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-The Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Ratten
- Berliner Tragikomödie
-
-Author: Gerhart Hauptmann
-
-Release Date: September 1, 2016 [EBook #52952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Die
- Ratten
-
-
- Berliner Tragikomödie
-
- von
- Gerhart Hauptmann
-
-
-
-
- S. Fischer / Verlag
- Berlin
- 1911
-
-
-
-
- Siebente Auflage.
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
- Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.
- Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
-
-
-
-
- Personen:
-
-
- Harro Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor
- Seine Frau
- Walburga, seine Tochter
- Pastor Spitta
- Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn
- Alice Rütterbusch, Schauspielerin
- Nathanael Jettel, Hofschauspieler
- Käferstein, Schüler Hassenreuters
- Dr. Kegel, Schüler Hassenreuters
- John, Maurerpolier
- Frau John
- Bruno Mechelke, ihr Bruder
- Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen
- Frau Sidonie Knobbe
- Selma, ihre Tochter
- Quaquaro, Hausmeister
- Frau Kielbacke
- Schutzmann Schierke
- Zwei Säuglinge
-
-
-
-
- Erster Akt
-
-
- Im Dachgeschoß einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu Berlin. Ein
- fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer brennenden Lampe
- erhält, die von der Mitte der Decke über einen runden Tisch
- herunterhängt. In die Hinterwand mündet ein gerader Gang, der den
- Raum mit der Entreetür verbindet: einer eisenbeschlagenen Tür mit
- einer primitiven Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen
- durch einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand links
- schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts führt eine Treppe
- auf den Dachboden.
-
- Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten, hat
- der _Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter_ seinen Theaterfundus
- untergebracht.
-
- Man kann, bei dem ungewissen Licht, in Zweifel sein, ob man sich in
- der Rüstkammer eines alten Schlosses, in einem Antiquitätenmagazin
- oder bei einem Maskenverleiher befindet.
-
- Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme und
- Brustharnische Pappenheimscher Kürassiere aufgestellt, ebenso in je
- einer Reihe an der rechten und linken Wand des vorderen Raums. Die
- Dachbodentreppe steht zwischen zwei Geharnischten. Die Decke darüber
- schließt die übliche Bodenklappe ab.
-
- Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte, Federn, alte
- Geschäftsbücher und ein Kontorbock, sowie einige Stühle mit hohen
- Lehnen um den runden Mitteltisch lassen erkennen, daß der Raum zu
- Bureauzwecken dienen muß. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch
- und einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien zeigen
- Direktor Hassenreuter als Karl Moor, sowie in verschiedenen anderen
- Rollen.
-
- Einer der Pappenheimschen Kürassiere trägt einen ungeheuren
- Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer Schleife, deren Enden
- in goldenen Lettern die Worte tragen: »Unserem genialen Direktor
- Hassenreuter! Die dankbaren Mitglieder.« Eine Serie mächtiger, roter
- Schleifen trägt nur die Aufschrift: »Dem genialen Karl Moor ... Dem
- unvergleichlichen, unvergeßlichen Karl Moor ... usw. usw.
-
- Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt. Wo
- irgend angängig, hängen an Kleiderhaken deutsche, spanische und
- englische Kostümstücke aus verschiedenen Jahrhunderten. Man sieht
- schwedische Reiterstiefel, spanische Degen und deutsche Flamberge.
-
- Die Tür links hat die Aufschrift: »Bibliothek.«
-
- Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte Scharteken
- und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher.
-
- Es ist eines Sonntags, Ende Mai.
-
- * * * * *
-
- Frau John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das blutjunge
- Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch. Die John, den
- Oberkörper weit über den Tisch gelehnt, redet lebhaft auf das
- Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka, dienstmädchenhaft aufgedonnert,
- mit Jackett, Hut und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches, rundes
- Lärvchen ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht
- vollendeter Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der
- Diele.
-
- Frau John
-
-Na ja doch! Freilich! Ick sag't ja, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. Muß jehn un muß
-nachsehn, ob ick ihm treffe! --
-
- Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben.
-
- Frau John
- verhindert die Piperkarcka am Aufstehen.
-
-Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich, um keenen Preis von
-de Welt. Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt. Wat woll'n Se
-woll, und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten Halunken noch
-weiter nachlofen!?
-
- Die Piperkarcka
-
-Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst verjeblich auf mir. Ick
-spring im Landwehrkanal und versaufe.
-
- Frau John
-
-Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? Jeben Se Obacht, heren Se
-jetzt bloß um Jotteswillen 'n janz'n eenziges ... bloß ma 'n janzen
-kleenen Ochenblick uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn
-vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch bei de Normaluhr, wo
-ick an Alexanderplatz aus de Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und
-hab et Ihn uf'n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab ick
-Ihn uf'n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er will nischt von
-wissen! -- Det jeht hier vielen, det jeht hier allen, det jeht hier
-vielen Millionen Mächens so! Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick
-jesacht? komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken lassen, wie ick
-verändert bin. Mutter schreit doch auf's ersten Blick! Vater haut mir
-Kopf an die Wand und schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och
-weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, was ick
-mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich, schlechter Mensch nich Mark
-nich Pfennig übrig gelassen.
-
- Frau John
-
-Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: wenn Se bloß wollten
-Obacht jebn ... jebn Se doch um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for
-Vorschläge unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen.
-Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen och mir. Außerden is Pauln,
-wat mein Mann is, jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil det
-uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an de Bräune jestorben is.
-Ihr Kind hat et jut wie'n eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz
-wieder ufsuchen, kenn wieder in'n Dienst, kenn wieder bei Ihre Eltern
-jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch uf die janze Welt nich braucht
-wat von wissen.
-
- Die Piperkarcka
-
-I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! -- (sie steht auf.) -- Ick
-schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein Jackett zurück: du hast mit
-deine verfluchte Schlechtigkeit deine Pauline im Wasser jetrieben! dann
-setze vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher zu. Denn
-soll er sehn, wie er mit sein Mord auf Jewissen man meinswegen fertig
-wird.
-
- Frau John
-
-Warten Se, Freilein, ick muß erst ufschließen.
-
- Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka
- hinausbegleiten.
-
- Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno Mechelke
- langsam forschend aus der Tür links und bleibt stehen. Bruno
- Mechelke ist eher klein, als groß, hat einen kurzen Stiernacken und
- athletische Schultern. Niedrige, weichende Stirn, bürstenförmiges
- Haar, kleiner runder Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und
- vernarbtem linken Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen
- Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände hängen an langen,
- muskulösen Armen. Die Pupillen seiner Augen sind schwarz, klein und
- stechend. Er bastelt an einer Mausefalle herum.
-
- Bruno
- pfeift seiner Schwester wie einem Hunde.
-
- Frau John
-
-Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn?
-
- Bruno
- scheinbar in die Falle vertieft.
-
-Ick denke, ick soll hier Fallen ufstellen.
-
- Frau John
-
-Haste dem Speck denn rinjemacht? -- (zur Piperkarcka) -- 'T is bloß mein
-Bruder. Erschrecken sich nicht, Freilein.
-
- Bruno
- wie vorher.
-
-Ick ha heute dem Kaisa Wilhem jesehn, Jette. Ick war mit de Wachparade
-jejang.
-
- Frau John
- zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll gebannt
- ist.
-
-Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. -- (zu Bruno) -- Junge, wie
-siehst du bloß wieder aus? Det Freilein muß sich ja von dich Angst
-kriejen.
-
- Bruno
- wie vorher. Ohne aufzublicken.
-
-Schuberle buberle, ick bin 'n Jespenst.
-
- Frau John
-
-Mach uf'n Boden und stell deine Mausefallen.
-
- Bruno
- wie vorher. Tritt langsam an den Tisch.
-
-Jawoll, det is och man wieder so'n Jeschäft zum Vahungern. Wenn ick mit
-Streichhölzer handeln du, denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von.
-
- Die Piperkarcka
-
-Atje, Frau John.
-
- Frau John
- wütend auf den Bruder los.
-
-Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen.
-
- Bruno
- geduckt.
-
-Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn.
-
- Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer zurück, dessen
- Tür Frau John resolut hinter ihm schließt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Den mecht ick Tierjarten Jrunewald nich bejejnen. Bei Nacht nich und
-nich ma bei Dage nich.
-
- Frau John
-
-Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter een hinter is.
-
- Die Piperkarcka
-
-Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder sprechen wollen, lieber
-Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John.
-
- Frau John
-
-Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag un Nacht jroßjebracht.
-Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal besser. Also Pauline, wenn et
-jeboren is, nehm ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern,
-wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch mich zurückhält nach
-Rüdersdorf jeh und Lichter uf beede Jräber ansteche: det kleene Wurm
-soll et madich jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene
-jeborene Prinzessin haben tut.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol -- trefft wen
-trefft! -- un jießen dem Weibsbild, wo mit ihm jeht -- trefft wen
-trefft! ... mitten in Jesicht! trefft wen trefft! brennt ihm janze
-verfluchte hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart kaput!
-Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres Frauenzimmer jeht. Trefft wen
-trefft! Hat mir betrogen! zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat
-mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen,
-belogen, betrogen, in Elend jestoßen! Trefft wen trefft! Soll blind
-sein! Nase soll wegjefressen sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde
-sein!
-
- Frau John
-
-Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von Stund an, wo det kleene
-Wurm erstma uf de Welt is ... von den Augenblick an! ... det soll et
-haben, als wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren wär.
-Bloß jutes Zutrauen! und, det Se »ja« sachen! -- Ick habe mir allens
-ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn!
-Und weder 'n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt wat von. --
-Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig Mark, wat ick mir
-von det Reinmachen hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe,
-ausjezahlt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!
-
- Frau John
-
-Wer redet denn von verkofen, Pauline?
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag for Himmelsangst
-ausjestanden. Bräutijam steßt mir fort! Mietsfrau steßt mir fort.
-Schlafbodenstelle is mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so
-verachtet und von die Leute verflucht un ausstoßen muß?
-
- Frau John
-
-Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern Herrn Christus
-Heiland noch immer ieber is.
-
- Ohne bemerkt zu werden ist, bastelnd wie vorher, Bruno geräuschlos
- wiederum in die Tür getreten.
-
- Bruno
- sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei.
-
-Lampen!
-
- Die Piperkarcka
-
-Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort.
-
- Frau John
- geht heftig auf Bruno los.
-
-Willst du woll jehn wo de hinjeherst! Ick ha dir jesacht, ick wer' dir
-rufen.
-
- Bruno
- wie vorher.
-
-Na Jette, ick ha doch bloß Lampen jesacht.
-
- Frau John
-
-Biste verrickt? Wat heest denn det: Lampen? --
-
- Bruno
-
-Na, klinkt et denn nich an de Einjangstir?
-
- Frau John
- erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff
- ist, davon zu gehen.
-
-Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch 'n Ogenblick.
-
- Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen.
-
- Frau John
- leise, angstvoll, zu Bruno.
-
-Ick her nischt.
-
- Bruno
-
-Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da man bessare Lauscha
-an.
-
- Frau John
-
-Det wär in det janze Vierteljahr det erstema, det der Direkter kommt,
-wenn Sonntag is.
-
- Bruno
-
-Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen jleich angaschieren.
-
- Frau John
- heftig.
-
-Quatsch nich!
-
- Bruno
- grinsend zur Piperkarcka.
-
-Jlobens et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann 'n dummen Aujust sein
-Esel dreimal rum die Manesche jebracht. Det mach ick allens! Ick wer'
-mir woll furchten.
-
- Die Piperkarcka
- scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst jetzt
- zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt.
-
-Josef Maria, wo bin ick denn?
-
- Frau John
-
-Wer kann denn det sind?
-
- Bruno
-
-Da Direkta nich, Jette. Det is eha 'ne Tülle, wo elejante Trittlinge
-hat.
-
- Frau John
-
-Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut, hier uf 'n Oberboden.
-'S kommt eener, kann sind, der bloß wat wissen will.
-
- In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte. Sie
- klettert über die Treppe auf den Oberboden, dessen Klappe geöffnet
- ist. Frau John hat sich so gestellt, daß im Notfalle die Piperkarcka
- gegen die Entreetür gedeckt ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau
- John und Bruno bleiben allein.
-
- Bruno
-
-Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester?
-
- Frau John
-
-Det jeht dir nischt an, verstehste mich.
-
- Bruno
-
-Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so ängstlich 'ne Wand
-machen dust. Sonst is et mich doch wahaftig Pomade.
-
- Frau John
-
-Det soll dir och immer Pomade sind.
-
- Bruno
-
-Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln.
-
- Frau John
-
-Lump, weest du woll, wat du mir schuldig bist?
-
- Bruno
- pomadig.
-
-Wat regste dir denn uf? Wo stoß ick dir denn? Wat wiste? Ick muß jetzt
-zu meine Braut. Mir schläfert. Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in
-Tierjarten platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. -- (Er
-kehrt seine Hosentaschen um.) -- Foljedessen muß ick jehn 'n Stück Brod
-verdienen.
-
- Frau John
-
-Hier jeblieben! -- und nich von de Stelle! -- oder du krist und wenn det
-de jaulst wie 'n kleener Hund, kriste nimmermehr wenn't bloß 'n Pfennich
-is, krist de von mich! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.
-
- Bruno
-
-Ick wer' woll immer jejen de janze Welt ... noch wat! ... wer' ick der
-Potsdammer sind. Soll ick etwa nich jehn, wo ick scheen bei Hulda'n zu
-leben kriege? -- (Er zieht eine schmutzige Brieftasche.) -- Nich ma 'n
-dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje drin. Wat wiste von
-mich, un denn laß mir abschrenken.
-
- Frau John
-
-Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze? Du bist zu nischt
-weiter nitze, als det eene Schwester, wo nich richtig in Koppe is, mit
-so'n Lump un Tagedieb Mitleid hat.
-
- Bruno
-
-Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist.
-
- Frau John
-
-Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn mit fünf, sechs Jahre
-alt schlechte Dinge jetrieben hast, det mit dir in Leben keen Staat
-weiter nich zu machen is un det ick dir sollte lofen lassen. Un mein
-Mann, wo richtig un orntlich is ... vor so'n juten Mann: du darfst dir
-nich blicken lassen.
-
- Bruno
-
-Jewiß doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so eenfach schiebt sich
-det nu eemal nu eben nich. Wat wiste? Ick weeß, ick bin mit 'n Ast uf'n
-Puckel, wenn det'n och det'n keener sieht, un nich in Zangzuzih uf de
-Welt jekomm. Ick muß sehn un mir mit mein Ast mang mang helfen. Na jut
-so! wat wiste? von wechen de Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß
-wat mit die Dohle vertussen.
-
- Frau John
- die Faust drohend unter Brunos Nase.
-
-Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn mach ick dir kalt.
-Denn bist du 'ne Leiche!
-
- Bruno
-
-Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. -- (Er steigt die Treppe
-hinauf.) -- Womeglich komm ick, mir nischt dir nischt, noch ma in
-Schokoladenkasten rin. --
-
- Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht eilig die
- Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie geht in die Bibliothek,
- schließt aber die Tür hinter sich nicht ganz.
-
- Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels, der darin
- umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein leichter Schritt
- kommt nun den Gang herauf. Vorübergehend war der Berliner
- Straßenlärm, auch Kindergeschrei aus den Hausfluren vernehmlich
- geworben. Leierkastenmusik vom Hof herauf.
-
- Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter. Das Mädchen
- ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch und unschuldig
- aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen.
-
- Walburga
- stutzt, horcht, sagt dann ängstlich.
-
-Papa! -- Ist schon jemand hier oben? -- Papa! Papa! -- (Sie horcht lange
-gespannt und sagt dann): -- Es riecht ja hier so nach Petroleum! -- (Sie
-findet Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken
-und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.) -- Au! -- Donnerwetter,
-wer ist denn hier? --
-
- Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen.
-
- Frau John erscheint wieder.
-
- Frau John
-
-I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm machen! Sein Se man
-friedlich! Det bin ja bloß ick.
-
- Walburga
-
-Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck bekommen, Frau John.
-
- Frau John
-
-Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit an Sonntag hier?
-
- Walburga
- Hand auf dem Herzen.
-
-Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wat hat's denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt Se denn? Sie missen det
-doch von Ihren Herrn Vater wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier
-oben mang die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub abbürsten und
-Motten auskloppen. In drei, vier Wochen, wenn ick jlicklich mit die
-zwölf- oder achtzehnhundert Theaterlumpen eemal 'rum bin und fertig bin,
-fängt et doch immer wieder von frischen an.
-
- Walburga
-
-Ich hab' mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder noch ganz heiß
-anfaßte, Frau John.
-
- Frau John
-
-Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt un ick hab se vor eene halbe Minute
-ausjepustet. -- (Sie hebt den Zylinder ab.) -- Mir brennt et nich! Ick
-hab harte Hände! -- (Sie zündet das Docht auf.) -- Na, nu wird Licht! Nu
-hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu Jefährliches los? Ick sehe
-nischt.
-
- Walburga
-
-Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wie soll ick aussehn?
-
- Walburga
-
-Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins Finstere kommt ... in
-diese muffigen Kammern hinein, da ist man wie von Gespenstern umgeben.
-
- Frau John
-
-Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? -- Sind Se alleene oder is
-noch jemand? -- Kommt am Ende Papa noch nach?
-
- Walburga
-
-Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz nach Potsdam hinaus.
-
- Frau John
-
-Und wat suchen denn also Sie nu woll hier?
-
- Walburga
-
-Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen.
-
- Frau John
-
-Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm. In Papa'n seine
-Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne nich.
-
- Walburga
-
-Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber 'raus an die
-Sonne gehn.
-
- Frau John
-
-I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man alle Tache meine paar
-Pfund Staub und Dreck uf de Lunge krieje. -- Jeh man, Kindken, ick muß
-an de Arbeet! -- mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstob und
-Mottenpulver. --
-
- Sie hustet.
-
- Walburga
- ängstlich.
-
-Sie brauchen Papa nicht sagen, daß ich hier oben gewesen bin.
-
- Frau John
-
-Ick? Ick habe woll sonst nischt besseret zu tun.
-
- Walburga
- scheinbar leichthin.
-
-Und sollte Herr Spitta nach mir fragen ...
-
- Frau John
-
-Wer?
-
- Walburga
-
-Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde gibt ...
-
- Frau John
-
-Na, und?
-
- Walburga
-
-Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, daß ich hier gewesen aber
-gleich wieder gegangen bin.
-
- Frau John
-
-Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papa'n nich?
-
- Walburga
- unwillkürlich.
-
-Um Gottes willen nicht, liebste Frau John.
-
- Frau John
-
-Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht. Manch eene hat ausjesehn,
-wie du, und is aus die Jejend jekomm wie du, wo nachher in de
-Drajonerstraße in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter
-schwedsche Jardinen zujrunde jejangen is.
-
- Walburga
-
-Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau John, oder glauben
-wollen, daß in meiner Beziehung zu Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder
-Ungehöriges ist?
-
- Frau John
- in höchstem Schreck.
-
-Mund zu! -- Et hat jemand dem Schlüssel im Schloß jestochen.
-
- Walburga
-
-Auslöschen!
-
- Frau John
- bläst schnell die Lampe aus.
-
- Walburga
-
-Papa!
-
- Frau John
-
--- Freilein, ruf uf'n Oberboden.
-
- Sie und Walburga verschwinden über die Treppe durch den
- Bodenverschlag, der verschlossen wird.
-
- Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler
- Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür im Gange. Der
- Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig Jahre alt. Er pflegt
- große Schritte zu nehmen und bekundet ein lebhaftes Temperament.
- Sein Gesichtsschnitt ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein
- Betragen ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt
- einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten gerückt und
- übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger geöffnete Paletot
- enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte Brust. -- Hofschauspieler
- Jettel trägt unter dem leichtesten Sommerüberzieher einen weißen
- Flanellanzug. Er hat einen Strohhut nebst elegantem Stock in der
- linken Hand, gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls
- glattrasiert und über die fünfzig alt.
-
- Direktor Hassenreuter
- ruft.
-
-John! -- Frau John! -- Ja, das sind nun hier meine Katakomben, lieber
-Jettel! _Sic transit gloria mundi!_ Hier hab ich nun alles, _mutatis
-mutandis_, untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit
-übrig geblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen und Lumpen! -- John!
-John! Sie ist hier gewesen, denn der Lampenzylinder ist heiß! -- (Er
-zündet mit einem Streichholz die Lampe an.) -- _Fiat lux pereat mundus!_
-So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten- und Flohparadies bei Lichte
-besehen.
-
- Nathanael Jettel
-
-Haben Sie also meine Karte bekommen, bester Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Frau John! -- Ich werde mal sehn, ob sie auf dem Boden ist. -- (Er
-steigt sehr gewandt die Treppe hinauf und rüttelt an der Bodenklappe.)
--- Verschlossen! Den Schlüssel hat die Kanaille natürlich am
-Schürzenband. -- (Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.) --
-John! John!
-
- Nathanael Jettel
- etwas ungeduldig.
-
-Direktor, geht es nicht ohne die John?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was? Glauben Sie, daß ich Ihnen den miserablen Lappen, den Sie gerade da
-für Ihr Gastspiel brauchen, aus meinen dreihundert Kisten und Kasten,
-ohne die John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so wie ich vom Prinzen
-komme, selber heraussuchen kann.
-
- Nathanael Jettel
-
-Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine Gastreisen nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! meinethalben! Mich stört das
-nicht! Nur vergessen Sie nicht, wer vor Ihnen steht. Deshalb, wenn der
-Hofschauspieler Jettel -- na wenn schon! -- gnädigst zu pfeifen geruhen,
-springt der Direktor Harro Hassenreuter noch lange nicht. _Sapristi!_
-wenn irgendein Komödiant einen schäbigen Turban oder zwei alte
-Transtiefel braucht, muß sich ein _pater familias_, ein Familienvater
-den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen abknapsen? Soll
-womöglich wie 'n Tackel auf allen Vieren in alle Bodenwinkel hinein?
-Nein, Freundchen, da müßt Ihr Euch andere aussuchen.
-
- Nathanael Jettel
- sehr ruhig.
-
-Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen in Gottes Namen auf die
-Krawatte getreten hat?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde die Beine unterm Tisch
-eines Prinzen gehabt: _post hoc, ergo propter hoc!_ -- Ich setze mich
-Ihretwegen in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte
-Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht zu würdigen wissen: scheren
-Sie sich!
-
- Nathanael Jettel
-
-Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie haben mich eine volle
-geschlagene Stunde in dieser entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem
-lieblichen Korridore unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich habe
-gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf gemacht! und jetzt sind Sie
-geschmackvoll genug, mich als eine Art Spucknapf zu betrachten ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mein Junge ...
-
- Nathanael Jettel
-
-In's Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache ich Sie zu meinem
-Hanswurst und lasse Sie für sechs Groschen Purzelbaum schießen!
-
- Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht.
-
- Direktor Hassenreuter
- stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit
- hinter Jettel her:
-
-Machen Sie sich nicht lächerlich! -- Und übrigens bin ich kein
-Maskenverleiher.
-
- Man hört die Flurtür ins Schloß knallen.
-
- Direktor Hassenreuter
- zieht die Uhr.
-
--- Rindvieh verdammtes! -- Schafskopf verfluchter! -- Ein Segen, daß das
-Rindvieh, verdammte, gegangen ist!
-
- Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und lauscht.
- Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, blickt in den
- Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel enthält, und kämmt sich
- sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch und öffnet einige von den
- Briefschaften, die dort gehäuft liegen. Dazu singt er trällernd:
-
- »O Straßburg, o Straßburg,
- du wunderschöne Stadt.«
-
- Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle über
- seinem Kopf.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es drauf ankommt, pünktlich
-sind!
-
- Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend.
- Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald von glöckchenartigem
- Lachen einer weiblichen akkompagniert. Sehr bald erscheint der
- Direktor wieder, von einer eleganten jungen Dame begleitet, Alice
- Rütterbusch.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine Alice! Komm mal ans
-Licht! Ich muß doch sehen, ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante,
-tolle Alice aus den besten Tagen meiner reichsländischen
-Direktionsperiode bist!? Mädel, ich hab' dich ja gehen gelehrt! ich hab
-deine ersten Schritte gegängelt ... das Sprechen! Du sagtest ja immer
-Cheef statt Chef! Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Schaun's Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar bin?
-
- Direktor Hassenreuter
- nimmt ihr den Schleier ab.
-
-Mädel, du bist ja noch jünger geworden!
-
- Alice Rütterbusch
- hochrot, beglückt.
-
-Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer behaupten wollt, daß
-du dich zum Nachteil verändert hast. Aber weißt, arg finster hast's bei
-dir oben und a bissel -- Harro, wenns d' mechst a Fenster aufmachen! --
-so a bissel a schwere Luft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Pillycock saß auf Pillycocks Berg!
-
- »Doch Mäus' und Ratten und solch Getier
- Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.«
-
-Im Ernst, ich hab' finstere und schwere Zeiten durchgemacht! Du wirst ja
-schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts geschrieben habe, liebe
-Alice, davon unterrichtet sein.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, daß d' mir auf alle
-die sauberen und langen Brief kein Wörtel geantwort' hast.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich
-selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! _E
-nihilo nihil fit!_ Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts werden!
-Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von
-meiner deutschen Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.« Nein, meine Kleine,
-ich habe den Fundus nicht in Straßburg gelassen! Dieser ehemalige
-Kellner, Kneipwirt und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der mein
-Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser _bête imbécil_, wollte den
-Fundus nicht! -- Sessa, den Fundus hab' ich nicht dort gelassen: dafür
-aber vierzigtausend Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen aus
-meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark zugebrachtes Vermögen
-meiner braven Frau. Sessa! -- Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war
-ein Glück für mich. -- Da! -- Ha ha ha! Diese Kerle hier ... -- (er
-berührt einige der Geharnischten) -- du kennst sie doch? ...
-
- Alice Rütterbusch
-
-I kenn' doch meine Pappenheimer.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was drum und dran
-baumelt, haben den alten Lumpensammler und Maskenverleiher Harro
-Eberhard Hassenreuter nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser
-gehalten! -- Aber reden wir lieber von heiteren Dingen: ich habe mit
-Vergnügen aus der Zeitung ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin
-engagiert werden wirst.
-
- Alice Rütterbusch
-
-I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, und das mußt mir
-versprechen, wanns du wieder eine Direktion ibernehmen tust ... das
-versprichst mir, daß i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! -- (Der
-Direktor bricht in Lachen aus.) -- I hab mi drei Jahre lang gnua auf die
-Provinzschmieren rumgeärgert. Berlin mag i net! und a Hoftheater schon
-lang net. Jessas die Leit! das Komödiespielen! -- Weißt, i g'hör zum
-Fundus, i hab immer bloß daher g'hört! --
-
- Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer.
-
- Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen
- einander mit einigen lange anhaltenden Küssen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Therese geht's gut, außer daß sie trotz Kummer und Sorgen von Tag zu Tag
-dicker wird. -- Mädel, Mädel, wie du duftest! -- (Er drückt sie an
-sich.) -- Weißt du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist?
-
- Alice Rütterbusch
-
-Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sakra!
-
- Alice Rütterbusch
-
-Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen hoch, unter an
-muffigen Dach, mit dir a Rendezvous geben, wann ich net wißt, daß das
-für uns zwei, ans wie's andere, gefährlich is. Ibrigens hab' i ja, Gott
-sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann i schon amal auf
-Schleichwegen geh, auf der Treppen den Nathanael Jettel troffen, bin dem
-Herrn Hofschauspieler bei ei'm Haar direkt in die Arme g'rannt. Wird
-schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di b'sucht hab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch behauptet, ha ha ha,
-ich hätte ihn ganz ausdrücklich für heut nachmittag herbestellt.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche Gestalt, der i auf die
-sechs Treppenabsätz begegnet bin, und was mir die lieben kleinen
-Kinderln, die auf die Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is
-dermaßen unparlamentarisch, das is von solche Kröten, noch net drei Käs'
-hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit, die mir noch vorkommen is.
-
- Direktor Hassenreuter
- lacht, wird dann ernst.
-
-Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier in diesem alten
-Kasten mit schmutzigen Unterröcken die Treppe fegt und überhaupt
-schleicht, kriecht, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt,
-hämmert, hobelt, stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle
-Gewerbe treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, Zither klimpert,
-Harmonika spielt -- was hier an Not, Hunger, Elend existiert und an
-lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu
-schreiben. Und dein alter Direktor, _last not least_, rennt, ächzt,
-seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, wie der Berliner sagt,
-immer mitten mang mit. Ha ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig
-gegangen.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof Zoologischer Garten
-zusteuer, troffen hab? Den alten guten Fürst Statthalter hab i troffen.
-Und sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten lang neben
-ihm hergschwenkt und hab ihn in an langen Diskurs verwickelt und, auf
-Ehre, Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich
-g'schegn. Auf'n Reitweg is plötzlich Majestät mit großer Suite
-vorübergritten. I denk, i versink! Und hat übers ganze Gesicht gelacht
-und Durchlaucht so mit dem Finger gedroht. Aber g'freit hab i mi, das
-kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d'Hauptsach. Jetzt paß auf. -- Ob i
-mi freun tät, hat mi Durchlaucht plötzli g'fragt, und ob i wieder nach
-Straßburg mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater tät wieder
-übernehmen. Na weißt: beinah hab i an Sprung getan!
-
- Direktor Hassenreuter
- Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da.
-
-Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die kleine Durchlaucht
-vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir
-haben ein exquisites kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht
-draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich vielleicht eine
-Wendung zum Guten im miserablen Geschicke deines Freundes vorbereitet.
-
- Alice Rütterbusch
-
-Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst du ja aus.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster Orden noch nicht!?
-Klärchen und Egmont! Hier magst du dich satt trinken! --
-
- Neue Umarmung.
-
-_Carpe diem!_ genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, steht allerdings auf
-dem jetzigen Repertoire deines alten Direktors, Erweckers und Freundes
-nicht! -- (Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche Wein.) --
-Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von Pappe! -- (Er zieht den
-Korken. Die Türschelle geht.) -- Was? -- Pst! -- Wer hat denn die
-ungeheure Dreistigkeit, am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? -- (Es
-klingelt stärker.) -- Kleine, zieh dich doch mal in die Bibliothek
-zurück. -- (Alice eilt in die Bibliothek ab. Es klingelt wieder.) --
-Donnerwetter noch mal, der Kerl ist ja irrsinnig. -- (Er eilt nach der
-Tür.) -- Gedulden Sie sich oder scheren Sie sich! -- (Man hört ihn die
-Tür öffnen.) -- Wer? Wie? »Ich bin's, Fräulein Walburga?« Was? Fräulein
-Walburga bin ich nicht. Ich bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater!
-Ach, Sie sind's, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der Vater! Ich
-bin der Vater! Was wünschen Sie denn?
-
- Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von Erich Spitta,
- einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, der Brille und Zwicker
- trägt und übrigens scharfe und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta
- gilt als Kandidat der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er
- hält sich nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die
- Studierstube und mangelhafte Ernährung anzumerken.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem Speicher Privatstunde
-geben?
-
- Spitta
-
-Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte wirklich, ich hätte
-Fräulein Walburga unten durch das Portal in's Haus eilen sehen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine Tochter Walburga ist
-augenblicklich mit ihrer Mutter in der englischen Kirche, ich glaube, zu
-einem liturgischen Gottesdienst.
-
- Spitta
-
-Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. Ich nahm mir die
-Freiheit, heraufzukommen, weil ich mir sagte: eine Begleitung in dieser
-Gegend, vielleicht auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein
-Walburga am Ende nicht unangenehm.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. Ich bedauere sehr.
-Ich selber bin nur zufällig hier: der Post wegen! und ich habe auch
-leider andere dringende Sachen vor. -- Wünschen Sie sonst was, mein
-guter Spitta?
-
- Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit.
-
- Spitta
-
-Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: ich habe leider die
-Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig in der Westentasche auf die Straße
-zu gehn. Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich wieder in
-meiner Wohnung bin.
-
- Spitta
-
-Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes Wild, guter Spitta ...
-
- Spitta
-
-Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen wirklich als eine Art
-höherer Fügung ansehen muß, um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten.
-Dürfte ich, kurz, eine Frage tun?
-
- Direktor Hassenreuter
- mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat.
-
-Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester Spitta.
-
- Spitta
-
-Frage und Antwort wird, denk' ich, kaum von so langer Dauer sein.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also los!
-
- Spitta
-
-Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? -- Verzeihen Sie,
-bester Herr Kandidat, wenn ich in einem solchen Fall bis zur
-Unhöflichkeit außer dem Häuschen bin. Es heißt zwar _natura non facit
-saltus_, aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. Da muß
-ich mal erst zu Atem kommen. Und nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir,
-wenn wir beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, so würden
-wir in drei bis vier Wochen, sagen wir Jahren, darüber noch nicht zum
-Schluß gekommen sein.
-
-Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen aus einem Pastorhaus:
-wie kommen Sie denn auf solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben
-und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz geebnet sind.
-
- Spitta
-
-Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange Geschichte schwerer
-innerer Kämpfe, Herr Direktor, die allerdings bis zu dieser Stunde nur
-mir bekannt und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat mich das
-Glück in Ihr Haus geführt und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie
-ich dem wahren Ziel meines Lebens näher und näher kam.
-
- Direktor Hassenreuter
- mit peinlicher Ungeduld.
-
-Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie! -- (Er legt ihm die
-Hände auf die Schulter.) -- Dennoch muß ich Ihnen jetzt die ganz
-inständige Bitte vortragen, von der Erörterung dieser Angelegenheit im
-Augenblicke abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich.
-
- Spitta
-
-Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit Sie wissen, daß ich
-absolut fest entschlossen bin.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen denn diese Raupen in den
-Kopf gesetzt? Ich habe mich über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist
-Ihres friedlichen Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen
-Ambitionen, die einem hier in der Großstadt anfliegen, habe ich keinen
-Wert beigelegt. Das ist nur so nebenbei und verliert sich zweifellos
-wieder bei ihm, dachte ich mir! -- Mensch, und nun wollen Sie Komödiant
-werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater wär! Ich würde Sie bei
-Wasser und Brot einsperren und Sie nicht eher herauslassen, als bis
-Ihnen jede Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. _Dixi!_ und
-nun adieu, guter Spitta.
-
- Spitta
-
-Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel würde bei mir durchaus
-nichts helfen, fürcht ich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit Ihrer schiefen Haltung,
-mit Ihrer Brille und vor allem mit Ihrem heiseren und scharfen Organ
-geht das doch nicht.
-
- Spitta
-
-Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum soll es
-nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben? Und ich bin der
-Ansicht, ein wohlklingendes Organ, womöglich verbunden mit der
-Schiller-Goethisch-Weimarischen Schule der Unnatur, ist eher schädlich,
-als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich, wie ich nun einmal
-bin, als Schüler annehmen?
-
- Direktor Hassenreuter
- zieht hastig seinen Sommerpaletot über.
-
-Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine Schule
-Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur! Zweitens könnte ich es vor
-Ihrem Herrn Vater nicht verantworten! Und drittens zanken wir uns so
-schon genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in meinem Hause
-geben, beim Abendbrot. Das würde dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun
-Spitta: ich muß auf die Pferdebahn.
-
- Spitta
-
-Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm in einem zwölf Seiten
-langen Brief Punkt für Punkt die Geschichte meiner inneren Wandlung
-eröffnet ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt sein! Mensch
-und nun kommen Sie mit mir, ich werde sonst wahnsinnig.
-
- Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus. Man
- hört die Tür ins Schloß fallen.
-
- Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins, das nun
- lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet und Walburga
- Hassenreuter steigt in wahnsinniger Hast, gefolgt von Frau John, die
- Treppe herunter.
-
- Frau John
- flüsternd, heftig.
-
-Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn.
-
- Walburga
-
-Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! -- Um Gottes willen,
-ich kann gar nicht an mich halten, Frau John.
-
- Frau John
-
-Taschentuch mang die Zähne, Mächen! -- Et is ja jar nischt! Wat haste
-dir denn?
-
- Walburga
- zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend.
-
-Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken, Frau John!
-
- Frau John
-
-Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist?
-
- Walburga
-
-Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn?
-
- Frau John
-
-Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder! wo mich manchmal
-bei Papans seine Sachen auskloppen helfen dut.
-
- Walburga
-
-Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein sitzt und wimmert.
-
- Frau John
-
-Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det du zur Welt jekommen
-bist.
-
- Walburga
-
-Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt.
-
- Frau John
-
-Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange.
-
- Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang hinunter und
- läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder.
-
- Frau John
-
-Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten Dache nischt.
-
- Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer voll und
- nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet. Kaum ist das
- Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder.
-
- Direktor Hassenreuter
- noch an der Tür, singend.
-
-»Komm herab, o Madonna Theresa!« -- (Er ruft.) -- Alice! -- (Noch immer
-an der Tür.) -- Komm mal! Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem
-doppelten Schloß vor die Tür legen. -- Alice! -- (Er kommt nach vorn.)
--- Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu stören wagt: _anathema sit!_ --
-Heda! Kobold! Wo steckst du, Alice? -- (Er wird auf die Weinflasche
-aufmerksam und hebt sie in die Höhe.) -- Was? -- Halb leer? --
-Schlingel! -- (Man hört eine hübsche weibliche Singstimme hinter der
-Bibliothekstür sich in Koloraturen ergehen.) -- Ha ha ha ha! Himmel! sie
-hat sich schon einen Schwips angetrunken.
-
-
-
-
- Zweiter Akt
-
-
- Die Wohnung der Frau John im zweiten Stock des gleichen Hauses, in
- dessen Dachgeschoß der Fundus des Direktors Hassenreuter
- untergebracht ist: ein weitläufiges, ziemlich hohes, graugetünchtes
- Zimmer, das seine frühere Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die
- Hinterwand enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr
- ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht gezogen
- werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine etwas mehr als
- mannshohe Tapetenwand, die geradlinig nach vorn geht, hier einen
- rechten Winkel macht und wiederum geradlinig mit der rechten
- Seitenwand verbunden ist. So ist eine Art von Verschlag abgeteilt,
- über den einige Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer
- der Familie ist.
-
- Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken ein Sofa,
- überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der Rücklehne an die
- Tapetenwand geschoben. Diese ist über dem Sofa mit kleinen
- Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier John als Soldat, John und
- Frau als Brautpaar usw. Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit
- einer verblichenen Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch
- und Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu erreichen.
- Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit einem Vorhang aus
- buntem Kattun verschlossen.
-
- An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages steht ein
- freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts davon, an der
- wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der hier verfügbare kleine Raum
- vornehmlich zu Küchen- und Wirtschaftszwecken dienen muß.
-
- Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die linke
- Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern hinaus. Am vorderen
- Fenster ist ein saubergehobeltes Brett als eine Art Arbeitstisch
- angebracht. Hier liegen zusammengerollte Kartons (Baupläne), Pausen,
- Zollstock, Zirkel, Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein
- Fenstertritt, darauf ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die
- Fenster haben keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem
- Kattun bespannt.
-
- Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter Lehnstuhl aus
- Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, macht übrigens
- einen sauberen und gepflegten Eindruck, wie man es bei kinderlosen
- Ehepaaren des öfteren trifft.
-
- Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die warme Sonne
- scheint durch die Fenster.
-
- Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig
- aussehender Mann, steht behaglich am vorderen Fenstertisch und macht
- sich Notizen aus den Bauplänen.
-
- Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt des anderen
- Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches und Leidendes an
- sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der nur
- zuweilen von einem flüchtigen Blick der Unruhe und der lauernden
- Angst unterbrochen wird. An ihrer Seite steht ein Kinderwagen
- (sauber, neu und nett), darin ein Säugling gebettet ist.
-
- John
- bescheiden.
-
-Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster 'n Ritzen ufmachen däte und
-ick machte mir dann 'n bißken de Pipe an?
-
- Frau John
-
-Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber.
-
- John
-
-I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! Aber laß man! 'N
-Priem, Mutter, tut et am Ende in selbijenjleichen och.
-
- Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen neuen
- Priem.
-
- Frau John
- nach einigem Stillschweigen.
-
-Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt?
-
- John
-
-Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und janz jenau anjeben ...
-det ick det müßte janz jenau anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen
-jeboren is.
-
- Frau John
- Nadel am Mund.
-
-Warum haste denn det nich anjejeben?
-
- John
-
-Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich.
-
- Frau John
-
-Det weeßte nich?
-
- John
-
-Bin ick dabei jewesen?
-
- Frau John
-
-Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung sitzen läßt und lichst
-det janze jeschlagene Jahr in Altona, kommst hechstens ma monatlich mir
-besuchen: wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn dut.
-
- John
-
-Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte Arbeet hat? Ick jeh
-dorthin, wo ick schen verdiene.
-
- Frau John
-
-Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser Jungeken hier in de
-Wohnung jeboren is.
-
- John
-
-Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is doch janz natierlich,
-hab ick jesacht, det et in meine Wohnung jeboren is. Da hat er jesacht:
-det is jar nich natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf'n
-Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! So kreppte ick mir, weil
-er doch sachte, det et womeglich jar nich sollte in meine eijene Wohnung
-sind jewesen. Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? sag
-ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr Standesbeamter bin
-ick nich! un nu sollte ick Tag und Stunde anjeben ...
-
- Frau John
-
-Ick hab et dir doch sojar jenau uf'n Zettel jeschrieben, Paul.
-
- John
-
-Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick jloobe, wenn er mir
-hätte jefracht: sind Sie Paul John, der Mauerpolier? ick hätte
-jeantwort: ick weeß et nich. Na, nu war ick doch 'n bißken verjnügt
-jewesen un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch Schubert und
-Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: ick muß nun 'ne Lage jeben, weil
-ick doch Vater jeworden bin! -- Na! un die Brieder wollten mir och nich
-loslassen un warteten unten an de Tür von't Standesamt. Un nu dachte
-ick, det se unten stehen! und wo er mir frachte an welchen Dache det
-meine Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte laut loslachen.
-
- Frau John
-
-Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher besorcht, wat netig
-is.
-
- John
-
-Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache noch so 'ne Zicken
-machst! denn wa ick verjnügt! denn freut ick mir, Mutter.
-
- Frau John
-
-Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein Kindeken an
-fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau in deine Wohnung jeboren is.
-
- John
-
-War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha nämlich schlankweg dem
-sechsundzwanzigsten Mai jesacht! denn hieß et, weil er doch merkte, det
-ick an Ende nich so janz sicher war: stimmt's denn is jut! sonst komm Se
-wieder.
-
- Frau John
-
-I, denn laß et man wie et is.
-
- Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen elenden
- Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz zu dem der Frau
- John steht, darin liegt, in jämmerlichsten Lumpen, ebenfalls ein
- Säugling.
-
- Frau John
-
-Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de Stube rieber, det jing
-woll vordem, nu jeht det nich.
-
- Selma
-
-Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns wird zu ville
-jeroocht, Frau John.
-
- Frau John
-
-Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot
-holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder
-derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine
-Mama drieben.
-
- Selma
- weinerlich.
-
-Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich
-schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß
-doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster 'raus, oder ick laß
-Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen
-Polizist nich mehr finden kann.
-
- John
- betrachtet das fremde Kind.
-
-Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick 'n bißken
-an.
-
- Frau John
- resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.
-
-Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann
-sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut.
-Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och
-hernach 'n bißken uf's Ohr lechen.
-
- Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter
- ihr.
-
- John
-
-Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert!
-
- Frau John
-
-Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen
-un Krämpfe von een andret anstecken dut.
-
- John
-
-Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut,
-'n Kind 'n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht
-Dache, unjedoft, mit Dot abjejang'n is. Det laß man! davon ha' ick
-Manschetten, Mutter.
-
- Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Na, Jette, 't will eener rin.
-
- Frau John
- dreht hastig den Schlüssel herum.
-
-Ick wer' mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen.
--- (Sie horcht und ruft dann): -- Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se
-denn?
-
- Eine Frauenstimme
- aber tief und männlich.
-
-Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.
-
- Frau John
- überrascht.
-
-Ach Jott nee! -- (Sie öffnet die Tür.) -- Nehm Se 't nich iebel, Frau
-Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer 't is.
-
- Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga,
- eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als
- fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im
- ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun -- obgleich mir das
-Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie's nach dem
-frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.
-
- Frau John
-
-Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
--- Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen
-... muß man sagen -- daß Ihre liebe Frau -- sich in der langen Wartezeit
-niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge -- ihre
-Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat.
-
- John
-
-Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben
--- Sie öfters ... öfters als wie bisher -- zu Hause zu sehn.
-
- Frau John
-
-Ick ha'n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und
-deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich
-sitzen lassen. Aber for so 'n Mann, wo 'n Bruder schon 'n Jungen von
-zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne
-Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld!
-denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika
-auswandern.
-
- John
-
-I, Jette, det war ja man bloß so 'n Jedanke.
-
- Frau John
-
-Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is 'n sauer verdientes
-Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... -- (Sie fährt John
-schnell mit der Hand durchs Haar.) -- Wenn och eener mehr is un Sorchen
-mehr sin -- sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! -- denn
-freut er sich.
-
- John
-
-Det is, wir haben schon vor drei Jahre 'n Jungchen jehabt, und det is
-mit acht Dache einjejang.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann
-bereits gesagt -- wie sehr Sie sich -- um den Sohn gegrämt haben. Sie
-wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann -- Aug' und Herz ... Herz
-und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt --
-die um ihn sind und ihm Dienste leisten -- da ist alles Gute ... und
-Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt,
-so, als wär' es ihm selbst passiert.
-
- Frau John
- klopft John auf die Schulter.
-
-Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie
-dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d'r Dotenjräber
-nich anrihren.
-
- John
- wischt sich Wasser aus den Augen.
-
-Det war och so. Det jing och nich.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch -- mußten wir ...
-mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den
-letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser -- unser einziges ...
-einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. -- Er
-ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen!
-... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John,
-weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares
-Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines
-Mutterherzens nicht gleichgültig ist. -- Und da haben wir auf Sie
-angestoßen! -- So! -- und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im
-ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen
-sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -- Walburga, du magst den
-Kessel mal auspacken.
-
- Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte
- Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe,
- spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte
- Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen.
-
- Direktor Hassenreuter
- sich den Schweiß von der Stirn wischend.
-
-Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die
-Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber
-geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist
-es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre
-Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie
-haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter
-John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun
-diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von
-allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für
-Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung
-diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine
-Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man
-ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten!
-und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von
-ganzem Herzen.
-
- Er schüttelt John kräftig die Hand.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- am Kinderwagen.
-
-Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?
-
- Frau John
-
-Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.
-
- Direktor Hassenreuter
- jovial, laut und lärmig.
-
-Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches
-deutschnationales Menschenfleisch.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! -- Das Kerlchen ist Ihnen
-wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der
-christlichen Kirche aufnehmen lassen.
-
- Frau John
- glücklich und gewichtig.
-
-Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig
-von Jeistlichen wird et jetauft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?
-
- Frau John
-
-Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, 'n langet Jerede
-abjesetzt. Ick dachte »Bruno«! Det will er nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber Bruno ist doch kein übler Name.
-
- John
-
-Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick
-mir weiter drieber nich ausdricken.
-
- Frau John
-
-Wat sachste nich, det ick 'n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf
-Jahre jinger is: und jeht manchmal 'n bißken uf leichte Weche. Det is
-bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich!
-
- John
- bekommt einen roten Kopf.
-
-Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for 'n Kreuz jewesen is! -- Wat
-wiste?! Soll unser Jungeken so 'n Patron krichen? -- Et is 'n Patron!
-Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche
-Ufsicht is.
-
- Direktor Hassenreuter
- lachend.
-
-Um's Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron!
-
- John
-
-Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de
-Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un
-Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken
-anfassen dut! -- (Er krampft die Faust.) -- denn Jette ... denn kennt
-ick nich for mir jut sachen.
-
- Frau John
-
-Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! -- So viel kann ick dir aber
-jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich
-beiseite jewesen is.
-
- John
-
-Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?
-
- Frau John
-
-So 'n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?
-
- John
- kratzt sich hinter den Ohren.
-
-Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in't
-Mauerjewerbe sind, die sind et nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten
-Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie
-mir, -- (er weist auf das Kindchen) -- diese neue künftige Generation
-wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen
-Heros, schuldig ist. -- (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates,
-den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) -- Also,
-die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze
-Gestell mit sämtlichen Flaschen -- jede Flasche zunächst ein Drittel mit
-Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! -- wird in diesen Kessel mit
-kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im
-Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt
-der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren.
-
- John
-
-Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge
-ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.
-
- Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel,
- zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben
- angeklopft und die Tür geöffnet.
-
- Direktor Hassenreuter
- der seine Schüler bemerkt hat.
-
-Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen
-noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge.
-
- Käferstein
- ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck,
- bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit
- Grabesstimme, weich, zurückhaltend.
-
-Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.
-
- Direktor Hassenreuter
- der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält.
-
-Was sind Sie?
-
- Käferstein
- wie vorher.
-
-Wir wollen das Kindelein grüßen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine
-Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte.
-
- Käferstein
-
-Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer
-Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen
-gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen-
-und Wallnertheaterstraße festgehalten ist.
-
- Dr. Kegel
-
-Wir machten uns eiligst aus dem Staube.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! -- Aber sagen
-Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal
-öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha
-ha! _Semper idem!_ das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen.
-
- Käferstein
-
-Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der
-Volksmenge eine Freundin wieder erkannt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser
-zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so
-ist es: der Mensch wird Schauspieler.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. -- Aber nun,
-wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber
-Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich
-meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig
-seid, zu geistiger Nahrung, _nutrimentum spiritus!_ bald ...
