequält? Wat hab ick? Ick habe dir aus 'n Rinnstein jelesen! Ick -hab dir jeholt bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit -verzweifelte Ochen -- un wie de hast ausjesehen! -- hintern -Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha ick dir nachjestellt, det -dir der Schutzmann, det dir der jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat -holen jekonnt! Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert, -bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in't Wasser jehn. -- -(Äfft ihr nach.) -- Ick jeh im Landwehrkanal, Mutter John! Ick erwürche -det Kind! Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, ick lauf, -wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen dut, mitten in't Lokal, -und schmeiß ihn det tote Kind vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste -jesprochen, so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de halbe -Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette jebracht un so lange -jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen un bist mittags um -zwölf, wie die Glocken von alle Kirchen jeläut't haben, an andern Dache -erst wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, wieder -Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe jelassen! Haste det allens -verjessen! wat? - - Die Piperkarcka - -Aber et is doch mein Kind, Mutter John ... - - Frau John - schreit. - -Denn hol et dir aus'n Landwehrkanale! - - Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald jenen - Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder wegzuwerfen. - - Die Piperkarcka - -Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen? - - Frau John - -Spring in't Wasser un such et! denn haste et! Weeß Jott, ick halte dir -nu weiter nich. - - Die Piperkarcka - -Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen mir schmeißen -Wasserflasche an Kopp: eh' nich weiß wo Kind is, eh' nich haben mit -Augen jesehn, bringen mich keiner und niemand von Stelle fort. - - Frau John - einlenkend. - -Pauline, ick ha et in Flege jejeben! - - Die Piperkarcka - -Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau hintern Vorhang is! --- (Das Kind hinter dem Tapetenverschlag beginnt zu schreien. Die -Piperkarcka eilt auf den Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein -wenig pathetisch weinerlich rufend): -- Weine nicht, armes, armes -Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon! - - Frau John - fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie der - Piperkarcka verstellt. - - Die Piperkarcka - ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten. - -Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen. - - Frau John - furchtbar verändert. - -Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma in't Jesicht! -- Jlobst du, -det mit eene, die aussieht wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? -- -(Die Piperkarcka hat wimmernd Platz genommen.) -- Setz dir! flenne! -wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis det dir die Jurjel -verschwollen is! det, wenn de hier rin willst -- denn bist du tot oder -ick bin tot -- un denn is och det Jungchen nich mehr am Leben! - - Die Piperkarcka - erhebt sich entschlossen. - -Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John. - - Frau John - wiederum einlenkend. - -Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. Wat wollen Se -sich mit det Kindchen behängen, wo jetzt mein Kindeken und in beste -Hände jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken ufstellen? Jehn -Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se woll mit den Besseres zu tun haben -als Kinderjeschrei, Kindersorchen und Kimmernis. - - Die Piperkarcka - -Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! -- Haben alle ... hat -Frau Kielbacke, als ick mir mussen haben behandeln lassen, zu mich -jesacht. Soll nich nachjeben! Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab -mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, wohin -jekrochen un habe Kind auf Dachboden Welt jebracht ... schreit janz -wütend: ick muß nich nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur -zu mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. Jut! -lasse mir weiter nich ein, Frau John. Adje! Bin bloß jekommen, sowieso, -daß morjen nachmittag fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen -einjesetzter Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick werde mir weiter -hier noch rumärgern. - - Frau John - starr, entgeistert. - -Wat? du hast et jemeld uf't Standesamt? - - Die Piperkarcka - -Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm? - - Frau John - -Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten? - - Die Piperkarcka - -Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen bin. Ick hab mir -jeschämt, o Jott! bin über un über rot jeworden! Mir is, ick sink jleich -in de Erde rin. - - Frau John - -So! -- Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, warum haste's denn aber -anjezeigt? - - Die Piperkarcka - -Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo mich hinjeführt hat, -mich partout nich Ruhe jejeben. - - Frau John - -So! -- Denn wissen se't also uf't Standesamt? - - Die Piperkarcka - -Na ja, det mussen se wissen, Frau John. - - Frau John - -... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ... - - Die Piperkarcka - -Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt Untersuchung und Plötzensee -gesteckt? - - Frau John - -Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden. - - Die Piperkarcka - -Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene jekommen hat anjemeldt. - - Frau John - -Un wat haste nu also anjejeben? - - Die Piperkarcka - -Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, Frau John, in Pflege -is. - - Frau John - -Un morjen will eener nachsehn komm? - - Die Piperkarcka - -Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is denn weiter? Nun sin doch -ruhig un sin vernünftig. Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle -Jlieder jejagt. - - Frau John - abwesend. - -Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det is ja nu och in -Jottesnamen nu jroß weiter nischt. - - Die Piperkarcka - -Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau John. - - Frau John - -Heute nich! Morjen, morjen, Pauline. - - Die Piperkarcka - -Warum nich heut? - - Frau John - -Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also morjen, um Uhre -fünfen nachmittag? - - Die Piperkarcka - -Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die Stadt, Uhren fünfen -morjen nachsehn kommt. - - Frau John - indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht, - im Tone der Abwesenheit. - -Jut so. Laß er man kommen, Mächen. - - Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten und kommt - ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist seltsam verändert und - geistesabwesend. Sie tut einige hastige Schritte gegen die - Verschlagstür, steht jedoch plötzlich wieder still mit einem - Gesichtsausdruck vergeblichen Nachsinnens. Dieses Grübeln - unterbricht sie, heftig gegen das Fenster zu eilend. Hier wendet sie - sich und wieder erscheint der hilflose Ausdruck schwerer - Bewußtlosigkeit. Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den - Tisch und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. Nun - erscheint Selma Knobbe in der Tür. - - Selma - -Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. Kann ick 'n Happen -Brot kriejen? - - Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück von einem - Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion. - - Selma - der die Verfassung der Frau auffällt. - -Ick bin's! -- Wat is denn? -- Schneiden sich man bloß nich etwa mit -Brotmesser. - - Frau John - mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, indem - sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch gleiten läßt. - -Angst! -- Sorje! -- Da wißt Ihr nischt von! - - Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken. - - - - - Dritter Akt - - - Alles wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem Gange schwaches - Ampellicht. - - Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta, Dr. Kegel - und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er selbst sitzt am Tisch, - öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt skandierend mit dem Falzbein - auf den Tisch. Vorn stehen auf der einen Seite Kegel und Käferstein, - auf der anderen Spitta einander als beide Chöre der Braut von - Messina gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas - aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet ist und - diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts einteilt. Auf - dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga, in ein großes Kontobuch - eintragend. Im Hintergrund, wartend, steht der Vizewirt oder - Hausmeister Quaquaro, ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch, - der Inhaber eines wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied - desselben sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er - trägt Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel - gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes Jackett und - die Mütze in der Hand. - - Dr. Kegel und Käferstein - mit gewaltiger Pathetik. - - »Dich begrüß ich in Ehrfurcht, - Prangende Halle, - Dich, meiner Herrscher - Fürstliche Wiege, - Säulengetragenes herrliches Dach. - Tief in der Scheide« ... - - Direktor Hassenreuter - schreit wütend. - -Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen doch keinen Leierkasten! -Der Chor aus der Braut von Messina ist doch kein Leierkastenstück! »Dich -begrüß ich in Ehrfurcht« nochmal von Anfang an, meine Herren! »Dich -begrüß ich in Ehrfurcht, prangende Halle!« Etwa so, meine Herren! »Tief -in der Scheide ruhe das Schwert.« Punktum! »Herrliches Dach« wollt' ich -sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie fort. - - Dr. Kegel und Käferstein - - »Tief in der Scheide - Ruhe das Schwert, - Vor den Toren gefesselt - Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal. - Denn ... - - Direktor Hassenreuter - wie vorher. - -Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet, meine Herren? Haben Sie -denn keine Elementarkenntnisse? »Schlangenhaarigtes Scheusal.« Punkt! -Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt! Alles ist -totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in der Welt wären, Käferstein! -Und dann raus mit der Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes -willen nicht lispeln! -- »Denn ...« weiter! los! - - Dr. Kegel und Käferstein - - »Denn des gastlichen Hauses - Unverletzliche Schwelle - Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...« - - Direktor Hassenreuter - springt auf, brüllt, läuft umher. - -Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was ein Eid ist, -Käferstein? »Hütet der Eid!! -- der Erinnyen Sohn.« Der Eid ist der -Erinnyen Sohn, Dr. Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum, bis zum -letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut! Schauer durchrieselt -alle Gebeine! Passen Sie auf: »Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!! --- der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!« -- --- Nicht wiederholen, weiter im Text! Sie können sich aber jedenfalls -merken, daß ein Eid und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge -sind. - - Spitta - deklamiert. - - »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...« - - Direktor Hassenreuter - -Halt! -- (Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen und Beinen herum, -um eine gewünschte tragische Pose zu erzielen.) -- Erstlich fehlt die -statuarische Haltung, mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen -Person ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann sind Sie nicht, -wie ich ausdrücklich verlangt habe, von Feld I D mit dem rechten Fuß auf -II C getreten! Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen -Augenblick! -- (Er wendet sich an Quaquaro.) -- So, jetzt steh' ich zu -Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich habe Sie bitten lassen, weil mir -leider, wie sich bei der Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit -Kostümen abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen sind. Bevor ich -nun meine Anzeige mache, wozu ich natürlich entschlossen bin, wollte ich -erst mal Ihren Rat hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie -soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der verlornen -Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens angefunden hat: ein Fund, um -Virchow zu benachrichtigen. Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft -prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe, deren Bestimmung im -ganzen harmlos, aber ebenfalls unaussprechlich ist. - - Quaquaro - -Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen. - - Direktor Hassenreuter - -Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch den Fund eigentlich -noch mehr wie ich selbst beunruhigt ist. Diese drei Herren, die meine -Schüler sind, lassen es sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas -wie eine Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen keinen -Skandal schlagen. - - Käferstein - -Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden irgend etwas abhanden -kam, hieß es immer, das hätten die Ratten gefressen. Und wirklich, was -man in diesem Hause von Ratten und Mäusen sieht -- auf der Treppe hätt' -ich beinahe eine totgetreten! -- warum sollten Kisten und -Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht ebenfalls von ihnen vertilgt -worden sein? - - Direktor Hassenreuter - -Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien, ha ha -ha ha! sind Ihnen geschenkt, bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß -Sie uns Ihre Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom -Kavalleristen Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung seinerzeit, als -das Haus noch Reiterkaserne war, mit Sporen und Schleppsäbel auf meinem -Boden erhangen hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen. - - Käferstein - -Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor. - - Quaquaro - -Det wird in janzen Hause rum erzählt von den Soldat, namens Sorjenfrei, -der sich irgendwo hier oben in Dachstuhl mit 'ne Schlinge jeendigt hat. - - Käferstein - -Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin aus dem zweiten -Stock haben ihn wiederholt bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster -nicken und militärisch stramm heruntergrüßen gesehn. - - Quaquaro - -Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja woll eene Dunstkiepe -jenannt und 'n aus Feez eene 'rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu -Herzen jenomm. - - Direktor Hassenreuter - -Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten! Diese Verquickung -ist originell, aber zur Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der -Diebstahl oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf oder -zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften im Elsaß gewesen -bin. Also sehen Sie sich die Geschichte mal an und, bitte, Sie werden -mir nachher Bescheid sagen! - - Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro steigt über - die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke. - - Direktor Hassenreuter - -Allright, bester Spitta: schießen Sie los. - - Spitta - rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos. - - »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen, - Zu dem Kampf ist die Faust geballt, - Denn ich sehe das Haupt der Medusen, - Meines Feindes verhaßte Gestalt. - Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute - Gönn' ich ihm die Ehre des Worts? - Oder gehorch' ich dem zürnenden Mute? - Aber mich schreckt die Eumenide, - Die Beschirmerin dieses Orts, - Und der waltende Gottesfriede.« - - Direktor Hassenreuter - hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand - gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem Spitta - geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf. - -Sind Sie fertig, Spitta?! -- Ich danke sehr! -- - -Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber wieder mal in die -allerverzwickteste Lage geraten: entweder, ich sage Ihnen frech ins -Gesicht, daß ich Ihre Vortragsart schön finde -- und dann habe ich mich -der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder ich sage, ich -finde sie scheußlich, und dann haben wir wieder den schönsten Krach. - - Spitta - erbleichend. - -Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht. Deshalb bin ich -ja von der Theologie abgesprungen, weil mir der Predigerton zuwider ist. - - Direktor Hassenreuter - -Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der Gerichtsschreiber ein -Gerichtsprotokoll oder wie der Kellner die Speisekarte herunterhaspeln? - - Spitta - -Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast der Braut von Messina -nicht. - - Direktor Hassenreuter - -Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta. - - Spitta - -Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe von dramatischer -Kunst divergieren in mancher Beziehung total. - - Direktor Hassenreuter - -Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu ein Monogramm -des Größenwahns und der Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein -Schüler und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? Sie blutiger -Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich Schiller! Ich habe Ihnen schon -zehnmal gesagt, daß Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter -als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist. - - Spitta - -Das müßte mir erst bewiesen werden. - - Direktor Hassenreuter - -Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! -- Sie leugnen die -Kunst des Sprechens, das Organ, und wollen die Kunst des organlosen -Quäkens dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama und -behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine Sache für Gründlinge -ist. Sie negieren die poetische Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie -als pöbelhafte Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die -sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten und -verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von den Höhen der Menschheit wissen -Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein Barbier -oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebensogut ein Objekt der -Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear. - - Spitta - bleich, putzt seine Brille. - -Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr -Direktor. - - Direktor Hassenreuter - -So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz her? - - Spitta - unbeirrt. - -Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden. Ich befinde mich dabei -vielleicht mit Schiller und Gustav Freytag, aber keinesfalls mit Lessing -und Diderot im Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem -Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht, und der gestelzte -französische Pseudoklassizismus bleibt mir durch sie endgültig -totgeschlagen, sowohl in der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen -späteren Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und durch -mumifizierter Unsinn sind. - - Direktor Hassenreuter - -So! - - Spitta - -Und wenn sich das deutsche Theater erholen will, so muß es auf den -jungen Schiller, den jungen Goethe des Götz und immer wieder auf -Gotthold Ephraim Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle -der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt, die der Natur gewachsen -sind. - - Direktor Hassenreuter - -Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt mich. Herr Spitta, Sie -wollen Privatstunden halten. Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur -Privatstunde in die Bibliothek zurück! -- Wenn die menschliche Arroganz -und besonders die der jungen Leute kristallisiert werden könnte, die -Menschheit würde darunter wie eine Ameise unter den Granitmassen eines -Urgebirges begraben sein. - - Spitta - -Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden. - - Direktor Hassenreuter - -Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche Bibliothek hinter -mir, sondern ich bin ein ergrauter Praktiker und ich sage Ihnen, daß der -Goethesche Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen -Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen Sie sich einen anderen -Lehrmeister. - - Spitta - unbeirrt. - -Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln, meiner Ansicht -nach, zu sich selbst und zu seiner eigenen Natur in kleinlichsten -Gegensatz. Und was soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende -Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll -- wörtlich! -- -müsse etwas Menschenfresserartiges in der Physiognomie zeigen -- -wörtlich! -- wodurch man sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert -werde. -- - - Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien. - - Direktor Hassenreuter - -Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta, und schreiben Sie, -bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter ein Esel ist! Schiller ein -Esel! Goethe ein Esel! natürlich auch Aristoteles -- (er fängt plötzlich -wie toll zu lachen an) -- und, ha ha ha! ein gewisser Spitta ein -Nachtwächter! - - Spitta - -Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens wieder bei guter -Laune sind. - - Direktor Hassenreuter - -Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie sind ein Symptom. -Also nehmen Sie sich nicht etwa wichtig! -- Sie sind eine Ratte! aber -diese Ratten fangen auf dem Gebiete der Politik -- Rattenplage! -- unser -herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu unterminieren an. Sie -betrügen uns um den Lohn unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst --- Rattenplage! -- fressen sie die Wurzeln des Baumes des Idealismus ab: -sie wollen die Krone durchaus in den Dreck reißen. -- In den Staub, in -den Staub, in den Staub mit euch! - - Käferstein und Dr. Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen bald - in lautes Gelächter aus, in das der Direktor hineingerissen wird. - Walburga macht große Augen. Spitta behält seinen Ernst. - - Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter, nach - einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt. - - Direktor Hassenreuter - bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie, wie - wenn er eine Entdeckung gemacht hätte. - -Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta. - - Frau John - die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und - Käfersteins genähert hat, verdutzt. - -Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter? - - Direktor Hassenreuter - -Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken Sie Gott, wenn Ihr -stilles, eingezogenes, friedliches Leben Sie zur tragischen Heldin -ungeeignet macht. -- Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen? - - Frau John - mit unnatürlicher Blässe. - -I, weshalb denn nu det? - - Direktor Hassenreuter - -Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei, der dort oben als -Deserteur ins bessere Jenseits seine Militärkarriere beschlossen hat? - - Frau John - -I, wenn't 'n lebendicher Mensch wär, det kennte sind: vor tote Jeister -furcht ick mir nich. - - Direktor Hassenreuter - -Na, wie war's, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern? - - Quaquaro - der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt. - -Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung jekomm, det -mindestens obdachloses Jesindel oben, durch wat for'n Zujang weeß ick -noch nich, jenächtigt hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden. --- - - Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit - Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt. - - Frau John - -Det erklärt sich: ick ha oben zu'n rechten jesehn und ha Adelbertchen -bei mich jehat. -- Ick bin an die janze Jeschichte unschuldig! - - Direktor Hassenreuter - -Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet, Frau John. - - Frau John - -Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen jestorben war ... der -soll ma komm und soll mir sachen, wat eene richtiche Mutter is ... aber -nu muß ick fort, Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich -oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen bei meine Schwächern -zeichen uf Sommerfrische. -- - - Sie trottet durch die Flurtür ab. - - Direktor Hassenreuter - -Was hat sie da durcheinander gefaselt? - - Quaquaro - -Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem, wie et jestorben -is, wa eene Schraube los bei die John. Seit se nu jar det Zweete hat, -wackeln zweee. Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen -juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht. - - Direktor Hassenreuter - -Was soll ich nun als Bestohlener tun? - - Quaquaro - -Det kommt druf an, wo Verdacht hin is. - - Direktor Hassenreuter - -In diesem Hause? -- Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro ... - - Quaquaro - -Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit, det nächstens bißken -jesäubert wird. De Witwe Knobbe mit ihren Anhang wird rausjeschmissen! -Und denn is eene Blase uf Flijel B, wo Schutzmann Schierke mir hat -jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden: wo de Polizei -nächstens ausheben wird. - - Direktor Hassenreuter - -Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein. Ich höre wenigstens -manchmal wirklich hübsche Männerstimmen »Deutschland, Deutschland über -alles«, »Wer hat dich, du schöner Wald«, »In einem kühlen Grunde« und -dergleichen absingen. - - Quaquaro - -Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue Zwiebel! det -sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir jeruhig nieder, heeßt et zwar, -aber det wollt ick keenen raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz, -wat meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin. Immer -anzeichen, anzeichen, Herr Direkter. - - Quaquaro geht ab. - - Direktor Hassenreuter - -Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt Preußisch-Kurant. Seine -Faust bedeutet Kündigung. Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von -Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach Hilfe. Ein -scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne ihn bekämen die Pächter dieser -Staatsbaracke die Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in -den Rauchfang schreiben. -- (Die Türschelle geht.) -- Das ist Fräulein -Alice Rütterbusch! die junge Naive, die ich leider bei dem Hangen und -Bangen auf die Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch immer -kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner Ernennung, zu der Gott mir -helfe, wird ihr Engagement meine erste direktoriale Handlung sein. -- -Walburga und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt die sechs Kisten -durch, wo der Vermerk Journalisten steht, daß wir im geeigneten -Augenblick mit der Inventur fertig sind. -- (Zu Käferstein und Dr. -Kegel) -- Sie mögen derweil in die Bibliothek treten. - - Er geht, um die Flurtür zu öffnen. - - Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig auf den - Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in die Bibliothek. - - Direktor Hassenreuter - im Hintergrund. - -Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige! Pardon! Bitte sehr um -Pardon, mein Herr! Ich erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge -Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein. - - Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn. Pastor - Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter kleiner - Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen Feldmesser oder - kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von kräftiger Erscheinung, - kurznackig, wohlgenährt und hat ein etwas zusammengequetschtes, - breites Luthergesicht. Er trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen - Lodenmantel überm Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung - seiner übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon seit - lange gewöhnt sind. - - Pastor Spitta - -Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor? - - Direktor Hassenreuter - -Nicht durchaus bestimmt, aber ... - - Pastor Spitta - -Wagen Sie's nur daraufhin, Herr Direktor: nennen Sie mich bis auf -weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz in der Uckermark, dessen Sohn Erich -Spitta, jawohl, in Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig -gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das sag' ich mit schwerer -Bekümmernis. - - Direktor Hassenreuter - -Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können. Ich möchte Sie aber im -gleichen Atem bitten, Herr Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen, -den Ihr Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht allzu -besorgt zu sein. - - Pastor Spitta - -O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! -- (Er sieht sich mit -großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend, in dem seltsamen Raume um.) --- Es ist schwer zu sagen, äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu -welchem hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie eine Frage, -Verehrtester: ich war im Zeughaus. -- (Er berührt mit dem Stock einen -der Pappenheimschen Kürassiere.) -- Was sind das für Rüstungen? - - Direktor Hassenreuter - -Das sind Pappenheimsche Kürassiere. - - Pastor Spitta - -Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! -- (Sich sammelnd.) -- -O dieses Berlin! Es verwirrt mich ganz! Sie sehen in mir einen Mann, -Herr Direktor, der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom -Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu durch die Tat seines -Sohnes gebrochen ist. - - Direktor Hassenreuter - -Eine Tat? Welche Tat? - - Pastor Spitta - -Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen Mannes und ... und ... -Schauspieler. - - Direktor Hassenreuter - gereckt, mit Haltung. - -Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes nicht. Aber ich -selbst, der ich, _hony soit qui mal y pense_, der Sohn eines redlichen -Mannes und selber, will ich hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich -hier stehe, ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum sechs -Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg .... ich bin -Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schauspieler -meinen Fuß auf die weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf -bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen Ehrenhaftigkeit -dürfte also, nach meinen Begriffen wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn -Sohnes nicht zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und -man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben. Auch geb' ich zu: für -schwache Charaktere ist es ein Beruf, der besonders gefährlich ist. Und -schließlich habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes so bis -auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden davor behüten möchte. -Deshalb gebe ich meinen Töchtern Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste -Gedanke zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh' ich sie an einen -Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen einen Stein um den Hals -hängen und sie ertränken im Meer, wo es am tiefsten ist. - - Pastor Spitta - -Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch zu, ich habe als -schlichter Landpfarrer von alledem keine Vorstellung. Aber denken Sie -sich einen Vater an, eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine -Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne das Studium zu -ermöglichen. Denken Sie, daß dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht -und daß Vater und Mutter -- ich hab eine kranke Frau zu Haus! -- mit -Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie wollen, auf den Augenblick warten, -jawohl, wo er in irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel die -Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser Brief! der Junge ist -wahnsinnig. -- - - Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht. - Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die Brusttasche greift - und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht ganz überzeugend. - - Direktor Hassenreuter - -Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht wundern, wenn eine -Krise im Leben eines jungen Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist. - - Pastor Spitta - -Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden aus diesem Briefe unschwer -erkennen, wer verantwortlich für den verderblichen Umschwung in der -Seele eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen Menschen zu -machen ist. Ich hätte ihn nie sollen nach Berlin schicken. Jawohl: die -sogenannte wissenschaftliche Theologie, die mit allen heidnischen -Philosophen liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott in Rauch, den -Herrn und Heiland in Luft verwandeln will, die mache ich für den -schweren Fehltritt meines Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die -anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge gesehen, wovon zu -sprechen mir ganz unmöglich ist! Hier habe ich Zettel in allen Taschen: -Elite-Ball! Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb ein Uhr -nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen Linden und Friedrichstraße, -schmeißt sich ein scheußlicher Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt -mit einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr vielleicht -etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster, wo neben den Bildern -der hohen und Allerhöchsten Herrschaften nackte Schauspielerinnen, -Tänzerinnen, kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind! Und dann -dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte, aufgedonnerte Sünde die -Bürgersfrau vom Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach -Weltuntergang, Herr Direktor! - - Direktor Hassenreuter - -Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter! nicht wegen der -Nuditäten und ebensowenig der heimlichen Sünde wegen, die Nachts durch -die Straßen schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz skurile -Menschheitsintermezzo noch überleben. - - Pastor Spitta - -Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt, ist das böse Beispiel, -ist die Gelegenheit. - - Direktor Hassenreuter - -Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine Neigung zum -Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals bemerkt. Er hat einen Zug zur -Literatur, und er ist nicht der erste Pastorensohn -- Lessing, Herder -_etcetera_, der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen ist. -Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach liegen. Allerdings muß -ich sagen: die Ansichten, die Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der -Literatur vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend. - - Pastor Spitta - -Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht über meine -schlimmsten Befürchtungen weit hinaus. Und so sind mir die Augen denn -aufgegangen. -- Mein Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich -unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester unsre schwerste -Prüfung von Gott bedeutete und die nun, dem Anschein nach, beide von der -gleichen verruchten Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das Mädchen -war früh entwickelt, war schön! -- doch -- Jetzt muß ich zu etwas -anderem kommen. -- Ich bin seit drei Tagen in Berlin und habe Erich noch -nicht gesehen. Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner -Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet und mich natürlich -dabei in seiner Behausung umgesehen. Nun: betrachten Sie dieses Bild, -Herr Direktor! - - Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief zurücklegt, - aus der Brieftasche genommen und hält sie dem Direktor unter die - Augen. - - Direktor Hassenreuter - nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger, bald - wie ein Weitsichtiger, stutzt. - -Wieso? - - Pastor Spitta - -An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber lesen Sie bitte die -Unterschrift. - - Direktor Hassenreuter - -Wo? - - Pastor Spitta - liest. - -»Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.« - - Direktor Hassenreuter - -Erlauben Sie mal! -- Was heißt das, Herr Pastor? - - Pastor Spitta - -Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar irgendeine obskure -Kellnerin! - - Direktor Hassenreuter - sehr bleich. - -Hm. -- (Steckt das Bild ein.) -- Ich werde das Bild behalten, Herr -Pastor. - - Pastor Spitta - -In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun denken Sie sich in -meine Lage: mit welchen Gefühlen, mit welcher Stirn soll ich künftig vor -meiner Gemeinde auf der Kanzel stehn ......? - - Direktor Hassenreuter - -Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor! Was habe ich mit Ihrem -Sprengel, mit Ihren verlorenen Söhnen und Töchtern und dergleichen zu -tun? (Er zieht wieder die Photographie.) -- Und übrigens, was dieses -kernige, tüchtige Mädchen betrifft, »Kellnerin und dergleichen«, so -irren Sie sich! Weiter sage ich nichts! Alles weitere wird sich finden, -Herr Pastor. Adieu. - - Pastor Spitta - -Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich ist das der -Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist. Ich gehe und werde Sie nicht -mehr belästigen. Aber ich habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr -Direktor, zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde Mittel -und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten Sohne diesen sogenannten -dramatischen Unterricht! - - Direktor Hassenreuter - -Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm ganz direkt den Stuhl -vor die Tür setzen. - - Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und kommt ohne ihn - wieder. - - Direktor Hassenreuter - schleudert die Arme in die Luft. - -Hier kann man nur sagen: Neandertaler! -- (Er stürmt die Bodentreppe -hinauf.) -- Spitta, Walburga, kommt mal herab. - - Walburga und Spitta kommen. - - Direktor Hassenreuter - zu Walburga, die ihn fragend ansieht. - -Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen humoristischen -Körperteil! -- Na, und Sie, lieber Spitta, was wollen Sie noch? - - Spitta - -Sie hatten gerufen, Herr Direktor. - - Direktor Hassenreuter - -Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht! - - Spitta - -Bitte. - - Er tut es. - - Direktor Hassenreuter - -Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht dumm machen! Still! -- -Kein Wort! Ich hätte mich von Ihnen eines anderen versehen, als eines so -exemplarischen Beweises von Undankbarkeit! -- Still! -- Im übrigen war -ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts! Gehen Sie ihm nach! -- -Begleiten Sie ihn auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich zu -machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin. - - Spitta - zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab. - - Direktor Hassenreuter - schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr. - -Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn du mit diesem Schlingel -von verkrachtem Theologen noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte -sprichst. - - Walburga - -Au au, Papa. - - Direktor Hassenreuter - -Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter macht, als ob er -kein Wässerchen trüben könnte, und dem ich den Zutritt in mein Haus zu -eröffnen so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen Maske -die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und mein Haus, wir dienen dem -Geiste der Wohlanständigkeit. Willst du den Schild unserer Ehre -beflecken, etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die zur Schande -ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und Gosse geendigt ist? - - Walburga - -Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa. - - Direktor Hassenreuter - -Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht! und weißt, einen Appell -gegen meine Ansichten gibt es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder -siehst selber zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem ehr- -und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel durchkommen wirst! Dann -fort mit dir! von solchen Töchtern mag ich nichts wissen! - - Walburga - bleich, finster. - -Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg auch ohne deine Eltern -selbständig suchen müssen. - - Direktor Hassenreuter - -Du bist kein Mann. - - Walburga - -Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch. - - Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen. - - Direktor Hassenreuter - -Wieso? -- Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig? -- (Er lenkt ab, -merklich aus dem Konzept und pocht an die Bibliothek.) -- Wo blieben wir -stehen? Setzen Sie ein. - - Kegel und Käferstein erscheinen. - - Kegel, Käferstein - deklamieren. - - »Weisere Fassung - ziemet dem Alter. - Ich, der Vernünftige - grüße zuerst.« - - Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig - gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im Steckkissen - trägt. - - Direktor Hassenreuter - -Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen Sie mich? - - Spitta - -Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen wollten zu Ihnen -hinein. - - Frau Kielbacke - -Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John sprechen. - - Die Piperkarcka - -Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?! - - Direktor Hassenreuter - -Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist, und wünschte -jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge nicht hier bei mir, sondern -unten bei sich erledigt. Sonst richte ich nächstens vor der Tür -Selbstschüsse oder Fußangeln ein. -- Wo fehlt's Ihnen eigentlich, bester -Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben und diese Damen nach -unten zurechtweisen. - - Die Piperkarcka - -Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau John. - - Direktor Hassenreuter - -Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden. - - Frau Kielbacke - -Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei die Frau Mauerpolier -John in Flege jehat. - - Direktor Hassenreuter - -Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich, Käferstein. - - Frau Kielbacke - -Nun is 'n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen, nachsehn -jekomm: wie't steht mit det Kind und det jut versorcht und in Stande is. -Und denn is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn sind wir -rinjejang. Denn stand det Kind und 'n Zettel bei, det Frau John hier -oben uf Arbeet is. - - Direktor Hassenreuter - -Wo ist das Kind in Pflege gewesen? - - Frau Kielbacke - -Bei de Frau Mauerpolier John. - - Direktor Hassenreuter - ungeduldig. - -Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! -- Hätten Sie doch -lieber den alten humorvollen Herrn begleitet, dem ich Sie nachgesendet -habe, Spitta, statt mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn. - - Spitta - -Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden. - - Direktor Hassenreuter - -Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie ihnen doch, meine -Herren, daß Frau John kein Kind in Pflege hat, und daß sie also -bezüglich des Namens im Irrtum sind. - - Käferstein - -Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich bezüglich des -Namens im Irrtum sind. - - Die Piperkarcka - heftig, verweint. - -Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege jehabt. Is Herr von -die Stadt jekommen, hat jesacht, daß Kindchen in schlechte Hände, -verwahrlost is. Hat mich mein Kindeken zujrunde jerichtet. - - Direktor Hassenreuter - -Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des Namens der Frau, von -der Sie reden, im Irrtum sein. Frau Maurerpolier John hat kein Kind in -Pflege. - - Die Piperkarcka - -Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern lassen, zujrunde -jerichtet! Will sehn Frau John. Will auf Kopf draufsagen! Soll mich -jesund machen kleinet Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen -jehn an Jerichtstelle anzeichen. - - Direktor Hassenreuter - -Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie irren sich! Wie -kommen Sie nur auf den Gedanken, meine Damen, daß Frau John ein Kindchen -in Pflege hat? - - Die Piperkarcka - -Weil ick ihr selbst überjeben habe. - - Direktor Hassenreuter - -Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit dem sie, wie mir jetzt -einfällt, auf Besuch zu der Schwester ihres Gatten zu gehen -beabsichtigte. - - Die Piperkarcka - -Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick jeh unten auf -Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat kein Kind. Hat mich mein -Aloischen zujrunde jerichtet. - - Direktor Hassenreuter - -Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich. - - Die Piperkarcka - -Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt habe. Hat mich mein -Bräutijam Brief jeschrieben, daß nich wahr is, daß schlechtes, -verlogenes Frauenzimmer bin. -- (Sie berührt das Tragbettchen.) -- Is -mein! will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige Mutter -Jottes. - - Direktor Hassenreuter - -Decken Sie doch mal auf, das Kind. -- (Es geschieht. Direktor -Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.) -- Hm! Die Sache wird -sich bald aufklären, sicherlich! -- Erstens ... ich kenne Frau John! -- -hätte Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte ganz -unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau John, soweit Kinder in -Frage kommen, das Herz auf dem rechten Flecke hat. - - Die Piperkarcka - -Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts. Brauche mir nicht vor alle -Welt aufdecken. Alles will haarklein vor Jericht will aussagen, Tag, -Stunde, auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir: sollten wohl -Augen aufreißen. - - Direktor Hassenreuter - -Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, die Frau -John besitze kein eigenes Kind, und das, was dafür gegolten hat, wäre -das Ihre. - - Die Piperkarcka - -Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is. - - Direktor Hassenreuter - -Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge Sie diesmal nicht -beim Wort nehmen! -- Nämlich, wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor -Hassenreuter, und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau, der -Frau John, drei- oder viermal in Händen gehabt. Ich hab' es sogar auf -der Wage gewogen. Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme Wurm hier dürfte -noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf Grund dieses Umstandes versichere ich -Ihnen, dies hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es mag -richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das schlechterdings nicht -bezweifeln. Das Kind der Frau John aber kenne ich und bin sicher, daß es -mit diesem durchaus nicht identisch ist. - - Frau Kielbacke - respektvoll. - -Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch. - - Die Piperkarcka - -Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen schlecht jenährt -und schwächlich is. Det is janz richtig hier mit det Kind! Will Eid -schwören, daß richtig identisch is. - - Direktor Hassenreuter - -Ich bin sprachlos. -- (Zu den Schülern.) -- Unser Unterricht steht heute -unter einem feindlichen Stern, werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso, -aber der Irrtum der Damen beschäftigt mich. -- (Zu den Frauen.) -- Sie -werden sich in der Tür geirrt haben. - - Frau Kielbacke - -Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von die Vormundschaft -det Kindeken aus die Stube mit Schild Frau Mauerpolier John uf'n -Hausflur jeholt. Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in -Altona abwesend. - - Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich. - - Direktor Hassenreuter - -Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie denn? - - Schierke - -Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute hier oben -jeflichtet sind. - - Direktor Hassenreuter - -Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet? - - Frau Kielbacke - -Wir sind nich jeflichtet. - - Direktor Hassenreuter - -Sie fragten nach meiner Aufwärterin. - - Schierke - -Erlauben Se, det ich se och mal wat frache. - - Direktor Hassenreuter - -Bitte. - - Die Piperkarcka - -Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind. - - Schierke - zur Frau Kielbacke. - -Wie heißen Sie? - - Frau Kielbacke - -Ick bin Frau Kielbacke. - - Schierke - -Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo wohnen Sie? - - Frau Kielbacke - -In de Linienstraße neun. - - Schierke - -Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben? - - Frau Kielbacke - -Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind. - - Schierke - zur Piperkarcka. - -Ihr Name? - - Die Piperkarcka - -Paula von Piperkarcka aus Skorzenin. - - Schierke - -Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind. Wollen Sie das also auch -behaupten? - - Die Piperkarcka - -Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz bitten, weil hier -unrechtmäßigerweise verdächtigt bin. Is Herr von die Stadt mit mich hier -jewesen. Haben mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen, -rausjeholt ... - - Schierke - mit durchbohrendem Blick. - -Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe Knobbe jewesen -sind. Wer weeß, wat Sie mit det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt -und bestochen sind. 'N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen un denn -hier rufjeschlichen, weil det die rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo -bestohlen is, Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber -Polizeiwache is. - - Die Piperkarcka - -Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ... - - Direktor Hassenreuter - -Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie denn das gar nicht -begreifen? Sie sagen, unsere John hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie -bitte gefälligst aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das -von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer herausgeholt! Nun -also: wir alle hier kennen Frau Johns Kind und das, was Sie da haben, -ist ein anderes! Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach Adam -Riese unter gar keinen Umständen zutreffend sein! -- Übrigens wär mir's -jetzt lieb, Herr Schierke, Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich -könnte hier meinen Unterricht fortsetzen. - - Schierke - -Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit ihren Anhang rin. Nämlich -das Kind ist jestohlen worden. - - Die Piperkarcka - -Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John. - - Schierke - -Schon jut! -- (Unbeirrt zum Direktor.) -- Und es soll ja, wie't heeßt, -von Vaters Seite, blaublütig sind. Die Knobbe meent ja, et is 'n -Komplott von Feinde, weil man ihr die Rente un womeglich -Kadettenerziehung in 'ne jewisse Jejend nich jennen dut. -- (Es wird mit -Fäusten an die Tür geschlagen.) -- Det is de Knobbe. Da is se schonn. - - Direktor Hassenreuter - -Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen die Leute bei mir -ein und erleide ich eine Schädigung, so wende ich mich an den -Polizeipräsidenten: ich bin mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht, -liebe Kinder, ihr seid meine Kronzeugen. - - Schierke - an der Tür. - -Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich. - - Ein kleiner Janhagel heult auf. - - Die Piperkarcka - -Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah kommen. - - Direktor Hassenreuter - -Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die Bibliothek hinein. --- (Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke und das Kind in die -Bibliothek.) -- Und jetzt, Herr Schierke, wollen wir meinethalben diese -Megäre da draußen herein lassen. - - Schierke - der die Tür ein wenig öffnet. - -So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin. - - Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte - Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette. Ihr - Gesicht trägt die Stigmata der Straße, zeugt aber übrigens nicht von - schlechter Abkunft. Ihre Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie - redet mit Affektation, ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium. - - Frau Knobbe - indem sie hereingesegelt kommt. - -Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor. Vorwiegend sind es -kleine Jungens und kleine Mädchen, da ich kinderlieb bin, wie Sie -wissen, die mit mir gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier -eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich zwei Frauen mit -meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen. Ich suche mein Söhnchen, -genannt Helfgott Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung -verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren. - - Schierke - -Darum wollt' ick och janz jehorsamst bitten, verstehn Se mich. - - Frau Knobbe - diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend. - -Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen gewissen Lärm erregt. -Man überblickt von da aus die Fenster, und ich habe mich bei den Leuten -erkundigt, bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock, bei der -kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster im dritten Stock, ob meine -Selma mit meinem Söhnchen etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal -zu erregen. -- Sie müssen wissen, Herr Direktor -- ich weiß sehr wohl, -daß ich hier unter den Augen eines Mannes von Bedeutung, ja, eines -berühmten Mannes bin! -- Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott -Gundofried angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! -- (Mit -schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die Augen führend.) -- -Ich bin eine arme, vom Schicksal verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken -ist und die bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht -langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die letzte Hoffnung nun -auch rauben. - - Schierke - -Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich. - - Frau Knobbe - wie vorher. - -Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen, meinen -ehrlichen Namen abzulegen. Ich habe dann in Paris gelebt und schließlich -einen brutalen Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen -Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken hatte, in meinen -Angelegenheiten dadurch gebessert zu sein. O diese Schurken von Männern, -Herr Direktor!! - - Schierke - -Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich. - - Frau Knobbe - -Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich mal wieder einem Manne -von Bildung und Geist in die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen -eine Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier die »Gräfin«, -und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen Jugend war ich nicht weit -entfernt davon! Eine Zeitlang war ich auch Schauspielerin! Wie sagte -ich: eine Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner -Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden zu sein. - - Schierke - -Na wer weeß och. - - Frau Knobbe - mit Emphase. - -Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden klingt, wenn ich -sage, wie ich eines Nachts im tiefsten Abgrunde meiner Schande einen -Vetter, einen Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts -auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch, seit mich -mein adelstolzer Herr Vater verstieß, nachdem ich als junges Ding einen -Fall getan hatte. O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit, -welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich bin ein zertretener -Wurm, Herr Direktor, und doch, dorthin, nach diesem glänzenden Elend, -sehne ich mich nicht eine Sekunde zurück. - - Schierke - -Nun woll'n wir jefälligst zur Sache kommen. - - Direktor Hassenreuter - -Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen Sie zunächst -mal die Dame nicht -- (zur Knobbe) -- Sie hatten von Ihrem Vetter -gesprochen. Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist? - - Frau Knobbe - -Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte mich, und wir -feierten schmerzlich selige Stunden alter Erinnerung. In seiner -Begleitung befand sich -- ich nenne den Namen nicht! -- ein blutjunger -Leutnant. Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig. Herr -Direktor, ich habe die Scham verlernt! man hat mich neulich sogar aus -einer Kirche herausgewiesen: warum soll eine so zertretene, entehrte, -verlassene, mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht offen bekennen, -daß er der Vater meines Helfgott Gundofried geworden ist. - - Direktor Hassenreuter - -Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde? - - Frau Knobbe - -Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich meine Feinde -mächtig sind und jedwedes Mittel in der Hand haben, ich bin noch nicht -ganz überzeugt davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von den -Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie würden erstaunen, -Träger eines der ältesten und berühmtesten Namens und Geschlechtes sind. -Adieu! Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten, denken Sie -nicht, mein besseres Fühlen ist in dem Sumpfe total erstickt, in den ich -mich stürzen muß. Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit -dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier -- (sie weist ihren nackten -Arm vor) -- vergessen! Betäubung! Ich verschaffe es mir mittels Chloral, -mittels Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen. Warum -nicht? wem bin ich verantwortlich? Einst wurde meine geliebte Mama -meinetwegen von meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam -meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine englische Miß rissen -sich, weil jede behauptete, daß ich sie mehr liebte, in der Wut -gegenseitig die Chignons vom Kopf. Jetzt ... - - Schierke - -Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier Leute nich Freiheit -berauben. -- (Er öffnet die Bibliothekstür.) -- Jetzt sagen Se, ob det -hier Ihr Kindeken is. - - Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau Knobbe - anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem Kinde folgt. Schierke - nimmt das Tuch von dem Kindchen. - - Die Piperkarcka - -Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen? Bin ick Zijeuner? Sollen -wohl Kinder stehlen in Häuser jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich -schön hüten! Hab' selber für mich und mein Kind kaum Essen jenug! Wer -'rumjehn, wer fremde Kinder auflesen und jroß füttern, wo eijnes mir -schon jenug Kummer und Ärjer macht. - - Frau Knobbe - glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann - schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf ihr - Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund und Nase und - saugt den Duft des Parfüms, um nicht ohnmächtig zu werden. - Hierauf glotzt sie wie vorher. - - Direktor Hassenreuter - -Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das Mädchen behauptet, daß sie -selbst und nicht Sie, Frau Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist. - - Frau Knobbe - erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr in den - Arm. - - Schierke - -Det jibt's nich! Det is hier nich Kindererziehung! Det machen Se, wenn -Se unter sich in de Kinderstube alleene sind! -- Die Hauptsache bleibt, -wen jehert hier det Kind? -- Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete -Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier reenste Wahrheit sachen! So! Is -et Ihret? oder 'n fremdet Kind? - - Frau Knobbe - bricht los. - -Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei Jesus Christus, Vater, -Sohn und heiliger Geist, daß ich Mutter von diesem Kinde bin. - - Die Piperkarcka - -Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ... - - Direktor Hassenreuter - -Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! -- Es mag meinethalben ein Fall -von den allerverwickeltsten Umständen sein! Sie schwören dabei -vielleicht vollständig gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß -zugeben: jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen sein -- -ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken! - - Walburga - die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der Nähe das - Kind betrachtet. - -Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind. - - Frau Kielbacke - weinerlich, entsetzt. - -Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin im Zimmer -jewesen bin. - - Schierke - -Wat? - - Direktor Hassenreuter - -Wie? -- (Er tritt energisch näher und betrachtet einige Zeit ebenfalls -das Kind.) -- Das Kindchen ist tot! Das ist ohne Frage! -- Hier ist ohne -Zweifel einer gewesen, unsichtbar, der über das unbeteiligte arme, -kleine Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen hat. - - Die Piperkarcka - versteht nicht. - -Wat jiebt denn? - - Schierke - -Ruhe! -- Komm Sie mit. - - Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie steckt ihr - Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust röchelt es. Schierke, - die Kielbacke mit dem toten Kinde, gefolgt von Frau Knobbe und der - Piperkarcka ab. Man hört Gemurmel auf dem Flur. - - Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden die Tür - verschlossen hat. - - Direktor Hassenreuter - -_Sic eunt fata hominum._ Erfinden Sie so was mal, guter Spitta. - - - - - Vierter Akt - - - Die Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten Akt. Es ist früh - gegen acht Uhr Sonntags. - - Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem Verschlage. - Man kann aus seinem Planschen und Prusten entnehmen, daß er bei der - Morgenwäsche ist. Quaquaro ist eben eingetreten und hat die Klinke - der Flurtür in der Hand. - - Quaquaro - -Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul? - - John - hinterm Verschlag. - -Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen bei meine verheirate -Schwester in Hangelsberg. Will aber heut morchen noch wiederkomm. -- -(John erscheint, sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.) Schen -juten Morchen, Emil. - - Quaquaro - -Morchen, Paul. - - John - -Na wat jibt et Neies? Ick bin vor 'ne halbe Stunde erst von de Bahn aus -Hamburch jekomm. - - Quaquaro - -Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen. - - John - aufgeräumt. - -Na ja, Emil, du bist eben so 'n richticher Zerberus. - - Quaquaro - -Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det Kleene in Hangelsberg? - - John - -I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. Wiste wat von ehr? -Miete hat se doch woll richtich abjeführt. Ibrigens kann ick jleich -kindigen, Emil. Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober. -Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus det olle wacklige -Staatsjebäude raus und in 'ne beßre Jejend ziehn. - - Quaquaro - -Nach Altona wiste nu nich mehr zurick? - - John - -Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick jeh nich mehr auswärts! -Nich in die Hand! -- Schon erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken! -und denn och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och all nich mehr -recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et is jut so, det ma det ewiche -Wanderleben zu Ende is. - - Quaquaro - -Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul. - - John - gut gelaunt. - -Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? Ick ha zum Meester -jesacht: ick bin jung verheirat! Denn hat er jefracht, ob meine erschte -Frau jestorben is? O konträr! Janz in't Jejenteil, hab' ick jeantwort: -die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch 'ne -quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! -- Wie ick heute Morchen, -Berlin--Hamburg--Stendal--Ültzen zum letztenmal uf'n Lehrter Bahnhof mit -mein janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab' ick 'n lieben -Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, mit een Seufzer jedankt. -Er wird ihm wohl bei den Lärm uf'n Lehrter nich jehert haben. - - Quaquaro - -Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes och wieder mit -Dot abjejang is? - - John - -Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber wenn et dot is, denn is -et doch jut, Emil. Als ick det Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo -Krämpfe hatte und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm noch'n -Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch schon reichlich reif -for't Himmelreich. - - Quaquaro - -Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich jehert, wie und wo det -Kindchen zu Dode jekomm is? - - John - -Nee! -- (Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem Sofa hervor.) -- -Wart ma! ick brenne mir erst ma 'ne Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat -jehert haben. - - Quaquaro - -Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir nischt von jeschrieben -hat. - - John - -I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit det mir 'n eegnet -Kind haben, bei Muttern uf eema wie abjeschnappt. - - Quaquaro - lauernd. - -Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne 'n Sohn haben. - - John - -Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For wat rackert eens denn? -For wat schind ick mir denn? Det is doch wat anders, wenn 'n scheenet -rundet Stück Jeld for'n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart -bleiben dut. - - Quaquaro - -Weeste denn nich, det 'n fremdet Mächen jekomm is, Paul, und hat -behauptet, det det Kind von de Knobbe jar nich ihr eechnet, sondern det -Kind von det fremde Mächen jewesen is? - - John - -Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn't Mutter wär! aber de Knobben -doch nich. Sach ma, Emil, wat is denn det for 'ne Jeschichte. - - Quaquaro - -Na, nu, d'r eene sagt so, d'r andre sagt so. De Knobben sagt, det von -een Komplott mit Detektivs aus jewisse Kreise det kleene Balch -nachjestellt worden is. Un det is nu ja och richtig janz festjestellt: -et war det Kind von de Knobben jewesen! -- Kannst du mich irgendeenen -Wink jeben, wo de letzten Dache dein Schwager is? - - John - -Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg? - - Quaquaro - -I nee, durchaus nich wat der Mann von deine Schwester, sondern von deine -Frau der Bruder is. - - John - -Da meenst du Brunon? - - Quaquaro - -Jewiß doch. - - John - -Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher drum, ob de Hunde noch -immer bei Prellsteine jehn. Von Brunon will ick weiter nischt wissen. - - Quaquaro - -Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf Polizeistelle is -bekannt, det Bruno mit det polnische Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch -machen wollte, jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene -jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle wegschwimmen, -jemeinsam jesichtet is. Nu is det Mächen janz jänzlich verschwunden. -Weiter wat Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von Polizei -wechen det Mächen suchen. - - John - stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt - hatte. - -Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! -- Ick weeß nich, wat in -mir jefahren hat, ick war so verjnügt wie'n Eckensteher. Uf eemal is -mich so kodderig zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg -mechte un jar nischt weiter heren und sehn! -- Wat kommst de denn mir, -Emil, mit so 'ne Jeschichten? - - Quaquaro - -Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, wo ja du un -wohl ja och deine Frau auswärts jewesen is, in deine Behausung jeschehn -is. - - John - -In meine Behausung? - - Quaquaro - -Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det Knobbesche Jungchen in -Kinderwachen hier rieberjeschoben, wo et det fremde Frauenzimmer mit -ihre Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen hat. Oben -bei de Kammedienspieler is se ja dann noch jlicklich jestellt worden. - - John - -Wat is se? - - Quaquaro - -Und da haben sich och de Knobbe un det fremde Mächen ieber det dote Kind -bei de Haare jekricht. - - John - -Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch alle Ochenblicke -hier mit Frauenzimmer een Jewürge is. Laß se man kampeln! Mir is det -jleichjiltig! Nämlich, Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!? - - Quaquaro - -Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! Det Mächen hat nämlich -mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: erstlich, det Wurm von de Knobbe, det -wär ihr Kind und det hätt' se ausdricklich bei deine Frau, Paul, in de -Flege jejeben. - - John - stutzt, lacht befreit. - -Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden! - - Erich Spitta kommt. - - Spitta - -Guten Morgen, Herr John. - - John - -Juten Morchen, Herr Spitta. -- (Zu Quaquaro, der noch in der geöffneten -Tür steht.) -- 'S jut, Emil! Ick wer mir wissen zu richten nach. - - Quaquaro ab. - - John - fährt fort. - -Nu sehn Se ma so 'n Männeken, Herr Spitta! Mit een Fuß steht er in't -Jefängnis, mit 'n andern is er Liebkind beim Bezirkskommissar uf't -Polizeibüro! un denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln. - - Spitta - -Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, Herr John? - - John - -Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! -- (Er öffnet die -Flurtür.) -- Selma! -- Entschuldjen Se mir ma 'n Ojenblick. -- Selma! -- -Ick muß ma det Mächen wat aushorchen. - - Selma Knobbe kommt. - - Selma - noch in der Tür. - -Wat is? - - John - -Mach ma de Tir zu, komm ma 'n bißken 'rin! Un nu sach mal, Mächen, wat -det hier in de Stube mit dein kleenet verstorbenet Briderchen und mit -det fremde Weibsbild jewesen is. - - Selma - die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten ist, - jetzt sehr wortgewandt. - -Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. Ihre Frau war nicht da -und da dacht ick, det hier drieben, wo doch det Briderken sowieso krank -war und immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. Nu kam een -Herr un kam eene Dame un noch 'ne Frau kam uf eemal hier rin. Und denn -ha'm se det Kindeken hier aus 'n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt -un mit fortjenomm. - - John - -Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und se hätt' et bei -Muttern, als wie det meine Olle is, hätt' se's, sagt se, in Flege -jejeben? - - Selma - lügt. - -I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von. - - John - schlägt auf den Tisch. - -Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig. - - Spitta - -Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich von dem Vorfall -zwischen den beiden Frauen oben bei Direktor Hassenreuter die Rede ist. - - John - -Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de Knobben und de andere um -det Würmchen jezerjelt hat? - - Spitta - -Allerdings. Das hab' ich mit angesehn. - - Selma - -Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och Schutzmann Schierke und -meinswechen der lange Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger -verhören dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt sachen. - - John - -'N Polizeileitnam hat dir ausjefracht? - - Selma - knutscht. - -Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et Leute anjezeicht un -jelogen haben, det unser Kindeken vahungert is. - - John - -Ach! so! -- Na Selma, jeh, laß ma 'n Kaffee durchlofen. - - Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John - zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den Zirkel - und zieht dann mit der Schiene einige Linien. - - Spitta - mit Überwindung. - -Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr John. Mir hat -jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen Sicherheit mitunter kleine Beträge -an Studenten geliehen. Ich bin nämlich in Verlegenheit. - - John - -Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr Spitta. - - Spitta - -Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein Geld schaffe, werden -meine paar Bücher und Habseligkeiten von meiner Zimmerwirtin mit -Beschlag belegt und man setzt mich eigentlich auf die Straße. - - John - -Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta. - - Spitta - -Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber nicht Pastor werden -mag, habe ich gestern abend einen furchtbaren Krach mit meinem Vater -gehabt. Ich werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen. - - John - arbeitend. - -Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu oder 'n Hals breche. - - Spitta - -Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr John. Geh ich aber -zugrunde, so ist mir's auch gleichgültig. - - John - -Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for ausjehungerte arme -Ludersch sind. Aber keener will wat Reelles anfassen. -- (Ferner Donner. -John blickt durchs Fenster.) -- Heute wird schwule. Et donnert schon. - - Spitta - -Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, daß ich etwas Reelles -nicht anfassen möchte: Stunden geben! für Geschäfte Adressen schreiben! -Ich habe das alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem anderen -Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte um die Ohren geschlagen. -Dabei hab' ich gebüffelt und Bücher gewälzt. - - John - -Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer instellen! Wie ick so -alt war wie Sie, ha ick in Altona in Akkord schon bis zwelf Mark täglich -verdient. - - Spitta - -Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter. - - John - -Det kennt man. - - Spitta - -So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr John. Vergessen Sie -aber bitte nicht: Ihre Herrn Bebel und Liebknecht sind auch -Geistesarbeiter. - - John - -Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man wenigstens frühstücken. Allens -sieht sich janz andersch an, wenn det eener 'n Happenpappen jefrühstückt -hat. Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta? - - Spitta - -Nein, offen gestanden, heute noch nicht. - - John - -Na denn machen Se man det Se wat Warmes in Leib kriechen. - - Spitta - -Das hat Zeit. - - John - -I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och die Nacht uf de Bahn -jelejen. -- (Zu Selma, die ein Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt -hat.) -- Bring ma schnell noch 'ne Tasse ran. - - Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel ein und - trinkt Kaffee. - - Spitta - der noch nicht Platz nimmt. - -Eine Sommernacht bringt man doch lieber im Freien zu, wenn man im -übrigen doch nicht schlafen kann. Und ich habe nicht eine Minute -geschlafen. - - John - -Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut schlafen kann! Wer in -Dalles is, hat och in Freien de meeste Jesellschaft. -- (Er vergißt -plötzlich zu kauen.) -- Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie -det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det se hier aus de Stube -jeholt hat, jewesen is. - - Selma - -Ick weeß nich, det frächt mich 'n jeder, frächt mir Mama jetzt 'n lieben -langen Dach! ob ick Brunon Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer -oben uf'n Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! Wenn det -so fortjeht ... - - John - energisch. - -Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr und det Freilein -dir dein Brüderken aus'n Wachen jenommen hat? - - Selma - -Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene Wäsche. - - John - faßt Selma beim Handgelenk. - -Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine Mutter jehn. - - John mit Selma an der Hand ab. - - Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück her. - Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer Eile und sehr - aufgeregt. - - Walburga - -Bist du allein? - - Spitta - -Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga. - - Walburga - -Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der allergrößten Schlauheit, -mit der allergrößten Entschlossenheit, mit der allergrößten -Rücksichtslosigkeit, komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine -jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das Dienstmädchen! Ich -sagte aber zu Mama, wenn sie mich nicht durch das Entree hinausließen, -so möchten sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei Stock -hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. Ich fliege. Ich bin mehr -tot wie lebendig. Aber ich bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem -Vater, Erich? - - Spitta - -Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber fressen wie weiland -der verlorene Sohn, und ich möchte mir ja nicht einfallen lassen, als -Luftspringer oder Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals -wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu wollen. Für Gesindel -öffne sich seine Haustür nicht. Ich werd's verwinden! Nur meine arme -gute Mutter bedaure ich. -- Du kannst dir nicht denken, mit welchem -abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und alles, was mit dem -Theater zusammenhängt, geladen ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm -nicht stark genug. Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein -der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der sich denken läßt. - - Walburga - -Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen ist. - - Spitta - -Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben. - - Walburga - -Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, mit welchen -grauenvollen Ausdrücken mich Papa in der Wut überschüttet hat, und ich -mußte zu allem stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das -hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral stumm und -hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt' ich es auch: doch ich schämte -mich so entsetzlich für ihn! Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht, -Erich! Mama mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen. -Er hat mich acht oder neun Stunden lang in den finsteren Alkoven -eingesperrt, um meinen Trotz zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das -gelingt ihm nicht, Erich! Er bricht ihn nicht. - - Spitta - nimmt Walburga in den Arm. - -Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich erst, was ich an dir -besitze! weiß ich erst, was für ein Schatz du eigentlich bist. -- (heiß) --- Und wie schön du aussiehst, Walburga. - - Walburga - -Nicht! Nicht! -- Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es doch nichts. - - Spitta - -Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh mal, ein Mensch -wie ich, in dem es gärt und der was Besonderes, Dunkles, Großes will, -was er einstweilen noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit -zwanzig Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt lästig und -lächerlich. Aber glaub' mir: einst wird das anders werden. In uns liegen -die Keime. Der Boden lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch -unterirdisch, die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die Zeit muß -kommen, da wird die ganze weite, schöne Welt unser sein. - - Walburga - -Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig. - - Spitta - -Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater auch von der Leber weg die -Anklage des Verbrechens an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert. -Das hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: von einer -Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse er nichts. Sie existiere -in seiner Seele nicht und, wie es den Anschein habe, werde auch bald -sein Sohn dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese Diener -des guten Hirten, der das verlorene Schaf doppelt zärtlich in seine Arme -nahm! O du lieber Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen -Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber als ich heut nacht bei -Donnerrollen und Wetterleuchten auf einer Bank im Tiergarten saß und -gewisse Berliner Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die -ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben mir. Wie oft mag -sie selbst im Leben Nächte hindurch obdachlos auf solchen Bänken und -vielleicht auf derselben Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer -Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung darüber nachzudenken, -wie triefend von Menschenliebe, triefend von Christentum zweitausend -Jahre nach Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich -manifestiert. Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme Dirne, -die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten geht, die von dem Drucke -der Sünde der Welt belastet ist, die arme Aussätzige und ihre -fürchterliche Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und alles -Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und Entrechteten werfen wir mit -in die Flamme hinein! Und so soll die Schwester leben, Walburga, und -soll Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine Seele -beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei der Welt -nicht vermag. - - Walburga - -Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb sind deine Finger noch -so eiskalt, und du siehst so entsetzlich müde aus. Erich, du mußt mein -Portemonnaie nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere dich! -Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, Erich! Erich, du -darbst! Wenn du meine paar Groschen nicht nimmst, verweigere ich zu -Hause jede Nahrung! bei Gott, ich tu's! bis du vernünftig wirst. - - Spitta - würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. - -Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt. - - Walburga - steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche. - -Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich hier zu Frau John -bestellt. Zu allem Unglück bekomme ich gestern noch hier diese -gerichtliche Vorladung. - - Spitta - betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat. - -Du? Und weshalb denn das, sag' mal, Walburga. - - Walburga - -Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen auf dem Oberboden -zusammenhängt. Aber es macht mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das -erfährt ... ja, was tu ich dann? - - Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, sehr - gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein. - - Frau John - erschrocken, mißtrauisch, halblaut. - -Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? Ick war eben ma 'n -bißken mit det Kindken uf de Jasse jejangn. - - Sie trägt das Kind hinter den Verschlag. - - Walburga - -Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung mit Frau John. - - Frau John - -Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen. - - Spitta - -Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. Sie hat nämlich, -wahrscheinlich wegen der gestohlenen Sachen, Sie wissen ja, auf dem -Oberboden, eine gerichtliche Vorladung. - - Frau John - tritt aus dem Verschlage. - -Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein Walburga? Na, denn nehm -sich in Obacht! Ick spaße nich! un phantasieren Se womeglich von -schwarzen Mann. - - Spitta - -Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich. - - Frau John - zur häuslichen Beschäftigung übergehend. - -Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie vor't Hallesche Tor -der Blitz heute morchen Mann, Frau und 'n Mächen von sieben unter eene -hohe Pappel erschlagen hat? - - Spitta - -Nein, Frau John. - - Frau John - -Et pladdert schon wieder. - - Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht. - - Walburga - ängstlich. - -Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn. - - Frau John - lauter und lauter werdend. - -Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher noch jesprochen, wo -nachher von Blitze erschlachen is. Die hat jesacht -- nu hern Se ma zu, -Herr Spitta .... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen legt und -raus in die warme Sonne rickt -- det muß aber Sommersonne und -Mittagssonne sind, Herr Spitta! -- det zieht Atem! det schreit! det is -wieder lebendig! -- Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit meine Ochen -jesehn. - - Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne scheinbar - mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen Leute zu wissen. - - Walburga - -Du, die John ist unheimlich, komm! - - Frau John - noch lauter. - -Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? Denn kann Mutter kommen -und nehmen. Denn muß et jleich Brust kriejen. - - Spitta - -Adieu, Frau John. - - Frau John - noch lauter. - - Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis zur Tür. - -Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr Spitta. - - Spitta und Walburga ab. - - Frau John - hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus. - -Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, wo ick entdeckt -habe, nischt. - - Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein. - - John - -I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von wat for'n Jeheimnis -sprichst du denn? - - Frau John - wie aufwachend, faßt sich an den Kopf. - -Ick? -- Ha ick denn von 'n Jeheimnis jesprochen? - - John - -Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste nu 'n Jeist oder -bistes wirklich? - - Frau John - befremdet, ängstlich. - -Woso soll ick 'n Jeist sind? - - John - schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken. - -Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich deswechen, det de nu -wieder mit dein Patenjeschenk bei mich bist! -- (Er geht hinter den -Verschlag.) -- Et sieht aber 'n bißken miserich aus, Jette. - - Frau John - -Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen uf'n Lande de Kühe -schon jrienet Futter kriejen. Hier von de vereinichte Molkerei ha ick -wieder welche, wo trocken jefüttert is. - - John - erscheint wieder. - -Ick sag's ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn und raus aus de -Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt is an allerjesindsten. - - Frau John - -Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul. - - John - -In Altona, Jette, is och nu allet in't reene jebracht. Jejen Mittag -treff' ick mit Karln zusamm, und denn will er mir sachen, wenn ick beim -neuen Meester antreten kann! -- Hör ma: ick ha och wat mitjebracht. - - Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche - nimmt. - - Frau John - -Wat denn? - - John - -Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in Berlin manchma immer -'n bißken zu stille is! -- Horch ma, wie't kräht. -- (Man hört das -Kindchen allerlei vergnügte Geräusche machen.) -- Nee Mutter, wenn so 'n -Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika. - - Frau John - -Haste schonn jemand jesprochen, Paul? - - John - -Nee! -- Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron jesprochen. - - Frau John - scheu, gespannt. - -Nu? und? - - John - -I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt. - - Frau John - wie vorher. - -Wat hat er jesacht? - - John - -Wat soll er jesacht haben? -- Na, wenn de schon keene Ruhe jeben dust -- -wat soll det nitzen an Sonntag morchen? -- er hat mir ma wieder nach -Brunon jefracht. - - Frau John - hastig, bleich. - -Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben? - - John - -Jar nischt! -- Hier, komm und trink 'n Schluck Kaffee, Jette, und ärjer -dir nich! -- Wat kannst de dafür, wenn eener so 'n sauberet Brüderken -hat? -- Wat brauchen wir uns um andre bekimmern? - - Frau John - -Det mecht ick wissen, wat so 'ne olle dußliche Dromlade, wo 'n janzen -Tag spionieren dut, immer von Brunon zu quasseln hat. - - John - -Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! -- -- -- Sieh ma ... i wat denn? -... lieber nich! ... Aber wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det -soll mir nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof, -haste nich jesehn! ma'n schnellet Ende is. -- (Frau John läßt sich am -Tisch nieder, wird grau im Gesicht, stützt sich auf beide Ellenbogen und -atmet schwer.) -- Vielleicht och nich! nimm et dir man nich jleich so zu -Herzen! -- -- Wat macht denn de Schwester? - - Frau John - -Ick weeß et nich. - - John - -Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen. - - Frau John - sieht ihn geistesabwesend an. - -Wo bin ick jewesen? - - John - -Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de schudderst ja! bein Arzt -und bein Doktor wiste nich hinjehn! womeglich det de noch nachträglich -zum Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt. - - Frau John - fällt ihrem Mann um den Hals. - -Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, sach et! sach et -bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! Sach et! Fihr mir nich hinters -Licht. - - John - -Wat is mit dich heute los, Henerjette? - - Frau John - plötzlich verändert. - -Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick ha wieder die Nacht -keene Ruhe jehat! Und denn war ick früh uf, und denn is et nich anders, -als wie det ick 'n bißken von Kräfte bin. - - John - -Denn leg dir man lang und ruh dir 'n bißken. -- (Frau John wirft sich -lang auf das Sofa und starrt gegen die Decke.) -- Kannst dir dann och ma -'n bißken kämmen, Jette! -- -- Uf de Bahn war et wohl sehr staubig -jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert bist? -- -- -- -(Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen die Decke.) -- Ick muß ma -det Bengelchen 'n bißken an't Licht holen. - - Er begibt sich hinter den Verschlag. - - Frau John - -Wie lange sind wir verheirat, Paul? - - John - Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann: - -Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich wie ick bin aus'n -Kriege jekomm. - - Frau John - -Nich, denn kamst de zu Vater hin? -- und denn hast de in Positur -jestanden? -- und denn hast de't eiserne Kreuz an de linke Brust jehat. - - John - erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper - schwingend. Er sagt lustig: - -Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn de't sehn willst, -denn stech ick's mir an. - - Frau John - noch immer lang ausgestreckt. - -Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: ick sollte nich -immer so fleißig ... nich immer so hin und her, treppuf, treppab ... ick -sollte ma 'n bißken pomadich sind. - - John - -Det sach ick so jut och heute noch, Jette. - - Frau John - -Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt und hast mir links -hinter't Ohr jeküßt! -- Und denn ... - - John - -Denn sind wir wohl einig jeworden? -- - - Frau John - -Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee apee von oben bis -unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. Und da ha ick noch anders -ausjesehn! -- Und denn haste jesacht ... - - John - -I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det jlobt eener nich, -wat du for'n Jedächtnis hast. - - Frau John - -Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald 'n Jungen krieje, der soll och -ma »mit Jott für Kenig und Vaterland« und »Wacht am Rhein« hinter de -Fahne her zu Felde ziehn. - - John - singt, über das Kindchen, zur Klapper. - - »Er blickt hinauf in Himmels Aun - wo Heldenväter niederschaun: - zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!