-
- Käferstein
- klappert mit einer Sparkasse.
-
-Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier
-neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß
-er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.
-
- John
- hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt
- eine unangebrochene Likörflasche.
-
-Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John.
-
- John
- während er eingießt.
-
-Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht
-wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. -- (Frau
-Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) --
-Wohlsein! -- Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.
-
- Es geschieht, sie trinken.
-
- Direktor Hassenreuter
- im Ton der Rüge.
-
-Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.
-
- John
- nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.
-
-Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D'r Meester mag ma 'n andern
-hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit 'n Meester deswechen drei Dache
-rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma
-jejen sechs uf's Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er't
-bleiben: det jeht nich, det 'n Familienvater immer un ewich wech von
-seine Familie is. Ick ha 'n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer'
-ick, wo se de Fundamente lechen, bei't neue Reichstagsjebäude
-einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma
-wo anders sind.
-
- Direktor Hassenreuter
- klopft John ebenfalls auf die Schulter.
-
-Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist
-eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.
-
- Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug
- trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und
- erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände.
-
- Spitta
-
-Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben 'n bißchen säubern, Frau
-John?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta?
-
- Spitta
-
-Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter
-nichts.
-
- Direktor Hassenreuter
- der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas
- teilgenommen hat.
-
-Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und
-verkünden es offen vor allen Leuten?
-
- Spitta
- verblüfft.
-
-Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier
-im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf
-der Straße verunglückt ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat
-die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.
-
- Spitta
-
-Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen
-Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den
-Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich
-konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf
-der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde
-gutgekleideter Leute ist.
-
- Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt
- wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl
- setzt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an,
-die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert.
-
- Spitta
-
-Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr
-Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene
-fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die
-unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -- (Spitta erhält eine
-Lachsalve zur Antwort.) -- Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des
-Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute
-ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und
-Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten.
-
- Frau John
- fanatisch.
-
-I, hätt' er man feste zujetreten! -- (Die Bemerkung der John löst wieder
-allgemeines Gelächter aus.) -- Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die
-jehört öffentlich uf 'n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank
-jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det
-Blut man so spritzt.
-
- Spitta
-
-Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine
-überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe
-Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin,
-auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -- (Er zieht
-Scherben einer Brille hervor.) -- Übrigens muß ich sofort zum Optiker.
-
- John
- zu Spitta.
-
-Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur
-jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det
-keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se
-Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und
-allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und
-ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt.
-
- Direktor Hassenreuter
- sich raffend und besinnend.
-
-Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine
-Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider
-heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine
-Herrschaften.
-
- Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von
- Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser.
-
- John
- zu seiner Frau.
-
-Adje, ick muß och zum Meester hin.
-
- Auch John geht.
-
- Spitta
-
-Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?
-
- Frau John
-
-Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. --
-(Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) -- Jesus! -- (Sie nimmt
-ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus
-der Schublade.) -- Da hab ick ja 'n Büschelschen Haar jefunden, wo mein
-Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere
-abjeschnitten is. -- (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich
-über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) -- Un
-nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! -- (Sie geht mit eigentümlicher
-Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend,
-zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich
-befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das
-Kinderköpfchen.) -- Na nu kommt mal, kommt mal! -- (Sie winkt mit
-seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den
-Kinderwagen treten.) -- Seht mal det Häarchen und det! --? ob det nich
-detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche
-Häarchen is.
-
- Spitta
-
-Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.
-
- Frau John
-
-Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!
-
- Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.
-
- Walburga
-
-Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist?
-
- Spitta
- faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.
-
-Ich weiß nicht, weiß nicht -- ... oder ich zähle heut nicht mit, weil
-ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den
-Brief bekommen?
-
- Walburga
-
-Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei
-uns gewesen bist.
-
- Spitta
-
-Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.
-
- Walburga
-
-Warum nicht?
-
- Spitta
-
-Weil ich innerlich zu zerrissen bin.
-
- Walburga
-
-Du willst Schauspieler werden? Ist's wahr? Du willst umsatteln?
-
- Spitta
-
-Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein
-Pastor! niemals ein Landpfarrer!
-
- Walburga
-
-Du, ich habe mir lassen die Karten legen.
-
- Spitta
-
-Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.
-
- Walburga
-
-Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich
-hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich
-hab' ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst
-Schauspieler.
-
- Spitta
-
-Tatsächlich?
-
- Walburga
-
-Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden
-durch einen Besuch viel Not haben.
-
- Spitta
-
-Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das ist allerdings wahr, daß
-uns der alte Herr etwas zu schaffen machen wird. -- Vater weiß das
-nicht, aber ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne diese
-Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und mit denen er meine
-Beichte beantwortet hat.
-
- Walburga
-
-Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich ein böser, neidischer,
-giftiger Stern geschwebt. Wie habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit
-jenem Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und so sehr ich
-mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht mehr gerade und frei ins Auge
-sehn.
-
- Spitta
-
-Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt?
-
- Walburga
-
-Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf Papa! Und jetzt muß ich
-zittern, wenn du es wüßtest, ob du uns überhaupt noch achten kannst.
-
- Spitta
-
-Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir weniger zukäme, gutes Kind.
-Sieh mal: ich will mit Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr
-ältere Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem adligen
-Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie im Elternhaus Zuflucht
-suchte, stieß mein christlicher Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl:
-Jesus hätte nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich
-gesunken, und nächstens werden wir beide mal nach dem kleinen
-sogenannten Selbstmörderfriedhof bei Schildhorn gehn, wo sie schließlich
-gelandet ist.
-
- Walburga
- umarmt Spitta.
-
-Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt.
-
- Spitta
-
-Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich werde auch hier mit Papa
-davon sprechen und wenn es darüber zum Bruche kommt. -- Du wunderst dich
-immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich manchmal nicht halten
-kann, wo ich sehe, wie irgendein armer Schlucker mit Füßen gestoßen
-wird, oder wenn der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe dann
-manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten Tage Gespenster, ja
-meine leibhaftige Schwester wiederzusehn.
-
- Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein. Ihr
- Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Jun Morchen.
-
- Frau John
- hinter dem Verschlage.
-
-Wer ist denn da?
-
- Die Piperkarcka
-
-Pauline, Frau John.
-
- Frau John
-
-Pauline? -- Ick kenne keene Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Pauline Piperkarcka, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wer? -- Denn wachten Se man 'ne Minute, Pauline.
-
- Walburga
-
-Adieu, Frau John.
-
- Frau John
- erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang
- hinter sich.
-
-Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden. Seht ma, det ihr
-'naus uf de Straße kommt.
-
- Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die Tür hinter
- beiden.
-
- Frau John
-
-Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe nich länger warten
-können. Muß sehn, wie steht.
-
- Frau John
-
-Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline?
-
- Die Piperkarcka
- mit etwas schlechtem Gewissen.
-
-Na, ob jesund is, ob jut in Stand.
-
- Frau John
-
-Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind?
-
- Die Piperkarcka
-
-Dat sollen woll wissen von janz alleine.
-
- Frau John
-
-Wat soll ick denn von alleene wissen?
-
- Die Piperkarcka
-
-Ob Kind auch nich zujestoßen is.
-
- Frau John
-
-Wat for'n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se deitsch! Se blubbern ja man
-keen eenziget richtiget deitsches Wort aus de Fresse raus.
-
- Die Piperkarcka
-
-Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John.
-
- Frau John
-
-Na wat denn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Mein Kind ...
-
- Frau John
- haut ihr eine gewaltige Backpfeife.
-
-... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den Schuh um de Ohren,
-bis et dir vorkommt, det du 'ne Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un
-nu laß dir nich wieder blicken!
-
- Die Piperkarcka
- will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.
-
-Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir nich jefallen zu
-lassen! -- (weinend) -- Aufmachen! Hat mir mißhandelt, Frau John!
-
- Frau John
- vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.
-
-Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich, wat in mir jefahren
-hat! Sein Se man jut, ick leiste ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline,
-soll ick fußfällig uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun?
-
- Die Piperkarcka
-
-Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu Wache und zeigen an,
-det mir hier ins Jesicht jeschlagen hat. Ick zeigen an, ick gehen zu
-Wache.
-
- Frau John
- hält ihr Gesicht hin.
-
-Da! hauste mir wieder in't Jesicht! denn is et jut! denn is er
-verjlichen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick jehe zu Wache ...
-
- Frau John
-
-Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et, Mächen, sag ick,
-akkurat mit de Wage verjlichen! Wat wiste nu, Mächen? Nu jeradezu.
-
- Die Piperkarcka
-
-Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is.
-
- Frau John
- haut sich selbst ein Backenstreich.
-
-Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau zu, und jeniere dir
-nich. -- Un denn komm, denn raus, watte uf 'n Herzen hast. Ick will
-mittlerweile ... ick koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein
-Pauline, 'n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene
-Zichorientunke.
-
- Die Piperkarcka
- weicher.
-
-Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und jrob zu mich armes
-Mächen, Frau John?
-
- Frau John
-
-Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se, Pauline, setzen sich.
-So! Scheenecken sag ick! Setzen sich! Scheen, det Se mich ma besuchen
-komm! Wat ha ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse jekricht,
-ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick mir manchmal ja nich
-jekannt habe. Die hat mehr wie eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du
-machst dir ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben dut. Wie
-jeht's, Pauline, wat machen Se denn?
-
- Die Piperkarcka
- legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen, auf
- den Tisch.
-
-Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht.
-
- Frau John
-
-Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat mir jebrannt. Et war
-mich wie Schlange unter Kopfkissen ...
-
- Frau John
-
-I wo denn ...?
-
- Die Piperkarcka
-
-Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat mir jepeinigt, hat
-mir umringt! hat mir jequetscht, wo ick habe laut aufjeschrien und meine
-Wirtin hat mir jefunden, wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele
-jelegen bin.
-
- Frau John
-
-Lassen Se det man jut sind, Pauline! -- Trinken Se erst ma 'n kleenen
-Schnaps! -- (Sie gießt ihr Kognak ein.) -- Un dann essen Se erst ma 'n
-Happen-Pappen: mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat.
-
- Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet.
-
- Die Piperkarcka
-
-I wo denn, ick mag nich essen, Frau John.
-
- Frau John
-
-Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber ick muß mir doch
-freuen, Pauline, det Se doch wieder mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte
-jekommen sin.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu will ick et aber mal sehn, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wat denn, Pauline? Wat woll'n Se denn sehn?
-
- Die Piperkarcka
-
-Hätt' ick laufen jekonnt, wär' ick früher jekomm. Das will jetzt sehn,
-warum jekommen bin.
-
- Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll
- bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine unheilverkündende
- Weise und schweigt. Sie geht nach dem Küchenschrank, reißt die
- Kaffeemühle heraus und schüttet heftig Kaffeebohnen hinein. Sie
- setzt sich, quetscht die Kaffeemühle energisch zwischen die Knie,
- faßt die Kurbel und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck
- namenlosen Hasses zur Piperkarcka hinüber.
-
- Frau John
-
-So? -- Ach! -- Wat wißte sehen? -- Wat wißte nu jetzt uf eemal sehn? --
-Det, det wat te hast mit deine zwee Hände erwürchen jewollt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ick? --
-
- Frau John
-
-Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf't Blut jemartert, Frau John.
-Mir nachjestellt! mir Schritt und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben
-Kind auf Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht. Mich
-Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen Angst jemacht. Mich
-Karten jelegt von wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie
-verrückt jeworden.
-
- Frau John
-
-Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar verrückt! Wat, ick
-hab dir jequält? Wat hab ick? Ick habe dir aus 'n Rinnstein jelesen! Ick
-hab dir jeholt bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit
-verzweifelte Ochen -- un wie de hast ausjesehen! -- hintern
-Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha ick dir nachjestellt, det
-dir der Schutzmann, det dir der jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat
-holen jekonnt! Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert,
-bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in't Wasser jehn. --
-(Äfft ihr nach.) -- Ick jeh im Landwehrkanal, Mutter John! Ick erwürche
-det Kind! Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh, ick lauf,
-wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen dut, mitten in't Lokal,
-und schmeiß ihn det tote Kind vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste
-jesprochen, so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de halbe
-Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette jebracht un so lange
-jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen un bist mittags um
-zwölf, wie die Glocken von alle Kirchen jeläut't haben, an andern Dache
-erst wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht, wieder
-Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe jelassen! Haste det allens
-verjessen! wat?
-
- Die Piperkarcka
-
-Aber et is doch mein Kind, Mutter John ...
-
- Frau John
- schreit.
-
-Denn hol et dir aus'n Landwehrkanale!
-
- Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald jenen
- Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder wegzuwerfen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen?
-
- Frau John
-
-Spring in't Wasser un such et! denn haste et! Weeß Jott, ick halte dir
-nu weiter nich.
-
- Die Piperkarcka
-
-Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen mir schmeißen
-Wasserflasche an Kopp: eh' nich weiß wo Kind is, eh' nich haben mit
-Augen jesehn, bringen mich keiner und niemand von Stelle fort.
-
- Frau John
- einlenkend.
-
-Pauline, ick ha et in Flege jejeben!
-
- Die Piperkarcka
-
-Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau hintern Vorhang is!
--- (Das Kind hinter dem Tapetenverschlag beginnt zu schreien. Die
-Piperkarcka eilt auf den Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein
-wenig pathetisch weinerlich rufend): -- Weine nicht, armes, armes
-Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon!
-
- Frau John
- fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie der
- Piperkarcka verstellt.
-
- Die Piperkarcka
- ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.
-
-Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen.
-
- Frau John
- furchtbar verändert.
-
-Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma in't Jesicht! -- Jlobst du,
-det mit eene, die aussieht wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? --
-(Die Piperkarcka hat wimmernd Platz genommen.) -- Setz dir! flenne!
-wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis det dir die Jurjel
-verschwollen is! det, wenn de hier rin willst -- denn bist du tot oder
-ick bin tot -- un denn is och det Jungchen nich mehr am Leben!
-
- Die Piperkarcka
- erhebt sich entschlossen.
-
-Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John.
-
- Frau John
- wiederum einlenkend.
-
-Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht. Wat wollen Se
-sich mit det Kindchen behängen, wo jetzt mein Kindeken und in beste
-Hände jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken ufstellen? Jehn
-Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se woll mit den Besseres zu tun haben
-als Kinderjeschrei, Kindersorchen und Kimmernis.
-
- Die Piperkarcka
-
-Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! -- Haben alle ... hat
-Frau Kielbacke, als ick mir mussen haben behandeln lassen, zu mich
-jesacht. Soll nich nachjeben! Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab
-mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt, wohin
-jekrochen un habe Kind auf Dachboden Welt jebracht ... schreit janz
-wütend: ick muß nich nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur
-zu mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt. Jut!
-lasse mir weiter nich ein, Frau John. Adje! Bin bloß jekommen, sowieso,
-daß morjen nachmittag fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen
-einjesetzter Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick werde mir weiter
-hier noch rumärgern.
-
- Frau John
- starr, entgeistert.
-
-Wat? du hast et jemeld uf't Standesamt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm?
-
- Frau John
-
-Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten?
-
- Die Piperkarcka
-
-Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen bin. Ick hab mir
-jeschämt, o Jott! bin über un über rot jeworden! Mir is, ick sink jleich
-in de Erde rin.
-
- Frau John
-
-So! -- Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen, warum haste's denn aber
-anjezeigt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo mich hinjeführt hat,
-mich partout nich Ruhe jejeben.
-
- Frau John
-
-So! -- Denn wissen se't also uf't Standesamt?
-
- Die Piperkarcka
-
-Na ja, det mussen se wissen, Frau John.
-
- Frau John
-
-... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ...
-
- Die Piperkarcka
-
-Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt Untersuchung und Plötzensee
-gesteckt?
-
- Frau John
-
-Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene jekommen hat anjemeldt.
-
- Frau John
-
-Un wat haste nu also anjejeben?
-
- Die Piperkarcka
-
-Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie, Frau John, in Pflege
-is.
-
- Frau John
-
-Un morjen will eener nachsehn komm?
-
- Die Piperkarcka
-
-Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is denn weiter? Nun sin doch
-ruhig un sin vernünftig. Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle
-Jlieder jejagt.
-
- Frau John
- abwesend.
-
-Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det is ja nu och in
-Jottesnamen nu jroß weiter nischt.
-
- Die Piperkarcka
-
-Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau John.
-
- Frau John
-
-Heute nich! Morjen, morjen, Pauline.
-
- Die Piperkarcka
-
-Warum nich heut?
-
- Frau John
-
-Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also morjen, um Uhre
-fünfen nachmittag?
-
- Die Piperkarcka
-
-Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die Stadt, Uhren fünfen
-morjen nachsehn kommt.
-
- Frau John
- indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht,
- im Tone der Abwesenheit.
-
-Jut so. Laß er man kommen, Mächen.
-
- Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten und kommt
- ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist seltsam verändert und
- geistesabwesend. Sie tut einige hastige Schritte gegen die
- Verschlagstür, steht jedoch plötzlich wieder still mit einem
- Gesichtsausdruck vergeblichen Nachsinnens. Dieses Grübeln
- unterbricht sie, heftig gegen das Fenster zu eilend. Hier wendet sie
- sich und wieder erscheint der hilflose Ausdruck schwerer
- Bewußtlosigkeit. Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den
- Tisch und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend. Nun
- erscheint Selma Knobbe in der Tür.
-
- Selma
-
-Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger. Kann ick 'n Happen
-Brot kriejen?
-
- Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück von einem
- Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion.
-
- Selma
- der die Verfassung der Frau auffällt.
-
-Ick bin's! -- Wat is denn? -- Schneiden sich man bloß nich etwa mit
-Brotmesser.
-
- Frau John
- mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt, indem
- sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch gleiten läßt.
-
-Angst! -- Sorje! -- Da wißt Ihr nischt von!
-
- Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken.
-
-
-
-
- Dritter Akt
-
-
- Alles wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem Gange schwaches
- Ampellicht.
-
- Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta, Dr. Kegel
- und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er selbst sitzt am Tisch,
- öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt skandierend mit dem Falzbein
- auf den Tisch. Vorn stehen auf der einen Seite Kegel und Käferstein,
- auf der anderen Spitta einander als beide Chöre der Braut von
- Messina gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas
- aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet ist und
- diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts einteilt. Auf
- dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga, in ein großes Kontobuch
- eintragend. Im Hintergrund, wartend, steht der Vizewirt oder
- Hausmeister Quaquaro, ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch,
- der Inhaber eines wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied
- desselben sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er
- trägt Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel
- gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes Jackett und
- die Mütze in der Hand.
-
- Dr. Kegel und Käferstein
- mit gewaltiger Pathetik.
-
- »Dich begrüß ich in Ehrfurcht,
- Prangende Halle,
- Dich, meiner Herrscher
- Fürstliche Wiege,
- Säulengetragenes herrliches Dach.
- Tief in der Scheide« ...
-
- Direktor Hassenreuter
- schreit wütend.
-
-Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen doch keinen Leierkasten!
-Der Chor aus der Braut von Messina ist doch kein Leierkastenstück! »Dich
-begrüß ich in Ehrfurcht« nochmal von Anfang an, meine Herren! »Dich
-begrüß ich in Ehrfurcht, prangende Halle!« Etwa so, meine Herren! »Tief
-in der Scheide ruhe das Schwert.« Punktum! »Herrliches Dach« wollt' ich
-sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie fort.
-
- Dr. Kegel und Käferstein
-
- »Tief in der Scheide
- Ruhe das Schwert,
- Vor den Toren gefesselt
- Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.
- Denn ...
-
- Direktor Hassenreuter
- wie vorher.
-
-Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet, meine Herren? Haben Sie
-denn keine Elementarkenntnisse? »Schlangenhaarigtes Scheusal.« Punkt!
-Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt! Alles ist
-totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in der Welt wären, Käferstein!
-Und dann raus mit der Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes
-willen nicht lispeln! -- »Denn ...« weiter! los!
-
- Dr. Kegel und Käferstein
-
- »Denn des gastlichen Hauses
- Unverletzliche Schwelle
- Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...«
-
- Direktor Hassenreuter
- springt auf, brüllt, läuft umher.
-
-Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was ein Eid ist,
-Käferstein? »Hütet der Eid!! -- der Erinnyen Sohn.« Der Eid ist der
-Erinnyen Sohn, Dr. Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum, bis zum
-letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut! Schauer durchrieselt
-alle Gebeine! Passen Sie auf: »Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!!
--- der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern der Hölle!« --
--- Nicht wiederholen, weiter im Text! Sie können sich aber jedenfalls
-merken, daß ein Eid und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge
-sind.
-
- Spitta
- deklamiert.
-
- »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...«
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt! -- (Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen und Beinen herum,
-um eine gewünschte tragische Pose zu erzielen.) -- Erstlich fehlt die
-statuarische Haltung, mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen
-Person ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann sind Sie nicht,
-wie ich ausdrücklich verlangt habe, von Feld I D mit dem rechten Fuß auf
-II C getreten! Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen
-Augenblick! -- (Er wendet sich an Quaquaro.) -- So, jetzt steh' ich zu
-Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich habe Sie bitten lassen, weil mir
-leider, wie sich bei der Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit
-Kostümen abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen sind. Bevor ich
-nun meine Anzeige mache, wozu ich natürlich entschlossen bin, wollte ich
-erst mal Ihren Rat hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie
-soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der verlornen
-Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens angefunden hat: ein Fund, um
-Virchow zu benachrichtigen. Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft
-prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe, deren Bestimmung im
-ganzen harmlos, aber ebenfalls unaussprechlich ist.
-
- Quaquaro
-
-Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch den Fund eigentlich
-noch mehr wie ich selbst beunruhigt ist. Diese drei Herren, die meine
-Schüler sind, lassen es sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas
-wie eine Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen keinen
-Skandal schlagen.
-
- Käferstein
-
-Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden irgend etwas abhanden
-kam, hieß es immer, das hätten die Ratten gefressen. Und wirklich, was
-man in diesem Hause von Ratten und Mäusen sieht -- auf der Treppe hätt'
-ich beinahe eine totgetreten! -- warum sollten Kisten und
-Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht ebenfalls von ihnen vertilgt
-worden sein?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien, ha ha
-ha ha! sind Ihnen geschenkt, bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß
-Sie uns Ihre Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom
-Kavalleristen Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung seinerzeit, als
-das Haus noch Reiterkaserne war, mit Sporen und Schleppsäbel auf meinem
-Boden erhangen hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen.
-
- Käferstein
-
-Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor.
-
- Quaquaro
-
-Det wird in janzen Hause rum erzählt von den Soldat, namens Sorjenfrei,
-der sich irgendwo hier oben in Dachstuhl mit 'ne Schlinge jeendigt hat.
-
- Käferstein
-
-Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin aus dem zweiten
-Stock haben ihn wiederholt bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster
-nicken und militärisch stramm heruntergrüßen gesehn.
-
- Quaquaro
-
-Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja woll eene Dunstkiepe
-jenannt und 'n aus Feez eene 'rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu
-Herzen jenomm.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten! Diese Verquickung
-ist originell, aber zur Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der
-Diebstahl oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf oder
-zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften im Elsaß gewesen
-bin. Also sehen Sie sich die Geschichte mal an und, bitte, Sie werden
-mir nachher Bescheid sagen!
-
- Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro steigt über
- die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Allright, bester Spitta: schießen Sie los.
-
- Spitta
- rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos.
-
- »Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,
- Zu dem Kampf ist die Faust geballt,
- Denn ich sehe das Haupt der Medusen,
- Meines Feindes verhaßte Gestalt.
- Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute
- Gönn' ich ihm die Ehre des Worts?
- Oder gehorch' ich dem zürnenden Mute?
- Aber mich schreckt die Eumenide,
- Die Beschirmerin dieses Orts,
- Und der waltende Gottesfriede.«
-
- Direktor Hassenreuter
- hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand
- gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem Spitta
- geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf.
-
-Sind Sie fertig, Spitta?! -- Ich danke sehr! --
-
-Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber wieder mal in die
-allerverzwickteste Lage geraten: entweder, ich sage Ihnen frech ins
-Gesicht, daß ich Ihre Vortragsart schön finde -- und dann habe ich mich
-der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder ich sage, ich
-finde sie scheußlich, und dann haben wir wieder den schönsten Krach.
-
- Spitta
- erbleichend.
-
-Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht. Deshalb bin ich
-ja von der Theologie abgesprungen, weil mir der Predigerton zuwider ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der Gerichtsschreiber ein
-Gerichtsprotokoll oder wie der Kellner die Speisekarte herunterhaspeln?
-
- Spitta
-
-Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast der Braut von Messina
-nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta.
-
- Spitta
-
-Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe von dramatischer
-Kunst divergieren in mancher Beziehung total.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu ein Monogramm
-des Größenwahns und der Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein
-Schüler und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!? Sie blutiger
-Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich Schiller! Ich habe Ihnen schon
-zehnmal gesagt, daß Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter
-als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist.
-
- Spitta
-
-Das müßte mir erst bewiesen werden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun! -- Sie leugnen die
-Kunst des Sprechens, das Organ, und wollen die Kunst des organlosen
-Quäkens dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama und
-behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine Sache für Gründlinge
-ist. Sie negieren die poetische Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie
-als pöbelhafte Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die
-sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten und
-verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von den Höhen der Menschheit wissen
-Sie nichts. Sie haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein Barbier
-oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße ebensogut ein Objekt der
-Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear.
-
- Spitta
- bleich, putzt seine Brille.
-
-Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, Herr
-Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz her?
-
- Spitta
- unbeirrt.
-
-Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden. Ich befinde mich dabei
-vielleicht mit Schiller und Gustav Freytag, aber keinesfalls mit Lessing
-und Diderot im Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem
-Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht, und der gestelzte
-französische Pseudoklassizismus bleibt mir durch sie endgültig
-totgeschlagen, sowohl in der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen
-späteren Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und durch
-mumifizierter Unsinn sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-So!
-
- Spitta
-
-Und wenn sich das deutsche Theater erholen will, so muß es auf den
-jungen Schiller, den jungen Goethe des Götz und immer wieder auf
-Gotthold Ephraim Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle
-der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt, die der Natur gewachsen
-sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt mich. Herr Spitta, Sie
-wollen Privatstunden halten. Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur
-Privatstunde in die Bibliothek zurück! -- Wenn die menschliche Arroganz
-und besonders die der jungen Leute kristallisiert werden könnte, die
-Menschheit würde darunter wie eine Ameise unter den Granitmassen eines
-Urgebirges begraben sein.
-
- Spitta
-
-Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche Bibliothek hinter
-mir, sondern ich bin ein ergrauter Praktiker und ich sage Ihnen, daß der
-Goethesche Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen
-Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen Sie sich einen anderen
-Lehrmeister.
-
- Spitta
- unbeirrt.
-
-Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln, meiner Ansicht
-nach, zu sich selbst und zu seiner eigenen Natur in kleinlichsten
-Gegensatz. Und was soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende
-Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll -- wörtlich! --
-müsse etwas Menschenfresserartiges in der Physiognomie zeigen --
-wörtlich! -- wodurch man sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert
-werde. --
-
- Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta, und schreiben Sie,
-bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter ein Esel ist! Schiller ein
-Esel! Goethe ein Esel! natürlich auch Aristoteles -- (er fängt plötzlich
-wie toll zu lachen an) -- und, ha ha ha! ein gewisser Spitta ein
-Nachtwächter!
-
- Spitta
-
-Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens wieder bei guter
-Laune sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie sind ein Symptom.
-Also nehmen Sie sich nicht etwa wichtig! -- Sie sind eine Ratte! aber
-diese Ratten fangen auf dem Gebiete der Politik -- Rattenplage! -- unser
-herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu unterminieren an. Sie
-betrügen uns um den Lohn unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst
--- Rattenplage! -- fressen sie die Wurzeln des Baumes des Idealismus ab:
-sie wollen die Krone durchaus in den Dreck reißen. -- In den Staub, in
-den Staub, in den Staub mit euch!
-
- Käferstein und Dr. Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen bald
- in lautes Gelächter aus, in das der Direktor hineingerissen wird.
- Walburga macht große Augen. Spitta behält seinen Ernst.
-
- Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter, nach
- einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt.
-
- Direktor Hassenreuter
- bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie, wie
- wenn er eine Entdeckung gemacht hätte.
-
-Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta.
-
- Frau John
- die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und
- Käfersteins genähert hat, verdutzt.
-
-Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken Sie Gott, wenn Ihr
-stilles, eingezogenes, friedliches Leben Sie zur tragischen Heldin
-ungeeignet macht. -- Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen?
-
- Frau John
- mit unnatürlicher Blässe.
-
-I, weshalb denn nu det?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei, der dort oben als
-Deserteur ins bessere Jenseits seine Militärkarriere beschlossen hat?
-
- Frau John
-
-I, wenn't 'n lebendicher Mensch wär, det kennte sind: vor tote Jeister
-furcht ick mir nich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Na, wie war's, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern?
-
- Quaquaro
- der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt.
-
-Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung jekomm, det
-mindestens obdachloses Jesindel oben, durch wat for'n Zujang weeß ick
-noch nich, jenächtigt hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden.
---
-
- Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit
- Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt.
-
- Frau John
-
-Det erklärt sich: ick ha oben zu'n rechten jesehn und ha Adelbertchen
-bei mich jehat. -- Ick bin an die janze Jeschichte unschuldig!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet, Frau John.
-
- Frau John
-
-Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen jestorben war ... der
-soll ma komm und soll mir sachen, wat eene richtiche Mutter is ... aber
-nu muß ick fort, Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich
-oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen bei meine Schwächern
-zeichen uf Sommerfrische. --
-
- Sie trottet durch die Flurtür ab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was hat sie da durcheinander gefaselt?
-
- Quaquaro
-
-Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem, wie et jestorben
-is, wa eene Schraube los bei die John. Seit se nu jar det Zweete hat,
-wackeln zweee. Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen
-juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was soll ich nun als Bestohlener tun?
-
- Quaquaro
-
-Det kommt druf an, wo Verdacht hin is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-In diesem Hause? -- Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro ...
-
- Quaquaro
-
-Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit, det nächstens bißken
-jesäubert wird. De Witwe Knobbe mit ihren Anhang wird rausjeschmissen!
-Und denn is eene Blase uf Flijel B, wo Schutzmann Schierke mir hat
-jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden: wo de Polizei
-nächstens ausheben wird.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein. Ich höre wenigstens
-manchmal wirklich hübsche Männerstimmen »Deutschland, Deutschland über
-alles«, »Wer hat dich, du schöner Wald«, »In einem kühlen Grunde« und
-dergleichen absingen.
-
- Quaquaro
-
-Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue Zwiebel! det
-sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir jeruhig nieder, heeßt et zwar,
-aber det wollt ick keenen raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz,
-wat meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin. Immer
-anzeichen, anzeichen, Herr Direkter.
-
- Quaquaro geht ab.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt Preußisch-Kurant. Seine
-Faust bedeutet Kündigung. Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von
-Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach Hilfe. Ein
-scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne ihn bekämen die Pächter dieser
-Staatsbaracke die Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in
-den Rauchfang schreiben. -- (Die Türschelle geht.) -- Das ist Fräulein
-Alice Rütterbusch! die junge Naive, die ich leider bei dem Hangen und
-Bangen auf die Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch immer
-kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner Ernennung, zu der Gott mir
-helfe, wird ihr Engagement meine erste direktoriale Handlung sein. --
-Walburga und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt die sechs Kisten
-durch, wo der Vermerk Journalisten steht, daß wir im geeigneten
-Augenblick mit der Inventur fertig sind. -- (Zu Käferstein und Dr.
-Kegel) -- Sie mögen derweil in die Bibliothek treten.
-
- Er geht, um die Flurtür zu öffnen.
-
- Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig auf den
- Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in die Bibliothek.
-
- Direktor Hassenreuter
- im Hintergrund.
-
-Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige! Pardon! Bitte sehr um
-Pardon, mein Herr! Ich erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge
-Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein.
-
- Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn. Pastor
- Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter kleiner
- Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen Feldmesser oder
- kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von kräftiger Erscheinung,
- kurznackig, wohlgenährt und hat ein etwas zusammengequetschtes,
- breites Luthergesicht. Er trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen
- Lodenmantel überm Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung
- seiner übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon seit
- lange gewöhnt sind.
-
- Pastor Spitta
-
-Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nicht durchaus bestimmt, aber ...
-
- Pastor Spitta
-
-Wagen Sie's nur daraufhin, Herr Direktor: nennen Sie mich bis auf
-weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz in der Uckermark, dessen Sohn Erich
-Spitta, jawohl, in Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig
-gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das sag' ich mit schwerer
-Bekümmernis.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können. Ich möchte Sie aber im
-gleichen Atem bitten, Herr Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen,
-den Ihr Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht allzu
-besorgt zu sein.
-
- Pastor Spitta
-
-O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! -- (Er sieht sich mit
-großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend, in dem seltsamen Raume um.)
--- Es ist schwer zu sagen, äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu
-welchem hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie eine Frage,
-Verehrtester: ich war im Zeughaus. -- (Er berührt mit dem Stock einen
-der Pappenheimschen Kürassiere.) -- Was sind das für Rüstungen?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Das sind Pappenheimsche Kürassiere.
-
- Pastor Spitta
-
-Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! -- (Sich sammelnd.) --
-O dieses Berlin! Es verwirrt mich ganz! Sie sehen in mir einen Mann,
-Herr Direktor, der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom
-Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu durch die Tat seines
-Sohnes gebrochen ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Eine Tat? Welche Tat?
-
- Pastor Spitta
-
-Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen Mannes und ... und ...
-Schauspieler.
-
- Direktor Hassenreuter
- gereckt, mit Haltung.
-
-Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes nicht. Aber ich
-selbst, der ich, _hony soit qui mal y pense_, der Sohn eines redlichen
-Mannes und selber, will ich hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich
-hier stehe, ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum sechs
-Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg .... ich bin
-Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur, sondern auch als Schauspieler
-meinen Fuß auf die weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf
-bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen Ehrenhaftigkeit
-dürfte also, nach meinen Begriffen wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn
-Sohnes nicht zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und
-man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben. Auch geb' ich zu: für
-schwache Charaktere ist es ein Beruf, der besonders gefährlich ist. Und
-schließlich habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes so bis
-auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden davor behüten möchte.
-Deshalb gebe ich meinen Töchtern Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste
-Gedanke zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh' ich sie an einen
-Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen einen Stein um den Hals
-hängen und sie ertränken im Meer, wo es am tiefsten ist.
-
- Pastor Spitta
-
-Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch zu, ich habe als
-schlichter Landpfarrer von alledem keine Vorstellung. Aber denken Sie
-sich einen Vater an, eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine
-Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne das Studium zu
-ermöglichen. Denken Sie, daß dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht
-und daß Vater und Mutter -- ich hab eine kranke Frau zu Haus! -- mit
-Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie wollen, auf den Augenblick warten,
-jawohl, wo er in irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel die
-Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser Brief! der Junge ist
-wahnsinnig. --
-
- Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht.
- Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die Brusttasche greift
- und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht ganz überzeugend.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht wundern, wenn eine
-Krise im Leben eines jungen Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist.
-
- Pastor Spitta
-
-Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden aus diesem Briefe unschwer
-erkennen, wer verantwortlich für den verderblichen Umschwung in der
-Seele eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen Menschen zu
-machen ist. Ich hätte ihn nie sollen nach Berlin schicken. Jawohl: die
-sogenannte wissenschaftliche Theologie, die mit allen heidnischen
-Philosophen liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott in Rauch, den
-Herrn und Heiland in Luft verwandeln will, die mache ich für den
-schweren Fehltritt meines Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die
-anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge gesehen, wovon zu
-sprechen mir ganz unmöglich ist! Hier habe ich Zettel in allen Taschen:
-Elite-Ball! Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb ein Uhr
-nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen Linden und Friedrichstraße,
-schmeißt sich ein scheußlicher Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt
-mit einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr vielleicht
-etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster, wo neben den Bildern
-der hohen und Allerhöchsten Herrschaften nackte Schauspielerinnen,
-Tänzerinnen, kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind! Und dann
-dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte, aufgedonnerte Sünde die
-Bürgersfrau vom Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach
-Weltuntergang, Herr Direktor!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter! nicht wegen der
-Nuditäten und ebensowenig der heimlichen Sünde wegen, die Nachts durch
-die Straßen schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz skurile
-Menschheitsintermezzo noch überleben.
-
- Pastor Spitta
-
-Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt, ist das böse Beispiel,
-ist die Gelegenheit.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine Neigung zum
-Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals bemerkt. Er hat einen Zug zur
-Literatur, und er ist nicht der erste Pastorensohn -- Lessing, Herder
-_etcetera_, der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen ist.
-Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach liegen. Allerdings muß
-ich sagen: die Ansichten, die Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der
-Literatur vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend.
-
- Pastor Spitta
-
-Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht über meine
-schlimmsten Befürchtungen weit hinaus. Und so sind mir die Augen denn
-aufgegangen. -- Mein Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich
-unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester unsre schwerste
-Prüfung von Gott bedeutete und die nun, dem Anschein nach, beide von der
-gleichen verruchten Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das Mädchen
-war früh entwickelt, war schön! -- doch -- Jetzt muß ich zu etwas
-anderem kommen. -- Ich bin seit drei Tagen in Berlin und habe Erich noch
-nicht gesehen. Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner
-Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet und mich natürlich
-dabei in seiner Behausung umgesehen. Nun: betrachten Sie dieses Bild,
-Herr Direktor!
-
- Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief zurücklegt,
- aus der Brieftasche genommen und hält sie dem Direktor unter die
- Augen.
-
- Direktor Hassenreuter
- nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger, bald
- wie ein Weitsichtiger, stutzt.
-
-Wieso?
-
- Pastor Spitta
-
-An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber lesen Sie bitte die
-Unterschrift.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wo?
-
- Pastor Spitta
- liest.
-
-»Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.«
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Erlauben Sie mal! -- Was heißt das, Herr Pastor?
-
- Pastor Spitta
-
-Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar irgendeine obskure
-Kellnerin!
-
- Direktor Hassenreuter
- sehr bleich.
-
-Hm. -- (Steckt das Bild ein.) -- Ich werde das Bild behalten, Herr
-Pastor.
-
- Pastor Spitta
-
-In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun denken Sie sich in
-meine Lage: mit welchen Gefühlen, mit welcher Stirn soll ich künftig vor
-meiner Gemeinde auf der Kanzel stehn ......?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor! Was habe ich mit Ihrem
-Sprengel, mit Ihren verlorenen Söhnen und Töchtern und dergleichen zu
-tun? (Er zieht wieder die Photographie.) -- Und übrigens, was dieses
-kernige, tüchtige Mädchen betrifft, »Kellnerin und dergleichen«, so
-irren Sie sich! Weiter sage ich nichts! Alles weitere wird sich finden,
-Herr Pastor. Adieu.
-
- Pastor Spitta
-
-Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich ist das der
-Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist. Ich gehe und werde Sie nicht
-mehr belästigen. Aber ich habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr
-Direktor, zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde Mittel
-und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten Sohne diesen sogenannten
-dramatischen Unterricht!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm ganz direkt den Stuhl
-vor die Tür setzen.
-
- Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und kommt ohne ihn
- wieder.
-
- Direktor Hassenreuter
- schleudert die Arme in die Luft.
-
-Hier kann man nur sagen: Neandertaler! -- (Er stürmt die Bodentreppe
-hinauf.) -- Spitta, Walburga, kommt mal herab.
-
- Walburga und Spitta kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
- zu Walburga, die ihn fragend ansieht.
-
-Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen humoristischen
-Körperteil! -- Na, und Sie, lieber Spitta, was wollen Sie noch?
-
- Spitta
-
-Sie hatten gerufen, Herr Direktor.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht!
-
- Spitta
-
-Bitte.
-
- Er tut es.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht dumm machen! Still! --
-Kein Wort! Ich hätte mich von Ihnen eines anderen versehen, als eines so
-exemplarischen Beweises von Undankbarkeit! -- Still! -- Im übrigen war
-ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts! Gehen Sie ihm nach! --
-Begleiten Sie ihn auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich zu
-machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin.
-
- Spitta
- zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab.
-
- Direktor Hassenreuter
- schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr.
-
-Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn du mit diesem Schlingel
-von verkrachtem Theologen noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte
-sprichst.
-
- Walburga
-
-Au au, Papa.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter macht, als ob er
-kein Wässerchen trüben könnte, und dem ich den Zutritt in mein Haus zu
-eröffnen so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen Maske
-die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und mein Haus, wir dienen dem
-Geiste der Wohlanständigkeit. Willst du den Schild unserer Ehre
-beflecken, etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die zur Schande
-ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und Gosse geendigt ist?
-
- Walburga
-
-Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht! und weißt, einen Appell
-gegen meine Ansichten gibt es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder
-siehst selber zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem ehr-
-und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel durchkommen wirst! Dann
-fort mit dir! von solchen Töchtern mag ich nichts wissen!
-
- Walburga
- bleich, finster.
-
-Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg auch ohne deine Eltern
-selbständig suchen müssen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Du bist kein Mann.
-
- Walburga
-
-Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch.
-
- Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wieso? -- Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig? -- (Er lenkt ab,
-merklich aus dem Konzept und pocht an die Bibliothek.) -- Wo blieben wir
-stehen? Setzen Sie ein.
-
- Kegel und Käferstein erscheinen.
-
- Kegel, Käferstein
- deklamieren.
-
- »Weisere Fassung
- ziemet dem Alter.
- Ich, der Vernünftige
- grüße zuerst.«
-
- Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig
- gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im Steckkissen
- trägt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen Sie mich?
-
- Spitta
-
-Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen wollten zu Ihnen
-hinein.
-
- Frau Kielbacke
-
-Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John sprechen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist, und wünschte
-jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge nicht hier bei mir, sondern
-unten bei sich erledigt. Sonst richte ich nächstens vor der Tür
-Selbstschüsse oder Fußangeln ein. -- Wo fehlt's Ihnen eigentlich, bester
-Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben und diese Damen nach
-unten zurechtweisen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden.
-
- Frau Kielbacke
-
-Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei die Frau Mauerpolier
-John in Flege jehat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich, Käferstein.
-
- Frau Kielbacke
-
-Nun is 'n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen, nachsehn
-jekomm: wie't steht mit det Kind und det jut versorcht und in Stande is.
-Und denn is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn sind wir
-rinjejang. Denn stand det Kind und 'n Zettel bei, det Frau John hier
-oben uf Arbeet is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wo ist das Kind in Pflege gewesen?
-
- Frau Kielbacke
-
-Bei de Frau Mauerpolier John.
-
- Direktor Hassenreuter
- ungeduldig.
-
-Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! -- Hätten Sie doch
-lieber den alten humorvollen Herrn begleitet, dem ich Sie nachgesendet
-habe, Spitta, statt mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn.
-
- Spitta
-
-Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie ihnen doch, meine
-Herren, daß Frau John kein Kind in Pflege hat, und daß sie also
-bezüglich des Namens im Irrtum sind.
-
- Käferstein
-
-Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich bezüglich des
-Namens im Irrtum sind.
-
- Die Piperkarcka
- heftig, verweint.
-
-Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege jehabt. Is Herr von
-die Stadt jekommen, hat jesacht, daß Kindchen in schlechte Hände,
-verwahrlost is. Hat mich mein Kindeken zujrunde jerichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des Namens der Frau, von
-der Sie reden, im Irrtum sein. Frau Maurerpolier John hat kein Kind in
-Pflege.
-
- Die Piperkarcka
-
-Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern lassen, zujrunde
-jerichtet! Will sehn Frau John. Will auf Kopf draufsagen! Soll mich
-jesund machen kleinet Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen
-jehn an Jerichtstelle anzeichen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie irren sich! Wie
-kommen Sie nur auf den Gedanken, meine Damen, daß Frau John ein Kindchen
-in Pflege hat?
-
- Die Piperkarcka
-
-Weil ick ihr selbst überjeben habe.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit dem sie, wie mir jetzt
-einfällt, auf Besuch zu der Schwester ihres Gatten zu gehen
-beabsichtigte.
-
- Die Piperkarcka
-
-Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick jeh unten auf
-Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat kein Kind. Hat mich mein
-Aloischen zujrunde jerichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich.
-
- Die Piperkarcka
-
-Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt habe. Hat mich mein
-Bräutijam Brief jeschrieben, daß nich wahr is, daß schlechtes,
-verlogenes Frauenzimmer bin. -- (Sie berührt das Tragbettchen.) -- Is
-mein! will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige Mutter
-Jottes.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Decken Sie doch mal auf, das Kind. -- (Es geschieht. Direktor
-Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.) -- Hm! Die Sache wird
-sich bald aufklären, sicherlich! -- Erstens ... ich kenne Frau John! --
-hätte Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte ganz
-unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau John, soweit Kinder in
-Frage kommen, das Herz auf dem rechten Flecke hat.
-
- Die Piperkarcka
-
-Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts. Brauche mir nicht vor alle
-Welt aufdecken. Alles will haarklein vor Jericht will aussagen, Tag,
-Stunde, auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir: sollten wohl
-Augen aufreißen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, die Frau
-John besitze kein eigenes Kind, und das, was dafür gegolten hat, wäre
-das Ihre.
-
- Die Piperkarcka
-
-Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge Sie diesmal nicht
-beim Wort nehmen! -- Nämlich, wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor
-Hassenreuter, und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau, der
-Frau John, drei- oder viermal in Händen gehabt. Ich hab' es sogar auf
-der Wage gewogen. Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme Wurm hier dürfte
-noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf Grund dieses Umstandes versichere ich
-Ihnen, dies hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es mag
-richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das schlechterdings nicht
-bezweifeln. Das Kind der Frau John aber kenne ich und bin sicher, daß es
-mit diesem durchaus nicht identisch ist.
-
- Frau Kielbacke
- respektvoll.
-
-Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch.
-
- Die Piperkarcka
-
-Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen schlecht jenährt
-und schwächlich is. Det is janz richtig hier mit det Kind! Will Eid
-schwören, daß richtig identisch is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich bin sprachlos. -- (Zu den Schülern.) -- Unser Unterricht steht heute
-unter einem feindlichen Stern, werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso,
-aber der Irrtum der Damen beschäftigt mich. -- (Zu den Frauen.) -- Sie
-werden sich in der Tür geirrt haben.
-
- Frau Kielbacke
-
-Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von die Vormundschaft
-det Kindeken aus die Stube mit Schild Frau Mauerpolier John uf'n
-Hausflur jeholt. Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in
-Altona abwesend.
-
- Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie denn?
-
- Schierke
-
-Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute hier oben
-jeflichtet sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet?
-
- Frau Kielbacke
-
-Wir sind nich jeflichtet.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie fragten nach meiner Aufwärterin.
-
- Schierke
-
-Erlauben Se, det ich se och mal wat frache.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bitte.
-
- Die Piperkarcka
-
-Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind.
-
- Schierke
- zur Frau Kielbacke.
-
-Wie heißen Sie?
-
- Frau Kielbacke
-
-Ick bin Frau Kielbacke.
-
- Schierke
-
-Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo wohnen Sie?
-
- Frau Kielbacke
-
-In de Linienstraße neun.
-
- Schierke
-
-Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben?
-
- Frau Kielbacke
-
-Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind.
-
- Schierke
- zur Piperkarcka.
-
-Ihr Name?
-
- Die Piperkarcka
-
-Paula von Piperkarcka aus Skorzenin.
-
- Schierke
-
-Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind. Wollen Sie das also auch
-behaupten?
-
- Die Piperkarcka
-
-Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz bitten, weil hier
-unrechtmäßigerweise verdächtigt bin. Is Herr von die Stadt mit mich hier
-jewesen. Haben mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen,
-rausjeholt ...
-
- Schierke
- mit durchbohrendem Blick.
-
-Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe Knobbe jewesen
-sind. Wer weeß, wat Sie mit det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt
-und bestochen sind. 'N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen un denn
-hier rufjeschlichen, weil det die rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo
-bestohlen is, Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber
-Polizeiwache is.
-
- Die Piperkarcka
-
-Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie denn das gar nicht
-begreifen? Sie sagen, unsere John hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie
-bitte gefälligst aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das
-von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer herausgeholt! Nun
-also: wir alle hier kennen Frau Johns Kind und das, was Sie da haben,
-ist ein anderes! Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach Adam
-Riese unter gar keinen Umständen zutreffend sein! -- Übrigens wär mir's
-jetzt lieb, Herr Schierke, Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich
-könnte hier meinen Unterricht fortsetzen.
-
- Schierke
-
-Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit ihren Anhang rin. Nämlich
-das Kind ist jestohlen worden.
-
- Die Piperkarcka
-
-Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John.
-
- Schierke
-
-Schon jut! -- (Unbeirrt zum Direktor.) -- Und es soll ja, wie't heeßt,
-von Vaters Seite, blaublütig sind. Die Knobbe meent ja, et is 'n
-Komplott von Feinde, weil man ihr die Rente un womeglich
-Kadettenerziehung in 'ne jewisse Jejend nich jennen dut. -- (Es wird mit
-Fäusten an die Tür geschlagen.) -- Det is de Knobbe. Da is se schonn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen die Leute bei mir
-ein und erleide ich eine Schädigung, so wende ich mich an den
-Polizeipräsidenten: ich bin mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht,
-liebe Kinder, ihr seid meine Kronzeugen.
-
- Schierke
- an der Tür.
-
-Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich.
-
- Ein kleiner Janhagel heult auf.
-
- Die Piperkarcka
-
-Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die Bibliothek hinein.
--- (Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke und das Kind in die
-Bibliothek.) -- Und jetzt, Herr Schierke, wollen wir meinethalben diese
-Megäre da draußen herein lassen.
-
- Schierke
- der die Tür ein wenig öffnet.
-
-So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin.
-
- Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte
- Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette. Ihr
- Gesicht trägt die Stigmata der Straße, zeugt aber übrigens nicht von
- schlechter Abkunft. Ihre Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie
- redet mit Affektation, ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium.
-
- Frau Knobbe
- indem sie hereingesegelt kommt.
-
-Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor. Vorwiegend sind es
-kleine Jungens und kleine Mädchen, da ich kinderlieb bin, wie Sie
-wissen, die mit mir gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier
-eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich zwei Frauen mit
-meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen. Ich suche mein Söhnchen,
-genannt Helfgott Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung
-verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren.
-
- Schierke
-
-Darum wollt' ick och janz jehorsamst bitten, verstehn Se mich.
-
- Frau Knobbe
- diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend.
-
-Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen gewissen Lärm erregt.
-Man überblickt von da aus die Fenster, und ich habe mich bei den Leuten
-erkundigt, bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock, bei der
-kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster im dritten Stock, ob meine
-Selma mit meinem Söhnchen etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal
-zu erregen. -- Sie müssen wissen, Herr Direktor -- ich weiß sehr wohl,
-daß ich hier unter den Augen eines Mannes von Bedeutung, ja, eines
-berühmten Mannes bin! -- Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott
-Gundofried angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! -- (Mit
-schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die Augen führend.) --
-Ich bin eine arme, vom Schicksal verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken
-ist und die bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht
-langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die letzte Hoffnung nun
-auch rauben.
-
- Schierke
-
-Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich.
-
- Frau Knobbe
- wie vorher.
-
-Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen, meinen
-ehrlichen Namen abzulegen. Ich habe dann in Paris gelebt und schließlich
-einen brutalen Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen
-Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken hatte, in meinen
-Angelegenheiten dadurch gebessert zu sein. O diese Schurken von Männern,
-Herr Direktor!!
-
- Schierke
-
-Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich.
-
- Frau Knobbe
-
-Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich mal wieder einem Manne
-von Bildung und Geist in die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen
-eine Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier die »Gräfin«,
-und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen Jugend war ich nicht weit
-entfernt davon! Eine Zeitlang war ich auch Schauspielerin! Wie sagte
-ich: eine Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner
-Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden zu sein.
-
- Schierke
-
-Na wer weeß och.
-
- Frau Knobbe
- mit Emphase.
-
-Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden klingt, wenn ich
-sage, wie ich eines Nachts im tiefsten Abgrunde meiner Schande einen
-Vetter, einen Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts
-auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch, seit mich
-mein adelstolzer Herr Vater verstieß, nachdem ich als junges Ding einen
-Fall getan hatte. O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit,
-welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich bin ein zertretener
-Wurm, Herr Direktor, und doch, dorthin, nach diesem glänzenden Elend,
-sehne ich mich nicht eine Sekunde zurück.
-
- Schierke
-
-Nun woll'n wir jefälligst zur Sache kommen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen Sie zunächst
-mal die Dame nicht -- (zur Knobbe) -- Sie hatten von Ihrem Vetter
-gesprochen. Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist?
-
- Frau Knobbe
-
-Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte mich, und wir
-feierten schmerzlich selige Stunden alter Erinnerung. In seiner
-Begleitung befand sich -- ich nenne den Namen nicht! -- ein blutjunger
-Leutnant. Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig. Herr
-Direktor, ich habe die Scham verlernt! man hat mich neulich sogar aus
-einer Kirche herausgewiesen: warum soll eine so zertretene, entehrte,
-verlassene, mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht offen bekennen,
-daß er der Vater meines Helfgott Gundofried geworden ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde?
-
- Frau Knobbe
-
-Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich meine Feinde
-mächtig sind und jedwedes Mittel in der Hand haben, ich bin noch nicht
-ganz überzeugt davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von den
-Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie würden erstaunen,
-Träger eines der ältesten und berühmtesten Namens und Geschlechtes sind.
-Adieu! Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten, denken Sie
-nicht, mein besseres Fühlen ist in dem Sumpfe total erstickt, in den ich
-mich stürzen muß. Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit
-dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier -- (sie weist ihren nackten
-Arm vor) -- vergessen! Betäubung! Ich verschaffe es mir mittels Chloral,
-mittels Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen. Warum
-nicht? wem bin ich verantwortlich? Einst wurde meine geliebte Mama
-meinetwegen von meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam
-meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine englische Miß rissen
-sich, weil jede behauptete, daß ich sie mehr liebte, in der Wut
-gegenseitig die Chignons vom Kopf. Jetzt ...
-
- Schierke
-
-Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier Leute nich Freiheit
-berauben. -- (Er öffnet die Bibliothekstür.) -- Jetzt sagen Se, ob det
-hier Ihr Kindeken is.
-
- Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau Knobbe
- anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem Kinde folgt. Schierke
- nimmt das Tuch von dem Kindchen.
-
- Die Piperkarcka
-
-Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen? Bin ick Zijeuner? Sollen
-wohl Kinder stehlen in Häuser jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich
-schön hüten! Hab' selber für mich und mein Kind kaum Essen jenug! Wer
-'rumjehn, wer fremde Kinder auflesen und jroß füttern, wo eijnes mir
-schon jenug Kummer und Ärjer macht.
-
- Frau Knobbe
- glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann
- schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf ihr
- Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund und Nase und
- saugt den Duft des Parfüms, um nicht ohnmächtig zu werden.
- Hierauf glotzt sie wie vorher.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das Mädchen behauptet, daß sie
-selbst und nicht Sie, Frau Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist.
-
- Frau Knobbe
- erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr in den
- Arm.
-
- Schierke
-
-Det jibt's nich! Det is hier nich Kindererziehung! Det machen Se, wenn
-Se unter sich in de Kinderstube alleene sind! -- Die Hauptsache bleibt,
-wen jehert hier det Kind? -- Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete
-Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier reenste Wahrheit sachen! So! Is
-et Ihret? oder 'n fremdet Kind?
-
- Frau Knobbe
- bricht los.
-
-Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei Jesus Christus, Vater,
-Sohn und heiliger Geist, daß ich Mutter von diesem Kinde bin.
-
- Die Piperkarcka
-
-Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! -- Es mag meinethalben ein Fall
-von den allerverwickeltsten Umständen sein! Sie schwören dabei
-vielleicht vollständig gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß
-zugeben: jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen sein --
-ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken!
-
- Walburga
- die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der Nähe das
- Kind betrachtet.
-
-Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind.
-
- Frau Kielbacke
- weinerlich, entsetzt.
-
-Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin im Zimmer
-jewesen bin.
-
- Schierke
-
-Wat?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie? -- (Er tritt energisch näher und betrachtet einige Zeit ebenfalls
-das Kind.) -- Das Kindchen ist tot! Das ist ohne Frage! -- Hier ist ohne
-Zweifel einer gewesen, unsichtbar, der über das unbeteiligte arme,
-kleine Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen hat.
-
- Die Piperkarcka
- versteht nicht.
-
-Wat jiebt denn?
-
- Schierke
-
-Ruhe! -- Komm Sie mit.
-
- Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie steckt ihr
- Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust röchelt es. Schierke,
- die Kielbacke mit dem toten Kinde, gefolgt von Frau Knobbe und der
- Piperkarcka ab. Man hört Gemurmel auf dem Flur.
-
- Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden die Tür
- verschlossen hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-_Sic eunt fata hominum._ Erfinden Sie so was mal, guter Spitta.
-
-
-
-
- Vierter Akt
-
-
- Die Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten Akt. Es ist früh
- gegen acht Uhr Sonntags.
-
- Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem Verschlage.
- Man kann aus seinem Planschen und Prusten entnehmen, daß er bei der
- Morgenwäsche ist. Quaquaro ist eben eingetreten und hat die Klinke
- der Flurtür in der Hand.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul?
-
- John
- hinterm Verschlag.
-
-Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen bei meine verheirate
-Schwester in Hangelsberg. Will aber heut morchen noch wiederkomm. --
-(John erscheint, sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.) Schen
-juten Morchen, Emil.
-
- Quaquaro
-
-Morchen, Paul.
-
- John
-
-Na wat jibt et Neies? Ick bin vor 'ne halbe Stunde erst von de Bahn aus
-Hamburch jekomm.
-
- Quaquaro
-
-Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen.
-
- John
- aufgeräumt.
-
-Na ja, Emil, du bist eben so 'n richticher Zerberus.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det Kleene in Hangelsberg?
-
- John
-
-I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil. Wiste wat von ehr?
-Miete hat se doch woll richtich abjeführt. Ibrigens kann ick jleich
-kindigen, Emil. Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober.
-Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus det olle wacklige
-Staatsjebäude raus und in 'ne beßre Jejend ziehn.
-
- Quaquaro
-
-Nach Altona wiste nu nich mehr zurick?
-
- John
-
-Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick jeh nich mehr auswärts!
-Nich in die Hand! -- Schon erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken!
-und denn och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och all nich mehr
-recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et is jut so, det ma det ewiche
-Wanderleben zu Ende is.
-
- Quaquaro
-
-Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul.
-
- John
- gut gelaunt.
-
-Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!? Ick ha zum Meester
-jesacht: ick bin jung verheirat! Denn hat er jefracht, ob meine erschte
-Frau jestorben is? O konträr! Janz in't Jejenteil, hab' ick jeantwort:
-die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch 'ne
-quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! -- Wie ick heute Morchen,
-Berlin--Hamburg--Stendal--Ültzen zum letztenmal uf'n Lehrter Bahnhof mit
-mein janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab' ick 'n lieben
-Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin, mit een Seufzer jedankt.
-Er wird ihm wohl bei den Lärm uf'n Lehrter nich jehert haben.
-
- Quaquaro
-
-Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes och wieder mit
-Dot abjejang is?
-
- John
-
-Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber wenn et dot is, denn is
-et doch jut, Emil. Als ick det Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo
-Krämpfe hatte und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm noch'n
-Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch schon reichlich reif
-for't Himmelreich.
-
- Quaquaro
-
-Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich jehert, wie und wo det
-Kindchen zu Dode jekomm is?
-
- John
-
-Nee! -- (Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem Sofa hervor.) --
-Wart ma! ick brenne mir erst ma 'ne Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat
-jehert haben.
-
- Quaquaro
-
-Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir nischt von jeschrieben
-hat.
-
- John
-
-I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit det mir 'n eegnet
-Kind haben, bei Muttern uf eema wie abjeschnappt.
-
- Quaquaro
- lauernd.
-
-Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne 'n Sohn haben.
-
- John
-
-Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For wat rackert eens denn?
-For wat schind ick mir denn? Det is doch wat anders, wenn 'n scheenet
-rundet Stück Jeld for'n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart
-bleiben dut.
-
- Quaquaro
-
-Weeste denn nich, det 'n fremdet Mächen jekomm is, Paul, und hat
-behauptet, det det Kind von de Knobbe jar nich ihr eechnet, sondern det
-Kind von det fremde Mächen jewesen is?
-
- John
-
-Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn't Mutter wär! aber de Knobben
-doch nich. Sach ma, Emil, wat is denn det for 'ne Jeschichte.
-
- Quaquaro
-
-Na, nu, d'r eene sagt so, d'r andre sagt so. De Knobben sagt, det von
-een Komplott mit Detektivs aus jewisse Kreise det kleene Balch
-nachjestellt worden is. Un det is nu ja och richtig janz festjestellt:
-et war det Kind von de Knobben jewesen! -- Kannst du mich irgendeenen
-Wink jeben, wo de letzten Dache dein Schwager is?
-
- John
-
-Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg?
-
- Quaquaro
-
-I nee, durchaus nich wat der Mann von deine Schwester, sondern von deine
-Frau der Bruder is.
-
- John
-
-Da meenst du Brunon?
-
- Quaquaro
-
-Jewiß doch.
-
- John
-
-Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher drum, ob de Hunde noch
-immer bei Prellsteine jehn. Von Brunon will ick weiter nischt wissen.
-
- Quaquaro
-
-Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf Polizeistelle is
-bekannt, det Bruno mit det polnische Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch
-machen wollte, jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene
-jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle wegschwimmen,
-jemeinsam jesichtet is. Nu is det Mächen janz jänzlich verschwunden.
-Weiter wat Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von Polizei
-wechen det Mächen suchen.
-
- John
- stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt
- hatte.
-
-Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! -- Ick weeß nich, wat in
-mir jefahren hat, ick war so verjnügt wie'n Eckensteher. Uf eemal is
-mich so kodderig zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg
-mechte un jar nischt weiter heren und sehn! -- Wat kommst de denn mir,
-Emil, mit so 'ne Jeschichten?
-
- Quaquaro
-
-Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen, wo ja du un
-wohl ja och deine Frau auswärts jewesen is, in deine Behausung jeschehn
-is.
-
- John
-
-In meine Behausung?
-
- Quaquaro
-
-Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det Knobbesche Jungchen in
-Kinderwachen hier rieberjeschoben, wo et det fremde Frauenzimmer mit
-ihre Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen hat. Oben
-bei de Kammedienspieler is se ja dann noch jlicklich jestellt worden.
-
- John
-
-Wat is se?
-
- Quaquaro
-
-Und da haben sich och de Knobbe un det fremde Mächen ieber det dote Kind
-bei de Haare jekricht.
-
- John
-
-Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch alle Ochenblicke
-hier mit Frauenzimmer een Jewürge is. Laß se man kampeln! Mir is det
-jleichjiltig! Nämlich, Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!?
-
- Quaquaro
-
-Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter! Det Mächen hat nämlich
-mehrmals vor Zeuchen ausjesacht: erstlich, det Wurm von de Knobbe, det
-wär ihr Kind und det hätt' se ausdricklich bei deine Frau, Paul, in de
-Flege jejeben.
-
- John
- stutzt, lacht befreit.
-
-Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden!
-
- Erich Spitta kommt.
-
- Spitta
-
-Guten Morgen, Herr John.
-
- John
-
-Juten Morchen, Herr Spitta. -- (Zu Quaquaro, der noch in der geöffneten
-Tür steht.) -- 'S jut, Emil! Ick wer mir wissen zu richten nach.
-
- Quaquaro ab.
-
- John
- fährt fort.
-
-Nu sehn Se ma so 'n Männeken, Herr Spitta! Mit een Fuß steht er in't
-Jefängnis, mit 'n andern is er Liebkind beim Bezirkskommissar uf't
-Polizeibüro! un denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln.
-
- Spitta
-
-Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt, Herr John?
-
- John
-
-Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! -- (Er öffnet die
-Flurtür.) -- Selma! -- Entschuldjen Se mir ma 'n Ojenblick. -- Selma! --
-Ick muß ma det Mächen wat aushorchen.
-
- Selma Knobbe kommt.
-
- Selma
- noch in der Tür.
-
-Wat is?
-
- John
-
-Mach ma de Tir zu, komm ma 'n bißken 'rin! Un nu sach mal, Mächen, wat
-det hier in de Stube mit dein kleenet verstorbenet Briderchen und mit
-det fremde Weibsbild jewesen is.
-
- Selma
- die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten ist,
- jetzt sehr wortgewandt.
-
-Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben. Ihre Frau war nicht da
-und da dacht ick, det hier drieben, wo doch det Briderken sowieso krank
-war und immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is. Nu kam een
-Herr un kam eene Dame un noch 'ne Frau kam uf eemal hier rin. Und denn
-ha'm se det Kindeken hier aus 'n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt
-un mit fortjenomm.
-
- John
-
-Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und se hätt' et bei
-Muttern, als wie det meine Olle is, hätt' se's, sagt se, in Flege
-jejeben?
-
- Selma
- lügt.
-
-I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von.
-
- John
- schlägt auf den Tisch.
-
-Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig.
-
- Spitta
-
-Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich von dem Vorfall
-zwischen den beiden Frauen oben bei Direktor Hassenreuter die Rede ist.
-
- John
-
-Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de Knobben und de andere um
-det Würmchen jezerjelt hat?
-
- Spitta
-
-Allerdings. Das hab' ich mit angesehn.
-
- Selma
-
-Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och Schutzmann Schierke und
-meinswechen der lange Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger
-verhören dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt sachen.
-
- John
-
-'N Polizeileitnam hat dir ausjefracht?
-
- Selma
- knutscht.
-
-Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et Leute anjezeicht un
-jelogen haben, det unser Kindeken vahungert is.
-
- John
-
-Ach! so! -- Na Selma, jeh, laß ma 'n Kaffee durchlofen.
-
- Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John
- zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den Zirkel
- und zieht dann mit der Schiene einige Linien.
-
- Spitta
- mit Überwindung.
-
-Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr John. Mir hat
-jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen Sicherheit mitunter kleine Beträge
-an Studenten geliehen. Ich bin nämlich in Verlegenheit.
-
- John
-
-Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr Spitta.
-
- Spitta
-
-Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein Geld schaffe, werden
-meine paar Bücher und Habseligkeiten von meiner Zimmerwirtin mit
-Beschlag belegt und man setzt mich eigentlich auf die Straße.
-
- John
-
-Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta.
-
- Spitta
-
-Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber nicht Pastor werden
-mag, habe ich gestern abend einen furchtbaren Krach mit meinem Vater
-gehabt. Ich werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen.
-
- John
- arbeitend.
-
-Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu oder 'n Hals breche.
-
- Spitta
-
-Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr John. Geh ich aber
-zugrunde, so ist mir's auch gleichgültig.
-
- John
-
-Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for ausjehungerte arme
-Ludersch sind. Aber keener will wat Reelles anfassen. -- (Ferner Donner.
-John blickt durchs Fenster.) -- Heute wird schwule. Et donnert schon.
-
- Spitta
-
-Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John, daß ich etwas Reelles
-nicht anfassen möchte: Stunden geben! für Geschäfte Adressen schreiben!
-Ich habe das alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem anderen
-Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte um die Ohren geschlagen.
-Dabei hab' ich gebüffelt und Bücher gewälzt.
-
- John
-
-Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer instellen! Wie ick so
-alt war wie Sie, ha ick in Altona in Akkord schon bis zwelf Mark täglich
-verdient.
-
- Spitta
-
-Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter.
-
- John
-
-Det kennt man.
-
- Spitta
-
-So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr John. Vergessen Sie
-aber bitte nicht: Ihre Herrn Bebel und Liebknecht sind auch
-Geistesarbeiter.
-
- John
-
-Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man wenigstens frühstücken. Allens
-sieht sich janz andersch an, wenn det eener 'n Happenpappen jefrühstückt
-hat. Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta?
-
- Spitta
-
-Nein, offen gestanden, heute noch nicht.
-
- John
-
-Na denn machen Se man det Se wat Warmes in Leib kriechen.
-
- Spitta
-
-Das hat Zeit.
-
- John
-
-I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och die Nacht uf de Bahn
-jelejen. -- (Zu Selma, die ein Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt
-hat.) -- Bring ma schnell noch 'ne Tasse ran.
-
- Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel ein und
- trinkt Kaffee.
-
- Spitta
- der noch nicht Platz nimmt.
-
-Eine Sommernacht bringt man doch lieber im Freien zu, wenn man im
-übrigen doch nicht schlafen kann. Und ich habe nicht eine Minute
-geschlafen.
-
- John
-
-Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut schlafen kann! Wer in
-Dalles is, hat och in Freien de meeste Jesellschaft. -- (Er vergißt
-plötzlich zu kauen.) -- Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie
-det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det se hier aus de Stube
-jeholt hat, jewesen is.
-
- Selma
-
-Ick weeß nich, det frächt mich 'n jeder, frächt mir Mama jetzt 'n lieben
-langen Dach! ob ick Brunon Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer
-oben uf'n Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat! Wenn det
-so fortjeht ...
-
- John
- energisch.
-
-Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr und det Freilein
-dir dein Brüderken aus'n Wachen jenommen hat?
-
- Selma
-
-Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene Wäsche.
-
- John
- faßt Selma beim Handgelenk.
-
-Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine Mutter jehn.
-
- John mit Selma an der Hand ab.
-
- Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück her.
- Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer Eile und sehr
- aufgeregt.
-
- Walburga
-
-Bist du allein?
-
- Spitta
-
-Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga.
-
- Walburga
-
-Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der allergrößten Schlauheit,
-mit der allergrößten Entschlossenheit, mit der allergrößten
-Rücksichtslosigkeit, komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine
-jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das Dienstmädchen! Ich
-sagte aber zu Mama, wenn sie mich nicht durch das Entree hinausließen,
-so möchten sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei Stock
-hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn. Ich fliege. Ich bin mehr
-tot wie lebendig. Aber ich bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem
-Vater, Erich?
-
- Spitta
-
-Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber fressen wie weiland
-der verlorene Sohn, und ich möchte mir ja nicht einfallen lassen, als
-Luftspringer oder Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals
-wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu wollen. Für Gesindel
-öffne sich seine Haustür nicht. Ich werd's verwinden! Nur meine arme
-gute Mutter bedaure ich. -- Du kannst dir nicht denken, mit welchem
-abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und alles, was mit dem
-Theater zusammenhängt, geladen ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm
-nicht stark genug. Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein
-der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der sich denken läßt.
-
- Walburga
-
-Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen ist.
-
- Spitta
-
-Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben.
-
- Walburga
-
-Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen, mit welchen
-grauenvollen Ausdrücken mich Papa in der Wut überschüttet hat, und ich
-mußte zu allem stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das
-hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral stumm und
-hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt' ich es auch: doch ich schämte
-mich so entsetzlich für ihn! Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht,
-Erich! Mama mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen.
-Er hat mich acht oder neun Stunden lang in den finsteren Alkoven
-eingesperrt, um meinen Trotz zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das
-gelingt ihm nicht, Erich! Er bricht ihn nicht.
-
- Spitta
- nimmt Walburga in den Arm.
-
-Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich erst, was ich an dir
-besitze! weiß ich erst, was für ein Schatz du eigentlich bist. -- (heiß)
--- Und wie schön du aussiehst, Walburga.
-
- Walburga
-
-Nicht! Nicht! -- Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es doch nichts.
-
- Spitta
-
-Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh mal, ein Mensch
-wie ich, in dem es gärt und der was Besonderes, Dunkles, Großes will,
-was er einstweilen noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit
-zwanzig Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt lästig und
-lächerlich. Aber glaub' mir: einst wird das anders werden. In uns liegen
-die Keime. Der Boden lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch
-unterirdisch, die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die Zeit muß
-kommen, da wird die ganze weite, schöne Welt unser sein.
-
- Walburga
-
-Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig.
-
- Spitta
-
-Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater auch von der Leber weg die
-Anklage des Verbrechens an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert.
-Das hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt: von einer
-Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse er nichts. Sie existiere
-in seiner Seele nicht und, wie es den Anschein habe, werde auch bald
-sein Sohn dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese Diener
-des guten Hirten, der das verlorene Schaf doppelt zärtlich in seine Arme
-nahm! O du lieber Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen
-Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber als ich heut nacht bei
-Donnerrollen und Wetterleuchten auf einer Bank im Tiergarten saß und
-gewisse Berliner Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die
-ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben mir. Wie oft mag
-sie selbst im Leben Nächte hindurch obdachlos auf solchen Bänken und
-vielleicht auf derselben Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer
-Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung darüber nachzudenken,
-wie triefend von Menschenliebe, triefend von Christentum zweitausend
-Jahre nach Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich
-manifestiert. Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme Dirne,
-die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten geht, die von dem Drucke
-der Sünde der Welt belastet ist, die arme Aussätzige und ihre
-fürchterliche Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und alles
-Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und Entrechteten werfen wir mit
-in die Flamme hinein! Und so soll die Schwester leben, Walburga, und
-soll Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine Seele
-beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei der Welt
-nicht vermag.
-
- Walburga
-
-Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb sind deine Finger noch
-so eiskalt, und du siehst so entsetzlich müde aus. Erich, du mußt mein
-Portemonnaie nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere dich!
-Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht, Erich! Erich, du
-darbst! Wenn du meine paar Groschen nicht nimmst, verweigere ich zu
-Hause jede Nahrung! bei Gott, ich tu's! bis du vernünftig wirst.
-
- Spitta
- würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen.
-
-Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt.
-
- Walburga
- steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.
-
-Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich hier zu Frau John
-bestellt. Zu allem Unglück bekomme ich gestern noch hier diese
-gerichtliche Vorladung.
-
- Spitta
- betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.
-
-Du? Und weshalb denn das, sag' mal, Walburga.
-
- Walburga
-
-Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen auf dem Oberboden
-zusammenhängt. Aber es macht mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das
-erfährt ... ja, was tu ich dann?
-
- Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen, sehr
- gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein.
-
- Frau John
- erschrocken, mißtrauisch, halblaut.
-
-Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause? Ick war eben ma 'n
-bißken mit det Kindken uf de Jasse jejangn.
-
- Sie trägt das Kind hinter den Verschlag.
-
- Walburga
-
-Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung mit Frau John.
-
- Frau John
-
-Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen.
-
- Spitta
-
-Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen. Sie hat nämlich,
-wahrscheinlich wegen der gestohlenen Sachen, Sie wissen ja, auf dem
-Oberboden, eine gerichtliche Vorladung.
-
- Frau John
- tritt aus dem Verschlage.
-
-Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein Walburga? Na, denn nehm
-sich in Obacht! Ick spaße nich! un phantasieren Se womeglich von
-schwarzen Mann.
-
- Spitta
-
-Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich.
-
- Frau John
- zur häuslichen Beschäftigung übergehend.
-
-Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie vor't Hallesche Tor
-der Blitz heute morchen Mann, Frau und 'n Mächen von sieben unter eene
-hohe Pappel erschlagen hat?
-
- Spitta
-
-Nein, Frau John.
-
- Frau John
-
-Et pladdert schon wieder.
-
- Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht.
-
- Walburga
- ängstlich.
-
-Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn.
-
- Frau John
- lauter und lauter werdend.
-
-Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher noch jesprochen, wo
-nachher von Blitze erschlachen is. Die hat jesacht -- nu hern Se ma zu,
-Herr Spitta .... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen legt und
-raus in die warme Sonne rickt -- det muß aber Sommersonne und
-Mittagssonne sind, Herr Spitta! -- det zieht Atem! det schreit! det is
-wieder lebendig! -- Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit meine Ochen
-jesehn.
-
- Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne scheinbar
- mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen Leute zu wissen.
-
- Walburga
-
-Du, die John ist unheimlich, komm!
-
- Frau John
- noch lauter.
-
-Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is? Denn kann Mutter kommen
-und nehmen. Denn muß et jleich Brust kriejen.
-
- Spitta
-
-Adieu, Frau John.
-
- Frau John
- noch lauter.
-
- Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis zur Tür.
-
-Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr Spitta.
-
- Spitta und Walburga ab.
-
- Frau John
- hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.
-
-Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis, wo ick entdeckt
-habe, nischt.
-
- Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein.
-
- John
-
-I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von wat for'n Jeheimnis
-sprichst du denn?
-
- Frau John
- wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.
-
-Ick? -- Ha ick denn von 'n Jeheimnis jesprochen?
-
- John
-
-Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste nu 'n Jeist oder
-bistes wirklich?
-
- Frau John
- befremdet, ängstlich.
-
-Woso soll ick 'n Jeist sind?
-
- John
- schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.
-
-Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich deswechen, det de nu
-wieder mit dein Patenjeschenk bei mich bist! -- (Er geht hinter den
-Verschlag.) -- Et sieht aber 'n bißken miserich aus, Jette.
-
- Frau John
-
-Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen uf'n Lande de Kühe
-schon jrienet Futter kriejen. Hier von de vereinichte Molkerei ha ick
-wieder welche, wo trocken jefüttert is.
-
- John
- erscheint wieder.
-
-Ick sag's ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn und raus aus de
-Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt is an allerjesindsten.
-
- Frau John
-
-Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul.
-
- John
-
-In Altona, Jette, is och nu allet in't reene jebracht. Jejen Mittag
-treff' ick mit Karln zusamm, und denn will er mir sachen, wenn ick beim
-neuen Meester antreten kann! -- Hör ma: ick ha och wat mitjebracht.
-
- Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche
- nimmt.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in Berlin manchma immer
-'n bißken zu stille is! -- Horch ma, wie't kräht. -- (Man hört das
-Kindchen allerlei vergnügte Geräusche machen.) -- Nee Mutter, wenn so 'n
-Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika.
-
- Frau John
-
-Haste schonn jemand jesprochen, Paul?
-
- John
-
-Nee! -- Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron jesprochen.
-
- Frau John
- scheu, gespannt.
-
-Nu? und?
-
- John
-
-I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt.
-
- Frau John
- wie vorher.
-
-Wat hat er jesacht?
-
- John
-
-Wat soll er jesacht haben? -- Na, wenn de schon keene Ruhe jeben dust --
-wat soll det nitzen an Sonntag morchen? -- er hat mir ma wieder nach
-Brunon jefracht.
-
- Frau John
- hastig, bleich.
-
-Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben?
-
- John
-
-Jar nischt! -- Hier, komm und trink 'n Schluck Kaffee, Jette, und ärjer
-dir nich! -- Wat kannst de dafür, wenn eener so 'n sauberet Brüderken
-hat? -- Wat brauchen wir uns um andre bekimmern?
-
- Frau John
-
-Det mecht ick wissen, wat so 'ne olle dußliche Dromlade, wo 'n janzen
-Tag spionieren dut, immer von Brunon zu quasseln hat.
-
- John
-
-Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! -- -- -- Sieh ma ... i wat denn?
-... lieber nich! ... Aber wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det
-soll mir nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof,
-haste nich jesehn! ma'n schnellet Ende is. -- (Frau John läßt sich am
-Tisch nieder, wird grau im Gesicht, stützt sich auf beide Ellenbogen und
-atmet schwer.) -- Vielleicht och nich! nimm et dir man nich jleich so zu
-Herzen! -- -- Wat macht denn de Schwester?
-
- Frau John
-
-Ick weeß et nich.
-
- John
-
-Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen.
-
- Frau John
- sieht ihn geistesabwesend an.
-
-Wo bin ick jewesen?
-
- John
-
-Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de schudderst ja! bein Arzt
-und bein Doktor wiste nich hinjehn! womeglich det de noch nachträglich
-zum Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt.
-
- Frau John
- fällt ihrem Mann um den Hals.
-
-Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul, sach et! sach et
-bloß, tu mir nich hinters Licht fihren! Sach et! Fihr mir nich hinters
-Licht.
-
- John
-
-Wat is mit dich heute los, Henerjette?
-
- Frau John
- plötzlich verändert.
-
-Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick ha wieder die Nacht
-keene Ruhe jehat! Und denn war ick früh uf, und denn is et nich anders,
-als wie det ick 'n bißken von Kräfte bin.
-
- John
-
-Denn leg dir man lang und ruh dir 'n bißken. -- (Frau John wirft sich
-lang auf das Sofa und starrt gegen die Decke.) -- Kannst dir dann och ma
-'n bißken kämmen, Jette! -- -- Uf de Bahn war et wohl sehr staubig
-jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert bist? -- -- --
-(Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen die Decke.) -- Ick muß ma
-det Bengelchen 'n bißken an't Licht holen.
-
- Er begibt sich hinter den Verschlag.
-
- Frau John
-
-Wie lange sind wir verheirat, Paul?
-
- John
- Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:
-
-Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich wie ick bin aus'n
-Kriege jekomm.
-
- Frau John
-
-Nich, denn kamst de zu Vater hin? -- und denn hast de in Positur
-jestanden? -- und denn hast de't eiserne Kreuz an de linke Brust jehat.
-
- John
- erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper
- schwingend. Er sagt lustig:
-
-Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn de't sehn willst,
-denn stech ick's mir an.
-
- Frau John
- noch immer lang ausgestreckt.
-
-Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht: ick sollte nich
-immer so fleißig ... nich immer so hin und her, treppuf, treppab ... ick
-sollte ma 'n bißken pomadich sind.
-
- John
-
-Det sach ick so jut och heute noch, Jette.
-
- Frau John
-
-Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt und hast mir links
-hinter't Ohr jeküßt! -- Und denn ...
-
- John
-
-Denn sind wir wohl einig jeworden? --
-
- Frau John
-
-Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee apee von oben bis
-unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt. Und da ha ick noch anders
-ausjesehn! -- Und denn haste jesacht ...
-
- John
-
-I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det jlobt eener nich,
-wat du for'n Jedächtnis hast.
-
- Frau John
-
-Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald 'n Jungen krieje, der soll och
-ma »mit Jott für Kenig und Vaterland« und »Wacht am Rhein« hinter de
-Fahne her zu Felde ziehn.
-
- John
- singt, über das Kindchen, zur Klapper.
-
- »Er blickt hinauf in Himmels Aun
- wo Heldenväter niederschaun:
- zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!« ...
-
-Nu ha ick so'n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig jar nich so wilde
-druf, det ick ihm mechte womeglich als Kanonenfutter in Krieg schicken.
-
- Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag.
-
- Frau John
- wie vorher.
-
-Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her!
-
- John
- kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.
-
-Janz so lange woll doch nich, Jette.
-
- Frau John
-
-Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und jingst mit mich und mein
-Kindeken jingst du fort nach Amerika?
-
- John
-
-Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det? Bin ick denn hier von
-Jespenster umjeben? Du weeßt, det ick uf'n Bau, und wenn de Arbeeter mit
-Klamotten ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und, wat se
-mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin! Aber nu: wat is det? De Sonne
-scheint! et is hellichter Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich!
-Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn ick nach
-jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen, wat an die Jeschichte
-mit det fremde Mächen hier in de Stube Wahret is.
-
- Frau John
-
-Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar nich mehr
-wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ...
-
- John
-
-Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst Augen, wie wennste
-jerädert bist.
-
- Frau John
- verändert.
-
-Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul? wo ick in mein Käfiche
-sitzen muß und keen Mensch nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet
-Mal hab' ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer rackern du?
-warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam zusammenscharre, dein Verdienst
-jut anleche und wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du.
-Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind? Paul, du hast mir
-zujrunde jerichtet!
-
- Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus.
-
- In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke
- eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder an der Mütze
- und einen großen Fliederzweig in der Hand. John trommelt ans Fenster
- und bemerkt ihn nicht.
-
- Frau John
- hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins Auge
- gefaßt.
-
-Bruno, bist du's?
-
- Bruno
- der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.
-
-Na jewiß doch, Jette.
-
- Frau John
-
-Wo kommst de denn her? Wat wiste denn?
-
- Bruno
-
-Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det siehste doch, det ick
-bei jute Laune bin.
-
- John
- hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche
- Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er langsam zu einem
- kleinen Schrank und zieht einen alten Kommißrevolver hervor, den
- er ladet. Dies wird von Frau John nicht beobachtet.
-
-Du! -- Hör ma! -- Nu will ick dir ma wat sachen! -- Wat, wat de
-vielleicht verjessen hast -- det de weiter nu keene Ausrede hast, wenn
-ick det Dinges hier uf dir abdricke! -- Du Lump! Unter Menschen jeherst
-du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle, det war vorichten
-Herbst, wo du mich jemals wieder uf meine Schwelle unter de Auchen
-trittst -- Nu jeh! sonst kracht et! -- Hast de verstanden?
-
- Bruno
-
-Vor deine Musspritze furcht ick mir nich.
-
- Frau John
- die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den Revolver
- langsam gegen Bruno erhebt.
-
-Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder!
-
- Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen sie
- gerichtet ist.
-
- John
- sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.
-
-Jut! -- (Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das Schränkchen.) --
-Hast och recht, Jette! -- Pfui Deibel, Jette, det dein Name och in de
-Fresse von so 'n Schubiack is! -- Jut! -- Det Pulver wär och zu schade!
--- Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter jekost! Zwee Helden!
--- Nu soll et am Ende Dreck saufen.
-
- Bruno
-
-Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel ist! Und wenn du nich
-jerade, det de bei meine Schwester uf Schlafstelle wärscht, denn hätt'
-ick dir woll ma wat Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache
-'t Loofen jekricht.
-
- John
- gewaltsam ruhig.
-
-Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is.
-
- Frau John
-
-Paul, jeh man, ick wer' ihm schon wieder fortschaffen! Det weeßt de
-doch, det ick et nu ma doch nich ändern kann, det Bruno von mich der
-Bruder is.
-
- John
-
-Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man. -- (Er ist fertig
-gekleidet und schickt sich zum Gehen an. Dicht bei Bruno steht er
-still.) -- Schuft! du hast deinem Vater im Jrabe jeärgert! Deine
-Schwester hätte dir sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen,
-statt jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf de Erde is. In
-eene halbe Stunde komm ick zurück! aber nich alleene! Ick komm mit'n
-Wachmeester!
-
- John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend.
-
- Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm nach, gegen
- die Eingangstür.
-
- Bruno
-
-Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte.
-
- Frau John
-
-Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is!
-
- Bruno
-
-Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.
-
- Frau John
- verschließt und verriegelt die Flurtür.
-
-Wacht ma, ick schließe die Diere zu! -- Nanu, wat is? -- Wo kommste her?
-Wo biste jewesen?
-
- Bruno
-
-Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa' ick 'n bißken jejen
-Morchenjrauen in't Jrüne jejang.
-
- Frau John
-
-Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn nimm dir in Obacht, det de
-nich in de Falle sitzt.
-
- Bruno
-
-I Jott bewahre. Ick bin ieber'n Hof, denn bei mein Freind durch'n
-Knochenkeller und hernach ieber'n Oberboden rinjekomm.
-
- Frau John
-
-Na? Und wat is nu jewesen, Bruno?
-
- Bruno
-
-Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt, oder ick muß
-abtippeln.
-
- Frau John
-
-Und wat haste nu mit det Mächen jemacht?
-
- Bruno
-
-I, et hat Rat jejeben, Jette!
-
- Frau John
-
-Wat heeßt det?
-
- Bruno
-
-Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht.
-
- Frau John
-
-Und det se nich wiederkommt is nu sicher!
-
- Bruno
-
-Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich! Aber det wa keen leichtet
-Stick Arbeet, Jette. Du hast mich mit deine verdammte Pillenkrajerei --
-ick ha Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du mir
-kochend heeß jemacht.
-
- Er trinkt eine Wasserflasche leer.
-
- Frau John
-
-Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen.
-
- Bruno
-
-Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich wollt se nischt wissen.
-Denn is Artur in feine Kluft anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig
-verschleppt in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is se
-jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut!
-
- Er trällert und tänzelt krampfhaft.
-
- Unser janzet Leben lang
- von det eene Ristorang
- in det andre Ristorang
-
- Frau John
-
-Na und denn?
-
- Bruno
-
-Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr Breitjam jejangen
-is! Denn ha ick wollen ihr noch 'n Stickchen bejleiten, Artur und Adolf
-sind mitjejang. Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen,
-und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch und Schnäpse molum
-jeworn. Und denn hat se in'n Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn
-seine Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee drei Jungs
-hinterher jewesen, nich losjelassen, immer von frischen Quinten jemacht,
-und in de Schublade is et ja nu och lustig zujejang.
-
- Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten.
-
- Bruno
- fährt fort.
-
-Aber 't Jeld is futsch. Ick brauche Märker und Pfenniche, Jette.
-
- Frau John
- kramt nach Geld.
-
-Wieviel mußte haben?
-
- Bruno
- lauscht den Glocken.
-
-Wat denn?
-
- Frau John
-
-Jeld!
-
- Bruno
-
-Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent, det ick an liebsten
-muß ieber de russische Jrenze jehn! -- Her ma, Jette, de Jlocken läuten.
-
- Frau John
-
-Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn?
-
- Bruno
-
-Nimm ma 'n nasses Handtuch, Jette, un du och 'n bißken Essig druf. Ick
-weeß nich, wat mich det Nasenbluten janze Nacht schon jeärjert hat.
-
- Er drückt sein Taschentuch an die Nase.
-
- Frau John
- holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.
-
-Wer hat dir an Handjelenk so 'ne Striemen jekratzt, Bruno?
-
- Bruno
- lauscht den Glocken.
-
-Heute morchen halb viere hätt' se det Jlockenläuten noch heren jekonnt.
-
- Frau John
-
-O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann ja nich
-menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen, Bruno! Bruno! ick
-muß mir setzen, Bruno. -- (Sie tut es.) -- Det hat ja Vater noch uf'n
-Sterbebette zu mich vorausjesacht.
-
- Bruno
-
-Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu Minnan hinjehst, denn
-sache, det ick ma och uf sowat vastehe und det mit Karln und Fritzen det
-Jehänsel 'n Ende hat.
-
- Frau John
-
-Bruno, wenn se dir aber festsetzen.
-
- Bruno
-
-Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn ha'm se uf Charité wieder ma
-wat zum Sezieren.
-
- Frau John
- gibt ihm Geld.
-
-Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno?
-
- Bruno
-
-Du bist 'ne olle vadrehte Person, Jette. -- (Er faßt sie nicht ohne
-Gemütsanwandlung.) -- Ihr sagt immer, det ick zu jar nischt nitze bin,
-aber wenn't jar nich mehr jeht, denn braucht ihr mir, Jette.
-
- Frau John
-
-Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det se soll nich mehr blicken
-lassen? -- Det haste jesollt, Bruno. Haste det nich?
-
- Bruno
-
-De halbe Nacht hab' ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir uf de Straße
-jejang. Denn war 'n Herr mitjekomm, vastehste! Und wie det ick jesacht
-habe, det ick von meinswechen mit die Dame 'n Hihnchen zu pflicken habe
-und 'n Schneiderring aus de Bucksen jezogen, hat er natierlich Reißaus
-jenomm. -- Nu ha ick zu ihr jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo
-jutwillig sind und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei meine
-Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet janz jitlich in juten
-vereinigt sind! und denn is se mit mich jejondelt 'n Sticksken.
-
- Frau John
-
-Na und?
-
- Bruno
-
-Na und? -- Und da wollte se nich! -- Und da fuhr se mit eemal nach meine
-Jurjel, det ick denke ... wie 'n Beller, der toll jeworden is! und hat
-noch Saft in de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll
-alle werden! Na, und da ... da war ick nu och 'n bißken frisch -- und
-denn war et -- denn war et halt so jekomm.
-
- Frau John
- in Grauen versunken.
-
-Um welche Zeit war et?
-
- Bruno
-
-So 'rum zwischen vier und drei. Der Mond hat 'n jroßen Hof jehat. Uf'n
-Zimmerplatz hinter de Planken is een Luder von Hund immer rufjesprung
-und anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is 'n Jewitter
-niederjejang.
-
- Frau John
- verändert, gefaßt.
-
-'S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser.
-
- Bruno
-
-Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich.
-
- Frau John
-
-Wo wiste denn hin?
-
- Bruno
-
-Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf'n Ricken liechen. Ick och! Ick
-jeh zu Fritzen, wo eene Kammer in't olle Polizeijefängnis jejenieber de
-Fischerbrücke zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß is, kannste
-mich Nachrich zukomm lassen.
-
- Frau John
-
-Wiste det Kindeken nochma ankieken?
-
- Bruno
- zittert.
-
-Nee.
-
- Frau John
-
-Warum nich?
-
- Bruno
-
-Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! -- Wacht ma Jette: hier is
-noch 'n Hufeisen! -- (Er legt ein Hufeisen auf den Tisch.) -- Det ha ick
-jefunden! Det bringt Glick! Ick brauche ihm nich.
-
- Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau John blickt
- mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle, wo er verschwunden
- ist, wankt dann einige Schritte zurück, preßt die wie zum Gebet
- verkrampften Hände gegen den Mund und sinkt in sich zusammen, immer
- mit dem vergeblichen Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu
- richten.
-
- Frau John
-
-Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det wollt ick nich!
-
-
-
-
- Fünfter Akt
-
-
- Zimmer bei Johns. Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga
- und Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der Straße
- herauf laute Militärmusik.
-
- Spitta
-
-Es ist niemand hier.
-
- Walburga
-
-Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John.
-
- Spitta
- mit Walburga an das Sofa tretend.
-
-Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie man bei diesem Lärm
-schlafen kann. --
-
- Die Militärmusik ist verklungen.
-
- Walburga
-
-Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst du denn
-übrigens, weshalb unten am Eingang Polizeiposten stehn und weshalb sie
-uns nicht auf die Straße lassen? Ich hab' eine solche furchtbare Angst,
-daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache muß.
-
- Spitta
-
-Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga.
-
- Walburga
-
-Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns anblickte und du ihn
-fragtest, wer er sei und er seine Legitimationsmarke aus der Tasche
-nahm, wahrhaftig, da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im
-Kreise zu drehen an.
-
- Spitta
-
-Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist eben eine sogenannte
-Razzia, eine Art Kesseltreiben auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie
-zuweilen veranstalten muß.
-
- Walburga
-
-Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich habe Papa'ns Stimme
-gehört, der laut mit jemand geredet hat.
-
- Spitta
-
-Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben.
-
- Walburga
- die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.
-
-Horch mal, die John.
-
- Spitta
-
-Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn. Komm mal, sieh mal das
-alte rostige Hufeisen, das sie mit beiden Händen umklammert hat.
-
- Walburga
- horcht und erschrickt wieder.
-
-Papa!
-
- Spitta
-
-Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga. Die Hauptsache
-ist, daß man weiß, was man will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich
-bin bereit. Ich ersehne die Aussprache.
-
- Es wird laut an die Tür geklopft.
-
- Spitta
- fest.
-
-Herein!
-
- Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer Atem.
- Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung, als sie ihrer
- Tochter ansichtig wird.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. -- (Walburga fliegt zitternd in
-ihre Arme.) -- Mädel, wie du deine alte Mutter geängstet hast! --
-
- Längeres Atmen und Stillschweigen.
-
- Walburga
-
-Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt man an eine Mutter
-nicht. Besonders an eine Mutter wie mich nicht, Walburga! Hast du
-Seelensnöte, so weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und Tat
-dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch früher mal jung
-gewesen. Aber ins Wasser springen ... ins Wasser springen und so
-dergleichen, mit solchen Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch
-hoffentlich recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie seht ihr
-denn aus? -- auf der Stelle kommt mit mir beide nach Hause mit! -- Was
-hat denn Frau John?
-
- Walburga
-
-Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama! Ich bin so froh, daß du
-da bist. Ich hab' plötzlich eine so lähmende Angst gehabt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von Ihnen, Herr Spitta,
-und diesem Kinde solcher verzweifelter Torheiten zu gewärtigen hat. Man
-hat Mut in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte, wenn alles
-nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei denen man nur -- man lebt ja
-nur einmal! -- zu verlieren und nichts zu gewinnen hat.
-
- Spitta
-
-O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa als Lebensmüder feige
-zu endigen! außer wenn mir Walburga verweigert wird. Dann freilich ist
-mein Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine Suppe hie und
-da in der Volksküche essen muß, untergräbt meinen Glauben an mich und
-eine bessere Zukunft nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es
-muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und schweren Stunden
-entschädigt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder. Es ist vielleicht
-nicht so schlimm, wenn ein Student oder Kandidat in der Volksküche essen
-muß. Für Walburga als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte doch für
-euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher wie ein eigner Herd mit dem
-nötigen Holz und der nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im
-übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand für euch ausgewirkt.
-Es war nicht leicht und wäre vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht
-die Morgenpost seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor in
-Straßburg gebracht hätte.
-
- Walburga
- freudig.
-
-Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick.
-
- Frau John
- hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.
-
-Bruno!
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- entschuldigend.
-
-Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John.
-
- Frau John
-
-Is Bruno wech?
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Wer? Welcher Bruno?
-
- Frau John
-
-Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich?
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder.
-
- Frau John
-
-Ha ick jeschlafen?
-
- Spitta
-
-Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien, Frau John.
-
- Frau John
-
-Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ... ham Se jesehn, wo Jungs
-in Hof Adelbertchen sein Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen,
-wat? und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen ausjeteilt.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen Kindchen geträumt,
-Frau John?
-
- Frau John
-
-Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau Direktor. Und denn
-jing ick mit Adelbertchen, jing ick bein Standesbeamten hin.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben ist ... wie können Sie denn
-...
-
- Frau John
-
-I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is, denn is et jedennoch noch
-in de Mutter, und wenn es meinswechen jestorben is, denn is et immer
-noch in de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun? Der Mond
-hat'n jroßen Hof jehat! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- rüttelt Frau John.
-
-Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau John! Sie sind krank! Ihr
-Mann soll mit Ihnen zum Arzte gehen.
-
- Frau John
-
-Bruno, du jehst uf schlechte Weche. -- (Die Glocken beginnen wieder zu
-läuten.) -- Sind det de Jlocken? --
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John.
-
- Frau John
- erwacht völlig, starrt um sich.
-
-Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir denn in Schlaf nich mit de
-Axt iebern Kopp jehaut? -- -- -- -- -- -- Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß
-zu niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. --
-
- Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen Haarnadeln.
-
- Der Direktor erscheint durch die Flurtür.
-
- Direktor Hassenreuter
- stutzt beim Anblick der Seinigen.