« ... - -Nu ha ick so'n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig jar nich so wilde -druf, det ick ihm mechte womeglich als Kanonenfutter in Krieg schicken. - - Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag. - - Frau John - wie vorher. - -Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her! - - John - kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag. - -Janz so lange woll doch nich, Jette. - - Frau John - -Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und jingst mit mich und mein -Kindeken jingst du fort nach Amerika? - - John - -Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? Bin ick denn hier von -Jespenster umjeben? Du weeßt, det ick uf'n Bau, und wenn de Arbeeter mit -Klamotten ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, wat se -mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! Aber nu: wat is det? De Sonne -scheint! et is hellichter Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich! -Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn ick nach -jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, wat an die Jeschichte -mit det fremde Mächen hier in de Stube Wahret is. - - Frau John - -Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar nich mehr -wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ... - - John - -Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst Augen, wie wennste -jerädert bist. - - Frau John - verändert. - -Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? wo ick in mein Käfiche -sitzen muß und keen Mensch nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet -Mal hab' ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer rackern du? -warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam zusammenscharre, dein Verdienst -jut anleche und wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du. -Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? Paul, du hast mir -zujrunde jerichtet! - - Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus. - - In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke - eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder an der Mütze - und einen großen Fliederzweig in der Hand. John trommelt ans Fenster - und bemerkt ihn nicht. - - Frau John - hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins Auge - gefaßt. - -Bruno, bist du's? - - Bruno - der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise. - -Na jewiß doch, Jette. - - Frau John - -Wo kommst de denn her? Wat wiste denn? - - Bruno - -Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehste doch, det ick -bei jute Laune bin. - - John - hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche - Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er langsam zu einem - kleinen Schrank und zieht einen alten Kommißrevolver hervor, den - er ladet. Dies wird von Frau John nicht beobachtet. - -Du! -- Hör ma! -- Nu will ick dir ma wat sachen! -- Wat, wat de -vielleicht verjessen hast -- det de weiter nu keene Ausrede hast, wenn -ick det Dinges hier uf dir abdricke! -- Du Lump! Unter Menschen jeherst -du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten -Herbst, wo du mich jemals wieder uf meine Schwelle unter de Auchen -trittst -- Nu jeh! sonst kracht et! -- Hast de verstanden? - - Bruno - -Vor deine Musspritze furcht ick mir nich. - - Frau John - die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den Revolver - langsam gegen Bruno erhebt. - -Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder! - - Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen sie - gerichtet ist. - - John - sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes. - -Jut! -- (Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das Schränkchen.) -- -Hast och recht, Jette! -- Pfui Deibel, Jette, det dein Name och in de -Fresse von so 'n Schubiack is! -- Jut! -- Det Pulver wär och zu schade! --- Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter jekost! Zwee Helden! --- Nu soll et am Ende Dreck saufen. - - Bruno - -Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel ist! Und wenn du nich -jerade, det de bei meine Schwester uf Schlafstelle wärscht, denn hätt' -ick dir woll ma wat Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache -'t Loofen jekricht. - - John - gewaltsam ruhig. - -Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is. - - Frau John - -Paul, jeh man, ick wer' ihm schon wieder fortschaffen! Det weeßt de -doch, det ick et nu ma doch nich ändern kann, det Bruno von mich der -Bruder is. - - John - -Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. -- (Er ist fertig -gekleidet und schickt sich zum Gehen an. Dicht bei Bruno steht er -still.) -- Schuft! du hast deinem Vater im Jrabe jeärgert! Deine -Schwester hätte dir sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen, -statt jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf de Erde is. In -eene halbe Stunde komm ick zurück! aber nich alleene! Ick komm mit'n -Wachmeester! - - John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend. - - Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm nach, gegen - die Eingangstür. - - Bruno - -Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte. - - Frau John - -Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is! - - Bruno - -Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette. - - Frau John - verschließt und verriegelt die Flurtür. - -Wacht ma, ick schließe die Diere zu! -- Nanu, wat is? -- Wo kommste her? -Wo biste jewesen? - - Bruno - -Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa' ick 'n bißken jejen -Morchenjrauen in't Jrüne jejang. - - Frau John - -Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn nimm dir in Obacht, det de -nich in de Falle sitzt. - - Bruno - -I Jott bewahre. Ick bin ieber'n Hof, denn bei mein Freind durch'n -Knochenkeller und hernach ieber'n Oberboden rinjekomm. - - Frau John - -Na? Und wat is nu jewesen, Bruno? - - Bruno - -Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muß -abtippeln. - - Frau John - -Und wat haste nu mit det Mächen jemacht? - - Bruno - -I, et hat Rat jejeben, Jette! - - Frau John - -Wat heeßt det? - - Bruno - -Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht. - - Frau John - -Und det se nich wiederkommt is nu sicher! - - Bruno - -Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! Aber det wa keen leichtet -Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei -- -ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du mir -kochend heeß jemacht. - - Er trinkt eine Wasserflasche leer. - - Frau John - -Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen. - - Bruno - -Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt se nischt wissen. -Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig -verschleppt in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is se -jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut! - - Er trällert und tänzelt krampfhaft. - - Unser janzet Leben lang - von det eene Ristorang - in det andre Ristorang - - Frau John - -Na und denn? - - Bruno - -Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen -is! Denn ha ick wollen ihr noch 'n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf -sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen, -und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum -jeworn. Und denn hat se in'n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn -seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee drei Jungs -hinterher jewesen, nich losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht, -und in de Schublade is et ja nu och lustig zujejang. - - Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten. - - Bruno - fährt fort. - -Aber 't Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfenniche, Jette. - - Frau John - kramt nach Geld. - -Wieviel mußte haben? - - Bruno - lauscht den Glocken. - -Wat denn? - - Frau John - -Jeld! - - Bruno - -Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten -muß ieber de russische Jrenze jehn! -- Her ma, Jette, de Jlocken läuten. - - Frau John - -Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn? - - Bruno - -Nimm ma 'n nasses Handtuch, Jette, un du och 'n bißken Essig druf. Ick -weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat. - - Er drückt sein Taschentuch an die Nase. - - Frau John - holt ein Handtuch, atmet krampfhaft. - -Wer hat dir an Handjelenk so 'ne Striemen jekratzt, Bruno? - - Bruno - lauscht den Glocken. - -Heute morchen halb viere hätt' se det Jlockenläuten noch heren jekonnt. - - Frau John - -O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann ja nich -menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, Bruno! Bruno! ick -muß mir setzen, Bruno. -- (Sie tut es.) -- Det hat ja Vater noch uf'n -Sterbebette zu mich vorausjesacht. - - Bruno - -Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minnan hinjehst, denn -sache, det ick ma och uf sowat vastehe und det mit Karln und Fritzen det -Jehänsel 'n Ende hat. - - Frau John - -Bruno, wenn se dir aber festsetzen. - - Bruno - -Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn ha'm se uf Charité wieder ma -wat zum Sezieren. - - Frau John - gibt ihm Geld. - -Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno? - - Bruno - -Du bist 'ne olle vadrehte Person, Jette. -- (Er faßt sie nicht ohne -Gemütsanwandlung.) -- Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin, -aber wenn't jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette. - - Frau John - -Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det se soll nich mehr blicken -lassen? -- Det haste jesollt, Bruno. Haste det nich? - - Bruno - -De halbe Nacht hab' ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uf de Straße -jejang. Denn war 'n Herr mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht -habe, det ick von meinswechen mit die Dame 'n Hihnchen zu pflicken habe -und 'n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus -jenomm. -- Nu ha ick zu ihr jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo -jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei meine -Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jitlich in juten -vereinigt sind! und denn is se mit mich jejondelt 'n Sticksken. - - Frau John - -Na und? - - Bruno - -Na und? -- Und da wollte se nich! -- Und da fuhr se mit eemal nach meine -Jurjel, det ick denke ... wie 'n Beller, der toll jeworden is! und hat -noch Saft in de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll -alle werden! Na, und da ... da war ick nu och 'n bißken frisch -- und -denn war et -- denn war et halt so jekomm. - - Frau John - in Grauen versunken. - -Um welche Zeit war et? - - Bruno - -So 'rum zwischen vier und drei. Der Mond hat 'n jroßen Hof jehat. Uf'n -Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer rufjesprung -und anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is 'n Jewitter -niederjejang. - - Frau John - verändert, gefaßt. - -'S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser. - - Bruno - -Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich. - - Frau John - -Wo wiste denn hin? - - Bruno - -Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf'n Ricken liechen. Ick och! Ick -jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in't olle Polizeijefängnis jejenieber de -Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß is, kannste -mich Nachrich zukomm lassen. - - Frau John - -Wiste det Kindeken nochma ankieken? - - Bruno - zittert. - -Nee. - - Frau John - -Warum nich? - - Bruno - -Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! -- Wacht ma Jette: hier is -noch 'n Hufeisen! -- (Er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) -- Det ha ick -jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich. - - Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau John blickt - mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, wo er verschwunden - ist, wankt dann einige Schritte zurück, preßt die wie zum Gebet - verkrampften Hände gegen den Mund und sinkt in sich zusammen, immer - mit dem vergeblichen Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu - richten. - - Frau John - -Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det wollt ick nich! - - - - - Fünfter Akt - - - Zimmer bei Johns. Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga - und Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der Straße - herauf laute Militärmusik. - - Spitta - -Es ist niemand hier. - - Walburga - -Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John. - - Spitta - mit Walburga an das Sofa tretend. - -Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie man bei diesem Lärm -schlafen kann. -- - - Die Militärmusik ist verklungen. - - Walburga - -Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst du denn -übrigens, weshalb unten am Eingang Polizeiposten stehn und weshalb sie -uns nicht auf die Straße lassen? Ich hab' eine solche furchtbare Angst, -daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache muß. - - Spitta - -Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga. - - Walburga - -Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns anblickte und du ihn -fragtest, wer er sei und er seine Legitimationsmarke aus der Tasche -nahm, wahrhaftig, da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im -Kreise zu drehen an. - - Spitta - -Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist eben eine sogenannte -Razzia, eine Art Kesseltreiben auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie -zuweilen veranstalten muß. - - Walburga - -Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich habe Papa'ns Stimme -gehört, der laut mit jemand geredet hat. - - Spitta - -Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben. - - Walburga - die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt. - -Horch mal, die John. - - Spitta - -Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. Komm mal, sieh mal das -alte rostige Hufeisen, das sie mit beiden Händen umklammert hat. - - Walburga - horcht und erschrickt wieder. - -Papa! - - Spitta - -Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. Die Hauptsache -ist, daß man weiß, was man will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich -bin bereit. Ich ersehne die Aussprache. - - Es wird laut an die Tür geklopft. - - Spitta - fest. - -Herein! - - Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer Atem. - Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, als sie ihrer - Tochter ansichtig wird. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. -- (Walburga fliegt zitternd in -ihre Arme.) -- Mädel, wie du deine alte Mutter geängstet hast! -- - - Längeres Atmen und Stillschweigen. - - Walburga - -Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt man an eine Mutter -nicht. Besonders an eine Mutter wie mich nicht, Walburga! Hast du -Seelensnöte, so weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und Tat -dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch früher mal jung -gewesen. Aber ins Wasser springen ... ins Wasser springen und so -dergleichen, mit solchen Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch -hoffentlich recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie seht ihr -denn aus? -- auf der Stelle kommt mit mir beide nach Hause mit! -- Was -hat denn Frau John? - - Walburga - -Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! Ich bin so froh, daß du -da bist. Ich hab' plötzlich eine so lähmende Angst gehabt. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von Ihnen, Herr Spitta, -und diesem Kinde solcher verzweifelter Torheiten zu gewärtigen hat. Man -hat Mut in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, wenn alles -nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei denen man nur -- man lebt ja -nur einmal! -- zu verlieren und nichts zu gewinnen hat. - - Spitta - -O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa als Lebensmüder feige -zu endigen! außer wenn mir Walburga verweigert wird. Dann freilich ist -mein Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine Suppe hie und -da in der Volksküche essen muß, untergräbt meinen Glauben an mich und -eine bessere Zukunft nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es -muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und schweren Stunden -entschädigt. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. Es ist vielleicht -nicht so schlimm, wenn ein Student oder Kandidat in der Volksküche essen -muß. Für Walburga als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte doch für -euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher wie ein eigner Herd mit dem -nötigen Holz und der nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im -übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand für euch ausgewirkt. -Es war nicht leicht und wäre vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht -die Morgenpost seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor in -Straßburg gebracht hätte. - - Walburga - freudig. - -Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick. - - Frau John - hat sich mit einem Ruck emporgerichtet. - -Bruno! - - Frau Direktor Hassenreuter - entschuldigend. - -Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John. - - Frau John - -Is Bruno wech? - - Frau Direktor Hassenreuter - -Wer? Welcher Bruno? - - Frau John - -Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich? - - Frau Direktor Hassenreuter - -Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder. - - Frau John - -Ha ick jeschlafen? - - Spitta - -Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, Frau John. - - Frau John - -Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... ham Se jesehn, wo Jungs -in Hof Adelbertchen sein Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen, -wat? und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen ausjeteilt. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen Kindchen geträumt, -Frau John? - - Frau John - -Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau Direktor. Und denn -jing ick mit Adelbertchen, jing ick bein Standesbeamten hin. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben ist ... wie können Sie denn -... - - Frau John - -I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, denn is et jedennoch noch -in de Mutter, und wenn es meinswechen jestorben is, denn is et immer -noch in de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? Der Mond -hat'n jroßen Hof jehat! Bruno, du jehst uf schlechte Weche. - - Frau Direktor Hassenreuter - rüttelt Frau John. - -Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau John! Sie sind krank! Ihr -Mann soll mit Ihnen zum Arzte gehen. - - Frau John - -Bruno, du jehst uf schlechte Weche. -- (Die Glocken beginnen wieder zu -läuten.) -- Sind det de Jlocken? -- - - Frau Direktor Hassenreuter - -Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John. - - Frau John - erwacht völlig, starrt um sich. - -Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir denn in Schlaf nich mit de -Axt iebern Kopp jehaut? -- -- -- -- -- -- Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß -zu niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. -- - - Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen Haarnadeln. - - Der Direktor erscheint durch die Flurtür. - - Direktor Hassenreuter - stutzt beim Anblick der Seinigen. - -Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des Ibikus! -- Sagten Sie -nicht, es wohne hier ganz in der Nähe ein Spediteur, Frau John? -- (zu -Walburga.) -- Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen -Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf dein Vergnügen denkst, ist -dein Papa schon wieder drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. -- -(zu Spitta.) -- Sie würden es nicht so eilig haben, junger Mann, eine -Familie zu begründen, wenn Sie auch nur die geringste Ahnung davon -hätten, wie schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit Weib und -Kind wenigstens nicht ohne das elende und verschimmelte bißchen -täglichen Brotes dazustehn. Möge das Schicksal jeden davor bewahren, -sich eines Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert zu -finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an Brust, in unterirdischen -Löchern und Röhren, um das nackte Leben für sich und die Seinen zu -ringen. Gratuliert mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. -- (Frau -Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die Hand.) -- Alles übrige -findet sich. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir etwas zu vergeben, die -Jahre einen heroischen Kampf gekämpft. - - Direktor Hassenreuter - -Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken im Wasser beginnt. -Meine edlen Kostüme, gemacht, um die Träume der Dichter zu -veranschaulichen, in welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden -Leibern haben sie nicht, _odi profanum vulgus!_ damit nur der Groschen -Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte zugebracht. Sessa! Wenden wir -uns zu heiteren Bildern. Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon -angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in hoffentlich glücklichere -Gefilde zu bewerkstelligen. -- (plötzlich zu Spitta.) -- Und daß ihr -beide nicht etwa aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten -macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter Herr Spitta. Zur -Kompensation verspreche ich Ihnen jeder wirklich vernünftigen Äußerung -Ihrerseits gegenüber nicht taub zu sein. -- Im übrigen komme ich zu Frau -John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen niemanden auf die -Straße lassen, ferner, weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein -Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine Wimpel wieder -flattern, Gegenstand einer niederträchtigen Zeitungskampagne geworden -ist. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht. - - Direktor Hassenreuter - -Dann wollen wir also _ab ovo_ anfangen. Hier habe ich Briefe, -- (er -zeigt einen Stoß Briefschaften) -- eins, zwei, drei, fünf, zirka ein -Dutzend Stück! Darin wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu -einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf meinem Magazinboden -vor sich gegangen ist. Ich würde die Sache nicht beachten, wenn nicht -gleichzeitig diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines -Maskenverleihers, _sic!_ ... eines Maskenverleihers in der Vorstadt ein -neugeborenes Kindchen gefunden worden ist! ... Ich sage, wenn diese -Lokalnotiz mich nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich's hier um -eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht auf mir sitzen -lassen. Besonders da dieser Lümmel von einem Reporter von dem Herrn -Maskenverleiher auch noch als einem verkrachten Schmierendirektor -spricht. Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl bekommt -Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung in Straßburg durch die -Zeitungen gehn und gleichzeitig werde ich _urbi et orbi_ als -humoristischer Bissen ausgeliefert. Als ob man nicht wüßte, daß von -allen Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist. - - Frau John - -An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor? - - Direktor Hassenreuter - -Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der Witfrau Knobbe ins -Stocken gekommen ist. Man läßt sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen -Kerl von der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus. - - Frau John - -Wat wär' denn det for'n Kinderbejängnis? - - Direktor Hassenreuter - -Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, das auf eine mysteriöse -Weise von zwei fremden Weibsbildern zu mir heraufgebracht wurde und -förmlich unter meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben -ist. A propos ... - - Frau John - -Det Kind von de Knobbe is jestorben? - - Direktor Hassenreuter - -A propos, Frau John, wollt' ich sagen, Sie sollten doch eigentlich -wissen, wie die Sache mit den beiden übergeschnappten Frauenspersonen, -die sich des Kindchens bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist? - - Frau John - -Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich nich -Adelbertchen erwischt haben und det nich mein Adelbertchen mit Dot -abjejang is? - - Direktor Hassenreuter - -Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen habe ich mich schon -gefragt, ob nicht die wirren Reden des polnischen Mädchens, der -Kleiderdiebstahl auf meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro -im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz -zusammenzubringen sind. - - Frau John - -Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. Haben Se Pauln jesehn, -Herr Direkter? - - Direktor Hassenreuter - -Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, wenn ich recht gesehen habe, -im Gespräch mit dem fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des -Diebstahls auch schon mal bei mir gewesen ist. - - Maurerpolier John tritt ein. - - John - -Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm. - - Frau John - -Wat denn? - - John - -Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche von -Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als Belohnung for Denungsiation is -bekannt jejeben? - - Frau John - -Woso denn? - - John - -Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute und -Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is? - - Frau John - -Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn in Jange? - - John - -Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen von de Leidtrajenden, -wat richtig dufte Kunden sind, festjenomm! jawoll! Det is nu so weit, -Herr Direktor! Ick bin nu'n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, wo een -Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte und Mordkommission, -weil er draußen, nich weit von de Spree unter een Fliederstrauch eene -hat umjebracht. - - Direktor Hassenreuter - -Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten. - - Frau John - -Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich. - - John - -I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha neilich schonn -jesacht, wat det for'ne Sorte Bruder is. -- (Er bemerkt und nimmt einen -Fliederstrauch vom Tisch.) -- Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is -hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und -Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut. - - Er sucht den Raum ab. - - Frau John - -Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich -ma oben in Himmel. Keen Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha -ick von Hangelsberg mitjebracht, wo'n jroßer Strauch hinter'n Hause bei -deine Schwester is. - - John - -Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro -ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir -jesehn bei de Spree in de Anlachen ... - - Frau John - -Lieche! - - John - -Und och in de Laubenkolonie wo du in 'ne Laube jenächtigt hast. - - Frau John - -Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren? - - John - -Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen -Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt. - - Direktor Hassenreuter - mit Spannung. - -Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine -Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat? - - John - -Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick -so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat -Bruno Mechelke ums Leben jebracht. - - Direktor Hassenreuter - schnell. - -Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen. - - John - -Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin -ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit -so'ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln. - - Direktor Hassenreuter - -Kommt Kinder! - - John - -Warum denn? Immer bleiben Se man. - - Frau John - -De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse -schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so'n Unjlück -jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder. - - John - -Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer't wissen will von de Jasse, von Flur, -dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde -jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre -Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is. - - Direktor Hassenreuter - -Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute -tatsächlich tot, Herr John? - - John - -Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich -jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher. - - Frau John - -Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et -jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat -von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in -Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se 't holen jekomm mit de -Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee -abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det -wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens -ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat. - - Direktor Hassenreuter - -Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John. - - Frau John - -Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat'n -jeder, wie'n jeder von det Mächen jeäußert hat. - - Direktor Hassenreuter - -Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die -Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas, -was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben -doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich -... - - John - -Nich in de Hand! In so'ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. -- -(Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft -auf den Fußboden.) -- Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de -Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet -Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse -zerfressen! -- (Er wippt auf der Diele.) -- Allens schwankt! Allens kann -jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. -- (Er öffnet die Tür.) -- -Selma! Selma! -- Hier mach ick mir fort, eh' det allens een Schutthaufen -drunter und drieber zusammenbricht. - - Frau John - -Wat wißte mit Selma? - - John - -Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe -mein Kind zu meine Schwester. - - Frau John - -Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man! - - John - -Soll mein Kind in so'ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno -ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet? - - Frau John - schreit ihn an. - -Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich? - - John - -So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind -ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände -von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker -is! Selma! - - Frau John - -Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene -Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein -Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter? -Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich -jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen -hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken -Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre -schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen. - - Direktor Hassenreuter - -Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im -allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht -dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos -mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen -lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders -nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das -Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs -empfindlichste kränken muß. - - Frau John - -Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen -Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich -abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der -Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir -kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen. - - John - -Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein -ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens -abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei -deine Familie sind! Bißken Kind uf'n Arm nehmen! Bißken Kind uf'n Knie -nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ... - - Frau John - -Paul! Hier Paul! -- (Sie tritt ihm ganz nahe.) -- Reiß mir det Herz -aus'n Leibe! -- - - Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie - laut weinen hört. - - Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen - Grabkranz in der Hand. - - Selma - -Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John. - - John - -Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu -meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir'n Jroschen Jeld bei -verdienen. Nimmst mein Kindeken uf'n Arm und bejleitest mir. - - Selma - -Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John. - - John - -Woso nich? - - Selma - -Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so'ne Angst, so hat mir Mama und -Polizeileutnam anjeschrien. - - Frau John - erscheint. - -I, weshalb ham se dir anjeschrien? - - Selma - heult los. - -Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut. - - Frau John - -I, dem wer' ick nochma ... det soll der nochma versuchen. - - Selma - -Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein -Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll, -ick hätt' ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in -Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht -bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen, -Frau John. -- - - Sie flennt. - - Frau John - -Denn freu' dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause -is. - - Selma - -Ick komm vor Jericht! womeglich wer' Moabit jeschafft. - - Frau John - -Woso det? - - Selma - -Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat, -von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen. - - Direktor Hassenreuter - -Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden? - - Selma - -Jewiß. - - Direktor Hassenreuter - -Auf welchem Boden? - - Selma - -Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von -wissen? Ick kann bloß sachen ... - - Frau John - -Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast'n reenet Jewissen! Wat de -Leute quasseln, kimmert dir nich. - - Selma - -Ick will ja och nischt verraten, Frau John. - - John - packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest. - -Et wird nich jejang! et wird herjekomm! -- Wahrheet! Ick verrate nischt, -hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr -Spitta und hat det Freilein jehert! -- Wahrheet! -- Bevor ick nich weeß, -wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen -habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle! - - Frau John - -Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich. - - John - -Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt, -det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern -und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et -noch? - - Selma - -Nee, det Kind is lebendich, Herr John. - - Direktor Hassenreuter - -Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht? - - John - -Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp -kürzer jemacht. - - Selma - -Ick sach't ja: det Kindeken is lebendich. - - Direktor Hassenreuter - -Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht? - - John - -Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? -- (Frau -John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau -John.) -- Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person -beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de -Knobbe unterjeschoben. - - Walburga - sehr bleich, mit Überwindung. - -Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich -dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich -will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und -nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau -John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn. - - Direktor Hassenreuter - -Du, Walburga? - - Walburga - -Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit -Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich -blieb versteckt, zu dir gekommen ist. - - Direktor Hassenreuter - -Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern. - - Frau Direktor Hassenreuter - zum Direktor. - -Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose -Nächte gehabt. - - Direktor Hassenreuter - -Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs -Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ... -wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so -lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz -rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist. - - John - -Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich -jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person -suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du -dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit -von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne -vergriffen hast. - - Frau John - lacht. - -Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul. - - John - -Hier redet keener von Adelbertchen -- (zu Selma) -- Ick dreh dir den -Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen --- uf de Stelle! -- jeblieben is. - - Selma - -Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John. - - John - -Wo is et, Jette? - - Frau John - -Det sach ick nich. -- - - Das Kind beginnt zu schreien. - - John - zu Selma. - -Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste -dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden. - - Selma - in höchster Angst, unwillkürlich. - -Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John. - - John - -Ick? -- - - Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn - durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt - zu begreifen und gerät ins Wanken. - - Frau John - -Laß dir von so'ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is -allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt! -Paul, wat dust du mir denn so ankieken? - - Selma - -Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter -John. Dann wer' ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz -jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei -Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören! -det will ick beeidigen! - - Frau John - -Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is? - - Selma - -Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John. - - Frau John - umklammert Johns Knie. - -Det is ja nich wahr. - - John - -Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette. - - Frau John - -Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber -betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn -warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick, -et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ... - - John - unheimlich ruhig. - -Laß mir man iberlechen, Jette. -- (Er geht an eine Kommode, zieht -einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und -Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) -- -Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage -und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat? - - Frau John - sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf - und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst. - -Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von -nackten Leibe! - - John - hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl. - -Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. -- - - Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und - verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein. - - Direktor Hassenreuter - -Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des -Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das -allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter -tun. - - John - steht auf. - -Nehm Se mir man mit, Herr Direkter. - - Frau John - -Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich! - - John - wendet sich, kalt. - -Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben -jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen? - - Frau John - -Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei -jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an't Messer zu liefern! Jeh Paul! du -bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie -Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer -zu doch! Nu seh' ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun -Jüngsten Dache. - - Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann - Schierke und Quaquaro. - - Schierke - -Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich. - - John - -Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is -allens in Ordnung! Allens is richtich. - - Quaquaro - -Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich. - - John - mit aufsteigendem Jähzorn. - -Hast du jelacht, Emil? - - Quaquaro - -I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in't -Waisenhaus wechschaffen. - - Schierke - -Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind? - - John - -Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit -olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf -Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen. - - Frau John - -Paul!! -- Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et -nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm. - - Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt - mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor - und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht, - das Kind zu retten. - - Direktor Hassenreuter - -Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier -auch immer gehören mag -- um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet -ist! -- es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie, -Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So! -Bravo! Als wär' es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau -John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier -lassen. - - Frau John stürzt hinaus. - - Schierke - -Hier jeblieben! - - Frau Direktor Hassenreuter - -Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten! - - John - plötzlich verändert. - -Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -- Mutter! Mutter! - - Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor, - Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den - Tisch gebettet wird. - - Direktor Hassenreuter - der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet. - -Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb -braucht sie das Kind nicht zugrunde richten. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe, -närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat. -Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den -Tod treiben. - - Direktor Hassenreuter - -Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama. - - Spitta - -Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine -Mutter verloren. - - Quaquaro - -Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de -Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war -liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von's -Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde. - - Direktor Hassenreuter - -Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders -beschlossen ist. - - Quaquaro - -Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn' ick! wo der -uf'n Ehrenpunkt kitzlich is. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen -sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das -Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt -verlassenen Waise geworden ist. - - Spitta - -Wäre ich Richter in Israel ... - - Direktor Hassenreuter - -Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag sein, daß in diesen -verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches heroisch und manches -verborgen Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück konnte -da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn auch nicht durchkommen. Treiben wir -praktisches Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens -annehmen. - - Quaquaro - -Lassen Se da bloß de Finger von! - - Direktor Hassenreuter - -Warum? - - Quaquaro - -Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de Quengeleien und -Scherereien mit de Armenverwaltung, mit Polizei und Jericht womechlich -happich sind. - - Direktor Hassenreuter - -Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig. - - Spitta - -Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches Verhängnis wirksam -gewesen ist? - - Direktor Hassenreuter - -Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe Ihnen das stets -gesagt. - - Selma, atemlos, öffnet die Flurtür. - - Selma - -Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma? - - Selma - -Herr John. Se solln uf de Straße kommn. - - Direktor Hassenreuter - -Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt's denn, Selma? - - Selma - atemlos. - -Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht voll ... Omnibus, -Pferdebahnwagen is jar keen Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre -Frau liecht lang uf Jesichte unten. - - Frau Direktor Hassenreuter - -Was ist denn geschehen? - - Selma - -Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht. - - - Ende. - - - - - Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bänden - - - 1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang / Die Weber / - Der Biberpelz / Der rote Hahn. - - 2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann Henschel / Rose Bernd / - Bahnwärter Thiel / Der Apostel. - - 3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / Einsame Menschen / - Kollege Crampton / Michael Kramer. - - 4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt / Die versunkene Glocke - / Der arme Heinrich. - - 5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer. - - 6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches: Elga / Schluck und Jau / - Und Pippa tanzt / Helios / Das Hirtenlied. - - In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig - gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis geheftet 24 - Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament - gebunden 36 Mark. - - - - - Gerhart Hauptmanns Werke in Einzelausgaben - - - Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage. - Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage. - Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage. - De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage. - Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage. - Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage. - Bahnwärter Thiel -- Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage. - Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage. - Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage. - Florian Geyer. 9. Auflage. - Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage. - Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl. - Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl. - Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage. - Michael Kramer. Drama. 10. Auflage. - Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage. - Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage. - Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage. - Elga. 7. Auflage. - Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage. - Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage. - Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage. - Griselda. 6. Auflage. - Griechischer Frühling. 7. Auflage. - Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl. - - - Druck der Spamerschen - Buchdruckerei in Leipzig - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 110]: - ... skurile Menscheitsintermezzo noch überleben. ... - ... skurile Menschheitsintermezzo noch überleben. ... - - [S. 154]: - ... würgt Tränen hinuter. Muß sich setzen. ... - ... würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN *** - -***** This file should be named 52952-8.txt or 52952-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/9/5/52952/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Ratten - Berliner Tragikomödie - -Author: Gerhart Hauptmann - -Release Date: September 1, 2016 [EBook #52952] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<div class="centerpic logo" id="img-logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -Die<br /> -Ratten -</h1> - -<p class="subt"> -Berliner Tragikomödie -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">Gerhart Hauptmann</span> -</p> - -<div class="centerpic" id="img-title"> -<img src="images/title.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">S. Fischer / Verlag</span><br /> -<span class="line2">Berlin</span><br /> -<span class="line3">1911</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="run"> -Siebente Auflage. -</p> - -<p class="cop"> -Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> -Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.