-
-Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des Ibikus! -- Sagten Sie
-nicht, es wohne hier ganz in der Nähe ein Spediteur, Frau John? -- (zu
-Walburga.) -- Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen
-Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf dein Vergnügen denkst, ist
-dein Papa schon wieder drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. --
-(zu Spitta.) -- Sie würden es nicht so eilig haben, junger Mann, eine
-Familie zu begründen, wenn Sie auch nur die geringste Ahnung davon
-hätten, wie schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit Weib und
-Kind wenigstens nicht ohne das elende und verschimmelte bißchen
-täglichen Brotes dazustehn. Möge das Schicksal jeden davor bewahren,
-sich eines Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert zu
-finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an Brust, in unterirdischen
-Löchern und Röhren, um das nackte Leben für sich und die Seinen zu
-ringen. Gratuliert mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. -- (Frau
-Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die Hand.) -- Alles übrige
-findet sich.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir etwas zu vergeben, die
-Jahre einen heroischen Kampf gekämpft.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken im Wasser beginnt.
-Meine edlen Kostüme, gemacht, um die Träume der Dichter zu
-veranschaulichen, in welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden
-Leibern haben sie nicht, _odi profanum vulgus!_ damit nur der Groschen
-Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte zugebracht. Sessa! Wenden wir
-uns zu heiteren Bildern. Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon
-angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in hoffentlich glücklichere
-Gefilde zu bewerkstelligen. -- (plötzlich zu Spitta.) -- Und daß ihr
-beide nicht etwa aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten
-macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter Herr Spitta. Zur
-Kompensation verspreche ich Ihnen jeder wirklich vernünftigen Äußerung
-Ihrerseits gegenüber nicht taub zu sein. -- Im übrigen komme ich zu Frau
-John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen niemanden auf die
-Straße lassen, ferner, weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein
-Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine Wimpel wieder
-flattern, Gegenstand einer niederträchtigen Zeitungskampagne geworden
-ist.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dann wollen wir also _ab ovo_ anfangen. Hier habe ich Briefe, -- (er
-zeigt einen Stoß Briefschaften) -- eins, zwei, drei, fünf, zirka ein
-Dutzend Stück! Darin wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu
-einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf meinem Magazinboden
-vor sich gegangen ist. Ich würde die Sache nicht beachten, wenn nicht
-gleichzeitig diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines
-Maskenverleihers, _sic!_ ... eines Maskenverleihers in der Vorstadt ein
-neugeborenes Kindchen gefunden worden ist! ... Ich sage, wenn diese
-Lokalnotiz mich nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich's hier um
-eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht auf mir sitzen
-lassen. Besonders da dieser Lümmel von einem Reporter von dem Herrn
-Maskenverleiher auch noch als einem verkrachten Schmierendirektor
-spricht. Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl bekommt
-Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung in Straßburg durch die
-Zeitungen gehn und gleichzeitig werde ich _urbi et orbi_ als
-humoristischer Bissen ausgeliefert. Als ob man nicht wüßte, daß von
-allen Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist.
-
- Frau John
-
-An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der Witfrau Knobbe ins
-Stocken gekommen ist. Man läßt sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen
-Kerl von der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus.
-
- Frau John
-
-Wat wär' denn det for'n Kinderbejängnis?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe, das auf eine mysteriöse
-Weise von zwei fremden Weibsbildern zu mir heraufgebracht wurde und
-förmlich unter meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben
-ist. A propos ...
-
- Frau John
-
-Det Kind von de Knobbe is jestorben?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-A propos, Frau John, wollt' ich sagen, Sie sollten doch eigentlich
-wissen, wie die Sache mit den beiden übergeschnappten Frauenspersonen,
-die sich des Kindchens bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist?
-
- Frau John
-
-Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich nich
-Adelbertchen erwischt haben und det nich mein Adelbertchen mit Dot
-abjejang is?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen habe ich mich schon
-gefragt, ob nicht die wirren Reden des polnischen Mädchens, der
-Kleiderdiebstahl auf meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro
-im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz
-zusammenzubringen sind.
-
- Frau John
-
-Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang. Haben Se Pauln jesehn,
-Herr Direkter?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar, wenn ich recht gesehen habe,
-im Gespräch mit dem fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des
-Diebstahls auch schon mal bei mir gewesen ist.
-
- Maurerpolier John tritt ein.
-
- John
-
-Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm.
-
- Frau John
-
-Wat denn?
-
- John
-
-Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche von
-Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als Belohnung for Denungsiation is
-bekannt jejeben?
-
- Frau John
-
-Woso denn?
-
- John
-
-Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute und
-Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is?
-
- Frau John
-
-Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn in Jange?
-
- John
-
-Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen von de Leidtrajenden,
-wat richtig dufte Kunden sind, festjenomm! jawoll! Det is nu so weit,
-Herr Direktor! Ick bin nu'n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is, wo een
-Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte und Mordkommission,
-weil er draußen, nich weit von de Spree unter een Fliederstrauch eene
-hat umjebracht.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten.
-
- Frau John
-
-Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich.
-
- John
-
-I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha neilich schonn
-jesacht, wat det for'ne Sorte Bruder is. -- (Er bemerkt und nimmt einen
-Fliederstrauch vom Tisch.) -- Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is
-hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo ihm, Hände und
-Füße jebunden, an der Jerechtigkeet ausliefern dut.
-
- Er sucht den Raum ab.
-
- Frau John
-
-Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet. Jerechtigkeet is noch nich
-ma oben in Himmel. Keen Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha
-ick von Hangelsberg mitjebracht, wo'n jroßer Strauch hinter'n Hause bei
-deine Schwester is.
-
- John
-
-Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro
-ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir
-jesehn bei de Spree in de Anlachen ...
-
- Frau John
-
-Lieche!
-
- John
-
-Und och in de Laubenkolonie wo du in 'ne Laube jenächtigt hast.
-
- Frau John
-
-Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren?
-
- John
-
-Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen
-Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt.
-
- Direktor Hassenreuter
- mit Spannung.
-
-Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine
-Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat?
-
- John
-
-Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick
-so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat
-Bruno Mechelke ums Leben jebracht.
-
- Direktor Hassenreuter
- schnell.
-
-Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.
-
- John
-
-Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin
-ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit
-so'ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Kommt Kinder!
-
- John
-
-Warum denn? Immer bleiben Se man.
-
- Frau John
-
-De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse
-schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so'n Unjlück
-jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.
-
- John
-
-Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer't wissen will von de Jasse, von Flur,
-dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde
-jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre
-Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute
-tatsächlich tot, Herr John?
-
- John
-
-Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich
-jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher.
-
- Frau John
-
-Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et
-jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat
-von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in
-Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se 't holen jekomm mit de
-Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee
-abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det
-wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens
-ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John.
-
- Frau John
-
-Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat'n
-jeder, wie'n jeder von det Mächen jeäußert hat.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die
-Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas,
-was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben
-doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich
-...
-
- John
-
-Nich in de Hand! In so'ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. --
-(Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft
-auf den Fußboden.) -- Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de
-Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet
-Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse
-zerfressen! -- (Er wippt auf der Diele.) -- Allens schwankt! Allens kann
-jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. -- (Er öffnet die Tür.) --
-Selma! Selma! -- Hier mach ick mir fort, eh' det allens een Schutthaufen
-drunter und drieber zusammenbricht.
-
- Frau John
-
-Wat wißte mit Selma?
-
- John
-
-Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe
-mein Kind zu meine Schwester.
-
- Frau John
-
-Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!
-
- John
-
-Soll mein Kind in so'ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno
-ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet?
-
- Frau John
- schreit ihn an.
-
-Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?
-
- John
-
-So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind
-ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände
-von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker
-is! Selma!
-
- Frau John
-
-Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene
-Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein
-Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter?
-Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich
-jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen
-hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken
-Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre
-schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im
-allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht
-dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos
-mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen
-lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders
-nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das
-Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs
-empfindlichste kränken muß.
-
- Frau John
-
-Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen
-Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich
-abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der
-Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir
-kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen.
-
- John
-
-Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein
-ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens
-abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei
-deine Familie sind! Bißken Kind uf'n Arm nehmen! Bißken Kind uf'n Knie
-nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ...
-
- Frau John
-
-Paul! Hier Paul! -- (Sie tritt ihm ganz nahe.) -- Reiß mir det Herz
-aus'n Leibe! --
-
- Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie
- laut weinen hört.
-
- Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen
- Grabkranz in der Hand.
-
- Selma
-
-Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.
-
- John
-
-Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu
-meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir'n Jroschen Jeld bei
-verdienen. Nimmst mein Kindeken uf'n Arm und bejleitest mir.
-
- Selma
-
-Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.
-
- John
-
-Woso nich?
-
- Selma
-
-Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so'ne Angst, so hat mir Mama und
-Polizeileutnam anjeschrien.
-
- Frau John
- erscheint.
-
-I, weshalb ham se dir anjeschrien?
-
- Selma
- heult los.
-
-Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.
-
- Frau John
-
-I, dem wer' ick nochma ... det soll der nochma versuchen.
-
- Selma
-
-Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein
-Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll,
-ick hätt' ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in
-Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht
-bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen,
-Frau John. --
-
- Sie flennt.
-
- Frau John
-
-Denn freu' dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause
-is.
-
- Selma
-
-Ick komm vor Jericht! womeglich wer' Moabit jeschafft.
-
- Frau John
-
-Woso det?
-
- Selma
-
-Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat,
-von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?
-
- Selma
-
-Jewiß.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Auf welchem Boden?
-
- Selma
-
-Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von
-wissen? Ick kann bloß sachen ...
-
- Frau John
-
-Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast'n reenet Jewissen! Wat de
-Leute quasseln, kimmert dir nich.
-
- Selma
-
-Ick will ja och nischt verraten, Frau John.
-
- John
- packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.
-
-Et wird nich jejang! et wird herjekomm! -- Wahrheet! Ick verrate nischt,
-hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr
-Spitta und hat det Freilein jehert! -- Wahrheet! -- Bevor ick nich weeß,
-wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen
-habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle!
-
- Frau John
-
-Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.
-
- John
-
-Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt,
-det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern
-und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et
-noch?
-
- Selma
-
-Nee, det Kind is lebendich, Herr John.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht?
-
- John
-
-Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp
-kürzer jemacht.
-
- Selma
-
-Ick sach't ja: det Kindeken is lebendich.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?
-
- John
-
-Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? -- (Frau
-John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau
-John.) -- Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person
-beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de
-Knobbe unterjeschoben.
-
- Walburga
- sehr bleich, mit Überwindung.
-
-Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich
-dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich
-will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und
-nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau
-John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Du, Walburga?
-
- Walburga
-
-Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit
-Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich
-blieb versteckt, zu dir gekommen ist.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
- zum Direktor.
-
-Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose
-Nächte gehabt.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs
-Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ...
-wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so
-lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz
-rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist.
-
- John
-
-Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich
-jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person
-suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du
-dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit
-von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne
-vergriffen hast.
-
- Frau John
- lacht.
-
-Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.
-
- John
-
-Hier redet keener von Adelbertchen -- (zu Selma) -- Ick dreh dir den
-Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen
--- uf de Stelle! -- jeblieben is.
-
- Selma
-
-Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.
-
- John
-
-Wo is et, Jette?
-
- Frau John
-
-Det sach ick nich. --
-
- Das Kind beginnt zu schreien.
-
- John
- zu Selma.
-
-Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste
-dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden.
-
- Selma
- in höchster Angst, unwillkürlich.
-
-Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John.
-
- John
-
-Ick? --
-
- Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn
- durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt
- zu begreifen und gerät ins Wanken.
-
- Frau John
-
-Laß dir von so'ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is
-allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt!
-Paul, wat dust du mir denn so ankieken?
-
- Selma
-
-Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter
-John. Dann wer' ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz
-jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei
-Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören!
-det will ick beeidigen!
-
- Frau John
-
-Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is?
-
- Selma
-
-Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John.
-
- Frau John
- umklammert Johns Knie.
-
-Det is ja nich wahr.
-
- John
-
-Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.
-
- Frau John
-
-Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber
-betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn
-warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick,
-et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ...
-
- John
- unheimlich ruhig.
-
-Laß mir man iberlechen, Jette. -- (Er geht an eine Kommode, zieht
-einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und
-Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) --
-Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage
-und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?
-
- Frau John
- sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf
- und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst.
-
-Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von
-nackten Leibe!
-
- John
- hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.
-
-Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. --
-
- Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und
- verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des
-Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das
-allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter
-tun.
-
- John
- steht auf.
-
-Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.
-
- Frau John
-
-Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!
-
- John
- wendet sich, kalt.
-
-Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben
-jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen?
-
- Frau John
-
-Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei
-jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an't Messer zu liefern! Jeh Paul! du
-bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie
-Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer
-zu doch! Nu seh' ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun
-Jüngsten Dache.
-
- Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann
- Schierke und Quaquaro.
-
- Schierke
-
-Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.
-
- John
-
-Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is
-allens in Ordnung! Allens is richtich.
-
- Quaquaro
-
-Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.
-
- John
- mit aufsteigendem Jähzorn.
-
-Hast du jelacht, Emil?
-
- Quaquaro
-
-I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in't
-Waisenhaus wechschaffen.
-
- Schierke
-
-Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?
-
- John
-
-Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit
-olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf
-Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen.
-
- Frau John
-
-Paul!! -- Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et
-nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm.
-
- Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt
- mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor
- und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht,
- das Kind zu retten.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier
-auch immer gehören mag -- um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet
-ist! -- es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie,
-Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So!
-Bravo! Als wär' es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau
-John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier
-lassen.
-
- Frau John stürzt hinaus.
-
- Schierke
-
-Hier jeblieben!
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!
-
- John
- plötzlich verändert.
-
-Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -- Mutter! Mutter!
-
- Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor,
- Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den
- Tisch gebettet wird.
-
- Direktor Hassenreuter
- der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.
-
-Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb
-braucht sie das Kind nicht zugrunde richten.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe,
-närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat.
-Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den
-Tod treiben.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.
-
- Spitta
-
-Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine
-Mutter verloren.
-
- Quaquaro
-
-Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de
-Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war
-liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von's
-Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders
-beschlossen ist.
-
- Quaquaro
-
-Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn' ick! wo der
-uf'n Ehrenpunkt kitzlich is.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen
-sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das
-Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt
-verlassenen Waise geworden ist.
-
- Spitta
-
-Wäre ich Richter in Israel ...
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag sein, daß in diesen
-verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches heroisch und manches
-verborgen Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück konnte
-da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn auch nicht durchkommen. Treiben wir
-praktisches Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens
-annehmen.
-
- Quaquaro
-
-Lassen Se da bloß de Finger von!
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Warum?
-
- Quaquaro
-
-Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de Quengeleien und
-Scherereien mit de Armenverwaltung, mit Polizei und Jericht womechlich
-happich sind.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig.
-
- Spitta
-
-Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches Verhängnis wirksam
-gewesen ist?
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe Ihnen das stets
-gesagt.
-
- Selma, atemlos, öffnet die Flurtür.
-
- Selma
-
-Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma?
-
- Selma
-
-Herr John. Se solln uf de Straße kommn.
-
- Direktor Hassenreuter
-
-Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt's denn, Selma?
-
- Selma
- atemlos.
-
-Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht voll ... Omnibus,
-Pferdebahnwagen is jar keen Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre
-Frau liecht lang uf Jesichte unten.
-
- Frau Direktor Hassenreuter
-
-Was ist denn geschehen?
-
- Selma
-
-Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
- Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bänden
-
-
- 1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang / Die Weber /
- Der Biberpelz / Der rote Hahn.
-
- 2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann Henschel / Rose Bernd /
- Bahnwärter Thiel / Der Apostel.
-
- 3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / Einsame Menschen /
- Kollege Crampton / Michael Kramer.
-
- 4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt / Die versunkene Glocke
- / Der arme Heinrich.
-
- 5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer.
-
- 6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches: Elga / Schluck und Jau /
- Und Pippa tanzt / Helios / Das Hirtenlied.
-
- In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig
- gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis geheftet 24
- Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament
- gebunden 36 Mark.
-
-
-
-
- Gerhart Hauptmanns Werke in Einzelausgaben
-
-
- Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage.
- Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage.
- Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage.
- De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage.
- Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage.
- Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage.
- Bahnwärter Thiel -- Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage.
- Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage.
- Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage.
- Florian Geyer. 9. Auflage.
- Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage.
- Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl.
- Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl.
- Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
- Michael Kramer. Drama. 10. Auflage.
- Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
- Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage.
- Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage.
- Elga. 7. Auflage.
- Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
- Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
- Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage.
- Griselda. 6. Auflage.
- Griechischer Frühling. 7. Auflage.
- Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl.
-
-
- Druck der Spamerschen
- Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 110]:
- ... skurile Menscheitsintermezzo noch überleben. ...
- ... skurile Menschheitsintermezzo noch überleben. ...
-
- [S. 154]:
- ... würgt Tränen hinuter. Muß sich setzen. ...
- ... würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
-***** This file should be named 52952-8.txt or 52952-8.zip *****
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-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
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-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann</title>
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-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Ratten
- Berliner Tragikomödie
-
-Author: Gerhart Hauptmann
-
-Release Date: September 1, 2016 [EBook #52952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<div class="centerpic logo" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<h1 class="title">
-Die<br />
-Ratten
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Berliner Tragikomödie
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">von</span><br />
-<span class="line2">Gerhart Hauptmann</span>
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-title">
-<img src="images/title.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">S. Fischer / Verlag</span><br />
-<span class="line2">Berlin</span><br />
-<span class="line3">1911</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="run">
-Siebente Auflage.
-</p>
-
-<p class="cop">
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
-Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.<br />
-Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Personen:
-</h2>
-
-<p class="first dpers">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">arro</span> Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor<br />
-Seine Frau<br />
-Walburga, seine Tochter<br />
-Pastor Spitta<br />
-Erich Spitta, Kandidat der Theologie, sein Sohn<br />
-Alice Rütterbusch, Schauspielerin<br />
-Nathanael Jettel, Hofschauspieler<br />
-Käferstein, Schüler Hassenreuters<br />
-<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel, Schüler Hassenreuters<br />
-John, Maurerpolier<br />
-Frau John<br />
-Bruno Mechelke, ihr Bruder<br />
-Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen<br />
-Frau Sidonie Knobbe<br />
-Selma, ihre Tochter<br />
-Quaquaro, Hausmeister<br />
-Frau Kielbacke<br />
-Schutzmann Schierke<br />
-Zwei Säuglinge
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Erster Akt
-</h2>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Dachgeschoß einer ehemaligen Kavalleriekaserne zu
-Berlin. Ein fensterloses Zimmer, das sein Licht von einer
-brennenden Lampe erhält, die von der Mitte der Decke
-über einen runden Tisch herunterhängt. In die Hinterwand
-mündet ein gerader Gang, der den Raum mit der Entreetür
-verbindet: einer eisenbeschlagenen Tür mit einer primitiven
-Schelle, die der Eintritt Begehrende von außen durch
-einen Drahtzug in Bewegung setzt. Eine Tür in der Wand
-links schließt ein Nebengemach ab. An der Wand rechts
-führt eine Treppe auf den Dachboden.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Auf diesem Dachboden, sowie in den sichtbaren Räumlichkeiten,
-hat der <em>Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter</em>
-seinen Theaterfundus untergebracht.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Man kann, bei dem ungewissen Licht, in Zweifel sein,
-ob man sich in der Rüstkammer eines alten Schlosses, in
-einem Antiquitätenmagazin oder bei einem Maskenverleiher
-befindet.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Zu beiden Seiten des Ganges sind auf Ständern Helme
-und Brustharnische Pappenheimscher Kürassiere aufgestellt,
-ebenso in je einer Reihe an der rechten und linken Wand
-des vorderen Raums. Die Dachbodentreppe steht zwischen
-zwei Geharnischten. Die Decke darüber schließt die übliche
-Bodenklappe ab.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Ein Stehpult ist vorn links an die Wand gerückt. Tinte,
-Federn, alte Geschäftsbücher und ein Kontorbock, sowie
-einige Stühle mit hohen Lehnen um den runden Mitteltisch
-lassen erkennen, daß der Raum zu Bureauzwecken
-dienen muß. Wasserflasche mit Gläsern auf dem Tisch und
-einige Photographien über dem Stehpult. Die Photographien
-zeigen Direktor Hassenreuter als Karl Moor, sowie
-in verschiedenen anderen Rollen.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Einer der Pappenheimschen Kürassiere trägt einen ungeheuren
-Lorbeerkranz um den Nacken gehängt, mit einer
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Schleife, deren Enden in goldenen Lettern die Worte
-tragen: &bdquo;Unserem genialen Direktor Hassenreuter! Die dankbaren
-Mitglieder.&ldquo; Eine Serie mächtiger, roter Schleifen
-trägt nur die Aufschrift: &bdquo;Dem genialen Karl Moor ...
-Dem unvergleichlichen, unvergeßlichen Karl Moor ...
-usw. usw.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Der Raum ist nach Möglichkeit zu Magazinzwecken ausgenutzt.
-Wo irgend angängig, hängen an Kleiderhaken
-deutsche, spanische und englische Kostümstücke aus verschiedenen
-Jahrhunderten. Man sieht schwedische Reiterstiefel,
-spanische Degen und deutsche Flamberge.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Die Tür links hat die Aufschrift: &bdquo;Bibliothek.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="d1">
-Das ganze Gemach zeigt eine malerische Unordnung. Alte
-Scharteken und Waffen, Pokale, Becher usw. liegen umher.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Es ist eines Sonntags, Ende Mai.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">rau</span> John, über Mitte der Dreißig hinaus, und das
-blutjunge Dienstmädchen Piperkarcka sitzen am Mitteltisch.
-Die John, den Oberkörper weit über den Tisch gelehnt,
-redet lebhaft auf das Dienstmädchen ein. Die Piperkarcka,
-dienstmädchenhaft aufgedonnert, mit Jackett, Hut
-und Schirm, sitzt aufrecht. Ihr hübsches, rundes Lärvchen
-ist verweint. Ihre Gestalt zeigt Spuren noch nicht vollendeter
-Mutterschaft. Sie malt mit der Schirmspitze auf der
-Diele.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na ja doch! Freilich! Ick sag&rsquo;t ja, Pauline.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee.
-Muß jehn un muß nachsehn, ob ick ihm treffe! &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">verhindert die Piperkarcka am Aufstehen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich,
-um keenen Preis von de Welt. Det macht Skandal,
-kost Jeld und bringt nischt. Wat woll&rsquo;n Se woll,
-und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten
-Halunken noch weiter nachlofen!?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst
-verjeblich auf mir. Ick spring im Landwehrkanal und
-versaufe.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline?
-Jeben Se Obacht, heren Se jetzt bloß um Jotteswillen
-&rsquo;n janz&rsquo;n eenziges ... bloß ma &rsquo;n janzen kleenen Ochenblick
-uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn
-vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch
-bei de Normaluhr, wo ick an Alexanderplatz aus de
-Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und hab et Ihn
-uf&rsquo;n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab
-ick Ihn uf&rsquo;n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er
-will nischt von wissen! &mdash; Det jeht hier vielen, det jeht
-hier allen, det jeht hier vielen Millionen Mächens so!
-Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick jesacht? komm,
-hab ick jesacht, ick will dir helfen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken
-lassen, wie ick verändert bin. Mutter schreit doch auf&rsquo;s
-ersten Blick! Vater haut mir Kopf an die Wand und
-schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och
-weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke,
-was ick mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich,
-schlechter Mensch nich Mark nich Pfennig übrig gelassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein:
-wenn Se bloß wollten Obacht jebn ... jebn Se doch
-um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for Vorschläge
-unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen.
-Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen
-och mir. Außerden is Pauln, wat mein Mann is,
-jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil
-det uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an
-de Bräune jestorben is. Ihr Kind hat et jut wie&rsquo;n
-eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz wieder
-ufsuchen, kenn wieder in&rsquo;n Dienst, kenn wieder bei
-Ihre Eltern jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch
-uf die janze Welt nich braucht wat von wissen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! &mdash; (<span class="d">sie
-steht auf.</span>) &mdash; Ick schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein
-Jackett zurück: du hast mit deine verfluchte Schlechtigkeit
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-deine Pauline im Wasser jetrieben! dann setze
-vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher
-zu. Denn soll er sehn, wie er mit sein Mord
-auf Jewissen man meinswegen fertig wird.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Warten Se, Freilein, ick muß erst ufschließen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John stellt sich, als wolle sie die Piperkarcka hinausbegleiten.
-</p>
-
-<p class="d">
-Noch bevor beide Frauen den Gang erreichen, tritt Bruno
-Mechelke langsam forschend aus der Tür links und bleibt
-stehen. Bruno Mechelke ist eher klein, als groß, hat einen
-kurzen Stiernacken und athletische Schultern. Niedrige,
-weichende Stirn, bürstenförmiges Haar, kleiner runder
-Schädel, brutales Gesicht mit eingerissenem und vernarbtem
-linken Nasenflügel. Die Haltung des etwa neunzehnjährigen
-Menschen ist vornübergebeugt. Große, plumpe Hände
-hängen an langen, muskulösen Armen. Die Pupillen seiner
-Augen sind schwarz, klein und stechend. Er bastelt an einer
-Mausefalle herum.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">pfeift seiner Schwester wie einem Hunde.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick komme jleich, Bruno. Wat wiste denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">scheinbar in die Falle vertieft.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick denke, ick soll hier Fallen ufstellen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Haste dem Speck denn rinjemacht? &mdash; (<span class="d">zur Piperkarcka</span>)
-&mdash; &rsquo;T is bloß mein Bruder. Erschrecken sich
-nicht, Freilein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha heute dem Kaisa Wilhem jesehn, Jette. Ick
-war mit de Wachparade jejang.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">zur Piperkarcka, die durch Brunos Erscheinung angstvoll
-gebannt ist.</span>
-</p>
-
-<p>
-Et is bloß mein Bruder, bleiben Se man. &mdash; (<span class="d">zu
-Bruno</span>) &mdash; Junge, wie siehst du bloß wieder aus? Det
-Freilein muß sich ja von dich Angst kriejen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">wie vorher. Ohne aufzublicken.</span>
-</p>
-
-<p>
-Schuberle buberle, ick bin &rsquo;n Jespenst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Mach uf&rsquo;n Boden und stell deine Mausefallen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">wie vorher. Tritt langsam an den Tisch.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll, det is och man wieder so&rsquo;n Jeschäft zum
-Vahungern. Wenn ick mit Streichhölzer handeln du,
-denn ha ick wahrhaftig mehr Pinke von.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Atje, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">wütend auf den Bruder los.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wiste woll jehn und wist mir in Frieden lassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">geduckt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hab dir man nich. Ick jeh ja schonn.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er zieht sich folgsam wieder in das anstoßende Zimmer
-zurück, dessen Tür Frau John resolut hinter ihm schließt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Den mecht ick Tierjarten Jrunewald nich bejejnen.
-Bei Nacht nich und nich ma bei Dage nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jnade Jott, wo ick Brunon hetze und der ma hinter
-een hinter is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder
-sprechen wollen, lieber Bank bei Wasserkunst Kreuzberg,
-Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag
-un Nacht jroßjebracht. Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal
-besser. Also Pauline, wenn et jeboren is, nehm
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern,
-wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch
-mich zurückhält nach Rüdersdorf jeh und Lichter uf
-beede Jräber ansteche: det kleene Wurm soll et madich
-jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene
-jeborene Prinzessin haben tut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol
-&mdash; trefft wen trefft! &mdash; un jießen dem Weibsbild, wo
-mit ihm jeht &mdash; trefft wen trefft! ... mitten in Jesicht!
-trefft wen trefft! brennt ihm janze verfluchte
-hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart
-kaput! Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres
-Frauenzimmer jeht. Trefft wen trefft! Hat mir betrogen!
-zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat
-mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt,
-verlassen, belogen, betrogen, in Elend jestoßen!
-Trefft wen trefft! Soll blind sein! Nase soll wegjefressen
-sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde sein!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von
-Stund an, wo det kleene Wurm erstma uf de Welt
-is ... von den Augenblick an! ... det soll et haben, als
-wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren
-wär. Bloß jutes Zutrauen! und, det Se &bdquo;ja&ldquo;
-sachen! &mdash; Ick habe mir allens ausjedacht. Et jeht zu
-machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn! Und
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-weder &rsquo;n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt
-wat von. &mdash; Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig
-Mark, wat ick mir von det Reinmachen
-hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, ausjezahlt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer redet denn von verkofen, Pauline?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag
-for Himmelsangst ausjestanden. Bräutijam steßt mir
-fort! Mietsfrau steßt mir fort. Schlafbodenstelle is
-mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so verachtet
-und von die Leute verflucht un ausstoßen muß?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern
-Herrn Christus Heiland noch immer ieber is.
-</p>
-
-<p class="d">
-Ohne bemerkt zu werden ist, bastelnd wie vorher, Bruno
-geräuschlos wiederum in die Tür getreten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">sagt in eigentümlicher Weise, scharf, aber wie nebenbei.</span>
-</p>
-
-<p>
-Lampen!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Der Mensch erschrickt mir. Lassen mir fort.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">geht heftig auf Bruno los.</span>
-</p>
-
-<p>
-Willst du woll jehn wo de hinjeherst! Ick ha dir
-jesacht, ick wer&rsquo; dir rufen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na Jette, ick ha doch bloß Lampen jesacht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Biste verrickt? Wat heest denn det: Lampen? &mdash;
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, klinkt et denn nich an de Einjangstir?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">erschrickt, horcht, hält die Piperkarcka zurück, die im Begriff
-ist, davon zu gehen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pst, Freilein! Halt! Warten Se man noch &rsquo;n Ogenblick.
-</p>
-
-<p class="d">
-Bruno schnitzelt weiter. Die beiden Frauen horchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">leise, angstvoll, zu Bruno.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick her nischt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Du ollet vatrockentes Kichenspinde, denn schaff da
-man bessare Lauscha an.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det wär in det janze Vierteljahr det erstema, det
-der Direkter kommt, wenn Sonntag is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Theatafritze kommt, kann a mir meinswejen
-jleich angaschieren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">heftig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Quatsch nich!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">grinsend zur Piperkarcka.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jlobens et, Freilein, ick ha bei Zirkus Schumann &rsquo;n
-dummen Aujust sein Esel dreimal rum die Manesche
-jebracht. Det mach ick allens! Ick wer&rsquo; mir woll
-furchten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">scheint die phantastische Sonderbarkeit der Umgebung erst
-jetzt zu bemerken, erschrocken, stark beunruhigt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Josef Maria, wo bin ick denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer kann denn det sind?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Da Direkta nich, Jette. Det is eha &rsquo;ne Tülle, wo
-elejante Trittlinge hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Freilein, jehn Se man zwee Minuten, sein so jut,
-hier uf &rsquo;n Oberboden. &rsquo;S kommt eener, kann sind,
-der bloß wat wissen will.
-</p>
-
-<p class="d">
-In ihrer zunehmenden Angst tut die Piperkarcka das Verlangte.
-Sie klettert über die Treppe auf den Oberboden,
-dessen Klappe geöffnet ist. Frau John hat sich so gestellt,
-daß im Notfalle die Piperkarcka gegen die Entreetür gedeckt
-ist. Die Piperkarcka verschwindet. Frau John und Bruno
-bleiben allein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat wiste denn mit die barmherzige Schwester?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det jeht dir nischt an, verstehste mich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick frage ja man, weil det de vor det Mächen so
-ängstlich &rsquo;ne Wand machen dust. Sonst is et mich doch
-wahaftig Pomade.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det soll dir och immer Pomade sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Danke Komma, denn kann ick woll abtippeln.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Lump, weest du woll, wat du mir schuldig bist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">pomadig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat regste dir denn uf? Wo stoß ick dir denn? Wat
-wiste? Ick muß jetzt zu meine Braut. Mir schläfert.
-Vorichte Nacht hab ick unter Sträucher in Tierjarten
-platt jemacht. Und juterletzt is Kohlmarcht bei mich. &mdash;
-(<span class="d">Er kehrt seine Hosentaschen um.</span>) &mdash; Foljedessen muß ick
-jehn &rsquo;n Stück Brod verdienen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier jeblieben! &mdash; und nich von de Stelle! &mdash; oder
-du krist und wenn det de jaulst wie &rsquo;n kleener Hund,
-kriste nimmermehr wenn&rsquo;t bloß &rsquo;n Pfennich is, krist de
-von mich! Bruno, du jehst uf schlechte Weche.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick wer&rsquo; woll immer jejen de janze Welt ... noch
-wat! ... wer&rsquo; ick der Potsdammer sind. Soll ick etwa
-nich jehn, wo ick scheen bei Hulda&rsquo;n zu leben kriege? &mdash;
-(<span class="d">Er zieht eine schmutzige Brieftasche.</span>) &mdash; Nich ma &rsquo;n
-dreckigen Pfandschein ha ick mehr in de Plattmullje
-drin. Wat wiste von mich, un denn laß mir abschrenken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Von dir? Wat ick will? For wat wärst du woll nitze?
-Du bist zu nischt weiter nitze, als det eene Schwester,
-wo nich richtig in Koppe is, mit so&rsquo;n Lump un Tagedieb
-Mitleid hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Kann sind, det de in Koppe manchmal nich richtig bist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Unser Vater hat oft zu mich jesacht, wo du schonn
-mit fünf, sechs Jahre alt schlechte Dinge jetrieben hast,
-det mit dir in Leben keen Staat weiter nich zu machen
-is un det ick dir sollte lofen lassen. Un mein Mann,
-wo richtig un orntlich is ... vor so&rsquo;n juten Mann: du
-darfst dir nich blicken lassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Jewiß doch, det weeß ick ja allens, Jette! Aber so
-eenfach schiebt sich det nu eemal nu eben nich. Wat
-wiste? Ick weeß, ick bin mit &rsquo;n Ast uf&rsquo;n Puckel, wenn
-det&rsquo;n och det&rsquo;n keener sieht, un nich in Zangzuzih uf de
-Welt jekomm. Ick muß sehn un mir mit mein Ast mang
-mang helfen. Na jut so! wat wiste? von wechen de
-Ratten brauchst du mir nich. Du wist bloß wat mit
-die Dohle vertussen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">die Faust drohend unter Brunos Nase.</span>
-</p>
-
-<p>
-Verrat du een eenziget kleenet Sterbenswort: denn
-mach ick dir kalt. Denn bist du &rsquo;ne Leiche!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Na weeßte, vastehste, ick mache mir dinne. &mdash; (<span class="d">Er
-steigt die Treppe hinauf.</span>) &mdash; Womeglich komm ick, mir
-nischt dir nischt, noch ma in Schokoladenkasten rin. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Er verschwindet durch die Bodenklappe. Frau John löscht
-eilig die Lampe und tappt sich zur Bibliothekstür. Sie
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-geht in die Bibliothek, schließt aber die Tür hinter sich
-nicht ganz.
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Geräusche eines verrosteten Schlosses und Schlüssels,
-der darin umgedreht wurde, sind vernehmlich gewesen. Ein
-leichter Schritt kommt nun den Gang herauf. Vorübergehend
-war der Berliner Straßenlärm, auch Kindergeschrei
-aus den Hausfluren vernehmlich geworben. Leierkastenmusik
-vom Hof herauf.
-</p>
-
-<p class="d">
-Mit scheuen Bewegungen erscheint Walburga Hassenreuter.
-Das Mädchen ist noch nicht sechzehn Jahre alt und sieht hübsch
-und unschuldig aus. Sonnenschirm, fußfreies helles Sommerkleidchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">stutzt, horcht, sagt dann ängstlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Papa! &mdash; Ist schon jemand hier oben? &mdash; Papa!
-Papa! &mdash; (<span class="d">Sie horcht lange gespannt und sagt dann</span>):
-&mdash; Es riecht ja hier so nach Petroleum! &mdash; (<span class="d">Sie findet
-Streichhölzer, entzündet eines davon, will die Lampe anstecken
-und verbrennt sich an dem noch heißen Zylinder.</span>)
-&mdash; Au! &mdash; Donnerwetter, wer ist denn hier? &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie hat aufgeschrien und will fortlaufen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John erscheint wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, Freilein Walburga, wer wird denn jleich Lärm
-machen! Sein Se man friedlich! Det bin ja bloß ick.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Gott, hab ich aber einen ganz entsetzlichen Schreck
-bekommen, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Weshalb denn, Freilein? Wat suchen Se denn heit
-an Sonntag hier?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">Hand auf dem Herzen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mir steht noch immer das Herz ganz still, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat hat&rsquo;s denn, Freilein Walburga? Wer ängstigt
-Se denn? Sie missen det doch von Ihren Herrn Vater
-wissen, det ick Sonntag und Wochentag hier oben mang
-die Kisten und Kasten zu tun habe, mit Staub abbürsten
-und Motten auskloppen. In drei, vier Wochen,
-wenn ick jlicklich mit die zwölf- oder achtzehnhundert
-Theaterlumpen eemal &rsquo;rum bin und fertig bin, fängt
-et doch immer wieder von frischen an.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich hab&rsquo; mich erschrocken, weil sich der Lampenzylinder
-noch ganz heiß anfaßte, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu ja, de Lampe hat ebent jebrannt un ick hab se
-vor eene halbe Minute ausjepustet. &mdash; (<span class="d">Sie hebt den
-Zylinder ab.</span>) &mdash; Mir brennt et nich! Ick hab harte
-Hände! &mdash; (<span class="d">Sie zündet das Docht auf.</span>) &mdash; Na, nu wird
-Licht! Nu hab ick se wieder anjestochen. Wat is nu
-Jefährliches los? Ick sehe nischt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Hu, Sie sehen ja aus wie ein Geist, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie soll ick aussehn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist, wenn man so aus der prallen Sonne ins
-Finstere kommt ... in diese muffigen Kammern hinein,
-da ist man wie von Gespenstern umgeben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, kleenet Jespenst, weshalb kommen Se denn? &mdash;
-Sind Se alleene oder is noch jemand? &mdash; Kommt am
-Ende Papa noch nach?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein! Papa ist heute zu einer wichtigen Audienz
-nach Potsdam hinaus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und wat suchen denn also Sie nu woll hier?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich? Ich bin einfach spazieren gewesen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, denn sehn Se man wieder, det Se fortkomm.
-In Papa&rsquo;n seine Rumpelkammer scheint keene Pfingstsonne
-nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie sollten auch, so grau wie Sie aussehen, mal lieber
-&rsquo;raus an die Sonne gehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, Sonne is bloß for feine Leite! Wenn ick man
-alle Tache meine paar Pfund Staub und Dreck uf de
-Lunge krieje. &mdash; Jeh man, Kindken, ick muß an de
-Arbeet! &mdash; mehr brauch ick nich: ick lebe von Müllstob
-und Mottenpulver. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie hustet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">ängstlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie brauchen Papa nicht sagen, daß ich hier oben
-gewesen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick? Ick habe woll sonst nischt besseret zu tun.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">scheinbar leichthin.</span>
-</p>
-
-<p>
-Und sollte Herr Spitta nach mir fragen ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Der junge Herr, der bei uns im Hause Privatstunde
-gibt ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, und?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Sind Sie so freundlich und sagen Sie ihm, daß ich
-hier gewesen aber gleich wieder gegangen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Also Herrn Spitta soll ick et sagen, Papa&rsquo;n nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">unwillkürlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Um Gottes willen nicht, liebste Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na wacht du, wacht! Jib du bloß man Obacht.
-Manch eene hat ausjesehn, wie du, und is aus die
-Jejend jekomm wie du, wo nachher in de Drajonerstraße
-in Rinnsteen oder jar in de Barnimstraße hinter
-schwedsche Jardinen zujrunde jejangen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie werden doch damit nicht sagen wollen, Frau
-John, oder glauben wollen, daß in meiner Beziehung zu
-Herrn Spitta etwas Unerlaubtes oder Ungehöriges ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">in höchstem Schreck.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mund zu! &mdash; Et hat jemand dem Schlüssel im Schloß
-jestochen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Auslöschen!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">bläst schnell die Lampe aus.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Papa!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Freilein, ruf uf&rsquo;n Oberboden.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie und Walburga verschwinden über die Treppe durch den
-Bodenverschlag, der verschlossen wird.
-</p>
-
-<p class="d">
-Zwei Herren, der Direktor Harro Hassenreuter und der Hofschauspieler
-Nathanael Jettel, erscheinen durch die Flurtür
-im Gange. Der Direktor ist mittelgroß, glattrasiert, fünfzig
-Jahre alt. Er pflegt große Schritte zu nehmen und bekundet
-ein lebhaftes Temperament. Sein Gesichtsschnitt
-ist edel, das Auge von kühnem Ausdruck. Sein Betragen
-ist laut. Sein Wesen überhaupt durchaus feurig. Er trägt
-einen hellen Sommerüberzieher, den Zylinder nach hinten
-gerückt und übrigens Frackanzug und Lackschuhe. Der leger
-geöffnete Paletot enthüllt eine mit Ordensternen überdeckte
-Brust. &mdash; Hofschauspieler Jettel trägt unter dem leichtesten
-Sommerüberzieher einen weißen Flanellanzug. Er hat
-einen Strohhut nebst elegantem Stock in der linken Hand,
-gelbe Schuhe an den Füßen. Er ist ebenfalls glattrasiert
-und über die fünfzig alt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">ruft.</span>
-</p>
-
-<p>
-John! &mdash; Frau John! &mdash; Ja, das sind nun hier
-meine Katakomben, lieber Jettel! <span class="antiqua">Sic transit gloria
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-mundi!</span> Hier hab ich nun alles, <span class="antiqua">mutatis mutandis</span>,
-untergebracht, was von meiner ganzen Theaterherrlichkeit
-übrig geblieben ist: alte Scharteken! alte Lappen
-und Lumpen! &mdash; John! John! Sie ist hier gewesen,
-denn der Lampenzylinder ist heiß! &mdash; (<span class="d">Er zündet mit
-einem Streichholz die Lampe an.</span>) &mdash; <span class="antiqua">Fiat lux pereat
-mundus!</span> So! Jetzt können Sie mein Motten-, Ratten-
-und Flohparadies bei Lichte besehen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span>
-</p>
-
-<p>
-Haben Sie also meine Karte bekommen, bester
-Direktor?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Frau John! &mdash; Ich werde mal sehn, ob sie auf dem
-Boden ist. &mdash; (<span class="d">Er steigt sehr gewandt die Treppe hinauf
-und rüttelt an der Bodenklappe.</span>) &mdash; Verschlossen! Den
-Schlüssel hat die Kanaille natürlich am Schürzenband.
-&mdash; (<span class="d">Er pocht wütend mit der Faust gegen die Klappe.</span>)
-&mdash; John! John!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span><br />
-<span class="d">etwas ungeduldig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Direktor, geht es nicht ohne die John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was? Glauben Sie, daß ich Ihnen den miserablen
-Lappen, den Sie gerade da für Ihr Gastspiel brauchen,
-aus meinen dreihundert Kisten und Kasten, ohne die
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-John, im Frack und mit sämtlichen Orden, so wie ich
-vom Prinzen komme, selber heraussuchen kann.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span>
-</p>
-
-<p>
-Erlauben Sie mal! In Lappen absolviere ich meine
-Gastreisen nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mensch, spielen Sie doch in Unterhosen! meinethalben!
-Mich stört das nicht! Nur vergessen Sie nicht,
-wer vor Ihnen steht. Deshalb, wenn der Hofschauspieler
-Jettel &mdash; na wenn schon! &mdash; gnädigst zu pfeifen
-geruhen, springt der Direktor Harro Hassenreuter noch
-lange nicht. <span class="antiqua">Sapristi!</span> wenn irgendein Komödiant
-einen schäbigen Turban oder zwei alte Transtiefel
-braucht, muß sich ein <span class="antiqua">pater familias</span>, ein Familienvater
-den einzigen Sonntagnachmittag unter den Seinen
-abknapsen? Soll womöglich wie &rsquo;n Tackel auf allen
-Vieren in alle Bodenwinkel hinein? Nein, Freundchen,
-da müßt Ihr Euch andere aussuchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span><br />
-<span class="d">sehr ruhig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen
-in Gottes Namen auf die Krawatte getreten hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde
-die Beine unterm Tisch eines Prinzen gehabt: <span class="antiqua">post
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-hoc, ergo propter hoc!</span> &mdash; Ich setze mich Ihretwegen
-in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte
-Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht
-zu würdigen wissen: scheren Sie sich!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie
-haben mich eine volle geschlagene Stunde in dieser
-entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem lieblichen Korridore
-unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich
-habe gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf
-gemacht! und jetzt sind Sie geschmackvoll genug, mich
-als eine Art Spucknapf zu betrachten ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Junge ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Nathanael Jettel</span>
-</p>
-
-<p>
-In&rsquo;s Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache
-ich Sie zu meinem Hanswurst und lasse Sie für sechs
-Groschen Purzelbaum schießen!
-</p>
-
-<p class="d">
-Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit
-hinter Jettel her:</span>
-</p>
-
-<p>
-Machen Sie sich nicht lächerlich! &mdash; Und übrigens
-bin ich kein Maskenverleiher.
-</p>
-
-<p class="d">
-Man hört die Flurtür ins Schloß knallen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">zieht die Uhr.</span>
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Rindvieh verdammtes! &mdash; Schafskopf verfluchter!
-&mdash; Ein Segen, daß das Rindvieh, verdammte, gegangen
-ist!
-</p>
-
-<p class="d">
-Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und
-lauscht. Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen,
-blickt in den Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel
-enthält, und kämmt sich sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch
-und öffnet einige von den Briefschaften, die dort gehäuft
-liegen. Dazu singt er trällernd:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza d">
- <p class="verse">&bdquo;O Straßburg, o Straßburg,</p>
- <p class="verse">du wunderschöne Stadt.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="d">
-Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle
-über seinem Kopf.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es
-drauf ankommt, pünktlich sind!
-</p>
-
-<p class="d">
-Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend.
-Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald
-von glöckchenartigem Lachen einer weiblichen akkompagniert.
-Sehr bald erscheint der Direktor wieder, von einer eleganten
-jungen Dame begleitet, Alice Rütterbusch.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine
-Alice! Komm mal ans Licht! Ich muß doch sehen,
-ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante, tolle Alice
-aus den besten Tagen meiner reichsländischen Direktionsperiode
-bist!? Mädel, ich hab&rsquo; dich ja gehen gelehrt!
-ich hab deine ersten Schritte gegängelt ... das
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Sprechen! Du sagtest ja immer Cheef statt Chef!
-Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Schaun&rsquo;s Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar
-bin?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">nimmt ihr den Schleier ab.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mädel, du bist ja noch jünger geworden!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span><br />
-<span class="d">hochrot, beglückt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer
-behaupten wollt, daß du dich zum Nachteil verändert
-hast. Aber weißt, arg finster hast&rsquo;s bei dir oben und
-a bissel &mdash; Harro, wenns d&rsquo; mechst a Fenster aufmachen!
-&mdash; so a bissel a schwere Luft.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Pillycock saß auf Pillycocks Berg!
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Doch Mäus&rsquo; und Ratten und solch Getier</p>
- <p class="verse">Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Im Ernst, ich hab&rsquo; finstere und schwere Zeiten durchgemacht!
-Du wirst ja schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts
-geschrieben habe, liebe Alice, davon unterrichtet sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich,
-daß d&rsquo; mir auf alle die sauberen und langen Brief kein
-Wörtel geantwort&rsquo; hast.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten,
-wenn man genug mit sich selber zu tun hat und in
-keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! <span class="antiqua">E nihilo
-nihil fit!</span> Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts
-werden! Motten und Staub! Staub und Motten!
-ha ha ha! Das ist alles, was ich von meiner deutschen
-Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz
-abgetreten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.&ldquo;
-Nein, meine Kleine, ich habe den Fundus nicht in
-Straßburg gelassen! Dieser ehemalige Kellner, Kneipwirt
-und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der
-mein Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser <span class="antiqua">bête
-imbécil</span>, wollte den Fundus nicht! &mdash; Sessa, den Fundus
-hab&rsquo; ich nicht dort gelassen: dafür aber vierzigtausend
-Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen
-aus meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark
-zugebrachtes Vermögen meiner braven Frau. Sessa! &mdash;
-Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war ein Glück
-für mich. &mdash; Da! &mdash; Ha ha ha! Diese Kerle hier ... &mdash;
-(<span class="d">er berührt einige der Geharnischten</span>) &mdash; du kennst sie
-doch? ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-I kenn&rsquo; doch meine Pappenheimer.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was
-drum und dran baumelt, haben den alten Lumpensammler
-und Maskenverleiher Harro Eberhard Hassenreuter
-nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser
-gehalten! &mdash; Aber reden wir lieber von heiteren
-Dingen: ich habe mit Vergnügen aus der Zeitung
-ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin engagiert
-werden wirst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen,
-und das mußt mir versprechen, wanns du wieder eine
-Direktion ibernehmen tust ... das versprichst mir, daß
-i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! &mdash; (<span class="d">Der
-Direktor bricht in Lachen aus.</span>) &mdash; I hab mi drei Jahre
-lang gnua auf die Provinzschmieren rumgeärgert.
-Berlin mag i net! und a Hoftheater schon lang net.
-Jessas die Leit! das Komödiespielen! &mdash; Weißt, i
-g&rsquo;hör zum Fundus, i hab immer bloß daher g&rsquo;hört! &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen
-einander mit einigen lange anhaltenden Küssen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Therese geht&rsquo;s gut, außer daß sie trotz Kummer und
-Sorgen von Tag zu Tag dicker wird. &mdash; Mädel, Mädel,
-wie du duftest! &mdash; (<span class="d">Er drückt sie an sich.</span>) &mdash; Weißt
-du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sakra!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen
-hoch, unter an muffigen Dach, mit dir a Rendezvous
-geben, wann ich net wißt, daß das für uns zwei, ans
-wie&rsquo;s andere, gefährlich is. Ibrigens hab&rsquo; i ja, Gott
-sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann
-i schon amal auf Schleichwegen geh, auf der Treppen
-den Nathanael Jettel troffen, bin dem Herrn Hofschauspieler
-bei ei&rsquo;m Haar direkt in die Arme g&rsquo;rannt. Wird
-schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di
-b&rsquo;sucht hab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch
-behauptet, ha ha ha, ich hätte ihn ganz ausdrücklich für
-heut nachmittag herbestellt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche
-Gestalt, der i auf die sechs Treppenabsätz begegnet bin,
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-und was mir die lieben kleinen Kinderln, die auf die
-Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is dermaßen
-unparlamentarisch, das is von solche Kröten,
-noch net drei Käs&rsquo; hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit,
-die mir noch vorkommen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">lacht, wird dann ernst.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier
-in diesem alten Kasten mit schmutzigen Unterröcken die
-Treppe fegt und überhaupt schleicht, kriecht, ächzt,
-seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt, hämmert, hobelt,
-stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle Gewerbe
-treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet,
-Zither klimpert, Harmonika spielt &mdash; was hier an Not,
-Hunger, Elend existiert und an lasterhaftem Lebenswandel
-geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu
-schreiben. Und dein alter Direktor, <span class="antiqua">last not least</span>,
-rennt, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha,
-wie der Berliner sagt, immer mitten mang mit. Ha
-ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig gegangen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof
-Zoologischer Garten zusteuer, troffen hab? Den
-alten guten Fürst Statthalter hab i troffen. Und
-sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten
-lang neben ihm hergschwenkt und hab ihn
-in an langen Diskurs verwickelt und, auf Ehre,
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich
-g&rsquo;schegn. Auf&rsquo;n Reitweg is plötzlich Majestät mit
-großer Suite vorübergritten. I denk, i versink! Und
-hat übers ganze Gesicht gelacht und Durchlaucht so
-mit dem Finger gedroht. Aber g&rsquo;freit hab i mi,
-das kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d&rsquo;Hauptsach.
-Jetzt paß auf. &mdash; Ob i mi freun tät, hat mi Durchlaucht
-plötzli g&rsquo;fragt, und ob i wieder nach Straßburg
-mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater
-tät wieder übernehmen. Na weißt: beinah hab i an
-Sprung getan!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da.</span>
-</p>
-
-<p>
-Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die
-kleine Durchlaucht vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa!
-Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir haben ein exquisites
-kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht
-draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich
-vielleicht eine Wendung zum Guten im miserablen
-Geschicke deines Freundes vorbereitet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Alice Rütterbusch</span>
-</p>
-
-<p>
-Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst
-du ja aus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster
-Orden noch nicht!? Klärchen und Egmont! Hier magst
-du dich satt trinken! &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Neue Umarmung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-<span class="antiqua">Carpe diem!</span> genieße den Tag! Sekt, kleine Naive,
-steht allerdings auf dem jetzigen Repertoire deines
-alten Direktors, Erweckers und Freundes nicht! &mdash;
-(<span class="d">Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche
-Wein.</span>) &mdash; Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von
-Pappe! &mdash; (<span class="d">Er zieht den Korken. Die Türschelle geht.</span>) &mdash;
-Was? &mdash; Pst! &mdash; Wer hat denn die ungeheure Dreistigkeit,
-am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? &mdash; (<span class="d">Es
-klingelt stärker.</span>) &mdash; Kleine, zieh dich doch mal in die
-Bibliothek zurück. &mdash; (<span class="d">Alice eilt in die Bibliothek ab. Es
-klingelt wieder.</span>) &mdash; Donnerwetter noch mal, der Kerl
-ist ja irrsinnig. &mdash; (<span class="d">Er eilt nach der Tür.</span>) &mdash; Gedulden
-Sie sich oder scheren Sie sich! &mdash; (<span class="d">Man hört ihn die Tür
-öffnen.</span>) &mdash; Wer? Wie? &bdquo;Ich bin&rsquo;s, Fräulein Walburga?&ldquo;
-Was? Fräulein Walburga bin ich nicht. Ich
-bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater! Ach, Sie
-sind&rsquo;s, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der
-Vater! Ich bin der Vater! Was wünschen Sie denn?
-</p>
-
-<p class="d">
-Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von
-Erich Spitta, einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen,
-der Brille und Zwicker trägt und übrigens scharfe
-und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta gilt als Kandidat
-der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er hält sich
-nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die Studierstube
-und mangelhafte Ernährung anzumerken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem
-Speicher Privatstunde geben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte
-wirklich, ich hätte Fräulein Walburga unten durch das
-Portal in&rsquo;s Haus eilen sehen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine
-Tochter Walburga ist augenblicklich mit ihrer Mutter
-in der englischen Kirche, ich glaube, zu einem liturgischen
-Gottesdienst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe.
-Ich nahm mir die Freiheit, heraufzukommen, weil ich
-mir sagte: eine Begleitung in dieser Gegend, vielleicht
-auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein
-Walburga am Ende nicht unangenehm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta.
-Ich bedauere sehr. Ich selber bin nur zufällig hier:
-der Post wegen! und ich habe auch leider andere
-dringende Sachen vor. &mdash; Wünschen Sie sonst was,
-mein guter Spitta?
-</p>
-
-<p class="d">
-Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade:
-ich habe leider die Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig
-in der Westentasche auf die Straße zu gehn.
-Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich
-wieder in meiner Wohnung bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes
-Wild, guter Spitta ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen
-wirklich als eine Art höherer Fügung ansehen muß,
-um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten. Dürfte
-ich, kurz, eine Frage tun?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat.</span>
-</p>
-
-<p>
-Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester
-Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Frage und Antwort wird, denk&rsquo; ich, kaum von so
-langer Dauer sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Also los!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig?
-&mdash; Verzeihen Sie, bester Herr Kandidat, wenn ich
-in einem solchen Fall bis zur Unhöflichkeit außer dem
-Häuschen bin. Es heißt zwar <span class="antiqua">natura non facit saltus</span>,
-aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht.
-Da muß ich mal erst zu Atem kommen. Und
-nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir, wenn wir
-beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen,
-so würden wir in drei bis vier Wochen, sagen wir
-Jahren, darüber noch nicht zum Schluß gekommen sein.
-</p>
-
-<p class="cnt">
-Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen
-aus einem Pastorhaus: wie kommen Sie denn auf
-solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben
-und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz
-geebnet sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange
-Geschichte schwerer innerer Kämpfe, Herr Direktor,
-die allerdings bis zu dieser Stunde nur mir bekannt
-und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat
-mich das Glück in Ihr Haus geführt und von diesem
-Augenblick an fühlte ich, wie ich dem wahren Ziel
-meines Lebens näher und näher kam.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">mit peinlicher Ungeduld.</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie!
-&mdash; (<span class="d">Er legt ihm die Hände auf die Schulter.</span>) &mdash; Dennoch
-muß ich Ihnen jetzt die ganz inständige Bitte vortragen,
-von der Erörterung dieser Angelegenheit im Augenblicke
-abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit
-Sie wissen, daß ich absolut fest entschlossen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen
-denn diese Raupen in den Kopf gesetzt? Ich habe mich
-über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist Ihres friedlichen
-Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen
-Ambitionen, die einem hier in der Großstadt
-anfliegen, habe ich keinen Wert beigelegt. Das ist nur
-so nebenbei und verliert sich zweifellos wieder bei ihm,
-dachte ich mir! &mdash; Mensch, und nun wollen Sie Komödiant
-werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater
-wär! Ich würde Sie bei Wasser und Brot einsperren
-und Sie nicht eher herauslassen, als bis Ihnen jede
-Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. <span class="antiqua">Dixi!</span>
-und nun adieu, guter Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel
-würde bei mir durchaus nichts helfen, fürcht ich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit
-Ihrer schiefen Haltung, mit Ihrer Brille und vor allem
-mit Ihrem heiseren und scharfen Organ geht das doch
-nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum
-soll es nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben?
-Und ich bin der Ansicht, ein wohlklingendes Organ,
-womöglich verbunden mit der Schiller-Goethisch-Weimarischen
-Schule der Unnatur, ist eher schädlich,
-als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich,
-wie ich nun einmal bin, als Schüler annehmen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">zieht hastig seinen Sommerpaletot über.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine
-Schule Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur!
-Zweitens könnte ich es vor Ihrem Herrn Vater nicht
-verantworten! Und drittens zanken wir uns so schon
-genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in
-meinem Hause geben, beim Abendbrot. Das würde
-dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun Spitta:
-ich muß auf die Pferdebahn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm
-in einem zwölf Seiten langen Brief Punkt für Punkt
-die Geschichte meiner inneren Wandlung eröffnet ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt
-sein! Mensch und nun kommen Sie mit mir, ich
-werde sonst wahnsinnig.
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus.
-Man hört die Tür ins Schloß fallen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins,
-das nun lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet
-und Walburga Hassenreuter steigt in wahnsinniger
-Hast, gefolgt von Frau John, die Treppe herunter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">flüsternd, heftig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! &mdash;
-Um Gottes willen, ich kann gar nicht an mich halten,
-Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Taschentuch mang die Zähne, Mächen! &mdash; Et is ja
-jar nischt! Wat haste dir denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken,
-Frau John!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder!
-wo mich manchmal bei Papans seine Sachen auskloppen
-helfen dut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein
-sitzt und wimmert.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det
-du zur Welt jekommen bist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang
-hinunter und läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten
-Dache nischt.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer
-voll und nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet.
-Kaum ist das Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">noch an der Tür, singend.</span>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm herab, o Madonna Theresa!&ldquo; &mdash; (<span class="d">Er ruft.</span>) &mdash;
-Alice! &mdash; (<span class="d">Noch immer an der Tür.</span>) &mdash; Komm mal!
-Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem doppelten
-Schloß vor die Tür legen. &mdash; Alice! &mdash; (<span class="d">Er kommt
-nach vorn.</span>) &mdash; Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu
-stören wagt: <span class="antiqua">anathema sit!</span> &mdash; Heda! Kobold! Wo
-steckst du, Alice? &mdash; (<span class="d">Er wird auf die Weinflasche aufmerksam
-und hebt sie in die Höhe.</span>) &mdash; Was? &mdash; Halb
-leer? &mdash; Schlingel! &mdash; (<span class="d">Man hört eine hübsche weibliche
-Singstimme hinter der Bibliothekstür sich in Koloraturen
-ergehen.</span>) &mdash; Ha ha ha ha! Himmel! sie hat sich schon
-einen Schwips angetrunken.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Zweiter Akt
-</h2>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Wohnung der Frau John im zweiten Stock des
-gleichen Hauses, in dessen Dachgeschoß der Fundus des
-Direktors Hassenreuter untergebracht ist: ein weitläufiges,
-ziemlich hohes, graugetünchtes Zimmer, das seine frühere
-Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die Hinterwand
-enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr
-ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht
-gezogen werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine
-etwas mehr als mannshohe Tapetenwand, die geradlinig
-nach vorn geht, hier einen rechten Winkel macht und wiederum
-geradlinig mit der rechten Seitenwand verbunden ist.
-So ist eine Art von Verschlag abgeteilt, über den einige
-Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer der
-Familie ist.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken
-ein Sofa, überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der
-Rücklehne an die Tapetenwand geschoben. Diese ist über
-dem Sofa mit kleinen Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier
-John als Soldat, John und Frau als Brautpaar usw.
-Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit einer verblichenen
-Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch und
-Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu
-erreichen. Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit
-einem Vorhang aus buntem Kattun verschlossen.
-</p>
-
-<p class="d1">
-An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages
-steht ein freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts
-davon, an der wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der
-hier verfügbare kleine Raum vornehmlich zu Küchen- und
-Wirtschaftszwecken dienen muß.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die
-linke Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern
-hinaus. Am vorderen Fenster ist ein saubergehobeltes Brett
-als eine Art Arbeitstisch angebracht. Hier liegen zusammengerollte
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Kartons (Baupläne), Pausen, Zollstock, Zirkel,
-Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein Fenstertritt, darauf
-ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die Fenster haben
-keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem
-Kattun bespannt.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter
-Lehnstuhl aus Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt,
-macht übrigens einen sauberen und gepflegten
-Eindruck, wie man es bei kinderlosen Ehepaaren des öfteren
-trifft.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die
-warme Sonne scheint durch die Fenster.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig
-aussehender Mann, steht behaglich am vorderen
-Fenstertisch und macht sich Notizen aus den Bauplänen.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt
-des anderen Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches
-und Leidendes an sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer
-Zufriedenheit, der nur zuweilen von einem flüchtigen Blick
-der Unruhe und der lauernden Angst unterbrochen wird.
-An ihrer Seite steht ein Kinderwagen (sauber, neu und
-nett), darin ein Säugling gebettet ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">bescheiden.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster &rsquo;n Ritzen
-ufmachen däte und ick machte mir dann &rsquo;n bißken de
-Pipe an?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern!
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-Aber laß man! &rsquo;N Priem, Mutter, tut et am Ende in
-selbijenjleichen och.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen
-neuen Priem.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">nach einigem Stillschweigen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und
-janz jenau anjeben ... det ick det müßte janz jenau
-anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen jeboren is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">Nadel am Mund.</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum haste denn det nich anjejeben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det weeßte nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Bin ick dabei jewesen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung
-sitzen läßt und lichst det janze jeschlagene Jahr in Altona,
-kommst hechstens ma monatlich mir besuchen:
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn
-dut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte
-Arbeet hat? Ick jeh dorthin, wo ick schen verdiene.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser
-Jungeken hier in de Wohnung jeboren is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is
-doch janz natierlich, hab ick jesacht, det et in meine Wohnung
-jeboren is. Da hat er jesacht: det is jar nich
-natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf&rsquo;n
-Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind!
-So kreppte ick mir, weil er doch sachte, det et womeglich
-jar nich sollte in meine eijene Wohnung sind jewesen.
-Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat?
-sag ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr
-Standesbeamter bin ick nich! un nu sollte ick Tag und
-Stunde anjeben ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick hab et dir doch sojar jenau uf&rsquo;n Zettel jeschrieben,
-Paul.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick
-jloobe, wenn er mir hätte jefracht: sind Sie Paul John,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-der Mauerpolier? ick hätte jeantwort: ick weeß et
-nich. Na, nu war ick doch &rsquo;n bißken verjnügt jewesen
-un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch
-Schubert und Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et:
-ick muß nun &rsquo;ne Lage jeben, weil ick doch Vater jeworden
-bin! &mdash; Na! un die Brieder wollten mir och
-nich loslassen un warteten unten an de Tür von&rsquo;t
-Standesamt. Un nu dachte ick, det se unten stehen!
-und wo er mir frachte an welchen Dache det meine
-Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte
-laut loslachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher
-besorcht, wat netig is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache
-noch so &rsquo;ne Zicken machst! denn wa ick verjnügt! denn
-freut ick mir, Mutter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein
-Kindeken an fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau
-in deine Wohnung jeboren is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha
-nämlich schlankweg dem sechsundzwanzigsten Mai jesacht!
-denn hieß et, weil er doch merkte, det ick an Ende
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-nich so janz sicher war: stimmt&rsquo;s denn is jut! sonst
-komm Se wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, denn laß et man wie et is.
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen
-elenden Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz
-zu dem der Frau John steht, darin liegt, in jämmerlichsten
-Lumpen, ebenfalls ein Säugling.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de
-Stube rieber, det jing woll vordem, nu jeht det nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns
-wird zu ville jeroocht, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm,
-ma Milch un ma Brot holen. Aber wo hier mein
-Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder derjleichen
-anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben
-bei seine feine Mama drieben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">weinerlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm.
-Ick kann nachts nich schlafen mit det Kind. Helfjottchen
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-quarrt de janze Nacht iber. Ick muß doch ma schlafen.
-Ick spring zum Fenster &rsquo;raus, oder ick laß Helfjottchen
-mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen
-Polizist nich mehr finden kann.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">betrachtet das fremde Kind.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen
-Unglick &rsquo;n bißken an.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.</span>
-</p>
-
-<p>
-Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer
-Eegnet hat, kann sich mit Fremde nich abjeben. Soll
-de Knobben sehn, wo se bleiben dut. Wat anders
-is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst
-dir hier och hernach &rsquo;n bißken uf&rsquo;s Ohr lechen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt
-die Tür hinter ihr.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen
-immer bekümmert!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich
-mit schlimme Ochen un Krämpfe von een andret
-anstecken dut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen,
-Mutter. Det dut nich jut, &rsquo;n Kind &rsquo;n selbichten Namen
-zu jeben, wie een andret, det mit acht Dache, unjedoft,
-mit Dot abjejang&rsquo;n is. Det laß man! davon ha&rsquo; ick
-Manschetten, Mutter.
-</p>
-
-<p class="d">
-Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, Jette, &rsquo;t will eener rin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">dreht hastig den Schlüssel herum.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick wer&rsquo; mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt
-ieberlofen lassen. &mdash; (<span class="d">Sie horcht und ruft dann</span>): &mdash; Ick
-kann nich ufmachen: wat wollen Se denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Eine Frauenstimme</span><br />
-<span class="d">aber tief und männlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">überrascht.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach Jott nee! &mdash; (<span class="d">Sie öffnet die Tür.</span>) &mdash; Nehm Se &rsquo;t
-nich iebel, Frau Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt,
-wer &rsquo;t is.
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga,
-eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter
-als fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet
-als im ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches
-Paket.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun &mdash;
-obgleich mir das Treppensteigen schwer wird ...
-wollte doch nun mal sehen, wie&rsquo;s nach dem frohen
-Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche,
-Frau Direkter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John?
-Das muß man sagen ... muß man sagen &mdash; daß Ihre
-liebe Frau &mdash; sich in der langen Wartezeit niemals beklagt
-und immer ... immer fröhlich und guter Dinge &mdash;
-ihre Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin
-verrichtet hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau
-wohl die Freude haben &mdash; Sie öfters ... öfters als
-wie bisher &mdash; zu Hause zu sehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha&rsquo;n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut
-und solide is. Und deshalb, weil Paul auswärts uf
-Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich sitzen lassen.
-Aber for so &rsquo;n Mann, wo &rsquo;n Bruder schon &rsquo;n Jungen
-von zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och
-keen Leben, ohne Kinder! denn kricht er Jedanken!
-denn macht er in Hamburg schenet Jeld! denn is alle
-Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika
-auswandern.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, Jette, det war ja man bloß so &rsquo;n Jedanke.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is &rsquo;n
-sauer verdientes Durchkommen, wo unsereens hat, aber
-jedennoch ... &mdash; (<span class="d">Sie fährt John schnell mit der Hand
-durchs Haar.</span>) &mdash; Wenn och eener mehr is un Sorchen
-mehr sin &mdash; sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen
-runter! &mdash; denn freut er sich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is, wir haben schon vor drei Jahre &rsquo;n Jungchen
-jehabt, und det is mit acht Dache einjejang.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ...
-hat mir mein Mann bereits gesagt &mdash; wie sehr Sie sich &mdash;
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-um den Sohn gegrämt haben. Sie wissen ja ...
-wissen ja, wie mein braver Mann &mdash; Aug&rsquo; und Herz ...
-Herz und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ...
-gar um Leute handelt &mdash; die um ihn sind und ihm
-Dienste leisten &mdash; da ist alles Gute ... und Schlimme
-... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt
-... zustößt, so, als wär&rsquo; es ihm selbst passiert.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">klopft John auf die Schulter.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken
-uf beede Knie dazumal in Kinderleichenwachen
-jesessen hat. Det durfte d&rsquo;r Dotenjräber nich
-anrihren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">wischt sich Wasser aus den Augen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det war och so. Det jing och nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch &mdash;
-mußten wir ... mußten wir plötzlich Wein trinken.
-Wein! wo Leitungswasser in den letzten Jahren ...
-Karaffen mit Leitungswasser &mdash; unser einziges ...
-einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte
-mein Mann. &mdash; Er ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf
-Tage in den Elsaß verreist gewesen! ... Also ich trinke,
-sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John,
-weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil
-sie ein sichtbares Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-... Herrgott der Schrei eines Mutterherzens nicht
-gleichgültig ist. &mdash; Und da haben wir auf Sie angestoßen!
-&mdash; So! &mdash; und nun bringe ich ... bringe ich
-Ihnen hier im ganz besonderen ... ganz besonderen
-Auftrage meines Mannes einen sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat.
-&mdash; Walburga, du magst den
-Kessel mal auspacken.
-</p>
-
-<p class="d">
-Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte
-Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot,
-Handschuhe, spanisches Rohr mit Silbergriff, im
-ganzen die etwas abgeschabte Garnitur des Wochentags.
-Er spricht hastig und fast ohne Pausen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">sich den Schweiß von der Stirn wischend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In
-Petersburg ist die Cholera! Sie haben meinen Schülern
-Spitta und Käferstein gegenüber geklagt, daß Ihr
-Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich
-ist es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die
-meisten Mütter ihre Kinder selber zu nähren nicht mehr
-fähig oder nicht willens sind. Sie haben schon einmal
-einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter
-John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden!
-Damit Sie nun diesmal nicht wieder Pech haben und
-nicht etwa gar in die Scheren von allerlei alten Basen
-fallen, deren gute Ratschläge meistens für Säuglinge
-tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung
-diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe
-damit meine ganze kleine Gesellschaft, auch die Walburga,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-großgezogen ... Sapristi! da sieht man ja auch
-mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht
-Soldaten! und Sie hatten einen Stammhalter nötig,
-Herr John! Gratuliere Ihnen von ganzem Herzen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er schüttelt John kräftig die Hand.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">am Kinderwagen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">jovial, laut und lärmig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn
-Gramm frisches deutschnationales Menschenfleisch.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! &mdash; Das
-Kerlchen ist Ihnen wirklich ... wirklich wie aus dem
-Gesicht geschnitten, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft
-der christlichen Kirche aufnehmen lassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">glücklich und gewichtig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am
-Taufstein, richtig von Jeistlichen wird et jetauft.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, &rsquo;n
-langet Jerede abjesetzt. Ick dachte &bdquo;Bruno&ldquo;! Det will
-er nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber Bruno ist doch kein übler Name.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler
-Name is. Da will ick mir weiter drieber nich ausdricken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat sachste nich, det ick &rsquo;n Bruder habe, wo Bruno
-heest und wo zwölf Jahre jinger is: und jeht manchmal
-&rsquo;n bißken uf leichte Weche. Det is bloß de Verführung!
-Der Junge is jut! Det jloobste nich!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">bekommt einen roten Kopf.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for &rsquo;n
-Kreuz jewesen is! &mdash; Wat wiste?! Soll unser Jungeken
-so &rsquo;n Patron krichen? &mdash; Et is &rsquo;n Patron! Aber eener,
-ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche
-Ufsicht is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">lachend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Um&rsquo;s Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen
-anderen Patron!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon
-anjenommen, in de Maschinschlosserei Stellung verschafft,
-nischt davon jehat, als Ärjer un Schande! Jott
-soll bewahren, det er womeglich kommt un mein
-Jungeken anfassen dut! &mdash; (<span class="d">Er krampft die Faust.</span>) &mdash;
-denn Jette ... denn kennt ick nich for mir jut sachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! &mdash;
-So viel kann ick dir aber jewißlich sachen, det mein
-Bruder mich in die schweren Stunden redlich beiseite
-jewesen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-So &rsquo;n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">kratzt sich hinter den Ohren.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine
-Jenossen in&rsquo;t Mauerjewerbe sind, die sind et nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich
-habe meinen ältesten Sohn, der bei der Kaiserlichen
-Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie mir, &mdash;
-(<span class="d">er weist auf das Kindchen</span>) &mdash; diese neue künftige Generation
-wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen
-Einheit, dem gewaltigen Heros, schuldig ist. &mdash;
-(<span class="d">Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates, den Walburga
-ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.</span>)
-&mdash; Also, die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat
-ist kinderleicht: das ganze Gestell mit sämtlichen
-Flaschen &mdash; jede Flasche zunächst ein Drittel mit
-Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! &mdash; wird in
-diesen Kessel mit kochendem Wasser gestellt. Auf diese
-Weise, wenn man das Wasser im Kessel anderthalb
-Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt
-der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen
-das sterilisieren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie
-die Zwillinge ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und
-<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel, zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und
-fünfundzwanzig, haben angeklopft und die Tür geöffnet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">der seine Schüler bemerkt hat.</span>
-</p>
-
-<p>
-Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite
-hier einstweilen noch im Fache der Säuglingsernährung
-und Kinderfürsorge.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-<span class="firstline">Käferstein</span><br />
-<span class="d">ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck,
-bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund.
-Mit Grabesstimme, weich, zurückhaltend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen
-hält.</span>
-</p>
-
-<p>
-Was sind Sie?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir wollen das Kindelein grüßen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem
-Morgenlande sind, meine Herren, dann fehlt doch,
-soweit ich sehn kann, der dritte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde
-dramaturgischer Tätigkeit, Kandidat der Theologie
-Erich Spitta, der durch einen gesellschaftspsychologischen
-Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen- und
-Wallnertheaterstraße festgehalten ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir machten uns eiligst aus dem Staube.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause,
-Frau John! &mdash; Aber sagen Sie mal, hat sich etwa unser
-braver Kurpfuscher Spitta wieder mal öffentlich an
-die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht?
-Ha ha ha ha! <span class="antiqua">Semper idem!</span> das ist ja ein wahres
-Kreuz mit dem Menschen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es
-scheint, in der Volksmenge eine Freundin wieder
-erkannt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der
-junge Spitta viel besser zum Sanitätsgehilfen oder
-zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so ist es:
-der Mensch wird Schauspieler.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung
-gemacht. &mdash; Aber nun, wenn Sie Weihrauch und
-Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber Käferstein.
-Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe
-ich meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der
-Brüste der Musen durstig seid, zu geistiger Nahrung,
-<span class="antiqua">nutrimentum spiritus!</span> bald ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-<span class="firstline">Käferstein</span><br />
-<span class="d">klappert mit einer Sparkasse.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere
-Sparkasse, hier neben die Equipage des jungen Herrn
-Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß er es mindestens
-mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt
-eine unangebrochene Likörflasche.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau
-John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">während er eingießt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein
-Kind nich jesorcht wäre, meine Herrn! Aber ick rechen
-et mir an, meine Herrn. &mdash; (<span class="d">Frau Direktor und Walburga
-ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.</span>) &mdash; Wohlsein!
-&mdash; Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Es geschieht, sie trinken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">im Ton der Rüge.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D&rsquo;r
-Meester mag ma &rsquo;n andern hinschicken. Ick zerjle mir
-schonn mit &rsquo;n Meester deswechen drei Dache rum. Ick
-muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir
-wieder ma jejen sechs uf&rsquo;s Büro bestellt! Wenn er nich
-will, denn laßt er&rsquo;t bleiben: det jeht nich, det &rsquo;n Familienvater
-immer un ewich wech von seine Familie is.
-Ick ha &rsquo;n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer&rsquo; ick,
-wo se de Fundamente lechen, bei&rsquo;t neue Reichstagsjebäude
-einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen
-Meester! Et kann ja och ma wo anders sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">klopft John ebenfalls auf die Schulter.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier.
-Unser Familienleben ist eine Sache, die man uns mit
-Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.
-</p>
-
-<p class="d">
-Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt,
-sein Anzug trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er
-sieht bleich und erregt aus und säubert mit dem Taschentuch
-seine Hände.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben
-&rsquo;n bißchen säubern, Frau John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn
-angebahnt, guter Spitta?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr
-Direktor, weiter nichts.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte
-Spittas teilgenommen hat.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu:
-weiter nichts? Und verkünden es offen vor allen
-Leuten?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">verblüfft.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete
-Dame, die ich hier im Hause auf der Treppe schon öfters
-gesehen hatte, und die leider auf der Straße verunglückt
-ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta.
-Augenscheinlich hat die Dame Ihnen Flecke auf den
-Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel.
-Die Dame erlitt einen Anfall. Ein Schutzmann griff
-sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den Straßendamm,
-und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel.
-Ich konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich
-der Samariterdienst auf der Straße im allgemeinen,
-wie ich zugebe, unter der Würde gutgekleideter Leute ist.
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag
-und kommt wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das
-sie auf einen Stuhl setzt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen
-guten Gesellschaft an, die man je nachdem nur reglementiert
-oder auch kaserniert.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig,
-wie ich sagen muß, Herr Direktor, wie dem Omnibusgaul,
-der seinen linken Vorderhuf geschlagene fünf,
-sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu
-treten, die unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat.
-&mdash; (<span class="d">Spitta erhält eine Lachsalve zur Antwort.</span>) &mdash; Sie
-lachen! Für mich ist das Verhalten des Gauls nicht
-lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige
-Leute ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre
-eine Bäckerei stürmten und Semmeln herausholten,
-womit sie ihn fütterten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">fanatisch.</span>
-</p>
-
-<p>
-I, hätt&rsquo; er man feste zujetreten! &mdash; (<span class="d">Die Bemerkung
-der John löst wieder allgemeines Gelächter aus.</span>) &mdash; Und
-ieberhaupt, wat die Knobben is: die jehört öffentlich
-uf &rsquo;n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank jeschnallt
-und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe
-det det Blut man so spritzt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte
-Mittelalter eine überwundene Sache ist. Es ist noch
-nicht lange her. Man hat eine Witwe Mayer noch im
-Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in
-Berlin, auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht.
-&mdash; (<span class="d">Er zieht Scherben einer Brille hervor.</span>)
-&mdash; Übrigens muß ich sofort zum Optiker.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">zu Spitta.</span>
-</p>
-
-<p>
-Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame
-doch hier am Flur jejenieber rinjebracht? Na ja! Det
-hat Mutter ja jleich jemerkt, det det keen andrer Mensch
-wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se
-Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt,
-trinkt und allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich
-kümmert und wo berauscht is und ufwachen dut, allens
-mit Fäuste und Schirme durchprijelt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">sich raffend und besinnend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht.
-Es fehlt uns schon eine Viertelstunde. Meine Zeit ist
-gemessen. Unser Stundenschluß muß leider heute ganz
-pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine
-Herrschaften.
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt
-von Käferstein, und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel ab. Auch John nimmt seinen
-Kalabreser.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">zu seiner Frau.</span>
-</p>
-
-<p>
-Adje, ick muß och zum Meester hin.
-</p>
-
-<p class="d">
-Auch John geht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade
-vorfinden duht. &mdash; (<span class="d">Sie öffnet den Tischschub und verfärbt
-sich.</span>) &mdash; Jesus! &mdash; (<span class="d">Sie nimmt ein durch ein buntes Band
-zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus der Schublade.</span>)
-&mdash; Da hab ick ja &rsquo;n Büschelschen Haar jefunden,
-wo mein Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in
-Sarch mit Vaters Papierschere abjeschnitten is. &mdash;
-(<span class="d">Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich über ihr Gesicht,
-das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.</span>) &mdash; Un
-nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! &mdash; (<span class="d">Sie
-geht mit eigentümlicher Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der
-Hand, den jungen Leuten vorweisend, zur Tür des Verschlages,
-wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich befindet.
-Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das
-Kinderköpfchen.</span>) &mdash; Na nu kommt mal, kommt mal! &mdash;
-(<span class="d">Sie winkt mit seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta,
-die auch neben sie an den Kinderwagen treten.</span>) &mdash; Seht
-mal det Häarchen und det! &mdash;? ob det nich detselbiche ...
-ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche Häarchen
-is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John
-eigentümlich ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht, weiß nicht &mdash; ... oder ich zähle heut
-nicht mit, weil ich alles von vornherein subjektiv düster
-gefärbt sehe. Hast du den Brief bekommen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum
-du so lange nicht bei uns gewesen bist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum nicht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Weil ich innerlich zu zerrissen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Du willst Schauspieler werden? Ist&rsquo;s wahr? Du
-willst umsatteln?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott!
-Nur niemals ein Pastor! niemals ein Landpfarrer!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Du, ich habe mir lassen die Karten legen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat
-mir gesagt, ich hätte einen heimlichen Bräutigam, und
-der sei Schauspieler. Natürlich hab&rsquo; ich sie ausgelacht
-und gleich darauf sagt Mama, du wirst Schauspieler.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Tatsächlich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin
-noch gesagt, wir würden durch einen Besuch viel Not
-haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater kommt nach Berlin, Walburga, und das
-ist allerdings wahr, daß uns der alte Herr etwas zu
-schaffen machen wird. &mdash; Vater weiß das nicht, aber
-ich bin mit ihm innerlich längst zerfallen, auch ohne
-diese Briefe, die mir hier in der Tasche brennen und
-mit denen er meine Beichte beantwortet hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Über unserm verunglückten Rendezvous hat wirklich
-ein böser, neidischer, giftiger Stern geschwebt. Wie
-habe ich meinen Papa bewundert! Aber seit jenem
-Sonntag werde ich aller Augenblick rot für ihn, und
-so sehr ich mir Mühe gebe, ich kann ihm seitdem nicht
-mehr gerade und frei ins Auge sehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Hast du mit deinem Papa auch Differenzen gehabt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach, wenn es bloß das wäre! Ich war stolz auf
-Papa! Und jetzt muß ich zittern, wenn du es wüßtest,
-ob du uns überhaupt noch achten kannst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich und verachten! Ich wüßte nicht, was mir
-weniger zukäme, gutes Kind. Sieh mal: ich will mit
-Offenheit gleich mal vorangehn. Eine sechs Jahr ältere
-Schwester von mir war Erzieherin, und zwar in einem
-adligen Hause. Da ist etwas passiert ... und als sie
-im Elternhaus Zuflucht suchte, stieß mein christlicher
-Vater sie vor die Tür. Er dachte wohl: Jesus hätte
-nicht anders gehandelt! Da ist meine Schwester allmählich
-gesunken, und nächstens werden wir beide mal
-nach dem kleinen sogenannten Selbstmörderfriedhof bei
-Schildhorn gehn, wo sie schließlich gelandet ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">umarmt Spitta.</span>
-</p>
-
-<p>
-Armer Erich, davon hast du ja nie ein Wort gesagt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist eben nun anders: ich spreche davon. Ich
-werde auch hier mit Papa davon sprechen und wenn
-es darüber zum Bruche kommt. &mdash; Du wunderst dich
-immer, wenn ich erregt werde, und wenn ich mich
-manchmal nicht halten kann, wo ich sehe, wie irgendein
-armer Schlucker mit Füßen gestoßen wird, oder wenn
-der Mob etwa eine arme Dirne mißhandelt. Ich habe
-dann manchmal Halluzinationen und glaube am hellichten
-Tage Gespenster, ja meine leibhaftige Schwester
-wiederzusehn.
-</p>
-
-<p class="d">
-Pauline Piperkarcka, ebenso wie früher gekleidet, tritt ein.
-Ihr Gesichtchen erscheint bleicher und hübscher geworden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Jun Morchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hinter dem Verschlage.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer ist denn da?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline? &mdash; Ick kenne keene Pauline.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline Piperkarcka, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer? &mdash; Denn wachten Se man &rsquo;ne Minute, Pauline.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Adieu, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">erscheint vor dem Verschlage, schließt sorgfältig den Vorhang
-hinter sich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll! Ick ha mit det Freilein wat zu verabreden.
-Seht ma, det ihr &rsquo;naus uf de Straße kommt.
-</p>
-
-<p class="d">
-Spitta und Walburga schnell ab. Frau John schließt die
-Tür hinter beiden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie sind et, Pauline? Wat wollen Se denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat werde wollen? Et hat mir herjetrieben. Habe
-nich länger warten können. Muß sehn, wie steht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn? Wat soll denn stehn, Pauline?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">mit etwas schlechtem Gewissen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, ob jesund is, ob jut in Stand.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll denn jesund? wat soll denn in Stande sind?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Dat sollen woll wissen von janz alleine.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll ick denn von alleene wissen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Ob Kind auch nich zujestoßen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat for&rsquo;n Kind? un wat zujestoßen? Reden Se
-deitsch! Se blubbern ja man keen eenziget richtiget
-deitsches Wort aus de Fresse raus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn ick nur sagen, was wahr is, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na wat denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Kind ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">haut ihr eine gewaltige Backpfeife.</span>
-</p>
-
-<p>
-... Det sache nochmal, un denn kriste so lange den
-Schuh um de Ohren, bis et dir vorkommt, det du &rsquo;ne
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Mutter von Drillinge bist. Nu raus! Un nu laß dir
-nich wieder blicken!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">will fort. Rüttelt an der Tür, die aber verschlossen ist.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat mir jeschlagen, zu Hilfe, zu Hilfe! Brauche mir
-nich jefallen zu lassen! &mdash; (<span class="d">weinend</span>) &mdash; Aufmachen!
-Hat mir mißhandelt, Frau John!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">vollkommen umgewandelt, umarmt Pauline, sie so zurückhaltend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline, um Jottet willen, Pauline! Ick weeß nich,
-wat in mir jefahren hat! Sein Se man jut, ick leiste
-ja Abbitte! Wat soll ick tun? Pauline, soll ick fußfällig
-uf de Knie, Pauline, Pauline! Abbitte tun?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Was haben mir ins Jesicht jeschlagen? Ick jehe zu
-Wache und zeigen an, det mir hier ins Jesicht jeschlagen
-hat. Ick zeigen an, ick gehen zu Wache.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hält ihr Gesicht hin.</span>
-</p>
-
-<p>
-Da! hauste mir wieder in&rsquo;t Jesicht! denn is et jut!
-denn is er verjlichen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick jehe zu Wache ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn is et verjlichen. Ick sache, Mächen, denn is et,
-Mächen, sag ick, akkurat mit de Wage verjlichen! Wat
-wiste nu, Mächen? Nu jeradezu.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll mich nützen, wenn Backe jeschwollen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">haut sich selbst ein Backenstreich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Da! Meine Backe is och jeschwollen. Mächen, hau
-zu, und jeniere dir nich. &mdash; Un denn komm, denn raus,
-watte uf &rsquo;n Herzen hast. Ick will mittlerweile ... ick
-koche inzwischen for Sie und for mir, Freilein Pauline,
-&rsquo;n rechten juten Bohnenkaffee, Jott weeß et, und keene
-Zichorientunke.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">weicher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum sin denn auf einmal so niederträchtig und
-jrob zu mich armes Mächen, Frau John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is et! det mecht ick alleene wissen! Komm Se,
-Pauline, setzen sich. So! Scheenecken sag ick! Setzen
-sich! Scheen, det Se mich ma besuchen komm! Wat ha
-ick von meine Mutter deswechen schon for Schmisse
-jekricht, ick bin doch aus Brickenberch jebürtig! weil ick
-mir manchmal ja nich jekannt habe. Die hat mehr wie
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-eemal zu mich jesacht: Mädel paß uf: du machst dir
-ma unglücklich. Det kann och sin, det se recht haben
-dut. Wie jeht&rsquo;s, Pauline, wat machen Se denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">legt Scheine und Silbergeld, die Handvoll, ohne zu zählen,
-auf den Tisch.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier is det Jeld: ick brauchen ihm nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick weeß doch von keenen Jelde, Pauline.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Oh, werden woll janz jut wissen von Jeld! Et hat
-mir jebrannt. Et war mich wie Schlange unter Kopfkissen
-...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I wo denn ...?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Is vorjekrochen, wo ick müde bin einjeschlafen. Hat
-mir jepeinigt, hat mir umringt! hat mir jequetscht, wo
-ick habe laut aufjeschrien und meine Wirtin hat mir jefunden,
-wo ick fast abjestorben, längelang auf Diele
-jelegen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Lassen Se det man jut sind, Pauline! &mdash; Trinken Se
-erst ma &rsquo;n kleenen Schnaps! &mdash; (<span class="d">Sie gießt ihr Kognak
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-ein.</span>) &mdash; Un dann essen Se erst ma &rsquo;n Happen-Pappen:
-mein Mann hat jestern Jeburtstag jehat.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie holt einen Streußelkuchen, von dem sie Streifen schneidet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-I wo denn, ick mag nich essen, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det stärkt, det dut jut, det mussen Se essen! Aber
-ick muß mir doch freuen, Pauline, det Se doch wieder
-mit Ihre jute Natur bei Ihre Kräfte jekommen sin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu will ick et aber mal sehn, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn, Pauline? Wat woll&rsquo;n Se denn sehn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Hätt&rsquo; ick laufen jekonnt, wär&rsquo; ick früher jekomm. Das
-will jetzt sehn, warum jekommen bin.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John, deren fast kriechende Freundlichkeiten von angstvoll
-bebenden Lippen gekommen sind, erbleicht auf eine
-unheilverkündende Weise und schweigt. Sie geht nach dem
-Küchenschrank, reißt die Kaffeemühle heraus und schüttet
-heftig Kaffeebohnen hinein. Sie setzt sich, quetscht die
-Kaffeemühle energisch zwischen die Knie, faßt die Kurbel
-und starrt mit einem verzehrenden Ausdruck namenlosen
-Hasses zur Piperkarcka hinüber.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-So? &mdash; Ach! &mdash; Wat wißte sehen? &mdash; Wat wißte
-nu jetzt uf eemal sehn? &mdash; Det, det wat te hast mit deine
-zwee Hände erwürchen jewollt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick? &mdash;
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wißte noch liechen? Ick werde dir anzeigen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu haben mir aber jenug jequält und bis auf&rsquo;t Blut
-jemartert, Frau John. Mir nachjestellt! mir Schritt
-und Tritt nich Ruhe jelassen. Bis haben Kind auf
-Oberboden auf Haufen alter Lumpen zu Welt jebracht.
-Mich Hoffnung jemacht, mich schlechten Spitzbubenjungen
-Angst jemacht. Mich Karten jelegt von
-wegen mein Bräutigam un weiterjehetzt, bis bin wie
-verrückt jeworden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det bist du och noch! Jawoll: du bist janz und jar
-verrückt! Wat, ick hab dir jequält? Wat hab ick? Ick
-habe dir aus &rsquo;n Rinnstein jelesen! Ick hab dir jeholt
-bei Schneejestöber, bei de Normaluhr, wo de hast mit
-verzweifelte Ochen &mdash; un wie de hast ausjesehen! &mdash;
-hintern Lanternanzünder herjestarrt. Jawoll: denn ha
-ick dir nachjestellt, det dir der Schutzmann, det dir der
-jrüne Wagen, det dir der Deibel nich hat holen jekonnt!
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Ick habe dir keene Ruhe jelassen, ick ha dir jemartert,
-bis det de nich sollst mit dein Kind unterm Herzen in&rsquo;t
-Wasser jehn. &mdash; (<span class="d">Äfft ihr nach.</span>) &mdash; Ick jeh im Landwehrkanal,
-Mutter John! Ick erwürche det Kind!
-Ick ersteche det Wurm mit meine Hutnadel! Ick jeh,
-ick lauf, wo der Lump von Vater sitzen un Zither spielen
-dut, mitten in&rsquo;t Lokal, und schmeiß ihn det tote Kind
-vor die Fiße. Det haße jesacht, so haste jesprochen,
-so jing et den lieben langen Dach, un manchmal de
-halbe Nacht noch dazu, bis ick dir hab hier ins Bette
-jebracht un so lange jestreichelt, det de bist endlich einjeschlafen
-un bist mittags um zwölf, wie die Glocken
-von alle Kirchen jeläut&rsquo;t haben, an andern Dache erst
-wieder ufjewacht. Jawoll, so ha ick dir angst jemacht,
-wieder Hoffnung jemacht, so ha ick dir keene Ruhe
-jelassen! Haste det allens verjessen! wat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber et is doch mein Kind, Mutter John ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">schreit.</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn hol et dir aus&rsquo;n Landwehrkanale!
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie springt auf, läuft umher und nimmt bald diesen, bald
-jenen Gegenstand in die Hand, um ihn sogleich wieder
-wegzuwerfen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll ick mein Kind nich ma sehen dürfen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Spring in&rsquo;t Wasser un such et! denn haste et! Weeß
-Jott, ick halte dir nu weiter nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Jut! Mejen mich schlajen, mejen mir prügeln, mejen
-mir schmeißen Wasserflasche an Kopp: eh&rsquo; nich weiß
-wo Kind is, eh&rsquo; nich haben mit Augen jesehn, bringen
-mich keiner und niemand von Stelle fort.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">einlenkend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline, ick ha et in Flege jejeben!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Lieche! Ick hör et doch schmatzen, wo et janz jenau
-hintern Vorhang is! &mdash; (<span class="d">Das Kind hinter dem Tapetenverschlag
-beginnt zu schreien. Die Piperkarcka eilt auf den
-Vorhang zu, dabei nicht ohne falsche Note, ein wenig
-pathetisch weinerlich rufend</span>): &mdash; Weine nicht, armes,
-armes Jungchen, jutes Mutterchen kommen schon!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">fast von Sinnen, ist vor den Eingang gesprungen, den sie
-der Piperkarcka verstellt.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">ohnmächtig wimmernd, mit geballten Fäusten.</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll mir jetzt zu mein Kinde reinlassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">furchtbar verändert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sieh mir ma an, Mächen! Mächen, sieh mir ma
-in&rsquo;t Jesicht! &mdash; Jlobst du, det mit eene, die aussieht
-wie ich ... det mit mir noch zu spaßen is? &mdash; (<span class="d">Die Piperkarcka
-hat wimmernd Platz genommen.</span>) &mdash; Setz dir! flenne!
-wimmere! bis dir, ick weß nich wat ... jammere, bis
-det dir die Jurjel verschwollen is! det, wenn de hier
-rin willst &mdash; denn bist du tot oder ick bin tot &mdash; un denn
-is och det Jungchen nich mehr am Leben!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">erhebt sich entschlossen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn jeben acht, was jeschehen, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">wiederum einlenkend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pauline, die Sache is zwischen uns richtig un abjemacht.
-Wat wollen Se sich mit det Kindchen behängen,
-wo jetzt mein Kindeken und in beste Hände
-jeborjen is? Wat wollen Se denn mit det Kindeken
-ufstellen? Jehn Se zu Ihren Breitijan! da sollen Se
-woll mit den Besseres zu tun haben als Kinderjeschrei,
-Kindersorchen und Kimmernis.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Erst recht! Nu jerade! Nu muß er mir heiraten! &mdash;
-Haben alle ... hat Frau Kielbacke, als ick mir mussen
-haben behandeln lassen, zu mich jesacht. Soll nich nachjeben!
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Muß mir heiraten. Auch Standesbeamte gab
-mich Rat. Hat jesacht, janz wütend, als ick haben erzählt,
-wohin jekrochen un habe Kind auf Dachboden
-Welt jebracht ... schreit janz wütend: ick muß nich
-nachlassen. Hat jesacht: arme jeschundene Kreatur zu
-mich, Tasche jejriffen, Taler zwei Jroschen Jeld jeschenkt.
-Jut! lasse mir weiter nich ein, Frau John.
-Adje! Bin bloß jekommen, sowieso, daß morjen nachmittag
-fünf zu Hause sind. Warum? weil morjen einjesetzter
-Pfleger von Jemeinde nachsehn kommt. Ick
-werde mir weiter hier noch rumärgern.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">starr, entgeistert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat? du hast et jemeld uf&rsquo;t Standesamt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Etwa nich? Ick soll woll Jefängnis komm?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat hast du jemeldet beim Standesbeamten?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Sonst janischt, als det mit Knaben niederjekommen
-bin. Ick hab mir jeschämt, o Jott! bin über un über
-rot jeworden! Mir is, ick sink jleich in de Erde rin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-So! &mdash; Wenn de dir so jeschämt hast, Mächen,
-warum haste&rsquo;s denn aber anjezeigt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Weil mich meine Wirtin und och Frau Kielbacke, wo
-mich hinjeführt hat, mich partout nich Ruhe jejeben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-So! &mdash; Denn wissen se&rsquo;t also uf&rsquo;t Standesamt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Na ja, det mussen se wissen, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-... Aber ha ick dir dat nich einjeschärft ...? ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Det muß man melden! Soll ick denn abjeführt
-Untersuchung und Plötzensee gesteckt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha doch jesacht: ick jeh et anmelden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Habe jleich bei Standesbeamte jefracht. Is keene
-jekommen hat anjemeldt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Un wat haste nu also anjejeben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Daß Aloisius Theophil heißen soll un daß bei Sie,
-Frau John, in Pflege is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Un morjen will eener nachsehn komm?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is een Herr von de Vormundschaft. Was is
-denn weiter? Nun sin doch ruhig un sin vernünftig.
-Haben mich wirklich vorher Schrecken in alle Jlieder
-jejagt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">abwesend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu freilich: det is nu nich mehr zu ändern. Det
-is ja nu och in Jottesnamen nu jroß weiter nischt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Gelt, un kann nu mein Kindchen auch sehn, Frau
-John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Heute nich! Morjen, morjen, Pauline.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum nich heut?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Weil det det Beschreien nich jut dut, Pauline! Also
-morjen, um Uhre fünfen nachmittag?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Steht jeschrieben, sagt mir Wirtin, daß Herr von die
-Stadt, Uhren fünfen morjen nachsehn kommt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">indem sie die Piperkarcka hinausschiebt und selbst mit hinausgeht,
-im Tone der Abwesenheit.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jut so. Laß er man kommen, Mächen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John ist einen Augenblick auf den Flur hinausgetreten
-und kommt ohne die Piperkarcka wieder herein. Sie ist
-seltsam verändert und geistesabwesend. Sie tut einige
-hastige Schritte gegen die Verschlagstür, steht jedoch plötzlich
-wieder still mit einem Gesichtsausdruck vergeblichen
-Nachsinnens. Dieses Grübeln unterbricht sie, heftig gegen
-das Fenster zu eilend. Hier wendet sie sich und wieder
-erscheint der hilflose Ausdruck schwerer Bewußtlosigkeit.