<br /> -Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Personen: -</h2> - -<p class="first dpers"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">arro</span> Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor<br /> -Seine Frau<br /> -Walburga, seine Tochter<br /> -Pastor Spitta<br /> -Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn<br /> -Alice Rütterbusch, Schauspielerin<br /> -Nathanael Jettel, Hofschauspieler<br /> -Käferstein, Schüler Hassenreuters<br /> -<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel, Schüler Hassenreuters<br /> -John, Maurerpolier<br /> -Frau John<br /> -Bruno Mechelke, ihr Bruder<br /> -Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen<br /> -Frau Sidonie Knobbe<br /> -Selma, ihre Tochter<br /> -Quaquaro, Hausmeister<br /> -Frau Kielbacke<br /> -Schutzmann Schierke<br /> -Zwei Säuglinge -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Erster Akt -</h2> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Dachgeschoß einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu -Berlin. Ein fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer -brennenden Lampe erhält, die von der Mitte der Decke -über einen runden Tisch herunterhängt. In die Hinterwand -mündet ein gerader Gang, der den Raum mit der Entreetür -verbindet: einer eisenbeschlagenen Tür mit einer primitiven -Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen durch -einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand -links schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts -führt eine Treppe auf den Dachboden. -</p> - -<p class="d1"> -Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten, -hat der <em>Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter</em> -seinen Theaterfundus untergebracht. -</p> - -<p class="d1"> -Man kann, bei dem ungewissen Licht, in Zweifel sein, -ob man sich in der Rüstkammer eines alten Schlosses, in -einem Antiquitätenmagazin oder bei einem Maskenverleiher -befindet. -</p> - -<p class="d1"> -Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme -und Brustharnische Pappenheimscher Kürassiere aufgestellt, -ebenso in je einer Reihe an der rechten und linken Wand -des vorderen Raums. Die Dachbodentreppe steht zwischen -zwei Geharnischten. Die Decke darüber schließt die übliche -Bodenklappe ab. -</p> - -<p class="d1"> -Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte, -Federn, alte Geschäftsbücher und ein Kontorbock, sowie -einige Stühle mit hohen Lehnen um den runden Mitteltisch -lassen erkennen, daß der Raum zu Bureauzwecken -dienen muß. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch und -einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien -zeigen Direktor Hassenreuter als Karl Moor, sowie -in verschiedenen anderen Rollen. -</p> - -<p class="d1"> -Einer der Pappenheimschen Kürassiere trägt einen ungeheuren -Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Schleife, deren Enden in goldenen Lettern die Worte -tragen: „Unserem genialen Direktor Hassenreuter! Die dankbaren -Mitglieder.“ Eine Serie mächtiger, roter Schleifen -trägt nur die Aufschrift: „Dem genialen Karl Moor ... -Dem unvergleichlichen, unvergeßlichen Karl Moor ... -usw. usw. -</p> - -<p class="d1"> -Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt. -Wo irgend angängig, hängen an Kleiderhaken -deutsche, spanische und englische Kostümstücke aus verschiedenen -Jahrhunderten. Man sieht schwedische Reiterstiefel, -spanische Degen und deutsche Flamberge. -</p> - -<p class="d1"> -Die Tür links hat die Aufschrift: „Bibliothek.“ -</p> - -<p class="d1"> -Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte -Scharteken und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher. -</p> - -<p class="d1"> -Es ist eines Sonntags, Ende Mai. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rau</span> John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das -blutjunge Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch. -Die John, den Oberkörper weit über den Tisch gelehnt, -redet lebhaft auf das Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka, -dienstmädchenhaft aufgedonnert, mit Jackett, Hut -und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches, rundes Lärvchen -ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht vollendeter -Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der -Diele. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na ja doch! Freilich! Ick sag’t ja, Pauline. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. -Muß jehn un muß nachsehn, ob ick ihm treffe! — -</p> - -<p class="d"> -Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">verhindert die Piperkarcka am Aufstehen.</span> -</p> - -<p> -Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich, -um keenen Preis von de Welt. Det macht Skandal, -kost Jeld und bringt nischt. Wat woll’n Se woll, -und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten -Halunken noch weiter nachlofen!? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst -verjeblich auf mir. Ick spring im Landwehrkanal und -versaufe. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? -Jeben Se Obacht, heren Se jetzt bloß um Jotteswillen -’n janz’n eenziges ... bloß ma ’n janzen kleenen Ochenblick -uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn -vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch -bei de Normaluhr, wo ick an Alexanderplatz aus de -Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und hab et Ihn -uf’n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab -ick Ihn uf’n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er -will nischt von wissen! — Det jeht hier vielen, det jeht -hier allen, det jeht hier vielen Millionen Mächens so! -Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick jesacht? komm, -hab ick jesacht, ick will dir helfen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken -lassen, wie ick verändert bin. Mutter schreit doch auf’s -ersten Blick! Vater haut mir Kopf an die Wand und -schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och -weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, -was ick mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich, -schlechter Mensch nich Mark nich Pfennig übrig gelassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: -wenn Se bloß wollten Obacht jebn ... jebn Se doch -um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for Vorschläge -unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen. -Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen -och mir. Außerden is Pauln, wat mein Mann is, -jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil -det uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an -de Bräune jestorben is. Ihr Kind hat et jut wie’n -eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz wieder -ufsuchen, kenn wieder in’n Dienst, kenn wieder bei -Ihre Eltern jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch -uf die janze Welt nich braucht wat von wissen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! — (<span class="d">sie -steht auf.</span>) — Ick schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein -Jackett zurück: du hast mit deine verfluchte Schlechtigkeit -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -deine Pauline im Wasser jetrieben! dann setze -vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher -zu. Denn soll er sehn, wie er mit sein Mord -auf Jewissen man meinswegen fertig wird. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Warten Se, Freilein, ick muß erst ufschließen. -</p> - -<p class="d"> -Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka hinausbegleiten. -</p> - -<p class="d"> -Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno -Mechelke langsam forschend aus der Tür links und bleibt -stehen. Bruno Mechelke ist eher klein, als groß, hat einen -kurzen Stiernacken und athletische Schultern. Niedrige, -weichende Stirn, bürstenförmiges Haar, kleiner runder -Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und vernarbtem -linken Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen -Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände -hängen an langen, muskulösen Armen. Die Pupillen seiner -Augen sind schwarz, klein und stechend. Er bastelt an einer -Mausefalle herum. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">pfeift seiner Schwester wie einem Hunde.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">scheinbar in die Falle vertieft.</span> -</p> - -<p> -Ick denke, ick soll hier Fallen ufstellen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Haste dem Speck denn rinjemacht? — (<span class="d">zur Piperkarcka</span>) -— ’T is bloß mein Bruder. Erschrecken sich -nicht, Freilein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Ick ha heute dem Kaisa Wilhem jesehn, Jette. Ick -war mit de Wachparade jejang. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll -gebannt ist.</span> -</p> - -<p> -Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. — (<span class="d">zu -Bruno</span>) — Junge, wie siehst du bloß wieder aus? Det -Freilein muß sich ja von dich Angst kriejen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">wie vorher. Ohne aufzublicken.</span> -</p> - -<p> -Schuberle buberle, ick bin ’n Jespenst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Mach uf’n Boden und stell deine Mausefallen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">wie vorher. Tritt langsam an den Tisch.</span> -</p> - -<p> -Jawoll, det is och man wieder so’n Jeschäft zum -Vahungern. Wenn ick mit Streichhölzer handeln du, -denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Atje, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">wütend auf den Bruder los.</span> -</p> - -<p> -Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">geduckt.</span> -</p> - -<p> -Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn. -</p> - -<p class="d"> -Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer -zurück, dessen Tür Frau John resolut hinter ihm schließt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Den mecht ick Tierjarten Jrunewald nich bejejnen. -Bei Nacht nich und nich ma bei Dage nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter -een hinter is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder -sprechen wollen, lieber Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, -Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag -un Nacht jroßjebracht. Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal -besser. Also Pauline, wenn et jeboren is, nehm -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern, -wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch -mich zurückhält nach Rüdersdorf jeh und Lichter uf -beede Jräber ansteche: det kleene Wurm soll et madich -jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene -jeborene Prinzessin haben tut. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol -— trefft wen trefft! — un jießen dem Weibsbild, wo -mit ihm jeht — trefft wen trefft! ... mitten in Jesicht! -trefft wen trefft! brennt ihm janze verfluchte -hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart -kaput! Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres -Frauenzimmer jeht. Trefft wen trefft! Hat mir betrogen! -zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat -mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, -verlassen, belogen, betrogen, in Elend jestoßen! -Trefft wen trefft! Soll blind sein! Nase soll wegjefressen -sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde sein! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von -Stund an, wo det kleene Wurm erstma uf de Welt -is ... von den Augenblick an! ... det soll et haben, als -wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren -wär. Bloß jutes Zutrauen! und, det Se „ja“ -sachen! — Ick habe mir allens ausjedacht. Et jeht zu -machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn! Und -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -weder ’n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt -wat von. — Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig -Mark, wat ick mir von det Reinmachen -hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, ausjezahlt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wer redet denn von verkofen, Pauline? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag -for Himmelsangst ausjestanden. Bräutijam steßt mir -fort! Mietsfrau steßt mir fort. Schlafbodenstelle is -mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so verachtet -und von die Leute verflucht un ausstoßen muß? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern -Herrn Christus Heiland noch immer ieber is. -</p> - -<p class="d"> -Ohne bemerkt zu werden ist, bastelnd wie vorher, Bruno -geräuschlos wiederum in die Tür getreten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei.</span> -</p> - -<p> -Lampen! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">geht heftig auf Bruno los.</span> -</p> - -<p> -Willst du woll jehn wo de hinjeherst! Ick ha dir -jesacht, ick wer’ dir rufen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Na Jette, ick ha doch bloß Lampen jesacht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Biste verrickt? Wat heest denn det: Lampen? — -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Na, klinkt et denn nich an de Einjangstir? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff -ist, davon zu gehen.</span> -</p> - -<p> -Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch ’n Ogenblick. -</p> - -<p class="d"> -Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">leise, angstvoll, zu Bruno.</span> -</p> - -<p> -Ick her nischt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da -man bessare Lauscha an. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det wär in det janze Vierteljahr det erstema, det -der Direkter kommt, wenn Sonntag is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen -jleich angaschieren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">heftig.</span> -</p> - -<p> -Quatsch nich! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">grinsend zur Piperkarcka.</span> -</p> - -<p> -Jlobens et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann ’n -dummen Aujust sein Esel dreimal rum die Manesche -jebracht. Det mach ick allens! Ick wer’ mir woll -furchten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst -jetzt zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt.</span> -</p> - -<p> -Josef Maria, wo bin ick denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wer kann denn det sind? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Da Direkta nich, Jette. Det is eha ’ne Tülle, wo -elejante Trittlinge hat. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut, -hier uf ’n Oberboden. ’S kommt eener, kann sind, -der bloß wat wissen will. -</p> - -<p class="d"> -In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte. -Sie klettert über die Treppe auf den Oberboden, -dessen Klappe geöffnet ist. Frau John hat sich so gestellt, -daß im Notfalle die Piperkarcka gegen die Entreetür gedeckt -ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau John und Bruno -bleiben allein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det jeht dir nischt an, verstehste mich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so -ängstlich ’ne Wand machen dust. Sonst is et mich doch -wahaftig Pomade. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det soll dir och immer Pomade sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Lump, weest du woll, wat du mir schuldig bist? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">pomadig.</span> -</p> - -<p> -Wat regste dir denn uf? Wo stoß ick dir denn? Wat -wiste? Ick muß jetzt zu meine Braut. Mir schläfert. -Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in Tierjarten -platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. — -(<span class="d">Er kehrt seine Hosentaschen um.</span>) — Foljedessen muß ick -jehn ’n Stück Brod verdienen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Hier jeblieben! — und nich von de Stelle! — oder -du krist und wenn det de jaulst wie ’n kleener Hund, -kriste nimmermehr wenn’t bloß ’n Pfennich is, krist de -von mich! Bruno, du jehst uf schlechte Weche. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Ick wer’ woll immer jejen de janze Welt ... noch -wat! ... wer’ ick der Potsdammer sind. Soll ick etwa -nich jehn, wo ick scheen bei Hulda’n zu leben kriege? — -(<span class="d">Er zieht eine schmutzige Brieftasche.</span>) — Nich ma ’n -dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje -drin. Wat wiste von mich, un denn laß mir abschrenken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze? -Du bist zu nischt weiter nitze, als det eene Schwester, -wo nich richtig in Koppe is, mit so’n Lump un Tagedieb -Mitleid hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn -mit fünf, sechs Jahre alt schlechte Dinge jetrieben hast, -det mit dir in Leben keen Staat weiter nich zu machen -is un det ick dir sollte lofen lassen. Un mein Mann, -wo richtig un orntlich is ... vor so’n juten Mann: du -darfst dir nich blicken lassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Jewiß doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so -eenfach schiebt sich det nu eemal nu eben nich. Wat -wiste? Ick weeß, ick bin mit ’n Ast uf’n Puckel, wenn -det’n och det’n keener sieht, un nich in Zangzuzih uf de -Welt jekomm. Ick muß sehn un mir mit mein Ast mang -mang helfen. Na jut so! wat wiste? von wechen de -Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß wat mit -die Dohle vertussen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">die Faust drohend unter Brunos Nase.</span> -</p> - -<p> -Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn -mach ick dir kalt. Denn bist du ’ne Leiche! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. — (<span class="d">Er -steigt die Treppe hinauf.</span>) — Womeglich komm ick, mir -nischt dir nischt, noch ma in Schokoladenkasten rin. — -</p> - -<p class="d"> -Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht -eilig die Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -geht in die Bibliothek, schließt aber die Tür hinter sich -nicht ganz. -</p> - -<p class="d"> -Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels, -der darin umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein -leichter Schritt kommt nun den Gang herauf. Vorübergehend -war der Berliner Straßenlärm, auch Kindergeschrei -aus den Hausfluren vernehmlich geworben. Leierkastenmusik -vom Hof herauf. -</p> - -<p class="d"> -Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter. -Das Mädchen ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch -und unschuldig aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">stutzt, horcht, sagt dann ängstlich.</span> -</p> - -<p> -Papa! — Ist schon jemand hier oben? — Papa! -Papa! — (<span class="d">Sie horcht lange gespannt und sagt dann</span>): -— Es riecht ja hier so nach Petroleum! — (<span class="d">Sie findet -Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken -und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.</span>) -— Au! — Donnerwetter, wer ist denn hier? — -</p> - -<p class="d"> -Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen. -</p> - -<p class="d"> -Frau John erscheint wieder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm -machen! Sein Se man friedlich! Det bin ja bloß ick. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck -bekommen, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit -an Sonntag hier? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">Hand auf dem Herzen.</span> -</p> - -<p> -Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat hat’s denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt -Se denn? Sie missen det doch von Ihren Herrn Vater -wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier oben mang -die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub abbürsten -und Motten auskloppen. In drei, vier Wochen, -wenn ick jlicklich mit die zwölf- oder achtzehnhundert -Theaterlumpen eemal ’rum bin und fertig bin, fängt -et doch immer wieder von frischen an. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich hab’ mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder -noch ganz heiß anfaßte, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt un ick hab se -vor eene halbe Minute ausjepustet. — (<span class="d">Sie hebt den -Zylinder ab.</span>) — Mir brennt et nich! Ick hab harte -Hände! — (<span class="d">Sie zündet das Docht auf.</span>) — Na, nu wird -Licht! Nu hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu -Jefährliches los? Ick sehe nischt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wie soll ick aussehn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins -Finstere kommt ... in diese muffigen Kammern hinein, -da ist man wie von Gespenstern umgeben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? — -Sind Se alleene oder is noch jemand? — Kommt am -Ende Papa noch nach? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz -nach Potsdam hinaus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Und wat suchen denn also Sie nu woll hier? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm. -In Papa’n seine Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne -nich. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber -’raus an die Sonne gehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man -alle Tache meine paar Pfund Staub und Dreck uf de -Lunge krieje. — Jeh man, Kindken, ick muß an de -Arbeet! — mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstob -und Mottenpulver. — -</p> - -<p class="d"> -Sie hustet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">ängstlich.</span> -</p> - -<p> -Sie brauchen Papa nicht sagen, daß ich hier oben -gewesen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick? Ick habe woll sonst nischt besseret zu tun. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">scheinbar leichthin.</span> -</p> - -<p> -Und sollte Herr Spitta nach mir fragen ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wer? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde -gibt ... -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na, und? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, daß ich -hier gewesen aber gleich wieder gegangen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papa’n nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">unwillkürlich.</span> -</p> - -<p> -Um Gottes willen nicht, liebste Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht. -Manch eene hat ausjesehn, wie du, und is aus die -Jejend jekomm wie du, wo nachher in de Drajonerstraße -in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter -schwedsche Jardinen zujrunde jejangen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau -John, oder glauben wollen, daß in meiner Beziehung zu -Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder Ungehöriges ist? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">in höchstem Schreck.</span> -</p> - -<p> -Mund zu! — Et hat jemand dem Schlüssel im Schloß -jestochen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Auslöschen! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">bläst schnell die Lampe aus.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Papa! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -— Freilein, ruf uf’n Oberboden. -</p> - -<p class="d"> -Sie und Walburga verschwinden über die Treppe durch den -Bodenverschlag, der verschlossen wird. -</p> - -<p class="d"> -Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler -Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür -im Gange. Der Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig -Jahre alt. Er pflegt große Schritte zu nehmen und bekundet -ein lebhaftes Temperament. Sein Gesichtsschnitt -ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein Betragen -ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt -einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten -gerückt und übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger -geöffnete Paletot enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte -Brust. — Hofschauspieler Jettel trägt unter dem leichtesten -Sommerüberzieher einen weißen Flanellanzug. Er hat -einen Strohhut nebst elegantem Stock in der linken Hand, -gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls glattrasiert -und über die fünfzig alt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">ruft.</span> -</p> - -<p> -John! — Frau John! — Ja, das sind nun hier -meine Katakomben, lieber Jettel! <span class="antiqua">Sic transit gloria -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -mundi!</span> Hier hab ich nun alles, <span class="antiqua">mutatis mutandis</span>, -untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit -übrig geblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen -und Lumpen! — John! John! Sie ist hier gewesen, -denn der Lampenzylinder ist heiß! — (<span class="d">Er zündet mit -einem Streichholz die Lampe an.</span>) — <span class="antiqua">Fiat lux pereat -mundus!</span> So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten- -und Flohparadies bei Lichte besehen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span> -</p> - -<p> -Haben Sie also meine Karte bekommen, bester -Direktor? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Frau John! — Ich werde mal sehn, ob sie auf dem -Boden ist. — (<span class="d">Er steigt sehr gewandt die Treppe hinauf -und rüttelt an der Bodenklappe.</span>) — Verschlossen! Den -Schlüssel hat die Kanaille natürlich am Schürzenband. -— (<span class="d">Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.</span>) -— John! John! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span><br /> -<span class="d">etwas ungeduldig.</span> -</p> - -<p> -Direktor, geht es nicht ohne die John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was? Glauben Sie, daß ich Ihnen den miserablen -Lappen, den Sie gerade da für Ihr Gastspiel brauchen, -aus meinen dreihundert Kisten und Kasten, ohne die -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so wie ich -vom Prinzen komme, selber heraussuchen kann. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span> -</p> - -<p> -Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine -Gastreisen nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! meinethalben! -Mich stört das nicht! Nur vergessen Sie nicht, -wer vor Ihnen steht. Deshalb, wenn der Hofschauspieler -Jettel — na wenn schon! — gnädigst zu pfeifen -geruhen, springt der Direktor Harro Hassenreuter noch -lange nicht. <span class="antiqua">Sapristi!</span> wenn irgendein Komödiant -einen schäbigen Turban oder zwei alte Transtiefel -braucht, muß sich ein <span class="antiqua">pater familias</span>, ein Familienvater -den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen -abknapsen? Soll womöglich wie ’n Tackel auf allen -Vieren in alle Bodenwinkel hinein? Nein, Freundchen, -da müßt Ihr Euch andere aussuchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span><br /> -<span class="d">sehr ruhig.</span> -</p> - -<p> -Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen -in Gottes Namen auf die Krawatte getreten hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde -die Beine unterm Tisch eines Prinzen gehabt: <span class="antiqua">post -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -hoc, ergo propter hoc!</span> — Ich setze mich Ihretwegen -in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte -Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht -zu würdigen wissen: scheren Sie sich! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span> -</p> - -<p> -Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie -haben mich eine volle geschlagene Stunde in dieser -entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem lieblichen Korridore -unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich -habe gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf -gemacht! und jetzt sind Sie geschmackvoll genug, mich -als eine Art Spucknapf zu betrachten ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mein Junge ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Nathanael Jettel</span> -</p> - -<p> -In’s Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache -ich Sie zu meinem Hanswurst und lasse Sie für sechs -Groschen Purzelbaum schießen! -</p> - -<p class="d"> -Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit -hinter Jettel her:</span> -</p> - -<p> -Machen Sie sich nicht lächerlich! — Und übrigens -bin ich kein Maskenverleiher. -</p> - -<p class="d"> -Man hört die Flurtür ins Schloß knallen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">zieht die Uhr.</span> -</p> - -<p> -— Rindvieh verdammtes! — Schafskopf verfluchter! -— Ein Segen, daß das Rindvieh, verdammte, gegangen -ist! -</p> - -<p class="d"> -Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und -lauscht. Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, -blickt in den Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel -enthält, und kämmt sich sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch -und öffnet einige von den Briefschaften, die dort gehäuft -liegen. Dazu singt er trällernd: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza d"> - <p class="verse">„O Straßburg, o Straßburg,</p> - <p class="verse">du wunderschöne Stadt.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="d"> -Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle -über seinem Kopf. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es -drauf ankommt, pünktlich sind! -</p> - -<p class="d"> -Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend. -Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald -von glöckchenartigem Lachen einer weiblichen akkompagniert. -Sehr bald erscheint der Direktor wieder, von einer eleganten -jungen Dame begleitet, Alice Rütterbusch. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine -Alice! Komm mal ans Licht! Ich muß doch sehen, -ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante, tolle Alice -aus den besten Tagen meiner reichsländischen Direktionsperiode -bist!? Mädel, ich hab’ dich ja gehen gelehrt! -ich hab deine ersten Schritte gegängelt ... das -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Sprechen! Du sagtest ja immer Cheef statt Chef! -Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Schaun’s Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar -bin? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">nimmt ihr den Schleier ab.</span> -</p> - -<p> -Mädel, du bist ja noch jünger geworden! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span><br /> -<span class="d">hochrot, beglückt.</span> -</p> - -<p> -Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer -behaupten wollt, daß du dich zum Nachteil verändert -hast. Aber weißt, arg finster hast’s bei dir oben und -a bissel — Harro, wenns d’ mechst a Fenster aufmachen! -— so a bissel a schwere Luft. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Pillycock saß auf Pillycocks Berg! -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Doch Mäus’ und Ratten und solch Getier</p> - <p class="verse">Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Im Ernst, ich hab’ finstere und schwere Zeiten durchgemacht! -Du wirst ja schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts -geschrieben habe, liebe Alice, davon unterrichtet sein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, -daß d’ mir auf alle die sauberen und langen Brief kein -Wörtel geantwort’ hast. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, -wenn man genug mit sich selber zu tun hat und in -keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! <span class="antiqua">E nihilo -nihil fit!</span> Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts -werden! Motten und Staub! Staub und Motten! -ha ha ha! Das ist alles, was ich von meiner deutschen -Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz -abgetreten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -„O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.“ -Nein, meine Kleine, ich habe den Fundus nicht in -Straßburg gelassen! Dieser ehemalige Kellner, Kneipwirt -und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der -mein Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser <span class="antiqua">bête -imbécil</span>, wollte den Fundus nicht! — Sessa, den Fundus -hab’ ich nicht dort gelassen: dafür aber vierzigtausend -Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen -aus meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark -zugebrachtes Vermögen meiner braven Frau. Sessa! — -Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war ein Glück -für mich. — Da! — Ha ha ha! Diese Kerle hier ... — -(<span class="d">er berührt einige der Geharnischten</span>) — du kennst sie -doch? ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -I kenn’ doch meine Pappenheimer. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was -drum und dran baumelt, haben den alten Lumpensammler -und Maskenverleiher Harro Eberhard Hassenreuter -nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser -gehalten! — Aber reden wir lieber von heiteren -Dingen: ich habe mit Vergnügen aus der Zeitung -ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin engagiert -werden wirst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, -und das mußt mir versprechen, wanns du wieder eine -Direktion ibernehmen tust ... das versprichst mir, daß -i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! — (<span class="d">Der -Direktor bricht in Lachen aus.</span>) — I hab mi drei Jahre -lang gnua auf die Provinzschmieren rumgeärgert. -Berlin mag i net! und a Hoftheater schon lang net. -Jessas die Leit! das Komödiespielen! — Weißt, i -g’hör zum Fundus, i hab immer bloß daher g’hört! — -</p> - -<p class="d"> -Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer. -</p> - -<p class="d"> -Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen -einander mit einigen lange anhaltenden Küssen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Therese geht’s gut, außer daß sie trotz Kummer und -Sorgen von Tag zu Tag dicker wird. — Mädel, Mädel, -wie du duftest! — (<span class="d">Er drückt sie an sich.</span>) — Weißt -du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sakra! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen -hoch, unter an muffigen Dach, mit dir a Rendezvous -geben, wann ich net wißt, daß das für uns zwei, ans -wie’s andere, gefährlich is. Ibrigens hab’ i ja, Gott -sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann -i schon amal auf Schleichwegen geh, auf der Treppen -den Nathanael Jettel troffen, bin dem Herrn Hofschauspieler -bei ei’m Haar direkt in die Arme g’rannt. Wird -schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di -b’sucht hab. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch -behauptet, ha ha ha, ich hätte ihn ganz ausdrücklich für -heut nachmittag herbestellt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche -Gestalt, der i auf die sechs Treppenabsätz begegnet bin, -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -und was mir die lieben kleinen Kinderln, die auf die -Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is dermaßen -unparlamentarisch, das is von solche Kröten, -noch net drei Käs’ hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit, -die mir noch vorkommen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">lacht, wird dann ernst.</span> -</p> - -<p> -Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier -in diesem alten Kasten mit schmutzigen Unterröcken die -Treppe fegt und überhaupt schleicht, kriecht, ächzt, -seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt, hämmert, hobelt, -stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle Gewerbe -treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, -Zither klimpert, Harmonika spielt — was hier an Not, -Hunger, Elend existiert und an lasterhaftem Lebenswandel -geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu -schreiben. Und dein alter Direktor, <span class="antiqua">last not least</span>, -rennt, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, -wie der Berliner sagt, immer mitten mang mit. Ha -ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig gegangen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof -Zoologischer Garten zusteuer, troffen hab? Den -alten guten Fürst Statthalter hab i troffen. Und -sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten -lang neben ihm hergschwenkt und hab ihn -in an langen Diskurs verwickelt und, auf Ehre, -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich -g’schegn. Auf’n Reitweg is plötzlich Majestät mit -großer Suite vorübergritten. I denk, i versink! Und -hat übers ganze Gesicht gelacht und Durchlaucht so -mit dem Finger gedroht. Aber g’freit hab i mi, -das kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d’Hauptsach. -Jetzt paß auf. — Ob i mi freun tät, hat mi Durchlaucht -plötzli g’fragt, und ob i wieder nach Straßburg -mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater -tät wieder übernehmen. Na weißt: beinah hab i an -Sprung getan! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da.</span> -</p> - -<p> -Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die -kleine Durchlaucht vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! -Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir haben ein exquisites -kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht -draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich -vielleicht eine Wendung zum Guten im miserablen -Geschicke deines Freundes vorbereitet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span> -</p> - -<p> -Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst -du ja aus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster -Orden noch nicht!? Klärchen und Egmont! Hier magst -du dich satt trinken! — -</p> - -<p class="d"> -Neue Umarmung. -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -<span class="antiqua">Carpe diem!</span> genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, -steht allerdings auf dem jetzigen Repertoire deines -alten Direktors, Erweckers und Freundes nicht! — -(<span class="d">Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche -Wein.</span>) — Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von -Pappe! — (<span class="d">Er zieht den Korken. Die Türschelle geht.</span>) — -Was? — Pst! — Wer hat denn die ungeheure Dreistigkeit, -am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? — (<span class="d">Es -klingelt stärker.</span>) — Kleine, zieh dich doch mal in die -Bibliothek zurück. — (<span class="d">Alice eilt in die Bibliothek ab. Es -klingelt wieder.</span>) — Donnerwetter noch mal, der Kerl -ist ja irrsinnig. — (<span class="d">Er eilt nach der Tür.</span>) — Gedulden -Sie sich oder scheren Sie sich! — (<span class="d">Man hört ihn die Tür -öffnen.</span>) — Wer? Wie? „Ich bin’s, Fräulein Walburga?“ -Was? Fräulein Walburga bin ich nicht. Ich -bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater! Ach, Sie -sind’s, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der -Vater! Ich bin der Vater! Was wünschen Sie denn? -</p> - -<p class="d"> -Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von -Erich Spitta, einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, -der Brille und Zwicker trägt und übrigens scharfe -und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta gilt als Kandidat -der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er hält sich -nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die Studierstube -und mangelhafte Ernährung anzumerken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem -Speicher Privatstunde geben? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte -wirklich, ich hätte Fräulein Walburga unten durch das -Portal in’s Haus eilen sehen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine -Tochter Walburga ist augenblicklich mit ihrer Mutter -in der englischen Kirche, ich glaube, zu einem liturgischen -Gottesdienst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. -Ich nahm mir die Freiheit, heraufzukommen, weil ich -mir sagte: eine Begleitung in dieser Gegend, vielleicht -auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein -Walburga am Ende nicht unangenehm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. -Ich bedauere sehr. Ich selber bin nur zufällig hier: -der Post wegen! und ich habe auch leider andere -dringende Sachen vor. — Wünschen Sie sonst was, -mein guter Spitta? -</p> - -<p class="d"> -Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: -ich habe leider die Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig -in der Westentasche auf die Straße zu gehn. -Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich -wieder in meiner Wohnung bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes -Wild, guter Spitta ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen -wirklich als eine Art höherer Fügung ansehen muß, -um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten. Dürfte -ich, kurz, eine Frage tun? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat.</span> -</p> - -<p> -Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester -Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Frage und Antwort wird, denk’ ich, kaum von so -langer Dauer sein. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Also los! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Habe ich wohl Talent zum Schauspieler? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? -— Verzeihen Sie, bester Herr Kandidat, wenn ich -in einem solchen Fall bis zur Unhöflichkeit außer dem -Häuschen bin. Es heißt zwar <span class="antiqua">natura non facit saltus</span>, -aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. -Da muß ich mal erst zu Atem kommen. Und -nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir, wenn wir -beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, -so würden wir in drei bis vier Wochen, sagen wir -Jahren, darüber noch nicht zum Schluß gekommen sein. -</p> - -<p class="cnt"> -Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen -aus einem Pastorhaus: wie kommen Sie denn auf -solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben -und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz -geebnet sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange -Geschichte schwerer innerer Kämpfe, Herr Direktor, -die allerdings bis zu dieser Stunde nur mir bekannt -und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat -mich das Glück in Ihr Haus geführt und von diesem -Augenblick an fühlte ich, wie ich dem wahren Ziel -meines Lebens näher und näher kam. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">mit peinlicher Ungeduld.</span> -</p> - -<p> -Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie! -— (<span class="d">Er legt ihm die Hände auf die Schulter.</span>) — Dennoch -muß ich Ihnen jetzt die ganz inständige Bitte vortragen, -von der Erörterung dieser Angelegenheit im Augenblicke -abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit -Sie wissen, daß ich absolut fest entschlossen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen -denn diese Raupen in den Kopf gesetzt? Ich habe mich -über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist Ihres friedlichen -Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen -Ambitionen, die einem hier in der Großstadt -anfliegen, habe ich keinen Wert beigelegt. Das ist nur -so nebenbei und verliert sich zweifellos wieder bei ihm, -dachte ich mir! — Mensch, und nun wollen Sie Komödiant -werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater -wär! Ich würde Sie bei Wasser und Brot einsperren -und Sie nicht eher herauslassen, als bis Ihnen jede -Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. <span class="antiqua">Dixi!</span> -und nun adieu, guter Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel -würde bei mir durchaus nichts helfen, fürcht ich. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit -Ihrer schiefen Haltung, mit Ihrer Brille und vor allem -mit Ihrem heiseren und scharfen Organ geht das doch -nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum -soll es nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben? -Und ich bin der Ansicht, ein wohlklingendes Organ, -womöglich verbunden mit der Schiller-Goethisch-Weimarischen -Schule der Unnatur, ist eher schädlich, -als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich, -wie ich nun einmal bin, als Schüler annehmen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">zieht hastig seinen Sommerpaletot über.</span> -</p> - -<p> -Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine -Schule Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur! -Zweitens könnte ich es vor Ihrem Herrn Vater nicht -verantworten! Und drittens zanken wir uns so schon -genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in -meinem Hause geben, beim Abendbrot. Das würde -dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun Spitta: -ich muß auf die Pferdebahn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm -in einem zwölf Seiten langen Brief Punkt für Punkt -die Geschichte meiner inneren Wandlung eröffnet ... -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt -sein! Mensch und nun kommen Sie mit mir, ich -werde sonst wahnsinnig. -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus. -Man hört die Tür ins Schloß fallen. -</p> - -<p class="d"> -Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins, -das nun lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet -und Walburga Hassenreuter steigt in wahnsinniger -Hast, gefolgt von Frau John, die Treppe herunter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">flüsternd, heftig.</span> -</p> - -<p> -Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! — -Um Gottes willen, ich kann gar nicht an mich halten, -Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Taschentuch mang die Zähne, Mächen! — Et is ja -jar nischt! Wat haste dir denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend.</span> -</p> - -<p> -Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken, -Frau John! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder! -wo mich manchmal bei Papans seine Sachen auskloppen -helfen dut. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein -sitzt und wimmert. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det -du zur Welt jekommen bist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange. -</p> - -<p class="d"> -Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang -hinunter und läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten -Dache nischt. -</p> - -<p class="d"> -Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer -voll und nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet. -Kaum ist das Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">noch an der Tür, singend.