-Langsam, wie eine Nachtwandlerin, tritt sie an den Tisch
-und läßt sich daran nieder, das Kinn in die Hand stützend.
-Nun erscheint Selma Knobbe in der Tür.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Mutter schläft, Frau John. Ick ha solchen Hunger.
-Kann ick &rsquo;n Happen Brot kriejen?
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John erhebt sich mechanisch und schneidet ein Stück
-von einem Laib Brot, wie unter dem Einfluß einer Suggestion.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">der die Verfassung der Frau auffällt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick bin&rsquo;s! &mdash; Wat is denn? &mdash; Schneiden sich man
-bloß nich etwa mit Brotmesser.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">mit trockenem Röcheln, das sie mehr und mehr überwältigt,
-indem sie Brot und Brotmesser willenlos auf den Tisch
-gleiten läßt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Angst! &mdash; Sorje! &mdash; Da wißt Ihr nischt von!
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie zittert und sucht einen Halt, um nicht umzusinken.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Dritter Akt
-</h2>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">lles</span> wie im ersten Akt. Die Lampe brennt. Auf dem
-Gange schwaches Ampellicht.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Direktor Hassenreuter gibt seinen drei Schülern, Spitta,
-<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein, dramatischen Unterricht. Er
-selbst sitzt am Tisch, öffnet fortgesetzt Briefe und schlägt
-skandierend mit dem Falzbein auf den Tisch. Vorn stehen
-auf der einen Seite Kegel und Käferstein, auf der anderen
-Spitta einander als beide Chöre der Braut von Messina
-gegenüber. Ihre Füße befinden sich innerhalb eines Schemas
-aufgestellt, das mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet
-ist und diesen in die vierundsechzig Felder des Schachbretts
-einteilt. Auf dem Kontorbock am Stehpult sitzt Walburga,
-in ein großes Kontobuch eintragend. Im Hintergrund,
-wartend, steht der Vizewirt oder Hausmeister Quaquaro,
-ein vierzigjähriger, vierschrötiger Mensch, der Inhaber eines
-wandernden Zirkus und, als Athlet, Hauptmitglied desselben
-sein könnte. Seine Sprache ist tenorhaft guttural. Er trägt
-Schlafschuhe. Die Beinkleider durch einen gestickten Gürtel
-gehalten. Ein offenes Hemd, nicht unsauber, ein leichtes
-Jackett und die Mütze in der Hand.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span><br />
-<span class="d">mit gewaltiger Pathetik.</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Dich begrüß ich in Ehrfurcht,</p>
- <p class="verse">Prangende Halle,</p>
- <p class="verse">Dich, meiner Herrscher</p>
- <p class="verse">Fürstliche Wiege,</p>
- <p class="verse">Säulengetragenes herrliches Dach.</p>
- <p class="verse">Tief in der Scheide&ldquo; ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">schreit wütend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Pause! Punkt! Punkt! Pause! Punkt! Sie drehen
-doch keinen Leierkasten! Der Chor aus der Braut
-von Messina ist doch kein Leierkastenstück! &bdquo;Dich begrüß
-ich in Ehrfurcht&ldquo; nochmal von Anfang an, meine
-Herren! &bdquo;Dich begrüß ich in Ehrfurcht, prangende
-Halle!&ldquo; Etwa so, meine Herren! &bdquo;Tief in der Scheide
-ruhe das Schwert.&ldquo; Punktum! &bdquo;Herrliches Dach&ldquo;
-wollt&rsquo; ich sagen: punktum! Meinethalben fahren Sie
-fort.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Tief in der Scheide</p>
- <p class="verse">Ruhe das Schwert,</p>
- <p class="verse">Vor den Toren gefesselt</p>
- <p class="verse">Liege des Streits schlangenhaarigtes Scheusal.</p>
- <p class="verse">Denn ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Halt! Wissen Sie nicht, was ein Punkt bedeutet,
-meine Herren? Haben Sie denn keine Elementarkenntnisse?
-&bdquo;Schlangenhaarigtes Scheusal.&ldquo; Punkt!
-Denken Sie sich einen Pfahl eingerammt: halt! Punkt!
-Alles ist totenstille! als wenn Sie gar nicht mehr in
-der Welt wären, Käferstein! Und dann raus mit der
-Posaunenstimme aus der Brust! Halt! Um Gottes
-willen nicht lispeln! &mdash; &bdquo;Denn ...&ldquo; weiter! los!
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-<span class="firstline"><span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel und Käferstein</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Denn des gastlichen Hauses</p>
- <p class="verse">Unverletzliche Schwelle</p>
- <p class="verse">Hütet der Eid, der Erinnyen Sohn ...&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">springt auf, brüllt, läuft umher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Eid, Eid, Eid, Eid!! Halt! Wissen Sie nicht, was
-ein Eid ist, Käferstein? &bdquo;Hütet der Eid!! &mdash; der
-Erinnyen Sohn.&ldquo; Der Eid ist der Erinnyen Sohn,
-<span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel! Stimme heben! Tot! Das Publikum,
-bis zum letzten Logenschließer, ist eine einzige Gänsehaut!
-Schauer durchrieselt alle Gebeine! Passen Sie
-auf: &bdquo;Denn des Hauses Schwelle hütet der Eid!!! &mdash;
-der Erinnyen Sohn, der furchtbarste unter den Göttern
-der Hölle!&ldquo; &mdash; &mdash; Nicht wiederholen, weiter im Text!
-Sie können sich aber jedenfalls merken, daß ein Eid
-und ein Münchner Bierrettich zwei verschiedene Dinge
-sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">deklamiert.</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen ...&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Halt! &mdash; (<span class="d">Er läuft zu Spitta und biegt an seinen Armen
-und Beinen herum, um eine gewünschte tragische Pose zu
-erzielen.</span>) &mdash; Erstlich fehlt die statuarische Haltung,
-mein lieber Spitta. Die Würde einer tragischen Person
-ist bei Ihnen auf keine Weise ausgedrückt. Dann
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-sind Sie nicht, wie ich ausdrücklich verlangt habe, von
-Feld <span class="antiqua-optional">I D</span> mit dem rechten Fuß auf <span class="antiqua-optional">II C</span> getreten!
-Endlich wartet Herr Quaquaro: unterbrechen wir einen
-Augenblick! &mdash; (<span class="d">Er wendet sich an Quaquaro.</span>) &mdash; So,
-jetzt steh&rsquo; ich zu Diensten, Herr Vizewirt! das heißt, ich
-habe Sie bitten lassen, weil mir leider, wie sich bei der
-Inventur herausstellt, mehrere Kisten mit Kostümen
-abhanden gekommen, mit andern Worten gestohlen
-sind. Bevor ich nun meine Anzeige mache, wozu ich
-natürlich entschlossen bin, wollte ich erst mal Ihren Rat
-hören. Um so mehr, da sich auch sonst noch etwas, wie
-soll ich sagen, eine sonderbare Bescherung, statt der
-verlornen Kleiderkisten, in einem Winkel des Bodens
-angefunden hat: ein Fund, um Virchow zu benachrichtigen.
-Erstlich ein blaukariertes Plumeau, wahrhaft
-prähistorisch, und eine unaussprechliche Scherbe,
-deren Bestimmung im ganzen harmlos, aber ebenfalls
-unaussprechlich ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr Direkter, ick kann ja ma oben steigen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Tun Sie das. Sie finden oben Frau John, die durch
-den Fund eigentlich noch mehr wie ich selbst beunruhigt
-ist. Diese drei Herren, die meine Schüler sind, lassen es
-sich partout nicht ausreden, daß da oben etwas wie eine
-Mordgeschichte vorgefallen ist. Aber bitte: wir wollen
-keinen Skandal schlagen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn bei meiner Mutter in Schneidemühl im Laden
-irgend etwas abhanden kam, hieß es immer, das hätten
-die Ratten gefressen. Und wirklich, was man in diesem
-Hause von Ratten und Mäusen sieht &mdash; auf der Treppe
-hätt&rsquo; ich beinahe eine totgetreten! &mdash; warum sollten
-Kisten und Theatergarderobe, Seide schmeckt süß! nicht
-ebenfalls von ihnen vertilgt worden sein?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Geschenkt, geschenkt! Alle weiteren Schnittwarenladen-Phantasien,
-ha ha ha ha! sind Ihnen geschenkt,
-bester Käferstein. Es fehlt nur noch, daß Sie uns Ihre
-Gespenstergeschichten nochmals auftischen, vom Kavalleristen
-Sorgenfrei, der sich nach Ihrer Behauptung
-seinerzeit, als das Haus noch Reiterkaserne war, mit
-Sporen und Schleppsäbel auf meinem Boden erhangen
-hat. Und daß Sie den noch in Verdacht nehmen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie können den Nagel noch sehn, Herr Direktor.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det wird in janzen Hause rum erzählt von den
-Soldat, namens Sorjenfrei, der sich irgendwo hier
-oben in Dachstuhl mit &rsquo;ne Schlinge jeendigt hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Tischlersfrau auf dem Hof und eine Mäntelnäherin
-aus dem zweiten Stock haben ihn wiederholt
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-bei hellichtem Tage aus dem Dachfenster nicken und
-militärisch stramm heruntergrüßen gesehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Een Unteroffizier hat dem Soldaten Sorjenfrei ja
-woll eene Dunstkiepe jenannt und &rsquo;n aus Feez eene
-&rsquo;rinjelangt. Det hat sich der Dämlack zu Herzen jenomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ha ha! Militärmißhandlungen und Geistergeschichten!
-Diese Verquickung ist originell, aber zur
-Sache gehört sie nicht. Ich nehme an, der Diebstahl
-oder was sonst in Frage kommt, ist während jener elf
-oder zwölf Tage vor sich gegangen, als ich in Geschäften
-im Elsaß gewesen bin. Also sehen Sie sich die Geschichte
-mal an und, bitte, Sie werden mir nachher Bescheid
-sagen!
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor wendet sich seinen Schülern zu. Quaquaro
-steigt über die Bodentreppe und verschwindet in der Bodenluke.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Allright, bester Spitta: schießen Sie los.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">rezitiert nur sinngemäß und ohne Pathos.</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Zürnend ergrimmt mir das Herz im Busen,</p>
- <p class="verse">Zu dem Kampf ist die Faust geballt,</p>
- <p class="verse">Denn ich sehe das Haupt der Medusen,</p>
- <p class="verse">Meines Feindes verhaßte Gestalt.</p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
- <p class="verse">Kaum gebiet&rsquo; ich dem kochenden Blute</p>
- <p class="verse">Gönn&rsquo; ich ihm die Ehre des Worts?</p>
- <p class="verse">Oder gehorch&rsquo; ich dem zürnenden Mute?</p>
- <p class="verse">Aber mich schreckt die Eumenide,</p>
- <p class="verse">Die Beschirmerin dieses Orts,</p>
- <p class="verse">Und der waltende Gottesfriede.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">hat sich niedergelassen und lauscht, den Kopf in die Hand
-gestützt, voll Ergebenheit. Erst einige Sekunden, nachdem
-Spitta geendet hat, blickt er wie zu sich kommend auf.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sind Sie fertig, Spitta?! &mdash; Ich danke sehr! &mdash;
-</p>
-
-<p class="cnt">
-Sehen Sie, lieber Spitta, ich bin nun Ihnen gegenüber
-wieder mal in die allerverzwickteste Lage geraten:
-entweder, ich sage Ihnen frech ins Gesicht, daß ich Ihre
-Vortragsart schön finde &mdash; und dann habe ich mich
-der allerniederträchtigsten Lüge schuldig gemacht! oder
-ich sage, ich finde sie scheußlich, und dann haben wir
-wieder den schönsten Krach.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">erbleichend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, alles Gestelzte, alles Rhetorische liegt mir nicht.
-Deshalb bin ich ja von der Theologie abgesprungen,
-weil mir der Predigerton zuwider ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Da wollen Sie wohl die tragischen Chöre wie der
-Gerichtsschreiber ein Gerichtsprotokoll oder wie der
-Kellner die Speisekarte herunterhaspeln?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich liebe überhaupt den ganzen sonoren Bombast
-der Braut von Messina nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sagen Sie das nochmal, lieber Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Es ist nicht zu ändern, Herr Direktor: unsre Begriffe
-von dramatischer Kunst divergieren in mancher Beziehung
-total.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mensch, Ihr Gesicht in diesem Augenblick ist ja geradezu
-ein Monogramm des Größenwahns und der
-Dreistigkeit. Pardon! aber jetzt sind Sie mein Schüler
-und nicht mehr mein Hauslehrer! Ich! und Sie!?
-Sie blutiger Anfänger! Sie und Schiller! Friedrich
-Schiller! Ich habe Ihnen schon zehnmal gesagt, daß
-Ihr pueriles bißchen Kunstanschauung nichts weiter
-als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das müßte mir erst bewiesen werden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie beweisen es selbst, wenn Sie den Mund auftun!
-&mdash; Sie leugnen die Kunst des Sprechens, das
-Organ, und wollen die Kunst des organlosen Quäkens
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-dafür einsetzen! Sie leugnen die Handlung im Drama
-und behaupten, daß sie ein wertloses Akzidenz, eine
-Sache für Gründlinge ist. Sie negieren die poetische
-Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die Sie als pöbelhafte
-Erfindung bezeichnen: eine Tatsache, wodurch die
-sittliche Weltordnung durch Euer Hochwohlgeboren gelehrten
-und verkehrten Verstand aufgehoben ist. Von
-den Höhen der Menschheit wissen Sie nichts. Sie
-haben neulich behauptet, daß unter Umständen ein
-Barbier oder eine Reinmachefrau aus der Mulackstraße
-ebensogut ein Objekt der Tragödie sein könnte
-als Lady Macbeth und König Lear.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">bleich, putzt seine Brille.</span>
-</p>
-
-<p>
-Vor der Kunst wie vor dem Gesetz sind alle Menschen
-gleich, Herr Direktor.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-So? Ach!? Wo haben Sie diesen hübschen Gemeinplatz
-her?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">unbeirrt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Dieser Satz ist mir zur zweiten Natur geworden.
-Ich befinde mich dabei vielleicht mit Schiller und Gustav
-Freytag, aber keinesfalls mit Lessing und Diderot im
-Gegensatz. Ich habe die letzten zwei Semester mit dem
-Studium dieser wahrhaft großen Dramaturgen zugebracht,
-und der gestelzte französische Pseudoklassizismus
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-bleibt mir durch sie endgültig totgeschlagen, sowohl in
-der Dichtkunst als in den grenzenlos läppischen späteren
-Goetheschen Schauspielervorschriften, die durch und
-durch mumifizierter Unsinn sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-So!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Und wenn sich das deutsche Theater erholen will,
-so muß es auf den jungen Schiller, den jungen Goethe
-des Götz und immer wieder auf Gotthold Ephraim
-Lessing zurückgreifen: dort stehen Sätze, die der Fülle
-der Kunst und dem Reichtum des Lebens angepaßt,
-die der Natur gewachsen sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Walburga! Ich glaube, Herr Spitta verwechselt
-mich. Herr Spitta, Sie wollen Privatstunden halten.
-Bitte, zieh dich doch mit Herrn Spitta zur Privatstunde
-in die Bibliothek zurück! &mdash; Wenn die menschliche
-Arroganz und besonders die der jungen Leute kristallisiert
-werden könnte, die Menschheit würde darunter wie
-eine Ameise unter den Granitmassen eines Urgebirges
-begraben sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich würde dadurch aber nicht widerlegt werden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mensch! Ich habe nicht nur zwei Semester königliche
-Bibliothek hinter mir, sondern ich bin ein ergrauter
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Praktiker und ich sage Ihnen, daß der Goethesche
-Schauspielerkatechismus A und O meiner künstlerischen
-Überzeugung ist. Paßt Ihnen das nicht, so suchen
-Sie sich einen anderen Lehrmeister.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">unbeirrt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Goethe setzte sich mit seinen senilen Schauspielerregeln,
-meiner Ansicht nach, zu sich selbst und zu seiner
-eigenen Natur in kleinlichsten Gegensatz. Und was
-soll man sagen, wenn er dekretiert: jede spielende
-Person, gleichviel welchen Charakter sie darstellen soll
-&mdash; wörtlich! &mdash; müsse etwas Menschenfresserartiges in
-der Physiognomie zeigen &mdash; wörtlich! &mdash; wodurch man
-sogleich an ein hohes Trauerspiel erinnert werde. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Käferstein und Kegel versuchen Menschenfresserphysiognomien.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ziehen Sie doch das Notizbuch, mein guter Spitta,
-und schreiben Sie, bitte, hinein, daß Direktor Hassenreuter
-ein Esel ist! Schiller ein Esel! Goethe ein Esel!
-natürlich auch Aristoteles &mdash; (<span class="d">er fängt plötzlich wie toll
-zu lachen an</span>) &mdash; und, ha ha ha! ein gewisser Spitta
-ein Nachtwächter!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Es freut mich, Herr Direktor, daß Sie doch wenigstens
-wieder bei guter Laune sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein, Teufel, ich bin bei sehr schlechter Laune! Sie
-sind ein Symptom. Also nehmen Sie sich nicht etwa
-wichtig! &mdash; Sie sind eine Ratte! aber diese Ratten
-fangen auf dem Gebiete der Politik &mdash; Rattenplage! &mdash;
-unser herrliches neues geeinigtes Deutsches Reich zu
-unterminieren an. Sie betrügen uns um den Lohn
-unserer Mühe! und im Garten der deutschen Kunst &mdash;
-Rattenplage! &mdash; fressen sie die Wurzeln des Baumes
-des Idealismus ab: sie wollen die Krone durchaus in
-den Dreck reißen. &mdash; In den Staub, in den Staub, in
-den Staub mit euch!
-</p>
-
-<p class="d">
-Käferstein und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel wollen ernst bleiben, brechen indessen
-bald in lautes Gelächter aus, in das der Direktor
-hineingerissen wird. Walburga macht große Augen. Spitta
-behält seinen Ernst.
-</p>
-
-<p class="d">
-Nun steigt Frau John über die Leiter vom Boden herunter,
-nach einiger Zeit folgt ihr Quaquaro, der Vizewirt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">bemerkt Frau John, weist heftig mit beiden Armen auf sie,
-wie wenn er eine Entdeckung gemacht hätte.</span>
-</p>
-
-<p>
-Da kommt Ihre tragische Muse, Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">die sich unter dem Gelächter des Direktors, Kegels und
-Käfersteins genähert hat, verdutzt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat ha ick denn an mir, Herr Direkter?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Alles Gute und Schöne, beste Frau John! Danken
-Sie Gott, wenn Ihr stilles, eingezogenes, friedliches
-Leben Sie zur tragischen Heldin ungeeignet macht. &mdash;
-Aber sagen Sie, haben Sie etwa Gespenster gesehen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">mit unnatürlicher Blässe.</span>
-</p>
-
-<p>
-I, weshalb denn nu det?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Etwa gar wieder den famosen Soldaten Sorgenfrei,
-der dort oben als Deserteur ins bessere Jenseits seine
-Militärkarriere beschlossen hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, wenn&rsquo;t &rsquo;n lebendicher Mensch wär, det kennte sind:
-vor tote Jeister furcht ick mir nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, wie war&rsquo;s, Herr Quaquaro, unter den Bleidächern?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span><br />
-<span class="d">der einen schwedischen Reiterstiefel mitbringt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick habe mir allens jut umjesehen un bin zur Iberzeijung
-jekomm, det mindestens obdachloses Jesindel
-oben, durch wat for&rsquo;n Zujang weeß ick noch nich, jenächtigt
-hat. Un denn hab ick det hier in Stiefel jefunden.
-&mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Er zieht aus dem Reiterstiefel ein Kinderfläschchen mit
-Gummipfropfen, halb mit Milch gefüllt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det erklärt sich: ick ha oben zu&rsquo;n rechten jesehn und
-ha Adelbertchen bei mich jehat. &mdash; Ick bin an die janze
-Jeschichte unschuldig!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Das Gegenteil hat wohl auch niemand behauptet,
-Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo Adelbertchen zur Welt kam ... wo Adelbertchen
-jestorben war ... der soll ma komm und soll mir sachen,
-wat eene richtiche Mutter is ... aber nu muß ick fort,
-Herr Direkter ... Nu kann ick zweer Tage och drei nich
-oben komm. Atje! ick muß ma bißken mit Adelbertchen
-bei meine Schwächern zeichen uf Sommerfrische. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie trottet durch die Flurtür ab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was hat sie da durcheinander gefaselt?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Schon wo se det erste Kindeken hatte, nu jar nachdem,
-wie et jestorben is, wa eene Schraube los bei
-die John. Seit se nu jar det Zweete hat, wackeln zweee.
-Hinjejen, deswechen, rechnen kann se. Die hat manchen
-juten Jroschen bei schene Prozente uf Fänder ausjeborcht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was soll ich nun als Bestohlener tun?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det kommt druf an, wo Verdacht hin is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-In diesem Hause? &mdash; Sagen Sie selbst, Herr Quaquaro
-...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is ja nu wahr, aber et is nu doch och so weit,
-det nächstens bißken jesäubert wird. De Witwe Knobbe
-mit ihren Anhang wird rausjeschmissen! Und denn is
-eene Blase uf Flijel <span class="antiqua-optional">B</span>, wo Schutzmann Schierke mir
-hat jesacht, det sich schwere Jungen mang mang befinden:
-wo de Polizei nächstens ausheben wird.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Irgendwo hier im Hause ist doch ein Gesangverein.
-Ich höre wenigstens manchmal wirklich hübsche Männerstimmen
-&bdquo;Deutschland, Deutschland über alles&ldquo;,
-&bdquo;Wer hat dich, du schöner Wald&ldquo;, &bdquo;In einem kühlen
-Grunde&ldquo; und dergleichen absingen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sind se! det sind se! die singen so jut wie de blaue
-Zwiebel! det sind se, jewiß! Wo man singt, da laß dir
-jeruhig nieder, heeßt et zwar, aber det wollt ick keenen
-raten ... Ick wage mir och man mit mein Prinz, wat
-meine Bulldogge is, mang die feine Jesellschaft rin.
-Immer anzeichen, anzeichen, Herr Direkter.
-</p>
-
-<p class="d">
-Quaquaro geht ab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sein Auge blitzt Kaution. Sein Wort heischt
-Preußisch-Kurant. Seine Faust bedeutet Kündigung.
-Wer um Ultimo nicht von ihm träumt, kann von
-Glück sagen. Wer von ihm träumt, der brüllt nach
-Hilfe. Ein scheußlicher, schmalziger Kerl! aber ohne
-ihn bekämen die Pächter dieser Staatsbaracke die
-Miete nicht, und der Militärfiskus könnte die Pacht in
-den Rauchfang schreiben. &mdash; (<span class="d">Die Türschelle geht.</span>) &mdash;
-Das ist Fräulein Alice Rütterbusch! die junge Naive,
-die ich leider bei dem Hangen und Bangen auf die
-Entscheidung der Straßburger Stadtväter mir noch
-immer kontraktlich nicht sichern kann. Nach meiner
-Ernennung, zu der Gott mir helfe, wird ihr Engagement
-meine erste direktoriale Handlung sein. &mdash; Walburga
-und Spitta, marsch auf den Oberboden. Zählt
-die sechs Kisten durch, wo der Vermerk Journalisten
-steht, daß wir im geeigneten Augenblick mit der Inventur
-fertig sind. &mdash; (<span class="d">Zu Käferstein und <span class="antiqua-optional">Dr.</span> Kegel</span>) &mdash;
-Sie mögen derweil in die Bibliothek treten.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er geht, um die Flurtür zu öffnen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Walburga und Spitta verschwinden eilig und sehr bereitwillig
-auf den Oberboden. Käferstein und Kegel gehen in
-die Bibliothek.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">im Hintergrund.</span>
-</p>
-
-<p>
-Bitte, kommen Sie nur herein, meine Gnädige!
-Pardon! Bitte sehr um Pardon, mein Herr! Ich
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-erwartete eine Dame ... ich erwartete eine junge
-Dame ... Aber bitte, treten Sie doch herein.
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor kommt mit Pastor Spitta wieder nach vorn.
-Pastor Spitta, sechzig Jahre alt, ist ein etwas verbauerter
-kleiner Landpfarrer. Man könnte ihn ebensogut für einen
-Feldmesser oder kleinen Gutsbesitzer nehmen. Er ist von
-kräftiger Erscheinung, kurznackig, wohlgenährt und hat ein
-etwas zusammengequetschtes, breites Luthergesicht. Er
-trägt Schlapphut, Brille, Stock, einen Lodenmantel überm
-Arm; ungeschlachte Stiefel und die Verfassung seiner
-übrigen Kleidung zeigt, daß sie an Wetter und Wind schon
-seit lange gewöhnt sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Wissen Sie, wer ich bin, Herr Direktor?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nicht durchaus bestimmt, aber ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Wagen Sie&rsquo;s nur daraufhin, Herr Direktor: nennen
-Sie mich bis auf weiteres Pastor Spitta aus Schwoiz
-in der Uckermark, dessen Sohn Erich Spitta, jawohl, in
-Ihrer Familie als Hauslehrer oder so ähnlich, tätig
-gewesen ist. Erich Spitta: das ist mein Sohn. Das
-sag&rsquo; ich mit schwerer Bekümmernis.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Zunächst freue ich mich, Sie begrüßen zu können.
-Ich möchte Sie aber im gleichen Atem bitten, Herr
-Pastor, des bewußten Seitensprunges wegen, den Ihr
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Sohn Erich sich leistet, nicht allzu bekümmert, nicht
-allzu besorgt zu sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-O ich bin sehr besorgt. Ich bin sehr bekümmert! &mdash;
-(<span class="d">Er sieht sich mit großem Interesse, auf einem Stuhl sitzend,
-in dem seltsamen Raume um.</span>) &mdash; Es ist schwer zu sagen,
-äußerst schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem
-hohen Grade ich bekümmert bin. Aber verzeihen Sie
-eine Frage, Verehrtester: ich war im Zeughaus. &mdash;
-(<span class="d">Er berührt mit dem Stock einen der Pappenheimschen
-Kürassiere.</span>) &mdash; Was sind das für Rüstungen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Das sind Pappenheimsche Kürassiere.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ah ah, ich stellte mir Schiller ganz anders vor! &mdash;
-(<span class="d">Sich sammelnd.</span>) &mdash; O dieses Berlin! Es verwirrt mich
-ganz! Sie sehen in mir einen Mann, Herr Direktor,
-der nicht nur bekümmert, nicht nur durch dieses Sodom
-Berlin im Innersten aufgewühlt, sondern geradezu
-durch die Tat seines Sohnes gebrochen ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Eine Tat? Welche Tat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das fragen Sie noch? Der Sohn eines redlichen
-Mannes und ... und ... Schauspieler.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">gereckt, mit Haltung.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Herr, ich billige den Entschluß Ihres Sohnes
-nicht. Aber ich selbst, der ich, <span class="antiqua">hony soit qui mal y pense</span>,
-der Sohn eines redlichen Mannes und selber, will ich
-hoffen, ein Mann von Ehre bin, ich, wie ich hier stehe,
-ich war selbst Schauspieler und habe noch vor kaum
-sechs Wochen bei einem Lutherfestspiel in Merseburg
-.... ich bin Kulturkämpfer! nicht nur als Regisseur,
-sondern auch als Schauspieler meinen Fuß auf die
-weltbedeutenden Bretter gestellt. In bezug auf
-bürgerliche Ehre und vom Standpunkt der allgemeinen
-Ehrenhaftigkeit dürfte also, nach meinen Begriffen
-wenigstens, der Entschluß Ihres Herrn Sohnes nicht
-zu beanstanden sein. Aber es ist ein schwerer Beruf, und
-man muß auch außerdem dazu sehr viel Talent haben.
-Auch geb&rsquo; ich zu: für schwache Charaktere ist es ein
-Beruf, der besonders gefährlich ist. Und schließlich
-habe ich selbst die ungeheure Mühsal meines Standes
-so bis auf die Nagelprobe kennen gelernt, daß ich jeden
-davor behüten möchte. Deshalb gebe ich meinen Töchtern
-Ohrfeigen, sobald auch nur der leiseste Gedanke
-zur Bühne zu gehen sich geltend macht, und eh&rsquo; ich sie
-an einen Mimen verheiratete, würde ich jeder von ihnen
-einen Stein um den Hals hängen und sie ertränken im
-Meer, wo es am tiefsten ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte niemand zu nahe treten. Ich gebe auch
-zu, ich habe als schlichter Landpfarrer von alledem keine
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Vorstellung. Aber denken Sie sich einen Vater an,
-eben einen solchen armen Landpfarrer, der seine
-Pfennige mühsam zusammenkratzt, um seinem Sohne
-das Studium zu ermöglichen. Denken Sie, daß
-dieser Sohn kurz vor seinem Examen steht und daß
-Vater und Mutter &mdash; ich hab eine kranke Frau zu
-Haus! &mdash; mit Schmerzen oder mit Sehnsucht, wie Sie
-wollen, auf den Augenblick warten, jawohl, wo er in
-irgendeiner Pfarre seiner Bestimmung von der Kanzel
-die Probepredigt halten wird. Und nun kommt dieser
-Brief! der Junge ist wahnsinnig. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Erregung des Pastors ist nicht gerade gespielt, aber beherrscht.
-Das Zittern, womit er nach seinem Briefe in die
-Brusttasche greift und ihn dem Direktor hinhält, ist nicht
-ganz überzeugend.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Junge Leute suchen. Allzusehr dürfen wir uns nicht
-wundern, wenn eine Krise im Leben eines jungen
-Mannes zuweilen nicht zu vermeiden ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun, diese Krise war zu vermeiden. Sie werden
-aus diesem Briefe unschwer erkennen, wer verantwortlich
-für den verderblichen Umschwung in der Seele
-eines so jungen, braven und immer durchaus gehorsamen
-Menschen zu machen ist. Ich hätte ihn nie sollen
-nach Berlin schicken. Jawohl: die sogenannte wissenschaftliche
-Theologie, die mit allen heidnischen Philosophen
-liebäugelt, und die uns den lieben Herrgott
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-in Rauch, den Herrn und Heiland in Luft verwandeln
-will, die mache ich für den schweren Fehltritt meines
-Kindes verantwortlich. Und nun kommen dazu die
-anderen Verführungen: Herr Direktor, ich habe Dinge
-gesehen, wovon zu sprechen mir ganz unmöglich ist!
-Hier habe ich Zettel in allen Taschen: Elite-Ball!
-Fesche Damenbedienung! und so fort. Ich gehe halb
-ein Uhr nachts ganz ruhig durch die Passage zwischen
-Linden und Friedrichstraße, schmeißt sich ein scheußlicher
-Kerl an mich an, halbwüchsig und fragt mit
-einer schmierigen, scheuen Dreistigkeit: ob der Herr
-vielleicht etwas Pikantes will? Und nun diese Schaufenster,
-wo neben den Bildern der hohen und Allerhöchsten
-Herrschaften nackte Schauspielerinnen, Tänzerinnen,
-kurz die anstößigsten Nuditäten zu sehen sind!
-Und dann dieser Korso, dieser Korso! wo die geschminkte,
-aufgedonnerte Sünde die Bürgersfrau vom
-Bürgersteig auf die Straße drängt! Das ist einfach
-Weltuntergang, Herr Direktor!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach Herr Pastor, die Welt! die geht nicht unter!
-nicht wegen der Nuditäten und ebensowenig der heimlichen
-Sünde wegen, die Nachts durch die Straßen
-schleicht. Sie wird mich und wahrscheinlich das ganz
-skurile <a id="corr-2"></a>Menschheitsintermezzo noch überleben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Was diese jungen Leute vom rechten Wege ablenkt,
-ist das böse Beispiel, ist die Gelegenheit.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Mit Erlaubnis, Herr Pastor: ich habe eigentlich eine
-Neigung zum Leichtsinn in Ihrem Sohne niemals
-bemerkt. Er hat einen Zug zur Literatur, und er ist
-nicht der erste Pastorensohn &mdash; Lessing, Herder <span class="antiqua">etcetera</span>,
-der in den Weg der Literatur und Poeterei eingebogen
-ist. Möglicherweise hat er schon Stücke im Schubfach
-liegen. Allerdings muß ich sagen: die Ansichten, die
-Ihr Herr Sohn auch auf dem Felde der Literatur
-vertritt, sind selbst für mich mitunter beängstigend.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist ja furchtbar! das ist ja entsetzlich! und geht
-über meine schlimmsten Befürchtungen weit hinaus.
-Und so sind mir die Augen denn aufgegangen. &mdash; Mein
-Herr, ich habe acht Kinder gehabt, von denen Erich
-unsre schönste Hoffnung, seine nächstälteste Schwester
-unsre schwerste Prüfung von Gott bedeutete und die
-nun, dem Anschein nach, beide von der gleichen verruchten
-Stadt als Opfer gefordert worden sind. Das
-Mädchen war früh entwickelt, war schön! &mdash; doch &mdash;
-Jetzt muß ich zu etwas anderem kommen. &mdash; Ich bin seit
-drei Tagen in Berlin und habe Erich noch nicht gesehen.
-Als ich ihn heute aufsuchen wollte, war er in seiner
-Wohnung nicht anwesend. Ich habe eine Weile gewartet
-und mich natürlich dabei in seiner Behausung umgesehen.
-Nun: betrachten Sie dieses Bild, Herr Direktor!
-</p>
-
-<p class="d">
-Er hat eine kleine Photographie, indem er Erichs Brief
-zurücklegt, aus der Brieftasche genommen und hält sie dem
-Direktor unter die Augen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">nimmt und betrachtet das Bild, bald wie ein Kurzsichtiger,
-bald wie ein Weitsichtiger, stutzt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieso?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-An dem albernen Lärvchen liegt weiter nichts. Aber
-lesen Sie bitte die Unterschrift.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span><br />
-<span class="d">liest.</span>
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihrem einzigen Liebsten, seine Walburga.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Erlauben Sie mal! &mdash; Was heißt das, Herr Pastor?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Irgendein Nähmädchen heißt das! Wenn nicht gar
-irgendeine obskure Kellnerin!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">sehr bleich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hm. &mdash; (<span class="d">Steckt das Bild ein.</span>) &mdash; Ich werde das
-Bild behalten, Herr Pastor.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-In solchem Schmutz wälzt sich dieser Sohn. Und nun
-denken Sie sich in meine Lage: mit welchen Gefühlen,
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-mit welcher Stirn soll ich künftig vor meiner Gemeinde
-auf der Kanzel stehn ......?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Donnerwetter, was geht mich das an, Herr Pastor!
-Was habe ich mit Ihrem Sprengel, mit Ihren verlorenen
-Söhnen und Töchtern und dergleichen zu tun?
-(<span class="d">Er zieht wieder die Photographie.</span>) &mdash; Und übrigens,
-was dieses kernige, tüchtige Mädchen betrifft, &bdquo;Kellnerin
-und dergleichen&ldquo;, so irren Sie sich! Weiter sage
-ich nichts! Alles weitere wird sich finden, Herr Pastor.
-Adieu.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Pastor Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich gestehe frei, ich begreife Sie nicht. Wahrscheinlich
-ist das der Ton, der in Ihren Kreisen der übliche ist.
-Ich gehe und werde Sie nicht mehr belästigen. Aber ich
-habe als Vater das Recht vor Gott, Sie, Herr Direktor,
-zu verpflichten: verweigern Sie künftig, oder ich werde
-Mittel und Wege zu finden wissen, meinem verblendeten
-Sohne diesen sogenannten dramatischen Unterricht!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nicht nur das, Herr Pastor: sondern ich werde ihm
-ganz direkt den Stuhl vor die Tür setzen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er geleitet den Pastor hinaus, schlägt die Tür zu und
-kommt ohne ihn wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">schleudert die Arme in die Luft.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier kann man nur sagen: Neandertaler! &mdash; (<span class="d">Er
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-stürmt die Bodentreppe hinauf.</span>) &mdash; Spitta, Walburga,
-kommt mal herab.
-</p>
-
-<p class="d">
-Walburga und Spitta kommen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">zu Walburga, die ihn fragend ansieht.</span>
-</p>
-
-<p>
-Geh auf deinen Kontorbock. Setz dich auf deinen
-humoristischen Körperteil! &mdash; Na, und Sie, lieber
-Spitta, was wollen Sie noch?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten gerufen, Herr Direktor.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Gut. Sehen Sie mir ins Angesicht!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Bitte.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er tut es.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ihr macht einen dumm! Aber mich sollt ihr nicht
-dumm machen! Still! &mdash; Kein Wort! Ich hätte mich
-von Ihnen eines anderen versehen, als eines so exemplarischen
-Beweises von Undankbarkeit! &mdash; Still! &mdash;
-Im übrigen war ein Herr hier! er fürchtet sich! Vorwärts!
-Gehen Sie ihm nach! &mdash; Begleiten Sie ihn
-auf die Straße hinunter. Suchen Sie ihm begreiflich
-zu machen, daß ich nicht Euer Schuhputzer bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">zuckt die Achseln, nimmt seinen Hut, geht ab.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">schreitet energisch auf Walburga zu und zieht sie am Ohr.</span>
-</p>
-
-<p>
-Und du meine Liebe, du bekommst Ohrfeigen, wenn
-du mit diesem Schlingel von verkrachtem Theologen
-noch jemals ohne meine Erlaubnis zwei Worte sprichst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Au au, Papa.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Dieser Wicht, der mit Vorliebe schafsdumme Gesichter
-macht, als ob er kein Wässerchen trüben könnte,
-und dem ich den Zutritt in mein Haus zu eröffnen
-so unvorsichtig war, ist leider ein Mensch, hinter dessen
-Maske die unverschämteste Frechheit lauert. Ich und
-mein Haus, wir dienen dem Geiste der Wohlanständigkeit.
-Willst du den Schild unserer Ehre beflecken,
-etwa wie die Schwester von diesem Burschen, die
-zur Schande ihrer Eltern, wie es scheint, in Gasse und
-Gosse geendigt ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Über Erich bin ich nicht deiner Ansicht, Papa.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was?! Nun jedenfalls kennst du meine Ansicht!
-und weißt, einen Appell gegen meine Ansichten gibt
-es nicht! Du gibst ihm den Laufpaß oder siehst selber
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-zu, wo du außerhalb deines Elternhauses mit deinem
-ehr- und pflichtvergessenen lockeren Lebenswandel
-durchkommen wirst! Dann fort mit dir! von solchen
-Töchtern mag ich nichts wissen!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">bleich, finster.</span>
-</p>
-
-<p>
-Du sagst ja immer Papa, du hast dir deinen Weg
-auch ohne deine Eltern selbständig suchen müssen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Du bist kein Mann.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Gewiß nicht. Aber denke doch mal an Alice Rütterbusch.
-</p>
-
-<p class="d">
-Vater und Tochter sehen einander fest in die Augen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieso? &mdash; Bist du heiß? was? oder bist du irrsinnig?
-&mdash; (<span class="d">Er lenkt ab, merklich aus dem Konzept und
-pocht an die Bibliothek.</span>) &mdash; Wo blieben wir stehen?
-Setzen Sie ein.
-</p>
-
-<p class="d">
-Kegel und Käferstein erscheinen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Kegel, Käferstein</span><br />
-<span class="d">deklamieren.</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Weisere Fassung</p>
- <p class="verse">ziemet dem Alter.</p>
- <p class="verse">Ich, der Vernünftige</p>
- <p class="verse">grüße zuerst.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="d">
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Geführt von Spitta erscheint die Piperkarcka, straßenmäßig
-gekleidet, und Frau Kielbacke, die einen Säugling im
-Steckkissen trägt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was wollen Sie? Mit was für Weibsleuten überlaufen
-Sie mich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Es ist nicht meine Schuld, Herr Direktor, die Frauen
-wollten zu Ihnen hinein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee. Wir wollen man bloß Frau Mauerpolier John
-sprechen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Ist doch immer bei Sie hier oben, Frau John?!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja! Aber ich fange an zu bedauern, daß das so ist,
-und wünschte jedenfalls, daß sie ihre privaten Empfänge
-nicht hier bei mir, sondern unten bei sich erledigt.
-Sonst richte ich nächstens vor der Tür Selbstschüsse
-oder Fußangeln ein. &mdash; Wo fehlt&rsquo;s Ihnen eigentlich,
-bester Spitta? Sie müssen jetzt schon die Gnade haben
-und diese Damen nach unten zurechtweisen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Unten in ihre Wohnung war nich zu finden, Frau
-John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier oben bei uns ist sie auch nicht zu finden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Det junge Freilein hat nämlich ihr Söhneken bei
-die Frau Mauerpolier John in Flege jehat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Freut mich! Ohne Umstände los! Retten Sie mich,
-Käferstein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun is &rsquo;n Herr von de Stadt als wie vormundschaftswechen,
-nachsehn jekomm: wie&rsquo;t steht mit det
-Kind und det jut versorcht und in Stande is. Und denn
-is er, denn sind wir bei Frau John mitsamt den Herrn
-sind wir rinjejang. Denn stand det Kind und &rsquo;n Zettel
-bei, det Frau John hier oben uf Arbeet is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo ist das Kind in Pflege gewesen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Bei de Frau Mauerpolier John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">ungeduldig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist vollkommen blödsinnig! Das ist unrichtig! &mdash;
-Hätten Sie doch lieber den alten humorvollen Herrn
-begleitet, dem ich Sie nachgesendet habe, Spitta, statt
-mir diese Damen hier auf den Hals zu ziehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich suchte den Herrn, aber er war schon verschwunden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Damen scheinen mir nicht zu trauen. Sagen Sie
-ihnen doch, meine Herren, daß Frau John kein Kind
-in Pflege hat, und daß sie also bezüglich des Namens
-im Irrtum sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Käferstein</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich soll Ihnen sagen, meine Damen, daß Sie wahrscheinlich
-bezüglich des Namens im Irrtum sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">heftig, verweint.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat Kindchen in Flege! Hat mein Kindchen in Flege
-jehabt. Is Herr von die Stadt jekommen, hat jesacht,
-daß Kindchen in schlechte Hände, verwahrlost is. Hat
-mich mein Kindeken zujrunde jerichtet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie müssen unbedingt, meine Damen, bezüglich des
-Namens der Frau, von der Sie reden, im Irrtum sein.
-Frau Maurerpolier John hat kein Kind in Pflege.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat mein Kindchen in Klauen jehabt, hat verhungern
-lassen, zujrunde jerichtet! Will sehn Frau John. Will
-auf Kopf draufsagen! Soll mich jesund machen kleinet
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Kind! Muß vor Jericht! Herr hat jesacht, mussen jehn
-an Jerichtstelle anzeichen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bitte Sie, sich nicht aufzuregen. Tatsache ist: Sie
-irren sich! Wie kommen Sie nur auf den Gedanken, meine
-Damen, daß Frau John ein Kindchen in Pflege hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Weil ick ihr selbst überjeben habe.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Frau John hat aber doch ihr eigenes Kind, mit
-dem sie, wie mir jetzt einfällt, auf Besuch zu der
-Schwester ihres Gatten zu gehen beabsichtigte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat kein Kind. Janz und jar nich, Frau John. Ick
-jeh unten auf Polizeibureau. Hat jelogen, betrogen. Hat
-kein Kind. Hat mich mein Aloischen zujrunde jerichtet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Bei Gott, meine Damen, Sie irren sich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Glaubt mich kein Mensch, daß ich Kindchen jehabt
-habe. Hat mich mein Bräutijam Brief jeschrieben, daß
-nich wahr is, daß schlechtes, verlogenes Frauenzimmer
-bin. &mdash; (<span class="d">Sie berührt das Tragbettchen.</span>) &mdash; Is mein!
-will nachweisen vor Jericht! Will schwören bei heilige
-Mutter Jottes.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Decken Sie doch mal auf, das Kind. &mdash; (<span class="d">Es geschieht.
-Direktor Hassenreuter betrachtet den Säugling aufmerksam.</span>)
-&mdash; Hm! Die Sache wird sich bald aufklären, sicherlich!
-&mdash; Erstens ... ich kenne Frau John! &mdash; hätte
-Frau John diesen Säugling in Pflege gehabt, er könnte
-ganz unmöglich so aussehn! ganz einfach, weil Frau
-John, soweit Kinder in Frage kommen, das Herz auf
-dem rechten Flecke hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Will sprechen Frau John. Weiter sagen nichts.
-Brauche mir nicht vor alle Welt aufdecken. Alles will
-haarklein vor Jericht will aussagen, Tag, Stunde,
-auch janz jenau Ort, wo jeboren is! Jlauben mir:
-sollten wohl Augen aufreißen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie
-recht verstehe, die Frau John besitze kein eigenes Kind,
-und das, was dafür gegolten hat, wäre das Ihre.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Schlag Blitz mich nieder, wenn nich so is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Und dies hier sei eben das strittige Kind? Gott möge
-Sie diesmal nicht beim Wort nehmen! &mdash; Nämlich,
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-wie Sie mich sehen, ich bin der Direktor Hassenreuter,
-und ich habe persönlich das Kind meiner Aufwartefrau,
-der Frau John, drei- oder viermal in
-Händen gehabt. Ich hab&rsquo; es sogar auf der Wage gewogen.
-Es wiegt über acht Pfund. Dieses arme
-Wurm hier dürfte noch nicht zwei Kilo wiegen. Auf
-Grund dieses Umstandes versichere ich Ihnen, dies
-hier ist in der Tat nicht das Kind der Frau John. Es
-mag richtig sein, daß es das Ihre ist. Ich könnte das
-schlechterdings nicht bezweifeln. Das Kind der Frau
-John aber kenne ich und bin sicher, daß es mit diesem
-durchaus nicht identisch ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span><br />
-<span class="d">respektvoll.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee nee, det muß wahr sind: et is nich identisch.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Det Kindken is janz jenug identisch, wenn och bißchen
-schlecht jenährt und schwächlich is. Det is janz
-richtig hier mit det Kind! Will Eid schwören, daß
-richtig identisch is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin sprachlos. &mdash; (<span class="d">Zu den Schülern.</span>) &mdash; Unser
-Unterricht steht heute unter einem feindlichen Stern,
-werte Jünglinge! Ich weiß nicht wieso, aber der Irrtum
-der Damen beschäftigt mich. &mdash; (<span class="d">Zu den Frauen.</span>)
-&mdash; Sie werden sich in der Tür geirrt haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha selbst mit det Freilein und mit den Herrn von
-die Vormundschaft det Kindeken aus die Stube mit
-Schild Frau Mauerpolier John uf&rsquo;n Hausflur jeholt.
-Frau John war nich da und Mauerpolier John ist in
-Altona abwesend.
-</p>
-
-<p class="d">
-Schutzmann Schierke kommt, behäbig und gemütlich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ah, da ist ja Herr Schierke! Was wünschen Sie
-denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr Direkter, ick habe erfahren, det zwee Frauensleute
-hier oben jeflichtet sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Zwei Frauen sind hier. Aber wieso denn geflüchtet?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir sind nich jeflichtet.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie fragten nach meiner Aufwärterin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Erlauben Se, det ich se och mal wat frache.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Bitte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Laß er man frachen. Deswechen kann ruhig sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span><br />
-<span class="d">zur Frau Kielbacke.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie heißen Sie?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick bin Frau Kielbacke.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Woll von det Landeskindererziehungsheim. Wo
-wohnen Sie?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-In de Linienstraße neun.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Ist das Ihr Kind, was Sie bei sich haben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is Freilein von Piperkarcka ihr Kind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span><br />
-<span class="d">zur Piperkarcka.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ihr Name?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Paula von Piperkarcka aus Skorzenin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Frau will behaupten, das wäre Ihr Kind.
-Wollen Sie das also auch behaupten?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr Schutzmann, ick muß erjebenst um Schutz
-bitten, weil hier unrechtmäßigerweise verdächtigt bin.
-Is Herr von die Stadt mit mich hier jewesen. Haben
-mein Kind aus Stube Frau John, wo in Flege jewesen,
-rausjeholt ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span><br />
-<span class="d">mit durchbohrendem Blick.</span>
-</p>
-
-<p>
-Et kann och die Tire jejenüber bei de Restaurateurswitwe
-Knobbe jewesen sind. Wer weeß, wat Sie mit
-det Kindeken vorhaben, wovon Sie abjesandt und bestochen
-sind. &rsquo;N jutes Jewissen haben Se nich. Jenommen
-un denn hier rufjeschlichen, weil det die
-rechtmäßige Mutter, Witwe Knobbe, wo bestohlen is,
-Treppen und Jänge absuchen, und weil schräg jejenüber
-Polizeiwache is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Is mich janz jleichgiltig Polizeiwache, bin ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie sind widerlegt, meine beste Person! Wollen Sie
-denn das gar nicht begreifen? Sie sagen, unsere John
-hätte kein Kind. Sie sagen, wollen Sie bitte gefälligst
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-aufpassen, Sie hätten Ihr Kind, das angeblich für das
-von Frau John gegolten habe, aus Frau Johns Zimmer
-herausgeholt! Nun also: wir alle hier kennen Frau
-Johns Kind und das, was Sie da haben, ist ein anderes!