</span> -</p> - -<p> -„Komm herab, o Madonna Theresa!“ — (<span class="d">Er ruft.</span>) — -Alice! — (<span class="d">Noch immer an der Tür.</span>) — Komm mal! -Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem doppelten -Schloß vor die Tür legen. — Alice! — (<span class="d">Er kommt -nach vorn.</span>) — Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu -stören wagt: <span class="antiqua">anathema sit!</span> — Heda! Kobold! Wo -steckst du, Alice? — (<span class="d">Er wird auf die Weinflasche aufmerksam -und hebt sie in die Höhe.</span>) — Was? — Halb -leer? — Schlingel! — (<span class="d">Man hört eine hübsche weibliche -Singstimme hinter der Bibliothekstür sich in Koloraturen -ergehen.</span>) — Ha ha ha ha! Himmel! sie hat sich schon -einen Schwips angetrunken. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Zweiter Akt -</h2> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Wohnung der Frau John im zweiten Stock des -gleichen Hauses, in dessen Dachgeschoß der Fundus des -Direktors Hassenreuter untergebracht ist: ein weitläufiges, -ziemlich hohes, graugetünchtes Zimmer, das seine frühere -Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die Hinterwand -enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr -ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht -gezogen werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine -etwas mehr als mannshohe Tapetenwand, die geradlinig -nach vorn geht, hier einen rechten Winkel macht und wiederum -geradlinig mit der rechten Seitenwand verbunden ist. -So ist eine Art von Verschlag abgeteilt, über den einige -Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer der -Familie ist. -</p> - -<p class="d1"> -Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken -ein Sofa, überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der -Rücklehne an die Tapetenwand geschoben. Diese ist über -dem Sofa mit kleinen Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier -John als Soldat, John und Frau als Brautpaar usw. -Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit einer verblichenen -Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch und -Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu -erreichen. Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit -einem Vorhang aus buntem Kattun verschlossen. -</p> - -<p class="d1"> -An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages -steht ein freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts -davon, an der wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der -hier verfügbare kleine Raum vornehmlich zu Küchen- und -Wirtschaftszwecken dienen muß. -</p> - -<p class="d1"> -Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die -linke Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern -hinaus. Am vorderen Fenster ist ein saubergehobeltes Brett -als eine Art Arbeitstisch angebracht. Hier liegen zusammengerollte -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Kartons (Baupläne), Pausen, Zollstock, Zirkel, -Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein Fenstertritt, darauf -ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die Fenster haben -keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem -Kattun bespannt. -</p> - -<p class="d1"> -Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter -Lehnstuhl aus Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, -macht übrigens einen sauberen und gepflegten -Eindruck, wie man es bei kinderlosen Ehepaaren des öfteren -trifft. -</p> - -<p class="d1"> -Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die -warme Sonne scheint durch die Fenster. -</p> - -<p class="d1"> -Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig -aussehender Mann, steht behaglich am vorderen -Fenstertisch und macht sich Notizen aus den Bauplänen. -</p> - -<p class="d1"> -Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt -des anderen Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches -und Leidendes an sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer -Zufriedenheit, der nur zuweilen von einem flüchtigen Blick -der Unruhe und der lauernden Angst unterbrochen wird. -An ihrer Seite steht ein Kinderwagen (sauber, neu und -nett), darin ein Säugling gebettet ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">bescheiden.</span> -</p> - -<p> -Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster ’n Ritzen -ufmachen däte und ick machte mir dann ’n bißken de -Pipe an? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Aber laß man! ’N Priem, Mutter, tut et am Ende in -selbijenjleichen och. -</p> - -<p class="d"> -Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen -neuen Priem. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">nach einigem Stillschweigen.</span> -</p> - -<p> -Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und -janz jenau anjeben ... det ick det müßte janz jenau -anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen jeboren is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">Nadel am Mund.</span> -</p> - -<p> -Warum haste denn det nich anjejeben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det weeßte nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Bin ick dabei jewesen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung -sitzen läßt und lichst det janze jeschlagene Jahr in Altona, -kommst hechstens ma monatlich mir besuchen: -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn -dut. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte -Arbeet hat? Ick jeh dorthin, wo ick schen verdiene. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser -Jungeken hier in de Wohnung jeboren is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is -doch janz natierlich, hab ick jesacht, det et in meine Wohnung -jeboren is. Da hat er jesacht: det is jar nich -natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf’n -Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! -So kreppte ick mir, weil er doch sachte, det et womeglich -jar nich sollte in meine eijene Wohnung sind jewesen. -Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? -sag ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr -Standesbeamter bin ick nich! un nu sollte ick Tag und -Stunde anjeben ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick hab et dir doch sojar jenau uf’n Zettel jeschrieben, -Paul. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick -jloobe, wenn er mir hätte jefracht: sind Sie Paul John, -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -der Mauerpolier? ick hätte jeantwort: ick weeß et -nich. Na, nu war ick doch ’n bißken verjnügt jewesen -un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch -Schubert und Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: -ick muß nun ’ne Lage jeben, weil ick doch Vater jeworden -bin! — Na! un die Brieder wollten mir och -nich loslassen un warteten unten an de Tür von’t -Standesamt. Un nu dachte ick, det se unten stehen! -und wo er mir frachte an welchen Dache det meine -Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte -laut loslachen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher -besorcht, wat netig is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache -noch so ’ne Zicken machst! denn wa ick verjnügt! denn -freut ick mir, Mutter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein -Kindeken an fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau -in deine Wohnung jeboren is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha -nämlich schlankweg dem sechsundzwanzigsten Mai jesacht! -denn hieß et, weil er doch merkte, det ick an Ende -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -nich so janz sicher war: stimmt’s denn is jut! sonst -komm Se wieder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, denn laß et man wie et is. -</p> - -<p class="d"> -Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen -elenden Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz -zu dem der Frau John steht, darin liegt, in jämmerlichsten -Lumpen, ebenfalls ein Säugling. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de -Stube rieber, det jing woll vordem, nu jeht det nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns -wird zu ville jeroocht, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, -ma Milch un ma Brot holen. Aber wo hier mein -Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder derjleichen -anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben -bei seine feine Mama drieben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">weinerlich.</span> -</p> - -<p> -Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. -Ick kann nachts nich schlafen mit det Kind. Helfjottchen -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -quarrt de janze Nacht iber. Ick muß doch ma schlafen. -Ick spring zum Fenster ’raus, oder ick laß Helfjottchen -mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen -Polizist nich mehr finden kann. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">betrachtet das fremde Kind.</span> -</p> - -<p> -Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen -Unglick ’n bißken an. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.</span> -</p> - -<p> -Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer -Eegnet hat, kann sich mit Fremde nich abjeben. Soll -de Knobben sehn, wo se bleiben dut. Wat anders -is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst -dir hier och hernach ’n bißken uf’s Ohr lechen. -</p> - -<p class="d"> -Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt -die Tür hinter ihr. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen -immer bekümmert! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich -mit schlimme Ochen un Krämpfe von een andret -anstecken dut. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, -Mutter. Det dut nich jut, ’n Kind ’n selbichten Namen -zu jeben, wie een andret, det mit acht Dache, unjedoft, -mit Dot abjejang’n is. Det laß man! davon ha’ ick -Manschetten, Mutter. -</p> - -<p class="d"> -Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na, Jette, ’t will eener rin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">dreht hastig den Schlüssel herum.</span> -</p> - -<p> -Ick wer’ mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt -ieberlofen lassen. — (<span class="d">Sie horcht und ruft dann</span>): — Ick -kann nich ufmachen: wat wollen Se denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Eine Frauenstimme</span><br /> -<span class="d">aber tief und männlich.</span> -</p> - -<p> -Ich bin Frau Direktor Hassenreuter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">überrascht.</span> -</p> - -<p> -Ach Jott nee! — (<span class="d">Sie öffnet die Tür.</span>) — Nehm Se ’t -nich iebel, Frau Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, -wer ’t is. -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga, -eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter -als fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet -als im ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches -Paket. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun — -obgleich mir das Treppensteigen schwer wird ... -wollte doch nun mal sehen, wie’s nach dem frohen -Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, -Frau Direkter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -— Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? -Das muß man sagen ... muß man sagen — daß Ihre -liebe Frau — sich in der langen Wartezeit niemals beklagt -und immer ... immer fröhlich und guter Dinge — -ihre Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin -verrichtet hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau -wohl die Freude haben — Sie öfters ... öfters als -wie bisher — zu Hause zu sehn. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick ha’n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut -und solide is. Und deshalb, weil Paul auswärts uf -Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich sitzen lassen. -Aber for so ’n Mann, wo ’n Bruder schon ’n Jungen -von zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och -keen Leben, ohne Kinder! denn kricht er Jedanken! -denn macht er in Hamburg schenet Jeld! denn is alle -Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika -auswandern. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, Jette, det war ja man bloß so ’n Jedanke. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is ’n -sauer verdientes Durchkommen, wo unsereens hat, aber -jedennoch ... — (<span class="d">Sie fährt John schnell mit der Hand -durchs Haar.</span>) — Wenn och eener mehr is un Sorchen -mehr sin — sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen -runter! — denn freut er sich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det is, wir haben schon vor drei Jahre ’n Jungchen -jehabt, und det is mit acht Dache einjejang. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... -hat mir mein Mann bereits gesagt — wie sehr Sie sich — -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -um den Sohn gegrämt haben. Sie wissen ja ... -wissen ja, wie mein braver Mann — Aug’ und Herz ... -Herz und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... -gar um Leute handelt — die um ihn sind und ihm -Dienste leisten — da ist alles Gute ... und Schlimme -... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt -... zustößt, so, als wär’ es ihm selbst passiert. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">klopft John auf die Schulter.</span> -</p> - -<p> -Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken -uf beede Knie dazumal in Kinderleichenwachen -jesessen hat. Det durfte d’r Dotenjräber nich -anrihren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">wischt sich Wasser aus den Augen.</span> -</p> - -<p> -Det war och so. Det jing och nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch — -mußten wir ... mußten wir plötzlich Wein trinken. -Wein! wo Leitungswasser in den letzten Jahren ... -Karaffen mit Leitungswasser — unser einziges ... -einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte -mein Mann. — Er ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf -Tage in den Elsaß verreist gewesen! ... Also ich trinke, -sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John, -weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil -sie ein sichtbares Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -... Herrgott der Schrei eines Mutterherzens nicht -gleichgültig ist. — Und da haben wir auf Sie angestoßen! -— So! — und nun bringe ich ... bringe ich -Ihnen hier im ganz besonderen ... ganz besonderen -Auftrage meines Mannes einen sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -— Walburga, du magst den -Kessel mal auspacken. -</p> - -<p class="d"> -Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte -Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, -Handschuhe, spanisches Rohr mit Silbergriff, im -ganzen die etwas abgeschabte Garnitur des Wochentags. -Er spricht hastig und fast ohne Pausen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">sich den Schweiß von der Stirn wischend.</span> -</p> - -<p> -Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In -Petersburg ist die Cholera! Sie haben meinen Schülern -Spitta und Käferstein gegenüber geklagt, daß Ihr -Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich -ist es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die -meisten Mütter ihre Kinder selber zu nähren nicht mehr -fähig oder nicht willens sind. Sie haben schon einmal -einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter -John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! -Damit Sie nun diesmal nicht wieder Pech haben und -nicht etwa gar in die Scheren von allerlei alten Basen -fallen, deren gute Ratschläge meistens für Säuglinge -tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung -diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe -damit meine ganze kleine Gesellschaft, auch die Walburga, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -großgezogen ... Sapristi! da sieht man ja auch -mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht -Soldaten! und Sie hatten einen Stammhalter nötig, -Herr John! Gratuliere Ihnen von ganzem Herzen. -</p> - -<p class="d"> -Er schüttelt John kräftig die Hand. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">am Kinderwagen.</span> -</p> - -<p> -Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">jovial, laut und lärmig.</span> -</p> - -<p> -Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn -Gramm frisches deutschnationales Menschenfleisch. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! — Das -Kerlchen ist Ihnen wirklich ... wirklich wie aus dem -Gesicht geschnitten, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft -der christlichen Kirche aufnehmen lassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">glücklich und gewichtig.</span> -</p> - -<p> -Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am -Taufstein, richtig von Jeistlichen wird et jetauft. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sessa! Und welche sind seine Taufnamen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, ’n -langet Jerede abjesetzt. Ick dachte „Bruno“! Det will -er nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber Bruno ist doch kein übler Name. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler -Name is. Da will ick mir weiter drieber nich ausdricken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat sachste nich, det ick ’n Bruder habe, wo Bruno -heest und wo zwölf Jahre jinger is: und jeht manchmal -’n bißken uf leichte Weche. Det is bloß de Verführung! -Der Junge is jut! Det jloobste nich! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">bekommt einen roten Kopf.</span> -</p> - -<p> -Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for ’n -Kreuz jewesen is! — Wat wiste?! Soll unser Jungeken -so ’n Patron krichen? — Et is ’n Patron! Aber eener, -ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche -Ufsicht is. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">lachend.</span> -</p> - -<p> -Um’s Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen -anderen Patron! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon -anjenommen, in de Maschinschlosserei Stellung verschafft, -nischt davon jehat, als Ärjer un Schande! Jott -soll bewahren, det er womeglich kommt un mein -Jungeken anfassen dut! — (<span class="d">Er krampft die Faust.</span>) — -denn Jette ... denn kennt ick nich for mir jut sachen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! — -So viel kann ick dir aber jewißlich sachen, det mein -Bruder mich in die schweren Stunden redlich beiseite -jewesen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Warum haste mir nich lassen kommen, Jette? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -So ’n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">kratzt sich hinter den Ohren.</span> -</p> - -<p> -Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine -Jenossen in’t Mauerjewerbe sind, die sind et nich. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich -habe meinen ältesten Sohn, der bei der Kaiserlichen -Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie mir, — -(<span class="d">er weist auf das Kindchen</span>) — diese neue künftige Generation -wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen -Einheit, dem gewaltigen Heros, schuldig ist. — -(<span class="d">Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates, den Walburga -ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.</span>) -— Also, die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat -ist kinderleicht: das ganze Gestell mit sämtlichen -Flaschen — jede Flasche zunächst ein Drittel mit -Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! — wird in -diesen Kessel mit kochendem Wasser gestellt. Auf diese -Weise, wenn man das Wasser im Kessel anderthalb -Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt -der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen -das sterilisieren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie -die Zwillinge ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert. -</p> - -<p class="d"> -Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und -<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel, zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und -fünfundzwanzig, haben angeklopft und die Tür geöffnet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">der seine Schüler bemerkt hat.</span> -</p> - -<p> -Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite -hier einstweilen noch im Fache der Säuglingsernährung -und Kinderfürsorge. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -<span class="firstline">Käferstein</span><br /> -<span class="d">ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck, -bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. -Mit Grabesstimme, weich, zurückhaltend.</span> -</p> - -<p> -Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen -hält.</span> -</p> - -<p> -Was sind Sie? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Wir wollen das Kindelein grüßen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem -Morgenlande sind, meine Herren, dann fehlt doch, -soweit ich sehn kann, der dritte. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde -dramaturgischer Tätigkeit, Kandidat der Theologie -Erich Spitta, der durch einen gesellschaftspsychologischen -Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen- und -Wallnertheaterstraße festgehalten ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel</span> -</p> - -<p> -Wir machten uns eiligst aus dem Staube. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, -Frau John! — Aber sagen Sie mal, hat sich etwa unser -braver Kurpfuscher Spitta wieder mal öffentlich an -die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? -Ha ha ha ha! <span class="antiqua">Semper idem!</span> das ist ja ein wahres -Kreuz mit dem Menschen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es -scheint, in der Volksmenge eine Freundin wieder -erkannt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der -junge Spitta viel besser zum Sanitätsgehilfen oder -zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so ist es: -der Mensch wird Schauspieler. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung -gemacht. — Aber nun, wenn Sie Weihrauch und -Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber Käferstein. -Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe -ich meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der -Brüste der Musen durstig seid, zu geistiger Nahrung, -<span class="antiqua">nutrimentum spiritus!</span> bald ... -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -<span class="firstline">Käferstein</span><br /> -<span class="d">klappert mit einer Sparkasse.</span> -</p> - -<p> -Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere -Sparkasse, hier neben die Equipage des jungen Herrn -Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß er es mindestens -mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt -eine unangebrochene Likörflasche.</span> -</p> - -<p> -Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau -John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">während er eingießt.</span> -</p> - -<p> -Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein -Kind nich jesorcht wäre, meine Herrn! Aber ick rechen -et mir an, meine Herrn. — (<span class="d">Frau Direktor und Walburga -ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.</span>) — Wohlsein! -— Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen. -</p> - -<p class="d"> -Es geschieht, sie trinken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">im Ton der Rüge.</span> -</p> - -<p> -Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.</span> -</p> - -<p> -Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D’r -Meester mag ma ’n andern hinschicken. Ick zerjle mir -schonn mit ’n Meester deswechen drei Dache rum. Ick -muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir -wieder ma jejen sechs uf’s Büro bestellt! Wenn er nich -will, denn laßt er’t bleiben: det jeht nich, det ’n Familienvater -immer un ewich wech von seine Familie is. -Ick ha ’n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer’ ick, -wo se de Fundamente lechen, bei’t neue Reichstagsjebäude -einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen -Meester! Et kann ja och ma wo anders sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">klopft John ebenfalls auf die Schulter.</span> -</p> - -<p> -Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. -Unser Familienleben ist eine Sache, die man uns mit -Geld und guten Worten nicht abkaufen kann. -</p> - -<p class="d"> -Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, -sein Anzug trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er -sieht bleich und erregt aus und säubert mit dem Taschentuch -seine Hände. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben -’n bißchen säubern, Frau John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn -angebahnt, guter Spitta? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr -Direktor, weiter nichts. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte -Spittas teilgenommen hat.</span> -</p> - -<p> -Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: -weiter nichts? Und verkünden es offen vor allen -Leuten? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">verblüfft.</span> -</p> - -<p> -Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete -Dame, die ich hier im Hause auf der Treppe schon öfters -gesehen hatte, und die leider auf der Straße verunglückt -ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. -Augenscheinlich hat die Dame Ihnen Flecke auf den -Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. -Die Dame erlitt einen Anfall. Ein Schutzmann griff -sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den Straßendamm, -und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. -Ich konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich -der Samariterdienst auf der Straße im allgemeinen, -wie ich zugebe, unter der Würde gutgekleideter Leute ist. -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag -und kommt wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das -sie auf einen Stuhl setzt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen -guten Gesellschaft an, die man je nachdem nur reglementiert -oder auch kaserniert. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, -wie ich sagen muß, Herr Direktor, wie dem Omnibusgaul, -der seinen linken Vorderhuf geschlagene fünf, -sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu -treten, die unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -— (<span class="d">Spitta erhält eine Lachsalve zur Antwort.</span>) — Sie -lachen! Für mich ist das Verhalten des Gauls nicht -lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige -Leute ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre -eine Bäckerei stürmten und Semmeln herausholten, -womit sie ihn fütterten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">fanatisch.</span> -</p> - -<p> -I, hätt’ er man feste zujetreten! — (<span class="d">Die Bemerkung -der John löst wieder allgemeines Gelächter aus.</span>) — Und -ieberhaupt, wat die Knobben is: die jehört öffentlich -uf ’n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank jeschnallt -und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe -det det Blut man so spritzt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte -Mittelalter eine überwundene Sache ist. Es ist noch -nicht lange her. Man hat eine Witwe Mayer noch im -Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in -Berlin, auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -— (<span class="d">Er zieht Scherben einer Brille hervor.</span>) -— Übrigens muß ich sofort zum Optiker. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">zu Spitta.</span> -</p> - -<p> -Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame -doch hier am Flur jejenieber rinjebracht? Na ja! Det -hat Mutter ja jleich jemerkt, det det keen andrer Mensch -wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se -Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, -trinkt und allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich -kümmert und wo berauscht is und ufwachen dut, allens -mit Fäuste und Schirme durchprijelt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">sich raffend und besinnend.</span> -</p> - -<p> -Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. -Es fehlt uns schon eine Viertelstunde. Meine Zeit ist -gemessen. Unser Stundenschluß muß leider heute ganz -pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine -Herrschaften. -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt -von Käferstein, und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel ab. Auch John nimmt seinen -Kalabreser. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">zu seiner Frau.</span> -</p> - -<p> -Adje, ick muß och zum Meester hin. -</p> - -<p class="d"> -Auch John geht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade -vorfinden duht. — (<span class="d">Sie öffnet den Tischschub und verfärbt -sich.</span>) — Jesus! — (<span class="d">Sie nimmt ein durch ein buntes Band -zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus der Schublade.</span>) -— Da hab ick ja ’n Büschelschen Haar jefunden, -wo mein Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in -Sarch mit Vaters Papierschere abjeschnitten is. — -(<span class="d">Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich über ihr Gesicht, -das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.</span>) — Un -nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! — (<span class="d">Sie -geht mit eigentümlicher Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der -Hand, den jungen Leuten vorweisend, zur Tür des Verschlages, -wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich befindet. -Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das -Kinderköpfchen.</span>) — Na nu kommt mal, kommt mal! — -(<span class="d">Sie winkt mit seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, -die auch neben sie an den Kinderwagen treten.</span>) — Seht -mal det Häarchen und det! —? ob det nich detselbiche ... -ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche Häarchen -is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Jut so! jut so! mehr wollt ick nich! -</p> - -<p class="d"> -Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John -eigentümlich ist? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.</span> -</p> - -<p> -Ich weiß nicht, weiß nicht — ... oder ich zähle heut -nicht mit, weil ich alles von vornherein subjektiv düster -gefärbt sehe. Hast du den Brief bekommen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum -du so lange nicht bei uns gewesen bist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Warum nicht? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Weil ich innerlich zu zerrissen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Du willst Schauspieler werden? Ist’s wahr? Du -willst umsatteln? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! -Nur niemals ein Pastor! niemals ein Landpfarrer! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Du, ich habe mir lassen die Karten legen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat -mir gesagt, ich hätte einen heimlichen Bräutigam, und -der sei Schauspieler. Natürlich hab’ ich sie ausgelacht -und gleich darauf sagt Mama, du wirst Schauspieler. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Tatsächlich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin -noch gesagt, wir würden durch einen Besuch viel Not -haben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das -ist allerdings wahr, daß uns der alte Herr etwas zu -schaffen machen wird. — Vater weiß das nicht, aber -ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne -diese Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und -mit denen er meine Beichte beantwortet hat. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich -ein böser, neidischer, giftiger Stern geschwebt. Wie -habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit jenem -Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und -so sehr ich mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht -mehr gerade und frei ins Auge sehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf -Papa! Und jetzt muß ich zittern, wenn du es wüßtest, -ob du uns überhaupt noch achten kannst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir -weniger zukäme, gutes Kind. Sieh mal: ich will mit -Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr ältere -Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem -adligen Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie -im Elternhaus Zuflucht suchte, stieß mein christlicher -Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl: Jesus hätte -nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich -gesunken, und nächstens werden wir beide mal -nach dem kleinen sogenannten Selbstmörderfriedhof bei -Schildhorn gehn, wo sie schließlich gelandet ist. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">umarmt Spitta.</span> -</p> - -<p> -Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich -werde auch hier mit Papa davon sprechen und wenn -es darüber zum Bruche kommt. — Du wunderst dich -immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich -manchmal nicht halten kann, wo ich sehe, wie irgendein -armer Schlucker mit Füßen gestoßen wird, oder wenn -der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe -dann manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten -Tage Gespenster, ja meine leibhaftige Schwester -wiederzusehn. -</p> - -<p class="d"> -Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. -Ihr Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Jun Morchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hinter dem Verschlage.</span> -</p> - -<p> -Wer ist denn da? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Pauline, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Pauline? — Ick kenne keene Pauline. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Pauline Piperkarcka, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wer? — Denn wachten Se man ’ne Minute, Pauline. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Adieu, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang -hinter sich.</span> -</p> - -<p> -Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. -Seht ma, det ihr ’naus uf de Straße kommt. -</p> - -<p class="d"> -Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die -Tür hinter beiden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe -nich länger warten können. Muß sehn, wie steht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">mit etwas schlechtem Gewissen.</span> -</p> - -<p> -Na, ob jesund is, ob jut in Stand. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Dat sollen woll wissen von janz alleine. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat soll ick denn von alleene wissen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Ob Kind auch nich zujestoßen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat for’n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se -deitsch! Se blubbern ja man keen eenziget richtiget -deitsches Wort aus de Fresse raus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na wat denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Mein Kind ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">haut ihr eine gewaltige Backpfeife.</span> -</p> - -<p> -... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den -Schuh um de Ohren, bis et dir vorkommt, det du ’ne -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un nu laß dir -nich wieder blicken! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.</span> -</p> - -<p> -Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir -nich jefallen zu lassen! — (<span class="d">weinend</span>) — Aufmachen! -Hat mir mißhandelt, Frau John! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.</span> -</p> - -<p> -Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, -wat in mir jefahren hat! Sein Se man jut, ick leiste -ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline, soll ick fußfällig -uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu -Wache und zeigen an, det mir hier ins Jesicht jeschlagen -hat. Ick zeigen an, ick gehen zu Wache. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hält ihr Gesicht hin.</span> -</p> - -<p> -Da! hauste mir wieder in’t Jesicht! denn is et jut! -denn is er verjlichen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Ick jehe zu Wache ... -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, -Mächen, sag ick, akkurat mit de Wage verjlichen! Wat -wiste nu, Mächen? Nu jeradezu. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">haut sich selbst ein Backenstreich.</span> -</p> - -<p> -Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau -zu, und jeniere dir nich. — Un denn komm, denn raus, -watte uf ’n Herzen hast. Ick will mittlerweile ... ick -koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein Pauline, -’n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene -Zichorientunke. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">weicher.</span> -</p> - -<p> -Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und -jrob zu mich armes Mächen, Frau John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, -Pauline, setzen sich. So! Scheenecken sag ick! Setzen -sich! Scheen, det Se mich ma besuchen komm! Wat ha -ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse -jekricht, ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick -mir manchmal ja nich jekannt habe. Die hat mehr wie -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du machst dir -ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben -dut. Wie jeht’s, Pauline, wat machen Se denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, -auf den Tisch.</span> -</p> - -<p> -Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat -mir jebrannt. Et war mich wie Schlange unter Kopfkissen -... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I wo denn ...? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat -mir jepeinigt, hat mir umringt! hat mir jequetscht, wo -ick habe laut aufjeschrien und meine Wirtin hat mir jefunden, -wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele -jelegen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Lassen Se det man jut sind, Pauline! — Trinken Se -erst ma ’n kleenen Schnaps! — (<span class="d">Sie gießt ihr Kognak -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -ein.</span>) — Un dann essen Se erst ma ’n Happen-Pappen: -mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat. -</p> - -<p class="d"> -Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -I wo denn, ick mag nich essen, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber -ick muß mir doch freuen, Pauline, det Se doch wieder -mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte jekommen sin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Nu will ick et aber mal sehn, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat denn, Pauline? Wat woll’n Se denn sehn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Hätt’ ick laufen jekonnt, wär’ ick früher jekomm. Das -will jetzt sehn, warum jekommen bin. -</p> - -<p class="d"> -Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll -bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine -unheilverkündende Weise und schweigt. Sie geht nach dem -Küchenschrank, reißt die Kaffeemühle heraus und schüttet -heftig Kaffeebohnen hinein. Sie setzt sich, quetscht die -Kaffeemühle energisch zwischen die Knie, faßt die Kurbel -und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck namenlosen -Hasses zur Piperkarcka hinüber. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -So? — Ach! — Wat wißte sehen? — Wat wißte -nu jetzt uf eemal sehn? — Det, det wat te hast mit deine -zwee Hände erwürchen jewollt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Ick? — -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf’t Blut -jemartert, Frau John. Mir nachjestellt! mir Schritt -und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben Kind auf -Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. -Mich Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen -Angst jemacht. Mich Karten jelegt von -wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie -verrückt jeworden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar -verrückt! Wat, ick hab dir jequält? Wat hab ick? Ick -habe dir aus ’n Rinnstein jelesen! Ick hab dir jeholt -bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit -verzweifelte Ochen — un wie de hast ausjesehen! — -hintern Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha -ick dir nachjestellt, det dir der Schutzmann, det dir der -jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat holen jekonnt! -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert, -bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in’t -Wasser jehn. — (<span class="d">Äfft ihr nach.</span>) — Ick jeh im Landwehrkanal, -Mutter John! Ick erwürche det Kind! -Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, -ick lauf, wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen -dut, mitten in’t Lokal, und schmeiß ihn det tote Kind -vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste jesprochen, -so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de -halbe Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette -jebracht un so lange jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen -un bist mittags um zwölf, wie die Glocken -von alle Kirchen jeläut’t haben, an andern Dache erst -wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, -wieder Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe -jelassen! Haste det allens verjessen! wat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Aber et is doch mein Kind, Mutter John ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">schreit.</span> -</p> - -<p> -Denn hol et dir aus’n Landwehrkanale! -</p> - -<p class="d"> -Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald -jenen Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder -wegzuwerfen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Spring in’t Wasser un such et! denn haste et! Weeß -Jott, ick halte dir nu weiter nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen -mir schmeißen Wasserflasche an Kopp: eh’ nich weiß -wo Kind is, eh’ nich haben mit Augen jesehn, bringen -mich keiner und niemand von Stelle fort. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">einlenkend.</span> -</p> - -<p> -Pauline, ick ha et in Flege jejeben! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau -hintern Vorhang is! — (<span class="d">Das Kind hinter dem Tapetenverschlag -beginnt zu schreien. Die Piperkarcka eilt auf den -Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein wenig -pathetisch weinerlich rufend</span>): — Weine nicht, armes, -armes Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie -der Piperkarcka verstellt.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.</span> -</p> - -<p> -Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">furchtbar verändert.</span> -</p> - -<p> -Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma -in’t Jesicht! — Jlobst du, det mit eene, die aussieht -wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? — (<span class="d">Die Piperkarcka -hat wimmernd Platz genommen.</span>) — Setz dir! flenne! -wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis -det dir die Jurjel verschwollen is! det, wenn de hier -rin willst — denn bist du tot oder ick bin tot — un denn -is och det Jungchen nich mehr am Leben! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">erhebt sich entschlossen.</span> -</p> - -<p> -Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">wiederum einlenkend.</span> -</p> - -<p> -Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. -Wat wollen Se sich mit det Kindchen behängen, -wo jetzt mein Kindeken und in beste Hände -jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken -ufstellen? Jehn Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se -woll mit den Besseres zu tun haben als Kinderjeschrei, -Kindersorchen und Kimmernis. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! — -Haben alle ... hat Frau Kielbacke, als ick mir mussen -haben behandeln lassen, zu mich jesacht. Soll nich nachjeben! -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab -mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, -wohin jekrochen un habe Kind auf Dachboden -Welt jebracht ... schreit janz wütend: ick muß nich -nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur zu -mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. -Jut! lasse mir weiter nich ein, Frau John. -Adje! Bin bloß jekommen, sowieso, daß morjen nachmittag -fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen einjesetzter -Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick -werde mir weiter hier noch rumärgern. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">starr, entgeistert.</span> -</p> - -<p> -Wat? du hast et jemeld uf’t Standesamt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen -bin. Ick hab mir jeschämt, o Jott! bin über un über -rot jeworden! Mir is, ick sink jleich in de Erde rin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -So! — Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, -warum haste’s denn aber anjezeigt? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo -mich hinjeführt hat, mich partout nich Ruhe jejeben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -So! — Denn wissen se’t also uf’t Standesamt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Na ja, det mussen se wissen, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt -Untersuchung und Plötzensee gesteckt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene -jekommen hat anjemeldt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Un wat haste nu also anjejeben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, -Frau John, in Pflege is. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Un morjen will eener nachsehn komm? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is -denn weiter? Nun sin doch ruhig un sin vernünftig. -Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle Jlieder -jejagt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">abwesend.</span> -</p> - -<p> -Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det -is ja nu och in Jottesnamen nu jroß weiter nischt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau -John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Heute nich! Morjen, morjen, Pauline. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Warum nich heut? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also -morjen, um Uhre fünfen nachmittag? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die -Stadt, Uhren fünfen morjen nachsehn kommt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht, -im Tone der Abwesenheit.</span> -</p> - -<p> -Jut so. Laß er man kommen, Mächen. -</p> - -<p class="d"> -Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten -und kommt ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist -seltsam verändert und geistesabwesend. Sie tut einige -hastige Schritte gegen die Verschlagstür, steht jedoch plötzlich -wieder still mit einem Gesichtsausdruck vergeblichen -Nachsinnens. Dieses Grübeln unterbricht sie, heftig gegen -das Fenster zu eilend. Hier wendet sie sich und wieder -erscheint der hilflose Ausdruck schwerer Bewußtlosigkeit. -Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den Tisch -und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. -Nun erscheint Selma Knobbe in der Tür. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. -Kann ick ’n Happen Brot kriejen? -</p> - -<p class="d"> -Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück -von einem Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">der die Verfassung der Frau auffällt.</span> -</p> - -<p> -Ick bin’s! — Wat is denn? — Schneiden sich man -bloß nich etwa mit Brotmesser. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, -indem sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch -gleiten läßt.</span> -</p> - -<p> -Angst! — Sorje! — Da wißt Ihr nischt von! -</p> - -<p class="d"> -Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Dritter Akt -</h2> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">lles</span> wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem -Gange schwaches Ampellicht. -</p> - -<p class="d1"> -Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta, -<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er -selbst sitzt am Tisch, öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt -skandierend mit dem Falzbein auf den Tisch. Vorn stehen -auf der einen Seite Kegel und Käferstein, auf der anderen -Spitta einander als beide Chöre der Braut von Messina -gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas -aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet -ist und diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts -einteilt. Auf dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga, -in ein großes Kontobuch eintragend. Im Hintergrund, -wartend, steht der Vizewirt oder Hausmeister Quaquaro, -ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch, der Inhaber eines -wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied desselben -sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er trägt -Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel -gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes -Jackett und die Mütze in der Hand. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span><br /> -<span class="d">mit gewaltiger Pathetik.</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Dich begrüß ich in Ehrfurcht,</p> - <p class="verse">Prangende Halle,</p> - <p class="verse">Dich, meiner Herrscher</p> - <p class="verse">Fürstliche Wiege,</p> - <p class="verse">Säulengetragenes herrliches Dach.</p> - <p class="verse">Tief in der Scheide“ ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">schreit wütend.</span> -</p> - -<p> -Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen -doch keinen Leierkasten! Der Chor aus der Braut -von Messina ist doch kein Leierkastenstück! „Dich begrüß -ich in Ehrfurcht“ nochmal von Anfang an, meine -Herren! „Dich begrüß ich in Ehrfurcht, prangende -Halle!“ Etwa so, meine Herren! „Tief in der Scheide -ruhe das Schwert.“ Punktum! „Herrliches Dach“ -wollt’ ich sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie -fort. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Tief in der Scheide</p> - <p class="verse">Ruhe das Schwert,</p> - <p class="verse">Vor den Toren gefesselt</p> - <p class="verse">Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.</p> - <p class="verse">Denn ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet, -meine Herren? Haben Sie denn keine Elementarkenntnisse? -„Schlangenhaarigtes Scheusal.“ Punkt! -Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt! -Alles ist totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in -der Welt wären, Käferstein! Und dann raus mit der -Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes -willen nicht lispeln! — „Denn ...“ weiter! los! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Denn des gastlichen Hauses</p> - <p class="verse">Unverletzliche Schwelle</p> - <p class="verse">Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">springt auf, brüllt, läuft umher.</span> -</p> - -<p> -Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was -ein Eid ist, Käferstein? „Hütet der Eid!! — der -Erinnyen Sohn.“ Der Eid ist der Erinnyen Sohn, -<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum, -bis zum letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut! -Schauer durchrieselt alle Gebeine! Passen Sie -auf: „Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!! — -der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern -der Hölle!“ — — Nicht wiederholen, weiter im Text! -Sie können sich aber jedenfalls merken, daß ein Eid -und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge -sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">deklamiert.</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Halt! — (<span class="d">Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen -und Beinen herum, um eine gewünschte tragische Pose zu -erzielen.</span>) — Erstlich fehlt die statuarische Haltung, -mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen Person -ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -sind Sie nicht, wie ich ausdrücklich verlangt habe, von -Feld <span class="antiqua-optional">I D</span> mit dem rechten Fuß auf <span class="antiqua-optional">II C</span> getreten! -Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen -Augenblick! — (<span class="d">Er wendet sich an Quaquaro.</span>) — So, -jetzt steh’ ich zu Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich -habe Sie bitten lassen, weil mir leider, wie sich bei der -Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit Kostümen -abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen -sind. Bevor ich nun meine Anzeige mache, wozu ich -natürlich entschlossen bin, wollte ich erst mal Ihren Rat -hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie -soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der -verlornen Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens -angefunden hat: ein Fund, um Virchow zu benachrichtigen. -Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft -prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe, -deren Bestimmung im ganzen harmlos, aber ebenfalls -unaussprechlich ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch -den Fund eigentlich noch mehr wie ich selbst beunruhigt -ist. Diese drei Herren, die meine Schüler sind, lassen es -sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas wie eine -Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen -keinen Skandal schlagen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden -irgend etwas abhanden kam, hieß es immer, das hätten -die Ratten gefressen. Und wirklich, was man in diesem -Hause von Ratten und Mäusen sieht — auf der Treppe -hätt’ ich beinahe eine totgetreten! — warum sollten -Kisten und Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht -ebenfalls von ihnen vertilgt worden sein? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien, -ha ha ha ha! sind Ihnen geschenkt, -bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß Sie uns Ihre -Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom Kavalleristen -Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung -seinerzeit, als das Haus noch Reiterkaserne war, mit -Sporen und Schleppsäbel auf meinem Boden erhangen -hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det wird in janzen Hause rum erzählt von den -Soldat, namens Sorjenfrei, der sich irgendwo hier -oben in Dachstuhl mit ’ne Schlinge jeendigt hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin -aus dem zweiten Stock haben ihn wiederholt -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster nicken und -militärisch stramm heruntergrüßen gesehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja -woll eene Dunstkiepe jenannt und ’n aus Feez eene -’rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu Herzen jenomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten! -Diese Verquickung ist originell, aber zur -Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der Diebstahl -oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf -oder zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften -im Elsaß gewesen bin. Also sehen Sie sich die Geschichte -mal an und, bitte, Sie werden mir nachher Bescheid -sagen! -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro -steigt über die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Allright, bester Spitta: schießen Sie los. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos.</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,</p> - <p class="verse">Zu dem Kampf ist die Faust geballt,</p> - <p class="verse">Denn ich sehe das Haupt der Medusen,</p> - <p class="verse">Meines Feindes verhaßte Gestalt.</p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> - <p class="verse">Kaum gebiet’ ich dem kochenden Blute</p> - <p class="verse">Gönn’ ich ihm die Ehre des Worts?</p> - <p class="verse">Oder gehorch’ ich dem zürnenden Mute?</p> - <p class="verse">Aber mich schreckt die Eumenide,</p> - <p class="verse">Die Beschirmerin dieses Orts,</p> - <p class="verse">Und der waltende Gottesfriede.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand -gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem -Spitta geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf.</span> -</p> - -<p> -Sind Sie fertig, Spitta?! — Ich danke sehr! — -</p> - -<p class="cnt"> -Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber -wieder mal in die allerverzwickteste Lage geraten: -entweder, ich sage Ihnen frech ins Gesicht, daß ich Ihre -Vortragsart schön finde — und dann habe ich mich -der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder -ich sage, ich finde sie scheußlich, und dann haben wir -wieder den schönsten Krach. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">erbleichend.</span> -</p> - -<p> -Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht. -Deshalb bin ich ja von der Theologie abgesprungen, -weil mir der Predigerton zuwider ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der -Gerichtsschreiber ein Gerichtsprotokoll oder wie der -Kellner die Speisekarte herunterhaspeln? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast -der Braut von Messina nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe -von dramatischer Kunst divergieren in mancher Beziehung -total. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu -ein Monogramm des Größenwahns und der -Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein Schüler -und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? -Sie blutiger Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich -Schiller! Ich habe Ihnen schon zehnmal gesagt, daß -Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter -als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das müßte mir erst bewiesen werden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! -— Sie leugnen die Kunst des Sprechens, das -Organ, und wollen die Kunst des organlosen Quäkens -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama -und behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine -Sache für Gründlinge ist. Sie negieren die poetische -Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie als pöbelhafte -Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die -sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten -und verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von -den Höhen der Menschheit wissen Sie nichts. Sie -haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein -Barbier oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße -ebensogut ein Objekt der Tragödie sein könnte -als Lady Macbeth und König Lear. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">bleich, putzt seine Brille.</span> -</p> - -<p> -Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen -gleich, Herr Direktor. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz -her? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">unbeirrt.</span> -</p> - -<p> -Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden. -Ich befinde mich dabei vielleicht mit Schiller und Gustav -Freytag, aber keinesfalls mit Lessing und Diderot im -Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem -Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht, -und der gestelzte französische Pseudoklassizismus -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -bleibt mir durch sie endgültig totgeschlagen, sowohl in -der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen späteren -Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und -durch mumifizierter Unsinn sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -So! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Und wenn sich das deutsche Theater erholen will, -so muß es auf den jungen Schiller, den jungen Goethe -des Götz und immer wieder auf Gotthold Ephraim -Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle -der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt, -die der Natur gewachsen sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt -mich. Herr Spitta, Sie wollen Privatstunden halten. -Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur Privatstunde -in die Bibliothek zurück! — Wenn die menschliche -Arroganz und besonders die der jungen Leute kristallisiert -werden könnte, die Menschheit würde darunter wie -eine Ameise unter den Granitmassen eines Urgebirges -begraben sein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche -Bibliothek hinter mir, sondern ich bin ein ergrauter -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Praktiker und ich sage Ihnen, daß der Goethesche -Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen -Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen -Sie sich einen anderen Lehrmeister. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">unbeirrt.</span> -</p> - -<p> -Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln, -meiner Ansicht nach, zu sich selbst und zu seiner -eigenen Natur in kleinlichsten Gegensatz. Und was -soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende -Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll -— wörtlich! — müsse etwas Menschenfresserartiges in -der Physiognomie zeigen — wörtlich! — wodurch man -sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert werde. — -</p> - -<p class="d"> -Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta, -und schreiben Sie, bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter -ein Esel ist! Schiller ein Esel! Goethe ein Esel! -natürlich auch Aristoteles — (<span class="d">er fängt plötzlich wie toll -zu lachen an</span>) — und, ha ha ha! ein gewisser Spitta -ein Nachtwächter! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens -wieder bei guter Laune sind. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie -sind ein Symptom. Also nehmen Sie sich nicht etwa -wichtig! — Sie sind eine Ratte! aber diese Ratten -fangen auf dem Gebiete der Politik — Rattenplage! — -unser herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu -unterminieren an. Sie betrügen uns um den Lohn -unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst — -Rattenplage! — fressen sie die Wurzeln des Baumes -des Idealismus ab: sie wollen die Krone durchaus in -den Dreck reißen. — In den Staub, in den Staub, in -den Staub mit euch! -</p> - -<p class="d"> -Käferstein und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen -bald in lautes Gelächter aus, in das der Direktor -hineingerissen wird. Walburga macht große Augen. Spitta -behält seinen Ernst. -</p> - -<p class="d"> -Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter, -nach einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie, -wie wenn er eine Entdeckung gemacht hätte.</span> -</p> - -<p> -Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und -Käfersteins genähert hat, verdutzt.</span> -</p> - -<p> -Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken -Sie Gott, wenn Ihr stilles, eingezogenes, friedliches -Leben Sie zur tragischen Heldin ungeeignet macht. — -Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">mit unnatürlicher Blässe.</span> -</p> - -<p> -I, weshalb denn nu det? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei, -der dort oben als Deserteur ins bessere Jenseits seine -Militärkarriere beschlossen hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, wenn’t ’n lebendicher Mensch wär, det kennte sind: -vor tote Jeister furcht ick mir nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Na, wie war’s, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span><br /> -<span class="d">der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt.</span> -</p> - -<p> -Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung -jekomm, det mindestens obdachloses Jesindel -oben, durch wat for’n Zujang weeß ick noch nich, jenächtigt -hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden. -— -</p> - -<p class="d"> -Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit -Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det erklärt sich: ick ha oben zu’n rechten jesehn und -ha Adelbertchen bei mich jehat. — Ick bin an die janze -Jeschichte unschuldig! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet, -Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen -jestorben war ... der soll ma komm und soll mir sachen, -wat eene richtiche Mutter is ... aber nu muß ick fort, -Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich -oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen -bei meine Schwächern zeichen uf Sommerfrische. — -</p> - -<p class="d"> -Sie trottet durch die Flurtür ab. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was hat sie da durcheinander gefaselt? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem, -wie et jestorben is, wa eene Schraube los bei -die John. Seit se nu jar det Zweete hat, wackeln zweee. -Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen -juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was soll ich nun als Bestohlener tun? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det kommt druf an, wo Verdacht hin is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -In diesem Hause? — Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro -... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit, -det nächstens bißken jesäubert wird. De Witwe Knobbe -mit ihren Anhang wird rausjeschmissen! Und denn is -eene Blase uf Flijel <span class="antiqua-optional">B</span>, wo Schutzmann Schierke mir -hat jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden: -wo de Polizei nächstens ausheben wird. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein. -Ich höre wenigstens manchmal wirklich hübsche Männerstimmen -„Deutschland, Deutschland über alles“, -„Wer hat dich, du schöner Wald“, „In einem kühlen -Grunde“ und dergleichen absingen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue -Zwiebel! det sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir -jeruhig nieder, heeßt et zwar, aber det wollt ick keenen -raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz, wat -meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin. -Immer anzeichen, anzeichen, Herr Direkter. -</p> - -<p class="d"> -Quaquaro geht ab. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt -Preußisch-Kurant. Seine Faust bedeutet Kündigung. -Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von -Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach -Hilfe. Ein scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne -ihn bekämen die Pächter dieser Staatsbaracke die -Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in -den Rauchfang schreiben. — (<span class="d">Die Türschelle geht.</span>) — -Das ist Fräulein Alice Rütterbusch! die junge Naive, -die ich leider bei dem Hangen und Bangen auf die -Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch -immer kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner -Ernennung, zu der Gott mir helfe, wird ihr Engagement -meine erste direktoriale Handlung sein. — Walburga -und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt -die sechs Kisten durch, wo der Vermerk Journalisten -steht, daß wir im geeigneten Augenblick mit der Inventur -fertig sind. — (<span class="d">Zu Käferstein und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel</span>) — -Sie mögen derweil in die Bibliothek treten. -</p> - -<p class="d"> -Er geht, um die Flurtür zu öffnen. -</p> - -<p class="d"> -Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig -auf den Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in -die Bibliothek. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">im Hintergrund.</span> -</p> - -<p> -Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige! -Pardon! Bitte sehr um Pardon, mein Herr! Ich -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge -Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein. -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn. -Pastor Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter -kleiner Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen -Feldmesser oder kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von -kräftiger Erscheinung, kurznackig, wohlgenährt und hat ein -etwas zusammengequetschtes, breites Luthergesicht. Er -trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen Lodenmantel überm -Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung seiner -übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon -seit lange gewöhnt sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nicht durchaus bestimmt, aber ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Wagen Sie’s nur daraufhin, Herr Direktor: nennen -Sie mich bis auf weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz -in der Uckermark, dessen Sohn Erich Spitta, jawohl, in -Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig -gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das -sag’ ich mit schwerer Bekümmernis. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können. -Ich möchte Sie aber im gleichen Atem bitten, Herr -Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen, den Ihr -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht -allzu besorgt zu sein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! — -(<span class="d">Er sieht sich mit großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend, -in dem seltsamen Raume um.</span>) — Es ist schwer zu sagen, -äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem -hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie -eine Frage, Verehrtester: ich war im Zeughaus. — -(<span class="d">Er berührt mit dem Stock einen der Pappenheimschen -Kürassiere.</span>) — Was sind das für Rüstungen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Das sind Pappenheimsche Kürassiere. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! — -(<span class="d">Sich sammelnd.</span>) — O dieses Berlin! Es verwirrt mich -ganz! Sie sehen in mir einen Mann, Herr Direktor, -der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom -Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu -durch die Tat seines Sohnes gebrochen ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Eine Tat? Welche Tat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen -Mannes und ... und ... Schauspieler. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">gereckt, mit Haltung.</span> -</p> - -<p> -Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes -nicht. Aber ich selbst, der ich, <span class="antiqua">hony soit qui mal y pense</span>, -der Sohn eines redlichen Mannes und selber, will ich -hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich hier stehe, -ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum -sechs Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg -.... ich bin Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur, -sondern auch als Schauspieler meinen Fuß auf die -weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf -bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen -Ehrenhaftigkeit dürfte also, nach meinen Begriffen -wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn Sohnes nicht -zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und -man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben. -Auch geb’ ich zu: für schwache Charaktere ist es ein -Beruf, der besonders gefährlich ist. Und schließlich -habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes -so bis auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden -davor behüten möchte. Deshalb gebe ich meinen Töchtern -Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste Gedanke -zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh’ ich sie -an einen Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen -einen Stein um den Hals hängen und sie ertränken im -Meer, wo es am tiefsten ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch -zu, ich habe als schlichter Landpfarrer von alledem keine -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Vorstellung. Aber denken Sie sich einen Vater an, -eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine -Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne -das Studium zu ermöglichen. Denken Sie, daß -dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht und daß -Vater und Mutter — ich hab eine kranke Frau zu -Haus! — mit Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie -wollen, auf den Augenblick warten, jawohl, wo er in -irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel -die Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser -Brief! der Junge ist wahnsinnig. — -</p> - -<p class="d"> -Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht. -Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die -Brusttasche greift und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht -ganz überzeugend. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht -wundern, wenn eine Krise im Leben eines jungen -Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden -aus diesem Briefe unschwer erkennen, wer verantwortlich -für den verderblichen Umschwung in der Seele -eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen -Menschen zu machen ist. Ich hätte ihn nie sollen -nach Berlin schicken. Jawohl: die sogenannte wissenschaftliche -Theologie, die mit allen heidnischen Philosophen -liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -in Rauch, den Herrn und Heiland in Luft verwandeln -will, die mache ich für den schweren Fehltritt meines -Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die -anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge -gesehen, wovon zu sprechen mir ganz unmöglich ist! -Hier habe ich Zettel in allen Taschen: Elite-Ball! -Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb -ein Uhr nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen -Linden und Friedrichstraße, schmeißt sich ein scheußlicher -Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt mit -einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr -vielleicht etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster, -wo neben den Bildern der hohen und Allerhöchsten -Herrschaften nackte Schauspielerinnen, Tänzerinnen, -kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind! -Und dann dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte, -aufgedonnerte Sünde die Bürgersfrau vom -Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach -Weltuntergang, Herr Direktor! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter! -nicht wegen der Nuditäten und ebensowenig der heimlichen -Sünde wegen, die Nachts durch die Straßen -schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz -skurile <a id="corr-2"></a>Menschheitsintermezzo noch überleben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt, -ist das böse Beispiel, ist die Gelegenheit. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine -Neigung zum Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals -bemerkt. Er hat einen Zug zur Literatur, und er ist -nicht der erste Pastorensohn — Lessing, Herder <span class="antiqua">etcetera</span>, -der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen -ist. Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach -liegen. Allerdings muß ich sagen: die Ansichten, die -Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der Literatur -vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht -über meine schlimmsten Befürchtungen weit hinaus. -Und so sind mir die Augen denn aufgegangen. — Mein -Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich -unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester -unsre schwerste Prüfung von Gott bedeutete und die -nun, dem Anschein nach, beide von der gleichen verruchten -Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das -Mädchen war früh entwickelt, war schön! — doch — -Jetzt muß ich zu etwas anderem kommen. — Ich bin seit -drei Tagen in Berlin und habe Erich noch nicht gesehen. -Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner -Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet -und mich natürlich dabei in seiner Behausung umgesehen. -Nun: betrachten Sie dieses Bild, Herr Direktor! -</p> - -<p class="d"> -Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief -zurücklegt, aus der Brieftasche genommen und hält sie dem -Direktor unter die Augen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger, -bald wie ein Weitsichtiger, stutzt.</span> -</p> - -<p> -Wieso? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber -lesen Sie bitte die Unterschrift. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wo? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span><br /> -<span class="d">liest.</span> -</p> - -<p> -„Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.“ -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Erlauben Sie mal! — Was heißt das, Herr Pastor? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar -irgendeine obskure Kellnerin! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">sehr bleich.</span> -</p> - -<p> -Hm. — (<span class="d">Steckt das Bild ein.</span>) — Ich werde das -Bild behalten, Herr Pastor. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun -denken Sie sich in meine Lage: mit welchen Gefühlen, -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -mit welcher Stirn soll ich künftig vor meiner Gemeinde -auf der Kanzel stehn ......? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor! -Was habe ich mit Ihrem Sprengel, mit Ihren verlorenen -Söhnen und Töchtern und dergleichen zu tun? -(<span class="d">Er zieht wieder die Photographie.</span>) — Und übrigens, -was dieses kernige, tüchtige Mädchen betrifft, „Kellnerin -und dergleichen“, so irren Sie sich! Weiter sage -ich nichts! Alles weitere wird sich finden, Herr Pastor. -Adieu. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Pastor Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich -ist das der Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist. -Ich gehe und werde Sie nicht mehr belästigen. Aber ich -habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr Direktor, -zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde -Mittel und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten -Sohne diesen sogenannten dramatischen Unterricht! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm -ganz direkt den Stuhl vor die Tür setzen. -</p> - -<p class="d"> -Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und -kommt ohne ihn wieder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">schleudert die Arme in die Luft.</span> -</p> - -<p> -Hier kann man nur sagen: Neandertaler! — (<span class="d">Er -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -stürmt die Bodentreppe hinauf.</span>) — Spitta, Walburga, -kommt mal herab. -</p> - -<p class="d"> -Walburga und Spitta kommen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">zu Walburga, die ihn fragend ansieht.</span> -</p> - -<p> -Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen -humoristischen Körperteil! — Na, und Sie, lieber -Spitta, was wollen Sie noch? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Sie hatten gerufen, Herr Direktor. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Bitte. -</p> - -<p class="d"> -Er tut es. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht -dumm machen! Still! — Kein Wort! Ich hätte mich -von Ihnen eines anderen versehen, als eines so exemplarischen -Beweises von Undankbarkeit! — Still! — -Im übrigen war ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts! -Gehen Sie ihm nach! — Begleiten Sie ihn -auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich -zu machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr.</span> -</p> - -<p> -Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn -du mit diesem Schlingel von verkrachtem Theologen -noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte sprichst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Au au, Papa. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter -macht, als ob er kein Wässerchen trüben könnte, -und dem ich den Zutritt in mein Haus zu eröffnen -so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen -Maske die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und -mein Haus, wir dienen dem Geiste der Wohlanständigkeit. -Willst du den Schild unserer Ehre beflecken, -etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die -zur Schande ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und -Gosse geendigt ist? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht! -und weißt, einen Appell gegen meine Ansichten gibt -es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder siehst selber -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem -ehr- und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel -durchkommen wirst! Dann fort mit dir! von solchen -Töchtern mag ich nichts wissen! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">bleich, finster.</span> -</p> - -<p> -Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg -auch ohne deine Eltern selbständig suchen müssen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Du bist kein Mann. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch. -</p> - -<p class="d"> -Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wieso? — Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig? -— (<span class="d">Er lenkt ab, merklich aus dem Konzept und -pocht an die Bibliothek.</span>) — Wo blieben wir stehen? -Setzen Sie ein. -</p> - -<p class="d"> -Kegel und Käferstein erscheinen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Kegel, Käferstein</span><br /> -<span class="d">deklamieren.</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Weisere Fassung</p> - <p class="verse">ziemet dem Alter.</p> - <p class="verse">Ich, der Vernünftige</p> - <p class="verse">grüße zuerst.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="d"> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig -gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im -Steckkissen trägt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen -Sie mich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen -wollten zu Ihnen hinein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John -sprechen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist, -und wünschte jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge -nicht hier bei mir, sondern unten bei sich erledigt. -Sonst richte ich nächstens vor der Tür Selbstschüsse -oder Fußangeln ein. — Wo fehlt’s Ihnen eigentlich, -bester Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben -und diese Damen nach unten zurechtweisen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau -John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei -die Frau Mauerpolier John in Flege jehat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich, -Käferstein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Nun is ’n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen, -nachsehn jekomm: wie’t steht mit det -Kind und det jut versorcht und in Stande is. Und denn -is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn -sind wir rinjejang. Denn stand det Kind und ’n Zettel -bei, det Frau John hier oben uf Arbeet is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wo ist das Kind in Pflege gewesen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Bei de Frau Mauerpolier John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">ungeduldig.</span> -</p> - -<p> -Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! — -Hätten Sie doch lieber den alten humorvollen Herrn -begleitet, dem ich Sie nachgesendet habe, Spitta, statt -mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie -ihnen doch, meine Herren, daß Frau John kein Kind -in Pflege hat, und daß sie also bezüglich des Namens -im Irrtum sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Käferstein</span> -</p> - -<p> -Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich -bezüglich des Namens im Irrtum sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">heftig, verweint.</span> -</p> - -<p> -Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege -jehabt. Is Herr von die Stadt jekommen, hat jesacht, -daß Kindchen in schlechte Hände, verwahrlost is. Hat -mich mein Kindeken zujrunde jerichtet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des -Namens der Frau, von der Sie reden, im Irrtum sein. -Frau Maurerpolier John hat kein Kind in Pflege. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern -lassen, zujrunde jerichtet! Will sehn Frau John. Will -auf Kopf draufsagen! Soll mich jesund machen kleinet -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen jehn -an Jerichtstelle anzeichen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie -irren sich! Wie kommen Sie nur auf den Gedanken, meine -Damen, daß Frau John ein Kindchen in Pflege hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Weil ick ihr selbst überjeben habe. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit -dem sie, wie mir jetzt einfällt, auf Besuch zu der -Schwester ihres Gatten zu gehen beabsichtigte. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick -jeh unten auf Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat -kein Kind. Hat mich mein Aloischen zujrunde jerichtet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt -habe. Hat mich mein Bräutijam Brief jeschrieben, daß -nich wahr is, daß schlechtes, verlogenes Frauenzimmer -bin. — (<span class="d">Sie berührt das Tragbettchen.</span>) — Is mein! -will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige -Mutter Jottes. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Decken Sie doch mal auf, das Kind. — (<span class="d">Es geschieht. -Direktor Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.</span>) -— Hm! Die Sache wird sich bald aufklären, sicherlich! -— Erstens ... ich kenne Frau John! — hätte -Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte -ganz unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau -John, soweit Kinder in Frage kommen, das Herz auf -dem rechten Flecke hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts. -Brauche mir nicht vor alle Welt aufdecken. Alles will -haarklein vor Jericht will aussagen, Tag, Stunde, -auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir: -sollten wohl Augen aufreißen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie -recht verstehe, die Frau John besitze kein eigenes Kind, -und das, was dafür gegolten hat, wäre das Ihre. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge -Sie diesmal nicht beim Wort nehmen! — Nämlich, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor Hassenreuter, -und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau, -der Frau John, drei- oder viermal in -Händen gehabt. Ich hab’ es sogar auf der Wage gewogen. -Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme -Wurm hier dürfte noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf -Grund dieses Umstandes versichere ich Ihnen, dies -hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es -mag richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das -schlechterdings nicht bezweifeln. Das Kind der Frau -John aber kenne ich und bin sicher, daß es mit diesem -durchaus nicht identisch ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span><br /> -<span class="d">respektvoll.</span> -</p> - -<p> -Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen -schlecht jenährt und schwächlich is. Det is janz -richtig hier mit det Kind! Will Eid schwören, daß -richtig identisch is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ich bin sprachlos. — (<span class="d">Zu den Schülern.</span>) — Unser -Unterricht steht heute unter einem feindlichen Stern, -werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso, aber der Irrtum -der Damen beschäftigt mich. — (<span class="d">Zu den Frauen.</span>) -— Sie werden sich in der Tür geirrt haben. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von -die Vormundschaft det Kindeken aus die Stube mit -Schild Frau Mauerpolier John uf’n Hausflur jeholt. -Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in -Altona abwesend. -</p> - -<p class="d"> -Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie -denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute -hier oben jeflichtet sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Wir sind nich jeflichtet. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie fragten nach meiner Aufwärterin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Erlauben Se, det ich se och mal wat frache. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Bitte. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span><br /> -<span class="d">zur Frau Kielbacke.</span> -</p> - -<p> -Wie heißen Sie? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Ick bin Frau Kielbacke. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo -wohnen Sie? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -In de Linienstraße neun. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span> -</p> - -<p> -Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span><br /> -<span class="d">zur Piperkarcka.</span> -</p> - -<p> -Ihr Name? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Paula von Piperkarcka aus Skorzenin. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind. -Wollen Sie das also auch behaupten? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz -bitten, weil hier unrechtmäßigerweise verdächtigt bin. -Is Herr von die Stadt mit mich hier jewesen. Haben -mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen, -rausjeholt ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span><br /> -<span class="d">mit durchbohrendem Blick.</span> -</p> - -<p> -Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe -Knobbe jewesen sind. Wer weeß, wat Sie mit -det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt und bestochen -sind. ’N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen -un denn hier rufjeschlichen, weil det die -rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo bestohlen is, -Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber -Polizeiwache is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie -denn das gar nicht begreifen? Sie sagen, unsere John -hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie bitte gefälligst -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das -von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer -herausgeholt! Nun also: wir alle hier kennen Frau -Johns Kind und das, was Sie da haben, ist ein anderes! -Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach -Adam Riese unter gar keinen Umständen zutreffend -sein! — Übrigens wär mir’s jetzt lieb, Herr Schierke, -Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich könnte -hier meinen Unterricht fortsetzen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit -ihren Anhang rin. Nämlich das Kind ist jestohlen -worden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Schon jut! — (<span class="d">Unbeirrt zum Direktor.</span>) — Und es soll -ja, wie’t heeßt, von Vaters Seite, blaublütig sind. -Die Knobbe meent ja, et is ’n Komplott von Feinde, -weil man ihr die Rente un womeglich Kadettenerziehung -in ’ne jewisse Jejend nich jennen dut. — -(<span class="d">Es wird mit Fäusten an die Tür geschlagen.</span>) — Det is -de Knobbe. Da is se schonn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen -die Leute bei mir ein und erleide ich eine Schädigung, -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -so wende ich mich an den Polizeipräsidenten: ich bin -mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht, liebe -Kinder, ihr seid meine Kronzeugen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span><br /> -<span class="d">an der Tür.</span> -</p> - -<p> -Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich. -</p> - -<p class="d"> -Ein kleiner Janhagel heult auf. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah -kommen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die -Bibliothek hinein. — (<span class="d">Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke -und das Kind in die Bibliothek.</span>) — Und jetzt, Herr -Schierke, wollen wir meinethalben diese Megäre da -draußen herein lassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span><br /> -<span class="d">der die Tür ein wenig öffnet.</span> -</p> - -<p> -So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin. -</p> - -<p class="d"> -Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte -Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette. -Ihr Gesicht trägt die Stigmata der Straße, -zeugt aber übrigens nicht von schlechter Abkunft. Ihre -Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie redet mit Affektation, -ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">indem sie hereingesegelt kommt.