-Verstanden?! Was Sie behaupten also, kann, nach
-Adam Riese unter gar keinen Umständen zutreffend
-sein! &mdash; Übrigens wär mir&rsquo;s jetzt lieb, Herr Schierke,
-Sie nehmen die Damen mit sich fort, und ich könnte
-hier meinen Unterricht fortsetzen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, denn kommen wir bloß mang die Knobben mit
-ihren Anhang rin. Nämlich das Kind ist jestohlen
-worden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber nich von mich. Is jeraubt von Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Schon jut! &mdash; (<span class="d">Unbeirrt zum Direktor.</span>) &mdash; Und es soll
-ja, wie&rsquo;t heeßt, von Vaters Seite, blaublütig sind.
-Die Knobbe meent ja, et is &rsquo;n Komplott von Feinde,
-weil man ihr die Rente un womeglich Kadettenerziehung
-in &rsquo;ne jewisse Jejend nich jennen dut. &mdash;
-(<span class="d">Es wird mit Fäusten an die Tür geschlagen.</span>) &mdash; Det is
-de Knobbe. Da is se schonn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr Schierke, Sie sind mir verantwortlich: dringen
-die Leute bei mir ein und erleide ich eine Schädigung,
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-so wende ich mich an den Polizeipräsidenten: ich bin
-mit Herrn Maddei gut bekannt. Keine Furcht, liebe
-Kinder, ihr seid meine Kronzeugen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span><br />
-<span class="d">an der Tür.</span>
-</p>
-
-<p>
-Draußen jeblieben! Hier rin kommen Se nich.
-</p>
-
-<p class="d">
-Ein kleiner Janhagel heult auf.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll schreien, was will, bloß mein Kindchen nich nah
-kommen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Es ist besser so. Treten Sie einstweilen hier in die
-Bibliothek hinein. &mdash; (<span class="d">Er bringt die Piperkarcka, die Kielbacke
-und das Kind in die Bibliothek.</span>) &mdash; Und jetzt, Herr
-Schierke, wollen wir meinethalben diese Megäre da
-draußen herein lassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span><br />
-<span class="d">der die Tür ein wenig öffnet.</span>
-</p>
-
-<p>
-So! Aber bloß de Knobben! Komm Se mal rin.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau Sidonie Knobbe erscheint. Sie ist eine hohe, abgezehrte
-Erscheinung mit stark ramponierter modischer Sommertoilette.
-Ihr Gesicht trägt die Stigmata der Straße,
-zeugt aber übrigens nicht von schlechter Abkunft. Ihre
-Allüren sind merkwürdig damenhaft. Sie redet mit Affektation,
-ihre Augen deuten auf Alkohol und Morphium.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">indem sie hereingesegelt kommt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Es ist keine Ursache zur Besorgnis, Herr Direktor.
-Vorwiegend sind es kleine Jungens und kleine Mädchen,
-da ich kinderlieb bin, wie Sie wissen, die mit mir
-gekommen sind. Verzeihen Sie gütigst, wenn ich hier
-eindringe. Eines der Kinder sagte mir, es hätten sich
-zwei Frauen mit meinem Söhnchen zu Ihnen heraufgeschlichen.
-Ich suche mein Söhnchen, genannt Helfgott
-Gundofried, da es tatsächlich aus meiner Wohnung
-verschwunden ist. Ich möchte Sie aber nicht inkommodieren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Darum wollt&rsquo; ick och janz jehorsamst bitten, verstehn
-Se mich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">diese Worte mit hochmütiger Kopfbewegung übergehend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich habe unten im Hof zu meinem Leidwesen einen
-gewissen Lärm erregt. Man überblickt von da aus die
-Fenster, und ich habe mich bei den Leuten erkundigt,
-bei der armen Zigarrenarbeiterin im zweiten Stock,
-bei der kleinen schwindsüchtigen Näherin am Fenster
-im dritten Stock, ob meine Selma mit meinem Söhnchen
-etwa bei ihnen ist. Es liegt mir fern, Skandal zu
-erregen. &mdash; Sie müssen wissen, Herr Direktor &mdash; ich
-weiß sehr wohl, daß ich hier unter den Augen eines
-Mannes von Bedeutung, ja, eines berühmten Mannes
-bin! &mdash; Sie müssen wissen, ich bin, was Helfgott Gundofried
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-angeht, gezwungen, auf meiner Hut zu sein! &mdash;
-(<span class="d">Mit schwankender Stimme, das Taschentuch zuweilen an die
-Augen führend.</span>) &mdash; Ich bin eine arme, vom Schicksal
-verfolgte Frau, mein Herr, die gesunken ist und die
-bessere Tage gesehen hat. Aber ich will Sie damit nicht
-langweilen. Ich werde verfolgt! man will mir die
-letzte Hoffnung nun auch rauben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Sagen Se kurz, wat Se wünschen. Sputen Se sich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nicht genug: man hat mich veranlaßt, hat mich gezwungen,
-meinen ehrlichen Namen abzulegen. Ich
-habe dann in Paris gelebt und schließlich einen brutalen
-Menschen geheiratet, den Pächter von einem süddeutschen
-Schützenhaus, weil ich den blöden Gedanken
-hatte, in meinen Angelegenheiten dadurch gebessert zu
-sein. O diese Schurken von Männern, Herr Direktor!!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Det fihrt zu weit. Menagieren Se sich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span>
-</p>
-
-<p>
-Es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, endlich
-mal wieder einem Manne von Bildung und Geist in
-die Augen zu sehn. Mein Herr, ich könnte Ihnen eine
-Geschichte vortragen ... im Volksmund heiße ich hier
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-die &bdquo;Gräfin&ldquo;, und Gott ist mein Zeuge, in meiner frühen
-Jugend war ich nicht weit entfernt davon! Eine Zeitlang
-war ich auch Schauspielerin! Wie sagte ich: eine
-Geschichte vortragen aus meinem Leben, aus meiner
-Vergangenheit, die den Vorzug hat, nicht erfunden
-zu sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Na wer weeß och.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">mit Emphase.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Elend ist nicht erfunden. Trotzdem es erfunden
-klingt, wenn ich sage, wie ich eines Nachts im tiefsten
-Abgrunde meiner Schande einen Vetter, einen
-Jugendgespielen, der jetzt Garderittmeister ist, nachts
-auf der Straße traf. Er lebt oberirdisch, ich unterirdisch,
-seit mich mein adelstolzer Herr Vater verstieß,
-nachdem ich als junges Ding einen Fall getan hatte.
-O Sie ahnen nicht, welcher Stumpfsinn, welche Roheit,
-welche Gemeinheit in meinen Kreisen üblich ist. Ich
-bin ein zertretener Wurm, Herr Direktor, und doch,
-dorthin, nach diesem glänzenden Elend, sehne ich mich
-nicht eine Sekunde zurück.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun woll&rsquo;n wir jefälligst zur Sache kommen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Bitte, Herr Schierke, mich interessiert das! unterbrechen
-Sie zunächst mal die Dame nicht &mdash; (<span class="d">zur
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-Knobbe</span>) &mdash; Sie hatten von Ihrem Vetter gesprochen.
-Sagten Sie nicht, daß er Garderittmeister ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span>
-</p>
-
-<p>
-Er war in Zivil. Er ist Garderittmeister. Er erkannte
-mich, und wir feierten schmerzlich selige Stunden alter
-Erinnerung. In seiner Begleitung befand sich &mdash; ich
-nenne den Namen nicht! &mdash; ein blutjunger Leutnant.
-Kerlchen wie Milch und Blut, aber zart und schwermütig.
-Herr Direktor, ich habe die Scham verlernt!
-man hat mich neulich sogar aus einer Kirche herausgewiesen:
-warum soll eine so zertretene, entehrte, verlassene,
-mehrmals vorbestrafte Person vor Ihnen nicht
-offen bekennen, daß er der Vater meines Helfgott
-Gundofried geworden ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Des Kindes, das Ihnen entwendet wurde?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie die Leute sagen. Es kann ja sein! ich selbst, obgleich
-meine Feinde mächtig sind und jedwedes Mittel
-in der Hand haben, ich bin noch nicht ganz überzeugt
-davon. Vielleicht ist es aber doch ein Komplott, von
-den Eltern des Vaters angezettelt, Menschen, die, Sie
-würden erstaunen, Träger eines der ältesten und berühmtesten
-Namens und Geschlechtes sind. Adieu!
-Herr Direktor, was Sie auch von mir hören sollten,
-denken Sie nicht, mein besseres Fühlen ist in dem
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-Sumpfe total erstickt, in den ich mich stürzen muß.
-Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit
-dem Abschaum der Menschheit bin. Da, hier &mdash; (<span class="d">sie
-weist ihren nackten Arm vor</span>) &mdash; vergessen! Betäubung!
-Ich verschaffe es mir mittels Chloral, mittels
-Morphium! Ich finde es in den menschlichen Abgründen.
-Warum nicht? wem bin ich verantwortlich?
-Einst wurde meine geliebte Mama meinetwegen von
-meinem Vater heruntergemacht! Die Bonne bekam
-meinetwegen Krampfanfälle! Mademoiselle und eine
-englische Miß rissen sich, weil jede behauptete, daß ich
-sie mehr liebte, in der Wut gegenseitig die Chignons
-vom Kopf. Jetzt ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Sage ick Ihnen, jetzt hören Se uf: wir kenn hier
-Leute nich Freiheit berauben. &mdash; (<span class="d">Er öffnet die Bibliothekstür.</span>)
-&mdash; Jetzt sagen Se, ob det hier Ihr Kindeken
-is.
-</p>
-
-<p class="d">
-Zuerst tritt die Piperkarcka mit haßerfüllten Augen, Frau
-Knobbe anstarrend, aus der Tür. Die Kielbacke mit dem
-Kinde folgt. Schierke nimmt das Tuch von dem Kindchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Was wollen von mich? Was kommen mir nachsetzen?
-Bin ick Zijeuner? Sollen wohl Kinder stehlen in Häuser
-jehn? Was? Sind nich gescheit! Werden mich schön
-hüten! Hab&rsquo; selber für mich und mein Kind kaum Essen
-jenug! Wer &rsquo;rumjehn, wer fremde Kinder auflesen
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-und jroß füttern, wo eijnes mir schon jenug Kummer
-und Ärjer macht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">glotzt, sieht sich fragend und hilfesuchend um. Holt dann
-schnell ein Flakon aus der Tasche und gießt den Inhalt auf
-ihr Schnupftuch. Das Schnupftuch führt sie dann an Mund
-und Nase und saugt den Duft des Parfüms, um nicht
-ohnmächtig zu werden. Hierauf glotzt sie wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja warum sprechen Sie nicht, Frau Knobbe? Das
-Mädchen behauptet, daß sie selbst und nicht Sie, Frau
-Knobbe, Mutter des kleinen Kindes ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">erhebt den Schirm, um damit zu schlagen. Man fällt ihr
-in den Arm.</span>
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Det jibt&rsquo;s nich! Det is hier nich Kindererziehung!
-Det machen Se, wenn Se unter sich in de Kinderstube
-alleene sind! &mdash; Die Hauptsache bleibt, wen jehert hier
-det Kind? &mdash; Und nu ... und jetzt ... Frau verwitwete
-Knobbe, ieberlechen Se sich, det Se hier
-reenste Wahrheit sachen! So! Is et Ihret? oder &rsquo;n
-fremdet Kind?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Knobbe</span><br />
-<span class="d">bricht los.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich schwöre bei der heiligen Mutter Gottes, bei
-Jesus Christus, Vater, Sohn und heiliger Geist, daß
-ich Mutter von diesem Kinde bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span>
-</p>
-
-<p>
-Und ick schwöre bei heilije Mutter Jottes ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Halt, Fräulein, retten Sie Ihre Seele! &mdash; Es mag
-meinethalben ein Fall von den allerverwickeltsten Umständen
-sein! Sie schwören dabei vielleicht vollständig
-gutgläubig, aber Sie werden mir das gewiß zugeben:
-jede von Ihnen könnte zwar die Mutter von Zwillingen
-sein &mdash; ein Kind mit zwei Müttern ist nicht zu denken!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">die unverwandt und starr, gleich Frau Knobbe, aus der
-Nähe das Kind betrachtet.</span>
-</p>
-
-<p>
-Papa! Papa! So sieh doch mal erst das Kind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Kielbacke</span><br />
-<span class="d">weinerlich, entsetzt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, det Kindeken stirbt schon jlob ick, seit ick hier drin
-im Zimmer jewesen bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie? &mdash; (<span class="d">Er tritt energisch näher und betrachtet einige
-Zeit ebenfalls das Kind.</span>) &mdash; Das Kindchen ist tot! Das
-ist ohne Frage! &mdash; Hier ist ohne Zweifel einer gewesen,
-unsichtbar, der über das unbeteiligte arme, kleine
-Streitobjekt ein wahrhaft salomonisches Urteil gesprochen
-hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-<span class="firstline">Die Piperkarcka</span><br />
-<span class="d">versteht nicht.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat jiebt denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Ruhe! &mdash; Komm Sie mit.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau Knobbe scheint die Sprache verloren zu haben. Sie
-steckt ihr Taschentuch in den Mund. Tief in ihrer Brust
-röchelt es. Schierke, die Kielbacke mit dem toten Kinde,
-gefolgt von Frau Knobbe und der Piperkarcka ab. Man
-hört Gemurmel auf dem Flur.
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor kommt wieder, nachdem er hinter den Abgehenden
-die Tür verschlossen hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Sic eunt fata hominum.</span> Erfinden Sie so was mal,
-guter Spitta.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Vierter Akt
-</h2>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Wohnung des Maurerpoliers John, wie im zweiten
-Akt. Es ist früh gegen acht Uhr Sonntags.
-</p>
-
-<p class="d1">
-Maurerpolier John befindet sich unsichtbar hinter dem
-Verschlage. Man kann aus seinem Planschen und Prusten
-entnehmen, daß er bei der Morgenwäsche ist. Quaquaro
-ist eben eingetreten und hat die Klinke der Flurtür in der
-Hand.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Sache ma, is deine Frau zu Hause, Paul?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">hinterm Verschlag.</span>
-</p>
-
-<p>
-Noch nich, Emil. Meine Frau is mit den Jungen
-bei meine verheirate Schwester in Hangelsberg. Will
-aber heut morchen noch wiederkomm. &mdash; (<span class="d">John erscheint,
-sich abtrocknend, in der Tür des Verschlages.</span>)
-Schen juten Morchen, Emil.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Morchen, Paul.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na wat jibt et Neies? Ick bin vor &rsquo;ne halbe Stunde
-erst von de Bahn aus Hamburch jekomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick sah dir ins Haus jehn un Treppe rufsteichen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">aufgeräumt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na ja, Emil, du bist eben so &rsquo;n richticher Zerberus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Sache ma, Paul: wie lange is deine Frau mit det
-Kleene in Hangelsberg?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, det muß so um die acht Dache so rum sind, Emil.
-Wiste wat von ehr? Miete hat se doch woll richtich
-abjeführt. Ibrigens kann ick jleich kindigen, Emil.
-Denn et is nu so weit: wir ziehn an erschten Oktober.
-Ick ha Muttern nu endlich breit jekricht, det wir aus
-det olle wacklige Staatsjebäude raus und in &rsquo;ne beßre
-Jejend ziehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Nach Altona wiste nu nich mehr zurick?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee! bleibe in Lande und nähre dir redlich! Ick
-jeh nich mehr auswärts! Nich in die Hand! &mdash; Schon
-erstlich: immer uf Schlafstelle rumdricken! und denn
-och: jinger wird eener nich! De Mächens wolln och
-all nich mehr recht mehr so anbeißen ... Nee nee, et
-is jut so, det ma det ewiche Wanderleben zu Ende is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Deine Frau hat et jut anjeschlachen, Paul.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">gut gelaunt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, junge Ehe, wo ebent erst Kindchen jekomm is!?
-Ick ha zum Meester jesacht: ick bin jung verheirat!
-Denn hat er jefracht, ob meine erschte Frau jestorben is?
-O konträr! Janz in&rsquo;t Jejenteil, hab&rsquo; ick jeantwort:
-die is so lebendig und quietschfidel, die hat sojar noch
-&rsquo;ne quietschfidelen kleenen Berliner zujekricht! &mdash; Wie
-ick heute Morchen, Berlin&mdash;Hamburg&mdash;Stendal&mdash;Ültzen
-zum letztenmal uf&rsquo;n Lehrter Bahnhof mit mein
-janzes Zeug aus de vierte Klasse jestiegen bin, hab&rsquo;
-ick &rsquo;n lieben Jott, der Deibel hol mir! so alt wie ick bin,
-mit een Seufzer jedankt. Er wird ihm wohl bei den
-Lärm uf&rsquo;n Lehrter nich jehert haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Haste jehert, Paul, det drieben de Knobbe ihr Jüngstes
-och wieder mit Dot abjejang is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee! Wie soll ick da von wat jehert haben. Aber
-wenn et dot is, denn is et doch jut, Emil. Als ick det
-Wurm vor acht Dache jesehn habe, wo Krämpfe hatte
-und Selma jekomm is und ick und Mutter haben ihm
-noch&rsquo;n Löffel Zuckerwasser injejossen, da war et doch
-schon reichlich reif for&rsquo;t Himmelreich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Sache ma, haste denn von die Umstände jar nich
-jehert, wie und wo det Kindchen zu Dode jekomm is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee! &mdash; (<span class="d">Er zieht eine lange Tabakspfeife hinter dem
-Sofa hervor.</span>) &mdash; Wart ma! ick brenne mir erst ma &rsquo;ne
-Pipe an. Nee! wo soll ick da von wat jehert haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick verwunder mir aber doch, det deine Frau dir
-nischt von jeschrieben hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, mit Jette und mit die Knobbekinder is det, seit
-det mir &rsquo;n eegnet Kind haben, bei Muttern uf eema
-wie abjeschnappt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span><br />
-<span class="d">lauernd.</span>
-</p>
-
-<p>
-Deine Frau wollte ja doch immer brennend jerne &rsquo;n
-Sohn haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na det is och! Meenste woll etwa, ick nich? For
-wat rackert eens denn? For wat schind ick mir denn?
-Det is doch wat anders, wenn &rsquo;n scheenet rundet Stück
-Jeld for&rsquo;n eijnen Sohn oder for Schwesterkinder ufjespart
-bleiben dut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Weeste denn nich, det &rsquo;n fremdet Mächen jekomm is,
-Paul, und hat behauptet, det det Kind von de Knobbe
-jar nich ihr eechnet, sondern det Kind von det fremde
-Mächen jewesen is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nanu? De Knobben und Kinderstehlen? Wenn&rsquo;t
-Mutter wär! aber de Knobben doch nich. Sach ma,
-Emil, wat is denn det for &rsquo;ne Jeschichte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, nu, d&rsquo;r eene sagt so, d&rsquo;r andre sagt so. De Knobben
-sagt, det von een Komplott mit Detektivs aus
-jewisse Kreise det kleene Balch nachjestellt worden is.
-Un det is nu ja och richtig janz festjestellt: et war det
-Kind von de Knobben jewesen! &mdash; Kannst du mich
-irgendeenen Wink jeben, wo de letzten Dache dein
-Schwager is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Meenste dem Schlachtermeester in Hangelsberg?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-I nee, durchaus nich wat der Mann von deine
-Schwester, sondern von deine Frau der Bruder is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Da meenst du Brunon?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Jewiß doch.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, noch wat, da kimmere ick mir noch wat eher
-drum, ob de Hunde noch immer bei Prellsteine jehn.
-Von Brunon will ick weiter nischt wissen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Her mich ma zu, Paul. Ärjer dir nich. Nämlich uf
-Polizeistelle is bekannt, det Bruno mit det polnische
-Mächen, wo uf det Kindeken Anspruch machen wollte,
-jleich neulich hier vor de Haustür und dann och an eene
-jewisse Stelle von de Uferstraße, wo de Jerber de Felle
-wegschwimmen, jemeinsam jesichtet is. Nu is det
-Mächen janz jänzlich verschwunden. Weiter wat
-Näheres weeß ick nu freilich nich! Bloß det se von
-Polizei wechen det Mächen suchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">stellt entschlossen die lange Pfeife weg, die er sich angesteckt
-hatte.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick weeß nich, ick ha keen Justo heut morchen! &mdash;
-Ick weeß nich, wat in mir jefahren hat, ick war so verjnügt
-wie&rsquo;n Eckensteher. Uf eemal is mich so kodderig
-zumut, det ick an liebsten jleich wieder nach Hamburg
-mechte un jar nischt weiter heren und sehn! &mdash; Wat
-kommst de denn mir, Emil, mit so &rsquo;ne Jeschichten?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick wollte dir man bloß bißken ufklären, wat inzwischen,
-wo ja du un wohl ja och deine Frau auswärts
-jewesen is, in deine Behausung jeschehn is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-In meine Behausung?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is ja! Jawoll! Selma hatte ja, heeßt et, det
-Knobbesche Jungchen in Kinderwachen hier rieberjeschoben,
-wo et det fremde Frauenzimmer mit ihre
-Begleitung aus deine Wohnung jenommen und wechjetragen
-hat. Oben bei de Kammedienspieler is se ja
-dann noch jlicklich jestellt worden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat is se?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Und da haben sich och de Knobbe un det fremde
-Mächen ieber det dote Kind bei de Haare jekricht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn ick man wißte, wat mir det soll, Emil, wo doch
-alle Ochenblicke hier mit Frauenzimmer een Jewürge
-is. Laß se man kampeln! Mir is det jleichjiltig! Nämlich,
-Emil, wenn da nich sonst wat dahinter is!?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Deshalb komm ick ja, Paul! Et is wat dahinter!
-Det Mächen hat nämlich mehrmals vor Zeuchen ausjesacht:
-erstlich, det Wurm von de Knobbe, det wär ihr
-Kind und det hätt&rsquo; se ausdricklich bei deine Frau, Paul,
-in de Flege jejeben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">stutzt, lacht befreit.</span>
-</p>
-
-<p>
-Der pickt et! der is woll ma nich janz unwohl jeworden!
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Erich Spitta kommt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Guten Morgen, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Juten Morchen, Herr Spitta. &mdash; (<span class="d">Zu Quaquaro, der
-noch in der geöffneten Tür steht.</span>) &mdash; &rsquo;S jut, Emil! Ick
-wer mir wissen zu richten nach.
-</p>
-
-<p class="d">
-Quaquaro ab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">fährt fort.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu sehn Se ma so &rsquo;n Männeken, Herr Spitta! Mit
-een Fuß steht er in&rsquo;t Jefängnis, mit &rsquo;n andern is er
-Liebkind beim Bezirkskommissar uf&rsquo;t Polizeibüro! un
-denn jeht er bei ehrliche Leute rumschnüffeln.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat Fräulein Walburga Hassenreuter nach mir gefragt,
-Herr John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Bis jetzt noch nich. Nee, det ick nich wißte! &mdash; (<span class="d">Er
-öffnet die Flurtür.</span>) &mdash; Selma! &mdash; Entschuldjen Se mir
-ma &rsquo;n Ojenblick. &mdash; Selma! &mdash; Ick muß ma det Mächen
-wat aushorchen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Selma Knobbe kommt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">noch in der Tür.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Mach ma de Tir zu, komm ma &rsquo;n bißken &rsquo;rin! Un nu
-sach mal, Mächen, wat det hier in de Stube mit dein
-kleenet verstorbenet Briderchen und mit det fremde
-Weibsbild jewesen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">die, mit merkbar schlechtem Gewissen, lauernd näher getreten
-ist, jetzt sehr wortgewandt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick hatte den Kinderwachen hier rieber jeschoben.
-Ihre Frau war nicht da und da dacht ick, det hier
-drieben, wo doch det Briderken sowieso krank war und
-immer schrie, det hier drieben bei Sie mehr Ruhe is.
-Nu kam een Herr un kam eene Dame un noch &rsquo;ne
-Frau kam uf eemal hier rin. Und denn ha&rsquo;m se det
-Kindeken hier aus &rsquo;n Wachen raus, frische Wäsche jewickelt
-un mit fortjenomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und denn hat die Dame jesacht, et wär ihr Kind und
-se hätt&rsquo; et bei Muttern, als wie det meine Olle is, hätt&rsquo;
-se&rsquo;s, sagt se, in Flege jejeben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">lügt.</span>
-</p>
-
-<p>
-I, jar keene Ahnung, da wißt ick wat von.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">schlägt auf den Tisch.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na zum Kreuzdonnerwetter, det wär ja och bledsinnig.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Erlauben Sie mal, das hat sie gesagt: wenn nämlich
-von dem Vorfall zwischen den beiden Frauen oben bei
-Direktor Hassenreuter die Rede ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det haben Se mit anjesehn, Herr Spitta, wo de
-Knobben und de andere um det Würmchen jezerjelt
-hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Allerdings. Das hab&rsquo; ich mit angesehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Weiter kann ick nischt sachen, und wenn mir och
-Schutzmann Schierke und meinswechen der lange
-Polizeileitnam janzem zwee Stunden und länger verhören
-dut. Ick weeß eben nischt. Ick kann eben nischt
-sachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-&rsquo;N Polizeileitnam hat dir ausjefracht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">knutscht.</span>
-</p>
-
-<p>
-Se wollen doch Maman in Kasten bringen, weil et
-Leute anjezeicht un jelogen haben, det unser Kindeken
-vahungert is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach! so! &mdash; Na Selma, jeh, laß ma &rsquo;n Kaffee durchlofen.
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Selma begibt sich an den Herd, wo sie den Kaffee für John
-zubereitet. John selbst geht an den Arbeitstisch, nimmt den
-Zirkel und zieht dann mit der Schiene einige Linien.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">mit Überwindung.</span>
-</p>
-
-<p>
-Eigentlich hoffte ich Ihre Frau hier zu treffen, Herr
-John. Mir hat jemand gesagt, Ihre Frau hätte gegen
-Sicherheit mitunter kleine Beträge an Studenten geliehen.
-Ich bin nämlich in Verlegenheit.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det mag sind. Aber det is Mutterns Sache, Herr
-Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ganz offen gesagt, wenn ich bis heute abend kein
-Geld schaffe, werden meine paar Bücher und Habseligkeiten
-von meiner Zimmerwirtin mit Beschlag belegt
-und man setzt mich eigentlich auf die Straße.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick denke Ihr Vater ist Paster, Herr Spitta.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das ist er. Aber gerade deshalb, und weil ich selber
-nicht Pastor werden mag, habe ich gestern abend einen
-furchtbaren Krach mit meinem Vater gehabt. Ich
-werde von ihm keinen Pfennig mehr annehmen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">arbeitend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det jeschieht Vatern recht, wenn ick verhungern tu
-oder &rsquo;n Hals breche.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ein Mensch wie ich, wird nicht verhungern, Herr
-John. Geh ich aber zugrunde, so ist mir&rsquo;s auch gleichgültig.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det jlobt eener nich, wat unter euch Studenten for
-ausjehungerte arme Ludersch sind. Aber keener will
-wat Reelles anfassen. &mdash; (<span class="d">Ferner Donner. John blickt
-durchs Fenster.</span>) &mdash; Heute wird schwule. Et donnert
-schon.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Von mir dürfen Sie das nicht sagen, Herr John,
-daß ich etwas Reelles nicht anfassen möchte: Stunden
-geben! für Geschäfte Adressen schreiben! Ich habe das
-alles schon durchgemacht und damit, wie mit manchem
-anderen Versuch, nicht nur Tage sondern auch Nächte
-um die Ohren geschlagen. Dabei hab&rsquo; ich gebüffelt und
-Bücher gewälzt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Mensch, jeh nach Hamburg und laß dir als Maurer
-instellen! Wie ick so alt war wie Sie, ha ick in Altona in
-Akkord schon bis zwelf Mark täglich verdient.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das mag sein. Aber ich bin Geistesarbeiter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det kennt man.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-So?! Mir scheint nicht, daß Sie das kennen, Herr
-John. Vergessen Sie aber bitte nicht: Ihre Herrn
-Bebel und Liebknecht sind auch Geistesarbeiter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na jut! Denn komm Se! denn wollen wir man
-wenigstens frühstücken. Allens sieht sich janz andersch
-an, wenn det eener &rsquo;n Happenpappen jefrühstückt hat.
-Se haben woll noch nich jefrühstückt, Herr Spitta?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein, offen gestanden, heute noch nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na denn machen Se man det Se wat Warmes in
-Leib kriechen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Das hat Zeit.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I nee, Se sehen sehr vakatert aus. Und ick ha och
-die Nacht uf de Bahn jelejen. &mdash; (<span class="d">Zu Selma, die ein
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Leinwandsäckchen mit Semmeln hereingeholt hat.</span>) &mdash; Bring
-ma schnell noch &rsquo;ne Tasse ran.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er hat breit auf dem Sofa Platz genommen, tunkt Semmel
-ein und trinkt Kaffee.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">der noch nicht Platz nimmt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Eine Sommernacht bringt man doch lieber im
-Freien zu, wenn man im übrigen doch nicht schlafen
-kann. Und ich habe nicht eine Minute geschlafen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Dem wollt ick ma sehn, der in Dalles is und jut
-schlafen kann! Wer in Dalles is, hat och in Freien
-de meeste Jesellschaft. &mdash; (<span class="d">Er vergißt plötzlich zu kauen.</span>)
-&mdash; Komm ma her, Selma, sache nochma janz jenau, wie
-det mit det fremde Mächen und det fremde Kind, det
-se hier aus de Stube jeholt hat, jewesen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick weeß nich, det frächt mich &rsquo;n jeder, frächt mir
-Mama jetzt &rsquo;n lieben langen Dach! ob ick Brunon
-Mechelke jesehn habe! ob ick wissen soll, wer oben uf&rsquo;n
-Boden bei de Kammedienspieler Kleider jestohlen hat!
-Wenn det so fortjeht ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">energisch.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mächen, wat haste nich Lärm jeschlagen, wie der Herr
-und det Freilein dir dein Brüderken aus&rsquo;n Wachen
-jenommen hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Jeschieht ihm ja nischt, dacht ick! krist ma reene
-Wäsche.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">faßt Selma beim Handgelenk.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na nu komm ma mit, wollen ma rieber bei deine
-Mutter jehn.
-</p>
-
-<p class="d">
-John mit Selma an der Hand ab.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sobald John verschwunden ist, fällt Spitta über das Frühstück
-her. Bald darauf erscheint Walburga. Sie ist in großer
-Eile und sehr aufgeregt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Bist du allein?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Augenblicklich ja. Guten Morgen, Walburga.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Komm ich zu spät? Ich habe mich ja nur mit der
-allergrößten Schlauheit, mit der allergrößten Entschlossenheit,
-mit der allergrößten Rücksichtslosigkeit,
-komme was wolle, von Hause losgemacht. Meine
-jüngere Schwester hat mir die Tür vertreten. Das
-Dienstmädchen! Ich sagte aber zu Mama, wenn sie
-mich nicht durch das Entree hinausließen, so möchten
-sie nur die Fenster vergittern: sonst würde ich drei
-Stock hoch durchs Fenster direkt auf die Straße gehn.
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Ich fliege. Ich bin mehr tot wie lebendig. Aber ich
-bin zum letzten bereit. Wie war es mit deinem Vater,
-Erich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir sind auseinander. Er meinte, ich würde Treber
-fressen wie weiland der verlorene Sohn, und ich möchte
-mir ja nicht einfallen lassen, als Luftspringer oder
-Kunstreiter, wie er sich auszudrücken beliebt, jemals
-wieder die Schwelle des Vaterhauses betreten zu
-wollen. Für Gesindel öffne sich seine Haustür nicht.
-Ich werd&rsquo;s verwinden! Nur meine arme gute Mutter
-bedaure ich. &mdash; Du kannst dir nicht denken, mit welchem
-abgrundtiefen Haß ein solcher Mann gegen alles und
-alles, was mit dem Theater zusammenhängt, geladen
-ist! Der schrecklichste Fluch ist ihm nicht stark genug.
-Ein Schauspieler ist in seinen Augen von vornherein
-der allerverächtlichste, schlechteste Lumpenhund, der
-sich denken läßt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich habe auch nun herausgekriegt, wie Papa dahintergekommen
-ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater hat ihm dein Bild gegeben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Erich, Erich, wenn du wüßtest, mit welchen schrecklichen,
-mit welchen grauenvollen Ausdrücken mich Papa
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-in der Wut überschüttet hat, und ich mußte zu allem
-stillschweigen. Ich hätte ihm etwas sagen können, das
-hätte ihn vielleicht mit seinen Tiraden von hoher Moral
-stumm und hilflos vor mir gemacht. Beinahe wollt&rsquo;
-ich es auch: doch ich schämte mich so entsetzlich für ihn!
-Meine Zunge versagte! Ich konnte nicht, Erich! Mama
-mußte schließlich dazwischentreten. Er hat mich geschlagen.
-Er hat mich acht oder neun Stunden lang
-in den finsteren Alkoven eingesperrt, um meinen Trotz
-zu brechen, wie er sagt, Erich. Nun, das gelingt ihm
-nicht, Erich! Er bricht ihn nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">nimmt Walburga in den Arm.</span>
-</p>
-
-<p>
-Du Brave! du Tapfere! Siehst du, jetzt weiß ich
-erst, was ich an dir besitze! weiß ich erst, was für ein
-Schatz du eigentlich bist. &mdash; (<span class="d">heiß</span>) &mdash; Und wie schön du
-aussiehst, Walburga.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Nicht! Nicht! &mdash; Ich vertraue dir, Erich, weiter ist es
-doch nichts.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Und du sollst dich nicht täuschen, süße Walburga. Sieh
-mal, ein Mensch wie ich, in dem es gärt und der was
-Besonderes, Dunkles, Großes will, was er einstweilen
-noch nicht recht deutlich machen kann, hat mit zwanzig
-Jahren die ganze Welt gegen sich und ist aller Welt
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-lästig und lächerlich. Aber glaub&rsquo; mir: einst wird das
-anders werden. In uns liegen die Keime. Der Boden
-lockert sich schon! Wir sind, wenn auch noch unterirdisch,
-die künftige Ernte! Wir sind die Zukunft! Die
-Zeit muß kommen, da wird die ganze weite, schöne
-Welt unser sein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Sprich weiter, Erich, das ist mir so wohltätig.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Walburga, ich habe gestern abend meinem Vater
-auch von der Leber weg die Anklage des Verbrechens
-an meiner Schwester ins Gesicht geschleudert. Das
-hat den Bruch unheilbar gemacht. Er sagte verstockt:
-von einer Tochter, wie der von mir geschilderten, wisse
-er nichts. Sie existiere in seiner Seele nicht und, wie
-es den Anschein habe, werde auch bald sein Sohn
-dort nicht mehr existieren. O diese Christen! O diese
-Diener des guten Hirten, der das verlorene Schaf
-doppelt zärtlich in seine Arme nahm! O du lieber
-Heiland, wie sind deine Worte verkehrt, deine ewigen
-Lehren in ihr Gegenteil umgefälscht worden. Aber
-als ich heut nacht bei Donnerrollen und Wetterleuchten
-auf einer Bank im Tiergarten saß und gewisse Berliner
-Hyänen um mich herumschlichen, da fühlte ich die
-ruhelose und zertretene Seele meiner Schwester neben
-mir. Wie oft mag sie selbst im Leben Nächte hindurch
-obdachlos auf solchen Bänken und vielleicht auf derselben
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Tiergartenbank gesessen haben, um in ihrer
-Verlassenheit, Ausgestoßenheit und Entwürdigung
-darüber nachzudenken, wie triefend von Menschenliebe,
-triefend von Christentum zweitausend Jahre nach
-Christi Geburt diese allerchristlichste Welt sich manifestiert.
-Aber was sie auch dachte, ich denke so: Die arme
-Dirne, die Sünderin, die vor neunundneunzig Gerechten
-geht, die von dem Drucke der Sünde der Welt
-belastet ist, die arme Aussätzige und ihre fürchterliche
-Anklage soll in meinem Inneren lebendig sein! Und
-alles Elend, allen Jammer der Gemißhandelten und
-Entrechteten werfen wir mit in die Flamme hinein!
-Und so soll die Schwester leben, Walburga, und soll
-Herrlicheres wirken vor Gott durch das Ethos, das meine
-Seele beflügelt, als die ganze kalte, herzlos böse Moralpfafferei
-der Welt nicht vermag.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Du warst die Nacht im Tiergarten, Erich? Deshalb
-sind deine Finger noch so eiskalt, und du siehst so entsetzlich
-müde aus. Erich, du mußt mein Portemonnaie
-nehmen! Erich! nein bitte, du mußt! Ich versichere
-dich! Was mein ist, ist dein! Sonst liebst du mich nicht,
-Erich! Erich, du darbst! Wenn du meine paar Groschen
-nicht nimmst, verweigere ich zu Hause jede Nahrung!
-bei Gott, ich tu&rsquo;s! bis du vernünftig wirst.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">würgt Tränen <a id="corr-3"></a>hinunter. Muß sich setzen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin nur nervös. Ich bin abgespannt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">steckt ihr Portemonnaie in seine Hosentasche.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nun sieh mal, Erich, deshalb habe ich dich eigentlich
-hier zu Frau John bestellt. Zu allem Unglück bekomme
-ich gestern noch hier diese gerichtliche Vorladung.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">betrachtet ein Schriftstück, das sie ihm gereicht hat.</span>
-</p>
-
-<p>
-Du? Und weshalb denn das, sag&rsquo; mal, Walburga.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich bin mir sicher, daß es mit den gestohlenen Sachen
-auf dem Oberboden zusammenhängt. Aber es macht
-mich furchtbar unruhig. Wenn Papa das erfährt ...
-ja, was tu ich dann?
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John, das Kind auf dem Arm, straßenmäßig angezogen,
-sehr gehetzt, sehr verstaubt, kommt herein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">erschrocken, mißtrauisch, halblaut.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu? Wat wollt ihr hier? Is Paul schon zu Hause?
-Ick war eben ma &rsquo;n bißken mit det Kindken uf de Jasse
-jejangn.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie trägt das Kind hinter den Verschlag.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Bitte, Erich, sprich doch mal über meine Vorladung
-mit Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul is ja zu Hause, da liejen ja seine Sachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Fräulein Hassenreuter wollte Sie gern mal sprechen.
-Sie hat nämlich, wahrscheinlich wegen der gestohlenen
-Sachen, Sie wissen ja, auf dem Oberboden, eine gerichtliche
-Vorladung.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">tritt aus dem Verschlage.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat? Eene Vorladung ham Sie jekricht, Freulein
-Walburga? Na, denn nehm sich in Obacht! Ick spaße
-nich! un phantasieren Se womeglich von schwarzen
-Mann.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Was Sie da sagen, Frau John, ist unverständlich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">zur häuslichen Beschäftigung übergehend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Habt ihr jehert, det draußen in eene Laubenkolonie
-vor&rsquo;t Hallesche Tor der Blitz heute morchen Mann,
-Frau und &rsquo;n Mächen von sieben unter eene hohe
-Pappel erschlagen hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Et pladdert schon wieder.
-</p>
-
-<p class="d">
-Man hört, wie ein Regenschauer niedergeht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">ängstlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Komm Erich, wir wollen trotzdem ins Freie gehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">lauter und lauter werdend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Und wissen Se wat: ick habe die Frau kurz vorher
-noch jesprochen, wo nachher von Blitze erschlachen
-is. Die hat jesacht &mdash; nu hern Se ma zu, Herr Spitta
-.... een dotet Kindeken, det man in Kinderwachen
-legt und raus in die warme Sonne rickt &mdash; det muß
-aber Sommersonne und Mittagssonne sind, Herr
-Spitta! &mdash; det zieht Atem! det schreit! det is wieder
-lebendig! &mdash; Det jloben Se nich? wat? det ha ick mit
-meine Ochen jesehn.
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie geht in eigentümlicher Weise im Kreise herum, ohne
-scheinbar mehr etwas von der Gegenwart der beiden jungen
-Leute zu wissen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Du, die John ist unheimlich, komm!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">noch lauter.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det jloben Se nich, det det wieder lebendig is?
-Denn kann Mutter kommen und nehmen. Denn muß
-et jleich Brust kriejen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Adieu, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">noch lauter.</span>
-</p>
-
-<p class="d">
-Bringt, seltsam aufgeregt, die beiden jungen Leute bis
-zur Tür.
-</p>
-
-<p>
-Sie jloben det nich! Det is aber heilig so, Herr
-Spitta.
-</p>
-
-<p class="d">
-Spitta und Walburga ab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hält die Tür in der Hand, ruft noch auf den Flur hinaus.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer det nich jlobt, der weeß von det janze Jeheimnis,
-wo ick entdeckt habe, nischt.
-</p>
-
-<p class="d">
-Maurerpolier John steht in der Tür und tritt gleich darauf ein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, da bist du ja, Mutter! Schen willkomm! Von
-wat for&rsquo;n Jeheimnis sprichst du denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">wie aufwachend, faßt sich an den Kopf.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick? &mdash; Ha ick denn von &rsquo;n Jeheimnis jesprochen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na ick denke doch, wenn ick nich schwerherig bin. Biste
-nu &rsquo;n Jeist oder bistes wirklich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">befremdet, ängstlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso soll ick &rsquo;n Jeist sind?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">schlägt seine Frau gutmütig auf den Rücken.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jette, beiß mir man nich. Ick freu mir ja reichlich
-deswechen, det de nu wieder mit dein Patenjeschenk
-bei mich bist! &mdash; (<span class="d">Er geht hinter den Verschlag.</span>) &mdash; Et
-sieht aber &rsquo;n bißken miserich aus, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Et vertrug de Milch nich. Det kommt, weil draußen
-uf&rsquo;n Lande de Kühe schon jrienet Futter kriejen. Hier
-von de vereinichte Molkerei ha ick wieder welche, wo
-trocken jefüttert is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">erscheint wieder.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick sag&rsquo;s ja, was biste erst mit det Kind uf de Bahn
-und raus aus de Stadt jeturnt! Ick spreche, die Stadt
-is an allerjesindsten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu bleib ick och wieder zu Hause, Paul.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-In Altona, Jette, is och nu allet in&rsquo;t reene jebracht.
-Jejen Mittag treff&rsquo; ick mit Karln zusamm, und denn
-will er mir sachen, wenn ick beim neuen Meester antreten
-kann! &mdash; Hör ma: ick ha och wat mitjebracht.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er schüttelt eine kleine Kinderklapper, die er aus der Hosentasche
-nimmt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det Leben wird in de Kinderstube, weil et doch in
-Berlin manchma immer &rsquo;n bißken zu stille is! &mdash; Horch
-ma, wie&rsquo;t kräht. &mdash; (<span class="d">Man hört das Kindchen allerlei vergnügte
-Geräusche machen.</span>) &mdash; Nee Mutter, wenn so &rsquo;n
-Kindeken kräht, dafor jeb ick Amerika.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Haste schonn jemand jesprochen, Paul?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee! &mdash; Ick ha hechstens heut morchen Quaquaron
-jesprochen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">scheu, gespannt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu? und?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, laß man, jar nischt, et war weiter nischt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat hat er jesacht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll er jesacht haben? &mdash; Na, wenn de schon
-keene Ruhe jeben dust &mdash; wat soll det nitzen an Sonntag
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-morchen? &mdash; er hat mir ma wieder nach Brunon
-jefracht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hastig, bleich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll denn Bruno wieder jemacht haben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jar nischt! &mdash; Hier, komm und trink &rsquo;n Schluck
-Kaffee, Jette, und ärjer dir nich! &mdash; Wat kannst de dafür,
-wenn eener so &rsquo;n sauberet Brüderken hat? &mdash; Wat
-brauchen wir uns um andre bekimmern?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det mecht ick wissen, wat so &rsquo;ne olle dußliche Dromlade,
-wo &rsquo;n janzen Tag spionieren dut, immer von
-Brunon zu quasseln hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jette, mit Brunon laß mir in Frieden! &mdash; &mdash; &mdash;
-Sieh ma ... i wat denn? ... lieber nich! ... Aber
-wenn ick da wieder wat sollte von sachen: det soll mir
-nich wundern, wo mit Bruno ma jelejentlich in Jefängnishof,
-haste nich jesehn! ma&rsquo;n schnellet Ende is. &mdash;
-(<span class="d">Frau John läßt sich am Tisch nieder, wird grau im Gesicht,
-stützt sich auf beide Ellenbogen und atmet schwer.</span>) &mdash; Vielleicht
-och nich! nimm et dir man nich jleich so zu
-Herzen! &mdash; &mdash; Wat macht denn de Schwester?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick weeß et nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na ick denke, de bist bei se draußen jewesen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">sieht ihn geistesabwesend an.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo bin ick jewesen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Siehste woll, Jette, det is mit euch Weiber! de
-schudderst ja! bein Arzt und bein Doktor wiste nich
-hinjehn! womeglich det de noch nachträglich zum
-Liechen kommst. Det is wenn eens die Natur vernachlässigt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">fällt ihrem Mann um den Hals.</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, du wist mir verlassen! Jott in Himmel, Paul,
-sach et! sach et bloß, tu mir nich hinters Licht fihren!
-Sach et! Fihr mir nich hinters Licht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat is mit dich heute los, Henerjette?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">plötzlich verändert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hör man nich druf, Paul, wat ick so herschwatze. Ick
-ha wieder die Nacht keene Ruhe jehat! Und denn war
-ick früh uf, und denn is et nich anders, als wie det ick
-&rsquo;n bißken von Kräfte bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn leg dir man lang und ruh dir &rsquo;n bißken. &mdash;
-(<span class="d">Frau John wirft sich lang auf das Sofa und starrt gegen
-die Decke.</span>) &mdash; Kannst dir dann och ma &rsquo;n bißken kämmen,
-Jette! &mdash; &mdash; Uf de Bahn war et wohl sehr staubig
-jewesen, det de so ieber und ieber mit Sand injepulvert
-bist? &mdash; &mdash; &mdash; (<span class="d">Frau John antwortet nicht, sie starrt gegen
-die Decke.</span>) &mdash; Ick muß ma det Bengelchen &rsquo;n bißken
-an&rsquo;t Licht holen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er begibt sich hinter den Verschlag.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie lange sind wir verheirat, Paul?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">Die Kinderklapper geht hinterm Verschlag, dann:</span>
-</p>
-
-<p>
-Det war achtzehnhundertundzweeundsiebzig, jleich
-wie ick bin aus&rsquo;n Kriege jekomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nich, denn kamst de zu Vater hin? &mdash; und denn hast
-de in Positur jestanden? &mdash; und denn hast de&rsquo;t eiserne
-Kreuz an de linke Brust jehat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">erscheint, das Kind im Steckkissen auf dem Arme, die Kinderklapper
-schwingend. Er sagt lustig:</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll! det ha ick och heute noch, Mutter! Und wenn
-de&rsquo;t sehn willst, denn stech ick&rsquo;s mir an.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">noch immer lang ausgestreckt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Und denn kamst de zu mich, und denn hast de jesacht:
-ick sollte nich immer so fleißig ... nich immer so hin
-und her, treppuf, treppab ... ick sollte ma &rsquo;n bißken
-pomadich sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sach ick so jut och heute noch, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und denn haste mir mit dein Schnurrbart jekitzelt
-und hast mir links hinter&rsquo;t Ohr jeküßt! &mdash; Und denn ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn sind wir wohl einig jeworden? &mdash;
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn ha ick jelacht und ha mir nach und nach, apee
-apee von oben bis unten in alle Uniformknöppe abjespiejelt.
-Und da ha ick noch anders ausjesehn! &mdash; Und
-denn haste jesacht ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I Mutter, de kannst dir wahrhaftig sehn lassen, det
-jlobt eener nich, wat du for&rsquo;n Jedächtnis hast.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und denn haste jesacht: wenn ick nu bald &rsquo;n Jungen
-krieje, der soll och ma &bdquo;mit Jott für Kenig und Vaterland&ldquo;
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-und &bdquo;Wacht am Rhein&ldquo; hinter de Fahne her zu
-Felde ziehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">singt, über das Kindchen, zur Klapper.</span>
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Er blickt hinauf in Himmels Aun</p>
- <p class="verse">wo Heldenväter niederschaun:</p>
- <p class="verse">zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!&ldquo; ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Nu ha ick so&rsquo;n Kerlchen, und nu bin ick wahrhaftig
-jar nich so wilde druf, det ick ihm mechte womeglich
-als Kanonenfutter in Krieg schicken.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er geht mit dem Kindchen in den Verschlag.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">wie vorher.</span>
-</p>
-
-<p>
-Paulicken, Paulicken, det allens is hundert Jahre her!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">kommt, ohne das Kind, wieder aus dem Verschlag.</span>
-</p>
-
-<p>
-Janz so lange woll doch nich, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Sach ma, wie wär det? du nähmst mir mit und
-jingst mit mich und mein Kindeken jingst du fort nach
-Amerika?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na nu her ma, Jette: wat is mit dich? Wat is det?