</span> -</p> - -<p> -Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor. -Vorwiegend sind es kleine Jungens und kleine Mädchen, -da ich kinderlieb bin, wie Sie wissen, die mit mir -gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier -eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich -zwei Frauen mit meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen. -Ich suche mein Söhnchen, genannt Helfgott -Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung -verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Darum wollt’ ick och janz jehorsamst bitten, verstehn -Se mich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend.</span> -</p> - -<p> -Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen -gewissen Lärm erregt. Man überblickt von da aus die -Fenster, und ich habe mich bei den Leuten erkundigt, -bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock, -bei der kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster -im dritten Stock, ob meine Selma mit meinem Söhnchen -etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal zu -erregen. — Sie müssen wissen, Herr Direktor — ich -weiß sehr wohl, daß ich hier unter den Augen eines -Mannes von Bedeutung, ja, eines berühmten Mannes -bin! — Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott Gundofried -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! — -(<span class="d">Mit schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die -Augen führend.</span>) — Ich bin eine arme, vom Schicksal -verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken ist und die -bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht -langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die -letzte Hoffnung nun auch rauben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen, -meinen ehrlichen Namen abzulegen. Ich -habe dann in Paris gelebt und schließlich einen brutalen -Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen -Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken -hatte, in meinen Angelegenheiten dadurch gebessert zu -sein. O diese Schurken von Männern, Herr Direktor!! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span> -</p> - -<p> -Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich -mal wieder einem Manne von Bildung und Geist in -die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen eine -Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -die „Gräfin“, und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen -Jugend war ich nicht weit entfernt davon! Eine Zeitlang -war ich auch Schauspielerin! Wie sagte ich: eine -Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner -Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden -zu sein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Na wer weeß och. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">mit Emphase.</span> -</p> - -<p> -Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden -klingt, wenn ich sage, wie ich eines Nachts im tiefsten -Abgrunde meiner Schande einen Vetter, einen -Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts -auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch, -seit mich mein adelstolzer Herr Vater verstieß, -nachdem ich als junges Ding einen Fall getan hatte. -O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit, -welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich -bin ein zertretener Wurm, Herr Direktor, und doch, -dorthin, nach diesem glänzenden Elend, sehne ich mich -nicht eine Sekunde zurück. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Nun woll’n wir jefälligst zur Sache kommen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen -Sie zunächst mal die Dame nicht — (<span class="d">zur -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -Knobbe</span>) — Sie hatten von Ihrem Vetter gesprochen. -Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span> -</p> - -<p> -Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte -mich, und wir feierten schmerzlich selige Stunden alter -Erinnerung. In seiner Begleitung befand sich — ich -nenne den Namen nicht! — ein blutjunger Leutnant. -Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig. -Herr Direktor, ich habe die Scham verlernt! -man hat mich neulich sogar aus einer Kirche herausgewiesen: -warum soll eine so zertretene, entehrte, verlassene, -mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht -offen bekennen, daß er der Vater meines Helfgott -Gundofried geworden ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span> -</p> - -<p> -Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich -meine Feinde mächtig sind und jedwedes Mittel -in der Hand haben, ich bin noch nicht ganz überzeugt -davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von -den Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie -würden erstaunen, Träger eines der ältesten und berühmtesten -Namens und Geschlechtes sind. Adieu! -Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten, -denken Sie nicht, mein besseres Fühlen ist in dem -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -Sumpfe total erstickt, in den ich mich stürzen muß. -Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit -dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier — (<span class="d">sie -weist ihren nackten Arm vor</span>) — vergessen! Betäubung! -Ich verschaffe es mir mittels Chloral, mittels -Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen. -Warum nicht? wem bin ich verantwortlich? -Einst wurde meine geliebte Mama meinetwegen von -meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam -meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine -englische Miß rissen sich, weil jede behauptete, daß ich -sie mehr liebte, in der Wut gegenseitig die Chignons -vom Kopf. Jetzt ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier -Leute nich Freiheit berauben. — (<span class="d">Er öffnet die Bibliothekstür.</span>) -— Jetzt sagen Se, ob det hier Ihr Kindeken -is. -</p> - -<p class="d"> -Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau -Knobbe anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem -Kinde folgt. Schierke nimmt das Tuch von dem Kindchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen? -Bin ick Zijeuner? Sollen wohl Kinder stehlen in Häuser -jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich schön -hüten! Hab’ selber für mich und mein Kind kaum Essen -jenug! Wer ’rumjehn, wer fremde Kinder auflesen -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -und jroß füttern, wo eijnes mir schon jenug Kummer -und Ärjer macht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann -schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf -ihr Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund -und Nase und saugt den Duft des Parfüms, um nicht -ohnmächtig zu werden. Hierauf glotzt sie wie vorher.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das -Mädchen behauptet, daß sie selbst und nicht Sie, Frau -Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr -in den Arm.</span> -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Det jibt’s nich! Det is hier nich Kindererziehung! -Det machen Se, wenn Se unter sich in de Kinderstube -alleene sind! — Die Hauptsache bleibt, wen jehert hier -det Kind? — Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete -Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier -reenste Wahrheit sachen! So! Is et Ihret? oder ’n -fremdet Kind? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br /> -<span class="d">bricht los.</span> -</p> - -<p> -Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei -Jesus Christus, Vater, Sohn und heiliger Geist, daß -ich Mutter von diesem Kinde bin. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span> -</p> - -<p> -Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! — Es mag -meinethalben ein Fall von den allerverwickeltsten Umständen -sein! Sie schwören dabei vielleicht vollständig -gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß zugeben: -jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen -sein — ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der -Nähe das Kind betrachtet.</span> -</p> - -<p> -Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Kielbacke</span><br /> -<span class="d">weinerlich, entsetzt.</span> -</p> - -<p> -Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin -im Zimmer jewesen bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Wat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wie? — (<span class="d">Er tritt energisch näher und betrachtet einige -Zeit ebenfalls das Kind.</span>) — Das Kindchen ist tot! Das -ist ohne Frage! — Hier ist ohne Zweifel einer gewesen, -unsichtbar, der über das unbeteiligte arme, kleine -Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen -hat. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br /> -<span class="d">versteht nicht.</span> -</p> - -<p> -Wat jiebt denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Ruhe! — Komm Sie mit. -</p> - -<p class="d"> -Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie -steckt ihr Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust -röchelt es. Schierke, die Kielbacke mit dem toten Kinde, -gefolgt von Frau Knobbe und der Piperkarcka ab. Man -hört Gemurmel auf dem Flur. -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden -die Tür verschlossen hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Sic eunt fata hominum.</span> Erfinden Sie so was mal, -guter Spitta. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Vierter Akt -</h2> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten -Akt. Es ist früh gegen acht Uhr Sonntags. -</p> - -<p class="d1"> -Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem -Verschlage. Man kann aus seinem Planschen und Prusten -entnehmen, daß er bei der Morgenwäsche ist. Quaquaro -ist eben eingetreten und hat die Klinke der Flurtür in der -Hand. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">hinterm Verschlag.</span> -</p> - -<p> -Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen -bei meine verheirate Schwester in Hangelsberg. Will -aber heut morchen noch wiederkomm. — (<span class="d">John erscheint, -sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.</span>) -Schen juten Morchen, Emil. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Morchen, Paul. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na wat jibt et Neies? Ick bin vor ’ne halbe Stunde -erst von de Bahn aus Hamburch jekomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">aufgeräumt.</span> -</p> - -<p> -Na ja, Emil, du bist eben so ’n richticher Zerberus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det -Kleene in Hangelsberg? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. -Wiste wat von ehr? Miete hat se doch woll richtich -abjeführt. Ibrigens kann ick jleich kindigen, Emil. -Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober. -Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus -det olle wacklige Staatsjebäude raus und in ’ne beßre -Jejend ziehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Nach Altona wiste nu nich mehr zurick? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick -jeh nich mehr auswärts! Nich in die Hand! — Schon -erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken! und denn -och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och -all nich mehr recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et -is jut so, det ma det ewiche Wanderleben zu Ende is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">gut gelaunt.</span> -</p> - -<p> -Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? -Ick ha zum Meester jesacht: ick bin jung verheirat! -Denn hat er jefracht, ob meine erschte Frau jestorben is? -O konträr! Janz in’t Jejenteil, hab’ ick jeantwort: -die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch -’ne quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! — Wie -ick heute Morchen, Berlin—Hamburg—Stendal—Ültzen -zum letztenmal uf’n Lehrter Bahnhof mit mein -janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab’ -ick ’n lieben Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, -mit een Seufzer jedankt. Er wird ihm wohl bei den -Lärm uf’n Lehrter nich jehert haben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes -och wieder mit Dot abjejang is? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber -wenn et dot is, denn is et doch jut, Emil. Als ick det -Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo Krämpfe hatte -und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm -noch’n Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch -schon reichlich reif for’t Himmelreich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich -jehert, wie und wo det Kindchen zu Dode jekomm is? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nee! — (<span class="d">Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem -Sofa hervor.</span>) — Wart ma! ick brenne mir erst ma ’ne -Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat jehert haben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir -nischt von jeschrieben hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit -det mir ’n eegnet Kind haben, bei Muttern uf eema -wie abjeschnappt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span><br /> -<span class="d">lauernd.</span> -</p> - -<p> -Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne ’n -Sohn haben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For -wat rackert eens denn? For wat schind ick mir denn? -Det is doch wat anders, wenn ’n scheenet rundet Stück -Jeld for’n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart -bleiben dut. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Weeste denn nich, det ’n fremdet Mächen jekomm is, -Paul, und hat behauptet, det det Kind von de Knobbe -jar nich ihr eechnet, sondern det Kind von det fremde -Mächen jewesen is? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn’t -Mutter wär! aber de Knobben doch nich. Sach ma, -Emil, wat is denn det for ’ne Jeschichte. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Na, nu, d’r eene sagt so, d’r andre sagt so. De Knobben -sagt, det von een Komplott mit Detektivs aus -jewisse Kreise det kleene Balch nachjestellt worden is. -Un det is nu ja och richtig janz festjestellt: et war det -Kind von de Knobben jewesen! — Kannst du mich -irgendeenen Wink jeben, wo de letzten Dache dein -Schwager is? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -I nee, durchaus nich wat der Mann von deine -Schwester, sondern von deine Frau der Bruder is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Da meenst du Brunon? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Jewiß doch. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher -drum, ob de Hunde noch immer bei Prellsteine jehn. -Von Brunon will ick weiter nischt wissen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf -Polizeistelle is bekannt, det Bruno mit det polnische -Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch machen wollte, -jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene -jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle -wegschwimmen, jemeinsam jesichtet is. Nu is det -Mächen janz jänzlich verschwunden. Weiter wat -Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von -Polizei wechen det Mächen suchen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt -hatte.</span> -</p> - -<p> -Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! — -Ick weeß nich, wat in mir jefahren hat, ick war so verjnügt -wie’n Eckensteher. Uf eemal is mich so kodderig -zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg -mechte un jar nischt weiter heren und sehn! — Wat -kommst de denn mir, Emil, mit so ’ne Jeschichten? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, -wo ja du un wohl ja och deine Frau auswärts -jewesen is, in deine Behausung jeschehn is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -In meine Behausung? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det -Knobbesche Jungchen in Kinderwachen hier rieberjeschoben, -wo et det fremde Frauenzimmer mit ihre -Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen -hat. Oben bei de Kammedienspieler is se ja -dann noch jlicklich jestellt worden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wat is se? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Und da haben sich och de Knobbe un det fremde -Mächen ieber det dote Kind bei de Haare jekricht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch -alle Ochenblicke hier mit Frauenzimmer een Jewürge -is. Laß se man kampeln! Mir is det jleichjiltig! Nämlich, -Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! -Det Mächen hat nämlich mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: -erstlich, det Wurm von de Knobbe, det wär ihr -Kind und det hätt’ se ausdricklich bei deine Frau, Paul, -in de Flege jejeben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">stutzt, lacht befreit.</span> -</p> - -<p> -Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden! -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Erich Spitta kommt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Guten Morgen, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Juten Morchen, Herr Spitta. — (<span class="d">Zu Quaquaro, der -noch in der geöffneten Tür steht.</span>) — ’S jut, Emil! Ick -wer mir wissen zu richten nach. -</p> - -<p class="d"> -Quaquaro ab. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">fährt fort.</span> -</p> - -<p> -Nu sehn Se ma so ’n Männeken, Herr Spitta! Mit -een Fuß steht er in’t Jefängnis, mit ’n andern is er -Liebkind beim Bezirkskommissar uf’t Polizeibüro! un -denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, -Herr John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! — (<span class="d">Er -öffnet die Flurtür.</span>) — Selma! — Entschuldjen Se mir -ma ’n Ojenblick. — Selma! — Ick muß ma det Mächen -wat aushorchen. -</p> - -<p class="d"> -Selma Knobbe kommt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">noch in der Tür.</span> -</p> - -<p> -Wat is? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Mach ma de Tir zu, komm ma ’n bißken ’rin! Un nu -sach mal, Mächen, wat det hier in de Stube mit dein -kleenet verstorbenet Briderchen und mit det fremde -Weibsbild jewesen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten -ist, jetzt sehr wortgewandt.</span> -</p> - -<p> -Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. -Ihre Frau war nicht da und da dacht ick, det hier -drieben, wo doch det Briderken sowieso krank war und -immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. -Nu kam een Herr un kam eene Dame un noch ’ne -Frau kam uf eemal hier rin. Und denn ha’m se det -Kindeken hier aus ’n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt -un mit fortjenomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und -se hätt’ et bei Muttern, als wie det meine Olle is, hätt’ -se’s, sagt se, in Flege jejeben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">lügt.</span> -</p> - -<p> -I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">schlägt auf den Tisch.</span> -</p> - -<p> -Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich -von dem Vorfall zwischen den beiden Frauen oben bei -Direktor Hassenreuter die Rede ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de -Knobben und de andere um det Würmchen jezerjelt -hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Allerdings. Das hab’ ich mit angesehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och -Schutzmann Schierke und meinswechen der lange -Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger verhören -dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt -sachen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -’N Polizeileitnam hat dir ausjefracht? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">knutscht.</span> -</p> - -<p> -Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et -Leute anjezeicht un jelogen haben, det unser Kindeken -vahungert is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Ach! so! — Na Selma, jeh, laß ma ’n Kaffee durchlofen. -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John -zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den -Zirkel und zieht dann mit der Schiene einige Linien. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">mit Überwindung.</span> -</p> - -<p> -Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr -John. Mir hat jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen -Sicherheit mitunter kleine Beträge an Studenten geliehen. -Ich bin nämlich in Verlegenheit. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr -Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein -Geld schaffe, werden meine paar Bücher und Habseligkeiten -von meiner Zimmerwirtin mit Beschlag belegt -und man setzt mich eigentlich auf die Straße. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber -nicht Pastor werden mag, habe ich gestern abend einen -furchtbaren Krach mit meinem Vater gehabt. Ich -werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">arbeitend.</span> -</p> - -<p> -Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu -oder ’n Hals breche. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr -John. Geh ich aber zugrunde, so ist mir’s auch gleichgültig. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for -ausjehungerte arme Ludersch sind. Aber keener will -wat Reelles anfassen. — (<span class="d">Ferner Donner. John blickt -durchs Fenster.</span>) — Heute wird schwule. Et donnert -schon. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, -daß ich etwas Reelles nicht anfassen möchte: Stunden -geben! für Geschäfte Adressen schreiben! Ich habe das -alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem -anderen Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte -um die Ohren geschlagen. Dabei hab’ ich gebüffelt und -Bücher gewälzt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer -instellen! Wie ick so alt war wie Sie, ha ick in Altona in -Akkord schon bis zwelf Mark täglich verdient. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det kennt man. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr -John. Vergessen Sie aber bitte nicht: Ihre Herrn -Bebel und Liebknecht sind auch Geistesarbeiter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man -wenigstens frühstücken. Allens sieht sich janz andersch -an, wenn det eener ’n Happenpappen jefrühstückt hat. -Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Nein, offen gestanden, heute noch nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na denn machen Se man det Se wat Warmes in -Leib kriechen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Das hat Zeit. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och -die Nacht uf de Bahn jelejen. — (<span class="d">Zu Selma, die ein -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt hat.</span>) — Bring -ma schnell noch ’ne Tasse ran. -</p> - -<p class="d"> -Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel -ein und trinkt Kaffee. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">der noch nicht Platz nimmt.</span> -</p> - -<p> -Eine Sommernacht bringt man doch lieber im -Freien zu, wenn man im übrigen doch nicht schlafen -kann. Und ich habe nicht eine Minute geschlafen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut -schlafen kann! Wer in Dalles is, hat och in Freien -de meeste Jesellschaft. — (<span class="d">Er vergißt plötzlich zu kauen.</span>) -— Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie -det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det -se hier aus de Stube jeholt hat, jewesen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Ick weeß nich, det frächt mich ’n jeder, frächt mir -Mama jetzt ’n lieben langen Dach! ob ick Brunon -Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer oben uf’n -Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! -Wenn det so fortjeht ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">energisch.</span> -</p> - -<p> -Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr -und det Freilein dir dein Brüderken aus’n Wachen -jenommen hat? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene -Wäsche. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">faßt Selma beim Handgelenk.</span> -</p> - -<p> -Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine -Mutter jehn. -</p> - -<p class="d"> -John mit Selma an der Hand ab. -</p> - -<p class="d"> -Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück -her. Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer -Eile und sehr aufgeregt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Bist du allein? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der -allergrößten Schlauheit, mit der allergrößten Entschlossenheit, -mit der allergrößten Rücksichtslosigkeit, -komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine -jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das -Dienstmädchen! Ich sagte aber zu Mama, wenn sie -mich nicht durch das Entree hinausließen, so möchten -sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei -Stock hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Ich fliege. Ich bin mehr tot wie lebendig. Aber ich -bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem Vater, -Erich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber -fressen wie weiland der verlorene Sohn, und ich möchte -mir ja nicht einfallen lassen, als Luftspringer oder -Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals -wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu -wollen. Für Gesindel öffne sich seine Haustür nicht. -Ich werd’s verwinden! Nur meine arme gute Mutter -bedaure ich. — Du kannst dir nicht denken, mit welchem -abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und -alles, was mit dem Theater zusammenhängt, geladen -ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm nicht stark genug. -Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein -der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der -sich denken läßt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen -ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, -mit welchen grauenvollen Ausdrücken mich Papa -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -in der Wut überschüttet hat, und ich mußte zu allem -stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das -hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral -stumm und hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt’ -ich es auch: doch ich schämte mich so entsetzlich für ihn! -Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht, Erich! Mama -mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen. -Er hat mich acht oder neun Stunden lang -in den finsteren Alkoven eingesperrt, um meinen Trotz -zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das gelingt ihm -nicht, Erich! Er bricht ihn nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">nimmt Walburga in den Arm.</span> -</p> - -<p> -Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich -erst, was ich an dir besitze! weiß ich erst, was für ein -Schatz du eigentlich bist. — (<span class="d">heiß</span>) — Und wie schön du -aussiehst, Walburga. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Nicht! Nicht! — Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es -doch nichts. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh -mal, ein Mensch wie ich, in dem es gärt und der was -Besonderes, Dunkles, Großes will, was er einstweilen -noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit zwanzig -Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -lästig und lächerlich. Aber glaub’ mir: einst wird das -anders werden. In uns liegen die Keime. Der Boden -lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch unterirdisch, -die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die -Zeit muß kommen, da wird die ganze weite, schöne -Welt unser sein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater -auch von der Leber weg die Anklage des Verbrechens -an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert. Das -hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: -von einer Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse -er nichts. Sie existiere in seiner Seele nicht und, wie -es den Anschein habe, werde auch bald sein Sohn -dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese -Diener des guten Hirten, der das verlorene Schaf -doppelt zärtlich in seine Arme nahm! O du lieber -Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen -Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber -als ich heut nacht bei Donnerrollen und Wetterleuchten -auf einer Bank im Tiergarten saß und gewisse Berliner -Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die -ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben -mir. Wie oft mag sie selbst im Leben Nächte hindurch -obdachlos auf solchen Bänken und vielleicht auf derselben -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer -Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung -darüber nachzudenken, wie triefend von Menschenliebe, -triefend von Christentum zweitausend Jahre nach -Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich manifestiert. -Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme -Dirne, die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten -geht, die von dem Drucke der Sünde der Welt -belastet ist, die arme Aussätzige und ihre fürchterliche -Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und -alles Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und -Entrechteten werfen wir mit in die Flamme hinein! -Und so soll die Schwester leben, Walburga, und soll -Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine -Seele beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei -der Welt nicht vermag. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb -sind deine Finger noch so eiskalt, und du siehst so entsetzlich -müde aus. Erich, du mußt mein Portemonnaie -nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere -dich! Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, -Erich! Erich, du darbst! Wenn du meine paar Groschen -nicht nimmst, verweigere ich zu Hause jede Nahrung! -bei Gott, ich tu’s! bis du vernünftig wirst. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">würgt Tränen <a id="corr-3"></a>hinunter. Muß sich setzen.</span> -</p> - -<p> -Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.</span> -</p> - -<p> -Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich -hier zu Frau John bestellt. Zu allem Unglück bekomme -ich gestern noch hier diese gerichtliche Vorladung. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.</span> -</p> - -<p> -Du? Und weshalb denn das, sag’ mal, Walburga. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen -auf dem Oberboden zusammenhängt. Aber es macht -mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das erfährt ... -ja, was tu ich dann? -</p> - -<p class="d"> -Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, -sehr gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">erschrocken, mißtrauisch, halblaut.</span> -</p> - -<p> -Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? -Ick war eben ma ’n bißken mit det Kindken uf de Jasse -jejangn. -</p> - -<p class="d"> -Sie trägt das Kind hinter den Verschlag. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung -mit Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. -Sie hat nämlich, wahrscheinlich wegen der gestohlenen -Sachen, Sie wissen ja, auf dem Oberboden, eine gerichtliche -Vorladung. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">tritt aus dem Verschlage.</span> -</p> - -<p> -Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein -Walburga? Na, denn nehm sich in Obacht! Ick spaße -nich! un phantasieren Se womeglich von schwarzen -Mann. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">zur häuslichen Beschäftigung übergehend.</span> -</p> - -<p> -Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie -vor’t Hallesche Tor der Blitz heute morchen Mann, -Frau und ’n Mächen von sieben unter eene hohe -Pappel erschlagen hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Nein, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Et pladdert schon wieder. -</p> - -<p class="d"> -Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">ängstlich.</span> -</p> - -<p> -Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">lauter und lauter werdend.</span> -</p> - -<p> -Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher -noch jesprochen, wo nachher von Blitze erschlachen -is. Die hat jesacht — nu hern Se ma zu, Herr Spitta -.... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen -legt und raus in die warme Sonne rickt — det muß -aber Sommersonne und Mittagssonne sind, Herr -Spitta! — det zieht Atem! det schreit! det is wieder -lebendig! — Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit -meine Ochen jesehn. -</p> - -<p class="d"> -Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne -scheinbar mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen -Leute zu wissen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Du, die John ist unheimlich, komm! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">noch lauter.</span> -</p> - -<p> -Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? -Denn kann Mutter kommen und nehmen. Denn muß -et jleich Brust kriejen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Adieu, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">noch lauter.</span> -</p> - -<p class="d"> -Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis -zur Tür. -</p> - -<p> -Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr -Spitta. -</p> - -<p class="d"> -Spitta und Walburga ab. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.</span> -</p> - -<p> -Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, -wo ick entdeckt habe, nischt. -</p> - -<p class="d"> -Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von -wat for’n Jeheimnis sprichst du denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.</span> -</p> - -<p> -Ick? — Ha ick denn von ’n Jeheimnis jesprochen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste -nu ’n Jeist oder bistes wirklich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">befremdet, ängstlich.</span> -</p> - -<p> -Woso soll ick ’n Jeist sind? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.</span> -</p> - -<p> -Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich -deswechen, det de nu wieder mit dein Patenjeschenk -bei mich bist! — (<span class="d">Er geht hinter den Verschlag.</span>) — Et -sieht aber ’n bißken miserich aus, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen -uf’n Lande de Kühe schon jrienet Futter kriejen. Hier -von de vereinichte Molkerei ha ick wieder welche, wo -trocken jefüttert is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">erscheint wieder.</span> -</p> - -<p> -Ick sag’s ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn -und raus aus de Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt -is an allerjesindsten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -In Altona, Jette, is och nu allet in’t reene jebracht. -Jejen Mittag treff’ ick mit Karln zusamm, und denn -will er mir sachen, wenn ick beim neuen Meester antreten -kann! — Hör ma: ick ha och wat mitjebracht. -</p> - -<p class="d"> -Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche -nimmt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in -Berlin manchma immer ’n bißken zu stille is! — Horch -ma, wie’t kräht. — (<span class="d">Man hört das Kindchen allerlei vergnügte -Geräusche machen.</span>) — Nee Mutter, wenn so ’n -Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Haste schonn jemand jesprochen, Paul? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nee! — Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron -jesprochen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">scheu, gespannt.</span> -</p> - -<p> -Nu? und? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Wat hat er jesacht? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wat soll er jesacht haben? — Na, wenn de schon -keene Ruhe jeben dust — wat soll det nitzen an Sonntag -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -morchen? — er hat mir ma wieder nach Brunon -jefracht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hastig, bleich.</span> -</p> - -<p> -Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jar nischt! — Hier, komm und trink ’n Schluck -Kaffee, Jette, und ärjer dir nich! — Wat kannst de dafür, -wenn eener so ’n sauberet Brüderken hat? — Wat -brauchen wir uns um andre bekimmern? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det mecht ick wissen, wat so ’ne olle dußliche Dromlade, -wo ’n janzen Tag spionieren dut, immer von -Brunon zu quasseln hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! — — — -Sieh ma ... i wat denn? ... lieber nich! ... Aber -wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det soll mir -nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof, -haste nich jesehn! ma’n schnellet Ende is. — -(<span class="d">Frau John läßt sich am Tisch nieder, wird grau im Gesicht, -stützt sich auf beide Ellenbogen und atmet schwer.</span>) — Vielleicht -och nich! nimm et dir man nich jleich so zu -Herzen! — — Wat macht denn de Schwester? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick weeß et nich. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">sieht ihn geistesabwesend an.</span> -</p> - -<p> -Wo bin ick jewesen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de -schudderst ja! bein Arzt und bein Doktor wiste nich -hinjehn! womeglich det de noch nachträglich zum -Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">fällt ihrem Mann um den Hals.</span> -</p> - -<p> -Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, -sach et! sach et bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! -Sach et! Fihr mir nich hinters Licht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wat is mit dich heute los, Henerjette? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">plötzlich verändert.</span> -</p> - -<p> -Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick -ha wieder die Nacht keene Ruhe jehat! Und denn war -ick früh uf, und denn is et nich anders, als wie det ick -’n bißken von Kräfte bin. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Denn leg dir man lang und ruh dir ’n bißken. — -(<span class="d">Frau John wirft sich lang auf das Sofa und starrt gegen -die Decke.</span>) — Kannst dir dann och ma ’n bißken kämmen, -Jette! — — Uf de Bahn war et wohl sehr staubig -jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert -bist? — — — (<span class="d">Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen -die Decke.</span>) — Ick muß ma det Bengelchen ’n bißken -an’t Licht holen. -</p> - -<p class="d"> -Er begibt sich hinter den Verschlag. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wie lange sind wir verheirat, Paul? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:</span> -</p> - -<p> -Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich -wie ick bin aus’n Kriege jekomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nich, denn kamst de zu Vater hin? — und denn hast -de in Positur jestanden? — und denn hast de’t eiserne -Kreuz an de linke Brust jehat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper -schwingend. Er sagt lustig:</span> -</p> - -<p> -Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn -de’t sehn willst, denn stech ick’s mir an. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">noch immer lang ausgestreckt.</span> -</p> - -<p> -Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: -ick sollte nich immer so fleißig ... nich immer so hin -und her, treppuf, treppab ... ick sollte ma ’n bißken -pomadich sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det sach ick so jut och heute noch, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt -und hast mir links hinter’t Ohr jeküßt! — Und denn ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Denn sind wir wohl einig jeworden? — -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee -apee von oben bis unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. -Und da ha ick noch anders ausjesehn! — Und -denn haste jesacht ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det -jlobt eener nich, wat du for’n Jedächtnis hast. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald ’n Jungen -krieje, der soll och ma „mit Jott für Kenig und Vaterland“ -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -und „Wacht am Rhein“ hinter de Fahne her zu -Felde ziehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">singt, über das Kindchen, zur Klapper.</span> -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Er blickt hinauf in Himmels Aun</p> - <p class="verse">wo Heldenväter niederschaun:</p> - <p class="verse">zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Nu ha ick so’n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig -jar nich so wilde druf, det ick ihm mechte womeglich -als Kanonenfutter in Krieg schicken. -</p> - -<p class="d"> -Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">wie vorher.</span> -</p> - -<p> -Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.</span> -</p> - -<p> -Janz so lange woll doch nich, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und -jingst mit mich und mein Kindeken jingst du fort nach -Amerika? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? -Bin ick denn hier von Jespenster umjeben? Du weeßt, -det ick uf’n Bau, und wenn de Arbeeter mit Klamotten -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, -wat se mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! -Aber nu: wat is det? De Sonne scheint! et is hellichter -Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich! Det -kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn -ick nach jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, -wat an die Jeschichte mit det fremde Mächen hier in -de Stube Wahret is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar -nich mehr wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst -Augen, wie wennste jerädert bist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">verändert.</span> -</p> - -<p> -Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? -wo ick in mein Käfiche sitzen muß und keen Mensch -nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet Mal hab’ -ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer -rackern du? warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam -zusammenscharre, dein Verdienst jut anleche und -wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du. -Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? -Paul, du hast mir zujrunde jerichtet! -</p> - -<p class="d"> -Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus. -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke -eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder -an der Mütze und einen großen Fliederzweig in der Hand. -John trommelt ans Fenster und bemerkt ihn nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins -Auge gefaßt.</span> -</p> - -<p> -Bruno, bist du’s? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.</span> -</p> - -<p> -Na jewiß doch, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wo kommst de denn her? Wat wiste denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det -siehste doch, det ick bei jute Laune bin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche -Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er -langsam zu einem kleinen Schrank und zieht einen alten -Kommißrevolver hervor, den er ladet. Dies wird von Frau -John nicht beobachtet.</span> -</p> - -<p> -Du! — Hör ma! — Nu will ick dir ma wat sachen! — -Wat, wat de vielleicht verjessen hast — det de weiter -nu keene Ausrede hast, wenn ick det Dinges hier uf -dir abdricke! — Du Lump! Unter Menschen jeherst -du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -det war vorichten Herbst, wo du mich jemals wieder -uf meine Schwelle unter de Auchen trittst — Nu jeh! -sonst kracht et! — Hast de verstanden? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Vor deine Musspritze furcht ick mir nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den -Revolver langsam gegen Bruno erhebt.</span> -</p> - -<p> -Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder! -</p> - -<p class="d"> -Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen -sie gerichtet ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.</span> -</p> - -<p> -Jut! — (<span class="d">Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das -Schränkchen.</span>) — Hast och recht, Jette! — Pfui Deibel, -Jette, det dein Name och in de Fresse von so ’n Schubiack -is! — Jut! — Det Pulver wär och zu schade! — -Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter -jekost! Zwee Helden! — Nu soll et am Ende Dreck -saufen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel -ist! Und wenn du nich jerade, det de bei meine Schwester -uf Schlafstelle wärscht, denn hätt’ ick dir woll ma wat -Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache -’t Loofen jekricht. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">gewaltsam ruhig.</span> -</p> - -<p> -Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul, jeh man, ick wer’ ihm schon wieder fortschaffen! -Det weeßt de doch, det ick et nu ma doch nich ändern -kann, det Bruno von mich der Bruder is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. -— (<span class="d">Er ist fertig gekleidet und schickt sich zum Gehen an. -Dicht bei Bruno steht er still.</span>) — Schuft! du hast deinem -Vater im Jrabe jeärgert! Deine Schwester hätte dir -sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen, statt -jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf -de Erde is. In eene halbe Stunde komm ick zurück! -aber nich alleene! Ick komm mit’n Wachmeester! -</p> - -<p class="d"> -John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend. -</p> - -<p class="d"> -Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm -nach, gegen die Eingangstür. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">verschließt und verriegelt die Flurtür.</span> -</p> - -<p> -Wacht ma, ick schließe die Diere zu! — Nanu, wat is? -— Wo kommste her? Wo biste jewesen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa’ -ick ’n bißken jejen Morchenjrauen in’t Jrüne jejang. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn -nimm dir in Obacht, det de nich in de Falle sitzt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -I Jott bewahre. Ick bin ieber’n Hof, denn bei mein -Freind durch’n Knochenkeller und hernach ieber’n -Oberboden rinjekomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na? Und wat is nu jewesen, Bruno? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, -oder ick muß abtippeln. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Und wat haste nu mit det Mächen jemacht? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -I, et hat Rat jejeben, Jette! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat heeßt det? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Und det se nich wiederkommt is nu sicher! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! -Aber det wa keen leichtet Stick Arbeet, Jette. Du hast -mich mit deine verdammte Pillenkrajerei — ick ha -Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du -mir kochend heeß jemacht. -</p> - -<p class="d"> -Er trinkt eine Wasserflasche leer. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich -wollt se nischt wissen. Denn is Artur in feine Kluft -anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig verschleppt -in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is -se jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut! -</p> - -<p class="d"> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Er trällert und tänzelt krampfhaft. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Unser janzet Leben lang</p> - <p class="verse">von det eene Ristorang</p> - <p class="verse">in det andre Ristorang</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na und denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr -Breitjam jejangen is! Denn ha ick wollen ihr noch ’n -Stickchen bejleiten, Artur und Adolf sind mitjejang. -Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen, -und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch -und Schnäpse molum jeworn. Und denn hat se in’n -Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn seine -Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee -drei Jungs hinterher jewesen, nich losjelassen, immer -von frischen Quinten jemacht, und in de Schublade -is et ja nu och lustig zujejang. -</p> - -<p class="d"> -Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">fährt fort.</span> -</p> - -<p> -Aber ’t Jeld is futsch. Ick brauche Märker und -Pfenniche, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">kramt nach Geld.</span> -</p> - -<p> -Wieviel mußte haben? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">lauscht den Glocken.</span> -</p> - -<p> -Wat denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Jeld! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, -det ick an liebsten muß ieber de russische Jrenze jehn! — -Her ma, Jette, de Jlocken läuten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Nimm ma ’n nasses Handtuch, Jette, un du och ’n -bißken Essig druf. Ick weeß nich, wat mich det Nasenbluten -janze Nacht schon jeärjert hat. -</p> - -<p class="d"> -Er drückt sein Taschentuch an die Nase. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.</span> -</p> - -<p> -Wer hat dir an Handjelenk so ’ne Striemen jekratzt, -Bruno? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">lauscht den Glocken.</span> -</p> - -<p> -Heute morchen halb viere hätt’ se det Jlockenläuten -noch heren jekonnt. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann -ja nich menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, -Bruno! Bruno! ick muß mir setzen, Bruno. — -(<span class="d">Sie tut es.</span>) — Det hat ja Vater noch uf’n Sterbebette -zu mich vorausjesacht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu -Minnan hinjehst, denn sache, det ick ma och uf sowat -vastehe und det mit Karln und Fritzen det Jehänsel ’n -Ende hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Bruno, wenn se dir aber festsetzen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn -ha’m se uf Charité wieder ma wat zum Sezieren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">gibt ihm Geld.</span> -</p> - -<p> -Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Du bist ’ne olle vadrehte Person, Jette. — (<span class="d">Er faßt -sie nicht ohne Gemütsanwandlung.</span>) — Ihr sagt immer, -det ick zu jar nischt nitze bin, aber wenn’t jar nich mehr -jeht, denn braucht ihr mir, Jette. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det -se soll nich mehr blicken lassen? — Det haste jesollt, -Bruno. Haste det nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -De halbe Nacht hab’ ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir -uf de Straße jejang. Denn war ’n Herr mitjekomm, -vastehste! Und wie det ick jesacht habe, det ick von -meinswechen mit die Dame ’n Hihnchen zu pflicken -habe und ’n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, -hat er natierlich Reißaus jenomm. — Nu ha ick zu ihr -jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo jutwillig sind -und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei -meine Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet -janz jitlich in juten vereinigt sind! und denn is se mit -mich jejondelt ’n Sticksken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na und? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Na und? — Und da wollte se nich! — Und da fuhr -se mit eemal nach meine Jurjel, det ick denke ... wie -’n Beller, der toll jeworden is! und hat noch Saft in -de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll -alle werden! Na, und da ... da war ick nu och ’n bißken -frisch — und denn war et — denn war et halt so -jekomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">in Grauen versunken.</span> -</p> - -<p> -Um welche Zeit war et? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -So ’rum zwischen vier und drei. Der Mond hat ’n -jroßen Hof jehat. Uf’n Zimmerplatz hinter de Planken -is een Luder von Hund immer rufjesprung und -anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is ’n Jewitter -niederjejang. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">verändert, gefaßt.</span> -</p> - -<p> -’S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wo wiste denn hin? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf’n -Ricken liechen. Ick och! Ick jeh zu Fritzen, wo eene -Kammer in’t olle Polizeijefängnis jejenieber de Fischerbrücke -zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß -is, kannste mich Nachrich zukomm lassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wiste det Kindeken nochma ankieken? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span><br /> -<span class="d">zittert.</span> -</p> - -<p> -Nee. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Warum nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Bruno</span> -</p> - -<p> -Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! — -Wacht ma Jette: hier is noch ’n Hufeisen! — (<span class="d">Er legt -ein Hufeisen auf den Tisch.</span>) — Det ha ick jefunden! Det -bringt Glick! Ick brauche ihm nich. -</p> - -<p class="d"> -Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau -John blickt mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, -wo er verschwunden ist, wankt dann einige Schritte zurück, -preßt die wie zum Gebet verkrampften Hände gegen den -Mund und sinkt in sich zusammen, immer mit dem vergeblichen -Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu richten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det -wollt ick nich! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Fünfter Akt -</h2> - -<p class="first d1"> -<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">immer</span> bei Johns. -Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga und -Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der -Straße herauf laute Militärmusik. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Es ist niemand hier. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">mit Walburga an das Sofa tretend.</span> -</p> - -<p> -Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie -man bei diesem Lärm schlafen kann. — -</p> - -<p class="d"> -Die Militärmusik ist verklungen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst -du denn übrigens, weshalb unten am Eingang -Polizeiposten stehn und weshalb sie uns nicht auf die -Straße lassen? Ich hab’ eine solche furchtbare Angst, -daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache -muß. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns -anblickte und du ihn fragtest, wer er sei und er seine -Legitimationsmarke aus der Tasche nahm, wahrhaftig, -da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im -Kreise zu drehen an. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist -eben eine sogenannte Razzia, eine Art Kesseltreiben -auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie zuweilen -veranstalten muß. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich -habe Papa’ns Stimme gehört, der laut mit jemand -geredet hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.</span> -</p> - -<p> -Horch mal, die John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. -Komm mal, sieh mal das alte rostige Hufeisen, das sie -mit beiden Händen umklammert hat. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">horcht und erschrickt wieder.</span> -</p> - -<p> -Papa! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. -Die Hauptsache ist, daß man weiß, was man -will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich bin -bereit. Ich ersehne die Aussprache. -</p> - -<p class="d"> -Es wird laut an die Tür geklopft. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span><br /> -<span class="d">fest.</span> -</p> - -<p> -Herein! -</p> - -<p class="d"> -Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer -Atem. Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, -als sie ihrer Tochter ansichtig wird. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. — (<span class="d">Walburga -fliegt zitternd in ihre Arme.</span>) — Mädel, wie du -deine alte Mutter geängstet hast! — -</p> - -<p class="d"> -Längeres Atmen und Stillschweigen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt -man an eine Mutter nicht. Besonders an eine Mutter -wie mich nicht, Walburga! Hast du Seelensnöte, so -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und -Tat dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch -früher mal jung gewesen. Aber ins Wasser springen ... -ins Wasser springen und so dergleichen, mit solchen -Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch hoffentlich -recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie -seht ihr denn aus? — auf der Stelle kommt mit mir -beide nach Hause mit! — Was hat denn Frau John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! -Ich bin so froh, daß du da bist. Ich hab’ plötzlich eine -so lähmende Angst gehabt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von -Ihnen, Herr Spitta, und diesem Kinde solcher verzweifelter -Torheiten zu gewärtigen hat. Man hat Mut -in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, -wenn alles nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei -denen man nur — man lebt ja nur einmal! — zu verlieren -und nichts zu gewinnen hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa -als Lebensmüder feige zu endigen! außer wenn mir -Walburga verweigert wird. Dann freilich ist mein -Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine -Suppe hie und da in der Volksküche essen muß, untergräbt -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -meinen Glauben an mich und eine bessere Zukunft -nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es -muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und -schweren Stunden entschädigt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. -Es ist vielleicht nicht so schlimm, wenn ein Student -oder Kandidat in der Volksküche essen muß. Für Walburga -als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte -doch für euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher -wie ein eigner Herd mit dem nötigen Holz und der -nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im -übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand -für euch ausgewirkt. Es war nicht leicht und wäre -vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht die Morgenpost -seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor -in Straßburg gebracht hätte. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">freudig.</span> -</p> - -<p> -Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.</span> -</p> - -<p> -Bruno! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">entschuldigend.</span> -</p> - -<p> -Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Is Bruno wech? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wer? Welcher Bruno? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ha ick jeschlafen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, -Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... -ham Se jesehn, wo Jungs in Hof Adelbertchen sein -Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen, wat? -und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen -ausjeteilt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen -Kindchen geträumt, Frau John? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau -Direktor. Und denn jing ick mit Adelbertchen, jing ick -bein Standesbeamten hin. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben -ist ... wie können Sie denn ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, -denn is et jedennoch noch in de Mutter, und wenn es -meinswechen jestorben is, denn is et immer noch in -de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? -Der Mond hat’n jroßen Hof jehat! Bruno, -du jehst uf schlechte Weche. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">rüttelt Frau John.</span> -</p> - -<p> -Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau -John! Sie sind krank! Ihr Mann soll mit Ihnen zum -Arzte gehen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Bruno, du jehst uf schlechte Weche. — (<span class="d">Die Glocken -beginnen wieder zu läuten.</span>) — Sind det de Jlocken? — -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">erwacht völlig, starrt um sich.</span> -</p> - -<p> -Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir -denn in Schlaf nich mit de Axt iebern Kopp jehaut? -— — — — — — Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß zu -niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. — -</p> - -<p class="d"> -Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen -Haarnadeln. -</p> - -<p class="d"> -Der Direktor erscheint durch die Flurtür. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">stutzt beim Anblick der Seinigen.</span> -</p> - -<p> -Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des -Ibikus! — Sagten Sie nicht, es wohne hier ganz in -der Nähe ein Spediteur, Frau John? — (<span class="d">zu Walburga.</span>) -— Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen -Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf -dein Vergnügen denkst, ist dein Papa schon wieder -drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. — -(<span class="d">zu Spitta.</span>) — Sie würden es nicht so eilig haben, -junger Mann, eine Familie zu begründen, wenn Sie -auch nur die geringste Ahnung davon hätten, wie -schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit -Weib und Kind wenigstens nicht ohne das elende -und verschimmelte bißchen täglichen Brotes dazustehn. -Möge das Schicksal jeden davor bewahren, sich eines -Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert -zu finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an -Brust, in unterirdischen Löchern und Röhren, um das -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -nackte Leben für sich und die Seinen zu ringen. Gratuliert -mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. — -(<span class="d">Frau Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die -Hand.</span>) — Alles übrige findet sich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir -etwas zu vergeben, die Jahre einen heroischen Kampf -gekämpft. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken -im Wasser beginnt. Meine edlen Kostüme, gemacht, -um die Träume der Dichter zu veranschaulichen, in -welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden Leibern -haben sie nicht, <span class="antiqua">odi profanum vulgus!</span> damit nur der -Groschen Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte -zugebracht. Sessa! Wenden wir uns zu heiteren Bildern. -Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon -angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in -hoffentlich glücklichere Gefilde zu bewerkstelligen. — -(<span class="d">plötzlich zu Spitta.</span>) — Und daß ihr beide nicht etwa -aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten -macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter -Herr Spitta. Zur Kompensation verspreche ich Ihnen -jeder wirklich vernünftigen Äußerung Ihrerseits gegenüber -nicht taub zu sein. — Im übrigen komme ich zu -Frau John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen -niemanden auf die Straße lassen, ferner, -weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine -Wimpel wieder flattern, Gegenstand einer niederträchtigen -Zeitungskampagne geworden ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Dann wollen wir also <span class="antiqua">ab ovo</span> anfangen. Hier habe ich -Briefe, — (<span class="d">er zeigt einen Stoß Briefschaften</span>) — eins, -zwei, drei, fünf, zirka ein Dutzend Stück! Darin -wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu -einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf -meinem Magazinboden vor sich gegangen ist. Ich -würde die Sache nicht beachten, wenn nicht gleichzeitig -diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines -Maskenverleihers, <span class="antiqua">sic!</span> ... eines Maskenverleihers in -der Vorstadt ein neugeborenes Kindchen gefunden -worden ist! ... Ich sage, wenn diese Lokalnotiz mich -nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich’s hier um -eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht -auf mir sitzen lassen. Besonders da dieser Lümmel von -einem Reporter von dem Herrn Maskenverleiher auch -noch als einem verkrachten Schmierendirektor spricht. -Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl -bekommt Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung -in Straßburg durch die Zeitungen gehn und gleichzeitig -werde ich <span class="antiqua">urbi et orbi</span> als humoristischer Bissen ausgeliefert. -Als ob man nicht wüßte, daß von allen -Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der -Witfrau Knobbe ins Stocken gekommen ist. Man läßt -sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen Kerl von -der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat wär’ denn det for’n Kinderbejängnis? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, -das auf eine mysteriöse Weise von zwei fremden Weibsbildern -zu mir heraufgebracht wurde und förmlich unter -meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben -ist. A propos ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det Kind von de Knobbe is jestorben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -A propos, Frau John, wollt’ ich sagen, Sie sollten -doch eigentlich wissen, wie die Sache mit den beiden -übergeschnappten Frauenspersonen, die sich des Kindchens -bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich -nich Adelbertchen erwischt haben und det nich -mein Adelbertchen mit Dot abjejang is? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen -habe ich mich schon gefragt, ob nicht die wirren Reden -des polnischen Mädchens, der Kleiderdiebstahl auf -meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro -im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz -zusammenzubringen sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. -Haben Se Pauln jesehn, Herr Direkter? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, -wenn ich recht gesehen habe, im Gespräch mit dem -fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des Diebstahls -auch schon mal bei mir gewesen ist. -</p> - -<p class="d"> -Maurerpolier John tritt ein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat denn? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche -von Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als -Belohnung for Denungsiation is bekannt jejeben? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Woso denn? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute -und Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn -in Jange? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen -von de Leidtrajenden, wat richtig dufte Kunden sind, -festjenomm! jawoll! Det is nu so weit, Herr Direktor! -Ick bin nu’n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, -wo een Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte -und Mordkommission, weil er draußen, nich weit -von de Spree unter een Fliederstrauch eene hat umjebracht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha -neilich schonn jesacht, wat det for’ne Sorte Bruder -is. — (<span class="d">Er bemerkt und nimmt einen Fliederstrauch vom -Tisch.</span>) — Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is -hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo -ihm, Hände und Füße jebunden, an der Jerechtigkeet -ausliefern dut. -</p> - -<p class="d"> -Er sucht den Raum ab. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. -Jerechtigkeet is noch nich ma oben in Himmel. Keen -Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha ick -von Hangelsberg mitjebracht, wo’n jroßer Strauch -hinter’n Hause bei deine Schwester is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. -Det hat mich Quaquaro ja ebent jesacht! det ham se -uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir jesehn bei de -Spree in de Anlachen ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Lieche! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Und och in de Laubenkolonie wo du in ’ne Laube -jenächtigt hast. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz -und kleen demolieren? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is -det mit uns weiter keen Verstecken! Det ha ick allens -vorausjewußt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">mit Spannung.</span> -</p> - -<p> -Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das -neulich wie eine Löwin um das Knobbesche Kindchen -gestritten hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. -Und det sach ick so hin, ohne det mir de Zunge -in Maule absterben dut: det Mächen hat Bruno -Mechelke ums Leben jebracht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">schnell.</span> -</p> - -<p> -Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war -meine Angst, deshalb bin ick schonn lieber jar nich zu -Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit so’ne -Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich -abzuschütteln. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Kommt Kinder! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Warum denn? Immer bleiben Se man. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle -Welt uf de Jasse schrein! Det is schlimm jenug, wenn -uns Schicksal mit so’n Unjlück jetroffen hat. Plärr! -aber dann siehste mir bald nich mehr wieder. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer’t wissen will von -de Jasse, von Flur, dem Tischler vom Hof, de Jungs, -de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde jehn, die -ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre -Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, -ist heute tatsächlich tot, Herr John? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se -hibsch oder häßlich jewesen is. Aber det se in Schauhaus -liecht, det is sicher. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet -Weibstick is et jewesen! Wo mit Kerle hat -abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat von -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten -in Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se ’t holen -jekomm mit de Kielbacke, wo als Engelmachersche schon -ma anderthalb Jahre Plötzensee abjesessen hat. Ob se -mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det wissen? -Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det -allens ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen -verbrochen hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau -John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick -sache bloß, wat’n jeder, wie’n jeder von det Mächen -jeäußert hat. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter -Mann, Herr John. Die Sache mit Ihrem mißratenen -Schwager und Bruder ist schließlich etwas, was meinethalben -eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben -doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... -aber bleiben Sie ehrlich ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Nich in de Hand! In so’ne Nähe, bei solchet Jesindel -bleib ick nich. — (<span class="d">Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, -klopft an die Wände, stampft auf den Fußboden.</span>) — Horchen -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete -runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! -Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, -von Ratten und Mäuse zerfressen! — (<span class="d">Er -wippt auf der Diele.</span>) — Allens schwankt! Allens kann -jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. — (<span class="d">Er öffnet -die Tür.</span>) — Selma! Selma! — Hier mach ick mir fort, -eh’ det allens een Schutthaufen drunter und drieber -zusammenbricht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Wat wißte mit Selma? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und -det Kind und bringe mein Kind zu meine Schwester. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Soll mein Kind in so’ne Umjebung jroßwachsen, -womeglich det ma wie Bruno ieber Dächer jehetzt und -det och ma womeglich in Zuchthaus endet? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">schreit ihn an.</span> -</p> - -<p> -Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher -Mann nich Herr sollte sind ieber sein eechnet Kind, wo -Mutter nich bei Verstande is und in de Hände von -Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is -un wer stärker is! Selma! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, -se wollen eene Mutter ihr Kind rauben! Det is mein -Recht, det ick Mutter von mein Kindeken bin! Det -is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter? -Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! -Soll mir det nich jeheren, wat ick vor Wegwurf -ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen hat und -wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis -bisken Atem jeholt und langsam lebendig geworden -is? Wo ick nich war, det wäre schonn vor drei Wochen -längst in de Erde verscharrt jewesen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann -spielen ist meine Sache im allgemeinen nicht. Dazu -ist dies Geschäft zu undankbar und man macht dabei -meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem -zweifellos mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht -zu Übereilungen hinreißen lassen. Denn schließlich ist -doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders nicht verantwortlich. -Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -nicht das Unglück schlimmer durch eine überflüssige -Härte, die Ihre Frau aufs empfindlichste kränken muß. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! -Det Kind is mit meinen Blute erkoft. Nich jenug, alle -Welt is hinter mich her und will et mich abjagen! -Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det -is der Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige -Welfe umjeben bin. Mir kannste dot machen! mein -Kindeken soßte nich anfassen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut -morchen erst mit mein ganzes Zeug quietschverjnügt -von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens abjebrochen. -Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, -wißt lieber bei deine Familie sind! Bißken Kind uf’n -Arm nehmen! Bißken Kind uf’n Knie nehmen! Det -war unjefähr so meine Inbildung ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul! Hier Paul! — (<span class="d">Sie tritt ihm ganz nahe.</span>) — -Reiß mir det Herz aus’n Leibe! — -</p> - -<p class="d"> -Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, -wo man sie laut weinen hört. -</p> - -<p class="d"> -Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und -einen kleinen Grabkranz in der Hand. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de -kannst mit mir jehn zu meine Schwester nach Hangelsberg. -Kannst dir’n Jroschen Jeld bei verdienen. -Nimmst mein Kindeken uf’n Arm und bejleitest mir. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Woso nich? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so’ne Angst, -so hat mir Mama und Polizeileutnam anjeschrien. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">erscheint.</span> -</p> - -<p> -I, weshalb ham se dir anjeschrien? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">heult los.</span> -</p> - -<p> -Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -I, dem wer’ ick nochma ... det soll der nochma -versuchen. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche -Mächen hat mein Brüderken wegjenomm. Hätt ick -jewußt, det mein Brüderken sterben soll, ick hätt’ ihr -ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen -in Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe -jekricht und liecht bei Quaquaron hinten in Alkoven. -Mir wolln se in Firsorche schaffen, Frau John. — -</p> - -<p class="d"> -Sie flennt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Denn freu’ dir! Schlimmer kann et nich komm, als -et bei dich zu Hause is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Ick komm vor Jericht! womeglich wer’ Moabit -jeschafft. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Woso det? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche -Freilein jeboren hat, von Oberboden runter bei Sie, -Frau John, in de Wohnung jetrachen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Jewiß. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Auf welchem Boden? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich -an? Wat soll ick von wissen? Ick kann bloß sachen ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast’n reenet -Jewissen! Wat de Leute quasseln, kimmert dir nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Ick will ja och nischt verraten, Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.</span> -</p> - -<p> -Et wird nich jejang! et wird herjekomm! — Wahrheet! -Ick verrate nischt, hast du jesacht: det ham Se doch -och jehert, Frau Direkter? Hat Herr Spitta und hat -det Freilein jehert! — Wahrheet! — Bevor ick nich -weeß, wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo -ihr womeglich det Kindchen habt wechjeschafft, det is -mich ejal, kommst du nich von de Stelle! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det -ha ick schon lange jemerkt, det zwischen dich und meine -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern und -Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind -tot oder lebt et noch? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Nee, det Kind is lebendich, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier -hast heruntergebracht? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie -Bruno een Kopp kürzer jemacht. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Ick sach’t ja: det Kindeken is lebendich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt -wissen? — (<span class="d">Frau John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos -und verwirrt auf Frau John.</span>) — Mutter, du hast -det Kindchen von Brunon und die polsche Person beiseite -jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det -Würmiken von de Knobbe unterjeschoben. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -<span class="firstline">Walburga</span><br /> -<span class="d">sehr bleich, mit Überwindung.</span> -</p> - -<p> -Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem -Tage geschehen, wo ich dummerweise, als Papa kam, -mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich will -dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie -mir nach und nach deutlich geworden ist, das polnische -Mädchen und zwar erst mit Frau John und dann mit -ihrem Bruder zusammengesehn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Du, Walburga? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Walburga</span> -</p> - -<p> -Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch -und ich hatte mich mit Erich verabredet, der dann auch, -aber ohne mich zu treffen, denn ich blieb versteckt, zu -dir gekommen ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">zum Direktor.</span> -</p> - -<p> -Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, -wirklich schon schlaflose Nächte gehabt. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, -der durchs Referendarexamen gepurzelt und dann -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -erst zur Kunst abgesprungen ist ... wenn Ihnen an -dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, -so lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem -Fall ganz rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung -ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? -Kriminalinspektor hat mich jesacht, det fällt mir jetzt -in, det se nach det Kind von de dote Person suchen. -Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, -bloß det du dir nich in Verdacht kommen dust, det du -um Folchen von Liederlichkeit von dein Bruder -womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne -vergriffen hast. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">lacht.</span> -</p> - -<p> -Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Hier redet keener von Adelbertchen — (<span class="d">zu Selma</span>) — -Ick dreh dir den Hals um oder du sachst, wo det Kleene -von Brunon und det polsche Mächen — uf de Stelle! -— jeblieben is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Wo is et, Jette? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Det sach ick nich. — -</p> - -<p class="d"> -Das Kind beginnt zu schreien. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">zu Selma.</span> -</p> - -<p> -Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, -vastehst de! siehste dem Strick! an Hände und Fieße -zusammenjebunden. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">in höchster Angst, unwillkürlich.</span> -</p> - -<p> -Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz -jut, Herr John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Ick? — -</p> - -<p class="d"> -Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. -Ihn durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge -faßt. Er glaubt zu begreifen und gerät ins Wanken. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Laß dir von so’ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, -Paul. Det is allens von ihre feine Mutter -aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt! Paul, wat -dust du mir denn so ankieken? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln -schlecht machen, Mutter John. Dann wer’ ick mir -hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen -und ha bei Ihn hier in frisch jemachte Bettchen -jelegt. Det kann ick beschwören! det will ick beeidigen! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken -is? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, -Frau John. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">umklammert Johns Knie.</span> -</p> - -<p> -Det is ja nich wahr. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick -war selber betrochen, denn hat ick dir in Brief nach -Hamburg Bescheed jesacht. Denn warste vajnügt, -und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht -ick, et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und -denn ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">unheimlich ruhig.</span> -</p> - -<p> -Laß mir man iberlechen, Jette. — (<span class="d">Er geht an eine -Kommode, zieht einen Schub auf und schleudert allerlei -Kinderwäsche und Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -mitten in die Stube.</span>) — Versteht eener det, wat se -Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage und -halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span><br /> -<span class="d">sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke -auf und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder -wo sonst.</span> -</p> - -<p> -Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich -nich Fetzen von nackten Leibe! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.</span> -</p> - -<p> -Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in -Abjrund rin. — -</p> - -<p class="d"> -Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf -und verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg -des Irrtums und des Betruges drängen lassen, Frau -John? Sie haben sich ja verstrickt auf das allerfurchtbarste! -Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts -weiter tun. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">steht auf.</span> -</p> - -<p> -Nehm Se mir man mit, Herr Direkter. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich! -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">wendet sich, kalt.</span> -</p> - -<p> -Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter -hat wieder haben jewollt, hast se lassen von Brunon -umbringen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du -bist von de Polizei jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir -an’t Messer zu liefern! Jeh Paul! du bist jar keen -Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer -wie Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det -se mir festnehmen! Immer zu doch! Nu seh’ ick dir, -wie det du bist! Ick verachte dir bis zun Jüngsten Dache. -</p> - -<p class="d"> -Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen -Schutzmann Schierke und Quaquaro. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer -komm Se ruhig rin. Et is allens in Ordnung! Allens -is richtich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">mit aufsteigendem Jähzorn.</span> -</p> - -<p> -Hast du jelacht, Emil? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene -per Droschke in’t Waisenhaus wechschaffen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span> -</p> - -<p> -Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von -Lumpenspeicher, womit olle Hexen mit Besen Fets -treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf Schornstein -uf, det se nich oben rausfliechen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau John</span> -</p> - -<p> -Paul!! — Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu -och nich! Nu brauch et nich leben! Nu muß et mit -mich mit unter de Erde komm. -</p> - -<p class="d"> -Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. -Sie kommt mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur -Tür hinaus. Der Direktor und Spitta werfen sich der Verzweifelten -entgegen, in der Absicht, das Kind zu retten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! -Wem das Knäblein hier auch immer gehören mag — -um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet ist! — -es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! -Kämpfen Sie, Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften -am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So! Bravo! Als wär’ -es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur -das Jungchen hier lassen. -</p> - -<p class="d"> -Frau John stürzt hinaus. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Schierke</span> -</p> - -<p> -Hier jeblieben! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">John</span><br /> -<span class="d">plötzlich verändert.</span> -</p> - -<p> -Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -— Mutter! Mutter! -</p> - -<p class="d"> -Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, -der Direktor, Frau Direktor und Walburga sind um das -Kind bemüht, das auf den Tisch gebettet wird. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br /> -<span class="d">der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.</span> -</p> - -<p> -Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt -sein! Deshalb braucht sie das Kind nicht zugrunde -richten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese -Frau ihre Liebe, närrisch bis zum Wahnsinn, gerade -an diesen Säugling geheftet hat. Unbedachtsame harte -Worte, Papa, können die unglückselige Person in den -Tod treiben. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat -das Kind seine Mutter verloren. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, -hat jestern in de Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe -Hochzeit jemacht! Mutter war liederlich! -Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben -von’s Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: -det jeht jetzt och zujrunde. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der -alles sieht, nicht anders beschlossen ist. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! -dem kenn’ ick! wo der uf’n Ehrenpunkt kitzlich is. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. -Feine Leinwand! Spitzen sogar! Schmuck und frisch wie -ein Püppchen. Es wendet sich einem das Herz um, -zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt -verlassenen Waise geworden ist. -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Wäre ich Richter in Israel ... -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag -sein, daß in diesen verkrochenen Kämpfen und Schicksalen -manches heroisch und manches verborgen -Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück -konnte da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn -auch nicht durchkommen. Treiben wir praktisches -Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens -annehmen. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Lassen Se da bloß de Finger von! -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Warum? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Quaquaro</span> -</p> - -<p> -Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de -Quengeleien und Scherereien mit de Armenverwaltung, -mit Polizei und Jericht womechlich happich sind. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Spitta</span> -</p> - -<p> -Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches -Verhängnis wirksam gewesen ist? -</p> - -<p class="c"> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe -Ihnen das stets gesagt. -</p> - -<p class="d"> -Selma, atemlos, öffnet die Flurtür. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Herr John. Se solln uf de Straße kommn. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt’s denn, Selma? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span><br /> -<span class="d">atemlos.</span> -</p> - -<p> -Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht -voll ... Omnibus, Pferdebahnwagen is jar keen -Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre Frau -liecht lang uf Jesichte unten. -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span> -</p> - -<p> -Was ist denn geschehen? -</p> - -<p class="c"> -<span class="firstline">Selma</span> -</p> - -<p> -Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich -umjebracht. -</p> - -<p class="end"> -Ende. -</p> - -<div class="ads"> -<p class="hdr"> -<span class="line1">Gerhart Hauptmanns</span><br /> -<span class="line2">Gesammelte Werke</span><br /> -<span class="line3">in sechs Bänden</span> -</p> - -<p class="hang"> -1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang -/ Die Weber / Der Biberpelz -/ Der rote Hahn. -</p> - -<p class="hang"> -2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann -Henschel / Rose Bernd / Bahnwärter -Thiel / Der Apostel. -</p> - -<p class="hang"> -3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / -Einsame Menschen / Kollege Crampton / -Michael Kramer. -</p> - -<p class="hang"> -4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt / -Die versunkene Glocke / Der arme -Heinrich. -</p> - -<p class="hang"> -5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer. -</p> - -<p class="hang"> -6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches: -Elga / Schluck und Jau / Und Pippa -tanzt / Helios / Das Hirtenlied. -</p> - -<p class="center"> -In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig -gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis -geheftet 24 Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, -in Ganzpergament gebunden 36 Mark. -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<p class="hdr"> -<span class="line1">Gerhart Hauptmanns</span><br /> -<span class="line2">Werke in Einzelausgaben</span> -</p> - -<p class="works"> -Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage.<br /> -Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage.<br /> -Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage.<br /> -De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage.<br /> -Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage.<br /> -Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage.<br /> -Bahnwärter Thiel — Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage.<br /> -Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage.<br /> -Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage.<br /> -Florian Geyer. 9. Auflage.<br /> -Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage.<br /> -Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl.<br /> -Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl.<br /> -Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.<br /> -Michael Kramer. Drama. 10. Auflage.<br /> -Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.<br /> -Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage.<br /> -Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage.<br /> -Elga. 7. Auflage.<br /> -Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.<br /> -Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.<br /> -Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage.<br /> -Griselda. 6. Auflage.<br /> -Griechischer Frühling. 7. Auflage.<br /> -Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl. -</p> - -</div> - -<p class="printer"> -Druck der Spamerschen<br /> -Buchdruckerei in Leipzig -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - - -<ul> - -<li> -... skurile <span class="underline">Menscheits</span>intermezzo noch überleben. ...<br /> -... skurile <a href="#corr-2"><span class="underline">Menschheits</span></a>intermezzo noch überleben. ...<br /> -</li> - -<li> -... würgt Tränen <span class="underline">hinuter</span>. Muß sich setzen. ...<br /> -... würgt Tränen <a href="#corr-3"><span class="underline">hinunter</span></a>. Muß sich setzen. ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN *** - -***** This file should be named 52952-h.htm or 52952-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/9/5/52952/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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