-Bin ick denn hier von Jespenster umjeben? Du weeßt,
-det ick uf&rsquo;n Bau, und wenn de Arbeeter mit Klamotten
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-ibereinander her sind, ieberhaupt mir nich ufrege und,
-wat se mir nennen, Paul is immer jemitlich, bin!
-Aber nu: wat is det? De Sonne scheint! et is hellichter
-Tag! ick weeß nich: sehen kann ick et nich! Det
-kichert, det wispert, det kommt jeschlichen! und wenn
-ick nach jreife, denn is et nischt. Nu will ick ma wissen,
-wat an die Jeschichte mit det fremde Mächen hier in
-de Stube Wahret is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, du hast jehert, det Freilein is ieberhaupt jar
-nich mehr wiederjekomm. Da draus kannst de sehn ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sachst de zu mich mit blaue Lippen und machst
-Augen, wie wennste jerädert bist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">verändert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll! Wat läßte mir jahrelang alleene, Paul?
-wo ick in mein Käfiche sitzen muß und keen Mensch
-nich is, mir ma auszusprechen. Manch liebet Mal hab&rsquo;
-ick hier jesessen und jefracht, warum det ick immer
-rackern du? warum det mir abdarbe, Jroschens mühsam
-zusammenscharre, dein Verdienst jut anleche und
-wie ick uf jede Art wat zuzuverdien mir abjrübeln du.
-Warum denn? Det soll allens for fremde Leite sind?
-Paul, du hast mir zujrunde jerichtet!
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie legt den Kopf auf den Tisch und bricht in Schluchzen aus.
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-In diesem Augenblick ist, katzenartig leise, Bruno Mechelke
-eingetreten. Er hat seine Sonntagskluft an, hat Flieder
-an der Mütze und einen großen Fliederzweig in der Hand.
-John trommelt ans Fenster und bemerkt ihn nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hat Bruno wie eine Geistererscheinung nach und nach ins
-Auge gefaßt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Bruno, bist du&rsquo;s?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">der blitzschnell den Maurerpolier erkannt hat, leise.</span>
-</p>
-
-<p>
-Na jewiß doch, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo kommst de denn her? Wat wiste denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, ick habe de Nacht durchjescherbelt, Jette. Det
-siehste doch, det ick bei jute Laune bin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">hat Bruno bis jetzt unverwandt angesehen, wobei eine gefährliche
-Blässe sein Gesicht überzogen hat. Jetzt geht er
-langsam zu einem kleinen Schrank und zieht einen alten
-Kommißrevolver hervor, den er ladet. Dies wird von Frau
-John nicht beobachtet.</span>
-</p>
-
-<p>
-Du! &mdash; Hör ma! &mdash; Nu will ick dir ma wat sachen! &mdash;
-Wat, wat de vielleicht verjessen hast &mdash; det de weiter
-nu keene Ausrede hast, wenn ick det Dinges hier uf
-dir abdricke! &mdash; Du Lump! Unter Menschen jeherst
-du nich! Ick ha dir jesacht, det ick dir niederknalle,
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-det war vorichten Herbst, wo du mich jemals wieder
-uf meine Schwelle unter de Auchen trittst &mdash; Nu jeh!
-sonst kracht et! &mdash; Hast de verstanden?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Vor deine Musspritze furcht ick mir nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">die bemerkt, daß John, seiner selbst nicht mächtig, den
-Revolver langsam gegen Bruno erhebt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn mach mir dot, Paul! Et is mein Bruder!
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie ist John in den Arm gefallen, so daß sein Revolver gegen
-sie gerichtet ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">sieht sie lange an, scheint zu erwachen, wird anderen Sinnes.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jut! &mdash; (<span class="d">Er legt den Revolver wieder sorgfältig in das
-Schränkchen.</span>) &mdash; Hast och recht, Jette! &mdash; Pfui Deibel,
-Jette, det dein Name och in de Fresse von so &rsquo;n Schubiack
-is! &mdash; Jut! &mdash; Det Pulver wär och zu schade! &mdash;
-Det Dinges hat Blut von zwee franzesche Reiter
-jekost! Zwee Helden! &mdash; Nu soll et am Ende Dreck
-saufen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Det kann immer sind, det Dreck ... in dein Schädel
-ist! Und wenn du nich jerade, det de bei meine Schwester
-uf Schlafstelle wärscht, denn hätt&rsquo; ick dir woll ma wat
-Luft jemacht, Rotzjunge, det de häst vierzehn Dache
-&rsquo;t Loofen jekricht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">gewaltsam ruhig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sach noch ma, Jette, det det dein Bruder is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, jeh man, ick wer&rsquo; ihm schon wieder fortschaffen!
-Det weeßt de doch, det ick et nu ma doch nich ändern
-kann, det Bruno von mich der Bruder is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, denn bin ick hier iebrig, denn schnäbelt euch man.
-&mdash; (<span class="d">Er ist fertig gekleidet und schickt sich zum Gehen an.
-Dicht bei Bruno steht er still.</span>) &mdash; Schuft! du hast deinem
-Vater im Jrabe jeärgert! Deine Schwester hätte dir
-sollen hinterm Zaune in Jraben verhungern lassen, statt
-jroßjezogen, und det eenen Lumpenkanaille mehr uf
-de Erde is. In eene halbe Stunde komm ick zurück!
-aber nich alleene! Ick komm mit&rsquo;n Wachmeester!
-</p>
-
-<p class="d">
-John geht durch die Flurtür ab, seinen Kalabreser aufstülpend.
-</p>
-
-<p class="d">
-Bruno wendet sich, sowie John hinaus ist, und spuckt ihm
-nach, gegen die Eingangstür.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn ick dir ma in de Wuhlheide hätte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso kommste nu, Bruno? Sache, wat is!
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Pinke mußte mich jeben, sonst jeh ick verschütt, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">verschließt und verriegelt die Flurtür.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wacht ma, ick schließe die Diere zu! &mdash; Nanu, wat is?
-&mdash; Wo kommste her? Wo biste jewesen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Jetanzt ha ick, Jette, de halbe Nacht, und denn wa&rsquo;
-ick &rsquo;n bißken jejen Morchenjrauen in&rsquo;t Jrüne jejang.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat dir Quaquaro sehn reinkomm, Bruno? Denn
-nimm dir in Obacht, det de nich in de Falle sitzt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-I Jott bewahre. Ick bin ieber&rsquo;n Hof, denn bei mein
-Freind durch&rsquo;n Knochenkeller und hernach ieber&rsquo;n
-Oberboden rinjekomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na? Und wat is nu jewesen, Bruno?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Wuddel nich, Jette. Jieb Reisejeld! Ick jeh verschütt,
-oder ick muß abtippeln.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und wat haste nu mit det Mächen jemacht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-I, et hat Rat jejeben, Jette!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat heeßt det?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha ihr soweit wenigstens bißken jefiege jemacht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und det se nich wiederkommt is nu sicher!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll! Det se nu nochma kommt, jlob ick nich!
-Aber det wa keen leichtet Stick Arbeet, Jette. Du hast
-mich mit deine verdammte Pillenkrajerei &mdash; ick ha
-Durscht, Jette, jieb mich zu saufen, Jette! ... hast du
-mir kochend heeß jemacht.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er trinkt eine Wasserflasche leer.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Se haben dir vor de Diere jesehn mit det Mächen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick ha mir mit Artur verabred, Jette. Von mich
-wollt se nischt wissen. Denn is Artur in feine Kluft
-anjetänzelt jekomm und hat ihr och richtig verschleppt
-in Bolljongeller. Det hat se jejlobt, uf dem Leim is
-se jekrochen, det ihr Breitjam dort warten tut!
-</p>
-
-<p class="d">
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Er trällert und tänzelt krampfhaft.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unser janzet Leben lang</p>
- <p class="verse">von det eene Ristorang</p>
- <p class="verse">in det andre Ristorang</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na und denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn wollt se fort, weil Adolf jesacht hat, det ihr
-Breitjam jejangen is! Denn ha ick wollen ihr noch &rsquo;n
-Stickchen bejleiten, Artur und Adolf sind mitjejang.
-Denn sind wir bei Kalinich in de Hinterstube injefallen,
-und denn is se ja och von den vielen Nippen an Groch
-und Schnäpse molum jeworn. Und denn hat se in&rsquo;n
-Bullenwinkel bei eene jenächtigt, wo Arturn seine
-Jeliebte is. Den nächsten Dach sind wir immer zwee
-drei Jungs hinterher jewesen, nich losjelassen, immer
-von frischen Quinten jemacht, und in de Schublade
-is et ja nu och lustig zujejang.
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Kirchenglocken des Sonntagmorgens beginnen zu läuten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">fährt fort.</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber &rsquo;t Jeld is futsch. Ick brauche Märker und
-Pfenniche, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">kramt nach Geld.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieviel mußte haben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">lauscht den Glocken.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jeld!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Der olle Verkümmler unten in Knochenkeller meent,
-det ick an liebsten muß ieber de russische Jrenze jehn! &mdash;
-Her ma, Jette, de Jlocken läuten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Weshalb mußte denn ieber de Jrenze jehn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Nimm ma &rsquo;n nasses Handtuch, Jette, un du och &rsquo;n
-bißken Essig druf. Ick weeß nich, wat mich det Nasenbluten
-janze Nacht schon jeärjert hat.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er drückt sein Taschentuch an die Nase.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">holt ein Handtuch, atmet krampfhaft.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer hat dir an Handjelenk so &rsquo;ne Striemen jekratzt,
-Bruno?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">lauscht den Glocken.</span>
-</p>
-
-<p>
-Heute morchen halb viere hätt&rsquo; se det Jlockenläuten
-noch heren jekonnt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-O Jesus, mein Heiland, det is ja nich wahr! det kann
-ja nich menschenmeglich sein! Det ha ick dir nich jeheeßen,
-Bruno! Bruno! ick muß mir setzen, Bruno. &mdash;
-(<span class="d">Sie tut es.</span>) &mdash; Det hat ja Vater noch uf&rsquo;n Sterbebette
-zu mich vorausjesacht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Mit Brunon is nich zu spaßen, Jette. Wenn de zu
-Minnan hinjehst, denn sache, det ick ma och uf sowat
-vastehe und det mit Karln und Fritzen det Jehänsel &rsquo;n
-Ende hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Bruno, wenn se dir aber festsetzen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Na jut, denn mache ick Bammelmann, und denn
-ha&rsquo;m se uf Charité wieder ma wat zum Sezieren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">gibt ihm Geld.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is ja nich wahr! Wat hast du jetan, Bruno?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Du bist &rsquo;ne olle vadrehte Person, Jette. &mdash; (<span class="d">Er faßt
-sie nicht ohne Gemütsanwandlung.</span>) &mdash; Ihr sagt immer,
-det ick zu jar nischt nitze bin, aber wenn&rsquo;t jar nich mehr
-jeht, denn braucht ihr mir, Jette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na und wie denn? Haste den Mächen jedroht, det
-se soll nich mehr blicken lassen? &mdash; Det haste jesollt,
-Bruno. Haste det nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-De halbe Nacht hab&rsquo; ick mit ihr jetanzt. Nu sind wir
-uf de Straße jejang. Denn war &rsquo;n Herr mitjekomm,
-vastehste! Und wie det ick jesacht habe, det ick von
-meinswechen mit die Dame &rsquo;n Hihnchen zu pflicken
-habe und &rsquo;n Schneiderring aus de Bucksen jezogen,
-hat er natierlich Reißaus jenomm. &mdash; Nu ha ick zu ihr
-jesacht: ängsten sich nich, Freilein! wo jutwillig sind
-und wo keen Lärm schlachen, und nie nich mehr bei
-meine Schwester nachfrachen nach ihr Kind, soll allet
-janz jitlich in juten vereinigt sind! und denn is se mit
-mich jejondelt &rsquo;n Sticksken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na und?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Na und? &mdash; Und da wollte se nich! &mdash; Und da fuhr
-se mit eemal nach meine Jurjel, det ick denke ... wie
-&rsquo;n Beller, der toll jeworden is! und hat noch Saft in
-de Knochen jehabt ... det ick jleich denke, det ick soll
-alle werden! Na, und da ... da war ick nu och &rsquo;n bißken
-frisch &mdash; und denn war et &mdash; denn war et halt so
-jekomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">in Grauen versunken.</span>
-</p>
-
-<p>
-Um welche Zeit war et?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-So &rsquo;rum zwischen vier und drei. Der Mond hat &rsquo;n
-jroßen Hof jehat. Uf&rsquo;n Zimmerplatz hinter de Planken
-is een Luder von Hund immer rufjesprung und
-anjeschlagen. Denn dreppelte et und denn is &rsquo;n Jewitter
-niederjejang.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">verändert, gefaßt.</span>
-</p>
-
-<p>
-&rsquo;S jut! Nu jeh! Die verdient et nich besser.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Atje! Na nu sehn wa uns ville Jahre nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo wiste denn hin?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Erst muß ick ma Stunde zweee längelang uf&rsquo;n
-Ricken liechen. Ick och! Ick jeh zu Fritzen, wo eene
-Kammer in&rsquo;t olle Polizeijefängnis jejenieber de Fischerbrücke
-zu Miete hat. Dort bin ick sicher. Wo Ufstoß
-is, kannste mich Nachrich zukomm lassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wiste det Kindeken nochma ankieken?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span><br />
-<span class="d">zittert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Bruno</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee Jette, in diesen Leben nich! Atje Jette! &mdash;
-Wacht ma Jette: hier is noch &rsquo;n Hufeisen! &mdash; (<span class="d">Er legt
-ein Hufeisen auf den Tisch.</span>) &mdash; Det ha ick jefunden! Det
-bringt Glick! Ick brauche ihm nich.
-</p>
-
-<p class="d">
-Bruno Mechelke, katzenartig, wie er gekommen, ab. Frau
-John blickt mit entsetzt aufgerissenen Augen nach der Stelle,
-wo er verschwunden ist, wankt dann einige Schritte zurück,
-preßt die wie zum Gebet verkrampften Hände gegen den
-Mund und sinkt in sich zusammen, immer mit dem vergeblichen
-Versuch, Gebetsworte gegen den Himmel zu richten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick bin keen Merder! ick bin keen Merder! det
-wollt ick nich!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Fünfter Akt
-</h2>
-
-<p class="first d1">
-<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">immer</span> bei Johns.
-Frau John liegt schlafend auf dem Sofa. Walburga und
-Spitta treten vom Flur her ein. Man vernimmt von der
-Straße herauf laute Militärmusik.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Es ist niemand hier.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Frau John! Doch Erich! Hier liegt ja Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">mit Walburga an das Sofa tretend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Schläft sie? Wahrhaftig. Das begreife einer, wie
-man bei diesem Lärm schlafen kann. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Die Militärmusik ist verklungen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ach Erich, pst! diese Frau ist mir grausenvoll. Verstehst
-du denn übrigens, weshalb unten am Eingang
-Polizeiposten stehn und weshalb sie uns nicht auf die
-Straße lassen? Ich hab&rsquo; eine solche furchtbare Angst,
-daß man womöglich arretiert wird und mit zur Wache
-muß.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber gar keine Idee! Du siehst ja Gespenster, Walburga.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Als der Mann in Zivil auf dich zutrat und uns
-anblickte und du ihn fragtest, wer er sei und er seine
-Legitimationsmarke aus der Tasche nahm, wahrhaftig,
-da fing sich Treppe und Flur auf einmal um mich im
-Kreise zu drehen an.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie suchen einen Verbrecher, Walburga. Das ist
-eben eine sogenannte Razzia, eine Art Kesseltreiben
-auf Menschen, wie die Kriminalpolizei sie zuweilen
-veranstalten muß.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Und außerdem kannst du mir glauben, Erich, ich
-habe Papa&rsquo;ns Stimme gehört, der laut mit jemand
-geredet hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Du bist nervös. Du kannst dich getäuscht haben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">die John spricht im Schlaf, Walburga erschrickt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Horch mal, die John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Große Schweißtropfen stehen ihr auf der Stirn.
-Komm mal, sieh mal das alte rostige Hufeisen, das sie
-mit beiden Händen umklammert hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">horcht und erschrickt wieder.</span>
-</p>
-
-<p>
-Papa!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich verstehe dich nicht. Laß ihn doch kommen, Walburga.
-Die Hauptsache ist, daß man weiß, was man
-will und daß man ein reines Gewissen hat. Ich bin
-bereit. Ich ersehne die Aussprache.
-</p>
-
-<p class="d">
-Es wird laut an die Tür geklopft.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span><br />
-<span class="d">fest.</span>
-</p>
-
-<p>
-Herein!
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau Direktor Hassenreuter erscheint, mehr als sonst außer
-Atem. Über ihr Gesicht geht ein Ausdruck der Befreiung,
-als sie ihrer Tochter ansichtig wird.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Gott sei gelobt! Da seid ihr ja, Kinder. &mdash; (<span class="d">Walburga
-fliegt zitternd in ihre Arme.</span>) &mdash; Mädel, wie du
-deine alte Mutter geängstet hast! &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Längeres Atmen und Stillschweigen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Verzeih, Mama: ich konnte nicht anders.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nein! Solche Briefe mit solchen Gedanken schreibt
-man an eine Mutter nicht. Besonders an eine Mutter
-wie mich nicht, Walburga! Hast du Seelensnöte, so
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-weißt du auch, daß du mich noch immer mit Rat und
-Tat dir zur Seite hast. Ich bin kein Unmensch und auch
-früher mal jung gewesen. Aber ins Wasser springen ...
-ins Wasser springen und so dergleichen, mit solchen
-Drohungen spielt man nicht. Ich habe doch hoffentlich
-recht, Herr Spitta. Und nun auf der Stelle ... wie
-seht ihr denn aus? &mdash; auf der Stelle kommt mit mir
-beide nach Hause mit! &mdash; Was hat denn Frau John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja hilf uns! steh uns bei! nimm uns mit, Mama!
-Ich bin so froh, daß du da bist. Ich hab&rsquo; plötzlich eine
-so lähmende Angst gehabt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Also kommt, das wäre noch schöner, daß man sich von
-Ihnen, Herr Spitta, und diesem Kinde solcher verzweifelter
-Torheiten zu gewärtigen hat. Man hat Mut
-in Ihren Jahren! Man verfällt nicht auf Ausflüchte,
-wenn alles nicht gleich nach dem Schnürchen geht, bei
-denen man nur &mdash; man lebt ja nur einmal! &mdash; zu verlieren
-und nichts zu gewinnen hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-O ich habe Mut! Ich denke auch nicht daran, etwa
-als Lebensmüder feige zu endigen! außer wenn mir
-Walburga verweigert wird. Dann freilich ist mein
-Entschluß gefaßt! Daß ich vorläufig arm bin und meine
-Suppe hie und da in der Volksküche essen muß, untergräbt
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-meinen Glauben an mich und eine bessere Zukunft
-nicht. Auch Walburga ist sicherlich überzeugt, es
-muß ein Tag kommen, der uns für alle trüben und
-schweren Stunden entschädigt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Das Leben ist lang. Und ihr seid heut noch Kinder.
-Es ist vielleicht nicht so schlimm, wenn ein Student
-oder Kandidat in der Volksküche essen muß. Für Walburga
-als Ehefrau wäre das ärger. Und ich möchte
-doch für euch beide hoffen, daß da erst etwas vorher
-wie ein eigner Herd mit dem nötigen Holz und der
-nötigen Kohle und so weiter geschaffen wird. Im
-übrigen habe ich bei Papa eine Art Waffenstillstand
-für euch ausgewirkt. Es war nicht leicht und wäre
-vielleicht unmöglich gewesen, wenn nicht die Morgenpost
-seine definitive Ernennung und Wahl zum Direktor
-in Straßburg gebracht hätte.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">freudig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Mama! ach Mama! das ist ja ein Sonnenblick.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">hat sich mit einem Ruck emporgerichtet.</span>
-</p>
-
-<p>
-Bruno!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">entschuldigend.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wir haben Sie aufgeweckt, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Is Bruno wech?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wer? Welcher Bruno?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na Bruno! Kenn Se denn Brunon nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Richtig, so heißt ja Ihr jüngerer Bruder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ha ick jeschlafen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Fest! Aber Sie haben eben im Schlaf laut aufgeschrien,
-Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ham Se jesehn, Herr Spitta, wo Jungs in Hof ...
-ham Se jesehn, wo Jungs in Hof Adelbertchen sein
-Jräbken jesteenicht ham? Aber ick war zwischen, wat?
-und ha rechts und links jar nich schlecht Maulschellen
-ausjeteilt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Demnach haben Sie also von Ihrem ersten verstorbenen
-Kindchen geträumt, Frau John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee nee, det war wahr, ick ha nich jetraumt, Frau
-Direktor. Und denn jing ick mit Adelbertchen, jing ick
-bein Standesbeamten hin.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber wenn Adelbertchen nicht mehr am Leben
-ist ... wie können Sie denn ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, wenn een Kindchen meinswechen jeboren is,
-denn is et jedennoch noch in de Mutter, und wenn es
-meinswechen jestorben is, denn is et immer noch in
-de Mutter. Ham Se den Hund jehert hintern Plankenzaun?
-Der Mond hat&rsquo;n jroßen Hof jehat! Bruno,
-du jehst uf schlechte Weche.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">rüttelt Frau John.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wachen Sie auf, gute Frau! Frau John! Frau
-John! Sie sind krank! Ihr Mann soll mit Ihnen zum
-Arzte gehen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Bruno, du jehst uf schlechte Weche. &mdash; (<span class="d">Die Glocken
-beginnen wieder zu läuten.</span>) &mdash; Sind det de Jlocken? &mdash;
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Der Gottesdienst ist zu Ende, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">erwacht völlig, starrt um sich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum wach ick denn uf? Warum habt ihr mir
-denn in Schlaf nich mit de Axt iebern Kopp jehaut?
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Wat ha ick jesacht? Pst! Bloß zu
-niemand een Sterbenswort, Frau Direktor. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie ist aufgesprungen und ordnet ihr Haar mit vielen
-Haarnadeln.
-</p>
-
-<p class="d">
-Der Direktor erscheint durch die Flurtür.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">stutzt beim Anblick der Seinigen.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sieh da, sieh da Timotheus, die Kraniche des
-Ibikus! &mdash; Sagten Sie nicht, es wohne hier ganz in
-der Nähe ein Spediteur, Frau John? &mdash; (<span class="d">zu Walburga.</span>)
-&mdash; Jawohl, mein Kind: während du in deinem jugendlichen
-Leichtsinn auf dein Vergnügen und wieder auf
-dein Vergnügen denkst, ist dein Papa schon wieder
-drei Stunden lang in Geschäften herumgelaufen. &mdash;
-(<span class="d">zu Spitta.</span>) &mdash; Sie würden es nicht so eilig haben,
-junger Mann, eine Familie zu begründen, wenn Sie
-auch nur die geringste Ahnung davon hätten, wie
-schwer es ist, es durchzusetzen, von Tag zu Tag mit
-Weib und Kind wenigstens nicht ohne das elende
-und verschimmelte bißchen täglichen Brotes dazustehn.
-Möge das Schicksal jeden davor bewahren, sich eines
-Tages mittellos in die Suburra Berlins geschleudert
-zu finden, um mit andern Verzweifelten, Brust an
-Brust, in unterirdischen Löchern und Röhren, um das
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-nackte Leben für sich und die Seinen zu ringen. Gratuliert
-mir! In acht Tagen sind wir in Straßburg. &mdash;
-(<span class="d">Frau Direktor, Walburga und Spitta drücken ihm die
-Hand.</span>) &mdash; Alles übrige findet sich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Papa, du hast wirklich für uns, und zwar ohne dir
-etwas zu vergeben, die Jahre einen heroischen Kampf
-gekämpft.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie bei Schiffbruch, wenn der Kampf um die Balken
-im Wasser beginnt. Meine edlen Kostüme, gemacht,
-um die Träume der Dichter zu veranschaulichen, in
-welchen Lasterhöhlen, auf welchen schwitzenden Leibern
-haben sie nicht, <span class="antiqua">odi profanum vulgus!</span> damit nur der
-Groschen Leihgebühr im Kasten klang, ihre Nächte
-zugebracht. Sessa! Wenden wir uns zu heiteren Bildern.
-Der Rollwagen, alias Thespiskarren ist schon
-angeschirrt, um den Transport unsrer Penaten in
-hoffentlich glücklichere Gefilde zu bewerkstelligen. &mdash;
-(<span class="d">plötzlich zu Spitta.</span>) &mdash; Und daß ihr beide nicht etwa
-aus sogenannter Verzweiflung irreparable Dummheiten
-macht, darauf verlang ich Ihr Ehrenwort, werter
-Herr Spitta. Zur Kompensation verspreche ich Ihnen
-jeder wirklich vernünftigen Äußerung Ihrerseits gegenüber
-nicht taub zu sein. &mdash; Im übrigen komme ich zu
-Frau John: erstlich weil Schutzleute in den Eingängen
-niemanden auf die Straße lassen, ferner,
-weil ich gerne von Ihnen wissen will, weshalb ein
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Mann wie ich, gerade in diesem Augenblick, wo seine
-Wimpel wieder flattern, Gegenstand einer niederträchtigen
-Zeitungskampagne geworden ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Lieber Harro, Frau John versteht dich nicht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Dann wollen wir also <span class="antiqua">ab ovo</span> anfangen. Hier habe ich
-Briefe, &mdash; (<span class="d">er zeigt einen Stoß Briefschaften</span>) &mdash; eins,
-zwei, drei, fünf, zirka ein Dutzend Stück! Darin
-wird mir in boshafter Weise von Unbekannten zu
-einem Ereignis gratuliert, das angeblich oben auf
-meinem Magazinboden vor sich gegangen ist. Ich
-würde die Sache nicht beachten, wenn nicht gleichzeitig
-diese Lokalnotiz, wonach in der Bodenkammer eines
-Maskenverleihers, <span class="antiqua">sic!</span> ... eines Maskenverleihers in
-der Vorstadt ein neugeborenes Kindchen gefunden
-worden ist! ... Ich sage, wenn diese Lokalnotiz mich
-nicht stutzig machte. Zweifellos handelt sich&rsquo;s hier um
-eine Verwechselung. Dennoch mag ich die Sache nicht
-auf mir sitzen lassen. Besonders da dieser Lümmel von
-einem Reporter von dem Herrn Maskenverleiher auch
-noch als einem verkrachten Schmierendirektor spricht.
-Lies Mama: Adebar beim Maskenverleiher. Der Kerl
-bekommt Ohrfeigen! Heut abend soll meine Ernennung
-in Straßburg durch die Zeitungen gehn und gleichzeitig
-werde ich <span class="antiqua">urbi et orbi</span> als humoristischer Bissen ausgeliefert.
-Als ob man nicht wüßte, daß von allen
-Flüchen der Fluch der Lächerlichkeit der schlimmste ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-An Hauseingang stehn Schutzleute, Herr Direktor?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja! Und zwar so, daß sogar das Kinderbegräbnis der
-Witfrau Knobbe ins Stocken gekommen ist. Man läßt
-sogar den kleinen Sarg mit dem greulichen Kerl von
-der Pietät, der ihn trägt, nicht in den Wagen hinaus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat wär&rsquo; denn det for&rsquo;n Kinderbejängnis?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wissen Sie das nicht? Das Söhnchen der Knobbe,
-das auf eine mysteriöse Weise von zwei fremden Weibsbildern
-zu mir heraufgebracht wurde und förmlich unter
-meinen Augen, wahrscheinlich an Entkräftung gestorben
-ist. A propos ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det Kind von de Knobbe is jestorben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-A propos, Frau John, wollt&rsquo; ich sagen, Sie sollten
-doch eigentlich wissen, wie die Sache mit den beiden
-übergeschnappten Frauenspersonen, die sich des Kindchens
-bemächtigt hatten, schließlich verlaufen ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu sachen Se, is det nich Jottes Finger, det se womöglich
-nich Adelbertchen erwischt haben und det nich
-mein Adelbertchen mit Dot abjejang is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wieso? Diese Logik verstehe ich nicht. Dagegen
-habe ich mich schon gefragt, ob nicht die wirren Reden
-des polnischen Mädchens, der Kleiderdiebstahl auf
-meinem Boden und das Milchfläschchen, das Quaquaro
-im Stiefel herunterbrachte, irgendwie mit der Zeitungsnotiz
-zusammenzubringen sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Da mang, Herr Direkter, is jar keen Zusammenhang.
-Haben Se Pauln jesehn, Herr Direkter?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul? Ach so: Ihren Mann! jawohl! und zwar,
-wenn ich recht gesehen habe, im Gespräch mit dem
-fetten Kriminalinspektor Puppe, der wegen des Diebstahls
-auch schon mal bei mir gewesen ist.
-</p>
-
-<p class="d">
-Maurerpolier John tritt ein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na Jette, ha ick nu recht? Det is schnell jekomm.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll ick mich tausend Marcht verdien, wo mit Anschläche
-von Polizeipräsidium an de Litfaßsäulen als
-Belohnung for Denungsiation is bekannt jejeben?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso denn?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Weeßte denn nich, det det janze Manöver mit Schutzleute
-und Jeheimpolizisten Brunos wechen in Jange is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie denn? Wo denn? Wat denn? Warum denn
-in Jange?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det Kinderbejängnis is sistiert und zwee Burschen
-von de Leidtrajenden, wat richtig dufte Kunden sind,
-festjenomm! jawoll! Det is nu so weit, Herr Direktor!
-Ick bin nu&rsquo;n Mann, wo mit eene Frau verkuppelt is,
-wo een Bruder hat, wo hinterher sind, mit Rejierungsräte
-und Mordkommission, weil er draußen, nich weit
-von de Spree unter een Fliederstrauch eene hat umjebracht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber werter Herr John: das mag Gott verhüten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is jelochen! Mein Bruder tut so wat nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, det is det Neieste, Jette. Herr Direkter, ick ha
-neilich schonn jesacht, wat det for&rsquo;ne Sorte Bruder
-is. &mdash; (<span class="d">Er bemerkt und nimmt einen Fliederstrauch vom
-Tisch.</span>) &mdash; Sehen Se ma det hier! Det Unjeheuer is
-hier jewesen. Wo wiederkommt, bin ick der erschte, wo
-ihm, Hände und Füße jebunden, an der Jerechtigkeet
-ausliefern dut.
-</p>
-
-<p class="d">
-Er sucht den Raum ab.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Mach du Rotznäsen wat weeß von Jerechtigkeet.
-Jerechtigkeet is noch nich ma oben in Himmel. Keen
-Mensch nich war hier! Und det bisken Flieder ha ick
-von Hangelsberg mitjebracht, wo&rsquo;n jroßer Strauch
-hinter&rsquo;n Hause bei deine Schwester is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette.
-Det hat mich Quaquaro ja ebent jesacht! det ham se
-uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir jesehn bei de
-Spree in de Anlachen ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Lieche!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und och in de Laubenkolonie wo du in &rsquo;ne Laube
-jenächtigt hast.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz
-und kleen demolieren?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is
-det mit uns weiter keen Verstecken! Det ha ick allens
-vorausjewußt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">mit Spannung.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das
-neulich wie eine Löwin um das Knobbesche Kindchen
-gestritten hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden.
-Und det sach ick so hin, ohne det mir de Zunge
-in Maule absterben dut: det Mächen hat Bruno
-Mechelke ums Leben jebracht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">schnell.</span>
-</p>
-
-<p>
-Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war
-meine Angst, deshalb bin ick schonn lieber jar nich zu
-Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit so&rsquo;ne
-Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich
-abzuschütteln.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Kommt Kinder!
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum denn? Immer bleiben Se man.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle
-Welt uf de Jasse schrein! Det is schlimm jenug, wenn
-uns Schicksal mit so&rsquo;n Unjlück jetroffen hat. Plärr!
-aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer&rsquo;t wissen will von
-de Jasse, von Flur, dem Tischler vom Hof, de Jungs,
-de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde jehn, die
-ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre
-Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte,
-ist heute tatsächlich tot, Herr John?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se
-hibsch oder häßlich jewesen is. Aber det se in Schauhaus
-liecht, det is sicher.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet
-Weibstick is et jewesen! Wo mit Kerle hat
-abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat von
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten
-in Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se &rsquo;t holen
-jekomm mit de Kielbacke, wo als Engelmachersche schon
-ma anderthalb Jahre Plötzensee abjesessen hat. Ob se
-mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det wissen?
-Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det
-allens ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen
-verbrochen hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau
-John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick
-sache bloß, wat&rsquo;n jeder, wie&rsquo;n jeder von det Mächen
-jeäußert hat.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter
-Mann, Herr John. Die Sache mit Ihrem mißratenen
-Schwager und Bruder ist schließlich etwas, was meinethalben
-eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben
-doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ...
-aber bleiben Sie ehrlich ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nich in de Hand! In so&rsquo;ne Nähe, bei solchet Jesindel
-bleib ick nich. &mdash; (<span class="d">Er schlägt mit der Faust auf den Tisch,
-klopft an die Wände, stampft auf den Fußboden.</span>) &mdash; Horchen
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete
-runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch!
-Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer,
-von Ratten und Mäuse zerfressen! &mdash; (<span class="d">Er
-wippt auf der Diele.</span>) &mdash; Allens schwankt! Allens kann
-jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. &mdash; (<span class="d">Er öffnet
-die Tür.</span>) &mdash; Selma! Selma! &mdash; Hier mach ick mir fort,
-eh&rsquo; det allens een Schutthaufen drunter und drieber
-zusammenbricht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat wißte mit Selma?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und
-det Kind und bringe mein Kind zu meine Schwester.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll mein Kind in so&rsquo;ne Umjebung jroßwachsen,
-womeglich det ma wie Bruno ieber Dächer jehetzt und
-det och ma womeglich in Zuchthaus endet?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">schreit ihn an.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher
-Mann nich Herr sollte sind ieber sein eechnet Kind, wo
-Mutter nich bei Verstande is und in de Hände von
-Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is
-un wer stärker is! Selma!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter,
-se wollen eene Mutter ihr Kind rauben! Det is mein
-Recht, det ick Mutter von mein Kindeken bin! Det
-is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter?
-Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen!
-Soll mir det nich jeheren, wat ick vor Wegwurf
-ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen hat und
-wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis
-bisken Atem jeholt und langsam lebendig geworden
-is? Wo ick nich war, det wäre schonn vor drei Wochen
-längst in de Erde verscharrt jewesen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann
-spielen ist meine Sache im allgemeinen nicht. Dazu
-ist dies Geschäft zu undankbar und man macht dabei
-meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem
-zweifellos mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht
-zu Übereilungen hinreißen lassen. Denn schließlich ist
-doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders nicht verantwortlich.
-Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-nicht das Unglück schlimmer durch eine überflüssige
-Härte, die Ihre Frau aufs empfindlichste kränken muß.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten!
-Det Kind is mit meinen Blute erkoft. Nich jenug, alle
-Welt is hinter mich her und will et mich abjagen!
-Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det
-is der Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige
-Welfe umjeben bin. Mir kannste dot machen! mein
-Kindeken soßte nich anfassen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut
-morchen erst mit mein ganzes Zeug quietschverjnügt
-von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens abjebrochen.
-Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick,
-wißt lieber bei deine Familie sind! Bißken Kind uf&rsquo;n
-Arm nehmen! Bißken Kind uf&rsquo;n Knie nehmen! Det
-war unjefähr so meine Inbildung ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul! Hier Paul! &mdash; (<span class="d">Sie tritt ihm ganz nahe.</span>) &mdash;
-Reiß mir det Herz aus&rsquo;n Leibe! &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag,
-wo man sie laut weinen hört.
-</p>
-
-<p class="d">
-Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und
-einen kleinen Grabkranz in der Hand.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de
-kannst mit mir jehn zu meine Schwester nach Hangelsberg.
-Kannst dir&rsquo;n Jroschen Jeld bei verdienen.
-Nimmst mein Kindeken uf&rsquo;n Arm und bejleitest mir.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso nich?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so&rsquo;ne Angst,
-so hat mir Mama und Polizeileutnam anjeschrien.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">erscheint.</span>
-</p>
-
-<p>
-I, weshalb ham se dir anjeschrien?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">heult los.</span>
-</p>
-
-<p>
-Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-I, dem wer&rsquo; ick nochma ... det soll der nochma
-versuchen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche
-Mächen hat mein Brüderken wegjenomm. Hätt ick
-jewußt, det mein Brüderken sterben soll, ick hätt&rsquo; ihr
-ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen
-in Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe
-jekricht und liecht bei Quaquaron hinten in Alkoven.
-Mir wolln se in Firsorche schaffen, Frau John. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Sie flennt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Denn freu&rsquo; dir! Schlimmer kann et nich komm, als
-et bei dich zu Hause is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick komm vor Jericht! womeglich wer&rsquo; Moabit
-jeschafft.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Woso det?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche
-Freilein jeboren hat, von Oberboden runter bei Sie,
-Frau John, in de Wohnung jetrachen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Jewiß.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Auf welchem Boden?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich
-an? Wat soll ick von wissen? Ick kann bloß sachen ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast&rsquo;n reenet
-Jewissen! Wat de Leute quasseln, kimmert dir nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick will ja och nischt verraten, Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.</span>
-</p>
-
-<p>
-Et wird nich jejang! et wird herjekomm! &mdash; Wahrheet!
-Ick verrate nischt, hast du jesacht: det ham Se doch
-och jehert, Frau Direkter? Hat Herr Spitta und hat
-det Freilein jehert! &mdash; Wahrheet! &mdash; Bevor ick nich
-weeß, wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo
-ihr womeglich det Kindchen habt wechjeschafft, det is
-mich ejal, kommst du nich von de Stelle!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det
-ha ick schon lange jemerkt, det zwischen dich und meine
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern und
-Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind
-tot oder lebt et noch?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Nee, det Kind is lebendich, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier
-hast heruntergebracht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie
-Bruno een Kopp kürzer jemacht.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick sach&rsquo;t ja: det Kindeken is lebendich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt
-wissen? &mdash; (<span class="d">Frau John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos
-und verwirrt auf Frau John.</span>) &mdash; Mutter, du hast
-det Kindchen von Brunon und die polsche Person beiseite
-jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det
-Würmiken von de Knobbe unterjeschoben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-<span class="firstline">Walburga</span><br />
-<span class="d">sehr bleich, mit Überwindung.</span>
-</p>
-
-<p>
-Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem
-Tage geschehen, wo ich dummerweise, als Papa kam,
-mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich will
-dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie
-mir nach und nach deutlich geworden ist, das polnische
-Mädchen und zwar erst mit Frau John und dann mit
-ihrem Bruder zusammengesehn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Du, Walburga?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Walburga</span>
-</p>
-
-<p>
-Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch
-und ich hatte mich mit Erich verabredet, der dann auch,
-aber ohne mich zu treffen, denn ich blieb versteckt, zu
-dir gekommen ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">zum Direktor.</span>
-</p>
-
-<p>
-Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa,
-wirklich schon schlaflose Nächte gehabt.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen,
-der durchs Referendarexamen gepurzelt und dann
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-erst zur Kunst abgesprungen ist ... wenn Ihnen an
-dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt,
-so lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem
-Fall ganz rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung
-ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft?
-Kriminalinspektor hat mich jesacht, det fällt mir jetzt
-in, det se nach det Kind von de dote Person suchen.
-Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will,
-bloß det du dir nich in Verdacht kommen dust, det du
-um Folchen von Liederlichkeit von dein Bruder
-womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne
-vergriffen hast.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">lacht.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier redet keener von Adelbertchen &mdash; (<span class="d">zu Selma</span>) &mdash;
-Ick dreh dir den Hals um oder du sachst, wo det Kleene
-von Brunon und det polsche Mächen &mdash; uf de Stelle!
-&mdash; jeblieben is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Wo is et, Jette?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Det sach ick nich. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Das Kind beginnt zu schreien.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">zu Selma.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei,
-vastehst de! siehste dem Strick! an Hände und Fieße
-zusammenjebunden.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">in höchster Angst, unwillkürlich.</span>
-</p>
-
-<p>
-Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz
-jut, Herr John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Ick? &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an.
-Ihn durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge
-faßt. Er glaubt zu begreifen und gerät ins Wanken.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Laß dir von so&rsquo;ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen,
-Paul. Det is allens von ihre feine Mutter
-aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt! Paul, wat
-dust du mir denn so ankieken?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln
-schlecht machen, Mutter John. Dann wer&rsquo; ick mir
-hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen
-und ha bei Ihn hier in frisch jemachte Bettchen
-jelegt. Det kann ick beschwören! det will ick beeidigen!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken
-is?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat,
-Frau John.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">umklammert Johns Knie.</span>
-</p>
-
-<p>
-Det is ja nich wahr.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick
-war selber betrochen, denn hat ick dir in Brief nach
-Hamburg Bescheed jesacht. Denn warste vajnügt,
-und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht
-ick, et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und
-denn ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">unheimlich ruhig.</span>
-</p>
-
-<p>
-Laß mir man iberlechen, Jette. &mdash; (<span class="d">Er geht an eine
-Kommode, zieht einen Schub auf und schleudert allerlei
-Kinderwäsche und Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt,
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-mitten in die Stube.</span>) &mdash; Versteht eener det, wat se
-Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage und
-halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span><br />
-<span class="d">sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke
-auf und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder
-wo sonst.</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich
-nich Fetzen von nackten Leibe!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in
-Abjrund rin. &mdash;
-</p>
-
-<p class="d">
-Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf
-und verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg
-des Irrtums und des Betruges drängen lassen, Frau
-John? Sie haben sich ja verstrickt auf das allerfurchtbarste!
-Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts
-weiter tun.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">steht auf.</span>
-</p>
-
-<p>
-Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">wendet sich, kalt.</span>
-</p>
-
-<p>
-Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter
-hat wieder haben jewollt, hast se lassen von Brunon
-umbringen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du
-bist von de Polizei jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir
-an&rsquo;t Messer zu liefern! Jeh Paul! du bist jar keen
-Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer
-wie Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det
-se mir festnehmen! Immer zu doch! Nu seh&rsquo; ick dir,
-wie det du bist! Ick verachte dir bis zun Jüngsten Dache.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen
-Schutzmann Schierke und Quaquaro.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer
-komm Se ruhig rin. Et is allens in Ordnung! Allens
-is richtich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">mit aufsteigendem Jähzorn.</span>
-</p>
-
-<p>
-Hast du jelacht, Emil?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene
-per Droschke in&rsquo;t Waisenhaus wechschaffen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span>
-</p>
-
-<p>
-Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von
-Lumpenspeicher, womit olle Hexen mit Besen Fets
-treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf Schornstein
-uf, det se nich oben rausfliechen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau John</span>
-</p>
-
-<p>
-Paul!! &mdash; Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu
-och nich! Nu brauch et nich leben! Nu muß et mit
-mich mit unter de Erde komm.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen.
-Sie kommt mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur
-Tür hinaus. Der Direktor und Spitta werfen sich der Verzweifelten
-entgegen, in der Absicht, das Kind zu retten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig!
-Wem das Knäblein hier auch immer gehören mag &mdash;
-um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet ist! &mdash;
-es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta!
-Kämpfen Sie, Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften
-am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So! Bravo! Als wär&rsquo;
-es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur
-das Jungchen hier lassen.
-</p>
-
-<p class="d">
-Frau John stürzt hinaus.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Schierke</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier jeblieben!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">John</span><br />
-<span class="d">plötzlich verändert.</span>
-</p>
-
-<p>
-Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten!
-&mdash; Mutter! Mutter!
-</p>
-
-<p class="d">
-Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta,
-der Direktor, Frau Direktor und Walburga sind um das
-Kind bemüht, das auf den Tisch gebettet wird.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span><br />
-<span class="d">der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.</span>
-</p>
-
-<p>
-Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt
-sein! Deshalb braucht sie das Kind nicht zugrunde
-richten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese
-Frau ihre Liebe, närrisch bis zum Wahnsinn, gerade
-an diesen Säugling geheftet hat. Unbedachtsame harte
-Worte, Papa, können die unglückselige Person in den
-Tod treiben.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat
-das Kind seine Mutter verloren.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen,
-hat jestern in de Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe
-Hochzeit jemacht! Mutter war liederlich!
-Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben
-von&rsquo;s Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit:
-det jeht jetzt och zujrunde.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der
-alles sieht, nicht anders beschlossen ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr!
-dem kenn&rsquo; ick! wo der uf&rsquo;n Ehrenpunkt kitzlich is.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich.
-Feine Leinwand! Spitzen sogar! Schmuck und frisch wie
-ein Püppchen. Es wendet sich einem das Herz um,
-zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt
-verlassenen Waise geworden ist.
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Wäre ich Richter in Israel ...
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag
-sein, daß in diesen verkrochenen Kämpfen und Schicksalen
-manches heroisch und manches verborgen
-Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück
-konnte da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn
-auch nicht durchkommen. Treiben wir praktisches
-Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens
-annehmen.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Lassen Se da bloß de Finger von!
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Warum?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Quaquaro</span>
-</p>
-
-<p>
-Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de
-Quengeleien und Scherereien mit de Armenverwaltung,
-mit Polizei und Jericht womechlich happich sind.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Spitta</span>
-</p>
-
-<p>
-Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches
-Verhängnis wirksam gewesen ist?
-</p>
-
-<p class="c">
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe
-Ihnen das stets gesagt.
-</p>
-
-<p class="d">
-Selma, atemlos, öffnet die Flurtür.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Herr John. Se solln uf de Straße kommn.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt&rsquo;s denn, Selma?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span><br />
-<span class="d">atemlos.</span>
-</p>
-
-<p>
-Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht
-voll ... Omnibus, Pferdebahnwagen is jar keen
-Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre Frau
-liecht lang uf Jesichte unten.
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Frau Direktor Hassenreuter</span>
-</p>
-
-<p>
-Was ist denn geschehen?
-</p>
-
-<p class="c">
-<span class="firstline">Selma</span>
-</p>
-
-<p>
-Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich
-umjebracht.
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende.
-</p>
-
-<div class="ads">
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Gerhart Hauptmanns</span><br />
-<span class="line2">Gesammelte Werke</span><br />
-<span class="line3">in sechs Bänden</span>
-</p>
-
-<p class="hang">
-1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang
-/ Die Weber / Der Biberpelz
-/ Der rote Hahn.
-</p>
-
-<p class="hang">
-2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann
-Henschel / Rose Bernd / Bahnwärter
-Thiel / Der Apostel.
-</p>
-
-<p class="hang">
-3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest /
-Einsame Menschen / Kollege Crampton /
-Michael Kramer.
-</p>
-
-<p class="hang">
-4. Bd.: Märchendramen: Hanneles Himmelfahrt /
-Die versunkene Glocke / Der arme
-Heinrich.
-</p>
-
-<p class="hang">
-5. Bd.: Historische Dramen: Florian Geyer.
-</p>
-
-<p class="hang">
-6. Bd.: Märchendramen und Fragmentarisches:
-Elga / Schluck und Jau / Und Pippa
-tanzt / Helios / Das Hirtenlied.
-</p>
-
-<p class="center">
-In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig
-gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis
-geheftet 24 Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark,
-in Ganzpergament gebunden 36 Mark.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Gerhart Hauptmanns</span><br />
-<span class="line2">Werke in Einzelausgaben</span>
-</p>
-
-<p class="works">
-Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama. 13. Auflage.<br />
-Das Friedensfest. Bühnendichtung. 7. Auflage.<br />
-Einsame Menschen. Drama. 24. Auflage.<br />
-De Waber. Schauspiel. (Originalausgabe.) 2. Auflage.<br />
-Die Weber. Schauspiel. (Übertragung.) 40. Auflage.<br />
-Kollege Crampton. Komödie. 8. Auflage.<br />
-Bahnwärter Thiel &mdash; Der Apostel. Novellistische Studien. 8. Auflage.<br />
-Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 14. Auflage.<br />
-Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 20. Auflage.<br />
-Florian Geyer. 9. Auflage.<br />
-Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 75. Auflage.<br />
-Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Aufl.<br />
-Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 16. Aufl.<br />
-Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.<br />
-Michael Kramer. Drama. 10. Auflage.<br />
-Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.<br />
-Der arme Heinrich. Eine deutsche Sage. 23. Auflage.<br />
-Rose Bernd. Schauspiel. 16. Auflage.<br />
-Elga. 7. Auflage.<br />
-Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.<br />
-Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.<br />
-Kaiser Karls Geisel. Ein Legendenspiel. 6. Auflage.<br />
-Griselda. 6. Auflage.<br />
-Griechischer Frühling. 7. Auflage.<br />
-Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Aufl.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="printer">
-Druck der Spamerschen<br />
-Buchdruckerei in Leipzig
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-</p>
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... skurile <span class="underline">Menscheits</span>intermezzo noch überleben. ...<br />
-... skurile <a href="#corr-2"><span class="underline">Menschheits</span></a>intermezzo noch überleben. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... würgt Tränen <span class="underline">hinuter</span>. Muß sich setzen. ...<br />
-... würgt Tränen <a href="#corr-3"><span class="underline">hinunter</span></a>. Muß sich setzen. ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Ratten, by Gerhart Hauptmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RATTEN ***
-
-***** This file should be named 52952-h.htm or 52952-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/2/9/5/52952/
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
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-
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-
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